Docstoc

Serong2005Suedtirol

Document Sample
Serong2005Suedtirol Powered By Docstoc
					Sibylle Serong
     „Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern“
Dieser Leitsatz der Grundschule Taisten, einem Ort in der Nähe von Bruneck
im Pustertal (Südtirol), gehörte zu den prägenden Aussagen, die eine Bildungs-
reise durch eine in Deutschland weitgehend unbekannte Schullandschaft beglei-
teten. Gemeinsam mit Anne Ratzki und Gele Neubäcker (GEW Bayern) konnte
ich vom 10.10. bis 15.10.2005 eine beeindruckende Tour vom Kindergarten bis
zur Oberschule erleben und dabei die positive Wirkung einer Schule für Alle
erfahren. Und das in der einzigen deutschsprachigen Region, die bei der PISA-
Untersuchung von 2003 beim Leseverständnis, in der Mathematik und den Na-
turwissenschaften den Finnen vergleichbare Ergebnisse erzielt hat!
Die Reise begann im Kindergarten in Gais, wo uns die Direktorin der Kinder-
gartendirektion Bruneck, Frau Olga Pedevilla, und die Leiterin, Frau Maria Mol-
ling, durch sonnige Räume führten und wir 3- bis 6-jährige Kinder bei ihren
vielfältigen Tätigkeiten beobachten konnten. Unter dem Jahresthema „Wir ach-
ten die Einzigartigkeit eines jeden Kindes und vertrauen auf sein Potenzial“
wurde hier schon den Jüngsten zugetraut, dass sie sich aus einer Fülle von Ange-
boten die von ihnen gewünschte Beschäftigung heraussuchen und sich der ent-
sprechenden Gruppe anschließen können. Und was sie besonders gern machen,
können sie dann in ihrem Portfolio festhalten (lassen), das in den Rubriken
 • Ich
 • Andere erzählen über mich
 • Meine Werke
  • Meine Erfolgsmeldungen und meine Sternstunden
die wichtigsten Ereignisse festhält und das Kind in die Schule begleitet. Dazu
gehören auch die Eltern, die z.B. am Geburtstag des Kindes im Gemeinschafts-
raum von wichtigen Erlebnissen im Leben ihrer Tochter/ihres Sohnes erzählen
und dabei symbolisch den Jahreskreis umrunden. Im Kindergarten lernen die
Kinder die erste „Fremdsprache“, Hochdeutsch.
Die fünfjährige Grundschule konnten wir am Beispiel der Schule in Taisten
kennen lernen. Eingebettet in eine herrliche Berglandschaft fanden wir ein helles
Gebäude vor mit sonnigen Klassenräumen, einem Medienraum, einem Werk-
raum, einem Turnsaal, einer Schulbibliothek und einem Schulhof, der einem
Abenteuerspielplatz nahe kam. 78 Schülerinnen und Schüler werden hier in 6
Klassen von 11 Lehrkräften unterrichtet, ab der 1. Klasse auch im Fach Italie-
nisch. Besonders stolz war die Leiterin der Schule, Frau Marianne Feichter, auf
den Erfolg der erst kürzlich eingeführten Entwicklungsgespräche, die mit den
Schülerinnen und Schülern und ihren Eltern geführt werden und den individuel-
len Stand jedes einzelnen Kindes beleuchten. Das Gelingen gilt auch für alle
Kinder mit besonderen Bedürfnissen - dem Südtiroler Begriff für sonderpädago-
Sibylle Serong
„Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern“                 Seite 2
gischen Förderbedarf -, die je nach Ausprägung Anspruch auf Begleitung durch
eine Betreuungsperson haben und die nach einem individuellen Förderplan un-
terrichtet werden. Dieser beruht auf einem vom Gesundheitsdienst erstellten
„Funktionsgutachten“.
Zur Vorbereitung auf die Mittelschule werden intensive Kontakte zwischen den
Schulen mit gegenseitigen Besuchen, vielen gemeinsamen Fortbildungen und
gemeinsamen Zielen gepflegt. Diesem Zweck hat sich auch der nach dem Schul-
autonomiegesetz von Dezember 2000 gebildete Schulverbund Pustertal ver-
pflichtet, dem alle Pflichtschulen des Pustertals und mehrere Oberschulen ange-
hören. Kern des Verbundes sind die Schulsprengel, die in der Regel eine Mittel-
schule und mehrere Grundschulen umfassen. Bis auf die Personalzuweisung
obliegen dem Schulverband alle Entscheidungen, die rechtliche, didaktische,
organisatorische und finanzielle Aspekte betreffen. Dafür hat er sich verpflichtet,
Entwicklungsprozesse einzelner Sprengel und Schulen zusammen zu führen und
durch gemeinsame Entwicklungsprogramme und -initiativen zu stützen. Dem
dienen Arbeitgruppen wie z.B. „Frühdiagnostik/Frühförderung“, „Optimierung
des Zweitsprachenunterrichts“ oder „Neue Medien“ und ein umfangreiches Fort-
bildungsprogramm. Eine Besonderheit ergibt sich dabei noch im ladinisch-
sprachigen Gadertal, in dem die Kinder neben der Muttersprache in der Schule
sowohl mit Italienisch wie mit Deutsch vom ersten Schuljahr an unterrichtet
werden. Alle drei Sprachen begleiten hier die Schülerinnen und Schüler in wech-
selnden Fächern durch ihre Schullaufbahn.
