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498 DIE SEHRBUNDTS Band IX

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      498   D IE S EHRBUNDTS Band IX
   eine „antichiSSima
 famiglia“: Die Serponti
von Der iSola comacina
    biS nach groSio
  Dichtung unD Wahrheit - oDer:
     WunSch unD Wirklichkeit
         von Sabine Schleichert




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      Vittorio Adamis Werk über die Genealogie der Familien von Varenna1 eröffnet
      den Abschnitt über die Serponti mit folgendem Satz: „Antichissima famiglia ori-
      ginaria dell’Isola Comacina venuta a Varenna subito dopo la distruzione dell’Isola“
      - eine sehr alte Familie, von der Isola Comacina stammend und nach der Zerstö-
      rung der Insel nach Varenna übersiedelt. Die Darstellung dürfte zutreffend sein,
      wie noch zu zeigen sein wird, allerdings hat die Familie selbst über Jahrhunderte
      ihre Herkunft anders geschildert. Ebenfalls Adami schreibt, von den bekannteren
      Familien von der Isola Comacina seien unter anderem die Serponti ausgestor-
      ben.2 Wie bekannt, kann die Abstammung der deutschen Serbont- und Serpont-
      Familien von den de Serponte weiterhin nicht zweifelsfrei bewiesen werden, doch
      spricht vieles für die Richtigkeit der Rekonstruktion; Adamis Aussage wäre in
      diesem Fall zu revidieren. Entsprechend interessant dürfte es sein, das histori-
      sche Umfeld in Norditalien etwas näher zu beleuchten3.

      Der familieneigene Mythos über die Herkunft der Serponti ist recht prägnant im
      gedruckten Nobilitierungsdiplom König Karls III. von Spanien als Herzogs von
      Mailand für Giovanni Antonio de Serponte (1638-1716), datiert auf den 22. Au-
      gust 1710, überliefert. Die Vorfahren seien Grafen deutscher Herkunft, mit den
      kaiserlichen Truppen nach Italien gekommen, um unter Kaiser Heinrich VIII. (kor-
      rekt wäre VII.) für die Rechte des Reiches zu kämpfen, und hätten sich dann im
      Herzogtum Mailand niedergelassen:4 Quam ob rem perpendentes merita majorum
      tuorum [angesprochen ist der Urkundenempfänger Giovanni Antonio de Serpon-
      te], & tua, cuius familia a Germanico sanguine ortum Ducens, Imperialibus Armis Ita-
      liam ingressa, in Mediolani Ducatu suum nobile genus propagavit, benigna ad ornatum
      tui voluntate, propendimus. Ex historiarum quippe, & documentorum fide patet, Comi-
      tem Serapontis, pro juribus Imperii sub Henrico Octavo strenue dimicentem, ibi mortem
      obiisse, relicto post se Joanne filio.5
      Dieser Druck (Abb. rechte Seite) fand sich in einer Akte im Zusammenhang mit
      einem 1735 gestellten Gesuch von Giovanni Giorgio Valeriano de Serponte, Enkel
      des genannten Giovanni Antonio, um Aufnahme in das Juristenkolleg der Stadt
      Mailand („Collegium DD. Judicum, Comitum & Equitum Excellentissimae
      Urbis Mediolani“). In derselben Akte fand sich auch ein mit dem Jahr 1819
      überschriebener Zettel mit dem Siegelabdruck des Wappens der Serponti und

      1
        Vittorio Adami: Cenni Genealogici sulle famiglie di Varenna e del Monte di Varenna, 1923, ND Lecco 2003, hier S. 144-148.
      2
        Vittorio Adami: Varenna e Monte di Varenna. Saggio di storia comunale, Mailand 1927, ND Lecco 1998, S. 18.
      3
        Eine sehr umfangreiche und bisher nur teilweise ausgewertete Bibliographie zum Veltlin und zu Norditalien findet sich
      http://www.castellomasegra.it/portale.php, Bibliografia (20. Juli 2009).
      4
        Merkwürdigerweise war aber um diese Zeit eigentlich Philipp V. König von Spanien; sein Sohn Karl, der später als Karl III. herrschte, wurde
      erst 1716 geboren. 1710 war Mailand infolge des Spanischen Erbfolgekrieges in österreichischer Hand.
      http://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_V._(Spanien);
      http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Herrscher_von_Mailand (beides 21. September 2008).
      5
        AS (Archivio di Stato) Mailand, Dokument 2. Die im folgenden so bezeichneten Dokumente wurden uns von einem Mailänder Historiker zur
      Verfügung gestellt, der aber leider nicht in der Lage war, auch die korrekten Signaturen der Archivalien anzugeben.
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               Abbildung 1: Nobilitierungsdiplom, 1710 (AS Mailand,
                                    Dokument 2)

dem folgenden Text: Origine da Sarbruch, in Italia da Varenna sul lago di Como,
come si vede nel Diploma di Giov. Galeazzo Visconti Duca di Milano di Cittadinanza
di Milano concessa Nobili viro Tomaxio de Serponte in data di Pavia 8. Genn. 1397.
Demnach behaupte eine Ende des 14. Jahrhunderts ausgestellte Bürgerrechts-
verleihung die Herkunft noch etwas genauer aus „Sarbruch“, also aus Saar-
brücken.
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             Abbildung 2: Vermerk über Herkunft aus „Sarbruch“, 1819 (AS Mailand, Dokument 2)


      Die sozusagen offiziöse Darstellung geht also davon aus, dass die Familie von
      germanischem oder deutschem Ursprung sei, mit den Truppen des späteren Kai-
      sers Heinrich VII. nach Italien gezogen, dass der Comes Serapontis dort unter Hin-
      terlassung eines Sohnes Johann gestorben sei, und dass sich die Familie dann im
      Raum Mailand angesiedelt habe.6
      6 Diese Aussage wurde vermutlich zum ersten Mal 1848 veröffentlicht: L. Tettoni und F. Saladini: Teatro araldico, ovvero Raccolta generale
      delle armi ed insegne gentilizie delle più illustri e nobili casate che esisterono un tempo e che tuttora fioriscono in tutta l'Italia, Bd. 8, Mailand
      1848, zu den „Serponti di Milano“, ohne Seitenzählung. In der Folgezeit wurde sie immer wieder zitiert, so etwa bei Corrado Argegni: Con-
      dottiere, Capitani, Tribuni (Enciclopedia Biografica e Bibliografica „Italiana“, Reihe 19, Bd. 3), Mailand 1937, S. 232; Adami, Cenni genealogici,
      S. 145; zuletzt bei Francesco d'Alessio: Serponti di Mirasole. Vicende di un grande casato lecchese tra Varenna, Milano e Germanedo, in: Archi-
      vi di Lecco 29 (2006), H. 2, S. 88-136, v.a. S. 89-91, und auf der Webseite http://www.iagi.info/genealogienobili/ (letzter Zugriff unter der dama-
      ligen Adresse http://www.sardimpex.com im Herbst 2008; da die Seite inzwischen registrierungspflichtig ist und die Autorin als Benutzerin
      nicht akzeptiert wurde, hat sie keinen Zugang mehr). - Kein Eintrag zur Familie Serponti findet sich in: Enrico Casanova: Nobiltà lombarda.
      Genealogie, Mailand 1930.
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Nun ist die Rückführung auf mehr oder weniger spekulative, möglichst elitäre
familiäre Ursprünge in Adelskreisen weit verbreitet. 7

Die Behauptung ist aber sehr viel älter, denn sie findet sich tatsächlich erstmals in
der oben angesprochenen Verleihung des Mailänder Bürgerrechts an Tommaso
de Serponte durch Gian Galeazzo Visconti im Januar 1397, deren Text vollständig
bei Tettoni zitiert wird. Dort heißt es zur Begründung: Cumque autem nobilis vir
Tomasius de Serponte, filius quondam Antonii de Varena, nobis exposuerit ingentia servi-
tia illustrissimis nostris progenitoribus praestita et praecipue per spectabilem et genero-
sum militem comitem de Serponte, qui ab Austrasia cum militaribus copiis in Hetruriam
ad Henricum septimum imperatorem transiens nullo periculi genere, pro amplitudine et
potentia nostra ac Gibellinorum incolumitate perterritus fuit. Quod cum pluribis vicibus
contra Guelphos inimicos nostros obtinuisset, mortuo serenissimo Imperatore Henrico,
nostris stipendiis, et favoribus illectus dictus comes Serpontanus, seu de Sarbruch, ejus
posteritati summam gloriam, et nobis curam precipuam eam favoribus nostris amplissime
condecorandi reliquit.8 Ergänzend schreibt Tettoni unter Verweis auf eine Urkun-
denpublikation des 18. Jahrhunderts, ein Graf de Serponte sei auch Mitglied der
von König Heinrich VII. im Jahr 1309 zu Papst Clemens V. geschickten Delegation
tion gewesen.9 Manche späteren Veröffentlichungen setzen diesen Gesandten der
Einfachheit halber gleich mit dem o.g. Tommaso de Serponte gleich.10 Weiter fin-
det sich immer wieder die Behauptung, Tommaso de Serponte sei 1313 zum armi-
gerorum praefectus Mediolani ernannt worden und habe dem Haus Visconti mit
einem eigenen Kavallerieregiment gedient.11

Nun wird schon aus Altersgründen kaum jemandem, der 1313 als Mitglied einer
diplomatischen Delegation auftritt, achtzig Jahre später das Bürgerrecht verlie-
hen worden sein. Während man hier noch die Verwechslung von Personen inner-
halb einer Familie annehmen könnte, so wirft eine genaue Analyse des Textes der
Bürgerrechtsverleihung von 1397 erhebliche Fragen auf. Denn liest man den Text
genau, wird hier ähnlich wie in dem Diplom von 1710 nur behauptet, dass erstens
Tommaso de Serponte, Sohn des verstorbenen Antonio de Serponte aus Varenna,
„den Vorfahren“ Gian Galeazzos außerordentliche Dienste geleistet habe, und
dass zweitens ein Graf „de Serponte“ von Austrasien (dem karolingischen Kern-
land zwischen Aachen und Metz) mit einem Heer nach Etrurien - also Mittelitali-

7 Als nur ein Beispiel seien die bayerischen Freiherren von Pfeffel genannt, die Anfang des 19. Jahrhunderts in ihrem Antrag auf Erhebung in
den Freiherrenstand die Familie - urkundlich gänzlich unbegründet und unbelegt - mit einem immerhin tatsächlich existiert habenden mittel-
alterlichen Minnesänger namens Pfeffel beginnen ließen.
8 Tettoni/Saladini, Teatro araldico. Da die meisten Formulierungen des Familienmythos der Serponti, wie beispielsweise das oben zitierte Pri-
vileg, aus dem Umfeld der Standeserhöhungen des 17. und 18. Jahrhunderts stammen, wäre es zunächst nicht abwegig anzunehmen,
dass die Familie irgendwann um diese Zeit die gewisse Namensähnlichkeit zwischen Serponti und „Saraponte“ aufgegriffen hat und selbst
gerne glauben wollte, es habe tatsächlich eine Abstammung von einer deutschen Grafen- und damit Hochadelsfamilie bestanden.
9 Johann Christian Lünig: Codex Italiae Diplomaticus, Bd. 2, Frankfurt/Leipzig 1726, Sp. 759f., Nr. 40.
10 Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 37, 53.
11 Adami, Cenni genealogici, S. 145f. Das angebliche eigene Kavallerieregiment der Serponti taucht auch schon bei Tettoni/Saladini, Teatro
araldico, auf, aber ohne Quellenangabe.
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      en - „zu Kaiser Heinrich VII.“ marschiert und nach dessen 1313 erfolgtem Tod in
      Mailänder Dienste getreten sei. Von einem direkten familiären Zusammenhang
      zwischen diesen beiden ist, genau genommen, nicht die Rede. Lassen sich die
      Quellen ausfindig machen, die die Grundlage dieser Darstellung bilden?

