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Gorz-Referat

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									Referat: André Gorz, Arbeit zwischen Misere und Utopie
Frankfurt am Main: Suhrkamp Verl. 2000


André Gorz geht davon aus, dass sich nach dem Fordismus ein neues System der
gesellschaftlichen Produktion etabliert hat, ein System, „das die ‚Arbeit’ massenweise
abschafft. Es zwingt alle, gegen alle um die immer weniger werdende ‚Arbeit’ zu
kämpfen, und stellt dadurch die schlimmsten Folgen von Herrschaft, Unterwerfung
und Ausbeutung wieder her.“ Mit „Arbeit“, die er hier stets in Anführungszeichen
setzt, meint Gorz die von kapitalistischen „Arbeitgebern“ angebotene Arbeit, die um
des Lohns willen ausgeführt wird, wobei ihr Inhalt kaum eine Rolle spielt, also
entfremdete Arbeit. Gorz wirft diesem System nicht vor, dass es diese entfremdete
Arbeit tendenziell abschafft, sondern dass sie trotzdem weiterhin für jeden Pflicht
bleibt, „verbindliche Norm und unersetzliche Grundlage unserer Rechte und unserer
Würde“. Dass die Arbeitnehmer diese Norm akzeptieren, liegt daran, dass die Arbeit
das zentrale Instrument der Sozialisierung ist, dass sie „Fähigkeiten, Verfahrensweisen
und Bedürfnisse“ standardisiert und damit „Erfindergeist, Phantasie, intellektuelle und
kollektive Selbstbestimmung neuer Normen, Bedürfnisse und Fähigkeiten unterdrückt
und einschränkt“.

Die Arbeitsbedingungen in der kapitalistischen Produktion sind strategisch so
angelegt, dass die „richtige“ Einstellung zur Arbeit aufrechterhalten wird. Gorz zitiert
Manager, die es für notwendig halten, Arbeiter 40 oder 50 Stunden arbeiten zu lassen,
obwohl 20 Stunden genügen würden. Industrie und Handwerk wollen nur noch die
Besten eines Jahrgangs (im Sinne von Anpassungsfähigkeit) rekrutieren. Die meisten
Firmen halten sich einen relativ stabilen Kern von Elitearbeitern, von denen eine
verstärkte Identifikation mit den Unternehmenszielen eingefordert wird. Die
Wahrnehmung des Konflikts zwischen Kapital und Arbeit wird hier ausgeblendet und
auf die Randbelegschaften mit prekären Arbeitsverhältnissen verlagert: Deren Lage
und natürlich die der Arbeitslosen dient als Drohkulisse für die Elitearbeiter, als
Ansporn, mit ihrem Arbeitseifer die Produktivität immer mehr zu steigern (womit sie
natürlich dazu beitragen, dass die Arbeitslosigkeit weiter ansteigt).

