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Alle_s_ unter einem Dach _

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					Ausgabe 2 | 2009




                                 Alle(s) unter
                                einem Dach?!
                                 ID55-Special:
                               Gemeinschaftliches
                                  Wohnen im
                                  Ruhrgebiet


Gegen den Wind
Die späte Liebe zum Bike

"Oppa" als Kunstfigur
Zu Besuch bei Herbert Knebel

Pflege im "Pfötchenhotel"
Wenn Haustiere älter werden
                           American
                           Chiropractic
                            Family
                                               Top-Angebot bis zum 30. 11. 2009
                                               für diese SCAN-Wirbelsäulenmessung
                                               Erwachsene 20 € (statt 50 €)
                                               Kinder 20 € (statt 25 €)




                                     SCAN-Wirbelsäulenmessung
                                     Ein strahlungsfreier und schmerzloser Hightec-SCAN (deshalb auch für
                                     Kinder geeignet) analysiert objektiv den Zustand Ihres Nervensystems
                                     und zeigt bestehende Nervenblockaden auf. Diese sind häufig Ursache
                                     von Rückenschmerzen, Migräne, Schwindel, Stottern, Tinnitus u. a.




3 x in der Region
ACF Essen | Bredeneyer Str. 23 | D-45133 Essen | Telefon 0201 - 466 91 13 | www.acf-essen.de
ACF Herne | Gerichtsstraße 8 | D-44649 Herne | Telefon 02325 - 98 87 00 | www.acf-herne.de
ACF Düsseldorf | Rethelstraße 3 | D-40237 Düsseldorf | Telefon 0211 - 73 28 60 80 | www.acf-duesseldorf.de
                                                                                                                              EDITORIAL ID55




Das Netzwerk wird größer: Die ID55-Initiatoren Susanne Schübel (li.) und Susanne Zabel




Die Vernetzung geht weiter !
Seit Frühjahr 2009 ist die Initiative ID55             des Herner Oberbürgermeisters Horst        für alle, die anders alt werden wollen“
– für alle, die anders alt werden wollen –             Schiereck. Er würdigte ganz besonders      im Februar 2009 in und mit der VHS
Partner des Bundesprogramms „Lernen                    die „Einbindung von Partnern, die den      Herne. In Planung ist der 2. ID55-Kon-
vor Ort“ mit der Stadt Herne und ihren                 grundlegenden Gedanken lebenslangen        gress in Herne, der im Frühjahr 2010
Fachbereichen, insbesondere der Volks-                 und lebensbegleitenden Lernens unter-      ganz im Zeichen von Weiterbildung und
hochschule. Zielgruppe der Aktivitäten,                stützen“. Er sei sicher, „dass die große   Bildungsübergängen in der spät- und
die ID55 in dieses Projekt einbringt, ist              Bereitschaft der Kooperationspartner       nachberuflichen Phase der Generation
die Generation 50plus unter besonderer                 und regionalen Bildungsakteure zu          50plus stehen wird.
Berücksichtigung der geburtenstarken                   einem abgestimmten und kooperativen
Jahrgänge der sogenannten 68er-Gene-                   Handeln entscheidend zum Erfolg der        Die Teilnahme am Zukunftsprogramm
ration sowie der „Babyboomer“ zwi-                     Herner Bewerbung beigetragen“ habe,        „Lernen vor Ort“ trägt ID55 auf die
schen 1950 und 1965.                                   so Schiereck weiter.                       nächste Stufe. Die Vernetzung geht wei-
                                                                                                  ter, ID55 wird auch in Zukunft span-
Die gemeinsame Grundlage der Zusam-                    „Lernen vor Ort“ und ID55 wollen sich      nende Diskussionen und Begegnungen
menarbeit mit vielen Partnern aus Stadt                ein dicht gepacktes Programm geben.        ermöglichen – für alle, die anders alt
und Region haben wir in einem „Letter                  Dazu gehören regelmäßige Vortragsver-      werden wollen.
of Intent“ festgeschrieben. Geprägt ist er             anstaltungen, Seminare und Workshops
vom Konsens, den demografischen Wan-                    zum Themenbereich       „Lebenslanges      Seien Sie dabei: Das Beste kommt noch!
del in der Region und speziell vor Ort als             Lernen“ mit den Schwerpunkten „De-
Chance und Motor für gesellschaftliche                 mografischer Wandel“, „Bildungsüber-        Herzlichst,
Veränderungen zu verstehen. Wir wollen                 gänge“, „Alt hilft Jung“ und „Beruf/
die überkommenen Altenbilder endlich                   Ruhestand“ für die Generation 50plus.
ablösen – weg von einem Defizitmodell                   Zu einem jährlichen Highlight soll der
und hin zu einem Potenzialdenken, das                  ID55-Kongress in Herne werden – na-
sowohl die spät- als auch die nachberuf-               türlich in Anlehnung an die Vorgänger-
liche Lebensphase einbezieht und eine                  veranstaltung, die ID55-Eventwoche
positive Sichtweise auf das Älterwerden                „Das Beste kommt noch – Demogra-
in einer älter werdenden Gesellschaft                  fischer Wandel im Ruhrgebiet: Heraus-
fördert. Im Juni erreichte uns ein Brief               forderungen, Aussichten und Chancen

                                                                                                                                       3
ID 55 MEETS VHS




     Alle(s) unter einem Dach: Susanne Zabel, Susanne Schübel und Heike Bandholz, stellvertretende Direktorin der VHS Herne (von li.)




     Alle(s) unter einem Dach ? !
     Wenn nicht wir, wer sonst? Wer im Ruhrgebiet über gemeinschaftliches Wohnen spricht, hört häufig:
     Hier gibt’s das nicht! Das ist schlichtweg falsch. ID55 und VHS zeigen, dass Älterwerden und schöner
     Wohnen kein Widerspruch sind.

     Bei der ID55-Eventwoche im Februar 2009 kam es heraus: Die                           Beratung NRW in Bochum, die von Anfang bis Ende Oktober
     Frage „Wie werde ich wohnen, wenn ich älter bin?“ brennt                             2009 interessante Einblicke und Begegnungen ermöglichen
     Menschen um die 50 auf den Nägeln. Ihr tatsächliches Wissen                          wird. Zwei Vorträge geben einen grundsätzlichen Überblick
     über Wohnen im Alter ist jedoch eher lückenhaft. Trotz Be-                           über die Wohnsituation älterer Menschen im Ruhrgebiet und
     richterstattung in den Medien – allerdings eher sporadisch als                       in Herne. Zwei Tages-Exkursionen – die eine nach Dortmund,
     regelmäßig – und einiger interessanter Ratgeber in Buchform                          Bochum und Essen, die andere nach Röhlinghausen, Baukau
     haben sich strukturierte Informationen über alternative Wohn-                        und Herne-Süd – machen die unterschiedlichen Projekte haut-
     formen oder nachbarschaftliches Wohnen im Quartier noch                              nah erfahrbar.
     längst nicht herumgesprochen. Gemeinsam mit der VHS Herne
     entwickelte ID55 deshalb die Veranstaltungsreihe „Alle(s) un-                        Noch mehr Informationen gibt’s hier:
     ter einem Dach?!“ in Zusammenarbeit mit der WohnBund-                                www.wohnbund-beratung-nrw.de


                                                             AUS DER REDAKTION

                                                             Gegen den Wind und gegen alle Klischees schwingen sich die Großmütter Bärbel (60),
                                                             Gudrun (59) und Kerstin (48) regelmäßig mit ihren Freundinnen aufs Motorrad. ID55 durfte
                                                             die lustige Dortmunder Clique auf ihrer Shopping-Tour zu einem Spargelhof in Haltern am
                                                             See begleiten. Mit dem Wind und einem Lächeln im Gesicht düsten die fünf Frauen über
                                                             die Landstraßen, tauschten beim Kaffeekränzchen Lach- (und Sach-)Geschichten aus und
                                                             erzählten von aufregenden Motorradtreffen sowie gemeinsamen Urlauben. Wir bedanken
                                                             uns für die offene Art der „MIG 96“-Girls und wünschen weiterhin gute Fahrt!

                                                             Unser Titelbild zeigt die Dortmunderin Bärbel Pähler (60) auf ihrer Kawasaki 800,
                                                             fotografiert von Christoph Fein.




     4
                                                                                                                            INHALT ID55




Editorial                              3    Runter von der Couch                      16   Der Faktor Mensch                    27
                                            Altersforscher Prof. Dr. Michael               Vom Scheitern und Gelingen
ID55 meets VHS                         4    Falkenstein leitet das Projekt „3 Trainings“   integrativer Wohnprojekte
Aus der Redaktion
                                            (K)eine Frage des Alters                 19    Ausgewandert                         28
Kurz & Knapp                           6    Ulrich Schlüter: Mit 53 Jahren in die          Ausgestiegen, um einzusteigen:
                                            Selbständigkeit                                Besuch auf dem Peloponnes
Kolumne                                7
Die Generation Ottomotor steigt um                                                         Lesen mit dem Zeigerfinger            30
                                                                                           Bochumer Verein „Mentor“ liest mit
Gegen den Wind                         8                                                   Grund- und Förderschülern
„Meine Omma fährt Motorrad“
– auf Spargelfahrt nach Haltern




Wohlfühlen im Auto                     11   Sieg über die Endlichkeit                20
Vorteile ergonomisch designter Autos        Im ID55-Interview: Komponist
                                            Stefan Heucke
Keine Zeit zum Aufhören                12                                                  ID55 - Events 2009                   34
Im ID55-Interview:                          Wohn(t)räume                       22          Ein Bilderbogen der ID55-
Uwe Lyko alias Herbert Knebel               Förderung der Eigeninitiative in               Veranstaltungen im Februar
                                            Hernes erstem Mehrgenerationenhaus
Im „Pfötchenhotel“                     14                                                  Impressum                            38
Haustiere werden immer älter –              Das Dorf im Dorf                         24
demografischer Wandel auch am                „RUND“ steht für Röhlinghausen                 Zum Schluss:                         39
Fressnapf                                   Unterstützt Nachbarn                           Wallis Kehraus




                                                                                                                                 5
ID 55 AKTUELL




    Kurz & Knapp
     100 KUNSTOBJEKTE                                 DUSANKA (62) IST                E-GOVERNMENT IN DER                DAS TRAUMA VON
     AUS EINER STADT                                  DAS „GESICHT 2009“              ALTERNDEN GESELLSCHAFT             DER SEELE SCHREIBEN

     Frisch auf den Büchertisch                       Einmal Model sein, perfekt      Ein Forschungsteam der Uni-        Traumatische Erfahrungen
     kommt Mitte Oktober ein                          in Szene gesetzt und von dem    versität Münster wird sich bis     wie Gewalt, Hunger und
     kunst- und kulturhistorischer                    Cover einer Zeitschrift lä-     2014 der Frage widmen, wie         Flucht vergraben sich oft tief
     Führer durch die Stadt Herne.                    chelnd – Frauen jedes Alters    staatliche Institutionen der       in der Seele und kommen
     Autor von „100 Objekte                           kennen diesen Traum. Dass es    alternden Gesellschaft mit         erst spät, oft plötzlich, wie-
     Herne“ ist der langjährige                       dafür weder Heidi Klum noch     geeigneter Informationstech-       der zum Vorschein – beson-
     Direktor des Emschertal-Mu-                      stilisierter  90-60-90-Maße     nologie begegnen können. In        ders mit steigendem Alter,
     seums Herne, Dr. Alexander                       bedarf, zeigte eine Initiati-   Zeiten von E-Government            wenn die Erinnerung den All-
     von Knorre. Der 65-jährige                       ve der Bochumer Zeitschrift     und IT-gestützten Verwal-          tag bestimmt. Die Internet-
     Experte für Kunstgeschich-                       „Woman In The City“, den        tungssystemen will Projektlei-     seite www.lebenstagebuch.de
     te und kulturhistorische                         Profi-Fotografen von „Smile      ter Dr. Björn Niehaves, Aka-       beschäftigt sich mit der Ver-
     Themen hat im Vorfeld der                        Studios“ und der Dortmun-       demischer Rat am Institut          arbeitung von belastenden
     Kulturhauptstadt 2010 eine                       der Modelagentur „Kelly         für Wirtschaftsinformatik in       Erinnerungen. In einer aktu-
     subjektive Auswahl von 100                       Faces“. „Wichtig sind posi-     Münster, vor allem Kommu-          ellen Studie des Behandlungs-
     Kunstobjekten seiner Hei-                        tive Ausstrahlung, sicheres     nalverwaltungen im Umgang          zentrums für Folteropfer der
     matstadt getroffen – unter                       Auftreten, Disziplin und Spaß   mit den älter werdenden Bür-       Ernst-Moritz-Arndt-Univer-
     dem Gesichtspunkt der Viel-                      an der Sache“, so Karen Kel-    gerinnen und Bürgern unter-        sität Greifswald richtet sich
     fältigkeit und des historischen                  ly, Model und Inhaberin von     stützen. Während einer For-        die Plattform speziell an Per-
     Wandels. Der Leser wird kon-                     „Kelly Faces“. Auch das Alter   schungsreise nach Japan, dem       sonen, die Ängste, Scham und
     frontiert mit sakralen und öf-                   spielte keine Rolle. Gecastet   – gemessen am prozentualen         Schuldgefühle aus dem Zwei-
     fentlichen profanen Denkmä-                      wurde in drei Alterskatego-     Anteil der über 65-Jährigen        ten Weltkrieg in sich tragen.
     lern, mit interessanten Zeugen                   rien (18-29, 30-44 und 45+).    – ältesten Land der Welt,          Eine sechswöchige Schreib-
     der Industriegeschichte in                       Neun Kandidatinnen stellten     kam er auf die Idee zu dem         therapie via E-Mail oder per
     Herne und Wanne-Eickel,                          sich dann in Herne im Finale    Projekt. Es ist interdisziplinär   Post ermöglicht den Betrof-
     aber auch mit modernen, fi-                       von „Das Gesicht 2009“ ei-      angelegt und berücksichtigt        fenen, die Erlebnisse in Tex-
     gurativen und konstruktiven                      ner fachkundigen Jury. Mehr     sowohl ökonomische als auch        ten abzuschließen – und zwar
     Kunstwerken und Lichtkunst-                      als 300 Zuschauer drückten      wirtschaftsinformatische und       in einem ständigen Kontakt
     Objekten der Jahre 1500 bis                      ihren Favoritinnen im Alter     politikwissenschaftliche Fra-      mit einem ausgebildeten The-
     2009. Fotografiert wurden                         von 18 bis 62 Jahren die Dau-   gestellungen.                      rapeuten. Die Behandlung im
     „100 Objekte Herne“ (Verlag                      men. Die Gewinnerinnen Ali-                                        Rahmen der Studie ist ko-
     PubliCreation, Herne, EUR                        ne Schepper (18, Wülfrath),     Infos unter                        stenlos. Das Mindestalter der
     14,90) von Wolfgang Qui-                         Tanja Kötting (37, Bochum)      www.wi.uni-muenster.de/is/         Teilnehmer ist 65.
     ckels (56), Bildredakteur der                    und Dusanka Herberholz (62,     organisation/mitarbeiter/
     Westdeutschen Allgemeinen                        Schwelm) erhielten einen Mo-    niehaves/                          Infos unter
     Zeitung (WAZ).                                   delvertrag bei „Kelly Faces“                                       www.lebenstagebuch.de
                                                      und werden das Cover der
     Infos unter                                      Zeitschrift „Woman In The
     www.100objekteherne.de                           City“ zieren.