      Heinrich VII. (ca. 1278-1313) aus dem Haus der Luxemburger wurde im Novem-
      ber 1308 von den deutschen Fürsten zum römisch-deutschen König gewählt und
      im Januar 1309 gekrönt. Seit karolingischer und ottonischer Zeit verband sich mit
      dem fränkisch-deutschen Reich die Vorstellung, die Würde des antiken römischen
      Reiches sei auf dieses übergegangen, woraus die Herrscher den Anspruch ablei-
      teten, vom Papst als dem geistlichen Oberhaupt der Christenheit zum römischen
      Kaiser als dem obersten weltlichen Herrscher gekrönt zu werden.12 In der Praxis
      lagen die Dinge aber nicht so einfach. Dem universalen Anspruch des Kaiser-
      tums stand die Eigenständigkeit christlicher Länder wie Frankreich entgegen, das
      nicht dem Reich angehörte und den kaiserlichen Machtanspruch daher nur be-
      dingt akzeptierte. Dieser europäische Machtanspruch wurde auch nicht unbe-
      dingt dadurch gestützt, dass es ausschließlich die deutschen Kurfürsten waren,
      die den römisch-deutschen König bestimmten. Die Päpste als geistliches Ober-
      haupt der Christenheit residierten seit 1309 im französischen Avignon, standen
      dadurch einerseits unter französischem Einfluss, verfolgten aber andererseits ihre
      eigenen universalen Machtansprüche.

      Den norditalienischen Kommunen des Lombardischen Bundes, rechtlich dem
      römischen Reich zugehörig, war im Frieden von Konstanz 1183 weitestgehende
      Eigenständigkeit zugestanden worden, solange sie ihre führenden Amtsträger
      von kaiserlichen Beauftragten bestätigen ließen und keine Gesetze erließen, die
      in direktem Widerspruch zum Reichsrecht standen. Von ihnen wurden die Köni-
      ge, wenn sie auf dem Romzug zur Kaiserkrönung norditalienisches Gebiet pas-
      sierten, nicht so sehr als Oberhaupt der Christenheit gesehen, sondern eher als
      zusätzlicher Machtfaktor, mit dessen Hilfe eigene Interessen der verschiedenen
      Parteiungen durchgesetzt werden konnten. Diese Gruppierungen traten zwar
      immer noch unter den alten, aus dem 12. Jahrhundert stammenden Schlagwor-
      ten der Ghibellinen (staufer- und kaiserfreundliche Partei) und Guelfen (welfen-
      und papstfreundliche Partei) auf, in Wirklichkeit ging es aber in erster Linie um
      regionale und lokale Interessengegensätze. Auch in wirtschaftlicher und sozialer
      Hinsicht waren die norditalienischen Städte völlig anders strukturiert als die Län-
      der nördlich der Alpen. Während im Norden die Stellung des Adels im Wesentli-
      chen auf der Lehnsherrschaft über ländliche Gebiete beruhte, waren die Adeligen


      12 Heinz Thomas: Translatio imperii, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 8, München 1999, Sp. 944-946; Werner Goez: Translatio imperii. Ein Bei-
      trag zur Geschichte des Geschichtsdenkens und der politischen Theorien im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, Tübingen 1958.
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 - die hier wie dort Träger der militärischen Macht waren - in Norditalien integra-
ler Bestandteil der städtischen Kommunen. Weiter südlich in Italien versuchte
das Papsttum, trotz räumlicher Abwesenheit seinen Zugriff auf den Kirchenstaat
zu bewahren, und noch weiter südlich, das Königreich Neapel, seinen Einfluss
auszudehnen. 13

Vor dieser Gemengelage spielte sich nun der Romzug König Heinrichs ab. Für
die Vorbereitung seiner Krönung zum Kaiser schickte er Anfang Juni 1309 eine
Gesandtschaft zum Papst nach Avignon.14 Zu Mitgliedern der Gesandtschaft, die
sechs Wochen später in Avignon vorsprach, ernannte Heinrich neben Amadeus
von Savoyen und Guido von Flandern auch Joannem Comitem de Saraponte; inso-
fern hat Tettoni mit seiner oben angeführten Behauptung Recht.15 Der Romzug
selbst begann im Oktober 1310. Offenbar ging Heinrich davon aus, dass die per-
sonellen und materiellen Ressourcen, die sich aus den Reichsrechten in Nordita-
lien ergaben, ihm auch tatsächlich zur Verfügung stehen würden, denn er brach
mit einer relativ kleinen Truppe und geringen finanziellen Mitteln auf.16 Sich selbst
als unparteiischen Friedensbringer sehend, traf er auf dem Weg durch die Städte
der Po-Ebene mehrmals Regelungen, die die verfeindeten - ghibellinischen und
guelfischen - Parteien miteinander versöhnen sollten, die aber der Komplexität
der Lage in den italienischen Stadtstaaten nicht gerecht wurden. Da die meisten
Städte auf seinem Weg zuvor in guelfischer Hand gewesen waren, bedeutete eine
„Versöhnung“ der Parteien letztlich eine Begünstigung der Ghibellinen und führ-
te dazu, dass die Guelfen unter Führung der Stadt Florenz sich zunehmend ge-
gen Heinrich in Stellung brachten. 17

In Mailand hatten die ghibellinischen Visconti einige Jahre zuvor - 1302 - die Stadt
verlassen und die Herrschaft den guelfischen della Torre überlassen müssen.
Gemeinsam mit König Heinrich zog im Dezember 1310 das Familienoberhaupt
Matteo Visconti wieder in Mailand ein.18 Die folgenden Monate sahen verlustrei-
che Kämpfe, an deren Ende sich Heinrich gezwungen sah, den ghibellinischen
Führern umfangreiche Kompetenzen dafür zu überschreiben, dass sie ihn weiter
unterstützten. Matteo Visconti erhielt gegen Ende des Jahres 1311 für die Zah-
lung von 50000 Gulden den Titel eines Reichsvikars von Mailand.19
13 Allgemein zum Hintergrund: Kurt-Ulrich Jäschke: Europa und das römisch-deutsche Reich, Stuttgart u.a. 1999; Roland Pauler: Die deut-
schen Könige und Italien im 14. Jahrhundert. Von Heinrich VII. bis Karl IV., Darmstadt 1997; William M. Bowsky: Henry VII in Italy. The Con-
flict of Empire and City-State, 1310-1313, Lincoln NE 1960, S. 4-14; W. Friedensburg: Das Leben Kaiser Heinrichs des Siebenten (Die Ge-
schichtsschreiber der deutschen Vorzeit, Bd. 79/80), 2 Bde., Leipzig o.J., Bd. 1, S. 8-20.
14 http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_VII._(HRR) (18. September 2008).
15 Lünig, ebda. Die Urkunde wurde am 2. Juni 1309 in Konstanz ausgestellt. Ein neueres, ausführliches Regest in den Regesta Imperii: RI VI 4,
1, Nr. 170; http://ri-regesten.adwmainz.de/ (20. November 2008). Die päpstliche Überlieferung dazu: RI VI 4, 1, Nr. 232, 234-246. - Vgl. auch
Bowsky, Henry VII, S. 22 m.Anm. 22.
16 Bowsky, Henry VII, S. 43f., 55f.
17 Bowsky, Henry VII, S. 57ff.
18 Bowsky, Henry VII, S. 68-79. Allgemein zur Geschichte der Visconti: Dorothy Muir: A History of Milan under the Visconti, London 1924;
Ursula Patrucco: Die Geschichte der Visconti. Von den Seeschlachten um die Vorherrschaft über den Lago Maggiore bis zum Herzogtum von
Mailand und Norditalien 1277-1450 (Historia des Lago Maggiore, Bd. 1), Verbania 2001 (mit leider sehr deutlich literarischem Charakter).
19 Bowsky, Henry VII, S. 117-126.
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      Im Frühjahr 1312 erreichten erstmals Truppenverstärkungen aus Deutschland den
      König, der inzwischen in Pisa angekommen war.20 Die Kaiserkrönung in Rom im
      Juni 1312 gelang nur nach weiteren Kämpfen und genügte den protokollarischen
      Ansprüchen nicht gänzlich - so musste sie im Lateran vollzogen werden, weil die
      Kirche St. Peter von den gegnerischen Truppen gehalten wurde und nicht zu-
      gänglich war.21 Da Heinrich nicht genug Geld hatte, um seine Truppen zu bezah-
      len, und die deutschen Heerführer ihre Lehensverpflichtungen mit vollendeter
      Kaiserkrönung als beendet ansahen, zogen viele der deutschen Soldaten zurück
      Richtung Heimat.22 Nachdem sich eine erneute Verschärfung der Situation und
      eine neuerliche Auseinandersetzung, diesmal mit Robert von Anjou, König von
      Neapel, andeutete, forderte Heinrich um die Jahreswende 1312/1313 erneut Trup-
      pen aus den nördlichen Reichsteilen an, die Anfang Mai in Pisa antreten sollten.
      Die Aufstellung dieser Verstärkung kam aber nur sehr zögerlich voran, so dass
      Truppen erst im August 1313 von Deutschland aus nach Süden aufbrachen23 - zu
      spät, denn Heinrich zog zunächst ohne das Entsatzheer weiter, starb Ende dieses
      Monats vor Siena und wurde in Pisa begraben. Das gesamte Heer zerstreute sich
      nach dem Tod des Herrschers schnell; einige deutsche Ritter blieben allerdings in
      Italien und kämpften u.a. im Sold des ghibellinischen Pisa, das im August 1315
      der Stadt Florenz bei Montecatini eine empfindliche Niederlage zufügte.24 Auch
      in späteren Jahren kämpfte deutsche Reiterei für die Visconti, aber ebenso im
      Dienste anderer Parteiungen Norditaliens, etwa der guelfischen della Scala. Die-
      se Zusammenhänge fanden bisher keinen hinreichenden Niederschlag in der
      Forschung. Von großem Interesse ist daher der kurze Hinweis Wolfgang von Stro-
      mers auf die enge Verbindung zwischen Söldnertätigkeit und Handel, insbeson-
      dere Fernhandel. Die Söldner erhielten viel Geld für ihre Dienste, was ihnen den
      Aufbau eigener kommerzieller Aktivitäten ermöglichte. Entsprechend weisen die
      Ähnlichkeiten in den Namen der Protagonisten darauf hin, dass es personelle
      Zusammenhänge zwischen Söldnern einerseits und spätmittelalterlichen deut-
      schen Handelsfirmen andererseits gegeben haben muss. Die Verleihung des Mai-
      länder Bürgerrechts an sich dort ansiedelnde ehemalige, nun zu Unternehmern
      gewordene Söldner wäre insofern eine logische Folge gewesen.25

      Matteo Visconti, dem der Titel eines Reichsvikars angesichts der neuen Situation
      nach dem Tod Kaiser Heinrichs nicht für die Legitimation seiner Herrschaft in
      Mailand ausreichte, ließ sich nur einen Monat später, im September 1313, von

      20 Bowsky, Henry VII, S. 154.
      21 Bowsky, Henry VII, S. 159-167.
      22 Bowsky, Henry VII, S. 170f., 177.
      23 Bowsky, Henry VII, S. 194. Anderslautend der Geschichtsschreiber Albertino Mussato, nach dessen Aussage Truppen im Juni 1313 eintra-
      fen; Friedensburg, Leben Kaiser Heinrichs, Bd. 1, S. 326f., vgl. ebenda S. 372 (Guilelmo Cortusio); Pauler, Die deutschen Könige, S. 111f.
      24 Bowsky, Henry VII, S. 204-207; Friedensburg, Leben Kaiser Heinrichs, Bd. 1, S. 390f., Bd. 2, S. 144f., 161f.
      25 Wolfgang von Stromer: Oberdeutsche Hochfinanz 1350-1450, 3 Bde. (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Beihefte 55-
      57), Wiesbaden 1970 (Habil.Nürnberg), S. 62-66; Pauler, Die deutschen Könige, S. 36; Muir, History of Milan, S. 30 (deutsche Reiterei im Dienst
      der Visconti, 1329), 34 (deutsche und schweizerische Söldner im Dienst der della Scala).
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einer allgemeinen Ratsversammlung der Stadt zum uneingeschränkten Stadtherrn
erklären. Damit etablierte sich die Signorie-Verfassung als erbliche Herrschafts-
form in Mailand. Die Visconti behielten die Stadt bis zum Tod des letzten männ-
lichen Namensträgers Filippo Maria Visconti im Jahr 1447 in ihrer Hand und
wurden dann von den Sforza abgelöst, deren erster Vertreter Francesco eine Vis-
conti-Tochter geheiratet hatte.

