Historisches Seminar der Universität Luzern Proseminar Mittelalter: Menschen kategorisieren. Hautfarben, Ethnien und die Entstehung von "Rassen" zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert Sommersemester 2004 Leitung: Prof. Dr. Valentin Groebner
Die Darstellung von Ethnien im Mythos vom Priesterkönig Johannes im 12. bis 16. Jahrhundert
Erörtert anhand des Reiseberichts von Francisco Alvares
Stefan Kaufmann Zaystrasse 10 6410 Goldau 041/855 34 40 stefan.kaufmann@stud.unilu.ch Abgabedatum: 8. Oktober 2004
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung .................................................................................................1 2. Die Chronologie des Mythos...................................................................2 2.1. Johannes im Orient..............................................................................2 2.2. Der Brief des Presbyters .....................................................................5 2.3. Johannes in Afrika ..............................................................................7 2.4. Der Erretterkönig ................................................................................9 3. Der Reisebericht von Francisco Alvares .............................................10 3.1. Die Vorgeschichte.............................................................................10 3.2. Die Reise zum Negus Nagast ...........................................................11 3.3. Über den Text von Alvares ...............................................................13 3.4. Die Darstellung des Königs und seiner Landsleute ..........................15 3.4.1. Schwarze Haut............................................................................15 3.4.2. Der Priesterkönig........................................................................16 3.4.3. Nackte Haut ................................................................................17 3.4.4. Die Äthiopier ..............................................................................18 3.4.5. Meermänner und Amazonen ......................................................19 4. Schlusswort.............................................................................................20 5. Literaturliste ..........................................................................................23 5.1. Quellen ..............................................................................................23 5.2. Darstellungen ....................................................................................23 5.3. Periodika ...........................................................................................24 5.4. Nachschlagewerke ............................................................................24
1
1. Einleitung
Der Mythos vom Priesterkönig Johannes gehört zu den langlebigsten Legenden des Hoch- und Spätmittelalters.1 Nicht weniger als 450 Jahre lang geisterte die Idee eines mächtigen Königs, der die europäischen Christen von der islamischen Bedrohung befreien würde, in den Köpfen der abendländischen Völker herum. Die Idee blieb kein blosser Wunschgedanke: Schon bald nach ihrem erstmaligen Auftauchen im frühen 12. Jahrhundert wurde die Geschichte des Priesterkönigs Johannes zur Volkssage und Teil der Vorstellungswirklichkeit des mittelalterlichen Menschen. Die Geschichten, die den mysteriösen König umranken, lesen sich wie Märchen und erzählen von unermesslichen Reichtümern und Ländereien am Ende der Welt. Sogar dem mittelalterlichen Betrachter mussten die sagenhaften Berichte stellenweise suspekt vorgekommen sein – doch die Neuigkeiten eines exotischen Verbündeten stiessen im Abendland auf äusserst offene Ohren. Hier, in der alten Welt, lag sich der Papst nämlich nicht nur mit seinem geistlichen Widersacher, dem Patriarchen von Byzanz, in den Haaren, sondern focht auch mit den Kaisern des wieder belebten römischen Reiches einen Kampf um die weltliche Vorherrschaft in Westeuropa aus. Gleichzeitig gewannen die Moslems im Osten immer grösseren Einfluss; die von den Kreuzfahrern hart erkämpften Gebiete in Nahost standen kurz davor, erneut von den Heiden überrannt zu werden. In dieser krisengeplagten Zeit fiel die utopische Vorstellung eines christlichen Herrschers im Rücken des Islams, in dessen Reich keine Lügner lebten, wo Milch und Honig in Unmengen flossen und in dessen Schatzkammer genug Gold lagerte, „um die ganze Welt zu kaufen“, im Abendland auf fruchtbaren Boden.2 Der Papst persönlich schrieb Johannes, dem „König der Inder“, im Jahre 1177 einen wohlwollenden Brief und schickte ihm einen Boten. Noch 250 Jahre später sandte der portugiesische Prinz Heinrich der Seefahrer seine Schiffe mit dem Auftrag nach Afrika, ihm Kunde vom Reich des sagenumwobenen Johannes zu bringen. Natürlich warteten die Europäer stets vergeblich auf die rettenden Truppen des Priesterkönigs, und genauso aussichtslos waren die königlichen und päpstlichen Versuche, das Reich des Johannes ausfindig zu machen. Doch die Suche war nicht umsonst. Die ersten Vorstösse in die Ländereien des Priesterkönigs führten die Europäer zur unfreiwilligen
1
2
Häufig spricht man auch vom „Presbyter“ Johannes. Die Begriffe Presbyter und Priesterkönig werden in dieser Arbeit als Synonyme verwendet. Genaueres zum Begriff „Presbyter“ siehe unten 2.4. dritter Absatz. Pero de Covilhã erzählt Francisco Alvares von den Goldvorräten des Priesterkönigs. Siehe Francisco Alvares, A True Relation of the Lands of the Prester John, in: Charles F. Beckingham und G.W.B. Huntingford (Hrsg.), The Prester John of the Indies, Cambridge 1961, Bd. 2, S. 448.
2 Kontaktaufnahme mit den Mongolen und ebneten den Weg ins verheissungsvolle Indien. Als später Asien nicht mehr als Heimatort des Priesterkönigs in Frage kam und neu Äthiopien ins Visier genommen wurde, war der Johannesmythos die treibende Kraft hinter den portugiesischen Bestrebungen, den afrikanischen Kontinent zu erforschen und zu umsegeln. Das Hauptverdienst der Johannessage besteht darin, dass sie Europa Kontakt mit dem „Anderen“ aufnehmen liess. Der Mythos erzählt von fernen Ländern, fremden Völkern mit erstaunlichen Sitten und von wunderbaren Tieren – und dies alles fanden die Europäer. Sie trafen zwar weder auf kopflose Menschen mit Augen in der Brust noch auf goldsuchende Riesenameisen, doch sie stiessen auf neue Kulturen mit ihren jeweiligen eigenen, kleinen Wundern. Die vorliegende Arbeit rückt diesen Aspekt ins Zentrum. Sie soll aufzeigen, inwiefern Rassen- oder Ethnienzugehörigkeit im Johannesmythos eine Rolle gespielt hat. Denn umso östlicher oder südlicher die Europäer den Priesterkönig lokalisierten, desto klarer wurde ihnen, dass sich der Presbyter in Aussehen und Sitte erheblich von ihnen unterscheiden würde. Dies wird erörtert anhand des Reiseberichts des Priesters Francisco Alvares aus dem frühen 16. Jahrhundert. Der Geistliche war Teilnehmer einer portugiesischen Expedition nach Äthiopien, wo man den Priesterkönig inzwischen vermutete. Die Entdeckungsreise war erfolgreich, und die Portugiesen verbrachten mehrere Jahre am Hof des farbigen Christenherrschers Lebna Dengel, dem „letzten“ Priesterkönig Johannes. Wie Alvares in einer Zeit, als in seinem Heimatland der neu aufgekommene Handel mit schwarzen Sklaven florierte, die Äthiopier und ihr Land beschrieb, soll diese Arbeit beleuchten.
