NDS Philosophie + Management
Pressespiegel
Basler Zeitung vom 23.04.2005
Macht und Ohnmacht am Arbeitsplatz
Die Universität Luzern bietet den Nachdiplomstudiengang «Philosophie + Management» an In zehn Jahren werde Philosophie ein Pflichtfach für alle angehenden Manager sein, sagt René Siegrist, Kursleiter des Nachdiplomstudiengangs «Philosophie + Management» an der Universität Luzern. Siegrist erläutert, weshalb viele Chefs Angst vor der eigenen Macht haben und warum Wahrheit immer Verhandlungssache ist. Herr Siegrist, Sie haben Betriebswirtschaft studiert und waren Unternehmer, wie kommen Sie dazu, heute Managern philosophisches Wissen zu vermitteln? RENE SIEGRIST: Als Chef eines Betriebs mit 100 Angestellten stolperte ich vor einigen Jahren eher zufällig über philosophische Themen. Ich entschied mich, mir trotz 70-Stunden-Wochen die Freiheit herauszunehmen, zwei Stunden pro Woche in die Philosophie-Vorlesungen an der Uni zu sitzen. Dadurch angeregt, begann ich Bücher zu lesen und legte mir schliesslich einen philosophischen Berater zu. Ich merkte, wie mir die Philosophie Sicherheit gab bei Entscheidungen und im Gespräch mit Mitarbeitern. Gleichzeitig sah ich, dass viele Chefs betriebswirtschaftlich hervorragend ausgebildet waren, dass sie aber in der Praxis immer wieder an Grenzen stiessen, also ein grosses Bedürfnis nach Orientierungswissen hatten. Seit drei Jahren bieten Sie an der Universität Luzern den Nachdiplomkurs Philosophie und Management an. Weshalb haben Sie Unter-40-Jährige von der Teilnahme ausgeschlossen? Ist es nicht wohltuend, dass es auch diese Form von Altersguillotine gibt? Im Ernst, in unseren Kursen steht die Reflexion im Zentrum, und die Qualität der Diskussionen ist höher, wenn alle Teilnehmenden eine reiche Lebens- und Berufserfahrung mitbringen, wenn niemand mit der Illusion zu uns kommt, er erhalte hier ein Instrument, das ihn vom Nachdenken befreie. Bei vielen jungen Führungskräften steht das Machen im Vordergrund, wir fokussieren eher auf das Gestalten. Viele erleben den Gestaltungsspielraum als gering - und zwar auch jene, die gemäss Organigramm an den Machthebeln sitzen. Ändert sich das durch philosophische Diskussionen? Die Fakten ändern sich nicht, aber die Teilnehmenden schulen ihre Wahrnehmung und gewinnen Freiheit im Umgang mit den Fakten. Nehmen wir als Beispiel das Thema Macht. Viele Führungskräfte empfinden ein grosses Unwohlsein - gegenüber der Macht anderer, aber auch gegenüber eigener Machtausübung. Die Auseinandersetzung mit der philosophischen Tradition hilft, den Blick zu schärfen. Das müssen Sie konkretisieren... Wir sind gewohnt, Macht an einzelne Menschen zu knüpfen. Wird ein Grossbetrieb reorganisiert, suchen wir nach Gesichtern, die wir für unser Glück oder Unglück verantwortlich machen können. Hobbes und Rousseau haben die personale Macht dargestellt, der eine sah das Machtstreben als etwas Menschliches, durchaus Positives, der andere als eine widernatürliche Dekadenzerscheinung.