Und dieser „Graf von Saraponte“? Es handelt sich nicht um einen Serponti, son-
dern um einen Grafen von Saarbrücken-Commercy. Johann I. Graf von Saarbrü-
cken-Commercy (vor 1298-1341) wird zum Umfeld und zu den Unterstützern der
Luxemburger gezählt; ihn zur Vorbereitung der Kaiserkrönung des Luxembur-
gers Heinrich VII. nach Rom zu schicken, erscheint daher sehr viel einleuchten-
der als die Annahme, ein lokaler norditalienischer Patrizier sei von König Hein-
rich VII. mit der Wahrnehmung seiner Interessen beauftragt worden.26

In den die Serponti betreffenden Veröffentlichungen findet sich teilweise auch
die Behauptung, ein Simon, Sohn von Giovanni de Serponte, habe im Juni 1309
eine Margaretha von Savoyen, Witwe von Jean de Chalon und Schwester von
Amadeus von Savoyen, geheiratet. Das hätte die Einheirat in eine der bedeutends-
ten spätmittelalterlichen Herrscherfamilien des Alpenbogens bedeutet.27 Über-
prüft man die Genealogie des Hauses Savoyen, findet sich in der Tat eine
Margaretha - zwar als Nichte, nicht Schwester von Amadeus V. von Savoyen,
aber sie heiratete tatsächlich 1293 Jean de Chalon und ein zweites Mal 1309. Der
zweite Ehemann aber war kein Serponti, sondern Simon, Sohn des uns nun schon
bekannten Grafen Johann I. von Saarbrücken-Commercy.28 Der Ehekontrakt da-
tiert wenige Tage nach der Beauftragung der Romgesandtschaft, der sowohl Johann
von Saarbrücken als auch Amadeus von Savoyen angehörten; der Ort der Ehe-
schließung selbst scheint nicht bekannt zu sein, doch darf man immerhin voraus-
setzen, dass der Vater des Bräutigams anwesend war.29

Ob Johann von Saarbrücken schon Mitglied der ursprünglichen Begleittruppe
König Heinrichs war, ist unklar. Erst nach dem Tod des Kaisers ist er eindeutig in
Italien nachgewiesen: sein Name wird unter den Teilnehmern der Schlacht von
Gaggiano (bei Mailand) Ende September 1313 genannt, bei der die Mailänder
Guelfen unter den della Torre eine Niederlage gegen die Visconti und die Ghibel-
linen erlitten. Auf der Seite der Visconti, so heißt es, hätten deutsche Ritter ge-

26 http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Grafen_von_Saarbr%C3%BCcken (21.September 2008).
27 Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 53.
28 http://fmg.ac/Projects/MedLands/SAVOY.htm; http://fmg.ac/Projects/MedLands/BURGUNDY%20Kingdom.htm#Louisdied1302B (13. Juli
2009). Detlev Schwennicke (Hrsg.): Europäische Stammtafeln. Stammtafeln zur Geschichte der europäischen Staaten, NF Bd. 2, Marburg 198,
Tafeln 190, 193; ders. (Hrsg.): Europäische Stammtafeln, NF Bd. 18: Zwischen Maas und Rhein, Frankfurt 1998, Tafel 143.
29 Schwennicke (Stammtafeln XVIII, 143) gibt an, der Heiratsvertrag sei in Vienne geschlossen worden, unklar bleibt, ob er damit einen der
gleichnamigen Orte in Frankreich oder gar Wien meint.
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      kämpft, die auf dem Rückweg von der Beerdigung Kaiser Heinrichs nach Deutsch-
      land waren - darunter eben, so ist aus der Nennung für Gaggiano zu schließen,
      Johann von Saarbrücken.30

      Im November diesen Jahres31 versuchten die Guelfen unter Führung von Filippone
      Langosco, Herr von Pavia, das von den Ghibellinen unter Galeazzo Visconti ge-
      haltene Piacenza - nicht weit von Mailand - zurückzuerobern, worauf es zu ei-
      nem Ausfall der ghibellinischen Reiterei und einer vernichtenden Niederlage der
      Guelfen kam. Hierzu berichtet Giovanni da Cermenate, ein Mailänder Geschichts-
      schreiber, der als Syndicus und Notar der Stadt Mailand selbst Augenzeuge der
      Auseinandersetzungen dieser Jahre war, in seiner „Historia“:32 „Die Berittenen
      aller Gattungen aber, welche Galeaz um sich hatte, erreichten nicht einmal die
      Zahl zweihundert. Sie schlossen sich an das Vordertreffen des leichten Fußvolkes
      an. An ihrer Spitze erblickte man neben Vasallus de Desio33 den Grafen von
      Seraponte, von dem ich nicht weiß, ob er ein Franzose oder ein Deutscher war, da
      er beider Sprachen mächtig war.34 Dieser, welcher sich damals auf dem Weg nach
      Tuscien zum Kaiser befand,35 hatte sich einige Tage als Gast in Piacenza aufgehal-
      ten und sich durch Bitten und Geschenke wie auch durch seinen kriegerischen
      Ehrgeiz bestimmen lassen, das Unternehmen der Guelfen, von welchem das Ge-
      rücht sprach, abzuwarten.“ Vasallus de Desio habe, so schreibt Giovanni da
      Cermenate weiter, den Seraponte auf Filippone Langosco hingewiesen und die
      Befürchtung geäußert, dessen Reiterei sei der eigenen überlegen. „Nicht vergebens
      verhallten diese Worte! Kaum nämlich hatte sie der Graf [Seraponte] vernommen,
      als er seiner Schaar mit lauter Stimme Befehl zum Vorrücken gab und mit derselben
      rechts ausbog, damit nicht, während er zum Angriff vorginge, die Pferde das zahlrei-
      che ghibellinische Fußvolk auseinandertreiben oder niederreiten möchten.“ Im dar-
      auf folgenden allgemeinen Handgemenge nimmt ein exilierter, also wohl ghibel-
      linischer Bürger von Pavia wahr, „daß Graf Philippo mit seiner Streitaxt den Grafen
      von Seraponte und dessen Sohn Johannes, welcher seinem Vater zu Hilfe sich in die
      feindliche Schlacht gewagt hatte, bedroht, [und] eilt (...) mit den Worten auf ihn zu:
      ‘Du, Graf [Langosco], der Urheber meiner Verbannung, solltest frei von hinnen ge-
      30 Unter Datierung auf August 1313: Friedensburg, Leben Kaiser Heinrichs, Bd. 2, S. 145. - http://www.condottieridiventura.it/tabellestoria/
      1311.htm; http://it.wikipedia.org/wiki/Matteo_I_Visconti; http://www.storiadimilano.it/cron/dal1301al1325.htm (14. Juli 2009).
      31 Zur Datierung der Schlacht um Piacenza: http://www.condottieridiventura.it/tabellestoria/1311.htm (14. Juli 2009).
      32 Kapitel 64. Roland Pauler (Hrsg.): Das Leben Kaiser Heinrich [sic] VII. Berichte der Zeitgenossen über ihn (Quellen zur mittelalterlichen
      Geschichte in Übersetzung, Bd. 1), Neuried 1999, S. 497-499; Friedensburg, Leben Kaiser Heinrichs, S. 549f. Zur Biographie Giovanni da Cer-
      menates vgl.Pauler, Leben Kaiser Heinrich, S. 19-21. Allgemein Maria Elisabeth Franke: Kaiser Heinrich VII. im Spiegel der Historiographie.
      Eine faktenkritische und quellenkundliche Untersuchung ausgewählter Geschichtsschreiber der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts (Forschun-
      gen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters = Beihefte zu J.F. Böhmer, Regesta Imperii, Bd. 9), Köln u.a. 1992. - Auch Tettoni/Saladini,
      Teatro araldico, zitiert Cermenate für seine Angaben zu den Serponti und mit der Angabe, die Handschrift befinde sich in der Mailänder Bibli-
      othek Ambrosiana. Weitere von Tettoni/Saladini als Quellen für die Geschichte der Serponti genannte Geschichtsschreiber, die bisher nicht
      weiter identifiziert werden konnten: Struvio, Raynaldi, Vecerio und Baluzio.
      33 Ein Vertrauter Galeazzo Viscontis; Pauler, Leben Kaiser Heinrich, S. 496.
      34 Cermenate hielt die Deutschen im Wesentlichen für Barbaren und warf ihnen auch im Zusammenhang mit Heinrichs Italienzug Raub,
      Plünderung, Mord und Brand vor, ging aber andererseits davon aus, dass das Kaisertum seit Karl dem Großen den Deutschen zustehe - solan-
      ge sie die Italiener, die die Aufgaben des Reichsoberhauptes finanzierten, gerecht behandelten. Franke, Kaiser Heinrich, S. 83, 98f., 103, 314.
      35 Angesichts der Tatsache, dass der Kaiser zu diesem Zeitpunkt schon drei Monate tot war, ist dies ein offensichtlicher Irrtum. Klar scheint
      aber zu sein, dass der "Graf von Seraponte" sich quasi auf der Durchreise befand. Im Kontext zu den vorher geschilderten Ereignissen darf
      man davon ausgehen, dass er wie die übrigen deutschen Ritter auf dem Rückweg nach Deutschland war.
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      508    D IE S EHRBUNDTS Band IX
hen?’“, und verwundet Filippones Pferd; das Pferd stürmt vorwärts mitten in die
Feinde hinein, wodurch Filippone von seinen Truppen getrennt wird. „Sterbend stürzt
das Thier auf der anderen Seite des Grabens unter ihm zusammen und läßt ihn in der
gefährlichsten Lage in den Händen der erbitterten Feinde zurück, welche Vasallus
mit Mühe fernhält, damit der Gefangene dem Galeaz, den er rufen läßt, sich erge-
be“.36

Diese Passage von Giovanni da Cermenate dürfte die Quelle für die Behauptung
sein, Graf Johann von Saarbrücken sei im Jahr 1313 dem Kaiser Heinrich VII. nach
Italien nachgezogen. Konkret allerdings sagt die Quelle weder aus, er sei erst 1313
nach Italien gezogen, noch nennt sie den Grafen beim Vornamen. Die Identifikation
mit Johann von Saarbrücken ist zwar trotzdem ziemlich eindeutig, aber es ist keine
Aussage darüber möglich, wann er seinem Kaiser nach Italien nachgezogen ist, zu
welchem der oben geschilderten deutschen Kontingente er also gehörte. Immerhin
wird ein Sohn genannt, aber bei diesem handelt es sich nicht um den uns aus der
Heirat mit dem Haus Savoyen bekannten Simon, sondern um einen Johann. Deutlich
wird auch, dass der Graf und sein Sohn nicht alleine kämpften, sondern dass weitere
Soldaten unter ihrem Befehl standen.

Filippone Langosco geriet in der Tat in Gefangenschaft. Der „sehr lückenhaft ausge-
bildete Opicinus de Canistris, den nach seinen eigenen Worten (...) die Grammatik
langweilte und die Logik ekelte“37 - und der insofern vielleicht nicht unbedingt als
Lehrer geeignet gewesen wäre -, ein Kleriker aus Pavia (1296-vor 1352), schreibt in
einer autobiographischen Passage zum 15. August 1314: Tunc coactus sum morari cum
uxore tunc domini huius urbis [gemeint ist Langosco] iam Mediolani captivi ad eorum filias
litteris instruendas. Von dieser Frau und, im weiteren Text, den "filios" (statt Töchtern)
ist bei ihm noch im Oktober 1315 die Rede.38 Ob nun im Zusammenhang mit der
Schlacht von Piacenza oder anderweitig - etwa zeitgleich geriet offenbar auch Johann
von Saarbrücken mit seinem Sohn in Gefangenschaft, denn derselbe Opicinus schreibt
wenige Wochen vorher, zu Anfang Juli 1314: Cepi docere filium cuiusdam comitis de
Alamania ibi cum patre captivum.39 Die Nennung der Töchter des Filippone Langosco,
die dann als „Söhne“ auftauchen, scheint zu der in der Literatur zu findenden Be-
hauptung geführt zu haben, Johann von Saarbrücken sein aus der Gefangenschaft
erst im Jahr 1315 wieder freigekommen. Die Passage bei Opicinus de Canistris gibt
das nicht her, das Schicksal der beiden Saarbrücker in den folgenden Jahren ist also



36 Vgl. Franke, Kaiser Heinrich, S. 106.
37 Sabine Krüger (Hrsg.): Konrad von Megenberg, Werke, Ökonomik (Buch III) (Monumenta Germaniae Historica, Staatsschriften, Bd. 3,3),
Stuttgart 1984, S. 47, Anm. 208. Vgl. Richard Salomon: Opicinus de Canistris. Weltbild und Bekenntnisse eines avignonesischen Klerikers des
14. Jahrhunderts (Studies of the Warburg Institute, Bd. 1A und 1B); London 1936, S. 23-26.
38 Salomon, Opicinus, S. 208.
39 Ebda.
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      unklar. Zumindest Graf Johann selbst soll 1318 wieder nördlich der Alpen gewesen
      sein, als er auf Seiten Frankreichs Krieg in Flandern führte.40

      Bei dem Sohn Johann handelt es sich um Johann II. von Saarbrücken-Commercy,
      Bruder des Simon von Saarbrücken-Commercy. Über ersteren wird geschrieben,
      er sei zunächst Kanoniker in Verdun, Toul und St. Arnual bei Saarbrücken gewe-
      sen, 1316 dann Domherr in Metz, habe 1326 die Herrschaft Haut-Commercy an-
      getreten und 1335 geheiratet; er starb 1344. 41 Genauere Lebensdaten sind nicht
      bekannt, insbesondere kein Geburtsjahr - vom Vater heißt es, er habe "um 1290"
      oder "vor 1309" geheiratet, der Sohn sei „um 1300“ geboren. 42 Demnach wäre er
      ausgesprochen jung Kanoniker geworden, wobei dies nicht zwangsläufig auch
      den Eintritt in den geistlichen Stand bedeutet. In jedem Fall bleibt unklar, warum
      er seinen Vater auf einem Heereszug begleitet haben sollte - und dabei dann auch
      noch der pädagogischen Unterweisung bedurfte. Immerhin wäre auch der Sohn
      demnach im Jahr 1316 wieder in heimatlichen Gefilden gewesen. Letztlich spielt
      all das auch keine große Rolle, die Familienzusammenhänge wurden hier nur im
      Detail erläutert, um etwaigen Verwechslungen der Saarbrücken mit den Serponti
      auf die Spur zu kommen.