In den beiden von uns besuchten Mittelschulen, „Paul Troger“ in Welsberg und
„Leo Santifaller“ in Kastelruth konnten wir uns davon überzeugen, auf welche
Weise dem gemeinsamen Ziel, Schülerinnen und Schüler individualisiertes Ler-
nen zu ermöglichen, Rechnung getragen wird. Die im Rahmen der seit 2003
geltenden „Muratti-Reform“ (benannt nach Italiens Bildungsministerin) einge-
richteten Formen von Offenem Unterricht, Wahlpflicht- und Wahlbereiche für
alle Schulen wurden uns hier besonders eindrucksvoll präsentiert. In Gesprächen
mit dem Schulstellenleiter, Herrn Werner Helfer in Welsberg, der Direktorin des
Schulsprengels Schlern (Kastelruth), Frau Dr. Irene Vieider, und Lehrkräften der
beiden Schulen sowie bei Führungen durch die Schulgebäude konnten wir einen
lebhaften Eindruck der dadurch erfolgten Weiterentwicklung von Schule gewin-
nen. Interessant waren dabei auch die unterschiedlichen Überlegungen zur Grup-
penbildung im Offenen Unterricht, in dem die jungen Menschen sich weitgehend
selbstständig eigenen Fragestellungen zuwenden können. So wurden in Welsberg
jahrgangsübergreifende Gruppen von Schülerinnen und Schülern durch Losver-
fahren bestimmt, denen wiederum durch Los betreuende Lehrkräfte zugewiesen
wurden. Wichtig waren hier auch die Präsentationsbereiche, die der Information
der ganzen Schulgemeinde über Ergebnisse dienen sollen. In Kastelruth lagen
Schwerpunkte der Arbeit zu Beginn des Schuljahres auf der Vermittlung von
Sibylle Serong
„Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern“                Seite 3
Arbeitstechniken und auf der Förderung der Selbstständigkeit der Jugendlichen
durch Nutzung von Lerntagebüchern und Rückmeldebögen.
Wie in der Grundschule sind in der Mittelschule (und in der Oberschule) Kinder
mit besonderen Bedürfnissen integriert. Unterstützt von Integrationslehrkräften
ist es wichtiges Ziel jeder Lehrerin und jeden Lehrers, die Entwicklung der fach-
lichen und sozialen Fähigkeiten jeden einzelnen Kindes zu beachten und auf der
Basis des jeweiligen Lernplans zu fördern Dieser ist auch Grundlage der indivi-
duellen Beurteilung der Leistung, die seit 1993 auf individuellen Bewertungsbö-
gen beruht. Die dabei benutzten Bewertungsstufen „ausgezeichnet“, „sehr gut“,
„gut“, „genügend“ und „nicht genügend“ dienen dazu, das Kind mit sich selbst
zu vergleichen und seinen eigenen Lernfortschritt und seine eigene Anstrengung
zu bewerten. Wie uns die befragten Leitungs- und Lehrkräfte aller Schulen bestä-
tigten, ist diese nicht-vergleichende Bewertung inzwischen generell in der Ge-
sellschaft akzeptiert. Wie sich die Sicht auf Kinder dadurch verändern kann,
zeigte uns die Gespräche mit Integrationslehrkräften. So erzählte uns eine Son-
derschullehrerin in Welsberg, die uns als Förderlehrerin für besonders Begabte
vorgestellt wurde, begeistert von einer Schülerin, deren Hochbegabung im sozia-
len Bereich lag, während sie in Deutsch und Mathematik eher schwach war.
Oder von dem Schüler mit LRS, der trotz jahrelanger Förderung im Rechtschrei-
ben keine erkennbaren Fortschritte zeigte, diese aber deutlich entwickelte, als er
in seinem starken Fach Mathematik zusätzliche Anreize erhielt.
Die letzte Station unserer Bildungsreise führte uns in die Oberschule für Land-
wirtschaft in Auer. Diese Schule ist eine der vielen doppelt qualifizierenden
Oberschulen in Südtirol, die neben eher „klassischen“ Oberschulen mit humanis-
tischem oder naturwissenschaftlichem Schwerpunkt die letzte Phase der schuli-
schen Bildung (bei einer Bildungspflicht bis zum 18. Lebensjahr) anbieten. Hier
wird in 5 Jahren neben einer Spezialisierung auf einem für die Wirtschaft in
Südtirol immer noch sehr wichtigen Bereich die Matura mit der Berechtigung
zum allgemeinen Besuch der Hochschule erworben. Auch Schülerinnen und
Schüler, die nach Abschluss der Mittelschule erst in eine der stärker an berufli-
cher Ausbildung orientierten Berufsschulen gehen, haben die Möglichkeit in den
ersten zwei Jahren ohne, ab dann mit einer Prüfung in bestimmten Fächern in die
Oberschule zu wechseln.
