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					Th. Schmid-Schönbein                                             im WS 2008/09
FH Lausitz, Industrieökonomie




                         Zur Ökonomie des Renteneintrittsalters
              Vortrag vor der Seniorenakademie der FH Lausitz am 17.12.2008


Außer dem Einschulungsalter gibt es kein Datum, das so einschneidend für das Leben jedes
Bürgers ist, wie das Renteneintrittsalter. Der Augenblick, in dem der Bürger nicht länger von
seinem Arbeitseinkommen lebt, ist weitgehend durch das (fast) allen Deutschen gemeinsame
Rentenbezugsalter geprägt. Das Renteneintrittsalter ist ein für jeden Einzelnen hoch
bedeutsames Datum, das dennoch seinem individuellen Zugriff weitgehend entzogen ist.
Insoweit war der einsame Beschluß des Arbeitsministers Müntefering, das Rentenbezugsalter
von 65 auf 67 zu erhöhen, der den Durchschnittsrenter 7,2% seines Renteneinkommens
kostete, für die Schicksalsfrage ‚Renteneintritt’ durchaus symptomatisch. Der Renteneintritt
ist zwar grundsätzlich in das Belieben jedes Einzelnen gestellt, im Endeffekt jedoch
weitgehend dem Belieben der Politik anheimgegeben.

Im Folgenden soll im Kreise von Experten erörtert werden, wie die Kräfte aussehen, die den
Zeitpunkt des Renteneintritts prägen und zugleich für eine größere Freiheit bei der Wahl
dieses Datum (und deren Inanspruchnahme) geworben werden. Dazu ist es jedoch notwendig,
das aktuelle Rentensystem zu skizzieren, seine deutschen Besonderheiten (einschließlich des
Nachhaltigkeitsfaktors) hervorzukehren und die Verschiebung des Rentenbezugsalters in
Augenschein zu nehmen (Abschnitt I). Im Anschluß (Abschnitt II) kann untersucht werden,
inwieweit es eines gesetzlich verankerten Rentenbezugsalters wirklich bedarf und warum
dieser Zeitpunkt so eng mit dem Renteneintrittsalter verbunden ist. Zu diesem Zweck wird die
These geprüft, ob die Entlohnung nach dem Senioritätsprinzip ein Grund für das fixierte
Rentenbezugsalter sein könnte (oder andere Varianten der Verknüpfung von Rentensystem
mit den Bedingungen des Arbeitsmarktes). Die diesbezüglichen Hypothesen werden
verworfen, so daß zum Schluß (Abschnitt III) dafür geworben werden kann, das Anti-
Diskriminierungs-Gesetz ernst zu nehmen und den Kündigungsgrund ‚Alter’ endgültig zu
verbannen und das Rentenbezugsalter deutlich liberaler zu handhaben.


   I.      Das Rentensystem

Wie immer das Rentensystem gestaltet ist, zwei Zwecke werden mit ihm auf jeden Fall
verfolgt. Zum einen soll das Einkommen über die Zeit geglättet werden und die Individuen
sollen gegen Langlebigkeit, also gegen die Gefahr eines überdurchschnittlich langen Lebens,
versichert werden.

Konsumglättung

Wer heute arbeitet und Einkommen bezieht, sieht die Zeit voraus, in der er entweder nicht
mehr arbeiten kann oder nicht mehr arbeiten will und folglich ein arbeitsloses Einkommen
benötigt. Ein Einkommen zu haben, wenn man nicht arbeitet, ist nicht einfach zu organisieren.
Wenn wir von Häusern absehen, gibt es keine Möglichkeit, die Güter, die wir als Alte
benötigen, zu lagern. Wir müssen heute jemand finden, der bereit ist, gegen eine heutige
Leistung uns morgen mit Gütern zu versorgen.

Wen immer wir finden, wir müssen in jedem Fall wissen, wie viel wir denn morgen, wenn wir
alt sind, haben wollen. Darauf gibt es eine einfache Antwort1): Wir wollen als Alte den
gleichen Konsum wie als Junge haben oder allgemeiner wir wollen unser Wohlstandsniveau
über die Zeit halten. Die Annahme ist deshalb plausibel, weil kaum vorstellbar ist, daß jemand
sein morgiges Selbst als ein völlig anderes Wesen entwirft, das entweder im Alter ein viel
höheres oder ein viel niedriges Wohlstandsniveau realisieren möchte. Wenn es plausibel ist,
das morgige Selbst als ein Duplikat des heutigen anzusehen, ist auch die Annahme der
Glättung des Konsums/des Wohlstands plausibel. Die Rente soll den Wohlstand sichern, den
man während seines Arbeitslebens genoß. Was gleiche Wohlfahrt für die Art des Konsums
im Alter heißen kann, also nicht gleichen Konsum heißen muß, wird im dritten Abschnitt
angedeutet.

Versicherungsprinzip

Wäre die Welt sicher, wüsste jeder Einzelne heute schon, wie alt er wird. Die Glättung wäre
leicht zu bewerkstelligen. Wenn wir mit 65 in Rente gehen und wissen, dass wir noch genau
20 Jahre leben, wissen wir, welches laufende arbeitslose Einkommen wir benötigen und damit
wie viel wir bis zum Renteneintritt zurückgelegt haben müssen. Wissen wir aber nicht, wie
lange wir leben (und ob wir überhaupt das Rentenalter erreichen), müssen wir für vielleicht 40
Jahre zurücklegen, da wir im besten/schlimmsten Fall 105 Jahre alt werden. Wenn aber jeder
für 40 Jahre zurücklegen muß, wird das verfügbare Einkommen im Alter für jeden vermutlich
nur halb so groß sein und es wird mit einiger Wahrscheinlichkeit viele dankbaren Erben
geben.

