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Zur Debatte um die Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der by yaofenji

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									Zur Debatte um die Ausstellung
Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944
im Kieler Landeshaus 1999
Diese Zusammenstellung enthält Beiträge, die zwischen November 1998 und
Mai 1999 im Gegenwind veröffentlicht wurden. Zum größten Teil stam-
men die Artikel aus dem Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der
Wehrmacht, das Gegenwind, Enough is Enough und anderes lernen/Heinrich-
Böll-Stiftung Schleswig-Holstein im November 1998 gemeinsam herausgegeben
haben.
Die Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 - 1944 wur-
de im Januar 1999 im Kieler Landeshaus gezeigt.




Herausgeber: Gesellschaft für politische Bildung e.V., Schweffelstr. 6, 24118 Kiel.
V.i.S.d.P.: Reinhard Pohl.




2
Vom Mythos der „sauberen Wehrmacht“:

Jeder Mensch braucht
eine Geschichte

                                               Wie das Individuum so haben auch          Amselfeld“ (1389); das Amselfeld liegt
                                            Gruppen oder Völker oder Staaten             im Kosovo; dort ist serbisches Blut für
                                            ihre „Geschichten“, aus denen sie            die Freiheit geflossen; das muss ser-
                                            ihr Selbstverständnis gewinnen, die          bisch bleiben. So nährt sich serbischer
                                            Rechtfertigung ihres Handelns usw.           Nationalstolz und formuliert daraus
                                            (Sagen, Mythen, Ideologien...) Auch          seine Ansprüche und Ziele – und mag
                                            hier bedeutet es eine tiefe Verunsi-         es Tausende auf grausame Weise das
                                            cherung und Erschütterung, wenn              Leben kosten.
                                            diese „Geschichte“ infrage gestellt
                                            wird.                                           Alle Geschichten sind gefährlich,
Das ist eine Erfahrung, über                                                             die es erlauben oder verlangen, dass
                                                Bei der gruppendynamischen Ar-           Opfer gebracht werden müssen – was
die Max Frisch in seinen Ta-
                                            beit mit Jugendlichen habe ich die           in der Regel heißt, dass man ande-
gebüchern nachdenkt. „Ge-                   Erfahrung gemacht: Jungen im Alter           re zu Opfern macht. Meister im „Ge-
schichte“ hat dabei einen                   von 13 oder 14 Jahren aus schwer ge-         schichten“-Erfinden war der National-
umfassenden, existentiellen                 störten Familien, selbst Heimkinder,         sozialismus. Dolchstoßlegende, das
Sinn: Mit der „Geschichte“ gibt             die alles an Gewalt, Alkoholexzess           Judentum als Weltgefahr, „Volk ohne
der Mensch seiner Existenz                  u.a. in der Familie erlebt haben, be-        Raum“, das Kaiserreich des Mittelal-
eine Deutung, einen Sinn, ein               stehen am stärksten darauf, dass ihre        ters als Idealbild, die Überlegenheit
Woher und Wohin. Mit ihrer                  Familie toll sei und sie in der Familie      der „arischen Rasse“, das „Herren-
Geschichte ordnet sich jede                 das beste Verhältnis zueinander hät-         menschtum“, die Idee des „tausend-
Person in den Zeitlauf ein,                 ten. Sie brauchen diese „Geschichte“,        jährigen Reiches“ usw. Was sich aus
                                            um innerlich überleben und vor sich          Religion, Geschichte, Esoterik, Ideo-
beheimatet sich in der Gesell-
                                            selbst und den anderen bestehen zu           logie verwenden ließ, wurde ausge-
schaft, bezieht Selbstverständ-             können. Würde jemand ihnen brutal            schlachtet, und es wurde ein ideolo-
nis, Berechtigung, Rechtferti-              die Augen öffnen und ihnen deutlich          gisches Geschichten-Sammelsurium
gung. Wird diese „Geschichte“               machen, wie es in Wirklichkeit steht,        geschaffen, das es rechtfertigte, vor-
genommen, so bricht das alles               sie brächen zusammen, weil sie „ihrer        handene Aggressionen, Rachegefüh-
auseinander. Der betroffene                 Geschichte“ beraubt würden und in            le, Machtgelüste und Sadismen un-
Mensch hat das Gefühl, dass                 einer ohnehin schwachen inneren Po-          gestraft, ohne schlechtes Gewissen
ihm existentiell der Boden                  sition jetzt gar keinen Halt mehr hät-       und sogar noch mit Belobigung aus-
unter den Füßen weggezogen                  ten. Jeder und jede braucht seine/ihre       zuagieren.
wird. Er wird sich also vehe-               Geschichte, individuell und kollektiv.
                                                                                            Dass Ereignisse der Gegenwart in
ment dagegen wehren, und
                                               Aber: es gibt Geschichten, die ge-        diese Richtung dargestellt werden
zwar nicht auf der Ebene der                fährlich sind. Sie liefern die Rechtfer-     sollten, dafür ließ Goebbels 15.000
Logik, sondern der Emotion;                 tigung oder den Freispruch für Ver-          Berichterstatter arbeiten, die er als
diese verwendet den Verstand                brechen und Unmenschlichkeiten der           „neue Waffengattung“ bezeichne-
lediglich für ihr Bedürfnis als             brutalsten Art. Für die Serben z.B. ist      te, mit dem Ziel, „Geschichte zu for-
Werkzeug.                                   es der Mythos der „Schlacht auf dem          men“.

Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998                                 3
   Was die Ereignisse der Vergan-             gentum, Heimat, Gesundheit. Sie sind        Josef Schulz. Er sieht, dass Unschul-
genheit betrifft, so ist die Rolle der        davongekommen – und nun sollen sie          dige erschossen werden. Er stellt sich
deutschen Geschichtsforschung und             auch noch Verbrecher sein? Wer kann         zu den Unschuldigen. Er wird mit er-
-schreibung an den Universitäten in           sich eine solche „Geschichte“, ein sol-     schossen. Solche Soldaten hat es auch
diesem Jahr zum ersten Mal Thema              ches Selbstverständnis verschreiben         gegeben. Sie sind am ehesten „Hel-
einer kritischen Tagung gewesen –             lassen, wer hält das aus? Diese Legen-      den“, obwohl sie sich selbst kaum so
mehr als ein halbes Jahrhundert nach          de ist der lebensnotwendige Stroh-          gefühlt haben.
Kriegsende! Typisch, wie hier mit lei-        halm des seelischen und moralischen
denschaftlicher Emotion von Histori-          Überlebens.                                     Menschen ertragen es schwer, dass
kern oder ihren Schülern gegen die                                                        ihre „Geschichten“, von denen sie sich
Tatsache gekämpft wurde, dass eine               Aber es ist eine Legende. Es ist ei-     leiten lassen, infrage gestellt werden
große Zahl Historiker bereit willig           ne „Geschichte“, die den Tatsachen          von Personen wie eben diesem cou-
dieVergangenheit so dargestellt hat-          nicht standhält. Auch wer als Soldat        ragierten Soldaten ,Josef Schulz. Mit
te, dass sie den Nationalsozialisten          individuell „sauber“ geblieben ist und      Josef Schulz werden ja die Fragen an
ins Konzept passte. Natürlich wollten         moralische Tugenden bewiesen hat,           das eigene Gewissen und das eige-
die Historiker „saubere“, objektive           kommt nicht an der Einsicht vorbei:         ne Tun erschossen. Ebenso möchten
Wissenschaftler gewesen sein – wer            Ich habe – mit aller Tapferkeit – einem     wohl viele leidenschaftliche Kritiker
möchte diesen Ruf bzw. diese „Ge-             von vorne bis hinten verbrecherischen       der Dokumentation die Fragen an das
schichte“ verlieren...? Aber die Tatsa-       Unternehmen gedient. Der verbreche-         eigene Gewissen totschlagen, um sich
chen sprechen gegen sie.                      rische, unmenschliche Hintergrund           ihre „Geschichte“ und Selbstrechtfer-
                                              zeigt sich in den Hilfskonstruktionen       tigung zu erhalten. Aber Tatsachen
    So steht es auch mit der „sauberen        der Mythen und Ideologien, und er of-       lassen sich nicht erschießen, und das
Wehrmacht“. Sie ist die erfolgreichste        fenbart sich in den Tatsachen, die die      Gewissen und die Fragen auch nicht.
Legende der Nachkriegszeit. Mensch-           Ausstellung dokumentiert.
lich gesehen, ist es verständlich. 5 Jah-                                                                          Karsten Sohrt
re, 10 ,Jahre, manchmal 15 beste Le-             Am 19. Juli 1941 steht in Polen ein
bensjahre haben Soldaten durch den            Erschießungskommando bereit. Mit
Krieg verloren, dazu Angehörige, Ei-          dazu abkommandiert ist der Soldat




4                                    Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998
Gegen die „Wehrmachtsausstellung“
im Kieler Landeshaus:

Reaktionäre
„Mobilmachung“

Die Ausstellung des Hambur-
ger Instituts für Sozialfor-                gerlnnen, die Bundeswehr und die             samen Veranstaltung im Januar 1998
                                            Soldatenverbände mit konservativen           den Ausstellungsmachern Unseriosi-
schung wird – seitdem sie in                Hochschuldozenten und Professorln-           tät und Unwissenschaftlichkeit vor.
den letzten drei Jahren in ver-             nen sowie Burschenschaften, „Ver-            „Tatsächliche Verbrechen durch Ein-
schiedenen Städten der BRD                  triebenen“-Organisationen und die            heiten und Soldaten der Wehrmacht
und Österreichs gezeigt wurde               bürgerlich-reaktionäre Presse wie            werden zum Pauschalvorwurf gegen
– von Protesten konservativer               »Welt«, »Focus«, »FAZ« etc. Die Gegner       alle ehemaligen Soldaten verallge-
und rechtsextremer Kreise be-               der Ausstellung haben sich vor allem         meinert und damit eine ganze Gene-
gleitet. Von verbalen Attacken,             auf zwei Ziele eingeschossen: Einer-         ration in ihrem Ehrgefühl verletzt“, so
militanten Anschlägen, Kund-                seits wird versucht, den Ausstellungs-       der Tenor. Die Kreisvorsitzenden der
gebungen, kleineren Demons-                 macher Hannes Heer als unglaubwür-           beiden CDU-Vereinigungen forderten
trationen, großformatigen                   dig darzustellen, indem man ihm sei-         den Landtagspräsidenten auf, die Ein-
                                            ne SDS- und DKP-Vergangenheit vor-           ladung an die Ausstellungsveranstal-
Hetzanzeigen in Tageszeitun-                wirft. Andererseits wird die Authen-         ter wieder zurückzuziehen.
gen bis hin zum bislang größ-               tizität der gezeigten Dokumente in
ten Aufmarsch der Nazi-Szene                Zweifel gezogen, und die Fotos wer-             Unterstrichen wird diese Forde-
seit den siebziger Jahren lässt             den schlichtweg als Fälschungen dif-         rung auch von Ottfried Hennigs Nach-
sich die Liste der faschisti-               famiert.                                     folger, dem jetzigen CDU-Landeschef
schen Aktivitäten gegen die                                                              Peter Kurt Würzbach, den selbst die
Ausstellung fortsetzen.                         Der Streit um die Exposition, der        konservativen »Kieler Nachrichten« als
                                            bislang in Bayern die höchsten Wellen        „weit rechts von der Mitte stehend“
   Den vorläufigen Höhepunkt der            schlug, hat erwartungsgemäß auch             bezeichnen. In einem Interview mit
rechten Mobilisierung bildete die De-       Schleswig-Holstein erreicht. Erste Re-       der Tageszeitung »Die Welt« im März
monstration unter Führung der NPD           aktionen gab es aus der CDU-Land-            1998 sieht Würzbach den „inneren
und ihrer Jugendorganisation JN am 1.       tagsfraktion vom damaligen CDU-Op-           Frieden in Schleswig-Holstein stark
März 1997 in München, an der circa          positionschef Ottfried Hennig, nach-         belastet“, wenn die Wehrmachtsaus-
5000 Alt- und Neonazis teilnahmen.          dem Landtagspräsident Arens (SPD)            stellung wirklich im Landeshaus ge-
In Dresden, wo die Ausstellung An-          Ende Februar 1997 die Entscheidung           zeigt wird.
fang dieses Jahres zu sehen war, mar-       für die Einladung der Ausstellung
schierten bei einer ebenfalls von NPD/      nach Kiel bekannt gab. Hennig ver-              Der Oberstleutnant a.D. Würzbach
JN organisierten Demonstration am           fiel sogleich in den üblichen Vorwurf        sieht „eine ganze Generation durch
24. Januar 1998 rund 1200 Nazis ge-         der Einseitigkeit an die ausgestellten       die Gleichstellung mit den Mördern
gen die Wehrmachtsausstellung. Auch         Dokumente und Fotos und bemühte              pauschal diskriminiert“ und spricht
hier lautete das Motto „Unsere Groß-        die alte Mär von den wenigen Einzel-         der Ausstellung jeglichen Beitrag zur
väter waren keine Verbrecher“.              tätern innerhalb einer ansonsten sau-        Aufarbeitung der Geschichte ab. Und
                                            beren und unschuldigen Wehrmacht.            prompt kriechen die Ewiggestrigen
   Und darin sind sie sich einig: die       Unterstützung erhielt Hennig u.a. von        aus ihren Löchern und gratulieren der
militanten Stiefelnazis (alte wie neue)     den Kreisverbänden der Junge Union           Landes-CDU zu ihrem mutigen Vorsit-
mit den erzreaktionären und sich bür-       (JU) Plön und der Seniorenunion (SU)         zenden: Am 17. März 1998 flatterte
gerlich gebenden CDU/CSU-Anhän-             Plön. Diese warfen auf einer gemein-         den Einwohnerlnnen Henstedt-Ulz-

Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998                                 5
burgs (persönlich adressiert v.a. an äl-     Anti-Wehrmachtsausstellung des Alt-         seien. Als ein weiteres Argument zur
tere Bürgerlnnen) ein Hetz-Flugblatt         kommunisten Heer und des Zigaret-           Reinwaschung der Soldaten gilt, dass
gegen die Ausstellung des Hamburger          ten-Millionärs Reemtsma erübrigt“,          die Wehrmacht nicht vom Internatio-
Instituts für Sozialforschung im Kieler      denn, so weiß Schwarz weiter, es            nalen Militärtribunal in Nürnberg an-
Landeshaus in den Briefkasten. Darin         könnten mehr als 18 Millionen deut-         geklagt wurde und ihr Oberkomman-
wird zur „Vereitelung“ der Ausstellung       sche Soldaten mit Recht sagen, dass         do und der Generalstab freigespro-
aufgerufen und mit Hinweis auf die           sie selbst „bis auf wenige Ausnahmen“       chen worden seien. Die Fotos, die in
bevorstehende Kommunalwahl zum               an den Verbrechen Hitlers „nicht be-        der Ausstellung zu sehen sind, wer-
Protest gegen die Ausstellung aufge-         teiligt waren“.                             den grundsätzlich als entweder ge-
fordert. Unter der Fragestellung „Wer                                                    fälscht oder wegen angeblich fehlen-
sind Jan Phillipp Reemtsma und Han-             Mit ähnlichen Plattheiten warte-         der Quellennachweise als irrelevant
nes Heer?“ folgt eine Litanei von Be-        te im August auch die schleswig-hol-        denunziert. Schließlich gilt es in rech-
schimpfungen und Diffamierungen              steinische Landes-CDU auf. Auf ihrem        ten Kreisen als ausgemacht, dass die
gegen die Macher der Ausstellung             Landesparteitag in Lübeck kurz vor          meisten Verbrecher in Wehrmachtsu-
als „Volksverhetzer“ und Finanziers          der Bundestagswahl beschloss sie ei-        niformen ohnehin verkleidete russi-
der autonomen Szene sowie als ehe-           ne Resolution, in der mit denselben         sche Partisanen waren.
malige Mitglieder des SDS (Sozialisti-       Argumenten gegen die Wehrmachts-
scher Deutscher Studentenbund) und           ausstellung gehetzt wird, die sich              Gegen die „Pauschalisierung und
der DKP.                                     auch in den Pamphleten der extre-           Einseitigkeit“ der Ausstellung sucht
                                             men Rechten wieder finden. So z.B.          auch die „Staats- und Wirtschaftspo-
    Bei dem Flugblatt handelt es sich        in Flugblättern des „Wählerbundes           litische Gesellschaft“ (SWG) aus Ham-
– wie die Henstedt-Ulzburger CDU in-         Deutschland“ aus Preetz (inzwischen         burg MitstreiterInnen. Die Organisa-
zwischen zugab – um eine Wahlkampf           beim „Bund Freier Bürger“ gelandet),        tion in der Grauzone zur extremen
Aktion der örtlichen Union, die sich         welche selbiger im Sommer 1997              Rechten ist seit einiger Zeit verstärkt
zu diesem Zwecke von Bürgermeister           während der Wehrmachtsausstellung           in Schleswig-Holstein tätig; mit Klein-
Dornquast (CDU) die Adressen aller           in Bremen verteilte. Neben dem Vor-         anzeigen in verschiedenen Tageszei-
Ulzburger Senioren hatte geben las-          wurf der „Unwissenschaftlichkeit“ an        tungen des Landes versucht die der
sen. Statt eines presserechtlich Ver-        die Macher der Ausstellung unterstel-       Bildungsarbeit im „vorpolitischen
antwortlichen finden sich unter dem          len die GegnerInnen Reemtsma und            Raum“ verpflichtete Vereinigung ge-
Schreiben 22 Unterschriften, darun-          Heer Demagogie und die Absicht, die         gen die Wehrmachtsausstellung Stim-
ter diejenige von Heinz Manke aus            Ausstellung nur organisiert zu haben,       mung zu machen. Landesvorsitzender
Henstedt-Ulzburg, der noch Anfang            um für ihre politischen Ziele agitieren     ist der ehemalige Geschäftsführer des
der neunziger Jahre „Kameradschaft-          zu können. Zitat aus der CDU-Resolu-        Schleswig-Holsteinischen Heimatbun-
streffen“ der Traditionsgemeinschaft         tion: „Die völlig einseitigen Bewertun-     des, Hans Joachim von Leesen, der
seiner Wehrmachtseinheit im Ulzbur-          gen der Ausstellung legen die Vermu-        wiederholt im der SWG nahestehen-
ger Hotel Viking organisierte. Manke         tung nahe, die Veranstalter verfolgten      den »Ostpreußenblatt« geschichtsre-
ist zudem Seniorchef der Firma »MA-          in Wahrheit politische Ziele, die sich      visionistische Positionen vertreten
NU-Bau« und Vater des gegenwärtigen          gegen Teile unserer demokratischen          hat. Auch aus dem Spektrum der ex-
CDU-Ortsvorsitzenden Volker Man-             Ordnung und ihrer Institutionen rich-       trem rechten Burschenschaften in Kiel
ke. Weitere Unterzeichner des Hetz-          ten.“                                       ist man bereits aktiv geworden. Eine
blattes: der ehemalige CDU-Ortschef                                                      aus diesem Spektrum stammende Er-
Günter Heinz Baum, der Besitzer der             Andererseits eint die GegnerInnen        klärung gegen die Ausstellung wurde
Jet-Tankstelle in Henstedt-Ulzburg,          die Meinung, die Wehrmacht habe             auch vom Oberleutnant der Reser-
Sönke Carstensen, sowie weitere Ge-          sich nichts über das „normale“ Maß          ve Rüdiger Dorff, Mitglied der Kieler
schäftsleute und „gewöhnliche“ CDU-          an Kriegsgräueln hinaus zuschulden          „Hochschulgilde Theodor Storm“ und
Mitglieder.                                  kommen lassen; im Gegenteil: Die            des CDU-nahen RCDS sowie Funktio-
                                             Angehörigen der Wehrmacht seien             när des extrem rechten „Bundes Hei-
    Wie nicht anders zu erwarten, ha-        gar als Opfer der wahren Kriegsver-         mattreuer Jugend“, unterzeichnet.
ben sich auch die sogenannten „Ver-          brecher zu betrachten und müssten           Wird Kiel also – wie andere Städte
triebenen“-Verbände gegen die Pläne          für ihre enormen heldenhaften Leis-         vorher – zur Eröffnung der Ausstel-
des Landtags gewandt, die Ausstel-           tungen für „Volk und Vaterland“ ge-         lung eine schwarz-braune Allianz er-
lung dort zu zeigen. Nach Meinung            würdigt werden. Außerdem sei die-           leben?
des Vorsitzenden des Landesverban-           Ausstellung tendenziös und einseitig,
des der vertriebenen Deutschen (LvD),        da nur auf „angebliche“ Verbrechen                   Redaktion enough is enough
Dieter Schwarz, sei die Ausstellung          der deutschen Soldaten eingegangen
„kein Werk des Friedens, sondern des         werde, obwohl doch Stalins Partisa-
Unfriedens“. Für ihn habe sich „die          nen die eigentlichen Mörder gewesen




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Totengedenken:

„Deutsche Täter sind
keine Opfer!“

Am Volkstrauertag wird in
                                            sozialismus wird revidiert, indem mit        ne etwa 60jährige Odalsrune jedoch
zahlreichen Gemeinden der                   Hinweis auf die „Toten an der inner-         wieder zum Vorschein kam, woran
BRD der „Opfer von Krieg und                deutschen Grenze“ nebenbei der re-           die Trauergemeinde aber keinen An-
Gewaltherrschaft“ gedacht.                  al existierende Sozialismus der DDR          stoß nahm.
Beispielhaft fiir die geschicht-            dem deutschen Faschismus gleichge-
liche „Unschärfe“ der offiziel-             setzt wird. Dieses alles gleichmachen-          Neben den offiziellen Trauerbekun-
len Feierlichkeiten steht die               de, alle politischen Dimensionen ein-        dungen feierten 1995 und 1996 auch
alljährliche Veranstaltung der              ebnende Gedenkritual endet ganz ak-          Neonazis um den Henstedt-Ulzburger
Großgemeinde Henstedt-Ulz-                  tuell mit dem Aufruf zur Verteidigung        Kader André Schwelling von der „Pa-
burg im Süden Schleswig-Hol-                der „Freiheit“, damit deutsche Solda-        triotischen Jugend“ auf der offiziellen
                                            ten auch morgen wieder kraftvoll zu-         Veranstaltung mit. CDU-Bürgermeis-
steins. In einem Abwasch wird
                                            schlagen können.                             ter Volker Dornquast entfernte 1996
der wie auch immer zu Tode                                                               den im Namen des „Bund für Gesamt-
gekommenen „Opfer“ beider                      Während sich die Trauerveranstal-         deutschland“ abgelegten Kranz der
Weltkriege gedacht. Objekt                  tung am Vormittag am Ehrenmal der            Nazis nur, weil dieser von den Faschis-
der inszenierten Trauer ist der             Henstedter Kirche einen vergleichs-          ten an der für den Gemeindekranz
einheimische deutsche Wehr-                 weise zivilen Charakter gibt, wird auf       vorgesehenen Stelle plaziert wurde.
machtssoldat der Gemeinde.                  der offiziellen Folgeveranstaltung am        Sich inhaltlich zu distanzieren konnte
                                            Beckersberg mit viel militärischem           Dornquast nicht gelingen, waren die
                                            Tschingderassa der Tradition gehul-          Inschriften auf dem Trauerflor einan-
   Das vorgebliche Gedenken an die          digt. Im Beisein der Feuerwehr, Re-          der doch zu ähnlich...
Opfer von „Krieg und Gewaltherr-            päsentanten der Patenkompanie der
schaft“ – sprich von Vernichtungs-          „Lettow-Vorbeck-Kaserne“ aus Bad                Ein antifaschistisches Bündnis ge-
krieg der Wehrmacht und deutschem           Segeberg, der örtlichen CDU und des          gen die Verdrehung der Geschichte
Faschismus – wird zu einer Huldigung        Schützenvereines werden die oben             hatte 1997 lautstarken Protest ge-
der Täter umgedreht. Es waren eben          genannten Inhalte auf einer ehema-           gen diese reaktionären Zustände an-
„alle“ Opfer der „Bestie Krieg“, die        ligen NS-Kultstätte zelebriert. Die in       gekündigt, so dass die Nazis gar nicht
„ausgebrochen“ ist, von niemandem           weitem Rund angeordneten Hinkel-             versuchten, ihren Kranz abzulegen.
verschuldet und von niemandem ge-           steine mit Inschriften wie „Es wirkt         Die konservative Elite der Gemeinde
wollt. Nicht von der „Volkstrauer“ er-      das Blut als heilge Saat, aus Gräbern        ließ es sich hingegen nicht nehmen,
fasst werden Juden und Jüdinnen, der        wächst die Kraft zur Tat“ wurden von         geschützt von 200 PolizistInnen, der
antifaschistische Widerstand, Lesben        Antifaschistlnnen 1997 in ihrer Aussa-       deutschen Wehrmachtssoldaten zu
und Schwule sowie sogenannte Be-            ge korrigiert, z.B. mit der Aufschrift       gedenken.
hinderte.                                   „Deutsche Täter sind keine Opfer“.
                                            Der eilig herbeigerufene Gemeinde-                       Gruppe AntifaschistInnen
   Nicht nur die Opfer des Faschismus       gärtner polierte die Steine anschlie-                         Norderstedt (GANo)
bleiben ungenannt, auch die Einzigar-       ßend so gründlich, dass zwar die er-
tigkeit der Verbrechen des National-        gänzenden Worte verschwanden, ei-

Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998                                 7
Vergewaltigungen und Zwangsprostitution
im Krieg:

...und sie wissen,
was sie tun

Am Internationalen Tag gegen
Gewalt gegen Frauen, dem                   lich genau an dem Punkt, als deutlich       lienehre“, insbesondere die Vergewal-
                                           gesagt und belegt wurde, dass es bei        tigung. Allerdings ging das offizielle
25. November, veranstaltete                weitem nicht nur „der Russe“, „der          Eingeständnis und das Verbot sexua-
der Notruf für vergewaltigte               Amerikaner“ oder „der Franzose“ war         lisierter Gewalt durch Soldaten nicht
Frauen, Kiel, im Jahre 1995 im             (und in seltenen Fällen auch „der Eng-      einher mit einer konsequenten Verfol-
Schleswig-Holsteinischen Lan-              länder“), der die Befreiung des Lan-        gung dieser Taten.
deshaus die Fachtagung „Frau-              des vom Faschismus, den Sieg mit der
en und Krieg: Vergewaltigt                 „Besetzung“ und zwangsweisen „Ero-             Eine strafrechtliche oder militärge-
– Verleugnet – Verschwiegen“.              berung“ deutscher Frauen und Mäd-           richtliche Verfolgung war im Vergleich
                                           chen vollzog, sondern es gerade auch        zu anderen Kriegsverbrechen eher
   50 Jahre nach Kriegsende, unter         und in erheblichem Umfang „ganz             selten und wurde kaum offen sichtbar.
dem Eindruck der Vergewaltigungs-          normale“ deutsche Wehrmachtssolda-          Die Bremer Historikerin Barbara Johr
lager im ehemaligen Jugoslawien, war       ten, Angehörige der SA und der SS so-       beschrieb im Rahmen der Recherche
es erstmals in Deutschland gelungen,       wie der Polizeibataillone gewesen wa-       für den Film „Befreier und Befreite“
für eine (deutsche) Frau, die als 15-      ren, die gleichermaßen grausam und          die Situation im Zweiten Weltkrieg
jährige auf der Flucht nach Schleswig-     patriarchalisch in allen besetzten Län-     wie folgt: „Vergewaltigungen durch
Holstein durch russische Soldaten          dern Europas gewütet hatten. Täter          SS-Männer kamen so oft vor, dass sich
vergewaltigt und misshandelt worden        waren eben auch die „eigenen“ Män-          die Wehrmachtsführung darüber im
war, eine Kriegsopferentschädigungs-       ner, Brüder, Söhne und Freunde, die         Führerhauptquartier beklagte. Auch
rente wegen posttraumatischer Belas-       aber offensichtlich nie über ihre Ver-      Wehrmachtssoldaten vergewaltigten,
tungsstörungen durchzusetzen. Sie          brechen gesprochen hatten. Auskünf-         wie Gerichtsakten belegen. Um die
war die erste von geschätzten zwei         te geben in diesem Zusammenhang             Ausbreitung von Geschlechtskrank-
Millionen in Kriegszusammenhängen          nur die vielfältigen psychosomati-          heiten bei den Soldaten unter Kon-
vergewaltigten Frauen, die aufgrund        schen Erkrankungen dieser erstarrten        trolle zu halten, wurden darüber hin-
der lebenslangen Folgen eine „Ent-         und oft gefühlskalten Kriegsgenerati-       aus Wehrmachtsbordelle (etwa 55 im
schädigung“ vom Staat erhielt, wäh-        on sowie Berichte von Militärseelsor-       Laufe des Krieges) und SS-Offiziers-
rend es für Soldaten ein Routinefall       gern und Beichtvätern, die häufig erst      bordelle geschaffen, in denen Hunder-
war, schon bald nach 1945 Renten zu        auf dem Sterbebett der Täter diese Fa-      te vor allem polnischer und russischer
erhalten.                                  cetten der soldatischen Kriegsverbre-       Mädchen und Frauen zur Prostitution
                                           chen zu hören bekommen.                     gezwungen wurden (Jüdinnen waren
   So ging es auf der Tagung, bei der                                                  offziell ab März 1942 für Wehrmachts-
auch viele ältere Frauen der Kriegs-          Internationalen Konventionen und         bordelle nicht mehr zugelassen). Par-
generation anwesend waren, um die          nationalen Militärgesetzen ist unmiss-      tisaninnen, die man gefangennahm,
Anerkennung der Opfer, um Solidari-        verständlich zugrunde gelegt, dass          wurde die Inschrift »Hure für Hitlers
tät mit den Frauen etwa aus dem ehe-       feindliche Soldaten als auch eigene         Truppe« eintätowiert, und sie wurden
maligen Jugoslawien und aus Ruanda,        Truppen im Kontext von Kriegsaktivi-        entsprechend behandelt. Zwangs-
und alle hörten ergriffen und interes-     täten und in Besatzungszeiten in gro-       prostitution und Vergewaltigung ge-
siert zu. Als nun aber am Nachmittag       ßem Umfang sexualisierte Gewalt be-         hörten außerdem zum Alltag im KZ,
die Sprache auf die Täter kam, regten      gehen. Die Haager Konvention verbot         Opfer von Nötigung und Vergewalti-
sich spürbar Abwehr und Unmut, näm-        bereits 1907 die „Verletzung der Fami-      gung waren überwiegend weibliche

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Häftlinge. Sie wurden vor allem auch        zufügen, die die Kulturträger an die-        ten wie zum Beispiel das Laboer Eh-
zur Prostitution in Häftlingsbordellen      sen toten Frauenkörpern noch hin-            renmal – die meistbesuchte Wall-
gezwungen. Dass von deutschen Ero-          zufügten. (Du!! Hast du keinen Reiz?         fahrtsstätte unseres Landes – mächtig
berern systematisch vergewaltigt wur-       Nein, die sind ja schon kalt. (...)). So     oder phallokratisch gen Himmel ra-
de, belegen unter anderem Dokumen-          lästerten und spotteten diese Kultur-        gen, während es in ganz Deutschland
te, die 1946 bei den Nürnberger Pro-        träger über diese entblößten, toten          keine Gedenkstätte, kein Mahnmal für
zessen vorgelegt wurden.“ (zit. nach:       Frauenkörper. Diese Taten sind nicht         die Opfer sexualisierter soldatischer
Notruf, S. 24).                             wiederzugeben.“ (Heer, zit. nach Not-        Gewalt gibt.
                                            ruf, S. 46).
   Die breite Ermöglichung von Bor-                                                         Eine intensive wissenschaftliche
dellbesuchen wurde als wichtige                 In einer u. a. mit Prof. Dr. Jan Phil-   Erforschung der Wehrmachtsverbre-
kriegsstrategische Maßnahme be-             lip Reemtsma geführten Diskussion            chen, die Vergewaltigungen betref-
trachtet, mit der die „Moral der Trup-      zur Wehrmachtsausstellung 1997 in            fen, steht nach wie vor aus und auch
pe“, also die Bereitschaft zu kämpfen       Bremen beschrieb Prof. Dr. Wolfgang          die Ausstellung vermag dieses Kapi-
und zu töten, aufrechterhalten bzw.         Eichwede die Tatsache, dass es in der        tel deutscher Geschichte nicht aus-
gesteigert werden sollte. Mit diesem        früheren Sowjetunion außerordent-            reichend zu erhellen. So scheint es
Zugeständnis der Wehrmachtsfüh-             lich viele Kinder von Wehrmachtssol-         auch der zweiten und dritten Genera-
rung an die „Bedürfnisse“ der Solda-        daten gebe. Unter Berufung auf rus-          tion noch schwer zu fallen, das gesell-
ten wurde gleichzeitig die Loyalität        sische Historiker und deutsche Quel-         schaftliche Ausmaß der traumatischen
gegenüber dem faschistischen System         len geht er von mehr als einer Million       Erfahrungen zu ermessen. So bleibt
gefördert als auch die wehrkraftzer-        unter Kriegsverhältnissen gezeugten          zu hoffen, dass sich wenigstens heu-
setzenden      Geschlechtskrankheiten       Kindern aus und betont, dass es viele        tige Bundeswehrsoldaten vor ihren
durch Verpflichtung zur Kondombe-           Zeugnisse von Vergewaltigungen gibt          Einsätzen im Ausland intensiv mit der
nutzung beim Bordellbesuch einge-           (vergl. Thiele, S. 96).                      Frage auseinandersetzen, warum sie
dämmt. Parallel dazu sollte der „Ge-                                                     auf Mädchen und Frauen treffen, die
fahr der Homosexualität“ , die wie-             Auf Basis biologischer Gegebenhei-       ihnen ihre Körper zu Dumpingpreisen
derum die „Moral der Truppe“ un-            ten lässt sich davon ausgehen, dass          anbieten müssen, und ob es immer
tergraben würde, begegnet werden.           statistisch gesehen etwa jeder zehn-         noch zum Bild des Soldaten passt,
„Wir werden auf dem Gebiet (der             te Geschlechtsverkehr eine Schwan-           dass er sich sein vermeintliches Recht
Prostitution) großzügig sein bis zum        gerschaft zur Folge hat. Folgerichtig        als „Retter und Befreier“ nimmt. Denn
Gehtnichtmehr, denn man kann nicht          muss von etwa 10 Millionen Verge-            bislang könnte frau versucht sein, in
einerseits verhindern wollen, dass die      waltigungen deutscher Männer allein          Anlehnung an die berühmten Worte
Jugend zur Homosexualität abwan-            auf russischem Boden ausgegangen             von Tucholsky zu formulieren: „Solda-
dert und andererseits jeden Ausweg          werden. In Norwegen, Dänemark,               ten sind Vergewaltiger.“
sperren.“ (Schoppmann S. 29).               Belgien, den Niederlanden und Frank-
                                            reich wurden etwa 200.000 Kinder                                         Ursula Schele
   Das von Hannes Heer 1995 heraus-         deutscher Besatzungssoldaten gebo-
gegebene Buch „Stets zu erschießen          ren. In welchem Ausmaß die ursäch-           Literatur:
                                                                                         Brownmiller, Susan: Gegen unseren Willen:
sind Frauen, die in der Roten Armee         lichen Kontakte freiwillig waren oder            Vergewaltigung und Männerherrschaft,
dienen“ hat niedergelegte Geständ-          aus Angst, Hunger und unter Gewalt               Frankfurt a. M. 1983.
                                                                                         Fischer, Erica: Am Anfang war die Wut.
nisse von deutschen Wehrmachtssol-          vollzogen wurden, bleibt so lange                Monika Hauser und Medica mondiale.
daten zum Inhalt, die heute im rus-         Spekulation, wie kein Interesse an               Ein Frauenprojekt im Krieg, Köln 1997.
sischen Staatsarchiv Moskau lagern.         Forschung besteht (vgl. Sander, S. 71).      Heer, Hannes (Hrsg. ): „Stets zu erschießen
                                                                                             sind Frauen, die in der Roten Armee
Hans Prudhoff, 11. Panzerdivision,          Heute, 54 Jahre nach Kriegsende, sind            dienen“ Geständnisse deutscher Kriegs-
110. Panzergrenardierregiment, wur-         nur noch wenige der betroffenen Op-              gefangener über ihren Einsatz an der
de im August 1943 von den Russen            fer in der Lage, unsere Fragen zu be-            Ostfront, Hamburg 1995.
                                                                                         Herman, Prof. Judith Lewis: Die Narben der
gefangengenommen und schrieb: „Im           antworten. Nichtsdestotrotz haben                Gewalt, München 1994.
Winter 1942 auf 1943 sah ich Hunder-        sie ein Recht auf unsere Achtung und         Keller, Nora Okja: Die Trostfrau, München
te von gefangenen russischen Solda-         Beachtung.                                       1997.
                                                                                         Müller-Hohagen, Jürgen: Geschichte in
ten erschossen am Wege liegen. Rus-                                                          uns. Psychogramme aus dem Alltag,
sische Sanitäterinnen lagen mit ent-            Während man empathische öffent-              München 1994.
                                                                                         Notruf für Frauen (Hrsg.): Frauen und
blößter Brust, die Kleider vom Leib         liche Achtung der Opfer erwarten                 Krieg. Vergewaltigt-Verleugnet-Ver-
gerissen und mit entblößtem Unter-          würde, der zwangsläufig auch eine                schwiegen. Dokumentation zur Fachta-
leib erschossen am Wege. Diese Greu-        Ächtung der Täter immanent wäre,                 gung, Kiel 1996.
                                                                                         Paul, Christa: Zwangsprostitution. Staatlich
eltaten der deutschen Kulturträger          stößt jedermann in Schleswig-Hol-                errichtete Bordelle im Nationalsozialis-
sind wohl einmalig in dieser Welt und       stein und in diesem unserem Lande                mus, Berlin 1994.
in der Geschichte. An Grausamkeit ist       quasi entgegengesetzt proportional           Sander, Helke; Johr, Barbara (Hrsg. ): Be-
                                                                                             Freier und Befreite. Krieg, Vergewalti-
dieses wohl nicht zu übertreffen. Ich       auf das aufschlussreiche Phänomen,               gungen, Kinder, München 1992.
will die schändlichen Worte noch hin-       dass Ehren-, Gedenk-und Weihestät-



Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998                                      9
Reichskommissariat Ostland:

Schleswig-Holsteins
Kolonie

                                         Während das Reichskommissariat              Heinz Wichmann, Regierungsrat
                                     Ukraine von der ostpreußischen Ver-         des Kieler Oberpräsidiums, wurde
                                     waltung übernommen wurde, fiel das          Lohses Referent. Der Kieler NSdAP-
                                     „Ostland“ faktisch an Schleswig-Hol-        Kreisleiter Otto Ziegenbein wurde Ab-
                                     stein. Am 17. Juli 1941 wurde der Gau-      teilungsleiter im Reichskommissariat.
                                     leiter und Oberpräsident Hinrich Loh-       Ein weiterer Abteilungsleiter war der
                                     se zum Reichskommissar ernannt, am          ehemalige Kieler NS-Studentenführer
                                     25. Juli wurde ihm Litauen übergeben.       Wilhelm Burmeister. Leiter der Haupt-
                                     Am 1. August folgte das Gebiet um           abteilung 11 (Politik) wurde der Rat-
                                     Vilna, am 1. September Lettland und         zeburger Landrat Theodor Fründt,
                                     große Teile Weißrusslands mit Minsk.        dessen Referent war Peter Matthies-
Der Krieg der Wehrmacht ge-          Estland kam schließlich am 5. Dezem-        sen, Landrat von Eckernförde. Mar-
gen die Sowjetunion war nicht        ber 1991 dazu. Lohse kannte Alfred          tin Matthiessen, ehemaliger Chef der
                                     Rosenberg, den „Minister für die be-        schleswigholsteinischen     Landwirt-
nur ein weltanschaulich mo-
                                     setzten Ostgebiete“ in Hitlers Kabi-        schaftskammer, leitete die Hauptab-
tivierter Vernichtungsfeldzug,       nett, aus Lübeck, wo beide der Füh-         teilung 111 (Landwirtschaft). Aus dem
es ging auch ganz konkret            rung der „Nordischen Gesellschaft“          Kieler Regierungsapparat kam Johann
um die Gewinnung von Land.           angehörten. Lohse genoss außerdem           Matthias Lorenzen, Leiter der Zentral-
Hinter der Front sollte eine         bei Hitler hohes Ansehen, weil die NS-      stelle Planung Westküste, der in Riga
Zivilverwaltung beginnen, die        DAP in Schleswig-Holstein, wo Lohse         die Hauptabteilung IV übernahm.
Kolonisierung des eroberten          seit 1925 Gauleiter war, bereits in den
Raums vorzubereiten – aus            zwanziger Jahren hohe Wahlergebnis-            Generalkommissar von Lettland
diesen Gebieten sollte die           se erzielen konnte. Seit 1933 war er        wurde Lübecks Bürgermeister Dr. Ot-
Wehrmacht versorgt werden,           Oberpräsident.                              to Heinrich Drechsler. Der Lübecker
                                                                                 Polizeipräsident Walter Schröder wur-
langfristig ging es dann um
                                        Das Reichskommissariat Ostland           de SS- und Polizeiführer Lettlands,
die Ansiedlung „germanischen         umfasste etwa 500.000 Quadratkilo-          gleichzeitig wurde der Flensburger
Blutes“. Von den vier geplan-        meter und hatte nach der Volkszäh-          Polizeidirektor Hinrich Möller SS-und
ten Reichskommissariaten             lung von 1936 knapp über 9 Millionen        Polizeiführer Estlands. Generalkom-
kamen, bedingt durch den             EinwohnerInnen. Es war damit unge-          missar von Weißrussland wurde Land-
Kriegsverlauf, nur zwei zustan-      fähr fünfundzwanzig mal so groß wie         rat Henning von Rumohr aus Tönning.
de: „Ostland“ umfasste die bal-      Schleswig-Holstein und hatte sechs-         Aber auch auf „kommunaler“ Ebene
tischen Staaten und Weißruss-        mal so viele Einwohner. Es wurde in 4       regierten Schleswig-Holsteiner:
land, „Ukraine“ reichte bis ans      Generalkommissariate (Estland, Lett-
Schwarze Meer. Der Raum bis          land, Litauen, Weißrussland), diese         • Oskar Gläser, ehemaliger NSdAP-
                                     wiederum in 62 Hauptkommissariate,            Kreisleiter von Husum, wurde Ge-
zum Ural sollte in die Reichs-
                                     Stadtkommissariate und Gebietskom-            bietskommissar von Wolmar (Lett-
kommissariate „Moskowien“            missariate unterteilt. Lohse umgab            land).
und Kaukasien“ eingeteilt wer-       sich größtenteils mit schleswig-hol-
den.                                 steinischen Verwaltungsbeamten.

