Maennerbehelf_Christsein_ist_grenzenlos by xiangpeng

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									Handreichung 2003 / 2004




           „CHRISTSEIN IST GRENZENLOS”




                                   Herausgegeben von der KMB
                           Verantwortlich: Mag. Christian Reichart
                                                     Am 31.05.03




                                                                1
INHALT:


Zur Einstimmung:

„Ich sah, dass alles Vollkommene Grenzen hat“
(Psalm 119,96)                                                      4
(P. Gottfried Vanoni SVD)




1. Männerbeziehungen gestalten                                      7

1.1. Grenzerfahrungen im Umgang der Geschlechter                    S. 7
1.2. Liebe und Zuneigung als Mann grenzenlos leben                  S. 14



2. Männerglauben wachsen lassen                                     22

2.1. Christ Sein ist grenzenlos – Gilt das auch für Männer?         S. 22
2.2. Religiöse Grenzerfahrungen / Zweifel – Unglaube - Fanatismus   S. 30



3. Männlichkeit erkennen                                            38

3.1. Männer erfahren ihre Grenzen                                   S. 38
3.2. Umgang mit Sinnlosigkeit, Alter u. a. Grenzerfahrungen         S. 46



4. Entwicklungszusammenarbeit fördern                               54

4.1. „grenzenlos sein“ – Arbeiten mit Bildern und Texten            S. 54
4.2. Christ Sein ist grenzenlos – Vier Workshops für Pfarren        S. 58



5. Männerpolitik erkennen                                           72

5.1. Solidarität – ein Zeichen gegen die Begrenztheit               S. 72
5.2. Politisches Handeln als Grenzüberschreitung                    S. 79




                                                                         2
 Wichtige Hinweise zur Anwendung dieser Handreichung:

Die einzelnen Kapitel sind jeweils in zwei Bereiche unterteilt, und zwar in Bausteine
und Texte.


Die Bausteine sind immer unterteilt in Ziel – Dauer – Materialien – Ablauf, was ein
möglicher Vorschlag für die Anwendung der verschiedenen Methoden ist, der
allerdings von den vorbereitenden Personen jederzeit verändert werden kann. Dafür
sind manchmal andere Möglichkeiten in Fußnoten angegeben. Kreativität ist
erwünscht und möglich. Die Angabe der Dauer ist nur ein geschätzter Wert, die
einzelnen Methoden können natürlich kürzer oder länger gestaltet werden.
Ein grauer Kasten gleich nach der Baustein-Überschrift beinhaltet einleitende
Gedanken zum jeweiligen Baustein-Thema. Diese können ebenfalls zu Beginn der
jeweiligen Männerrunde verwendet werden.
Direkt im Anschluss an die Bausteine sind – wenn für die Methode notwendig –
jeweils die Arbeitsblätter wie Checklisten, Tabellen, Kopiervorlagen,...




Die Texte am Ende der jeweiligen Kapiteln sind teilweise unterstützende Elemente
für die einzelnen Schritte innerhalb der Bausteine, teilweise frei verwendbar als
Einleitungs- oder Schlusstexte. Natürlich sind diese keineswegs vollständig und
können von den einzelnen Männerrunden erweitert werden.




Nun wünschen wir allen Anwendern dieser Handreichung viel Spaß beim Arbeiten in
der jeweiligen Männerrunde und viel Kreativität. Alle, die neue Vorschläge bzw.
Erweiterungen der vorhandenen Methoden haben, bitten wir, uns diese mitzuteilen,
damit sie auch anderen Männerrunden zugänglich gemacht werden können.




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                                     Zur Einstimmung:


         „Ich sah, dass alles Vollkommene
                Grenzen hat“ (Ps 119,96)

Dummheit wird in der Bibel nicht nach dem Intelligenzquotienten bemessen. Die
Dummen sind nicht die weniger Begabten. Die Dummen sind die, die ihre Rechnung
ohne Gott machen: „Die Toren sagen in ihrem Herzen: ‚Es gibt keinen Gott.’ Sie
handeln gemein; keiner tut Gutes“ (Ps 14,1). Biblische Weisheit dagegen paart sich
immer mit Gotteswissen. Israels Weise wissen vor allem um die Begrenztheit des
Menschen.
So betet ein Psalmendichter: „Ich sah, dass alles Vollkommene Grenzen hat; doch
dein Gebot kennt keine Schranken“ (Ps 119,96). Mit dem ‚Vollkommenen’ ist
menschliche Anstrengung gemeint. Menschen mögen sich noch so mühen, sie
stoßen immer wieder an Grenzen. Bei Gott ist das anders. Ihm gelingt die Schöpfung
auf Anhieb: „Er sprach, und sogleich geschah es; er gebot, und alles war da“ (Ps
33,9). Wenn Gott schafft, ist es meisterhaft: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte:
Es war sehr gut. Es wurde Abend und Morgen: der sechste Tag. So wurden Himmel
und Erde vollendet und ihr ganzes Gefüge“ (Gen 1,31; 2,1).
Solche Weltbetrachtung ist nicht oberflächlich. Dem flüchtigen Blick bleibt die
Vollkommenheit des göttlichen Wirkens verborgen; dem gläubigen Blick tut sie sich
auf und bleibt nicht in den Himmel verbannt: „Alle Werke Gottes sind gut, sie
genügen zur rechten Zeit für jeden Bedarf. Von Ewigkeit zu Ewigkeit blickt er
hernieder. Gibt es eine Grenze für seine Hilfe? Nichts ist gering bei ihm, nichts ist für
ihn zu schwer. Man sage nicht: Wozu dies, wozu das? Denn alles ist für seinen
besonderen Zweck bestimmt. Man sage nicht: Dies ist schlechter als das. Denn alles
ist zu seiner Zeit von Wert“ (Sir 39, 16.20-21).


Gott hält sich nicht heraus

Jesus Sirach schreibt in der Zeit des Hellenismus, in der das Judentum in Gefahr
war, von der griechischen Kultur und Religion aufgesogen zu werden. Er hält am
Glauben seiner Vorfahren fest, dass Israels Gott sich um seine Schöpfung kümmert.
Dass Gott „herniederblickt“, drückt nicht Überlegenheit aus, sondern Sorge um die
Geschöpfe, die seiner Hilfe bedürfen. Dabei bedient er sich seiner Schöpfung; denn
er hat alles so eingerichtet, dass es zu reiner bestimmten Zeit und zu einem
bestimmten Zweck gut ist. Ähnlich hat ein Vierteljahrhundert vor Jesus Sirach der
Weisheitslehrer Kohelet gedacht: „Gott hat das alles zu seiner Zeit auf vollkommene
Weise getan. Überdies hat er die Ewigkeit in alles hineingelegt, doch ohne dass der
Mensch das Tun, das Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende
wiederfinden könnte“ (Koh 3,11).
Dass Gott dem Menschen „Ewigkeit (wörtlich: die ganze Weltzeit) ins Herz gelegt
hat“, ist so zu verstehen: Der Mensch muss, selbst wenn der Sinn des Ganzen nicht
offen vor ihm liegt, nach Sinn fragen; und jedes Mal, wenn er das tut, stößt er an
seine Grenze. Vergangenheit und Zukunft bleiben ihm verborgen; auch sein Tun ist

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begrenzt, weil nur Gottes Tun in die „Ewigkeit“ hinein geschieht. Sinn und Dauer
kommen also nicht vom Menschen. Aber der Mensch kann Anteil daran gewinnen.


Das verlorene Paradies

Das Problem der menschlichen Begrenztheit zeigt sich von einer anderen Seite,
wenn wir die Bibel von Anfang an lesen. Schon auf der zweiten Seite begegnen wir
Gottes Gebot: „Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen. Vom Baum der
Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst,
musst du sterben“ (Gen 2,16-17). Es gibt Bereiche in der Schöpfung, die dem
Menschen verwehrt bleiben. Nicht alles bekommt ihm gut. Hält er sich nicht an die
Grenzen, schadet er sich selbst und der Gemeinschaft der Geschöpfe, in die er
eingebunden ist. Natürlich ist auf der ersten Seite der Bibel von der hohen Stellung
des Menschen in der Schöpfung die Rede: „Lasst uns Menschen machen als unser
Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel
des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem
Land“ (Gen 1,26). Und ein Psalm greift dies auf: „Was ist der Mensch, dass du an ihn
denkst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott“ (Ps 8,5-6). Aber es gibt
auch andere Stimmen: „Herr, was ist der Mensch, dass du dich um ihn kümmerst?
Der Mensch gleicht einem Hauch, seine Tage sind wie ein flüchtiger Schatten“ (Ps
144,3-4). Wer im ersten biblischen Buch weiterliest, wird entdecken, dass der
Mensch keinen Grund zur Überheblichkeit hat. Eine gewisse Überheblichkeit höre ich
auch aus dem Wort „nachhaltig“ heraus, das in vieler Munde ist. Es klingt so, als ob
unsere Generation die erste wäre, die sich über die Folgen ihrer Taten Gedanken
macht. Dabei gehört es zur Freiheit und damit vielleicht zur Tragik des Menschen,
dass er nie sicher weiß, was ihm und den anderen gut tut. In den meisten biblischen
Sündengeschichten steht nicht von Anfang an fest, was Sünde ist. Das Leben kann
den Menschen in unerwartete Situationen führen, in denen sich auch neue
Möglichkeiten von Sünde ergeben. Der Hunger treibt Abraham nach Ägypten.
Wegen seiner Feigheit landet seine Frau Sara im Harem des Königs (Gen 12,10-20).
Die exilische Fassung der Kundschaftergeschichte erzählt eine Sünde der politischen
Führer, die die vorexilische Fassung noch nicht kennt. Nach der alten Fassung
sündigen die Kundschafter, weil sie militärischer Macht mehr zutrauen als der Macht
Gottes. In der neuen Fassung sündigen sie, weil sie das von Gott verheißene Land
schlecht machen: „Es ist ein Land, das seine Bewohner auffrisst“ (Num 13,32). Die
Angst vor den Schwierigkeiten, die sich nach der Rückkehr aus dem babylonischen
Exil beim Wiederaufbau Jerusalems und Judas ergeben könnten, wird von der Bibel
als sündhaft bezeichnet.


Gott setzt Grenzen

Meine Beobachtungen laufen nun allerdings nicht auf einen Relativismus hinaus. In
der Bibel ist nicht alles einerlei, gleich gut und am Ende gleichgültig. Es bleibt nicht
alles offen und unbestimmt. Viele Texte wissen um Grenzen, die Gott gesetzt hat.
...
Der Einflussbereich des Menschen ist begrenzt. Auch Reiche und Mächtige müssen
sich der grenzenlosen Autorität Gotte beugen. ... Ein Psalm lässt Gott antimilitärische
Akzente setzen: „Gott ist uns Zuflucht und Stärke, ein bewährter Helfer in allen
Nöten. Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Erde auch wankt ... Gott setzt den

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Kriegen ein Ende bis and die Grenzen der Erde; er zerbricht die Bogen, zerschlägt
die Lanzen“ (Ps 46,1-2.10).


Die Bewahrung der Freiheit

Würden wir die „Zehn Worte“ (Dekalog) nicht erwähnen, bliebe unsere Betrachtung
blauäugig. Die christliche Tradition hat leider oft den Prolog weggeschnitten: „Ich bin
Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus“ (Ex
20,2). So wurde das Evangelium aus der Weisung Gottes herausgefiltert. Die Zehn
Gebote wollen mit Bezug auf den Prolog gelesen sein. Das ägyptische
„Sklavenhaus“ ist Gegenbild zur befreiten Existenz, in der die Gläubigen leben. Auf
diese Freiheit werden sie angesprochen. Sie sollen anerkennen, dass sie ihre
Freiheit Gott verdanken, und alles tun, um diese Freiheit nicht zu verspielen.
Dass der Dekalog fast nur in Verboten formuliert hat mit dieser Bewahrung der
Freiheit zu tun. Grenzen werden abgesteckt, die nicht überschritten werden dürfen,
will man die von Gott geschenkte Freiheit nicht verwirken. Einzig das Sabbat- und
das Elterngebot sind positiv formuliert. Im wöchentlichen Arbeits- und
Erwerbsverzicht dokumentieren die Gläubigen, dass sie an einen Gott glauben, der
für sie sorgt: „Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen Speise zur rechten
Zeit“ (Ps 145,15; vgl. Mt 6,26). Und sie feiern die Gleichheit der Menschen: Männer
wie Frauen, Eltern wie Kinder, Herren wie Knechte sollen frei haben – „auch der
Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat“ (Ex 20,10). Das Elterngebot
regelt die Weitergabe der von Gott geschenkten Freiheit am damals schwächsten
Glied der Generationenkette: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange
lebst“ (Ex 20,12). Im Umgang mit den alten, nicht mehr arbeitsfähigen Eltern muss
sich die Freiheit bewähren, wobei das Wort „ehren“ auch materielle Konnotationen
hat. Zum respektvollen Umgang hat eine angemessene Versorgung und eine
würdige Beerdigung zu kommen.


Gottes unbegrenzte Güte

Vieles bleibt unerwähnt und sei der eigenen Lektüre empfohlen. Von Gottes
unbegrenzten Möglichkeiten müsste noch die Rede sein. Sie gründen nach
biblischem Glauben in seiner Macht. Ihr muss sich Ijob beugen: „Ich habe erkannt:
Alles ist dir möglich; kein Vorhaben ist dir verwehrt“ (Ijob 42,3). Jesus kommt in
seiner schwersten Stunde darauf zurück: „Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm
diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst“ (Mk 14,36). Aus
der unbegrenzten Macht ergibt sich seine grenzenlose Liebe: Menschliche „Schuld
reicht bis zum Himmel“ (Esra 9,6) – genauso gilt: „Herr, deine Güte reicht, wo weit
der Himmel ist, deine Treue, so weit die Wolken ziehn“ (Ps 36,6).


(Aus: P. G. Vanoni SVD, „Ich sah, dass alles Vollkommene Grenzen hat“, in: Michaelskalender 2003. Hrsg. v. d. Steyler
Missionaren, St. Gabriel 2002, S.30ff)




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          1. Männerbeziehungen gestalten

             1.1. Grenzerfahrung im Umgang der
                         Geschlechter


Baustein 1:           Meine eigenen (engen) Grenzen
Als Männer und Menschen sind wir begrenzt. Manchmal wollen wir es nicht wahrhaben, aber
tagtäglich begegnen uns Grenzen. Wie gehen wir mit ihnen um, wie begegnen wir unserer
Begrenztheit? In welchen Situationen werden uns Grenzen bewusst? Wann können wir unsere
eigenen Grenzen akzeptieren? Wann erleben wir Grenzen positiv, wann negativ?
Mit unseren Grenzen begegnen wir auch anderen, unseren Mitmenschen, unseren Freunden, der
Partnerin, den Kindern. Werden uns die Grenzen dabei zu Hindernissen für wirkliche Begegnungen
oder können wir auch die positiven Seiten von Grenzen/ Begrenztheit vermitteln?
Was ist uns wichtig und ein positiver Aspekt an den eigenen Grenzen? Was ist uns hinderlich an
den eigenen Grenzen?


Ziel:
Die Teilnehmer lernen ihre eigenen Grenzen kennen, benennen sie und setzen sich
mit ihren eigenen Grenzen als positive und negative Gestaltungsmöglichkeit der
Wirklichkeit auseinander.

Dauer:
Ca. 1 Stunde

Materialien:
Papier, Stifte, Hintergrundmusik, Flipchartpapier


Ablauf:
1. Schritt:
Jeder TN bekommt ein Blatt Papier und Stifte.
Zu leiser Hintergrundmusik versucht jeder für sich die Grenzen in seinem Leben zu
erkunden und benennt diese schriftlich auf dem Blatt Papier.1

2. Schritt:
Je zwei und zwei TN drehen sich zueinander und teilen miteinander die Erfahrungen
mit den eigenen/ engen Grenzen in ihrem Leben. Dabei können folgende Fragen
hilfreich sein:

1
  Der Moderator sollte genug Raum und Zeit geben, dass jeder einzelne wirklich gut nachdenken
kann, aber er sollte es auch nicht künstlich in die Länge ziehen, sodass dann noch genug Zeit für
Gespräche bleibt.

                                                                                                 7
       Welche Grenzen erfahre ich/ habe ich schon erfahren?
       Wie gehe ich damit um?
       Wie verändern sie mich?
       Wie gehen die anderen/ meine Nächsten, ArbeitskollegInnen,... damit um?
       Kenne ich die Reaktion(en) der anderen und wie erlebe ich diese?

3. Schritt:
Gemeinsam tragen die TN wichtige Erkenntnisse aus den Zweiergesprächen ins
Plenum und halten diese auf Flipchartpapier fest.

4. Schritt:
Abschließend kann groß auf ein Flipchartpapier GRENZEN und GRENZENLOS
aufgeschrieben werden und die TN suchen und finden dazu gemeinsam positive
bzw. negative Wörter, z.B.
         Glauben                                 En Ge
    VertRauen                                  MisstRauen
       E                                                    E
    NeiNsagen                                            NeiNsagen
       Z                                                    Z
       E                                                    E
       N                                                    N
                                                            L
                                                            O
                                                            S
Danach besprechen die TN, was die einzelnen Wörter, die gefunden wurden, für sie
persönlich bedeuten, welche Assoziationen sie dazu haben und was diese konkret in
ihrem eigenen Leben mit Grenzen bzw. Grenzenlos zu tun haben.




Baustein 2:           Es war einmal ...
                      Grenzen zwischen den Geschlechtern in Märchen und heute

Anhand von gängigen Märchen, die uns allen aus unserer eigenen Kindheit oder aus dem Vermitteln
an unsere Kinder bekannt sind, sollen Grenzen zwischen den Geschlechtern gesucht und analysiert
werden. Dabei werden sowohl klischeehaften Handlungen und Aussagen als auch
grenzüberschreitende Perspektiven aufgespürt und nachgezeichnet.
Die Ergebnisse dieser Analyse dienen zu vergleichendem Arbeiten mit der eigenen
Lebensgeschichte.


Ziel:
Mit Hilfe einer Analyse von Märchen erörtern die Teilnehmer (TN) Grenzen zwischen
den Geschlechtern in ihrem eigenen Leben.


Dauer:
Ca. 1 Stunde


                                                                                                  8
Materialien:
Ev. ein Märchenbuch, Kopien von einem oder mehreren Märchen2 (pro TN eine
Kopie), für jeden TN je zwei verschiedene Farben von Text-Markern3, Flipchartpapier


Ablauf:
1. Schritt:
Die TN bekommen das/die Märchen in Kopie. Liegen mehrere Märchen vor, dann
wählt sich jeder TN ein Märchen (ev. das, was er gerne hat) aus und liest sich dies
gut durch.

2. Schritt:
Mit zwei unterschiedlichen Farben markiert nun jeder TN die Stellen, wo er ein
Klischee bzw. traditionelle Verhaltensmuster bzgl. Rollenaufteilung zwischen den
Geschlechtern erkennt (z.B. rot) und die Stellen, wo er grenzüberschreitendes
Verhalten erkennt (z.B. grün).

3. Schritt:
Auf einem Flipchartpapier werden im Plenum auf der einen Seite die traditionellen,
auf der anderen Seite die grenzüberschreitenden Verhaltensmuster gesammelt und
aufgeschrieben:

Traditionelle                      Grenzüberschreitende                 Ähnliche Erfahrungen in
Verhaltensmuster in den            Verhaltensmuster in den              meinem persönlichen
Märchen                            Märchen                              Leben
z.B. Mädchen hilft der Mutter in   z.B. eine Frau, die als Weise
der Küche, Bub hilft dem Vater     dargestellt wird und einem Mann
in der Werkstatt                   sagt, was er tun soll um glücklich
                                   zu werden
z.B. der junge Mann zieht in die   z.B. ein Mann, der dem Gespür
Welt hinaus, um etwas zu           und Wissen seiner Frau vertraut
lernen, die junge Frau muss zu     und damit das Schlechte zum
Hause warten, bis sie eine gute    Guten wenden kann
Partie macht und verheiratet
wird
z.B. Frauen weinen, Männer         z.B. Männer, die ihre
dürfen nicht weinen, denn sie      Verletzlichkeit und Frauen, die
kennen ja keinen Schmerz           ihre Stärke zeigen dürfen
usw.                               usw.




4. Schritt:
Die TN denken kurz nach und suchen Situationen in ihrem eigenen Leben, welche
traditionelle und welche grenzüberschreitende Verhaltensmuster an den Tag legen
und tragen diese in der dritten Spalte der Tabelle (auf dem Flipchartpapier) ein.

2
 Können durchaus auch unbekannte Märchen sein
3 Die TN können auch gebeten werden, sich diese Marker von zu Hause mitzubringen

                                                                                                  9
5. Schritt:
Abschließend werden die persönlichen Erfahrungen zum Ausgangspunkt
genommen, um zu analysieren, ob diese Grenzen bzw. Grenzüberschreitungen
positiv oder negativ zu bewerten sind und wie sich diese oft in der Gesellschaft
manifestieren. Die TN versuchen herauszufinden, ob es für solche Handlungen neue
Verhaltensmuster gibt und ob uns die gewissen Stellen in den Märchen dabei
hilfreich sein können, diese Grenzüberschreitungen im eigenen Leben umzusetzen.




Baustein 3:            Endlich einmal anders sein (dürfen)!
Manchmal werden wir durch uns selbst, von unseren Bekannten, von der Gesellschaft in unsere
Rollen als Mann bzw. Frei einzementiert oder eingeengt. Wir müssen uns sehr oft nach bestimmten
Regeln und Verhaltensmuster, die in der Gesellschaft verankert sind, verhalten. Manchmal möchten
wir daraus ausbrechen, einmal ganz anders sein, es einmal den anderen wirklich zeigen, einmal die
unsichtbaren Grenzen, die uns einengen und blockieren, überschreiten und die anderen
„schockieren“.
Wie sieht es aus: in welches Kostüm würde ich am liebsten einmal schlüpfen und warum? Welche
Vorteile würde ich mir daraus erwarten/ erhoffen?


Ziel:
Die Teilnehmer (TN) sollen anhand von fiktiven4 (Faschings)Kostümen analysieren,
wer sie gerne einmal sein würden und Schlüsse für ihr eigenes Leben daraus ziehen
lernen.

Dauer:
Ca. 1-1,5 Stunde(n)

Materialien:
Ev. mitgebrachte Kostüme, Musik (CDs und CD-Player), Schminkstifte


Ablauf:
1. Schritt:
Die TN überlegen sich in einer sehr persönlichen Reflexion, wer sie endlich einmal
sein möchten5. Dazu wird ruhige Hintergrundmusik gespielt.
Falls eigene Kostüme mitgebracht werden, können diese nun angezogen werden
und die TN haben jetzt auch Zeit sich gegenseitig zu schminken.

2. Schritt:
Jeder TN stellt sich nun vor, wer er ist (fiktiv oder tatsächlich im Kostüm) und
erläutert dies mit Hilfe folgender Fragen:

4
  Die TN können auch dazu eingeladen werden, nicht nur fiktive sondern tatsächliche Kostüme
mitzubringen, was zwar ein Mehraufwand ist, aber sich z.B. gut für eine Männerrunde in der
Faschingszeit eignen würde.
5
  Genug Zeit dafür lassen, mind. 10 Minuten, dass sich jeder TN dies wirklich gut überlegen kann.

                                                                                                10
         Warum wollte ich immer einmal schon diese Figur/Person sein?
         Welche Lebenssituationen stecken dahinter, warum ich an dieser
          Figur/Person besonders Gefallen finde?
         Wie sehe ich diese Figur/Person selbst?

3. Schritt:
Die anderen haben nun Gelegenheit, die vorgestellten Figuren zu kommentieren:
      z.B. da tauchen ja ganz neue Dimensionen in deiner Person zu Tage, diese
      Figur passt besonders gut zu dir, das hätte ich mir nie gedacht, dass du diese
      Figur sein möchtest usw.

4. Schritt:
In einem letzten Schritt analysieren die TN im Plenum mit Hilfe folgender Fragen:
     Welche konkreten Grenzen gibt es in unserer Gesellschaft zwischen den
       Geschlechtern, die uns besonders auffallen, schmerzen, belasten?
     Warum sind wir damit belastet bzw. warum belasten wir uns damit selbst
       (Erziehung, Tradition, starker gesellschaftlicher Druck,...)?
     Welche Grenzen sind leicht, welche sind schwer überwindbar? Welche
       Grenzen sind überhaupt nicht zu überwinden?
     Warum ist das so?
     Wann trauen wir uns, Grenzen zu überschreiten?
     Wie fühlen wir uns in Situationen, in denen es uns gelungen ist, Grenzen zu
       überschreiten?
     Wie fühlen wir uns in Situationen, in denen es uns nicht gelungen ist, Grenzen
       zu überschreiten?
Dieses Gespräch wird nicht dokumentiert.

5. Schritt:
Falls die TN echte Kostüme mitgebracht haben und sie noch Lust darauf haben,
kann zum Abschluss – mit Musik, ev. guten Getränken und mitgebrachten Snacks –
ein wenig gefeiert werden. So haben die TN Gelegenheit, noch etwas in ihren
ausgesuchten Figuren6 (Kostümen) schwelgen zu können.




Texte:
Die nachfolgenden Texte können z.B. gut am Anfang oder am Schluss der jeweiligen
Männerrunde eingesetzt werden. Sie können auch kopiert und den Männern mit
nach Hause gegeben werden.

Text 1:

Furchen im Gesicht

Furchen wie Grenzen im Gesicht.
Eingegrabene Lebensgeschichte,
gezeichnet vom Schicksal,

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    Mit dem Hintergrund der Analyse, die zuvor gemacht wurde

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ein Hauch von Lächeln.
Augen,
in denen sich Fragen widerspiegeln,
zurückschauend, nicht vorwurfsvoll,
fast dankbar.
Geschlossene Lippen,
sprachlos und dennoch beredt.
Das Gesicht,
gezeichnet durch Lebensjahre.
Ein fragender Blick
Nach der letzten Lebensgrenze
Und was jenseits der Grenze ist,
wenn das Leben übergeht
in eine Neuschöpfung.
Ein Mensch, ein Original, unwiederholbar,
aber in Gottes Hand eingeprägt
und geliebt als sein Ebenbild.

P. Toni Außersteiner SVD

(Aus: Michaelskalender 2003, Steyler Missionare, S.70)




Text 2:

Als ich ein Kind war,
wollte ich hinauslaufen
auf die Gipfel der Berge.

Wenn es zwischen zwei Höhen
Eine Kluft gab –
warum nicht über den Abgrund springen?

An der Hand des Engels
Ist es das ganze Leben lang
So gegangen,
genauso.

Dom Helder Camara
Rio, 13. Juli 1956
(Aus: J. d. Broucker, Dom Helder Camara. Die Leidenschaft des Friedensstifters, Verlag Styria, Graz-Wien-Köln 1969, S.5)




Text 3:

manns-bilder
gedanken über gemischte gefühle
aber auch die männer
die nicht von gestern sind
sollen nicht die frauen
von morgen sein



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(Aus: R.Weiß, Mannsbilder. Gedichte über gemischte Gefühle, Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten – Wien,
1993)


Text 4:

verräterisch

verräterisch
dass immer dann
wenn im kino
eine frau
eine pistole
in die hand bekommt
ich das gefühl bekomm
sie schieß daneben
(Aus: R.Weiß, Mannsbilder. Gedichte über gemischte Gefühle, Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten – Wien,
1993)




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  1.2. Liebe und Zuneigung als Mann grenzenlos
                      leben


Baustein 1:             Alltagsgeschichte.
                        Grenzen durchbrechen durch Taten der Liebe

Wer kennt dies nicht: ich gelange zu einem Punkt in meinem Leben, wo ich glaube, ich kann nicht
mehr weiter, ich sehe nur mehr Dunkelheit und weiß keinen Weg mehr, wie ich aus diesem Tunnel,
aus dieser Finsternis herauskommen kann.
Auf einmal: eine Person fängt an, mir zuzuhören, versucht mir, zu helfen, versteht mich, tut mir etwas
Gutes, sichert mir zu, dass es eine Lösung gibt usw.
Ich erfahre eine Tat der Liebe und plötzlich merke ich, wie sich der Knoten löst, wie Licht am Ende des
Dunkels erkennbar wird, wie leicht es mir nun geht, wie viel Liebe ich wieder selbst aus dieser Kraft
heraus verschenken kann.


Ziel:
Die Teilnehmer (TN) versuchen an Hand von selbst erlebten Grenzerfahrungen
auszutauschen, wie sie selbst durch Taten der Liebe Grenzen, die anderen
widerfahren sind, durchbrechen konnten. Durch den Austausch solcher Beispiele
lernen die TN die Vielfältigkeit des Machbaren an Grenzüberschreitung kennen.

Dauer:
Ca. 1 Stunde

Materialien:
Flipchartpapier, Stifte, Kopien des Textes 2 (pro TN eine Kopie)


Ablauf:
1. Schritt:
Zunächst lesen sich die TN den Text 2 „Gebet einer Basisgruppe aus
Brasilien“(siehe unten „Texte“) gut durch und lassen ihn auf sich wirken.
Danach tauschen die TN Erfahrungen bzw. eine Geschichte aus dem Alltag aus, bei
denen sie an sich selbst eine Grenzerfahrung und eine anschließende Geste der
Hilfe erlebt haben. Mit Hilfe folgender Fragen versuchen sie zu analysieren:
     Was war meine Grenze?
     Warum fühlte ich mich so hilflos?
     Warum konnte ich keine/n Lösung/Ausweg mehr sehen?
     Wer oder was kam mir dann zu Hilfe, diese Grenze zu überschreiten?
     In welcher Weise hat mich diese Erfahrung nachhaltig verändert?
Die TN können dabei auch ihre Emotionen/Gefühle austauschen.

2. Schritt:
Nun suchen die TN in ihrem Leben/Alltagen nach Beispielen, wo sie selbst für
andere zur Hilfe in Grenzerfahrungen geworden sind und tauschen auch diese aus.

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3. Schritt:
Auf Flipchartpapier werden nun gemeinsam die wichtigsten Ergebnisse festgehalten,
die für eine Situation der Grenze bzw. Grenzüberschreitung wichtig sind.