Für dieses Problem gibt es eine Lösung: die Versicherung. Denn wenn der Einzelne auch
nicht weiß, ob er 66 oder 106 Jahre alt wird, so weiß er doch, daß durchschnittlich die
Menschen mit 65 noch, sagen wir mal, 20 Jahre leben. Wenn der Einzelne sich also mit den
anderen zusammentut, dann kann der, der lange lebt, von dem profitieren, der kurz nach
Renteneintritt stirbt. Die Kurzlebigen subventionieren die Langlebigen (solange niemand
weiß, zu welcher Sorte ein Einzelner gehört). Wenn alle Versicherten durchschnittlich 20
Jahre nach Renteneintritt sterben, genügt es daß jeder sich soviel Einkommen sichert, daß er
20 Jahre davon leben kann. Dank der Sicherheit, mit der die durchschnittliche Lebenslänge
bestimmt werden kann, kann die Unsicherheit der Länge (das Risiko, lange zu leben) des
einzelnen Lebens versichert werden. Die Rente wird genau lebenslang bezahlt. Lebt man
kürzer als der Durchschnitt bekommen den Rest die anderen Versicherten, nicht die Erben.

Nebenziele

Häufig wird das Rentensystem noch um andere Ziele ergänzt und damit belastet:
Mindestrente, Witwen- und Waisenrenten, Umverteilungswünsche, Berufsunfähigkeitsrente1)
etc. Wie immer das Rentensystem ausgestaltet ist, es sollte insbesondere mit dem
Steuersystem und dem Arbeits- und Kapitalmarkt kompatibel sein. Es sollte also z.B. nicht
der Faulheit und dem Betrug dienen und es sollte steuerlich gerecht sein.
I.1 Arten von Rentensystemen

Wir kennen zwei wesentliche Arten von Renten: Die kapitalgedeckte Rente (engl.: fully
funded pension) und die umlagefinanzierte Rente (engl.: pay-as-you-go pension). Beide
Renten basieren auf einem Vertrag, bei dem die heute Arbeitenden die morgen Arbeitenden
dazu verpflichtet haben, ihnen morgen Einkommen zu geben. Der Unterschied der beiden
Rentenarten liegt im Kreis der Gläubiger und der Art des Vertrages und den Risiken, die mit
der einen und der anderen Form verbunden sind. In jedem Fall muß der Verbrauch der
heutigen Rentner aus der Gesamtleistung von heute Arbeitenden bestritten werden. Ob die
heute Arbeitenden dazu bereit sind, hängt davon ab, ob sie selbst für sich die Chance sehen,
im Alter nicht hängen gelassen zu werden (also ebenfalls von den dann Arbeitenden
ausgehalten werden) und ob diese Chance an ihr heutiges vertragsgerechtes Verhalten
gebunden ist. Die Rente ist nur sicher, wenn diese Bedingung erfüllt und das Rentensystem so
gestaltet ist, dass die Erfüllung zu erwarten ist.

Kapitalgedeckte Rente

Die kapitalgedeckte Rente basiert auf Ersparnissen (nicht getätigten Konsumausgaben), die
aus dem Arbeitseinkommen gespeist, in die Versicherung einbezahlt und von dieser an andere
verliehen werden. Aus den Zinsen und Rückzahlungen des Geliehenen wird die Versicherung,
die wiederum die Renten auszahlt, gespeist. Die Ansprüche, die einzelne an den Fond haben,
werden mit Renteneintritt annualisiert (in jährliche Auszahlungen umgerechnet) und als
lebenslange Rente ausbezahlt. Grundsätzlich wird nur das ausbezahlt, was einer einbezahlt
und an Zinsen auf diese Einzahlungen erworben hat. In der Regel findet keine Umverteilung
statt (außer der von den kurz- zu den langlebigen Rentnern - Versicherungsprinzip). Jeder
bekommt das, was er hineingesteckt hat – einschließlich der mehr oder weniger großen
Erträge während seiner Lebenszeit. Hätte also jemand 100.000 € zum Renteneintritt
einbezahlt und läge die durchschnittliche Lebenserwartung mit Rentenbezugsalter bei 20
Jahren, bekäme er 5.000 € pro Lebensjahr bezahlt (Der Einfachheit halber wurden bei dieser
Rechnung die Zinsen unterdrückt).

Die Schuldner, aus deren Rückzahlungen und Zinszahlungen die Rente letztlich finanziert
wird, können viele sein: Inländer, Ausländer, Männer, Frauen, Staaten, Industrieunternehmen,
Häuslebauer etc. Diese Vielfalt (des globalen Kapitalmarktes) ist die Stärke der
Kapitalgedeckten Rente. Es sichert den durchschnittlichen weltweiten Zins. Allerdings muß
der Staat die Versicherung und deren Kapitalanlage streng beaufsichtigen. Die verbrieften
Forderungen gegen die Schuldner sollten sogenannte Witwen- und Waisenpapiere oder wie
man auch sagt mündelsicher sein. Daher dürften schon die meisten Aktien nicht im Bestand
der Rentenversicherung auftauchen.

Von Bismarck bis zum Jahre 1957 arbeitete die deutsche staatliche Rentenversicherung nach
diesem Prinzip (Der Staat war sowohl Träger als auch Aufpasser der Versicherung). Mit der
10:1 Entwertung des Kapitalvermögens nach dem II. Weltkrieg war die Rentenkasse mit
einem Vermögen von 50 Mrd. RM trotz der dank des Krieges hohen Sterberate bald in
Konkursgefahr. Statt die fehlenden 45 Mrd. DM durch Forderungen gegen den Staat zu
ersetzen, die nach und nach abzuzahlen gewesen wären, entschied die Regierung Adenauer
unter großem Beifall, der in der nächsten Legislaturperiode die absolute Mehrheit für die
Partei Adenauers brachte, die kapitalgedeckte in eine umlagefinanzierte Rente zu wandeln.
Umlagefinanzierte Rente