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• Ihm folgte bald Hermann August            nur Aussagen der Beteiligten vor, die        fassten“ Menschen geschah meist in
  Hansen, der Husumer Bürgermeis-           sich nach dem Krieg im Kriegsver-            Form von
  ter, nach.                                brecherprozess in Nürnberg oder vor
                                            örtlichen deutschen Gerichten ver-              Massenerschießungen, wobei ein-
• WaIter Alnor, seit 1926 Landrat in        antworten mussten oder vor Staats-           heimische Hilfsmannschaften oder die
  Eckernförde und später Generaldi-         anwaltschaften Aussagen machten.             Opfer selbst die Massengräber ausho-
  rektor der Landesbank Schleswig-          Sie bemühten sich darum, ein Bild            ben. Zu diesen Erschießungen melde-
  Holstein, wurde Gebietskommissar          von Chaos und Ineffizienz zu vermit-         ten sich, als Wehrmachtseinheiten die
  von Libau (Lettland).                     teln. Teilweise ist das sicherlich rich-     direkte Beteiligung verboten wurde,
                                            tig: Es gab sich überlagernde und            häufig auch einzelne Wehrmachtssol-
• Karl Eger aus Meldorf, Landrat von        miteinander konkurrierende Struk-            daten in ihrer Freizeit, bis auch das
  Süderdithmarschen, wurde Haupt-           turen, so war die Zivilverwaltung            verboten wurde. Die Massenerschie-
  kommissar von Minsk.                      dem Ostministerium unterstellt, die          ßungen waren häufig von Demüti-
                                            Wirtschaftsplanung oblag aber dem            gungen (Abschneiden der Bärte or-
• Hinrich Carl, Rendsburger NSdAP-          Reichsmarschall Göring als dem Vier-         thodoxer Juden, Strafexerzieren mit
  Kreisleiter, wurde Gebietskommis-         Jahres-Plan-Beauftragten, die Sicher-        Besenstielen, Putzen der Straße mit
  sar von Sluzk (Weißrussland).             heit dem SS-Führer Heinrich Himm-            Zahnbürsten) sowie Alkoholexzessen
                                            ler, der Wehrmachtsnachschub den             der Täter und Massenvergewaltigun-
• Joachim Herbert Fust, Führer der          zuständigen Wehrmachtsstellen, so            gen verbunden. Vom Einmarsch im
  SA-Gruppe „Nordmark“, wurde               dass es ständig Reibereien gab. Die          Juni 1941 bis Ende Januar 1942, der
  Gebietskommissar von Riga-Land            wirtschaftliche Ausbeutung zur Ver-          Niederlage vor Moskau, töteten die
  (Lettland).                               sorgung der Wehrmacht, der Heimat            deutschen Truppen im „Ostland“ etwa
                                            und der einheimischen EinwohnerIn-           330.000 Juden, 8359 „Kommunisten“,
• Hans Gewecke, Lauenburger NS-             nen (in dieser Reihenfolge!) klappte         1044 „Partisanen“ und 1644 „Geistes-
  dAP-Kreisleiter, wurde Gebiets-           zu keiner Zeit.                              kranke“. Bis zum Sommer 1942 tru-
  kommissar von Schaulen (Litauen).                                                      gen alle überlebenden Juden den gel-
                                                                                         ben Stern, es bestand Berufsverbot
• Hans Christian Hingst, Neumüns-                                                        für Ärzte, Rechtsanwälte und Kauf-
  ters NSdAPKreisleiter, wurde Ge-          Massenmorde                                  leute, Juden war es verboten, Geh-
  bietskommissar von Wilna (Litau-                                                       steige zu benutzen, öffentliche Anla-
  en).                                                                                   gen zu betreten, ebenso Kurorte, The-
                                               Effektiv war die Verwaltung aller-        ater, Kinos oder Schulen zu besuchen.
• Der Husumer Landrat Friedrich-            dings hinsichtlich der Verschleppung         Das Vermögen musste bei den Behör-
  Wilhelm Jenetzky ging als Gebiets-        von Zehntausenden von Menschen               den bis auf einen Freibetrag in Höhe
  kommissar nach Narwa (Estland).           zur Zwangsarbeit ins „Reich“ sowie           des ortsüblichen Unterstützungssat-
                                            bei der Erfassung und Vernichtung            zes für einen Monat abgeliefert wer-
• Der Pinneberger Kreisleiter Kurt          von „Kommunisten“, „Partisanen“,             den. Das Wohnen war nur noch in den
  Wilhelm Meenen wurde Gebiets-             „Geisteskranken“, Juden, Sinti und Ro-       Ghettos der Städte erlaubt.
  kommissar von Dorpat (Estland).           ma – wobei unter Begriffe wie „Kom-
                                            munisten“ etc. auch wahllos ermor-               Die erste Tötungswelle hatten un-
• Emil Paulsen, SA-Führer von Dith-         dete Zivilisten gefasst wurden. Den          gefähr 670.000 Juden überlebt, da-
  marschen, wurde Hauptkommissar            Vollzug des Massenmordes übernahm            zu kamen im Winter 1941/42 noch
  des weißrussischen Witebsk.               verantwortlich die Einsatzgruppe A,          50.000 deportierte Juden aus dem
                                            ungefähr 990 Leute stark. Trotz hun-         Reichsgebiet, die in die Ghettos
• Hermann Riecken, Kreisleiter von          derttausendfachen Mordes bestanden           von Minsk und Riga kamen. Zuvor
  Flensburg-Stadt und ehemaliger            diese Einsatzgruppen nicht aus primi-        war das Rigaer Ghetto geräumt, die
  Heikendorfer Bürgermeister, wur-          tiven Mördern, von 17 Führern der            27.800 EinwohnerInnen ermordet
  de Gebietskommissarvon Pernau             Einsatzgruppe A waren 11 Juristen.           worden,diesem Massenmord im Wald
  (Estland).                                Die Zivilverwaltung zwang z.B. Juden         von Bikernki wohnte Lohse persön-
                                            aus den Dörfern in die Ghettos der           lich bei. Die schleswig-holsteinischen
• Heino Schröder, Flensburger Land-         Städte, sorgte für die Registrierung         Juden fanden im Rigaer Ghetto „zer-
  rat, bekam Arensburg (Estland) als        und Kennzeichnung. Dabei konnte              trümmerte Wohnungen und Einrich-
  Gebietskommissar.                         sie auf Einheiten der Wehrmacht zu-          tungsgegenstände voller Blutspuren
                                            rückgreifen, die meist für Absperrun-        vor. Während des Winters brannten
• Aus Oldesloe kam Kreisleiter Eller-       gen und Transporte sorgten. Die Mor-         leerstehende Gebäude nieder, froren
  brook als Gebietskommissar nach           de selbst wurden von Mitgliedern der         Leitungen ein und wüteten unbehin-
  Lepel (Weißrußland).                      Einsatzkommandos und ihren einhei-           dert Seuchen. In den folgenden Mo-
                                            mischen Hilfsmannschaften vollzo-            naten und Jahren wurden die deut-
   Über die Qualität der Verwaltung         gen, auch hier häufig unterstützt von        schen Juden im Rigaer Getto und in
ist wenig erforscht und wenig be-           Einheiten der Wehrmacht. Die Ermor-          den umliegenden Arbeitslagern auf
kannt. Als Dokumente liegen fast            dung der von der Zivilverwaltung „er-        eine Handvoll Überlebender dezi-

Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998                              11
miert.“ (Raul Hilberg). Einer der weni-     auch täglich ungefähr2000 Kriegsge-         bekamen wieder Posten in Schleswig-
gen Überlebenden war der Lübecker           fangene. Die letzten 100.000 Juden          Holstein. Niemand wurde von einem
Jude Josef Katz, der seine Erinnerun-       kamen in Konzentrationslager in Kau-        Gericht zur Verantwortung gezogen.
gen kurz nach dem Krieg weltweit            en, Riga-Kaiserwald, Klooga und Vai-
veröffentlichte – nur auf Deutsch, der      vara, sie wurden 1944 beim Heranrü-                                   Reinhard Pohl
Sprache, in der er sie ursprünglich         cken der Roten Armee liquidiert. Ab
aufgezeichnet hatte, wurden sie erst        Januar 1944 war schließlich ein neu-        Quellen:
                                                                                        Wulf Pingel: Von Kiel nach Riga. Schleswig-
1988 verlegt.                               es Sonderkommando unter SS-Stan-               Holsteiner in der Zivilverwaltung des
                                            dartenführer Paul Blobel im Reichs-            Reichskommissariats Ostland. In: Zeit-
                                                                                           schrift der Gesellschaft für Schleswig-
   Seit Dezember 1941 wurden alle           kommissariat Ostland damit beschäf-            Holsteinische Geschichte, Band 122,
Sinti und Roma im Ostland erfasst,          tigt, die Massengräber aus den Jahren          Neumünster 1997.
ihre Erschießung begann allerdings          1941 und 1942 zu öffnen, die Toten          Klaus Bästlein: Das „Reichskommissariat
                                                                                           Ostland“ unter schleswig-holsteinischer
erst im März 1942, weil während des         zu bergen und zu verbrennen, um Be-            Verwaltung und die Vernichtung der
strengen Frostes keine Gruben ausge-        weise zu vernichten.                           europäischen Juden. In: 50 Jahre nach
hoben werden konnten.                                                                      den Judenpogromen. Reden zum 9./10.
                                                                                           November 1983 in Schleswig-Holstein,
                                               Die CDU-geführte schleswig-hol-             Pressestelle des Landtags, Kiel 1989.
   Anfang 1943 begann die zweite            steinische Landesregierung fühlte
große Tötungswelle, der mindestens          sich auch nach 1949 für das „Ostland“       Literaturhinweis:
570.000 Jüdinnen und Juden zum Op-          verantwortlich. Hinrich Lohse bekam         Josef Katz: Erinnerungen eines Überleben-
                                                                                            den. Kiel 1988.
fer fielen. Gleichzeitig starben mehre-     am 27.7.1951 eine großzügige Pensi-
re hunderttausend Menschen an Hun-          on zugesprochen. Die meisten seiner
ger und Seuchen, hierzu gehörten            Mitstreiter in der Ostland-Verwaltung




12                                 Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998
Interview mit Karl Otto Meyer:

„Es ging nicht um
Pflicht und all diese
schönen Worte...“
                                              Gegenwind: Wann wurdest du ein-            marschieren in Polen durch ein Dorf,
                                            gezogen?                                     ein polnischer Arbeiter zieht nicht
                                                                                         die Mütze ab vor einem Offizier, wird
                                               Karl Otto Meyer: Das war im No-           geschlagen vom Offizier. Zweite Si-
                                            vember 1944, zunächst zum Reichs-            tuation: Ein Pole fährt mit dem Fahr-
                                            arbeitsdienst im Wehrmachtseinsatz.          rad vorbei, zieht nicht die Mütze ab,
                                            Hitler machte das ja, um die Leute frü-      wird vom Fahrrad gezogen und ge-
                                            her einziehen zu können. Da kriegten         schlagen. Dritte Situation: Ein Pfer-
                                            wir die Grundausbildung als Panzer-          degespann mit einem Bauern und sei-
                                            grenadier. Wir kamen nach Polen.             ner Frau fährt vorbei, er zieht nicht
                                                                                         die Mütze ab, ihm wird die Peitsche
                                              Gegenwind: Wie weit war das da-            weggenommen und er wird geschla-
                                            mals von der Front entfernt?                 gen. Alle haben das gesehen, über
                                                                                         all das wurde natürlich gesprochen.
                                                Karl Otto Meyer: Ach, die war noch       Ich war der einzige aus der dänischen
                                            östlich von Warschau. Ich glaube, am         Minderheit in der Kompanie, und es
                                            15. Januar bin ich desertiert, und am        überraschte mich, dass auch die Deut-
                                            16. Januar ist Warschau dann gefallen        schen sehr empört waren über diese
                                            – nicht, weil ich desertiert bin, natür-     Sachen. Und es wurde auch sonst dar-
Karl Otto Meyer ist bekannt                 lich.                                        über gesprochen. Viele hatten ältere
geworden als langjähriger Ab-                                                            Brüder, die einige Jahre schon Soldat
geordneter des SSW im schles-                  Gegenwind: Das war also eine Aus-         gewesen waren und die berichtet hat-
                                            bildungseinheit. Und wie sollte es da-       ten, was draußen passierte. Alle wuss-
wig-holsteinischen Landtag.
                                            nach an die Front gehen?                     ten, was passierte, wenn ein Land be-
Geboren 1928, wurde er 1944                                                              setzt war.
zum Kriegsdienst zur deut-                     Karl Otto Meyer: Wir kriegten                 Ich war ja vorher in Dänemark in
schen Wehrmacht eingezogen.                 Fronturlaub, wurden wieder nach              die Schule gegangen, seit August 1944
Anfang 1945 desertierte er                  Hause geschickt, und zu Hause beka-          ins Gymnasium in Sonderburg. Am 19.
und ging zum dänischen Wi-                  men wir dann den neuen Befehl. Mein          September erlebte ich den Fliegera-
derstand. 1952 sprach er sich               Gestellungsbefehl lautete Iserlohn an        larm in Sonderburg, 12 Uhr mittags.
gegen die Remilitarisierung                 der Westfront. Und da bin ich dann           Alle Polizisten sollten bei Fliegeralarm
Deutschlands aus. Er wollte                 abgehauen.                                   auf der Station sein, und dann kamen
nicht dem Staat, sondern dem                                                             deutsche Soldaten und haben alle Po-
                                               Gegenwind: Wie weit war es denn           lizisten verhaftet – und ab ins KZ. Das
Prinzip von Demokratie und
                                            den Eingezogenen bekannt, welche             habe ich ja selbst miterlebt, diese
Gerechtigkeit Loyalität schwö-              Art Krieg im Osten geführt wurde?            Sauerei, als die ganze dänische Poli-
ren – und bekam erst nach                                                                zei durch falschen Luftalarm verhaftet
zweijährigem Berufsverbot als                  Karl Otto Meyer: Ich kann von drei        wurde. Nicht alle, einige kamen noch
Lehrer vor dem Oberverwal-                  Situationen erzählen, die wir alle ge-       weg, aber sechzig Prozent kamen ins
tungsgericht Lüneburg Recht.                sehen haben. Erste Situation: Wir            KZ. Es wussten also viele, dass dieser

Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998                                13
Krieg ein Unrechtskrieg war, ein An-         nutzt du die Chance und die Kontak-         habe auch im Landtag gesagt, es ist
griffskrieg, ein Verbrechen.                 te, um über die Grenze zu kommen.           eine Schande, dass verurteilte Deser-
                                             Als der Gestellungsbefehl kam, sagte        teure noch immer als Kriminelle ge-
   Gegenwind: Waren auch die Unter-          ich meinen Kontaktleuten, ich bin be-       führt werden. Die sind ja erst jetzt
schiede bewusst, zum Beispiel zwi-           reit abzuhauen. Meine Schwester war         im Juli 1998 rehabilitiert worden. Das
schen der Besetzung Dänemarks und            damals eingezogen zur Rüstungsin-           ist wirklich eine Schande für Deutsch-
der Besetzung der Ukraine?                   dustrie in Hamburg, ich sollte mich         land! Die Deserteure mögen ja ganz
                                             am nächsten Morgen um 10 Uhr in             verschiedene Motive gehabt haben.
   Karl Otto Meyer: Für mich ja. Was         der Kaserne in Flensburg einfinden.         Aber die meisten desertierten ja, weil
ich in Polen gesehen hatte, wie Men-         Abends sagte ich zu meinen Vater, der       sie nicht länger Hitler dienen konn-
schen geschlagen wurden, das ge-             stand draußen und schaufelte Schnee,        ten. Und das muss man absolut posi-
schah ja in Polen und nicht in Däne-         das war am 14. oder 15. Januar, ich ge-     tiv beurteilen. Damit sage ich nichts
mark. Ich war zwar in Kopenhagen ge-         he jetzt und komme, wenn ich zurück-        Negatives geegenüber den Soldaten,
wesen und kannte einen Arzt, der nie         komme, erst, wenn der Krieg vorbei          die ihren Wehrdienst geleistet haben.
zu Hause geschlafen hat – denn wenn          ist. Er wusste bescheid. Es gab dann        Die meinten ja, sie tun ihre Pflicht
ein Sabotageakt stattfand, dann wur-         zwei Lehrer, die mir geholfen haben,        – ich glaube, die meisten haben ge-
den zur Vergeltung zivile Dänen er-          über die Grenze zu gehen. In Däne-          wusst, dass das nicht Pflicht war. Aber
schossen, und in Odense hatten sie           mark traf ich einen dänischen Offizier      jeder muss wissen: Die Wehrmacht
vier Ärzte auf einmal erschossen. Das        und kriegte meine neuen Papiere. Zu-        war mit verantwortlich für das, was
hatte ich erlebt, aber ich wusste trotz-     erst hieß ich Knud Magnussen, damit         passierte. Der einzelne Soldat nicht,
dem, dass der Unterschied zwischen           die Initialen auf der Wäsche und so         aber die Wehrmacht als Wehrmacht.
dem besetzten Dänemark und der               noch stimmten, später hieß ich Mag-         Die Wehrmacht hat ganz genau ge-
Ukraine oder Polen enorm groß war.           nus Knudsen, also umgekehrt, und als        wusst, dass der Krieg, den man be-
Hitler wollte ja Ruhe haben in seiner        ich meine Identität wieder wechseln         gann, ein Angriffskrieg war und ein
Speisekammer, die Speisekammer war           musste, hieß ich Knud Hansen.               Verbrechen. Man wusste, dass es
Dänemark.                                                                                nicht darum ging, die Heimat zu ver-
                                                Gegenwind: Was hast du im Wider-         teidigen, sondern darum, zu erobern
   Gegenwind: Wie ging es praktisch          stand gemacht?                              und zu unterdrücken. Wenn man das
vor sich mit dem Desertieren?                                                            erkennt, hat man nicht gesagt, dass
                                                Karl Otto Meyer: Da passierte ja         die 18 Millionen Soldaten Verbrecher
   Karl Otto Meyer: Ich habe mir das         nichts, keine Anschläge oder sowas.         waren. Aber jeder ist mitverantwort-
schon in Sonderburg, bevor ich ein-          Ich habe Kurierdienste geleistet, Waf-      lich, und aus diesem Grunde lehne
gezogen war, immer überlegt. Es gab          fen verteilt an andere Gruppen oder         ich ja auch die unbedingte Loyalität
da einige Lehrer, die hatten schon ge-       Waffen versteckt. Aber ich habe keine       ab. Das habe ich 1952 auch öffentlich
sagt: Karl Otto, wenn du weg willst,         Anschläge gemacht. Nicht, dass ich da-      gesagt, da bekam ich zwei Jahre Be-
sag bescheid, wir sorgen dafür, dass         zu nicht bereit war, ich hätte das auch     rufsverbot als Lehrer, aber das waren
du nach Schweden kommst oder in              gerne eingeräumt. Deutsche Politi-          meine Erfahrungen als Sechzehnjähri-
den Untergrund. Die anderen Lehrer           ker haben mich auch gefragt, du hast        ger: Ich bin mitverantwortlich für das
sagten, das darfst du nicht, wenn du         doch nicht etwa auf deutsche Solda-         Verbrechen, und deshalb muss ich de-
das tust, dann werden deine Eltern           ten geschossen. Ich sage, dass ich auf      sertieren. Und zu Stawitz im Landtag
bestraft oder der dänische Schulver-         keinen Menschen schießen will, ob           habe ich ja gesagt: Komm du morgen
ein, denn die hatten mich empfohlen,         er Deutscher, Franzose oder Pole ist.       mit deiner Armbinde, für die du jetzt
dass ich eine Ausreiseerlaubnis krieg-       Aber wenn ich schießen würde, dann          sprichst, dann komm ich morgen mit
te und in Dänemark zur Schule konn-          würde ich schießen für die Demokra-         meiner Armbinde, mit der Armbinde
te. Ich musste schwer mit mir ringen,        tie und nicht für die Diktatur.             des dänischen Widerstands. Die hängt
bis ich zur Erkenntnis kam, dass es                                                      hier in der Stube. Diese Herausforde-
zu gefährlich wäre für die Minder-              Gegenwind: Die Diskussion über           rung hat er nicht angenommen.
heit und für meine Eltern. Aber als ich      Deserteure dauert ja bis heute an.
dann alles in Polen sah, die drei Bei-       Ich denke an die Diskussion über ein           Gegenwind: Warum fällt es zum
spiele, da musste ich erkennen, dass         Denkmal für Deserteure, oder auch           Beispiel dieser Stadtvertretung so
ich jetzt mitverantwortlich war, ob-         die Äußerung von Ingo Stawitz von           schwer, Deserteure anzuerkennen?
wohl ich nicht beteiligt war. Aber ich       der faschistischen DLVH im Landtag          Wozu wird diese Unterscheidung ge-
stand dabei, in einer deutschen Uni-         über „alliierten Terror“.                   braucht zwischen einer SS, die Verbre-
form und mit einer Waffe und habe                                                        chen begangen hat, und einer Wehr-
nichts getan. Ich hätte mich ja min-            Karl Otto Meyer: Ich habe mich als       macht, die sauber geblieben sei?
destens neben den Geschlagenen               Chefredakteur von Flensborg Avis und
stellen müssen, aber was hätte das           als Politiker dafür eingesetzt, dass wir       Karl Otto Meyer: Ich glaube, dass
geholfen? Er wäre trotzdem geschla-          einen Gedenkstein für verurteilte De-       man Angst davor hat, dass alle, die ge-
gen worden, und ich wäre hops ge-            serteure errichten sollten. Das ist zu-     dient haben, die 18 Millionen, oder
gangen. Aber für mich war klar, wenn         letzt im April in der Stadtvertretung       deren Angehörige, dass die dann das
du zurück bist in Flensburg, dann            von Flensburg abgelehnt worden. Ich         Gefühl kriegen, wir haben Unrecht ge-

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tan. Das andere ist die Angst der Mi-       dir helfen. Willst du über die Grenze?       du musst deine Pflicht tun. Ich sagte,
litärs, das hat man mir auch 1952 in        Da sagte er zu mir: Wie groß sind mei-       Mutter, komm mir doch nicht mit so
der Urteilsbegründung in Schleswig          ne Chancen zu überleben? Ich konn-           einem Blödsinn. Wie kommst du auf
gesagt, als ich meinen ersten Prozess       te das nicht sagen, ich hatte nur diese      Pflicht, du hast doch selbst die Nazis
verloren habe, den ich erst in Lüne-        Adresse damals. Er sagte, die Chance         rausgeschmissen, als sie in unser Haus
burg gewann: Es geht nicht an, dass         ist mir zu klein. Ich habe zweieinhalb       kamen und sagten, wir sollten die Hit-
der einzelne Mensch entscheiden             Jahre in der Scheiße gelegen, ich will       ler-Fahne raushängen. Da sagte meine
kann,was Freiheit und Recht ist. Mei-       jetzt überleben, das kann nicht mehr         Mutter, ja, du hast recht. Aber wenn
ne Behauptung war ja, du kannst nicht       lange dauern. Er ist dann gefallen, am       du flüchtest, dann weiß ich nicht, wo
loyal sein gegenüber einem Staat; du        22. Dezember 1944.                           du bist. Wenn du eingezogen bist,
kannst nur loyal sein gegenüber Frei-           Aber er sprach nicht von Pflicht,        weiß ich, wo du bist, und kann in Ge-
heit und Recht. Für mich steht Ge-          von Loyalität, von der Heimat, all die-      danken bei dir sein. Aber wenn du
wissensfreiheit höher als Gesetze           se schönen Worte. Er sprach nur vom          flüchtest, weiß ich nicht, wo du bist,
oder Loyalität. Das wurde ja auch in        Überleben. Meine Chance war einfach          ich weiß nicht, ob du im Gefängnis
der Minderheit sehr verschieden ge-         viel größer. Ich hatte dann Leute, die       sitzt, ich weiß nicht, ob du schon ge-
sehen. Hier hieß es immer, wir soll-        mir über die Grenze halfen, ich hatte        tötet worden bist. So denkt eine Mut-
ten als Minderheit besonders loyale         einen Offizier des dänischen Wider-          ter, da geht es auch nicht um Pflicht
Staatsbürger sein. Man vergaß immer         stands, der Papiere hatte. Den meis-         oder all diese feinen Begriffe wie Va-
die Konfliktsituation für die einzelnen     ten ging es nur ums Überleben. Das           terlandsliebe.
Menschen, wenn sie eingezogen wer-          war ja das Problem, dass man wei-
den und dann dort stehen.                   termachte, um zu überleben, und da-            Das Interview führte Reinhard Pohl.
    Bei den meisten waren die Grün-         durch musste man das Unrecht mit-
de aber viel einfacher. Mein Bruder         machen und stand gegen Freiheit und
ist fünf Jahre älter als ich, Jahrgang      Recht.
’23. Als er 1944 zu Hause war, auf Ur-          Ich habe einmal mit meiner Mut-
laub, sagte ich: Henry, ich habe eine       ter darüber gesprochen, dass ich weg
Adresse in Dänemark, da werden sie          wollte. Da sagte meine Mutter zu mir,




Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998                              15
Militärjustiz im Zweiten Weltkrieg:

Die Hinrichtung des
Soldaten Friedrich
Rainer, 20 Jahre alt
                                         Das Besondere an den Kriegsge-          te er sich und verließ die Kaserne,
                                     richtsverfahren war, dass die Abgeur-       um mit seiner Freundin zusammen
                                     teilten der Entscheidung ausgeliefert       zu sein. Dafür wurde er mit einem
                                     waren, für sie gab es keine Möglich-        verschärften Arrest von 21 Tagen be-
                                     keiten der Berufung oder der Revisi-        straft. Während eines Bombenalarms
                                     on.                                         hatte ein Mitgefangener die Idee zu
                                                                                 fliehen. Rainer machte mit, und bei-
                                        Bei den Opfern der Wehrmachts-           de liefen zu Fuß nach Flensburg. Dort
                                     justiz, so fand Bästlein heraus, han-       trennten sie sich kurze Zeit später,
                                     delte es sich um Soldaten, die dem          weil der Kamerad über die Grenze
                                     Trommelfeuer des Fronteinsatzes             ins sichere Dänemark wollte, wo er
                                     nicht mehr gewachsen waren, die             einen Monat später die Befreiung er-
                                     das Hitlerregime kritisierten oder          leben konnte. Friedrich Rainer blieb
                                     keinen Sinn mehr in der Fortsetzung         auf der deutschen Seite und fragte bei
                                     des Krieges sahen. Viele konnten sich       verschiedenen Bauernhöfen nach Ar-
                                     einfach nicht von der Verlobten oder        beit. Eine Bäuerin schöpfte Verdacht,
                                     Freundin trennen, andere hielten die        weil er keine Papiere bei sich hatte,
                                     Schikane der Vorgesetzten nicht aus,        sie denunzierte ihn, er wurde festge-
                                     nicht wenige waren aber auch krimi-         nommen. Das war am 4. April 1945,
                                     nell oder milieugeschädigt.                 an Friedrich Rainers zwanzigstem Ge-
Die Rolle der Wehrmacht kri-                                                     burtstag.
tisch zu beleuchten ist das             Klaus Bästlein hat das Kriegsge-
Thema der demnächst in Kiel          richtsverfahren gegen den Marine-              Nun wusste zunächst keiner so
gezeigten Ausstellung. Es            Grenadier Friedrich Rainer genauer          recht, was er mit dem Deserteur ma-
                                     recherchiert, weil darin besonders          chen sollte, bis der höchste Wehr-
lohnt sich aber auch, einen
                                     deutlich wird, dass die meisten Opfer       machtsbefehlshaber an der Westküs-
genaueren Blick auf die Mili-        völlig unvorbereitet in das Räderwerk       te eine Woche später verfügte, Fried-
tärjustiz im Zweiten Weltkrieg       einer Justiz gerieten, die keine Ge-        rich Rainer vor das Kriegsgericht mit
zu werfen. Der Rechtshistori-        rechtigkeit kannte.                         Sitz in Westerland auf Sylt zu stel-
ker Klaus Bästlein hat sich mit                                                  len. Dorthin wurde der junge Soldat
diesem Thema auseinanderge-             Friedrich Rainer kam aus München,        schließlich, von zwei Soldaten be-
setzt und festgestellt, dass in      hatte nach einer schwierigen Kind-          wacht und mit Handschellen gefes-
der Zeit von 1933-45 vor den         heit Tischler gelernt und sich 1942         selt, überführt. Der Marinekriegsrich-
Kriegsgerichten mindestens           mit 17 Jahren freiwillig zur Kriegsma-      ter Walter Muysers war Vorsitzender
20.000 Wehrmachtsangehö-             rine gemeldet. Von Beginn an gab es         des Verfahrens, Hermann Buggele An-
                                     Schwierigkeiten mit der militärischen       klagevertreter. Beide galten nicht als
rige wegen „Fahnenflucht“,
                                     Disziplin, es folgten Verurteilung und      fanatische Nazis, gehörten offenbar
„Wehrkraftzersetzung“ oder           Arrest. 1945 kam Rainer zum Marine-         nicht einmal der NSDAP an. Dennoch
„Feigheit“ zum Tode verurteilt       Grenadier-Regiment Hartmann, das in         machten sie gemeinsam mit einem
worden sind.                         Husum stationiert war. Hier verlieb-        Leutnant und Obergefreiten als Bei-

16                          Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998
sitzer mit dem Angeklagten Friedrich        vor, die Briten hatten einen Tag zuvor       blieben die Kriegsrichter unbehelligt.
Rainer einen „kurzen Prozess“.              das KZ Bergen-Belsen befreit, die ers-       Trotz der hohen Zahl der von ihnen
                                            ten Berichte darüber gingen um die           verhängten Todesurteile galten die Ju-
    Im Namen des Volkes wurde Rai-          Welt. Auf Sylt aber wurde Friedrich          risten in der britischen Zone als „un-
ner im April 1945 zum Tode verur-           Rainer gefesselt auf den Richtplatz in       belastet“, so dass einige von ihnen
teilt. In der Urteilsbegründung ging        einer Dünensenke südlich von Wes-            steile Nachkriegskarrieren machen
das Gericht nicht auf Rainers schwie-       terland geführt und erschossen.              konnten: Hans-Karl Filbinger wurde
rige Kindheit ein; es blieb unerwähnt,                                                   Ministerpräsident in Baden-Württem-
dass die Flucht nicht seine Idee war           Den Recherchen von Klaus Bästlein         berg, Bernhard Lewerenz wurde Jus-
und er in Deutschland blieb, während        zufolge war dieses Todesurteil nicht         tizminister, Hartwig Schlegelberger
sein Freund über die Grenze geflohen        nur juristisch höchst zweifelhaft, sei-      Finanz-und später Innenminister in
war – alles Gründe, die auf eine unü-       ne Vollstreckung hätte ohne Schwie-          Schleswig-Holstein. Sie alle waren als
berlegte Tat aus jugendlichem Leicht-       rigkeiten verhindert werden können.          Kriegsrichter an Todesurteilen betei-
sinn hinwiesen, die man juristisch          Aber den Westerländer Marinerich-            ligt gewesen. Bis heute ist kein ein-
nicht als „Fahnenflucht“, sondern als       tern kam es offenbar darauf an, abzu-        ziger ehemaliger Kriegsrichter rechts-
„unerlaubtes Entfernen“ hätte werten        schrecken, zu disziplinieren und die         kräftig verurteilt worden, bis in die
können. Dann wäre selbst nach dama-         vielbeschworene „Manneszucht“ in             achtziger Jahre war sogar das öffentli-
liger Rechtslage ein Todesurteil nicht      der militärisch längst aussichtslosen        che Bild noch geprägt von der Militär-
auszusprechen gewesen. In der Be-           Situation aufrecht zu erhalten.              justiz als Hort der Rechtsstaatlichkeit
gründung heißt es stattdessen: „Wir                                                      innerhalb der Nazi-Diktatur. Erst der
leben in Krisenzeiten. Härteste An-            Es war nicht die letzte Hinrichtung       Hildesheimer Amtsrichter Ulrich Vul-
forderungen werden an alle gestellt,        auf der Insel Sylt. Mit vertauschten         tejus begann die kritische Auseinan-
ob alt oder jung. Höchste Opfer wer-        Rollen, Buggele als Vorsitzender und         dersetzung mit der Militärjustiz.
den gefordert. Wenn in solchem Zeit-        Muysers als Anklagevertreter, ver-
punkt ein Feigling sich dem Einsatz         hängten die beiden gegen den aus                                     Helmuth Wlazik
entzieht, kann es darauf nur eine Ant-      Westfalen stammenden Seemann Paul
wort geben: die Todesstrafe.                Fromme und den österreichischen Ar-          Klaus Bästlein: Die Hinrichtung des Fried-
                                                                                            rich Rainer im April 1945 auf Sylt. Zur
                                            beiter Franz Kwapil wegen „Fahnen-              Rolle der deutschen Militärjustiz im
   Der Termin für die Hinrichtung           flucht“, „Wehrkraftzersetzung“ und              Zweiten Weltkrieg.
wurde auf den 16. April um 6 Uhr 30         „Diebstahls“ noch am 23. April 1945
                                                                                         Sonderdruck aus: Grenzfriedensheft, Heft
festgelegt. Da setzte die Rote Armee        Todesurteile.                                   3, Flensburg, September 1989.
zur Großoffensive mit dem Ziel der
Eroberung Berlins an, die amerikani-           Nach der Kapitulation der deut-
schen Truppen rückten nach Leipzig          schen Wehrmacht am 8. Mai 1945




Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998                                    17
Schleswig-Holsteinisches Sondergericht:

Instrument des Terrors


                                       Vor Kriegsbeginn wurde jegliche          ergab sich manche Beziehung, v.a.
                                    Kritik am faschistischen Staat nach         zwischen Zwangsarbeitern und deut-
                                    dem „Heimtücke-Gesetz“ unter Stra-          schen Frauen, deren Männer oft Sol-
                                    fe gestellt und vom Sondergericht mit       daten waren. Wurden solche, teilwei-
                                    Geldbuße oder Gefängnis bestraft. De-       se lediglich freundschaftlichen, Bezie-
                                    nunziationen bei der Gestapo reich-         hungen denunziert, so verurteilte das
                                    ten hierzu völlig aus. Die „Reichstags-     Sondergericht die Frauen, da „dieser
                                    brand-Verordnung“ ermöglichte die           Umgang das gesunde Volksempfin-
                                    Verfolgung ganzer Gruppen, wie z.B.         den in gröblicher Weise verletzt“. Die
                                    der „Zeugen Jehovas“.                       Kriegsgefangenen wurden den Kriegs-
                                                                                gerichten ausgeliefert, bzw. viele pol-
                                       Nach dem Überfall auf Polen wurde        nische und sowjetische Kriegsgefan-
                                    nach der „Rundfunk-Verordnung“ das          gene „sonderbehandelt“, d.h. von der
                                    Abhören ausländischer Sender ver-           Gestapo ermordet.
                                    boten. Die „Volksschädlings-Verord-
                                    nung“ sorgte für langjährige Zuchth-           Zwei Beispiele aus Akten des Kie-
                                    ausstrafen oder die Todesstrafe, wenn       ler Sondergerichts, bei denen es um
                                    jemand die Verdunklung bei Flieger-         Verhältnisse zu französischen Kriegs-
                                    alarm oder das Chaos nach Bombar-           gefangenen ging:
                                    dierungen zum Diebstahl ausnutzte.
                                    Der Einbrecher wurde so zum „Volks-            Irene Sophie P. arbeitete seit Ju-
Nach der Absetzung der sozi-        schädling“.                                 li 1943 bei der Firma Electroacustic
aldemokratischen Regierung                                                      in Neumünster. Als Werkstattschrei-
Preußens 1932 wurden sog.              1937 wurde der Sitz des Schleswig-       berin hatte sie auch Kontakt zu den
                                    Holsteinischen Sondergerichts von Al-       dort arbeitenden Kriegsgefangenen.
Sondergerichte zur „effekti-        tona nach Kiel verlegt. Es zog in das       Sie freundete sich mit einem Fran-
ven Bekämpfung politischer          Gebäude Schützenwall 31-35.                 zosen an und wurde denunziert. Das
Unruhen“ eingerichtet. Eine                                                     Kieler Sondergericht verurteilte die
schnelle Aburteilung der Täter                                                  Frau lediglich zu 8 Monaten Gefäng-
sollte für „Ruhe und Ordnung“                                                   nis, da es nicht zum Geschlechtsver-
sorgen. Im Dezember 1932            Anklage: „Verbotener                        kehr gekommen sei und ihr der bei
wurden diese Gerichte wieder        Umgang mit                                  der Wehrmacht dienende Mann ver-
aufgehoben, um im März 1933                                                     ziehen habe.
                                    Kriegsgefangenen“
von den Nazis zur Verfolgung
ihrer politischen Gegner wie-                                                      Nicht so glimpflich kam die 27-jäh-
                                       Der Umgang mit Kriegsgefangenen          rige Mariechen S. davon, die bei den
der gebildet zu werden. Diese       war Deutschen nach der „Wehrkraft-          Nestle-Werken in Kappeln arbeitete.
Ausnahmegerichte waren Teil         schutzverordnung“ strengstens unter-        Sie hatte ein Verhältnis mit dem fran-
des faschistischen Terrorappa-      sagt. Doch durch die tägliche Arbeit        zösischen Kriegsgefangenen Chol-
rates.                              im Betrieb oder der Landwirtschaft          lot N. Das Sondergericht verurteil-

