Statement von Norbert Küpper, Vorstand Personalwesen der Adam Opel AG, “50 Jahre Betriebliches Vorschlagswesen“ am 8. Mai 2000 in Rüsselsheim
Es gilt das gesprochene Wort ____________________________________________________________
Meine sehr verehrten Damen und Herren, herzlich willkommen zu unserer Jubiläumsfeier “50 Jahre Betriebliches Vorschlagswesen bei Opel”. “Wer eine neue Idee hat, ist ein Spinner – solange, bis die Idee einschlägt.” Das hat der amerikanische Schriftsteller Mark Twain sehr treffend geschrieben. Und damit ist die Herausforderung des Ideenmanagements in einem Satz umrissen: Neue Ideen sind oft unbequem, ihr Erfolg ist nicht immer garantiert, aber als Voraussetzung für dauerhaften Erfolg sind sie absolut unverzichtbar. Wer die Chancen und das wirtschaftliche Potenzial neuer Ideen nutzen will, muss auch Widerstände überwinden. Mit dem Betrieblichen Vorschlagswesen hat die Adam Opel AG vor fünfzig Jahren eine Institution für das Überwinden dieser Widerstände ins Leben gerufen. Opel übernahm damit eine Pionierrolle in der deutschen Industrie. Wir haben heute also allen Grund, unser Jubiläum gebührend zu feiern. Seit Anfang des Jahres 1950 haben sich Opel-Mitarbeiter mit 1,4 Millionen Ideen an der Optimierung von Arbeitsabläufen, Arbeitssicherheit, Ergonomie und Umweltschutz beteiligt. Dieses Engagement hat die Arbeit messbar effizienter gemacht. Konkret: Ohne die Verbesserungsvorschläge hätten wir 1,7 Milliarden Mark mehr ausgeben müssen. Die kreativen Leistungen haben wir mit Prämien von insgesamt 260 Millionen Mark honoriert. Ein Engagement also, das sich für alle Beteiligten lohnt. Noch vor diesen eindrucksvollen Zahlen rangiert aber ein Effekt, dessen Bedeutung sich nicht ohne weiteres exakt beziffern lässt: Das Engagement, mit dem Opel-Mitarbeiter neue Ideen einbringen, macht kontinuierliche Verbesserungen heute in allen Bereichen zum festen Bestandteil des Unternehmensalltags. Eine bessere Voraussetzung für Wirtschaftlichkeit und Zukunftssicherheit ist schwer vorstellbar, meine Damen und Herren. Dafür möchte ich an dieser Stelle allen ausdrücklich danken, die sich im Laufe Ihrer Tätigkeit bei Opel durch Vorschläge für Verbesserungen im Unternehmen eingesetzt haben.
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Als das Betriebliche Vorschlagswesen in Rüsselsheim vor einem halben Jahrhundert eingeführt wurde, ging es darum, Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und Qualität zu steigern. Dazu sollten – neben dem Fachwissen der Spezialisten – in Zukunft auch die praktische Erfahrung und die Ideen der Mitarbeiter genutzt werden. Wie wichtig diese Entscheidung sein würde, ahnte damals wahrscheinlich niemand. Einen globalisierten Automobilmarkt und seine Wettbewerbsbedingungen konnte keiner der Beteiligten vor fünfzig Jahren voraussehen. Erst viele Jahre später erwies sich, welchen Vorteil ein fest in der Unternehmenskultur verankertes, hochentwickeltes Vorschlagswesen beim Aufbau einer starken Position in diesem globalen Markt darstellt. Zunächst galt es, im Unternehmen Barrieren abzubauen. Angesichts der streng hierarchischen Entscheidungsstrukturen war es für Mitarbeiter in den fünfziger Jahren alles andere als selbstverständlich, sich mit Verbesserungsvorschägen zu Wort zu melden. In den ersten anderthalb Jahrzehnten gingen daher jährlich nur 1.000 bis 4.000 Vorschläge ein, von denen etwa jeder vierte realisiert wurde. 1963, zwei Jahre nach der Eröffnung des neuen Werks in Bochum, wurde das Vorschlagswesen auch dort eingeführt. 1967 folgte das Werk Kaiserslautern. Einen Durchbruch für die Beteiligung brachten 1966 Informations- und Werbemaßnahmen in der Belegschaft und die systematische Schulung der Führungskräfte. Die Zahl der eingereichten Vorschläge verdoppelte sich auf über 12.000. Die unternehmensinterne Kommunikation erwies sich damit als zentrale Voraussetzung für die erfolgreiche Entwicklung des Vorschlagswesen. Zum 25jährigen Jubiläum 1975 ergab die Bilanz insgesamt 290.000 eingereichte und 83.000 realisierte Verbesserungsvorschläge, die mit 18 Millionen Mark prämiert worden waren. Ich erwähne diesen “Halbzeitstand” deshalb, weil er zeigt, wie spektakulär die Entwicklung während der dann folgenden 25 Jahre verlief. Rund 1,11 Millionen Ideen, wurden von Mitarbeitern zwischen 1975 und 1999 eingereicht. Das sind 80 Prozent aller bis heute gemachten Verbesserungsvorschläge. Honoriert wurden sie mit Prämien von insgesamt 242 Millionen Mark. Dieses Ergebnis spiegelt das intensive Bemühen der Adam Opel AG um die optimale Gestaltung des Ideenmanagements und seinen Stellenwert im Unternehmen wider.