„Niemals zuvor ist die Ideologie der Arbeit als Wert so dreist verkündet und betont
worden, und niemals war die Herrschaft des Kapitals und des Unternehmens über
Arbeitsbedingungen und Preis so unangefochten. Niemals wurde sich auf die
‚unersetzbare’, ‚unerlässliche’ Funktion der Arbeit als Quelle ‚sozialer Bindung’,
‚sozialen Zusammenhalts’, von ‚Integration’, ‚Sozialisierung’, ‚persönlicher Identität’
und des Lebenssinns so zwanghaft berufen, wie seitdem sie keine dieser Funktionen
mehr erfüllen kann... Denn die sich ausbreitenden Formen der prekären, temporären,
flexiblen, diskontinuierlichen Arbeit, von Leih-, Zeit-, Termin- und Telearbeit, von
Arbeit auf Abruf und ‚geringfügiger Beschäftigung’ integrieren die Erwerbstätigen
nicht mehr in ein Kollektiv, strukturieren die täglichen, wöchentlichen und jährlichen
Zeitabläufe nicht mehr und können auch nicht mehr die Basis sein, auf der jede und
jeder ihr Lebensprojekt aufbauen...
‚Die Arbeitsgesellschaft’ ist tot... Wir leben in einer Phantomgesellschaft, die ihr
eigenes Verschwinden dank der obsessiven, reaktiven Beschwörungen all derjenigen
phantomisch leidend überlebt, die weiterhin in der Erwerbsgesellschaft die einzig
mögliche Gesellschaftsform sehen und sich keine andere Zukunft als die Rückkehr der
Vergangenheit vorstellen können.“
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In der postfordistischen Produktion sind die Arbeitsorganisation und die
Arbeitsbedingungen grundlegend geändert worden. Neue Managementmethoden
erfordern ein selbstständigeres Arbeiten (im Unterschied zur tayloristischen Arbeits-
zerlegung mit festgelegten Einzeloperationen). Das klingt nach mehr Autonomie, aber
die Ziele sind den Arbeitnehmern klar vorgegeben, und um sie zu erreichen, ist ein
hohes Maß an Motivation und Identifikation unabdingbar. Zugleich werden bisher
bestehende, die Rechte der Arbeitnehmer schützende Normen zumindest teilweise
außer Kraft gesetzt, z.B. bei der zielorientierten Arbeitszeit, die zwangsläufig zu
Überstunden führt. Die Kontrolle der Arbeitnehmer ist weniger formal als bisher, sie
wird in die Person verlagert und dadurch totaler. Gorz sieht darin einen Rückschritt zu
„vormodernen“ sozialen Beziehungen. So war im Fordismus immerhin der
Klassenkonflikt anerkannt und institutionalisiert, die Arbeiter fühlten sich ihrer
Klasse, ihrer Gewerkschaft und sich selbst mehr zugehörig als dem Unternehmen.
Diese „konfliktträchtige Dynamik fordistischer Produktionsverhältnisse“ führte dazu,
den Raum und die Zeit der Ausbeutung immer mehr zu begrenzen. Nun hat sich die
kapitalistische Dynamik umgekehrt, jetzt erfasst die Ausbeutung die ganze Person, das
Unternehmen fordert die „bedingungslose persönliche Hingabe“ an seine Ziele.

Aber dieser Prozess verläuft natürlich nicht frei von Widersprüchen. Die von der
Arbeitskraft erwarteten „kommunikativen, beziehungsintensiven, kooperativen und
erfinderischen Fähigkeiten“ können sich nicht auf Befehl entfalten, sondern nur auf
Initiative der Subjekte. Neben die hierarchisch-direkten Formen der kapitalistischen
Herrschaft treten indirekte der Konditionierung des Subjekts, so „dass es genau das
akzeptiert oder wählt, was man ihm aufzuzwingen beabsichtigt.“ Die Konfliktlinie
zwischen Arbeit und Kapital verlagert sich vom Betrieb nach außen, sie verläuft
überall dort, „wo Information, Sprache, Lebensweise, Geschmack und Moden durch
Kapital, Handel, Staat oder Medien erzeugt und gestaltet werden. Anders gesagt,
überall dort, wo die Subjektivität oder die ‚Identität’ der Individuen, ihre
Wertvorstellungen, ihre Selbstbilder oder die der Welt fortwährend strukturiert,
fabriziert und geformt werden... In dieser Gesellschaft verläuft die Front des
Konfliktes überall. Seine Radikalisierung im kulturellen Bereich (dem der Bildung,
Ausbildung, Stadtentwicklung, Freizeit und Lebensweise) ist die Bedingung für seine
Radikalisierung auf dem Gebiet der Arbeit. Demnach kann es keine effektive
Gewerkschaftsbewegung mehr geben, die sich ausschließlich auf die Arbeitsplätze
und die Verteidigung von Arbeitskräften in festen Arbeitsverhältnissen richtet.“

Um einen Ausweg aus der Sackgasse der „Arbeitsgesellschaft“ zu finden, müssen die
„Konturen dieser anderen Gesellschaft“ ausgemacht werden, die sich derzeit
entwickelt. Vor allem muss die Arbeit „mit anderen Augen betrachtet werden“, sie
kann nicht mehr als das gesehen werden, „was man hat oder nicht hat“, also als Besitz
eines Arbeitsplatzes, sondern als das, was man tut. Es geht darum, die vom Kapital
gekoppelten Bedürfnisse, einerseits das Bedürfnis nach gesichertem Einkommen und
andererseits das Bedürfnis zu „werken, wirken, handeln, sich mit anderen zu messen
und (von ihnen) anerkannt zu werden“, zu trennen. Das letztere wird von Gorz als
„Multiaktivität“ bezeichnet.