18                         Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998
te Mariechen S. zu einer Zuchthaus-         tung für das Sondergericht, da hierfür       darunter 148 zum Tode. Die rassisti-
strafe von 1 Jahr und 6 Monaten. In         in erster Linie Kriegsgerichte einge-        sche Gesetzgebung die von Richtern
der Urteilsbegründung hieß es: „Der         setzt wurden, die für „Wehrkraftzer-         und Staatsanwälten willfährig ange-
Geschlechtsverkehr einer deutschen          setzung“ in der Regel die Todesstrafe        wendet wurde, sorgte dafür, dass sehr
Frau mit einem Kriegsgefangenen ist         verhängten. Das Sondergericht verur-         viele Zwangsarbeiter zum Tode verur-
nicht nur würdelos und gefährdet das        teilte z.B. einen Schneider aus Kiel zu      teilt wurden.
Ansehen der deutschen Frau im Aus-          3 Jahren Gefängnis, weil er gegenüber
lande, er bedeutet auch eine schwere        Marineangehörigen Zweifel am Wahr-
Kränkung der deutschen Kämpfer an           heitsgehalt der Wehrmachtsberichte
der Front, vor allem der Gefallenen.“       geäußert hatte und die Belagerung            „Renazifizierung“
                                            Leningrads unchristlich fand.
   Frauen, die sexuelle Beziehungen
mit polnischen Kriegsgefangenen                 Ein anderer Fall betraf die Kiele-          Nicht nur in Wirtschaft und Politik,
hatten, wurden durch „Prangerfahr-          rin Ella Johanna Karoline G. Ihr Mann        sondern auch in der Justiz Schleswig-
ten“ öffentlich zur Schau gestellt, die     hatte sich mehrfach Heimaturlaub             Holsteins krochen schon bald nach
Kriegsgefangenen in mehreren Fällen         von der Front erschwindelt, indem            Kriegsende die alten Nazis wieder
gelyncht. So wurden 1941 im Bezirk          er die Geburt eines Kindes oder den          aus ihren Löchern. um wieder einge-
Flensburg zwei Polen, die Beziehun-         Tod der Ehefrau angab. Nach einem            stellt und in z.T. leitende Positionen
gen zu deutschen Frauen hatten, von         SeIbsttötungsversuch wurde er fest-          befördert zu werden. Ende der fünfzi-
der Polizei öffentlich gehängt.             genommen, konnte aber aus der Haft           ger Jahre sind von 22 noch dienstfähi-
                                            entkommen. Ella G. versteckte ihren          gen Richtern und Staatsanwälten des
   Von 1940 bis 1945 verurteilte das        Mann in einem extra angemieteten             Kieler Sondergerichts 21 in Schleswig-
Schleswig-Holsteinische  Sonderge-          Zimmer in einem anderen Stadtteil            Holstein wieder eingestellt worden.
richt 229 Frauen und 38 Männer we-          Kiels. Um den Verdacht von sich ab-
gen verbotener zwischenmenschli-            zulenken, fragte sie in den folgenden           Einer von ihnen war Paul Thamm.
cher Beziehungen zwischen Deut-             Monaten öfters bei der Kieler Kripo,         Er war in den letzten Kriegsjahren ver-
schen und ausländischen Zwangsar-           ob etwas über den Aufenthaltsort ih-         antwortlicher Staatsanwalt und hatte
beiterInnen.                                res Mannes bekannt geworden sei,             in dieser Zeit mehrere Todesurtei-
                                            Doch das Paar wurde verhaftet, und           le mitzuverantworten. Er blieb nach
                                            Ella G. wurde vom Sondergericht we-          1945 im Justizdienst und wurde spä-
                                            gen „Zersetzung der Wehrkraft“ zu 1          ter zum Oberstaatsanwalt am Kieler
Anklage: „Wehrkraftzer-                     Jahr und 6 Monaten Zuchthaus verur-          Landgericht ernannt.
                                            teilt. Ihr Mann brachte sich um, be-
setzung“                                    vor es zu einer Verurteilung durch ein                          Peter Meyer-Strüvy
                                            Kriegsgericht kommen konnte.
    Ein anderes Strafdelikt war die sog.
„Zersetzung der Wehrkraft“. Das war            Das Kieler Sondergericht verurteil-
allerdings nur von geringer Bedeu-          te bis Kriegsende 5220 Menschen,




Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998                               19
Zwangsarbeiter in Lübeck:

„Ich erinnere mich nur
an Tränen und Trauer“

„Wer erinnert sich nicht... Als            hen. Zu schmerzlich sind die Erinne-        zuständigen Ämtern und Ministeri-
unliebsame Gäste zeigten sich              rungen an eigenes Leid, zu schamvoll        en des Deutschen Reiches schon vor
Tausende von Ausländern, die               das Gefühl des Unrechts, das den eu-        Beginn des Zweiten Weltkrieges den
die Fürsorge der Militärregie-             ropäischen Nachbarn angetan wurde.          massenhaften Einsatz ausländischer
rung ausnutzten. Wohnungen                                                             Zwangsarbeiter in der deutschen
                                               Aus fast allen von den Deutschen        Rüstungsindustrie. Zunächst wurden
und das gesamte Mobiliar                   besetzten Ländern Europas wurden            hauptsächlich Kriegsgefangene aus
mussten herausgegeben wer-                 während des letzten Krieges Millio-         den Polen- und Frankreichfeldzügen
den. Die Fußböden als Feu-                 nen von Menschen zum „Arbeitsein-           dazu rekrutiert. Mit den steigenden
erholz verbrannt, Schränke                 satz“ nach Deutschland verschleppt.         Einberufungen deutscher Arbeitskräf-
als Kaninchenställe benutzt,               Gewaltsam wurden Frauen, Männer             te zur Wehrmacht wurden jedoch in
Frauen und Mädchen Freiwild,               und Kinder aufgegriffen, in Güterwag-       gleichem Maße Millionen von Zivil-
fast kein Tag ohne Mord und                gons verfrachtet und zum „Arbeits-          personen aus den besetzten Ländern
Kapitalverbrechen.“                        einsatz“ in ihre Bestimmungsorte            ausgehoben und zum Arbeitseinsatz
                                           transportiert. Deutsche Soldaten lie-       ins Deutsche Reich deportiert. Wäh-
                                           ßen sich dabei zu Werkzeugen eines          rend des Kriegs gab es nicht einen
   So erinnerte sich Lübecks ehemali-      gewaltigen Verbrechens machen. Die          Ort in Deutschland, in dem keine
ger Bürgermeister Otto Passarge zehn       grauen Uniformen sind vielen Opfern         Zwangsarbeiter/innen eingesetzt wa-
Jahre nach Kriegsende in einer Jubilä-     dieses Verbrechens unauslöschlich ins       ren. Der „Ausländereinsatz“ in der
umsbroschüre des Senats.                   Gedächtnis gebrannt. Ihr Auftauchen         deutschen Rüstungsindustrie ist die
                                           bedeutete für sie den Verlust ihrer Ju-     Seite des Krieges, die jedermann di-
   Auch weiten Teilen der Lübecker         gend und ein Joch fürs Leben. „Ich er-      rekt vor der eigenen Haustür wahr-
Bevölkerung ist auf die Frage nach         innere mich nur an Tränen und Trau-         nehmen musste.
den Zwangsarbeitern während des            er...“, dieser Satz, der uns von zahl-
Zweiten Weltkrieges lediglich die un-      reichen Opfern zugetragen wurde,               Auch nach Lübeck kamen in diesen
ruhige Zeit unmittelbar nach Kriegs-       könnte sicher auch von Deutschen            Jahren Zehntausende verschleppter
ende in Erinnerung. Keiner fragte          so ausgesprochen werden, sofern sie         Menschen aus dem benachbarten Aus-
sich, wie diese „unliebsamen Gäste“        sich erinnerten. Doch die meisten           land. Es handelte sich im allgemeinen
denn überhaupt nach Lübeck gekom-          Deutschen wehren sich – selbst nach         um Jungen und Mädchen zwischen 16
men waren. Die Legenden von plün-          50 Jahren Abstand zu den Schrecken          und 20 Jahren, die unter härtesten Le-
dernden und mordenden „Polenban-           des Zweiten Weltkrieges und der na-         bens- und Arbeitsbedingungen in Lü-
den“ leben bis heute weiter.               tionalsozialistischen Herrschaft in         becker Betrieben Waffen produzieren
                                           Deutschland – noch immer, sich des-         mussten.
   Wie andernorts auch hat die Nach-       sen zu erinnern.
kriegsgesellschaft in Lübeck bis heu-                                                     Erst seit etwa Mitte der achtzi-
te größte Probleme, mit ihrer Vergan-         Mit nüchternem Kalkül planten            ger Jahre ist das Schicksal der zur Ar-
genheit im „Dritten Reich“ umzuge-         die verantwortlichen Beamten in den         beit ins Deutsche Reich verschlepp-

20                                Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998
ten Kriegsgefangenen und zivilen            chen, z.B. das Schicksal der deutschen       waren ja Zustände wie im KZ.“ Das
Zwangsarbeiter Thema einer wissen-          Kriegsgefangenen und Vertriebenen            gilt in noch stärkerem Maße für äl-
schaftlichen Auseinandersetzung. Die        aufarbeiten. Eine Handvoll Lübecker          tere Besucher, die selbst Zeitzeugen/
meisten – vor allem die jüngeren –          immerhin trugen uns ihre Beobach-            innen hätten sein können. Sehr viele
Menschen wissen allerdings bis heute        tungen aus dieser Zeit vor.                  waren erschüttert, weil sie das Schick-
wenig oder nichts darüber.                                                               sal der sogenannten „Fremdarbeiter“
                                               Für die meisten Lübecker war die          ganz anders oder gar nicht wahrge-
   Auch in Lübeck rührten in dieser         Anwesenheit Tausender fremder Men-           nommen hatten. Viele Besucher be-
Zeit einige kritische Leute an diesem       schen aus halb Europa allerdings wohl        zeugten mit ihren Beiträgen im Besu-
Tabuthema, hinterfragten die Rolle          nur eine kurze Episode, eine Rander-         cherbuch, dass die Darstellung dieses
Lübecker Unternehmen während des            scheinung der schrecklichen Kriegs-          Kapitels der Stadtgeschichte und des
Zweiten Weltkrieges; doch es verging        jahre. In der Endphase des Krieges           Schicksals der vielen Opfer allen Men-
mehr als ein Jahrzehnt, bevor Bewe-         verstärkten die Nöte und Probleme            schen der Stadt nähergebracht wer-
gung in die Sache geriet.                   des eigenen Daseins die ohnehin exis-        den müsste. Auch in Anbetracht der
                                            tierende Gleichgültigkeit gegenüber          aktuellen rechtsradikalen Strömun-
    In der Nachfolge einer längeren         dem Schicksal der Ausländer/innen            gen bedarf es dieser Kenntnis.
Diskussion um einen Lübecker Indus-         und dem rassistischen Alltag. Im Rück-
triellen fasste im September 1994 die       blick gehörten die Zwangsarbeiter/               Die Ergebnisse dieser Forschung
Bürgerschaft der Hansestadt Lübeck          innen zum privaten Alltag des Krie-          mündet zunächst in einer stadtteilin-
auf Antrag der SPD den Beschluss, die       ges. Einer Erscheinung, der man da-          tegrierten Gedenkstätte in Herrenwyk,
Geschichte der während des Zweiten          mals wie heute keine allzu große Be-         einem ehemaligen Industriestandort,
Weltkrieges nach Lübeck verschlepp-         achtung zu schenken vermag.                  an dem viele hundert Zwangsarbeiter
ten ZwangsarbeiterInnen untersu-                                                         eingesetzt waren. Bei der Stadt über-
chen zu lassen und damit das Schick-           Die bedeutendste Quelle für un-           legt man ferner über die Aufstellung
sal dieser Gruppe von Opfern der na-        sere Recherchen wurden so die Le-            von Gedenktafeln und der Konzepti-
tionalsozialistischen Gewaltherrschaft      bensberichte von mehreren hundert            onierung neuer Stadtrundgänge auch
für Lübeck der Vergessenheit zu ent-        ehemaligen Zwangsarbeitern und               zu dieser Zeit. Möglicherweise lässt
reißen. Mit der Durchführung wurde          Zwangsarbeiterinnen, vor allem aus           sich eine Unterrichtseinheit für die
die Geschichtswerkstatt Herrenwyk           Osteuropa, die wir über eine groß an-        Schulen erstellen. Es gibt viele Mög-
beauftragt. Das Ergebnis dieser Un-         gelegte Fragebogenaktion erreichten.         lichkeiten, in diesem Steinbruch wei-
tersuchungen war eine Ausstellung,          Sie schilderten uns ihre beklemmen-          ter zu arbeiten. Die Erforschung wird
die vom 4. Mai 1997 bis zum 1. Febru-       den Erlebnisse und trugen so ein we-         weitergehen. Rund zwei Dutzend For-
ar 1998 mit großem Erfolg in der Ge-        nig Licht in dieses dunkle Kapitel un-       scher sind in Schleswig-Holstein mit
schichtswerkstatt Herrenwyk gezeigt         serer Stadtgeschichte, von der wir oh-       dem Thema beschäftigt und stehen
wurde. Zur Eröffnung wurden auch            ne diese nur sehr wenig hätten nach-         auch im Austausch miteinander. In Lü-
ehemalige Zwangsarbeiter/innen aus          zeichnen können: Es ist schon beängs-        beck wollen wir demnächst beispiels-
der Ukraine und Polen eingeladen.           tigend, wie ohne Erinnerung ganze            weise eine vorhandene Ausländer-
Stellvertretend für alle Opfer trug sich    Zeitumstände aus dem Bewusstsein             kartei statistisch auswerten und die
Elena Mogilnaja aus Belaja Cerkow bei       verschwinden können.                         weiteren Erkenntnisse auch publizie-
einer Audienz im Rathaus ins Goldene                                                     ren. Vielleicht kommt diese Geschich-
Buch der Stadt ein.                             Die Ausstellung war sicherlich ei-       te durch den Druck der momentanen
                                            ne interessante Anregung, sich mit           öffentlichen Diskussion um eine Ent-
   Bei einer äußerst schwierigen Quel-      der Stadtgeschichte unter neuen As-          schädigung eine neue Dynamik. Viel-
lenlage war es eine mühselige Arbeit,       pekten zu beschäftigen; sie hat vor al-      leicht wird es zu einer Kontaktaufnah-
aus den wenigen Akten und Randno-           lem viele Besucher wachgerüttelt, ih-        me mit weiteren ehemaligen Zwangs-
tizen ein anschauliches Bild von den        re Stadt einmal mit anderen Augen zu         arbeitern kommen. Auf alle Fälle darf
Lebens- und Arbeitsbedingungen die-         betrachten. Die Resonanz auf die Aus-        dieses Kapitel der Stadtgeschichte
ser Menschen herauszuarbeiten. In           stellung und ein Begleitprogramm mit         nicht wieder zwischen den vielen Sei-
den Archiven der Verwaltung und der         Führungen zu Stätten der Zwangsar-           ten einer allgemeinen Stadtgeschich-
verantwortlichen Betriebe sind kaum         beit war durchaus beachtlich. Zur Er-        te verschwinden. Doch dazu bedarf es
Akten darüber überliefert. Die Suche        öffnung kamen mehr als 200 Besucher,         des Engagements und des wachen Be-
nach Zeitzeugen in der Stadt gestal-        in ihrem Verlauf annähernd 2500. Dar-        wusstseins. Die neueste Ausstellung
tete sich nicht sonderlich ertragreich.     unter waren 39 Gruppen und Schul-            im Burgkloster über das Schicksal der
Zunächst machte es große Mühe, die          klassen mit 704 Teilnehmern/innen.           „Exodus-Juden“, die eine Schülergrup-
örtliche Presse dazu zu gewinnen,           Gerade die Schüler/innen, die sich           pe der Geschwister-Prenski-Schule er-
das Anliegen in der Öffentlichkeit be-      mit dem Thema grundsätzlich schon            arbeitete, zeigt, dass es Initiativen vor
kannt zu machen. Auf zahlreiche Auf-        im Unterricht befasst hatten, wun-           Ort gibt und die Anerkennung und Be-
rufe in der Zeitung gab es nur wenig        derten sich über den Umfang und das          achtung dieser Arbeit zeigt, dass sich
Resonanz. Und die Hälfte der Anru-          Ausmaß von Zwangsarbeit und die              diese Engagement auch lohnt.
fer bemerkte, wir sollten und lieber        teilweise menschenverachtenden Le-
über wichtigere Dinge Gedanken ma-          bens- und Arbeitsbedingungen: „Das                               Christian Rathmer

Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998                                 21
Traditionsverständnis der Bundeswehr:

„...nicht hinter
den Leistungen
der Wehrmacht
zurückstehen“
Wer nach dem Traditions-                    Einbrüche entwickelt. In den Natio-         teiligten des 20. Juli 1944; dies wurde
verständnis der Bundeswehr                  nalsozialismus waren Streitkräfte teils     von der großen Mehrheit der ehema-
fragt, dem bietet zunächst die              schuldhaft verstrickt, teils wurden sie     ligen Wehrmachtssoldaten allerdings
entsprechende Pressemappe                   schuldlos missbraucht. Ein Unrechts-        abgelehnt.
des Bundesministeriums der                  regime, wie das Dritte Reich, kann
                                            Tradition nicht begründen.“ Dies ist           Schon kurz nach der Befreiung vom
Verteidigung (BMVg) einen                   die Formel, die von der Bundeswehr          Faschismus und der militärischen Nie-
Einstieg. In der Internet-Dar-              gepflegt wird, so etwa von Volker Rü-       derlage der Wehrmacht fanden sich
stellung sind die Ausführun-                he auf der Wehrkundetagung 1995 in          ehemalige Soldaten der Wehrmacht
gen zum derzeit gültigen Tra-               München: „Die Wehrmacht war als Or-         und der SS in einer Vielzahl von Tra-
ditionserlass von 1982 – nicht              ganisation des Dritten Reiches, in ih-      ditionsverbänden zusammen. An de-
zufällig – eingerahmt von zwei              rer Spitze, mit Truppenteilen und mit       ren Spitze standen meist hochrangige
Reden Volker Rühes: Eine hielt              Soldaten in Verbrechen des National-        Offiziere der Wehrmacht oder der SS,
er im Dezember 1997 anläss-                 sozialismus verstrickt. Als Institution     von denen nicht wenige wegen Betei-
lich der Bundestagsdebatte                  kann sie deshalb keine Tradition be-        ligung an Kriegsverbrechen zu lang-
zum Vortrag des Neonazis                    gründen. Nicht die Wehrmacht, aber          jährigen Haftstrafen verurteilt, jedoch
                                            einzelne Soldaten können traditions-        bereits Anfang der fünfziger Jahre aus
Manfred Roeder an der Füh-                  bildend sein – wie die Offiziere des        der Haft entlassen worden waren.
rungsakademie der Bundes-                   20. Juli, aber auch wie viele Soldaten      Hierzu gehörten beispielsweise Gene-
wehr im Jahre 1995; die ande-               im Einsatz an der Front.“                   raloberst a.D. Hans von Salmuth, Vor-
re im Rahmen der Aktuellen                                                              sitzender des „Verbandes deutscher
Stunde des Bundestages über                     Im ersten Traditionserlass vom 1.       Soldaten“, oder SS-Brigadeführer Kurt
die Ausstellung „Vernichtungs-              Juli 1965 war selbst das Wort „Wehr-        Meyer im Vorstand der SS-Nachfol-
krieg. Verbrechen der Wehr-                 macht“ noch vermieden worden. Dies          georganisation HIAG. Generaloberst
macht 1941-1944“ im März                    entsprach dem allgemein positiven           Hans Reinhardt, im Prozess gegen
desselben Jahres.                           Bild der Wehrmacht, das in der Gesell-      das Oberkommando der Wehrmacht
                                            schaft der Bundesrepublik schon bei         in Nürnberg wegen Verbrechen gegen
                                            Gründung der Bundeswehr zehn Jahre          die Menschlichkeit und Kriegsverbre-
   Im Vorwort zum BMVg-Erlass vom           zuvor vorhanden war. „Längst“, so der       chen zu 15 Jahren Haft verurteilt, wur-
20. September 1982 heißt es u.a.:           Militärhistoriker Wolfram Wette, „hat-      de bald nach seiner vorzeitigen Haft-
„Maßstab für Traditionsverständnis          te man sich angewöhnt, in Bezug auf         entlassung Vorsitzender der Gesell-
und Traditionspflege in der Bundes-         die Nürnberger Kriegsverbrecherpro-         schaft für Wehrkunde und Herausge-
wehr sind das Grundgesetz und die           zesse von »Siegerjustiz« zu sprechen        ber der Zeitschrift Wehrkunde.
der Bundeswehr übertragenen Aufga-          und die verurteilten Wehrmachtsge-
ben und Pflichten.“ Unter Punkt I/6 ist     neräle als »sogenannte Kriegsverbre-           Diese suchten systematisch Kon-
zu lesen: „Die Geschichte deutscher         cher« zu bezeichnen.“(1) Zwar fand          takt zur im Aufbau befindlichen Bun-
Streitkräfte hat sich nicht ohne tiefe      der Erlass lobende Worte für die Be-        deswehr, wie die einem reaktionären

22                                 Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998
Soldatenbild verpflichtete „Deutsche        Offiziere konnten sich in der Truppe         nen und von der Tatsache, dass die
Militärzeitschrift“ vermerkt: „Am An-       ihrem Kerngehalt nach nie dauerhaft          Vernichtungslager weiter betrieben
fang suchten mehr oder weniger al-          durchsetzen. Von Anfang an waren sie         werden konnten, solange die Front
le sich langsam nach dem Krieg bil-         den Angriffen der militärischen Tradi-       hielt, war nicht die Rede. Statt dessen
denden Kameradschaften ehemaliger           tionalisten ausgesetzt.                      war man bemüht, mit dem Bezug auf
Wehrmachtseinheiten bei der Bun-                                                         den militärischen Widerstand gegen
deswehr Truppenteile, bei denen sie             Hierfür mag die sog. Schnez-Stu-         den Nationalsozialismus eine andere
für ihre Idee, die Tradition an ihre al-    die als Beispiel dienen. Mit der Un-         Traditionslinie aufzubauen. Für die-
ten Einheiten wachhalten zu können,         terschrift von Generalleutnant Albert        se steht inzwischen die vom BMVg
auf Gegenliebe stießen. Hier wurden         Schnez, Inspekteur des Heeres, ging          in Auftrag gegebene Wanderausstel-
dann auch Traditionsräume bzw. Flu-         das zunächst als geheim geltende Pa-         lung „Aufstand des Gewissens. Mi-
re und Treppenhäuser in den Kaser-          pier im Juli 1969 in 30 Exemplaren an        litärischer Widerstand gegen Hitler
nen oder Stabsgebäuden mit Vitrinen         die Generale der Truppe. Als Produkt         und das NS-Regime 1933-1945“. Im
und Schaukästen eingerichtet.“ (DMZ         der Heeresspitze, mitverfasst von Ge-        Mittelpunkt der Bezugnahme steht
14, 1998).                                  neralmajor Grashey und den Brigade-          dabei das gescheiterte Attentat auf
                                            generälen Karst und Schall, dokumen-         Hitler am 20. Juli 1944. Diese Bun-
    Diese Kontaktaufnahme war um so         tierten diese „Gedanken zur Verbesse-        deswehrausstellung war beispielswei-
leichter, als der größte Teil der Bun-      rung der lnneren Ordnung des Hee-            se in Frankfurt auf Initiative von CDU
deswehrsoldaten noch aus der Wehr-          res“ die militär- und gesellschaftspo-       und FDP zu sehen gewesen – quasi als
macht stammte. Die offiziöse Militär-       litischen Leitbilder fast der gesamten       Gegenstück zur Ausstellung des Ham-
zeitschrift „Europäische Sicherheit“        Führungsspitze des Heeres. In den ins-       burger Instituts für Sozialforschung,
fand es Anfang 1992 der Erinnerung          gesamt 87 Leitsätzen des Dokuments           die dort kurz vorher gezeigt worden
wert, „dass die Gründerväter dieser         wurde nicht nur eine Einschränkung           war. Diese Bundeswehrausstellung
Armee – die erste Generation der            des Rechts auf Kriegsdienstverweige-         verschweigt bzw. bagatellisiert, dass
Truppenführer, Kommandeure und              rung und verschärfter Drill für „bös-        eine beträchtliche Anzahl derjenigen,
Einheitsführer – nahezu ausschließ-         willig renitente Soldaten“ gefordert,        die am 20. Juli mitgewirkt und dabei
lich aus der deutschen Wehrmacht            sondern auch einem deutlichen Be-            vielfach ihr Leben geopfert haben, zu-
hervorgegangen sind... Sie waren            kenntnis der politischen und militäri-       vor am Rassenvernichtungskrieg teil-
aus der Wehrmacht hervorgegangen            schen Führung zur „deutschen Solda-          genommen, ihn jedenfalls strecken-
und nicht bereit, diese Herkunft zu         tentradition“ das Wort geredet. Hier-        weise gebilligt und in einigen Fällen
verleugnen oder gar das Nest zu be-         zu müsse auch die Förderung eines            aktiv vorangetrieben haben. In vielen
schmutzen, aus dem sie kamen... So          „verpflichtenden Traditionsbewusst-          Fällen waren es auch keine demokra-
ist auch vieles von dem, was die Stär-      seins“ gehören: „Es müssen vermehrt          tischen Motive, die zur Tat führten,
ke der Bundeswehr... ausmachte und          soldatische Motive herausgestellt            sondern die Sorge um den territori-
sie von fast allen Armeen in Ost und        werden, die das Traditionsbewusst-           alen Fortbestand Deutschlands bzw.
West unterschied, der unmittelba-           sein stärken...“ Entsprechende Vor-          den Zustand der Armee.
ren Überlieferung durch die aus der         stellungen hatte Heinz Karst, Inspizi-
Wehrmacht hervorgegangenen Füh-             ent des Erziehungs- und Bildungswe-             Über die zahllosen antifaschisti-
rergenerationen zu verdanken.“              sens im Heer, wiederholt an anderer          schen WiderstandskämpferInnen aus
                                            Stelle formuliert. In den von ihm ver-       der Arbeiterbewegung, deren Wi-
   Bis heute bestehen enge Verbin-          antworteten Unterlagen für die Lehr-         derstand weitaus prinzipiellerer Na-
dungen der Bundeswehr zu den Tradi-         praxis an den ihm unterstellten Schu-        tur und auch zahlenmäßig bedeut-
tionsverbänden. Ob der „Bund ehema-         len der Bundeswehr wird der „fast            samer war als der der Oberschich-
liger Stalingradkämpfer e.V. Deutsch-       planmäßigeAbbau des Geschichtsbe-            ten des Heeres und der Bürokratie,
land“ oder die „Ordensgemeinschaft          wusstseins in unserem Volk“ ebenso           schweigt sich die Bundeswehr noch
der Ritterkreuzträger“ – vielfältig sind    beklagt wie eine fortdauernde Ver-           immer weitgehend aus; oder sie dif-
die Gelegenheiten, bei denen Vertre-        zerrung der historischen „Leistungen         famierte sie – wie im Handbuch „In-
ter der Bundeswehr den „alten Kame-         unseres Volkes“. Nicht so bei Karst;         nere Führung“ als „Menschen unlau-
raden“ ihre Aufwartung machen; die          er spricht nicht von der Luftwaffe der       terer Gesinnung und fragwürdiger
Berichte in Zeitschriften wie „Soldat       ehemaligen Wehrmacht, sondern von            Zielsetzung, die es selbstverständlich
im Volk“, „Kameraden“ oder „Die Ge-         „unserer Luftwaffe“, „unserer Kriegs-        – wie auf der anderen Seite – auch im
birgstruppe“, um nur einige wenige          führung“ und „unserer besonderen             Widerstandslager gab.“ (2) Eine Wür-
zu nennen, legen hiervon jeden Mo-          Stärke“ und verknüpft mit dieser dis-        digung und positive Bezugnahme auf
nat beredtes Zeugnis ab.                    tanzlosen Identifikation die Bundes-         Formen des militärischen Ungehor-
                                            wehr nahtlos mit der Wehrmacht.              sams jenseits des Elite-Widerstandes
   Die „allgemeine, reaktionäre Aus-                                                     – Stichwort: Deserteure – hat die Bun-
richtung der Truppe auf das Modell             Eine offensive Kritik an der Wehr-        deswehr bis heute gescheut.
Wehrmacht“ (Wette) prägte die Bun-          macht hatte es auch von den „Refor-
deswehr in ihren Grundstrukturen;           mern“ um General Baudissin nicht ge-            Zwar heißt es im Traditionserlass,
die mit dem Begriff „Innere Führung“        geben; von den Kriegsverbrechen und          dass „politisch-historische Bildung
verbundenen Ansätze einiger liberaler       der Beteiligung der Wehrmacht an ih-         entscheidend zur Entwicklung eines

Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998                               23
verfassungskonformen Traditionsver-           dung Erzbergers mit den Worten „den         raden“ in der „Deutschen Militärzeit-
ständnisses (beiträgt)“; in der aktuel-       Schädling sind wir los“ kommentierte        schrift“, denn auch „in der Bundes-
len Handreichung „Pausengespräche.            und die versuchte Ermordung Hitlers         wehr“ würde man „die Vorbildfunkti-
Politische Bildung in Stichworten“,           am 20. Juli 1944 als „fluchwürdiges         onen, die wir in der Wehrmacht und
erarbeitet vom Generalstabsoffizier           Attentat“ verurteilte. Nach ihm sind        vor allem in den militärischen Leistun-
Rainer Oestmann, tauchen die Stich-           mehrere Bundeswehrkasernen be-              gen von einzelnen finden, in schwie-
worte Tradition oder Wehrmacht al-            nannt.                                      rigen Situationen brauchen, um für
lerdings nicht einmal auf, so dass                                                        einen eventuell wirklichen Einsatz in
von einer nicht auf der Eigeninitiati-           In Schleswig-Holstein tragen bei-        einer scharfen kriegerischen Ausei-
ve einzelner Offiziere beruhenden Bil-        spielsweise in Rendsburg („Rüdel“)          nandersetzung Maßstäbe setzen zu
dungsarbeit über die Verbrechen der           und Appen („Marseille“) Kasernen            können“ (DMZ 14/1998).
Wehrmacht in der Bundeswehr kaum              die Namen von Wehrmachtsangehö-
gesprochen werden kann. Als ein Bun-          rigen; bei den schwimmenden Einhei-             Wie die Bundeswehr in den letz-
deswehroffizier anlässlich der Diskus-        ten wurde gerade der Zerstörer „Rom-        ten Jahren zunehmend kriegsfähig
sionen um die Ausstellung „Vernich-           mel“ außer Dienst gestellt. Bundes-         gemacht wird, so erfahren die „mi-
tungskrieg. Verbrechen der Werhr-             wehreinrichtungen, deren Namensge-          litärhandwerklichen Qualitäten“ der
macht 1941- 1944“ in der Zeitschrift          ber aus der NS-Opposition kommen,           Wehrmacht verstärkt Aufmerksam-
„Truppenpraxis/Wehrausbildung“ auf            sind auch im Norden deutlich in der         keit. Das Kommando Spezialkräf-
die stattliche Liste der Kriegsverbre-        Minderheit. In Husum wurde die Ka-          te (KSK) der Bundeswehr hat bereits
cher hinwies, die in den Reihen der           serne nach Julius Leber benannt, in         kurz nach seiner Gründung offiziell
Wehrmacht tätig waren, hagelte es             Eckernförde gibt es den Kranzfelder         die Patenschaft für das Kameraden-
Proteste.                                     Hafen.                                      hilfswerk der ehemaligen 78. Sturm-
                                                                                          und Infanteriedivision der Wehrmacht
    In den Richtlinien zum Traditions-           Wo es in der Vergangenheit ver-          übernommen. Diese sog. Eliteeinheit
erlass von 1982 heißt es unter Ziffer         einzelt Bemühungen gab, Namens-             war – daran hat kürzlich Tobias Pflü-
III/29 „Kasernen und andere Einrich-          änderungen bei Kasernen durchzu-            ger von der Informationsstelle Milita-
tungen der Bundeswehr können mit              setzen (z.B. bei der Füssener „Dietl-       risierung e.V. erinnert – auch an Ver-
Zustimmung des Bundesministeriums             Kaserne“), sind diese von der Bun-          brechen an der sowjetischen Zivilbe-
der Verteidigung nach Persönlichkei-          deswehr nicht unterstützt worden.           völkerung beteiligt.
ten benannt werden, die sich durch            Stattdessen wurden auch in jüngster
ihr gesamtes Wirken oder eine her-            Zeit Bundeswehr-Einrichtungen nach             Dass der Geist des militärischen
ausragende Tat um Freiheit und Recht          Helden des Nazi-Krieges benannt. So         Traditionalismus auch in der Bundes-
verdient gemacht haben.“ Zu „Per-             trägt das in Rostock stationierte Jagd-     wehrspitze geteilt wird, hat ein Ende
sönlichkeiten“ dieser Art haben die           geschwader 73 seit Mitte September          März 1998 in der „Frankfurter Allge-
politische und militärische Führung           1997 den Namen ,,Johannes Stein-            meinen Zeitung“ erschienener Auf-
der Bundeswehr seit jeher deutsche            hoff “. Dieser hatte dem NS-Staat bis       satz des Inspekteurs des Heeres, Ge-
Militärs gezählt, die am imperialisti-        zuletzt gedient, als Kommodore des          neralmajor Jürgen Reichardt, deutlich
schen Ersten Weltkrieg, in der Legi-          Jagdgeschwaders 77, als Oberst und          gemacht. Auch darin wird mittels der
on Condor auf Seiten der Franco-Fa-           1944 ausgezeichnet mit einem der            Rekultivierung eines traditionalisti-
schisten und/oder am Vernichtungs-            höchsten Orden der Nazis. Dies stand        schen Soldatenbildes rückwärtsge-
krieg der Wehrmacht teilnahmen. (3)           – wie in vielen anderen Fällen – einer      wandte Sinnstiftung betrieben und
1964/65 benannte die Bundeswehr               späteren Karriere in der Bundeswehr         eine Orientierung auf die vorgeblich
knapp 30 Kasernen nach Helden des             nicht im Wege. Er brachte es Ende der       ewig gültigen soldatischen Tugenden
Wehrmacht, darunter General Dietl             sechziger,Jahre bis zum Inspekteur          vorgenommen.
und Oberst Mölders. Im Tagesbefehl            der Bundesluftwaffe.
Görings vom 24. November 1941 zum                                                                                  Fabian Virchow
Tod von Mölders hieß es: „So wird                 Die Truppe beruft sich in jüngster
Oberst Mölders in der Luftwaffe wie           Zeit wieder ausdrücklich auf solche         Anmerkungen:
                                                                                          (1) zit. nach Wette, Wolfram: Bilder der
in der Geschichte des deutschen Vol-          kriegserprobten Vorgänger, nachdem              Wehrmacht in der Bundeswehr. In:
kes bis in alle Ewigkeit fortleben. Sein      die letzten kriegsgedienten Soldaten            Blätter für deutsche und internationale
                                                                                              Politik 2/1998, S. 187.
Andenken soll uns stolze Tradition            in der Zeit zwischen 1985 und 1988          (2) zit. nach Thielen, Hans-Helmut: Der
und stets Vorbild höchster militäri-          die Bundeswehr verlassen haben. Die             Verfall der Inneren Führung. Frankfurt
scher Tugend sein.... Darum vorwärts,         deutsche Armee wolle „nicht hinter              1970.
                                                                                          (3) vgl. Knab, Jakob: Das Traditionsver-
Kameraden, zum Endsieg im Geist un-           den Leistungen der Wehrmacht zu-                ständnis der Bundeswehr. Berlin 1995;
seres unvergesslichen Helden.“ Oberst         rückstehen“ – so zitiert zum Beispiel           Brieden, Hubert / Dettinger, Heidi /
Mölders ist für alle Teilstreitkräfte der     die Reservistenzeitschrift „loyal“ Ge-          Hirschfeld, Marion: „Ein voller Erfolg
                                                                                              der Luftwaffe“. Die Vernichtung Guer-
Bundeswehr traditionswürdig.                  neralleutnant Werner von Scheven,               nicas und deutsche Traditionspflege.
                                              Vizechef der in der ehemaligen DDR              Neustadt 1997.
   Das gilt auch für August von Ma-           stationierten Bundeswehrtruppen am
ckensen, der im Ersten Weltkrieg              3. Oktober 1990 in Straußberg. Ähn-
Giftgas einsetzte, später die Ermor-          lich sieht man es bei den „alten Kame-

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Ausgewählte Literatur zum Thema
Wehrmachtsverbrechen:

„Maßstab unserer
Diskussion ist die
Würde der Opfer“

Die Ausstellung „Vernich-                   liche Grundlage der Ausstellung dar-         Naumann in ihrer Einleitung formu-
tungskrieg. Verbrechen der                  gelegt, die sich auf die Mittäterschaft      lierte Charakterisierung der Mann-
                                            der Wehrmacht an drei Großverbre-            schaftsgrade, d.h. der einfachen Sol-
Wehrmacht 1941-1944“ des
                                            chen bezieht: die Vernichtung der            daten, die sich im Verlauf dieses ent-
Hamburger Instituts für So-                 Juden, den Massenmord an den sow-            grenzten, sich radikalisierenden Krie-
zialforschung repräsentiert                 jetischen Kriegsgefangenen und den           ges nicht mehr von der „Mentalität
historische Erkenntnisse, die,              Terror gegen die Zivilbevölkerung.           der Himmlertruppe“ (S. 30), also der
ständig erweitert, seit Jahr-               Das inhaltliche und geographische            SS, unterschieden habe. Und zum
zehnten bekannt sind. Eine                  Spektrum der Beiträgen reicht dabei          anderen die Frage, in wieweit es ein
kleine Auswahl der aktuell vor-             über das in der Ausstellung gezeigte         „Vernichtungsprogramm der Wehr-
liegenden Veröffentlichungen                hinaus. So wird z.B. die Wehrmacht in        macht“ gab, das „in Zielsetzung und
soll an dieser Stelle vorgestellt           Griechenland behandelt, die Ermor-           Begründung rassistisch“ war (Heer, S.
werden.                                     dung italienischer Kriegsgefangener,         74). Die Qualität und das Spektrum
                                            die Idee des Vernichtungskrieges von         der Beiträge machen diesen Band
                                            Clausewitz über Ludendorff bis Hitler,       zum Standardwerk. Er ist jetzt nur
   Zur Ausstellungseröffnung erschien       die Frage, wie Frauen Krieg führen,          noch beim Zweitausendeins-Versand,
im März 1995 ein fast 700 Seiten star-      die juristische Verfolgung von Kriegs-       Frankfurt erhältlich, wurde aber ge-
ker, von Hannes Heer und Klaus Nau-         und NS-Verbrechen und der Kampf um           genüber der ursprünglichen Ausgabe
mann herausgegebener Sammelband             die Erinnerung. Eine Vielzahl wichti-        der Hamburger Edition um ein Orts-
mit 29 wissenschaftlichen Aufsätzen,        ger und interessanter Aspekte also,          und Personenregister erweitert und
die nicht nur von MitarbeiterInnen          die detailliert dargestellt werden. Ihre     ist jetzt mit 30 DM ausgesprochen
des Instituts, sondern auch von an-         Zusammenführung weist in die Rich-           günstig.
deren WissenschaftlerInnen verfasst         tung einer Gesellschaftsgeschichte
wurden, die zum Teil bereits seit vie-      des Krieges, die weit über eine her-             Ebenfalls im Frühjahr 1995 erschie-
len Jahren zu diesem Themenkomp-            kömmliche Kriegsgeschichte hinaus            nen zwei kleine Bände in der Hambur-
lex arbeiten: Hannes Heer / Klaus Nau-      geht, und die Wehrmacht „als Apparat         ger Edition, die gleichsam als zusätz-
mann (Hg.): „Vernichtungskrieg. Ver-        einer gewaltorientierten Gesellschaft“       liche Quellensammlungen die Aussa-
brechen der Wehrmacht 1941-1944“.           (Heer, S. 75) begreift.                      gen der Ausstellung stützen sollen:
Der Band enthält zudem eine Anzahl                                                       Hannes Heer (Hg.): „»Stets zu erschie-
von Fotos, die eigenständig präsen-            Das ist eigentlich die Debatte, die       ßen sind Frauen, die in der Roten Ar-
tiert werden und jeweils den Wehr-          durch die Ausstellung ausgelöst wer-         mee dienen«. Geständnisse deutscher
machtssoldaten, die sie aufgenom-           den soll. Besonders zwei Thesen wer-         Kriegsgefangener über ihren Einsatz
men oder gesammelt haben bzw. bei           den dabei in der Öffentlichkeit, aber        an der Ostfront“ und Walter Mano-
sich trugen, zugeordnet werden. In          auch in der Forschung kontrovers dis-        schek (Hg.): „»Es gibt nur eines für
den Aufsätzen wird die wissenschaft-        kutiert. Zum einen die von Heer und          das Judentum: Vernichtung«. Das Ju-

Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998                               25
denbild in deutschen Soldatenbriefen        mals gezeigten Fotos werden in dem          chen Auseinandersetzungen. In Ba-
1939-1944“. Der erste Band sammelt          großformatigen Katalog übersicht-           den-Württemberg verhinderten CDU,
Zeugnisse deutscher Soldaten, die in        lich präsentiert. Er ist eine reine Re-     FDP und „Republikaner“ allerdings
der Sowjetunion in Kriegsgefangen-          produktion der Ausstellung und dann         im Mai 1995, dass die Ausstellung
schaft gerieten und auf Befehl der La-      gewinnbringend zu nutzen, wenn z.B.         im dortigen Landtag gezeigt wurde.
gerkommandanten handschriftliche            bestimmte Texte oder Fotos später           Auch in Hessen gelang dies der CDU.
Berichte über eigene und miterlebte         noch einmal angeschaut werden sol-          Im November 1996 entbrannte in der
Greueltaten verfassen mussten. Die          len.                                        Bremer Großen Koalition ein heftiger
im zweiten Band auszugsweise abge-                                                      Streit darüber, ob die Ausstellung im
druckten Feldpostbriefe zeigen deut-            Zeitgleich zur Ausstellungser-          Mai 1997 im Bremer Rathaus gezeigt
lich die Verbreitung judenfeindlicher       öffnung erschien eine Ausgabe der           werden sollte. Letztendlich gab es
Stereotypen, die von einer Fülle anti-      „Zeit-Punkte“, einer losen Folge von        aber bereits einen Vertrag zwischen
jüdischer Forderungen begleitet wer-        Sonderdrucken der Hamburger Wo-             Institut und Senat, und die AusstelI-
den, die so sehr den von oben vorge-        chenzeitung „Die Zeit“, in der bereits      ung wurde wie geplant gezeigt. Zwei
gebenen Überzeugungen und Ansich-           veröffentlichte Artikel gemeinsam           Bücher dokumentieren diese Kontro-
ten entsprachen. Der Herausgeber            mit Originalbeiträgen aktuelle Dis-         verse. Zum einen ist dies H. Donat/
betont, dass zu einer Mentalitätsge-        kussionen behandeln: „Zeit-Punkte           A. Strohmeyer (Hg.): „Befreiung von
schichte der einfachen Soldaten auch        3/1995: Gehorsam bis zum Mord. Der          der Wehrmacht?“. In diesem Band
ihre „rassistischen Anschauungen und        verschwiegene Krieg der deutschen           beleuchten im ersten Teil Historiker
Taten“ (S. 7) gehören.                      Wehrmacht – Fakten, Analysen, Debat-        und Journalisten das Thema Wehr-
                                            te“. Auf knapp der Hälfte der gut 100       machtsverbrechen. Gut 150 der 250
   Die beiden Quellenbände sind eine        Seiten schildern ausgewiesene Fach-         Seiten sind einer ausführlichen Doku-
gute Ergänzung des eigentlichen Aus-        leute die „Blutspur durch Europa“, die      mentation der Auseinandersetzung in
stellungskatalogs, der erst im März         die Wehrmacht gezogen hat. Im zwei-         Bremen gewidmet, am Schluss gibt es
1996 erschien: Hamburger Institut für       ten Teil geht es um „Soldaten, Partei-      sogar eine z.T. auch die bundesweite
Sozialforschung (Hg.): „Vernichtungs-       genossen, Deserteure“. Besonders in-        Diskussion berücksichtigende Biblio-
krieg. Verbrechen der Wehrmacht             teressant ist das Interview mit Man-        graphie zur Debatte. Auffällig ist im-
1941 bis 1944. Ausstellungskatalog“.        fred Messerschmidt, dem Nestor der          mer wieder, dass das Niveau der Kri-
In der Einleitung betont Hannes Heer,       bundesdeutschen Militärgeschichts-          tiker der Ausstellung oft nicht beson-
dass es gelte, „die Realität eines gro-     schreibung. Hier wird in klaren Wor-        ders hoch ist. Häufig wird kritisiert,
ßen Verbrechens zu akzeptieren“.            ten der Stand der Forschung umrissen        dass nicht alle 19 bis 20 Millionen (!)
Die deutsche Militärgeschichtsschrei-       (zu dem auch die militärische Kalku-        Männer, die im Verlaufe des Zweiten
bung, die viel zu seiner Erforschung        lation des Hungertodes von Gefange-         Weltkrieges in der Wehrmacht Dienst
beigetragen habe, weigere sich aber         nen und Zivilbevölkerung zur Siche-         getan haben, Verbrecher gewesen sei-
„einzugestehen, dass die Wehrmacht          rung der eigenen Versorgung gehört)         en, obwohl das weder die Ausstellung
an allen Verbrechen aktiv und als Ge-       und deutlich die aktive Machtpolitik        noch die entsprechende Forschung
samtorganisation beteiligt war.“ (bei-      der Militärs benannt, die zum Bündnis       behaupten.
de Zitate: S. 7). Zur Stützung dieser       mit Hitler und den Nationalsozialisten
heftig umstrittenen These präsentie-        führte. Von den großformartig repro-            Vor der Eröffnung fand in Bremen
ren die Ausstellung und der sie doku-       duzierten Fotos fiel besonders eines        am 26. Februar 1997 dann eine Fach-
mentierende Katalog drei Beispiele:         auf: Es zeigt den mir bis dahin unbe-       tagung statt, die offensichtlich die
den Partisanenkrieg in Serbien (Mas-        kannten Schwur von Heimkehrern aus          Thesen der Austellung (und ja damit
senmorde an der Zivilbevölkerung als        sowjetischer     Kriegsgefangenschaft       auch der Forschung) etwas abfedern
Partisanenbekämpfung getarnt), die          am 13. Dezember 1955 im Durch-              sollte. Sie ist bei Hans-Günther Thie-
6. Armee auf dem Weg nach Stalin-           gangslager Friedland. Sie schworen          le (Hg.): „Die Wehrmachtsausstellung.
grad (u.a. Beteiligung am Massaker          damals, „vor dem deutschen Volk und         Dokumentation einer Kontroverse“
von Babi Jar) und die dreijährige Be-       bei den Toten der deutschen und so-         dokumentiert. Es gab zwei Arbeits-
satzung Weißrusslands (der östliche         wjetischen Wehrmacht, dass wir nicht        gruppen: eine zum Thema „Wird die
Bereich blieb während der gesamten          gemordet, nicht geschändet und nicht        Ausstellung den Soldaten der Wehr-
Besatzungszeit unterm Kommando              geplündert haben. Wenn wir Leid und         macht gerecht?“, die andere behan-
der Wehrmacht, deren Beteiligung am         Not über andere Menschen gebracht           delte „Die Armee im demokratischen
Holocaust an den sowjetischen Juden         haben, so geschah das nach den Ge-          Rechtsstaat“. Das grundlegende Ein-
offensichtlich ist). Eine eigene Abtei-     setzen des Krieges!“                        gangsreferat hielt der Historiker
lung gilt zusätzlich der Schwierigkeit,                                                 Hans-Adolf Jacobsen, selbst Kriegs-
die Verbrechen der Wehrmacht nach-             Zu den Gesetzen des Krieges kom-         teilnehmer, über „Die Rolle der Wehr-
zuweisen: „Verwischen der Spuren.           men wir gleich noch, zunächst soll          macht im Dritten Reich (1933-1945)“.
Vernichtung der Erinnerung“.                noch auf einige Veröffentlichungen          Den Veteranen des Krieges, also auch
                                            hingewiesen werden, die sich direkt         sich selbst, schreibt er dabei folgen-
   Die erläuternden Texte, manchmal         auf die Ausstellung beziehen. In vie-       des ins Stammbuch: „Es geht hier gar
ausführlichen Auszüge aus schriftli-        len Orten, in denen sie gezeigt wur-        nicht im letzten um das, was wir da-
chen Quellen und die teilweise erst-        de, gab es keine größeren öffentli-         mals subjektiv empfunden oder er-

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lebt haben, sondern um das, was wir         ration gegen die Ausstellung, Berichte       do der Wehrmacht“. Mit dem Anhang
heute objektiv feststellen können.“ Er      des Betreuungspersonals in der Aus-          hat das Buch über 1000 Seiten. Fried-
sieht zwar meines Erachtens weder           stellung, Eintragungen in das Besu-          rich stellt das ganze Thema unter das
die Rolle der Reichswehr als Bünd-          cherbuch, Briefe zur Ausstellung und         Licht des Kriegsrechtes in seinem his-
nispartner der Nazis richtig noch in        das Begleitprogramm) im Zusammen-            torischen Werdegang und in seinen
letzter Konsequenz das Verhalten der        hang der Ausstellung, ergänzt noch           Ausformungen. Er betont dabei die
Wehrmacht in der Sowjetunion. Aber          durch einen kleinen Abschnitt mit            neue Qualität des „totalen Krieges“,
richtig ist, dass „die Soldaten vor und     Fotos. Bemerkenswert die Bilanz: Es          der nicht mehr nur oder hauptsäch-
die SS hinter der Front denselben           waren erweiterte Öffnungszeiten nö-          lich Soldaten umfasst, sondern die ge-
Krieg geführt haben“ (S. 27). Jacobsen      tig, trotzdem gab es zeitweise lange         samte Gesellschaft – eine Theorie, die
räumt, für die Millionen Soldaten, ein,     Wartezeiten für die BesucherInnen,           international entwickelt wurde. In sei-
dass „wir letzten Endes historisch ge-      auch die Anzahl verkaufter Katalo-           nem Bezug auf die Prozess-Akten, die
sehen Mittäter gewesen sind“ (S. 27).       ge und anderer Materialien erreichte         im Bayerischen Staatsarchiv Nürnberg
Die Schwierigkeiten dieser Position         Rekordniveau. Die Rechtsradikalen er-        auch in einer deutschen Übersetzung
werden deutlich, wenn er am Ende            reichten bei ihrer Demonstration am          vorliegen, behandelt er im Prinzip al-
doch wieder „Respekt“ für die „Leis-        1. März 1997 mit ca. 5000 Teilneh-           le Themenkreise, die die Problema-
tung“ der Soldaten fordert, die nicht       merInnen wohl auch die bundesweit            tik Wehrmachtsverbrechen betreffen.
Täter oder Mittäter im engeren juristi-     maximal mögliche Mobilisierung. Die          Er schildert die hartnäckige Verteidi-
schen Sinne waren. Die Opfer werden         Veteranen u.a. werden bei anderen            gung der Militärs, die vieles erst dann
nur am Schluss kurz erwähnt, auch ih-       Gelegenheiten aber auch nicht stän-          zugestehen, wenn die Beweislast er-
nen müsse immer wieder klar formu-          dig dabei sein. Die Zahl der Gegen-          drückend wird. Aber oft wird auch
lierter „Respekt“ entgegengebracht          demonstrantInnen war ungefähr dop-           dann noch geleugnet. Friedrich ver-
werden (S. 29).                             pelt so groß.                                weist häufig darauf, dass Verbrechen
                                                                                         oft nicht in erster Linie aus ideologi-
    In der ersten Arbeitsgruppe stellte         Der andere Band ist Heribert Prantl      schen, sondern aus professionellen
der Bremer Direktor der Forschungs-         (Hg.): „Wehrmachtsverbrechen. Eine           Gründen begangen werden. Das Ziel
stelle Osteuropa an der dortigen Uni-       deutsche Kontroverse“. Auf knapp             war es, den Krieg zu gewinnen, dazu
versität, Wolfgang Eichwede, das aber       350 Seiten finden sich viele Beiträge,       waren alle Mittel recht, überspitzt ge-
wieder vom Kopf auf die Füße: „Maß-         die sich auf die allgemeine Diskussion       sagt, sogar nicht-terroristische. Diese
stab unserer Diskussion ist die Würde       über Wehrmachtsverbrechen bezie-             Ideologie und Militär trennende Argu-
der Opfer. Vor ihnen haben wir – die        hen, z.B. Eröffnungsreden aus ande-          mentation und die gesamte Tendenz
Deutschen damals und die Deutschen          ren Städten, nochmal die Bundestags-         des Buches wurden von Hannes Heer
heute – uns zu verantworten. Die Fra-       sitzung vom 13. März 1997, aber auch         in einer ausführlichen Rezension im
gen an die Wehrmacht begründen              wissenschaftliche Beiträge, z.B. von         „Mittelweg 36“ (1/94), der Zeitschrift
sich in dem Schicksal der Opfer. Wie        Wolfram Wette. Das Spektrum reicht           des Hamburger Instituts für Sozialfor-
sie – von niemandem bestritten – Ex-        dabei in einem kleinen Beitrag weit          schung, scharf kritisiert. Vielen Kri-
aktheit und Differenzierung verlan-         nach rechts, bis zu Franz W. Seidler,        tikpunkten ist zuzustimmen, einen
gen, erlauben sie keine Strategie der       Historiker an der Universität der Bun-       „Freispruch der Generäle“, den Heer
verschweigenden       Rechtfertigung.“      deswehr in München, der durch zwei           konstatiert, sehe ich aber nicht. Be-
(S. 33).                                    dubiose Veröffentlichungen zur Kolla-        stimmte Formulierungen und Begriffe
                                            boration mit den Nazis in Europa und         stoßen allerdings ab, z.B. wenn Fried-
   Der Band ist herausgegeben im            zu Verbrechen an der Wehrmacht ein           rich wiederholt von „Wirtsvölkern“ (S.
Auftrage der Bremer Landeszentrale          herausragender Vertreter der Rehabi-         780, 783) spricht, in deren Mitte es
für Politische Bildung und auch über        litierung der Soldaten Hitlers ist. Sein     auch eine jüdische Bevölkerung gebe.
die Bundeszentale und die Landes-           Beitrag ist dem Magazin „Focus“ ent-
zentralen kostenlos erhältlich.             nommen, das schon das letztgenann-               Das öffentliche und wissenschaftli-
                                            te Buch positiv aufgenommen hatte,           che Bild der Wehrmacht wurde in der
    Die besonders von der Rechten,          und das auch, in diesem Band noch            Nachkriegs-BRD aber nicht durch die
d.h. von CSU bis NPD, außerordent-          einmal gedruckte, Fälschungsvorwür-          Prozesse bestimmt. Populäre Darstel-
lich heftig geführte Auseinander-           fe gegen die Ausstellungsmacher er-          lungen, z.B. in Zeitschriften und Ki-
setung um die Ausstellung in Mün-           hoben hatte.                                 nofilmen, und Offiziersmemoiren be-
chen, die auch im Bundestag ihren                                                        stimmten die öffentliche Erinnerung.
Widerhall fand, ist in zwei Veröffent-         Verbrechen der Wehrmacht waren            Hier werden dann militärische Tugen-
lichungen das Thema. Das günstige           auch Thema der Nürnberger Prozes-            den (etwa Loyalität, Treue und Pflicht-
Taschenbuch Landeshauptstadt Mün-           se nach dem Krieg. Über den OKW-             erfüllung) gelobt, die NS-Führung nur
chen, Kulturreferat (Hg.): „Bilanz einer    Prozess (OKW = Oberkommando der              wegen militärischer Inkompetenz kri-
Ausstellung“ dokumentiert auf über          Wehrmacht) liegt seit einiger Zeit eine      tisiert, weniger oder gar nicht wegen
300 Seiten eine Vielzahl von Äuße-          Veröffentlichung vor: Jörg Friedrich:        ihrer Verbrechen. Das NS-System ins-
rungen (Reden, eine Stadtratssitzung,       „Das Gesetz des Krieges. Das deut-           gesamt wird von den Offizieren häufig
die Zeitungsberichterstattung – auch        sche Heer in Rußland 1941 bis 1945.          von Kritik verschont, hatte es ihre Kar-
international, auch zur NPD-Demonst-        Der Prozeß gegen das Oberkomman-             riere doch erst ermöglicht. Erst in den

Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998                                27
sechziger Jahren änderte sich das. Das      gefangenen in immer düsterem Lichte         wo über 200.000 Menschen ermordet
historische Gutachten für den Frank-        erscheint. Zusammenfassend betont           wurden. Das sind vermutlich Orte, die
furter Auschwitzprozess des Jahres          er, dass die Forschungsergebnisse gar       in Deutschland die wenigsten kennen.
1963, das das Gericht beim Münchner         nichts anderes zulassen, als die Wehr-      Kohl lässt die Menschen erzählen, wie
Institut für Zeitgeschichte anforderte,     macht als „verbrecherische Organisa-        das Grauen in Form der verschiedens-
war lange ein Standardwerk und ent-         tion“ zu bezeichnen (S. 24).                ten deutschen Truppenverbände zu
hält auch das die Wehrmacht direkt                                                      ihnen kam.
betreffende Kapitel „Kommissarbe-              Die Rolle der Einsatzgruppen der
fehl und Massenexekutionen sowjeti-         Sicherheitspolizei und des SD wurde             Als Einführung geeignet ist meines
scher Kriegsgefangener“. Hier wurde         1981 von Helmut Krausnick und Hans-         Erachtens Walter Manoschek (Hg.):
auch der politische Rahmen der nati-        Heinrich Wilhelm untersucht. Der            „Die Wehrmacht im Rassenkrieg. Der
onalsozialistischen Kriegsziele, wenn       erste Teil dieser Arbeit liegt auch als     Vernichtungskampf hinter der Front“.
auch knapp, umrissen. Verfasser ist         Taschenbuch vor: Helmut Krausnick:          Die zehn Aufsätze des Bandes bie-
der bereits oben erwähnte Hans-             „Hitlers Einsatzgruppen. Die Truppe         ten gründliche wissenschaftliche Er-
Adolf Jacobsen. Veröffentlicht wurde        des Weltanschauungskrieges 1938-            örterungen zu einem großen Teil
das Gutachten erstmals 1965 und es          1942“. Hier wurde detailliert nachge-       der wichtigsten Aspekte des Wehr-
ist immer noch lieferbar: Hans Buch-        wiesen, dass die Wehrmacht nicht nur        machtsthemas. Hervorheben möch-
heim, Martin Broszat, Hans-Adolf Ja-        Kenntnis vom Wüten der Einsatzgrup-         te ich zwei Beiträge. Zum einen den
cobsen und Helmut Krausnick: „Ana-          pen, die Vernichtungsaktionen hinter        von Wolfram Wette: „»Rassenfeind«
tomie des SS-Staates“.                      der Front durchführten, hatte, son-         – Antisemitismus und Antislawismus
                                            dern auch mit ihnen kooperierte.            in der Wehrmachtspropaganda“. Wet-
   Die deutsche Veröffentlichungs-                                                      te stellt heraus, dass die NS-Rassen-
praxis der bedeutendsten Gesamtdar-             Bereits 1963 erschien eine von ei-      ideologie „sowohl antisemitisch als
stellung des Holocaust, Raul Hilberg:       ner sowjetischen Historikergruppe           auch antislawisch“ (S. 57) war. Diese
„Die Vernichtung der europäischen Ju-       herausgegebene Dokumentensamm-              Ideologie hatte eine Praxis und wahr-
den. Die Gesamtgeschichte des Holo-         lung in deutscher Sprache, die 1987 in      scheinlich mussten – außerhalb mili-
caust“, die auch den Anteil der Wehr-       der BRD noch einmal aufgelegt wurde.        tärischer Kampfhandlungen – „mehr
macht an der Judenvernichtung einge-        Da auch diese Ausgabe schon wieder          slawische Menschen ihr Leben las-
hender behandelt, verdient, erwähnt         vergriffen war, ist es erfreulich, dass     sen (...) als Juden“ (S. 57). In den mi-
zu werden. In den USA erschien sie          sie seit 1997 wieder vorliegt: „Wehr-       litärischen Befehlen sind, bewusst
1961, die erste deutschsprachige Aus-       machtsverbrechen. Dokumente aus             unscharf getrennt, „antibolschewis-
gabe besorgte 1982 (!) der kleine Ber-      sowjetischen Archiven“. Die Quellen         tische, antisemitische und gelegent-
liner Verlag Olle & Wolter. Nachdem         stammen aus heutiger Sicht aus rus-         lich auch antislawische Klischees“ (S.
das Werk dann eine ganze Zeit ver-          sischen, ukrainischen, belorussischen       68) verwendet worden. Diese Befehle
griffen war, brachte es 1990 Walter H.      und baltischen Archiven. Ein breites        wurden so selbst Träger nationalsozi-
Pehle in einer aktualisierten und neu       Spektrum von Erlassen, Befehlen, Be-        alistischer Propaganda.
übersetzten Fassung in einer dreibän-       kanntmachungen und Aktenvermer-
digen Taschenbuchkassette in seiner         ken der deutschen Besatzungsmacht              Der andere Aufsatz, der kurz vor-
verdienstvollen „Schwarzen Reihe“,          steht Briefen sowjetischer Kriegsge-        gestellt werden soll, ist von Bertrand
die genauer unter dem Titel „Die Zeit       fangener und Zwangsarbeiter gegenü-         Perz und behandelt das Thema „Wehr-
des Nationalsozialismus“ erscheint,         ber. Insgesamt sind es 153 Dokumen-         machtsangehörige als KZ-Bewacher“.
im Fischer Taschenbuchverlag heraus.        te, die meisten sind ungekürzt. Da sie      Hier wird die enge Verflochtenheit
                                            allerdings unkommentiert (bis auf ei-       der Machtinstrumente des National-
   Die 1978 erschienene Untersu-            ne knappe Einleitung des Historikers        sozialismus deutlich: „Anfang 1945
chung Christian Streit: „Keine Kame-        Gert Meyer) abgedruckt sind, ist die        rekrutierten sich mehr als die Hälfte
raden. Die Wehrmacht und die so-            Heranziehung darstellender Werke zu         der KZ-Bewacher aus Wehrmachtssol-
wjetischen Kriegsgefangenen 1941            empfehlen.                                  daten, die ab 1944 zur SS überstellt
- 1945“, die mittlerweile in einer 4.,                                                  worden waren.“ (S. 13).
erneut auf den Stand der Forschung             Ein Anhang mit Dokumenten findet
gebrachten Ausgabe vorliegt, ist ei-        sich auch bei Paul Kohl: „Der Krieg der        Die Motivation der Täter spielt
ne der wichtigsten und gründlichsten        deutschen Wehrmacht und der Poli-           auch bei Christopher Browning: „Ganz
Arbeiten zum Thema Wehrmachtsver-           zei 1941 - 1944. Sowjetische Überle-        normale Männer. Das Reserve-Poli-
brechen. Diese werden zum einen mi-         bende berichten“. Der Autor bereiste        zeibataillon 101 und die »Endlösung«
nutiös belegt und geschildert, zum          1985 das westliche Gebiet der dama-         in Polen“ eine wichtige Rolle. Brow-
anderen aber auch in den politischen,       ligen Sowjetunion, hauptsächlich Be-        ning untersucht dieses Bataillon (11
ökonomischen und militärischen Ge-          lorussland, und traf sich mit Überle-       Offiziere, 5 Verwaltungsbeamte und
samtzusammenhang gestellt. Die              benden des Vernichtungskrieges. Er          486 Unteroffiziere und Mannschaf-
neuen Forschungsergebnisse wer-             besuchte ehemalige Konzentrations-          ten), bei dem auch Truppen aus Rends-
tet Streit in einer neuen Einleitung        lager (Minsk, Borisov, Orscha, Mogi-        burg zur Auffüllung eingegliedert wa-
aus und stellt dar, dass die Rolle der      lov und Vitebsk). Er berichtet auch         ren (S. 66), das aber in der Mehrzahl
Wehrmacht beim Mord an den Kriegs-          über das Lager Trostenez bei Minsk,         aus Hamburgern bestand, unter histo-

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rischen, soziologischen und psycholo-       deckt bei ihm ein „an Überheblichkeit        Susanne Heim: „Vordenker der Ver-
gischen Aspekten. Den meist älteren         grenzendes Vertrauen in seine eige-          nichtung. Auschwitz und die deut-
Polizisten war nicht klar, dass sie als     ne Überlegenheit“ (S. 286 f.), die die       schen Pläne für eine europäische Ord-
Vernichtungskommando im „General-           Ursache der Niederlage einzig in der         nung“ ist unverzichtbar, um den Zwei-
gouvernement“, also in Polen, herum-        materiellen Überlegenheit der Geg-           ten Weltkrieg in den Gesamtzusam-
reisen sollten, um am Ende mindes-          ner sieht. Viel stärker als andere be-       menhang von Ökonomie, Politik und
tens 38.000 Juden selbst erschossen         tont Fritz die ideologische Geprägt-         Gesellschaft einzuordnen.
und mindestens 45.200 Juden ins Ver-        heit auch der einfachen deutschen
nichtungslager Treblinka bei Lublin         Soldaten. Der so oft genannten und               Sehr nützlich bei der Beschäfti-
deportiert zu haben. Es geht in dieser      von den Veteranen hochgelobten Ka-           gung mit dem Themenspektrum, das
Untersuchung nicht um Wehrmachts-           meradschaft und Frontgemeinschaft            hier behandelt wird, ist die umfang-
verbrechen im engen Sinne, obwohl           spricht er „einen harten ideologi-           reiche, jetzt in einer günstigen Ta-
Browning auch für diese Einheit eine        schen Kern“ zu (S. 287): „Die national-      schenbuchkassette erhältliche Isra-
Zusammenarbeit mit der Wehrmacht            sozialistische Vision einer rassisch be-     el Gutmann (Hg.): „Enzyklopädie des
feststellen konnte (S. 167). Hier geht      stimmten Volksgemeinschaft errang            Holocaust. Die Verfolgung und Ermor-
es um das Verhalten einzelner Täter         an der Ostfront eine gewisse Realität,       dung der europäischen Juden“, deren
bzw. einer Gruppe, die ganz am Ende         in der sich Ideologie und Erfahrung          hebräische und englische Originalaus-
der Hierarchie stand, die das Schin-        gegenseitig stützten.“ (S. 290) Zu er-       gabe 1989 erschien. Die dreibändige,
derhandwerk des individuellen Mor-          gänzen wären noch die Verrohung              fast 1700 Seiten starke Enzyklopädie,
des an Massen von Menschen betrieb.         und die (erworbene) Gleichgültigkeit         die für die deutsche Ausgabe überar-
Der Anpassungsdruck in den Einhei-          gegenüber dem Schicksal der vielen           beitet wurde, wird ergänzt durch ei-
ten war möglicherweise sogar von hö-        Opfer. Fritz betont zum Schluss, dass        nen vierten Band mit Anhängen, ei-
herer Bedeutung als Untertanenmen-          die NS- und die Wehrmachtsführung            nem Autorenverzeichnis, einem Ab-
talität und militärischer Gehorsam. Es      sich bis Kriegsende weitestgehend            bildungsnachweis und einem Regis-
müssen aber wohl immer bestimmte            auf die Loyalität der Soldaten verlas-       ter. 1997 wurde Wolfgang Benz, Her-
Distanzierungen von den Opfern, et-         sen konnten (S. 293 f.).                     mann Graml, Hermann Weiß: „Enzyk-
wa über rassistische Einstellungen,                                                      lopädie des Nationalsozialismus“ als
stattfinden. Ein sehr empfehlenswer-           Zu diesen zuletzt genannten As-           großformatiges Taschenbuch veröf-
tes Buch.                                   pekten sei auch noch Omer Bartov:            fentlicht. Sie hat einen Handbuch-Teil,
                                            „Hitlers Wehrmacht. Soldaten, Fa-            in dem zentrale Begriffe (u.a. auch
    Der amerikanische Historiker Ste-       natismus und die Brutalisierung des          „Wehrmacht“) ausführlich behandelt
phen G. Fritz benutzt ein breiteres         Krieges“ empfohlen.                          werden, einen fast 500-seitigen Lexi-
Spektrum von Quellen: Briefe, Tage-                                                      kon-Teil und ein Personenregister mit
bücher, Romane, Erzählungen, Essays,            Zum Abschluss soll noch auf einen        Kurzbiographien.
aber auch Sekundärliteratur, um die         Sammelband und zwei Nachschla-
Situation und die Mentalität der deut-      gewerke hingewiesen werden, ganz                Die letzte Empfehlung gilt einem
schen Soldaten darzustellen: Stephen        zum Schluss auch noch auf ein literari-      vergriffenen Buch: Erich Kuby: „Mein
G. Fritz: „Hitlers Frontsoldaten. Der       sches Werk. Ulrich Herbert (Hg.): „Na-       Krieg. Aufzeichnungen 1939 - 1944“.
erzählte Krieg“. Das ist nicht ganz un-     tionalsozialistische Vernichtungspo-         Der Journalist Kuby hat während sei-
problematisch, denn diese Arten von         litik 1939 - 1945. Neue Forschungen          ner Militärzeit Tagebücher und Brie-
Quellen sind recht unterschiedlich.         und Kontroversen“ behandelt in zehn          fe geschrieben. Wir können so seine
Es gibt unmittelbare Zeugnisse, aber        fundierten Beiträgen das Thema. Es           damals empfundene Distanz, die mal
auf der anderen Seite die im Nach-          sind besonders detaillierte Regional-        ironisch, mal zynisch ist, nachempfin-
hinein geschaffenen. Beide bedürfen         studien, die auch hier vertreten sind        den. Besonders aber zeigt er, wie ein
unterschiedlicher Interpretation, die       (zum „Generalgouvernement“, zu Ga-           einzelner ständig ohne aufzugeben
bei Fritz nicht immer deutlich wird.        lizien, Frankreich, Serbien, Weißruss-       kämpft, um gegen Masse und Macht
Manchmal entsteht auch der Ein-             land und Litauen, die auch die Kennt-        „privates“ Individuum zu bleiben. Von
druck, dass er die Distanz zum Erzähl-      nisse der größeren Zusammenhänge,            „Kameradschaft“ und „Männlichkeit“
ten verloren hat, der Text gleitet z. B.    aber auch der Details der Beteiligung        bleibt nichts übrig, vor seinen „so-
ins Kitschige ab, aber an anderer Stel-     der Wehrmacht an Verbrechen verbes-          genannten Kameraden“, wie Kuby sie
le zeigt er sie dann doch wieder. Die       sern. Der Herausgeber selbst, Histori-       nennt, ekelt es ihn „wegen ihrer Ge-
Verbrechen und die Verrohung wer-           ker in Freiburg, gibt zusätzlich einen       sinnung und ihrem Verhalten“. Einen
den geschildert und dann auch wie-          Überblick über den aktuellen For-            „Nestbeschmutzer von Rang“ nannte
der von Passagen der „Landserherr-          schungsstand, über neue Antworten            ihn Heinrich Böll in einer Rezension
lichkeit“ abgelöst. Ob das die „reale       und Fragen. Dabei wird jetzt auch            anlässlich des Erscheinens des Buches
Situation des Durchschnittssoldaten“        deutlich von dieser Seite der Wert           im Jahre 1975. Erich Kuby soll deshalb
war, wie der Klappentext des Buches         der Forschungen zum Zusammen-                auch das Schlusswort haben mit sei-
verkündet? Interessant aber das 10.         hang von Sozialpolitik und Judenver-         nem Leserbrief an die „Zeit“ zur Dis-
und letzte Kapitel, in dem Fritz ei-        nichtung anerkannt. Darum gibt es an         kussion um die Verbrechen der Wehr-
ne Einschätzung und Bewertung des           dieser Stelle doch noch schnell einen        macht:
Wehrmachtssoldaten versucht. Er ent-        weiteren Literaturhinweis: Götz Aly /

Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998                               29
                                               Helmut Donat / Arn Strohmeyer: Befreiung       Paul Kohl: Der Krieg der deutschen Wehr-
   „Ich hatte das Vergnügen, deut-                von der Wehrmacht? Dokumentation               macht und der Polizei 1941-1944.
scher Landser von Oktober 1939 bis                der Auseinandersetzung über die Aus-           Sowjetische Überlebende berichten.
Herbst 1944 zu sein (genoss sodann                tellung „Vernichtungskrieg (...)“ in Bre-      Fischer 1995.
                                                  men 1996/97. Donat Verlag 1997.
amerikanische Gefangenschaft), und
                                                                                              Walter Manoschek (Hg): Die Wehrmacht
habe jeden Tag in Notizen und Brie-            Hans-Günther Thiele (Hg.): Die : Wehr-           im Rassenkrieg. Der Vernichtungskrieg
fen festgehalten. Nichts »verallgemei-           machtsaustellung. Dokumentation ei-            hinter der Front. Picus 1996.
nern«? So argumentieren die unbe-                ner Kontroverse. Edition Temmen 1997.
lehrbaren Weißwäscher. Aber nicht                                                             Christopher Browning: Ganz normale
                                               Landeshauptstadt München, Kulturreferat           Männer. Das Reserve-Polizei-Bataillon
in hundert Jahren wird diese schwar-              (Hg.): Bilanz einer Ausstellung. Do-           101 und die „Endlösung“ in Polen. Ro-
ze Wäsche weiß. Ein paar Millionen                kumentation der Kontroverse um die             wohlt 1996.
                                                  Ausstellung „Vernichtungskrieg (...)“.
Landser in der von ihnen zerstörten               Knaur 1998.                                 Stephen G. Fritz: Hitlers Frontsoldaten. Der
UdSSR hätten geglaubt, »anständig                                                                erzählte Krieg. Henschel Verlag 1998.
bleiben zu können«? Anständig war,             Heribert Prantl (Hg.): Wehrmachtsverbre-
Juden, Zivilisten, Frauen, Kinder zu              chen. Eine deutsche Kontroverse. Hoff-      Omer Bartov: Hitlers Wehrmacht: Solda-
                                                  mann und Campe l997.                          ten, Fanatismus und die Brutalisierung
ermorden. – Erich Kuby, München.“
                                                                                                des Krieges. Rowohlt 1995.
                                               Jörg Friedrich: Das Gesetz des Krieges. Das
                           Peter Wolter           deutsche Heer in Rußland 1941 - 1945.       Ulrich Herbert (Hg.): Nationalsozialistische
                                                  Der Prozeß gegen das Oberkommando               Vernichtungspolitik 1939 - 1945. Neue
Hannes Heer / Klaus Naumann -(Hg.).               der Wehrmacht. Piper 1995.                      Forschungen und Kontroversen. Fischer
  Vernichtungskrieg. Verbrechen der                                                               1998.
  deutschen Wehrmacht 1941 bis 1944.           Hans Buchheim/ Martin:Broszat/ Hans-
  Zweitausendeins 1997.                          Adolf Jacobsen / Helmut Krausnick:           Götz Aly / Susanne Heim: Vordenker der
                                                 Anatomie des SS-Staates. dtv 1994               Vernichtung. Auschwitz und die deut-
Hannes Heer (Hg.): „Stets zu erschießen          (1967).                                         schen Pläne für eine europäische Ord-
  sind Frauen, die in der Roten Armee                                                            nung. Fischer 1993.
  dienen“. Geständnisse deutscher              Rau HiIberg: Die Vernichtung der europäi-
  Kriegsgefangener über ihren Einsatz an          schen Juden. Fischer 1997.                  Israel Gutmann (Hg.): Enzyklopädie des
  der Ostfront, Hamburger Edition 1995.                                                           Holocaust. Die Verfolgung und Ermor-
                                               Christian Streit: Keine Kameraden: Die             dung der europäischen Juden, Piper
Walter Manoschek (Hg.): „Es gibt nur eines        Wehrmacht und die sowjetischen                  1998.
  für das Judentum: Vernichtung“. Das             Kriegsgefangenen 1941-1945. J.H.W.
  Judenbild in deutschen Soldatenbriefen          Dietz Nachf. 1997.                          Wolfgang Benz / Hermann Graml / Her-
  1939-1944. Hamburger Edition 1995.                                                            mann Weiß (Hg.): Enzyklopädie des
                                               Helmut Krausnick: Hitlers Einsatzgruppen.        Nationalsozialismus, dtv 1997.
Hamburger Institut für Sozialforschung            Die Truppe des Weltanschauungskrie-
  (Hg.): Vernichtungskrieg. Verbrechen            ges 1938 - 1942. Fischer 1985.              Erich Kuby: Mein Krieg. Aufzeichnungen
  der Wehrmacht 1941 bis 1944. Ausstel-                                                           1939-1944. Zuerst: 1975, vergriffen.
  lungskatalog. Hamburger Edition 1996.        Wehrmachtsverbrechen. Dokumente aus
                                                 sowjetischen Archiven. PapyRossa
Zeit-Punkte (3/1995): Gehorsam bis zum           1997.
    Mord: Der verschwiegene Krieg der
    deutschen Wehrmacht. Fakten, Analy-
    sen, Debatte. Zeit Verlag 1995.