4. Schritt:
Gemeinsam erstellen sie abschließend eine Art Katalog/Liste von „Taten der Liebe“,
die sie immer wieder in ihrem Alltag setzen können, um anderen Menschen aus
Grenzsituationen heraushelfen zu können. Diese Liste wird kopiert und den Männern
mit nach Hause gegeben zum Aufhängen in der Wohnung oder am Arbeitsplatz oder
auch zum Weiterdiskutieren mit anderen Menschen.
Abschließend lesen die TN nochmals gemeinsam den Text 2 – als Schlussgebet –
laut vor.




Baustein 2:            (Scheinbar) Unsichtbare Grenzen
„Ich kann dich einfach nicht verstehen!“, „Warum musst du immer so sein?“,... – solche und ähnliche
Fragen begleiten uns in unserem Alltag, sei es in der Beziehung/Partnerschaft, in der Familie, am
Arbeitsplatz, in einer Gemeinschaft. Grenzen werden uns bewusst.
Grenzen sind in unserem Leben oft unsichtbar: wir reden aneinander vorbei, wir suchen nach
Ausreden, wir leben nebeneinander statt miteinander.
Viel Energie geht dabei verloren, auch viel Idealismus und menschliche Stärke. Dabei bestünde die
Möglichkeit einer ehrlichen Auseinandersetzung und eines Neuanfangs, wenn die Liebe stärker wird
als die Bequemlichkeit des Alltags.


Ziel:
Anhand vom Schreiben eigener Geschichten setzen sich die Teilnehmer (TN) damit
auseinander, wie sie durch Taten der Liebe eine neue Lebensqualität erreichen
können.

Dauer:
Ca. 1 Stunde

Materialien:
Papier, Stifte, ev. Hintergrundmusik (CDs und CD-Player)


Ablauf:
1. Schritt:
Jeder TN denkt über eine Situation in seinem Leben nach, wo er eine Grenze im
Umgang mit seiner Frau, mit seinen Kindern oder mit einem Arbeitskollegen bzw. mit
einer Arbeitskollegin erlebt hat. Diese Situation versucht der TN nun, in eine
Geschichte zu fassen. Dazu wird leise Hintergrundmusik gespielt.




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2. Schritt:
Je zwei TN setzen sich zusammen und tauschen die Geschichten aus: jeder liest
sich die aufgeschriebene Geschichte des anderen durch. Anschließend analysieren
die beiden gemeinsam:
             Warum verstehen wir den/die andere/n manchmal nicht?
             Wenn es zu solch einer Situation des Nicht-Verstehen(-Wollen)s
              kommt:
              - Welche Position nehme ich dabei ein?
              - Welche Position nimmt mein Gegenüber dabei ein?
             Wodurch kann diese Situation verändert werden?
             Wie kann ich aus dieser Situation eine positive Richtung geben?
Die Ergebnisse werden auf Papier festgehalten und ins Plenum mitgebracht.

3. Schritt:
Im Plenum werden die wesentlichen Ergebnisse aus den Zweiergesprächen
ausgetauscht. Daraus versuchen die TN eine Art Raster zusammenzustellen, welche
Wege es gibt, eine verfahrene Situation des Unverständnisses zu überwinden:

Verfahrene Situation                               Wege für ein positives Gestalten, um aus
                                                   dieser Situation heraus zu kommen




4. Schritt:
Abschließende Vertiefung: die TN gehen wieder in die Zweiergruppen zusammen
wie im Schritt 2 und überlegen nun gemeinsam, wie sie die jeweils persönlich erlebte
Geschichte/ Situation, die sie aufgeschrieben haben, positiv gestalten hätten können.
Danach überlegen die TN, welche positiven Erfahrungen sie dadurch geschenkt
bekommen hätten.




Baustein 3:             Beziehungsgrenzen oder:
                        Wenn nichts mehr weiter geht
Grenzen in der Beziehung, die Konflikte auslösen; ein Anfang durch eine blöde Kleinigkeit, die ja eh
nicht so böse gemeint war – und es geht immer weiter, immer tiefer, immer mehr unter der Gürtellinie
und plötzlich wird ein Punkt erreicht wo scheinbar nichts mehr weitergeht, weitergehen kann. Paff!
Und dann die Frage: warum lebe ich mit dir überhaupt noch zusammen? Du bist mir so fremd, die
Grenzen zwischen uns sind so mächtig und unüberwindbar geworden, dass nichts mehr weiter gehen
kann. Oder doch?
Dann taucht die Frage auf: wie sehe ich überhaupt den anderen/ die andere? Welche Vorstellungen
habe ich von ihm/ ihr? Warum ist das Gefühl der Liebe in ein Gefühl der Bitterkeit verwandelt worden?
Welche Wege gibt es daraus noch oder gibt es keinen Weg mehr heraus?




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Ziel:
Anhand des Textes „Rollenkonflikte“ und eigenen Erfahrungen setzen sich die TN mit
Grenzen in (der) Beziehung(en) auseinander und wie diese überwunden werden
können.

Dauer:
Ca. 1-1,5 Stunden

Materialien:
Kopien des Textes „Rollenkonflikte“ von Rudolf Weiß (pro TN eine Kopie), Papier,
Stifte, Flipchartpapier


Ablauf:
1. Schritt:
Jeder TN erhält eine Kopie des Textes 1 „Rollenkonflikte“ (siehe unten) und liest
sich diesen herausfordernden Text durch.

2. Schritt:
Der Text wird mit Hilfe folgender Fragen in der Gruppe besprochen:
     Worauf will dieser Text aufmerksam machen?
     Was empfinden wir beim Lesen des Textes?
     Welche Gefühle bemerken wir in uns?
     Wie gehe ich selbst in solchen Situationen um, die der Text beschreibt?
     Was will uns der Autor mit diesem Text sagen?
     Was ist der Schlusspunkt in diesem Text selbst?
     Welche Schlüsse gäbe es noch?
Das Gespräch wird nicht dokumentiert und bleibt so im Raum stehen. Es soll die
Möglichkeit dazu bieten, sehr frei darüber sprechen und eventuell auch eigene
Erfahrungen einbringen zu können.

3. Schritt:
Nun bekommt jeder TN ein leeres Blatt Papier und einen Stift. Die TN werden
gebeten, einen „Gegentext“ dazu zu schreiben. Dabei werden den TN zwei
Möglichkeiten geboten:
     Erste Möglichkeit: die TN können einen Text schreiben, der – aus der Sicht
      der Frau – die „Macken“ der Männer aufzeigt, also eine selbstkritische
      Betrachtung;
     Zweite Möglichkeit: die TN können einen positiven Gegentext schreiben, wo
      aus den negativen Eigenschaften positive Betrachtungsweisen entstehen.

4. Schritt:
Die einzelnen Texte werden in der Mitte gesammelt und gut durcheinandergemischt.
Jeder TN zieht nun einen Text (möglichst nicht seinen eigenen) und liest diesen im
Plenum vor. Anschließend kann darüber gesprochen und diskutiert werden, welche
Grenzen es zwischen den Rollen von Männern und Frauen in unserer Gesellschaft
gibt und welche Wege der Grenzüberschreitung gefunden und in die Praxis
umgesetzt werden können. Die wichtigsten Ergebnisse dieses Gesprächs/ dieser
Diskussion werden auf Flipchartpapier festgehalten.

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Als Abschluss wird der Text 2 (siehe unten) vorgelesen.
Die entstandenen Text können im Raum aufgehängt und nochmals durchgelesen
werden.



Texte:
Text 1:

rollenkonflikte

fällt es ihm auf
wenn sie beim friseur war
vergönnt er ihr nichts
fällt es ihm nicht auf
beachtet er sie nicht
hilft er beim staubsaugen
hat er ein schlechtes gewissen
hilft er nicht
macht sie ihm eins
schmeckt es ihm gut
soll er auf seinen bauch schauen
schmeckt es ihm nicht
hält sie ihm seine mutter vor
fährt er schnell
hat er kein verantwortungsgefühl
fährt er langsam
geht nicht einmal da mehr was weiter
geht er zum herrenabend
ist er nie zu hause
geht er nicht
schläft sie auch ein
sagt er dass er mit ihr schlafen will
will er immer nur das eine
sagt er es nicht
hat er eine andere
verdient er viel
soll er auf seine familie schauen
verdient er wenig
soll er auf seine familie schauen
duscht er öfter
wird sie misstrauisch
duscht er nicht so oft
schaut ihm das ähnlich
schießt er daneben
kann er nicht einmal das
trifft er
hält sie endlich den mund
(Aus: R.Weiß, Mannsbilder. Gedichte über gemischte Gefühle, Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten – Wien,
1993)

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Text 2:

Gott zählt auf dich
Gott allein kann schaffen,
aber du kannst das Erschaffene zur Geltung birngen.

Gott allein kann Leben schenken,
aber du kannst es weitergeben und achten.

Gott allein kann Gesundheit schenken,
aber du kannst führen und heilen.

Gott allein kann Hoffnung einpflanzen,
aber du kannst bei deinen Mitmenschen Vertrauen wecken.

Gott allein kann die Liebe schenken,
aber du kannst anderen die Liebe weiterschenken.

Gott allein kann den Frieden schenken,
aber du kannst bei anderen ein Lächeln hervorzaubern.

Gott allein kann Kraft geben,
aber du kannst einen Entmutigten aufrichten.

Gott allein ist der Weg,
aber du kannst ihn den anderen zeigen.

Gott allein ist das Licht,
aber du kannst es in den Augen der
anderen zum Leuchten bringen.

Gott allein kann Wunder wirken,
aber du kannst die fünf Brote und
zwei Fische bringen.

Gott allein kann das Unmögliche,
aber du kannst das Mögliche tun.

Gott allein genügt sich selbst,
aber er hat es vorgezogen,
auf dich zu zählen.

Gebet einer Basisgruppe aus Brasilien

(Aus: E. Simma, Hätte aber die Liebe nicht. Gedanken, Impulse, Geschichten für sozial Engagierte und die
Caritas-Arbeit heute, Otto Müller Verlag, Salzburg-Wien 2001, S.22f)




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Text 3:

sinn-lich

du hast mich
aufhorchen lassen
ich habe dich
in betracht gezogen
schmecken riechen können
ich habe dir
nachgespürt
mit meinen fünf sinnen
hab ich dich
umfangen

mit meinem
sechsten
nicht wieder
losgelassen
(Aus: R.Weiß, Mannsbilder. Gedichte über gemischte Gefühle, Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten – Wien,
1993)




Text 4:

begegnung

ein paar
minuten nur –
dann gingst du
mir aus
den augen

doch
tagelang
nicht mehr
aus dem kopf
(Aus: R.Weiß, Mannsbilder. Gedichte über gemischte Gefühle, Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten – Wien,
1993)




Text 5:

ewige ruhe

nein
sagte die frau
im interview
ich möchte meine ruhe
nur nicht auferstehen
nur nicht in den himmel
                                                                                                                       20
oder soll ich
dort oben
wieder den herren
die drecksarbeit
machen
(Aus: R.Weiß, Mannsbilder. Gedichte über gemischte Gefühle, Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten – Wien,
1993)




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         2. Männerglauben wachsen lassen

 2.1. Christ Sein ist grenzenlos – Gilt das auch für
                       Männer?


Baustein 1:             Glaubensthemen neu angesprochen
Heute drückt sich Glaube (manchmal) anders aus als früher.
     Wie kommen wir selbst damit zurecht?
     Wie hat sich unser eigener Glaube entwickelt?
     Welche Grenzen habe ich dabei erfahren?
     Welche Grenzen wurden mir von außen gesetzt?
Wir machen heute immer wieder die Erfahrung, dass Väter in der Glaubenserziehung der Kinder
fehlen. Die Kirche jedoch vermittelt das Bild von Gott als guter Vater, als guter Hirt usw. Wie können
diese Themen Kindern der heutigen Zeit, die großteils ohne (Glaubens-)Väter aufwachsen (müssen),
glaubhaft vermittelt werden?


Ziel:
Die Teilnehmer (TN) analysieren neue Strömungen und Entwicklungen des
Glaubens heute und loten dabei mögliche Grenzen für sich selbst aus. Außerdem
setzen sie sich mit der Glaubensvermittlung für heutige Kinder in unserer
Gesellschaft sowie ihrer eigenen Rolle dabei auseinander.

Dauer:
Ca. 1-1,5 Stunden

Materialien:
Flipchartpapier, Stifte, Kopien des Textes 1 „Ich bat um Stärke, aber er machte mich
schwach“ (pro TN eine Kopie),


Ablauf:

1. Schritt:
Die TN sammeln durch ein Brainstorming wesentliche Merkmale, Botschaften usw.,
die sich heutzutage – im Vergleich zu früher – im Glauben geändert haben. Jeder TN
sagt ein Beispiel, der Leiter der Männerrunde schreibt dies auf das Flipchartpapier in
die ersten beiden Spalten des folgenden Rasters:

Zentrale                     Zentrale Glaubensaussagen        Wie geht es mir persönlich damit?
Glaubensaussagen             heute bzw. wie haben sich        Kann ich der Veränderung zustimmen
früher?                      diese verändert?                 oder lehne ich sie ab?
                                                              Warum               Warum
                                                              Zustimmung          Ablehnung


                                                                                                    22
2. Schritt:
In einem Gespräch werden nun die Veränderungen diskutiert und jeder TN kann
seine persönliche Meinung einbringen, ob er diese Veränderungen eher ablehnt oder
ob er diesen zustimmen kann. Die Ablehnungen und Zustimmungen sollten
begründet werden, nur dann wird das Gespräch auch spannend und informativ. In
Stichworten werden die Ergebnisse in die dritte Spalte eingetragen.

3. Schritt:
Nun sprechen die TN darüber, welche Werte und Bilder des Glaubens sie heute
(ihren) Kindern vermitteln. Folgende Fragen können dabei hilfreich sein:
     Was ist ihnen selbst dabei wichtig?
     Was wird von den Kindern angenommen?
     Was wird nicht angenommen?
     Wann bzw. in welchen Situationen ist es eher schwer, den Kindern die
       eigenen Glaubenswerte und –bilder zu vermitteln, wann ist das eher leichter?
     Warum ist das so?

4. Schritt:
Die TN analysieren gemeinsam warum sich heutzutage die Kinder und Jugendlichen
von Glaubensthemen oft sehr wenig angesprochen fühlen und wie die Grenzen
zwischen traditionellem und modernem Zugang zu Glauben zusammengeführt
werden können bzw. wie Brücken zwischen alten und jungen Glaubenswerten
gebaut werden können.

5. Schritt:
Abschließend versuchen die TN eine konkrete Aktion zu planen, wie sie Kinder und
Jugendliche zu Glaubensthemen ansprechen könnten: z.B. könnten sich die TN in
einer gemeinsamen Stunde mit Jugendlichen, die eingeladen werden, über Glauben
auszutauschen.

6. Schritt:
Der Text 1 „Ich bat um Stärke aber er machte mich schwach“ (siehe unten) wird als
Abschluss gemeinsam gebetet oder von einem TN vorgelesen.




Baustein 2:             Grenzenlos im Umgang mit anderen
                        Religionen?
Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft. Unsere Arbeitskollegen oder Nachbarn glauben an
einen anderen Gott als wir selbst. In welcher Weise ist dies ein Thema für uns und für andere? Kenne
ich die Religionen der anderen, kennen die anderen meine Religion?
Wo stoßen wir auf Grenzen, wo können wir Grenzen überschreiten?
Wo müssen wir uns abgrenzen? Wie gehen wir damit um?


                                                                                                 23
Ziel:
Die Teilnehmer (TN) sollen sich mit dem eigenen Glauben/ mit der eigenen Religion
in Abgrenzung zu anderen Religionen auseinandersetzen und gemeinsam
Möglichkeiten und Situationen finden, wo Grenzen zwischen den Religionen nicht
mehr im Vordergrund stehen (müssen), wo Grenzen überschritten werden können.

Dauer:
Ca. 1 Stunde

Materialien:
Kärtchen, Stifte


Ablauf:
1. Schritt:
Die TN denken in einer ersten Runde nach, wer in ihrem Bekannten-, Freundeskreis
oder unter ihren Arbeitskollegen oder auch in ihrer eigenen Familie einer anderen
Religionsgemeinschaft angehört. Jeder TN versucht mind. eine Person7 zu nennen
und erzählt ein bisschen über diese Person, wie sie ihr Glaubensleben lebt.

2. Schritt:
Danach tauschen die TN untereinander aus, was an diesen Personen anders ist im
Vergleich zu uns und wie wir selbst unser Glaubensleben gestalten:
     Wo gibt es Gemeinsamkeiten oder Ähnlichkeiten?
     Wo gibt es deutliche Abgrenzungen?
     Wie gehen wir mit unseren Unterschiedlichkeiten um
       - als Freunde
       - als Arbeitskollegen
       - als Familienangehörige?

3. Schritt:
Falls die Männerrunde aus mehr als 8 TN besteht, können Kleingruppen zu je 4-5
Personen gebildet werden, damit das Gespräch vertieft stattfinden kann. Jeder TN
sucht nun nach einer Situation, wo er mit dieser Person eine grenzüberschreitende
Aktion oder Begebenheit erlebt hat, wo auf einmal die unterschiedliche Religion oder
Glaube nicht mehr trennend sondern vereinigend war, wo es zu einer
Grenzüberschreitung gekommen ist. Dies teilt er den anderen in der Männerrunde
mit und die TN analysieren mit Hilfe folgender Fragen:
     Welche Situation war das?
     Wie oder wodurch drückte sich eine Grenzüberschreitung aus?
     Wie haben das die Beteiligten wahrgenommen bzw. empfunden?
     Was konnten die Beteiligten aus der Situation heraus konkret lernen?
     Haben sich daraus Konsequenzen ergeben? Wenn ja, welche?
     Konnte sich durch diese Situation im Leben der Beteiligten etwas nachhaltig
       verändern?
7
    Jedoch nicht per Namen, sondern nur ob es ein Freund, Arbeitskollege usw. ist und welcher Religion
er angehört.

                                                                                                   24
Aus dem Gespräch werden wichtige Stichworte auf Kärtchen geschrieben, die dann
als Ergebnisse festgehalten und im Raum aufgehängt werden8.

4. Schritt:
Die TN beenden die Männerrunde mit freien Gebeten, wozu jeder TN eingeladen
wird, ein kurzes Gebet selbst zu formulieren.




Baustein 3:              Sündenbock Islam
Uns allen ist der 11. September 2001 noch in Erinnerung. Ein Feindbild wurde damals aufgebaut: der
Islam. Kriegsgeschrei der USA und Großbritanniens gegen den Irak folgte. Krieg auch zwischen Israel
und Palästina.
Die muslimischen Brüder und Schwestern sind zum Feindbild geworden, auch bei uns.
Leute hier wollen nicht mehr akzeptieren, dass bei uns Moscheen gebaut werden, dass Muslima in
der Öffentlichkeit Kopftücher tragen,...
Wie gut/schlecht kennen wir diese Religion wirklich? Wie schnell werden Menschen verurteilt ohne
nach den wirklichen Gründen ihres Anderssein zu fragen usw.


Ziel:
Die Teilnehmer (TN) lernen die wichtigsten Eckpfeiler des islamischen Glaubens
kennen und tauschen eigene Erfahrungen im Umgang mit islamischen
Glaubensangehörigen aus. Dabei stehen die Grenzen und Grenzüberschreitungen,
welche die TN erfahren haben, im Mittelpunkt.

Dauer:
Ca. 1-1,5 Stunden

Materialien:
Unterlagen über den Islam (kurz zusammengefasst, für jeden TN eine Kopie, die er
sich mit nach Hause nehmen kann), ev. ein Exemplar des Koran, Papier, Stifte,
Flipchartpapier, Kopien des Textes 5 (siehe unten, für jeden TN eine Kopie)


Ablauf:
1. Schritt:
Jeder TN sagt reihum in ein paar Wörtern oder Sätzen, was ihm spontan einfällt,
wenn er das Wort „Islam“ hört.

2. Schritt:
In eine Tabelle, die auf Flipchartpapier aufgezeichnet ist, wird gemeinsam
hineingeschrieben, was die TN vom Islam wissen (oder glauben zu wissen) und
welche Fragen zum Islam offen sind:




8
    Falls es Kleingruppen gegeben hat werden die Stichworte im Plenum ausgetauscht.

                                                                                                25
Was wir über den Islam wissen:                   Offene Fragen zum Islam:




3. Schritt:
Jeder TN bekommt nun eine Kopie der Kurzdarstellung über den Islam. Damit soll
versucht werden, die noch offenen Fragen zu beantworten. Gelingt dies nicht, kann
überlegt werden, ob dazu ein Angehöriger des Islams oder ein Islamexperte befragt
werden kann9.

4. Schritt:
Bevor die TN nun gemeinsam eine Analyse durchführen werden, lesen sie den Text
5 (siehe unten; jeder TN erhält eine Kopie des Textes) aufmerksam durch – jeder für
sich, um kurz inne zu halten.
In einem Gespräch versuchen die TN danach eine Analyse:
     Wann und warum muss der Islam immer wieder als Sündenbock herhalten?
     Wie kann einer solch meist verkürzten Sichtweise von unserer Seite her
       entgegnet werden?
     Wie kann ein differenziertes Bild über den Islam in unserer Gesellschaft
       vermittelt werden?
     Was können wir konkret dazu beitragen?
     Welche Vorurteile gegen den Islam haben wir selbst?
     Wie können wir diese sowie unsere Grenzen (im Kopf oder im Herzen)
       gegenüber dem Islam abbauen?

5. Schritt:
Die TN sagen sich gegenseitig abschließend, welche neue positive Erkenntnis sie
durch diese Auseinandersetzung mit dem Islam gewinnen konnten und wie sie den
Islam nun sehen (im Vergleich zum Anfang, siehe 1. Schritt)



Texte:

Text 1:

Ich bat um Stärke,
aber er machte mich schwach,
damit ich Bescheidenheit und Demut lernte.
Ich erbat seine Hilfe,
um große Taten zu vollbringen,

9
    Die Fragen könnten dann in der nächsten Männerrunde geklärt werden oder dieser Experte wird
sogar zur Männerrunde eingeladen, um den ersten Abend noch zu vertiefen.

                                                                                            26
aber er machte mich kleinmütig,
damit ich gute Taten vollbrächte.
Ich bat um Reichtum, um glücklich zu werden.
Er machte mich arm, damit ich weise würde.
Ich bat um alle Dinge,
damit ich das Leben genießen könne.
Er gab mir das Leben,
damit ich alle Dinge genießen könne.
Ich erhielt nichts von dem, was ich erbat –
aber alles, was gut für mich war.
Gegen mich selbst wurden meine Gebete erhört.
Ich bin unter allen Menschen
Ein gesegneter Mensch.

Ein unbekannter Soldat vor mehr als hundert Jahren im amerikanischen Bürgerkrieg

(Aus: Ein bisschen Leben will ich nicht. Dreihundertfünfundsechzig Texte zum Aufwachen. Hrsg. v. A. Kammandel, coprint
Druck- und Verlagsgesellschaft, Wiesbaden 1985, S.27f)




Text 2:

Und wenn wir die tollsten Methoden hätten ...

... und wenn wir die interessantesten Gespräche führen würden,
wo jeder beteiligt ist, wo etwas geschieht und vorwärts geht,
wo Probleme erkannt und Bedürfnisse geäußert werden,
wo man sich aufregt über Unrecht und Manipulation,
wo sich Konsequenzen ergeben und Veränderungen in die
Wege geleitet werden, wenn wir solche Gespräche hätten,
Hätten aber die Liebe nicht, so wäre das nichts!

... und wenn wir Führungskräfte hätten, die sich bestens auskennen
in Psychologie, Gruppendynamik, Gemeinwesenarbeit, Gesprächsführung,
die genau wissen, wie eine Gruppe auf bestimmtes Provozieren reagiert,
die so gezielt fragen können, dass dem anderen manches bewusst wird,
die so richtig aufrütteln und zum Nachdenken bringen können,
die den Leuten ihre Situation bewusst machen können,
wenn wir also perfekte Leute hätten,
Hätten aber die Liebe nicht, so wäre das nichts!

... und wenn wir noch so schöne Gottesdienste gestalteten,
mit viel Vorbereitung und Organisation,
wenn keiner am Sonntag in der Kirche fehlte,
wenn wir sogar selber predigen und viele religiöse Gespräche führen würden,
die uns wesentliche Erkenntnisse für unser Leben bringen,
wenn wir also beste religiöse Praxis hätten,
Hätten aber die Liebe nicht, so wäre das nichts!

Die Liebe
ist langsam im Urteilen und verurteilt nicht,
bejaht den anderen nicht nur um seiner Leistung willen,

                                                                                                                         27
will dem anderen das Beste,
kann auch andere Meinungen gelten lassen,
ist unendlich geduldig,
nörgelt nicht, wo es dem anderen nichts hilft,
kritisiert nicht hinter dem Rücken,
sagt ein offenes Wort, wo es sein muss,
taktiert nicht um des eigenen Vorteils willen.

Die Liebe glaubt alles – hofft alles – hört nie auf!

Quelle unbekannt

(Aus: E. Simma, Hätte aber die Liebe nicht. Gedanken, Impulse, Geschichten für sozial Engagierte und die
Caritas-Arbeit heute, Otto Müller Verlag, Salzburg-Wien 2001, S.29f)



Text 3:

Über Identitätspolitik

Die Kategorie Fremdheit ist ein Konstrukt, dessen Bedeutung nicht zuletzt darauf
beruht, dass es die Definition der eigenen Identität ermöglicht, einer Identität freilich,
die wir, wenn sie lediglich auf Abgrenzung beruht, nur als Pseudoidentität verstehen
können. Wenn Identität zum knappen Gut wird – und in Zeiten der Globalisierung
wird sie das -, dann steigt der Bedarf nach Identitätspolitik, nach einer Politik also,
die verspricht, das Eigene zu zementieren und zu einem Bollwerk gegen das Fremde
zu machen. ...
Statt die Ursachen der Probleme zu analysieren und zu bearbeiten, stürzt man sich
auf die Pseudolösungen, die darin bestehen, ein Eigenes zu erfinden und ein
Fremdes zu konstruieren, um diese Konstrukte mit symbolischen und/oder realen
Waffen zu bekämpfen.
(Aus: D. Larcher, Die Liebe in den Zeiten der Globalisierung. Konstruktion und Dekonstruktion von Fremdheit in
interkulturellen Paarbeziehungen, Drava-Verlag, Klagenfurt 2000, S. 141ff)



Text 4:

Die Herstellung von Chancengleichheit in allen Sphären des Lebens ist die wichtigste
Voraussetzung für das Entstehen einer interkulturellen Gesellschaft. Sie beginnt bei
der politischen und rechtlichen Gleichstellung, das heißt bei der Einbürgerung und
bei der völligen Rechtsgleichheit. ... Das Motto der interkulturellen Gesellschaft „All
different, all equal“ muss beides zugleich verwirklichen: politische und rechtliche
Gleichstellung ermöglichen erst die Differenzierung; fällt sie weg, zerfällt die
Gesellschaft in rivalisierende Stämme. Andererseits gilt auch, dass bloße
Gleichstellung ohne das Recht auf die „différance“ die Gesellschaft uniformiert, die
verschiedenen Gruppen ihrer Identität beraubt. Nur die Balance von rechtlicher
Gleichheit und kultureller Verschiedenheit macht eine interkulturelle Gesellschaft
möglich. Dass die Herstellung dieser Balance im Alltag des Zusammenlebens
schwierig ist und gar nicht ohne Konflikte verlaufen kann, dass sie auch immer
wieder vom Scheitern bedroht ist, würden nur Sozialromantiker leugnen.

(Aus: D. Larcher, Die Liebe in den Zeiten der Globalisierung. Konstruktion und Dekonstruktion von Fremdheit in
interkulturellen Paarbeziehungen, Drava-Verlag, Klagenfurt 2000, S. 171)

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Text 5:

Fremdsein ist nichts Natürliches. Wer von der hegemonialen Kultur abweicht, weil er
nicht zur dominierenden Gruppe gehört (egal, ob das Nicht-Dazugehören, das
Anderssein mit der Herkunft aus einer anderen Gesellschaft, aus einer anderen
Religion, dem anderen Geschlecht oder einer anderen Ethnie begründet wird), wird
als nicht-dazugehörig betrachtet und behandelt, dessen Anderssein wird zur
Fremdheit dramatisiert; zu einer Fremdheit, die durch Aufblähung der kleinen
Unterschiede zu gefährlichen Differenzen konstruiert wird.

(Nach: D. Larcher, Die Liebe in den Zeiten der Globalisierung. Konstruktion und Dekonstruktion von Fremdheit in
interkulturellen Paarbeziehungen, Drava-Verlag, Klagenfurt 2000, S. 172)




                                                                                                            29
                  2.2. Religiöse Grenzerfahrungen/
                  Zweifel – Unglaube – Fanatismus


Baustein 1:              Was ich (nicht) glaube
Ich bin ein Mann des Glaubens und ich stehe dazu. Aber dennoch habe ich immer wieder Zweifel an
verschiedenen Dingen/Aussagen des Glaubens. Kann ich diese Zweifel öffentlich aussprechen oder
lebe ich einfach damit, weil mich ja sowieso niemand verstehen würde.
Geht es vielleicht anderen ähnlich wie mir?
Wie leben diese anderen mit ihren Zweifeln?


Ziel:
Die Teilnehmer (TN) werden sich bewusst, dass sie in ihrem Glaubensleben auch
von Zweifel und Unglauben begleitet sind oder damit konfrontiert werden. Durch den
gegenseitigen Austausch setzen sich die TN mit Glaubensinhalten, die ihnen schwer
fallen, auseinander.

Dauer:
Ca. 1 Stunde

Materialien:
Pinnwand, Kärtchen (in zwei unterschiedlichen Farben, z.B. blau und gelb), Stifte,
eine oder mehrere Bibeln (Bibelstelle kann auch für jeden einzelnen TN kopiert
werden)


Ablauf:
1. Schritt:
Die TN bringen ihre Bibel mit und lesen sich die Stelle vom Ungläubigen Thomas und
Jesus im Johannesevangelium durch (Joh 20, 24-29)10.