                                                      Infos unter www.woman-itc.de




                             Objekte HERNE
                         EIN KUNST- UND KULTUR-
                         HISTORISCHER FÜHRER
                         DURCH DIE STADT

                         TEXTE Alexander von Knorre
                         FOTOS Wolfgang Quickels



     100 Objekte Herne                                Dusanka Herberholz (62)         Stadtverwaltung digital            Schreiben gegen das Trauma

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                                                                                                                     KOLUMNE ID55




Die Generation
     Ottomotor steigt um
Text Uwe Knüpfer


Frau und Mann sind bekanntlich zweierlei. Zum Beispiel reden Männer nicht über ihre Affären.
Außer wenn es wirklich etwas Ernstes ist. Dann offenbaren wir uns, mit Worten, Blicken,
Gesten, Taten. Brigitte Kraemer, die großartige Beobachterin aller Spielarten des menschlichen
Normalverhaltens, hat das mit ihrer Leica in vielen Fotos festgehalten; neulich waren sie in einer
schönen Ausstellung zu sehen, unter dem Titel: Mann und Auto.

        icher, auch Frauen fahren Au-      Dann, um einiges später, waren die          – das Zeitalter des Elektromobils, des

S       tos, besitzen sogar welche und
        rühmen sich zu recht, weniger
Unfälle zu bauen als Männer. Was kein
                                           Kinder aus dem Haus, und der Urwald
                                           draußen lockte wieder. Andererseits
                                           hatten wir uns an komfortable Fede-
                                                                                       Hybridantriebs und des Luftdruck-
                                                                                       motors. Das geliebte Auto, es wird
                                                                                       zum motorisierten Rollator mit Kof-
Wunder ist. Denn eine Frau fährt Auto,     rungen und bequeme Sitze gewöhnt            ferraum und Schiebedach. Vernünftig
um von A zum Friseur zu kommen und         – und so erfanden wir das Essjuwie.         entmannt.
hat dabei die Umgebung im Auge; es         Das Sports Utility Vehicle. Viagra mit
könnte ja am Weg ein neues Schuhge-        Türen. Die Rambo-Limousine auf              Und das wird es nicht nur für uns. Wenn
schäft eröffnet worden sein. Ein Mann      hohen, breiten Reifen, deren Grill ag-      wir, die Wirtschaftswunder-68er, eine
hingegen fährt, um zu fahren. Für ihn      gressiv grinste und in dem jede Fahrt zum   neue Lebenskurve nehmen, nehmen
ist das Auto, was dem Ritter Ross und      Edeka einer Expedition in die Wildnis       wir gleich alle mit. Das war schon
Rüstung war, fast Teil seiner Selbst.      gleichkam. Freilich ahnten wir schon,       immer so. Warum sollen nicht unse-
Und, seien wir ehrlich, oft ist es der     als wir uns die Ranger, Hummer und          re Kinder und Kindeskinder gleich
elegantere, auf jeden Fall der größere,    Cayennes anlachten – oder zumindest         in den Genuss von Fortbewegungs-
stärkere, gepflegtere Teil seines Selbst.   mit ihnen flirteten –, dass dies das Fi-     mitteln kommen, deren sittliche und
                                           nale sein würde. Der Höhe- und End-         technische Überlegenheit über achtzy-
Jedenfalls gilt das für die meisten Män-   punkt der längsten, tiefsten und ehr-       lindrige, S-klassige Blechprothesen zu
ner meiner Generation, die wir im          lichsten Affäre unseres Lebens, der Liebe   erkennen uns ein ganzes Leben geko-
Bund mit unserem Liebsten, dem Auto,       zum ottomotorisierten Automobil.            stet hat? Schließlich sollen sie mal bes-
reif und erwachsen geworden sind.                                                      ser fahren, wenn schon nicht leben.
                                           Jetzt, da unsere besten Jahre beginnen,
Als wir Kinder waren, sahen Autos noch     erfinden wir das Auto also wieder neu.
wie Spielzeuge aus und hießen auch so:     Diesmal ganz im Lichte der Vernunft,        Dass da auch noch was anderes war,
Goggo, Käfer, Döschewoh.                   der Weisheit, der Güte. Auch künftig        an der Sache mit dem Automobil, das
                                           werden wir uns zügig fortbewegen            können wir ihnen ja später erzählen.
Während unserer Adoleszenz lud sich        wollen, aber umweltverträglich und          Bei Gelegenheit. Wenn wir in alten Al-
auch das Auto mit Hormonen auf, PS-        leise schnurrend statt luftverpestend       ben blättern oder in vergilbten Sam-
mäßig und auch verbal: Manta, Targa,       und porschehaft röhrend. Deshalb            melexemplaren der „auto motor und
GTI.                                       beginnt jetzt, da wir, die Generation       sport“ und ins Schwärmen geraten;
                                           Ottomotor, unsere letzte Parklücke all-     von Pferdestärken, Spoilern und blit-
Als wir ruhiger und Familienväter wur-     mählich in den Blick nehmen – dabei         zendem Chrom und davon, wie das
den, stiegen wir um, der Sicherheit zu-    aber fest entschlossen, das Abendlicht      halt so war, als Mann noch Gas geben
liebe, in Passat, Volvo oder Saab.         zum Fahren zu nutzen, so lange es geht      konnte.

                                                                                                                              7
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GEGEN                                                                            Text Julia Valtwies   Fotos Michael Grosler




DEN WIND
Fünf Frauen auf dem Motorrad – mit MIG 96 auf Shoppingtour nach Haltern. Ledermontur, Fran-
sen, Nieten, Jeanskutte – und rote Haare: Das ist Bärbel Pähler, Großmutter und Motorradfan. Wann
immer das Wetter es zulässt, besteigt die 60-jährige Dortmunderin ihre Kawasaki 800 und düst mit
ihren Clubfreundinnen von MIG 96 über die Landstraßen der Region. Bärbels siebenjährige Enkelin
winkt zum Abschied und erzählt jedem, der es hören will: „Meine Omma fährt Moped.“


      o auch an diesem sonnigen Sams-

S     tag. Per Telefonkette verabreden
      sich Bärbel, Mia, Gudrun, Kerstin
und Sylvia – fünf Dortmunderinnen zwi-
schen 41 und 60 – zur Shoppingtour. Sie
wollen in Haltern im Bauernladen ein-
kaufen.Am späten Vormittag treffen sie
sich auf Mias Garagenhof.

Und dann geht es los. Sylvia (41) und
Kerstin (48) schwingen sich auf rote
Sport Tourer, Bärbel und Mia (53) neh-
men auf schwarzen Choppern Platz.
Gudrun (59) gesellt sich zu Mia – sie ist
als Beifahrerin mit von der Partie. Bär-
bel Pähler hatte genau diese Rolle mit
48 satt: „Ich bin früher vor Langeweile
eingeschlafen, wenn ich hinter meinem
Mann auf der Maschine saß. Jetzt neh-
me ich den Lenker selbst in die Hand.
Ich will so lange es geht selber fahren.“   Den Lenker fest im Griff: Bärbel Pähler genießt den Fahrtwind mit 60 PS

Fahrprüfung sofort bestanden
30 Jahre nachdem sie ihren PKW-FŸ   hrer-   Kilometer auf dem Tacho. Auch Kerstin                      gezeltet, nie war sie mit dem Motorrad
schein gemacht hatte, wagte sich Bärbel     erwarb ihren Führerschein erst mit 45:                     in den Urlaub gefahren. „Wenn wir un-
1997 erneut in die Fahrschule. „Ich hatte   „Ich musste ja immer für die Kinder da                     ser Frühstück im Schlafanzug holen ge-
genauso viele Fahrstunden wie die jun-      sein, aber die sind jetzt 28 und 30 und                    hen und am gedeckten Tisch zusammen
gen Leute und habe die Prüfung sofort       aus dem Haus. Jetzt habe ich Zeit. Ich                     essen, ist das total schön“, erzählt die
bestanden“, erzählt die 1,60m große,        fahre jede freie Minute.“                                  gelernte Bürokauffrau und schmunzelt.
lebensfrohe Mutter zweier erwachsener
Söhne. Mia hatte diesen Schritt drei Jah-   Urlaub auf zwei Rädern                                     Mit 1.000 Maschinen durch die Nacht
re früher in Angriff genommen. In einer     Seit der GrŸndung von MIG 96 brausen die                   Diese und viele andere lustige Erlebnisse
Gesprächsrunde auf einem Straßenfest        Motorrad-Ladys jeden Sommer mit den                        erzählen sich die Frauen bei ihrer Kaf-
kam sie 1994 auf die Idee, Motorrad-        Maschinen in den Urlaub. Dann steuern                      feepause beim „Drügen Pütt“. Immer
fahren zu lernen. „Früher war das ganz      sie Österreich, Italien und Monaco an.                     wieder stößt eine der Freundinnen eine
weit weg für mich“, sagt die große blon-    Über die Berge und durch enge Serpen-                      Geschichte von Urlauben oder erlebten
de Frau mit der roten Strähne im Pony.      tinen. Bepackt mit Zelt, Campingmobi-                      Touren an und die anderen stimmen la-
„Dann ging alles ganz schnell, und ich      liar und dem üblichen Reisegepäck. Für                     chend ein. Gudrun: „Weißt du noch, in
hatte sofort mein eigenes Motorrad.“        Beifahrerin Gudrun gleich ein doppelt                      welchem Jahr wir mit 1.000 Maschinen
Heute hat sie schon mehr als 100.000        neues Lebensgefühl. Nie hatte sie zuvor                    nachts durch Münster gefahren sind?“

                                                                                                                                              9
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     Mia: „Das war 2008.“ Bärbel: „Unbe-                Motorradleidenschaft der Männer gele-
     schreiblich. Die ersten Motorräder ka-             gentlich nutzen, um von unangenehmen
     men schon wieder auf dem Campingplatz              Arbeiten abzukommen. Bärbel: „Ich
     an, als die letzten gestartet sind.“ Und           habe verchromte Felgen, die öfter mal
     Gudrun präsentiert ihre Mini-Plaketten-            geputzt werden müssen. Und wenn ich
     sammlung von allen Münsteraner Mo-                 dann die Maschine in den Hof stelle, das
     torradtreffen von 1997 bis 2007, die sie           Telefon klingelt und ich zurückkomme,
     an der Vorderseite ihrer Jeanskutte trägt.         sitzt Franz-Josef oft davor und reinigt sie
                                                        sorgfältig mit einer Zahnbürste.“
     Mosaik aus Aufnähern
     Ein buntes Aufnäher-Mosaik aus Ös-                 So schnell wie die Jüngeren
     terreich, Dresden und Amerika auf den              Gelegentlich schließen sich auch die Söh-
     Jeanswesten der „Motorradbienen“                   ne von Mia oder Bärbel der Truppe an.
     verraten, wo die unternehmungslusti-               „Die Jüngeren fahren schon mal richtig
     gen Frauen bereits unterwegs waren.                schnell und testen ihre Maschinen aus –
     Zwischen den Schulterblättern wacht                aber das machen wir auch. Wir passen
     ein Flügel schwingender Adler über dem             uns ganz gut aneinander an“, berichtet              Souvenirs einer Motorradleidenschaft
     Schriftzug von MIG 96 in altdeutscher              Gudrun. Bei den Kurztrips merkt die
     Schrift. Unter den dicken Motorradja-              Best Ager-Motorradtruppe dann aber
     cken tragen die Freundinnen das Club-              doch die Unterschiede zur jüngeren Ge-
     zeichen auf einem eigens bedruckten                neration. „Die jungen Leute veranstalten
     Pullover. „Wir sind eine tolle Gemein-             abends immer Remmidemmi und lassen
     schaft“, freut sich Bärbel. „Wir sehen             die Motoren jaulen, während wir am
     uns fast jede Woche, grillen zusammen,             Gaskocher sitzen und beim Bierchen von
     walken oder schwimmen. Einmal im                   früher erzählen. Für ein Wochenende
     Jahr machen wir eine Fahrradtour zum               halten wir das aber wohl aus“, so die
     Kemnader Stausee.“ Dann reden sie                  59-Jährige. „Unsere Altersklasse ist auf
     über die erwachsenen Kinder, die Enkel,            jeden Fall am stärksten bei derartigen
     Gartenarbeit und natürlich Motorrad-               Treffen vertreten.“
     touren, die sie noch fahren wollen.
                                                        Abschied in Richtung Bauernhof
     Mal mit, mal ohne – Männer                         Auch am „Drügen Pütt“ trägt die
     Seit fünf Jahren lassen die Frauen alle            Mehrzahl der Zweiradfahrer graume-
     vier bis sechs Wochen ihre Männer da-              liertes Haar. Sie schlendern zwischen
     heim und cruisen über Landstraßen                  ihren Choppern und Cruisern herum,
     durchs Sauer- oder Münsterland. An den             während die Jüngeren sich um ihre
     anderen Wochenenden dürfen Franz-                  Rennmaschinen kümmern. Die Dort-
     Josef (64), Jürgen (52), Walter (55),              munder Frauen um Bärbel Pähler haben
     Rainer (48) und Ronald (46), die alle              derweil ihren Kaffee aufgetrunken. Sie
     Gründungsmitglieder von MIG 96 sind,               legen sich die Halstücher um, setzen
     ihre besseren Hälften begleiten. „Die              die Sonnenbrillen auf und rücken ihre
     Männer motzen immer, weil wir öfter                Helme zurecht. Mit dem Arm seitlich
                                                                                                            Düsen mit einem Lächeln im Gesicht
     anhalten wollen als sie“, so die Frauen            zum Gruß ausgestreckt verabschieden
     einhellig. „Wir fahren lieber gemütlich,           sie sich am späten Nachmittag von
     packen uns ein Picknick ein und machen             den gleichgesinnten Motorradfans mit
     hin und wieder eine Kaffeepause.“ Auch             brummenden Motoren und wehenden
     wenn die Frauen selbst Zündkerzen                  Fransen in Richtung Bauernhof.
     und Öl wechseln können, lässt sich die

     Im besten Alter
     Jeder dritte von rund 3,5 Mio. Motorradhaltern in Deutschland ist älter als 50 Jahre. Während die
     Motorradfans der 80er und 90er Jahre immer älter werden, bleibt der Nachwuchs, aufgrund des
     neuen Freizeitverhaltens der unter 25-Jährigen, aus. „Heute zehren Hobbys wie Handy und PC
     das Taschengeld der 16-Jährigen auf. Zudem hat der A1-Führerschein durch den Führerschein-
     einstieg mit 17 an Attraktivität verloren", sagt Dr.-Ing. Achim Kuschefski, Leiter des Instituts für
     Zweiradsicherheit in Essen.
     Männer bleiben länger treu
     In der Gruppe der über 50-jährigen Fahrer sind 33 Prozent der Motorrad fahrenden Männer vertre-
     ten – sie bleiben ihrem motorisierten Hobby gegenüber 22 Prozent bei den Frauen also länger treu.
     Eine obere Altersgrenze sieht Kuschefski nicht: „Wenn die nötige Kondition vorhanden ist, sehe ich
     keinen Grund, warum nicht bis ins hohe Alter Motorrad gefahren werden dürfte.“
     Sicher fahren
     Best Ager sind umsichtige Fahrer: Nur 18,7 Prozent der in 2007 tödlich verunglückten Fahrer
     gehören dieser Altersgruppe an. Ähnliches gilt für Unfälle mit schweren Verletzungen. Vermehrte
     Fahrsicherheitstrainings seien ein Grund für die niedrige Unfallstatistik, so Kuschefski.              Mia bringt das Chrom auf Hochglanz

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                                                                                                                                                          LIFESTYLE ID55




Im Auto-Cockpit: Mit dem stationären Fahrsimulator an der TU Chemnitz zeigen sich die Vorteile und Mängel ergonomisch designter Fahrzeuge




Losfahren und wohlfühlen
Worin liegen die Vorteile ergonomisch designter Autos?                                Text Christine Schonschek   Fotos TU Chemnitz | Sven Gleisberg | ADAC




Bei der Planung von Neuwagen wird die               de leichter fällt. Vorteilhaft sind auch                 hin zum komfortablen, wenig ermü-
Zielgruppe 50plus noch zu wenig be-                 niedrige Bedienkräfte, wie etwa bei der                  denden Fahren – kommen aber auch
rücksichtigt, stellten Wissenschaftler der          Servolenkung, die das Steuern wesent-                    anderen Altersgruppen zugute. Deshalb
TU Chemnitz fest. Was genau die Ge-                 lich vereinfachen. Eine wichtige Rolle                   werden Fahrzeuge nicht explizit für die
neration 50plus von einem Auto erwar-               spielen zudem einstellbare Lordosen-                     ältere Generation angeboten, um ande-
tet, möchten die Forscher nun heraus-               Stützen, die den Rücken entlasten, und                   re Zielgruppen nicht auszuschließen. So
finden. Sie entwickelten deshalb den                 Automatik-Getriebe, die den Schaltvor-                   sind ergonomisch gestaltete Autos auch
Usability Research Simulator for Automo-            gang übernehmen. Sehr hilfreich sind                     für den Normal-Verbraucher geeignet.
biles, kurz URSA. Dieser Fahrsimulator              darüber hinaus auch elektronische Fahr-
wurde kürzlich auf der HANNOVER MES-                assistenzsysteme, wie die Einparkhilfe.                  Welche Hersteller produzieren besondere
SE 2009 präsentiert. Schon jetzt gibt es            Einen hohen Komfort bieten außerdem                      ergonomische Autos? Zwar gibt es bis-
einige Autos, die sich besonders an den             Automatik-Funktionen, die sich um das                    lang noch keine Fahrzeuge speziell für
Bedürfnissen der langjährigen Fahrerinnen           Einschalten des Fahrlichts und des Schei-                die Generation 50plus. Eine Ausprägung
und Fahrer orientieren. Man spricht hier            benwischers kümmern. Ein sichereres                      in Richtung der genannten Käuferschicht
von ergonomisch designten KFZ. Welche               Fahrgefühl bei Nacht vermitteln auto-                    zeigt sich jedoch bereits bei manchen
Extras bieten solche Fahrzeuge?                     matisch abblendbare Spiegel ebenso wie                   Modellen wie Mercedes A- und B-Klasse,
                                                    Scheinwerfer, die Kurven besonders gut                   Opel Meriva oder Golf plus. Und viel-
Zu den ergonomischen Faktoren zählen                ausleuchten. Wenn durch diese Kom-                       leicht fließen auch bald die Erkenntnisse
neben einer guten Bedienbarkeit und                 fortmerkmale der Fahrer deutlich weni-                   aus der Fahrsimulation der TU Chemnitz
Übersicht auch körpergerechte Sitze und             ger Mühe auf die Bedienung legen muss,                   in die Neuwagenplanung mit ein, zum
ein hoher Komfort, wie zum Beispiel                 kann er dem Straßenverkehr mehr Auf-                     Wohl aller Autofahrer.
eine Lenkradfernbedienung für Radio                 merksamkeit schenken. So erhöht sich
und Freisprecheinrichtung. Standardmä-              gleichzeitig die Sicherheit.                             INFORMATIONEN zum „Fit & mobil“ Autotest
ßig sollten Autos ohnehin so konzipiert                                                                      des ADAC stehen im Internet bereit unter:
sein, dass sie sich einfach und intuitiv be-        Viele Vorteile kommen allen Altersgruppen                www.adac.de/Tests/Autotest/fit_und_mobil
dienen lassen. Doch die Realität sieht oft          zugute Die Automobilindustrie bemüht                     Neben den Angaben zur Modellauswahl finden
anders aus.                                         sich nach Angaben des ADAC bereits                       Sie dort allgemeine Hinweise zu Kaufkriterien.
                                                    seit mehr als drei Jahrzehnten darum, die
Mehr Komfort bedeutet meist auch er-                Fahrzeug-Ergonomie zu verbessern. Lei-
höhte Sicherheit Ebenfalls mehr Komfort             der sind aber auch immer wieder Rück-
in ergonomischen Fahrzeugen bieten er-              schritte zu verbuchen. Beispielsweise
höhte Sitzpositionen, die das Ein- und              verschlechtern breiter werdende A-Säu-
Aussteigen erleichtern und einen besse-             len an den Scheiben die Rundumsicht.
ren Rundumblick ermöglichen. Gefragt                Seit einigen Jahren informiert der ADAC
sind weiterhin Zuziehhilfen für große               in der Rubrik „fit & mobil“ durch ei-
Heckklappen, Parkwarner, die den Ab-                gene Testberichte über Automobile, die
stand zum nächsten Hindernis akustisch              sich besonders für die Zielgruppe 50plus
signalisieren, sowie ausfahrbare Lade-              eignen. Viele Merkmale, die sich speziell
böden und niedrige Ladekanten, durch                an ältere Nutzer richten – angefangen
die das Einladen schwerer Gegenstän-                vom Einsteigen über die Bedienung bis                    Schlanke A-Säulen verbessern den Überblick

