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Prof. Dr. Edmund Arens 2005
Universität Luzern
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Einleitungsvorlesung:
Einführung in die Fundamentaltheologie
Material zur Vorlesung
1. Einleitung
Marcus Varro (116-27 v. Chr.) unterscheidet drei Arten von Theologie: 1) die mythische Theologie, wie sie die Dichter betreiben 2) die physische Theologie der Philosophen, die nach dem Wesen der Götter fragt 3) die politische Theologie, welche auf den Staat bezogen ist Aurelius Augustinus (354-430) setzt sich scharf mit Varros Dreiteilung auseinander: „Wie sollen wir uns ferner dazu stellen, dass er (Varro) behauptet, es gebe drei Arten der Theologie oder der Götterlehre, nämlich einmal die mythische, sodann die physische, drittens die staatliche?“ (De civitate Dei 6,5) „Weder durch die fabulierende noch durch die staatliche Theologie erlangt irgendwer das ewige Leben.“ (6,6) „Theologie“ ist „ein griechisches Wort, unter dem wir das vernünftige Denken oder Reden von der Gottheit zu verstehen haben“ (8,1). Robert Schreiter (geb. 1947) differenziert in „Abschied vom Gott der Europäer. Zur Entwicklung regionaler Theologien“ vier Formen von Theologie: 1) Theologie als Variation eines heiligen Textes 2) Theologie als Weisheit 3) Theologie als sicheres Wissen 4) Theologie als Praxis Harold Lasswell (1902-1978) hat in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts die nach ihm benannte Lasswellsche Formel entwickelt. Sie lautet: „Wer - sagt was - in welchem Kanal - zu wem - mit welcher Wirkung?“ Dieter Breuer (geb. 1938) hat die Lasswellsche Formel weitergeführt und in folgende Frage gefasst: „Wer bzw. welche sozialen Gruppen operieren zu welchem Zeitpunkt mit welchen Zeichen(reihen) in welcher Intention unter welchen medialen Bedingungen im Hinblick auf wen bzw. auf welche sozialen Gruppen mit welcher Wirkung?“
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Fundamentaltheologie - eine Skizze
Gottlieb Söhngen (1892-1971) definiert Fundamentaltheologie so: Sie „ist die theologische Grundwissenschaft, der es obliegt, für den Bereich der Theologie als Offenbarungs- und Glaubenswissenschaft die ´Grundlagenbesinnung´ oder ´Grundlagenforschung´ zu versuchen“ (LThK 24, 452-459, 452). Nach Helmut Peukert (geb. 1934) ist eine theologische Arbeit dann fundamental, wenn sie „1) den Zugang zu ihrem ´Gegenstand´ von einem spezifischen und... von diesem Gegenstand selbst ermöglichten Grundzug menschlicher Praxis her bestimmt, 2) ihn als darin erfahrene und gemeinte Wirklichkeit in seiner spezifischen Gegebenheit unterscheidet, identifiziert und benennt und 3) sich Rechenschaft über die Bedingungen der Verständlichkeit der sprachlich vermittelten Mitteilung dieser Wirklichkeit ablegt“ (NHThG 2, 16-25, 17). Johann Baptist Metz (geb. 1928) in seinem Artikel „Apologetik“: „Immer war der Adressat, von der kirchlichen Theologie aus gesehen, der Andere, der Nichtgläubige oder der Andersgläubige, und die Apologie hatte darum primär die Gestalt der apologia ad extra. Zu ihr tritt heute zunehmend die apologia ad intra hinzu, die Verantwortung der Hoffnung des Glaubens vor den Gläubigen selbst.“ ... „Die von Milieu und Tradition getragene und in diesem Sinn ´fraglose´ gläubige Existenz ist im Schwinden. Probleme und Anfechtungen, die aus der geistigen Situation, aus der gesellschaftlichen Mitwelt resultieren, nehmen zu und ergreifen immer mehr alle Schichten der kirchlichen Gemeinde. Die verantwortlich-antwortende Erhellung und Begründung der Glaubensmöglichkeit kommt deshalb nicht bloß nachträglich zur gläubigen Existenz hinzu; sie gehört vielmehr zunehmend zur Glaubenssituation des Einzelnen, sie dient nicht nur der nachträglichen ideologischen Auferbauung, sondern immer mehr dem Aufbau der Glaubensmöglichkeit des Einzelnen selbst.“ (HThTl 1, 158-165, 161)
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Thema „Religion“