Die umlagefinanzierte Rente wird aus steuerähnlichen Beiträgen der heute Arbeitseinkommen
Beziehenden direkt an die heutigen Rentner (die gestern Arbeitenden) ausbezahlt3). Da die
umlagefinanzierte Rente meist vom Staat betrieben wird, tritt der Staat als Gläubiger der
heute Arbeitenden und als Schuldner der heutigen Rentner auf. Im Kern ist die
umlagefinanzierte Rente ein reines Steuersystem mit Transfers an die Rentner und Steuern auf
das Arbeitseinkommen. Der entscheidende Unterschied zur kapitalgedeckten Rente ist die
Möglichkeit, die Einkommen der Rentner von den Einzahlungen der Rentner unabhängig zu
machen. Es wird die Auszahlung oder ein bestimmte Verhältnis von Rente zum letzten
Arbeitseinkommen vorgegeben (benefit-defined). Der finanzielle Ausgleich wird jährlich
durch entsprechende Beiträge und Steuern gewährleistet, die Renten sind an gesetzlich
bestimmte Formeln gebunden oder an die Ad-hoc-Entscheidungen des deutschen
Bundestages. Der langfristige Ausgleich ist bei diesem Verfahren gefährdet, da die Belastung
der Arbeitseinkommen unter nicht allzu ungewöhnlichen Bedingungen Höhen erreichen kann,
die die Grundlage des Einkommens zerstören.

Der politische Wille sorgte 1957 zuerst dafür, daß grob gesprochen die älteren
Kriegsteilnehmer (geboren vor dem I. Weltkrieg) in den Genuß des Wirtschaftswunders
kamen (denn auch ohne Währungsreform und der Umstellung 1 DM für 10 RM wären ihre
Beiträge den Bedingungen entsprechend niedrig ausgefallen – Stichwort: Höhere Renten für
die Trümmerfrauen) und daß zum anderen mit Bindung des Rentenzuwachses an den
Zuwachs der Bruttoeinkommen den aktuell Beitragszahlenden frohe Aussichten beschert
wurden (der damals unversteuerte morgige Zuwachs war größer als der Zuwachs der in
diesem Moment einbezahlten Löhne nach Steuern und Abgaben).

Das zentrale Problem der umlagefinanzierten Rente ist der unentwegt zu bewältigende
politische Kraftakt zwischen den gewünschten Auszahlungen und den Einzahlungen. Die
Einzahlungen folgen den Auszahlungen und nicht die Auszahlungen den Einzahlungen wie
bei der kapitalgedeckten Rente.


I.2 Die deutsche Rentenformel

Einerseits wird die Rentenhöhe von einer politisch erwünschten, hochaggregierten Kennziffer
getrieben – nämlich dem Rentenwert (des Eckrentners der 45 Jahre lang einbezahlt und das
Durchschnittseinkommen verdient hat), andererseits wird die Rente jedes Einzelnen jedoch
nach seinen Beiträgen bestimmt (contribution-defined). Der Rentenformel lautet deshalb:

       (1)    Pi ,t  EPi , B  VAi  PVt

Der Rentner i erhält zum Zeitpunkt t ein Einkommen Pi,t, das sich aus drei Faktoren
zusammensetzt. Den Ertragspunkten von i im Rentenbezugsalter B, seinen
versicherungstechnischen Abschlägen oder Zuschlägen VAi im Rentenbezugsalter und der
laufende, für alle gültige Rentenwert PVt.

Die persönlichen Ertragspunkte werden in jedem Zeitpunkt als Verhältnis des Einkommen des
Rentners i zum Durchschnittseinkommen ermittelt und die Ertragspunkte zum
Rentenbezugszeitpunkt B sind die Summe der Ertragspunkte vom Beginn der Einzahlungen
bis zum Rentenbezugszeitpunkt:
                            Yi ,t                                   B
       (2)     EPi ,t 
                          YMittel ,t
                                           und      EPi , B       EP
                                                                t  Beginn
                                                                             i ,t




Je nachdem, ob man mehr oder weniger als der Durchschnittsbeitragszahler verdient hat,
erhält man mehr oder weniger Punkte. Je länger man einbezahlt hat, desto mehr Punkte hat
der Rentner. Wie bekannt erhalten z.B. Frauen, die Kinder geboren haben, Extrapunkte. Für
beitragsfreie Zeiten werden manchmal Beiträge fingiert. Die Beitragszahlungen aus DDR-Zeit
sind naturgemäß völlig fingiert, da auch die DDR eine umlagenfinanzierte Rente hatte. Zum
Zeitpunkt der Wiedervereinigung war kein Deckungsstock verfügbar, der an die
Rentenversicherung der Bundesrepublik zu übertragen gewesen wäre.

Die Abschläge für vorzeitigen Ruhestand und die Zuschläge für die Verschiebung des
Ruhestandes nach hinten sind mit (minus) 0,3% pro Monat bzw. (plus) 0,5% pro Monat
festgelegt und entsprechen damit ansatzweise einer buchhalterisch korrekten Berechnung für
den Durchschnitt aller Rentenversicherten bei einem Zinssatz von 3%. Allerdings sind die
Abschläge wie die Ertragspunkte nicht nach dem Geschlecht unterschieden, also werden
Frauen mit ihrer durchschnittlich längeren Lebenszeit deutlich begünstigt.

Der allgemeingültige Rentenwert des Durchschnittsrentners, der 45 Jahre lang den
Durchschnittsbeitrag bezahlt hat errechnet sich (vereinfacht) aus dem Wachstum der
Bruttolöhne aller Mitglieder der Versicherung, und einem Faktor, der das Verhältnis von
Rentenbeziehern und Beitragszahlern reflektiert (der sogenannte Nachhaltigkeitsfaktor):

                                       YMittel ,t 1  1        PQt 1             
       (3)     PVt  PVt 1                          1  1 
                                                                                   
                                                                                    
                                       YMittel ,t  2  4 
                                                                PQt  2            

Der Faktor PQ gibt das Verhältnis von Rentnern zur Erwerbsbevölkerung an, wobei zur
Erwerbsbevölkerung auch die Arbeitslosen zählen.