                                                                                                                                                                11
ID 55 INTERVIEW




     DER „OPPA“                                                                              Interview Jens Südmeier   Fotos NEXT, Berlin | Thomas Willemsen




     ALS KUNSTFIGUR
     Keine Zeit zum Aufhören: Seit 1988 denkt und spricht Uwe Lyko wie „Herbert Knebel“ – und bald
     ist er auch genauso alt

     „Boh glaubse, geh’ mir doch wech!“ 34              gab es da noch meine älteren Onkel und          Ich habe immer so flapsig gesagt: Ich
     Jahre jung war Uwe Lyko, als er sich zum           schrullige Opas in der Nachbarschaft.           freu mich schon auf den Tag, an dem ich
     ersten Mal für die Bühne als Rentner ver-          Die hatten so eine unfreiwillige Komik,         60 werde und dann so alt bin wie der
     kleidete: Der Mützenmann Herbert Knebel            die ich schon immer faszinierend fand.          Knebel. Dann kann ich eins zu eins zum
     (60) ist seit 20 Jahren das erfolgreichste                                                         Auftritt fahren und brauche mich nicht
     Alter Ego des Essener Kabarettisten. An            Und bei denen haben Sie sich die                mehr umziehen. Natürlich völliger Blöd-
     Lenzen hat der heute 55-Jährige seine              Knebelschen Eigenarten abgeschaut?              sinn. Ich habe mir zum Älterwerden nie
     schräge Kunstfigur fast eingeholt. Ob es            Genau. Man sammelt im Laufe der Jahre           so richtig Gedanken gemacht. Erst als
     noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen                 Eindrücke und Erfahrungen, die einem            ich 50 wurde, habe ich das als Einschnitt
     den beiden gibt als nur die Kerzen auf             im Gedächtnis bleiben. Dieses Sammel-           empfunden. Nicht, dass ich körperlich
     der Geburtstagstorte, verrät Uwe Lyko im           surium von Kindheits- und Jugenderin-           abgebaut habe oder gedacht habe: Jetzt
     ID55-Interview.                                    nerungen hat sich dann im Knebel ma-            bist du alt! Aber als ich Kind war, wa-
                                                        nifestiert. Man muss sich das vorstellen,       ren für mich alle, die über 50 waren, alte
     Herr Lyko, warum haben Sie sich mit                wie so einen Vulkan, der drei Jahrzehnte        Opas. Daran hat sich heute eine Menge
     Mitte 30 ausgerechnet die Rolle eines              lang brodelt. Irgendwann kommt die              geändert. Ganz viele kommen eben nicht
     Rentners ausgesucht?                               Lava herausgeschossen. In diesem Fall           mehr seniorenmäßig daher, sondern sind
     Purer Zufall. Ich habe mit Bandkollegen            war das der Knebel.                             jung geblieben und voller Energie.
     herumimprovisiert und herumgealbert.
     Auf einmal war diese Stimme da, und es             Was lässt sich mit Herbert Knebel besser        Was tun Sie, um fit zu bleiben?
     war völlig klar: Das ist eine Stimme, die          darstellen als mit einer jüngeren Figur?        Ich bin ein wahrer Sport-Junkie. Ich lau-
     zu einem älteren Herrn gehört. Ich hatte           Darüber habe ich mir nie Gedanken ge-           fe, ich fahre Fahrrad – und wenn mich
     schon immer ein Faible für ältere Typen,           macht, weil die Figur ja nicht am Reiß-         einer nachts um zwölf Uhr anruft und
     die ein Original verkörpert haben. Ich             brett entwickelt wurde. Die ist spontan         fragt, ob ich nicht Lust auf eine Partie
     fand diese Männer total witzig, die auf            entstanden und ich hatte einfach Spaß an        Tennis habe, dann stehe ich auf. Man
     Fußballplätzen in den unteren Spielklas-           dieser Figur. Wir als Autorenteam, zu dem       muss aber auch sehen, dass viele Sachen
     sen an der Barriere standen. Die sahen             außer mir noch Sigi Domke und Martin            nicht mehr so funktionieren, wie sie noch
     und sehen auch heute immer noch ori-               Breuer gehören, haben dem Knebel von            mit 25 oder 30 funktioniert haben. Die
     ginal so aus wie der Knebel. Außerdem              Anfang an ganz viele Freiheiten gelassen.       Kondition war damals noch besser und
                                                        Ich spiele auf der Bühne beispielsweise         wenn ich heutzutage morgens aufstehe,
     Rockende „Rentner”: Herbert Knebels Affentheater   Gitarre, Mandoline oder auch Trompete.          knacken auch schon mal die Knochen –
                                                        Da kann man natürlich auch sagen: Das           das ist eben so. Deshalb gönne ich mir
                                                        ist überhaupt nicht stimmig. So ein Opa         zwischendurch auch viele Ruhephasen.
                                                        mit Hornbrille, Seidenjacke und Kappe,
                                                        der singt ja wohl kaum Nummern von              Wie lange werden Sie noch als
                                                        AC/DC oder Led Zeppelin. Der Knebel             Herbert Knebel auf der Bühne stehen?
                                                        ist einfach eine Kunstfigur – die mich           Keine Ahnung. Im Moment macht es
                                                        durch viele schauspielerische Momente           mir nach wie vor noch riesigen Spaß.
                                                        auch vor Herausforderungen stellt, weil         Unser aktuelles Gruppenprogramm mit
                                                        ich auf der Bühne schon jemand anderes          dem Affentheater ist wahnsinnig ab-
                                                        bin als privat. Der Knebel spricht anders,      wechslungsreich – und auch mein Solo-
                                                        der Knebel bewegt sich anders, und der          programm spiele ich mit großer Begeiste-
                                                        Knebel denkt anders als Lyko.                   rung. Da denkt man einfach nicht daran,
                                                                                                        aufzuhören.
                                                        Trotzdem sind Sie seit über 20 Jahren
                                                        unzertrennlich mit ihm verbunden                Trotzdem werden sie ja sicherlich
                                                        und Sie nähern sich nun dem Alter               Pläne fürs Alter haben. Wie möchten
                                                        der Figur immer mehr an. Ist es Ihnen           sie alt werden?
                                                        dadurch leichter gefallen, sich aufs            Am liebsten gar nicht. Nein, im Ernst:
                                                        eigene Älterwerden einzustellen?                Natürlich macht man Pläne für das


     12
                                                        INTERVIEW ID55




Alter. Bei mir geht es da in erster Linie
um Versorgungsaspekte. Als ich damals
mit dem Affentheater anfing zu spielen,
habe ich noch nebenbei gearbeitet und
den Schritt ins Profilager erst gewagt,
als ich dadurch auch eine Altersversor-
gung absichern konnte. Anfang der 90er
Jahre habe ich mir mit Freunden und
Bekannten im Essener Süden zusammen
ein Haus gekauft. Jeder von uns Vieren
hat dort seine eigene Wohnung, seinen
eigenen Bereich. Dennoch wohnt man
nicht irgendwo alleine vor sich hin. Wir
unternehmen viel miteinander, fahren
gemeinsam in den Urlaub, kochen und
essen zusammen. Das ist eine Lebens-
form, die ich für mich gewählt habe und
die ich auch im Alter gerne beibehalten
möchte.

Haben Sie Wünsche, die Sie sich noch
unbedingt erfüllen möchten?
Das sind größtenteils profane Dinge.
Ich möchte unbedingt irgendwann nach
Südafrika reisen. Ganz viele Leute haben
mir schon erzählt, das sei ein wunder-
schönes Land. Aber dieser Wunsch ist ja
relativ leicht zu erfüllen. Man kauft sich
ein Flugticket, fliegt dahin und macht
drei oder vier Wochen Urlaub. Ob mein
anderer Wunsch noch erfüllt wird, kann
ich leider nicht sagen: Ich habe immer
davon geträumt, mal in einem Kino-
oder Fernsehfilm mitzuspielen. Nicht als
Knebel, sondern als Schauspieler eine
kleine oder größere Rolle zu überneh-
men. Das würde ich unheimlich gerne
noch machen.

Was würde Herbert Knebel zu diesen
Wünschen sagen?
Das ist immer schwierig, als Uwe Lyko
für Herbert Knebel zu antworten. Aber
jau, nach Südafrika … da würde der
Knebel glaub’ ich auch hinfahren.



UWE LYKO wurde am 22. September 1954 in
Duisburg-Rheinhausen geboren. Kurz nach seiner
Ausbildung zum Fernmeldetechniker begann er,
nebenbei Theater zu spielen und stand mit unter-
schiedlichen Bands auf der Bühne. 1988 gründete
er „Herbert Knebels Affentheater“ gemeinsam mit
Martin Breuer („Ernst Pichel“), Detlef Hinze („der
Trainer“) und Sigi Domke – letzterer ist seit 1995
nur noch als Autor der Truppe tätig. Seinen Platz auf
der Bühne übernahm Georg Goebel-Jackobi alias
„Ozzy Ostermann“. In seiner Rolle als Herbert Kne-
bel tourt Uwe Lyko solo und mit dem Affentheater
durch ganz Deutschland. Er ist regelmäßiger Gast in
Jürgen Beckers Kabarett-Fernsehsendung „Mitter-
nachtsspitzen“ (WDR). www.herbertknebel.de



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                                                                                        Hundetrainer Ralf Tommek von der Hundetagesstätte
                                                                                        „Bodogs“ hat ein Herz auch für ältere Vierbeiner




Mit Handicap
    ins „Pfötchenhotel“
Demografischer Wandel am Fressnapf: Dank guter Pflege und Ernährung erreichen immer mehr
Hunde und Katzen ein biblisches Alter.  Text Mona Schamp Fotos Jörg Deimann | Bernd Wolf | Jan Maschinski



Die Lebenserwartung steigt – nicht nur bei Menschen, sondern
auch bei Hasso und Minka. Immer häufiger sind Herrchen und
Frauchen dazu bereit, für die Gesundheit und das Wohlergehen
ihrer vierbeinigen Begleiter tief in die Tasche zu greifen.

Berry galt als „unvermittelbar“. Der in die Jahre gekommene
Rüde biss jeden, der sich ihm näherte – selbst die Mitarbei-
ter des Tierheims. Trotzdem oder gerade deswegen nahm Ralf
Tommek die Deutsche Bracke vor einigen Jahren als Zweit-
hund für seine Pudelpointer-Dame Diana bei sich auf. „In-
nerlich habe ich gezittert“, erzählt der 52-jährige Jäger und
Falkner, der die Bochumer Hundetagesstätte „Bodogs“ leitet.
„Doch wir haben uns von Anfang an gut verstanden.“ Ralf
Tommek hat mehr als 25 Jahre Erfahrung im Umgang mit
Hunden. Sein erster Hund, ein Bouvier-Riesenschnauzer-Mix,       Im Pfötchenhotel: Relaxen auf der grünen Wiese
sei bis zu seinem 14. Lebensjahr nie krank gewesen. Ebenso alt
wurde seine Kangal-Hündin. Für Hunde dieser Größe sind das       Bessere Versorgung für Haustiere
umgerechnet fast 100 Menschenjahre. Beim 13-jährigen Berry       Als „alt“ gelten Hunde – je nach Größe – bereits ab dem sechs-
diagnostizierte der Tierarzt kürzlich eine beginnende Arthrose   ten bis neunten Lebensjahr, Katzen ab dem achten bis zehn-
und Nachtblindheit. „Das habe ich noch nicht bemerkt“, so        ten. Die Lebensjahre des Tieres – multipliziert mit dem Faktor
Tommek. Zwar schlafe Berry mehr als früher, doch „er klettert,   sieben – ergeben eine Faustformel für die Umrechnung in das
läuft und spielt immer noch“.                                    entsprechende „Menschenalter“. „Wie alt ein Haustier wird,




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hängt von Tier, Rasse, Gesundheit und Gewicht ab“, erläutert
Dr. Bettina Bachem-Drießen, Tierärztin aus Essen. Von einem
pauschalen Durchschnittsalter könne man nicht sprechen.
„Kleine Hunde wie Dackel haben mit bis zu 18 Jahren eine
deutlich höhere Lebenserwartung als große Rassen wie Schä-
ferhunde mit zwölf Jahren“, so die Veterinärin. Hauskatzen
dagegen „schaffen oft locker über 20 Jahre“. Für Detlev Nolte
vom Industrieverband Heimtierbedarf (IVH) liegen die Gründe
für den Altersboom bei Haustieren vor allem „in besserer, art-
gerechter Ernährung und in verbesserter ärztlicher Versorgung
wie Impfungen und Entwurmungen“. In rund 9.000 deutschen
Tierarztpraxen kümmern sich Tierärzte, Tierpsychologen und
Tierphysiotherapeuten um das Wohlbefinden der Vierbeiner.
Außerdem habe sich die „Funktionalität von Heimtieren“ ge-
ändert: „Sie sind Familienmitglieder, nicht selten sogar der Er-
satz für eigene Kinder. Außerdem müssen sie sich viel weniger
körperlich anstrengen als frühere Nutztiere.“                      Neugierig auch als Tiersenior

Versicherung und Pflege                                             Auch Naturheilverfahren erfreuen sich bei Tierhaltern als Al-
Gute medizinische Versorgung hat ihren Preis. Schnell fallen       ternative zur konventionellen Veterinärmedizin immer größe-
über 100 Euro für Untersuchungen, Impfung, Entwurmung              rer Beliebtheit. Nadine Gelhaus, Tierheilpraktikerin aus Her-
oder Allergiemittel beim Tierarzt an. Eine vielversprechende       ne, bestätigt diesen Trend: „Die Menschen nehmen pflanzliche
Marktlücke, die zunehmend Versicherer für sich entdecken.          Mittel für sich in Anspruch. Warum also nicht auch für ihr
In Deutschland bieten mit Agila, Allianz und Axa mittlerweile      Haustier?“ In ihrer Praxis bietet die 32-Jährige Naturheilver-
drei Versicherungsunternehmen eine Krankenversicherung für         fahren wie Homöopathie, Bachblüten-Extrakte, Massagetech-
Hund und Katze an. Hunde sind je nach Rasse und Größe ab           niken und Magnetfeldbehandlungen für Haustiere an. „Wir
27 Euro im Monat versicherbar. Für Katzen bezahlt man zwi-         behandeln das Tier nicht nur symptomatisch, sondern ganz-
schen 15 und 30 Euro, Freigänger sind teurer als Wohnungs-         heitlich mit Körper, Geist und Seele.“ Für ein langes Leben der
katzen. In Schweden ist bereits jeder zweite Hund versichert,      Vierbeiner rät sie vor allem zu gesunder Ernährung und viel
in Großbritannien jeder vierte. In Deutschland hat jeder 100.      Bewegung.
Hund eine Krankenversicherung.
                                                                   Fettarmes Popcorn und selbstreinigende Katzenklos
                                                                   Vor 20 Jahren wurden Hunde, die auf Grund eines Unfalls oder
                                                                   einer schweren Verletzung nur noch auf drei Beinen durchs Le-
                                                                   ben humpelten, eingeschläfert. Heute gelten sie als Hunde mit
                                                                   „Handicap“ und humpeln mit einer Prothese zum Fressnapf.
                                                                   In den USA erhalten Katzen schon seit einigen Jahren Dialysen
                                                                   oder Nierentransplantationen. Deshalb reisen deutsche Tier-
                                                                   halter ihren Samtpfoten zuliebe zu teuren OPs in die USA, da
                                                                   sie hierzulande bisher nicht durchgeführt werden. In den Ferien
                                                                   spannen gestresste Hundesenioren im „Pfötchenhotel“ aus, na-
                                                                   schen fettarmes Popcorn, hypoallergene Spaghetti oder gluten-
                                                                   freie Kekse aus biologischem Anbau. In ihrer Freizeit trainieren
                                                                   sie mit einer Flying Disc, einer speziellen Frisbee-Scheibe für
                                                                   Hunde, ihre Fitness. Oder sie kauen einen Baumwollknochen
                                                                   mit vollverdaulicher Geräuschrassel. Selbstreinigende Katzen-
                                                                   klos mit Luftreiniger sorgen ab 70 Euro für frische Luft.