2. Die Chronologie des Mythos
2.1. Johannes im Orient
Die Vorgeschichte des Mythos nahm ihren Lauf, als im Jahre 1122 ein indischer Patriarch namens Johannes in Europa auftauchte. Auf seiner Reise durch das Abendland machte er auch am päpstlichen Hof von Kalixt II. Halt. Er berichtete von der immensen Grösse und vom Reichtum seiner Heimatstadt Hulna, in welcher ausschliesslich treue Christen lebten, denn jeder Ungläubige, der die Stadt beträte, würde auf der Stelle tot
3 umfallen.3 In einem Schrein, so wird uns von einem anonymen Autor überliefert, würden die unversehrten Überreste des Apostels Thomas lagern, dessen Leichnam in einer jährlichen Prozession wieder belebt und vor den versammelten Gläubigen zahlreiche Wunder vollbringen würde.4 Die fabelhaften Begebenheiten, die der Patriarch vor der Kurie offenbarte, lassen sich grösstenteils auf die apokryphen Thomas-Akten aus dem dritten Jahrhundert und frühe Berichte von Indienreisenden zurückführen. 5 Heute ist sich die Wissenschaft einig, dass es sich beim Patriarchen um einen Heuchler handelte. Jedoch darf angenommen werden, dass das Treffen mit dem Papst tatsächlich stattgefunden hat, da der Besuch auch von einer zweiten, unabhängigen Quelle bestätigt wird.6 Bereits hier sind Grundelemente des späteren Johannesmythos vorhanden: Der Patriarch aus Indien namens Johannes, die unermesslichen Reichtümer seines Landes sowie die Verbindung zum Christentum. Grosse Popularität erlangte die Johannesgeschichte erst zwei Jahrzehnte später. Im Jahre 1145 berichtet der deutsche Bischof und Geschichtsschreiber Otto von Freising von einer Audienz zwischen Papst Eugen III. und Bischof Hugo von Gabala. Hugo traf direkt aus dem Nahen Osten ein, wo die ersten Kreuzfahrer nach anfänglichen Erfolgen zunehmend von den wieder erstarkten Sarazenen bedrängt wurden. Hugo von Gabala schilderte das Mühsal der europäischen Kreuzfahrer und forderte Verstärkung: Nichts anderes als ein zweiter Kreuzzug, so die Auffassung Hugos, könnte die lateinischen Kreuzfahrerstaaten im Heiligen Land retten. In einer Nebenbemerkung wusste der syrische Bischof dem Pontifex aber auch von einer positiven Begebenheit zu berichten: Vor wenigen Jahren habe ein gewisser Johannes aus dem äussersten Orient, ein König und christlicher Priester in Personalunion, ein riesiges moslemisches Heer besiegt. Auf seinem Siegeszug habe der Priesterkönig geplant, auch Jerusalem zu befreien, doch Johannes schaffte es nicht, den Tigris zu überqueren und musste in seine Heimat zurückkehren.7 In Bischof Hugos Bericht steckt ein historisch wahrer Kern. Vier Jahre vor seiner Ankunft in Italien errang der mongolische Herrscher Yeh-lü Ta-shih einen weit beachteten Sieg über die Seldschuken, eine türkische Fürstendynastie in Mittelasien. Die Kunde,
3
4
5
6
7
Die Stadt Hulna konnte die Wissenschaft bis heute nicht lokalisieren. Siehe Robert Silverberg, The Realm of Prester John, Athens 1972, S. 31. Nach Igor de Rachewiltz, Prester John and Europe’s Discovery of East Asia, in: East Asian History 11/1996, S. 62. Die Akten erzählen, wie Thomas nach der Kreuzigung Jesu nach Indien gelangte und dort das Christentum verbreitete. Vgl. dazu ausführlich Silverberg, S. 17ff., und Gerd-Klaus Kaltenbrunner, Johannes ist sein Name, Zug 1993, S. 74f. Der Brief von Odo von Rheims an den Grafen Thomas berichtet ebenfalls von diesem Treffen. Siehe Silverberg, S. 31. Obige Ausführungen folgen a.a.O., S. 6f.
4 dass sich ein orientalischer König erfolgreich gegen die Moslemherrschaft zur Wehr gesetzt hatte, verbreitete sich rasch in Zentralasien, besonders unter den orientalischen Christen.8 Es dauerte nicht lange, bis auch die Christen im Nahen Osten vom unerwarteten Verbündeten aus dem Orient erfuhren, und auch den europäischen Kreuzfahrern blieb die erfreuliche Nachricht nicht verborgen. Yeh-lü Ta-shih und sein Stamm, die Kara-Kitai, waren jedoch keine Christen, sondern wahrscheinlich Buddhisten. Für die Christen im Nahen Osten spielte dies aber keine Rolle. Nicht bewandert in den Religionen des fernen Ostens, war für sie jeder Gegner des Islams ein Verbündeter und konsequenterweise auch ein Christ.9 De Rachewiltz schreibt in seinem Artikel über den Priesterkönig Johannes, dass es keinen besseren Antrieb für eine Legendenbildung gäbe, als der Wunsch des Mannes in Not, zu glauben.10 Und die mittelalterlichen Europäer wollten glauben: Die Nachricht vom übermächtigen christlichen Herrscher im Rücken des Islams verbreitete sich im Abendland des 12. Jahrhunderts in Windeseile. Doch Johannes kam nicht. Als im frühen 13. Jahrhundert erste Berichte des phänomenalen Siegeszugs von Dschingis Khan und seinem Mongolenheer nach Europa gelangten, wurden die Hoffnungen auf das lang ersehnte Erscheinen des Priesterkönigs zu neuem Leben erweckt. Die Freude, aber auch die wildesten Gerüchte kannten keine Grenzen, als der fremdartige Herrscher aus dem Orient immer weiter nach Westen preschte. Erst als der Sturmlauf der mongolischen Khane auch in katholischen Ländern wie Polen, Ungarn und Russland eine Schneise der Verwüstung hinterliess, musste man sich im Abendland mit grosser Ernüchterung eingestehen, dass diese unzivilisierten, ruchlosen Krieger eher aus der Hölle, denn aus einem christlichen Reich stammen müssen.11 Die Verwechslung des berüchtigten Dschingis Khan oder einer seiner Nachfahren mit dem Priesterkönig Johannes kommt aber nicht von ungefähr. In der Familie des Khans floss viel christliches Blut, denn die meisten Frauen seiner Söhne waren Christinnen.12 Die Vermutung, der Grosskhan selber sei auch zum Kreuz konvertiert, lag nahe. Doch
8
Nach de Rachewiltz, S. 62f. Unter den Christen des Orients hat die apostolische Kirche des Ostens, auch assyrische Kirche genannt, eine Vorrangsstellung. Ihre Anhänger waren schon früh im Orient verbreitet. Die Kirche folgt der Lehre von Nestorius, der von 428 bis 431 Patriarch von Konstantinopel war. Seine These, dass Christus zuerst als Mensch geboren wurde und erst später eine göttliche Natur annahm, wurde 433 von der römischen Kirche als Häresie verurteilt. Ausführlich über das orientalische Christentum und dessen Gruppierungen Wilhelm Baum, Die Verwandlungen des Mythos vom Reich des Priesterkönigs Johannes, Klagenfurt 1999, S. 29-122. 9 Die Vermutung, die Kara-Kitai seien Christen, war nicht ganz abwegig. Ihre Nachbarn, die Keraiten, sollen das erste christianisierte Volk Zentralasiens gewesen sein. Näheres dazu bei Baum, S. 159. 10 De Rachewiltz, S. 62. 11 Einzelne zeitgenössische Autoren brachten den Begriff Tartaren auch mit dem griechischen „tartaros“, „Wesen aus Hades“ oder „Wesen aus der Hölle“, in Verbindung. Siehe dazu Ulrich Knefelkamp, Die Suche nach dem Reich des Priesterkönigs Johannes, Diss. Freiburg i. Br. 1985, S. 60. 12 Vgl. Silverberg, S. 86.
5 ihren Welteroberungsversuch führten die mongolischen Horden nie im Namen einer Religion – und so war an eine Allianz mit dem christlichen Abendland nicht zu denken. Was folgte, waren verzweifelte Versuche der europäischen Christen, den Priesterkönig trotz der erheblichen Rückschläge weiterhin in Asien zu lokalisieren. Mehrere päpstliche Gesandtschaften sowie auch private Handelsleute, die das Mongolenreich bereisten, brachten immer wieder Neuigkeiten von Johannes – meist von widersprüchlicher Natur und wenig hilfreich.13 Doch auch die wenigen Lichtblicke konnten nicht über die deprimierende Erkenntnis hinwegtäuschen, dass der Priesterkönig in den Steppen Asiens nicht zu finden war.14 Vor allem als das Tartarenreich Ende des 15. Jahrhunderts zum Islam übertrat, musste die Hoffnung auf einen zentralasiatischen Johannes und eine Allianz mit den Mongolen endgültig begraben werden. Eine zweihundertjährige Suche hatte keinen christlichen Verbündeten hervorgebracht, und, auch wenn nun zumindest erste politische Kontakte mit dem fernen Osten geknüpft worden waren, Europa stand genauso isoliert da wie zuvor.
2.2. Der Brief des Presbyters
Hauptverantwortlich für den mittelalterlichen Erfolg des Johannesmythos ist ein Brief, den ein unbekannter Autor im Namen des Presbyters Johannes verfasste. Das gefälschte Schreiben tauchte zwischen 1160 und 1170 im Abendland auf und war an Manuel I., Kaiser von Byzanz, adressiert. Spätere Interpolationen führten unter den Empfängern auch den Kaiser von Rom, den Papst und weitere Könige Europas auf. In seinem Schreiben an die Europäer stellt sich Johannes als Herrscher über die drei Indien vor.15 Er, der König der Könige, wolle die Feinde des Kreuzes aus dem Heiligen Land vertreiben und das Grab Jesu besuchen. Hier enden bereits die Anliegen des vermeintlichen Herrschers, denn den Grossteil seiner Zeilen widmet er der Beschreibung der Reichtümer und Wunder seines Landes. So herrscht Johannes angeblich über ein Reich von 72 Königshäusern und beherbergt täglich über 30’000 Personen an seinem
13
Der berühmteste Mittelalter-Reisende, Marco Polo, glaubte, im Fürsten Görgüz, einem christlichen Lehensherrn des Grosskhans, einen Nachkommen des Priesterkönigs gefunden zu haben. Siehe Baum, S. 164. 14 Der Mönch Odorich von Pordenone war der letzte Autor, der noch überzeugt war, den Priesterkönig in Asien gefunden zu haben. Seine Ausführungen anfangs des 14. Jahrhunderts waren für das Abendland jedoch niederschmetternd: „Nicht der hundertste Teil dessen stimmt, was man von ihm [dem Priesterkönig] als sicher erzählt.“ Ausführlich dazu Bernard Hamilton, Continental Drift: Prester John’s Progress through the Indies, in: Charles F. Beckingham und Bernard Hamilton (Hrsg.), Prester John, the Mongols and the Ten Lost Tribes, Aldershot 1996, S. 249 15 Man pflegte Asien bzw. Indien im Mittelalter in drei oder vier Gebiete zu unterteilen, deren Grössen und Lage sich von Autor zu Autor oft beträchtlich unterschieden.