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Basler Zeitung vom 23.04.2005
Niklas Luhmann lehrt uns, dass Macht oft nicht von Einzelnen, sondern von Systemen ausgeht. Diese systemische Macht treffen wir im Wirtschaftsalltag oft an: Bei einer Reorganisation kann mir kein Einzelner meinen Arbeitsplatz garantieren, denn jeder ist eingebettet in ein grösseres Ganzes, in ein Wirtschaftsumfeld, in eine politische Landschaft. Philosophische Reflexion gibt einem die Chance zu erkennen, wie die einzelnen Machtströme verlaufen und wie man sie beeinflussen kann. Konkret würde das bei einer Reorganisation heissen: Ein Manager wird nicht verhindern können, dass Angestellte ihre Stelle verlieren, aber wenn er die prozessualen Veränderungen erkennt, wird er neue Chancen lokalisieren. Müsste Philosophie zum Pflichtfach für Führungskräfte werden? Ich bin überzeugt, dass Philosophiekurse schon in zehn Jahren fester Bestandteil jeder Basisausbildung für angehende Führungskräfte sein werden. Es gibt mehr als genug Managementinstrumente, aber einen grossen Mangel an Orientierung und Einordnung. Jede Führungskraft muss Entscheide fällen, ohne über genügend sichere Informationen zu verfügen. Keine Disziplin ist besser trainiert im Umgang mit Ungewissheit als die Philosophie. Sie kann Manager dabei unterstützen, die Grenzen des eigenen Wissens zu erkennen und trotz allem Unwissen souverän zu handeln. Ist philosophische Reflexion im hektischen Führungsalltag nicht eher hinderlich? Es ist klar, dass man nicht jeden Führungsentscheid philosophisch hinterfragen kann, sonst geht die Handlungsfähigkeit verloren. Andererseits müssen lange nicht alle Entscheide unter Zeitdruck gefällt werden, und hinter allen Entscheidungen steht eine Kultur, die man mittelfristig verändern kann. Der Umgang mit Wahrheit ist in dieser Hinsicht spannend. Wahrheit als solche gibt es nicht, Wahrheit wird immer gemacht. Entsprechend stellt sich die Frage: Nach welchen Kriterien setzen wir Wahrheit? Wenn während einer Reorganisationsphase der Chef ein Mail an seine tausend Angestellten schreibt, ist dies weder wahr noch falsch, aber es wird auf den verschiedenen Stufen sehr unterschiedlich interpretiert, im Extremfall filtert jeder Empfänger eine andere Wahrheit heraus. Ein Abteilungsleiter kann nun ganz gezielt eine Wahrheit setzen für sein Team, eine Interpretation, die nicht wahrer ist als andere, aber die in diesem Rahmen gilt, weil es seine Aufgabe ist, eine Interpretation vorzunehmen, die seinem Team als gemeinsame Grundlage dient. Das wäre ein Beispiel für personale und erst noch sinnvolle Machtausübung. Genau. Wir neigen dazu, alles zu kritisieren, was nach Macht riecht. Macht ist grundsätzlich neutral, sie kann gut oder schlecht eingesetzt werden. Führungskräfte tun gut daran, sich darüber klar zu werden, wie sie ihre Macht begründen und wann sie welche Form von Macht einsetzen. Es gibt Momente im Führungsalltag, wo man kraft seiner Funktion ein Machtwort sprechen muss. Weil aber die meisten Manager nicht wie Popitz zwischen Aktionsmacht, instrumenteller Macht, autoritativer Macht und datensetzender Macht unterscheiden können, sondern aus Unsicherheit Autorität und Mitsprache aller vermischen, haben sie ein schlechtes Gefühl bei der Machtausübung.
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Basler Zeitung vom 23.04.2005
Meine Erfahrung ist, dass Machtausübung, die klar kommuniziert wird, besser akzeptiert wird als undurchsichtige Entscheidungsprozesse. Interview Mathias Morgenthaler Am 30. April beginnt der 6. Jahreskurs (15 Präsenztage), Kontakt: Telefon 041 320 71 60 oder rene.siegrist@unilu.ch «Macht ist grundsätzlich neutral - sie kann aber gut oder schlecht eingesetzt werden», sagt René Siegrist. Foto Keystone Weiterbildung der Universität Luzern Tagesseminar «Macht» Durch die Auseinandersetzung mit Philosophen und Machttheoretikern wie Machiavelli, Hobbes oder Luhmann eröffnen sich neue Perspektiven auf gängige Situationen des Führungsalltags. Ein wertvolles Instrument mit privatem Mehrwert. Mittwoch, 29. Juni 2005, in Basel. Tagesseminar «Wahrheit» Philosophische Analysen von Aussagen führen zu einem vertieften Verständnis von Gesprächssituationen. Wo Konflikte in der Weltwahrnehmung zu blockierten Handlungsstrategien führen, kann die Erkenntnis über die Unterschiedlichkeit von Wahrheitstheorien den Boden für tragfähige Lösungen schaffen. Donnerstag, 27. Oktober 2005, in Basel. Nachdiplom-Studiengang Der Berufsbegleitende Nachdiplom-Studiengang Philosophie+Management richtet sich an erfahrene Führungskräfte aus Privatwirtschaft, Verwaltung und Nonprofit-Organisationen. Vermittelt wird philosophisches Orientierungswissen als Grundlage einer erweiterten Führungskompetenz. Der Studiengang umfasst drei aufeinander aufbauende Jahreskurse, die auch einzeln absolviert und mit Zertifikaten abgeschlossen werden können. Kursstufe I: Macht; Gesellschaft; Wahrheit; Raum und Zeit Kursstufe II: Politik; Strategie; Freiheit; Management Kursstufe III: u. a. Praxis-Fallstudien mit Philo-Coaching.
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