                                                                   Ralf Tommek interessiert sich für solchen „Schnickschnack“
                                                                   nicht. Er liebt die Tiere einfach so wie sie sind. Einen alten
                                                                   Hund wie Berry würde er immer wieder in seinem Zuhause auf-
                                                                   nehmen. „Am liebsten aus dem Tierheim“, sagt der 52-Jährige,
                                                                   „damit der auch noch was von seinem Lebensabend hat.“


                                                                   23 MILLIONEN HAUSFREUNDE In Deutschland leben zurzeit etwa
                                                                   23 Millionen Haustiere, so Detlev Nolte vom Industrieverband Heimtier-
                                                                   bedarf. Davon sind acht Millionen Katzen, 5,5 Millionen Hunde und gut
                                                                   sechs Millionen Kleintiere. In ihre Haustiere investieren die Deutschen
                                                                   jedes Jahr vier Milliarden Euro. Der Umsatz mit industriell gefertigtem
                                                                   Tierfutter lag 2007 in Deutschland bei 2,5 Milliarden Euro.
Nadine Gelhaus, Tierheilpraktikerin aus Herne




                                                                                                                                      15
ID 55 FIT BLEIBEN




     Spaß beim Sport für die Wissenschaft: Gisela Bachgardt stärkt den Rücken an der Kabelzug-Maschine




    Runter von der Couch
     Bewegung für die Wissenschaft: Wie der Dortmunder Alternsforscher Prof. Dr. Michael Falkenstein
     Menschen in der dritten Lebensphase in Schwung halten will. Text Dr. Nils Rimkus Fotos Bettina Engel-Albustin

     Sie zieht die Last, lässt sie ab, zieht die        die geistigen Fähigkeiten Älterer beein-         chung klingt hier an. Die Ergebnisse
     Last, lässt ab. Gleichmäßig. Konzen-               flusst. „Unsere Testpersonen sind sehr            werden klären, welche Maßnahmen die
     triert. „Immer ausatmen, wenn’s leicht             zuverlässig und ehrgeizig. Manchmal              geistige Fitness der Älteren erhalten oder
     wird, und einatmen, wird’s schwer“,                zu ehrgeizig – halt, stopp!“ Trainerin           sogar fördern, damit sie ihren Alltag so
     erklärt Gisela Bachgardt mit leicht gerö-          Eva-Maria Biro springt zu einer älteren          lang wie möglich bewältigen können.
     tetem Gesicht. Nach 15 metallisch kla-             Dame, die an einer 25-Kilo-Scheibe
     ckenden Wiederholungen überlässt sie               zerrt, und hilft ihr, das Gewicht von der        Der Schlüssel zu effizienteren Konzepten
     einem anderen die Kabelzug-Maschine.               Beinpresse zu wuchten. Eva-Maria Biro            Der renommierte Alternsforscher Mi-
     „Wer richtig atmet, bekommt keinen                 unterstützt ihren Bruder Stephan, In-            chael Falkenstein leitet die IfADo-Pro-
     Muskelkater!“ Lebhaft sagt sie das, froh           haber des Studios und ehemaliger Deut-
     über das neue Wissen. „Wir lernen hier             scher „Body Fitness“-Meister, bei der
     ungeheuer viel. Wie die Muskeln richtig            Gruppenbetreuung.
     zusammenspielen. Und über die Geräte:
     Anfangs habe ich mich falsch herum ans             „Sehr motiviert, sehr neugierig, sehr wis-
     Butterflygerät gesetzt und dachte, es sei           sensdurstig“ Ortswechsel. Im Instituts-
     kaputt!“ Die 67-Jährige lacht, lockert             büro, freundlich bedrängt von vollen
     sich und greift zum Latissimus-Zug.                Regalen und Bücherstapeln, dem aus-
                                                        ladenden Schreibtisch mit PC, zwei un-
     Training auf Institutskosten 19 Frauen und         gleichen Bürostühlen und einer Garnitur
     Männer zwischen 65 und 84 Jahren trai-             aus Ledersessel und Mini-Tisch, die den
     nieren an diesem Freitagmorgen im Dort-            Weg zur Garderobenstange verstellen,
     munder Sportstudio „Workout Fitness“               sitzt Prof. Dr. med. Michael Falkenstein
     – auf Kosten der Wissenschaft. Denn das            und wirkt sehr zufrieden. „Das Projekt
     viermonatige Training gehört zur groß              ‚3 Trainings’ läuft hervorragend. Unse-
     angelegten Untersuchung „3 Trainings“              re älteren Testpersonen sind überdurch-
     (siehe Infokasten). Mit ihr ergründen              schnittlich. Sehr motiviert, sehr neugierig
     die Wissenschaftler vom „IfADo“, dem               und sehr wissensdurstig. Aber vielleicht
     Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an           können wir sie ja noch fitter machen.“            Prof. Dr. Michael Falkenstein bringt Bewegung in
     der TU Dortmund, inwieweit Training                Der allgemeine Nutzen der Untersu-               die Alternsforschung



     16
                                                                                                                                         FIT BLEIBEN ID55



jektgruppe „Altern und ZNS-Verän-                   getrieben. Es ist interessant zu sehen,
derungen“ und führt, assistiert von Dr.             wie eifrig sie sind und wie viel Spaß sie
Patrick Gajewski und Brita Rietdorf,                haben. Okay, manchmal ist das wie ein
die „3 Trainings“ durch. Zunächst rühr-             Kindergarten – was haben wir schon
ten sie die Werbetrommel, bis 144 ge-               gelacht!“ Gisela Bachgardt schlendert
eignete Testpersonen gefunden waren.                vorbei, auf dem Weg zur Getränkepause
Dann begannen am 28. Oktober 2008                   in der Studiobar. Sie setzt sich auf einen
die aufwändigen Untersuchungen. Jede                Eckplatz neben Marie-Luise Wesolowski
Testperson wurde fast einen Tag lang                und bestellt eine Apfelschorle.
durchgecheckt: mit EEG-kontrollierten
Tests zu Schnelligkeit, Reaktions- und              Schulter-Probleme wegtrainiert „Ich hab
Merkfähigkeit, einem Sportcheck sowie               von dem Training in der Zeitung gele-
neurologischen Untersuchungen zum                   sen und dachte: Ich muss runter von der
Gedächtnis. Ende April 2009 hatten die              Couch. Ich habe Bekannte, die sitzen nur
ersten Gruppen ihr viermonatiges Trai-              rum und jammern.“ Marie-Luise nickt,
ning beendet, die Nach-Untersuchungen               Gisela fährt fort: „Die ersten drei, vier
begannen. Brita Rietdorf: „So finden wir             Mal hier im Studio waren schwer. Aber
heraus, ob Sport, Gehirnjogging oder                dann wurd’s toll. Ein Supertraining. Ste-
Entspannungstraining bewirken, dass                 phan achtet sehr auf uns, auf die richtige
ältere Menschen schneller, flexibler und             Körperhaltung.“ Marie-Luise ergänzt:
besser denken und auch besser behal-                „Viele von uns haben Vorschädigungen
ten können.“ Sie ist sich sicher, dass die          an Knien, Hüften, Schultern. Da kommt
Trainings wirken. Aber was am meisten               es auf die richtige Haltung an, selbst
bringt – das ist der Schlüssel zur Weisheit         beim Hantel-Training.“ Jetzt nickt Gise-
effizienterer Trainingskonzepte.                     la zustimmend. Sie schaut auf und hebt
                                                    die Brauen: „Ich hatte im Spätsommer
„Was haben wir schon gelacht“ „Können               schon den Einlieferungsschein in der
Sie mir helfen, das Laufband wieder                 Hand. Im Krankenhaus sollte ich an der
langsamer zu stellen?“ Eva-Maria Biro               Schulter operiert werden. Aber dank des
lächelt und braucht drei Handgriffe.                Trainings ist das nicht mehr nötig – mir
Doch, sie ist beeindruckt. „Einige Teil-            konnte nix Besseres passieren! Ich werde
nehmer haben vorher nie wirklich Sport              auf jeden Fall weitermachen.“

„3 TRAININGS“ – DAS UNTERSUCHUNGSDESIGN
Die wissenschaftliche Untersuchung „3 Trainings“ dauert 18 Monate. 144 Testpersonen über 65 Jahre
wurden per Zufallsprinzip auf vier Gruppen verteilt. Begleitet von drei hauptberuflichen Übungsleitern,
die Erfahrung in der Arbeit mit Älteren haben, trainieren drei Gruppen, während eine „passive“ Gruppe
als Kontrolleinheit dient – ihre Mitglieder trainieren nicht, sondern verbringen ihren gewohnten All-
tag. Der Vergleich der Untersuchungsergebnisse zeigt, ob und in welchem Umfang sich die „aktiven“
Gruppenmitglieder verbessern konnten. Alle Trainings dauern 90 Minuten, zweimal die Woche, vier
Monate lang. Eine Trainingsgruppe macht Entspannungsübungen an der VHS Dortmund, Hansastra-
ße. Die zweite Gruppe bringt im Wilhelm-Hansmann-Haus (WHH), Märkische Straße, ihre grauen Zel-
len mittels Gehirnjogging am PC auf Trab. Die dritte Gruppe absolviert ein Sport- und Fitnesstraining
im Sportstudio.
                                                                                                         Runter von der Couch – raus in den Park




Auch schweres Gerät im Griff: Anni Gerbig am        Übungen am Kabelzug: Bringt Haltung bei, schont die Gelenke, baut behutsam Muskulatur auf
Butterflygerät



                                                                                                                                                   17
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                                                                                                                                     2. KARRIERE ID55




Einzelelemente einer Armbanduhr              Mit Know-how und einem glücklichen Händchen machte sich Ulrich Schlüter mit 53 Jahren selbständig




Aussterbender Beruf hat Zukunft
Wie es Ulrich Schlüter gelang, sich mit 53 als Uhrmacher selbständig zu machen
Gründer 50plus: Nach 23 Jahren als Werkstattleiter eines großen Juweliergeschäfts hatte Uhrmacher
Ulrich Schlüter gedacht, dort eine Stelle bis zur Rente sicher zu haben. Doch es sollte anders kommen.
                                                                                                              Text Stefan Schütter   Fotos Michael Grosler


Der 56-jährige Handwerker klemmt sich        Schneller Erfolg
eine grüne Lupe ins rechte Auge und          In den ersten vier Monaten zahlte das
beugt sich konzentriert über den Arbeits-    Arbeitsamt 60 Prozent des letzten Net-
tisch. Vor ihm steht eine kleine Stapel-     tolohns als Unterstützung. Und bereits
kiste mit den gereinigten Einzelteilen       nach sechs Monaten trug sich das Ge-
einer Armbanduhr, daneben ein Mikroskop.     schäft selbst. „Im Nachhinein ärgere ich
Mit Pinzette und ruhiger Hand setzt er all   mich, den Schritt in die Selbständigkeit
die Rädchen und Federn, sowie Anker,         nicht schon zehn Jahre früher gewagt zu
Zeiger und Ziffernwerk genauso akkurat       haben. Mein Steuerbüro ist inzwischen
wieder zusammen, wie er jeden Morgen         sehr zufrieden mit mir“, freut sich der
seinen markanten Kaiser-Wilhelm-Bart in      heute 56-Jährige. Der Erfolg fordere na-
Form bringt.                                 türlich Tribut: Die wöchentliche Arbeits-
                                             zeit betrage zwar mindestens 60 Stun-
Schon ein Jahr bevor sein langjäh-           den, aber dafür sei er jetzt sein eigener
riger Arbeitgeber Insolvenz anmeldete,       Chef und verdiene auch besser als früher.
beschlich Ulrich Schlüter ein ungutes Ge-
fühl. Er wechselte vorsorglich die Stelle,   Schlüter hat inzwischen den Wunsch,               Die Zeitwaage hilft Schlüter beim Regulieren des
nur vier Jahre später – im Jahre 2005 –      einen geeigneten Auszubildenden zu                Uhrwerks
erhielt er dort die Kündigung. Mit 53        finden, damit sein langjähriges Wissen
Jahren bewarb er sich in den nächsten        nicht verloren geht. Vielleicht melde             und andere gewerbliche Firmen kompli-
Monaten im gesamten Bundesgebiet,            sich ja mal ein technisch Interessierter,         zierte Reparaturen durchführt.
ohne Erfolg. So reifte mit jeder Enttäu-     schließlich habe der Beruf noch Zukunft.
schung der Entschluss heran, den Schritt     Uhrmacher seien schon heute schwer zu             Keine Frage des Alters
in die Selbständigkeit zu wagen. Es war      finden, der Bedarf sei aber nach wie vor           Schlüter möchte bis 67 arbeiten, schließ-
mühsam, das Arbeitsamt von seinen Plä-       groß. „Meine effektivste Werbung ist              lich habe er eine berufstätige, junge
nen zu überzeugen, erinnert sich der spät    deshalb der einfache Eintrag im Bran-             Frau und wolle nicht allein zu Hause
berufene Unternehmer. Und weder dort,        chenbuch.“                                        herumsitzen: „Man muss diszipliniert
noch bei der Sparkasse oder der Wirt-                                                          leben, um seine Feinmotorik zu erhal-
schaftsförderung habe er konkrete Rat-       Der Uhrmacher kooperiert mit einem Ju-            ten. Ich kenne Meister, die noch mit
schläge erhalten, was genau zu tun sei.      weliergeschäft. In seinem Verkaufsraum            70 an Uhren herumgewerkelt haben.
Letztendlich half ihm dann ein Steuerbü-     am Rand des Bochumer Bermuda-Drei-                Solange die Hände ruhig bleiben, wird
ro bei der Erstellung eines Businessplans.   ecks hat Schlüter nur beratende Funktion.         geschraubt. Aber wenn ich in Ren-
Ulrich Schlüter: „Ich bin ein Sturkopf,      Sein eigentliches Metier ist die Werkstatt,       te gehe, fasse ich keine Uhr mehr an,
darum habe ich mich da durchgekämpft.“       wo er mittlerweile für etwa 20 Juweliere          irgendwann muss Schluss sein.“

                                                                                                                                                     19
ID 55 MEINE ID55




     Mein Sieg über die
     Endlichkeit
     Ich weiß jetzt, wo es langgeht. Ein Interview zum 50. Geburtstag des Komponisten Stefan Heucke
                                                                                                   Text Susanne Schübel Foto Christoph Fein | Stefan Kuhn

                                                                                                      Ausgebucht? Das hört man nicht oft bei
                                                                                                      einem Komponisten klassischer moderner
                                                                                                      Musik.
                                                                                                      Ich bin mit wunderbaren Aufträgen aus-
                                                                                                      gebucht bis mindestens 2012, habe aber
                                                                                                      darüber hinaus Ideen, die reichen für die
                                                                                                      nächsten 40 Jahre. Ich will nicht unbe-
                                                                                                      dingt sagen, das Beste kommt noch. Das
                                                                                                      würde das, was bis jetzt war, abwerten.
                                                                                                      Aber es kommt noch ganz viel Gutes auf
                                                                                                      mich zu.