30                                    Aus: Gegenwind-Sonderheft Schleswig-Holstein und die Verbrechen der Wehrmacht · November 1998
Dokumentation:

Die Soldaten der
Wehrmacht im Urteil
der Geschichte
                                      Die CDU Schleswig-Holsteins hat         Wehrmacht selbst ein Zeitzeuge, am
                                   früh die Entscheidung des sozialde-        21. Dezember1997 festgestellt: „Wir
                                   mokrati- schen Landtagspräsidenten         haben in den vergangenen Jahren an-
                                   Heinz-Werner Arens kritisiert, die         hand einer Wanderausstellung erlebt,
                                   umstrittene Reemtsma-Heer-Ausstel-         wie Einige die Millionen deutscher
                                   lung „Vernichtungskrieg. Verbrechen        Soldaten des 2. Weltkrieges mit den
                                   der Wehrmacht 1941-1944“ in die            Verbrechern in braunen, schwarzen
                                   Räume des Landesparlaments im Lan-         und feldgrauen Uniformen in einen
                                   deshaus einzuladen und mit erhebli-        Topf geworfen haben. Dergleichen
                                   chen öffentlichen Mitteln zu fördern.      linksextreme Meinungen sind nicht
                                   Da die Eröffnung am 07. Januar 1999        verboten, sie sind gleichwohl gefähr-
                                   erfolgt, ist es an der Zeit, die Gründe    lich.“ Schmidt erklärte in einem an-
                                   für die ablehnende Haltung der Union       deren Zusammenhang: „Ich möch-
                                   ausführlicher im Zusammenhang dar-         te, dass die Fakten bekannt und mo-
                                   zustellen. Dies ist auch erforderlich,     ralisch bewertet werden. Aber man
                                   weil die Verantwortlichen für das Pro-     schneidet sich selbst den Erfolg völlig
                                   jekt jetzt ebenfalls in Schleswig-Hol-     ab, wenn man zunächst einmal pau-
                                   stein dazu übergehen, ihre Kritiker in     schal 19 Millionen beleidigt oder aber
                                   überheblicher Weise abzuqualifizie-        die Kinder von 19 Millionen glauben
                                   ren und durch unsachliche Polemik in       lässt, ihre Eltern seien die Schuldigen
                                   einen Zusammenhang mit den Rechts-         – und man selber sei nun aufgeklärt,
                                   radikalen zu bringen. Ich verweise als     moralisch in Ordnung und wäre, hät-
                                   Beispiel nur auf das Interview Reemts-     te man damals gelebt, Widerstands-
                                   mas mit dem »Flensburger Tageblatt«        kämpfer geworden.“
                                   vom 21. November 1998.
                                                                                  Die angesehene Mitherausgeberin
                                      Mit unserer negativen Beurteilung       der »Zeit«, Marion Gräfin Dönhoff, ur-
Zur Diskussion um die Aus-         der Ausstellung befinden wir uns in        teilte: „Die geschilderte Wahrheit ist
stellung Vernichtungskrieg.        voller Übereinstimmung mit vielen          eine Teilwahrheit, die durch Generali-
Verbrechen der Wehrmacht           namhaften Persönlichkeiten der gro-        sierung zur Lüge wird. Es sind diese
1941 bis 1944 dokumentieren        ßen demokrati- schen Parteien und          Pauschalurteile, die den Prozess des
wir im folgenden un- gekürzt       zahlreichen international angesehe-        Erkennens und der Reue verhindern.“
einen Bei- trag des ehemali-       nen Historikern. Sie haben überein-        Der Deutsche Bundestag hat es am
gen schleswig-holsteinischen       stimmend das Reemtsma-Heer-Pro-            24. April 1997 mit den Stimmen der
                                   jekt als tendenziös, unausgewogen          CDU/CSU und FDP abgelehnt, die Ent-
Ministerpräsidenten und His-
                                   und unfair gegenüber den deutschen         scheidung seines Präsidiums gegen
torikers Gerhard Stoltenberg,      Soldaten und ihren Angehörigen hart        eine Präsentation der Ausstellung im
den der CDU-Landesverband          kritisiert. So hat der frühere sozialde-   Bundeshaus aufzuheben. In der Be-
Anfang Dezember veröffent-         mokratische Bundeskanzler Helmut           gründung dieses Beschlusses heißt es:
licht hat.                         Schmidt, als ehemaliger Offizier der       „Der Deutsche Bundestag verwahrt

Aus: Gegenwind 124 · Januar 1999                                                                                 31
sich mit Entschiedenheit gegen jede        ges ebensowenig gerecht geworden          der pauschalen Verurteilung und der
einseitige oder pauschale Beurteilung      seien wie der überwältigenden Mehr-       verletzenden Herabsetzung der Sol-
der Angehörigen der Wehrmacht.“            heit derjenigen, die im guten Glauben     daten der Wehrmacht, es waren 19
                                           ihre verdammte Pflicht erfüllt hätten,    Millionen, mit guten Gründen erho-
    Unter den führenden Historikern        ganz zu schweigen von den Männern         ben. Da nützt es gar nichts, wenn
gibt es bis heute eine anhaltende          und Frauen, die nicht zuletzt aus dem     Arens jetzt in die Reihe der zahlrei-
Diskussion über die Rolle der Wehr-        Wissen um die NS-Verbrechen Wider-        chen Beschwichtiger und Verharmlo-
macht, ihrer Generäle und Soldaten         stand geleistet hätten.“ Diesen mehr-     ser tritt und das Gegenteil versichert.
mit unterschiedlichen Akzenten. Da-        fach erhobenen Vorwurf der negati-        Es gibt mittlerweile erschütternde Be-
bei hat die Kritik an der Einseitigkeit,   ven pauschalen Verallgemeinerung          richte über die Wirkungen der sug-
den negativen Pauschalurteilen und         verband der Freiburger Professor          gestiven, zumeist schrecklichen Bil-
methodischen Unsauberkeiten der            Günter Gillesen mit harter Kritik an      der und der Texte auf minderjähri-
Ausstellung sowie begleitender Ver-        methodischen Unsauberkeiten in sei-       ge Schüler. Ich verweise in diesem
öffentlichungen in den letzten beiden      nem Aufsatz in der »Frankfurter All-      Zusammenhang auf den Aufsatz des
Jahren beträchtlich zugenommen. Ich        gemeinen Zeitung« „Die Ausstellung        Flensburger Erziehungswissenschaft-
verweise auf die Stellungnahme des         zerstört nicht eine Legende – sie baut    lers Professor Wolfgang F. Schmidt
Stuttgarter Professors Eberhard Jäckel     eine neue auf “. Gillesen schrieb: „Die   vom 21. November 1998. Wenn jetzt
vom März 1997, der an unserer Kieler       Wehrmacht – eine verbrecherische          auch in Schleswig-Holstein Kinder
Universität promoviert und habilitiert     Organisation? Das behaupten die           und Jugendliche, die mit öffentlichen
wurde und heute als einer der inter-       Veranstalter, und die Bilder der Aus-     Mitteln klassenweise in diese Ausstel-
national angesehensten Historiker für      stellung scheinen es zu belegen. Den      lung geführt werden, mit denselben
die Zeit der NS-Diktatur gilt. Jäckel      meisten Fotos fehlen jedoch Angaben       Eindrücken nach Hause kommen und
schrieb: „Die einzigen ernstzuneh-         von Datum, Jahr und Ort. Man kann         ihre Eltern fragen, ob die Großväter,
menden Versuche, Hitler zu stürzen,        sie nicht bestimmen. Auf Fragen nach      die in der Wehrmacht als Soldaten ge-
gingen von der Wehrmacht aus, schon        Wer, Wem, Was, Wann, Wie und War-         dient haben, Verbrecher gewesen sei-
1938 und vor allem am 20. Juli 1944...     um gibt es meist nur bruchstückhafte      en, werden wohl auch die Verantwort-
Diese Ausstellung beruht auf der einst     Auskünfte. Viele Fotos zeigen nur un-     lichen in der SPD unseres Landes noch
in gewissen Kreisen absichtsvoll kul-      deutlich oder auch gar nicht die maß-     einmal über die Fehlentscheidung des
tivierten Legende vom Militarismus.        geblichen Uniformkennzeichen. Ei-         Landtagspräsidenten nachdenken.
Der Nationalsozialismus ging nicht         nige erscheinen so stark retuschiert,
aus dem Militär hervor, sondern aus        dass nachträglich Manipulationen an-          In der alliierten Kriegspropaganda
der deutschen Gesellschaft. Wir kön-       zunehmen sind.... Die methodischen        wurde von einigen Autoren eine deut-
nen nicht auf der einen Seite die Of-      Mängel der Ausstellung und die Vor-       sche „Kollektivschuld“ unterstellt.
fiziere vom 20. Juli als Helden feiern     eingenommenheit ihrer Veranstalter        Nach 1945 haben vor allem namhafte
und die Soldaten auf der anderen Sei-      sind evident. Es ist eine neue Form       Persönlichkeiten der deutschen jüdi-
te zu Mitgliedern einer verbrecheri-       der Kollektivierung von Schuld, nicht     schen Emigration mit den Historikern
schen Organisation erklären. Was wir       mehr wie nach dem Krieg, als Vorwurf      diese These entschieden zurückge-
nach wie vor brauchen, ist ein diffe-      an eine gesamte Generation, sondern       wiesen. Sie verschwand bald aus der
renziertes Bild der Vergangenheit.         nun als ein Band deutscher Schuld von     ernsthaften Diskussion, bis Goldha-
Dem dient diese Ausstellung nicht.         einer Generation zur nächsten, in der     gen sie in seinem umstrittenen Buch
Deswegen wären für sie in Bonn we-         vergeblichen Erwartung, sie so bewäl-     1994 wieder verkündete. Dieses Buch
der das Haus der Geschichte der Bun-       tigen zu können.“                         wurde in Deutschland zunächst stark
desrepublik Deutschland noch das                                                     propagiert, dann aber von den Histo-
Bundeshaus angemessene Orte der                Noch härter war das Urteil von        rikern der USA, Israels und Deutsch-
Präsentation.“                             Journalisten der Wochenzeitung »Fo-       lands außerordentlich kritisch beur-
                                           cus«. Sie haben mehrfach und sehr         teilt.
   Der langjährige Präsident des Ver-      präzise dargestellt, dass Bilder retu-
bandes Deutscher Historiker, Prof.         schiert und Unterschriften verfälscht        Jetzt wird diese These von Heer
Christian Meier, sprach von einer          wurden. Am 2. Februar 1998 bezeich-       und Reemtsma in abgewandelter
„haarsträubenden,      demagogischen       nete »Focus« den verantwortlichen         Form wieder aufgenommen, gegen
Ausstellung“. Der namhafte Bonner          Leiter der Ausstellung, Hannes Heer,      die Wehrmacht und ihre Soldaten im
Historiker Hans-Adolf Jacobsen stellte     als „Lügner und Fälscher“. Dieses Ur-     Russlandfeldzug gerichtet, in Miss-
im September 1998 in seiner differen-      teil wurde in der Folgezeit von den       achtung der vorherrschenden sehr dif-
zierten Analyse fest: „Weithin deutlich    Journalisten vertieft und bekräftigt.     ferenzierten Meinung der Fachhistori-
wurde der kaum zu leugnende Vor-                                                     ker. Es ist völlig abwegig, wenn Arens
wurf, dass die verantwortlichen Orga-         Helmut Schmidt, Marion Gräfin          behauptet, die Wehrmacht sei gerade-
nisatoren mit ihren Pauschalurteilen       Dönhoff, Eberhard Jäckel, Christian       zu „chirurgisch herausgetrennt“ wor-
über das Verhalten der Wehrmacht           Meier, Hans- Adolf Jacobsen, Günter       den aus den Verbrechen der NS-Zeit.
während des Kampfes im Osten den           Gillesen – sie und unzählige andere       Seit vielen Jahrzehnten gibt es, vor al-
Realitäten des Soldaten in der Epoche      namhafte und unbekannte Besucher          lem durch das 1950 begründete Mün-
des Totalitarismus und totalen Krie-       der Ausstellung haben den Vorwurf         chener Institut für Zeitgeschichte ge-

32                                                                                         Aus: Gegenwind 124 · Januar 1999
fördert, eine sehr große Zahl von Un-    war jedoch diese Haltung, obwohl of-       gen bestimmten Gegner Hitlers und
tersuchungen zu diesem Thema.            fiziell befohlen, eher eine Ausnahme       seiner verbrecherischen Politik ge-
                                         als die Regel.“                            würdigt worden. Er hatte ungewöhn-
   Für die deutsche und die internati-                                              lichen Mut und Standfestigkeit be-
onale Diskussion war das 1957 veröf-         Seitdem hat sich unser Kenntnis-       wiesen. Als Chef des Stabes der Hee-
fentlichte Werk des Professors für In-   stand durch zahlreiche Untersuchun-        resgruppe Mitte in Russland hatte er
ternationale Beziehungen an der New      gen vertieft. Aber die Grundstruktur       dienstliche Berichte über den grausa-
Yorker Columbia- Universität, Alexan-    der Wertungen Dallins ist im wesent-       men Partisanenkrieg und die Massen-
der Dallin, „Deutsche Herrschaft in      lichen bestätigt worden. Wer heute,        morde von SS-Einsatz-Gruppen zur
Rußland 1941 bis 1945“ lange Zeit        wie Reemtsma und Heer, die alte The-       Kenntnis zu nehmen und abzuzeich-
maßgeblich. Er schilderte ausführlich    se der Kollektivschuld, gegen die Sol-     nen. Aus mehreren Zeugnissen geht
die sich rasch verschärfende Eskalati-   daten der Wehrmacht gerichtet, wie-        hervor, dass dies seine Entschlossen-
on der Kriegsführung beider Seiten.      der beleben will, verbreitet Unwahr-       heit, den Diktator zu Fall zu bringen,
Schon 1941 begannen SS und SD hin-       heiten, verunglimpft viele untadelige      weiter verstärkte.
ter der Front mit der massenhaften Li-   Persönlichkeiten und schürt Konflikte.
quidierung von Juden und Funktions-      Dies geschieht in einer Zeit, in der die      Richard von Weizsäcker und Mari-
trägern des Sowjetsystems.               von der neuen russischen Regierung         on Gräfin Dönhoff haben sich schon
                                         eingerichteten       Überprüfungsaus-      im März 1996 öffentlich entschieden
    Stalin antwortete auf die Invasion   schüsse Tausende früherer deutscher        gegen diese Verfälschung der Bio-
mit einem rücksichtslosen, grausa-       Soldaten, die um 1945 als Kriegsver-       graphie und die Verunglimpfung ei-
men Partisanenkrieg. Dallin schrieb      brecher verurteilt wurden, wieder voll     nes der großartigsten Persönlichkei-
hierzu: „Zwischen dem sowjetischen       rehabilitiert haben.                       ten des Widerstandes gewandt. Dies
Hammer und dem nationalsozialisti-                                                  blieb bei dem Herausgeber Heer ohne
schen Amboss eingeklemmt, war das           Es gibt mehrere Gründe, weiter für      jede erkennbare Wirkung. So protes-
Volk in den besetzten Gebieten ge-       eine anspruchsvolle Erörterung der         tierte Klaus von Dohnanyi im Januar
zwungen zu wählen.... Die Bevölke-       Geschichte der Wehrmacht einzutre-         1998 erneut in einer Rede gegen die
rung des Ostens empfand dabei deut-      ten. Dafür sind wissenschaftliche Ver-     „gemeine und perfide Diffamierung“
lich den Unterschied zwischen dem        öffentlichungen, die in der Kontinui-      Tresckows und seiner Kameraden, von
Verhalten des Heeres – dem prakti-       tät der Geschichtsschreibung seit der      denen nur wenige den 20. Juli 1944
sche, auf den siegreichen Ausgang        Nachkriegszeit stehen und zugleich         überlebten.
des Krieges bedachte Erwägungen zu-      neue Quellen und fundierte Thesen
grunde lagen – und dem der meisten       aufnehmen, der wirksamste Beitrag.            Heer vertritt hier als früheres akti-
anderen deutschen Autoritäten.“ Er       Suggestive Anklagen in Bild und Wort       ves Mitglied der Deutschen Kommu-
wies zugleich auf konkrete Fälle ei-     und allgemeine Schuldsprüche führen        nistischen Partei und dann der ma-
nes brutalen Vorgehens einzelner Ver-    demgegenüber in die Irre.                  oistischen Kommunistischen Partei
bände der Wehrmacht gegen die Zivil-                                                Deutschlands offensichtlich weiterhin
bevölkerung hin und zitierte die be-        Besonders heftige Kritik hat die        die linksextremen Parolen gegen die
rüchtigte Weisung des Befehlshabers      skandalöse Verunglimpfung hervorra-        bürgerlichen und soldatischen Wider-
der 6. Armee, General von Reichenau,     gender Persönlichkeiten des militäri-      standskämpfer. Einer solchen dubio-
vom Oktober 1941. Reichenau ver-         schen Widerstandes gegen Hitler in         sen Gestalt die Türen des Landeshau-
warf „missverständliche Menschlich-      dem von Heer herausgegebenen Be-           ses weit zu öffnen und ihr umstritte-
keit“ gegenüber „Landeseinwohnern        gleitbuch zur Ausstellung ausgelöst.       nes Projekt mit beträchtlichen Lan-
und Kriegsgefangenen“. „Der Schre-       Ein junger Autor, Christoph Gerlach,       desmitteln zu fördern, ist ein schwe-
cken von den deutschen Gegenmaß-         rückte Offiziere des 20. Juli, insbeson-   rer Fehler des SPD-Landtagspräsiden-
nahmen muss stärker sein als die Dro-    dere General Henning von Tresckow,         ten und seiner Partei.
hung der umherirrenden bolschewis-       in die Nähe der Kriegsverbrecher. Tre-
tischen Restteile.“ Dallins Ergebnis     sckow ist in allen Darstellungen über                    Dr. Gerhard Stoltenberg
einer detaillierten Analyse von unter-   den Widerstand gegen Hitler als eine                      Ministerpräsident a.D.
schiedlichen Vorgaben der deutschen      der eindrucksvollsten und konsequen-
Kommandeure lautete: „Beim Heer          testen, von moralischen Überzeugun-




Aus: Gegenwind 124 · Januar 1999                                                                                        33
Auffällig ist,
worüber Stoltenberg
nicht spricht

                                     Auffällig ist, dass Stoltenberg im      sen Vernichtungskrieg 1941 bis 1944
                                  Grunde genommen gar nicht die Aus-         in Serbien und der UdSSR zum Thema
                                  stellung selbst kritisiert. Sondern er     hat, nicht aber die Wehrmacht an sich,
                                  baut einen Popanz auf, die Ausstel-        dann sind auch die meisten Argumen-
                                  lung würde alle Wehrmachtsangehö-          te von Stoltenberg und den Ausstel-
                                  rigen pauschal zu Verbrechern stem-        lungsgegnern belanglos, weil sie sich
                                  peln, und auf diesen Popanz schlägt er     mit der Ausstellung gar nicht beschäf-
                                  anschließend ein. In dem erwähnten         tigen. Dazu passt dann aber, dass Stol-
                                  Interview im »Flensburger Tageblatt«       tenberg umstandslos vom Vorwurf,
                                  äußert sich der Direktor des Hambur-       die gesamte Wehrmacht würde zu
                                  ger Instituts für Sozialforschung, Jan     Verbrechern erklärt, wieder die „Kol-
                                  Philipp Reemtsma, gerade zu diesem         lektivschuldthese“ aus dem Hut zau-
                                  Vorwurf: „Die Ausstellung ist keine        bert: In Wahrheit geht es der Ausstel-
                                  Ausstellung über die deutsche Wehr-        lung wohl darum, das ganze deutsche
                                  macht im Zweiten Weltkrieg. Sie ist        Volk zu beleidigen?
                                  eine Ausstellung über einen bestimm-
Es ist sicherlich ungewöhnlich,   ten Krieg, der durch ein Maß an De-           Auffällig ist, worüber Stoltenberg
dass der Gegenwind sich ei-       struktivität gekennzeichnet war, das       nicht spricht: Von den Besucherzah-
nerseits im Begleitprogramm       seitdem Dreißigjährigen Krieg in Eu-       len, der öffentlichen Diskussion und
zur Ausstellung Verbrechen der    ropa unbekannt war. Ziel dieses Krie-      der langen Liste der Reservierungen
Wehrmacht erheblich engagiert     ges war nicht, eine gegnerische Ar-        weit in die nächsten Jahre hinein
und dann andererseits den         mee zu besiegen, sondern eine Bevöl-       handelt es sich um eine der erfolg-
                                  kerung zum Teil auszurotten – die Ju-      reichsten Ausstellungen in der deut-
Artikel eines prominenten
                                  den –, zum Teil zu versklaven. Das ist     schen Geschichte. Angesichts des-
Gegners, des ehemaligen Mi-       nicht Ergebnis einer Eskalation gewe-      sen wird nicht klar, wieso er meint,
nisterpräsidenten und CDU-        sen, sondern, wie nachzuweisen, Teil       die Geschichte der Wehrmacht wäre
Ehrenvorsitzenden Gerhard         der Kriegsplanungen. Im Untertitel         längst hinreichend aufgearbeitet, al-
Stoltenberg, in voller Länge      wird diese besondere Art Kriegsfüh-        les (wem?) bekannt.
abdruckt. Wir haben uns da-       rung gemäß internationalem Recht
zu entschlossen, weil hier in     qualifiziert: als Verbrechen. Diese Ver-      Zweitens vermeidet Stoltenberg
Schleswig-Holstein die CDU        brechen werden am Beispiel dreier          es ängstlich, das Ausmaß des Massen-
an der Spitze der Ausstel-        Kriegsschauplätze demonstriert. Dar-       mordes zu würdigen. Er gibt „konkre-
lungsgegner steht und dieser      um geht es in der Ausstellung.“            te Fälle eines brutalen Vorgehens ein-
                                                                             zelner Verbände der Wehrmachtge-
Artikel deren Argumente sehr
                                     Wenn man zur Kenntnis nimmt,            gen die Zivilbevölkerung“ zu – aber
umfassend darstellt.              dass die Ausstellung eben „nur“ die-       um wie viele „einzelne Verbände“

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handelte es sich, die immerhin unge-      trachtet die Ausstellung (...) als einen   gegen die Ausstellung von einem
fähr 20 Millionen Zivilistinnen und Zi-   wichtigen Beitrag der Aufklärung dar-      bekennenden Nationalsozialisten be-
vilisten umbrachten?                      über, dass die Wehrmacht ein Instru-       zogen hatte, bezeichnet Stoltenberg
                                          ment der nationalsozialistischen Ero-      als „unsachliche Polemik“, ohne die
                                          berungs- und Vernichtungspolitik war       Tatsache selbst zu bestreiten. Dass
                                          und in ihrer Spitze sowie mit Truppen-     die Junge Union im Kreis Segeberg
Pressekonferenz                           teilen in Verbrechen des Nationalsozi-     ein Seminar zum Thema mit REP-na-
                                          alismus verstrickt war. In diesem Zu-      hen Referenten bestritt, kommentier-
                                          sammenhang begrüßt der Landtag,            te er direkt gar nicht, sondern verwies
   Stoltenberg stellte seinen Text am     dass diese Ausstellung im Rathaus          wiederum auf eine „breite Kritik“ von
7. Dezember im Rahmen einer Pres-         der Landeshauptstadt Hannover ge-          „vielen namhaften Persönlichkeiten“,
sekonferenz in Kiel vor. Auffällig war,   zeigt wird.“                               was diese Zusammenarbeit in Schles-
dass trotz der von der CDU behaupte-                                                 wig-Holstein eher noch unverständli-
ten breiten Kritik an der Ausstellung         Dazu hatte Stoltenberg als einzi-      cher macht. Schließlich blieb ihm nur
ausschließlich kritische Fragen an die    ges zu sagen, er habe mit denen tele-      die Ausflucht, den Autoren der Aus-
CDU gestellt wurden, die darauf ziel-     foniert, und man verträte grundsätz-       stellung selbst „linksextreme Meinun-
ten, den Kurs der CDU in Schleswig-       lich gleiche Positionen...                 gen“ und „linksextreme Parolen“ vor-
Holstein zu erläutern, insbesondere                                                  zuwerfen – selbst unterstellt, dass das
im Hinblick darauf, dass sich z.B. die       Auch die Vorwürfe der Zusammen-         stimmt, zwingt es ja die CDU keines-
CDU-Landtagsfraktion in Niedersach-       arbeit mit Neonazis wollte oder konn-      wegs zur Zusammenarbeit mit Nazis.
sen einer gemeinsamen Resolution          te Stoltenberg nicht richtig widerle-
der anderen Landtagsfraktionen an-        gen. Dass die CDU in Henstedt-Ulz-                                 Reinhard Pohl
geschlossen hatte: „Der Landtag be-       burg Informationen für ein Flugblatt




Aus: Gegenwind 124 · Januar 1999                                                                                        35
Die „Wehrmachts-
ausstellung“ und
ihre Gegner
Die Ausstellung Vernichtungs-           neral gewesen und ähnlicher Unsinn        berg) wenig Berührungsängste nach
krieg. Die Verbrechen der Wehr-         mehr. Jan Philipp Reemtsma beließ         ganz rechts gezeigt: Während Dr. Mi-
macht 1941 bis 1944 ist wie             es nicht dabei, die Wiederholung der      chael von Abercron vom Wirtschafts-
erwartet auf ein überwältigen-          Beleidigungen gerichtlich verbieten       rat der CDU aus Kiel die Ausstellung
des Echo gestoßen. Seit sie am          zu lassen, sondern fragte auch beim       als „wissenschaftlich totalen Misser-
7. Januar im Kieler Landeshaus          CDU-Landesvorsitzenden an, ob diese       folg“ bezeichnete und das Hambur-
eröffnet wurde, zieht sie nicht         nachgewiesene Zusammenarbeit von          ger Institut beschuldigte, gefälschtes
nur Scharen von BesucherIn-             Christdemokraten und Nationalso-          Material aus sowjetischen Archiven
nen an. Auch ihre Gegner, die           zialisten 1998 in Schleswig-Holstein      verwendet zu haben, zog der zwei-
                                        denn Konsequenzen gehabt hätte.           te Referent, Ex-General Reinhard Uh-
seit der Kommunalwahl im                Die unverschämte Antwort von Würz-        le-Wettler von der „Staats- und Wirt-
Frühjahr 1998 gegen die Aus-            bach, Reemtsma habe sich die An-          schaftspolitischen Gesellschaft“ rich-
stellung hetzen, verstärken             griffe auf sein Institut, seine Familie   tig vom Leder. Bei der Ausstellung
ihre Angriffe noch einmal.              und seine eigene Person selbst zuzu-      handele es sich um eine „Offensive
                                        schreiben, da er ja für die Ausstellung   gegen die Identität unseres Volkes“,
   Dass die Ausstellungsgegner nicht    verantwortlich sei, veröffentlichte der   eine „Schandausstellung“, die von
nur argumentieren, sondern vermehrt     Leiter des Hamburger Instituts für So-    der „Machtübernahme der 68er-Re-
diffamieren und beleidigen, soll hier   zialforschung dann während seiner Er-     voluzzer“ in Deutschland ablenken
nicht beklagt werden – ich will mit     öffnungsansprache im Kieler Landes-       solle. Und diesen hier herrschenden
diesem Artikel versuchen, die ver-      haus (vgl. die Dokumentation der Re-      68er-Revoluzzern ginge es um „Cha-
schiedenen politischen Richtungen,      de in diesem Heft). Das Flensburger       rakterwäsche bis zum Genozid“, der
die diese Angriffe führen, ein wenig    Tageblatt kommentierte das so: „Ein       „Macht über Seelen und Gehirne“.
zu sortieren.                           Schreiben, das noch nicht einmal vom      Anschließend stellte er einen Haufen
                                        CDU-Ortsverband, sondern von weni-        brauner Literatur vor und empfahl die
                                        gen Parteimitgliedern und Parteilosen     Lektüre des „Ostpreußenblattes“ und
CDU                                     unterzeichnet ist, wird so zur geball-    der „ Jungen Freiheit“. Von den 20 An-
                                        ten Ladung gegen den Landeschef           wesenden, im wesentlichen aus der
   Frühzeitig hatte die CDU sich zu     der Union. Ausgerechnet während der       Jungen Union, widersprach niemand
Wort gemeldet. Während des Kom-         Ausstellungseröffnung ließ Reemtsma       (vgl. Segeberger Zeitung, 30. Novem-
munalwahlkampfes verschickte ihre       sie hochgehen, indem er seinen Brief-     ber 1998).
Ortsgruppe in Henstedt-Ulzburg ei-      wechsel mit Würzbach in dieser Sache
nen Brief an alle Seniorlnnen im Ort,   Wort für Wort vorlas. Eine Demonta-          Die Präsentation des „Facharti-
in dem die Autoren der Ausstellung      ge des CDU-Vorsitzenden, der als gro-     kels“ des Historikers Gerhard Stolten-
persönlich diffamiert wurden. Zwar      ßer Abwesender nicht mehr reagieren       berg (Ministerpräsident a.D., Verteidi-
gelang es schnell, den Christdemo-      konnte. Beklagen darf er sich nicht       gungsminister a.D.) Anfang Dezember
kraten die Wiederholung dieser Be-      darüber, dass ihm diese Ladung um         in Kiel, den der Gegenwind voll-
leidigungen gerichtlich untersagen      die Ohren geflogen ist. Er selbst hat     ständig dokumentierte (Nr. 124, Seite
zu lassen – interessanter war jedoch    sie erst scharf gemacht.“ (Flensburger    36), hatte ebenfalls ein gerichtliches
ihre Quelle. Ein bekennender Natio-     Tageblatt, 9. Januar 1998).               Nachspiel: Hannes Heer vom Hambur-
nalsozialist aus Hamburg, Hennecke                                                ger Institut wehrte sich dagegen, als
Kardel, war Lieferant der „Informati-     Ende November hatte die Junge           „Lügner und Fälscher“ bezeichnet zu
onen“, Reemtsmas Vater wäre SS-Ge-      Union in Leezen (ebenfalls Kreis Sege-    werden. Bei dieser Behauptung hat-

36                                                                                     Aus: Gegenwind 125 · Februar 1999
te Stoltenberg sich auf die Berichter-      seines Vereins zur „Reemtsma-Aus-          präsident paktiert mit Linksextremis-
stattung des Münchener Magazins Fo-         stellung“ vor. In dieser Broschüre wird    ten“, heißt es da, und weiter: „In der
cus berufen, das Anfang 1998 schrieb,       ebenfalls die Methode angewandt,           Zeitschrift »Der Landtag« wird auch
ein Foto der Ausstellung sei mit einer      der Ausstellung erst den (erfundenen)      Werbung gemacht für einen Foto-
frei erfundenen Bildunterschrift prä-       Vorwurf zu machen, sie stempele pau-       wettbewerb, den eine »Redaktion Ge-
sentiert worden; das Original bei der       schal alle deutschen Soldaten zu Ver-      genwind« ausschreibt. Es sollen Bilder
Zentralen Stelle der Landesjustizver-       brechern, um dann diesen „Vorwurf “        von Gedenksteinen und Ehrenmalen
waltungen zur Aufklärung von NS-Ver-        zu entkräften. Ansonsten werden so-        gesucht werden, die an Soldaten des
brechen in Ludwigsburg „ist dort oh-        wjetische Partisanen beschuldigt, in       Zweiten Weltkrieges erinnern. Ver-
ne jeden Hinweis archiviert. (...) Heer     deutschen Uniformen Verbrechen be-         mutlich sollen die Sympathisanten an-
... lügt und fälscht...“ (Focus 11/98, 9.   gangen zu haben, Bilder aus der Aus-       geregt werden, so mit ihnen zu ver-
März 1998). In der Zentralstelle findet     stellung werden als „Fälschungen ent-      fahren, wie Linke es gern mit deut-
sich zum Foto der Text: „Nach Aushe-        larvt“ etc. Die Schlussfolgerung lautet    schen Soldatendenkmälern tun. »Ge-
bung eines Massengrabes durch die           letztlich, alle Kriege seien grausam,      genwind« ist seit längerem ein Infor-
Juden müssen diese sich nackt aus-          und das – aber nur das – solle auch        mations- und Organisationsmittel der
ziehen und werden in die Grube ge-          nicht abgestritten werden. Der Regi-       äußersten Linken. Seit einiger Zeit ist
trieben. Darunter befinden sich Kin-        onalbeauftragte der SWG für Schles-        seine Redaktion mit der einer weite-
der, erstes Bild rechts. Angehörige         wig-Holstein, Hans-Joachim von Lee-        ren linksextremen Zeitschrift namens
der einheimischen Selbstschutzver-          sen (früher Funktionär des „Schles-        »Enough is enough!« identisch. Diese
bände (vermutlich Letten) sind an den       wig-Holsteinischen Heimatbundes“),         Zeitschrift ist nach dem Verfassungs-
Erschießungen beteiligt. Tatort und         schließt daraus in seinem Vorwort,         schutzbericht »ein Beispiel für die ...
-zeit: Vermutlich Lettland, Sommer          der deutsche Krieg gegen die Sowje-        Vernetzungsbemühungen im Print-
1941.“ Daraus wurde in der Ausstel-         tunion sei eben ein Krieg wie jeder        bereich« der linksextremen Autono-
lung: „ Juden werden exekutiert“. Ge-       Krieg gewesen und nennt als Parallele      men. Nun gehört »Gegenwind« sogar
gen Focus konnte das Institut in meh-       die Kriege in Vietnam, Algerien, rund      zu den Bündnispartnern des Land-
reren Gerichtsinstanzen eine Gegen-         um Israel, Nigeria, Jugoslawien oder       tagspräsidenten“, schreibt ein Jochen
darstellung und ein Verbot der Wie-         am Golf.                                   Arp („Ostpreußenblatt“ 53/98, Neu-
derholung der unberechtigten Vor-                                                      jahr 1999).
würfe durchsetzen, deshalb war das             Die SWG selbst wurde 1962 ge-
Verfahren gegen Stoltenberg auch re-        gründet und ist erst seit eineinhalb          Kaum war das „Ostpreußenblatt“
lativ einfach mit Urteil am 21. Dezem-      Jahren in Schleswig-Holstein aktiv. Sie    erschienen, da interessierte sich der
ber 1998 zu gewinnen. In der zur Aus-       widmet sich der „konservativen Bil-        CDU-Fraktionschef im Landtag, Martin
stellung erschienenen CDU-Broschüre         dungsarbeit“ und bildet eine Samm-         Kayenburg, plötzlich auch für „perso-
mit dem Stoltenberg-Papier fehlt der        lungsbewegung, die weite Teile des         nelle Identität“ zwischen den Redak-
Absatz jetzt.                               rechten bis rechtsextremen Spek-           tionen von Gegenwind und Enough
                                            trums erfasst, darunter auch rechte        is enough – welche Zeitungen neben
                                            CDU- und CSU-Politiker; unter den          dem „Ostpreußenblatt“ liest man bei
SWG                                         SWG-Mitgliedern fanden sich von An-        der CDU sonst noch, wenn man Infor-
                                            fang an viele, die in der Nazi-Zeit eine   mationen und gut recherchierte Arti-
   Von der „Staats- und Wirtschafts-        aktive Rolle in NSDAP und SS gespielt      kel sucht?
politischen Gesellschaft“ (SWG) war         hatten; oder auch Schleswig-Holstei-
schon die Rede. Ihr Vorsitzender, Ex-       ner wie Emil Schlee („Bund der Mittel-        Zurück zu den Aktivitäten der
General Uhle-Wettler aus Timmendor-         deutschen“, von der CDU zur den „Re-       SWG: In einer Zeitungsanzeige mit ei-
fer Strand, wurde am 7. Januar zur          publikanern“ gewechselt, dort Ende         nem Aufruf gegen die Ausstellung, die
Landespressekonferenz (LPK) einge-          der achtziger Jahre Landesvorsitzen-       unter anderem am 7. Januar in den
laden. Diese Einladung, vom Redak-          der und stellvertretender Bundesvor-       Kieler Nachrichten erschien, reicht
teur der Kieler Nachrichten Peter Hö-       sitzender).                                das Spektrum der Unterzeichnerlnnen
ver ausgesprochen, führte innerhalb                                                    von Ernst Michael von Abercron (CDU-
des Vorstandes der LPK zu scharfen              Ständiges Thema von Veranstaltun-      Wirtschaftsrat), Klaus-Peter Kramer
Auseinandersetzungen: Peter Höver           gen und Publikationen ist „Deutsch-        (CDU) und Martin Schwarz (ebenfalls
hatte nur eine Urlaubsvertretung für        land als Opfer“ – im Zweiten Welt-         CDU) bis zu (ehemaligen) Mitgliedern
das Vorstandsmitglied Kersten Kam-          krieg wurde Deutschland Opfer von          rechtsextremistischer     Organisatio-
pe über Silvester übernommen, und           „alliiertem Bombenterror“, vom             nen wie Jens Steffen, Oswald Becker
es ist mehr als ungewöhnlich, eine          „größten Kunstraub der Geschichte“,        (beide Republikaner) und Fritjof Berg
solche Urlaubsvertretung zu einer sol-      Hauptthema sind natürlich die „Ver-        („Kieler Liste Ausländerbegrenzung“);
chen Kompetenzanmaßung zu miss-             triebenen“ und der deutsche Osten.         auch Rüdiger Dorff (Funktionär des
brauchen.                                   Die SWG steht dem „Ostpreußen-             rechtsextremen „Freibund“ und Kieler
                                            blatt“ nahe, in dem eine Woche vor         RCDS-Aktivist) ist dabei.
   Auch auf dieser Pressekonferenz          Beginn der Ausstellung in Kiel auch
nahm der SWG-Vorsitzende kein Blatt         kräftig gegen das Begleitprogramm             Mit einer – allerdings internen, ge-
vor den Mund, stellte die Broschüre         gewettert wurde. „Kieler Landtags-         schlossenen – Veranstaltung protes-