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In diesem Zusammenhang freut uns besonders die Ehrung durch das Deutsche Institut für Betriebswirtschaft. Es hat das Betriebliche Vorschlagswesen von Opel 1999 mit dem ersten Platz in der Gruppe der Unternehmen über 20.000 Mitarbeiter ausgezeichnet. Und dies zum elften Mal in Folge. Unser intensives Engagement in diesem Bereich hat handfeste Gründe, meine Damen und Herren: Gegenwärtig fast 14.000 umgesetzte Verbesserungsvorschläge jährlich bedeuten einen ständigen Innovationsprozess, der die Abläufe in allen Bereichen des Unternehmens flexibel hält. Wir verhindern so die Erstarrung von Strukturen. Und noch wichtiger: Die Vielzahl kleiner Verbesserungen addiert sich in der Praxis großindustrieller Arbeitsabläufe zu substanziellen Wettbewerbsvorteilen. Der Aufbau von Wettbewerbsvorteilen bildete auch das Leitmotiv bei der Errichtung des Opel-Werks in Eisenach 1992. Dort wurde das “schlanke” Opel-Produktionssystem erstmals realisiert. In der Folge erhielt das Betriebliche Vorschlagswesen im gesamten Unternehmen eine neue Bedeutung. In Eisenach entstand eines der produktivsten Automobilwerke der Welt. Die Grundlagen dieses durchschlagenden Erfolgs waren die Einführung der Gruppenarbeit und der “Kontinuierliche Verbesserungsprozess”. Nach diesem Prinzip werden die Betriebsabläufe in vielen kleinen Schritten ständig optimiert. Hier sind Voraussetzungen geschaffen worden, unter denen Mitarbeiterkompetenz und Verantwortungsbewußtsein sich optimal entwickeln können. Die Übertragung des Modells auf die traditionellen Standorte in Deutschland führte auch dort zur Umstrukturierung des Vorschlagswesens und damit zu kürzeren Entscheidungswegen. Mit beachtlichem Erfolg: Während 1993 im Durchschnitt jede dritte Idee verwirklicht wurde, setzt Opel heute jeden zweiten Verbesserungsvorschlag in die Tat um. Zudem verdoppelte sich seit 1995 die Zahl der eingereichten Ideen: 1999 führten 87.000 Verbesserungsvorschläge im Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern zu Verbesserungen im Wert von insgesamt 130 Millionen Mark. Das bedeutet, meine Damen und Herren, dass wir mit dem Kontinuierlichen Verbesserungsprozess knapp acht Prozent der Einsparungssumme aus fünf Jahrzehnten innerhalb eines Jahres erzielt haben. Damit ist bereits angedeutet, welcher Stellenwert dem Vorschlagswesen in unserem neuen Werk in Rüsselsheim zukommen wird. Seine Leistungsstärke und international führende Wettbewerbsfähigkeit sind entscheidende Erfolgsfaktoren für das Unternehmen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Bereits in der Aufbau- und Startphase wird sich eine Vielzahl von Ideen ergeben, die zur weiteren Effizienzsteigerung beitragen. Um sie zügig
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umzusetzen, werden sich Mitarbeiter im neuen Werk um die Realisierung Ihrer Vorschläge verstärkt selbst kümmern können. Dass Verbesserungsvorschläge unter den Bedingungen der “schlanken” Produktion zum regulären Teil der Arbeit werden, zeigt bereits das Beispiel Eisenach. Dort hat jeder Mitarbeiter im vergangenen Jahr im Schnitt 21 Vorschläge eingereicht. Fünfzig Jahre betriebliches Vorschlagswesen zeigen aber auch, wie tiefgreifend sich die Betriebspraxis insgesamt seit der Mitte des 20. Jahrhunderts gewandelt hat: 1950 wurden betriebliche Abläufe “von oben nach unten” festgelegt. Die Verantwortung der Mitarbeiter war darauf beschränkt, die zugewiesene Aufgabe vorschriftsmäßig durchzuführen. Heute sind Eigenverantwortung und Initiative im Interesse hoher Produktivität unverzichtbar. Dazu hat nicht zuletzt der Druck der Internationalisierung des Automobilmarktes und des wachsenden globalen Wettbewerbs beigetragen. Unternehmen und Mitarbeiter haben gelernt, dass nicht nur die Arbeitskraft wichtig ist. Auch die Ideen der Arbeitnehmer sind eine unverzichtbare Ressource und Erfolgsvoraussetzung. Wenn wir sie effizient nutzen, gehen wir mit ausgezeichneten Voraussetzungen in den Wettbewerb um die Märkte der Zukunft. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.