2. Schritt:
Jetzt bekommt jeder TN drei Kärtchen in einer bestimmten Farbe (z.B. blau) und drei
Kärtchen in einer anderen Farbe (z.B. gelb) und einen Stift.
Auf die blauen Kärtchen schreibt jeder TN für sich, wo er sich sehr leicht im Glauben
tut (z.B. an die Auferstehung glauben oder an die Person Jesu glauben usw.), pro
Kärtchen ein Beispiel in kurzen Stichworten.
Dann schreibt jeder TN auf die gelben Kärtchen Beispiele, wo er sich persönlich sehr
schwer im Glauben tut – wieder pro Kärtchen ein Beispiel in kurzen Stichworten.




10
     Genügend Zeit lassen, damit die TN die an und für sich sehr bekannte Bibelstelle wirklich in Ruhe
vertieft lesen können

                                                                                                   30
3. Schritt:
Wenn die TN mit dem Nachdenken und Schreiben fertig sind, darf jeder TN zunächst
seine blauen Kärtchen mit den anderen teilen, d.h. sie präsentieren und auf die eine
Seite der Pinnwand (z.B. linke Seite) heften. Gibt es Klärungsfragen von den
anderen TN, so können diese gestellt werden.

4. Schritt:
Nun werden auch die gelben Kärtchen mit den wichtigsten Ergebnisse des Zweifelns
und Unglaubens präsentiert und auf die andere Seite (z.B. rechte Seite) der
Pinnwand gesteckt. Wiederum werden nur Klärungsfragen gestellt.

5. Schritt:
Die TN versuchen nun in einem Gespräch die Situationen des Zweifels und
Unglaubens zu analysieren. Wenn jemand auch schon solche oder ähnliche
Erfahrungen gemacht hat, kann er erzählen, wie er damit umgegangen ist, wer ihm
aus dieser Situation herausgeholfen hat oder wie er damit in seinem Glaubensleben
umgeht.

6. Schritt:
Als Abschluss wird die Bibelstelle unmittelbar vor der Thomasstelle gemeinsam
gelesen, wo Jesus die Jünger beauftragt, in die Welt hinaus zu gehen und den
Glauben zu verkündigen (Joh 20, 19-23)




Baustein 2:            Grenze: Sonntagsruhe
Zur Zeit wird von der Wirtschaft immer wieder versucht, das Recht/Gebot auf Sonntagsruhe wie sie in
der Bibel festgeschrieben ist und auch von der Gewerkschaft immer wieder eingefordert wird,
aufzuweichen.
 Wie stehen wir dazu?
 Wie wichtig ist uns selbst die Sonntagsruhe?
 In welcher Weise wäre die Aufhebung des Sonntags als arbeitsfreier Tag eine
    Grenzüberschreitung unseren christlichen Glaubens?


Ziel:
Die Teilnehmer (TN) setzen sich mit der möglichen Aufhebung der Sonntagsruhe
auseinander und erörtern, was das für ihr Glaubensleben bedeuten würde.

Dauer:
Ca. 1-1,5 Stunden

Materialien:
Großes Blatt Papier, Stifte, ev. Tisch zum Drauflegen, ev. Musik und CD-Player,
mind. eine Kopie des Textes 1 „Der Sonntag ist heilig“ (ev. auch für jeden TN eine
Kopie zum Mitnehmen machen), Flipchart (Tabelle), Bibel




                                                                                                 31
Ablauf:
1. Schritt:
In einem Brainstorming sammeln die TN, was für sie der Sonntag bedeutet: dazu
liegt ein großes Blatt Papier auf einem Tisch oder in der Mitte des Bodens und Stifte
liegen rundherum. In der Mitte des Papiers ist groß „Der Sonntag ist für mich ...“
geschrieben. Nun werden die TN gebeten, den Satz zu vervollständigen und dies auf
das große Blatt Papier zu schreiben. Dazu kann leise Musik gespielt werden.

2. Schritt:
Die TN lesen sich das Blatt Papier in Ruhe durch, damit jeder die Argumente der TN
erfahren kann.
Danach liest ein TN den Text 1 (siehe unten) „Der Sonntag ist heilig“.

3. Schritt:
In einer anschließenden Analyse sollen die TN Argumente für und wider der
Sonntagsruhe finden und belegen bzw. erklären und austauschen. Diese werden auf
einem Flipchartpapier in einer folgenden Tabelle eingetragen:

Argumente für die Sonntagsruhe             Argumente für die Öffnung der
                                           Geschäfte am Sonntag




4. Schritt:
Gemeinsam versuchen die TN folgende Fragen zu klären bzw. zu besprechen:
     Warum „opfern“ Politiker, die sich selbst als Christen bezeichnen, die
      Sonntagsruhe bzw. lassen sich zumindest auf eine ernsthafte Diskussion
      darüber ein?
     Was würde sich für mich persönlich ändern, wenn am Sonntag die Geschäfte
      offen hätten?
     Habe ich das schon einmal in einem anderen Land erlebt?
     Wie habe ich das empfunden?
     Was können/müssen wir als Christen unbedingt in diese allgegenwärtige
      Diskussion über den möglichen Fall der Sonntagsruhe einbringen?
     Welche Verantwortung haben wir dabei?
     Welche Aktionen oder Zeichen können wir dagegen setzen?
     Welche Meinungen herrschen in meinem persönlichen Umfeld? Eher pro oder
      contra Einhaltung der Sonntagsruhe?
     Unter welchen Umständen/ in welchen Situationen würde ich am Sonntag
      einkaufen gehen (wollen)?
Die Ergebnisse können, müssen aber nicht festgehalten werden.

5. Schritt:
Die TN sprechen abschließend ein freies Gebet oder lesen die Bibelstelle von der
Tempelreinigung (Mt 21, 12-17)


                                                                                   32
Baustein 3: Tod/Auferstehung – Grenze oder Hoffnung.
            Die Wurzeln meines Glaubens
Die Grenze Leben: wir alle gehen einer Zukunft entgegen, einer absoluten Zukunft. Sie heißt: Himmel.
Das „Prinzip Hoffnung“ ist dem Christen ins Herz gebrannt.
Der Mensch von heute tut oft so, als gäbe es den Tod nicht: alle wollen jünger, vitaler, gesünder sein
und sind es auch. In Österreich liegt die Lebenserwartung von Männern heute bereits bei (statistisch
gesehen) 75,4 Jahren. Auch die Werbung weiß das und gaukelt uns ewiges Leben, Jugendlichkeit bis
hin zur Negierung des Todes. Der Tod hat in unserem Leben keinen Platz mehr. Er darf nicht
stattfinden oder gar gesehen werden. Tote sterben meistens allein im Krankenhaus, weil die
Angehörigen Angst vor dem Tod oder auch vor der Sterbebegleitung haben.
Und dennoch: jeder Mensch gelangt einmal an diese Grenze. Und dort kommt es sehr stark darauf
an, wie ich mein Leben gestalten durfte und konnte. So kann ich auch diese Grenze in eine neue und
andere Zukunft hin gestalten.
Immer wieder sollen wir uns darauf einlassen, dass wir auf etwas Höheres, auf Gott hin ausgerichtet
sind. Im Leben und nicht erst im Augenblick des Todes (oder kurz davor) sollen wir lernen und
einüben, dass wir eines Tages Abschied nehmen von dieser Welt mit der Gewissheit, dass wir über
eine Grenze in eine neue Zukunft gehen und bei Gott eine Wohnung erhalten werden.
Versuchen wir zu erspüren, wo wir als Menschen des Glaubens unsere Zweifel haben, was uns Angst
macht, was wir schwer loslassen können, weil es uns so wichtig ist usw.


Ziel:
Die Teilnehmer (TN) setzen sich mit Abschied und mit den Grenzen des Lebens
auseinander und teilen miteinander Glaubenswahrheiten sowie ihre eigenen
persönlichen Erfahrungen.

Dauer:
Ca. 1-1,5 Stunden

Materialien:
Verschiedene Fotos oder Posters zu den Themen Abschied, Tod, Sterben der
Natur11, Kopien des Textes 2 „Der Zukunft entgegen“ (pro TN eine Kopie),


Ablauf:
1. Schritt:
Die Fotos „Abschied, Tod, Sterben der Natur usw.“ werden in der Mitte des Raumes
aufgelegt12. Jeder TN sucht sich ein Foto aus und teilt den anderen seine persönliche
Meinung zu diesem Foto mit:
     Was sehe ich auf diesem Foto/ Bild?
     Welche Gefühle verbinde ich damit?
     Was bedeutet das Abgebildete für mich? Was verbinde ich damit?


11
     es sollten mindestens doppelt so viele wie TN sein, damit sich die TN je ein Foto aussuchen
können und nicht das nehmen müssen, was übrig bleibt.
12
     entweder auf einem Tisch oder auf dem Boden

                                                                                                   33
         Wie gehe ich selbst mit Abschied, Sterben, Tod um? Was macht mir dabei
          Angst? Was kann ich loslassen?
         Wie übe ich mein eigenes Sterben im Leben ein?

2. Schritt:
Nun lesen sich die TN den Text 2 „Der Zukunft entgegen“ (siehe unten) gut durch,
vor allem die fett markierten Stellen als wichtige Aussagen. Mit Hilfe folgender
Fragen besprechen die TN den Text im Plenum:
     Wie stehe ich zu den Aussagen im Text?
     Welche Glaubensaussagen über Tod und Leben fallen mir spontan noch ein
        und sind mir wichtig?
     Wie verwirkliche ich den Glauben an Tod und Auferstehung konkret in
        meinem Leben?
     Woran können andere erkennen, dass ich an die Auferstehung glaube bzw.
        dass ich daran glaube, dass nach dem Tod nicht alles aus ist?
     Wo erlebe ich in meinem Glauben Grenzen?
     Wo und wann gelingen mir Grenzüberschreitungen?

3. Schritt:
Danach bilden die TN kleine Gruppen (je 2-3 TN finden sich zusammen) und
erzählen sich gegenseitig eine konkrete persönlich erlebte Grenzerfahrung von Tod
und Auferstehung13, die ihn sehr berührt hat, die er nie vergessen wird, die ihm
persönlich Angst macht oder die ihn getröstet bzw. die ihm positive Energie
geschenkt hat. Diese sehr persönlichen Gespräche werden nicht dokumentiert.
Jedoch können allgemeine Erkenntnisse aus diesen Kleingruppengespräche als
Ergebnisse festgehalten werden, die im anschließenden Plenum miteinander geteilt
werden.

4. Schritt:
Die TN tauschen Erfahrungen und Erkenntnisse aus den Kleingruppengesprächen
im Plenum aus.
Dann wird der Satz von Franz von Sales:
                      „Die Zeit, Gott zu suchen, ist das Leben.
                         Die Zeit, Gott zu finden, ist der Tod.
                    Die Zeit, Gott zu besitzen, ist die Ewigkeit.“
groß im Raum aufgeschrieben.
Die TN sprechen darüber, was dieser Satz bedeutet und was er speziell für sie
persönlich im Leben bedeuten könnte. In welcher Weise könnte dieser Ausspruch zu
einem Lebensmotto für die TN werden?
Zum Schluss werden die Texte 3 und 4 ausgeteilt und den TN mitgegeben. Wenn
noch Zeit bleibt, kann ein TN einen der Texte bzw. einen Ausschnitt daraus vorlesen.




13
     z.B. wenn ein(e) nahe(r) Angehörige(r) gestorben ist, wo ich selbst dabei sein durfte, wo ich selbst
in eine Grenzsituation gekommen bin, in der ich fast gestorben wäre oder wo eine vertraute Person
vom Tod ins Leben zurückgekehrt ist (z.B. durch eine wundervolle Wendung einer Krankheit oder
durch eine Heilung von psychischem Leiden usw.)

                                                                                                      34
Texte:

Text 1:

Für mich als Christ geht es nicht nur darum, dass am Sonntag eine Zeit und
Möglichkeit zum Gottesdienst gegeben ist. Für mich ist der ganze Sonntag heilig. Es
gibt heilige Bezirke, die auch die Mächtigen der Wirtschaft nicht zu betreten haben.
Der Sonntag ist für Christen der Tag der Ruhe, der Entspannung und Besinnung.
Gott selbst ist der Sonntag heilig und, weil er IHM heilig ist, darum ist er auch uns
heilig.
Der Theologe Moltmann sagt: „Ein Gott, der keinen Sonntag kennt, ist ein
heidnischer Gott.“ In Abwandlung dieses Satzes möchte ich sagen: „Ein Politiker, der
den Sonntag geschäftlichen Profitinteressen opfert, soll sich nicht mehr Christ
nennen! Herr Politiker, wenn Sie Ihre Zustimmung zum Aufsperren der Geschäfte am
Sonntag geben, dann sagen Sie damit, dass Sie nicht mehr Gott anbeten und das,
was IHM heilig ist, sondern dass sie nur mehr das Geld und eine geldgierige
Wirtschaft anbeten. Wenn Sie als Politiker nicht anders können, als ein Vasall der
Wirtschaft zu sein, dann möchte ich Sie bitten, dass Sie das dem Volk auch offen
sagen!
Ich sehe es auch als eine Aufgabe der Kirche an, die Politiker zu demaskieren und
ihnen ihre christlich-soziale Maske herunterzureißen, wenn ihre schönen Worte mir
den Taten nicht übereinstimmen. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“, heißt es
in der Bibel.
Die neoliberale Wirtschaft gebärdet sich momentan wie ein wild gewordenes
Raubtier, das in alle geheiligten Bezirke eindringen will und alles auffressen möchte.
Wir müssen vor diese geheiligten Bezirke ein Gitter bauen, um dieses Raubtier
aufzuhalten. Dieses Gitter ist die gemeinsame Solidarität der Christen und
Gewerkschafter. Jesus, hat jene, die im Tempel von Jerusalem ihre Verkaufsbuden
aufgestellt haben und Geschäfte gemacht haben, mit einer Peitsche verjagt und zu
ihnen gesagt: „Ihr habt das Haus meines Vaters zu einer Markthalle gemacht.“ Er
würde auch heute die Händler von Multiplex mitsamt den Politikern mit einer
Peitsche verjagen und zu ihnen sagen: „Ihr habt meinen Tag – den Tag Gottes, der
mir heilig ist und auch euch heilig sein soll, entweiht und vermarktet.“
Der Mensch soll am Sonntag aus der Entfremdung, die er oft in der Arbeit erfährt,
wieder zu sich selbst finden können. Wir dürfen uns als Christen von der Wirtschaft
nicht einfach ins spirituelle Abseits drängen lassen und zu Konsumsklaven und
Konsumtrotteln machen lassen.
In der Liquidierung des Sonntags wird für uns sichtbar, dass die neoliberale
Wirtschaft nicht nur eine Vergötzung des Geldes betreibt, sondern auch eine
Vergötzung der Zeit. Für mich ist diese Entweihung des Sonntags auch ein Zeichen
dafür, dass die Wirtschaft und die Politiker Gott immer mehr aus unserer Gesellschaft
verdrängen möchten und alle Tage in gewinnbringende Zeit umsetzen möchten,
denn Zeit ist Geld.
(Aus: Gegen den Strom. Politische Predigten & Reden von Franz Sieder. Hrsg. v. F. Simmer & M. Bramberger,
Betriebsseelsorge Amstetten, Amstetten 2001, S.21ff)




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Text 2:

Der Zukunft entgegen

Wir alle gehen einer absoluten Zukunft entgegen. Sie heißt: Himmel. Das „Prinzip
Hoffnung“ ist dem Christen ins Herz gebrannt.
Der Mensch von heute wird sich seiner Weltwirklichkeit immer stärker bewusst. Er
versteht sich als Spitze einer Milliarden Jahre langen Entwicklung. Unser Weltall
entwickelte sich auf das Leben hin. Hinter all dem steht Gottes unendlicher Geist.
Der Mensch ist die Vollendung und Zusammenfassung des Alls. In ihm sammelt sich
die Innerlichkeit der Welt. Er ist die Krone der Schöpfung, nach Gottes Bild
geschaffen. Der Mensch hat ein Äußeres und ein Inneres. Wir sind durch unseren
Leib an die Erde und damit auch an Raum und Zeit gebunden, triebhaft,
begrenzt und schwach. Gleichzeitig spüren wir etwas in uns, das unsere Enge und
Begrenztheit ständig sprengt. Die Philosophie hat das zu erklären versucht und
gesagt: Der Mensch besteht aus Leib und Seele. Seele, das ist die Innerlichkeit des
Menschen, wo seine Mitte ist, wo das Gewissen zuhause ist, wo er Gott begegnet,
wo er das Unendliche hineinlebt. Der Mensch ist entworfen auf die ewige
Vollendung bei Gott hin. Das Leben wurde von Gott auf den Himmel hin
geschaffen. Deshalb ist der Mensch wesentlich von seiner Vollendung, vom Himmel
her, zu verstehen. Der Materialismus reduziert den Menschen auf ein Bündel von
Trieben und Bedürfnissen. Das christliche Menschenbild sagt: Unser Leben ist eine
Entfaltung auf den Himmel hin. Thomas von Aquin meinte: Der Mensch besteht
nicht aus zwei Elementen, sondern Leib und Seele sind wesenhaft eine Einheit.
Beide sind so aufeinander bezogen, dass sie getrennt voneinander nicht
existieren können. Dieser Denkentwurf gehört zu den wichtigsten der
Geistesgeschichte. Der Mensch ist erdengebunden und zerbrechlich,
gleichzeitig lebt er auf das Unendliche hin. Er ist Leib und Seele.
(Aus: P. H. Hager SVD, Ist nach dem Tod alles aus?, in: Michaelskalender 2003. Hrsg. v. d. Steyler Missionaren, St. Gabriel
2002, S.56f)




Text 3:

Gott suchen und finden

Die Worte von Franz von Sales sind zeitlos gültig: „Die Zeit, Gott zu suchen, ist das
Leben. Die Zeit, Gott zu finden, ist der Tod. Die Zeit, Gott zu besitzen, ist die
Ewigkeit.“ Im Tod begegnet der Mensch Gott. Im Augenblick des Todes fällt alle
Erdhaftigkeit von ihm ab. Die Seele erwacht zu ihrer reinen Geistigkeit. Der Mensch
tritt in die Tiefendimension der Welt ein, in das Herz des Universums. Er sieht in
einem Augenblick das Geheimnis der Welt und seines Lebens. Er begegnet dem
auferstandenen Christus als dem letzten Geheimnis des Alls. Paulus sagt: „In
Christus wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden. Er ist der Ursprung, der
Erstgeborene der Toten.“ (Kol 1,16ff). ...
Im Tod geht der Mensch in das Herz der Welt ein. In diese wesenhafte Sphäre sind
die Menschen vor Christus hineingestorben. Und mit diesen vielen Milliarden
steigerte sich die Sehnsucht der Welt, bis sie zu einem einzigen Schrei nach
Erlösung wurde. Um alle Menschen zu erlösen, musste Christus sterben und in
diesen Weltgrund hineingehen, damit er allen Menschen gegenwärtig werden

                                                                                                                              36
konnte. In diesem Augenblick erreicht die Entwicklung der Jahrmilliarden ihr Ziel.
Unsere Welt ist heilig geworden. In allem lebt Christus. Ziel der ganzen Entwicklung
ist die Auferstehung.
(Aus: P. H. Hager SVD, Ist nach dem Tod alles aus?, in: Michaelskalender 2003. Hrsg. v. d. Steyler Missionaren, St. Gabriel
2002, S.57f)




Text 4:

Der auferstandene Mensch

Was ist der auferstandene Mensch? Er ist der Ausdruck der vollkommen mit Gott
verbundenen Welt. Es gibt kein Leid mehr. Gott wischt alle Tränen ab (Off 21,4).
Freisein von Leid ist die Kehrseite eines unendlichen Beschenktwerdens von Gott.
Gottes Liebe durchdringt unser ganzes Sein. Die Grenzen von Raum und Zeit gibt es
nicht mehr. Der Mensch wird dort existieren, wohin ihn seine Sehnsucht und sein
Glück ziehen. Es gibt keine Beengung mehr. Alles Geistige wird in das Sinnenhafte
hinübergehen und umgekehrt. Wir werden Gott hören, schmecken, berühren. Unser
Leben wird ganz Geist sein, trotzdem aber das Süße und Beglückende enthalten,
was uns schon auf Erden geschenkt war. Seien wir ehrlich? Wer von uns möchte in
Ewigkeit auf das verzichten, was der Anblick einer Blume, die Umarmung eines
geliebten Menschen, das Hören einer vertrauten Stimme bedeutet? Die Botschaft
von der Auferstehung ist das Menschlichste und Großartigste, was das Christentum
der Menschheit je gesagt hat. Auf dieses Leben hin wurde die Welt geschaffen. Der
eigentliche Mensch entsteht in der Auferstehung.
(Aus: P. H. Hager SVD, Ist nach dem Tod alles aus?, in: Michaelskalender 2003. Hrsg. v. d. Steyler Missionaren, St. Gabriel
2002, S.58)




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                      3. Männlichkeit erkennen

                  3.1. Männer erfahren ihre Grenzen


Baustein 1:               Welche Grenzen prägen mich?
Was heißt es für mich als Bub/Mann geboren zu sein? In welcher Weise wuchs ich als Bub/Mann in
meiner Familie auf? Wurde ich meinen Geschwistern gegenüber bevorzugt? Welche Umstände
spielten in meiner Erziehung noch eine Rolle (z.B. bin ich der Erstgeborene, der welcher den Hof
übernimmt, der welcher das elterliche Unternehmen übernehmen musste,...)? War das eine Belastung
oder ein Privileg?
In welcher Weise erziehe ich meine eigenen Kinder? Welche Fehler, die meine Eltern an mir gemacht
haben, konnte ich bei der Erziehung meiner Kinder vermeiden? Welche habe ich übernommen?


Ziel:
Die Teilnehmer (TN) setzen sich mit sich selbst und mit ihren Grenzen auseinander
und analysieren, wodurch diese Grenzen entstanden sind und wie sie annehmbar
sind/waren oder wo sie verändert/ geöffnet wurden.

Dauer:
Ca. 1-1,5 Stunden

Materialien:
Kopien des Textes 1 (pro TN eine Kopie), Papier, Stifte, Flipchartpapier (für die
Tabelle)


Ablauf:

1. Schritt:
Jeder TN erhält eine Kopie des Textes 1,den er sich langsam und aufmerksam
durchliest14. Anhand der folgenden Sätze aus dem Text
                „Jenseits alter Vorstellungen vom Selbst, so als
            befänden wir uns zwischen zwei Inkarnationen, entdecken
             wir uns selbst als den reinen Lebensfunken, der noch
             keine Form angenommen hat – der noch nicht männlich
             oder weiblich, reich oder arm, verwundet oder geheilt ist,
            der noch nicht den Trennungen des Geistes unterliegt. Es
              ist einfach unser wirkliches Herz, unser universales
                 Sein. Bereit, zu lieben und geliebt zu werden, von
             Augenblick zu Augenblick für die unbeschreibliche Reise
                       des Geistes zum Geist neu geboren.“

14
     Es ist ein anspruchsvoller Text, der ruhig mehrmals durchgelesen und meditiert werden sollte

                                                                                                    38
versuchen die TN, in ihre Inneres, in ihr Herz zu hören:
    Wer bin ich wirklich?
    Wie sieht mein Innerstes, mein Herz aus?
    Wo entdecke ich den alten Menschen in mir, mit immer wieder kehrenden
       Verhaltensmustern usw.?
    Wo entdecke ich einen neuen Menschen in mir, wo Grenzen und
       Alteingefahrenes durchbrochen werden kann?
    Wo spüre ich Grenzen?
    Wo öffnen sich Grenzen?
    Wann kann ich lieben?
    Wann werde ich geliebt?
Die TN schreiben sich Notizen zu diesen Fragen auf und finden sich anschließend in
Kleingruppen (ca. 3-4 Personen) zusammen.

2. Schritt:
In der Kleingruppe werden die sehr persönlichen Notizen ausgetauscht und es sollte
vorher klar gestellt werden, dass dieses Gespräch unter den TN bleibt und
vertraulich behandelt wird. Aber den TN sollte auch klar werden, dass es einfach mal
gut tut, sich darüber in einem solchen Rahmen austauschen zu dürfen.

3. Schritt:
Zum Schluss des Gesprächs in der Kleingruppe überlegt sich jeder TN, welche
Grenze in seinem Leben er gerne überspringen würde und auch wie so etwas
möglich wäre. Dies schreibt er sich als Vorsatz auf ein Kärtchen und nimmt sich
dieses Kärtchen zur Erinnerung mit nach Hause15.

4. Schritt:
Die TN kommen im Plenum wieder zusammen und können kurz berichten, wie es
ihnen ergangen ist, beim Finden von eigenen Grenzen16.

5. Schritt:
Nun überlegen die TN, wie sich die eigenen Grenzen auf unser Umfeld auswirkt, z.B.
wie prägen meine Grenzen den Umgang mit meiner Frau, den Umgang mit meinen
Kindern, den Umgang mit der Schöpfung, den Umgang mit meinen
ArbeitskollegInnen, den Umgang mit Gott? In welcher Art und Weise drückt sich dies
aus? Jeder TN erzählt ein Beispiel aus seinem eigenen Leben.

6. Schritt:
Abschließend analysieren die TN mit Hilfe folgender Tabelle gemeinsam, wo und
wodurch sich eine Begrenztheit aufgrund des reduzierten Maßstabs auf die
Männlichkeit im Leben und in der Welt zeigt und suchen eine mögliche
Durchbrechung dieser Begrenztheit:




15
     Es kann auch eine „verschlüsselte Botschaft“ aufgeschrieben werden, die sich der TN zu Hause
aufhängen kann, ohne dass andere von seinem Vorsatz erfahren
16
     Dies sollte unbedingt freigestellt werden, denn nicht alle TN wollen möglicherweise darüber
berichten.

                                                                                              39
Begrenztheit auf Grund von        Warum ist das so? Wie              Wie und wodurch muss/ kann
Männlichkeit:                     erleben wir das?                   dies verändert werden?




7. Schritt:
Mit einem gemeinsamen Gebet, das frei formuliert wird, wird die Männerrunde
abgeschlossen.




Baustein 2:             Mit meinen Grenzen umgehen lernen
Jemand will was von mir. Ich kann nie nein sagen. Warum nicht? Wie gehe ich mit meinen Grenzen
um? Was ist mir wichtig? Was akzeptiere ich als Grenze. Wann kann ich zu mir selbst ehrlich bleiben,
wann lasse ich mich von anderen überreden und bin dabei unzufrieden?
Aber es wird auch vieles von mir erwartet, das ich nur teilweise erfüllen kann/ will. Was erwarten die
anderen von mir? Warum haben die anderen diese Erwartungshaltung, die ich dann oft gar nicht
erfüllen kann, an mich? Welches Bild der Erwartung gebe ich selbst den anderen?
Was muss ich an mir selbst ändern, dass sich die anderen weniger von mir erwarten und ich diese
wenigen Erwartungen erfüllen kann?


Ziel:
Die Teilnehmer (TN) setzen sich mit der Situation auseinander, dass oft zu vieles von
einem erwartet wird und dies nicht erfüllt werden kann. Dabei analysieren die TN die
Hintergründe warum das so ist und suchen nach Möglichkeiten wie dies geändert
werden kann.

Dauer:
Ca. 1 Stunde

Materialien:
Kopien der Texte 1 „Nein sagen lernen“ und 2 „Packesel“ (pro TN jeweils eine
Kopie), Flipchartpapier, Stifte


Ablauf:
1. Schritt:
Die TN lesen sich – jeder für sich – zunächst den Text 1 „Nein sagen lernen“ (siehe
unten) durch und lassen diesen auf sich wirken.
Tatsache: Oft lassen wir selbst diese Erwartungshaltung bei anderen entstehen (z.B.
Ich mach das schon! Natürlich kann ich das! Das mach ich dir doch gerne! Nein ich
brauche eh keine Hilfe,...) manchmal aber brauchen andere so engagierte oder
hilfsbereite Menschen (wie wir es oft sind), die dann aber auch sehr oft ausgenutzt


                                                                                                    40
werden. Darüber sollen sich die TN austauschen, möglichst auch mit eigenen
Erfahrungen und Beispielen.

2. Schritt:
Nun setzen je zwei TN zusammen, erhalten ein Flipchartpapier und Stifte und
versuchen nun gemeinsam die Ursachen dafür zu analysieren:
     Welches sind häufige Situationen, wo uns andere um Hilfe bitten?
     In welchen Situationen fühlen wir uns von anderen in Grenzsituationen
      gebracht bzw. ausgenutzt?
     Wann helfen wir gerne, wann stört es uns und warum?
     Wann gelingt uns das Nein sagen und wann nicht? Warum ist das so?
     Welche Gefühle erleben wir dabei:
      - wenn ich nicht nein sagen konnte?
      - wenn ich doch nein sagen konnte?
Die TN halten die Ergebnisse auf Flipchartpapier fest und bringen diese ins Plenum
mit.

3. Schritt:
Im Plenum tauschen die TN ihre Ergebnisse aus den Zweiergesprächen mit Hilfe der
angefertigten Flipchartpapiere aus und kommen ins Gespräch.

4. Schritt:
Auf einem großen Bogen Packpapier wird nun ein Esel gezeichnet, ein sog.
Packesel. Jeder TN versucht nun ein „Paket“ auf den Esel draufzulegen (in Form von
Zeichnen), das für ihn persönlich eine schwere Last oder Belastung darstellt17. Wenn
alle mit dem Zeichnen der Pakete fertig sind, erläutern die TN, warum das für sie
eine so große Belastung ist.18

5. Schritt:
Die TN bekommen nun den Text „Packesel“ (siehe unten) und lesen sich diesen
aufmerksam durch.
Abschließend tauschen sich die TN vor allem bzgl. dieser Kernfrage:
             Geht es uns wirklich darum, dem Menschen mit
             allem, was ihn bedrückt, zu helfen?
             Hat der einzelne Mensch bei uns Vorrang?
             Ist uns der Mensch wichtiger als betriebliche
             Regelungen und Vorschriften, Arbeitsprogramme,
             Imagepflege und politische Rücksichtnahme?
aus und überlegen gemeinsam, was für sie selbst als Gruppe am Wichtigsten ist.
Dies wiederum kann der Beginn einer Auseinandersetzung für eine mögliche
Neuorientierung als Männerrunde innerhalb der Pfarre sein, wo die Ziele, das
Selbstverständnis, die Aufgaben usw. der Männerrunde neu betrachtet werden
können.