6 Hof. Durch sein Reich fliesse der Physon, ein Fluss entsprungen in Eden, in dem Smaragde, Saphire und andere Edelsteine zu finden seien.16 Als Quelle diente dem Autor vor allem der Alexanderroman, eine abenteuerliche Erzählung über die Heldentaten Alexanders des Grossen. Viele Motive und Sagen wurden daraus direkt im Brief übernommen. Der Brief des Presbyters Johannes war im Hochmittelalter ein viel gelesenes Schriftstück. Spätere Abschriften fügten dem ursprünglichen Brief immer neue und noch unglaublichere Wunder hinzu. Die letzten Fassungen lesen sich wie eine Kurzversion der märchenhaften Reisen John Mandevilles und sind regelrechte Sammelsurien mittelalterlicher Fabelgeschichten. So findet man im Reich des Priesterkönigs nebst anderen mirakulösen Dingen eine lebensverlängernde Quelle und einen Spiegel, der Allwissenheit verleiht. Auch Fabelwesen fehlen nicht: Einhörner, rote und grüne Löwen, Kannibalen, Amazonen und weitere Menschen von verschiedenartigen Grössen und Formen sind im Herrschaftsgebiet des Presbyters keine Seltenheit.17 Waren die späteren Fassungen vor allem fantastische Literatur, die dem Amüsement des Lesers dienen sollte, darf die politische Rezeption des frühen Briefes nicht ausser Acht gelassen werden. Der Brief verlieh der Sage um den Priesterkönig ungeahnten Aufwind und veranlasste die Kurie wie auch weltliche Höfe, Gesandtschaften auszusenden, um in Kontakt mit dem Inderkönig und seinem paradiesähnlichen Reich zu treten. Noch heute wirft der Johannesbrief viele Fragen auf. Weder über den eigentlichen Zweck des Schreibens noch über die Identität seines Autors ist sich die Wissenschaft einig. Sollte der Brief ein Anstoss zur Reunion der West- und Ostkirche sein? War das Ziel, die Begeisterung für die Kreuzzüge neu zu entfachen? Wollte der Autor den abendländischen Herrschern angesichts der unstabilen Lage in Europa ein Spiegel vorhalten, indem er ihnen ein Idealbild eines geistlichen und weltlichen Herrschers malte? Oder erlaubte sich jemand einfach einen ironischen Scherz? Die Antworten sind vielfältig, möglicherweise spielten alle diese Überlegungen mit bei der Entstehung des Johannesbriefes. Welche Intention der Briefschreiber auch verfolgte, die Wogen, die der Brief im Abendland warf, waren beachtlich.
16 17
Nach Silverberg, S. 41-45. Zu den einzelnen Interpolationen beachte Bettina Wagner, Die „Epistola presbiteri Johannis“, Tübingen 2000; Silverberg, S. 63ff., und Friedrich Zarncke, Der Brief des Priesters Johannes an den byzantinischen Kaiser Emanuel, in: Charles F. Beckingham und Bernard Hamilton (Hrsg.), Prester John, the Mongols and the Ten Lost Tribes, Aldershot 1996, S. 39-103.
7
2.3. Johannes in Afrika
Auch wenn man den Priesterkönig und sein Reich in Asien nicht finden konnte, so war die Geschichte des mächtigen Christenkönigs zu fest in der Vorstellungswelt der Europäer verwurzelt, um die Suche bereits wieder abzublasen. Ab dem 14. Jahrhundert richteten die Europäer ihre Blicke fortan weg vom Orient hin zu Äthiopien, worunter die hochmittelalterlichen Autoren das ganze bis anhin unerforschte Subsahara-Afrika verstanden. Dieser Perspektivenwechsel ergab durchaus Sinn: Johannes war der König von Indien – und in der mittelalterlichen Vorstellung, in welcher der Nil Asien von Afrika trennte, war Äthiopien folglich ein Bestandteil Indiens.18 Schon seit der Zeit der ersten Kreuzzüge war in Europa bekannt, dass das äthiopische Reich von einer christlichen Dynastie beherrscht wurde. In Jerusalem entstanden im 14. Jahrhundert erste Kontakte zwischen Lateinern und äthiopischen Mönchen. Vom 15. Jahrhundert an intensivierte Äthiopien die Beziehungen zu Europa, und immer mehr Reiseberichte erzählten Wunderbares aus dem afrikanischen Land. Äthiopische Gesandte erschienen an europäischen Königshöfen und sogar am päpstlichen Konzil in Florenz 1441; die diplomatischen Beziehungen brachten aber weder ein weltliches noch ein geistliches Bündnis zustande. Als zusätzlich Nachrichten von Kämpfen zwischen dem äthiopischen Herrscher und seinen islamischen Nachbarn nach Europa drangen, nahm der Mythentransfer seinen Lauf: Als christlicher Herrscher, der in Indien lebte und über ein grosses Reich verfügte, erfüllte der König von Äthiopien die notwendigen Kriterien. Im Abendland gelangte man folglich zunehmend zu der Überzeugung, dass es sich beim Negus, wie man den König in Äthiopien nannte, um den sagenumwobenen Priesterkönig Johannes handeln muss, welchen man nun schon seit Mitte des 12. Jahrhunderts suchte.19 Die Dislozierung des Priesterkönigs von Asien nach Afrika war perfekt. Dies obwohl – oder eher gerade weil – das Reich alles andere als eruiert war. Man wusste, dass sich das christliche Reich im Süden Ägyptens befindet, doch der Priesterkönig war, wenn nicht vom unerforschten Afrika, dann von islamischem Herrschaftsgebiet eingekesselt. Nur auf mühseligen und gefährlichen Routen gelangten Neuigkeiten nach Europa, deren Informationsgehalt meist vage und spärlich war. Zwei Motive trieben Europa an, die Beziehungen mit Äthiopien zu forcieren: Auf der einen Seite war man noch immer an einer Union gegen die islamische Vormachtsstel18
Zur fluktuierenden Definition der Geographie Indiens und Äthiopiens siehe Knefelkamp, S. 87-101, und zusammenfassend Hamilton, S. 240f. 19 Nach Baum, S. 239.
8 lung im Nahen Osten interessiert; dies umso mehr, als die Eroberung Konstantinopels durch die ottomanischen Türken im Jahre 1453 den europäischen Kontinent noch weiter isolierte. Auf der anderen Seite drängten sich fortlaufend ökonomische Interessen in den Vordergrund. Die europäischen Christen suchten einen direkten Weg in den indischen Markt, um die Moslems als Zwischenhändler von asiatischen Gütern auszuschalten.20 Dies schien auch der Motor hinter den Expansionsbestrebungen Prinz Heinrichs von Portugal zu sein.21 Sein Ziel war es, das Land des Presbyters Johannes in Afrika ausfindig zu machen, um Schulter an Schulter mit dem äthiopischen König den Indienhandel an sich zu reissen.22 So begannen die Portugiesen mit der Erforschung der afrikanischen Westküste. Ihre Bestrebungen trugen schon bald Früchte. 1441 stiessen Erkundungsschiffe zum ersten Mal auf Schwarzafrikaner. Die heimgebrachten, dunkelhäutigen Sklaven machten grossen Eindruck, und es entwickelte sich ein reger und lukrativer Menschenhandel. Doch vom Priesterkönig gab es noch keine Nachrichten. Über die Hartnäckigkeit der Suchenden schreibt Baum: „Je weiter die Portugiesen kamen und das Reich nicht fanden, desto entfernter wurde das mythische Land gesucht.“23 1488 umsegelte Bartolomeo Diaz als erster den afrikanischen Kontinent und öffnete den Portugiesen den Weg in den indischen Ozean. Genau zehn Jahre später schaffte Vasco da Gama den Doppelschlag: Es gelang ihm nicht nur, als erster Indien auf dem Seeweg zu erreichen, er konnte auch die erfreuliche Nachricht heimschicken, dass man die genaue Lage Äthiopiens ausgemacht habe. Portugal wurde zur neuen Weltmacht: Schon um 1500 brachen die Iberer das Gewürzmonopol, keine Dekade später richteten sie sich offiziell in Indien ein. Der Presbyter Johannes ging in dieser Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs jedoch nie vergessen. Angriffe der mohammedanischen Sultane auf die portugiesische Seeflotte im Roten Meer liessen ein Bündnis mit einem mächtigen christlichen Herrscher noch immer attraktiv erscheinen. 24 So schickte der portugiesische König gleich mehrere Gesandtschaften ins afrikanische Inland, um in diplomatische Beziehungen mit dem äthiopischen Negus zu treten. Erst 1527 kehrte eine Gesandtschaft erfolgreich nach Lissabon
20 21
Nach Baum, S. 257ff. Seine intensive Förderung der Seefahrt und Nautik brachte ihm den Beinamen „der Seefahrer“ ein. Für Prinz Heinrichs Affinität zur Seefahrt vgl. ferner Silverberg, S. 195ff. 22 Beckingham führt aus, dass sich die Portugiesen sehr wohl bewusst waren, dass sie, sollte ihr Versuch, das islamische Handelsmonopol zu brechen, von Erfolg gekrönt sein, die ganze Feindseligkeit der arabischen Welt auf sich zögen. Für Portugal, damals ein Land mit knapp mehr als einer Million Einwohner und in der Grösse mit derjenigen von heute zu vergleichen, war ein Verbündeter daher von grösster Bedeutung. Siehe Charles Beckingham, The Quest for Prester John, in: ders. und Bernard Hamilton (Hrsg.), Prester John, the Mongols and the Ten Lost Tribes, Aldershot 1996, S. 207f. 23 Baum, S. 279. 24 Nach Knefelkamp, S. 111.