Steigt der Anteil der Rentner, die aus den Arbeitseinkommen (und Ersatzeinkommen)
finanziert werden, dann wird der Rentenwert kleiner. Wären beispielsweise die Zahl der
Rentner konstant, wüchse aber die Erwerbsbevölkerung, sänke der Faktor und stiege der
Rentenwert proportional mit dem Wachstum der Erwerbsbevölkerung. Wie wir wissen, steigt
im Moment die Zahl der Rentner und sinkt die Erwerbsbevölkerung, also steigt der Faktor
und senkt den Rentenwert.

Unterstellt man ferner, daß das Wachstum des durchschnittlichen Arbeitseinkommens der
Produktivität der Arbeit und der Inflationsrate folgt, wird der Rentenwert mit einem Zinssatz
verzinst, der der Summe aus Inflationsrate, Wachstum der Arbeitsproduktivität und
Wachstum der Erwerbsbevölkerung entspricht – korrigiert um die Veränderung des
Verhältnisses von Rentnern zu Beitragszahlern. Dieser Zinssatz ist sozusagen der nationale
Zinssatz der Deutschland AG. Die Deutschland AG zahlt ihren Rentnern jedes Jahr soviel
mehr als sie als Ganzes mehr erwirtschaftet – korrigiert um die Lasten der Änderung der
Bevölkerungsstruktur.

Daraus ergeben sich einige Schlussfolgerungen:

   1. Mit dieser Rentenformel ist die Rentenversicherung grundsätzlich nachhaltig
      finanziert - wenn der Ausgangswert PVt=2004 ‚richtig’ ist. Das jahrelange Hickhack mit
      unhaltbaren Versprechungen ist damit fast beendet. Die Rentenformel verzinst die
         Beiträge für ein nationales Rentensystem gerecht. Diese Rente ist sicher, falls die
         Jungen den mit dem Ausgangswert verbundenen Beitragssatz akzeptieren und die
         Alten mit dem jeweils damit verbundenen Verhältnis ihrer Rente zum letzten
         Einkommen (das sogenannte Nettorentenniveau) zufrieden sind (siehe Börsch-Supan,
         Reil-Held,Wilke, 2007 und Wilke, 2008 für eine ausführliche Analyse)
   .
   2. Wie sich an der Politik in 2007 zeigte, ist der Rentenwert 2004 nicht richtig, da die
      steigende Langlebigkeit der Rentner den Beitragssatz auf eine Höhe getrieben hätte,
      der nach Meinung der Mehrheit des deutschen Bundestages für die Jungen zu hoch
      ausfiele – nämlich 2030 locker die 30%-Hürde des Einkommens genommen hätte.
      Daher war es mindestens notwendig, das Rentenbezugsalter auf 67, wenn nicht auf 69
      zu heben. Die Anhebung des Rentenbezugsalters auf 67 senkt die Rente um 7,2% (=
      0,3% mal 12 Monate mal 2 Jahre), falls die Rentner bei ihrem bisherigen
      Rentenbezugsalter blieben. Die wütenden Proteste machen deutlich, daß die damit
      verbundene Absenkung des Nettorentenniveaus ein Nachspiel haben könnte.

   3. Die Vernünftigkeit der Rentenformel sollte allerdings nicht darüber täuschen, daß
      nach wie vor viele Elemente (Mindestrente, Unisex-Tarife etc.) die Renten verzerren.
      Außerdem ist der Anreiz für die Politik groß, ad hoc zu intervenieren, um entweder
      die Alten oder die Jungen zufriedener zu machen.

   4. Schließlich zeigt dieses Ergebnis auch, daß eine kapitalgedeckte Rente für alle besser
      wäre. Ihr läge nicht der nationale Zinssatz der Deutschland AG zugrunde, sondern der
      Zinssatz des globalen Kapitalmarktes. Der wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit heute
      höher, da das Wachstum der Weltbevölkerung sicher nicht negativ ist und dank der
      Integration der Schwellenländer, die Arbeitsproduktivität weltweit viel höher ist. Nur
      zu Wirtschaftswunderzeiten war der deutsche Zinssatz höher – als Deutschland nach
      dem II. Weltkrieg so etwas wie ein Schwellenland war (daher fiel es allen so leicht,
      dem Wechsel von der kapitalgedeckten Rente zur umlagefinanzierten zu gehen).


   II.      Das Rentenbezugsalter als Zeitpunkt der Kündigung

Die Rentenformel dürfte außerdem klar gemacht haben, daß die umlagefinanzierte Rente5)
(wie auch andere benefit-definierte Renten wie Betriebsrenten) einen Automatismus
beinhaltet, der das optimale Renteneintrittsalter schon festgelegt hat. Um dies zu verstehen,
genügt es, sich den erwarteten Wert der Rente in Abhängigkeit vom Lebensalter vorzustellen.
Bild 1: Rentenwert in Abhängigkeit vom Lebensalter



           R(t), Wert der zukünftigen Renten im
           Zeitpunkt des Renteneintrittsalters t




                                                                                          t
                35                                      T*                   95


Die Rente ist ein Versprechen, einen festen Strom von Einkommen zu bekommen. Der Wert
dieses Versprechens (der Gegenwartswert des erwarteten Einkommensstroms, auch
Rentenwert genannt) nimmt mit jedem Jahr der Beitragszahlung zu. Hätte man nur ein Jahr
Beitrag gezahlt, dann wäre über viele Jahre sehr geringe Renten zu erwarten. Hätte man aber
50 Jahre einbezahlt, dann wären über nicht so viele Jahre große Renten zu erwarten. Da es
aber ein Strom von Zahlungen ist, die überhaupt nur bis zum Lebensende bezahlt werden,
sinkt der Rentenwert je mehr sich der Beitragszahler und Rentner seinem Lebensende nähert.
Selbst bei doppelter oder dreifacher Rente ist bei Renteneintritt mit dem Tod der Rentenwert
Null. Die Dauer der Mitgliedschaft vor Renteneintritt steigert den Wert, die Differenz von
erwartetem Sterbealter und Lebensalter senkt den Wert. Beide Tendenzen sorgen dafür, daß
der Wert der Rente mit dem Renteneintrittsalter erst steigt und dann unweigerlich fällt.
Folglich gibt es für den Renteneintritt ein optimalen Zeitpunkt: nämlich dort wo der
Rentenwert maximal ist. Im Bild ist das der Punkt T*, das optimale Renteneintrittsalter. Man
könnte auch sagen, der Optionswert der Verschiebung des Rentenbezugsalters sinkt an dieser
Stelle auf Null.