Die Oberschule in Auer zeichnete sich durch ein architektonisch geschickt erwei-
tertes Schloss und dem dazu gehörenden Bauernhof mit Weinbau, Ackerbau,
Obstanbau und Viehzucht aus. Stundentafel und Raumpläne zeigten einen gut
organisierten Wechsel zwischen theoretischer und praktischer Unterweisung.
Durch regelmäßige Kontakte zwischen den Lehrkräften der einzelnen Klassen
(Klassenrat) oder der Fachgruppen ist ein Lerncurriculum entstanden, dass der
Förderung der Eigenverantwortlichkeit jeder Schülerin/jedes Schülers dient. Eine
große Sammlung von Ordnern zu verschiedensten Themengebieten ermöglicht
hier den Jugendlichen, im Offenen Unterricht eigene Entscheidungen über Ar-
Sibylle Serong
„Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern“                             Seite 4
beitsbereiche und Arbeitsformen zu treffen. Von Schülerinnen und Schülern
wurde besonders hervorgehoben, dass sie sich auch mit persönlichen Problemen
sehr ernst genommen fühlen und sie immer auf kompetente und aufgeschlossene
Beratung treffen können. Der Direktor der Schule, Dr. Franz Tutzer, konnte mit
Recht stolz sein auf seine Lehranstalt, deren Schülerzahl in den letzten Jahren
deutlich gestiegen ist.
Der Erfolg der Südtiroler Schulen bei PISA lässt sich kaum aus einer besonders
intensiven Lehrerausbildung erklären Für Kindergarten und Grundschule gilt erst
seit 2002, dass für die dort Tätigen eine akademische Ausbildung angeboten
wird. Bis dahin galt der Besuch einer Oberschule mit pädagogischem Schwer-
punkt als ausreichende Qualifikation. Für Mittel- und Oberschule war die Vor-
aussetzung ein reines Fachstudium. Letzteres wird in Zukunft durch ein
3-jähriges Fachstudium (Bachelor) und ein 2-jähriges Pädagogikstudium (Mas-
ter) ersetzt werden.
Was hat dann aber zu diesem guten Ergebnis geführt? Sicher sind es viele Ele-
mente, die dazu beigetragen haben. Dazu gehört die enge Zusammenarbeit von
Lehrkräften auf allen Ebenen, die gemeinsame Teamsitzungen und Fortbildun-
gen auf ihre Arbeitszeit angerechnet bekommen. Oder die Unterstützung durch
Integrationslehrerinnen und -lehrer und Assistenten, die bei Bedarf Fördermaß-
nahmen durchführen oder die Vor- und Nachbereitung von praktischem Arbeiten
ermöglichen. Basis ist dabei ein Schulsystem, in dem alle Kinder das Recht auf
gemeinsamen Unterricht haben und das sich verpflichtet sieht, die Persönlichkeit
jeden Kindes zu achten und seine Stärken angemessen zu fördern. Dazu gehört
eine Leistungsbewertung, die konsequent auf persönlichen Lernfortschritt bezo-
gen ist und zum Lernen ermutigt. Schöne Schulgebäude, originelle Schulhöfe,
gut ausgestattete Schulbibliotheken und eine enge Bindung an die jeweilige
Gemeinde sorgen für den passenden Rahmen. Daher hat es uns auch nicht ver-
wundert, dass das Pustertal als das kinderreichste Tal Europas gilt - 4 bis 5 Ge-
schwister sind hier keine Seltenheit!
Die enge Zusammenarbeit der Schulen, die durch den Schulverbund gefördert
wird, wird auch in Zukunft bei der Umsetzung der anstehenden Reformen eine
wichtige Rolle spielen. Die beiden Direktoren des Schulverbundes, Dr. Josef
Watschinger und Dr. Alois Bachmann, ermöglichten uns den Einblick in ganz
unterschiedliche Arbeitsgebiete und versorgten uns willig mit Material. Besonde-
ren Dank schulden wir Herrn Josef Kühebacher, der nicht nur unser Programm
für die Woche zusammengestellt und organisiert hat sondern uns als Chauffeur
und profunder Kenner der Gegend von morgens bis in den späten Abend zur
Verfügung stand.
          Sibylle Serong ist Mitglied der GGG und Leiterin des Studienseminars Essen

				
DOCUMENT INFO
Shared By:
Categories:
Tags:
Stats:
views:38
posted:8/11/2011
language:German
pages:4