                                                                                                      Welche Hoffnungen und Wünsche haben
                                                                                                      Sie für den dritten Lebensabschnitt?
                                                                                                      Ich hoffe, dass ich mit meinem Partner
                                                                                                      alt werden darf und keiner von uns geis-
                                                                                                      tig total abbaut wie meine Mutter, die fünf
     Feierte 2009 seinen 50. Geburtstag – der Komponist Stefan Heucke aus Bochum                      Jahre an Alzheimer erkrankt war. Mein
                                                                                                      Partner ist acht Jahre älter als ich und
     Herr Heucke, Sie sind in diesem Jahr 50          Wie ist Ihnen das gelungen?                     geht im Herbst 2009 in den Ruhestand.
     geworden – was bedeutet das für Sie?             Ich überlege mir sehr genau, ob ich eine        Ich wünsche mir, dass das keine Konflikte
     Älter zu werden ist ein Fortschritt und          Sache wirklich machen will. Und wenn            gibt, weil er denkt, wir müssen jetzt die
     mein Sieg über die Endlichkeit. In jun-          ich sie nicht will, dann versuche ich, sie      ganze Zeit Freizeit machen, während ich
     gen Jahren wurde ich lebensbedrohlich            bleiben zu lassen. Ich versuche, mein so-       noch viel arbeiten will. Gleichzeitig freue
     krank und dachte, dass ich vielleicht nur        ziales Gewissen zu bewahren und meinen          ich mich auf diese neue Phase. Wenn er
     30 würde. Dann wurde ich 40 und jetzt            Freundeskreis zu pflegen. Ich maile, ich         mehr Zeit hat, kann er mir auch etwas an
     50 – großartig! 50 Jahre sind kein Bruch,        telefoniere, ich treffe Leute. Ich organi-      Arbeit abnehmen.
     sondern eine Stufe im Leben, eine Stati-         siere immer wieder mal ein großes Fest,
     on in Richtung Reife, Vervollkommnung,           wo ich alle Lieben um mich versammle.           Was ist Ihnen heute das Allerwichtigste?
     Vollendung. Ich bin im Reinen mit dem,           Wenn ich in Stuttgart, meiner alten Hei-        Meine Musik, das Komponieren. Sofort
     wie es bisher war. Wäre ich noch einmal          mat, bin, besuche ich die Freunde, die ich      danach kommen die Menschen um mich
     20, würde ich es genauso machen. Und             dort noch habe. Ich habe ein sehr reges         herum. Ohne die, die mir nahestehen,
     ich habe das deutliche Gefühl, dass ich          soziales Leben.                                 wollte ich nicht leben, aber im äußersten
     noch eine Menge Fortsetzung von dem,                                                             Notfall könnte ich es wohl. Ohne das Kom-
     was ich angelegt habe, vor mir habe. Das         Welche Chancen bietet der dritte Lebens-        ponieren jedoch wäre ich verloren.
     lässt mich heiter und gelassen sein.             abschnitt?
                                                      Mit 50 stehe ich genau da, wo ich stehen        Was ist der Sinn Ihres Lebens?
     Von welchen Erfahrungen in Ihrem Leben           wollte. Das ist ein wunderbares Gefühl.         Menschen, die künstlerisch arbeiten, su-
     haben Sie besonders profitiert?                   Ich lebe seit 25 Jahren in einer guten Be-      chen Antworten auf wichtige Fragen der
     Von der Zusammenarbeit mit Frau Prof.            ziehung. Ich habe beruflich im Wesentli-         menschlichen Existenz. Auch ich habe
     Renate Werner, meiner Stuttgarter Leh-           chen das geschafft, was ich wollte. Okay,       noch nicht alles gesagt, was zu sagen
     rerin an der Musikhochschule, und von            es könnte noch ein Konzert in der Carne-        ist. Eine wichtige Sache blieb bisher un-
     dem bewussten Musikhören mit meinem              gie Hall mit Anne Sophie Mutter kommen          erledigt – die Beschäftigung mit heiteren
     Vater. Beides war für meine musikali-            – man muss ja auch von etwas träumen.           Dingen. In meinem ganzen Werkverzeich-
     sche Entwicklung wichtig. Durch die Tat-         (lacht) Zu wissen, solange mein Kopf und        nis gibt es kaum etwas Fröhliches, Heite-
     sache, dass ich mit 25 Jahren dem Tod            Körper mitmachen, wird es mir nie lang-         res, Unbeschwertes oder Leichtes. Alles
     ausgesetzt war, habe ich gelernt, dass je-       weilig werden, das ist beglückend. Und für      ist schwer und ernst und düster. Anders
     der Tag des Lebens so sein muss, dass,           die nächsten Jahre bin ich mit Aufträgen        als im Leben habe ich in der Kunst im-
     wenn es der letzte wäre, ich sagen könnte:       ausgebucht.                                     mer diese Seite ausgelebt. Eines der
     Mein Leben war gut.                                                                              ganz großen Projekte, die ich in den


     20
                                                                                                                             MEINE ID55 ID55




                                                                                                nächsten Jahren verwirklichen werde, ist
                                                                                                eine Operntrilogie nach Thomas Manns
                                                                                                Roman „Josef und seine Brüder“. Eine
                                                                                                Oper an drei Abenden. Das soll eine
                                                                                                Menschheitskomödie werden, so wie Tho-
                                                                                                mas Mann es selber gewollt hat.

                                                                                                Wie sind Sie in den Jahren sich selbst ge-
                                                                                                genüber geworden – strenger oder milder?
                                                                                                In meiner Arbeit bin ich noch strenger
                                                                                                geworden, wahnsinnig gewissenhaft und
                                                                                                sehr, sehr genau. Anderen Menschen ge-
                                                                                                genüber bin ich milder geworden. Früher
                                                                                                fand ich alles, was meine Kollegen ma-
                                                                                                chen, schlecht. Das hat sich verändert.
                                                                                                Inzwischen habe ich zu 90 Prozent Res-
                                                                                                pekt vor dem, was sie machen, und finde
                                                                                                es gut.

                                                                                                Gab es einen Punkt, an dem Sie sich alt
                                                                                                gefühlt haben?
                                                                                                Alt gefühlt habe ich mich noch nie, aber
                                                                                                endlich. Wenn liebe Menschen sterben,
                                                                                                wird klar, dass das Leben nicht immer
                                                                                                so weitergeht. Solche Erfahrungen lassen
                                                                                                wertvoller erscheinen, was man hat und
                                                                                                was noch kommt.

                                                                                                Kann man im Alter noch lernen?
                                                                                                Selbstverständlich – so wie mein Vater
                                                                                                oder meine Schwiegermutter. Ich möchte
                                                                                                mein Italienisch verbessern und vielleicht
                                                                                                sogar Spanisch lernen. Sportlich werde
                                                                                                ich nichts Neues mehr anfangen, sondern
                                                                                                das, was ich kann, verfeinern, verbessern,
                                                                                                weiterentwickeln.

                                                                                                Mit welchem Gefühl blicken Sie auf die
                                                                                                Phase, die vor Ihnen liegt?
                                                                                                Ich habe keine Angst davor. Ich habe auch
                                                                                                nie den Gedanken: Wenn ich noch mal 20
                                                                                                wäre, würde ich alles anders machen. Ich
Entspannt in die Zukunft: Heucke fühlt sich mit 50 so wohl wie nie                              würde alles im Leben genauso machen,
                                                                                                wie ich es gemacht habe. Ich hege die Er-
                                                                                                wartung, es kommt noch etwas Gutes auf
Biografie                                                                                        mich zu, das ist ein heiteres und gelasse-
Stefan Heucke (*1959) erhielt seine musi-            rose". Im September 2006 wurde sein        nes Gefühl.
kalische Ausbildung von 1978 - 1986 an               zweites, weltweit beachtetes Musikthea-
den Musikhochschulen Stuttgart und Dort-             terwerk „Das Frauenorchester von Ausch-    Was sollen Ihre Kollegen oder Freunde
mund bei den Professoren Renate Werner               witz“ im Theater Krefeld/Mönchenglad-      nach Ihrem Tode über Sie sagen?
und Arnulf von Arnim, Klavier, und Gerhart           bach uraufgeführt. Im Jahr 2007 wurde er   Sie sollen mich in Erinnerung behalten als
Schäfer, Komposition.                                vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe     einen Menschen, der von seinem Glück
Erste öffentliche Aufmerksamkeit erregte             mit dem Hans-Werner-Henze-Preis aus-       etwas abgegeben hat. Ich habe bis jetzt
Heucke 1985 mit der Uraufführung sei-                gezeichnet. Weitere Höhepunkte sind die    sehr gut gelebt. Es gab Höhepunkte und
ner Vier Orchesterstücke op. 5 mit dem               Konzertreihe „222“ des Pianisten Rainer    Tiefschläge, doch das Schlechte hat mich
Saarländischen Staatsorchester unter der             Maria Klaas als Hommage an Hans Wer-       nicht umgeworfen, sondern mir dabei ge-
Leitung von Matthias Kuntzsch. Es folg-              ner Henze und Stefan Heucke im Rahmen      holfen weiterzukommen. Dadurch strahle
ten zahlreiche Aufführungen und Rund-                der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 sowie die   ich Zufriedenheit und Lebensglück aus.
funkproduktionen mit namhaften Solis-                Uraufführung des Oratoriums „Nikolaus
ten und Orchestern im In- und Ausland.               Groß“ für das Erzbistum Essen im Oktober   Sind Sie heute glücklicher als früher?
1990 erhielt Heucke den Förderpreis der              2011. Heucke lebt seit 1996 in Bochum.     Ja. Ich weiß jetzt, wo es langgeht.
Stadt Dortmund für junge Künstler, 2002
gewann er den 1. Preis beim Kompositi-               Mehr Informationen                         Stefan Heucke, wir danken Ihnen für das
onswettbewerb der Ruhr-Orchester "Wind-              www.heucke-stefan.de                       Gespräch.


                                                                                                                                         21
ID 55 WOHNEN



     Interview Jens Südmeier   Fotos Bettina Engel-Albustin | Michael Grosler




    WOHN(T)RÄUME
    IN EIGENREGIE
     Vom Grundriss bis zur Hausordnung: Der Wohnungsverein Herne lässt den zukünftigen Bewohnern
     von Hernes erster Mehrgenerationen-Wohnanlage bei der Planung und Verwaltung freie Hand

                                                                                                                        von Konflikten und Streitigkeiten. In der
                                                                                                                        Gemeinschaft soll der Genossenschafts-
                                                                                                                        gedanke voll ausgelebt werden – denn
                                                                                                                        Genossenschaft meint, dass die Mie-
                                                                                                                        ter die Eigentümer der Anlage sind. Im
                                                                                                                        Grunde ist das Modell vergleichbar mit
                                                                                                                        einer Hausgemeinschaft aus Wohnungs-
                                                                                                                        eigentümern, in der auch jeder Mitspra-
                                                                                                                        cherecht hat und Gemeinschaftsent-
                                                                                                                        scheidungen basisdemokratisch gefällt
                                                                                                                        werden.

                                                                                                                        Sie geben als Wohnungsunternehmen sehr
                                                                                                                        viel Verantwortung ab. Ist das nicht auch
                                                                                                                        ein großes Risiko?
                                                                                                                        Nein. Sollten alle Stricke reißen, hat der
     Spatenstich für gelebte Nachbarschaft: Jürgen Köhne, Karl-Heinz Abraham und Peter Pochodzala                       Wohnungsverein als letzte Instanz die
                                                                                                                        Entscheidungsgewalt. Ich bin mir aber
           s rumpelt und rattert. Kräne hie-                              sich schließlich der Verein – und seit die-   sehr sicher, dass das Experiment gelin-

    E      ven neues Baumaterial nach oben.
           „Etwas mehr nach rechts“, ruft
     ein Bauarbeiter. An der Straße des Bohr-
                                                                          ser Zeit sind wir miteinander in engem
                                                                          Kontakt. Die Vereinsmitglieder haben
                                                                          sehr intensiv an den Plänen für ihr zu-
                                                                                                                        gen wird. Denn der Verein ist sehr gut
                                                                                                                        aufgestellt. Wir erhoffen uns durch die
                                                                                                                        Mehrgenerationenwohnanlage auf Dau-
     hammers in Herne herrscht geschäftiges                               künftiges Zuhause gefeilt. Im Laufe der       er zufriedene Mieteigentümer – denn ge-
     Treiben. Stein für Stein wächst dort die                             Monate haben sie viele sehr gute Vor-         nau das macht eine Genossenschaft aus.
     erste    Mehrgenerationen-Wohnanlage                                 schläge eingebracht und in Zusammen-
     der Stadt in die Höhe. Bauherr ist der                               arbeit mit dem Herner Architekten Jür-        Warum wurde dieses Experiment, Bewoh-
     Wohnungsverein Herne – doch die Pla-                                 gen Köhne entstanden so der Grundriss         nern die Verwaltung ihres Hauses in Ei-
     nung des Gebäudes übernahmen die zu-                                 und das Modell der Wohnanlage. Dies           genregie zu überlassen, nicht schon eher
     künftigen Bewohner selbst. Vom Grund-                                hat trotz vieler unterschiedlicher Mei-       gestartet?
     riss bis zur Hausordnung sollen die                                  nungen sehr gut funktioniert. Deshalb         Weil es nur unter ganz bestimmten Vor-
     Mitglieder des Vereins „Wohnen in Ge-                                haben wir uns dazu entschieden, uns           aussetzungen überhaupt gelingen kann.
     meinschaft“ (WiG) das Gebäude auch                                   auch später, wenn das Gebäude fertig          So muss sich die Gemeinschaft schon
     in Zukunft in Eigenregie verwalten. Im                               ist, im Hintergrund zu halten und den         vor dem Bau der Anlage zusammenfin-
     ID55-Interview verrät Karl-Heinz Ab-                                 Bewohnern die Verantwortung zu über-          den. Demnach lässt sich das Modell bei-
     raham, Vorstandsmitglied des Herner                                  tragen.                                       spielsweise nicht auf bereits bestehende
     Wohnungsvereins, warum die Genossen-                                                                               Hausgemeinschaften und Siedlungen
     schaft als NRW-weit erstes Wohnungs-                                 Was bedeutet das konkret?                     übertragen, sondern funktioniert nur bei
     unternehmen die Verantwortung für ein                                Wir übernehmen lediglich die Abrech-          Neubauprojekten. Eine weitere wichti-
     Mietshaus an die Bewohner überträgt.                                 nung der Mieten und Nebenkosten und           ge Voraussetzung ist, dass sich die Be-
                                                                          stehen WiG beratend zur Seite. Alle an-       wohner als Verein oder in einer anderen
     Herr Abraham, warum haben Sie sich                                   deren Fragen und Probleme sollen die          Form organisieren und dann auch als
     dazu entschieden, den WiG-Mitgliedern                                Mitglieder in Eigenregie beraten und          Gemeinschaft agieren. Dieser Gemein-
     die Planung und Verwaltung des Gebäudes                              klären. Das geht von der Organisation         schaftsgedanke ist ganz klar ein Trend
     zu überlassen?                                                       der Reinigung und die Belegung der ein-       unserer Zeit. Viele suchen Harmonie
     Die ersten Ideen für das Mehrgenerati-                               zelnen Wohnungen über die Zusammen-           und Geborgenheit im Zusammenschluss,
     onen-Wohnprojekt entstanden bereits                                  stellung der Hausordnung und die Ge-          möchten aber auf der anderen Seite ihre
     Ende 2005. Im Frühjahr 2006 gründete                                 staltung des Gartens bis hin zur Lösung       Individualität beibehalten und sich in ihr


     22
                                                     WOHNEN ID55




Karl-Heinz Abraham, Wohnungsverein Herne


„Schneckenhaus“ zurückziehen können.
Und genau diese beiden Bedürfnisse –
Gemeinschaft mit der Möglichkeit zur
individuellen Entfaltung – vereint das
Mehrgenerationenwohnprojekt.

In vielen Städten entstehen immer mehr
Wohnanlagen, die alle Generationen unter
einem Dach vereinen. Ist die Zusammen-
arbeit zwischen WiG und Wohnungsverein
Vorbild für andere?
In der Tat gründet sich in Deutschland
nahezu jeden Tag ein neuer Verein, der
irgendwo ein Mehrgenerationenwohn-
projekt verwirklichen möchte – oftmals
in Kooperation mit einem Wohnungsun-
ternehmen. Neu an unserem Vorgehen
ist, dass wir die Verantwortung kom-
plett auf die Bewohner übertragen. In
diesem Bereich leistet der Wohnungsver-
ein Pionierarbeit. Wir haben auch schon
Besucher aus Duisburg und Siegen emp-
fangen, die sich das Wohnprojekt ange-
schaut haben und überlegen, ihre Ideen
in ähnlicher Weise zu realisieren. Wenn
die Voraussetzungen stimmen – warum
nicht?

33 WOHNUNGEN UND
EIN GROSSER GARTEN
Mit Hernes erstem Mehrgenerationenwohnpro-
jekt entsteht gleichzeitig das erste Mehrfamilien-
Passivhaus der Stadt, das nahezu ohne Energie-
zufuhr beheizt wird und durch Solarkollektoren
Strom erzeugt. Insgesamt bieten 33 Wohnungen
Platz für Singles, Paare und Familien. Mit rund
7,50 Euro pro Quadratmeter liegen die Preise für
die 50 bis 90 Quadratmeter großen Wohnungen
zwar deutlich über dem Herner Mietspiegel. Je-
doch relativiert sich der Wert durch sehr geringe
Nebenkosten. An die Wohnanlage grenzt eine
rund 4.000 Quadratmeter große Freifläche, die
ebenfalls von den WiG-Mitgliedern gestaltet und
verwaltet wird. Geplant sind ein großer Spielbe-
reich im Innenhof sowie ein Nutz- und Ziergarten.
Im Frühjahr 2010 werden die ersten Bewohner in
das neue Gebäude einziehen können.



                                                         23
ID 55 WOHNEN




     Eine Anlage mit Dorfcharakter: das Modell für das Mehr-Generationen-Wohnprojekt in Röhlinghausen




     Das Dorf im Dorf
     „RUND“ steht für Röhlinghausen Unterstützt Nachbarn unter einem Dach – und beschreibt ein Herner
     Mehrgenerationen-Wohnprojekt, das etwas anders ist als andere.
                                                                                                   Text Dr. Nils Rimkus   Fotos | Grafiken Wolfgang Quickels | Weyers Architekten


     Wohnprojekte, die mehrere Generationen unter einem Dach zu-                  des RUND-Projekts betrifft die Älteren. Nowak: „Sie werden
     sammenführen, gibt es in Deutschland immer häufiger. Aber wie                 im Projekt wohnen bleiben können bis zu ihrem Lebensende.“
     viele von ihnen fördern ein aktives Miteinander? „Genau diese                Dank der Pflegedienste des Deutschen Roten Kreuzes (DRK),
     Frage beschäftigte uns, als wir uns überlegten, was mit dem                  dessen Altenhilfezentrum „Königsgruber Park“ in unmittelba-
     Grundstück am Stratmanns Weg geschehen soll“, führt Meinolf                  rer Nähe liegt.
     Nowak aus. Der Herner Stadtrat ist Aufsichtsratsvorsitzender des
     städtischen Wohnungsunternehmens „Herner Gesellschaft für                    Standortvorteil Röhlinghausen
     Wohnungsbau mbH“ (HGW). Vor fünf Jahren gammelten auf dem                    Aber nicht nur deshalb wurde das DRK ins Boot geholt. Es
     Gelände im Herner Stadtteil Röhlinghausen marode Häuser vor                  ist auch eine mit dem Stadtteil Röhlinghausen gewachsene
     sich hin. Als die abgerissen waren, häuften sich die Anfragen von            soziale Institution. „Wir sind seit mittlerweile 17 Jahren hier.
     Bauunternehmen, die ein Auge auf den attraktiven Baugrund ge-                Das war früher ein Schmuddelstadtteil. Aber er hat sich in
     worfen hatten.                                                               den letzten 20 Jahren ganz toll entwickelt“, sagt Magdalena
                                                                                  Sonnenschein, die DRK-Kreisgeschäftsführerin Wanne-Eickel.
     Anlage mit Dorfcharakter                                                     „Die Sorte Mensch hier ist einfach großartig. Die haben uns
     In Herne, das statistisch betrachtet schneller altert als Land               vom ersten Spatenstich an begleitet, damals, als wir da mit der
     und Bund, hat sich der Bedarf an seniorengerechten Wohnun-                   Gulaschkanone standen. Heute treffen sich in unserem Stadt-
     gen seit 2001 verdoppelt. Diese Entwicklung im Hinterkopf,                   teilcafé Alt und Jung von Röhlinghausen. Hier nehmen die
     war den Verantwortlichen der HGW schnell klar, dass ein Park                 Menschen einfach teil an allem, was neu entsteht!“ Und ge-
     hochpreisiger Eigenheime fremder Anbieter für den Stratmanns                 nau deshalb, sind sich Magdalena Sonnenschein, Hans-Ulrich
     Weg nicht die Lösung war – sondern städtisches Mehr-Genera-                  Schuh und Meinolf Nowak einig, wird das Mehrgenerationen-
     tionen-Wohnen. „Aber auch da wollten wir etwas Besonderes.                   Projekt ein Erfolg: Weil es mit seinen hohen Ansprüchen an ein
     Die Anlage sollte nämlich einen echten Dorfcharakter bekom-                  soziales Miteinander der Generationen nur fortentwickelt und
     men. Und das nicht nur baulich“, sagt HGW-Geschäftsführer                    verfeinert, was in Röhlinghausen schon ein gutes Stück weit
     Hans-Ulrich Schuh. Nach einem intensiven Studium der inter-                  existiert.
     generativen Wohnbeispiele, die in Deutschland bereits reali-
     siert sind, kristallisierten sich die inhaltlichen Bedingungen für
     RUND heraus.