Cicero (106-43 v. Chr.) bestimmt religio von relegere (erneut lesen, sich immer wieder hinwenden) her und sagt, dass die, „welche alles, was für die Verehrung der Götter wichtig ist, sorgfältig bedenken und gleichsam immer wieder durchgehen (relegerent), religiosi genannt werden“ (De Natura Deorum II 72). Cicero sagt anderswo: „Religio ist das, was die Menschen eine höhere Ordnung der Natur, die sie göttlich nennen, dienen und anbeten lässt“ (Rhet. II 53). Ciceros Ableitung des Begriffs religio von relegere widerspricht der christliche Schriftsteller Laktanz (circa 260-317). Er leitet religio von religare (wieder verbinden) her. Er schreibt: „Unter dieser Bedingung nämlich werden wir geboren, dass wir dem Gott, der uns erschaffen hat, gerechten und schuldigen Gehorsam erweisen, ihn allein anerkennen und ihm folgen. Durch diese Fessel der Frömmigkeit sind wir Gott verpflichtet und verbunden (religati). Von daher hat die Religion selbst ihren Namen empfangen - nicht, wie Cicero interpretierte, von relegere“ (Div. inst. IV, 28,2). Thomas von Aquin (1225-1274) definiert: „Religion ist, was Gott die geschuldete Verehrung verschafft. Zweierlei wird also bei der Religion bedacht: einmal das, was sie Gott darbringt, nämlich Verehrung..., zum anderen aber, wem es verschafft wird, nämlich Gott“ (S.th. II-II q. 122 a.2). Franz-Xaver Kaufmann (geb. 1932) unterscheidet sechs Funktionen von Religion: 1) Identitätsstiftung 2) Handlungsführung 3) Kontingenzbewältigung 4) Sozialintegration 5) Welt-Distanzierung 6) Welt-Kosmisierung Max Weber (1864-1920) unterscheidet in „Wirtschaft und Gesellschaft“ folgende Träger von Religion: 1) Zauberer, „welche ´Dämonen´ durch magische Mittel zwingen“ 2) Priester, „diejenigen berufsmäßigen Funktionäre..., welche durch Mittel der Verehrung die ´Götter´ beeinflussen“ 3) Prophet, „einen rein persönlichen Charismaträger, der kraft seiner Mission eine religiöse Lehre oder einen göttlichen Befehl verkündet“ (S. 346) 4) Lehrer und Heilsspender 5) die Gemeinde; sie entsteht „als Produkt der Veralltäglichung“ (S. 355f), wenn die prophetische Verkündigung auf Dauer gestellt, also institutionalisiert wird. Mircea Eliade (1907-1986) behandelt in seiner „Geschichte der religiösen Ideen“ folgende „Typen religiöser Autorität“: 1) Medizinmänner und Schamanen 2) Herrscher und Priester 3) Propheten und Religionsstifter 4) Asketen und Mystiker
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Ludwig Feuerbach (1804-1872) in „Das Wesen des Christentums“: „Das Geheimnis der Theologie ist die Anthropologie“ (S. 10 u.ö.). „Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen; die Religion die feierliche Enthüllung der verborgenen Schätze des Menschen“ (S. 53). „Die Religion, wenigstens die christliche, ist das Verhalten des Menschen zu sich selbst, oder richtiger: zu seinem Wesen, aber das Verhalten zu seinem Wesen als zu einem anderen Wesen“ (S. 54). Karl Marx (1818-1883) Die elfte seiner „Thesen über Feuerbach“ fordert: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern“ (S. 232). Die Religion ist für Marx eine Illusion und eine Ideologie; sie ist falsches Bewusstsein, eine nur „phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens“ (ebd.). Er nennt die Religion „Opium des Volkes“. „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx, Religion S.99). Friedrich Nietzsche (1844-1900) in seiner Erzählung „Der tolle Mensch“: „´Wohin ist Gott?´, ich will es Euch sagen! Wir haben ihn getötet - ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder.“ Gott ist zwar tot, aber, so weiss Nietzsche, „so wie die Art der Menschen ist, wird es vielleicht noch jahrtausendelang Höhlen geben, in denen man seinen Schatten zeigt. - Und wir - wir müssen noch seinen Schatten besiegen!“ (Werke III S. 115) Sigmund Freud (1856-1939) Die religiösen Vorstellungen „sind nicht Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Denkens, es sind Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit; das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche“ (Illusion, Bd. IX S. 164). Karl Barth (1886-1968) in „Kirchliche Dogmatik“: „Religion ist Unglaube; Religion ist eine Angelegenheit, man muß geradezu sagen: die Angelegenheit des gottlosen Menschen“ (KD I/2 S. 327 ). Die Religion „wird nämlich nie grundsätzlich mehr und anderes sein als ein Spiegelbild dessen, was der Mensch selbst, der zu dieser äußeren Befriedigung seines Bedürfnisses schreiten sollte, ist und hat“ (I/2 S. 345). Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) in „Widerstand und Ergebung“: „Die Religiösen sprechen von Gott, wenn menschliche Erkenntnis ... zu Ende ist oder wenn menschliche Kräfte versagen - es ist eigentlich immer der deus ex machina, den sie aufmarschieren lassen, entweder zur Scheinlösung unlösbarer Probleme oder als Kraft beim menschlichen Versagen, immer also in Ausnutzung menschlicher Schwäche bzw. an den menschlichen Grenzen“ (WE S. 134f). Im Gott der Bibel liegt ihm zufolge „der entscheidende Unterschied zu allen Religionen. Die Religiosität des Menschen weist ihn in seiner Not an die Macht Gottes in der Welt, Gott ist der deus ex machina. Die Bibel weist den Menschen an die Ohnmacht und das Leiden Gottes; nur der leidende Gott kann helfen. Insofern kann man sagen, daß die beschriebene Entwicklung zur Mündigkeit der Welt, durch die mit der falschen Gottesvorstellung aufgeräumt wird, den Blick freimacht für den Gott der Bibel, der durch seine Ohnmacht in der Welt Macht und Raum gewinnt. Hier wird wohl die ´weltliche Interpretation´ einzusetzen haben.“ (WE S. 178)