Wenn es einen optimalen Wert für das Renteneintrittssalter der umlagefinanzierten Rente
gibt, fragt man sich, warum dieser fixiert werden muß. Jeder geht, wenn sein erwartetes
(Renten-)Einkommen maximal ist. Wie im dritten Abschnitt kurz angesprochen werden wird,
werden die Einkommensströme vor und nach der Rente von den Millionen Individuen
unterschiedlich bewertet. Nicht jeder ginge bei gleichem maximalen (finanzwirtschaftlichen)
Gegenwartswert zum gleichen Zeitpunkt. Dennoch sind die Unterschiede der menschlichen
Bedürfnisse vermutlich nicht so unterschiedlich und sie sind gleichzeitig in ihrer
Heterogenität so gemischt, daß es im Durchschnitt zu überschaubaren und kalkulierbaren
Renteneintrittsaltern käme. Es kommt der Verdacht auf, dass das Rentenbezugsalter deshalb
fixiert ist, weil es für die meisten Individuen nicht das optimale oder weit davon entfernt ist.
Es macht keinen Sinn, etwas zu erzwingen, was zu erzwingen gar nicht nötig wäre.
Es bleibt erstaunlich, daß ausgerechnet das Rentenbezugsalter der einzige rechtlich zulässige
personenbezogene Kündigungsgrund war und ist. Das Alter einer Person wird einem
schweren Versäumnis, der Unfähigkeit oder einer Unterschlagung gleichgesetzt. Diese
ungewöhnliche, bislang auch durch das Anti-Diskriminierungsgesetz nicht zu behebende
Gleichsetzung von Alter und schwerem Schaden für den Arbeitgeber läßt vermuten, daß es
andere Gründe gibt, die Kündigung an den Renteneintritt zu binden. Es liegt die Vermutung
nahe, in dem Kündigungsgrund Renteneintritt einen wahrhaft letzten Ausgang für den
Arbeitsvertrag zu sehen.

Im Übrigen sollte das Rentenbezugsalter nicht mit einer anderen Größe in einen Topf
geworfen werden, an der Staat und Gesellschaft ein sicher berechtigtes Interesse haben: Der
gesicherten Höhe des Vermögens vor Rentenbeginn. Zu diesem Vermögen gehören alle
Vermögenswerte von den Rentenanwartschaften, dem Häuschen, dem Geldvermögen etc. Die
Gemeinschaft hat ein Interesse daran, daß jeder der Einkommen aus Arbeit hat und arbeiten
kann, erst dann zu arbeiten aufhört, wenn er soviel Vermögen vorweisen kann, daß er den
Rest seines erwarteten Lebens daraus sein Existenzminimum bestreiten kann und folglich
nicht der Sozialhilfe anheimfällt. Das Alter und/oder die Dauer des Erwerbslebens selbst sind
dagegen kein geeignetes Kriterium für das Recht, mit dem Rentenbezug beginnen zu dürfen4).


II.1 Senioritätsentlohnung

Das unter Ökonomen bekannteste Beispiel für eine Erklärung des hier diskutierten
Zusammenhanges von Renteneintritt und Kündigung von Alters wegen findet sich in der
Analyse der Senioritätsentlohnung.

Senioritätsentlohnung heißt, daß der Mitarbeiter nach den Jahren seiner Firmenzugehörigkeit
bezahlt wird. Mit der Zahl der Jahre der Firmenzugehörigkeit steigt das Einkommen. Im
einfachsten Fall wächst es mit konstanter Rate. Die Bediensteten des Staates wurden bis vor
kurzem vorwiegend nach diesem Muster entlohnt. Warum wählt der Arbeitgeber ein solches
Schema der Entlohnung?

Unterstellen wir der Einfachheit halber, daß der Mitarbeiter sein ganzes Arbeitsleben lang die
gleiche Produktivität hätte (die gleiche geldwerte Leistung für die Firma erbrächte) und
folglich sein ganzes Leben lang den gleichen Lohn verdiente und verdient hätte. Unterstellt,
der Arbeitsmarkt wäre gut organisiert, könnte dieser Mitarbeiter jeden Tag die Firma
verlassen und anderswo mit der gleichen Leistung den gleichen Lohn verdienen. Es spricht
alles dafür, daß der Unternehmung dies nicht recht wäre. Der dadurch ausgelöste ständige
Wechsel kostete selbst bei einfachster Arbeit wenigstens die Verwaltungskosten. Bei weniger
einfacher Arbeit müsste bei jedem Wechsel neu eingearbeitet werden und firmenspezifische
Kenntnisse erworben werden etc. Es gibt also gute Gründe den Wechsel nicht allzu häufig
werden zu lassen (wir wissen, daß noch am Ende des 19. Jahrhunderts selbst in Firmen wie
der BASF einmal im Jahr die ganze Belegschaft umgeschlagen wurde!).