Gorz kritisiert die allgegenwärtigen Meinungsumfragen, die mit vorgestanzten
Antwortschemata – z.B. zur Priorität eines Arbeitsplatzes – die Arbeitsideologie
unterstützen und bestätigen. Bezieht man sich jedoch auf wissenschaftliche Studien,
die methodisch mit offenen Interviews, Fallstudien etc. arbeiten, bei denen die Leute
selbst zu Wort kommen, lässt sich feststellen, dass das Interesse an selbstbestimmter
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Arbeit weitaus größer ist als der Wunsch nach einer formalen Karriere. Besonders für
die junge Generation kann man den Schluss ziehen, dass ein Wertewandel bereits
stattgefunden hat. Gorz sieht das Politische „im Rückstand gegenüber der Entwicklung
der Denkweisen“. Was sich hier kulturell ankündigt, erfordert eine politische
Auseinandersetzung.

„Der Kern des Problems sowie der Gegenstand des Hauptkonflikts lassen sich in
folgender Alternative fassen: Entweder integriert man die Arbeit in die Multiaktivität
als eine ihrer Bestandteile oder die Multiaktivität in die ‚Arbeit’ als eine ihrer
Erscheinungsformen. Entweder integriert man die Arbeitszeit in die differenzierte
Zeitlichkeit eines multidimensionalen Lebens in Übereinstimmung mit den
herrschenden kulturellen Bestrebungen, oder man unterwirft die Lebenszeiten und
-rhythmen den Rentabilitätsansprüchen des Kapitals und den ‚Flexibilitäts’ansprüchen
des Unternehmens. Kurz, entweder erobern die lebendigen Aktivitäten die Macht über
den gesellschaftlichen Produktionsapparat und –prozess zurück, oder sie lassen sich
von jenen immer umfassender unterwerfen. Der Kampf um die Zeitsouveränität ist der
Kampf um die Macht selbst: um ihre gesellschaftliche Verteilung und um die
Richtung, in der sich die Gesellschaft entwickelt. Im Kampf um das Recht auf Zeit
ragt der kulturelle Konflikt unweigerlich in den politischen Konflikt hinein.“

Es geht also um Gesellschaftspolitik: es geht darum, die Gesellschaft, die im
Kapitalismus von der Wirtschaft dominiert wird und dadurch immer mehr
verkümmert, wieder mit Leben zu erfüllen, „also die Räume und Mittel maximal zu
erweitern, die die Entwicklung alternativer Gesellschaftlichkeit und den
Machtdispositiven von Kapital und Staat entzogene Lebens-, Kooperations- und
Tätigkeitsformen erlauben.“ Das kann nur eine soziale Bewegung durchsetzen, von
der etablierten Politik kann nur erwartet werden, „dass sie die Freiräume schafft, in
denen sich die alternativen sozialen Praktiken entwickeln können. Eine Politik, die die
Multiaktivität erlaubt und dazu Anreize gibt, muss allein unter diesem Gesichtspunkt
beurteilt werden, ist doch die Multiaktivität zugleich die treibende Kraft und das Ziel
des Exodus, insofern sie die Lohnbeziehung relativiert und der ‚Arbeit’
unterschiedliche Kooperationsformen entgegensetzt... Es ist wichtig, zu zeigen, dass
die Möglichkeit eines Jenseits der kapitalistischen Gesellschaft in deren Entwicklung
selbst enthalten ist.“

In dem „Komplex spezifischer Politiken..., die mit der Arbeitsgesellschaft brechen und
die Weichen für eine multiaktive Kulturgesellschaft stellen könnten“, kommt dem
bedingungslosen garantierten Grundeinkommen eine Schlüsselstellung zu. Gorz stellt
klar, das es „ausreichend“ sein muss und keinesfalls „zu niedrig, um vor Not und
Elend zu schützen“. Er lehnt das „ultrakonservative“ Konzept der „Workfare“ ab, das
bei niedriger Grundsicherung die Arbeitslosen zu Jobs zwingt, deren Lohn unter dem
Existenzminimum liegt und zudem noch die Ausbreitung der „Sklavenhändler“-
Branche (Leiharbeit) fördert. Dieses Konzept stigmatisiert die Arbeitslosen, denen
durchweg mangelnde Qualifikation und dazu noch „Faulheit“ unterstellt wird. Damit
überzeugt sich die Arbeitsgesellschaft selbst davon, dass die Ursache der
Arbeitslosigkeit bei den Arbeitslosen liegt – ein wesentlicher Bestandteil der
Arbeitsideologie. Eine andere – „postfordistische“ – Konzeption der Workfare erkennt
Veränderungen der Arbeitsgesellschaft an: sie geht davon aus, dass sich
diskontinuierliches Arbeiten immer mehr ausbreitet und will die entsprechenden
Arbeitsverhältnisse durch ein sehr niedriges „Existenzgeld“ ermöglichen, „ja sogar
dazu anreizen“. Auch diese Version wird von Gorz abgelehnt, weil sie die
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Ausbreitung der Prekarisierung beschleunigt, und weil selbstverständlich die flexible
Zeiteinteilung von den Unternehmen, und nicht von den Arbeitnehmern gesteuert
wird.