     Einzigartig aus zwei Gründen
     Im Kern sind es zwei Dinge, die RUND außergewöhnlich ma-
     chen. „Wer dort einzieht, verpflichtet sich, nach seinen Mög-
     lichkeiten bestimmte Leistungen zu erbringen“, erläutert Mei-
     nolf Nowak. Heißt beispielsweise: Der Ältere liest den Kindern
     der Familie nebenan vor oder hilft bei den Hausaufgaben. Als
     Gegenleistung erledigen die Jüngeren Einkäufe oder begleiten
     die Älteren bei Gängen zum Arzt oder zu Behörden. Diese Leis-
     tungen werden „verrechnet“ nach einem Bonuspunkte-Modell,
     das sich bei Tauschringen bewährt hat. Die zweite Neuerung                   Sechs Wohnkörper gruppieren sich um den „Dorfplatz“



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Die richtige Mischung – und die richtigen Leute
Aus diesem Grund ist es auch wahrscheinlich, dass ein großes
Problem vieler anderer Wohnprojekte hier nicht auftauchen
wird: Das spärliche Interesse der unter 45-Jährigen. „Wir ha-
ben schon sehr viele Anfragen aus dem direkten Wohnumfeld
des Projekts, gerade aus dieser Altersgruppe“, sagt Hans-Ul-
rich Schuh. „Eine gute Altersdurchmischung dürfte kein Prob-
lem sein.“ Ein Projektrat, gebildet aus Vertretern der Bewohner
und der Förderer, wird dafür Sorge tragen, nicht nur die rich-
tige Mischung aus Jung und Alt zu finden, sondern auch die
richtigen Leute ins Projekt zu holen. Die werden auch deshalb
leichter zu finden sein, weil RUND ein Miet-Wohnprojekt ist:
Die Verpflichtungen sind nicht so belastend wie bei Projekten,
die auf Eigentum setzen.

Langer Atem vonnöten
Den Verantwortlichen ist klar, dass ein Dorf und seine inter-
generative, gewachsene Gemeinschaft nicht „konstruierbar“
sind – selbst in Röhlinghausen nicht. Magdalena Sonnen-
schein: „Die Strukturen, die wir haben wollen, werden sich
ergeben – wenn man Atem hat, der lang genug ist, und die
Koordination des sozialen Bereichs dauerhaft übernimmt.“
Eine wichtige Aufgabe fällt deshalb einem Quartiers-Manager
zu, der sich hauptberuflich um RUND kümmern wird und die
gemeinschaftlichen Abläufe fachlich und organisatorisch ko-
ordiniert. Ob das Konzept der HGW aufgeht? Die Bauanträge
sind gestellt, im Juni 2009 haben die Arbeiten begonnen, im
September 2010 werden die ersten Bewohner einziehen. Spä-
testens dann kann am lebenden Objekt beobachtet werden, ob
das Dorf RUND mit dem Dorf Röhlinghausen verwächst.

MEHRGENERATIONEN-WOHNEN IM PROJEKT RUND
Die Bauplanung des Projekts RUND nach den inhaltlichen Vorgaben der
HGW liegt beim Herner Architekturbüro Weyers. RUND liegt im Stratmanns
Weg in Herne-Röhlinghausen: Leicht erreichbar sind Stadtteil-Zentrum,
Volkshaus, Tierheim, Reiterhof, Kindertagesstätte, Spielplatz und Volkspark.
Es umfasst 41 Wohneinheiten für ca. 100 Personen. Die Wohneinheiten sind
auf sechs Wohnkörper verteilt, die sich um einen „Dorfplatz“ gruppieren:
22 Einheiten für Senioren, elf Einheiten für Alleinerziehende oder Famili-
en sowie acht Einfamilienhäuser als Doppelhäuser. Eine Wohneinheit dient
als Mehrgenerationen-Projektraum. Alle Wohnungen werden behinderten-
freundlich ausgestattet, für Alleinerziehende können individuelle Mietver-
hältnisse erstellt werden. Die Bauten sind energiesparend nach der Effizi-
enzhaus 55-Norm angelegt, vorgesehen sind CO2-arme Pelletheizungen.
Die Mietpreise liegen zwischen 7 und 9 Euro pro Quadratmeter.
Kontakt: www.hgw-herne.de                                                      Die Bauplanung liegt beim Herner Architekturbüro Weyers




Im September 2010 sollen die ersten Bewohner einziehen



                                                                                                                                             25
ID 55 ANZEIGE




     KOMFORT OHNE
     ECKEN UND KANTEN
     Ein Leben lang zuhause wohlfühlen mit „aldo – design in funktion“ Dunkle Bodenfliesen, cremefar-
     bene Wände und warmes Licht machen das Bad von Ellen und Friedhelm Wagner zu einer echten
     Wohlfühl-Oase. Der Clou des Raumes ist die ebenerdige Dusche. Ihre großen Glastüren bieten
     dem 68-Jährigen in seinem Rollstuhl genug Raum, um hindurchzufahren und nach Herzenslust
     zu duschen. Modernste Wellness, kombiniert mit Barrierefreiheit – so sehen Bäder für Menschen
     mit Handicaps aus, wenn das Bochumer Sanitär- und Beratungsunternehmen „aldo – design in
     funktion“ die Hand im Spiel hat.

     33 Jahre lang wohnte das Ehepaar Wag-             sen, Plastikgriffen und Milchglas. Es ist     ben Mangelware. Erst bei „aldo“ fühlten
     ner in der ersten Etage eines Bochumer            alles so geworden, wie ich es haben wollte.   sie sich verstanden: Ein vollelektronischer
     Mietshauses. Dann verlor der Ehemann              Was immer die Zukunft auch bringen mag,       Durchlauferhitzer macht es möglich, dass
     – heute 68 – als Folge einer Krankheit            wir fühlen uns gerüstet“, sagt die Augen-     die Dusche durch einen Hebel, der Was-
     ein Bein und sitzt seitdem im Rollstuhl.          optikerin. „Früher bewohnten wir 100 qm,      serhahn durch die beiden Drehelemente
     Ehefrau Ellen (57) arbeitet tagsüber als          von denen wir nur die Hälfte wirklich nut-    bedient werden kann. Ein um fünf Zenti-
     Augenoptikerin. Die alte Wohnung – ohne           zen konnten. Heute haben wir 74 qm und        meter erhöhtes WC und ein Haltegriff in
     Fahrstuhl, Treppenlift und behindertenge-         nutzen sie komplett.“ Zu verdanken sei        der fast vollständig ebenerdigen Dusche
     rechter Gestaltung war sie für Friedhelm          dies durch die gute Beratung bei „aldo“,      sorgen für Sicherheit und mehr Bewe-
     Wagner kein gutes Zuhause mehr. Im Juni           sagt Ellen Wagner. Nach einer Odyssee         gungsfreiheit.
     2009 zog das Paar in einen ehemaligen             durch Sanitärhäuser und Architektenbü-
     Friseursalon, der nach Friedhelm Wagners          ros überzeugte aldo-Fachberaterin Sabine      Design und Funktion – auch hier verbin-
     Bedürfnissen umgebaut wurde. Ein völlig           Waterkotte die Wagners mit ständiger Di-      den sie sich mit dem Nützlichen und Not-
     neues Lebensgefühl!                               alogbereitschaft, Überblick und Sinn fürs     wendigen: Wandfliesen in Creme reichen
                                                       ebenso schöne wie sinnvolle Detail.           bis zur Decke, das Steinzeug auf dem Bo-
     Mit der Hilfe von „aldo – design in funkti-                                                     den prangt in Dunkelrot. Eine Borde mit
     on“ gewann das Paar ein großes Stück Le-          Von Sabine Waterkottes Know-how und           Blumenmuster ziert den Wandvorsprung
     bensqualität zurück. Die große Dusche mit         Kreativität ließen sich auch Karola (53)      am Spiegel. Der Clou jedoch ist der ver-
     nach innen und außen klappbaren Türen,            und Jürgen (57) Czaska überzeugen, als        chromte Wasserhahn – er wird umspielt
     schicke Edelstahlgriffe neben dem WC              sie nach einem neuen Konzept für ihr nur      von Bedienelementen, auf denen Swa-
     und ein unterfahrbares Waschbecken tra-           3,5 Quadratmeter großes Bad suchten.          rovski-Steine blinken. Die Czaskas freuen
     gen viel dazu bei. Ein Bewegungsmelder            Dass sie in ihrer eigenen Wohnung alt wer-    sich täglich über den gelungenen Umbau:
     im Flur und eine vom Wasserhahn unab-             den wollen, steht für die beiden Bochumer     „Klein und fein sollte das Bad sein, mit
     hängige Handdusche zum Haarewaschen               fest, so vieles haben sie seit dem Einzug     dem wir gut alt werden können. Dank aldo
     machen den Alltag bequemer. „Ich wollte           1976 verändert und verschönert. Pas-          ist das gut gelungen.“
     keine Krankenhausoptik mit weißen Flie-           sende Ideen für ihr Mini-Bad jedoch blie-     www.aldo-gmbh.de




     Wohlfühlen ohne Schranken: Das barrierefreie Badezimmer                                         Wasserhahn mit Swarovski-Drehelementen

     26
Seit 1986 im Ensemble der Zeche Holland Schacht I/II denkmalgeschützt: Die ehemalige Direktorenvilla




Der Faktor Mensch
Vom Scheitern und Gelingen intergenerativer Wohnprojekte – ein Besuch bei der WohnBund-Beratung
in Bochum Interview Dr. Nils Rimkus Fotos Manfred Vollmer

                                                   an grundlegenden Organisationsfragen.               zierung und beim Ausarbeiten einer sozi-

D
       rei, vier Jahre hatte die Frauengrup-
       pe aus dem Ruhrgebiet an ihrem              Cetinkaya: „Sie konnten wichtige Ver-               alen „Verfassung“. Cetinkaya: „All das
       Wohnprojekt schon gewerkelt. Dann           einbarungen nicht treffen, weil sie nie             wurde harmonisch entwickelt. Klar, es
erst besuchte sie die Werkstattseminare            für sich geklärt haben: Wie kommuni-                gab Auseinandersetzungen, aber harmo-
der WohnBund-Beratung NRW (WBB), ließ              zieren wir miteinander? Und wie doku-               nisch heißt hier, dass nach jeder Ausein-
sich von Mustafa Cetinkaya über alle Wohn-         mentieren wir diese Kommunikation?“                 andersetzung immer noch die Perspekti-
fragen genau informieren: „Ich habe sofort         So hatte die Gruppe nie Protokolle ihrer            ve herrschte: Wir können miteinander!“
gemerkt: In der Gruppe stimmt die Har-             Sitzungen angefertigt. Jede neue Sitzung
monie nicht.“ Es dauerte tatsächlich nicht         glich daher einem wortreichen Auf-der-              WOHNBUND-BERATUNG NRW GMBH (WBB)
mehr lange, bis das Projekt am Ende war            Stelle-Treten, weil das Verfallsdatum der           Wie lässt sich das Zusammenleben der Men-
und sich die Mitglieder zerstreuten.               letzten Beschlüsse längst abgelaufen war.           schen besser gestalten? Dieser Frage widmet sich
                                                   Der Kitt zerbröckelte unbemerkt über                die WohnBund-Beratung NRW GmbH (WBB) mit
Seit 1990 arbeitet der gelernte Geograf            die Jahre. Als sich die Gruppe an Ce-               Sitz in Bochum, Herner Straße 299. Das Service-
bei der WBB, und seit 1994, als sie sich           tinkaya wandte, war sie, unbemerkt von              Unternehmen wurde Ende der 1980er Jahre ge-
erstmals mit dem Thema befasste, heißt             ihren Mitgliedern, schon zerfallen.                 gründet und ist dem deutschlandweit agierenden
sein Ressort „Wohnprojekte“. Von den                                                                   Netzwerk Wohnbund e.V. angeschlossen. Zu den
über 100 Projekten, die die WBB seit-              „Wir können miteinander“                            Dienstleistungen des WBB gehören u. a. Bera-
her betreut hat, hat Cetinkaya viele als           Anders lief es beim Gelsenkirchener                 tungen von Land, Kommunen, Wohnungsunter-
Berater und Projektentwickler begleitet,           Projekt Wohnhaus Zeche Holland eG.                  nehmen und Wohninitiativen im Themenbereich
organisiert und auf den Weg gebracht,              Eine Freundesgruppe wollte gemeinsam                innovativer, alternativer, interkultureller oder inter-
beauftragt von Kommunen, Wohnungs-                 wohnen und hatte 2001 in der ehemali-               generativer Wohnformen. Hierfür richtet die WBB
unternehmen und privaten Gruppen. Bei              gen Direktorenvilla der alten Zeche das             auch Veranstaltungen aus, fertigt Info-Materialien
jedem Projekt muss die soziale Organi-             richtige Objekt gefunden. Aber an der               an und erstellt bundesweit Gutachten.
sation, die bauliche Umsetzung und die             Finanzierung scheiterte das Vorhaben –              www.wohnbund-beratung-nrw.de
Finanzierung unter einen Hut gebracht              beinahe. Die Gruppe richtete sich an die
werden. Aber aus diesen drei Bereichen             WBB, und die tüftelte ein passgenaues
sticht einer hervor. Cetinkaya: „Ob ein            Genossenschaftsmodell aus. Erfolg hatte
Wohnprojekt gelingt oder nicht, hängt              auch die Gütersloher Gruppe „SoVital“.
seltener von Sachfragen ab. Sondern                „Die Gemeinschaft gab sich fünf Jahre
meistens vom Faktor Mensch.“                       für die Realisierung und hat das ganz
                                                   rigide durchgezogen“, erinnert sich Ce-
Muster des Misslingens                             tinkaya. Die Gütersloher erhöhten ihre
Das Eingangsbeispiel weist Muster des              Erfolgschancen, weil sie von Beginn an
Misslingens auf: Zwar kannten sich                 auf die Kompetenz und Moderation ei-
die Mitglieder der Gruppe schon lange,             nes externen Projektentwicklers setzten.
aber ihr Zusammenwachsen scheiterte                Er half bei der Objektsuche, der Finan-             Mustafa Cetinkaya

                                                                                                                                                          27
ID 55 AUSWANDERN



     Alt werden und aktiv bleiben in der Fremde – ein Besuch bei Frank Müller und Reinhard Jacob
     aus Unna auf dem Peloponnes. Überwältigende Landschaften, geprägt von schroffen Gebirgszügen,
     einsamen Stränden und Bauten, die den Eindruck vermitteln, die Zeit sei hier vor Jahren stehen
     geblieben – das ist die Mani, der „Mittelfinger“ im Süden der griechischen Halbinsel Peloponnes.
     Hier leben seit zwölf Jahren Frank Müller (57) und Reinhard Jacob (63) aus Unna mit drei weiteren
     Auswanderern aus dem Ruhrgebiet.         Text Thorsten Ostermann Fotos Privat




   Aussteigen,
    um einzusteigen


     Dem Fernweh gefolgt: Frank Müller (links) und Reinhard Jacob fanden in Griechenland eine neue Heimat

     „Schon während meines Studiums hat-                ber waren wir uns einig.“ 1987 wurde                den Erwachsenen fünf Jugendliche, die
     te ich Menschen kennen gelernt, die                der Traum Realität – man fand ein tolles            Teil einer Resozialisierungsmaßnahme
     nicht alleine leben und nur ihrer Arbeit           Grundstück auf dem Peloponnes, genau-               der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe
     nachgehen wollten“, erinnert sich Frank            er gesagt in Gythio, einem Ort in der               (AGI) der Stadt Unna sind. Die Zwölf-
     Müller. Ende der 1970er Jahre fand er              Region Mani. Das Grundstück – rund                  bis 18-Jährigen bleiben in der Regel drei
     im Raum Unna Gleichgesinnte in einer               fünf Kilometer vom Meer entfernt – ist              bis vier Jahre in Griechenland. Bei den
     Einrichtung, die sich um Kinder und                etwa so groß wie vier Fußballfelder. Saf-           meisten stimmt in der Heimat das sozia-
     Jugendliche kümmerte, die nicht mehr               tige Rebstöcke, Pinien und Olivenbäume              le Umfeld nicht. Die Eltern konsumieren
     zuhause leben konnten. Eine Gruppe                 lassen es im Sommer in sattem Grün                  Drogen und Alkohol oder sind einfach
     sozial engagierter Menschen um Rein-               erstrahlen. Auf dem Gelände bauen die               nicht in der Lage, Kinder zu erziehen.
     hard Jacob gründete Kinderhäuser, Be-              ehemaligen Ruhrgebietler heute Wein                 Mit der Maßnahme versucht man, sie
     ratungsstellen und Werkstätten, um den             und Oliven an. Sie halten Schweine,                 gezielt aus diesem Milieu zu entfernen,
     Heranwachsenden den Weg in ein selbst-             Hühner, Schafe, Ziegen und können sich              um weitere Kontakte mit der Familie
     bestimmtes Leben zu ermöglichen.                   dadurch mit Fleisch, Eiern und Milch                vorerst zu vermeiden. Die Jugendlichen
                                                        zum Teil selbst versorgen. Zudem haben              erhalten auf dem Gelände eine schuli-
     Selbstversorgung auf Griechisch „Uns               sie eine Schreinerei, eine Schneiderei und          sche Ausbildung und helfen mit – mitten
     war relativ schnell klar, dass unsere Ren-         Schlafstätten für Besucher.                         in der Natur. Darüber hinaus bauen sie
     ten nicht sehr hoch ausfallen würden,                                                                  Wein und Oliven an und erlernen in den
     also suchten wir im Süden Europas ei-              Zwischen Olivenbäumen in ein selbstbe-              Werkstätten des Projekts, wie man rich-
     nen Ort, an dem wir alt werden wollten.            stimmtes Leben Heute wohnen und ler-                tig schreinert oder Hosen, Röcke und
     Dass es Griechenland sein sollte, darü-            nen auf dem Grundstück zusammen mit                 Blusen näht.