9 zurück. Über ihre Erlebnisse verfasste Francisco Alvares einen umfassenden Reisebericht.
2.4. Der Erretterkönig
Für die mittelalterlichen Christen war der Begriff „Priesterkönig Johannes“ zu keiner Zeit ein Eigenname, sondern stets ein Titel. Schon Otto von Freising schreibt ihn seiner Chronik vom „Presbyter Johannes, wie sie ihn herkömmlich nannten“.25 So ist es nicht verwunderlich, dass über Jahrhunderte verschiedene historische Persönlichkeiten mit dem Titel in Verbindung gebracht wurden. Über den Ursprung des Namens „Priesterkönig“ bzw. „Presbyter Johannes“ ist sich die Wissenschaft bis heute nicht einig. Viele Wissenschaftler versuchten, den Titel phonetisch herzuleiten, jedoch ist keine der linguistischen Ansätze vollumfänglich zufrieden stellend. Einen möglichen Ansatz zur Herleitung des Begriffes und sogar auch des ganzen Mythos bietet die Bibel. In der frühen christlichen Überlieferung verstand man nämlich unter „Presbyter Johannes“ den Apostel Johannes. In zwei der fünf neutestamentlichen Texten, die man dem Apostel Johannes zuschreibt, bezeichnet er sich selber als „Presbyter“, griechisch für „den Ältesten“.26 Da es noch Jahrhunderte dauerte, bis Bibelübersetzungen den Begriff in die Volkssprachen übertrügen, konnte sich der Ausdruck „Presbyter“ als Synonym für den Apostel Johannes im westlichen und östlichen Christentum verbreiten.27 Als Stein des Anstosses, der den Priesterkönig-Mythos ins Rollen brachte, dürfen die apokryphen Johannes-Akten angesehen werden. Die Akten besagen, dass der Apostel Johannes sich zwar in sein Grab legte, aber nicht starb, denn er sei von Jesu dazu auserkoren worden, bis zur Wiederkehr Christi auf der Welt zu verbleiben. Die Akten waren vor allem im Osten sehr bekannt, und das vermeintliche Johannes-Grab in Ephesus war schon im zweiten Jahrhundert eine hoch frequentierte Pilgerstätte. Der Glaube, dass
25 26
Auszüge aus Otto von Freisings Chronik bei Silverberg, S. 7. Es handelt sich dabei um jeweils den ersten Vers des zweiten und dritten Johannesbriefes. Ob alle Briefe bzw. alle Texte, die traditionellerweise dem Apostel Johannes zugeschrieben werden, vom selben Autor verfasst worden sind, ist heute umstritten. Vgl. dazu ferner Silverberg, S.35, und Kaltenbrunner, S. 47f. Das Wort „presbyteros“ wurde in christlichen Kreisen vor allem für Kirchenälteste verwendet. Ausführlich über die Herkunft und den Gebrauch des Titels Kaltenbrunner, S. 41-65. 27 Obige Ausführungen beruhen im Wesentlichen auf Knefelkamp, S. 49.
10 Johannes als Unsterblicher unerkannt umherwandern und eines Tages zurückkehren würde, hielt sich bei den Christen hartnäckig.28 Johannes war auch der Verfasser der Apokalypse, in welcher das Jüngste Gericht gegen die Feinde Gottes verkündet wird. Die mittelalterliche Christenheit lebte in Erwartung dieser Endzeit, welche durch Vorzeichen wie Seuchen, Missernten oder dem Einbruch fremder Völker angekündigt würde. „Eng mit diesen bedrohlichen Erscheinungen sind die Hoffnungen auf einen Friedenskaiser und die Wiederkehr des Messias verbunden, der dann die paradiesischen Zustände des Himmlischen Jerusalems auf ewig herstellt“, schreibt Knefelkamp über die Offenbarung.29 Es ist vorstellbar, dass sich bei den Ostchristen in der Zeit, als der Islam bedrohlich erstarkte, die apokryphe Johannes-Erzählung in eine Sage eines apokalyptischen Erlöserkönigs verwandelte. Als dann Kunde von einem unbekannten Fürsten oder König kam, der im entfernten Orient den gottesfeindlichen Moslems eine schwere Niederlage beigebracht hatte, war der Mythos geboren: „Der Presbyter Johannes ist gekommen, um das Christentum von der ketzerischen Bedrohung zu befreien.“30 So fasst Knefelkamp zusammen: „Der Presbyter Johannes war eine fiktive Gestalt, die auf den Vorstellungen und Prophezeiungen des Christentums beruhte, eine Art Erlöserfigur, die auch in anderen Kulturen vorzufinden ist. Eine Identifizierung mit lebenden Personen war die Folge dieser Erwartungen.“31
3. Der Reisebericht von Francisco Alvares
3.1. Die Vorgeschichte
Das Ziel der Portugiesen in Indien war es, das Gewürzmonopol der Moslems nicht bloss zu brechen, sondern komplett an sich zu reissen. Dies konnte nur funktionieren, wenn es Alfonso de Albuquerque, dem portugiesischen Vizekönig Indiens, gelingen würde, das ganze Rote Meer in seine Gewalt zu bringen und so den arabischen Schiffen den Weg ins Mittelmeer abzuschneiden. Doch ohne die Unterstützung eines mächtigen Verbündeten schien dieses Unterfangen aussichtslos. Die Rufe nach dem sagenumwobenen
28
Das Markus- und das Johannes-Evangelium verneinen beide, dass Jesus dem Apostel Johannes die Unsterblichkeit verliehen hat. Silverberg vermutet, dass vor allem die Verse 21,20 bis 21,23 des Johannes-Evangeliums nachträglich im ersten oder zweiten Jahrhundert der Bibel hinzugefügt wurden, um das Gerücht der Immortalität des Apostels auszumerzen. Näheres bei Silverberg, S. 37f. 29 Knefelkamp, S. 36. 30 Nach a.a.O., S. 36, 49 und 136. 31 a.a.O., S. 136.
11 Priesterkönig wurden wieder laut. Vereint mit dem äthiopischen Heer wäre es, so schwebte dem Vizekönig vor, für Portugal ein Kinderspiel, die moslemischen Staaten an der östlichen Afrikaküste in die Knie zu zwingen. Zur Kontaktaufnahme sandte man mehrere Boten ins Landesinnere zum äthiopischen König – doch von keinem hörte man je wieder.32 Einer der Boten musste nichtsdestotrotz reüssiert haben, denn vier Jahre nachdem die letzte Gesandtschaft zum äthiopischen Negus aufgebrochen war, erschien am Königshof in Lissabon ein gewisser Matthäus, seines Zeichens Botschafter des Priesterkönigs. Er überbrachte ein Schreiben, in welchem die Äthiopier Interesse an einer Allianz mit Portugal und an einem heiligen Krieg gegen die Ungläubigen signalisierten. „Wir werden euch Berge von Esswaren und Männer wie Sand am Meer zur Verfügung stellen“, lautete die erfreuliche Nachricht der Königin Helena von Äthiopien aus dem Jahre 1514.33 Umgehend schickte König Emanuel I. Matthäus zusammen mit einer portugiesischen Gesandtschaft retour nach Äthiopien. Doch politische Turbulenzen in den portugiesischen Indienniederlassungen verzögerten die geplante Expedition um ein halbes Jahrzehnt. Erst 1520 konnte die 15-köpfige Gesandtschaft, darunter auch der Kaplan Francisco Alvares, an der ostafrikanischen Küste abgesetzt werden und die Entdeckungsreise nach Äthiopien in Angriff nehmen.34
3.2. Die Reise zum Negus Nagast 35
Am 30. April 1520 machte sich die Gesandtschaft auf den Weg landeinwärts, bepackt mit etlichen kleinen Geschenken für den Priesterkönig. Matthäus führte die Portugiesen fernab der Handelsroute durch unwegsames Dickicht zum Kloster Bisam, wo Fieber die ganze Mannschaft befiel und den Botschafter des Priesterkönigs dahinraffte. Nach dem Begräbnis von Matthäus ging der Marsch weiter, und Äthiopien zeigte sich den Reisenden in seiner ganzen landschaftlichen Vielfältigkeit. Die Portugiesen durchquerten mal Einöden, mal Sumpfgebiete, dann wieder Wüsten und Dschungel. Auch
32 33
Nach Silverberg, S. 208ff. Als sein Vater starb, war Lebna Dengel zu jung, um den äthiopischen Thron zu besteigen. Seine Stiefgrossmutter Helena übernahm daher interimistisch eine Vormundschaftsregierung. Ausführliche Auszüge aus dem Brief Helenas an den portugiesischen König a.a.O., S. 211f. 34 Selbstverständlich wurden die 15 Gesandten noch von etlichen Sklaven begleitet, über deren Anzahl Alvares jedoch keine Angaben macht. 35 „Negus Nagast“ nannten die Äthiopier ihren Herrscher, „König der Könige“. Der Titel „Priesterkönig Johannes“ war ihnen absolut fremd und fand in Äthiopien selber nie Verwendung. Als man die äthiopische Delegation 1441 beim Konzil von Florenz direkt auf den Titel ansprach, zeigten sich die Afrikaner verblüfft und antworteten, dass „Presbyter Johannes“ nie ein Titel ihres Königs gewesen sei. Dies hielt die Europäer jedoch nicht davon ab, den König von Äthiopien auch weiterhin als Priesterkönig Johannes zu bezeichnen. Vgl. dazu a.a.O., S. 189.