Gorz befürwortet ein „allen garantiertes, ausreichendes soziales Grundeinkommen“,
dessen Logik in die entgegengesetzte Richtung weist: „Es soll nicht mehr diejenigen,
die es beziehen, zu jeder beliebigen Arbeit unter allen Bedingungen zwingen, sondern
es zielt auf deren Befreiung von den Zwängen des Arbeitsmarktes ab. Es soll ihnen
ermöglichen, ‚unwürdige’ Arbeit und Arbeitsbedingungen abzulehnen, und es soll
darüber hinaus einem sozialen Umfeld zugehören, das jedem Einzelnen erlaubt,
jederzeit zwischen den Nutzwerten seiner Zeit und ihrem Tauschwert zu entscheiden,
das heißt zwischen den ‚Gebrauchswerten’, die er durch den Verkauf seiner
Arbeitszeit erwerben, und den Nutzwerten, die er durch eigenständige Verwendung
dieser Zeit schaffen kann. Das allgemeine und ausreichende Grundeinkommen ... darf
nicht als eine Art Unterstützung oder gar Sozialhilfe verstanden werden, das die
Einzelnen vom Wohlfahrtsstaat abhängig macht... Es soll Einzelnen und Gruppen
verstärkt Möglichkeiten zu Selbstverantwortung und ein größeres Gestaltungs-
vermögen ihres Lebens und ihrer Lebensbedingungen geben. Es soll nicht von aller
Arbeit entheben, sondern im Gegenteil das Recht auf Arbeit zu einem wirklichen
Recht machen: Nämlich nicht als das Recht auf abstrakte ‚Arbeit’, die einem zur
Verrichtung ‚gegeben’ wird, sondern auf konkrete Arbeit, die man, ohne dazu genötigt
zu sein und ohne deren Rentabilität und Tauschwert berechnen zu müssen, macht.“
Das so verstandene Grundeinkommen ist „von der Entwicklung von und dem Zugang
zu Möglichkeiten nicht zu trennen, die Selbsttätigkeit zulassen und fördern, durch die
also Einzelne oder auch Gruppen über ihre frei gewählte Arbeit einen Teil der von
ihnen definierten Bedürfnisse und Wünsche befriedigen können“. Das heißt, dass nicht
einfach der kapitalistisch produzierte Reichtum auf fiskalischem Wege umverteilt
werden soll, sondern dass ein Teil der Bedarfsdeckung durch selbstbestimmtes
Arbeiten erwirtschaftet wird. Gorz verweist auf Frithjof Bergmann, der Konzepte
vorgestellt hat, nach denen ggf. 70 % der Bedürfnisse (bei zwei Tagen wöchentlicher
Arbeitszeit) in Selbstversorgung gedeckt werden könnten. Diese Form des
Grundeinkommens, die sich nicht auf reine Umverteilung beschränkt, und damit nur
die Lohnarbeitsgesellschaft bestätigen würde, sondern die die Distribution mit der
selbstbestimmten Produktion verbindet, würde eine Perspektive auf „die
Rückläufigkeit der Lohnarbeit, des Arbeits- und Dienstleistungsmarktes“ zugunsten
der „Entfaltung von nicht-monetären Tauschbeziehungen und von Selbstversorgung“
eröffnen. Unter dieser Annahme der Koexistenz zweier Wirtschaftsformen, der
entfremdeten kapitalistischen und der selbstbestimmten Produktion, kommt der
Diskussion über die Mindesthöhe des ausreichenden Grundeinkommens ein geringerer
Stellenwert zu.

