stellefant. | Samstag, 29. Juli 2006 | Seite 1
STELLEN-RUBRIKEN
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Philosophie erobert Chefetage
Die Philosophie geht radikal anders an Themen heran als die Betriebswirtschaft
JOBPROFIL
Freude geben – und Freude empfangen
Ohne Fleiss keinen Preis: Tägliches Training gehört für Ursepio mit dazu.
Was ist Ihre Berufsbezeichnung? Urs Rohrer: Ich bin Clownjongleur
und Artist.
Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?
Da ich zurzeit selbstständig bin, habe ich viel Freizeit. Die Showauftritte sind meistens am Abend und am Wochenende. Ich reise viel in der Schweiz herum und trete an verschiedenen Festen auf. Manchmal reise ich auch mit einem Circus mit.
Was bedeutet Ihnen Arbeit?
Arbeit bedeutet mir sehr viel. Ich muss immer Neues lernen, um eine tolle und zeitgemässe Show zum Besten zu geben. Ich muss also täglich trainieren, um die Geschicklichkeit mit den Tennisbällen nicht zu verlernen und um besser zu werden.
Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
In der Freizeit fahre ich gerne Fahrrad, treffe mich mit Freunden und reise gerne in der Schweiz herum. Ausserdem schwimme ich gerne und bearbeite meine Website www.ursepio.ch am PC.
Was ist Ihr grösstes Problem?
Zuviel Stress im Beruf, wenn alles auf einmal auf mich zukommt und ich dann krank werde. Sei es Grippe oder sonst was. Ich muss schauen, dass ich nicht zuviel auf einmal arbeite und mich nicht überfordere.
Philosophie befasst sich seit über zweitausend Jahren mit Orientierungswissen und Orientierungsmethoden – davon können auch Firmen profitieren. Foto Keystone
Was ist Ihr grösster Wunsch?
Rolf Curschellas* setzt in der Kaderförderung des grössten Schweizer Energiekonzerns, der Axpo, ein ungewöhnliches Mittel ein: die Philosophie. Über 30 Mitglieder des höheren Axpo-Managements dachten unlängst im Rahmen des Management Development (vgl. Kasten) intensiv über «Macht» und «Freiheit» nach.
Stellefant: Herr Curschellas, was erwarten Sie von Kaderförderung mit Philosophie? Rolf Curschellas: Unsere Führungs-
völlig Fremdes. Führungskräfte, insbesondere Ingenieure, verstehen sich normalerweise als Macher. Dennoch liessen sich die Leute zum Beispiel intensiv auf die anspruchsvollen Freiheitstheorien eines Harry Frankfurt ein. Anfänglich befürchtete ich, dass sie vielleicht einfach «abgefüttert» werden wollten. Erstaunlicherweise war jedoch am Schluss unseres Seminars weder Übersättigung noch Ermüdung spürbar, sondern es fand bis zum Schluss eine angeregte Diskussion statt.
men, die gesetzt werden. Ob die Saat aufgeht, wird sich erst noch zeigen.
Warum haben Sie sich gerade für die Themen Macht und Freiheit entschieden?
Umgang mit Grenzen. In jeder Organisation hat man die Freiheit zu verändern und auch Verantwortung, etwa für ein Gruppenklima, zu übernehmen.
Was ist Ihr Fazit?
Ich möchte einmal mit einem grossen Circus auf Tournee gehen. Ich denke oft an den Circus Knie. Das ist wohl der grösste Wunsch jedes Artisten.
Was würden Sie gerne in Ihrem Leben ändern?
kräfte schöpfen ihren Handlungsspielraum noch nicht aus. Gerade im Zusammenhang mit Themen wie Energieversorgung, Umwelt und Entsorgung finde ich es wichtig, dass sich Führungskräfte Gedanken über den jetzigen Moment hinaus machen. Die Axpo entwickelte vor Kurzem beispielsweise eine Stromperspektive mit der These, dass es in zwanzig Jahren ein neues KKW braucht. Das ist ein weit reichender Entscheid, der intensives und breites Nachdenken erfordert. Was in der schnelllebigen Praxis oft abhanden kommt, ist ein Modell, um Erfahrungen einzuordnen und darüber zu reflektieren. Philosophie ist dafür besonders reizvoll, weil sie radikal anders an die Themen herangeht als die Betriebswirtschaft.
Wie reagieren Mitarbeiter auf das neuartige Angebot?
«Philosophie-Seminare in Firmen sind wie Samen, die gesetzt werden. Ob die Saat aufgeht, wird sich erst noch zeigen.»
Welche Vorteile bringt das Philosophieren gestandenen Axpo-Ingenieuren?
«Macht» ist nicht nur ein zentrales Thema der Führung, sondern des Lebens überhaupt. Meine Absicht war es, die Führungskräfte mit Philosophie bei ihren Erfahrungen abzuholen. Und vom Thema «Macht» fühlten sich die Leute angesprochen. Dabei ging es nicht darum, ob Macht schlecht sei oder gut, sondern wie man sinnvollerweise damit umgeht. Zum Thema «Macht» kann die Philosophie aus einer Fülle an Gedanken und Literatur schöpfen, welche sich über Jahrhunderte angesammelt hat. Andererseits wird – gerade sinnentleert benutzte – Macht als eine Einschränkung eigener Freiheit erlebt. Statt über Abhängigkeiten zu reden, kann man jedoch auch über den eigenen Handlungsspielraum nachdenken. – Es ging beim Thema «Freiheit» um einen bewussteren
Anfangs war ich etwas angespannt. Mit einem Persönlichkeitsseminar eines konventionellen Anbieters wäre ich kein Risiko eingegangen, auch ein esoterisches Angebot hätte dem Zeitgeist wohl besser entsprochen. Die offenen Reaktionen der Leute haben mich jedoch positiv überrascht und bestätigt. Philosophen können uns noch viel helfen, über wichtige Themen nachzudenken. Viele Mitarbeiter sagten, sie würden eine weitere Gelegenheit zum Philosophieren begrüssen. Spannend wäre auch das Thema «Gesellschaft»: Immerhin arbeitet die Axpo mit ihren Kernkraftwerken, Staumauerprojekten und Hochspannungsleitungen in einem anspruchsvollen gesellschaftlichen Spannungsfeld. Interview Susanne Birrer
Ich möchte wieder Jonglierkurse geben und Erwachsene und Jugendliche ausbilden. Interessierte können sich gerne bei mir melden. Zudem möchte ich mich neu verlieben, da ich im Moment Single bin.