      Die angebliche frühe Geschichte der Serponti, wie sie oben geschildert wurde,
      lässt sich recht eindeutig auf die Geschehnisse um den Grafen von Saarbrücken
      zurückführen: die führende Rolle in den militärischen Aktivitäten der Visconti,
      die Beteiligung eines Sohnes Johann oder Giovanni sowie dessen längerer Ver-
      bleib in Italien - wobei letzteres offenbar der Gefangenschaft geschuldet war, aber
      in eine dauerhafte Niederlassung umgedeutet wurde. Auch der Umstand, dass
      von den deutschen Rittern Kaiser Heinrichs tatsächlich etliche in Italien blieben
      und dort weiter als Söldner kämpften, lässt die Schilderung vom deutschen Ur-
      sprung der Serponti glaubwürdig erscheinen, so wie es in der Absicht der Fami-
      lie lag. Ein versehentlicher letzter Kern der, wie noch zu zeigen sein wird, „wah-
      ren“ Geschichte versteckt sich immer noch in der Angabe, dass Tommaso de Ser-
      ponte 1397 als Sohn des verstorbenen Antonio de Varena bezeichnet wird. Alles
      andere bleibt offenbar bewusst unklar formuliert, mit dem Erfolg, dass die so
      entstandene Familienmythologie bis heute tradiert wird.43

      Was genau ließ Gian Galeazzo Visconti in der Bürgerrechtsverleihung verkün-
      den? Volentes igitur dictum nobilem Tomaxium, filium Antonii, et eius descendentes

      40 Andreas Thiele: Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte. Bd. 3: Europäische Kaiser-, Königs- und Fürstenhäu-
      ser. Ergänzungsband, 2. überarb. und erg. Aufl. Frankfurt 2001, Tafel 84;
      http://www.genealogie-mittelalter.de/saarbruecken_grafen_von/johann_1_graf_von_saarbruecken_1341/
      johann_1_graf_von_saarbruecken_1341.html (20. November 2008).
      41 Schwennicke, Stammtafeln, XVIII, Tafeln 143 und 144; Thiele, Stammtafeln, Tafel 84.
      42 Zusätzlich zu den bisher genannten Nachweisen: http://www.norbert-firle.de/saarbruecken-decany.htm (5. Oktober 2009).
      43 So zuletzt von D'Alessio, Serponti di Mirasole.
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novo prerogative titulo exornare; (...) eundem Tomaxium, eiusque filios descendentes, ac
descendentium descendentes, cives nostros civitatis Mediolani facimus, et creamus, ita et
taliter, quod ab hodierna die in antea contrahere, distrahere, aquirere, emere, vendere et
alienare, caeteraque facere, agere, et exercere possint, tam in juditiis quam extra, sicut et
quemadmodum alii cives, incolae et originarii dictae civitatis possunt.44 Das Bürger-
recht galt also ausdrücklich auch für seine Nachkommen. Der erste und offen-
kundig wichtigste inhaltliche Punkt ist die zitierte Erlaubnis zum Handel, wie sie
jedem Mailänder Bürger zustehe. Von Pflichten eines Bürgers ist keine Rede.
Auffällig ist, wie sehr der Charakter dieses von den Visconti als Stadtherrschern
verliehenen Bürgerrechts auch inhaltlich von den Gepflogenheiten früherer Jahr-
hunderte abweicht. Während das Bürgerrecht einer Stadt ursprünglich neben den
Rechten durchaus Pflichten wie die Verteidigung der Stadt und auch die Residenz-
pflicht in derselben mit sich brachte,45 werden nun in der Mailänder Verleihung
allein die Rechte des Bürgers betont, wobei man nicht annehmen sollte, dass die
Visconti aus reiner Nächstenliebe handelten. Statt Mitglied einer sich zusammen-
schließenden Gemeinschaft von Gleichberechtigten, ist der Mailänder Bürger die-
ses nun von der Visconti Gnaden - das aber immerhin an seine Nachkommen
vererblich.

Zumindest denkbar wäre, dass daneben das Ziel einer engeren Bindung der Land-
gemeinde - hier Varennas - an die Stadt Mailand eine Rolle spielt, wie sie für das
12. Jahrhundert behauptet worden ist.46 Mit Sicherheit brachte das Bürgerrecht
einer so reichen Stadt wie Mailand für seinen Inhaber aber auch beträchtliche
Vorteile - wohl nicht zufällig betont der Text die Erlaubnis zum Handel. Auf der
anderen Seite ist nicht wirklich einzusehen, warum ein Mitglied des deutschen
Hochadels - wenn er denn ein solches gewesen wäre - auf das Mailänder Bürger-
recht angewiesen wäre oder auch nur daran interessiert sein könnte. Hingegen
konnte es für einen Bewohner Varennas, am Comer See nicht allzu weit von Mai-
land gelegen, die Basis für weitreichende wirtschaftliche Aktivitäten werden.

Wir können wohl davon ausgehen, dass Tommaso de Serponte sich tatsächlich
um Mailand und die Visconti verdient gemacht hat und deshalb mit dem Bürger-
recht ausgezeichnet wurde. Aus später noch zu erläuternden Quellen ist bekannt,
dass Tommaso für seine - ausdrücklich militärischen - Verdienste auch ein Lehen
im Valchiavenna erhielt. Konkrete Ereignisse, an denen er beteiligt gewesen wäre,
werden nicht geschildert. Allerdings weiß man, dass gerade Gian Galeazzo Vis-
conti seit den späten 1380er Jahren seine Machtbasis in Oberitalien ganz erheb-
44 Tettoni/Saladini, Teatro araldico. Vgl. auch D'Alessio, Serponti di Mirasole, S. 127 Anm. 5 (unter Verweis auf eine mehrbändige Publikation
"Varéna seu Insula Nova", Lecco 1980-1994, die noch nicht eingesehen werden konnte). G.B. di Crollalanza, Dizionario storico-blasonico delle
famiglie nobili e notabili italiane estinte e fiorenti, Bd. 2, Pisa 1888, S. 523.
45 Vgl. Gerhard Dilcher: Die Entstehung der lombardischen Stadtkommune. Eine rechtsgeschichtliche Untersuchung (Untersuchungen zur
deutschen Staats- und Rechtsgeschichte, NF Bd. 7), Aalen 1967, S. 146, 158.
46 Dilcher, Entstehung, S. 146 m.Anm. 84.
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      lich durch militärische Aktionen erweitert hat, so dass hier mit Sicherheit die
      Möglichkeit bestand, sich die Dankbarkeit des Stadtoberhauptes durch entspre-
      chende Verdienste zu erwerben.47




      Abbildung 3: Gian Galeazzo Visconti (aus: Cesare Cantù: Grande illustrazione del Lombardo-
      Veneto ossia storia delle città, dei borghi, comuni, castelli, ecc. fino ai tempi moderni, Milano
      1858)


      Warum suggeriert die Bürgerrechtsverleihung dann aber die Verbindung zu den
      Grafen von Saarbrücken? Es hätte doch gereicht, auf die tatsächlichen Verdienste
      Tommaso de Serpontes hinzuweisen, die es gegeben haben muss? Sowohl
      Tommaso de Serponte, der ja 1397 eindeutig noch am Leben war, als auch Gian
      Galeazzo Visconti wurden erst mehrere Jahrzehnte nach dem Romzug König
      Heinrichs VII. geboren und können daher über kein unmittelbares Wissen verfü-
      gen. Man sollte aber davon ausgehen, dass es gerade in Mailand genügend His-
      47 http://de.wikipedia.org/wiki/Gian_Galeazzo_Visconti (20. November 2008).
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      512   D IE S EHRBUNDTS Band IX
toriker, Diplomaten und Schriftgelehrte gab, denen klar sein musste, dass die
Serponti und die Grafen von Saarbrücken entgegen den Behauptungen eben nicht
zusammenhingen. Gab es einen Grund, die tatsächliche Herkunft der Familie
von der Isola Comacina, die in der Tat fast gänzlich in Vergessenheit geriet, zu
verschweigen, und stattdessen aus der sehr hilfreichen Ähnlichkeit des Namens
mit der lateinischen Form für Saarbrücken einerseits und den Ereignissen An-
fang des 14. Jahrhunderts andererseits eine eigene, auf den ersten Blick sogar
beinahe glaubwürdige Geschichte zu konstruieren? - Aber wie noch zu zeigen
sein wird, standen die Bewohner der Isola Comacina in den Wirren der ober-
italienischen Politik traditionell auf Mailänder Seite, so dass es eigentlich keinen
Grund gab, auf die Erwähnung zu verzichten.

Letztlich ist die Frage derzeit nicht zu klären. Wir müssen davon ausgehen, dass
zwischen Tommaso de Serponte und Gian Galeazzo Visconti an dieser Stelle ge-
meinsame Interessen welcher Art auch immer bestanden, die dazu geführt ha-
ben, dass die bewusst unklar gehaltene Schilderung in der Bürgerrechtsverleihung
nicht nur akzeptiert wurde, sondern für Jahrhunderte den Familienmythos der
Serponti bilden sollte.

Womöglich ist allerdings gar nicht auszuschließen, dass im Mythos von der Her-
kunft aus „Deutschland“ eher versehentlich doch ein winziges Körnchen Wahr-
heit steckt. Denn ein denkbares Szenario wäre, dass die Familie Serponti longo-
bardischer und damit germanischer Herkunft ist. Das ist aber reine Spekulation
und kann wahrscheinlich weder be- noch widerlegt werden, solange keine neuen
Quellen auftauchen.48




48 Die vor einigen Jahren ermittelten Sehrbundt-Y-DNA-Daten im Vergleich mit den damals (2004) vorliegenden Vergleichsdaten machten
damals eine germanische Herkunft zumindest denkbar: die sieben (von knapp 14000) Einträge lokalisierten sich in Westnorwegen, Hamburg,
Sizilien sowie in Finnland, Estland, Breslau und Albanien. Vgl. Hans-Joachim Sehrbundt: Die Sehrbundts. Familienbilder aus tausend Jahren
deutscher Geschichte (Die Sehrbundts, Bd. 3), Köln/Pulheim 2005, S. 336-340. Ein jetzt erfolgter erneuter Abgleich mit der inzwischen stark
erweiterten Datenbasis zeigt ein überraschendes neues Bild, das zu den genealogischen Überlegungen bisher gar nicht passen will. Danach
zeigen sich deutliche Schwerpunkte dieses Haplotyps weder im romanischen noch im germanischen Bereich einschließlich denkbarer Wande-
rungsbeziehungen, sondern im Gegenteil in Osteuropa.
Datenbanken mit Eingabemöglichkeiten der Haplotypen: http://www.yhrd.org (beinhaltet die 2004 verwendeten Datensätze der Charité; hier
jetzt 28 Treffer bei gut 81000 Datensätzen); http://www.smgf.org; http://www.ysearch.org (10. Dezember 2009).
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      Name, Status, Wappen

      Was kann, um auf den Boden der historischen Tatsachen zurückzukehren, als
      einigermaßen gesichert gelten?