Gorz bezieht sich hier auch auf Michael Opielka, der Mitte der achtziger Jahre für die
Partei der Grünen Konzepte zum Grundeinkommen entwickelt hat. Er fordert erstens,
das Grundeinkommen „systematisch mit einer Konzeption von Arbeitsumverteilung“
zu verkoppeln, „ohne dafür das ‚Recht’ auf Arbeit mit der ‚Pflicht’ zu ihr zu
verschränken“, und es zweitens „mit einem einlösbaren Recht auf eigene
Produktivmittel“ zu verbinden. Zu diesem zweiten Punkt verweist Gorz auf den
historischen Prozess der Enteignung der vorher selbstständigen Arbeiter: „Die vom
Kapital eingesetzten Produktionsmittel waren – und bleiben es bis heute weitgehend –
derart beschaffen, dass sie den Arbeitgebern den Alleinbesitz der Arbeitsmittel und die
unbegrenzte Macht über die Arbeitsteilung, die Arbeitszeit und die unmittelbaren
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Ergebnisse der Arbeit sicherten. Entsprechend hat die kapitalistische Gesellschaft die
Menschen in einer Weise geschult und sozialisiert, die sie zu fremdbestimmter,
funktional spezialisierter Arbeit tauglich macht, zu Eigenarbeit, Selbstversorgung und
Muße aber unfähig.“
Durch die technologische Entwicklung seit den achtziger Jahren sei aber „die
Monopolisierung der Arbeits- und Produktionsmittel durch das Kapital gebrochen und
Voraussetzungen für eine Wiederaneignung der Arbeit geschaffen. Wissen und nicht
in gigantischen Anlagen und Maschinerien akkumuliertes Kapital, lebendige Arbeit
und nicht tote Arbeit, ‚Humankapital’, nicht Sachkapital werden zur wichtigsten
Produktivkraft. Und zwar zu einer Produktivkraft, an der sich kein Alleinbesitz, kein
Monopol gewinnen lässt und die dank der Verbreitung und allgemein zugänglichen
Kommunikations- und computergesteuerten Fertigungssystemen jedem und jeder,
allein oder auf gemeinsamer Basis potenziell unbegrenzte Selbstversorgungs- und
Selbsttätigkeitsmöglichkeiten eröffnet.“

Gorz’ wesentliches Argument für die Bedingungslosigkeit des Grundeinkommens
stützt sich auf den der Produktion immanenten Veränderungsprozess: Tendenziell
werden Intelligenz und Phantasie zur Hauptproduktivkraft, kann die Herstellung von
Gebrauchswerten nicht mehr an der für sie aufgewendeten Arbeitszeit gemessen
werden, somit kann die Arbeitszeit auf längere Sicht nicht mehr das Maß der Arbeit
sein. In der materiellen Produktion lasse sich der Anteil der Arbeit Einzelner an einem
Produkt kaum noch zuordnen. Geradezu unmöglich sei es, „die Arbeitszeit von
Selbstständigen, Künstlern und denjenigen, die immaterielle Dienste anbieten, zu
messen“. Diesen zum Beispiel könne nur ein Grundeinkommen den Anreiz oder gar
erst die Möglichkeit geben, multiaktiv tätig zu werden (anstatt auf dem stetig
schrumpfenden Arbeitsmarkt um ihre Existenz kämpfen zu müssen). „Das allgemeine
und bedingungslos garantierte Grundeinkommen, das zusammen mit dem
Einkommen aus einer Arbeit beziehbar ist, stellt also ... die beste Handhabe dar, um so
weitgehend wie möglich sowohl die bezahlte Arbeit als auch die unbezahlten
Aktivitäten umzuverteilen.“

Im Raum steht allerdings die Frage, wer denn noch „gesamtgesellschaftlich
notwendige Arbeit“ verrichten wolle, wenn die Menschen mit Grundeinkommen und
Selbstversorgungsarbeit auch ohne Erwerbstätigkeit auskommen können. Gorz setzt
sich mit Konzepten von durchaus prominenten Wissenschaftlern und Journalisten wie
Offe, Rifkin und Beck auseinander, die die in einer Marktwirtschaft nicht rentable,
aber gesellschaftlich notwendige Arbeit in einen von der Marktwirtschaft
abgeschotteten dritten Sektor ansiedeln wollen. Gorz stößt sich daran, dass hier die in
unseren Gesellschaften durchaus verbreiteten freiwilligen Dienste mit Verpflichtungen
(als Gegenleistung für das Grundeinkommen) gekoppelt werden sollen. Ich kann nicht
erkennen, dass Gorz für das Problem gesellschaftlich notwendiger, aber unattraktiver
Arbeiten eine plausible Lösung anbietet. Ein Hinweis findet sich in dem Satz, den er
bezüglich der „Zwischenschritte“, die er bei der Einführung eines Grundeinkommens
für unvermeidlich hält, formuliert hat: „Wenn man aber in der Übergangsperiode die
Einführung eines Grundeinkommens noch an eine Gegenleistung knüpfen will, muss
diese Gegenleistung so beschaffen sein, dass man sie ihrer Bezahlung wegen
übernehmen kann, ohne sie dadurch ihres Sinns zu berauben.“