12 Gefahren und Beschwernisse barg die wilde Reiseroute nicht zu knapp: So konnten die Europäer in der Nähe von Doba nur mit Glück einer riesigen Flutwelle entkommen, die durch starke Regenfälle ausgelöst worden war. Und mehr als einmal sahen sich die Iberer gezwungen, vor aufgebrachten Dorfbewohnern zu flüchten, welche die Reisenden mit Steinwürfen in ihrem Land „willkommen hiessen“. Die Gesandtschaft war bereits ein halbes Jahr unterwegs, als sie am 10. Oktober endlich auf die „Zeltstadt“ des Negus traf. Dieser pflegte nicht an einem festen Königssitz zu residieren, sondern zog während des ganzen Jahres mitsamt seinem Hof von mehreren tausenden Personen von Provinz zu Provinz. Rodrigo de Lima, der Leiter der portugiesischen Gesandtschaft, und seine Männer verbrachten drei Wochen am Hof, bis ihnen eine erste Audienz mit dem Priesterkönig gewährt wurde. De Lima übergab die Geschenke, brachte die Begehren seines Königs vor und bot dem Negus die Freundschaft Portugals an. Vorerst ging dieser nicht auf die Anliegen der Gesandtschaft ein, und de Lima wurde noch viele weitere Male ins königliche Zelt gerufen, um den unzähligen Fragen des Negus Red und Antwort zu stehen oder den Äthiopiern die europäische Kampfkunst zu demonstrieren. Noch öfters bestellte man Francisco Alvares ins Herrscherzelt, denn Lebna Dengel, so der Name des jungen Königs, vertiefte sich gerne in religiöse Angelegenheiten und interessierte sich brennend für die Eigenheiten des katholischen Glaubens. Es verstrichen weitere Wochen. Erst allmählich legte der Priesterkönig sein anfängliches Misstrauen ab und ging schliesslich mit offenen Armen auf die Portugiesen zu. Ein Bündnis zwischen den beiden christlichen Nationen, liess er die entzückte Gesandtschaft wissen, sei auch sein Wunsch. Er werde Verpflegung, Gold und Männer zur Verfügung stellen und alles unternehmen, um die portugiesischen Prinzen in ihrem Kampf gegen die Ungläubigen zu unterstützen, zitiert Alvares den König Lebna Dengel.36 Es dauerte jedoch mehr als drei Monate, bis die Mönche des Priesterkönigs ein Antwortschreiben für König Emanuel I. verfasst hatten.37 Im Frühling 1521 erhielten die Portugiesen dann endlich die Erlaubnis, Lebna Dengels Hof zu verlassen.38 Man bedachte sie mit vielen kleinen Präsenten, und am 12. Februar machten sich die Franken, wie die Äthiopier alle weissen Europäer nannten, auf Richtung Küste.
36 37
Alvares, Bd. 1, S. 306. Alvares erklärt, dass in Äthiopien alle Verträge, Abmachungen und Urteile mündlich gemacht wurden. Einen diplomatischen Brief zu schreiben, stellte den äthiopischen Hof daher vor grosse Schwierigkeiten. Siehe dazu ders., Bd. 2, S. 376f. 38 Der Negus pflegte, alle Besucher des Königreichs für Lebzeiten an seinem Hof zu behalten. So ist es nicht erstaunlich, dass keiner der früheren Boten nach Europa zurückgekehrt war und Alvares Italiener, Portugiesen und Spanier am Hof Lebna Dengels traf. Siehe ders., Bd.1 S. 276.
13 Doch auf dem Rückweg kam es zwischen de Lima und seinem Stellvertreter zu einem derartig heftigen Streit, dass äthiopische Soldaten die ganze portugiesische Gesandtschaft verhafteten und zum Hof des Priesterkönigs zurückbrachten. Die portugiesische Flotte, welche die Gesandtschaft abholen sollte, war in der Zwischenzeit weitergesegelt, denn jeweils im April begannen die Winde zu drehen und verunmöglichten so eine Ausfahrt ins Rote Meer. De Lima und seine Männer mussten also bis zum nächsten Frühling warten, doch es tauchte kein Schiff vor der äthiopischen Küste auf. Ein Jahr später verpassten die Portugiesen ihr Schiff erneut und erhielten darüber hinaus die traurige Kunde aus ihrem Heimatland, dass König Emanuel I. gestorben sei. Auch die folgenden zwei Jahre gab es kein Zeichen von der Flotte, und die Portugiesen zogen zurück an den Hof und begleiteten den König weiterhin auf seinen Reisen durch die Provinzen. In dieser Zeit liess Lebna Dengel weitere Briefe an den neuen König von Portugal, Johann III., und an den Papst in Rom aufsetzen. 1526 nahm die sechsjährige Odyssee der iberischen Gesandtschaft dann ein Ende. Am 28. April liefen fünf portugiesische Schiffe aus dem Hafen Massawa an der afrikanischen Ostküste aus. Mit an Bord waren die portugiesische Gesandtschaft und der äthiopische Mönch Saga za Ab, der frisch ernannte Botschafter von Lebna Dengel. Nach einem Zwischenstopp in Indien segelte die Flotte weiter mit Ziel Europa, und Alvares traf Ende Juli 1527 in seiner Heimat ein; insgesamt war der Priester zwölf Jahre fort. Nach einer Reise zu Papst Klemens VII., dem er 1532 persönlich den Brief des Priesterkönigs aushändigte, verlieren sich seine Spuren grösstenteils.39 Seine Erlebnisse und Aufzeichnungen schrieb er in fünf Büchern nieder, von denen 1540 in Lissabon eine Kurzfassung unter dem Namen „Verdadera Informaçam das Terras de Preste Joam das Indias“ (Wahrhaftiger Bericht von den Ländereien des Priesterkönig Johannes von Indien) veröffentlicht wurde. Der vollständige Text blieb ungedruckt und ist verschollen.40
3.3. Über den Text von Alvares
Hätte Francisco Alvares bei der Darstellung der Bevölkerung und der Ethnien Äthiopiens dieselbe Akribie und Redefreudigkeit aufgewendet, mit welchen er die Kirchen, Klöster und religiösen Brauchtümer beschrieb, könnten wir hinsichtlich dem Ziel dieser Arbeit aus dem Vollen schöpfen. Auch ethnologische Ausführungen sind nicht zu
39 40
Vgl. dazu die Einleitung zu Alvares, Bd. 1, S. 7. Nach Baum, S. 292.