      Der älteste bekannte Vorfahre in Grosio war der Priester Giovanni de Serponte,
      der 1476 starb. Kurz nach seinem Tod und wohl in Zusammenhang damit schloss
      sein Sohn Giorgio am 19. Juli 1476 einen Pachtvertrag mit dem als Pfarrer nachge-
      folgten Antonio de Francia.

      Die Urkunde bezeichnet den Sohn Giorgio als: Georgium filium quondam domini
      Presbyteri Johannis de Serponte de Varena filii quondam ser Antonii habitatorem Grossii,
      plebis Maze etc.49 Giovanni de Serponte wird also eindeutig mit Varenna als Her-
      kunft angegeben, sein Vater ebenso eindeutig als ein schon verstorbener Antonio.
      Der Wohnort Grosio bezieht sich wahrscheinlich - auch in der Satzstruktur - nur
      auf Giovanni, nicht auf den Vater.




      Abbildung 4: Grosiner Pachtvertrag mit Nennung der Herkunft aus Varenna, 1476 (AS Sondrio,
      Notariatsakten, Nr. 2031)

      Die Genealogie der Familie in Varenna konnte bisher nur bruchstückhaft verfolgt
      werden, insbesondere weil immer noch nicht klar ist, ob es noch frühe Notariats-
      akten oder andere Überlieferungen gibt und wo diese zu finden wären.50
      49 AS (Archivio di Stato) Sondrio, Notariatsakten, Nr. 2031, Filippo Rumoni (1556-1574). Die Urkunde von 1476 ist dort in Kopie überliefert.
      50 Im Archivio di Stato von Mailand gibt es einen Bestand „Famiglie, B172: Serponti“. Was er enthält, müsste bei einem Besuch vor Ort geklärt
      werden.
      Die Biblioteca Ambrosiana (BA) in Mailand verfügt über umfangreiche und sehr alte Urkunden- und Handschriftenbestände, die auch den
      Raum um den Comer See betreffen: http://www.ambrosiana.eu/cataloghi/cataloghi_biblioteca.asp (5. Oktober 2009).
      Einen Bestand namens „Pergamene. Isola Comacina“, der aber wohl auch Varenna betrifft, scheint es im Archivio di Stato von Mailand zu ge-
      ben. Adami, Varenna, S. 29 Anm. 2. Unklar ist aber immer noch, welches Staatsarchiv eigentlich für Varenna zuständig ist. Sollte es das in
      Como sein, so wäre dort sicherlich der Bestand „Archivio notarile“ ab 1329 interessant; das gedruckte Beständeverzeichnis für Como führt
      aber in dieser Abteilung kein einziges Konvolut zu Varenna auf. Gabriella Poli Cagliari (Hrsg.): Guida dell'Archivio di Stato di Como, Como
      o.J., S. 65-86.
      Weitere Nennungen für die Serponti in Varenna für das 15.-17. Jahrhundert finden sich auch im Notariatsaktenbestand des Staatsarchivs Mai-
      land, das aber wohl nicht systematisch für die Notariatsüberlieferung aus Varenna zuständig ist:
      http://archiviodistatomilano.it/strumenti-di-ricerca-on-line/notai/ (14. November 2008).
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      514   D IE S EHRBUNDTS Band IX
Die Quellen- und Forschungslage in Norditalien ist insgesamt höchst widersprüch-
lich. Einerseits gibt es ungemein reiche Bestände schriftlicher Überlieferung ein-
schließlich kompletter hochmittelalterlicher Bevölkerungslisten für manche Orte.
Andererseits handelt es sich nur um winzige Reste des ursprünglichen Bestan-
des; so sind die visconteischen Archive, also die Mailänder Überlieferung für die
uns hier interessierende Zeit, komplett verloren gegangen. Und das, was aus an-
deren Beständen noch übrig ist, ist dann auch noch ausgesprochen schwer lesbar.

Bei den hochwichtigen Notariatsurkunden beispielsweise handelt es sich im Prin-
zip um Privaturkunden der Notare, die mit Sicherheit nicht in jedem Fall in die
Hände der Archivare gelangten, und die eher den persönlichen Schreibstilen von
Vielschreibern folgen als einem brauchbaren Kanzleistil. Insgesamt, konstatiert
Thomas Behrmann, finde der Historiker „allenfalls einen verschwindenden Rest“
des ursprünglich vorhandenen Schriftgutes. Und dieser Rest ist bisher so gut wie
gar nicht von der Forschung bearbeitet. Die unzureichende Erschließung dürfte
dabei auch Folge der genannten Eigenarten sein.51

Trotzdem lassen sich Aussagen über die noch frühere Geschichte der Familie tref-
fen, die in der Tat auf der Isola Comacina zu beginnen scheint. Der Familienname
„de Serponte“ taucht um ersten Mal um 1100 in einer undatierten Urkunde auf;
die Familie blickt also auf rund 900 Jahre dokumentierte Geschichte zurück.52

Die Herleitung des Familiennamens ist unklar. Denkbar wäre zunächst eine geo-
graphische Bezeichnung, die sich auf den genauen Ansiedlungsort beziehen könn-
te. Solche Namensformen sind in der Region um den Comer See häufig, so er-
scheinen in derselben Urkunde beispielsweise Namensträger „da Campo“ („vom
Feld“ oder von dem gleichnamigen Ort am Seeufer) und „da Sotoriva“ („vom
unteren Ufer“). Mangels weiterer Hinweise auf den Status der handelnden Per-
sonen fällt es schwer, hieraus etwa die Trägerschaft eines Lehens und damit ei-


Vereinzelt finden sich Hinweise auf ein Staatsarchiv in Lecco, das aber nicht wirklich zu existieren scheint. Ansonsten wäre das nächstgelege-
ne östlich des Comer Sees dasjenige in Bergamo, das aber ebenfalls keine Bestände zu Varenna zu haben scheint: http://www.archivi-sias.it (14.
November 2008).
Ein umfangreiches Editions- und Erschließungsprojekt im Internet, der „Codice diplomatico della Lombardia medievale“ (CDLM), weist
bisher so gut wie keine Nennungen zu Varenna und gar keine zu den Serponti auf, doch besteht die Möglichkeit, dass sich das in den kom-
menden Jahren noch ändert. http://cdlm.unipv.it/ (9. Juli 2009).
Keine Namensnennung findet sich bei G. Vittani/C. Manaresi (Hrsg.): Gli atti privati milanesi et comaschi del sec. XI, 3 Bde., Mailand 1933-
1965, immerhin aber in interessanter Hinweis auf einen Urkundenbestand namens „Museo diplomatico“ im AS Mailand. Ein vierter Band war
der Autorin bisher nicht zugänglich: C. Manaresi/C. Santoro (Hrsg.): Gliatti privati milaneso e comaschi del sec. XI (1075-1100), Bd. 4 (Biblio-
theca Historica Italica, Bd. 6), Mailand 1969.
Der Autorin nicht zugänglich waren die beiden Werke von Lauro Consonni: Le Visite pastorali di S. Carlo Borromeo a Varenna, Mandello del
Lario, 1984; ders.: Il catalogo delle opere d'arte delle Chiese di Varenna, Mandello del Lario, 1985.
51 Zur Quellen- und Forschungslage allgemein: Thomas Behrmann: Einleitung. Ein neuer Zugang zum Schriftgut der oberitalienischen Kom-
munen, in: Hagen Keller/Thomas Behrmann (Hrsg.): Kommunales Schriftgut in Oberitalien. Formen, Funktionen, Überlieferung (Münstersche
Mittelalter-Schriften, Bd. 68), München 1995, S. 1-18, Zit. S. 5. Ebenso von Stromer, Hochfinanz, S. 50.
52 Als Kopie überliefert in: BA Mailand, Codice Monti, IX, 74 (konnte bisher nicht eingesehen werden). Regest in: Ugo Monneret de Villard:
L'Isola Comacina. Ricerche Storiche ed Archeologiche (Rivista Archeologica della Provincia e Antica Diocesi di Como, Bd. 70/71), 1914, S. 190,
Nr. 112.

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      nen herausragenden Status innerhalb der Bevölkerung abzuleiten, sieht man von
      der bemerkenswerten Tatsache des Erscheinens in einer derartig frühen Urkunde
      einmal ab. Immerhin sei aber darauf hingewiesen, dass beispielsweise die militä-
      risch bedeutsamen Familien der bischöflichen Lehensträger ihre Bezeichnung
      üblicherweise von ihren ländlichen Lehen abgeleitet haben sollen.53

      Sollte sich hier also eine geographische Bezeichnung verbergen, wäre eine Ablei-
      tung von „super pontem“, „über der Brücke“, vorstellbar. Es gibt bisher keine
      belastbaren Hinweise, dass es eine Brücke von der Isola Comacina zum Ufer ge-
      geben hätte. Aber der am Ufer gelegene Ort Ossuccio liegt offenbar zu beiden
      Seiten eines Flüsschens; denkbar wäre also die Existenz einer Brücke dort. Campo,
      Ossuccio und einige andere Orte am Seeufer - Colonno, Sala Comacina, Spurano,
      Balbiano, Lezzeno und Villa - sollen auch zum Territorium der Isola Comacina
      gehört haben; irgendwo dort mag es durchaus eine Brücke gegeben haben.54

      Die zweite Möglichkeit für die Herleitung des Namens beruht auf dem in der
      Region seit dem Mittelalter üblichen Ehrentitel „ser“. Nach Darstellung von Ha-
      gen Keller waren Capitane, also die Mitglieder der Schicht der adeligen Grund-
      herren und berittenen Soldaten, in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts zunächst
      allgemein als „domini“ und „seniores“ angeführt worden55 und tauchten gegen
      Ende dieses Jahrhunderts dann auch persönlich als „dominus“ bzw. „ser“ auf.
      Demnach wäre „ser“ eine Kurzform von „senior“. Die Valvassoren, als im Rang
      den Kapitanen folgende und von diesen belehnte Schicht von Vasallen, die eben-
      falls berittene Kriegsdienste leisteten, erscheinen um diese Zeit ebenfalls mit Ti-
      tel, aber im Allgemeinen nur im Zusammenhang mit ihrem Patronym, werden
      also „gewissermaßen nur als einer Herrenfamilie zugehörig charakterisiert“.56
      In Chiavenna etwa findet sich 1181 ein Guilielmus ser Muscardi.57 Eine ähnliche




      53 Dilcher, Entstehung, S. 112 m.Anm. 96.
      54 Monneret de Villard, L'Isola Comacina, S. 36-40; Carlo Guido Mor, Artikel Isola Comacina, in: Enciclopedia Italiana di Szienze, Lettere ed
      Arti, Bd. 19, Rom 1933, S. 638; Claudia Becker: Die Kommune Chiavenna im 12. und 13. Jahrhundert. Politisch-administrative Entwicklung
      und gesellschaftlicher Wandel in einer lombardischen Landgemeinde (Gesellschaft, Kultur und Schrift. Mediävistische Beiträge, Bd. 3), Frank-
      furt u.a. 1995 (Diss. Münster 1991), S. 98 Anm. 479.
      55 Beispiele bei Cesare Manaresi (Hrsg.): Regesto di S. Maria de Monte Velate sino all'anno 1200 (Regestum S. Mariae de Monte Vellate) (Re-
      gesta Chartarum Italiae, Bd. 22), Rom 1937, z.B. Nr. 83, S. 57f. (1124 Jun); Nr. 94, S. 63f. (1132 Jun). - Die Urkunden dieses Klosters finden sich
      auch in der Online-Ausgabe des CDLM.
      56 Hagen Keller: Adelsherrschaft und ständische Gesellschaft in Oberitalien. 9. bis 12. Jahrhundert (Bibliothek des Deutschen Historischen Ins-
      tituts in Rom, Bd. 52), Tübingen 1979, S. 89-91, Zit. S. 91; Dilcher, Entstehung, S. 90-93, 110-112. - Vgl. Konrad Huber (Hrsg.): Die Personenna-
      men Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Rätisches Namenbuch, Bd. 3), Bern
      1986, S. 651, der den Titel als eine verkürzte Form des italienischen „messere“ (aus altfranzösisch mes sire) ansieht. Diese ser-Herleitung dürf-
      te sicher für die im Raum Bormio beheimatete und sozial ebenfalls hochstehende Familie Sermondi zutreffen, zu deren ältesten bekannten
      Vertretern ein ser Mondo gehört. - Zu den Capitanei und Valvassoren sicher auch interessant, aber der Autorin bisher nicht zugänglich: Hagen
      Keller: Senioren und Vasallen - Capitane und Valvassoren. Untersuchungen über die Führungsschicht in den lombardischen Städten
      des 9. bis 12. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung Mailands, Habil. masch. Freiburg 1971.
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Variante, ebenfalls um die Mitte des 12. Jahrhunderts, nennt den ser- Titel als Teil
des Familiennamens: Dominicus qui dicitur ser Moroni de civitate Mediolani (1146),
oder, noch klarer, Albertus e Lafrancus fratres qui dicuntur ser Vassallii de l. Gulcinate
(1180).58 Auch eine Verbindung des Titels zu Notaren und anderen juristischen
Amtsträgern wird behauptet. 59 So tritt 1164 ein Rogerius notarius de Becaria de
Trexivio filius ser Girardi60 auf; Tresivio ist ein Ort knapp östlich von Sondrio im
Veltlin. Wahrscheinlicher erscheint aber, dass diese juristischen Amtsträger sich
aus der Schicht der Valvassoren rekrutierten, denn der genannte Beleg folgt klar
der den Valvassoren zugeordneten patronymischen Struktur, und dass der Titel
nichts mit dem Charakter des Amtes zu tun hat.