Die übliche Frage nach der Finanzierung eines sozialen Grundeinkommens lässt sich
nicht sinnvoll im Rahmen der gegenwärtigen Konstellation von Staat und Wirtschaft
beantworten. Sie verweist vielmehr „auf die Sackgasse, in die das System
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hineingeraten ist“. Die rasch steigende Produktivität erzeugt einen Überschuss an
Kapital und Arbeit, das Kapital versucht sich zudem noch durch Finanztransaktionen –
also ohne die Vermittlung produktiver Arbeit – zu vermehren. Die Staatseinnahmen
sinken, da nur ein geringeres Lohnaufkommen besteuert werden kann, und da die
Unternehmer den Staat durch die Drohung mit Abwanderung zu Steuersenkungen
nötigen. Dadurch sind wesentliche gesellschaftliche Aufgaben, die bisher vom Staat
wahrgenommen wurden, immer weniger finanzierbar. Eine sich stetig vergrößernde
Lücke tut sich auf zwischen dem gesellschaftlich produzierten Reichtum und den in
der Gesellschaft vorhandenen Bedürfnissen. „Der ganze Staat und die gesamte
Gesellschaft fallen sichtlich ... auseinander.“ Gorz verdeutlicht dies mit einem
drastischen Zitat des russisch-amerikanischen Wirtschafts-Nobelpreisträgers
Leontieff: „Wenn alle Güter und Dienstleistungen ohne Arbeit zu haben wären (...),
würden im Paradies alle solange an Hunger leiden, bis sich eine den veränderten
Produktionsbedingungen angepasste Einkommenspolitik durchgesetzt hätte.“

Die aktuelle Entwicklung erfordert eine Veränderung des Verteilungsmodus. Das
Sozialprodukt, das aus integrierten „Menschen-Maschinen-Organisations-Systemen
hervorgeht, in denen der besondere Beitrag der Einzelnen nicht mehr messbar ist, wird
... zu einem wirklichen Gemeingut“. Deshalb kann die Distribution der Güter nicht
mehr von Arbeitszeit und Arbeitsleistung abgeleitet werden. Ich will die utopischen
Vorstellungen, die Gorz hierzu unter Bezug auf andere Autoren entwickelt, nur in
Stichworten andeuten: eine neue Geldform, „Konsumgeld“ genannt, politische Preise
(die bereits auch in kapitalistischen Gesellschaften weit verbreitet vorkommen) und
eine Vergemeinschaftung des Sozialprodukts. Darin könnte man immerhin Elemente
sehen, die unsere Parole – „Eine andere Welt ist möglich“ – konkretisieren. Gorz
kommt aber gleich wieder zurück aufs Grundeinkommen, das ein wesentlicher Teil
der sich öffnenden Perspektiven sei. „Der Anspruch auf ein allgemeines,
bedingungsloses und ausreichendes Grundeinkommen ist Teil dieser Perspektive. Es
ist zwar nicht sofort realisierbar, muss aber von nun an gedacht und in die Wege
geleitet werden. Es hat einen heuristischen Wert, denn es verdeutlicht den
höchstmöglichen Sinn, auf den hin sich die aktuelle Entwicklung öffnet. Umgekehrt
hebt es den Unsinn eines Systems hervor, das nie zuvor erreichte Arbeitszeit-
ersparnisse ermöglicht, aber aus der so freigesetzten Zeit Not und Elend macht, weil es
weder diese noch die produzierten oder produzierbaren Reichtümer zu verteilen und
ebenso wenig den eigentlichen Wert von ‚Mußezeit als Zeit für höhere Tätigkeiten’
(Marx) zu schätzen weiß. Es lässt die individuelle und kollektive Aneignung der
freigesetzten Zeit als einen Hauptgegenstand des Konflikts erscheinen.“