17
   z.B. keine Zeit mehr für die Familie, weil das Engagement in der Kirche immer mehr wird, keine Zeit
für sich selbst, weil alle immer etwas von mir wollen, zu wenig Geld, weil der Job so schlecht bezahlt
ist,...
18
   Es sollte unbedingt vorher in der Gruppe vereinbart werden, dass diese Gespräche vertraulich
behandelt und nicht nach außen getragen werden.

                                                                                                   41
Baustein 3:           Opfer als Täter
Sich nicht abgrenzen können, sich als Opfer fühlen und dabei zum Täter werden.
Jeder erfährt in seinem Leben, dass in der Erziehung Fehler gemacht wurden, die einem selbst zum
Opfer machen. Grenzen wurden und werden oft zu eng gezogen, dass sie einem fast
erdrücken/erdrückt haben. Gelingt es mir, aus dieser Enge herauszukommen und diese einengende
Grenze zum Positiven zu wenden oder werde ich als dieses Opfer selbst zum Täter und gebe dieses
Eingegrenztsein an meine Nächsten weiter?


Ziel:
Die Teilnehmer (TN) setzen sich mit den Grenzen der eigenen Kindheit und deren
Auswirkungen auf ihr Leben jetzt als Erwachsene auseinander.

Dauer:
Ca. 1 Stunde

Materialien:
Kopien des Textes 4 (siehe unten; pro TN eine Kopie),Flipchartpapier, Stifte


Ablauf:
1. Schritt:
Jeder TN sucht nach Ausreden, die ihn auf seinem Lebensweg begleiten oder die
erschon von anderen Personen gehört hat: z.B. diesen Fehler hat schon mein Vater
gemacht und ich bin halt sein Sohn, ich kann nicht anders; meine Eltern haben mich
geschlagen, also schlage ich meine Kinder ebenso – mir hat es auch nicht
geschadet; meine Mutter/ Vater war so, also muss ich halt auch so sein;...
Diese werden auf einem Flipchartpapier gesammelt (siehe Tabelle unten)

2. Schritt:
Nun analysieren die TN an Hand folgender Fragen den Umgang mit ihren eigenen
Grenzen, die in der Kindheit gelegt bzw. zementiert wurden und mit denen sie jetzt
irgendwie umgehen müssen:
     Welche Grenzen wurden mir in meiner Kindheit gesetzt und sind auch jetzt
       noch eine große Belastung für mich?
     Welche Grenzen konnte ich verstehen und annehmen?
     Welche Grenzen wurden mir zur Qual und machten mich zu einem Opfer?
     Welche Grenzen setze ich bei meinen eigenen Kindern?
     Welche Grenzen sind hilfreich in der Erziehung, welche erdrückend?
     Wie gehe ich damit heute um?
In Stichworten werden die Fakten in der unten stehenden Tabelle festgehalten.

3. Schritt:
Die TN überlegen gemeinsam, welche Möglichkeiten und Wege einer positiven
Veränderung es gibt, wie ich Zivilcourage zeigen oder Nein sagen kann, obwohl mir
das in der Kindheit niemals gezeigt oder vorgelebt wurde, wie ich anders handeln
kann und darf, weil ich ein eigener Mensch bin mit einer eigenen Meinung, mit


                                                                                               42
eigenen Bedürfnissen und nicht nur ein von Verhaltensmustern oder ein
ausschließlich von der Erziehung geprägter Mensch.

4. Schritt:
Abschließend wird miteinander der Text 4 ( siehe unten) gelesen.



Tabelle (Flipchartpapier):

„Ausreden“, warum ich so bin               Grenzen der Kindheit                       Wege und Möglichkeiten der
                                                                                      Überschreitung dieser
                                                                                      Grenzen bzw. einer positiven
                                                                                      Wende




Texte:

Text 1:

Unsere Aufgabe ist es, präsent zu bleiben, offen für das Universum und verletzbar
für die Wahrheit. Wenn wir vollkommen präsent sind und den konditionierten Geist
studieren, dann wird der, der wir nicht sind, von dem erkannt, der wir tatsächlich sind.
Jenseits alter Vorstellungen vom Selbst, so als befänden wir uns zwischen zwei
Inkarnationen, entdecken wir uns selbst als den reinen Lebensfunken, der noch
keine Form angenommen hat – der noch nicht männlich oder weiblich, reich oder
arm, verwundet oder geheilt ist, der noch nicht den Trennungen des Geistes
unterliegt. Es ist einfach unser wirkliches Herz, unser universales Sein. Bereit,
zu lieben und geliebt zu werden, von Augenblick zu Augenblick für die
unbeschreibliche Reise des Geistes zum Geist neu geboren.
Wenn wir diese tieferen Ebenen des Bewusstseins, die wir als „Herz“ bezeichnen, mit
anderen teilen, entdecken wir hinter unserem konditionierten Selbstbild, wer wir
tatsächlich sind. Alles, was uns in der Isolation festhält, wird im gemeinsamen
Herzen unserer Heilung erfahren. Der eigentliche Akt dieser Befreiung von unserem
Leid im heilenden Raum der Beziehung ist ein Akt der gemeinsamen Bindung and
die „Heilung, für die wir Geburt annahmen“.
(Aus: S. u. O. Levine, In Liebe umarmen. Der spirituelle Wegweiser für Liebende, Context Verlag, Bielefeld 1995, S. 36f)




                                                                                                                           43
Text 2:

NEIN sagen lernen

So ist denn auch der Satz „Ich konnte einfach nicht NEIN sagen“ wohl eine Aussage,
die jeder erwachsene Mensch schon gemacht hat. Ein Freund erzählt, dass er am
Wochenende seine Wohnung streichen will, und fragt beiläufig, ob wir ihm nicht
helfen könnten. Eigentlich wäre eine Wanderung angesagt gewesen, doch wer kann
in einer solchen Situation schon ablehnen? Schließlich wollen wir nicht unhöflich
sein, den Freund nicht brüskieren. Wenn das hin und wieder vorkommt, ist das auch
normal. Viele Leute aber können sich generell nicht oder zu wenig abgrenzen und
geraten so immer wieder in Situationen, die sie eigentlich gar nicht wollen. In
extremen Fällen akzeptieren sie Gewalt (z.B. in der Ehe), sexuelle Ausbeutung,
Machtmissbrauch, Freiheitsberaubung oder Ähnliches über längere Zeit hinweg ohne
sich zu wehren. Das „Warum“ ist für Außenstehende nicht nachvollziehbar.
Ausschlaggebend für dieses destruktive Verhalten ist in jedem Fall ein geringes
Selbstwertgefühl und Angst.
(Aus: R. Bugmann, Die Kunst des Nein-Sagens, in: Michaelskalender 2003. Hrsg. v. d. Steyler Missionaren, St. Gabriel 2002,
S.45f)




Text 3:

Packesel

Vielleicht haben manche das Gefühl: Der Packesel, dem vieles aufgeladen wird, bin
ich. Termine, Gespräche, Verpflichtungen, das Anhören der Menschen, ihre
Probleme und Sorgen und die Anforderungen des Berufes können oft zur großen
Last, Be-lastungen werden.
Andererseits verschafft es auch eine inner Befriedigung, wenn wir durch unseren
Einsatz mithelfen können, dass doch manche von der Last ihrer Probleme, ihrer
Einsamkeit, ihrer Ausweglosigkeit befreit werden. Und es ist schon viel, wenn
Menschen zumindest spüren: Hier ist jemand, der meine Last mitträgt, der mir hilft,
mit meiner Bürde besser zurechtzukommen oder noch besser: sie loszuwerden.
Damit liegen wir auf der Linie Jesu, der sich selbst be-lasten ließ von den „Kreuzen“
dieser Welt.
Ihm ging es darum, dass Menschen frei werden von der Last der Vergangenheit, der
Schuld, der Angst und der Hoffnungslosigkeit. „Steh auf!“ oder „Richte dich auf!“, das
waren wirksame Zu-sagen von ihm. In der Begegnung mit Jesus wuchs vielen von
diesen Menschen heilende Kraft zu. Durch Jesus erfuhren leidende Menschen Er-
lösung, seelisch und körperlich.
Es sollte deshalb eine dauernde Kernfrage für alle in der Kirche aktiv Mitarbeitende
bleiben: Geht es uns wirklich darum, dem Menschen mit allem, was ihn
bedrückt, zu helfen? Hat der einzelne Mensch bei uns Vorrang? Ist uns der
Mensch wichtiger als betriebliche Regelungen und Vorschriften,
Arbeitsprogramme, Imagepflege und politische Rücksichtnahme?

(Aus: E. Simma, Hätte aber die Liebe nicht. Gedanken, Impulse, Geschichten für sozial Engagierte und die
Caritas-Arbeit heute, Otto Müller Verlag, Salzburg-Wien 2001, S.31)




                                                                                                                         44
Text 4:

Bequeme Lebenseinstellung

Wenn wir uns nicht abgrenzen und in eine Situation schlittern, die zwar andere, nicht
aber wir selber wollen, geben wir Verantwortung ab. Der/ die andere ist schuld, dass
dies oder jenes geschieht. Das ist viel einfacher als die Konsequenzen für das
eigene Verhalten zu tragen oder Ablehnung nach einem klaren Nein zu spüren.
Die anderen mögen uns und unser ewiges Ja. Wir sind Märtyrer, selbstlose
Menschen. Wir gehen Konflikten aus dem Weg und vermeiden so auch
Schuldgefühle. Damit erlangen wir die Anerkennung, nach der wir schon als
Kleinkind strebten. Eigentlich ist das eine sehr bequeme Lebenseinstellung. Aber ist
sie wirklich auf die Dauer befriedigend? Verleugnen wir mit diesem „angepassten“
Verhalten nicht einen Teil unserer Persönlichkeit?
Ein gesundes Selbstvertrauen, ein klares Nein in gewissen Situationen ist heute
wichtiger denn je. Die Grundlagen dazu werden in der Kindererziehung gelegt oder
zerstört. Wir müssen die Kinder in ihrem Selbstvertrauen bestärken, ihnen die
notwendigen Grenzen setzen ohne sie einzuengen. Wurde dem Kind das
Selbstbewusstsein nicht genommen, wird es auch als Erwachsener wenig Mühe
haben, sich dort abzugrenzen, wo es wichtig ist.
(Aus: R. Bugmann, Die Kunst des Nein-Sagens, in: Michaelskalender 2003. Hrsg. v. d. Steyler Missionaren, St. Gabriel 2002,
S.46f)




                                                                                                                         45
        3.2. Umgang mit Sinnlosigkeit, Alter und
               anderen Grenzerfahrungen


Baustein 1:            Arbeitslos und abgeschoben?
Kein Wirtschaftswachstum in Sicht. Konjunkturflaute wie schon lange nicht mehr. Die höchsten
Arbeitslosenzahlen in Österreich seit vielen Jahren und und und.
Täglich sind solche oder ähnliche Schlagzeilen in den Medien zu lesen oder zu hören.
Wie aber geht es dem einzelnen damit? Als direkter Betroffener, als Angehöriger von Arbeitslosen
oder als Freund und Bekannter damit konfrontiert.
In vielen Fällen ist die Situation sehr bitter, manchmal sogar dramatisch. Andere wiederum haben die
Kraft dazu, dies als Chance einer Neuorientierung und Lebensumgestaltung anzunehmen und
brechen auf zu neuen Ufern.
Wie geht es uns selbst damit?


Ziel:
Die Teilnehmer (TN) tauschen eigene Erfahrungen oder Erfahrungen, die sie von
anderen gehört haben, bzgl. Arbeitslosigkeit aus.

Dauer:
Ca. 1 Stunde

Materialien:
Plakat mit dem Satz „Auf die Plätze, fertig, Arbeit(s)los“ (im Raum aufhängen oder
auflegen), großes Papier, Stifte, CD-Player und meditative Musik (CDs), Kopien der
Texte 1 und 2 (pro TN eine Kopie)


Ablauf:
1. Schritt:
„Auf die Plätze, fertig, Arbeit(s)los“. Dieser Satz wird groß aufgeschrieben und im
Raum gut sichtbar aufgehängt. Spontan sagen die TN, was ihnen dazu einfällt.

2. Schritt:
Danach folgt ein stummer Dialog: Auf ein großes Blatt Papier schreiben die TN in
Stichworten ihre eigenen Erfahrungen, Gefühle oder Gedanken. Aber auch
Kommentare können dazugeschrieben werden. Im Hintergrund kann leise Musik
gespielt werden, damit sich die TN besser konzentrieren können.

3. Schritt:
In einem gemeinsamen Gespräch werden Gedanken, Gefühle, Erfahrungen mit
Arbeitslosigkeit vertiefend weitergeführt. Besonders werden auch Erfahrungen der
TN ausgetauscht, wie die Öffentlichkeit mit dem Thema Arbeitslosigkeit umgehen:
     Wie sehen mich die anderen/ haben mich die anderen während einer
       Arbeitslosigkeit gesehen?


                                                                                                  46
         Traue ich mir ein Outing zu oder versuche ich es so lange als möglich vor der
          Öffentlichkeit zu verbergen?
         Wo und warum verberge ich es vor anderen?
         Wie wurde/ werde ich von den anderen behandelt?
         Wie gehe ich selbst mit Menschen um, wenn ich erfahre, dass sie arbeitslos
          (geworden) sind?
         Wo und wie verlaufen die Grenzen in der Gesellschaft zwischen Menschen,
          die Arbeit haben und Menschen, die arbeitslos sind?

4. Schritt:
Jeder TN versucht, ein paar freie Gedanken, ein Gebet oder ein Gedicht zum Thema
Arbeitslosigkeit zu Papier zu bringen. Diese tauschen die TN abschließend aus und
dann werden sie öffentlich gemacht und in der Pfarre ausgehängt19, sozusagen als
Mutmachgedichte, -gebete und als Einladung, dass sich Menschen über
Arbeitslosigkeit austauschen sollen. Dazu können auch noch Kopien der Texte 1 und
2 (siehe unten) gehängt werden. Die TN sollten diese beiden Texte auch zum Mit
nach Hause Nehmen bekommen.




Baustein 2:              Ich kann nicht mehr! Es ist alles sinnlos!
Wer von uns hat nicht schon einmal Sätze wie diese gehört: Ich kann nicht mehr, mir wird alles zu viel,
ich mag nicht mehr leben, es ist eh alles sinnlos, wofür lebe ich eigentlich noch, am liebsten möchte
ich sterben,... Wie ernst nehmen wir solche Sätze? Nehmen wir sie als Ausdruck einer schweren
Depression oder sogar als Ankündigung für einen möglichen Selbstmord wahr? Wie gehen wir damit
um? Was tun wir dagegen?
Und wenn es unsere eigenen Angehörigen, Liebsten sind, wie gehen wir dann damit um?


Ziel:
Die Teilnehmer (TN) setzen sich mit dem Phänomen Selbstmord auseinander und
lernen mögliche Handlungsansätze kennen.

Dauer:
Ca. 1 Stunde

Materialien:
Kopien des Textes 3 „Lebensmüde“ (siehe unten; pro TN eine Kopie), Kopien der
Tabelle „Fünf Schritte der Krisenhilfe“ (siehe unten; pro TN eine Kopie)


Ablauf:
1. Schritt:
Die TN lesen sich den Text 3 (in Kopie) aufmerksam durch und erzählen sich dann
gegenseitig, ob und wie sie schon einmal mit Selbstmord bzw. lebensmüden


19
     Z.B. im Schaukasten oder beim Kircheneingang

                                                                                                    47
Menschen konfrontiert waren, z.B. in der eigenen Familie, in der Verwandtschaft, im
Freundes- und Bekanntenkreis, an der Arbeitsstelle.

2. Schritt:
Mit Hilfe folgender Fragen analysieren die TN:
     Was ist geschehen? Waren es „nur“ mündliche Andeutungen oder ein
        konkreter Versuch, der „geglückt“ oder missglückt ist?
     In welcher Weise wurde es verhindert bzw. hätte es verhindert werden
        können?
     Wie habe ich mich dabei gefühlt?
     Wie drückte sich meine eigene Ohnmacht, das Nicht Wahrhaben Wollen usw.
        aus?
     Wie wurde diese Person anschließend betreut?
     Was konnte ich danach tun?

3. Schritt:
Die TN bekommen nun die „Fünf Schritte der Krisenhilfe“, die sie sich gut durchlesen.
Anschließend teilen sie sich in 5 Kleingruppen (auch wenn es nur zwei Personen pro
Gruppe sind) und für je einen Schritt sucht je eine Klein- oder Zweiergruppe
konkrete Handlungsbeispiele, die sie in die rechte Spalte dazuschreibt, z.B. wie
könnte ein einfühlendes Zuhören oder der Abbau von Angst und Verwirrung konkret
ausschauen.

Tabelle: „Fünf Schritte der Krisenhilfe“ (Kopiervorlage)

Emotional entlasten:             Einfühlendes Zuhören          
                                 Abbau von Angst und
                                  Verwirrung
                                 Aufbau von Vertrauen und
                                  einer tragfähigen Beziehung
                                 Raum für die Äußerung von
                                  Gefühlen schaffen
Erfassen der Lage, des           Zusammenfassen und            
Problemkerns:                     Ordnen der belastenden
                                  Faktoren
                                 Äußern von Wünschen nach
                                  Veränderung (Nahziele)
Suche nach Lösungswegen:         Vom Betroffenen               
                                  vorgeschlagene Ideen und
                                  Lösungsmöglichkeiten stehen
                                  im Mittelpunkt
                                 Hilfsangebote sollten
                                  möglichst konkret sein
Lösung auf Durchführbarkeit      Kleine mögliche Schritte      
prüfen:                           planen
                                 Teilerfolge anstreben
                                 Überforderung vermeiden
Begleitung bei der               Stützung der                  
Durchführung:                     Eigenverantwortlichkeit und
                                  der aufkeimenden Autonomie

                                                                                  48
                                        (Aggressivität ist ein Zeichen
                                        von vorhandener Stärke!)
                                       Einbeziehen des sozialen
                                        Netzes
                                       Bei Misserfolgen nach der
                                        Ursache forschen und Abhilfe
                                        schaffen

4. Schritt:
Abschließend werden die Ergebnisse im Plenum zusammengetragen und
ausgetauscht.




Baustein 3:              Es war einmal ... ein weiser alter Mann
Alt – nur mehr interessant als zahlungskräftiger Konsument, als Urlaubs- oder Kurgast, als
„Versuchskaninchen“ bei Medikamenten oder neuen Operationsmethoden.
Die Fülle des Wissens und der Weisheit, die alte Menschen in sich bergen, wird sehr oft außer Acht
gelassen. Und dennoch ist dies ein Reichtum von unschätzbarem Wert, der gehoben und wieder in
den Mittelpunkt gerückt werden müsste.
Welche Erfahrungen machen wir mit alten Menschen und ihrer Weisheit?


Ziel:
Die Teilnehmer (TN) setzen sich mit dem Alter als Grenzerfahrung im Leben
auseinander und wie damit in unserer Gesellschaft umgegangen wird.

Dauer:
Ca. 1 Stunden

Materialien:
Eine schillernde Kugel, gute schwungvolle Musik20, CD-Player, Kopien des Textes 6
(siehe unten, Pro TN eine Kopie)


Ablauf:

1. Schritt:
Eine schöne glänzende Kugel wird mitgebracht. Diese wird unter den TN gegenseitig
zugeworfen. Dabei sagt jeder TN spontan, was ihm für die Kugel alles einfällt, z.B.
Glück, Friede, Freiheit, Gesundheit, Schönheit, Vielfalt, usw. Dazu wird rhythmische
Musik gespielt21.

2. Schritt:
Die TN nehmen wieder Platz und erhalten Kopien des Textes 6 (siehe unten; pro TN
eine Kopie), den sie sich gut durchlesen.

20
     Z.B. aus Kuba (Buena Vista Social Club) oder Brasilien oder einem anderen Land
21
     Z.B. Tänze aus Brasilien, kubanische Musik usw.

                                                                                                     49
3. Schritt:
Jeder TN erzählt den anderen, wie er dieses „Gleichnis“ versteht, was es für ihn
bedeuten könnte und wie er es interpretieren würde.

4. Schritt:
In einem gemeinsamen Gespräch erläutern die TN folgende Fragen:
     Wie geht die Gesellschaft hier bei uns mit dem Alter bzw. mit alten Menschen
       um?
     Welches Bild über alte Menschen vermittelt uns die Werbung?
     Welche Erfahrungen haben wir bereits mit der Arbeitswelt gemacht, wenn ich
       schon sehr viel gelernt habe, gut ausgebildet aber jetzt eben zu alt bin?
     Wie geht es mir persönlich damit?
     Gibt es Gesellschaften, in denen es anders ist? Kenne ich solche?

5. Schritt:
Abschließend wird der Text 5 über die Sanduhr und das Herz vorgelesen.




Texte:

Text 1:

Umverteilung von Arbeit und Einkommen
(Teil 1)
Arbeitslos zu sein heißt für den Menschen mehr, als dass er nur weniger Geld
bekommt. Arbeit und einen Beruf zu haben hängt auch mit der Sinnfrage des
menschlichen Lebens zusammen.
Der international anerkannte Sozialpsychologe Adam Schaff sagt: „Wenn die Zahl
der Menschen ohne Arbeit immer größer wird, dann entsteht eine pathologische
Gesellschaft.“ Die Lösung kann daher auch nicht nur darin liegen, dass den
Arbeitslosen ein Grundlohn ausbezahlt wird, d.h., dass der Staat ihnen so viel Geld
gibt, wie sie zu einem halbwegs menschenwürdigen Leben brauchen. Die Arbeit ist
mehr als nur der Geldwert. Das Recht auf Arbeit gehört zu den grundlegenden
Menschenrechten und ist auch in der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen
verankert. Die Zahl der Arbeitslosigkeit steigt zur Zeit sowohl in Österreich als auch
in der EU insgesamt. Um die Arbeitslosigkeit in unserem Wirtschaftssystem gänzlich
zu Beseitigen, müsste die Wirtschaft jährlich um 7% wachsen. Das ist aber weder
realistisch noch sinnvoll. Denn das ständige Wirtschaftswachstum führt zu einer noch
größeren ökologischen Belastung und gibt letztlich den kommenden Generationen
keine Lebenschancen. Es wäre wie ein Turmbau zu Babel, der einmal
zusammenbrechen muss. Es ist auch gar nicht sinnvoll, Arbeitsplätze zu schaffen,
wenn es für diese Arbeit gar keine Bedürfnisse der Menschen gibt. Arbeit hat nur
Sinn die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen und Arbeit um der Arbeit willen ist
Unsinn.
Wenn keine Bedürfnisse da sind, dann brauchen nicht künstliche Bedürfnisse
geschaffen werden, nur um die Wirtschaft damit anzukurbeln. Es ist sinnlos, alle paar


                                                                                   50
Jahre die Mode zu wechseln, damit die Leute ihre noch guten Kleidungsstücke
wegwerfen und wieder neue kaufen, nur um modern gekleidet zu sein.

Haben wir als Christen eine Antwort auf diese schwierige Situation, in der wir uns
befinden?
Gibt es überhaupt eine Lösung auf Dauer?
Was sagt dazu unser Glaube?
(Nach: Gegen den Strom. Politische Predigten & Reden von Franz Sieder. Hrsg. v. F. Simmer & M. Bramberger,
Betriebsseelsorge Amstetten, Amstetten 2001, S.89f)




Text 2:

Umverteilung von Arbeit und Einkommen
(Teil 2)
Das Lösungswort des Evangeliums in dieser Situation heißt „Teilen“. Im Bericht von
der wunderbaren Brotvermehrung (Mt 14, 13-21; Mk 6, 35-44; Lk 9, 10-17) hat Jesus
auf wunderbare Weise mehr als fünftausend Menschen gespeist. Er hätte das
Wunder sicher auch so wirken können, dass er einfach Manna vom Himmel fallen
lässt, um die hungrigen Menschen damit zu ernähren. Er hat es aber nicht getan.
Jesus hat zuerst gefragt: „Wie viele Brote habt ihr?“ Und als sie bereit waren, die
vorhandenen fünf Brote und zwei Fische mit denen zu teilen, die nichts hatten – erst
dann war Jesus bereit, das Wunder der Brotvermehrung zu wirken. Wir können das
Wunder der Brotvermehrung auch auf die Menschen übertragen, die keine Arbeit
haben. Jesus hat Erbarmen mit diesen Millionen von arbeitslosen Menschen. Wenn
wir ihn bitten und dafür beten, dass alle Menschen Arbeit bekommen, dann würde er
auch uns zuerst fragen: „Wie viel Arbeit ist vorhanden?“ Erst wenn wir bereit sind, die
vorhandene Arbeit auf alle aufzuteilen, erst dann ist auch Jesus bereit, das Wunder
der Arbeitsvermehrung zu wirken. Die Arbeitszeitverkürzung, das Teilend er Arbeit,
ist daher nicht nur eine Forderung der Gewerkschaft – es ist auch eine Forderung
Gottes! Gott will, dass die Ungerechtigkeiten abgebaut werden und dass jeder
Mensch auf dieser Erde in Würde leben kann.
(Nach: Gegen den Strom. Politische Predigten & Reden von Franz Sieder. Hrsg. v. F. Simmer & M. Bramberger,
Betriebsseelsorge Amstetten, Amstetten 2001, S.90f)




Text 3:

Lebensmüde

Anders als die Tiere haben wir Menschen die Fähigkeit, um das Leben selbst in die
Hand zu nehmen. Trotz des Lebenswillens, der in jedem von uns steckt, sehen
manche keinen anderen Ausweg für ihre Situation als den Tod.
Selbsttötung ist selten ein spontaner Entschluss. Gewöhnlich „senden“ Betroffene
Warnzeichen. Deshalb sind Andeutungen, das Leben habe keinen Sinn mehr, es
gäbe keinen Ausweg mehr, oder direkter, dass jemand sagt, er wolle sich umbringen,
auf jeden Fall ernst zu nehmen. Sie sind ein Hilferuf, hinter dem eine Not steht. Eine
nicht geringe Zahl schwer depressiver Menschen versucht, sich das Leben zu
nehmen – und hin und wieder gelingt es.
In der Regel ist auf folgende Anzeichen zu achten:


                                                                                                             51
        Einengung des Bewusstseins und des Blickwinkels, jedwedes Interesse geht
         verloren, „Mir ist alles egal!“
        Lebenswichtige Kontakte kommen nicht mehr zustande oder gehen verloren;
        Hineinsteigern in Isolierung, Einsamkeit, Sinnlosigkeit;
        Sich Hineinwühlen in starke, ohnmächtige Aggressionen gegen andere,
         resignierende und vorwurfsvolle Einstellung;
        Flucht in Fantasiewelt
...
Wenn sich jemand das Leben genommen hat, hat das Konsequenzen für die
Nahestehenden, oft sind Schuldgefühle und Selbstvorwürfe eine Folge. Deshalb
sollte ihnen Hilfe angeboten werden, damit sie sich mit ihren Gefühlen auseinander
setzen können.
Lebensmüde Menschen suchen nicht nach Patentlösungen. Sie sehen sich nach
einem sicheren Ort, an dem sie ihre Ängste und Sorgen zum Ausdruck bringen
können und ernst genommen werden. Deshalb laden sie uns ein, die Dinge aus ihrer
Perspektive zu sehen. Dann kann unter Umständen ein hilfreicher Kontakt möglich
werden.
(Aus: Sr. Miriam Altenhofen SSpS, Lebensmüde, in: Michaelskalender 2003. Hrsg. v. d. Steyler Missionaren, St. Gabriel 2002,
S.62f)




Text 4:

Lebens – Grenzen

Mit der Geburt:
Grenzen kennen lernen
Mit 15:
Sich grenzenlos fühlen
Mit 30:
Mit Grenzen verantwortungsvoll umgehen
Mit 50:
Grenzen spüren
Mit 70:
Grenzen loslassen

Birgit Henökl



Text 5:

Faszinierend, wie bedrohlich eine Sanduhr ist.
Kaum aufgestellt, rieseln feinste Sandkörnchen durch die Öffnung nach unten.
Unaufhörlich, lautlos, fast beklemmend.
In dem Maße, in dem sich der obere Glasbehälter leert, wächst unten die
Sandpyramide. Ein Zeitmesser von bestechender Genauigkeit und sichtbarer
Eindringlichkeit: eine Minute, drei Minuten, fünf Minuten. Ein fast beängstigendes
Schauspiel verrinnender Zeit. Das letzte Sandkörnchen besiegelt die Grenze
gewünschter Zeit.
Ähnlich eindringlich wie die Sanduhr ist der hörbare Puls unseres Herzens. Kaum
jemand achtet auf seinen Puls, so lange er im gewohnten Rhythmus schlägt.