Bezogen auf die Serponti ist zu konstatieren, dass alle bisher bekannten Belege
zwei bis drei Generationen später als das erstmalige Auftreten des Familienna-
mens de Serponte datieren. Natürlich wäre trotzdem denkbar - aber dann von
der Forschung bisher nicht belegt! -, dass es den Titel auch schon früher gab.
Darüber hinaus wäre aber nicht recht einzusehen, wie dann eine Namensform de
Serponte zustandekommen könnte, die am ehesten im Zusammenhang mit geo-
graphischen Gegebenheiten denkbar ist. Neben den de Serponte gibt es etliche
weitere Familiennamen in der Region, die mit Ser- beginnen und geographische
Bezeichnungen zu sein scheinen. Genannt seien hier die Seralpinea und Sertirano,
beides Belege aus dem 12. Jahrhundert.61

Alles in allem erscheint die Herleitung des Namens de Serponte von einer Ört-
lichkeit - die sich dann im Gebiet der Isola Comacina befinden sollte - als die
logischere Erklärung.




57 Codice Diplomatico della Rezia, S. 230f., Nr. 153. Eine im Text auf 1030 datierte Chiavennasker Urkunde mit dem Auftreten eines ser Ale-
xandrus aus Como gehört in Wirklichkeit in das Jahr 1300, es handelt sich um einen Irrtum des Schreibers. Antonio Ceruti: Cartario pagense di
Chiavenna, in: Periodico della Società Storica della Provincia e antica Diocesi di Como 21 (1914), S. 5-42, 129-159, 230-246; 22 (1915), S. 37-60,
152-236; 23 (1918), S. 32-72, 117-130; 24 (1921), S. 70-92, 123-130; 25 (1924), S. 48-54; hier 21 (1914),
S. 13f., Nr. 4 (noch falsch auf 1030 datiert). Zur korrekten Datierung Becker, Kommune Chiavenna, S. 257f.
58 Manaresi, Regesto di S. Maria de Monte Velate, Nr. 117, S. 84 (1146 Apr 15); Nr. 210, S. 146-148 (1180).
59 Huber, Personennamen Graubündens.
60 Codice Diplomatico della Rezia per servire alla Storia della Valtellina e di Contadi di Bormio e di Chiavenna dal secolo VIII al XIII, Como
1901, S. 210f., Nr. 137. Eine ähnliche Variante, ebenfalls um die Mitte des 12. Jahrhunderts, nennt den ser-Titel als Teil des Familiennamens:
Dominicus qui dicitur ser Moroni de civitate Mediolani (1146), oder, noch klarer, Albertus e Lafrancus fratres qui dicuntur ser Vasallii de l.
Gulcinate (1180). Auch eine Verbindung des Titels zu Notaren und anderen juristischen Amtsträgern wird behauptet.
61 Codice diplomatico della Rezia, S. 243, Nr. 163 (November 1188); S. 253f., Nr. 170 (November 1194).
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      Abbildung 5: Serponti-Wappen in der Villa Cipressi (aus: Francesco d'Alessio: Serponti di
      Mirasole. Vicende di un grande casato lecchese tra Varenna, Milano e Germanedo, in: Archivi di
      Lecco 29 (2006), H. 2, S. 88-136)

      Das Wappen der de Serponte zeigt als sprechendes Wappen eben jene Brücke,
      von der im Namen die Rede zu sein scheint. Im Detail zeigt es oben einen schwar-
      zen, gekrönten Adler auf goldenem Grund und darunter einen springenden Lö-
      wen über einer Brücke mit Wasser darunter, den Löwen und die Brücke vor blau-
      em Hintergrund. Die möglicherweise älteste Darstellung findet sich auf einem
      Deckengemälde in der Villa Cipressi in Varenna, in einem Raum aus dem 15.
      Jahrhundert, vermutlich in einem der ältesten Teile des Komplexes.62 Die Villa
      Cipressi, gelegen am östlichen Ortsausgang von Varenna, gehört heute der Ge-
      meinde und dient unter anderem als Hotel.




      62 Foto bei D'Alessio, Serponti di Mirasole, S. 88, Erläuterung S. 89.
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Abbildung 6: Villa Cipressi, Varenna (Copyright Paul R. Pierce 2000)

Ob sich die Serponti wirklich schon in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts
auf diesem Gelände angesiedelt haben, wie es im Internet heißt, 63 erscheint frag-
lich, weil der ursprüngliche Wohnsitz sicher näher an der Ortsmitte lag. Dennoch
bliebe das dargestellte Wappen, sofern die Zeitstellung stimmt, ein Beleg, dass
die Villa Cipressi mindestens seit dem 15. Jahrhundert im Besitz der Familie oder
eines Familienzweiges war.

Das Wappen ist im „Teatro araldico“ von 1848 abgebildet. Eine noch etwas ältere
Abbildung aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, betitelt als „Arma Serponis
de Varena“, aber trotz des Schreibfehlers eindeutig den Serponti zuzuordnen,
findet sich im „Stemmario Bosisio“.64




63 www.hotelvillacipressi.it (18. September 2008).
64 Tettoni/Saladini, Teatro araldico. - Die Originalhandschrift des Stemmario Bosisio befindet sich im Diözesanarchiv in Como, eine Edition
wurde kürzlich herausgebracht: Carlo Maspoli/Francesco Palazzi Trivelli: Stemmario Bosisio, Mailand 2002, S. 37, 171f. Ein Abdruck des Ser-
ponti-Wappens daraus auch bei D'Alessio, Serponti di Mirasole, S. 128.
                                                                                                                                               519
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                                                                             Saladini: Teatro araldico, ovveroRaccolta
                                                                             generale delle armi ed insegne gentilizie delle
                                                                             più illustri e nobili casate che esisterono un
                                                                             tempo e che tuttora fioriscono in tutta l'Italia,
                                                                             Bd. 8, Mailand 1848)

                                               Eine neuzeitliche Darstellung in Farbe
                                               wurde aufgrund mehrerer handschriftli-
                                               cher Wappenbücher angefertigt und zeigt
                                               die Wappen von zwölf Familien, die aus
                                               dem Raum Como nach Grosio gezogen
                                               sind. Auffällig ist, dass die Hälfte dieser
                                               Familien - neben den Serponti die Brochi,
                                               Rodolfi, Rumi, Sala und Tenca - diesen
                                               gekrönten schwarzen Adler auf goldenem
                                               Grund im Wappen führen. 65 Der Adler in
                                               diesen Farben gilt eigentlich als Reichs-
                                               adler (wir kennen die Farbkombination
                                               schwarz-gold auch aus der Reichsstadt
                                               Nördlingen, um nur ein Beispiel zu nen-
                                               nen). Nun sind aber die de Serponte, wie
      noch zu zeigen sein wird, 1169 von der Isola Comacina geflohen, weil diese von
      Kaiser Friedrich Barbarossa zerstört wurde - woraus sich die Frage ergibt, warum
      diese Familie dann in den folgenden Jahrhunderten eben jenen kaiserlichen Reichs-
      adler im Wappen zeigen sollte. Offenbar ist auch für andere Familien unklar, wie
      der Reichsadler ins Wappen kam. So wird von den Giovio erzählt, ein Familien-
      vertreter habe 1158 die Bewohner der Isola Comacina überredet, sich Barbarossa
      zu ergeben, und habe dafür die Erlaubnis zum Führen des Adlers im Wappen
      erhalten. Eine solche Geschichte wird aber angesichts der Menge der Reichsadler
      in den oberitalienischen Familienwappen unglaubwürdig. 66 Denkbar wäre
      allenfalls ein Zusammenhang mit der Tätigkeit für die als ghibellinisch gelten-
      den Visconti, so wie sie ja für die Serponti belegt ist.

      65 Gabriele Antonioli/Giorgio Galletti/Simonetta Coppa: La Chiesa di San Giorgio a Grosio, Grosio 1985, S. 23. Die Darstellung der Wappen
      beruht auf den Handschriften: Codice Carpani (im Museo Civico, Como), Codice Paribelli (in der Biblioteca civica P. Rajna, Sondrio) und Wap-
      penbuch des Bergell (ebenfalls in der Biblioteca civica P. Rajna, Sondrio). Vom Codice Carpani gibt es eine neuere Edition: Carlo Maspoli
      (Hrsg.): Stemmario quattrocentesco delle famiglie nobili della città e antica diocesi di Como. Codice Carpani, Lugano 1973; hier zeigt sich
      ebenfalls, dass rund die Hälfte der Wappen den Reichsadler aufweist und etwa ein Zehntel den laufenden roten Löwen auf Silber, hinzu kom-
      men etwa noch einmal so viele Wappen mit Löwen in anderen Darstellungsformen. Auch das Wappen der Familie Sforza, die Mailand ab 1450
      regierte, zeigt den schwarzen Adler (und die Schlange der Visconti); Maike Vogt-Lüerssen: Die Sforza I. Bianca Maria Visconti. Die Stamm-
      mutter der Sforza, Norderstedt 2005, S. 178.
      Weitere Darstellungen des Serponti-Wappens: Vittorio Spreti: Enciclopedia storico-nobiliare italiana. Famiglie nobili e titolate viventi riconos-
      ciute dal R. Governo d'Italia, Bd. 6, Mailand 1932-41, S. 264f.; H.V. Rolland: Planches de l'Armorial Général de J.-B. Rietstap, Bd. 5, Den Haag
      1921, Pl. 301. Spreti gibt als Quelle für das moderne Wappen an: Archivio di Stato di Milano, Codice Araldico, S. 228. Das Wappen wurde 1822
      von einer heraldischen Kommission bestätigt, vgl. Antonio Manno: Il patriziato subalpino, im Internet veröffentlichtes Typoskript:
      www.vivant.it/pagine/manno_pdf/cd70/IMG0027.pdf bis IMG0030.pdf (17. Juli 2009).
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      520    D IE S EHRBUNDTS Band IX
              Abbildung 8: Wappen von Grosiner Familien (aus: Gabriele Antonioli/Giorgio
               Galletti/Simonetta Coppa: La Chiesa di San Giorgio a Grosio, Grosio 1985)
Die Durchsicht des Katalogs der Ambrosiana ergibt noch folgenden Eintrag: S.Q.+.II. 46, Giovanni Sitoni: Genealogie con stemmi a colori di
famiglie milanesi: Rabia-Zanati, darin die Serponti di Mirasole.
66 Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 15; A. Bianchi-Giovini, Studi sulla storia dei Longobardi. La Comacina, in: Rivista Europea. Giorna-
le di scienze morali, letteratra ed arti (Mailand) 5 (1847), S. 313-364, hier S. 351; P. Litta: Famiglie celebri Italiane, Bd. 6, Mailand 1822, s.v. Gio-
vio (das Werk enthält keinen Eintrag zu Serponti). Auf die Unzuverlässigkeit der Veröffentlichung von Litta weist Nikolai Wandruszka hin:
Nikolai Wandruszka: Die Oberschichten Bolognas und ihre Rolle bei der Ausbildung der Kommune (12. und 13. Jahrhundert) (Europäische
Hochschulschriften, Reihe 3: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 566), Frankfurt u.a. 1993 (Diss. Münster 1993), S. 15 m.Anm. 9.
                                                                                                                                                            521
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      Die verschiedenen Wappenbücher bezeichnen das genannte Wappen als das "mo-
      derne" der Serponti. Ein „altes“ habe statt des Löwen eine Taube aufgewiesen:
      „D'argento, ad un fiume d'azzurro, scorrente sopra una pianura erbosa di verde,
      con un ponte d'oro, sostenente una colomba al naturale“.67 Eine Abbildung dieses
      Wappens findet sich allein bei Tettoni 68 und, vermutlich auf diesem beruhend, bei
      Spreti. Völlig unklar ist, welches dieser Wappen wann und von welchen Familien-
      zweigen geführt wurde, insbesondere also, wann das Wappen mit der Taube von
      der verbreiteteren Fassung mit dem Löwen abgelöst wurde.