Kommen wir nun zu den konkreten Veränderungen, die durch das soziale
Grundeinkommen unterstützt werden sollen. Das eine große Thema ist „Umverteilung
der Arbeit und Wiederaneignung der Zeit“. Was die Arbeitszeit angeht, scheinen die
Arbeitnehmer ja derzeit hoffnungslos in die Defensive geraten zu sein. Die
Unternehmer erhöhen denen, die noch Arbeit haben, hemmungslos die allgemeine
Arbeitszeit, oder sie flexibilisieren sie in einer Art, die ausschließlich den
Unternehmen dient und die Arbeitnehmer selbst bei kürzeren Arbeitszeiten immer
abhängiger machen. Gorz verweist auf Gegenbeispiele in der Europäischen Union, bei
denen den Arbeitern die Wahl ihrer Arbeitszeit überlassen wird: in Frankreich auf
Unternehmensebene, in den Niederlanden und in Dänemark im Rahmen der
Sozialpolitik, also gesamtgesellschaftlich. In Dänemark wird die Arbeitsunterbrechung
durch ein bedingtes Grundeinkommen gefördert, subventioniert wird also die Nicht-
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Arbeit (und nicht, wie sonst üblich, die Arbeit z.B. durch Kombi-Lohn). Gorz sieht
darin Ansätze zu einem Durchbruch im Sinne einer anderen Ökonomie:
- im Recht auf Nicht-Arbeit, das dem auf Arbeit gleichgestellt wird,
- im Recht auf diskontinuierliche Arbeit bei kontinuierlichem Einkommen (das
    keine Arbeitslosenunterstützung ist).
Damit wird „die Arbeitsideologie ... zugunsten der Arbeitsumverteilung geschwächt“.

Das zweite Thema ist eine Politik der Stadterneuerung von unten: Gestützt auf eine
Vielfalt von lokalen Vereinigungen geht es um „künstlerische, politische,
wissenschaftliche, ökosophische, sportliche, handwerkliche und Beziehungs-
aktivitäten“, Selbstversorgungs-, Reparatur- und Restaurierungsarbeiten, Kinder- und
Gesundheitsläden, „Netzwerke zum Austausch von Dienst- und Hilfeleistungen... Da
sie weder des Kapitals bedürfen noch seiner Verwertung, noch gar der Kredit-
würdigkeit der Bedürfnisse und Wünsche, auf deren Befriedigung sie abzielen, sind
sie dazu berufen, den durch die Abnahme des Arbeitsvolumens verfügbar gemachten
gesellschaftlichen Raum der kapitalistischen Marktlogik zu entziehen und die
Lohnarbeit größtenteils zu verdrängen, um jenseits davon assoziative und freie soziale
Bindungen zu schaffen.“ Auch hier verweist Gorz auf Beispiele vor allem aus den
Niederlanden und Dänemark, wo die (auch bei Männern) verbreitete Teilzeitarbeit als
Basis dieser Aktivitäten dient, außerdem auf Städte in Frankreich (Parthenay) und
Italien (Bologna). In diesem Rahmen stehen auch die lokalen bzw. regionalen
Kooperations- und Austauschringe, Formen von Arbeitsgeld und/oder Zeitgeld, die
zum Tausch von Gegenständen oder Leistungen, aber nicht zur Hortung oder gar zur
Spekulation taugen. Hierfür gibt es zahlreiche Beispiele in Deutschland, aber auch in
den angelsächsischen Ländern (Großbritannien, Nordamerika, Australien).

Wie schon zuvor erwähnt, plädiert Gorz keineswegs dafür, die gesamte Wirtschaft in
Selbsthilfe- oder Lokalwirtschaft zu überführen. Für ihn sind diese Beispiele ein
Ansatz, die gesellschaftliche Monopolstellung der Lohnarbeit zu durchbrechen und
daneben andere, kooperative und solidarische statt antagonistische Wirtschaftsweisen
zu etablieren. Dem zu erwartenden Einwand, er propagiere einen „Rückfall in die
Steinzeit“, hält er entgegen,
- dass das technische Niveau „der zur lokalen Selbstversorgung tauglichen und zu
    Spottpreisen hergestellten computerisierten Werkzeuge“ keineswegs um
    Dimensionen unter den „von den Konzernen patentierten Produktionsmitteln“
    angesiedelt sei, und dass ein selbstverständlich mögliches Produktivitätsgefälle
    von dem Engagement und der Befriedigung durch selbstbestimmte Arbeit
    kompensiert werden könne;
- dass die „sozialtechnokratische Professionalisierung ... traditionelles Laienwissen
    diskreditiert und verdrängt und die Selbsthilfe- und Beurteilungskompetenzen der
    Menschen disqualifiziert habe“ – dies betrifft den Einwand mangelnder
    Professionalität, insbesondere bei sozialen Selbsthilfeleistungen.
Bei der sozialen Selbsthilfe warnt er allerdings vor der Falle einer Integration in die
kapitalistische Gesellschaft: keinesfalls dürfe die Selbsthilfe mit einer „Verpflichtung
zum Volontariat“ gekoppelt werden, die zu einem Abbau der zur Zeit noch
bestehenden öffentlichen Sozialdienste missbraucht werden könnte.