                                                                                                                         52
Seine gesunde Regelmäßigkeit ist ebenso beruhigend wie selbstverständlich.
Das Herz eines gesunden Menschen schlägt 60- bis 80-mal pro Minute, im Ruhen
oder bei leichter körperlicher Tätigkeit. Anstrengung und seelische Anspannung
steuern den Sauerstoffbedarf des Herzmuskels. Dann erhöht das Herz durch rasche
Pulsfrequenz seine Pumpleistung.
Rhythmusstörungen sind Abweichungen von der Normalität und Alarmzeichen.
Die verlässlichste Pumpe der Welt besteht aus Muskeln. Sie leisten die Pumparbeit.
Mit jedem Pulsschlag wird das Blut in jede einzelne Körperzelle gepumpt. Die beiden
Vorhöfe und die beiden Herzkammern ziehen sich abwechselnd zusammen und
halten den Blutkreislauf in Gang. Bedrohliche Vorzeichen sind eine Unterfunktion der
Pulsfrequenz von 35 Schlägen oder eine Überfunktion mit 300 Schlägen.
Dieses grandiose Organ Herz hat ein Ablaufdatum, ein Zeitlimit, eine Zeitgrenze:
vom Herzstillstand des Babys bis zum Herzstillstand des alten Menschen. Eine große
Bandbreite an Stunden, an Tagen, an Jahren und Jahrzehnten mit einer deathline,
einer Todeslinie.
Niemand ist von dieser Grenze ausgenommen, niemand kennt sie, in niemandes
Terminkalender steht sie.
Des Menschen Herz hat ein Ablaufdatum. Der Pulsschlag hält am Leben, der
Herzstillstand setzt ihm ein Ende, setzt seine letzte irdische Grenze. A
Aber diese irdische Grenze ist nicht seine äußerste, seine letzte, seine
unwiderrufliche, seine endgültige.
Am Ostermorgen hat Gott in Jesus Christus diese menschliche Todesgrenze
gesprengt, weil ER Auferstehung und Leben ist.
Denn, „wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“, Joh 11,25.
(Aus: P. Toni Außersteiner, Grenzenlos, in: Michaelskalender 2003. Hrsg. v. d. Steyler Missionaren, St. Gabriel 2002, S.3)




Text 6:

Es war einmal ein großer weiser Mann, der holte sich eines Tages einen kleinen
Jungen zu sich und wollte ihm das schönste Spiel beibringen, denn er liebte den
Jungen. Er sammelte Kugeln aus herrlichem, buntem Glas und sagte zu ihm: „Sieh
her, ich werde dir jetzt eine Kugel nach der anderen zuwerfen. Jede hat eine andere
Farbe und einen anderen Namen. Diese hier heißt Freude, die dort Arbeit, die da
drüben Friede, diese Leid. Und du sollst mir jede sofort zurückwerfen, das ist der
Sinn des Spiels: das Geben und Nehmen im Wechsel. Nur im Flug glänzen die
Kugeln so hell, wie sie sollen.“
Und das Spiel begann, und zwischen Geben und Nehmen schimmerten die Farben
der Kugeln. Und das Spiel war sehr gut.

Nada Albert

(Aus: Ein bisschen Leben will ich nicht. Dreihundertfünfundsechzig Texte zum Aufwachen. Hrsg. v. A. Kammandel, coprint
Druck- und Verlagsgesellschaft, Wiesbaden 1985, S.58)




                                                                                                                             53
    4. Entwicklungszusammenarbeit fördern

                                4.1. grenzenlos sein
                         (Begleitmaterial zum Adventkalender 2003)




Baustein 1:               Arbeit mit Fotos/Bildern22
                          zum Thema „grenzenlos sein” mit Bildern aus dem
                          Adventkalender 2003

Ziel:
Die Teilnehmer setzen sich mit Hilfe des Bildmaterials aus dem Adventkalender 2003
zum Thema „grenzenlos sein ” – im eigenen Leben, in der Gesellschaft, in der Kirche
– auseinander.

Dauer:
Ca. 1 Stunde

Materialien:
Bilder aus dem Adventkalender (mehrere Exemplare des Adventkalenders sollten
vorhanden sein), weitere Bilder aus Fotoarchiven oder Zeitschriften (je nach
Gruppengröße); falls Collagen gemacht werden: große Bögen Papier, Schere,
Klebstoff, Filzstifte, Flipchartpapier, CD-Player oder Kassettenrekorder, CDs oder
Kassetten mit ruhiger Musik.


Ablauf:
Wenn die Gruppe zu groß ist, sollte in Kleingruppen (ca. 4-6 Personen) gearbeitet werden.

Einstieg:
Auf einem Flipchartpapier, das im Raum steht oder auf einem Tisch liegt und für alle
Teilnehmer gut zugänglich ist, steht „grenzenlos sein“. Die Teilnehmer schreiben mit
Stiften Assoziationen zu diesen beiden Begriffen auf das Papier. Dazu wird
meditative Musik (CD oder MC) gespielt.


22
     Allgemeine wichtige Hinweise zur Arbeit mit Fotos/Bildern:
    Bilder sprechen sehr stark Gefühle an, wertende Kommentare zu persönlichen Bildaussagen sind
     deshalb zu vermeiden.
    Bilder sind vieldeutig - Teilnehmende in einer Gruppe können mit dem selben Bild gegensätzliche
     Aussagen machen.
    Es gibt keine „richtigen” und keine „falschen” Bilder. Sie drücken aus, was die Person, die sie
     gewählt hat, sagen will.
    In einem ersten Durchgang sind Kommentare, Fremddeutungen, Fragen strikt zu vermeiden.
    Kann eine Person nichts zum Bild sagen, sollte sie nicht dazu gedrängt werden, sondern nur ihr
     Bild zeigen.

                                                                                                  54
Anschließend haben die Teilnehmer noch genügend Zeit, sich alle Assoziationen in
Ruhe anzusehen und durchzulesen.

1. Schritt:
Nun werden die Bilder auf einem Tisch aufgelegt, sodass sie für jedermann gut
sichtbar sind. Es sollten genug Bilder vorhanden sein, damit sich jeder Teilnehmer
das Bild, das ihn am meisten anspricht, aussuchen kann (und nicht das Bild nehmen
muss, das übriggeblieben ist!)
Die Teilnehmer gehen um den Tisch herum; sie lassen sich Zeit, die Bilder in Ruhe
anzusehen und auf sich wirken zu lassen. Nach ca. 10 Minuten sollte sich dann jeder
ein Bild auswählen, das ihn besonders anspricht, ihm besonders gut gefällt (Variante
für eine weitere Runde: ... oder besonders negativ auf ihn wirkt)

2. Schritt:
Nun setzen sich die Teilnehmer in einem Kreis auf. Reihum zeigt jeder das
ausgesuchte Bild und erzählt seine Eindrücke zum Bild. Folgende Fragen können
dabei hilfreich sein:
 Was sehe ich auf dem Bild?
 Was sagt mir dieses Bild?
 Warum habe ich es ausgewählt?
 Fällt mir zu diesem Bild eine Begebenheit aus meinem eigenen Leben dazu ein?
 Was hat dieses Bild mit achtsam sein/ Toleranz/ respektvoll leben/ rücksichtsvoll
    sein zu tun?

3. Schritt:
Wenn alle ihr Bild gezeigt und erklärt haben, werden diese im Raum aufgehängt oder
daraus eine Collage gemeinsam angefertigt. Diese wird ebenso aufgehängt und
begleitet die Männerrunde während des ganzen Advent hindurch.

4. Schritt:
Falls in Kleingruppen gearbeitet wurde, präsentieren die einzelnen Kleingruppen ihre
Ergebnisse nun im Plenum.

5. Schritt:
In einer zweiten Runde können nun die Bilder/Fotos ausgesucht werden, die auf die
Teilnehmer negativ bzgl. grenzenlos sein wirken. Folgende Fragen sind für ein
anschließendes Präsentieren der Bilder und Gespräch in der Runde wieder hilfreich:
 Was sehe ich auf dem Bild?
 Was sagt mir dieses Bild?
 Warum wirkt dieses Bild auf mich negativ bzgl. grenzenlos sein?
 Was würde ich bei diesem Bild am liebsten verändern wollen?



Weiterführung:
Im Plenum wird ein Gespräch zum Thema „grenzenlos sein” mit Hilfe folgender
Fragen geführt:
 Was bedeutet grenzenlos sein für mich persönlich?
 Was bedeutet dies für unsere Männerrunde?
 Was für unsere Pfarrgemeinde?


                                                                                  55
 Welches Zeichen/ welchen Schritt müssen wir setzen, dass grenzenlos sein in
    unserem persönlichen Leben/ in unserer Männerrunde/ in unserer Pfarrgemeinde
    sichtbar und damit Wirklichkeit wird?
 Was ist momentan das Dringendste bzw. Wichtigste, was in unserem
    persönlichen Leben/ in unserer Männerrunde/ in unserer Pfarrgemeinde geändert
    werden müsste, dass grenzenlos sein anderen gegenüber spürbar wird?
 Wann wollen wir damit beginnen oder haben wir schon begonnen?
 Wer soll was konkret tun?
 Was brauchen wir dazu, damit grenzenlos sein in unserer Pfarrgemeinde
    Wirklichkeit werden kann?
Stichwortartig werden die wichtigsten Ergebnisse auf einem Flipchartpapier
mitgeschrieben.
Um es zu konkretisieren, ist es sehr hilfreich, einen Personen- und Zeitplan
anzufertigen, wer was wann machen wird/ kann, damit es nicht in Vergessenheit
gerät. Dieser Plan sollte während der gesamten Adventzeit oder während des
ganzen Kirchenjahres immer wieder überprüft werden, wie weit die Männerrunde mit
der Umsetzung schon gekommen ist.
Des weiteren kann auch ein Bild/ ein Symbol gemeinsam erarbeitet werden, das die
Männerrunde während der gesamten Adventzeit begleitet.
Als Abschluss wird ein Meditationstext aus dem Adventkalender (oder aus einem
Buch ausgewählt) gelesen, ein (freies) Gebet gesprochen oder ein Adventlied
gesungen.




Baustein 2:         Arbeit mit Texten
                    zum Thema „grenzenlos sein” mit Texten aus dem
                    Adventkalender 2003

Ziel:
Die Teilnehmer sollen mit Hilfe der Texte aus dem Adventkalender 2003 das Thema
„grenzenlos sein” analysieren und sich damit auseinandersetzen, was dies für ihre je
eigenen Handlungen und ihre je eigene Lebenshaltung bedeutet.

Dauer:
Ca. 45 Minuten

Materialien:
Texte aus dem Adventkalender, Papier, Schreibmaterial, Stifte, Flipchartpapier


Ablauf:
1. Schritt:
Jeder Teilnehmer erhält einen Text (nicht auswählen lassen) aus dem
Adventkalender (entweder aus dem Original ausschneiden oder kopieren) und liest
sich diesen aufmerksam durch. Falls die Texte nicht für alle Teilnehmer reichen,
können jeweils zwei Personen einen Text gemeinsam besprechen. Außerdem
können Kleingruppen zu jeweils einem Text gebildet werden.

                                                                                  56
2. Schritt:
Die Teilnehmer tauschen spontan ihre Eindrücke nach dem Lesen der Texte aus:
 Was erzählt dieser Text?
 Was macht mich an diesem Text betroffen?
 Warum?
 Welche Gefühle löst dieser Text in mir aus?
 Habe ich selbst schon ähnliche Erfahrungen von Grenzen/ grenzenlos sein (bei
    mir selbst, in der Familie, im Bekanntenkreis, in der Pfarrgemeinde,...) erlebt so
    wie sie in diesem Text beschrieben sind?
 Welche Gefühle spürte ich bei diesen Erfahrungen?
 Warum habe ich dabei – meiner Meinung nach – grenzenlos gehandelt?
 Warum habe ich dabei – meiner Meinung nach – nicht grenzenlos gehandelt?
 Welche Konsequenzen hatten diese jeweiligen Handlungen
    - für mich?
    - für den/die Betroffenen?
    - für die Umwelt/Natur?

3. Schritt:

Abschließend erarbeiten die Teilnehmer gemeinsam die Bedeutung des
Themenschwerpunkts grenzenlos sein für ihr eigenes Leben.
Grenzenlos sein:
- mir selbst gegenüber
- meinen Mitmenschen gegenüber
- meiner Umwelt/ der Natur gegenüber
- der Welt gegenüber (politisches Handeln, internationales Strukturen)
Der Männerrundenleiter schreibt die Stichworte auf einem Flipchartpapier mit.




                                                                                         57
                    4.2. Grenzenloses Christ Sein

3 Workshops für die Arbeit in Pfarren:
Dies ist ein Angebot, den Advent in der Pfarrgemeinde einmal anders zu gestalten:
Menschen/Familien23 aus der Pfarrgemeinde finden sich – eingeladen von der Kath.
Männerbewegung –am ersten Samstagnachmittag im Advent für ca. 2-3 Stunden zusammen
und setzen sich mit einem der folgenden drei Themen (Bausteine 1-3 zur Auswahl) bzgl.
Grenzen und Grenzenloses Christ Sein (Toleranz zwischen den Nationen, Toleranz der
Religionen und Toleranz gegenüber der Schöpfung) auseinander. Dies ist ein bewusstes
Alternativprogramm gegen den vorweihnachtlichen Einkaufswahn und –stress, dem sich
immer mehr Menschen in der heutigen Zeit „ausliefern“.
In vielen Pfarren werden an den Wochenenden Adventmärkte angeboten: ein solcher
Workshop wird dann Teil des Adventmarkt-Programms bzw. in den Adventmarkt
eingebunden.




Baustein 1: Das Boot ist voll oder die Toleranz zwischen
            den Nationen
In jeder Zeit waren und sind Menschen damit konfrontiert, mit Menschen aus anderen Ländern und
Kulturen zusammenzuleben. Manchmal gelang/gelingt das besser, manchmal schlechter, was bis zu
einem Ausbruch von Krieg führen kann (denken wir beispielsweise an den Zerfall der österr. –ung.
Monarchie, der schließlich in den ersten Weltkrieg mündete).
        Wo findet heute Migration statt?
        Wie viele Zuwanderer und Zuwanderinnen verträgt Österreich?
        Wie können sich die Menschen aus anderen Ländern bei uns integrieren?
        Wo sind Grenzen, die nicht überwindbar sind?
        Welche Grenzen werden „künstlich“ aufrecht erhalten oder aufgebaut?
        Wie erleben wir selbst das Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Ländern?
        Welche Grenzen erleben wir selbst, wenn wir uns im Ausland aufhalten, z.B. bei Reisen, im
     Urlaub,...?
        Wie reich beschenkt wird unser Leben oft durch Menschen aus anderen Nationen, die es
     meistens noch gewohnt sind, Zeit füreinander zu haben. Was empfinden wir bei zugewanderten
     Menschen als Reichtum?
Fragen über Fragen, die nicht nur die PolitikerInnen unseres Landes beschäftigen, sondern jeden und
jede von uns etwas angehen.



Ziel:
Die Männerrunde führt einen Workshop mit der Pfarrgemeinde durch und setzt sich
gemeinsam mit der Pfarrgemeinde mit den Themen Zuwanderung, unterschiedliche
Länder und Kulturen, Bereicherung durch Menschen aus anderen Nationen usw.




23
 Kinder ab ca. 8-10 Jahren können ohne weiteres dabei mitmachen. Für die ganz Kleinen könnte
eine Gruppe mit Betreuung organisiert werden.

                                                                                                58
auseinander24. Darüber hinaus wird das Anliegen der Aktion „Sei so frei/ Bruder und
Schwester in Not“ in der Pfarrgemeinde aktualisiert und vertieft.

Dauer:
Ca. 2-3 Stunden

Materialien:
Gegenstände aus anderen Ländern der Welt, CD-Player, CDs mit Weltmusik,
Flipchartpapier, Stifte, Bastelmaterial für Kinder zum Schätze basteln, Papier,
Buntstifte für Zeichnungen, kulinarische Köstlichkeiten, Kaffee, Kopien der Projekte
bzw. eines Projektes, das im Rahmen der diesjährigen Aktion „Sei so frei/ Bruder und
Schwester in Not“ unterstützt wird (siehe Adventkalender bzw. bei der KMB
anfordern), Adventkalender zum Mitnehmen


Ablauf:
1. Schritt:
Einstimmung (ca. 10 Minuten): Musik aus anderen Ländern wird gespielt, der Raum
kann mit Gegenständen aus anderen Ländern geschmückt sein oder die
TeilnehmerInnen (TN) machen dies gemeinsam zu Beginn des Workshops. Die TN
können im Raum herumgehen, sich die Gegenstände ansehen oder auch zur Musik
tanzen.

2. Schritt:
Die TN nehmen nun in einer Runde25 Platz. Sie versuchen an ihre Auslandsreisen,
an einen besonders schönen Urlaub oder an eine nette Begegnung mit Menschen
aus anderen Ländern zurückzudenken und tauschen dann ihre persönlichen
Erfahrungen aus:
     Was wurde mir bereits zum Reichtum oder Schatz aus einer anderen Kultur
      oder aus einem mir fremden Land?
     Warum erlebte ich dies als Bereicherung?
     Wie fühlte ich mich dabei?
     Wie veränderte dies mein Leben?
     Könnte ich mir vorstellen, dies auch anderen als Schatz weiter zu schenken?

3. Schritt:
Wenn Kinder dabei sind, werden diese nun gebeten, einen Schatz zu basteln oder zu
zeichnen26.
Die Erwachsenen überlegen weiter, ob, wann und unter welchen Umständen ihnen
hier in Österreich Fremde begegnet sind.
     In welcher Weise bin ich dieser (fremden) Person begegnet?


24
 Wenn in der Pfarrgemeinde Zugewanderte bzw. Menschen aus anderen Ländern der Welt leben,
können diese entweder zu dem jeweiligen Nachmittag eingeladen oder bereits in die gemeinsame
Vorbereitung eingebunden werden.
25
     Nur Sesseln, keine Tische
26
     Möglicherweise können sie dazu in einen anderen Raum gehen.

                                                                                         59
         Welche positiven (z.B. Bewunderung, Zuneigung, Freundschaft,...), welche
          negativen (z.B. Misstrauen, Neid, Skepsis,...) Gefühle hatte ich dabei
         Unter welchen Umständen lebt diese Person hier unter uns in Österreich?
         In welcher Weise bin ich davon betroffen (z.B. unmittelbar, nur im weitesten,
          nur allgemein als BürgerIn des Staates)?

4. Schritt:
Möglicherweise leben in der Pfarrgemeinde auch zugewanderte Familien, die mehr
oder weniger integriert sind oder die Pfarrgemeinde unterstützt Studierende aus
anderen Ländern der Welt mit Hilfe eines Stipendiums oder sie sind in einer anderen
Weise mit Zugewanderten konfrontiert.
Die TN setzen sich in Gruppen zu ca. 4-6 Personen zusammen und analysieren nun
gemeinsam:
     Welches Bild habe ich als ChristIn von zugewanderten Personen oder
       Fremden, die hier bei uns in der Pfarrgemeinde bzw. in Österreich leben?
     Wo erlebe ich Grenzen?
     Wo erlebe ich Grenzenlosigkeit?
     Wie gehe ich damit um?
     Muss ich manchmal Grenzen überwinden, überspringen?
     Warum fällt mir das manchmal leicht und manchmal schwer?
     Welche Verantwortung trage ich dabei als ChristIn bzw. als Angehörige/r
       dieser Pfarrgemeinde?
     Wie gehen wir als Pfarrgemeinde damit um?
Anschließend werden die wichtigsten Ergebnisse auf Flipchartpapier festgehalten,
ins Plenum mitgebracht und dort im Raum aufgehängt.

5. Schritt:
Unmittelbar vor der Pause werden ein oder mehrere Projekte der diesjährigen Aktion
„Sei so frei/ Bruder und Schwester in Not“ sowie der neue Adventkalender
vorgestellt. Die Kopien der Projektbeschreibungen werden ausgeteilt und können mit
nach Hause genommen werden.


Nun folgt eine Pause, in der Kaffee und Kuchen27 oder auch Spezialitäten aus
anderen Ländern angeboten werden können. Dabei können sich die TN die
Flipcharts aus den Kleingruppen, die im Raum aufgehängt wurden, durchlesen und
über die Aktion „Sei so frei/ Bruder und Schwester in Not“ ins Gespräch kommen.


6. Schritt:
Es wäre schön, wenn Menschen aus anderen Ländern anwesend sind. Nun dürfen
diese aus ihren Erfahrungen berichten:
     Wie fühle ich mich hier in Österreich?
     Was gefällt mir besser im Vergleich zu meinem Heimatland?
     Was gefällt mir nicht so gut im Vergleich zu meiner Heimat?
     Ist es mir bereits gelungen mit Menschen aus Österreich in Kontakt zu
       kommen?


27
     Z.B. im Rahmen des Adventmarktes oder Mitgebrachtes

                                                                                          60
      Was würde ich bzgl. Integration am dringendsten verändern, wenn ich
       PolitikerIn wäre?
Nun soll genug Zeit dafür sein, sich über diese Erfahrungen auszutauschen. Die TN
können noch weitere Fragen stellen und ihre Meinungen dazu äußern. Wichtig dabei
ist das Gespräch.

7. Schritt:
Abschließend tauschen sich die TN untereinander aus, ob innerhalb der
Pfarrgemeinde etwas im Zusammenleben mit Menschen aus anderen Ländern
verbessert bzw. verändert werden könnte/müsste. Dabei können die Zugewanderten
ihre Wünsche und Anregungen/Vorschläge äußern.
Gemeinsam wird überlegt, wie diese Wünsche in die Tat umgesetzt werden können.
Zum Schluss wird nochmals auf die Aktion „Sei so frei/ Bruder und Schwester in Not“
hingewiesen mit der Bitte um tatkräftige Unterstützung aller.




Baustein 2: Dein Gott ist nicht mein Gott oder die
            Toleranz der Religionen
Medienberichte: täglich neue Meldungen über gegenseitige Missachtung der Religionen, Menschen
werden getötet, weil sie an einen anderen Gott glauben, Menschen wird der nötige Lebensraum für
ein menschenwürdiges Leben entzogen, weil sie andersgläubig sind.
Der Großteil der Staaten der Welt hat die UN-Menschenrechtserklärung unterzeichnet, in der im Art. 2
[Verbot der Diskriminierung] steht: „Jeder Mensch hat Anspruch auf die in dieser Erklärung
verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeine Unterscheidung, wie etwa nach Rasse, Farbe,
Geschlecht, Sprache, Religion, politischer und sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer
Herkunft, nach Eigentum, Geburt oder sonstigen Umständen.“
Die Realität sieht anders aus.
Was können wir in unserem Umfeld dazu beitragen, dass Menschen unterschiedlicher Religionen
kreativ und tolerant zusammenleben können?
Welches Beispiel geben wir selbst im toleranten Umgang mit Andersgläubigen?
Jedes einzelne Beispiel und jede Erfahrung sind wichtig für einen vertieften Austausch zu diesem
Thema.


Ziel:
Die Männerrunde führt mit der Pfarrgemeinde einen Workshop durch wobei sie sich
mit dem Thema wie wir ChristInnen mit Angehörigen von anderen Religionen
umgehen (können) auseinandersetzen. Darüber hinaus wird das Anliegen der Aktion
„Sei so frei/ Bruder und Schwester in Not“ in der Pfarrgemeinde aktualisiert und
vertieft.

Dauer:
Ca. 2-3 Stunden

Materialien:
Kärtchen (in zwei verschiedenen Farben), Stifte, Pinnwand, kulinarische
Köstlichkeiten, Kaffee, Kopien der Projekte bzw. eines Projektes, das im Rahmen der
diesjährigen Aktion „Sei so frei/ Bruder und Schwester in Not“ unterstützt wird (siehe
Adventkalender bzw. bei der KMB anfordern), Adventkalender zum Mitnehmen


                                                                                                 61
Ablauf:
1. Schritt:
Die TeilnehmerInnen (TN) werden im Namen der Männerrunde der KMB begrüßt und
eingeladen, in einem Sesselkreis Platz zu nehmen28.
Die TN bekommen kleine Kärtchen und Stifte, wo sie die drei wichtigsten Gründe29 in
Stichworten aufschreiben. Diese werden vorgelesen, ein wenig erläutert (jedoch nicht
zu lang) und auf die vorhandene Pinnwand strukturiert geheftet (z.B. äußere Zeichen
des Glaubens, Werte des Glaubens usw.)

2. Schritt:
Die TN erhalten wiederum Kärtchen30 und schreiben darauf nun Stichworte, die
ihnen zu anderen Religionen der Welt einfallen: z.B. Kopftuch, Pilgern, Meditation,
Heilige Kuh ... Dann setzen sich jeweils zwei TN zusammen und tauschen sich an
Hand folgender Fragen aus:
     Warum fällt mir gerade dieses Wort ein, wenn ich an (eine) andere
       Religion(en) denke?
     Was verbinde ich persönlich mit diesem Stichwort?
     Wann bin ich einem/einer Angehörigen aus einer anderen Religion schon
       begegnet?
     Wie war diese Begegnung?
     Habe ich jetzt auch noch Kontakt mit Angehörigen aus anderen Religionen?
     Ist dieser Kontakt von positiven oder negativen Gefühlen geprägt/ begleitet?
Danach setzen sich alle TN wieder in den Kreis. Anhand der Präsentation der
Kärtchen im Plenum wird kurz das Wichtigste aus den Zweiergesprächen
ausgetauscht. Die Kärtchen werden – je nach Religion (also alles, was jeweils mit
dem Islam, mit dem Hinduismus, mit dem Buddhismus ... zu tun hat) gruppiert an die
Rückseite der Pinnwand bzw. an eine zweite Pinnwand geheftet.

3. Schritt:
Die Kinder werden nun gebeten, ins Plenum zu kommen und ihre Zeichnungen zu
präsentieren. Die Kinder, die ihre Zeichnungen erklären oder interpretieren wollen,
können dies tun.

4. Schritt:
Unmittelbar vor der Pause werden ein oder mehrere Projekte der diesjährigen Aktion
„Sei so frei/ Bruder und Schwester in Not“ sowie der neue Adventkalender
vorgestellt. Die Kopien der Projektbeschreibungen werden ausgeteilt und können mit
nach Hause genommen werden.




28
     Die Kinder werden in die Kinderbetreuung gebracht, wo sie Zeichnungen machen sollen, was für sie
wesentliche Merkmale der/ihrer Kirche oder des ChristIn Seins sind. Auch in der Kindergruppe wird
über dieses Thema eigene und andere Religionen gesprochen.
29
     pro Kärtchen ein Grund
30
     möglichst in einer anderen Farbe

                                                                                                  62
Nun folgt eine Pause, in der Kaffee und Kuchen31 oder auch Spezialitäten aus
anderen Ländern angeboten werden können. Dabei können sich die TN die
Zeichnungen der Kinder, die im Raum aufgelegt oder aufgehängt werden,
anschauen und über die Aktion „Sei so frei/ Bruder und Schwester in Not“ ins
Gespräch kommen.


5. Schritt:
Die Kinder gehen wieder in die Kinderbetreuung, wo sie miteinander Lieder aus
anderen Teilen der Welt lernen.
Die TN teilen sich in Kleingruppen auf und diskutieren zu folgenden Fragen:
Mission
     Was heißt Mission bzw. was verbinden wir damit?
     Warum gibt es Mission und wo findet Mission heutzutage hauptsächlich statt?
     Warum gehen Glaubensangehörige des Christentums in andere Länder der
       Welt?
     Warum kommen Menschen mit anderen Religionen zu uns, in ein christliches
       Land?
Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Religionen
     Wie leben Menschen mit unterschiedlichen Religionen zusammen?
     Wann geht es gut?
     Was macht ein Zusammenleben eher schwierig?
     Wie können Schwierigkeiten überwunden werden?
Toleranz und tolerantes Verhalten
     Wie kann Toleranz im täglichen Umgang mit Fremden, Angehörigen anderer
       Religionen eingeübt und praktiziert werden?
     Wie können Streit und Kriege auf Grund unterschiedlicher Religionen
       verhindert oder eingedämmt werden?
     Was können wir als Einzelpersonen dafür machen und wie können wir es
       konkret umsetzen?
Die wichtigsten Ergebnisse werden stichwortartig festgehalten, damit sie im Plenum
ausgetauscht werden können.

6. Schritt:
Die TN kommen aus den Kleingruppen im Plenum zusammen und tauschen die
wichtigsten Ergebnisse aus. Danach werden die Kinder gebeten, die gelernten Lieder
den Eltern vorzusingen.
Zum Schluss wird nochmals auf die Aktion „Sei so frei/ Bruder und Schwester in Not“
hingewiesen mit der Bitte um tatkräftige Unterstützung aller.




31
     Z.B. im Rahmen des Adventmarktes oder Mitgebrachtes

                                                                                63
Baustein 3: Ökologische Grenze oder die Toleranz
            gegenüber der Schöpfung
Mitch in Nicaragua, Überschwemmungen in Mosambik, Hochwasseralarm in Österreich, Deutschland
und den östlichen Nachbarstaaten,.... Gibt es einen Klimawandel weltweit? Wo liegen die
Zukunftschancen eines menschenwürdigen Lebens auf dieser Erde?
Viele sprechen gleichzeitig über Nachhaltigkeit und Fairness gegenüber unseren Kindern und
Kindeskindern.
        Was tut jede und jeder einzelne von uns dafür?
        Was könnten wir in unserer Pfarrgemeinde noch tun?
        Was müsste der Staat/ die PolitikerInnen (noch) tun?
Was bedeuten ökologische Katastrophen für Menschen in Industrienationen, was bedeuten sie für
Menschen in sog. „Entwicklungsländern“? Gibt es einen Unterschied, wenn das Eigentum relativ gut
abgesichert ist bzw. wenn Betroffene in einem Land leben, wo sie mit Solidarität der Landsleute
rechnen können oder wenn die Betroffenen alles verlieren und es keine Hoffnung auf einen neuen
Anfang gibt?


Ziel:
Die Männerrunde führt gemeinsam mit der Pfarrgemeinde einen Workshop durch
wobei sie sich mit dem Thema, wie wir ChristInnen mit der Schöpfung und deren
Bewahrung umgehen bzw. wie wir sie unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit auch für
unsere Kinder erhalten, auseinandersetzen. Darüber hinaus wird das Anliegen der
Aktion „Sei so frei/ Bruder und Schwester in Not“ in der Pfarrgemeinde aktualisiert
und vertieft.

Dauer:
Ca. 2-3 Stunden

Materialien:
Kopien der Texte von Rudolf Weiß (siehe Texte 7, 9-11 unten), großer Bogen Papier,
Stifte, kulinarische Köstlichkeiten, Kaffee, Kopien der Projekte bzw. eines Projektes,
das im Rahmen der diesjährigen Aktion „Sei so frei/ Bruder und Schwester in Not“
unterstützt wird (siehe Adventkalender bzw. bei der KMB anfordern), Adventkalender
zum Mitnehmen


Ablauf:
1. Schritt:
Der Text 8 „Vision“ (siehe unten) wird auf einen großen Bogen Papier
aufgeschrieben und im Raum aufgehängt.
Zum Eintreffen der TN wird ruhige Musik gespielt32

2. Schritt:
Die Mitglieder der kmb begrüßen die TN aus der Pfarrgemeinde und laden diese
sehr herzlich zu dem gemeinsamen Nachmittag zum Thema „Toleranz gegenüber
der Schöpfung“ ein.