Was erwarten Sie von der Zukunft?
Gesundheit, Zufriedenheit, Gelassenheit, Freude, Glück. Ich möchte den Menschen Freude geben und dabei Freude empfangen. Dies erlebe ich immer bei meinen Auftritten. Ich hoffe immer darauf entdeckt zu werden, von einem Manager, der mich in alle Welt vermitteln könnte. Dann wäre für mich vieles einfacher und ich könnte mich aufs Wesentliche konzentrieren: die Jonglage mit den grossen Tennisbällen. > www.ursepio.ch
Interview Lukas Müller
Unter dem Titel «Jobprofil» stellen sich bekannte und weniger bekannte Arbeitnehmer der Region Basel den (mehr oder weniger) gleichen Fragen der Stellefant-Redaktion.
Sie waren irritiert. Und das ist positiv. Philosophie war für die meisten etwas
*Rolf Curschellas leitet das «Management Development» der Axpo. Er studierte Betriebswirtschaft und Arbeitspsychologie.
Konkrete Vorteile sind schwierig zu definieren. Es erfolgte eine gemeinsame Annäherung an die Begriffe «Freiheit» und «Verantwortung». Wir haben Begriffe wie Handlungsfreiheit, Gedankenfreiheit und Grenzen auch immer wieder auf unsere konkrete Arbeitssituation hin angewandt. Die Teilnehmer haben sich ganze zwei Tage mit wesentlichen Fragen befasst. Das führt zu einem grösseren Bewusstsein für die Thematik.
Ein intensiver Denkprozess führt zu mehr Selbstbewusstsein. Aber auch zu kritischeren Standpunkten der eigenen Firma gegenüber.
«Management Development» beim Energiekonzern Axpo
Die Axpo ist mit 6,6 Milliarden Franken Umsatz die grösste Unternehmensgruppe im Schweizer Energiesektor. Unter den insgesamt 2900 Mitarbeitenden in der Nordost- und Zentralschweiz befinden sich rund 500 Führungskräfte. Rund tausend Axpo-Angestellte werden im Rahmen des konzerninternen «Management Development» jedes Jahr in einem Screening-Prozess erfasst. Ziel davon ist, potenzielle Führungskräfte zu identifizieren und, mit ihrem Einverständnis, innert dreier Jahre auf eine nächsthöhere Zielfunktion hin zu bewegen. Neben den üblichen Leistungserfassungen und Mitarbeitergesprächen wird das Potenzial der Förderkandidaten durch Gespräche mit den Vorgesetzten und den Personalverantwortlichen erörtert. Im Rahmen des Axpo Management Development besuchten seit 2005 rund dreissig Angehörige des höheren Kaders zwei von der Universität Luzern angebotene, firmeninterne Philosophieseminare zu den Themen «Macht» (Dozent: Professor Enno Rudolph, Literatur: u. a. Machiavelli, Hobbes, Rousseau) und «Freiheit» (Dozent: Dr. Martin Brasser, Literatur: Harry Frankfurt). Die Philosophieseminare werden im Rahmen des Management Development bei der Axpo zur Förderung des höheren Kaders eingesetzt, nachdem das Grundwissen über Führung bereits auf der Basisstufe vermittelt wurde. Weitere Informationen unter: > www.philomanagement.ch > www.axpo.ch
IMPRESSUM
Stellefant – eine Beilage der Verlage Basler Zeitung und Basellandschaftliche Zeitung Redaktionelle Verantwortung: Ivo Bachmann (Basler Zeitung) Franz C. Widmer (Basellandschaftliche Zeitung) Verlag, Druck: Basler Zeitung, CH-4002 Basel Inserate Basel: Publicitas AG, Basel Hochbergerstrasse 15/PF CH-4002 Basel Telefon 061 275 41 41 Telefax 061 275 42 42 basel@publicitas.ch www.publicitas.ch Inserate Liestal: Publicitas AG, Liestal Bahnhofstrasse 3/Postfach CH-4410 Liestal Telefon 061 926 96 20 Telefax 061 926 96 25 liestal@publicitas.ch Inseratepreise: Stelleninserate s/w: Fr. 3.84 pro mm Stelleninserate farbig: Fr. 4.80 pro mm exkl. MWSt. Inserateschluss: Mittwoch, 13.00 Uhr
Hoffentlich! Mein Wunsch ist, die Erfahrungen aller zu nutzen und individuelle Entwicklungsschritte zu ermöglichen. Nur so entsteht für mich Veränderung. Das mag unspektakulär klingen, aber ein kollektives Ächzen im Gebälk mit einer erdbebenartigen Veränderung ist nicht die Realität. Philosophie-Seminare in Firmen sind wie Sa-