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Thema „Offenbarung“
„Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung 'Dei Verbum'“ von 1965 (DH 4201-4235). Das erste Kapitel beginnt mit den Worten: „Es hat Gott in seiner Güte und Weisheit gefallen, sich selbst zu offenbaren und das Geheimnis seines Willens bekannt zu machen..., daß die Menschen durch Christus, das Fleisch gewordene Wort, im Heiligen Geist Zugang zum Vater haben und der göttlichen Natur teilhaftig werden... In dieser Offenbarung redet also der unsichtbare Gott aus dem Übermaß seiner Liebe die Menschen wie Freunde an... und verkehrt mit ihnen..., um sie in die Gemeinschaft mit sich einzuladen und in sie aufzunehmen. Dieses Offenbarungsgeschehen ereignet sich in Taten und Worten, die innerlich miteinander verknüpft sind, so dass die Werke, die in der Heilsgeschichte von Gott vollbracht wurden, die Lehre und die durch die Worte bezeichneten Dinge offenbaren und bekräftigen, die Worte aber die Werke verkündigen und das in ihnen enthaltene Geheimnis ans Licht treten lassen.“ (DH 4202) Karl Barth (1886-1968) formuliert programmatisch: „Gottes Wort ist Gott selbst in seiner Offenbarung. Denn Gott offenbart sich als der Herr und das bedeutet nach der Schrift für den Begriff der Offenbarung, dass Gott selbst in unzerstörbarer Einheit, aber auch in unzerstörbarer Verschiedenheit der Offenbarer, die Offenbarung und das Offenbarsein ist.“ (KD I/1, 311) Rudolf Bultmann (1884-1976) in seiner Schrift „Der Begriff der Offenbarung“: „Die Offenbarung vermittelt kein weltanschauliches Wissen, sondern sie redet an.“ (30) Diese Anrede stellt den Menschen in die Entscheidung. Der Glaube ist dann „Antwort auf die Anrede.“ (31) Karl Rahner (1904-1984) versteht den Menschen als „Hörer des Wortes“. Die von ihm angefragte transzendentale Bedingung zum „Hörens des Wortes“ ist die „im Wesen des Menschen liegende Möglichkeit des Hören Könnens einer möglicherweise ergehenden Offenbarung Gottes“ (19f).
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Thema „Kirche“
Das Zweite Vatikanische Konzil sagt in der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“: „Zur Erfüllung dieses ihres Auftrags obliegt der Kirche allezeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“ (GS 4). In den Dokumenten des Zweiten Vatikanums ist verschiedentlich von der Kirche als Gemeinschaft (Communio) die Rede. Die Dogmatische Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ versteht die Kirche fundamental als Mysterium (LG c. 1) und als Volk Gottes (LG c. 2). Die Konzilserklärung bezeichnet die Kirche Christi als „die Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe“ (LG 8). Im Schlussdokument der ausserordentlichen Bischofssynode von 1985 wird die Kirche fundamental als Gemeinschaft verstanden und ausgelegt. Mit dem Begriff „Communio“ ist dem Dokument zufolge „grundsätzlich... die Gemeinschaft mit Gott durch Jesus Christus im Heiligen Geist gemeint“ (II C 1). Diese im Wort Gottes und in den Sakramenten geschehende Gemeinschaft wird vor allem als eucharistische Gemeinschaft begriffen. Schon von daher könne die Communio-Ekklesiologie nicht auf rein organisatorische Fragen reduziert werden; gleichwohl sei sie „die Grundlage für die Ordnung in der Kirche und besonders für die rechte in ihr bestehende Beziehung zwischen Einheit und Vielfalt“ (ebd.) Seit der römischen Bischofssynode von 1985 ist die Communio-Ekklesiologie gleichsam zur offiziellen lehramtlichen Kirchentheologie geworden. Sie wird u.a. im Schreiben der Römischen Glaubenskongregation von 1992 über „Einige Aspekte der Kirche als Communio“ bekräftigt. In der Einleitung zum ersten Kapitel heisst es: „Der Begriff Gemeinschaft... bringt den tiefen Kern des Geheimnisses der Kirche sehr gut zum Ausdruck und vermag zweifelsohne eine Schlüsselrolle im Bemühen um eine erneuerte katholische Ekklesiologie zu spielen.“ Das Zweite Vatikanische Konzil nennt die Kirche in ihrer Kirchenkonstitution „Lumen Gentium“ „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (LG 1). Im Anschluss an „Lumen Gentium“ wäre die Kirche zuallererst Zeichen und Werkzeug für die Erleuchtung aller Menschen durch das „Licht der Völker“ (LG 1).