32
     Wenn vorhanden, kann Musik über die Schöpfung, Natur usw. ausgewählt werden.

                                                                                              64
3. Schritt:
Kopien der Texte 7, 9, 10, 11 (sieh unten) liegen im Raum auf. Zu jedem einzelnen
Text bildet sich eine Gruppe, die sich mit dem jeweiligen Aspekt bzgl. Natur,
Schöpfung, Erde auseinandersetzt.

4. Schritt:
Die jeweiligen TN gehen in Kleingruppen zu jeweils einen Text zusammen. Der
jeweilige Text liegt in jeder Gruppe als Kopie für jede/n TN auf. In Ruhe lesen sich
die TN nun noch einmal den von ihnen ausgewählten Text durch. Folgende Fragen
können für ein anschließendes Gespräch in der Kleingruppe hilfreich sein:
     Was sagt der Text aus?
     Welches Thema wird im Text behandelt?
     Welche Gefühle spüre ich in mir, wenn ich diesen Text lese?
     Was will mir/ uns der Autor damit sagen?
     Was interpretiere ich auf grund meiner persönlichen Erfahrungen in diesen
        Text hinein? Warum habe ich mich für diesen Text entschieden?
     Wozu leitet mich dieser Text an?
     Welche konkreten Handlungsperspektiven kann ich mir für mich und für mein
        Umfeld vorstellen, wenn ich diesen Text lese?

5. Schritt:
In den Kleingruppen versuchen nun die einzelnen TN einen eigenen Text zu den
jeweiligen Themen, welche die Texte von Rudolf Weiß angesprochen haben, zu
schreiben: das kann entweder ein Gruppentext sein oder jede/r TN für sich kann
einen eigenen Text schreiben. Diese Texte werden nach der Pause ins Plenum
mitgebracht.


Nun folgt eine Pause, in der Kaffee und Kuchen33 oder auch Spezialitäten aus der
Region34 angeboten werden können. Dabei können die TN über die Aktion „Sei so
frei/ Bruder und Schwester in Not“ informiert werden und so miteinander ins
Gespräch kommen.


6. Schritt:
Die TN kommen nach der Pause wieder im Plenum zusammen und tauschen die
selbstverfassten Texte aus, die danach in der Pfarre öffentlich ausgehängt oder mit
nach Hause genommen werden können.

7. Schritt:
Die TN analysieren ihr eigenes Umfeld und die Situation der EINEN Welt in Bezug
auf Schöpfung, Wahrung der Schöpfung, Umweltbewusstsein:
     Was ist uns in unserem Ort/ in unserer Pfarre wichtig?

33
     Z.B. im Rahmen des Adventmarktes oder Mitgebrachtes
34
     Dabei sollte vor allem geachtet werden, dass diese vielleicht aus dem eigenen Bauernhof sind oder
selbst umweltgerecht produziert wurden. Wenn Köstlichkeiten aus anderen Regionen der Welt
angeboten werden, dann sollten sie aus dem fairen Handel und/ oder aus der Biologischen Produktion
kommen.

                                                                                                   65
      Woran können andere/ Außenstehende erkennen, dass uns die Umwelt und
       die Bewahrung der Schöpfung wichtig sind?
    Was können/ müssen wir beitragen zur Gesamt-Umweltsituation in der EINEN
       Welt?
    Wo gibt es noch Möglichkeiten für ein weltweites Engagement (z.B. Interesse
       für oder Beitritt zum Klimabündnis ansprechen), Verbesserungsmöglichkeiten,
       Wünsche, Anregungen?
    Wie können wir diese gemeinsam umsetzen?
    Wer kann/ muss was tun und bis wann soll es getan sein?
Abschließend wird entweder einer der Texte von Rudolf Weiß oder ein eigener Text
vorgelesen.




Texte:

Text 1:

Friede deinen Mauern (Ps 122,7)

Hinter den Mauern der Stadt
Finden die Bewohner Schutz und Geborgenheit.
Diebe, Räuber und angreifende Truppen
Können nicht heimtückisch einfallen,
den Frieden nicht stören.
Wo finden wir Mauern,
die den Frieden erhalten,
in unseren Städten und Herzen?
Durch unterschiedliche „Kanäle“
Wird unser innerer Friede angegriffen.
Von innen und außen dringen sie auf uns ein.
Ein Knopf kann genügen,
ein Gebet, ein Nein, ein Gespräch,
uns vor den Feinden zu schützen.
„Friede wohne in deinen Mauern!“
(Ps 122,7)

(Sr. Gabriele Hölzer SSpS in: Michaelskalender 2003. Hrsg. v. d. Gesellschaft des Göttlichen Wortes SVD in
Österreich, Eigenverlag, St. Gabriel 2002, S. 65)



Text 2:

Das Fremde und wir

Jeder ist ein Ausländer – fast überall. Auch Bregenzer, Wiener, Stutgarter, Berner ...
Wir sind nur auf einem ganz winzigen Punkt der Erde, den man auf dem Globus nicht
einmal sieht, sogenannte Einheimische.


                                                                                                             66
Und die Angst vor dem Fremden, vor allem fremden Menschen breitet sich aus.
Xenophobie heißt diese Angst.
Haben wir Angst, weil wir selber unsicher sind?
Haben wir Angst, dass die anderen, die Fremden, uns etwas wegnehmen von
unserem Wohlstand?
Aber – haben wir überhaupt ein Recht auf unseren Wohlstand, weil wir ihn selbst
erarbeitet haben (was sicher nur zum Teil stimmt)?
Können wir etwas dafür, dass wir hier geboren sind und nicht in Bosnien oder in
Somalia?
Würden Menschen in anderen Ländern nicht genauso gerne arbeiten wie wir? Sind
sie etwas weniger intelligent als wir oder weniger fleißig?
Haben nicht alle Menschen den Wunsch und das Recht, in Freiheit und Frieden
leben und arbeiten zu können?
Ist es gerecht, wenn die einen viel und die anderen gar nichts haben?

(Aus: E. Simma, Hätte aber die Liebe nicht. Gedanken, Impulse, Geschichten für sozial Engagierte und die
Caritas-Arbeit heute, Otto Müller Verlag, Salzburg-Wien 2001, S.120)



Text 3:

von mann zu mann

wie läufts
fragt der eine
wie immer
sagt der andere

das sind unsere mauern

wie geht’s
fragt der eine
gut
sagt der andere

das sind unsere verstecke

wie stehts
fragt der eine
man lebt
sagt der andere

und so finden wir uns
ein leben lang
nicht der mühe wert

(R. Weiß, Mannsbilder. Gedichte über gemischte Gefühle, Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten
– Wien 1993)




                                                                                                           67
Text 4:

Revierkampf

Beredte Körpersprache,
Auge um Auge
mit dem Gegner.
In den Boden gestemmte Läufe.
Erbittertes Ringen
um Macht und Vorherrschaft.
Wer wird siegen, wer verlieren?
Werden neue Grenzen gezogen?
Wer Besitzansprüche stellt,
will nicht teilen.
Wer kämpft,
hält wenig von Argumenten.
Wer sich behauptet, gilt als stark,
wer zurücksteckt, als Schwächling.
Nur einen einzigen Schritt
zurücktreten,
ist schon ein erster Schritt zur
Konfliktlösung.

(P. Toni Außersteiner SVD in: Michaelskalender 2003. Hrsg. v. d. Gesellschaft des Göttlichen Wortes SVD in
Österreich, Eigenverlag, St. Gabriel 2002, S. 49)



Text 5:

Das eigenartigste Lebewesen der Welt

Du bist wie ein Skorpion, Bruder,
in einer ängstlichen Dunkelheit bist du wie ein Skorpion.
Du bist wie ein Spatz, Bruder,
du hast die Hektik eines Spatzes.
Du bist wie eine Muschel, Bruder,
wie eine Muschel geschlossen, gemütlich,
und du bist schrecklich wie der Krater eines erloschenen Vulkans.
Nicht eins,
       nicht fünf,
               Millionen bist du leider.
Du bist wie ein Schaf, Bruder,
wenn der Hirte seinen Stock erhebt,
                      mischt du dich unter die Herde,
und fast stolz läufst du in den Schlachthof.

Das eigenartigste Lebewesen der Welt bist du also.
Eigenartiger als der Fisch,
             der im Meer schwimmt und es nicht kennt.
Und der Terror auf dieser Welt
                     existiert, weil du so bist.
Und wenn wir hungrig, müde, blutüberströmt sind,

                                                                                                             68
und wenn wir wie die Trauben gepresst werden,
                           um unseren Wein auszugeben,
du bist daran Schuld ...
              Nein, dies zu sagen wäre Unrecht, aber
dein Anteil an der Schuldfrage ist ziemlich groß, Bruder.

                                                                     1947

(N. Hikmet, Leben! Einzeln und frei wie ein Baum und brüderlich wie ein Wald. Gedichte, Buntbuch-Verlag,
Hamburg 1983, S. 41)



Text 6:

Aufgabe des Sozialstaates ist es,
Diskriminierungen abzubauen und zu verhindern,
Lasten gerechter zu verteilen und dahin zu wirken,
dass die menschengerechten Lebenschancen allen
zugänglich werden.
Ohne die persönliche Initiative können gesellschaftliche
Probleme nicht menschengerecht gelöst werden.
Das ist in aller Deutlichkeit festzuhalten.

Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe Nr. 92

(Aus: E. Simma, Hätte aber die Liebe nicht. Gedanken, Impulse, Geschichten für sozial Engagierte und die
Caritas-Arbeit heute, Otto Müller Verlag, Salzburg-Wien 2001, S.121)



Text 7:

um-werfende logik

um die autofahrer
nicht zu gefährden
schneidet man
alleebäume um

ich kann mich
jedoch nicht erinnern
jemals
von einem baum
gehört zu haben
der auf autofahrer losging


umwerfende logik II

um die autofahrer
nicht zu gefährden
müsse die straße
verbreiter werden

                                                                                                           69
sagte der zuständige beamte

die bäume
blieben selbstverständlich
auf der strecke

(r. weiß, erden-bürger. wieviel mensch verträgt die natur? Hrsg. v. Club Niederösterreich, Verlag
Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten 1998, S. 40f)



Text 8:

vision

guten abend
sagte der mond zur erde
was gibt es neues

die sonne ist untergegangen
doch sie kommt wieder

guten tag
sagte die sonnen zum mond
was gibt es neues

die erde ist untergegangen
und sie kommt nicht wieder

(r. weiß, erden-bürger. wieviel mensch verträgt die natur? Hrsg. v. Club Niederösterreich, Verlag
Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten 1998, S. 76)



Text 9:

erde

die reifen lässt –
und zerfallen

erde –
die mensch heißt
wenn sie lachen kann

(r. weiß, erden-bürger. wieviel mensch verträgt die natur? Hrsg. v. Club Niederösterreich, Verlag
Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten 1998, S. 53)



Text 10:

gesundes misstrauen

wir sollten lernen
den schönen worten zu

                                                                                                    70
misstrauen

denn wenn
sogenannte
pflanzenschutzmittel
nichts tun als zu schützen

dann müssten auch
zitronenfalter
nichts tun als
zitronen falten

(r. weiß, erden-bürger. wieviel mensch verträgt die natur? Hrsg. v. Club Niederösterreich, Verlag
Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten 1998, S. 56)



Text 11:

5 vor 12

wir sagen
es ist
fünf vor zwölf

und leben
als wär’s
gerade
zwei vorbei

(r. weiß, erden-bürger. wieviel mensch verträgt die natur? Hrsg. v. Club Niederösterreich, Verlag
Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten 1998, S. 75)




                                                                                                    71
                    5. Männerpolitik erkennen

             5.1. Solidarität – ein Zeichen gegen die
                           Begrenztheit


Baustein 1:              Zwischen Egoismus und Gemeinwohl
Gemeinwohl und Solidarität: Zwei uns allen geläufige Begriffe. Notwendig für alle oder nur mehr leere
Worthülsen? Wie sind diese Begriffe heute noch in die Wirklichkeit umsetzbar? Was bedeuten sie in
unserem Alltag? Wo sind die Grenzen von Gemeinwohl und Solidarität? Sind wir ChristInnen
solidarischer als NichtchristInnen bzw. Nichtgläubige? Inwiefern ist dies zu bemerken?


Ziel:
Die Teilnehmer (TN) erörtern gemeinsam, was die Begriffe „Solidarität“ und
„Gemeinwohl“ im Kontext der heutigen Gesellschaft, in der wir leben, bedeuten.

Dauer:
Ca. 1 Stunde

Materialien:
Zwei große Bögen Papier, Stifte, CDs, CD-Player, Flipchartpapier, Bibeln


Ablauf:
1. Schritt:
Zwei Bögen Papier werden im Raum so aufgelegt, dass darauf gut geschrieben
werden kann. Auf einem Bogen Papier steht das Wort „Solidarität“ groß geschrieben,
auf dem anderen „Gemeinwohl“. Die TN verteilen sich um die zwei Bögen in
ungefähr gleich große Gruppen und schreiben ihre Vorstellungen, Meinungen, Ideen
usw. zu diesen Begriffen auf35. Dazu wird leise Musik gespielt, damit nicht geredet
wird.
Wenn sich alle TN mit jedem Begriff ausreichend auseinandergesetzt haben und
auch die Meinung der anderen dazu gelesen haben, setzen sie sich in einem Kreis
auf.

2. Schritt:
Nun suchen die TN konkrete Beispiele aus ihrem persönlichen Alltag und versuchen
sie auf eine allgemeine Ebene zu bringen:

35
     Wenn die Gruppen jeweils mit dem ersten Begriff fertig sind, wechseln sie die Plätze und setzen
sich mit dem zweiten Begriff auseinander.

                                                                                                   72
      Wer verwendet in unserem Land diese Begriffe?
      In welchen Zusammenhängen werden diese Begriffe verwendet?
      Wann handeln Menschen solidarisch?
      Gibt es einen Unterschied, wie diese beiden Begriffe früher und wie sie heute
       verwendet wurden/ werden? Wenn ja, warum?
    Ist die Gesellschaft heute weniger solidarisch als früher?
    Wenn ja, woran liegt das?
Die wichtigsten Ergebnisse werden auf Flipchartpapier festgehalten.

3. Schritt:
Die TN nehmen nun die Bibeln zur Hand und suchen nach Ereignissen oder
Situationen, wo Menschen solidarisch bzw. nach dem Gemeinwohlprinzip gehandelt
haben und die uns auch heute noch ein Vorbild sein können.
Dabei können folgende Fragen beantwortet werden:
     Wie wird Solidarität und Gemeinwohl in der Bibel definiert?36
     Wie definiert die Kirche diese beiden Begriffe?37
     Welcher Maßstab von Solidarität und Gemeinwohl wird uns in der Bibel
       aufgezeigt?
     Was war in welcher Situation vernünftig?
     Was hat andere vor den Kopf gestoßen und warum?
     Was war total unvernünftig?
     Was ist christlich, was unchristlich?
     Wie und in welchen Situationen ist uns Jesus der Maßstab?
     Wann und in welchen Situationen gab/ gibt es Grenzen der Solidarität?

4. Schritt:
Abschließend kann noch ein Gespräch über „Solidarität“ und „Gemeinwohl“ in
unserer heutigen Gesellschaft stattfinden:
     Viele Politiker nehmen diese beiden Worte als christliche Politiker oft in den
      Mund, aber handeln sie auch danach?
     Was ist unsere eigene Rolle als Christen in der heutigen Gesellschaft, um
      diese beiden Begriffe wieder zum Leben zu erwecken?
     Welche konkreten Handlungen setzen wir oder müssen wir setzen?
     Wie können sich unsere Kinder in der heutigen Zeit mit diesen beiden
      Begriffen/ Werten auseinandersetzen?
     Welche Zeichen der „Solidarität“ und des „Gemeinwohls“ setzen wir selbst als
      Vorbild für unsere Kinder?
Zum Schluss der Männerrunde wird noch ein Text (siehe unten) oder eine Bibelstelle
ausgesucht und vorgelesen oder ein freies Gebet formuliert.




36
     Als Begriffe kommen sie in der Bibel so eher nicht vor, aber die TN sollen Synonyme bzw. adäquate
Worte und Taten dafür finden.
37
     Definitionen können in den Sozialenzykliken gesucht werden.

                                                                                                   73
Baustein 2:                Der Grenzgänger
Situationen der Menschlichkeit können Grenzen überwinden. Immer wieder werden wir selbst zu
Grenzgängern. Wer wird uns dabei zur Stütze, wenn wir Hilfe brauchen? Der Grenzgänger, ein
Palästinenser, der in Israel arbeitete, der jeden Tag, frühmorgens, noch bevor es hell wurde, mit
seiner alten Karre voll mit Gewürzen nach Jerusalem fuhr um seine Gewürze dort zu verkaufen, erfuhr
eines Tages Wohlwollen durch einen jungen Soldaten.
In welchen (z.B. politischen, sozialen, wirtschaftlichen) Situationen unseres Lebens und Alltags sind
wir in der Rolle des Grenzgängers, in welchen sind wir in der Rolle des unterstützenden Soldaten?
Wie gehen wir damit um?


Ziel:
Die Teilnehmer (TN) setzen sich als Christen mit Grenzen und Grenzerfahrungen im
sozio-politischen Alltag auseinander und analysieren Situationen, wo das Herz gegen
Vorschriften gehandelt hat.

Dauer:
Ca. 1-1,5 Stunden

Materialien:
Kopien des Textes „Der Grenzgänger“38, Teil 1 und 2 getrennt


Ablauf:
1. Schritt:
Die TN bekommen den Teil 1 des Textes 1 „Der Grenzgänger“ und lesen sich diesen
gut durch.

2. Schritt:
Es werden Kleingruppen gebildet und jede Gruppe sucht nach einem möglichen
Schluss der Geschichte, die als kurze Szene gespielt werden soll. Es sollten kurze
prägnante Schlussszenen gefunden werden.

3. Schritt:
Die TN kommen im Plenum zusammen und spielen sich aus dem Stegreif heraus die
Schlussszenen vor.

4. Schritt:
Die TN bekommen nun den Teil 2 des Textes 1 „Der Grenzgänger“, also den
tatsächlichen Schluss, und lesen sich diesen durch.

5. Schritt:
Nun suchen die TN Geschichten, Beispiele aus dem eigenen Leben, wo sie selbst
Vorschriften übertreten haben, um andere Menschen zu schützen oder um
solidarisch zu handeln usw. Folgende Fragen können das Gespräch unterstützen:
     Was habe ich getan?
     Warum und wie habe ich dies getan?
     Was war mir dabei wichtig?
38
     Achtung: so kopieren, dass die TN zuerst nur den Teil 1, dann erst den Teil 2 erhalten!!!

                                                                                                  74
         Welche Konsequenzen ergaben sich daraus für andere? Habe ich z.B. auch
          andere dadurch in Gefahr gebracht?
         Wie konnte ich mit dieser Gefahr umgehen?

6. Schritt:
Nun lesen sich die TN nochmals den Schlusssatz aus dem Grenzgänger-Text durch:
            „Sehen Sie“, sagte der alte Mann zu mir, „ich musste ihnen
            das einfach erzählen, damit ihr im Ausland wisst,
            dass es hier nicht nur Besetzer und Besetzte gibt, sondern
            Menschen und Mitmenschen.
            Dass wir zwar Grenzen haben, dass es aber auch
            Situationen gibt, die zeigen, dass diese Grenzen durch
            Toleranz und Mitleid grenzenlos sind.“
Die TN tauschen sich darüber aus, wie sich in ihren eigenen Beispielen Grenzen in
Toleranz, Brücken bauen, Mitleid u. ä. verwandelt haben:
     Was gibt mir persönlich Mut, Grenzen zu überschreiten zum Wohle anderer?
     Wie weit darf Menschlichkeit, Solidarität gehen?
     Was ist erlaubt?
     Was ist sinnvoll an Vorschriften und wann werden Vorschriften unsinnig?
     Wann ist die Überschreitung von Vorschriften nicht mehr tragbar?

7. Schritt:
Abschließend setzen sich die TN damit auseinander, in welcher Weise sie als
Christen zu „Helfern für Grenzgänger“ werden (können) und wozu sie als politische
Menschen = Christen beauftragt sind:
     In welcher Situation sollten wir Christen unbedingt den Mund aufmachen und
       gegen Vorschriften und Grenzen handeln?
     Wer bittet uns als Christen heutzutage um Hilfe so wie es der Grenzgänger
       gemacht hat?
     Wo müssen wir uns als Christen gegen „Grenzüberschreitungen“ einsetzen?

8. Schritt:
Mit einem freien Gebet für Toleranz und den Mut, sein Herz sprechen und handeln
zu lassen wird abgeschlossen.




Texte:

Text 1:

Der Grenzgänger

Teil 1:

Ich lernte ihn in Jerusalem kennen. Er hatte dort auf dem Bazar einen kleinen Stand,
an dem es ausschließlich Gewürze gab. Alle herrlichen Gewürze des Orients, die
aber heute nicht mehr so aufsehenerregend sind wie in früheren Zeiten, als sich nur

                                                                                   75
die Reichen Gewürze leisten konnten. Heute gibt es das alles auch bei uns zu
kaufen.
An seinem Stand roch es, wie man sich die Bazars aus Tausendundeiner Nacht
vorstellt.
Der Mann mit dem biblischen Namen Abraham arbeitete in Jerusalem und wohnte
mit seiner Frau und sechzehn Kindern hinter der Grenze. „Ich bin ein Grenzgänger“,
erzählte er mir, ein bisschen stolz und ein bisschen traurig, „und das seit vielen
Jahren.“
Jeden Tag, frühmorgens, noch bevor es hell wurde, fuhr er mit seiner alten Karre voll
mit Gewürzen nach Jerusalem. An der Grenze musste er immer lange warten, denn
die Schlange der Wartenden wurde immer länger. Sie alle arbeiteten in Israel und
gingen am Abend wieder zurück in ihre Wohnung hinter der Grenze. Der alte Mann,
der kalendarisch eigentlich noch nicht alt war, aber von der Sonne verbrannt und von
der vielen Arbeit und den Entbehrungen gezeichnet, erzählte, dass er einmal ein
freier Mann war. Ein Nomade, der mit seinen Schafen und Ziegen durch das
damalige Palästina zog.
Jetzt hatte er keine Schaf- und Ziegenherde mehr. Auf dem einstigen Weideland
standen jetzt große Siedlungen, wo viele Menschen wohnten. Einige kannten ihn
schon. Sie winkten ihm zu, wenn sie ihn von Weitem kommen sahen und sie
unterhielten sich auch manchmal. Manche aber machten auch das Fenster zu, wenn
er mit seiner Karre vorüberzog. Und der alte Mann wusste nicht, warum.
Eines Tages geschah etwas Furchtbares: Ein junger Mann von einem
Selbstmordkommando hatte sich eine Bombe umgebunden und war damit in einen
Bus, der voll mit jungen Menschen besetzt war, gestiegen. Kaum war der Bus
losgefahren, geschah das Schreckliche: Die Bombe explodierte und alle
Mitfahrerinnen und Mitfahrer waren tot.
Daraufhin riegelte das Militär die Grenzen ab. Keiner durfte mehr hinüber und keiner
mehr herüber, denn der Mann mit der Bombe hatte vorher noch Zettel verteilt, auf
denen stand, dass es noch mehrere Attentate geben würde. Von heute auf morgen
hatte der Mann mit seinen sechzehn Kindern keine Erwerbsquelle mehr.
Er begriff es nicht. Was hatten er und seine kleine Karre mit dem schrecklichen
Attentat zu tun? Warum musste er für etwas büßen, das er nicht begangen hatte, das
er nicht wollte und verabscheute? Die Politik interessierte ihn nicht. Er verstand
nichts davon. Er wollte nur eines, mit allen in Frieden leben und mit seinem kleinen
Gewürzstand, durch den er ein bisschen Geld und seine Kinder etwas zu Essen
bekamen, auf dem Bazar stehen.
Nach dem Schrecklichen, als die Grenzen geschlossen waren, hatten sie noch für
ein paar Tage Vorräte. Aber als die zu Ende gingen, wusste der alte Mann keinen
Rat mehr. Schließlich nahm er seine Karre, lud die Gewürze auf und fuhr zur Grenze.

Teil 2:
Es war noch beinahe Nacht und er war der Einzige, der dort ankam. Nur ein junger
Soldat stand dort. Er war noch sehr jung und sah ein bisschen aus wie einer seiner
Söhne.
Der alte Mann hatte keine Angst. Er sagte dem jungen Soldaten, dass er
hinübermüsse, über die Grenze zum Markt, denn sonst würden seine sechzehn
Kinder und seine Frau verhungern. „Es geht nicht“, sagte der Soldat, „ich habe meine
Vorschriften.“
„Aber sie haben doch auch ein Herz“, sagte der alte Mann. „Es tut mir doch so
unendlich Leid, was geschehen ist“, sagte er. „Es ist so schrecklich.“


                                                                                  76
Der junge Soldat schaute ihn lange an, dann sagte er: „Fahren Sie mit ihrer Karre ein
Stückchen weiter unten über die Grenze, dort ist selten jemand.“
Der alte Mann wusste, dass der Junge in diesem Moment gegen seinen Befehl
handelte. Aber er wusste auch, dass er soeben sein Herz hatte sprechen lassen, als
ihm bewusste wurde, dass sonst vielleicht Kinder verhungern würden.
Nach drei Wochen war die Sperre vorüber und niemand hatte etwas bemerkt.
Zum Dank brachte der alte Mann dem jungen jeden Tag etwas mit, ein bisschen
Obst, ein paar Süßigkeiten, was er halt so erübrigen konnte. Und er nannte ihn fortan
Söhnchen. Und der junge Soldat lachte jedes Mal, wenn er das zu ihm sagte.
„Sehen Sie“, sagte der alte Mann zu mir, „ich musste ihnen das einfach erzählen,
damit ihr im Ausland wisst, dass es hier nicht nur Besetzer und Besetzte gibt,
sondern Menschen und Mitmenschen. Dass wir zwar Grenzen haben, dass es aber
auch Situationen gibt, die zeigen, dass diese Grenzen durch Toleranz und Mitleid
grenzenlos sind.“
(Aus: M. Stiefl-Cermak, Der Grenzgänger, in: Michaelskalender 2003. Hrsg. v. d. Steyler Missionaren, St. Gabriel 2002, S.90f)




Text 2:

Ein Wolf und ein Lämmlein kamen beide von ungefähr an einen Bach, um zu trinken.
Der Wolf trank oben am Bach, das Lämmlein aber weiter unten. Als der Wolf das
Lämmlein erblickte, sprach er zu ihm: „Warum trübst du mir das Wasser, so dass ich
nicht trinken kann?“
Das Lämmlein erwiderte: „Wie kann ich dir das Wasser trüben, da du doch über mir
trinkst? Eher könntest du es mir trüben.“
Der Wolf sprach: „Wie? Beschimpfst du mich noch dazu?“
Das Lämmlein antwortete: „Ich beschimpfe dich nicht.“
„Doch“, sprach der Wolf, „und dein Vater fügte mir vor sechs Monaten gleiches zu.“
Das Lämmchen antwortete: „Warum soll ich für meinen Vater büßen?“
Der Wolf sprach: „Du hast mir auch meine Wiesen und Äcker angenagt und
verdorben.“
Das Lämmlein antwortete: „Wie ist das möglich? Habe ich doch noch keine Zähne!“
„Ei“, sprach der Wolf, „wenn du auch viel schwätzen kannst, so muss ich dennoch
heute etwas zu fressen haben!“
Und er erwürgte das unschuldige Lämmlein und fraß es.

Diese Fabel zeigt an, dass Gewalt vor Recht geht und wackere Leute leiden müssen,
sollte man gleich den Grund von einem alten Zaun brechen. Wenn man dem Hunde
zu Leibe will, so hat er eben das Leder gefressen. Wenn der Wolf es will, so hat das
Schaf nun einmal unrecht.

Martin Luther
(Aus: Ein bisschen Leben will ich nicht. Dreihundertfünfundsechzig Texte zum Aufwachen. Hrsg. v. A. Kammandel, coprint
Druck- und Verlagsgesellschaft, Wiesbaden 1985, S.104f)




                                                                                                                           77
Text 3:

Keine Staatsgrenzen können uns hindern, unseren Dienst auf unsere Nachbarn
auszudehnen; diese Grenzen hat nicht Gott gezogen.

Mahatma Gandhi
(Aus: Michaelskalender 2003. Hrsg. v. d. Steyler Missionaren, St. Gabriel 2002, S.75)


Text 4:

Es geht nicht darum, Grenzen zu verschieben, sondern ihnen den trennenden
Charakter zu nehmen.

Richard von Weizsäcker

(Aus: Michaelskalender 2003. Hrsg. v. d. Steyler Missionaren, St. Gabriel 2002, S.44)




                                                                                        78
5.2. Politisches Handeln als Grenzüberschreitung


Baustein 1:               Strukturen der Sünde heute
Wenn wir die Nachrichten hören, werden wir von Schlagworten wie Macht, Weltherrschaft, Krieg um
Erdöl, Ausbeutung usw. täglich überhäuft und fast erstickt. Was bedeuten diese
Strukturveränderungen weltweit? Immer größer wird die Kluft zwischen Reich und Arm, zwischen
„Gut“ und „Böse“, jedoch sind wir meist wie gelähmt und fragen uns, was wir konkret dagegen tun
können. So sind wir als Christen immer wieder – und heute mehr denn je – dazu aufgefordert, sich mit
Fragen wie:
 Was sind Strukturen der Sünde heute?
 Was bewirken diese in der Menschheit?
 Wie sind sie überwindbar?
 Welches Handeln ist von jeder und jedem von uns gefragt?
auseinander zusetzen.


Ziel:
Die Teilnehmer (TN) setzen sich mit Hilfe der Texte der Sozialenzyklika „soliciduo rei
socialis“ mit Strukturen der Sünde heute auseinander und suchen gemeinsam nach
einer möglichen Überwindung im Alltag.