         Abbildung 9: Altes Serponti-Wappen (aus: L. Tettoni/F. Saladini: Teatro araldico, ovvero
      Raccolta generale delle armi ed insegne gentilizie delle più illustri e nobili casate che esisterono
                  un tempo e che tuttora fioriscono in tutta l'Italia, Bd. 8, Mailand 1848)

      67 Crollalanza, Dizionario storico-blasonico, S. 523; Angelo M.G. Scorza: Enciclopedia araldica italiana, Bd. 23, Genua 1971, S. 69. Die Beschrei-
      bung des modernen Wappens auch im Libro d'oro della nobiltà italiana, Bd. 2, Rom 1912/13, S. 510, eine Übersetzung bei J.B. Rietstap: Armori-
      al général précédé d'un dictionnaire des termes du blason, Bd. 2, Gouda 1887, ND Berlin 1934, S. 765, gleichlautend www.euraldic.com/
      blas_se1.html (18. September 2008).
      68 Tettoni/Saladini, Teatro araldico. Laut Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 440, findet sich eine Abbildung des alten Wappens unter dem
      Namen De Serpont auch im "Codice Archinto", einer Handschrift des 16. Jahrhunderts, die sich nach Angaben im Internet in der Biblioteca Re-
      ale in Turin befindet. Eine Edition scheint nicht zu existieren. Vgl. http://airaghi-family.net/documents/sources/airaghibook.htm;
      http://www.soncino.org/index.php?option=com_content&task=view&id=72&Itemid=61 (21. Juli 2009).
522
      522    D IE S EHRBUNDTS Band IX
Auch der rechtliche Status der Familie ist nicht klar, wobei dies in den italieni-
schen Kommunen des Mittelalters keinen Einzelfall darstellt. Ein entscheidender
Punkt war wohl die Tatsache, dass sie - zumindest im 14. Jahrhundert - in höherer
Position Kriegsdienste geleistet haben. Das war zwar eigentlich Aufgabe des Adels,
aber es scheint gerade in den italienischen Städten Grenzfälle gegeben zu haben,
die dann als milites consueti - sozusagen gewohnheitsrechtliche Ritter - galten.69
So schreibt Hagen Keller, es habe in der städtischen Gesellschaft „eine Gruppe
reicher, grundbesitzender Kaufleute [gegeben], die wohl schon in frühkommunaler
Zeit für ihre Stadt zu Pferde kämpfte“, obwohl sie von der Abstammung her nicht
zum alten Adel gehörte. Eine Unterscheidung sei teilweise nur an den heraldi-
schen Farben der Wappen möglich gewesen.70

Zurück zu der de Serponte-Nennung in der Urkunde von ca. 1100: Darin bestä-
tigte der kaiserliche Notar (notarius sacri palatii) Wido oder Guido die Rückzah-
lung einer Schuld zwischen Giovanni Pelegrini aus Campo und dem Priester
Lanfranco aus Spurano - beides, wie erwähnt, Orte im unmittelbaren Umfeld der
Isola Comacina. Unter den Zeugen erscheint Bertari de Serponte. Die ungefähre
Datierung ergibt sich daraus, dass der ausstellende Notar Guido von 1090 bis
1124 nachgewiesen ist, und dies immer in Zusammenhang mit der Isola. Das
Territorium der Insel erstreckte sich dabei auch auf mehrere Orte am Ufer, so
etwa Ossuccio, Colonno und Sala Comacina.71 Als weitere Beispiele seien die fol-
genden Ortsnennungen aufgeführt: 1098 Balbiano unter Auftritt einer Vertrags-
partnerin Bona, vedova di Lanfranco di Balbiano d'Isola,72 1100 Somisola sita castro
Insole,73 1100 Scalugla unter Auftritt eines Vertragspartners Otto detto Calegario de
loco Cantone sito Insola.74 Die sogenannte Isola Comacina ist die einzige Insel im
Comer See, so dass sich alle Nennungen einer „Isola“ auf sie beziehen müssen.




69 Ausführlich dazu Keller, Adelsherrschaft.
70 Hagen Keller: Adel in den italienischen Kommunen, in: Otto Gerhard Oexle/Werner Paravicini (Hrsg.): Nobilitas. Funktion und Repräsen-
tation des Adels in Alteuropa (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Bd. 133), Göttingen 1997, S. 257-272, hier S. 258-260
(Zitat S. 260). Leider wird auf die genaue Rolle der Farben als Unterscheidungsmöglichkeit hier nicht weiter eingegangen, und auch sonst fan-
den sich dazu keine Hinweise.
71 Monneret de Villard, L'Isola Comacina, S. 235-238.
72 BA Mailand, Pergamene, Nr. 1374; Monneret de Villard, L'Isola Comacina, S. 190, Nr. 111.
73 BA Mailand, Pergamene, Nr. 1375; Monneret de Villard, L'Isola Comacina, S. 190, Nr. 113. Auch Sumisola, ebda. S. 191, Nr. 115.
74 Monneret de Villard, L'Isola Comacina, S. 191, Nr. 114.
                                                                                                                                                   523
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      Geschichte der Isola Comacina




      Abbildung 10: Isola Comacina (Copyright François Trazzi, fr.wikipedia)

      Die Insel, gelegen im südwestlichen Arm des Comer Sees, an der Westküste etwa
      in der Mitte dieses Seeabschnittes, soll schon zu keltischer Zeit besiedelt gewesen
      sein, auch fanden sich einige römische Überreste. 75 Für die weitere Verfolgung
      ihrer Geschichte, und damit die Einordnung der frühesten Serponti-Belege, müs-
      sen wir ein wenig ausgreifen.

      Ganz Italien, mit Ravenna als nördlichem Hauptort, stand Mitte des 6. Jahrhun-
      derts unter byzantinischer Herrschaft. Im Jahr 568 brachen die zu diesem Zeit-
      punkt in Pannonien (Ungarn) siedelnden germanischen Langobarden auf, um
      75 Matteo Gianoncelli: Note storiche su l'Isola Comacina, in: Periodico della Società Storica Comense 42 (1968), S. 35-49, hier S. 37, 39;
      http://ww.ossuccio.com/estate2e.htm (16. September 2008). Allgemein zur Geschichte des Comer Sees: Gaspare Rebuschini: Storia del Lago di
      Como e principalmente della parte superiore di esso ditta le Tre-Pievi, Bergamo 1855. Letzterer verweist vielfach (erstmals S. 40, Anm. 1) auf
      ein Manuskript "Anonym. Script. de antiquit. Insulanis", das aber wohl inzwischen verlorengegangen ist.
      Vgl. Monneret de Villard, L'Isola Comacina, S. 24 m.Anm. 4.
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      524   D IE S EHRBUNDTS Band IX
                                                                                         Abbildung 11: Idealisierte, da zum
                                                                                         Zeitpunkt der Anfertigung der Zeich-
                                                                                         nung schon nicht mehr zutreffende
                                                                                         Darstellung der Isola Comacina
                                                                                         (aus: Francesco Valegio: Raccolta di
                                                                                         le più illustri e famose città di tutto il
                                                                                         mondo, Venedig 1580)

                                                sich in Norditalien niederzulas-
                                                sen. Der langobardische König
                                                Alboin nahm, ohne auf ernst-
                                                haften Widerstand zu stoßen,
                                                innerhalb von rund zwei Jahren
die gesamte nördliche Poebene bis vor Pavia im Westen ein, musste Pavia selbst
dann allerdings drei Jahre lang belagern. Es handelte sich nicht allein um einen
Eroberungszug, sondern um eine echte Siedlungsbewegung - die letzte große der
Völkerwanderungszeit -, denn das gesamte Volk von etwa 80000 Langobarden,
verstärkt durch etwa noch einmal so viele Personen aus verbündeten germani-
schen und nichtgermanischen Stämmen, zog mit und siedelte sich in Norditalien
an.76

Nach Ausweis der Gräberfelder lag das Zentrum der langobardischen Kultur und
Siedlung in Italien nördlich des Po bis hinein ins Alpenvorland zwischen dem
Lago Maggiore und dem Gardasee. Die geographische Umschreibung schließt
den Comer See mit ein. Sala Comacina beispielsweise soll ein ursprünglich ger-
manischer Ortsname sein, abgeleitet von einem Begriff für ein Gehöft oder einfa-
ches Haus. 77 Die Durchmischung der Bevölkerung zeigt sich beispielsweise in
der Liste der auf der Isola Comacina zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert vor-
kommenden Personennamen, denn von diesen muss mindestens die Hälfte als
eindeutig germanisch gelten; das gilt zum Beispiel auch für die Namen Bertario
(darin beraht, althochdeutsch für "glänzend") und Lanfranco (darin frank, althoch-
deutsch für „frei“). Einen Bertario de Serponte hatten wir oben schon als frühes-
ten namentlich bekannten Vertreter der Familie kennengelernt, zu Lanfranco kom-
men wir später.78 In den überlieferten Urkunden sind die handelnden Personen



76 Allgemein Karin Priester: Geschichte der Langobarden. Gesellschaft - Kultur - Alltagsleben, Darmstadt 2004, v.a. S. 34-50.
77 http://de.wikipedia.org/wiki/Langobarden (16. September 2008); Matteo Gianoncelli: Como e il suo territorio. Le vicende degli ornamenti
territoriali comaschi dall'epoca romana agli albori dell'età moderna, Como 1982, S. 80f.; Priester, Geschichte der Langobarden, S. 41
Anm. 8; Gian Pietro Bognetti/Gino Chierici/Alberto de Capitani d'Arzago: Santa Maria di Castelseprio, Mailand 1948, S. 82f. m.Anm. 222.
Leider nichts Erhellendes findet sich bei Antonio Murgia: Sala Comacina. Ieri, oggi, Como 2006.
78 Monneret de Villard, L'Isola Comacina, S. 239-243. Auch auf Grabsteinen fanden sich Hinweise auf germanische Herkunft: Ugo Monneret
de Villard: Iscrizioni cristiane della Provincia di Como anteriori al secolo XI, in: Rivista archeologica della Provincia e antica Diocesi di Como
65/66 (1912), Nr. 139 (aus Varese), 158 (aus Beolco). Der Namensindex dieser Veröffentlichung (S. 159f.) weist etwa zehn Prozent eindeutig ger-
manische Namen auf.
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      bis Anfang des 13. Jahrhunderts gelegentlich nicht nur mit dem Namen, sondern
      auch mit dem Rechtsstatus angegeben. Bis gegen Ende des 12. Jahrhunderts fin-
      den sich immer noch Hinweise wie in einer Urkunde von 1180 zu einer Person in
      Sondrio, qui vivit lege Longobardorum. Auf der Isola Comacina selbst fand sich bisher
      nur ein einziger Beleg für langobardischen Rechtsstatus, zum Jahr 1035.79 Eine
      solche explizite Angabe ergibt nur dann Sinn, wenn Personen mit romanischem
      und langobardischem Rechtsstatus zeitgleich nebeneinander lebten, so dass eine
      Unterscheidung erforderlich wurde. Es scheint aber in der Region um den Comer
      See das romanische Recht zu überwiegen, und auch die nach den Namen zu ur-
      teilen germanischstämmigen Teile der Bevölkerung lebten vorwiegend nach ro-
      manischem Recht, das dem Einzelnen offenbar größere Freiheiten gewährte.80