Wenn es gelingt, auf der Basis des sozialen Grundeinkommens die Ansätze zu
alternativen Wirtschaftsformen aus ihrem bisherigen Nischendasein zu befreien und
sie auf breiter Basis in der Gesellschaft zu etablieren, stellt sich für Gorz die Frage, ob
dies nicht entscheidende Auswirkungen auf die Akzeptanz der kapitalistischen
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Wirtschaftsstruktur haben wird. Wer einmal im Kollektiv die Möglichkeit und
Effizienz selbstbestimmter nicht-entfremdeter Arbeit erfahren hat, wird der noch
bereit sein, Arbeit für fremde Ziele zu leisten, nur um den Lebensunterhalt zu
verdienen? Wird man „weiterhin akzeptieren, dass die ökonomischen und
technologischen Entscheidungen der öffentlichen Diskussion entzogen sind und dass
Staat und/oder Kapital ihre ‚Diktatur über die Bedürfnisse’ und das Konsummodell
weiterhin ausüben? Wird nicht das ‚kritische Bewusstsein’ durch die Praxis der selbst
eine praktische Kritik darstellenden Zusammenarbeit gestärkt, über die Kooperations-
ringe hinausgehen und auf die Unternehmen, Verwaltungen und politischen Apparate
übergreifen? Wird nicht die Fähigkeit, Wissen hervorzubringen und es nicht nur
anzuwenden, zu einer immer radikaleren Infragestellung jener Institutionen und
Industrien führen, die die ‚Wissenschaft’ und die Forschung für sich
beschlagnahmen... ?“

Gorz stellt dies als Frage; er will „keine Prophezeiungen wagen ... über den
eventuellen Verlauf einer derartigen Revolution“, ebenso wenig wie „über die
möglichen Gliederungen und Vermittlungen zwischen der lokalen, mikrosozialen
Sphäre der kooperativen Gemeinschaften und der Makrogesellschaft, in die diese
eingebettet bleiben.“ Er macht aber deutlich, dass es Vermittlungen geben muss
zwischen lokalen Gemeinschaften und der Gesellschaft, und dass genau dies der Inhalt
der Politik sei. Es sei klar, „dass die dörfliche Gemeinschaft ebenso wenig wie die
selbstverwaltete Kommune auf Weltmaßstab ausgedehnt werden kann“. Es müsse
weiterhin „territoriale Einheiten und Städte“ geben, „die groß genug sind, um sehr
spezialisierte und minoritäre Aktivitäten zu beherbergen – Cellisten und Ägyptologen,
Mikrochirurgen und Astrophysiker, Psychotherapeuten und Judolehrer etc. -, aber
auch große Einrichtungen und öffentliche Dienste wie Universitäten und
Forschungsinstitute, Museen und Werften etc.“ Und schließlich könne die
gesellschaftliche Produktion auch weiterhin nur mit akkumulierbaren ökonomischen
Überschüssen funktionieren, sie erfordere ein universales Zahlungsmittel und ein
allgemein anerkanntes Rechtssystem, also auch einen Staat. Gorz zieht das Fazit, dass
das „’System’ ... nicht völlig in der ‚Lebenswelt’ aufgehen“ könne, er bezieht sich
dabei auf Habermas. Entscheidend sei, welchen Einfluss die Lebenswelt, also „die
mikrosozialen Einheiten“ bei ihrer „Rückbindung“ an das System ausüben könnten.
„Diese ‚Rückbindung’ führt und zwingt die mikrosozialen Gruppen dazu, ihre eigenen
Ziele reflexiv als lokale Ausdrucksformen universaler Ziele und ihr ‚lokales
Gemeingut’ als die besondere, lokale Form des ‚allgemeinen Gemeinguts’ zu denken.
Die politische Vermittlung ist, letzten Endes, nichts anderes als diese nie beendete
Arbeit, die Bedürfnisse und Bestrebungen der Einzelnen in Einklang mit denen aller
zu bringen und umgekehrt.“

Peter Liebl
22.5.2006

								
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