Dauer:
Ca. 1-1,5 Stunden

Materialien:
Kopien der Texte 2 bis 4 (Auszüge aus der Sozialenzyklika), Kopien des Textes 5
„Eine theologische Analyse der modernen Probleme“ zum Mitnachhause Nehmen
(freiwillig als Angebot), Flipchartpapier, Stifte


Ablauf:
1. Schritt:
Die TN teilen sich in drei Gruppen auf. Jede Gruppe bekommt Kopien (pro TN eine
Kopie) eines Textes (Text 2, Text 3, Text 4; siehe unten) und jeder liest sich das gut
durch. Miteinander werden die jeweiligen Texte – unter dem Aspekt der „Strukturen
der Sünde“ und was das für uns bedeutet bzw. wie diese von uns gesehen und
wahrgenommen werden – in Form einer Sequenzanalyse gut durchgearbeitet.39
Dabei sollten vor allem die persönlichen Erfahrungen und Meinungen der TN
einfließen, damit die Texte lebendiger werden:
Der erste Satz/ der erste Absatz wird aufgeschrieben. Die TN gehen zunächst einmal
den Inhalt des Satzes/ des Absatzes durch, dann die einzelnen Wörter/ die einzelnen
Sätze
                     - was bedeutet dieses Wort/ dieser Satz im allgemeinen,

39
     Gemeinsam sind die Texte der Enzyklika besser zu lesen und zu erarbeiten als allein, dessen sollen
sich die TN bewusst sein.

                                                                                                    79
                    - was bedeutet es/ er für mich,
                    - was bedeutet es/ er in diesem Satz/ in diesem Absatz,
dann wird die Bedeutung des Satzes/ des Absatzes besprochen, prinzipiell – für mich
– in diesem Text.
Danach wird der zweite Satz/ der zweite Absatz aufgeschrieben und genauso wie
oben analysiert. Diese Methode bietet den TN eine intensive Auseinandersetzung mit
dem Text.
Die jeweiligen Ergebnisse werden entweder auf Flipchartpapier oder auf einem
kleinen Papier mitgeschrieben.

2. Schritt:
In den Gruppen werden die wichtigsten Erkenntnisse und Ergebnisse aus den
Texten der Enzyklika zusammengefasst und auf Flipchartpapier festgehalten.

3. Schritt:
Mit diesen Ergebnisse kommen die TN im Plenum zusammen und tauschen die
Ergebnisse aus den Gruppen aus.

4. Schritt:
Im Plenum wird nun gemeinsam erörtert:
     Was sind die Strukturen der Sünde heute?
Die Strukturen der Sünde heute werden benannt und festgehalten.
     Wie gehen wir damit um
       - als einzelne
       - als Bürger
       - als Christen?
     Welche Strategien gibt es gegen die Strukturen der Sünde?
     In welcher Weise können wir als Christen gegen die Strukturen der Sünde in
       der EINEN Welt handeln?
     Was können wir in unserer Pfarre machen?40

5. Schritt:
Zum Schluss wird auf den Text 5 „Eine theologische Analyse der modernen
Probleme“ als Angebot zum Mitnehmen hingewiesen und möglicherweise noch
gemeinsam gebetet.




Baustein 2: Wider das Mehr-Haben oder Grenzen des
            Besitzes im internationalen Kontext
Der Hl. Ambrosius sagt im 4. Jahrhundert: „Dein Besitz ist nicht dein Gut, mit dem du dich gegen die
Armen großzügig erweist. Du gibst nur zurück, was den Armen gehört. Denn du hast nur
herausgenommen, was zur gemeinsamen Nutzung gegeben ist. Die Erde ist für alle da, nicht nur für
die Reichen.“ (aus: Sieder, Gegen den Strom, S. 86)
Papst Paul VI sagte dasselbe in seiner Sozialenzyklika „Populorum Progressio“: „Das Privateigentum
ist für niemand ein unbedingtes und unumschränktes Recht. Niemand ist befugt, seinen Überfluss
ausschließlich sich selbst vorzubehalten, wenn anderen das Notwendigste fehlt.“ (ebd. S. 87)

40
     Z.B. Aktionen, Aufklären der anderen Pfarrmitglieder, Zusammenschließen mit Jugendlichen usw.

                                                                                                  80
Ziel:
Die TN setzen sich mit den Grenzen zwischen Reichtum und Armut kritisch
auseinander und analysieren das Anwachsen der Kluft zwischen den Besitzenden
und Nicht-Besitzenden.

Dauer:
Ca. 1-1,5 Stunden

Materialien:
Große Bögen Papier, Stifte, Kärtchen, ev. zwei Pinnwände, CDs mit ruhiger Musik,
CD-Player


Ablauf:
1. Schritt:
Die beiden Aussprüche vom Hl. Ambrosius und Papst Paul VI werden auf ein großes
Blatt Papier geschrieben und im Raum gut sichtbar aufgehängt41:

              „Dein Besitz ist nicht dein Gut, mit dem du dich gegen die
              Armen großzügig erweist. Du gibst nur zurück, was den
              Armen gehört. Denn du hast nur herausgenommen, was zur
              gemeinsamen Nutzung gegeben ist. Die Erde ist für alle da,
              nicht nur für die Reichen.“
              Hl. Ambrosius

              „Das Privateigentum ist für niemand ein unbedingtes und
              unumschränktes Recht. Niemand ist befugt, seinen
              Überfluss ausschließlich sich selbst vorzubehalten, wenn
              anderen das Notwendigste fehlt.“
              Papst Paul VI

2. Schritt:
Die TN lassen die Aussprüche etwas auf sich wirken42 und schreiben dann auf
Kärtchen Wörter dazu auf, die ihnen spontan dazu einfallen. Diese stellen sie
anschließend dem Plenum vor und heften sie (auf die Pinnwand) zu dem jeweiligen
Spruch dazu.

3. Schritt:
Danach tauschen sich die TN in Form eines Gesprächs über ihr eigenes Verhältnis
zu Besitz aus:
     Was ist mir besonders wichtig am Besitz?
     Worauf kann ich überhaupt nicht verzichten bzw. wann fällt es mir besonders
      schwer, auf etwas zu verzichten?
     Worauf kann ich leicht verzichten?
     Welchen Stellenwert hat Geld und Besitz in meinem Leben?

41
     Z.B. auf Pinnwänden
42
     Dabei kann leise Hintergrundmusik gespielt werden

                                                                                   81
      
      Welche Gefühle löst es in mir aus, wenn ich viel Geld besitze oder wenn das
      Geld sehr knapp wird?
    Wie wirkt sich das auf mich selbst und auf meine Umwelt aus?
    Wie leicht/ schwer fällt mir das Teilen von Geld oder Besitz?
    Wann und wem spende ich?
    Warum werden zur Zeit so viele Gewinnspiele und dergleichen angeboten
      bzw. warum finden diese auch einen relativ großen Anklang?
Dieses Gespräch sollte sehr ehrlich geführt, aber nicht festgehalten/ aufgeschrieben
werden.

4. Schritt:
Nach diesem Gespräch sollen die TN analysieren, welchen Beitrag jeder einzelne
leisten könnte, um weltweit die Kluft zwischen arm und reich zu verringern.




Baustein 3:             Armut und WTO
Auf der einen Seite stehen die Milleniumsziele der UNO auf der anderen Seite die GATS-
Geheimverhandlungen der WTO. Grenzen zwischen Reich und Arm werden größer. Wo führt das hin?
Wo stehen wir? Was wissen wir davon? In welcher Weise wird es uns alle betreffen?


Ziel:
Die TN sollen sich mit Hilfe der Unterlagen/ Texte/ Dokumente mit den Chancen und
Gefahren der Globalisierung auseinandersetzen und ihr Bewusstsein dafür schärfen.

Dauer:
Ca. 1 Stunde

Materialien:
Kopien der Dokumente (siehe Text 6), Flipchartpapier, Stifte


Ablauf:
1. Schritt:
Die Texte werden ausgeteilt und jeder TN liest sich diese genau durch 43. Mit einem
Marker oder Bleistift merkt jeder an, welche Stellen ihm besonders positiv oder
negativ aufgefallen sind.

2. Schritt:
Diese markanten Stellen, die sich jeder TN angezeichnet hat, werden im Plenum
besprochen bzw. auch nachgefragt, diskutiert.




43
     Wenn von den TN gewünscht, können auch wieder Kleingruppen zu den jeweiligen Texten gebildet
werden

                                                                                              82
3. Schritt:
Danach wird speziell der Text über GATS zur Hand genommen und analysiert:
     Welche Auswirkungen hat das GATS auf uns?
     Welche Auswirkungen hat das GATS auf Länder des Südens?
     Wie gehen wir damit um?
     Was können wir dagegen machen?
     Warum müssen wir uns auch als Christen damit auseinandersetzen und
      welche Perspektiven haben wir als Alternativen von der Welt bzw. von der
      Globalisierung?
Die Ergebnisse werden auf einem Flipchartpapier festgehalten.

4. Schritt:
Wenn ein Internetzugang vorhanden ist, können sich die TN darüber informieren, wie
sie gegen GATS agieren können: www.stoppgats.at

5. Schritt:
Mit einem Gebet für die EINE Welt und die Aufgabe der Verringerung der Kluft
zwischen Arm und Reich kann die Männerrunde beendet werden.




Texte:

Text 1:

Gebet für die Reichen

Herr, hilf allen, die sich bereichert haben,
und sei es auch durch harte Arbeit.
Überzeuge sie,
dass die beste Erbschaft für ihre Kinder
das lebendige Beispiel der Gerechtigkeit ist,
des offenen Herzens und der offenen Hände,
der Freiheit vom Geld,
das zum Dienen gebraucht wird
und nicht zum Götzen erhoben wird.
Ein Scheckbuch lässt sich in den Tod nicht mitnehmen.
Angesichts der Ewigkeit gibt es eine einzige Währung –
getane, gelebte Liebe.“

Erzbischof Helder Camara
(Aus: Gegen den Strom. Politische Predigten & Reden von Franz Sieder. Hrsg. v. F. Simmer & M. Bramberger,
Betriebsseelsorge Amstetten, Amstetten 2001, S.93)




                                                                                                            83
Text 2:

21. Das zeigt sich mit besonders negativer Auswirkung in den internationalen
Beziehungen, die die Entwicklungsländer betreffen. Die Spannung zwischen Ost und
West ist ja eigentlich, wie bekannt, nicht ein Gegensatz zwischen zwei
unterschiedlichen Graden von Entwicklung, sondern eher zwischen zwei
Auffassungen von der Entwicklung der Menschen und Völker, die beide
unvollkommen sind und als solche eine tiefgreifende Korrektur erfordern. Dieser
Gegensatz wird dann in jene Länder eingeführt und trägt so zur Verbreiterung des
Grabens bei, der bereits auf wirtschaftlicher Ebene zwischen Nord und Süd besteht
und die Folge des Abstandes der entwickelten von der weniger entwickelten Welt
darstellt.
Das ist einer der Gründe, warum die Soziallehre der Kirche eine kritische Haltung
gegenüber dem liberalistischen Kapitalismus wie dem kollektivistischen Marxismus
einnimmt. Und in der Tat, von der Entwicklung her gesehen, stellt sich die spontane
Frage: Auf welche Weise oder in welchem Maße lassen diese beiden Systeme
Veränderungen oder Anpassungen zu, so dass eine echte und umfassende
Entwicklung des Menschen und der Völker in der heutigen Gesellschaft begünstigt
oder gefördert würde? Solche Veränderungen und Anpassungen sind für die Sache
einer gemeinsamen Entwicklung aller dringend und unerlässlich.
Die eben erst unabhängig gewordenen Länder, die für ihre Anstrengungen, eine
eigene kulturelle und politische Identität zu erlangen, den wirksamen und selbstlosen
Beitrag der reicheren und entwickelteren Länder nötig hätten, sehen sich in
ideologische Konflikte hineingezogen - und manchmal sogar von ihnen überwältigt -,
die im Innern des Landes unvermeidliche Spaltungen erzeugen und in gewissen
Fällen sogar wahre Bürgerkriege entfesseln. Dies auch deswegen, weil die
Investitionen und Entwicklungshilfen oft ihrem eigentlichen Zweck entzogen und dazu
missbraucht werden, Gegensätze zu vertiefen, außerhalb und sogar gegen die
Interessen der Länder, die dadurch gefördert werden sollten. Viele von ihnen werden
sich immer mehr der Gefahr bewusst, zu Opfern eines Neokolonialismus zu werden,
und versuchen, sich herauszuhalten. Ein solches Bewusstsein hat, wenn auch unter
Schwierigkeiten, Schwankungen und gelegentlichen Widersprüchen, die
internationale Bewegung der blockfreien Länder hervorgebracht, die, was ihre
positive Ausrichtung betrifft, das Recht jedes Volkes auf seine Identität, auf seine
Unabhängigkeit und Sicherheit sowie, auf der Grundlage von Gleichheit und
Solidarität, das Recht zur Nutzung der Güter, die für alte Menschen bestimmt sind, in
wirksamer Weise vertreten möchte.
(Aus: Enzyklika Sollicitudo Rei Socialis, Kap. III, Abs. 21. Hrsg. v. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Kaiserstraße
163, 5300 Bonn 1, 1987)




Text 3:

23. Die Feststellung der Enzyklika Populorum Progressio, dass die zur Verfügung
stehenden Mittel und Investitionen, die für die Waffenproduktion vorgesehen sind,
verwendet werden müssten, um das Elend der darbenden Bevölkerungen zu mildern,
macht den Appell, den Gegensatz zwischen den beiden Blöcken zu überwinden,
noch dringender.
Praktisch dienen heute solche Mittel dazu jedem der beiden Blöcke zu ermöglichen,
Vorteile gegenüber dem anderen zu erringen und so die eigene Sicherheit zu
garantieren. Diese Einstellung, ein Fehler von Anfang an, erschwert es den Nationen,

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die in historischer, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht die Möglichkeit besitzen,
eine Führungsrolle zu übernehmen, ihrer Verpflichtung, sich den Völkern solidarisch
zu erweisen, die ihre volle Entwicklung anstreben, hinreichend nachzukommen.
Es ist angebracht, an diesem Punkt darauf hinzuweisen - und es sollte nicht als
Übertretung erscheinen -, dass eine Führungsrolle unter den Nationen nur von der
Möglichkeit und Bereitschaft gerechtfertigt werden kann, umfassend und großzügig
zum Gemeinwohl beizutragen.
Eine Nation, die mehr oder weniger bewusst der Versuchung nachgäbe, sich in sich
selbst zu verschließen und der Verantwortung nicht nachzukommen, die sich aus
ihrer Überlegenheit im Verbund der Nationen ergibt, würde in schwerwiegender
Weise ihre eindeutige ethische ,wicht verletzen. Das ist leicht zu erkennen in einer
geschichtlichen Situation, in der der gläubige Mensch die Fügungen der göttlichen
Vorsehung wahrnimmt, die gewillt ist, sich der Nationen für die Verwirklichung ihrer
Pläne zu bedienen wie auch ,,die Pläne der Völker zunichte zumachen" (vgl. Ps
33,10). Wenn der Westen den Eindruck macht, sich in Formen einer wachsenden
egoistischen Isolierung zurückzuziehen, und der Osten seinerseits aus fragwürdigen
Gründen die eigene Verpflichtung zu ignorieren scheint, den Einsatz für die
Erleichterung des Elends der Völker mitzutragen, handelt es sich nicht nur um einen
Verrat an den berechtigten Erwartungen der Menschheit, der unvorhersehbare
Folgen ahnen lässt, sondern um ein echtes Versagen vor einer moralischen
Verpflichtung.

24. Wenn bereits die Produktion von Waffen in Anbetracht der wahren
Notwendigkeiten der Menschen und des erforderlichen Einsatzes von geeigneten
Mitteln, um ihnen zu genügen, ein schwerer Missstand in der heutigen Welt ist, so ist
dies ebenso der Handel mit solchen Waffen. Was diesen angeht, so muss man
hinzufügen, so ist das moralische Urteil sogar noch strenger. Bekanntlich handelt es
sich um ein Geschäft ohne Grenzen und dazu fähig, sogar die Mauern der Blöcke zu
überwinden. Es versteht sich darauf, die Trennungslinie zwischen Ost und West und
vor allem jene zwischen Nord und Süd zu überschreiten und sogar, was noch
schwerwiegender ist, in die verschiedenen Strukturen der südlichen Zone der Erde
einzudringen. So befinden wir uns vor einem seltsamen Phänomen: Während
Wirtschaftshilfen und Entwicklungspläne auf das Hindernis unüberwindlicher
Barrieren von Ideologien sowie von Steuer- und Handelsgesetzen stoßen, fließen
Waffen jeglicher Herkunft fast ungehindert in alle Teile der Welt. Und jedermann weiß
- wie das kürzlich erschienene Dokument der Päpstlichen Kommission Iustitia et Pax
über die internationale Verschuldung hervorhebt42 -, dass in gewissen Fällen die
Gelder, die von der entwickelten Welt als Darlehen gegeben werden, in der
unterentwickelten Welt zum Erwerb von Waffen benutzt werden.
Wenn man all dem die weithin bewusste furchtbare Gefahr hinzufügt, die von den
unglaublich angewachsenen Vorräten an Atomwaffen ausgeht, scheint dies die
logische Konsequenz zu sein: Statt sich um eine echte Entwicklung zu sorgen, die
alle zu einem ,,humaneren" Leben führen könnte - wie es sich die Enzyklika
Populorum Progressio erhofft hatte -, scheint sich das Bild der heutigen Welt,
einschließlich der Wirtschaft, schneller und schneller auf eine tödliche Vernichtung
hinzubewegen.
Die Folgen dieser Lage der Dinge zeigen sich in der Zunahme einer Plage, die
typisch und bezeichnend ist für die Ungleichgewichte und Konflikte der heutigen
Welt: die Millionen von Flüchtlingen, denen Kriege, Naturkatastrophen, Verfolgungen
und Diskriminierungen aller Art Heim, Arbeit Familie und Vaterland geraubt haben.
Die Tragödie dieser Menschenmengen spiegelt sich im niedergeschlagenen Antlitz

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der Männer, Frauen und Kinder wider, die in einer geteilten und ungastlich
gewordenen Welt keine Heimstatt mehr finden können. Man darf auch nicht die
Augen schließen vor einer weiteren schmerzhaften Plage der heutigen Welt: vor dem
Phänomen des Terrorismus, verstanden als Vorsatz, unterschiedslos Menschen zu
töten Güter zu zerstören und gerade so ein Klima des Schreckens und der
Unsicherheit zu schaffen, oft auch verbunden mit Geiselnahme. Auch wenn man als
Motivation dieser unmenschlichen Praxis irgendeine Ideologie oder die Errichtung
einer besseren Gesellschaft anführt, sind terroristische Akte niemals zu rechtfertigen.
Das sind sie noch weniger, wenn solche Beschlüsse und Täten, durch die es
manchmal zu wahren Blutbädern kommt, sowie manche Entführungen unschuldiger
Menschen außerhalb der Konflikte einem propagandistischen Zweck zum Vorteil der
eigenen Sache dienen sollen oder wenn sie, was noch schlimmer ist, als Ziel an sich
gewollt sind, so daß man allein darum tötet, um zu töten. Angesichts von soviel
Entsetzen und Leid behalten jene Worte stets ihren Wert, die ich vor einigen Jahren
ausgesprochen habe und hier noch einmal wiederholen möchte: "Das Christentum
verbietet ..., die Wege des Hasses einzuschlagen sowie das Mittel des Mordes an
wehrlosen Personen und die Methode des Terrorismus zu benutzen".
(Aus: Enzyklika Sollicitudo Rei Socialis, Kap. III, Abs. 23-24. Hrsg. v. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz,
Kaiserstraße 163, 5300 Bonn 1, 1987)




Text 4:
26. Ein solches vorwiegend negatives Bild der realen Situation der Entwicklung in der
Welt von heute wäre nicht vollständig wenn nicht auch das gleichzeitige
Vorhandensein von positiven Aspekten aufgezeigt würde.
Das erste positive Merkmal ist das wache Bewusstsein sehr vieler Männer und
Frauen von der eigenen Würde und der eines jeden Menschen. Dieses Bewusstsein
kommt zum Beispiel in der überall auflebenden Sorge um die Achtung der
Menschenrechte und in einer entschiedeneren Zurückweisung ihrer Verletzungen
zum Ausdruck. Ein deutliches Zeichen dafür ist die Zahl der privaten Vereinigungen,
einige von weltweiter Bedeutung, die in jüngster Zeit dafür entstanden sind; fast alle
bemühen sich darum, mit großer Sorgfalt und lobenswerter Objektivität das
internationale Geschehen in diesem so delikaten Bereich zu verfolgen.
Auf dieser Ebene muss man den Einfluss anerkennen den die Erklärung der
Menschenrechte ausübt, die vor ungefähr vierzig Jahren von der Organisation der
Vereinten Nationen verkündet worden ist. Ihr Vorhandensein als solches und ihre
fortschreitende Annahme von Seiten der internationalen Gemeinschaft sind ein
Zeichen für ein Bewusstsein das sich immer mehr durchsetzt. Dasselbe muss man,
immer im Bereich der Menschenrechte auch von den anderen Rechtsmitteln
derselben Organisation der Vereinten Nationen oder anderer internationaler Organe
sagen.
Das Bewusstsein, von dem wir hier sprechen meint nicht nur die einzelnen Personen,
sondern auch die Nationen und Völker die als Körperschaften mit bestimmter
kultureller Identität für die Wahrung freie Handhabung und Förderung dieses
kostbaren Erbes besonders aufgeschlossen sind.
Gleichzeitig breitet sich in der durch alle Art von Konflikten entzweiten und
verworrenen Welt die Überzeugung von einer tiefen wechselseitigen Abhängigkeit
aus und folglich auch die Forderung nach einer Solidarität, die diese aufgreift und auf
die moralische Ebene überträgt. Mehr als in der Vergangenheit werden sich die
Menschen heute dessen bewusst, durch ein gemeinsames Schicksal verbunden zu
sein, das man vereint gestalten muss, wenn die Katastrophe für alle vermieden

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werden soll. Aus der tiefen Erfahrung von Sorge und Angst sowie von Fluchtmitteln
wie den Drogen, die für die Welt von heute charakteristisch sind, erhebt sich
allmählich die Einsicht, dass das Gut, zu dem wir alle berufen sind, und das Glück,
nach dem wir uns sehnen, ohne die Anstrengung und den Einsatz aller, niemanden
ausgeschlossen, und ohne konsequenten Verzicht auf den eigenen Egoismus nicht
erreicht werden können.
Hier fügt sich auch als Zeichen für die Achtung vor dem Leben trotz aller
Versuchungen, es zu zerstören, von der Abtreibung bis zur Euthanasie - die
gleichzeitige Sorge um den Frieden ein und wiederum das Bewusstsein davon, dass
dieser unteilbar ist: Fr gehört entweder allen oder niemandem; ein Friede, der immer
mehr die strenge Beachtung der Gerechtigkeit und folglich die gerechte Verteilung
der Früchte wahrer Entwicklung fordert.48 Unter die positiven Zeichen der
Gegenwart muss man auch das wachere Bewusstsein von der Begrenztheit der
verfügbaren Grundstoffe zählen; ferner die Notwendigkeit, die Unversehrtheit und die
Rhythmen der Natur zu achten und bei der Planung der Entwicklung zu
berücksichtigen, ohne diese bestimmten demagogischen Auffassungen von ihr zu
opfern. Wir bezeichnen dies heute als Sorge für die Umwelt.
Es ziemt sich, auch den Einsatz von Personen in Regierung, Politik, Wirtschaft und
Gewerkschaften, in der Wissenschaft und im internationalen Leben anzuerkennen,
die sich - oft von religiösem Glauben inspiriert - darum bemühen, mit nicht geringen
persönlichen Opfern und mit Hochherzigkeit die Übel der Welt zu überwinden, und
alles daran setzen, dass immer mehr Männer und Frauen sich der Wohltaten des
Friedens und einer Lebensqualität erfreuen können, die diesen Namen verdient.
Dazu tragen in nicht geringem Maße die großen internationalen und einige regionale
Organisationen bei, deren vereinte Anstrengungen Initiativen von größerer
Wirksamkeit ermöglichen.
Auch durch diese Beiträge ist es einigen Entwicklungsländern trotz der Last
zahlreicher negativer Voraussetzungen gelungen, eine gewisse Selbstversorgung in
der Ernährung oder eine Stufe der Industrialisierung zu erreichen, die es ihnen
gestattet, in Würde zu überleben und der aktiven Bevölkerung Arbeitsplätze zu
beschaffen.
(Aus: Enzyklika Sollicitudo Rei Socialis, Kap. III, Abs. 26. Hrsg. v. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Kaiserstraße
163, 5300 Bonn 1, 1987)




Text 5:

V. Eine theologische Analyse der modernen Probleme

35. Im Lichte dieses wesentlichen moralischen Charakters der Entwicklung sind auch
die Hindernisse zu betrachten, die sich ihr entgegenstellen. Wenn es während der
Jahre seit der Veröffentlichung der Enzyklika Pauls VI. keine Entwicklung gegeben
hat - oder sie nur in geringem, unregelmäßigem, wenn nicht geradezu
widersprüchlichem Maße stattgefunden hat -, können die Gründe dafür nicht nur
wirtschaftlicher Natur sein. Wie bereits angedeutet, sind dabei auch politische Motive
im Spiel. Die Entscheidungen, die die Entwicklung der Völker vorantreiben oder
hemmen, sind ja gewiss Faktoren von politischem Charakter. Um die oben
genannten entarteten Mechanismen zu überwinden und sie durch neue, gerechtere
zu ersetzen, die dem Gemeinwohl der Menschheit mehr entsprechen, bedarf es
eines wirksamen politischen Willens. Leider muss man aber nach einer Analyse der
Situation feststellen, dass dieser bisher unzureichend gewesen ist.

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In einem pastoralen Dokument wie dem vorliegenden wäre aber eine Analyse, die
sich ausschließlich auf wirtschaftliche und politische Ursachen der Unterentwicklung
(und analog auch der sogenannten Überentwicklung) beschränken würde,
unvollständig. Es ist deshalb erforderlich, die Ursachen moralischer Natur zu
ermitteln, die auf der Ebene des Verhaltens der Menschen als verantwortliche
Personen wirken, um den Fortgang der Entwicklung zu hemmen und ihre Vollendung
zu verhindern.
Wenn wissenschaftliche und technische Hilfsmittel zur Verfügung stehen, die
zusammen mit den notwendigen und konkreten politischen Entscheidungen endlich
dazu beitragen sollen, die Völker auf den Weg zu einer echten Entwicklung zu
bringen, dann erfolgt die Überwindung der hauptsächlichen Hindernisse ebenfalls nur
durch wesentlich moralische Entschlüsse, welche sich für die Glaubenden,
besonders für Christen, mit Hilfe der göttlichen Gnade an den Prinzipien des
Glaubens orientieren.

36. Deshalb ist zu betonen, dass eine in Blöcke geteilte Welt, die von starren
Ideologien gestützt werden und wo statt gegenseitiger solidarischer Abhängigkeit
verschiedene Formen von Imperialismus vorherrschen, nur eine Welt sein kann, die
"Strukturen der Sünde" unterworfen ist. Die Summe der negativen Faktoren, die sieh
in einem Sinne auswirken, der zu einem echten Bewusstsein vom umfassenden
Gemeinwohl und von der Aufgabe, diese zu fördern, im Gegensatz steht, macht den
Eindruck, in Personen und Institutionen eine Barriere zu schaffen, die nur schwer zu
überwinden ist.
Wenn die heutige Situation Schwierigkeiten unterschiedlicher Natur zuzuschreiben
ist, so ist es nicht verfehlt, von "Strukturen der Sünde" zu sprechen, die, wie ich im
Apostolischen Schreiben Reconciliato Paenitentia festgestellt habe, in persönlicher
Sünde ihre Wurzeln haben und daher immer mit konkreten Taten von Personen
zusammenhängen, die solche Strukturen herbeiführen, sie verfestigen und es
erschweren, sie abzubauen.
Und so verstärken und verbreiten sie sich und werden zur Quelle weiterer Sünden,
indem sie das Verhalten der Menschen negativ beeinflussen.
"Sünde" und "Strukturen der Sünde" sind Kategorien, die nicht oft auf die Situation
der Welt von heute angewandt werden. Man gelangt aber nicht leicht zu einem
tieferen Verständnis der Wirklichkeit, wie sie sich unseren Augen darbietet, wenn
man der Wurzel der Übel, die uns bedrängen, nicht auch einen Namen gibt.
Man kann gewiss von "Egoismus" und von "Kurzsichtigkeit" sprechen; man kann auf
"falsche politische Einschätzungen", auf "unkluge wirtschaftliche Entscheidungen"
hinweisen. In jeder dieser Wertungen bemerkt man jedoch ein Echo ethisch-
moralischer Natur. Die Lage des Menschen ist derartig, dass eine tiefere Analyse von
Taten und Unterlassungen der Personen erschwert wird, wenn man nicht in der
einen oder anderen Weise Urteile oder Bezüge ethischer Natur mit einschließt.
Diese Wertung ist an sich positiv zu sehen, vor allem wenn sie daraus sämtliche
Folgen zieht und sich auf den Glauben an Gott und auf sein Gesetz gründet, dass
das Gute vorschreibt und das Böse verbietet.
Darin besteht der Unterschied zwischen der Art von sozialpolitischer Analyse und
dem ausdrücklichen Hinweis auf die "Sünde" und auf "Strukturen der Sünde". Bei
dieser letzteren Sichtweise kommen der Wille des dreimal heiligen Gottes, sein Plan
mit den Menschen, seine Gerechtigkeit und sein Erbarmen mit ins Spiel.
Gott, der reich ist an Erbarmen, der Erlöser der Menschen, der Herr und Geber des
Lebens, fordert von den Menschen bestimmte Verhaltensweisen, die sich auch in
Handlungen oder Unterlassungen gegenüber dem Nächsten ausdrücken. Hierin liegt

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ein Bezug auf die "zweite Tafel" der Zehn Gebote (vgl. Ex 20,12-17; Dt 5,16-21);
durch deren Nichtbeachtung beleidigt man Gott und schadet dem Nächsten, wobei
man Abhängigkeiten und Hindernisse in die Welt einführt, die viel weiter reichen als
die Taten selbst und die kurze Lebensspanne des einzelnen Menschen. Sie wirken
sich auch auf den Prozess der Entwicklung der Völker aus, dessen Verzögerung
oder zu langsames Voranschreiten auch in diesem Licht zu beurteilen.