Die Senioritätsentlohnung eignet sich, die Fluktuation zu unterbinden (siehe allgemein
Lazear, 1993, S.39 ff.). Es genügt, daß der mit der Zeit wachsende Lohnsatz die
Leistungsgerade von unten schneidet wie im folgenden Bild. Sei W(t) der Lohnsatz zum
Zeitpunkt t und L(t) = konst. der gleich bleibende Geldwert der Leistung des Mitarbeiters. t*
ist der Zeitpunkt, bei dem der Lohnsatz gerade so groß ist wie die Leistung. Wie zu erkennen,
wird dem Mitarbeiter gemessen an seiner Leistung erst zu wenig und nach dem Zeitpunkt t*
zu viel bezahlt. Die Firma verschuldet sich sozusagen bei ihrem Mitarbeiter und zahlt ihm die
Schuld nachher wieder zurück. Daher ist auch klar, daß die Unternehmung ihre Schuld auch
auf Heller und Pfennig begleichen muß (und hoffentlich kann). Bei einem Zinssatz von Null
heißt das, daß das erste Dreieck gleich dem zweiten Dreieck sein muß, das zwischen t* und T
entsteht. Oder anders gesagt: T muß so gewählt werden, daß die beiden Dreiecke gleich sind.
Unter dieser Bedingung ist die Summe der geldwerten Leistungen gleich der Summe der
Lohnzahlungen.

Bild 2: Senioritätsentlohnung


      V(t), geldwerte Leistung pro Periode
      W(t), Lohneinkommen pro Periode


                                                                   W(t)




                                                                   V(t)




 20                      t’                           T                   Dienstalter


Welcher Mitarbeiter wird einer solchen Entlohnungsform zustimmen? Offenbar nur solche
Personen, die ihr (Arbeits-)leben lang bei dieser Firma bleiben wollen. Würde jemand früher
als zum Zeitpunkt T gehen, verlöre er sein Darlehen oder einen Teil seines Darlehens.

Es liegt nun nahe, einen Zusammenhang zwischen T und dem Renteneintritt zu vermuten.
Unterstellt, daß T eine wirklich lange Zeit umfasst und nicht einfach zwei/drei Jahre, dann
hätte der Mitarbeiter bis T ein stetig steigendes Einkommen. Läge das Alter, bei dem der
Unter- und Überzahlung ausgeglichen ist, bei einem Lebensalter von 50, sänke das
Einkommen mit dem 51. Lebensjahr radikal. Sein Lohn würde auf seine – laut Voraussetzung
- deutlich niedrigere Leistung abgesenkt. Ein solcher Einkommensverlauf dürfte von den
Wenigsten gewünscht werden. Unter einigermaßen plausiblen Bedingungen zöge vermutlich
jeder vor, ein gleichmäßigeres und gleichmäßig steigendes Einkommen zu erhalten. Daher
spricht manches dafür, T mit dem Rentenbezugsalter gleichzusetzen und die Kündigung in T
vorab zu vereinbaren. Das erklärt, daß die Senioritätsentlohnung in der Regel mit dem
Rentenbezugsalter und einer davon ausgelösten Kündigung des Alters wegen endet.

II.2 Sonstige Wohltaten, die ein Ende finden müssen

Oben wurde plausibel gemacht, daß die Senioritätsentlohnung der Fluktuation
entgegenwirken soll. Die Senioritätsentlohnung kann auch anderen Zwecken dienen: Sie kann
dazu dienen, die Mitarbeiter zu motivieren, ein höhere Leistung auch dann zu erbringen, wenn
sie die Möglichkeit haben über ihre Leistung zu täuschen oder Unterschleif zu betreiben.
Auch bei nicht zu hoher Entdeckungschance ist es besser, bei höherer Leistung einen höheren
Lohn zu bekommen als schlecht zu arbeiten und weniger zu verdienen. Das mehr an Lohn bei
längerer Zugehörigkeit muß wieder durch die nicht leistungsgerechte Bezahlung zu Beginn
der Betriebszugehörigkeit kompensiert werden. Und es muß wieder gesichert sein, daß die
Entlohnung weit über Leistung irgendwann ein Ende hat.

Die Mitarbeiter willigen in den Vertrag über hohe Leistung und Senioritätsentlohnung ein,
weil sie damit insgesamt einen höheren Lohn erhalten als wenn sie schlampen und dies zur
Folge hat, daß sie nur einen geringeren Lohn erwarten können. Ihr Opfer zu Beginn der
Tätigkeit macht glaubhaft, daß sie die hohe Leistung planen und realisieren.

Ähnlich einer Senioritätsentlohnung wirkt das Angebot der Unternehmung, in der
Unternehmung mit höherer Wahrscheinlichkeit aufsteigen zu können als ein gleichwertiger
Kandidat, der von außen kommt. Eine lange Zugehörigkeit eröffnet dem Mitarbeiter
Einkommensperspektiven, die von außen nicht zu erzielen sind und die mit dem Einstieg von
ganz unten verbunden sind – also mit Tätigkeiten/Stellen, die eigentlich unter den Fähigkeiten
des Mitarbeiters liegen und deshalb zu ‚gering’ bezahlt werden. So bekam früher der
angehende Mediziner als Assistenzarzt für seinen 18 Stunden Tag nichts oder fast nichts
bezahlt, konnte aber damit rechnen, daß er als leitender Arzt/Chefarzt ein sehr auskömmliches
Einkommen erzielen würde. In vielen freien Berufen, die in Gemeinschaftsorganisationen
ausgeübt werden (Wirtschaftsprüfer, Investmentbanker etc.), ist diese steile Entlohnungsform
heute ebenso normal wie in den oberen Rängen großer Firmen und wird daher mit einer
rigorosen Altersbeschränkung verbunden (häufig ist mit 60 Schluß).

Ebenso kann der hohe gesetzliche Schutz, den langjährige und ältere Mitarbeiter dem Gesetz
und den Tarifverträgen nach genießen, ebenfalls als Senioritätsentlohnung angesehen werden.
Der offenbar hohe Geldwert dieses Schutzes muß von den Mitarbeitern vorab bezahlt werden
und damit aber auch irgendwann enden – nämlich mit der Kündigung von Alters wegen.

II.3 Betriebsrenten und Abfindungen als Ersatz

Die enge Verknüpfung von (staatlich fixiertem) Rentenbezugsalter und (privatrechtlicher)
Kündigung von Alters wegen ist nicht so zwingend, wie in den beiden vorigen
Teilabschnitten dargelegt. Der Staat müsste den Arbeitgebern nicht in dieser Form
beispringen. Es gibt auch privatwirtschaftliche Mittel nach Dauer der Betriebszugehörigkeit
zu entlohnen und ein Ende der Zugehörigkeit aus freien Stücken herbeizuführen.