Aus: Gegenwind 125 · Februar 1999                                                                                         37
tierte die SWG dann am 12. Januar im     machtshetze der Salonbolschewisten        daktion oder unter der Internetadres-
„Kieler Yachtclub“ noch einmal gegen     Reemtsma, Heer und Konsorten“ ge-         se http://www. biosys.net/no_nazis zu
die Ausstellung. Da auf dem Podium       sprochen. Darauf angesprochen, ob er      bekommen.)
ausschließlich eigene Leute, allesamt    sich von dem Aufruf distanziere, sag-
gleichermaßen Gegner der Ausstel-        te mir Uhle-Wettler, es handele sich
lung, saßen, kam die angekündigte        um parteipolitische Aktivitäten von       Reaktionen auf die
„Diskussion“ gar nicht erst auf, eine    JN bzw. NPD, dazu nehme die SWG
Protestresolution wurde mit einer        als überparteiliche Gruppierung nicht
                                                                                   rechten Proteste
Gegenstimme verabschiedet. Die in        Stellung...                                   Die Aussteller, ob es das Hambur-
der SWG angegebene Zahl der Besu-                                                  ger Institut oder den Landtagspräsi-
cherlnnen wurde mit 350 angegeben,          Zu Druckbeginn ist noch nicht          denten als lokalen Veranstalter be-
nach meinem Augenschein waren es         klar, wie die Demonstration gegen         trifft, müssen sich diese Angriffe ge-
halb so viele. Auch hier zeigte die      die Ausstellung verlaufen wird. Nach      gen die Ausstellung nicht sonderlich
CDU keine Berühungsangst: Der be-        der Anmeldung (12 Uhr, Kiel, Exer-        zu Herzen nehmen. Inhaltlich sind
kannte Kieler CDU-Politiker Uwe Gre-     zierplatz) ist sie zunächst vom Kie-      sie peinlich flach, und der überwäl-
ve übernahm die Diskussionsleitung.      ler Ordnungsamt untersagt worden.         tigende Andrang von Besucherlnnen,
Neben den üblichen Vorwürfen gegen       Dagegen laufen Widerspruchsverfah-        der teilweise schon 30 Minuten nach
die Ausstellung und ihre Macher so-      ren, danach ist eine Klage zu erwar-      Öffnung morgens zu ersten Vollsper-
wie der Behauptung, die deutschen        ten. Da NPD/JN in den letzten Mona-       rungen des Eingangs zum Landeshaus
Soldaten hätten im Zweiten Weltkrieg     ten an jedem Veranstaltungsort ge-        führt, gibt Landtagspräsident Arens
„ehrenhaft gekämpft“, wurde vom          gen die Ausstellung demonstrierten        recht in seiner Entscheidung, dass das
Podium herab auch die „These“ auf-       (Bonn: 1000 Nazis, Kassel: 500 Nazis,     Landeshaus der richtige Ort für die
gestellt, die deutsche Luftwaffe ha-     Dresden: 2500 Nazis, München: 5000        Ausstellung ist.
be in keinem einzigen Fall während       Nazis), wird die Demonstration in Kiel
des Zweiten Weltkrieges zivile Ziele     voraussichtlich spätestens vom Ober-         Die CDU im Landtag hat außer
angegriffen. Diese Behauptung blieb      verwaltungsgericht auch zugelassen,       der pauschalen Kritik an der Ausstel-
unwidersprochen und zeigt, wie die       möglicherweise aber erst kurzfristig.     lung auch moniert, das gesamte Be-
Bevölkerung von Coventry, Rotter-        Diese Demonstrationen dienen häu-         gleitprogramm sei ein „Tummelplatz
dam, Warschau oder Belgrad von den       fig auch dazu, unterschiedliche Grup-     für Linksextremisten“. Als Beispiel
Mitgliedern und Gästen der SWG ge-       pierungen wie die parteimäßig orga-       wurden Veranstaltungen angeführt,
sehen wird.                              nisierten NPD- und JN-Mitglieder mit      an denen die autonome Gruppe KA-
                                         frei operierenden sogenannten „Ka-        GON aus Kiel beteiligt ist, woraufhin
   Übrigens ließ sich der SGW-Vor-       meradschaften“ unter maßgeblicher         Arens die Veranstaltungshinweise aus
sitzende Uhle-Wettler im DVU-Organ       Beteiligung von Kadern verbotener         Landtagsveröffentlichungen entfer-
„Deutsche Wochen-Zeitung“ unlängst       Nazi-Gruppen in einer Aktionseinheit      nen ließ. Davon angefeuert, wende-
wie folgt vernehmen: „DWZ: Welche        zusammenzuführen. Der Termin ist          ten sich CDU und RCDS gegen die An-
deutsche Leistung halten Sie für die     gewählt worden, um in den eigenen         kündigungen von Veranstaltungen, an
größte der Geschichte? Uhle-Wettler:     Kreisen besser mobilisieren zu kön-       denen die VVN beteiligt ist, und frag-
Die Verteidigung Europas gegen den       nen: Am Samstag, dem 30. Januar,          ten kritisch nach Gegenwind-Ankün-
Bolschewismus. DWZ: Wen halten Sie       jährt sich zum 66. Mal die Machter-       digungen. Hier zog Arens dann eine
für die größte soldatische Persönlich-   greifung Hitlers.                         klare Linie und verteidigte seine gute
keit der deutschen Geschichte? Uhle-                                               Zusammenarbeit mit der VVN.
Wettler: Den Frontsoldaten des Zwei-         Für den gleichen Tag haben Bünd-
ten Weltkrieges.“ („DWZ“, 18. Dezem-     nis 90/Die Grünen allerdings bereits         Die drei großen Regionalzeitungen
ber 1998).                               eine Demonstration angemeldet, und        in Schleswig-Holstein, deren Haupt-
                                         zwar früher als die JN. Die Demonst-      ausgaben in Lübeck, Kiel und Flens-
                                         rationen wurden beide für die Kieler      burg erscheinen, gaben im Dezember
JN und andere                            Innenstadt angemeldet. Inzwischen         noch den Gegnern der Ausstellung ein
                                         haben sich eine Reihe von Organisa-       überproportional großes Gewicht. In-
    Von dort zu den Veranstaltern        tionen und Initiativen, darunter auch     zwischen sind sie weitgehend dazu
der angekündigten Demonstration          der Gegenwind, darauf verstän-            übergegangen, über die positiven und
am 30. Januar ist es nur ein kleiner     digt, gemeinsam mit den Grünen zu         betroffenen Reaktionen der vielen
Schritt. Unter dem Motto „Keine Ru-      einer antifaschistischen Demonstra-       tausend Besucherlnnen zu berichten.
he für die Schandausstellung!” wird      tion am 30. Januar in Kiel aufzuru-       Allerdings: Noch ist es zu früh, ein Fa-
im Internet zum Protest aufgerufen,      fen. Sie soll um 10 Uhr auf dem Eu-       zit zu ziehen. Das folgt aber mit Si-
unter dem Titel „Der Soldaten Ehre       ropaplatz (vom Bahnhof nordwestlich       cherheit in den nächsten Ausgaben.
ist auch unsere Ehre! Verteidigen wir    Richtung Innenstadt/Einkaufsstraße,
sie!“ hat die NPD-Jugendorganisati-      erster Platz links) beginnen und letzt-                           Reinhard Pohl
on „ Junge Nationaldemokraten“ (JN)      lich zum Landeshaus, dem Ort der
eine Demonstration angemeldet. In        Ausstellung führen. (Aktuelle Informa-
dem Aufruf wird von der „Anti-Wehr-      tionen sind bei der Gegenwind-Re-

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...was man hätte tun
können und was nicht
getan worden ist

                                       „Ein Mann kommt nach Deutsch-           nun könnte man noch eine Szene an-
                                    land. Er war lange weg, der Mann.          fügen: Am Schluss betritt Beckmann
                                    Sehr lange. Vielleicht zu lange. Er        zufällig eine Ausstellung, die heißt
                                    hat tausend Tage in der Kälte gewar-       „Vernichtungskrieg. Verbrechen der
                                    tet. Und als Eintrittsgeld musste er       Wehrmacht 1941 bis 1944“, und die-
                                    mit seiner Kniescheibe bezahlen. Und       se Ausstellung behauptet, er sei ein
                                    nachdem er nun tausend Nächte drau-        Mörder gewesen – wie könnte das im
                                    ßen in der Kälte gewartet hat, kommt       Borchert-Ton heißen? So etwa: „Und
                                    er endlich doch noch nach Deutsch-         zu Hause, hat er gedacht, wird je-
                                    land. Einer von denen, die nach Hau-       mand sein, der sagt: Beckmann, sagt
                                    se kommen und die dann doch nicht          der Jemand, komm her, setz dich zu
                                    nach Hause kommen, weil für sie kein       uns, aber das sagt der nicht, der Je-
                                    Zuhause mehr da ist. Und ihr Zuhau-        mand, Beckmann sagt der, Beckmann
                                    se ist dann draußen vor der Tür.“ So       du Mörder. Und Beckmanns Zuhause
In seiner Rede zur Kieler Eröff-    beginnt, Sie alle kennen die Worte,        bleibt draußen vor der Tür.“ Nun, so
nung der Ausstellung Vernich-       Wolfgang Borcherts „Draußen vor            etwa sehen das diejenigen, die sagen,
tungskrieg. Verbrechen der          der Tür“ – von den Texten, die einen       die Ausstellung des Hamburger Insti-
Wehrmacht 1941 bis 1944 am          Veteranen und sein Erleben zum Su-         tuts für Sozialforschung verunglimpfe
7. Januar im Landeshaus hat         jet haben, Deutschlands bekanntes-         eine ganze Generation von Kriegsteil-
sich Professor Dr. Jan Philipp      ter und populärster. Dieser Veteran        nehmern.
Reemtsma, Gründer und Leiter        heißt Beckmann, bloß Beckmann, und
des Hamburger Instituts für         hat Albträume vom Krieg, und er ver-           Vor einiger Zeit habe ich mit einer
Sozialforschung, in beeindru-       sucht im Nachkriegsleben wieder Tritt      Verwandten aus dieser Generation
                                    zu fassen, aber es gelingt ihm nicht.      über die Ausstellung gesprochen: „Na-
ckender Weise mit der Kritik
                                    Man will seine Geschichten nicht hö-       türlich“, sagte sie, „hat es Verbrechen
an der Ausstellung auseinan-        ren, man will mit ihm nichts zu tun        gegeben. Aber die sind befehlswidrig
dergesetzt. Wir dokumentie-         haben. Sie alle stoßen ihn weg, der        ei folgt.“ Meine Antwort: „Nein, in der
ren auf den folgenden Seiten        ehemalige Oberst, der Kabarett-Besit-      Ausstellung kann man die verbreche-
die Rede im Wortlaut und un-        zer, die Nachbarin, die Eltern sind tot,   rischen Befehle nachlesen.“ Ihre Re-
gekürzt.                            sie haben Selbstmord begangen – und        aktion: „Dann sind sie nicht befolgt

Aus: Gegenwind 125 · Februar 1999                                                                                 39
worden.“ Sie hat sich eines Topos          ger Institut für Sozialforschung schon     tasma der grauen Zahl, das jene gerne
bedient, der so oder ähnlich seit den      vor 50 Jahren gegeben, und gleich die      beschwören, die im Namen anderer
Nürnberger Prozessen in der politi-        nächste Ausstellung anmahnen und           sprechen und Anzeigen aufgeben.
schen Rhetorik der Nachkriegszeit zu       ein Spezialthema vorschlagen (etwa:
finden ist. Das Nürnberger Urteil gibt     Strafaktionen der Wehrmacht gegen              Viele Mitglieder der Kriegsgenera-
ihn in dieser Variante wieder: „Viele      kapitulationswillige deutsche Dörfer       tion haben die Ausstellung besucht –
dieser Männer (des Oberkommandos           und Städte). Da gibt es die vielen, die    mehr, als wir erwartet hatten. Was so
der Wehrmacht und des Generalstabs)        ihre eigene Erfahrung dem, was die         lange in den Familien als hundertmal
haben mit dem Soldateneid des Ge-          Ausstellung zeigt, gegenüberstellen –      gehörte oder noch öfter verschwie-
horsams gegenüber militärischen Be-        meist als Korrektur im Detail (es mö-      gene Geschichten präsent gewesen
fehlen ihren Spott getrieben. Wenn         ge zwar das alles, was hier zu sehen       war, ist noch lange nicht Geschich-
es ihrer Verteidigung zweckdienlich        sei, stimmen, aber ihre eigene Erfah-      te geworden. Die Interviews, die an
ist, so sagen sie, sie hätten gehorchen    rung zeichne folgendes Bild – und es       unterschiedlichen Ausstellungsorten
müssen; hält man ihnen Hitlers bruta-      folgt eine Geschichte, die zu erzählen     gemacht worden sind, zeigen das
le Verbrechen vor, deren allgemeine        sie gekommen sind). Da gibt es den,        ebenso, wie Ruth Beckermanns Film
Kenntnis ihnen nachweisbar wurde,          der irgendeine phantasierte politische     „ Jenseits des Krieges“ es zeigt. Aber
so sagen sie, sie hätten den Gehorsam      Tendenz der Ausstellung anprangert,        dasselbe gilt auch für die Ausstel-
verweigert. Die Wahrheit ist, dass sie     um dann sogleich klarzustellen: die        lungsbesucher der nächsten beiden
an all diesen Verbrechen teilgenom-        modische Trennung zwischen SS und          Generationen. Hatten wir eine Aus-
men haben oder in schweigender Zu-         Wehrmacht mache er nicht mit – und         stellung gemacht, die über eine Di-
stimmung verharrten, wenn vor ihren        der nächste beschwört im Gegenteil,        mension des Krieges im zwanzigsten
Augen größer angelegte und empö-           dass die Wehrmacht für kein, die SS        Jahrhundert hatte informieren wollen,
rendere Verbrechen begangen wur-           für alle Verbrechen verantwortlich zu      so diente die Ausstellung den Besu-
den, als die Welt je zu sehen das Un-      machen sei – und der dritte fügt hin-      chern dazu, das, was der Vater oder
glück hatte.“                              zu, in der Zivilbevölkerung hätten alle    Großvater über „den Krieg“ erzählt
                                           von den KZs gewusst, aber die Wehr-        hatte, mit dem zu konfrontieren, was
    Wie sehr dieses Bedürfnis, die         machtssoldaten wären nie in Berüh-         die Bilder dieses Krieges über den Va-
Wehrmacht pauschal freizusprechen          rung mit irgendwelchen Verbrechen          ter und Großvater erzählten. Ziel
von aller Teilhabe an der national-        gekommen. Da ist der, der die Aus-         der Ausstellung war es gewesen, ei-
sozialistischen Vernichtungspolitik,       stellung lobt, aber ihren Titel tadelt,    ne Nicht-Fachöffentlichkeit über ein
noch die Gemüter prägt, hat erst der       weil er sich durch ihn unter die Ver-      Stück Wirklichkeit des zwanzigsten
nunmehr Jahre andauernde Streit um         brecher gezählt fühlt, und er erzählt      Jahrhunderts zu informieren – Wir-
die Ausstellung, die heute nun in Kiel     seine Geschichte und es ist eine sehr      kung der Ausstellung war, dass vie-
eröffnet wird, gezeigt. Nur scheinbar      traurige Geschichte. Da ist der, der       le kamen, um sich über den engsten
paradoxerweise erscheint es in dem         sagt, er habe den Russlandfeldzug          Familienkreis zu informieren: Die Ka-
Vorwurf, die Ausstellung fälle ihrer-      vom ersten Tage an mitgemacht, vor         tastrophengeschichte dieses Jahrhun-
seits ein Pauschalurteil. Ein Pauschal-    Stalingrad sein Bein verloren und sei      derts ist in einigen Teilen der Welt
urteil gegen einen jeden Beckmann,         als einer der letzten aus dem Kessel       eben auch Familiengeschichte. Für
gegen jeden „aus der grauen Zahl“,         ausgeflogen worden, er habe die Aus-       diejenigen, die etwas über ihre Groß-
wie Borchert sagt – aber die graue         stellung gesehen und müsse sagen,          väter und Väter erfahren wollten, war
Zahl verliert ihr Grau in den Reakti-      da stimme alles bis aufs i-Tüpfelchen:     die Ausstellung ein Medium, diese
onen der Einzelnen, die nun tatsäch-       „Das haben wir gesehen, das haben          aus der grauen Zahl heraustreten zu
lich als alte Männer die Ausstellung       wir gemacht.“ Da sind die Angehöri-        lassen, ihnen ein Gesicht zu geben –
besuchen – oder nur von ihr das hö-        gen Gefallener, die, noch einmal, ein      und wenn es ein Gesicht war, das man
ren, was die Zeitung, die sie lesen, ih-   halbes Jahrhundert später, die Todes-      nicht so gerne ansieht. Da ist der Ve-
nen darüber erzählt. Da gibt es die,       anzeigen in den Druck geben, Hin-          teran, der die Namen der Kameraden
die anonyme oder pseudonyme Briefe         weis auf die Ausstellung inclusive –       nennt, die dem Juden den Bart ab-
schreiben, aber manchmal auch ganz         wie hat der Anzeigentext 1941, 42,         schneiden und dabei fröhlich in die
stolz mit Namen und Rang zeichnen          43, 44, 45 geheißen? „In stolzer Trau-     Kamera sehen. Da ist die Tochter, die
und oft stellvertretend schreiben: „im     er für Führer und Vaterland“? – und        ihren verschollenen Vater wiederer-
Namen gefallener Kameraden“, „im           heute muss jeder von diesen Gefalle-       kennt – bei einer Hinrichtung, und er
Namen meiner gefallenen Brüder“,           nen also nochmal seinen Namen hin-         lacht. Sie verstehe jetzt, was ihre Mut-
„im Namen Deutschlands“ – Briefe,          halten. Da ist der Wehrmachtsvete-         ter meinte, als sie sagte, während des
in denen noch einmal die Zivilisati-       ran, der eine Anzeige aufgeben möch-       Krieges habe sich der Vater so verän-
on zusammenbricht, Briefe, in denen        te im Angedenken an die Deserteure         dert. Jetzt, vor diesem Foto, wird
sie sich in Mordphantasien ergehen.        des Vernichtungskrieges, aber er kann      die lückenhafte Familiengeschichte
Arme Teufel. – Da gibt es die, die die     sie nicht bezahlen...– sie alle also wä-   wirklich eine Geschichte und zur Ge-
Wichtigkeit der Ausstellung betonen,       ren unterschiedslos Beckmann? Sie al-      schichte. Die Erkenntnis ist schmerz-
allerdings mit der mitunter ein wenig      le würden durch die Ausstellung belei-     haft; die Fähigkeit, Zusammenhänge
ärgerlichen Nebenbemerkung „Warum          digt? Man sieht, dass die Vielfältigkeit   zu erkennen, mag allerdings etwas
erst jetzt?“, als hätte es das Hambur-     der Haltungen nicht aufgeht im Phan-

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sein, für das der Erkenntnisschmerz       Verfahrens), in der öffentlichen Le-      ein langer Weg zum gegenwärtigen
kein zu hoher Preis ist.                  gende als Freispruch gehandelt. Das       Traditionserlass und seiner Fassung
                                          ist zwar absurd, aber diese Darstel-      oder Interpretation vom Ende des Jah-
     So entsteht Geschichte – im Zu-      lung geistert immer noch durch man-       res 1995 durch den damaligen Bun-
sammenspiel zwischen den Geschich-        che Presseberichte und viele Briefe.      desminister der Verteidigung Volker
ten der Einzelnen und den großen Ge-      Zweitens kann man erkennen, dass          Rühe (ein halbes Jahr nach der Eröff-
schichten, die alle erzählen. Im Falle    es eine Art Scheu gab, im Nürnberger      nung der Ausstellung „Vernichtungs-
der deutschen Wehrmacht haben sich        Hauptverfahren den Holocaust zu the-      krieg“ im Frühjahr), derzufolge allein
die einzelnen Geschichten der gro-        matisieren. Weder die Anklage noch        der militärische Widerstand als tra-
ßen, allgemein erzählten Geschich-        die Richter erfassen das Ausmaß die-      ditionsbildend gelten dürfe –, es war
te unterordnen müssen. Müssen und         ses Verbrechens wirklich. Dies ändert     dieses Phantasma auch das Credo des
wollen. Die Vorstellung von der grau-     sich im Laufe der Jahre, der entschei-    deutsch-deutschen Pazifismus: „Sol-
en Zahl fördert die Erkenntnis nicht.     dende Impuls ist dabei der Prozess        dat, Soldat in grauer Norm, Soldat,
Wie trübes Glas schiebt sie sich zwi-     gegen Adolf Eichmann in Jerusalem.        Soldat in Uniform, Soldat, Soldat, ich
schen Auge und Realität. Darum war        Mit der Figur Eichmanns – und durch       finde nicht, Soldat, Soldat, dein Ange-
sie lange so erfolgreich. Besser ge-      die anschließenden Auschwitz-Pro-         sicht.“ So transportierte sich im pazi-
sagt: Darum wurde sie so erfolgreich.     zesse in der Bundesrepublik – geriet      fistischen Affekt, der doch eine Reak-
– Gehen wir zurück in die Jahre unmit-    die Realität der Vernichtungslager in     tion auf die Katastrophe des Zweiten
telbar nach dem Krieg. Manches war        den Blick und vor ihrer Monstrosität      Weltkriegs war, eine Denk- und Wahr-
da der Erkenntnis und dem Geständ-        schien alles andere zu verschwinden.      nehmungsfigur, die an die Stelle der
nis näher als heute. Hans-Jochen Vo-      Tatsächlich aber sieht, wer nur die La-   kurz nach 1945 durchaus vorhande-
gel hat in Marburg bei der dortigen       ger sieht, und nicht die gewisserma-      nen Tatsacheneinsichten getreten
Ausstellungseröffnung aus Adenau-         ßen konventionellere Form des Mas-        war. Erst jetzt, so muss man wohl die
ers Brief vom 23.2.1946 an einen ka-      senmords durch Erschießen, Verbren-       Wirkung und die Aufregung um die
tholischen Geistlichen bereits zitiert:   nen und Hängen durch SS, Polizei und      Ausstellung verstehen, bekommen
„Das deutsche Volk (...) hat sich fast    Wehrmacht, nur einen Teil des Verbre-     die Soldaten ein Angesicht und hei-
widerstandslos, ja zum Teil mit Be-       chens. Das Extrem der Vernichtungs-       ßen nicht mehr alle nur Beckmann.
geisterung gleichschalten lassen. Da-     lager machte unsichtbar, was man
rin liegt seine Schuld. Im Übrigen hat    dann allgemein unter „Krieg schlecht-         So war es denn auch gar nicht ver-
man aber auch gewusst (...) dass die      hin“ und den Grausamkeiten, die je-       blüffend, dass die erste Kritik an der
Gestapo, unsere SS und zum Teil auch      der Krieg eben mit sich bringe, abtat,    Ausstellung gar nicht von konserva-
unsere Truppen in Polen und Russland      wenn doch einmal jemand auf diesen        tiver oder „rechter“ Seite kam, son-
mit beispiellosen Grausamkeiten ge-       Teil des Verbrechens hinwies. Das Er-     dern von „links“ (wenn man die in
gen die Zivilbevölkerung vorgingen.       gebnis war bequem. Die Lager waren        diesem Zusammenhang besonders
(...) Man kann also wirklich nicht be-    weit draußen, die Wachmannschaften        hilflosen Kennzeichnungen verwen-
haupten, dass die Öffentlichkeit nicht    wenige – hier konnte man von Schuld       den will): Die Ausstellung verharmlo-
gewusst habe, dass die nationalsozia-     sprechen und doch von etwas Abs-          se den Krieg an sich, da sie vergessen
listische Regierung und die Heereslei-    traktem, mit dem man nichts zu tun        mache, dass nicht nur der Krieg an
tung ständig aus Grundsatz gegen das      hatte. Man selbst hatte nur mit „dem      den Schauplätzen, die sie dokumen-
Naturrecht, gegen die Haager Konven-      Krieg“ zu tun gehabt, und da konn-        tiert, sondern der Krieg generell ein
tion und gegen die einfachsten Gebo-      te man sich über alle politischen La-     „Vernichtungskrieg“ sei. Dieser Af-
te der Menschlichkeit verstießen.“        ger hinweg schnell einigen: Der Krieg     fekt gegen die Differenzierung passt
                                          macht alle irgendwie gleichermaßen        perfekt zu dem Vorwurf, die Ausstel-
   Wie kam es denn zu der Legende         zu Opfern. Es gibt, gewiss, die Kriegs-   lung verunglimpfe eine ganze Gene-
von der „sauberen Wehrmacht“, die-        schuld – aber die liegt bei den Politi-   ration: Kriege seien nun einmal so,
ser so langlebigen Legende, die es        kern, und wenn er dann erstmal losge-     und jeder Krieg bringe Schreckliches
1995 ja immer noch gab, wie man           lassen ist, der Krieg, dann gibt es nur   mit sich. Oft vermischen sich in sol-
den Schlagzeilen der Presse entneh-       noch die graue Zahl.                      chen Texten die Argumente: Sie wer-
men konnte, als die Ausstellung in                                                  fen der Ausstellung gleichermaßen
Hamburg eröffnet worden war, oh-              Das Phantasma von der grauen          Pauschalisierung wie zu starke Diffe-
ne dass das Institut selber dabei die-    Zahl der Eingezogenen, der unter-         renzierung vor. Das geht dann etwa
se Behauptung aufgestellt hatte? Es       schiedslos Missbrauchten und allen-       so: 1. Niemand wird bestreiten, dass
kommen da einige Faktoren zusam-          falls Verführten, der Beckmanns, de-      in diesem Kriege auch Verbrechen von
men. Einmal wurde im Laufe der Jah-       rer, die, wie es anderswo bei Borchert    deutscher Seite begangen worden
re und Jahrzehnte der Umstand, dass       heißt, das eigene Schießen nicht mehr     sind. 2. Nicht alle deutschen Soldaten
das Oberkommando der Wehrmacht            hören, nur das Schießen der anderen,      haben Verbrechen begangen. 3. Und
und der Generalstab aus formalen          der unterschiedslos Schuldlosen, war      bei denen, die Verbrechen begangen
Gründen in Nürnberg nicht en bloc         nicht nur ein nützliches Stück politi-    haben, muss daran erinnert werden,
angeklagt worden war (das Gericht         scher Rhetorik, die eine ungefragte       dass es in jedem Kriege Verbrechen
rügt in dem zitierten Statement Ver-      Kontinuität zwischen Wehrmacht und        gibt. Aus diesen ebenso richtigen wie
säumnisse hei der Konstruktion des        Bundeswehr stiften wollte – es war        banalen Prämissen wird ein krauser

GAus: Gegenwind 125 · Februar 1999                                                                                     41
Schluss gezogen: Also sei es unsinnig,     denjenigen, der das Verbrechen aus       Leben, der für sich entscheidet, nicht
hier groß differenzieren zu wollen,        eigenem Anstoß begeht, aber wir          töten zu wollen. Aber aus diesem
denn wer das tun wolle, zeige doch         können nicht sagen, dass der erstere     Grund den Entschluss, kein Mörder
nur, dass er nicht wisse, was Krieg sei.   keine Verantwortung für sein Handeln     sein zu wollen, abzuwerten, ist unge-
Wer aber dennoch über die deutschen        trage, weil er einem Befehl gehorcht     heuerlich. Wer unterhalb der Schwel-
Verbrechen reden wolle, der wolle al-      habe. Die Vorstellung vom Krieg als      le selbstmörderischen Widerstandes
le deutschen Soldaten zu Verbrechern       gleichsam einzig handelndem Sub-         nichts mehr wahrnehmen kann, lei-
stempeln. Also fälle die Ausstellung       jekt und die von der grauen Zahl, in     det an einer Wahrnehmungsstörung
ein Pauschalurteil über eine ganze Ge-     der keine Einzelnen mehr zu erken-       und ist kognitiv wie moralisch nicht
neration von Kriegsteilnehmern. – So       nen sind, macht uns dieses vergessen.    mehr zurechnungsfähig. Es ist die be-
wird aus dem Vorwurf, wir differen-        Und das heißt, dass beide uns verges-    quemste Ausrede: da man von keinem
zierten zu sehr, der Vorwurf, wir fäll-    sen machen, was Moral ist. Wenn ich      Menschen verlangen könne, ein Held
ten ein Pauschalurteil über jeden aus      über moralische Fragen rede, rede ich    zu sein, sei unterhalb des Heldentums
der grauen Zahl.                           nämlich auch nicht über Abstrakta,       alles erlaubt. Man bedenke, was Han-
                                           sondern über das freie und verant-       nah Arendt in ihrer Laudatio auf Karl
   Es musste wohl so kommen. Wo-           wortliche Handeln konkreter Indivi-      Jaspers zu sagen hatte, der kein Wi-
rum es uns bei der Konzeption der          duen. Darüber, was Menschen getan        derstandskämpfer war, kein Held im
Ausstellung unter anderem gegan-           haben oder darüber, was Menschen         Sinne eines, der sein Leben aufs Spiel
gen war, war zu zeigen, dass es „den       in bestimmen Situationen, die wir uns    setzt, um die Verhältnisse zu ändern,
Krieg“ nicht gibt. Es gibt Kriege, un-     vorstellen, tun sollten.                 und doch: „Seine Unantastbarkeit, das
terschiedliche, zu unterschiedlichen                                                heißt nicht die selbstverständliche Tat-
Zwecken, mit unterschiedlichen Mit-            Hier kann man nun in Diskussionen    sache, dass er inmitten der Katastro-
teln geführte. Wer das sagt, macht         über die Fragen, die so eine Ausstel-    phe fest blieb, sondern – was viel we-
nicht vergessen, welche Schrecken ein      lung wie die, die wir heute eröffnen,    niger selbstverständlich war – dass all
jeder Krieg bedeutet. Wer aber, aus        aufwirft, sehen, in welcher Weise die    dies für ihn niemals auch nur zu einer
was für Gründen auch immer, sich in        Fähigkeit zum Raisonnieren über mo-      Versuchung werden konnte, besagt
die Abstraktion „der Krieg“ flüchtet,      ralische Probleme bis heute rampo-       für diejenigen, die von ihm wussten,
der macht vergessen, dass es nicht         niert ist. Zunächst bekommt man oft      viel mehr noch als Widerstand und
nur die politische Verantwortung für       zu hören, man werfe sich zum Richter     Heldentum: Es besagte ein Vertrau-
den Beginn des Krieges gibt, sondern       auf – mit welchem Recht? Diese Vor-      en, das keinerlei Bestätigung bedurf-
dass Menschen auch im Krieg Verant-        haltung verwechselt die Bereitstel-      te, ein Zutrauen, dass in einer Zeit,
wortung tragen – von den Politikern,       lung von Tatsachenmaterial, das es       in der alles möglich war, eines eben
von der Generalität bis zum einfachen      auch erlaubt, moralische Urteile zu      doch unmöglich blieb.“ Wie bedeut-
Soldaten: dafür, dass er weitergeführt     fällen, mit dem Wunsch, andere mo-       sam diese Worte sind, mag man aus
wird und nicht beendet, dafür, wie         ralisch zu verurteilen und sich über     dem Umstand ermessen, dass in der
er weitergeführt wird, dafür, welche       sie zu erheben. Nähme man sie ernst,     Dichotomie zwischen Mitmachen und
Schlachten in ihm geschlagen werden,       hätte das erstens zur Konsequenz, Ge-    Heldentum des Widerstands kein Ort
dafür, wie Kriegsgefangene behandelt       schichtsschreibung immer dort abzu-      für diese dritte Kategorie ist, und dass
werden, dafür wie Zivilisten behandelt     brechen, wo das Handeln von Indivi-      immer noch wütend reagiert wird,
werden, dafür, ob geplündert, verge-       duen in den Blick kommt, und zwei-       wenn man in der ersten und zweiten
waltigt, niedergebrannt wird (oder         tens Reden über moralische Fragen        Gruppe Differenzierungen vornimmt:
nicht). Es ist in Kriegen wie in jedem     generell mit einem Tabu zu belegen.      in der ersten Unterschiede erkennen
anderen Bereich menschlichen Lebens        Die scheinmoralische Attitüde des-       möchte zwischen begeistertem und
auch: Es gibt kaum Bereiche, in denen      jenigen, der sagt, er wolle nicht ur-    apathischem Konsens, in der zweiten
Menschen keine Entscheidungen fäl-         teilen, weil er sich nicht über andere   zwischen denen, die das Regime bis
len, in denen sie keine Verantwortung      erheben wolle, bedeutet nur, dass für    zu einem bestimmten Zeitpunkt ge-
tragen. In unterschiedlichem Grade,        ihn die Fragen nach richtig und falsch   stützt haben und in seine Verbrechen
gewiss, der Bereich der Freiheit eines     und Recht und Unrecht überhaupt kei-     involviert waren – und anderen. Die
Menschen kann extrem eingeschränkt         ne Rolle mehr spielen.                   Feststellung, dass Stauffenberg bis zu
sein, aber er ist kaum je gleich Null,                                              einem gewissen Zeitpunkt ein begeis-
und darum ist auch der Bereich der in-        Der zweite Anwurf lautet: Wenn        terter Anhänger des NS-Regimes war,
dividuellen Verantwortung nie gleich       der eine das nicht getan hätte, hätte    beschädigt sein Heldentum nicht,
Null. Wer einem Befehl folgt, handelt      es ein anderer getan. Nur: in morali-    aber dass Nebe zu den Hingerichte-
nicht wie eine Maschine. Wer einem         schen Fragen geht es zunächst darum,     ten des 20. Juli gehörte, ändert auch
Befehl folgt, hat sich entschieden, ei-    was ich tue oder unterlasse. In mei-     nichts daran, dass er ein Massenmör-
nem Befehl zu folgen, auch wenn ihm        nem Handeln bestimme ich, wer ich        der war. Was Arendts Bemerkung über
das im Moment nicht bewusst ist und        den Rest meines Lebens sein werde:       Jaspers so bedeutsam macht, ist, dass
er sich fühlt wie eine Maschine. Si-       im Extremfall ein Mörder. Und das hat    es sowohl unter denen aus der grau-
cherlich werden wir einen Menschen,        überhaupt nichts damit zu tun, was       en Zahl als auch unter den Helden des
der einem verbrecherischen Befehl          irgendein anderer mit seinem Leben       Widerstands einige wohl, aber doch
Folge leistet, anders beurteilen als       tut. Gewiss rettet nicht der schon ein   zu wenige gegeben hat, für die „all

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dies niemals auch nur zu einer Versu-      die befehlsgemäß und systematisch           dem Vernichtungskrieg, konnten es
chung werden konnte“.                      Verbrechen begeht, nicht eine, die          alle. Viele wollten es nicht. Sie ver-
                                           aus Verbrechern besteht! – verlässt,        krochen sich in der Dumpfheit der
    Drittens wird einem vorgehalten,       ist immer moralisch gerechtfertigt.         Stammtischerinnerung oder der öf-
das sei im Zweifelsfall alles Ansichts-    Damit ist nun wieder nicht gesagt, nur      fentlichen Rhetorik, dem Borchert-
sache. Ob jemand historische Tatsa-        der sei kein Verbrecher gewesen oder        Phantasma von der grauen Zahl.
chen dokumentiert, oder ob einer           nur der habe ehrenvoll gehandelt, der
seine Phantasien und intellektuel-         desertiert sei. So ein Urteil stünde            Von denen, die nicht wollten und
len Ausfälle zu Papier bringt (etwa:       niemandem zu. Hartmut von Hentig            denen, die, wiewohl ohne eigenes
die Verbrechen der deutschen Wehr-         hat in einem TV-Interview gesagt, der       biographisches Motiv, ihnen gefolgt
macht waren erst möglich geworden,         Gedanke an Desertion sei ihm nie ge-        sind, haben sich einige zu Wort ge-
nachdem der erbitterte Widerstand          kommen, für ihn sei es immer selbst-        meldet. Einige ano- oder pseudonym,
ihrer Generäle gebrochen worden            verständlich gewesen, das Schicksal         einige lautstark und so unbekümmert,
sei und nach etlichen Demissionen          seiner Kameraden zu teilen. Was ihn         wie es nur die Dummheit erlaubt. Es
und Selbstmorden), ist gleichgültig.       aber nachträglich irritiere, sei, dass es   lässt sich empfinden, dass hier nicht
Aus der Tatsache, dass jeder im Rah-       sich hier um keinen bewussten Ent-          nur Wut über die am Ende so wenig
men gewisser gesetzlicher Regeln al-       schluss gehandelt habe. Er sei gar          erfolgreich unterdrückte Wahrheit
les drucken lassen kann, was er mag,       nicht auf die Idee gekommen, dass           zum Ausdruck kommt, sondern vor
schließen manche, dass es also auch        er auch anders hätte handeln können.        allem Verstörung über die Zumutung,
völlig egal sei, was einer schreibt. Und   Das beunruhige ihn. Fragen dieser Art       differenzieren zu müssen, die sich in
nicht nur das: Weil es Meinungsfrei-       sind es, die sich zu untersuchen und        bösartigem Agieren Ausdruck zu ver-
heit gibt, ist die Frage, ob denn stim-    zu diskutieren lohnt, aber um das           schaffen sucht. Diese Verstörung führt
me, was einer als Behauptung in die        möglich werden zu lassen, muss man          ihrerseits zum Zusammenbruch des
Welt setzt, nicht mehr erlaubt. Wo         Tatsachen zur Kenntnis nehmen und           restlichen      Differenzierungsvermö-
aber Tatsachenbehauptungen beliebig        das Spektrum tatsächlichen und mög-         gens. Es findet eine erstaunliche in-
werden, kann auch nicht mehr mora-         lichen menschlichen Handelns ange-          nerliche Gleichschaltung der auf die-
lisch geurteilt werden, weil gar nicht     sichts solcher Tatsachen. Aus diesem        se Weise Agierenden statt. Die Briefe
mehr möglich ist, sich überhaupt           Grunde finden Sie in dieser Ausstel-        lesen sich, als wären sie voneinander
darüber zu einigem, was passiert ist.      lung die Geschichte der Kinder von          kopiert, gleichgültig welchen sozialen
Dies sind die drei Grundsätze des mo-      Bejala Zerkow. Sie zeigt, was man           oder Bildungshintergrund der Schrei-
ralischen Analphabetismus: Erstens:        hätte tun können, und was nicht ge-         bende hat. Ob da einer auf seine Offi-
wir wollen nicht verurteilen und dar-      tan worden ist. Beides müssen Sie zur       zierstitel stolz ist, die er alle nochmal
um müssen wir uns die Möglichkeit,         Kenntnis nehmen. Sie verstehen das          über die Unterschrift setzt, um dem
überhaupt zu urteilen, verstellen;         eine nicht ohne das andere. Und das         Nichtgedienten Bescheid zu geben,
zweitens: auf mein eigenes Handeln         andere nicht ohne das eine.                 wer hier der Fachmann ist, oder ob
kommt es nicht an; und wo ich nicht                                                    er nur als „D. Rächer“ zeichnet – der
alles zum Besten wenden kann, darf            Sicher konnten nicht alle Soldaten       Rest ist, was Stil, Grammatik, Stereo-
ich mich an allem beteiligen; und drit-    erkennen, dass dieser Krieg sich von        typie der Argumentation, Metaphern-
tens die Verwechslung von Tatsachen        anderen Kriegen unterschied, dass er        lage angeht, austauschbar. Die Angst
und Meinungen. Der moralische Anal-        ein von vornherein verbrecherischer         vor den Zumutungen der Differenzie-
phabetismus ist weiter verbreitet, als     Krieg war, der nicht einmal mehr et-        rung, die Verstörung durch das Fehlen
man fürchten sollte, und es gibt er-       was mit den klassischen (und traditio-      jenes, wie Arendt sagt, „politischsten
staunlich viele, die sich ihm geradezu     nell fragwürdigen) Kriegszielen zu tun      unter den geistigen Vermögen“, der
lustvoll überlassen. Es ist eine maso-     hatte, mit denen Soldaten normaler-         Urteilskraft, sprich: der „Fähigkeit,
chistische Lust, denn es handelt sich      weise motiviert werden, zu töten und        Besonderheiten zu beurteilen“, macht
um eine intellektuelle wie emotionel-      sich dem Risiko auszusetzen, getötet        alle, die von ihr über ein bestimmtes
le Selbstverstümmelung im Dienste          zu werden. Einige konnten das, weil         Maß hinaus mitgenommen sind, in
der Wirklichkeitsvermeidung.               sie mit bestimmten Entscheidungen           einer großen wechselseitigen Identi-
                                           ihrer Befehlshaber konfrontiert wur-        fizierungsleistung zum gleichförmi-
    Die Kehrseite der pathologischen       den und ihr moralisches Urteilsvermö-       gen Mob.
Angst vor Differenzierung ist das Un-      gen intakt geblieben war. Einige konn-
recht, das den Deserteuren der Wehr-       ten das nicht, weil sie nicht überbli-         Mit den Konvulsionen des Mobs
macht bis vor Kurzem widerfahren ist       cken konnten, was dem zuzurechnen           hat man zu rechnen, wo immer man
und das noch immer nicht bereinigt         war, was sie für konventionelle militä-     in Fragen der Politik und der Moral
ist. Der immer wieder erhobene Ein-        rische Notwendigkeit hielten und was        zu sehr differenziert. Sich darüber
wand ist, man wisse ja nicht, aus wel-     dem Kriegsziel der Vernichtung dien-        aufzuregen, wäre weltfremd. Etwas
chen Gründen ein Deserteur jeweils         te. Für einige schließlich spielte die-     anderes aber ist, wenn der Mob Pro-
desertiert sei. Wer so spricht, doku-      se Frage keine Rolle, weil sie die Ziele    tektion durch die offizielle Politik er-
mentiert seinen Analphabetismus.           des Regimes und der Militärführung          hält. Wenn etwa die Agitation eines
Wer eine verbrecherische Organisa-         erkannten und billigten. Von denen          Münchner Politikers einen der größ-
tion – nota bene: eine Organisation,       aber, die zurückgekehrt waren aus           ten rechtsradikalen Aufmärsche der