37. An diese allgemeine Analyse religiöser Natur können sich nun einige mehr ins
einzelne gehende Überlegungen anschließen, um zu bemerken, dass die
bezeichnendsten Handlungen und Verhaltensweisen, die im Gegensatz zum Willen
Gottes und zum Wohl des Nächsten stehen, sowie die "Strukturen", die sie
herbeiführen, heute vor allem zwei zu sein scheinen: auf der einen Seite die
ausschließliche Gier nach Profit und auf der anderen Seite das Verlangen nach
Macht mit dem Vorsatz, anderen den eigenen Willen aufzuzwingen. Jeder dieser
Verhaltensweisen kann man, um sie noch treffender zu kennzeichnen, die
Qualifizierung hinzufügen: "um jeden Preis". Mit anderen Worten, wir stehen vor
einer Absolutsetzung menschlicher Verhaltensweisen mit allen ihren möglichen
Folgen.
Auch wenn beide Haltungen an sich voneinander getrennt werden können, weil die
eine ja ohne die andere zu existieren vermag, finden sie sich doch in dem Bild, das
sich unseren Augen darbietet, unauflöslich verbunden, mag auch die eine oder die
andere vorherrschen.
Dieser doppelten sündhaften Haltung verfallen offensichtlich nicht nur
Einzelpersonen, sondern auch Nationen und Blöcke. Das begünstigt noch mehr das
Entstehen von "Strukturen der Sünde", von denen ich gesprochen habe. Wenn man
gewisse Formen eines modernen "Imperialismus" im Licht dieser moralischen
Kriterien betrachten würde, könnte man entdecken, dass sich hinter bestimmten
Entscheidungen, die scheinbar nur von Wirtschaft oder Politik getragen sind,
wahrhafte Formen von Götzendienst verbergen: gegenüber Geld, Ideologie, Klasse
oder Technologie.
Mit dieser Analyse wollte ich vor allem die wahre Natur des Bösen aufzeigen, mit der
wir es bei der Frage der Entwicklung der Völker zu tun haben: Es handelt sich um ein
moralisches Übel, die Frucht vieler Sünden, die zu "Strukturen der Sünde" führen.
Das Böse so zu erkennen bedeutet, auf der Ebene menschlichen Verhaltens den
Weg genau anzugeben, den man gehen muss, um es zu überwinden.

38. Es ist ein langer und umständlicher Weg, weil er zudem noch unter ständiger
Bedrohung steht, sei es durch die innere Zerbrechlichkeit menschlicher Vorsätze und
Taten, sei es durch die Wandelbarkeit der äußeren, oft nicht vorhersehbaren
Umstände. Auf jeden Fall muss man den Mut haben, diesen Weg aufzunehmen und,
wenn einige Schritte getan sind oder ein Teil der Wegstrecke durchschritten ist, ihn
bis zum Ende zu gehen.
Im Rahmen solcher Überlegungen enthält die Entscheidung, sich auf den Weg zu
machen oder den Weg fortzusetzen, vor allem einen moralischen Wert, den gläubige
Männer und Frauen als von Gottes Willen gefordert anerkennen, dem einzigen
wahren Fundament einer Ethik mit absoluter Verpflichtung.
Es ist zu wünschen, dass auch die Männer und Frauen, die keinen ausdrücklichen
Glauben haben, davon überzeugt sind, dass die Hindernisse, die einer vollen
Entwicklung entgegenstehen, nicht nur wirtschaftlicher Natur sind, sondern von
Grundhaltungen abhängen, die sich für den Menschen als absolute Werte darstellen.
Deshalb ist zu hoffen, dass alle, die im einen oder anderen Maße für ein

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"menschlicheres Leben" gegenüber ihren Mitmenschen verantwortlich sind, seien sie
von einem religiösen Glauben inspiriert oder nicht, sich vollkommen Rechenschaft
geben über die dringende Notwendigkeit einer Änderung der geistigen Haltungen,
welche die Beziehungen eines jeden Menschen mit sich selbst, mit dem Nächsten,
mit den menschlichen Gemeinschaften, auch den entferntesten, sowie mit der Natur
bestimmen, und zwar aus der Kraft höherer Werte wie des Gemeinwohls oder, um
den glücklichen Ausdruck der Enzyklika Populorum Progressio aufzugreifen, der
vollen Entwicklung "des ganzen Menschen und aller Menschen".
Für die Christen wie für alle, die die genaue theologische Bedeutung des Wortes
"Sünde" anerkennen, heißt die Änderung des Verhaltens oder der Mentalität oder der
Lebensweise in biblischer Sprache "Umkehr" (vgl. Mk 1,15; Lk 13, 3.5; Jes 30, 15).
Diese Umkehr betrifft im einzelnen die Beziehung zu Gott, zur zugezogenen Schuld,
zu ihren Folgen und darum auch zum Nächsten als Individuum oder in Gemeinschaft.
Gott, in "dessen Händen die Herzen der Mächtigen sind" und aller anderen, ist es,
der die "Herzen aus Stein" nach seiner eigenen Verheißung und durch das Wirken
seines Geistes "in Herzen aus Fleisch" umzuwandeln vermag (vgl. Ez 36, 26).
Auf dem Wege zur ersehnten Umkehr und zur Überwindung der moralischen
Hindernisse für die Entwicklung kann man bereits das wachsende Bewusstsein der
gegenseitigen Abhängigkeit zwischen den Menschen und den Nationen als positiven
und moralischen Wert hervorheben. Dass Männer und Frauen in verschiedenen
Teilen der Welt Ungerechtigkeiten und Verletzungen der Menschenrechte, begangen
in fernen Ländern, die sie vielleicht niemals besuchen werden, als ihnen selbst
zugefügt empfinden, ist ein weiteres Zeichen einer Wirklichkeit, die sich in Gewissen
verwandelt hat und so eine moralische Qualität erhält.
Vor allem die Tatsache der gegenseitigen Abhängigkeit wird als entscheidendes
System von Beziehungen in der heutigen Welt mit seinen wirtschaftlichen,
kulturellen, politischen und religiösen Faktoren verstanden und als moralische
Kategorie angenommen. Wenn die gegenseitige Abhängigkeit in diesem Sinne
anerkannt wird, ist die ihr entsprechende Antwort als moralisches und soziales
Verhalten, als "Tugend" also, die Solidarität Diese ist nicht ein Gefühl vagen Mitleids
oder oberflächlicher Rührung wegen der Leiden so vieler Menschen nah oder fern.
Im Gegenteil, sie ist die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das
"Gemeinwohl" einzusetzen, das heißt, für das Wohl aller und eines jeden, weil wir
alle für alle verantwortlich sind. Eine solche Entschlossenheit gründet in der festen
Überzeugung, dass gerade jene Gier nach Profit und jener Durst nach Macht, von
denen bereits gesprochen wurde, es sind, die den Weg zur vollen Entwicklung
aufhalten. Diese Haltungen und "Strukturen der Sünde" überwindet man nur - neben
der notwendigen Hilfe der göttlichen Gnade mit einer völlig entgegengesetzten
Haltung mit dem Einsatz für das Wohl des Nächsten zusammen mit der Bereitschaft,
sich im Sinne des Evangeliums für den anderen zu "verlieren", anstatt ihn
auszubeuten, und ihm zu "dienen", anstatt ihn um des eigenen Vorteils willen zu
unterdrücken (vgl. Mt 10, 40-42; 20, 25; Mk 10, 42-45; Lk 22, 25-27).

39. Die Übung von Solidarität im Innern einer jeden Gesellschaft hat ihren Wert,
wenn sich ihre verschiedenen Mitglieder gegenseitig als Personen anerkennen.
Diejenigen, die am meisten Einfluss haben weil sie über eine (größere Anzahl von
Gütern und Dienstleistungen verfügen sollen sich verantwortlich für die Schwächsten
fühlen und bereit sein, Anteil an ihrem Besitz zu geben. Auf derselben Linie von
Solidarität sollten die Schwächsten ihrerseits keine rein passive oder
gesellschaftsfeindliche Haltung einnehmen, sondern selbst tun, was ihnen zukommt
wobei sie durchaus auch ihre legitimen Rechte einfordern. Die Gruppen der

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Mittelschicht ihrerseits sollten nicht in egoistischer Weise auf ihrem Eigenvorteil
bestehen, sondern auch die Interessen der anderen beachten. Positive Zeichen in
der heutigen Welt sind das wachsende Bewusstsein für die Solidarität der Armen
untereinander, ihre Initiativen gegenseitiger Hilfe, die öffentlichen Kundgebungen im
gesellschaftlichen Leben, wobei sie nicht zu Gewalt greifen, sondern die eigenen
Bedürfnisse und ihre Rechte angesichts von Unwirksamkeit oder Korruption
staatlicher Stellen deutlich machen. Kraft ihres Auftrages aus dem Evangelium fühlt
sich die Kirche an die Seite der Armen gerufen. um die ~ und zu deren Erfüllung
beizutragen, ohne den Blick für das Wohl der einzelnen Gruppen im Rahmen des
Gemeinwohls aller zu verlieren.

Derselbe Maßstab wird analogerweise auf die internationalen Beziehungen
angewandt. Die wechselseitige Abhängigkeit muss sich in eine Solidarität
verwandeln, die auf dem Prinzip gründet, dass die Güter der Schöpfung für alle
bestimmt sind: Was menschlicher Fleiß durch Verarbeitung von Rohstoffen und
Arbeitsleistung hervorbringt, muss dem Wohl aller in gleicher Weise dienen.
Indem die stärkeren und reicheren Nationen jeglichen Imperialismus und alle
Absichten, die eigene Hegemonie zu bewahren, überwinden, müssen sie sich für die
anderen moralisch verantwortlich fühlen, bis ein wirklich internationales System
geschaffen ist, das sich auf die Grundlage der Gleichheit aller Völker und auf die
notwendige Achtung ihrer legitimen Unterschiede stützt. Die wirtschaftlich
schwächeren Länder oder jene, deren Menschen gerade noch überleben können,
müssen mit Hilfe der anderen Völker und der internationalen Gemeinschaft in den
Stand versetzt werden, mit ihren Schätzen an Menschlichkeit und Kultur; die sonst
für immer verloren gehen würden, auch selbst einen Beitrag zum Gemeinwohl zu
leisten.

Die Solidarität hilft uns, den "anderen" - Person, Volk oder Nation - nicht als irgendein
Mittel zu sehen, dessen Arbeitsfähigkeit und Körperkraft man zu niedrigen Kosten
ausbeutet und den man, wenn er nicht mehr dient, zurücklässt, sondern als ein uns
"gleiches" Wesen, eine "Hilfe" für uns (vgl. Gen 2,18.20), als einen Mitmenschen
also, der genauso wie wir am Festmahl des Lebens teilnehmen soll, zu dem alle
Menschen von Gott in gleicher Weise eingeladen sind. Hieraus folgt, wie wichtig es
ist, das religiöse Gewissen der Menschen und Völker zu wecken.
So sind Ausbeutung, Unterdrückung und Vernichtung der anderen ausgeschlossen.
Bei der gegenwärtigen Teilung der Welt in einander entgegengesetzte Blöcke ballen
sich solche Tendenzen in der Gefahr von Krieg und der übertriebenen Sorge um die
eigene Sicherheit zusammen, oft auf Kosten der Autonomie, der freien Entscheidung
und sogar der territorialen Integrität der schwächeren Nationen, die in die
sogenannten "Einflusszonen" oder "Sicherheitsgürtel" einbezogen sind.
Die "Strukturen der Sünde" und die Sünden, die dort einmünden, widersetzen sich
mit gleicher Rationalität dem Frieden wie der Entwicklung, weil Entwicklung nach
dem bekannten Ausdruck der Enzyklika Papst Paul VI. "der neue Name für den
Frieden" ist.
Auf solche Weise wird Solidarität, wie wir sie vorschlagen, der Weg zum Frieden und
zugleich zur Entwicklung. Der Weltfriede ist in der Tat nicht denkbar ohne die
Anerkennung von Seiten der Verantwortlichen, dass die wechselseitige Abhängigkeit
schon von sich aus die Überwindung der Politik der Blöcke, den Verzicht auf jede
Form von wirtschaftlichem, militärischem oder politischem Imperialismus und die
Verwandlung des gegenseitigen Misstrauens in Zusammenarbeit fordert. Und diese
ist gerade der ureigene Akt der Solidarität zwischen Einzelpersonen und Nationen.

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Der Wahlspruch des Pontifikats meines verehrten Vorgängers Papst Pius XII. lautete:
Opus iustitiae pax - der Friede, die Frucht der Gerechtigkeit. Heute könnte man mit
derselben Genauigkeit und der gleichen Kraft biblischer Inspiration (vgl. Jes 32,17;
Jak 3,18) sagen: Opus solidarietatis pax - Friede, die Frucht der Solidarität.
Das von allen so sehr ersehnte Ziel des Friedens wird gewiss mit der Verwirklichung
der sozialen und internationalen Gerechtigkeit erreicht werden, aber auch mit der
Übung jener Tugenden, die das Zusammenleben fördern und das Leben in Einheit
lehren, um gemeinsam, im Geben und Nehmen, eine neue Gesellschaft und eine
bessere Welt zu schaffen.

40. Die Solidarität ist zweifellos eine christliche Tugend. Bereits in der
vorangegangenen Darlegung war es möglich, zahlreiche Berührungspunkte
zwischen ihr und der Liebe auszumachen, dem Erkennungszeichen der Jünger
Christi.
Im Licht des Glaubens strebt die Solidarität danach, sich selbst zu übersteigen, um
die spezifisch christlichen Dimensionen des völligen Ungeschuldetseins, der
Vergebung und der Versöhnung anzunehmen. Dann ist der Nächste nicht mehr nur
ein menschliches Wesen mit seinen Rechten und seiner grundlegenden Gleichheit
mit allen, sondern wird das lebendige Abbild Gottes, des Vaters, erlöst durch das Blut
Jesu Christi und unter das ständige Wirken des Heiligen Geistes gestellt.
Er muss also, auch als Feind, mit derselben Liebe geliebt werden, mit der ihn der
Herr liebt, und man muss für ihn zum Opfer bereit sein, auch zum höchsten: "das
Leben für die eigenen Brüder geben" (vgl. Joh 3,16).

Das Bewusstsein von der gemeinsamen Vaterschaft Gottes, von der Brüderlichkeit
aller Menschen in Christus, der "Söhne im Sohn", von der Gegenwart und dem
lebensschaffenden Wirken des Heiligen Geistes wird dann unserem Blick auf die
Welt gleichsam einen neuen Maßstab zu ihrer Interpretation verleihen. Jenseits der
menschlichen und naturgegebenen Bindungen, die schon so fest und eng sind, zeigt
sich im Licht des Glaubens ein neues Modell der Einheit des Menschengeschlechtes,
an dem sich die Solidarität in letzter Konsequenz inspirieren muss. Dieses höchste
Modell der Einheit ein Abbild des innersten Lebens Gottes, des Einen in drei
Personen, bezeichnen wir Christen mit dem Wort "Gemeinschaft" (communio). Eine
solche ausgesprochen christliche Gemeinschaft, die mit der Hilfe des Herrn sorgfältig
gepflegt, erweitert und vertieft wird, ist die Seele der Berufung der Kirche, um
"Sakrament" im bereits angegebenen Sinne zu sein.
Die Solidarität muss deshalb zur Verwirklichung dieses göttlichen Planes sowohl auf
individueller wie auch auf nationaler und internationaler Ebene beitragen.
Die "entarteten Mechanismen" und die "Strukturen der Sünde", von denen wir bereits
besprochen haben, können nur durch die Übung jener menschlichen und christlichen
Solidarität überwunden werden, zu der die Kirche einlädt und die sie unermüdlich
fördert. Nur auf diese Weise können sich viele positive Energien zum Vorteil für die
Entwicklung und den Frieden voll entfalten.

Viele von der Kirche heiliggesprochene Menschen bieten wunderbare Zeugnisse
einer solchen Solidarität und können uns als Beispiel in den gegenwärtigen
schwierigen Umständen dienen. Unter allen möchte ich an den hl. Petrus Claver
erinnern mit seinem Dienst an den Sklaven von Cartagena de Indias (Kolumbien)
oder an den hl. Maximilian Kolbe, der sein Leben für einen ihm unbekannten
Gefangenen im Konzentrationslager von Auschwitz-Oswiecim hingegeben hat.


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(Aus: Enzyklika Sollicitudo Rei Socialis, Kap. V, Abs. 35-40. Hrsg. v. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Kaiserstraße
163, 5300 Bonn 1, 1987)




Text 6:

Dokumente:


UNCTAD-Bericht zur Lage der ärmsten Länder
Der am 18. Juni veröffentlichte "Least Developed Countries Report 2002" der UNCTAD geht
von einem weiteren Anstieg der Zahl der extrem Armen (mit einem Tageseinkommen
von weniger als einem Dollar) in den LDCs aus, wenn die gegenwärtigen
ökonomischen Trends andauern. Die Zahl der ärmsten Entwicklungsländer hat sich im
letzten Jahr auf 49 erhöht, 34 davon liegen in Afrika. Nach UNCTAD-Schätzungen (die auf
einer neuen, an ökonomischen Daten statt Umfragen orientierten Berechnungsmethode
beruhen) leben in den LDCs gegenwärtig 307 Mio. Menschen in extremer Armut, das
sind mehr als die Hälfte (50,1%) ihrer EinwohnerInnen. Bis zum Jahr 2015 könnte sich ihre
Zahl um mehr als ein Drittel auf 420 Millionen erhöhen - sie könnte sich allerdings auch auf
rund 218 Mio. Menschen vermindern, wenn die auf der UN LDC III Konferenz vom Mai letzen
Jahres in Brüssel angestrebten Ziele (zu denen allerdings auch eine Wachstumsrate von 7%
gehört) umgesetzt werden.

Hauptverantwortlich für die weitere Verarmung der LDCs ist nach UNCTAD-Angaben
der Verfall der Rohstoffpreise (mit Ausnahme von Erdöl) und die fortbestehende
Abhängigkeit der LDCs von Rohstoffexporten wegen zu geringer Diversifizierung ihrer
Exportproduktion.

Um der „Armutsfalle" zu entkommen empfehlen die UNCTAD-Experten einen Ausbau des
Süd-Süd-Handels und die Stabilisierung der Rohstoffpreise. Auch eine Erhöhung der im
letzten Jahrzehnt stark rückläufigen Entwicklungsfinanzierung (im Jahr 2000 betrug die
Entwicklungshilfe pro Kopf der Bevölkerung in den LDCs nur noch 46% des Werts von 1990)
und eine Ausweitung der Entschuldung seien unabdingbar. Ausgehend von den
bisherigen Erfahrungen mit PRSPs in LDCs kritisiert die UNCTAD, dass das kreative
Potential dieses neuen Ansatzes nicht realisiert würde, da die meisten PRSPs zu wenig
auf langfristige Armutsbekämpfung ausgerichtet und zu sehr der alten
Strukturanpassungspolitik von Weltbank und IWF verhaftet seien.

Der vollständige Bericht (320 Seiten) kann noch bis zum 18. Juli kostenlos aus dem Internet herunter geladen werden, er kann
auch in Papierform zu einem Preis von 30 Dollar bestellt werden: www.unctad.org/en/pub/ps1ldc02.en.htm

(Klaus Wardenbach, VENRO - Projekt "Perspektive 2015 - Armutsbekämpfung braucht Beteiligung")
Weitere Informationen bei: Venro, Ziegelstr. 30, 10117 Berlin, Tel.: 030/280 466-70 / -71, Fax: 030/280 466-72, E-Mail:
berlin@venro.org, Internet: www.2015.venro.org




2015-Ziele/Millenniums Development Goals:

         Halbierung des Anteils der in absoluter Armut lebenden Menschen weltweit bis zum
          Jahr 2015
         Halbierung des Anteils der Hungernden an der Weltbevölkerung zwischen 1990-
          2015, v.a. des Anteils der unterernährten Kinder unter fünf Jahren
         Grundschulbildung für alle Kinder der Welt, Mädchen wie Jungen, bis 2015


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         Beseitigung der Geschlechterdisparität auf allen Ebenen des Bildungssystems bis
          spätestens 2015
         Eine Reduzierung von 2/3 der Kindersterblichkeit unter fünf Jahren bis 2015
         Reduzierung der Müttersterblichkeit bei der Geburt auf 1/3 des jetzigen Standes
         Rückgang der Verbreitung von HIV/AIDS, Malaria und anderen Infektionskrankheiten
          bis 2015
         Die Durchführung nationaler Strategien für eine nachhaltige Entwicklung bis 2005,
          um den Trend eines fortschreitenden Verlusts von Umweltressourcen bis 2015
          umzukehren
         Halbierung der Anzahl der Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Wasser
          haben, bis 2015

(Aus: Globale Armut. Europas Verantwortung. Ein Vorschlag zur Reform der EU-Entwicklungszusammenarbeit. Hrsg. v. d. EU-
Plattform österreichischer entwicklungspolitischer Nicht-Regierungs-Organisationen, in Zusammenarbeit mit VENRO und
BOND, Wien 2002, S.15)




Bericht zum zivilgesellschaftlichen Engagement für die
Millenniums-Ziele
Der Weltverband der UN-Gesellschaften hat einen Bericht über das Engagement der
Zivilgesellschaft bei der Umsetzung der UN Millenniums-Erklärung veröffentlich. Die
Untersuchung bezieht sich auf die Millenniums-Ziele insgesamt und nicht allein auf die
Entwicklungsziele der UN. 90% der Antwortenden gaben an, dass sie die Millenniums-
Erklärung und ihre Entwicklungsziele als wichtig für die Zivilgesellschaft betrachten. NRO in
Industrieländern halten die Erreichung der 2015-Ziele zur Armutsbekämpfung weit weniger
wahrscheinlich (nur 21,8% Zustimmung) als NRO in Entwicklungsländern (hier erwarten
57,4% der Antwortenden die Erreichung der Ziele bis 2015)

(Klaus Wardenbach, VENRO - Projekt "Perspektive 2015 - Armutsbekämpfung braucht Beteiligung")
Weitere Informationen bei: Venro, Ziegelstr. 30, 10117 Berlin, Tel.: 030/280 466-70 / -71, Fax: 030/280 466-72, E-Mail:
berlin@venro.org, Internet: www.2015.venro.org




Informationen über das GATS

Was ist das GATS?
Das Allgemeine Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen (General Agreement on Trade in
Services: GATS) ist eine der zentralen Säulen der 1995 gegründeten Welthandelsorganisation WTO.
Der Dienstleistungssektor macht in den Industrieländern bereits zwei Drittel der Wirtschaftsleistung
aus, entsprechend groß ist das Interesse der führenden Konzerne an einer weltweiten Liberalisierung
(und Privatisierung) von Bank- und Versicherungsgeschäften, Telekommunikation, Post, Strom, Gas,
Wasser Transport, Tourismus, Medien, Bildung, Gesundheitswesen und weiteren 150 im GATS
aufgelisteten Dienstleistungen.

Das GATS umfasst vier Varianten grenzüberschreitender Dienstleistungen:
   1. Die Dienstleistung kommt über die Grenze (Handel)
   2. Die/der KonsumentIn geht über die Grenze (Konsum im Ausland)
   3. Die/der DienstleistungsanbieterIn lässt sich im Ausland nieder (Direktinvestition)
   4. Die/der DienstleisterIn kommt über die Grenze (Erbringung im Ausland)



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Aufgrund des dritten Punktes wurde das GATS schon als das erste internationale
Investitionsschutzabkommens bezeichnet. Formal gesehen sind die zentralen Grundprinzipien des
GATS Transparenz, Meistbegünstigung sowie Marktzugang und InländerInnenbehandlung. Ein
verdeckt enthaltenes Grundprinzip ist die Zurückdrängung des öffentlichen Bereichs zugunsten
privater ErbringerInnen.
Seit Anfang 2000 laufen die sogenannten GATS 2000-Verhandlungen, die eine Vertiefung der 1995
begonnenen Dienstleistungsliberalisierung zum Ziel haben. Bis Juni 2002 mussten alle WTO-
Mitglieder in der sogenannten „request-Phase“ die jeweils anderen dazu auffordern, bestimmt
Dienstleistungssektoren für ausländische MitarbeiterInnen zu öffnen und bis März 2003 sind in der
„offer-Phase“ all jene Bereiche zu benennen, die sie selbst liberalisieren werden. Die Verhandlungen
finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Das ist umso brisanter, als einmal eingegangene
Liberalisierungsverpflichtungen im Sinne des InvestorInnenschutzes nicht rückgängig gemacht
werden können. Außerdem verpflichten sich die GATS-UnterzeichnerInnen zur permanenten
Weiterliberalisierung nicht nur in den bereits geöffneten Sektoren, sondern auch in den bislang
„verschonten“.



Sieben Gründe gegen das GATS

1. Falscher Ansatz
Ein UNO-würdiger Ansatz für eine globale Politik zum Thema Dienstleistungen müsste lauten: „Wie
können alle Menschen mit essentiellen Dienstleistungen wie Trinkwasser, Bildung, Gesundheit,
Alterssicherheit, Energie, Post, Telefon und Internet versorgt werden?“ Das Ziel dahinter wäre
Armutsbekämpfung, Herstellung von Chancengleichheit, Einlösung von Menschenrechten.
Der (neokoloniale) GATS-Ansatz lautet hingegen: Wie kann ich „meinen“ Konzernen (des jeweiligen
WTO-Mitglieds) neu Absatzmärkte (im Süden) und neue Profitsektoren (in der öffentlichen
Daseinsvorsorge) erschließen.

2. Angriff auf die Demokratie
Im GATS sind gleich mehrere Prinzipien enthalten, welche den politischen Gestaltungsspielraum von
Gemeinden, Ländern und Parlamenten dramatisch einschränken.
     Die zwingende Gleichbehandlung von lokalen und ausländischen Anbietern macht
        Regionalpolitik oder die Förderung von Nahversorgung unmöglich.
     Die zwingende Gleichbehandlung von armen und reichen Ländern – z.B. Ghana und USA –
        macht entwicklungspolitische Zielsetzungen zunichte.
     In denjenigen Sektoren, in denen Verpflichtungen eingegangen wurden, dürfen Gesetze,
        Verordnungen und Normen nur noch dann erlassen werden, wenn sie „objektiv und
        transparent“ sind und den freien Dienstleistungshandel „nicht mehr als nötig“ beschränken.
        Andernfalls können diese Regulierungen vor dem WTO-Gericht geklagt werden.

3. Daseinsvorsorge in Gefahr
Ziel des GATS ist es, langfristig alle Dienstleistungssektoren (bis auf den Luftverkehr) zu liberalisieren.
Erschreckender Weise gilt dies auch für den Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge: Gesundheit,
Pensionen, Bildung, Wasserversorgung, Post, Strom, Telekommunikation, Öffentlicher Verkehr.

4. GATS verschlechtert weltweit die Situation der Frauen
Frauen sind im Dienstleistungssektor besonders stark vertreten und von der globalen Verschärfung
der Konkurrenz und der damit einhergehenden Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen und der
Maximierung des Shareholder Value umso mehr betroffen.



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Wenn öffentliche Bereiche privatisiert werden, ist es aus mit der Gleichbehandelung, und die
Lohnschere zwischen Männern und Frauen öffnet sich.
Und wenn Sozialsysteme beschnitten und privatisiert werden, fallen soziale Aufgaben in den Schoß
der Familie zurück: Alten, Kranken- und Kinderbetreuung wird üblicherweise – und unentgeltlich – von
Frauen verrichtet.

5. GATS vertieft die Nord-Süd-Kluft
Nicht kambodschanische Finanz-, Computer- und Telekomkonzerne drängen auf den EU- und US-
Markt, sondern umgekehrt. Das GATS ebnet den Weg für eine neue Kolonialisierungswelle. Westliche
Konzerne werden sich die Märkte in den armen Ländern aufteilen, bevor diese in der Lage sind,
eigene Dienstleistungssektoren aufzubauen. Die große Mehrheit der Menschen wird damit in die
Abhängigkeit der Global Players getrieben.
Die sog. Entwicklungsländer wollten keine neuen Liberalisierungsrunden innerhalb der WTO, wie
wurden von den Industrieländern aber zum Teil mit Drohungen und Erpressungen (Streichung von
Entwicklungshilfe) k.o.-verhandelt. Die EU verlangt von den meisten sog. Entwicklungsländern die
Öffnung des gesamten Energiesektors, des Telekom- und Finanzsektors, des Personentransports,
des Postwesens, des Tourismus, der Umweltdienstleistungen und der Wasserversorgung.

6. GATS ist unvereinbar mit Nachhaltiger Entwicklung
Die WTO ist nicht Teil des UN-Systems und nimmt in ihren Verträgen keine Rücksicht auf
„handelsfremde“ Politikfelder wie Umweltschutz oder Arbeitsrecht.
Folglich werden bedenkenlos hochproblematische Dienstleistungen der Liberalisierung preisgegeben:
Müllverbrennung,      Ölförderung,   Pipelinebau,      Abfallbehandlung,    Abwasserentsorgung u.a.
„Umweltschutz“ findet nur am Ende der Verschmutzungskette statt, wodurch eine Vermeidung der
verschmutzenden Aktivitäten verhindert wird.
Die einseitige Liberalisierung z.B. des Strommarktes ohne gleichzeitige ökologische, soziale und
kartellrechtliche Flankierung widerspricht zutiefst einer nachhaltigen Entwicklung.
Das Prinzip, dass Umweltschutzgesetze nur dann erlassen werden dürfen, wenn sie den Freihandel
mit Dienstleitungen nicht mehr als nötig behindern, stellt einen inakzeptablen Stolperstein für
nachhaltige Entwicklung dar.

7. Geheimverhandlungen
Es ist für eine Demokratie unverzeihlich, dass so weitreichende globale Wirtschaftsverhandlungen
hinter verschlossenen Türen stattfinden.




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Anhang:




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