     28
                                                                                                                                      AUSWANDERN ID55




Ein Traum wird Realität: Die Strände der Mani sind Alltag für die Auswanderer

Müllabfuhr im Paradies Die Region Mani               bereits Gespräche mit Unternehmen aus               sich dort über die Region informieren
wäre ein griechisches Paradies, gäbe es              Unna, Bielefeld und Bochum, ein Kon-                können, für die einheimische Bevölke-
nicht den Müll, der an vielen Stellen                zept ist in Arbeit.                                 rung wird es ein Programm mit Thea-
einfach in die Natur gekippt wird. Rein-                                                                 ter- und Filmvorführungen geben. „Das
hard Jacob und seine Mitstreiter haben               Flucht in die Städte Die Region hat noch            Begegnungszentrum ist enorm wichtig.
deshalb mit griechischen Kultur- und                 viele weitere Probleme. Seit Mitte des 20.          Wir haben zurzeit keine Möglichkeit,
Umweltinitiativen Kontakt aufgenom-                  Jahrhunderts ist ein drastischer Anstieg            wichtige Unternehmer und Politiker
men, um diese Situation zu verbessern:               der Landflucht zu verzeichnen. Grün-                 empfangen zu können, um mit ihnen die
„Wir arbeiten daran, ein vernünftiges                de liegen vor allem in den mangelnden               Probleme der Region zu erörtern oder
Müllbeseitigungssystem für die Region                schulischen und beruflichen Perspekti-               Lösungspläne zu erarbeiten. Das Begeg-
zu realisieren. Dazu führen wir Gesprä-              ven für junge Menschen. Hinzu kommt                 nungszentrum bringt uns einen großen
che mit einer Reihe von Unternehmen                  das Sterben des kulturellen und sozialen            Schritt nach vorne“, ist sich Reinhard
aus Deutschland.“ Dabei spielt der Bau               Lebens in der Region. Viele junge Men-              Jacob sicher.
einer Müllaufbereitungsanlage eine zent-             schen flüchten daher in die großen Städ-
rale Rolle. Reinhard Jacob denkt an eine             te wie Sparta und Athen. Seit rund vier             Neue Heimat gefunden So viel ist zu tun,
regelmäßige Müllabfuhr, wie man es in                Jahren renovieren, reparieren und bauen             bleibt da noch ein Gedanke an Deutsch-
Deutschland gewohnt ist. So könnten                  die Emigranten mit Nachbarn deshalb                 land, an das Ruhrgebiet, an Unna?
Arbeitsplätze entstehen, die in der Re-              ein griechisch-deutsches Begegnungszen-             Wenn ihm die Frage gestellt wird, ob er
gion dringend benötigt werden. Es gab                trum als Anlaufstelle. Touristen werden             die Auswanderung nach Griechenland
                                                                                                         jemals bereut habe, dann lächelt Frank
                                                                                                         Müller und antwortet prompt: „Nein,
                                                                                                         dort wo ich mit Anderen lebe, da ist
                                                                                                         meine Heimat.“

                                                                                                         WIE WÄR’S MIT EINEM BESUCH IN MANI ?
                                                                                                         Für ihr Begegnungszentrumsprojekt suchen
                                                                                                         Frank Müller und Reinhard Jacob Fürsprecher
                                                                                                         und Unterstützer in Deutschland.
                                                                                                         Mehr Informationen www.ger-mani.de




Mediterran: ein stilechter Turm auf dem Gelände      Ein traumhafter Ausblick von der Terrasse auf die   Tonkrüge zieren den Innenhof des Grundstücks
der Freunde aus Unna                                 Berge der Mani                                      von Frank und Reinhard



                                                                                                                                                    29
ID 55 EHRENAMT




    MENTOR – Die Leselernhelfer aus Bochum eröffnen
        Grundschulkindern neue Erfahrungswelten in Büchern



    Mit dem Zeigefinger
    durch London
     Donnerstags, 10 Uhr, in Bochum: Wenn die Pausenglocke läutet und die Kinder der 3a der Borgholz-
     schule zum Religionsunterricht düsen, hüpft der neunjährige Kendal die Treppen zur Schulbücherei im
     dritten Stock hinauf. Dort nämlich, an dem großen runden Tisch mit den kleinen Holzstühlen inmitten
     von Bücherregalen ist er verabredet – bis 10.45 Uhr gehört ihm die Zeit und ungeteilte Aufmerksamkeit
     von Regina Jaeschke-Jablonski, seiner Lesementorin. Text Julia Valtwies Fotos Bettina Engel-Albustin

                                                        Seit April 2008 engagiert sich die 51-jährige Bochumerin bei
                                                        „Mentor – Die Leselernhelfer Bochum e.V.“. Wie viele der
                                                        aktuell 130 Mentoren, stieß die gelernte Diplom-Sozialwissen-
                                                        schaftlerin in der Zeitung auf den gemeinnützigen Verein, der
                                                        Kindern den Spaß am Lesen zurückbringen will, und entschied,
                                                        „das passt zu mir“. Nachdem sie vor zehn Jahren ihre Stelle in
                                                        der Verwaltung eines Theaters aufgegeben hatte, studierte sie
                                                        Germanistik und gründete mit Gleichgesinnten aus einer VHS-
                                                        Gruppe einen Literaturkreis. „Für mich ist Lesen sehr wichtig
                                                        – eine Grundvoraussetzung für so viele Dinge – das möchte
                                                        ich gerne weitergeben. Und es macht richtig viel Spaß“, so die
                                                        schlanke blonde Frau.

                                                        Mit Lesefinger und Lesebrille
                                                        Heute hat Kendal einen Sachkundetest wiederbekommen. Ob-
                                                        wohl er eine 2 hat, geht Regina Jaeschke-Jablonski auf Wunsch
                                                        der Klassenlehrerin mit ihm die Fragen durch, bei denen er Ver-
                                                        ständnisprobleme hatte. Mit dem Zeigefinger auf dem Papier
     Regina Jaeschke-Jablonski weckt in Kendal . . .    liest der in Deutschland geborene Sohn kurdischer Eltern: „Bei
                                                        einem Schulfest kamen Spenden in Höhe von 80 Euro zusam-
                                                        men.“ „Was steht da? Lies noch einmal“, rät seine Mentorin
                                                        ruhig über ihre Lesebrille hinweg. „800 Euro“, ruft der Junge
                                                        mit den großen dunklen Augen und lacht. Zuhause ist er das
                                                        vierte von sechs Kindern, es wird Kurdisch gesprochen. „Ich
                                                        finde es sehr gut, dass ich hier üben kann und wir viele Spiele
                                                        machen“, lobt Kendal das Engagement der Mentorin, die ihn
                                                        voraussichtlich bis zum Ende der vierten Klasse begleiten wird.
                                                        Als Mindestbetreuungsdauer rät der Verein zu einem halben
                                                        Jahr.

                                                        Den Sinn der Worte verstehen
                                                        Kendal spricht fließend Deutsch, auch lesen an sich fällt ihm
                                                        nicht schwer. Der Sinn der Worte bleibt ihm dabei jedoch
                                                        manchmal verschlossen. Sein Lieblingsbücherheld ist derzeit
                                                        Jeremy James, ein Junge aus London, der allerlei Abenteuer
                                                        erlebt. Um Kendal die Welt von Jeremy zu erschließen, bringt
                                                        Regina Jaeschke-Jablonski einen Stadtplan der britischen Met-
     . . . die Begeisterung zum Lesen                   ropole mit. „Das ist ganz schön groß“, staunt der Drittklässler.


     30
                                                                                                                                EHRENAMT ID55




Aufregende Geschichten                      Ungeteilte Aufmerksamkeit




Lesen lernen mit Bildern                    Der Zeigefinger hilft beim Lesen                    Freunde fürs Lesen: Regina und Kendal


Aber nicht nur die Kinder lernen bei den wöchentlichen Tref-          nicht nur im gesteigerten Leseverhalten: „Die Kinder wer-
fen dazu. „Das bereichert auch mich“, freut sich die 51-jährige       den selbstsicherer. Es täte jedem Schüler gut, einmal pro Wo-
Hausfrau, die selbst keine Kinder hat. „Letztens kam in einem         che mit einer Person zu lesen; ganz abgesehen davon, ob er
Text das Wort ‚Teufel’ vor. Kendal las dann: ‚das ist das Wort,       gut in der Schule ist oder nicht.“ 15 Kinder werden an der
das ich nicht sagen darf’. Das hatte ich nicht gewusst, aber so       Grundschule betreut – von 180. „Wir haben Glück, aber der
lerne ich etwas über den Islam.“                                      Bedarf ist hoch“, so Baur.

Lesen zwischen Beruf und Familie                                      Jeder will dabei sein
Dagmar Hildebrand-Schmidt (53) kennt sich durch ihre Ar-              „Das Tolle ist, dass jeder Beteiligte dabei sein will!“, weiß auch
beit am Dortmunder Sozialamt mit den Lebensverhältnissen              Regina Jaeschke-Jablonski. Wie an diesem Donnerstag: Eine
immigrierter Familien aus. Als sie Ende 2007 die Bochumer             Glocke zum Unterrichtsende gibt es nicht – der Blick auf die
Lesementoren entdeckte, entwickelte sie einen Plan, um ihr En-        Uhr aber verrät, es ist 10.45 Uhr, Kendal muss zurück in die
gagement mit ihrer 30-Stunden-Stelle und dem Dreipersonen-            Klasse. Ein Suchbild, das seine Lesementorin mitgebracht hat,
haushalt (Ehemann, Tochter (20)) zu verbinden. Seither trifft         hält ihn noch auf. „Da ist die Maus. Ich habe sie gefunden. Da
sie sich jeden Freitag nach Feierabend bzw. Schulschluss an der       auf der Blume“, ruft der aufgeweckte Junge. Dann – langsam
Neggenbornschule in Bochum Langendreer mit Medyar. Der                – packt er seine Sachen, verabschiedet sich lachend und huscht
zehnjährige Junge ist türkischer Abstammung. Nach Ende des            die Treppe hinunter ins Klassenzimmer.
Schuljahres wird er auf die Hauptschule wechseln. „Ich würde
gerne mit der Leselernhilfe weitermachen“, sagt der schüchter-
ne Junge. Doch im nächsten Schuljahr wartet ein neues Kind
an der Grundschule auf die Lesementorin. Logistisch wäre eine         „MENTOR – DIE LESELERNHELFER“ erwuchs 2003 aus der Idee Otto
andere Schule für sie nicht machbar.                                  Stenders, Buchhändler aus Hannover. Den Bochumer Tochterverein grün-
                                                                      dete Erika Walter, ehemalige Schuldirektorin, 2007 mit der Buchhandlung
Diese Stunde gehört mir                                               Janssen als Zentrale in der City. Die Mentoren sind zwischen 34 und 78
Medyar und Dagmar Hildebrand-Schmidt haben eine fes-                  Jahre alt, die meisten sind Akademiker, viele ehemalige Lehrer, aber auch
te Abmachung: keine Hausaufgaben in der Lesestunde und                Juristen, Finanzbeamte, Krankenschwestern und Hausfrauen – vertreten
keine dauerhaften Besucher. Das entspricht dem Prinzip des            an einer Förder- und 30 Grundschulen. Etwa 75 Prozent der Kinder haben
Vereins: ein Erwachsener – ein Kind. Medyars wachsendes               einen Migrationshintergrund. 25 Prozent sind deutsch. Finanziert wird der
Selbstbewusstsein und die verbesserten Noten hatten seine             Verein durch Spenden.
Eltern aber so begeistert, dass sie ihren sechsjährigen Sohn
Mordem mit in die Betreuung schicken wollten. Aber Medy-              „Der Bedarf ist sehr hoch. Wir suchen ständig neue Mentoren.“
ar entschied: „Diese Stunde gehört nur mir.“ Zuhause liest            Erika Walter
er aber mit Mordem weiter.
                                                                      Die Leselernhelfer Bochum e.V.
Kinder werden selbstsicherer                                          Brüderstraße 3 (Buchhandlung Janssen)
Auch Kendal hat den Spaß am Lesen entdeckt und leiht                  44787 Bochum
sich regelmäßig Bücher aus. Tania Baur, Klassenlehrerin an            Telefon: 0234 - 13 00 1
der Borgholzschule, sieht den Verdienst der Mentoren aber             E-Mail: info@bochum-mentor.de



                                                                                                                                           31
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    DIE GENERATION
    DER ZAHNARZTMUFFEL
     Zahnerhalt ist Lebensqualität: Ein Interview mit den 50plus-Zahnärzten Dr. Peter Gehlhar und
     Dr. Ingo Brockmann aus Essen über die neue Volkskrankheit Parodontitis und Jugendwahn bei
     Prophylaxe-Konzepten
                                                                                Mit eigenen Zähnen gesund alt zu werden – das ist kein Wunsch-
                                                                                traum. Die Gleichung „alt = zahnlos“ stimmt nicht mehr. Vor-
                                                                                aussetzung für den festen Biss ist allerdings ein regelmäßiger
                                                                                Besuch beim Zahnarzt, doch jenseits der 50 mutieren viele Best
                                                                                Ager zu wahren Zahnarztmuffeln. Über Herausforderungen und
                                                                                Chancen bei der zahnmedizinischen Behandlung älterer Pati-
                                                                                enten sprach ID55 mit den Zahnärzten Dr. Peter Gehlhar (59),
                                                                                Master of Science Implantologie, und Dr. Ingo Brockmann (44),
                                                                                Master of Science Parodontologie. Sie praktizieren seit 2003 in
                                                                                der Zahnklinik im Rü-Karree, einem Zentrum für ganzheitliche
                                                                                Zahnmedizin in Essen-Rüttenscheid.

                                                                                Dr. Gehlhar, Dr. Brockmann, zwischen Ihnen liegt ein Altersun-
                                                                                terschied von 15 Jahren. Ist diese Konstellation in Ihrer Praxis
                                                                                auch ein Grund für Ihr Interesse an der Patientengruppe 50plus?
                                                                                Dr. Peter Gehlhar: In unserem Praxiskonzept lässt sich Alt
                                                                                und Jung gut verbinden. Trotzdem kann der Altersunterschied
                                                                                in einigen Fällen durchaus hilfreich sein. Mit meinen 59 Jah-
                                                                                ren befinde ich mich ja auf Augenhöhe mit älteren Patienten.
                                                                                Manches kann ich daher besser verstehen und offener anspre-
                                                                                chen als mein jüngerer Kollege. Er wiederum bringt als Spezi-
                                                                                alist für Parodontal-Behandlungen aktuelles Wissen über neue
                                                                                Präventionskonzepte für Best Ager ein, zum Beispiel für Pati-
                                                                                entinnen in den Wechseljahren oder Männer jenseits der 50.