Aus: Gegenwind 125 · Februar 1999                                                                                           43
letzten Jahre zur – gewollten oder        beiterinnen und Mitarbeiter enthält,      gesehenes wissenschaftliches Institut
nicht gewollten – Folge hat; wenn         sondern auch noch Lügen über mei-         und einen Bürger eines benachbarten
eine Frankfurter Politikerin, die noch    nen Vater verbreitet – ein besonders      Bundeslandes in dieser Weise angrei-
frische Erinnerung an ein an meiner       pikanter Umstand bei einer Gruppe         fen.“
Familie und mir begangenes Verbre-        von Leuten, die von sich behaupten,
chen nutzend, in den Jargon einer         sie würden sich gegen eine Ausstel-          Die Antwort: „Sehr geehrter Herr
Schutzgelderpresserin verfällt; wenn      lung zur Wehr setzen, die »verlogene      Professor Reemtsma! Die von Ih-
Folgendes sich ereignet: Im April ver-    und verfälschte Darstellungen« ent-       rem Institut präsentierte sogenannte
gangen Jahres habe ich an Herrn Peter     halte. Die Unterzeichner diffamieren      »Wehrmachtsausstellung« hat bei vie-
Kurt Würzbach, den Landesvorsitzen-       mit ihrem Brief nicht nur das Ham-        len ehemaligen Soldaten und deren
den der CDU Schleswig-Holsteins, die-     burger Institut für Sozialforschung,      Familien, aber nicht nur bei diesen,
sen Brief geschrieben:                    mich und meine Familie, sie diffamie-     tiefe Entrüstung hervorgerufen. Sie
                                          ren auch alle diejenigen, die sich seit   wird als undifferenziert und in Tei-
    „Sehr geehrter Herr Würzbach, er-     1995 für die Ausstellung eingesetzt       len als unwahrhaftig angesehen. Ich
lauben Sie mir, Ihre Aufmerksamkeit       haben und als Eröffnungsredner und        bedaure, wenn im Zuge dieser Emp-
auf einen Vorgang zu lenken, der Ih-      -rednerinnen aufgetreten sind – Poli-     findungen Emotionen hervorgerufen
nen als Vorsitzendem der Christlich       tiker der CDU (Michel Friedman), der      werden, die nun auch von Ihnen als
Demokratischen Union Schleswig-           SPD (Hans-Jochen Vogel) wie der FDP       verletzend empfunden werden. Um-
Holsteins nicht gleichgültig sein kann,   (Ignatz Bubis), die Verfassungsrichte-    so wichtiger ist es, die Diskussion
wie ich meine. In der Anlage finden       rin Jutta Limbach, den Brigadegeneral     um die Ausstellung und die Rolle der
Sie einen Brief, der von Mitgliedern      a.D. Winfried Vogel, den Adjutanten       Wehrmacht im 2. Weltkrieg in geeig-
Ihrer Partei unterzeichnet worden ist     des österreichischen Bundespräsiden-      neter Weise und am richtigen Ort zu
und, wie der Presse zu entnehmen ist      ten Hubertus Trautenberg, den Präsi-      führen. Das Landeshaus kann dafür
(ich sage das mit diesem Vorbehalt),      denten des Bundesarchivs Friedrich P.     nicht in Betracht kommen. Unter dem
von der CDU in Henstedt-Ulzburg als       Kahlenberg, den Bischof der evange-       Dach unserer Volksvertretung können
Briefdrucksache versandt worden ist.      lischen Kirchenprovinz Sachsen Chris-     undifferenzierte, wenn nicht gar ein-
Gleichgültig ob die Verteilung dieses     toph Demke, den ehemaligen polni-         seitige Betrachtungsweisen nur Streit
Briefes sich der logistischen Unter-      schen Außenminister Wladislaw Bar-        und Verletzungen hervorrufen. Sehr
stützung der lokalen CDU bedienen         toszewski, den Präsidenten des ös-        wünschte ich mir, dass Sie Ihren per-
konnte oder ob die Unterzeichner          terreichischen Nationalrates Heinz Fi-    sönlichen Einfluss geltend machen
Adressensammlung und -verschrif-          scher und etliche mehr. Aber nicht nur    und dem Herrn Landtagspräsidenten
tung, Frankieren und Einwerfen der        der Umstand, dass Mitglieder Ihrer        einen entsprechenden Vorschlag ma-
Briefe in Heimarbeit durchgeführt ha-     Partei zu Wahlkampfzwecken sich sol-      chen. Ich bin sicher, dass auch scharfe
ben – der Brief ist als Brief nicht ei-   cher Mittel bedienen, bestürzt, son-      Kritiker der Ausstellung das honorie-
ner beliebigen Ansammlung von Bür-        dern dass der Text von Brief und bei-     ren. Versöhnen statt spalten – dies Be-
gern von zufällig ähnlichen Ansichten,    gelegtem Text in Duktus, Wortwahl         streben muss für alle gelten. Dafür ist
sondern von Mitgliedern der CDU, die      sowie der Art der mit ihnen verbrei-      das Thema und seine wahrhaftige Be-
sich mit diesem Brief politisch artiku-   teten Lügen und Desinformationen          handlung zu wichtig. (...)“
lieren wollen, versandt worden. Sie       neonazistischem Propagandamaterial
werden nicht annehmen, dass ich es        folgt, das die Mitglieder ihrer Partei       Meine Antwort: „Sehr geehrter
für ein Problem halte, wenn irgend je-    augenscheinlich als einziges Informa-     Herr Würzbach, ich bestätige den Ein-
mand, welcher politischen Richtung        tionsmaterial zu Rate gezogen haben       gang Ihres Schreibens vom 30. April.
auch immer, deutlich macht, dass er       und das für sie verlässliche Quelle und   Ich nehme zur Kenntnis, dass Sie, als
ein vom Hamburger Institut für Sozi-      wesentliche Bezugsgröße für ihr poli-     ich Sie auf die Tatsache hingewiesen
alforschung der Öffentlichkeit über-      tisches Weltbild zu sein scheint.         habe, dass Mitglieder Ihrer Partei und
gebenes Forschungsergebnis oder                                                     Ihres Landesverbandes zu Wahlkampf-
irgendeine sonstige Stellungnahme             Die Führung einer politischen Par-    zwecken eine verleumderische und
des Instituts zu historischen, sozialen   tei ist nicht für alles verantwortlich,   beleidigende Hetzschrift verfasst ha-
oder politischen Realitäten nicht mag.    was ihre Mitglieder tun, aber eine        ben, die nicht nur absurde Behauptun-
Sie werden ebensowenig annehmen,          Partei muss deutlich machen, wel-         gen über das von mir geleitete Ham-
dass ich voraussetze, dass man mei-       ches Verhalten ihrer Mitglieder sie       burger Institut für Sozialforschung
ne persönlichen Ansichten teilt oder      insgesamt mitzutragen oder gutzu-         und seine Mitarbeiterinnen und Mit-
schätzt. In dem Brief, den Ihre Par-      heißen willens ist – oder wo sie die      arbeiter sowie über meine eigene Bi-
teifreunde verteilt haben, handelt es     Grenze ziehen will. Ich kann mir nicht    ographie enthält, sondern auch noch
sich aber nicht um Kritik, mit der sich   vorstellen, dass es Ihnen gleichgültig    Lügen über meinen Vater verbreitet
auseinanderzusetzen möglich wäre,         ist, wenn Mitglieder Ihrer Partei Wahl-   – eine Hetzschrift schließlich, die in
sondern um eine verleumderische,          kampfmethoden verwenden, die die          Duktus, Wortwahl sowie in den in ihr
beleidigende Hetzschrift, die nicht       CDU in die Nähe neonazistischer Or-       verbreiteten Lügen und Desinforma-
nur absurde Behauptungen über das         ganisationen rücken, ebensowenig          tionen neonazistischem Propaganda-
von mir geleitete Hamburger Institut      wie es Ihnen gleichgültig sein wird,      material folgt“ (die Quelle ist inzwi-
für Sozialforschung und seine Mitar-      wenn Mitglieder ihrer Partei ein an-      schen gesichert: die Henstedt-Ulz-

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burger CDU-Mitglieder folg- ten der        auch von Ihnen als verletzend emp-      gen, sowie mir nahelegen, gegenüber
Vorlage eines bekennenden National-        funden werden.«                         dem Präsidenten des Landtages von
sozialisten) „folgendes zu antworten                                               Schleswig-Holstein vertragsuntreu zu
gewusst haben: »Die von Ihrem Ins-             Ich nehme diese Äußerung, mit       werden, um mir künftig Angriffe wie
titut präsentierte sogenannte ’Wehr-       der Sie, wiewohl Sie selber weder zur   den in Frage stehenden zu ersparen,
machtsausstellung’ hat bei vielen ehe-     Ausstellung des Hamburger Instituts     zur Kenntnis und als interessantes
maligen Soldaten und ihren Familien,       für Sozialforschung etwas zu sagen      Dokument der jüngeren Geschichte
aber nicht nur bei diesen, tiefe Entrüs-   haben noch zu wissen scheinen, wie      der Christlich Demokratischen Union
tung hervorgerufen. Sie wird als un-       sie überhaupt heißt, wohl andeuten      Deutschlands zu den Akten.“
differenziert und in Teilen als unwahr-    wollen, auf einen groben Klotz pas-
haftig angesehen. Ich bedauere, wenn       se ein grober Keil, und damit volles                  Jan Philipp Reemtsma
im Zuge dieser Empfindungen Emoti-         Verständnis für neonazistische Um-
onen hervorgerufen werden, die nun         triebe in Ihrem Landesverband zei-




Aus: Gegenwind 125 · Februar 1999                                                                                   45
Der Judenmord im
Reichskommissariat
Ostland
                                     Am 24.1.1958 vernimmt ein Lübe-        nen Äußerung der Gattin Käthe Gewe-
                                  cker Staatsanwalt den Versicherungs-      cke über die Tötung „ihres früheren
                                  vertreter Hans Gewecke, zu dieser         Hausjuden“ folgte. Friedmanns mut-
                                  Zeit wohnhaft in Oldesloe/Holstein.       maßlicher Tod und weitere einzelne
                                  Es ist der ehemalige NSDAP-Kreislei-      Tötungsfälle bilden die Grundlage der
                                  ter von Lauenburg, als „Alter Kämp-       Ermittlungen gegen Gewecke. Ehe-
                                  fer“ von 1931 bis 1945 in dieser Funk-    malige Mitarbeiter aus Schaulen wer-
                                  tion. Und er steht – mal wieder und       den vernommen und entlasten den
                                  nicht zum letzten Mal – unter Mord-       Beschuldigten zum Teil mit beacht-
                                  verdacht. Unter anderem gibt Gewe-        lichen, keineswegs schuldbeladenen
                                  cke in bemerkenswerter Wortwahl zu        Formulierungen jetzt, 13 Jahre nach
                                  Protokoll: „Ich versichere hier, dass     dem Ende der NS-Herrschaft: „Ob die-
Ein weitgehend unbekanntes        ich nicht ein einziges Mal zur Beseiti-   ses Faktotum nun Max oder Jacob mit
Kapitel schleswig-holsteini-      gung eines Juden angestiftet oder die     Vornamen hieß, weiß ich nicht“, führt
scher Geschichte stellt die       Beseitigung eines Juden mit vorberei-     der (aktive) Polizeiobermeister Neu-
Zeit als „Kolonialmacht“ dar:     tet oder an der Beseitigung eines Ju-     mann aus. Und der Zeuge Oberamts-
Von 1941 bis 1944 wurde das       den selbst teilgenommen habe.“ Die        richter Dr. Haferkorn lässt sich ein:
besetzte „Reichskommissariat      Vorhaltungen des Staatsanwalts be-        „Rein gefühlsmäßig möchte ich sagen,
Ostland“ im wesentlichen von      ziehen sich nicht auf die schleswig-      dass Gewecke kein wilder PG war und
Schleswig-Holsteinern verwal-     holsteinische Kreisleiterarbeit des       sich Übergriffe nicht erlaubt hat.... Ich
                                  Beschuldigten, sondern auf seine Tä-      habe nichts über Massenerschießun-
tet. Diese „Verwaltung“ um-
                                  tigkeit als Gebietskommissar im litau-    gen von Juden im Raume Schaulen ge-
fasste aber weit mehr, als die-   ischen Schaulen. Vergleichbar mit der     hört.“ Regierungsrat a.D. Dr. Günther
ses Wort aussagt: Im Reichs-      Rolle eines Landrats hatte Gewecke        schließlich teilt mit: „Ich kann mich
kommissariat Ostland fand ein     in den Jahren 1941 bis 1944 hier die      auch daran erinnern, dass kurz vor
unvorstellbarer Massenmord        sogenannte Zivilverwaltung geleitet,      dem Anrücken der Russen noch Ab-
statt. Im Rahmen der Aus-         dabei neben deutschem und litaui-         transporte der Juden erfolgten, denn
stellung „Vernichtungskrieg       schem Personal auch ständig ca. 10        die Juden legten keinen Wert darauf,
– Verbrechen der Wehrmacht“       „jüdische Staatsangehörige”, wie er       in die Hände der Russen zu fallen.“ –
referierte Prof. Dr. Uwe Danker   sich jetzt, 1958, ausdrückt „für Bo-      Eine wahrlich eigenartige sprachliche
am 9. Februar 1999 im Landes-     tengänge beschäftigt“, die abends in      Umschreibung der jüdischen Todes-
                                  das errichtete Getto von Schaulen zu-     märsche der letzten Kriegsmonate!
haus über den Judenmord im
                                  rückkehren mussten. „Der ’Oberjude’,
Reichskommissariat Ostland.       wenn ich so sagen darf, war ein gewis-       Ich wähle einen zweiten Einstieg:
Wir danken für die freundliche    ser Friedmann“, sagt Gewecke weiter       Im lettischen Riga fand ich vor einem
Erlaubnis, diesen Vortrag ver-    aus. Eben diesen soll er ermordet ha-     Jahr unter anderem ein Dokument,
öffentlichen zu dürfen.           ben, wie aus einer beiläufig gefalle-     einen Bericht des in das lettische Li-

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bau abgestellten Gebietskommissars        Verbrechen in Ludwigsburg“ – auch          tens elf der mächtigen Gebietskom-
und Verwaltungsjuristen Alnor, der        Fragen nach Entlastungsstrategien          missare stammten aus seinem Gau;
am 11.10.1941 schrieb: „Ein Moment        Beschuldigter, nach der zeitgenössi-       schließlich besetzten sieben schles-
der Unruhe waren die erneut aufge-        schen Diktion im Umgang mit natio-         wig-holsteinische Landräte und zehn
nommenen zahlreichen Judenerschie-        nalsozialistischen Gewalttaten, nach       Kreisleiter Schlüsselpositionen in der
ßungen in der letzten Woche. In den       dem Wissensstand über den Juden-           Zentralverwaltung in Riga oder bil-
Landgebieten und kleinen Landtstäd-       mord, schließlich nach der öffentli-       deten die personellen Spitzen der
ten sind sämtliche Juden liquidiert       chen Wahrnehmung des Holocaust in          Kreise. Gauamtsleiter Fründt wie der
worden, in Libau selbst m.W. etwa         den langen sechziger Jahren.               ehemalige Kieler NS-Studentenführer
470. Es handelt sich durchweg um                                                     Burmeister gingen mit in die Zentra-
Frauen und Kinder. ... Gerade die Er-         Es geht mir auch um die Frage, ob      le in Riga, Lübecks Oberbürgermeis-
schießung der Frauen und kleinen Kin-     und wann es in der bundesrepublika-        ter Drechsler wurde Generalkommis-
der, die z.B. schreiend zu den Exeku-     nischen Nachkriegsgeschichte eine          sar von Lettland, der Lübecker Kreis-
tionsplätzen geführt worden sind, hat     Chance gegeben hat, die Rolle der Zi-      leiter Schröder dort der SS- und Poli-
das allgemeine Entsetzen erreicht....     vilverwaltung öffentlichkeitswirksam       zeiführer. Flensburgs Polizeipräsident
Ich bin der Auffassung, dass sich dies    zu durchleuchten. Ich konzentriere         Möller avancierte zum SS- und Polizei-
eines Tages als ein schwerer Fehler er-   mich deshalb ausdrücklich und ohne         führer von Estland. Schließlich waren
weisen wird. Es sei denn, dass man al-    Ausnahme auf den Erkenntnisstand           mit von der Partie die späteren bun-
le dabei mitwirkenden Elemente auch       der späten sechziger Jahre. Die These      desrepublikanischen Landräte Alnor
anschließend liquidiert. Alnor.“ – Die-   ist, dass 1971 ein strafrechtlicher und    (Segeberg), Walter Schröder (Flens-
ser Gebietskommissar Alnor wird           auch öffentlichkeitswirksamer Durch-       burg-Land) und Hans Matthiessen (It-
schon 1950 Landrat in Segeberg, und       bruch möglich und wahrscheinlich ge-       zehoe) sowie zahlreiche weitere Ver-
er ist nicht der einzige mit Ostlander-   wesen wäre, wenn er nicht, ähnlich         waltungskräfte. Denn die mittleren
fahrung, der in unserem Land Zukunft      wie beim Komplex des Reichssicher-         Chargen verhielten sich wie ihr Chef:
haben würde.                              heitshauptamtes, durch die Rechtsre-       Sie nahmen eigenes Verwaltungsper-
                                          formgesetzgebung der Großen Koali-         sonal aus der Heimat mit, der oben
   Mein Thema führt Sie auf ein Feld      tion – ohne diese Absicht – hinfällig      vorgestellte Gewecke allein fünf Mit-
sehr eigenartiger Verwaltungstätig-       geworden wäre.                             arbeiter aus dem heimatlichen Mölln.
keit, in die sogenannte deutsche Zivil-                                              Bis zu seiner Flucht vor der heranrü-
verwaltung in den besetzten Gebieten                                                 ckenden Front im Frühherbst 1944
der Sowjetunion in den Jahren 1941                                                   blieb Hinrich Lohse Chef der „Zivil-
bis 1944. Hierher ließen sich neben       Das Reichskommissariat                     verwaltung“ einer Region mit riesiger
NSDAP-Größen zahlreiche normale                                                      geographischer Ausdehnung und – in
Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes
                                          Ostland                                    Weißrussland, Litauen und Lettland –
abordnen, der Karriere willen, auch                                                  mit einem erheblichen jüdischen Be-
um der Frontbewährung zu entgehen.            Das „Reichskommissariat Ostland“       völkerungsanteil. Die statistische Teil-
Und sie würden später noch ’cooler’       war 1941 im Rahmen des Krieges             bilanz des Völkermordens in dieser
als Wehrmachtsangehörige mit Erfolg       gegen die Sowjetunion aus den be-          Region: Von mindestens 500.000 – es
behaupten, dort hätten sie verwaltet,     setzten baltischen Staaten Lettland,       gibt inzwischen genauere Schätzun-
normal gearbeitet, seien sie ’sauber      Litauen, Estland und (bis 1943) we-        gen – im Gebiet des Reichskommissa-
geblieben’. Die Legende der sauberen      sentlichen Teilen Weißrusslands –          riats 1941 angetroffenen, rassisch de-
Zivilverwaltung im Osten bildet das       von nationalsozialistischen Experten       finierten Juden lebten 1945 nach der
Thema dieses Artikels. Und zwar auf       „Weißruthenien“ benannt – gebildet         Befreiung keine 10.000 mehr. Und vie-
zwei Ebenen:                              worden. Auf Vorschlag seines Freun-        le zehntausend deutscher „Reichsju-
                                          des, des NS-Ideologen und frisch er-       den“ – unter ihnen ausgerechnet auch
   Ich werde bestimmten Fragen            nannten „Ministers für die besetzten       die letzten schleswig-holsteinischen –
nachgehen: Fragen nach der Beteili-       Ostgebiete“ Rosenberg, war Schles-         wurden hierher deportiert. Sie fanden
gung und Rolle der Zivilverwaltun-        wig-Holsteins NSDAP-Gauleiter und          ebenfalls fast alle den gewaltsamen
gen im Geschehen des Holocaust in         Oberpräsident Hinrich Lohse am 17.         Tod. Sie wurden zum größten Teil sys-
den besetzten sowjetischen Gebie-         Juli 1941 von Hitler – trotz Bedenken      tematisch erschossen oder kamen in
ten, nach der persönlichen Machtfül-      Hitlers – zusätzlich mit dem Amt des       der Zwangsarbeit um. Direkte und öf-
le und deren individueller Wahrneh-       Reichskommissars im besetzten „Ost-        fentliche, unübersehbare Gewalt, so
mung durch Verwaltungsangehöri-           land“ betraut worden. Und mit ihrem        wie von Alnor beschrieben, war das
ge, nach dem späteren staatsanwalt-       Gauleiter waren sie in die Ferne ge-       Kennzeichen des Judenmordes in die-
schaftlichen Umgang mit Verdachts-        reist: zahlreiche Fachkräfte aus schles-   ser Region.
momenten – im Beispiel Gewecke,           wig-holsteinischen Verwaltungen und
das ich mehrfach aufrufen werde, im       „Alte Kämpfer” aus der Provinz. Denn          Die Zivilverwalter reisten im Win-
Jahr 1958, dem Jahr des Beschlusses       Lohse setzte auf persönliche Kontak-       ter 1944/45 heim ins Reich. In aller
zur Gründung der „Zentralen Stel-         te und seine Gefolgschaft, insbeson-       Ruhe setzen sie ihre Verwaltungs- und
le der Landesjustizverwaltungen zur       dere in seinem näheren Umfeld im           Justizkarrieren fort, bis in die Regie-
Aufklärung     nationalsozialistischer    Reichskommissariat. Allein mindes-         rung Adenauer hinein übrigens. Ihre

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Legende der Unschuld und Sauberkeit     aus vorhandenen Verstrickungen in          Der Versuch der
lebte vom unbestreitbaren Gegen-        das Tötungsgeschehen zugänglich            Strafverfolgung
stück der Einsatzgruppen, auch von      und teilweise bekannt sein. Wolf-
äußerst dreisten und plumpen Lügen.     gang Schefflers „ Judenverfolgung im
Und sie profitierten von der Rahmen-    Dritten Reich“, 1964 in breiter Aufla-         1968 schloss die Zentrale Stelle
handlung des Kalten Krieges: Der Ei-    ge vertrieben und auf die allernötigs-     der Landesjustizverwaltungen in Lud-
serne Vorhang und der zur Basisstruk-   te Mitteilung von Fakten beschränkt,       wigsburg eine Dokumentation über
tur der Bundesrepublik gehörige Anti-   enthielt beispielsweise bereits alle we-   „Die deutsche Zivilverwaltung in den
kommunismus verhinderten für Jahr-      sentlichen bis in heutige Debatten hi-     ehemaligen besetzten Ostgebieten
zehnte den Blick auf den ’Krieg im      neintragenden Hinweise. So benannte        (UdSSR)“ ab. Mehrere Referate hat-
Osten’; der Kampf gegen den Bolsche-    er die aktive Rolle der ’normalen’ Po-     ten jahrelang an dem Themenkomp-
wismus schien nachträglich gerecht-     lizisten am Mordgeschehen, über den        lex deutsche Besatzungspolitik in der
fertigt, das Geschehen weit entfernt.   Einzelfall hinausgehende Tötungsak-        Sowjetunion gearbeitet. Gegliedert in
Eine auch nur im Ansatz vertrauens-     tivitäten aus der Wehrmacht heraus,        einen Text- und Urkundenband wurde
volle Zusammenarbeit der Strafverfol-   auch die Mitwirkung der sogenann-          im März 1968 eine – betont vorläufi-
gung über die Blockgrenzen hinweg       ten Zivilverwaltungen im Osten, und        ge – Zusammenfassung aller bisher
war weder gewünscht noch möglich.       selbst der Hinweis auf den hohen Bil-      erlangten Kenntnisse über Struktu-
                                        dungsgrad der promovierten Juristen        ren und ggf. noch verfolgbare NS-Ver-
                                        im Reichssicherheitshauptamt findet        brechen der beiden Reichskommissa-
                                        sich. Dennoch blieb das unerschütter-      riate Ostland und Ukraine vorgelegt.
Blockgrenze als Grenze                  liche Bild der ’normalen Deutschen’,       Der Urkundenband umfasst 639 Blät-
                                        sie hätten von all dem nichts gewusst.     ter, der Darstellungsteil ca. 150. Die
der Strafverfolgung                     Im Schatten dieser generellen Legen-       Dokumentation sollte justizintern
                                        de bestand auch die Schutzlegende          Staatsanwaltschaften und Gerichte
    Diese Grenze schützte Tausen-       der Mittäter, die alles besser wuss-       möglichst umfassend alle unter dem
de vor Strafverfolgung – und damit      ten, fort: Derjenigen, die als Angehö-     Strafverfolgungsaspekt      relevanten
auch vor der innerfamiliären bzw. ge-   rige der Wehrmacht, der Zivilverwal-       Hintergrundinformationen und Doku-
sellschaftlichen Rechtfertigung ein-    tungen und der Polizei zeitweise im        mente gegen ehemalige Angehörige
schließlich der damit naturgemäß        Osten stationiert gewesen waren            der Zivilverwaltungen bieten.
verbundenen Erkenntnisprozesse. Mit     und zumindest miterlebt hatten, oft
der Etablierung der Zentralen Stel-     aber auch teilweise mitverantwortet           Wenige Monate später, im Juni
le der Landesjustizbehörden in Lud-     hatten, was an systematischen Mas-         1968 übermittelte die Zentrale Stel-
wigsburg begann erst 1959 um ein        senmorden jenseits der Gaskammern          le dem schleswig-holsteinischen Ge-
Jahrzehnt zu spät die systematische     geschah. Die Verstrickung der Wehr-        neralstaatsanwalt das Vorermittlungs-
staatsanwaltliche, ex officio unter-    macht in den Holocaust und weitere         verfahren gegen noch lebende Spit-
nommene Vorermittlung in Sachen         NS-Gewaltverbrechen befindet sich          zen des Reichskommissariats Ostland
NS-Gewaltverbrechen. Während der        jetzt dank dieser Ausstellung – und        mit der Bitte „um Übernahme des Ver-
Auschwitzprozess immerhin die bis       nicht dank der seit 30 Jahren bekann-      fahrens“, da der Hauptbeschuldigte,
dahin verdrängten Dimensionen, Me-      ten Forschungsergebnisse über die          Rechtsanwalt Theodor Fründt, zeit-
chanismen und Formen des NS-Mas-        Rolle der Wehrmacht – im öffentli-         weise Lohses Stellvertreter im Reichs-
senmordes an den europäischen Ju-       chen Bewusstsein. Die Verstrickung         kommissariat, seinen Wohnsitz in Kiel
den mit großer öffentlicher Breiten-    der Zivilverwaltungen in Polen sowie       hatte. Lohse selbst war bereits 1964
wirkung zum Thema machte und of-        den beiden Reichskommissariaten            verstorben, aber drei der vier ehe-
fenlegte, blieb das massenhafte und     ist ebenso evident, jedoch bis heute       maligen Hauptabteilungsleiter des
direkte Tötungsgeschehen jenseits       kaum in die kollektive Wahrnehmung         Reichskommissariats lebten zu dieser
der Gaskammern weiterhin ziemlich       gerückt. Obwohl es mehrere hundert         Zeit wieder in Schleswig-Holstein, ne-
außerhalb des öffentlichen Blickes.     Ermittlungsverfahren und – bedeu-          ben Theodor Fründt der Bauer Martin
Die Breitenwirkung der Einsatzgrup-     tend weniger Einzelprozesse gegen          Matthiessen in Meldorf, der Präsident
penprozesse in Ulm und Koblenz war      Angehörige der Besatzungsverwal-           der Wasser- und Schiffahrtsdirektion
kaum geringer; aber in der öffentli-    tungen gegeben hat, und obwohl es          in Kiel a.D. Johann Lorenzen in Kiel;
chen Wahrnehmung blieben die Er-        seit den fünfziger Jahren wenigstens       lediglich Ministerialrat a.D. Wilhelm
schießungen die Tätigkeit ausschließ-   einige einschlägige wissenschaftliche      Burmeister, nach Fründt der Vertre-
lich von SS-Formationen, während        Veröffentlichungen mit Mitteilungen        ter des Reichskommissars, residierte
schon die integrative, ebenso aktive    zur Mitwirkung der Besatzungsver-          jetzt, 1968, in Westberlin. Außerdem
Rolle von ’normalen’ Polizisten kaum    waltung am Holocaust gibt, fehlte der      als potentiell Beschuldigte in Schles-
wahrgenommen wurde.                     zentrale öffentliche Anlass für die De-    wig-Holstein greifbar: der aktive Mi-
                                        batte. Der große Gerichtsprozess ge-       nisterialdirektor Heinz Wichmann,
  Zeitgeschichtlich   Interessierten    gen Spitzen der Zivilverwaltungsbe-        ehemals persönlicher Referent Loh-
konnten in den sechziger Jahren die     hörden hat nicht stattgefunden. Er         ses in Riga, und der ehemalige Leiter
Dimensionen und die weit über ge-       hätte in das kollektive Geschichtsbild     der Chefabteilung im Reichskommis-
kennzeichneten Tätergruppen hin-        einwirken, es verändern können.

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sariat, jetzt Regierungsdirektor Karl     sowie eine kleine Nachrichten- und         wirtschaft auf Wehrmacht und deut-
Eger in Kiel.                             Abwehrorganisation.                        sche Kriegswirtschaft, auf die Auflö-
                                                                                     sung der einheimischen politischen
   Wie man es auch zeitlich einordnet         Der Behördenaufbau in der Zivil-       Organisationen, die Überwachung
oder dreht und wendet: das Reichs-        verwaltung, der bezogen auf Abtei-         der Zivilbevölkerung, die Heranzie-
kommissariat Ostland ist auch als Teil    lungsebenen und Zuständigkeiten in-        hung von Bevölkerungsgruppen zur
der Geschichte Schleswig-Holsteins        des mehreren Wandlungen unterwor-          Zwangsarbeit, später auch die Rekru-
zu interpretieren.                        fen war, gab sich als schlichte und hie-   tierung zum Kriegseinsatz, schließlich
                                          rarchische Aufsichtsverwaltung: Unter      (eingeschränkt) polizeiliche Maßnah-
   10 Aktenbände gingen an die Kie-       dem „Reichsminister für die besetzten      men und – immer wieder diskutierte
ler Staatsanwaltschaft. NSG-Staatsan-     Ostgebiete“ Rosenberg in Berlin – ei-      und modifizierte – Planungen für ei-
walt Lorenzen in Kiel setzte die Er-      ner im Kompetenzwirrwarr des NS-           ne unterschiedlich angelegte Zukunft
mittlungen drei Jahre akribisch wie       Herrschaftsapparates als schwach gel-      der Vasallenvölker unter germani-
aufwendig fort – bis das Verfahren        tende und ständig um Kompetenzer-          scher Herrschaft. Dazu gehörte auch
1971 schließlich eingestellt werden       langung bemühte Behörde – amtier-          die von Generalkommissariat zu Ge-
musste. Die zielgerichtete Fragestel-     te als Reichskommissar Hinrich Loh-        neralkommissariat sehr verschieden
lung der bearbeitenden Staatsanwäl-       se, der von Mitte August 1941 bis zu       angelegte Kooperation mit zugelas-
te, Hinweise auf mutmaßlich straf-        seiner Flucht im August 1944 in Riga       senen landeseigenen Verwaltungsbe-
rechtlich relevante Handlungen der        residierte. Für die baltischen Staaten     hörden in den baltischen Staaten.
Behörden des Reichskommissariats an       sowie Weißruthenien wurden Gene-
sich, die Frage „nach den abstrakten      ralkommissare ernannt: Im litauischen          Wie so oft im NS-Staat blieben
Möglichkeiten einer Beteiligung die-      Kowno saß ab August 1941 General-          Kompetenzen in den besetzten Ge-
ser Behörde an den Judenvernichtun-       kommissar Dr. von Renteln, im weiß-        bieten bewusst unklar, widersprüch-
gen“, deckt sich mit der fachwissen-      russischen Minsk von September1941         lich geregelt und umstritten, ein As-
schaftlichen Frage nach der Rolle der     bis zu seiner Tötung durch eine Par-       pekt, der für die Ermittlung strafrecht-
Zivilbesatzungsbehörden im Gesche-        tisanin im September 1943 General-         licher Verantwortung und daher für
hen des Holocaust.                        kommissar Kube, im estnischen Reval        die Staatsanwaltschaften ein beson-
                                          ab Dezember 1941 Generalkommissar          deres Gewicht besaß. Zum einen gab
    Die Staatsanwälte dokumentierten      Litzmann und in Riga als Generalkom-       es das militärische Hoheitsrecht der
zunächst Art und Ablauf der militäri-     missar von Lettland Dr. Dressler. Un-      Wehrmachtsbefehlshaber, die über
schen Besetzung sowjetischer Gebie-       terhalb dieser mittleren lnstanz der       die unter Militärverwaltung stehen-
te im Anschluss an den deutschen An-      Generalkommissare agierten die Ge-         den Gebiete hinaus für die Sicherung
griff vom 22. Juni 1941 und den Auf-      bietskommissare mit Stäben von je-         des Nachschubs und die sogenannte
bau der am Beginn errichteten und         weils maximal 10 deutschen Beamten         Partisanenbekämpfung entlang der
den frontnahen Gebieten erhaltenen        und Angestellten und ebenfalls ca. 10      wesentlichen Verkehrswege ihre Kom-
Militärverwaltungen der besetzten         landwirtschaftlichen Fachleuten. lns-      petenzen auch im Reichskommissari-
Gebiete. In diesem Teil der Darstel-      gesamt bestand die Zivilverwaltung         at Ostland behielten. Die eigentliche
lung finden sich übrigens auch Hin-       im Reichskommissariat Ostland of-          Wirtschaftsverwaltung im Reichskom-
weise auf eine aktive Beteiligung von     fenbar aus knapp 1000 deutschen Be-        missariat oblag den Beauftragten für
Wehrmachtseinheiten am Judenmord:         diensteten, nämlich aus dem Reich ab-      den Vierjahresplan, der Sonderbehör-
„Urkunden zeigen, dass sich einzelne      geordneten Angehörigen des öffentli-       de Görings. Bezogen auf den Juden-
Wehrmachtseinheiten auch tatsäch-         chen Dienstes von der Stenotypis-          mord besaß besondere Relevanz die
lich in erheblichem Umfang an der         tin bis zum Spitzenbeamten wie den         widersprüchlich geklärte Konkurrenz
Ermordung der jüdischen Zivilbevöl-       Landräten gleichzusetzende Gebiets-        zwischen der Zivilverwaltung und
kerung beteiligten.“ Es handele sich      kommissaren bzw. Hauptabteilungs-          dem Reichsführer SS und Chef der
um beiläufig gefundene Dokumen-           leitern in der Zentrale in Riga. Die Zi-   Deutschen Polizei, Heinrich Himmler.
te, auf die man zumindest hinweisen       vilverwalter trugen eine eigens für sie    Laut Führererlass vom 17.7.1941 war
wolle. Nach der Analyse der Zentra-       geschaffene gelb-braune Uniform, die       dem Reichskommissar der Höhere SS-
len Stelle war die eigentliche Sicher-    oft zur Verwechslung mit SA-Angehö-        und Polizeiführer für die polizeiliche
heitspolizei vor Ort „in erster Linie     rigen führte und ihnen den Spitzna-        Sicherung der neubesetzten Gebiete
verantwortlich“ für den systematisch      men „Goldfasane“ einbrachte.               beigeordnet.
vollendeten Judenmord ab Ende 1941
in der Sowjetunion. Der Befehlshaber                                                    Während Lohse und seine Gene-
der Sicherheitspolizei-Ostland in Riga                                               ralkommissare bis 1944 diese Bei-
sowie die Behörden der Kommandeu-         Kompetenzen bewusst                        ordnung als Unterordnung interpre-
re der Sicherheitspolizei in den Gene-                                               tierten und immer wieder Vorstöße
ralbezirken des Reichskommissariats
                                          unklar                                     unternahmen, sie auch zu realisieren,
waren aus der stationär gewordenen                                                   verstand und definierte Himmler die
Einsatzgruppe A hervorgegangen und           Der Aufgabenkanon der Zivilver-         SS- und Polizeiführer und deren Be-
gliederten sich in die politische Poli-   waltung erstreckte sich auf die Aus-       hörden als „persönliche Vertreter“
zei (Gestapo) und die Kriminalpolizei     richtung von Wirtschaft und Land-          seiner selbst und bezog sich auf seine