14 knapp gesät – Alvares äussert sich hier und dort, oft sehr detailliert, über die Gewohnheiten und Gepflogenheiten der Äthiopier. Personenbeschreibungen oder Verweise auf die Hautfarbe greift er jedoch nur selten auf, und wenn, dann bloss marginal. Während er über die Architektur und Verzierungen einer kleinen, lokalen Kapelle mehrere Seiten füllen kann, scheint ihm für die Abhandlung des äusseren Erscheinungsbildes einer Person ein kurzer Nebensatz oft genügend. Drei Erklärungsmöglichkeiten lassen sich hierfür aufführen: In einem christlichen Land, das sich seit über einem Jahrtausend mehr oder minder losgelöst vom römischen Pontifikat entwickeln konnte, mussten sich ihm als Vertreter der katholischen Kirche im religiösen Alltag Besonderheiten und Eigentümlichkeiten offenbaren, denen er sich als westlicher Priester nicht entziehen konnte. Es ist nicht verwunderlich, dass er diesen sakralen Fragen, vor allem jenen theologischer Divergenzen, ausgiebig Platz einräumte. Als zweite Erklärung kann ins Feld geführt werden, dass einem viel bereisten Menschen des 16. Jahrhunderts, wie es Francisco Alvares ohne Zweifel war, die mehrheitlich hellbraune Hautfarbe der äthiopischen Bevölkerung weder sonderlich exotisch noch fremd erscheinen mochte. Seit Mitte des 15. Jahrhunderts blühte in Portugal der Sklavenhandel mit Menschen von den Azoren und aus Westafrika; Sklaven mit sehr dunkler Hautfarbe waren auf den Märkten und für das „weisse“ Europa keine Seltenheit mehr. Die äussere Erscheinung der Äthiopier, welche jener der seit Jahrhunderten bekämpften Mauren nicht unähnlich war, war für den Priester kein ungewohntes Bild.41 Ausschweifende Personenbeschreibungen schienen ihm daher wohl überflüssig. Der dritte Erklärungsversuch gründet auf der von der Wissenschaft gestützten Vorstellung, dass die Druckversion von Alvares Reisebericht bloss eine gekürzte Fassung des ursprünglich viel umfangreicheren Textes darstellt.42 Alvares soll ursprünglich ein fünfteiliges Werk mit dem Titel „Die Abessinischen Äthiopier“ verfasst haben.43 Dies bestätigen eigene Aussagen von Alvares im vorliegenden Reisebericht wie auch ein anonymer Autor einer mittelalterlichen Chronik über Äthiopien.44 Der erste Teil dieses Urwerks beschrieb das Land, seine Grenzen und die Ursprünge des Nils. Im Zweiten berichtete Alvares über die Landwirtschaft, die Fruchtbarkeit der Böden und die verschiedenen Früchte, während der dritte Teil sich mit der Fauna, vor allem mit den Elefanten, befasste. Das vierte Buch handelte vom Charakter und den Bräuchen der Äthiopier, von ihrer Literatur und ihren Wissenschaften sowie vom König
41 42
Mauren als Sammelbegriff für alle moslemischen Völker. Vgl. oben 3.2. letzter Abschnitt. 43 Der Titel des Originalwerkes ist ein Pleonasmus: Abessinien ist der arabische Namen für Äthiopien. 44 Ausführlich dazu die Einleitung zu Alvares, Bd. 1, S. 5-13.
15 und der Zivilverwaltung. Der letzte Teil widmete sich den religiösen Angelegenheiten, den Kirchen und dem Leben der Mönche. Angenommen, was uns überliefert wurde, ist ein Hybrid aus dem vierten und fünften Teil, so darf vermutet werden, dass der Drucker Luis Rodrigues vor allem viele Passagen des vierten Abschnitts wegliess oder nicht zur Verfügung hatte. Denn die Endfassung des Buches legt das Hauptgewicht auf die eigentliche Reise und die religiösen Fragen, welche im ursprünglichen Teil Fünf zu finden wären. Als Hypothese folgt, dass uns viele Kapitel, in denen Alvares ausführlicher von den Menschen, ihrem Aussehen und ihren Sitten berichtete, leider verborgen blieben.45
3.4. Die Darstellung des Königs und seiner Landsleute
3.4.1. Schwarze Haut
Der vorliegende Reisebericht beinhaltet trotzdem Passagen, in denen Alvares über Hautfarben spricht – manchmal offen, häufiger aber zwischen den Zeilen. Nur einmal äussert sich Alvares gar über fremdartige Fabelwesen, wie wir sehen werden. Das erste Mal spricht Alvares das Thema Hautfarbe an, als kurz nach Reisebeginn ein Äthiopier namens Frey Mazqual bei Arqiqo zur Gesandtschaft stösst. Der Priester beschreibt ihn mit folgenden Worten: „In spite of his blackness he was a gentleman.“46 Die Assoziation dunkler Hautfarbe mit negativen Eigenschaften lässt sich nicht von der Hand weisen; ein unterschwelliger Rassismus scheint gar mitzuschwingen. So wie sich Alvares ausdrückt, war man es von Dunkelhäutigen nicht gewohnt, dass sie sich wie noble Herren aufführten. Vornehmlich kannte Alvares diese Menschen als Sklaven, wie gleich erläutert wird. Just in dem Moment, als besagter Frey Mazqual sich wieder von der Gesandtschaft verabschiedet, verliert Alvares zum ersten Mal Worte über die Sklaven, welche die Portugiesen begleiten. Der Priester spricht von „negroes“, womit er sie als Dunkelhäutige, aber weiter nicht genauer, identifiziert.47 Es darf davon ausgegangen werden, dass der Grossteil der portugiesischen Sklaven aus Schwarzafrikanern bestand, von denen man, wie das Beispiel Frey Mazqual zeigt, nicht erwartete, dass sie mit den westlichen Umgangsformen vertraut waren.
45 46
Vgl. Alvares, Bd. 1, S. 1-21. a.a.O., S. 65. 47 a.a.O., S. 71.
16 Im Kapitel 63 von Alvares Reisebericht stossen wir auf eine weitere Verknüpfung von schwarzer Haut mit negativen Charakterzügen. In diesem Fall jedoch beschreiben Einheimische aus dem Gebiet zwischen Amara und Angote ein Volk, welches einen Monatsmarsch von ihnen entfernt lebt. Diese seien „very vile people, very black and very bad“.48 Alvares lässt die Aussage unkommentiert, wie meistens, wenn er Nachrichten wiedergibt, die ihm zugetragen worden sind. Nicht durch Hörensagen, sondern mit eigenen Augen will Alvares aber graue Menschen gesehen haben. Dieser ungewohnte Anblick schien sogar dem sonst verlässlichen Priester eine Erwähnung wert zu sein. So schreibt er, als die Gesandtschaft gerade Richtung Küste aufbrechen wollte: „There came with us and in our company Pero de Covilham, with his black wife and some of his sons who were grey.“49 Was Alvares dazu veranlasste, die Mischlingskinder von Covilhã als grau zu bezeichnen, ist nicht klar. Die Ethnologie kennt aber Beispiele aus Afrika, wo sich Menschen zu rituellen Zwecken mit Schlamm oder Lehm einschmieren, der durchaus von grauer Farbe sein kann. Ob dies auch bei Kindern im 16. Jahrhundert praktiziert wurde, vielleicht als Sonnenschutz auf Reisen, müsste näher untersucht werden.
3.4.2. Der Priesterkönig
Folgende Worte schrieb Francisco Alvares über den Priesterkönig: „In age, complexion, and stature, he is a young man, not very black. His complexion might be chestnut or bay, not very dark in colour; he is very much a man of breeding, of middling stature; they said that he was twentythree years of age, and he looks like that, his face is round, the eyes large, the nose high in the middle, and his beard is beginning to grow.“50 Lebna Dengel ist die erste und einzige Person, die von Alvares genauer, aber auch in diesem Fall sehr spärlich, beschrieben wird. Für den Pfarrer war es natürlich ein Muss, eine bildhafte Beschreibung des Priesterkönigs anzufertigen; schliesslich sollte seine die erste und einzige glaubhafte Personenbeschreibung des mythenumwobenen Priesterkönigs bleiben. Das Signalement ist sehr objektiv, wobei Alvares vor allem betont, dass der Negus eher einen helleren als dunkleren Teint hat. Zwischen den Zeilen schwingt hier mit, was im ganzen Bericht von Alvares durchsickert: „Viel zu beschreiben gibt es gar nicht, denn diese Äthiopier sind uns nicht fremd, sondern fast schon ähnlich“, scheint Alvares durch
48 49
Alvares, Bd. 1, S. 252. Ders., Bd. 2, S. 381. 50 Ders., Bd.1 S. 304.