Denn das, was für die Rente der Rentenversicherung gilt, gilt natürlich auch für die
Betriebsrenten. Deren maximaler Wert kann im Rahmen privatwirtschaftlicher
Vereinbarungen so gestaltet werden, daß der Zeitpunkt, zu dem es sich für den Mitarbeiter
lohnt, das Unternehmen zu verlassen, mit dem Zeitpunkt zusammenfällt, bei dem die Schuld
des Arbeitgebers aus Senioritätsentlohnung beglichen ist. Wer weiterarbeitet, verringert sein
(Betriebs-)Rentenvermögen. Natürlich gilt auch hier, daß die individuelle Bewertungen zwar
zu individuell abweichenden Bezugsaltern führen, diese aber aller Voraussicht nach nicht zu
durchschnittlich weit abweichenden Entscheidungen führen.

Das naheliegendste Mittel, die Wünsche von Arbeitnehmern und Arbeitgebern über das
Ausscheiden des Arbeitnehmers zur Deckung zu bringen, sind die Abfindungen. Mit ihnen
läßt sich der optimale Zeitpunkt des Rentenbezugs verkürzen. Die Abfindung muß dem
Optionswert des Hinausschiebens des Rentenbezugs entsprechen. Dann verlässt der
Arbeitnehmer aus freien Stücken das Unternehmen

Abfindungen, Betriebsrenten und die (staatliche) Rente sind also im Hinblick auf ihre
Wirkung als Auslöser der Entscheidung für den Renteneintritt äquivalent (auch wenn die
damit verbundenen optimalen Zeitpunkte für den Renteneintritt faktisch nicht
übereinstimmen). Es gibt keine Notwendigkeit, die Dauer von Arbeitsverträgen und das
Rentensystem zu koppeln. Es kann den unselbständig Tätigen und ihren Vertretungen
überlassen bleiben, die ihren Planungen angemessenen Abfindungsregeln zu vereinbaren.
Insbesondere der Kündigungsschutz, den ältere Arbeitnehmer ‚genießen’, sollte durch
Regelungen für Abfindungen ersetzt werden.

Vermutlich ist das fixierte Rentenbezugsalter heute die Folge einer (fast) stillschweigenden
Vereinbarung von Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretern. Das Übermaß an Schutz soll für
die Unternehmen erträglich bleiben. Daher nimmt man das staatliche gesetzte Recht, die
Leute mit 65 entlassen zu dürfen, gerne in Anspruch. Aus der Sicht der unselbständig
Beschäftigten empfiehlt es sich jedoch, das Zeitfenster zum Bezug der Rente weit zu öffnen –
unter Wahrung der versicherungstechnischen Ab- und Zuschläge und dem Aufbau von
eigenem, nicht staatlich fixiertem Alterseinkommen. Die Bindung aber zwischen
Rentenbezugsalter und Kündigungsrecht sollte zerschlagen werden.

   III.    Die Folgen eines fixierten Renteneintrittsalters.

Zur Vereinfachung wird für die Rentendebatte – wie hier auch – unterstellt, daß alle
Individuen daran interessiert sind, den Konsum über die Lebensalter einigermaßen gleich zu
verteilen, also nicht mit 40 Champagner zu schlürfen und ab 70 unter Brücken zu schlafen.
Daß nicht jeder die Präferenz für einen über die Lebensjahre gleichmäßig verteilten Konsum
hat, ist aber offensichtlich. Außerdem dürfte die Begeisterung für Freizeit, die seit der
Erfindung der Rente auf jeden Fall nicht gleichmäßig verteilt ist, ebenfalls unterschiedlich
sein. Drittens sind die Leistungsfähigkeit und die Erwerbsfähigkeit je nach Art der
Berufstätigkeit unterschiedlich. Viertens ist zu berücksichtigen, daß die Fähigkeiten aus dem
Konsum und/oder der Freizeit und/oder der Berufstätigkeit Nutzen zu ziehen ebenfalls z.T.
sehr unterschiedlich ausfallen. Schließlich, aber sicher nicht der letzte Punkt haben die
meisten eine Idee, wie lange sie leben werden. Mit individuellen Lebenserwartungen lohnt es
sich früher oder später in Rente zu begeben. Der Heterogenität dieser Wünsche und
Möglichkeiten wird ein fixiertes Renteneintrittsalter nicht gerecht (siehe Skinner, 2007,
Lührmann ,2007, und Scholz/Seshardri/Khitatrakun, 2006, zu den Gründen der Individuen für
die Wahl des Renteneintrittsalters).

Wenn diese Aussage richtig ist, sind viele berufstätig, die gerne schon auf Rente und viele
sind schon in Rente, die gerne noch berufstätig wären. Daraus folgt, daß viele frustriert sind
und leiden, weil sie sich in einem Zustand befinden, dem sie nicht entfliehen können. Sind
Individuen in dieser Weise gefangen, reagieren sie mit Krankheit oder auch Flucht in die
Krankheit. Wenn darüberhinaus noch, der einzige vor Gott und der Welt akzeptierte Grund
für den vorzeitigen Bezug von Rente die Krankheit ist, müsste es mit dem Teufel zugehen,
wenn die Welt nicht voll 55-65-jähriger Kranker wäre. Wie viel es sind und ob man
abschätzen kann, wie viel davon gesund wären, wenn sie denn nicht gefangen wären, bedarf
eingehender Untersuchung.