                                                                                Wie gesund ist der Mund 50plus?
                                                                                Dr. Ingo Brockmann: Mehr als 30 Millionen Deutsche sind
                                                                                bereits älter als 49 Jahre – rund 40 Prozent der Bevölkerung.
                                                                                Wenn man heute 50 ist, hat man noch mindestens 20 gute
                                                                                Jahre vor sich – am besten mit eigenen Zähnen. Keine ande-
                                                                                re Altersgruppe legt so viel Wert auf den Erhalt der eigenen
                                                                                Zähne wie Menschen in der zweiten Lebenshälfte. Tatsache
                                                                                ist: Die Zahngesundheit im Alter und die Überlebenswahr-
                                                                                scheinlichkeit des einzelnen Zahnes haben sich enorm verbes-
                                                                                sert. Tatsache ist aber auch, dass mit steigendem Lebensalter
                                                                                die Bereitschaft zum Zahnarztbesuch nachlässt. Karies oder
                                                                                Zahnfleischerkrankungen bleiben unbehandelt, gesunde Zäh-
                                                                                ne gehen verloren. Das muss nicht sein.




     Ein tolles Team: Dr. Ingo Brockmann (oben) und Dr. Peter Gehlhar (unten)   Ein herzliches Willkommen bietet der Empfangsbereich der Klinik



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                                                                                                                                  ANZEIGE ID55




Entspannung pur im Massagesessel                                     Wer vorsorgt, hat gut lachen – im Prophylaxe-Zentrum

Woran liegt das?                                                     Brockmann: Die enorme Verbesserung der Zahngesundheit bei
Brockmann: Noch immer wird Jugend mit Aufbau und Alter               Best Agern wird langfristig zu einem Paradigmenwechsel in der
mit Abbau assoziiert. Dieses Denken hindert den Menschen             Therapie der Patienten 50plus führen. Wir rechnen damit, dass
daran, den Sinn vorbeugender Konzepte für das Alter zu ak-           restaurative und prothetische Versorgungen in der Zukunft
zeptieren. Prophylaxe trägt in der Werbung meistens junge            zurückgedrängt werden. Vorbeugende Tätigkeiten werden an
Gesichter. Cremes und Reiniger haben Frischesiegel, die ältere       Stellenwert gewinnen. Dies gilt vor allem für die Vermeidung
Hände nicht mehr so einfach öffnen, und Aufdrucke, die älte-         von Parodontitis, einer gefährlichen Entzündung des Zahnflei-
re Augen nicht mehr problemlos lesen können. Die Zahnmedi-           sches, die durch Bakterien hervorgerufen wird.
zin und die Industrie müssen der Generation 50plus viel deut-
licher sagen, dass Prävention, die die Struktur erhält, weder        Welches ist das größte Risiko für diese Patientengruppe?
jung noch alt ist, sondern in jedem Alter sinnvoll und wirksam.      Brockmann: Ganz klar Parodontitis. Diese Krankheit ist bei
                                                                     der Generation 50plus zu einer Volkskrankheit geworden.
Was erwartet ältere Patienten in Ihrer Praxis?                       Jeder Zweite ist davon betroffen, die einen stärker, die anderen
Gehlhar: Sprechstunde kommt bei uns von Sprechen. Wir neh-           weniger. Die Hauptursache ist – wie bei jüngeren Patienten
men uns sehr viel Zeit, unseren Patienten – ich nenne sie gern       auch – die unzureichende Information über richtige Mund-
„die fitten Alten“ – in unserem modernen Prophylaxe-Zent-             hygiene.Parodontitis entwickelt sich, ohne weh zu tun. Aller-
rum die Bedeutung systematischer Zahnpflege und Mundhygi-             dings gibt es unmissverständliche Warnzeichen: Das Zahn-
ene klar zu machen. Das wichtigste Ziel dabei ist es, die Eigen-     fleisch blutet, nur nicht bei Rauchern. Die Zahnhälse liegen
verantwortlichkeit des einzelnen für seine Mundgesundheit zu         frei, die Zähne beginnen zu wackeln. Eine nicht behandelte
wecken und zu stärken. Zahnerhalt ist Lebensqualität.                Parodontitis hat schlimme Folgen. Die Bakterien, die diese
                                                                     Krankheit auslösen, begünstigen Herzinfarkt, Schlaganfall und
Mit welchen Bedürfnissen kommen ältere Patienten zu ihnen?           viele andere Krankheiten. Dagegen können wir heute so viel
Gehlhar: Unsere Patienten 50plus sind Menschen, die mitten           tun. Vorsorge lohnt sich deshalb immer – egal in welchem Alter.
im Leben stehen. Sie sind lebenserfahren, kritisch und sehr gut
informiert. Sie genießen es, aktiv zu sein, trainieren im Fitness-
studio und fahren viel in den Urlaub. Wer so mittendrin ist und
Lust auf Leben hat, will keine Probleme mit den Zähnen, denkt
aber intensiv über die Gesunderhaltung des eigenen Körpers
nach. Gerade bei den Zähnen lässt sich mit relativ wenig Auf-
wand ein gutes Ergebnis, ja sogar eine Verjüngung erreichen. In
unserer Praxis verbinden wir zertifizierte Qualitätszahnmedi-
zin und Ästhetik mit Wellness, naturheilkundlichen Verfahren
und liebevollem Patientenservice. Diese besondere Mischung
– so sagen uns die Patienten – macht den regelmäßigen Besuch
beim Zahnarzt viel leichter und angenehmer.

Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit als 50plus-Zahnärzte?        Den ganzen Menschen im Blick – die Zahnklinik im Rü-Karree
Gehlhar: Ein wichtiger Schwerpunkt unserer Arbeit liegt nach
wie vor in der Wiederherstellung der Kaufunktion bei fehlenden       Mehr Informationen:
Zähnen durch Prothetik und ganzheitliche Implantologie. Für
unsere Risikopatienten, zum Beispiel Raucher oder Diabetiker,                            Zahnklinik im Rü-Karree
haben wir speziell einen Immunsystem- und Verträglichkeits-                              Dr. med. dent. Peter Gehlhar, M. Sc. Implantologie
Check entwickelt, der vor der Implantatversorgung erfolgt und                            Dr. med. dent. Ingo Brockmann, M. Sc. Parodontologie
zusätzliche Sicherheit gibt. Für den Patienten hat die ganzheitli-                       Dorotheenstraße 1 45130 Essen
che Methode deutliche Vorteile: Die Implantate heilen schneller                          Telefon 0201 / 87 913 - 0
ein. Nebenwirkungen wie Schwellungen und Schmerzen treten                                post@klinik-im-rue-karree.de
seltener auf. Der Langzeiterhalt wird verbessert.                                        www.klinik-im-rue-karree.de




                                                                                                                                         33
ID 55 EVENTS 2009




     Das Beste kommt noch
     ID55-Veranstaltungen im 1. Halbjahr 2009
      (1)




      (2)           (3)         (4)




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                                                                                       EVENTS 2009 ID55




Das Beste kommt noch. Herausforderungen, Aussichten und Chancen des demografischen Wandels
im Ruhrgebiet beleuchtete die ID55-Veranstaltungswoche im Februar 2009. Zum Programm gehörten
ein großer Kongress mit Porträtaktion, der Ausstellung „Gesichter des Wandels“ und vier Workshops.
Im Laufe der Woche schlossen sich ein Kinotag, Lesungen, Vorträge und ein Theaterbesuch an.



 (8)




                                           (9)




(1) Workshop „Damit Ihr Wis-
sen nicht in Rente geht“ mit
(von li.) Dr. Dr. Paul Wolters,
Rainer Deutsch, Rita Quaku-
linski und Wolfgang Becker.

(2) Fotografin Bettina Engel-Al-
bustin hatte bei der Porträtakti-
on alle Hände voll zu tun.

(3) Bei der Begrüßung: Susanne
Zabel (re.) und Susanne Schübel.

(4) Schirmherr der Veranstal-
                                    (10)
tungswoche: Hernes Oberbür-
germeister Horst Schiereck.

(5-7) Heike Bandholz, stell-
vertretende VHS-Leiterin, vor
Bildern der Wanderausstellung
„Gesichter des Wandels“.

(8-9) Stellte bei einer Lesung
neue Ideen für das Zusam-
menleben in der Zukunft vor:
die Autorin und Journalistin
Dorette Deutsch.

(10-12) Nach dem Film
„Kirschblüten – Hanami“
wurde in der Filmwelt Herne
                                    (11)           (12)
gemeinsam gebruncht.

                                                                                                35
ID 55 EVENTS 2009




     Das Beste kommt noch. Zur ID55-Veranstaltungswoche gehörte ein Besuch im Mondpalast von
     Wanne-Eickel, Deutschlands großem Volkstheater. Gezeigt wurde das Stück „Auf der wilden Rita“,
     eine Revierkomödie über Liebe, Lust und Leidenschaft 50plus. Und auch die große Politik war zu
     Gast: Dr. Henning Scherf, ehemaliger Bremer Bürgermeister und Autor des Buches „Grau ist bunt –
     was im Alter möglich ist“.




      (13)                                                              (14)




                                                                               (13) Prinzipal Christian
                                                                               Stratmann, Susanne Schübel
                                                                               und Intendant Thomas Rech
                                                                               (von li.) beantworteten nach
                                                                               der Aufführung von „Auf der
                                                                               wilden Rita“ im Mondpalast
                                                                               Fragen des ID55-Publikums.

                                                                               (14) Diskussion über neue
                                                                               Wohnformen im Alter: Horst
                                                                               Schiereck (re.) und Susanne
                                                                               Schübel mit Dr. Henning
                                                                               Scherf.

                                                                               (15) Beeindruckte nicht
                                                                               nur durch seinen Vortrag:
                                                                               Dr. Henning Scherf.

                                                                               (16) Der bundesweit bekannte
                                                                               SPD-Politiker begrüßte im
                                                                               VHS-Saal seine Gäste höchst-
                                                                               persönlich und sehr herzlich.

                                                                               (17-23) Kaiserpark live on
                                                                               Stage. Thomas Rech
                                                                               (Bild 22) hatte das Projekt
                                                                               mit Hilfe von ID55 ins Leben
                                                                               gerufen. Er freute sich wahn-
                                                                               sinnig über die Resonanz des
                                                                               Publikums.
      (15)                                              (16)


     36
                                                                                       EVENTS 2009 ID55




Kaiserpark rockten im April den Mondpalast von Wanne-Eickel. Led Zeppelin, Johnny Cash, Bob
Dylan, Rolling Stones – die Rockmusik der 1960er/70er Jahre spiegelt das Lebensgefühl einer ganzen
Generation wider. Und dieses Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung bewegt die heutigen Best-
Ager noch immer, was das Konzert der Mondpalast-Schauspieler und -Musiker in Kooperation mit
ID55 eindrucksvoll und lautstark bewies.




                                                   (18)




 (17)                                              (19)                     (20)
                                                                            (3)




 (21)                             (22)                              (23)


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 ID 55 IMPRESSUM / VORSCHAU




      IMPRESSUM
                                                                                                                   Redaktionsanschrift


      ID55
                       ®
                           Das Magazin für alle,            Titelbild                                              ID55-Redaktion print & online,
                           die anders alt werden wollen.    Bärbel Pähler, fotografiert von Christoph Fein,         PubliCreation GmbH
                                                            Fotostudio Christoph Fein, Essen                       Elke Dierkes, Straßburger Straße 32,
      Herausgeber                                                                                                  44623 Herne, Fon 02323 - 99 49 60,
      ID55® – ein Gemeinschaftsprojekt von                  Autoren dieser Ausgabe                                 Fax 02323 - 99 49 619, Mail info@id55.de,
      JournalistenBüro Herne, PubliCreation GmbH Herne      Uwe Knüpfer, Esther Münch, Thorsten Ostermann,         Internet www.id55.de
      und designbüro zabel im Werk.Kontor, Essen            Dr. Nils Rimkus, Mona Schamp,
                                                            Christine Schonscheck, Stefan Schütter                 Anzeigen
      Chefredaktion                                                                                                Rainer Karp
      Susanne Schübel (v.i.S.d.P.),                         Fotografen dieser Ausgabe                              Telefon 0173 - 41 03 703
      JournalistenBüro Herne/PubliCreation GmbH             ADAC, Bettina Engel-Albustin, Christoph Fein,          r.karp@t-online.de
                                                            Michael Grosler, Stefan Kuhn, Jan Maschinski, NEXT,
      Art Direction                                         Wolfgang Quickels, TU Chemnitz, Manfred Vollmer,       PubliCreation GmbH, Elke Dierkes, Julia Valtwies
      Susanne Zabel, Diplom-Kommunikationsdesignerin,       Thomas Willemsen, Weyers Architekten                   Straßburger Straße 32, 44623 Herne
      designbüro zabel im Werk.Kontor, Essen                                                                       Fon 02323 - 99 49 60, Fax 02323 - 99 49 619
                                                            Lithografie und Druck                                   Mail info@id55.de
      Redaktion                                             Griebsch & Rochol Druck GmbH & Co. KG
      Julia Valtwies (CvD), Jens Südmeier, Jochen Schübel   Gabelsbergerstrasse 1, 59069 Hamm                      designbüro zabel im Werk.Kontor
                                                                                                                   Antonienallee 19, 45279 Essen,
      Layout / Bildredaktion                                Auflage                                                 Fon 0201 - 85 30 141, Fax 0201 - 85 30 140
      Janine Bell, Kathryn Homberg,                         10.000 Exemplare                                       Mail info@designbuero-zabel.de
      Silke Klös, Cristian Poccia
      designbüro zabel im Werk.Kontor, Essen




Kfz- Unfallschaden was nun?




                                                                                                                  ZAK e. V. Vierhausstr. 4 44807 Bochum
                                                                                                                  Telefon: 0234 / 95 09 427 Telefax: 0234 / 95 09 426
                                                                                                                  Geschaeftsstelle@ZAK-ev.de www.zak-ev.de
                                                                                                       GLOSSE ID55




Wallis Kehraus
       Indewidewellet Wohnen

                                                              so wurden die Wohnungen immer grö-

             W
                       enn man sich heute in mein Al-
                       ter ma übbalecht, wat allet so         ßer – von wegen 56 qm für vier Personen
                       wichtich is für dat persönliche        – und die Menschen wurden immer in-
             Wohnen, dann schlackersse mitte Ohren.           dewideweller, bis dat man gar nich mehr
             Wie war dat früher gewesen? Klar war allet       wusste, wer mit einen zusammen in ein
             besser und aus Holz, abba ma ganz innen          Haus wohnt.
             Ernst, et war irgendswie viel schöner.
                                                              Heute sind die Wohnungen für eine Ein-
             Da warn wir alle noch zusammen: die Al-          zelperson mindestens 70 qm, man will
             ten, dat mittlere Alter, die Jungen und          nix vonne Nachbarn hören, weil man
             die Blagen. Zipp Zapp und Stubenfliege            seine Ruhe braucht und wennse Party
             war au immer mit dabei. Da hatte man             machs, dann kommt ab 22 Uhr die Pol-
             noch Tauben und Karnickel, ne Katze              lezei wegen Ruhestörung.
             und manchmal auch noch Köter.
                                                              Die Oma und der Opa wohnen natürlich
             Wir hatten alle Teppichstangen innen             weiter weg, und wennet schwer wird,
             Hof und mit den Klöpper wurden nich              gehen die von alleine innen Heim. Die
             nur die Teppiche gekloppt, sondern               Blagen werden vonnen Fernseher betreut
             manchmal auch die Blagen, wenn se                oder hängen innen Internetz.
             zu lange bei den Taubenvatta rumge-
             klüngelt hatten.                                 Ob dat getz besser is als wie früher, weiß
                                                              ich echt nich. Und ich hab schon für un-
             Et gab Waschküchen, die den Namen                san Werner gesacht, dat is unsa Sohn,
             noch verdient hatten, mit Schwaden und           wenn ich ma nich mehr so kann wie
             Lauge, und wenn unsern Opa die Zäh-              heute, dann geh ich abba auf gar keinen
             ne gedrückt ham, dann hatter Suppe               Fall in ein Heim. Dat Personal würd be-
             gekricht. Damals war de Medizin noch             stimmt auch Anfall mit mir kriegen. Ich
             nich so weit wie heute und Altenzentrum          hab nemmich großen Widerspruchsgeist
             hatte man schon mal gehört, abba man             und will immer wissen, warum wat so
             wusste nich, wat dat war und wofür dat           is wie et is, eher geb ich keine Ruhe, da
             gut sein sollte. Et gab au noch Nach-            könnense meinen Willi fragen. Und die
             barschaft und Feiern innen Garten mit            in dat Heim ham doch keine Zeit, so viel
             Bowle und Mett-Igel und keiner hat sich          mit mir zu disketieren. Ich wohn dann
             beschwert, weil ja alle dabei warn.              ma lieba mit meine Freundinnen Ella
                                                              und Hetty lustich zusammen und wir su-
             Aber irgendswie hat sich dat überre Jahre        chen uns einen schicken privaten Pfleger
             aufgelöst. Jeder wollte indiwidewell sein,       aus, denn dat Auge isst doch immer mit,
             wollte für sich wat machen, ohne Ge-             auch innen Alter!
             meinschaft und Rücksichtnahme. Und
                                                              Ihre Walli


                                        ESTHER MÜNCH, Germanistik / Geschichte / Pädagogik
                                        lebt in Bochum, hat immer gute Laune, war eine Prüfung für ihre El-
                                        tern, spielt wie jede Frau viiiiele Rollen, am erfolgreichsten sind dabei
                                        Waltraud Ehlert (Reinigungsfachkraft) und Irma Heftich (PR-Frau,
                                        die mit den Zähnen).

                                        Mehr Infos unter: www.esther-muench.de



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                                         14 Center im Ruhrgebiet, Kostenloses Info-Telefon 0800/82 82 82 3, www.lueg.de

				
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