17 das offensichtliche Weglassen von weiteren Personenbeschreibungen mitteilen zu wollen. Äusserlich teilten die Äthiopier viele Gemeinsamkeiten mit den Mauren, die den Iberern schon seit 700 Jahren wohlbekannt waren. Dieser Menschenschlag kommt dem priesterlichen Botschafter derart vertraut vor, dass er es gar nicht für nötig zu befinden scheint, näher auf ihn einzugehen.51
3.4.3. Nackte Haut
Ebenfalls als „sehr schwarz“ bezeichnet Alvares die Äthiopier, die ihnen auf dem Weg ins Kloster Bisam begegnen, jedoch wird der Begriff hier nicht in einem wertenden Sinn gebraucht. Ein Dorn im Auge ist dem Priester aber die fehlende Kleidung dieser Äthiopier. Etliche Male erwähnt er in seinem Bericht, dass er von den Einwohnern meist mehr zu sehen bekommt, als ihm lieb ist: „The people that we found here are almost naked, so that all they had showed, and they were very black. These people said they were Christians, and the women wore a little more covering, but it was very little.“52 Ebenso anstössig schien ihm der Stamm der Tigrimahom: „The men wear girt round them small skirts, some of cloth, some of leather […] when they are walking it seems that they spread them out so that they cover their nakedness, but if they stoop or sit down, or if there is wind, it shows. The married women wear very little covering, and the single women, who have neither husbands nor lovers, have less shame. The beads which other women wear round their necks these wear round their bodies, and a large quantity of bells over their private parts.“53 In der Nähe von Maluche traf Alvares ebenfalls auf leicht bekleidete Frauen. Den legeren Umgang mit Nacktheit schien Alvares zu missbilligen, wie der polemische Unterton seiner Aussage festhält: „The girls go from bad to worse; there are women of twenty or twenty-five years old, who have the breasts coming to their waist, which they consider a beauty, and their body is bare and gaily covered with little beads. [...] In Portugal and Spain people marry for love, and because they see beautiful faces, and the things inside are hidden from them; in this country they can well marry as they see everything for certain. Since this is the custom of the country the men think no more of it than if they saw their bare hands or feet.
51
Wie unten in 3.4.4. erwähnt, müssen solche Pauschalisierungen mit Sorgfalt angefügt werden. Das heterogene äthiopische Volk lässt sich nicht auf einen Menschenschlag oder eine Rasse festlegen. Dass sich die Äthiopier, oder zumindest eine ihrer vielen Ethnien, anders sahen als die Europäer, beweist folgende Passage aus Kapitel 130: „And because the people of Jerusalem are white people, when we arrived in this country, they called us Christians of Jerusalem.“ Alvares, Bd. 2, S. 452. 52 Ders., Bd. 1, S. 69. 53 a.a.O., S. 143f.
18 This applies to the common people for the gentlewomen go about covered.”54 Die vorangegangenen Aussagen dürfen noch der Prüderie, wie wir sie von einem westlichen Pfarrer aus dem Mittelalter erwarten, zugeschrieben werden. Als Alvares aber Zeuge wird, wie der Abuna Marco halbnackte Äthiopier zu Priestern weiht, sieht er sich gezwungen, heftig Kritik an der „gotteslästernden“ Praxis zu üben55: „I answered [dem Abuna auf die Frage, was er von der Zeremonie hielt] that it seemed to me very indecent and a very shameful thing for priests who were ordained for the mass […] to come almost naked and showing their private parts.“56
3.4.4. Die Äthiopier
In Äthiopien lebten und leben viele verschiedene Ethnien. Für Francisco Alvares war es unmöglich, die ganze Bevölkerung auf eine Hautfarbe oder auf bestimmte stereotype Körpermerkmale zu reduzieren. Vielleicht waren diese frappanten Unterschiede der einzelnen Stämme mit ausschlaggebend, dass Francisco Alvares bei der Beschreibung der Eigenheiten eines Landesteiles so gut wie nie auf die besonderen Kennzeichen der betreffenden Landbevölkerung einging. Einzelne Eigenarten der gesamten äthiopischen Bevölkerung spricht Alvares aber an wenigen Stellen an. Mehr als einmal führt der Priester aus, dass es den Äthiopiern an den nötigen Fähigkeiten mangelt, um die natürlichen Ressourcen ihrer fruchtbaren Umgebung optimal nutzen zu können. So schreibt er über die Mönche des St. Michael Klosters: „In the narrow valleys which belong to this monastery there are orange trees, lemon trees, citron trees, […] myrtle, and other sweet-smelling and medicinal herbs, all badly utilized because they are not good working men.“57 Ähnliches notiert Alvares über die Jagdfähigkeiten der Äthiopier: „How is it that there is so much game on the land and fish in the river, when the country is so populous? I say that nobody hunts or fishes, nor have they the wit nor a way, nor the will to do it; on this account the game is very easy to kill, because it is not pursued by the people.“58 Die Meinungen, die Alvares über das äthiopische Volk preisgibt, sollten nicht als gering achtende oder gar rassistische Äusserungen verstanden werden. Es handelt sich hierbei
54 55
Alvares, Bd. 1, S. 171. Der Abuna war der Patriarch der äthiopischen Kirche. Er wurde vom Patriarchen der koptischen Kirche in Kairo eingesetzt. 56 Ders., Bd. 2, S. 352. 57 Ders., Bd. 1, S. 75. 58 Ders., Bd. 1, S. 113.
19 eher um die Art des Priesters, dem Leser zu verstehen zu geben, dass es sich bei Äthiopien um ein mittelalterliches Drittweltland handelt, welches zivilisatorisch auf einem tieferen Stand war als die europäische Heimat der Gesandten.59
3.4.5. Meermänner und Amazonen
Die Wissenschaft rühmt Alvares für seine ehrliche, direkte Berichterstattung. Bis auf wenige Ausnahmen hat er nur das in seinen Bericht aufgenommen, was er mit eigenen Augen gesehen hat. Antike Fabelwesen, wie wir sie aus den Werken der sogenannten „armchair travellers“ kennen, sucht man in Alvares Bericht vergeblich.60 Bis auf eine kleine Ausnahme: Als Alvares vom Königtum Goyame erzählt, baut er eine dubiose Geschichte ein, die ihm von den ansässigen Leuten erzählt wurde: „They say that in this Kingdom the River Nile rises or breaks out, which in this country they call Gion; and they say that there are in it big lakes like seas, and that there are in them mermen and mermaids, and some report this as something they have seen.“61 Einige Zeilen weiter unten relativiert Alvares: „I neither believe nor maintain it; I say what I heard generally said.“62 Diese Geschichte ist untypisch für Alvares; er ist eher dafür bekannt, Vorstellungen antiker Wundergestalten wegzulassen oder dann zu korrigieren, wie er es bei den Amazonen tat. Bei ihm sind die Amazonen nicht mehr die babytötenden und männerhassenden Weibsgestalten, sondern werden als Vertreterinnen einer matriarchalischen Gesellschaft beschrieben, an deren Spitze eine unverheiratete Königin steht. Die Amazonen ziehen gern in den Krieg, gelten als stark und sind als gute Bogenschützinnen bekannt.63 Gemeinsam mit ihren Männern leben sie irgendwo im Süden des Reichs des Priesterkönigs. Auch diese Informationen gab Alvares jedoch nur so wieder, wie er sie vernommen hat.64
59
Auf ähnlich gelagerte Probleme stiess Christovão da Gamas Expedition nach Äthiopien in den 1540er Jahren. Portugiesische Truppen wollten den Priesterkönig im Kampf gegen moslemische Truppen unterstützen und mussten feststellen, dass es um die militärischen Ausrüstungen und Fertigkeiten der Äthiopier alles andere als gut bestellt war. Ausführlich zu dieser Expedition Silverberg, S. 284-314. 60 „Armchair traveller“ als Begriff für jemanden, der bloss mit dem Finger auf der Landkarte reist. Populärstes Beispiel ist der unbekannte Autor der „Reisen von Sir John Mandeville“, dem Bestseller der mittelalterlichen, fantastischen Reiseliteratur. 61 Alvares, Bd. 2, S. 458f. Pero de Covilhã scheint hinter der Geschichte der Meermänner zu stecken. Auch einem anderen Autor, Correa, erzählte er von einem Meermann, der an den Hof des Priesterkönigs kam, nicht sprechen konnte, Gras ass und Haut wie rauhes Leder hatte. 62 a.a.O., S. 459. 63 Anderen Autoren folgend erzählt auch Alvares von den Amazonen, dass diese sich ihre linke Brust austrocknen, damit sie nicht beim Bogenschiessen stört. Siehe dazu a.a.O., S. 457. 64 a.a.O., S. 456f.