Jenseits der Fehlallokation von Arbeitszeit und Rentenzeit hat ein fixiertes Renteneintrittsalter
aber auch einen erheblichen Einfluß auf die Humankapitalbildung. Mit einem fixierten
Renteneintrittsalter lohnt es sich weder für den Arbeitgeber, noch für den Arbeitnehmer, im
Jahr davor Anstrengungen zu unternehmen, um die Arbeitsleistung zu verbessern. Wenn es
aber im 64ten Jahr nicht lohnt, lohnt es sich im Zweifel auch nicht im 63ten. Je nach der
Reifedauer und dem Ausmaß der je damit erworbenen Optionen senkt ein fixiertes
Rentenalter die Investitionen ins Humankapital. Dies gilt in besonderer Weise für Frauen, die
einerseits vom Rentensystem massiv begünstigt werden, aber auf Grund des nach wie vor
‚krummen’ Lebenslaufs auch später Verbesserungen des Humankapitals bedürfen, die sich
dann doppelt nicht lohnen. Tritt an Stelle eines fixierten Eintrittsalters ein Erwartungswert des
Eintrittsalters, lohnen sich höhere Investitionen ins Humankapital, die dann besser auf die
Interessen und Möglichkeiten der Individuen zuzuschneiden und folglich wertvoller sind.


Anmerkungen

   1) Die Antwort ist nur so lange schnell gegeben, wie die Pflegekosten außer Acht
      bleiben. Die Pflegekosten fallen in dem Alter ins Gewicht, in dem die Hinfälligkeit so
      stark zunimmt wie die Fähigkeit der Eigenvorsorge abnimmt. Die Ausgaben nehmen
      sprunghaft zu und steigen auf ein Niveau, das leicht das 4-fache der durchschnittlichen
      Rente erreicht. Dank der Pflegeversicherung können wir zumindest im Augenblick
      aufatmen. Die Art ihrer Konstruktion gibt jedoch zu größter Sorge Anlaß. Der Mangel
      an Rücklagen kann nicht von einer Versicherung gedeckt werden – schon gar nicht
      von einer umlagefinanzierten. Wenn Ausgaben fast sicher nötig sind, weil fast jeder in
      diesen Zustand kommt, dann muß jeder sparen (Wüßten zwei Personen, daß sie eine
      Dialyse im Wert von 100.000 € brauchen werden, dann macht es keinen Sinn, sich
      gegenseitig zu versichern!).
   2) Witwen- und Waisenrenten z.B. durchbrechen das Versicherungsprinzip, weil für
      Kinder und Ehegatten ja nichts extra einbezahlt wurde. Eine wegen frühen Todes
      mögliche Minderinanspruchnahme steht den anderen Versicherten zu, nicht den
      Waisen und nicht den Witwen. Diese Renten müssen außerhalb des Rentensystems
      finanziert werden – zu Beispiel durch Kapitallebensversicherungen.
   3) Die Umlagefinanzierte Rente hat keinen Kapitalstock, der mit steigenden
      Einzahlungsüberschüssen zunimmt und mit sinkenden (mehr Auszahlungen als
      Einzahlungen) abnimmt. Daher ist sie gegen langfristige Schwankungen wie die der
      Erwerbsbevölkerung sehr anfällig! Eine umlagefinanzierte Rente begünstigt im
      Moment der Einführung die augenblicklichen Rentner und die, die davor stehen,
      Rentner zu werden. Sie erhalten eine Rente, die sie nicht erarbeitet haben. Die
      Einführung einer umlagefinanzierten Rente ist ein Schneeballsystem, für dessen
      Betrieb man normalerweise mit Gefängnis bestraft wird. Überspitzt formuliert ist jeder
      Beitragszahler und jeder Rentner Teil einer kriminellen Vereinigung.
   4) Die Gemeinschaft darf sich dagegen schützen, daß ihre Mitglieder sich selbst
      bedürftig machen. Nur dort, wo offenbar gar keine Chance besteht, durch fortgesetzte
      Arbeit das lebenslange Existenzminimum zu erreichen, sollte ein maximales
      Renteneintrittsalter fixiert werden (Vermutlich waren die 70 Jahre bei Beginn der
      Bismarckschen Rentenversicherung so gesetzt worden – bei einer durchschnittlichen
      Lebenserwartung von 45 Jahren!!). Die Sozialhilfe soll nicht mit dem Hinweis auf
      einen letzten Rest Arbeitsfähigkeit verweigert werden können. Das widerspräche dem
      Sinn der Sozialhilfe.
   5) Auch die allein beitragsfinanzierte Rente hat ein solches Maximum. Unter
      Berücksichtigung der mit dem Alter sinkenden Leistungs- und Genußfähigkeit wird
      die Verschiebung des Renteneintritts mit steigendem Alter auch in diesem Fall immer
      unattraktiver und schließlich Null.
Literaturverzeichnis
(Die hier angegebene Literatur ist internetöffentlich bis auf Lazear (1993))

Börsch-Supan, Axel, H., Reil-Held, Anette, and Christina B. Wilke, How an unfunded
Pension System Looks Like Defined Contriubutions: The German Pension Reform,
Mannheim Research Institute for the Economics of Aging, Nr. 126, 2007

Heidler, Matthias, Leifels Arne und Bern Raffelhüschen, Heterogenous life expectancy,
adverse selection, and retirement behavior, Diskussionsbeiträge Forschungszentrum
Generationenverträge, Nr. 13, 2006

Lazear, Edward P., Personnel Economics, The Wicksell Lectures, 1993

Lührmann, Melanie, Consumer Expenditures and Home Production at Retirement – New
Evidence from Germany, Mannheim Research Institute for the Economics of Aging, Nr. 120,
2007

Scholz, John Karl, Seshardri, Ananth, and Surachai Khitatrakun, Are Americans Saving
‘Optimally’ for Retirement? Journal of Political Economy, Vol. 114, No.4, 2006

Skinner, Jonathan, Are You Sure You’re Saving Enough for Retirement?, Journal of
Economic Perspectives, Vol. 21, No. 3, 2007, p. 59 - 80

Wilke, Christina Benita, On The Feasability of Notional Defined Contribution Systems: The
German Case, Mannheim Research Insitute for the Economics of Aging, Nr. 165, 2008

				
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