Aus: Gegenwind 128 · Mai 1999                                                                                            49
alleinige Kompetenz im Bereich aller      in Weißrussland teilweise auch soge-      tung als dreiste Lüge angesehen wer-
Fragen der „polizeilichen Sicherung“.     nannte Vergasungen in ’Möbelwagen’.       den muss.
Hitler, mehrfach persönlich mit dieser
Frage befasst, traf zwischen 1941 und        Der Zivilverwaltung kam dabei im-         Zunächst gehörte zum Kanon der
1944 keine eindeutige Entscheidung.       mer eine zentrale koordinierende Rol-     Verstrickung der Verwaltungstätig-
De facto, und das wurde Lohse auch        le zu: Sie definierte und erfasste Ju-    keit der deutschen Beamten die Um-
bedeutet, setzte sich Himmlers Ap-        den, sie errichtete üblicherweise die     setzung der vom Reichskommissar
parat durch, wurde die Zivilverwal-       Gettos, sie regelte deren Versorgung      im August 1941 erlassenen „Vorläufi-
tung überspielt, ohne aber dass das       und Infrastruktur, sie wies Gettoins-     ge Richtlinien für die Behandlung der
Reichsministerium für die besetzten       assen der Zwangsarbeit für die deut-      Juden im Gebiet des Reichskommis-
Ostgebiete und die Zivilverwaltung        sche Wehrmacht, Wirtschaft und Ver-       sariats Ostland“. Das beinhaltete für
des Reichskommissariat ihre Rechts-       waltung zu, sie konfiszierte, ordnete,    die Gebietskommissare ganz konkret
positionen tatsächlich aufgaben. Das      erfasste und versandte die geraubten      neben der Definition der Randgrup-
tatsächliche „polizeiliche Geschehen“,    Vermögenswerte der jüdischen Be-          pe Juden im Ostland deren Erfassung
das in einem, zumal im Osten besetz-      völkerung, sie stellte Fuhrparks für      und Kennzeichnung durch gelbe Ju-
ten Gebiet bedeutend weiter zu fas-       Mordaktionen und bereitete Getto-         densterne, Aufhebung ihrer Freizügig-
sen war als im Reich – und den Mas-       räumungen vor. Ex-Gebietskommissar        keit, Einrichtung und Verwaltung der
senmord an der jüdischen Bevölke-         Gewecke erklärte 1958 vor dem Lü-         Gettos, Überführung der Verfolgten in
rung, den „Zigeunern“ sowie der aus       becker Staatsanwalt: „Meine Dienst-       die Gettos, Aufbau und Nutzung der
dem Reich hierher deportierten Juden      stelle hatte selbstverständlich mit der   sogenannten jüdischen Ältestenräte
einschloss –, spielte sich denn auch in   ordnungsgemäßen (!) Beschlagnah-          sowie die Beschlagnahme jüdischer
der Grauzone zwischen den Verant-         me und Erfassung jüdischen Vermö-         Vermögen. Mit der Verwirklichung
wortlichkeiten ab: Man kooperierte        gens zu tun. Dafür bestanden ganz         der Zwangsarbeitspflicht für Juden
und konkurrierte in den Besatzungs-       bestimmte Anordnungen der obers-          waren die Beamten der Zivilverwal-
jahren im Reichskommissariat regio-       ten Führung.... Diese Gegenstände ...     tung zu direkten Herren über Leben
nal und individuell sehr verschieden.     mussten danach ordnungsgemäß er-          und Tod der jüdischen Randgruppe
                                          fasst, genau listenmäßig aufgeführt       gewachsen: Indem sie „bei der Abson-
                                          und über die zuständigen Stellen in       derung und Auswahl der ’nützlichen’
                                          Richtung Reich – so möchte ich sagen      von den zur Arbeit nicht mehr benö-
Konkrete Verantwortung                    abgeliefert werden.“ In derselben Ver-    tigten Juden“ tödliche Selektionen
                                          nehmung gestand er ein, dass im Rah-      vornahmen – die durchweg von Be-
                                          men der Gettoisierung der Juden „An-      schuldigten später als Rettungs- ja so-
    Es gelang den Ermittlern sehr deut-   gehörige des Gebietskommisariats ...      gar Widerstandsaktionen umgedeutet
lich, die Verantwortung und Mitwir-       bei dieser Aktion mitgeholfen haben,      wurden –, machten sie sich zu unmit-
kung der Zivilverwaltungen am Holo-       die Juden aus ihren Wohnungen in die      telbar Beteiligten am Holocaust. So
caust aufzuzeigen und zu konkretisie-     Gettos zu überführen“.                    berichtete der Gebietskommissar von
ren. Den Völkermord der direkt mor-                                                 Slonim, Erren, dem später in Ham-
denden ’Sicherheitskräfte’, der SS-,         Insbesondere die in fast allen Zeu-    burg tatsächlich der Prozess gemacht
SD- und Polizeiangehörigen will ich       gen- und Beschuldigtenvernehmun-          werden würde, am 25.1.1942: ”... die
nicht im einzelnen nachzeichnen. Sie      gen auftauchende Schutzbehauptung,        jetzt vorhandenen ca. 7000 Juden in
kennen die Bilder der Massenerschie-      eine dienstliche Kenntnis der Juden-      der Stadt Slonim sind sämtlich in den
ßungen vor von den Opfern selbst          vernichtung im Ostland habe man           Arbeitsprozess eingespannt, arbeiten
ausgehobenen Massengräbern. Die           nicht erlangt, wird von den Staats-       willig auf Grund ständiger Todesangst
Vernichtungsaktionen sind nicht ab-       anwälten als erwiesenermaßen falsch       und werden im Frühjahr genauestens
zählbar, sie wurden fortgesetzt – in      entlarvt. Zahlreiche Dokumente wi-        für eine weitere Verminderung über-
Weißrussland ohnehin, in den balti-       derlegten diese Schutzbehauptung in       prüft werden...“. Bekannt sind Schrei-
schen Staaten durch den jeweils aktu-     der Tat. Im Gegensatz zum Reich, wo       ben des weißruthenischen General-
ellen Bedarf an Zwangsarbeitskräften      Landräte als Chefs der Kreisordnungs-     kommissars Kube, der beispielsweise
und durch Deportationszugänge bis         behörden und Kreispolizeien sich da-      am 10.7.1942 in einem Brief an Loh-
1943 beeinflusst – bis in den Herbst      mit herausreden konnten, dass ihnen       se in Rekurs auf einen Verwaltungs-
1944 und mit den Todesmärschen            das finale Ziel der Judendiskriminie-     erlass vom 15.Juni formulierte: „Ich
gen Westen vollendet. Der Prozess         rungen und der schließlichen Depor-       trete der Auffassung bei, dass die
verlief uniform und ’geordnet’: Erfas-    tationen unbekannt geblieben sei,         Beibehaltung der jüdischen Fachar-
sung, Entrechtung, Stigmatisierung        handelte es sich im Reichskommissari-     beiter bei ihrer Zahl in keinem Ver-
durch Judensterne auf Brust und Rü-       at Ostland um ein Tötungsgeschehen        hältnis zu den Nachteilen steht, die
cken, Enteignung, Aussonderung zur        in aller Öffentlichkeit und „gleichsam    die jüdische Partisanenunterstützung
vorläufigen Zwangsarbeit oder Tö-         vor den Augen der Zivilverwaltung“,       mit sich bringt.... ich beabsichtige in
tung, Einweisung in geschaffene Get-      so dass aufgrund der Tatnähe jedes        Weißruthenien daher eine erneute
tos der großen Städte und schließlich     Bestreiten des Schicksals der Juden in    nach strengsten Maßstäben durchge-
immer wieder Massenerschießungen,         der Sowjetunion aus dem Mund ehe-         führte Überprüfung der noch benötig-
                                          maliger Angehöriger der Zivilverwal-      ten Bestände (!) an jüdischen Fachar-

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beitern durchzuführen.“ Tatsächlich        deckung der jüdischen Bevölkerung           „Widerstand“ gegen den
ordnete er in einem Geheimerlass am        im Getto gegeben wurden. In welcher         Holocaust
10.7.1942 an seine Gebietskommis-          Weise die Verwertung der Bezug-
sare an: „Ich bitte Sie im Einverneh-      scheine geschehen ist, darüber kann
men mit dem Sicherheitsdienst daher        vermutlich der bereits genannte Zeu-           In den Kontext derart schönfärbe-
... alle volkswirtschaftlich nicht unbe-   ge Voß genaue Angaben machen. Mei-          rischer Selbstdarstellungen dieser Tä-
dingt nötigen jüdischen Facharbeiter       ne Dienststelle hatte dann weiter die       tigkeit gehört das, was man die „Loh-
auszusondern.“ Schon am 3. Dezem-          Aufgabe, den Arbeitseinsatz der jüdi-       se-Legende“ nennen muss: Die in al-
ber 1941 hatte Lohse in einem Erlass       schen Arbeitskräfte zu regeln. Diese        len Ermittlungsverfahren seit dem
an die Generalkommissare dekretiert:       Regelung erfolgte durch den Leiter          Nürnberger Prozess immer wieder
„Für Schulung geeigneten (nichtjü-         des Arbeitsamtes, den bereits von           vorgebrachte Behauptung, Reichs-
dischen, U.D.) Nachwuchses ist be-         mir genannten Dr. Günther, bzw. des-        kommissar Lohse und seine Mannen
schleunigt Sorge zu tragen.“ – Der-        sen Mitarbeitern, die ja dem Gebiets-       hätten gar „Widerstand“ gegen den
artiges Verhalten dokumentiert also        kommissariat unterstellt waren. Jüdi-       Holocaust ausgeübt. Es lässt sich tat-
eifrige Konsequenz in der zweiten,         sche Arbeitskräfte wurden benötigt          sächlich belegen, dass Lohse per Er-
geordneten Phase des Judenmordes           von der Flugplatzleitung in Schaulen,       lass „die aktive Teilnahme von Amts-
in dieser Region.                          sonstigen Wehrmachtsbetrieben und           trägern der Ostverwaltung bei Exe-
                                           Zivildienststellen, besonders für die       kutionen jeder Art“ verboten hat.
                                           Lederfabriken von Schaulen, die sich        Darin heißt es allerdings offen und
                                           unmittelbar beim Ghetto befanden....        direkt: „Die Durchführung von Exe-
Verwaltungsidyll?                          Das Arbeitsamt forderte dann meines         kutionen, insbesondere bei der Liqui-
                                           Wissens den Judenrat des Gettos auf,        dierung von Juden, ist Aufgabe der Si-
                                           für bestimmte Zwecke so und soviel          cherheitspolizei.“ Nicht Unterbinden,
    Mit ihrer Verstrickung konfron-        Arbeitskräfte abzustellen. Diese wur-       sondern Raushalten ist hier die Bot-
tiert, gelang es beschuldigten Ge-         den dann in Kolonnen zusammenge-            schaft.
bietskommissaren später aber immer         stellt und marschierten gemeinsam
wieder, das Geschehen des Holocaust        an den jeweiligen Arbeitsplatz. Wie            Zeugenaussagen und andere Do-
als vermeintliches Verwaltungsidyll        das im einzelnen gehandhabt wur-            kumente sprechen jedoch in der Tat
darzustellen. Es sei beispielhaft für      de, weiß ich heute nicht mehr, weil         dafür, dass die Mordaktionen Lohse
die eigenartige Diktion noch einmal        der Arbeitseinsatz dieser Kolonnen          abstießen, beschäftigten, auch be-
aus den Vernehmungen Geweckes im           in den Zuständigkeitsbereich des Ar-        lasteten. Im November 1941 musste
Jahr 1958 zitiert: „Ich weiß, dass die     beitsamtes, also Dr. Günther, fiel.... Es   er sich seinem Minister gegenüber
Anweisungen zur Einrichtung dieser         gibt natürlich keinen Zweifel darüber,      dafür rechtfertigen, eine Massener-
Gettos von höchster Stelle gekom-          dass die Juden hart behandelt worden        schießung bei Libau, wo zu diesem
men sind, und dass mit der Ausfüh-         sind. Ich bin auch der Meinung, dass        Zeitpunkt der eingangs zitierte, spä-
rung dieser Anordnungen der Sicher-        eine Anweisung bestand, die den Ju-         tere christdemokratische Landrat Dr.
heitsdienst beauftragt worden war.         den verbot, Lebensmittel mit zurück         Alnor Gebietskommissar war, unter-
Es war allein die Aufgabe des SD, die      ins Getto zu nehmen. Ich kann heu-          bunden zu haben: „Von Seiten des
Gettos einzurichten, die Juden von ih-     te nicht mehr sagen, wer diese An-          Reichssicherheitshauptamtes wird Be-
ren Wohnungen in das Getto zu über-        weisung erlassen hat. Es ist möglich,       schwerde darüber geführt, dass der
führen, die Aufsicht über die Gettos       dass sie vom Gebietskommissariat            Reichskommissar Ostland Judenexe-
zu führen und die Juden politisch zu       ausgegangen ist, da wir auf höhere          kutionen in Libau untersagt habe. Ich
überwachen. Dagegen trifft es sicher       Anweisung hin ja dafür verantwort-          ersuche in der betreffenden Angele-
zu, dass Angehörige des Gebietskom-        lich waren, dass die Rationen, die den      genheit um umgehenden Bericht.”
missariats, die ja, wie ich bereits an-    Juden zugeteilt werden sollten, auch        Lohse schrieb darauf: „Ich habe die
gegeben habe, an der Erfassung des         eingehalten wurden.... Ich verheh-          wilden Judenexekutionen in Libau un-
jüdischen Vermögens beteiligt ge-          le nicht, dass ich meiner Erinnerung        tersagt, weil sie in der Art ihrer Durch-
wesen waren, bei dieser Aktion auch        nach, zweimal, möglicherweise auch          führung nicht zu verantworten waren.
geholfen haben, die Juden aus ihren        öfter, mich an Kontrollen dieser Ar-        Ich bitte mich zu unterrichten, ob ihre
Wohnungen in die Gettos zu über-           beitskolonnen beteiligt habe. Es kam        Anfrage vom 31.10. als dahingehende
führen, denn sie hatten ja auf höhere      mir darauf an, nicht die Juden zu schi-     Weisung aufzufassen ist, dass alle Ju-
Anordnung hin die Aufgabe, die Wert-       kanieren, sondern festzustellen, ob         den im Ostland liquidiert werden sol-
sachen der Juden zu erfassen und in        die Behauptung, die Juden würden            len. Soll dies ohne Rücksicht auf Alter
ihren Besitz zu nehmen.... An der Ver-     zusätzlich Lebensmittel mit sich füh-       und Geschlecht und wirtschaftliche
sorgung der Juden im Getto war mei-        ren, zutraf. Möglicherweise sind diese      Interessen (z.B. der der Wehrmacht an
ne Dienststelle beteiligt. Die Versor-     Kontrollen von den Juden als Schikane       Facharbeitern in Rüstungsbetrieben)
gung geschah in der Weise – soweit         aufgefasst worden.“                         geschehen? Selbstverständlich ist die
ich mich erinnere –, dass von dem                                                      Reinigung des Ostlandes von Juden ei-
Ernährungsamt der Stadt Schaulen                                                       ne vordringliche Aufgabe; ihre Lösung
(litauische Verwaltung) Großbezug-                                                     muss aber mit den Notwendigkeiten
scheine zum Einkauf für die Bedarfs-                                                   der Kriegswirtschaft in Einklang ge-

Aus: Gegenwind 128 · Mai 1999                                                                                               51
bracht werden.“ – Die Botschaft lau-      höriger seines Stabes wies darauf hin,    Zum Beispiel
tete also: jüdische Arbeitskräfte nut-    dass Lohse selbst eine Exekution an-      Gebietskommissar Carl
zen und keine wilden, unordentlichen      gesehen habe. Der Reichskommissar
Erschießungen. In der eigentlichen        hatte am 7. Dezember 1941 tatsäch-
Vernichtungsabsicht demonstrierte         lich der Massenerschießung bei Riga          Betrachten wir ein zweites Bei-
Lohse keinen Dissens. Und obgleich        beigewohnt, wie er später ausfuhrte,      spiel: Der Gebietskommissar von
er wohl tatsächlich, wie er immer         um sich ein „eigenes Bild“ zu machen.     Sluzk, Carl, NSDAP-Kreisleiter aus
wieder vorbrachte, in Berlin vorstel-     Sein persönlicher Referent wollte „aus    dem schleswig-holsteinischen Rends-
lig wurde, um Einschränkungen der         seinem Verhalten“ eine „Ablehnung         burg, beschwerte sich Ende Oktober
Mordaktionen zu erreichen, bleibt es      dieser Maßnahmen“ abgelesen ha-           1941 über eine Mordaktion des Po-
bemerkenswert, dass ausgerechnet          ben. Angeblich, so Lohse und verein-      lizeibataillons Nr. 11 aus Kauen. Der
dieses Schreiben Lohse im westlichen      zelte Zeugen, habe er daraufhin mit       Generalkommissar von Weißruthe-
Nachkriegsdeutschland so nachhal-         Jeckeln das Ende der „ Judenaktionen”     nien, Kube, stellte daraufhin sogar
tig entlastete, dass niemals Anklage      vereinbart, was angeblich auch tat-       Strafantrag gegen die beteiligten Po-
wegen seiner Rolle im Ostland erho-       sächlich geschehen sei. Eine Schutz-      lizeioffiziere und verlangte in einem
ben wurde. Die lapidare Antwort auf       behauptung, die mit der anschließen-      Schreiben an Lohse, dass alles vermie-
dieses Papier erging am 18.12.1941:       den Wirklichkeit im Reichskommissa-       den werden müsse, „um das Ansehen
„In der Judenfrage dürfte inzwischen      riat nichts gemein hatte. Die freundli-   des Deutschen Reiches und seiner Or-
durch mündliche Besprechungen Klar-       che Annahme der Kieler Staatsanwalt-      gane vor der weißruthenischen Bevöl-
heit geschaffen sein. Wirtschaftliche     schaft lautete 1971, dass Lohse „resig-   kerung herabzusetzen.“ Carl und Ku-
Belange sollen bei der Regelung des       niert hat und nur noch darauf bedacht     be störte ausdrücklich dreierlei: dass
Problems grundsätzlich unberücksich-      gewesen ist, die Zivilverwaltung aus      die Aktion gegen ihren Willen durch-
tigt bleiben. Im übrigen wird gebeten,    diesem Bereich herauszuhalten“.           geführt wurde, dass sie sich auch auf
auftauchende Fragen unmittelbar mit                                                 jüdische Zwangarbeitende erstreckte
dem höheren SS- und Polizeiführer zu          Resignative Stimmung, Hemmun-         und dass es sich um ein „grausames
regeln.“                                  gen und Bedenken hielten aber den         Gemetzel“ gehandelt habe.
                                          Reichskommissar keineswegs davon
    Lohse selbst brachte in den Ver-      ab, in einem anderen Fall gnadenlos          Da sind sie wieder, die (einzigen)
nehmungen immer wieder vor, dass          und machtvollkommen den Massen-           Kritikpunkte der Zivilverwalter am
er mit seinen Interventionen den Ju-      mord anzuordnen: Zeitlich genau zwi-      Massenmord, die jemals vorgebracht
denmord an sich hätte verhindern          schen den beiden Teilräumungen des        wurden. Gerade am Beispiel Kubes
wollen, dieses aber unter den dama-       Rigaer Gettos, also mitten im Mord-       verdichtet sich die ganze Ambiva-
ligen Verhältnissen nicht direkt hät-     geschehen vor seinen Augen, erließ        lenz, Verzagtheit und Konsequenzfer-
te ausdrücken können. Daher hätte         Lohse am 4. Dezember 1941 eine An-        ne, aber auch die Bandbreite der Ge-
er wirtschaftliche Argumente vorge-       ordnung, dass „die im Lande umher-        wissensbisse und Verhaltensformen
bracht. Der Einstellungsbeschluss der     irrenden Zigeuner, da sie als Überträ-    der verstrickten Akteure: Der Gene-
Kieler Staatsanwaltschaft neigte 1971     ger ansteckender Krankheiten, insbe-      ralkommissar von Weißruthenien be-
dieser entlastenden Selbsteinschät-       sondere des Fleckfiebers, und als un-     schrieb Lohse im Dezember noch ein-
zung zu, weil der „provozierende          zuverlässige Elemente, die weder die      mal seine Nöte bezogen auf die nach
Ton“ in Lohses Schreiben vom Novem-       Anordnungen der deutschen Behör-          Minsk deportierten „Reichsjuden“:
ber 1941 nahelege, dass er sein vorge-    den befolgen, noch gewillt sind, nutz-    „Ich bin gewiss hart und bereit, die
setztes Ministerium zu einer eindeu-      bringende Arbeit zu verrichten, in der    Judenfrage mit lösen zu helfen, aber
tigen, den Judenmord ablehnenden          Behandlung den Juden gleichzustel-        Menschen, die aus unserem Kultur-
Aussage bringen wollte. Aber: Lohses      len sind.“ Auch Interventionen Loh-       kreis kommen, sind doch etwas an-
Interventionen waren derart halbher-      ses gegen im Oktober und November         deres als die bodenständigen vertier-
ziger Natur, dass der Reichskommis-       1941 angekündigte und durchgeführ-        ten Horden. Soll man die Litauer und
sar bereits wenige Tage später nichts     te Transporte von mehr als 50.000 Ju-     Letten, die hier auch von der Bevöl-
gegen den buchstäblich vor seinen         den aus dem Reichsgebiet nach Minsk       kerung abgelehnt werden, mit der Ab-
Augen stattfindenen Massenmord bei        und Riga, die ganz offensichtlich der     schlachtung beauftragen? ... Ich bitte
Riga unternahm: SS-Obergruppenfüh-        finalen Massentötung dienten, wur-        Dich, mit Rücksicht auf das Ansehen
rer Jeckeln hatte unmittelbar nach sei-   den von ihm noch im November 194l         unseres Reiches und unserer Partei
ner Ankunft in Riga die weitgehende       und dann mehrfach 1942 ausdrücklich       hier eindeutige Anweisungen zu ge-
Räumung des Rigaer Gettos und die         zurückgenommen: „Gegen Transporte         ben, die in der menschlichsten Form
Ermordung von ca. 27.000 Juden an-        aus dem Reich sind in Zukunft keine       das Nötige veranlassen.“
geordnet, die wenige Kilometer süd-       Einwände mehr zu erheben.“
östlich Rigas in einem Waldgebiet am                                                   War das ein vorsichtiger Hinweis
30. November und am 7./9. Dezember                                                  auf Bedarf an »humanen« Gastötungs-
1941 ausgeführt wurde. Jeckeln sagte                                                wagen? Kube zumindest formulier-
in seinem Prozess in Riga 1945/46 aus,                                              te später eine »Lösung« für sein Pro-
dass Lohse ausdrücklich dem Massen-                                                 blem: „Ich bin mit dem Kommandeur
mord zugestimmt habe, und ein Ange-                                                 des SD in Weißruthenien darin völlig

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einig, dass wir jeden Judentransport,     ge“. Mit anderen Worten: Auch diese       xekutionen zur Planungsrunde bei
der nicht von unseren vorgesetzten        Zwangsarbeiter seien sofort zu töten.     den Spitzen der Polizei. Und vielfach
Dienststellen befohlen oder angekün-                                                wird ihre persönliche Anwesenheit
digt ist, liquidieren, um weitere Beun-       Lohse schließlich klagte im Janu-     bei Vernichtungsaktionen bezeugt:
ruhigungen in Weißruthenien zu ver-       ar 1943 laut Protokoll einer Arbeits-     Geschützt und mächtig in ihrer Uni-
hindern.“ Im selben Schreiben heißt       tagung der Gebietskommissare: „Er         form, blickten sie keineswegs nur ver-
es: „In eingehenden Besprechungen         erinnert an die Hunderttausende von       stört dem Morden zu, sondern gaben
mit dem SS-Brigadeführer Zenner und       liquidierten Juden, die bis zum Kriegs-   ihm einen offiziellen, verwaltungsmä-
dem hervorragend tüchtigen Leiter         ende noch wertvolle Arbeit hätten         ßigen Anstrich. In einem Urteil des
des SD, SS-Obersturmbannführer Dr.        leisten können.“ Ihre sinnfällige Aus-    Schwurgerichts Oldenburg aus dem
Strauch, haben wir in Weißruthenien       beutung und, bezogen auf die finale       Jahr 1968 heißt es: „Der Angeklagte
in den letzten 10 Wochen rund 55.000      (in dieser Argumentation erst nach        Kassner hielt sich an allen Tagen der
Juden liquidiert.“                        Kriegsende angemessene) Tötung, die       Massentötung zumindest zeitweise
                                          „Art ihrer Durchführung“ war für ihn      an der Erschießungsstätte auf. Auch
                                          das bestimmende Kriterium zur Be-         hier wollte er durch sein Erscheinen
                                          wertung der Mordaktionen des Ho-          als Hoheitsträger an der Aktion mit-
Eifrige Vollstrecker des                  locaust. – Sollten Carl, Kube, Lohse,     wirken und zu ihrem planmäßigen
                                          Alnor und die anderen, die später für     Ablauf beitragen.“ Die strukturell an-
Völkermordes                              sich die Gegnerschaft zum Judenmord       gelegte Konkurrenz zwischen Poli-
                                          reklamierten, auch anderes, den Kern,     zeidienststellen und Zivilverwaltung
   Die Rolle des später von einer Par-    nämlich den Mord, gemeint haben:          konnte sich also auch als „vertrau-
tisanin getöteten Generalkommissars       Aufraffen zu irgendeiner wirksamen        ensvolle Zusammenarbeit“ äußern.
bleibt also unklar. Zahlreiche Zeugen     Verhinderung konnten sie sich nicht;      Und manch ein Gebietskommissar
der Zivilverwaltung, jedoch auch be-      nicht einmal zum Verzicht auf ihre        berichtete schriftlich von der perfek-
schwerende Berichte der Sicherheits-      Rolle und die Heimreise ins Reich. Ei-    ten Tötungskooperation zwischen
polizei in Minsk aus den Jahren 1942      ne ungefährliche Option, über die sie     Verwaltung und Polizei. So heißt es
und 1943 besagten, dass Kube „als         durchaus verfügten! Nein, sie rafften     am 25.1.1942 in einem Verwaltungs-
krasser Gegner der Judenliquidierun-      sich nach einem Anflug von Erschütte-     bericht: „Bei meiner Ankunft zählte
gen“ anzusehen war. Unterstellt, die-     rung nur zur eifrigen und willfährigen    das Gebiet Slonim ca. 25.000 Juden.
se Interpretation der Staatsanwälte       Vollstreckung auf.                        Ein Getto einzurichten war unmög-
sei richtig, kulminiert in der Person                                               lich, da weder Stacheldraht noch Be-
Kubes die mörderische Zwiespältig-           Dabei war der von den Staatsan-        wachungsmöglichkeiten vorhanden
keit der Zivilverwalter: Vom Mordge-      wälten herausgearbeitete individuelle     waren. Daher traf ich von vornherein
schehen abgestoßen, unternahmen           Handlungsspielraum der Gebietskom-        Vorbereitungen für eine künftige gro-
sie halbherzige Abwehrversuche,           missare breit. Er reichte vom demons-     ßere Aktion ... Die vom SD am 13.11.
wurden in der Funktion jedoch zu eif-     trativen Heraushalten aus dem Mord-       durchgeführte Aktion befreite mich
rigen Vollstreckern des Völkermordes.     geschehen vor ihren Augen bis zum         von unnötigen Fressern.“
Nach dem Scheitern ihrer zaghaften        aktiven, persönlichen Teilnehmen am
Versuche, ihre „Arbeitsjuden“ vorerst     Töten. Als übliche Formen der un-
ausnehmen zu lassen, demonstrierten       mittelbaren Beteiligung bei Gettoli-
diese Leute bürokratische Funktion        quidierungen notierten die Ermittler      Individuelle
und nationalsozialistischen Übereifer.    1968 unter anderem: „Zurverfügung-
Eben dieser Kube setzte einen Erlass      stellung von meist jüdischen Arbeits-
                                                                                    Gewalthandlungen
seines ebenfalls vom Morden belaste-      kommandos zum Ausgraben von Mas-
ten Reichskommissars um, „die Not-        sengräbern, Bereitstellung von Kraft-         In Einzelfällen ergänzten Gebiets-
wendigkeit der Beibehaltung der bis-      fahrzeugen und Benzin zum Transport       kommissare die einschlägige Ver-
herigen jüdischen Facharbeiterzahlen      der Erschießungskommandos, Einsatz        waltungstätigkeit und Kooperation
unter Anlegung strengster Maßstäbe        von Angehörigen der Zivilverwaltung       mit Polizeibehörden durch individu-
erneut zu überprüfen und alle volks-      und der örtlichen Gendarmerie zur         elle Gewalthandlungen aus eigener
wirtschaftlich nicht unbedingt nöti-      Abriegelung der Gettos, Erfassung der     Machtvollkommenheit. Ablauf und
gen jüdischen Facharbeiter auszuson-      zu tötenden Juden sowie zum Trans-        Stilformen mancher Aktivitäten wider-
dern“, was nur heißen konnte, sofort      port der Opfer zur Exekutionsstätte“.     spiegeln die Rolle einzelner der deut-
zu ermorden.                              Dieser Katalog von sogenannten Ver-       schen Herrenmenschen sehr deutlich:
                                          waltungstätigkeiten stellte das Mini-     Im Sommer 1942 durchsuchte der
   Das Schreiben eines Gebietskom-        mum der zu erbringenden Dienstleis-       mehrfach zitierte Gewecke oder ein
missars an Lohse rügte Anfang 1942,       tungen für den Völkermord dar.            Mitarbeiter seiner Verwaltung – Ge-
dass die Wehrmacht in der Region                                                    wecke bestritt die Teilnahme trotz ge-
Baranowitsche Juden für Tätigkeiten          Gebietskommissariate waren aber        genteiliger Zeugenaussagen – eine jü-
heranzog, die auch andere Einheimi-       eifriger und noch direkter am Tö-         dische Arbeitskolonne und fand beim
sche verrichten könnten, als „völlig      tungsgeschehen beteiligt: Verwal-         ehemaligen jüdischen Bäckermeister
instinktlose Einstellung zur Judenfra-    tungsleute erschienen vor Massene-        Mazawetzki Wurst und Zigaretten.

Aus: Gegenwind 128 · Mai 1999                                                                                         53
Daraufhin zerrte man diesen in den          schen Reich so nicht existierte. Ver-     diger, sauberer Zivilverwaltung. Ich
Kofferraum eines zivilen PKW, eines         waltungskräfte und Parteifunktionä-       kann es hier nicht im einzelnen aus-
Opel Admiral übrigens, was auf einen        re der NSDAP fanden sich in Schlüs-       führen: Aber dass normale Juristen
hochrangigen Eigentümer schließen           selpositionen, die sie in der Regel in    und Verwaltungsbeamte diese Wege
lässt – ein Zeuge wollte darin das Au-      ihrer – zumeist schleswig-holsteini-      der Verstrickung beliebig weit mit-
to als Dienstwagen Geweckes erkannt         schen – Heimat noch nicht erreicht        gingen, ist eines der Kennzeichen und
haben – und beförderte den überführ-        hatten oder deren Wahrnehmung als         die wesentliche Lehre des Nationalso-
ten Gettoinsassen zunächst zur litau-       Bewährung innerhalb des NS-Staa-          zialismus.
ischen Ordnungspolizei, die ihn dem         tes bewertet wurde. Sie waren tota-
Sicherheitsdienst übergab. Dieser           le Herren. Und sie fühlten sich dabei        Markant und bemerkenswert ist in
beschloss eine polizeiliche Hinrich-        keineswegs nur unwohl. Sie gerierten      diesem Zusammenhang eine späte,
tung als Abschreckung. Der Judenrat         sich entsprechend. Ohne eine einzige      glaub- hafte Aussage des Hauptabtei-
des Gettos bat bei Gebietskommissar         überlieferte Ausnahme beteiligten sie     lungsleiters und Lohse-Stellvertreters
Gewecke um Gnade, laut Zeugenaus-           sich eifrig und offenbar mit zu bewäl-    Burmeister. Er habe, so führte er aus,
sagen soll dieser geantwortet haben:        tigender innerer Belastung zumindest      „die Judenvorgänge zunächst rein jus-
„Es muss ein Exempel stattfinden.“          an den ’ordnungsgemäßen’ Anteilen         tizmäßig aufgefasst und sie häufig
Gewecke bestritt 1958 diesen Satz,          des Holocaust, an der Entrechtung,        zum Gegenstand von Besprechungen
führte aber mit antisemitischer Kon-        Beraubung, Separierung, Versklavung,      mit dem Leiter der Abteilung Justiz,
notation aus: „Es ist durchaus mög-         Selektion und totalen Entwürdigung        Oberstaatsanwalt Richter, gemacht.“
lich, dass die Juden, denn das war bei      der jüdischen Bevölkerung. Selbst je-     Sie hätten analysiert, und das auch
ihnen üblich (!), mir einen größeren        ne unter ihnen, die den Völkermord        Lohse vorgetragen, dass man sich
Geldbetrag dafür anboten.“ Er hät-          in voller Konsequenz und Härte eher       später wohl kaum „auf die formelle
te die Hinrichtung jedoch nicht ver-        ablehnten, die eigentlichen Gewaltex-     Nichtzuständigkeit in der Judenfrage“
hindern können und daher auch gar           zesse selbst schwer ertrugen, mach-       berufen könne, dass es vielmehr „ei-
nicht erst den Versuch unternommen.         ten keine Ausnahme.                       ne allgemeine Verantwortung gäbe,
Handwerker aus dem Getto muss-                                                        die man wahrzunehmen habe“. Bur-
ten den Galgen erbauen, die Tötung                                                    meister sei deshalb ausgerechnet auf
selbst musste ebenfalls ein Jude vor-                                                 Anordnung des Gauleiters, Oberprä-
nehmen. Alle Insassen beider Gettos         Ostlandritter                             sidenten und Reichskommissars 1942
von Schaulen mussten den Mord mit                                                     sogar zweimal im Reichsjustizministe-
ansehen. Der Leichnam blieb hän-                                                      rium dienstlich vorstellig geworden.
gen.– Eine Gewaltmaßnahme also, die             Diese Ostlandritter, die wie die      „Man habe ihm dort jedoch gesagt,
perfider und perfekter nicht hätte ins-     Schleswig-Holsteiner aus Regionen         dass diese Vorgänge nicht justitiabel
zeniert werden können.                      fast ohne Juden stammten, sahen sich      seien und metajuristischen Charakter
                                            im Reichskommissariat zwar mit rea-       hätten.“ – Das heißt, diese Spitzen-
   Ein weiteres Beispiel: Während der       len (und in zahlreichen Berufsfeldern     funktionäre waren sich ihrer Schuld
1960 von der Hamburger Staatsan-            tätigen, also ganz anderen als vorge-     und strafrechtlichen Verantwortung
waltschaft begonnenen Ermittlungen          stellten) Juden konfrontiert und erleb-   im Völkermord voll bewusst. Und, be-
im sogenannten „Riga-Verfahren“ ge-         ten die Probleme der radikalen Kon-       sonders auffallend, mitten im Aufbau
gen Angehörige der Polizei im Ostland       sequenzen ihres Antisemitismus, die       des 1000-jährigen Reiches, bereits
sagte der Beschuldigte Rehberg über         ihnen schließlich jedoch als soweit       1942, vor Stalingrad, versuchten sie
einen Mord im Getto, begangen durch         lösbar erschienen, dass kein einziger     sich ausgerechnet im NS-Justizminis-
Angehörige der Zivilverwaltung, aus:        von ihnen demissionierte. Abgese-         terium rückzuversichern, dass ihnen
„(Da)... sahen wir einige Parteiangehö-     hen von halbherzigen, wirkungslosen       später kein strafrechtlicher Vorwurf
rige ... heftig gestikulieren. Dann kam     und sehr doppeldeutigen Versuchen         aufgrund ihrer aktiven Koordination
ein weiterer Parteiangehöriger mit ei-      der Einhegung des Massenmordes ist        des Holocaust zu machen wäre.
nem ... Zivilisten ... Dann zog er seine    nichts überliefert. In konkreten ande-
Pistole ... (es) fiel ein Schuss, der dem   ren Fällen kulminierten die Machtfül-        Sie waren nach Kriegsende indes
Juden in den Kopf traf ... mein Fahrer      le und Gewalt in ganz individueller       kreativ genug, um aus den vereinzelt
Draeger gab ... Fangschuss.“ – In den       Herrschaft über vollständig entrech-      dokumentierten halbherzigen Inter-
Aktionsfolgen Kontrolle, Kofferraum,        tete Menschen einschließlich der Tö-      ventionsversuchen im Nachhinein ei-
Hinrichtungsentscheidung,          Durch-   tungsgewalt. Von ’Hausjuden’ sprach       ne Art Widerstand oder zumindest
führung und abschreckende Verwe-            man da, auch vom Austausch und der        erfolgreiche Rettungsmaßnahmen zu
sung oder auch im direkten Mord             Tötung dieser persönlichen Sklaven.       konstruieren, ihre Legende von der
mit – der Jagd entlehntem – „Fang-          Hinrichtungen ohnehin Todgeweihter        sauberen Zivilverwaltung zu formulie-
schuss“, demonstrierten deutsche            inszenierte man, freute sich ausdrück-    ren. Selbst Gewecke nahm absurder-
Herrenmenschen, was sie unter Zivil-        lich über den Arbeitseifer der Todes-     weise für sich in Anspruch, Juden ge-
verwaltung verstanden. Hier waren           angst. Das ist der Prozess einer Radi-    rettet zu haben: „Ich darf, ohne über-
sie die Herren und besaßen ein Maß          kalisierung der exzessiven Gewalt bis     heblich zu sein, auch erklären, dass
kaum noch begrenzter Macht und Ge-          hin zur totalen Macht des einzelnen.      ich für mich in Anspruch nehme, die
walt, das selbst im nationalsozialisti-     Und das alles im Gewand unschul-          Juden, die vor der Räumung Schau-

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lens in das Reich transportiert worden     jetzt demokratische Karriere. Reichs-     tungshandlungen sind seit 1968 nicht
sind – etwa 5000 – vor der Vernich-        kommissar Lohse, mehrfach Ziel            mehr als Mord, sondern als Totschlag
tung durch den SD bewahrt zu haben.        staatsanwaltschaftlicher Ermittlungs-     anzuklagen; dieser wiederum war für
Ich bitte, mir zu glauben, dass ich um     verfahren, ging, abgesehen von einem      NSG-Vorwürfe bereits seit 1960 ver-
die Erhaltung des Lebens dieser Juden      – in britischer Verantwortung gefäll-     jährt. Lapidar heißt das bezogen auf
sowohl mit dem Reichskommissar (!)         tem – Spruchgerichtsurteil, das aus-      Lohses Stellvertreter Fründt im Ein-
wie auch mit anderen Leuten viele          schließlich seine Zugehörigkeit zum       stellungsbeschluss 1971: „Deshalb
Kämpfe ausgefochten habe, und dass         Korps der NSDAP und sein Wissen um        lässt sich dem Beschuldigten Fründt
es mir mehrfach gelungen ist, den SD       den Holocaust, nicht jedoch eine eige-    selbst für den Fall, dass er an der He-
zu überlisten.“                            ne Beteiligung zum Gegenstand hatte,      rausgabe der ’Vorläufigen Richtlinien’
                                           für seine Tätigkeit im Ostland straflos   beteiligt war, obgleich er gewusst hat,
                                           aus; er starb allerdings bereits 1964.    dass sie der endgültigen Vernichtung
                                                                                     der Juden im Ostland dienten, nicht
Legendenbildung                                So erfolglos wie in den meisten in-   nachweisen, dass er die niedrigen
                                           dividuellen Fällen verlief auch die Ar-   Beweggründe (§ 211 StGB) der Urhe-
erfolgreich                                beit der Kieler Staatsanwaltschaft im     ber der Massentötungen gebilligt und
                                           Komplex gegen die ehemalige Verwal-       sich zu eigen gemacht hat.“
   Die Legendenbildung war weit-           tungsspitze des Reichskommissariats.
gehend erfolgreich. Gewecke, ge-           Das Ermittlungsverfahren der Kie-             Die jahrelange und mühselige Ar-
gen den mehrfach ermittelt und dem         ler Staatsanwaltschaft gegen Fründt       beit der Staatsanwälte in Ludwigs-
schließlich 1969 in Lübeck auch der        u. a. endete im Sommer 1971. Die          burg und anschließend Kiel war ge-
Prozess gemacht wurde, wurde im-           Anklageerhebung scheiterte an der         scheitert. Damit blieb das erarbeite-
merhin 1971 mit einem BGH-Spruch           Strafrechtsreform der Großen Koali-       te Wissen im Geschäftsbereich der
zu viereinhalb Jahren Freiheitsstrafe      tion, die 1968 im – unbeabsichtigten      Justiz. In der allgemeinen Öffentlich-
verurteilt. Das Urteil blieb eine selte-   – Nebeneffekt für alle im NSG-Verfah-     keit konnte sich die Legende der zi-
ne Ausnahme. Fast alle weiteren Ge-        ren Beschuldigten für den Nachweis        vilen Sauberkeit behaupten. Ihre pu-
bietskommissare und erst recht ihre        der Beihilfe zum Mord – der Verur-        blikumsträchtige Entzauberung steht
Untergebenen wurden nie angeklagt.         teilungsbasis in NSG-Verfahren nicht      weiter aus.
Man behandelte sie strafrechtlich wie      mehr nur die qualifizierend zugrunde
gesellschaftlich, als wären sie in der     liegenden niederen Motive, sondern                         Prof. Dr. Uwe Danker
NS-Zeit Landräte im Reich gewesen.         ausdrücklich auch die nachweisliche                        Institut für Zeit- und
Manche machten, ich wies einleitend        individuelle Übernahme der niederen                         Regionalgeschichte
darauf hin, bei uns im Land weiterhin,     Motive verlangte. Alle anderen Tö-




Aus: Gegenwind 128 · Mai 1999                                                                                           55
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