20
4. Schlusswort
Als sich Francisco Alvares 1520 in Afrika auf die Suche nach dem Herrscher von Äthiopien machte, befand sich der Priesterkönig Johannes bereits in seinem letzten Refugium; sein Ende war nah. Nachdem sich herausstellte, dass Äthiopien weder militärische Hilfe gegen den Islam noch die erhofften Edelmetalle zu bieten hatte, wurde der Mythos nach über 400 Jahren letztendlich zu Grabe getragen. Europa gab seine Suche nach dem allmächtigen Herrscher aus einem weit entfernten Land endgültig auf – ohne Erfolg. Der Untergang des Mythos kam nicht überraschend. Auf der Schwelle vom 16. ins 17. Jahrhundert hatte Europa die Welt nahezu vollständig entdeckt: Es blieb gar kein Erdteil übrig, in dem sich der Presbyter noch erfolgreich hätte verstecken können. Analog verschwand die Vorstellung des farbigen, exotischen Kaisers. Die Europäer hatten in der Zwischenzeit die (Ehr-)Furcht vor den „Anderen“ abgelegt: Die neu entdeckten, dunkelhäutigen Völker waren in den Augen Europas unterentwickelt und leicht zu unterwerfen. Durfte der Priesterkönig in der Blütezeit seines Mythos trotz seiner dunklen Hautfarbe noch die Assoziation mit idealen, ritterlichen Tugenden geniessen, wurde die schwarze Hautfarbe dieser Völker jetzt zum Synonym des Primitiven und Bösen.65 Auch im Reisebericht von Francisco Alvares schimmert diese radikale Änderung im abendländischen Denkmuster hie und da durch. Zur Zeit seiner Ankunft in Äthiopien verkauften seine Landsleute bereits seit knapp 80 Jahren Sklaven aus Westafrika nach ganz Europa; die Portugiesen hielten es kaum für möglich, dass man am Roten Meer auf Menschen mit noch dunklerer Haut treffen würde. Die Hautfarbe der Äthiopier dürfte dem Priester aus Coimbra also weder extrem noch neuartig vorgekommen sein. In den wenigen Stellen, die er diesem Thema widmet, haftet der dunklen Hautfarbe jedoch ein negativer Unterton an. Dies illustriert vor allem das Beispiel von Frey Mazqual. Auch wenn er ihn als Ehrenmann bezeichnet, legt die Stelle offen, wie auch in Alvares’ Auffassung schwarze Menschen bereits mit negativen oder bösen Eigenschaften in Zusammenhang gebracht wurden.66 Auch das Bild der primitiven Schwarzen wird durch seinen Reisebericht, wenn auch vermutlich unfreiwillig, bekräftigt. So hinterlässt er beim Leser den Eindruck eines unterentwickelten, schlichten Äthiopiens. Ob er dies bewusst so darstellte oder bloss seine
65
Zur neuzeitlichen Verknüpfung schwarzer Hautfarbe mit dem Bösen siehe Benjamin Braude, The Sons of Noah and the Construction of Ethnic and Geographical Identities in the Medieval and Early Modern Periods, in: William and Mary Quarterly, LIV Januar 1997, S. 103-142. 66 Ausführlicher dazu oben 3.4.1.
21 vielleicht vorhandenen Vorurteile bestätigen wollte, kann nicht beantwortet werden. Sicher ist jedoch, dass seine ethnographischen Ausführungen von Europäern durchaus als Ansporn zur Missionierung oder Kolonialisierung der „rückständigen“ Afrikaner hätten missdeutet werden können.67 Es ist bezeichnend, dass Alvares den antiken und mittelalterlichen Fabelwesen, welche in allen denkbaren Formen und Variationen die Reiseliteratur bis weit in die Neuzeit bevölkerten, keinen Platz eingeräumt hatte. Sein Schreibstil ist nüchtern und detailliert, nur selten neigt er zu Übertreibungen oder macht offensichtliche Fehler.68 Das „Andere“, welches bei den antiken und frühmittelalterlichen Lesern noch Angstvorstellungen und Sehnsüchte zugleich ausgelöst hatte, hatte in der Welt von Alvares seinen Reiz verloren. In gleicher Weise büsste auch der Presbyter Johannes seine Anziehungskraft ein. Die Portugiesen des 16. Jahrhunderts suchten ihn nie wegen seiner Andersartigkeit oder seines exotischen Reiches, sondern hatten stets den christlichen Verbündeten vor Augen, der sie im Kampf gegen die Moslems unterstützt und ihnen hilft, die Tür in den lukrativen orientalischen Markt aufzustossen. Ihr Ziel erreichten die Portugiesen ohne die Truppen des Priesterkönigs, und wie es die Ironie des Schicksals wollte, waren es am Ende die Portugiesen, die dem „allmächtigen“ Priesterkönig in einer lokalen Auseinandersetzung mit den Moslems zu Hilfe eilen mussten.69 Die Legende des Priesterkönigs war tot. Geboren wurde er in der Mitte des 12. Jahrhunderts, der Mythos eines mächtigen, christlichen Königs aus der Ferne. Die kollektiven Sehnsüchte der Christenheit auf einen Erretterkönig, der geistliche und weltliche Macht auf ideale Weise in sich vereinigt, erweckten den Priesterkönig zum Leben. Bot ein Erdteil keinen Platz mehr für ihn, so zog der Priesterkönig dank seiner Anpassungsfähigkeit einfach von einem Kontinent in den nächsten, die begierigen Blicke der Christenheit immer fest auf ihn gerichtet. Das mittelalterliche Europa wollte ihn finden – und so zogen sie in Scharen aus in die Mongolei, nach Indien, nach China und schliesslich nach Afrika. Ganz unbewusst, wie ein Magnet, lockte der Priesterkönig die Christen hinaus ins Unbekannte. Desto weiter sie kamen, umso entfernter schien der Presbyter. Doch der Weg war nie zu weit.
67 68
Ausführlicher dazu oben 3.4.3. So schreibt Alvares mehrmals von Tigern, welche die Gesandtschaft verfolgt hätten. Diese Raubkatzen gab es in Äthiopien jedoch nicht. Die Wissenschaft vermutet, dass Alvares Hyänen für Tiger hielt. Vgl. dazu ausführlich Alvares, Bd. 1, S. 67, Fussnote 1. 69 Ausführlich dazu Silverberg, S. 284-314.
22 So war der Priesterkönig Johannes vom 12. bis ins 16. Jahrhundert ein Bestandteil des mittelalterlichen Denkens. Zusammen mit den Europäern vollzog Johannes den Gang in die Neuzeit. Er selber musste mit dem letzten Schritt in die Moderne über Bord springen, hinterliess dabei aber ein neues Europa, welches – unter anderem auch durch ihn – gezwungen worden war, über die alten Grenzen hinauszuschauen, das „Andere“ zu entdecken und seinen Platz in einer veränderten, grösseren Welt neu zu bestimmen.
23
5. Literaturliste
5.1. Quellen
Alvares, Francisco: A True Relation of the Lands of the Prester John. In: Beckingham, Charles F., und G.W.B. Huntingford (Hrsg.): The Prester John of the Indies. Ins Englische übersetzt von Lord Stanley of Alderley (1881). 2 Bände. Cambridge 1961.
5.2. Darstellungen
Baum, Wilhelm: Die Verwandlungen des Mythos vom Reich des Priesterkönigs Johannes. Rom, Byzanz und die Christen des Orients im Mittelalter. Klagenfurt 1999. Beckingham, Charles F.: The Quest for Prester John. In: Beckingham, Charles F., und Bernard Hamilton (Hrsg.): Prester John, the Mongols and the Ten Lost Tribes. Aldershot 1996, S. 271-290. Hamilton, Bernard: Continental Drift. Prester John’s Progress through the Indies. In: Beckingham, Charles F., und Bernard Hamilton (Hrsg.): Prester John, the Mongols and the Ten Lost Tribes. Aldershot 1996, S. 237-270. Kaltenbrunner, Gerd-Klaus: Johannes ist sein Name. Priesterkönig, Gralshüter, Traumgestalt. Zug 1993. Knefelkamp, Ulrich: Die Suche nach dem Reich des Priesterkönigs Johannes. Dargestellt anhand von Reiseberichten und anderen ethnographischen Quellen des 12. und 17. Jahrhunderts. Diss. Freiburg i. Br. 1985. Silverberg, Robert: The Realm of Prester John. Athens 1972. Wagner, Bettina: Die „Epistola presbiteri Johannis“ lateinisch und deutsch. Überlieferung, Textgeschichte, Rezeption und Übertragungen im Mittelalter. Tübingen 2000. Zarncke, Friedrich: Der Brief des Priesters Johannes an den byzantinischen Kaiser Emanuel. In: Beckingham, Charles F., und Bernard Hamilton (Hrsg.): Prester John, the Mongols and the Ten Lost Tribes. Aldershot 1996, S. 39-102.
24
5.3. Periodika
Bartlett, Robert: Medieval and Modern Concepts of Race and Ethnicity. In: Journal of Medieval and Early Modern Studies, Nr. 31:1 2001, S. 39-56. Braude, Benjamin: The Sons of Noah and the Construction of Ethnic and Geographical Identities in the Medieval and Early Modern Periods. In: William and Mary Quarterly, LIV Januar 1997, S. 103-142. De Rachewiltz, Igor: Prester John and Europe’s Discovery of East Asia. In: East Asian History, Nr. 11 1996, S. 59-74. Groebner, Valentin: Haben Hautfarben eine Geschichte? Personenbeschreibungen und ihre Kategorien zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert. In: Zeitschrift für historische Forschung, Nr. 30 2003, S. 1-18. Jordan, William Chester: Why „Race“? In: Journal of Medieval and Early Modern Studies, Nr. 31:1 2001, S. 165-173.
5.4. Nachschlagewerke
Conze, Werner: Rasse. In: Brunner, Otto, Werner Conze und Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Stuttgart 1984, Bd. 5, S. 135-178. Lorenz, S.: Rasse. In: Ritter, Joachim und Karlfried Gründer (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Basel 1998, Bd. 8, Sp. 25-28. Wikipedia. Die freie Enzyklopädie. Webseite. Wikimedia. . Besucht im August und September 2004.