      Allerdings scheint es, als müsse man die Aussage von der mühelosen Eroberung
      Norditaliens durch die Langobarden in einem Punkt einschränken. Die Isola
      Comacina, die nicht nur die einzige Insel weit und breit war, sondern durch die
      Lage nahe mehrerer Fernstraßen auch immense strategische Bedeutung hatte,
      soll gerade im Zusammenhang mit den Langobardeneinfällen zu einer Festung
      ausgebaut worden sein, die Oberschichten der umliegenden Städte hätten sich,
      so heißt es, vor den Eroberern dorthin geflüchtet. Ein byzantinischer magister
      militum (Offizier) namens Francio habe die Insel fast zwanzig Jahre gegen die
      Langobarden verteidigt.81 Die eigentliche Eroberung der Insel, die noch einmal
      eine sechsmonatige Belagerung erfordert habe, sei dann erst unter Authari ge-
      schehen, der seit 584 König der Langobarden war: Hac tempestate rex Authari ad
      Histriam exercitum misit (...). Alii quoque Langobardi in insula Amacina Francionem
      magistrum militum, qui adhuc de Narsetis parte fuerat et iam se per viginti annos
      continuerat, obsidebant. Qui Francio post sex menses obsidionis suae Langobardis eandem
      insulam tradidit, ipse vero, ut optaverat, dimissus a rege, cum sua uxore et supellectili
      Ravennam properavit. Inventae sunt in eadem insula diviciae multae, quae ibi de singulis
      fuerant civitatibus commendatae.82

      Mehrfach ist auch die Rede von Reichtümern, die auf der Insel aufbewahrt wur-
      den, was ebenfalls ein gewisses Maß an militärischer Befestigung voraussetzt.83




      79 Codice diplomatico della Rezia, S. 230, Nr. 152 (Sondrio); Monneret de Villard, L'Isola Comacina, S. 173, Nr. 51; S. 43 mit Anm. 3 (Comaci-
      na).
      80 L. Volpe: Lambardi e Romani nelle campagne e nelle città, in: Studi storici 13 (1904), S. 252, 264f., 372-374.
      81 http://it.wikipedia.org/wiki/Isola_Comacina (16. September 2008). Vgl. Monneret de Villard, L'Isola Comacina, S. 231; Gianoncelli, Como e
      il suo territorio, S. 77-79; Bognetti u.a., Santa Maria di Castelseprio, S. 142f.
      82 Pauli Historia Langobardorum (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum), Hannover 1878,
      ND 1930, Buch 3, Kap. 27; zu finden auch: http://www.oeaw.ac.at/gema/lango%20paulus3.htm (16. September 2008). - Die originale Schreib-
      weise in dieser Passage scheint tatsächlich "Amacina" gewesen zu sein, die in manchen Handschriften zu Comacina und Ähnlichem korrigiert
      wurde. An der richtigen Zuordnung der Insel selbst besteht aber kein Zweifel.
      83 Gianoncelli, Note storiche, S. 39f.; Bianchi-Giovini, Studi, S. 316f.
526
      526   D IE S EHRBUNDTS Band IX
So schreibt der königsnahe langobardische Geschichtsschreiber Paulus Diaconus
im 8. Jahrhundert, im Jahr 591 habe König Agilulfus seinen Gegner Gaidulf, Her-
zog von Bergamo, von der Insel vertrieben und den dort aufbewahrten Schatz
gleich mitgenommen: Agilulfus vero rex in eandem Comacinam insulam ingressus,
homines Gaidulfi ex inde expulit, et thesaurum, quem ibidem a Romanis positum invenerat,
Ticinum transtulit.84 Etwa ein Jahrhundert später sollen der Insel auch umfangrei-
che Selbstverwaltungsrechte etwa im Hinblick auf die Wahl eines eigenen Rates
verliehen worden sein, nachdem sich im Verlauf reichsinterner Auseinandersetz-
ungen der langobardische König Cunincpert (Kunibert, gest. 700) auf die Insel
hatte flüchten können. 85

Die Geschichte erinnert ein wenig an das allseits bekannte gallische Dorf, nur
unter umgekehrten Vorzeichen.

Bei der Insel handelte es sich nicht nur um einen militärischen Stützpunkt, son-
dern auch um ein kirchliches Zentrum. Aus der Zeit bis ins 12. Jahrhundert ist ein
halbes Dutzend Namen von Kirchen und Klöstern auf der Insel bekannt,86 darunter
die 1169 zerstörte und im 20. Jahrhundert wieder ausgegrabene romanische
Basilica Santa Eufemia, die im Kern aus dem 7. Jahrhundert stammen soll und die
beeindruckende Länge von über 40 Metern aufweist - auf einer Insel mit einem
Gesamtmaß von nur 500x120 Metern.87 Ein auf der Insel gefundener Taufstein
sowie mehrere christliche Grabsteine werden auf die Mitte des 6. Jahrhunderts
datiert, ebenso weitere vom Festland.88 Eine kleine Basilika mit Apsis im Bereich
der späteren Kirche Santa Maria, gelegen auf einem der höchsten Hügel der In-
sel, soll in das 5. Jahrhundert gehören.89 Gelegentlich wird der Insel gar der Bei-
name Christopolis - wohl im Sinne eines „Zentrums der Christenheit“ - zugelegt.
Florianus, Abt des nicht identifizierten Klosters „Romenus“, nannte sie in einem
Brief um das Jahr 550 insulam Lariensem, quae Christopolis dicitur.90 Neuere For-
scher setzen diese „insulam Lariensem“ mit der Insel Lérins vor Cannes gleich,
die ein altes und bedeutendes Kloster beherbergt habe. 91 Unseres Erachtens wi-
derspricht dem aber, dass Florianus in einem etwa gleichzeitig entstandenen Brief

84 Gianoncelli, Note storiche, S. 41; Paulus Diaconus, Buch 4, Kap. 3 (auch in: http://www.oeaw.ac.at/gema/lango%20paulus4.htm) (10. Dezem-
ber 2009).
85 Monneret de Villard, L'Isola Comacina, S. 24 mit Anm. 4; Gianoncelli, Note storiche, S. 41 (ohne Hinweis auf die Selbstverwaltungsrechte);
vgl. außerdem Herimanni Augiensis Chronicon, in: Monumenta Germaniae Historica, Bd. 7 = Scriptores, Bd. 5, S. 96.
86 http://www.ossuccio.com/estate2e.htm (16. September 2008).
87 http://it.wikipedia.org/wiki/Basilica_di_Santa_Eufemia_(Isola_Comacina) und http://de.wikipedia.org/wiki/Isola_Comacina (16. September
2008). Das gleichnamige Kloster soll dagegen erst 1031 eingerichtet worden sein, vgl. Monneret de Villard, L'Isola Comacina, S. 231. Zu klären
wäre noch, ob es sich bei dem „Fondo S. Eufemia“ im Staatsarchiv Mailand - der mehrere bei Monneret de Villard abgedruckte Urkunden zur
Isola Comacina enthält - um den Urkundenbestand dieses oder eines anderen gleichnamigen Klosters handelt.
88 Monneret de Villard, L'Isola Comacina, S. 150-152, Nr. 3-5; ders., Iscrizioni cristiane della provincia di Como anteriori al secolo XI, in: Rivis-
ta archeologica della Provincia di Como 65/66 (1912), Nr. 12.
89 Gianoncelli, Note storiche, S. 43. Gianoncelli, der davon ausgeht, dass die Insel um diese Zeit weitgehend unbewohnt war, meint, die Kir-
che habe vielleicht als Kapelle zum Kastell gehört.
90 Epistolae Merowingici et Karolini aevi, Bd. 1 (Monumenta Germaniae Historica, Epistolae, Bd. 3), Berlin 1892, Nr. 6, S. 117f.
91 M. Brambilla/G.P. Brogiolo: Case altomedievali dell'Isola Comacina, in: Archeologia medievale 21 (1994), S. 463-477, hier S. 463f.; G.P. Bog-
netti: Non l'Isola Comacina, ma l'Isola di Lérins (a proposito della lettera di Floriano a Nicezio, del 550), in: Archio Storico Lombardo NF 9
(1944), S. 129-135; Gianoncelli, Note storiche, S. 38.
                                                                                                                                                        527
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      Darius, den Bischof von Mailand, als „seinen“ Bischof bezeichnet, was für eine
      Lokasierung des Klosters Romenus in der Diözese Mailand sprechen würde. Wenn
      das der Fall ist sollte man davon ausgehen, dass Florianus dann auch eine näher
      gelegene Insel meinte.92

                                                                                          Abbildung 12: Frühchristliches
                                                                                          Fischmosaik in der Kirche S.
                                                                                          Giovanni, Isola Comacina (aus:
                                                                                          Donatella Caporusso (Hrsg.): L'Isola
                                                                                          Comacina e il territorio di Ossuccio.
                                                                                          Cronache e ricerche (Collana di Studi
                                                                                          di archeologia lombarda, Bd. 6),
                                                                                          1998)




      Die Zeit bis um 1100 brachte der Insel in der bewegten Geschichte Norditaliens
      einen mehrfachen Besitzerwechsel.93 In den 950er Jahren nutzte der italienische
      König Berengar II. eine vorübergehende Schwäche des fränkischen Königs Otto
      I. aus, um seine Macht in Italien auszubauen. Davon betroffen waren Papst Jo-
      hannes XII., der Erzbischof von Mailand und Waldo oder Ubaldo, Bischof von
      Como. Die letzteren beiden flohen nach Deutschland und baten Otto I. um Unter-
      stützung. Dieser zog nach Pavia, setzte Berengar II. ab, um sich dann im Februar
      962 in Rom vom Papst zum römischen Kaiser krönen zu lassen und gleichzeitig
      Italien als Ganzes in Besitz zu nehmen. Waldo nutzte die Gelegenheit und erober-
      te und zerstörte im Jahr 964 die Isola Comacina, die für die folgenden rund ein-
      hundertfünfzig Jahre zum comaskischen Herrschaftsbereich gehörte.94 Um 1100
      verschärften sich die Spannungen zwischen Como und Mailand, bei denen es vor
      allem um die Vorherrschaft im norditalienischen Raum und um die Kontrolle der
      Alpenpässe ging. 95 Bei den Auseinandersetzungen mag ebenfalls eine Rolle spie-
      len, dass Como zwar eigentlich als Suffraganbistum von Mailand galt, sich aber
      von diesem gelöst hatte und sich bis ins 18. Jahrhundert dem Patriarchat Aquileja

      92 Vgl. MGH Epistolae, ebda., Nr. 5, S. 116f. mit Anm. Für die Zuordnung zur Isola Comacina sprach sich auch Monneret de Villard, L'Isola
      Comacina, S. 15-18 aus. Vgl. Bianchi-Giovini, Studi, S. 319-321.
      93 Gianoncelli, Note storiche, S. 45f.; Paulus Diaconus, ebda., Buch 4, Kapitel 3, S. 145; Buch 6, Kapitel 19-21, S. 220f.
      94 Die Rechte des Bistums Como am gesamten Comer See wurden von den Reichsherrschern mehrfach bestätigt, so 977 von Kaiser Otto II.,
      1002 von König Arduin und 1026 von Kaiser Conrad II. Diplomata Ottonis II. et Ottonis III. (Monumenta Germaniae Historica, Diplomata),
      Hannover 1893, Nr. 166, S. 187f.; Diplomata Heinrici II. et Arduini (Monumenta Germaniae Historica, Diplomata), Hannover 1900-1903, Nr. 2,
      S. 700-702; Diplomata Conradi II. (Monumenta Germaniae Historica, Diplomata), Hannover/Leipzig 1909, Nr. 53, S. 61f.; vgl. Monneret de Vil-
      lard, L'Isola Comacina, S. 33f.; http://it.wikipedia.org/wiki/Isola_Comacina; http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_I._(HRR);
      http://it.wikipedia.org/wiki/Diocesi_di_Como (alle 17. September 2008).
      95 http://it.wikipedia.org/wiki/Isola_Comacina (17. September 2008). Am Comer See münden etliche Wege über die Alpenpässe aus dem Zen-
      tralalpenraum: der Splügenpass als Übergang von Chur nach Chiavenna, der Malojapass zwischen dem Oberinntal (Engadin) und Chiavenna,
      nicht zu vergessen das Stilfser Joch zwischen dem Vintschgau in Südtirol und dem Veltlin.
528
      528   D IE S EHRBUNDTS Band IX
zuordnete.96 Die Bewohner der Isola Comacina jedenfalls verbündeten sich mit
Mailand und stellten sich gegen Como, wurden von den Comasken belagert und
1125 schließlich besiegt. Como selbst allerdings fiel nur zwei Jahre später der
Zerstörung durch Mailand zum Opfer. Die Insel blieb auf Mailänder Seite und
wurde, als strategisch günstiger Ort für die Auseinandersetzung mit Como, von
den Mailändern befestigt.97

In einem erneuten Versuch, Norditalien stärker unter imperiale Kontrolle zu brin-
gen, ging Kaiser Friedrich Barbarossa gegen die lombardischen Städte vor, ero-
berte und zerstörte Mailand 1158/62. Damit geriet auch die Isola Comacina als
Verbündeter und befestigter Vorposten Mailands ins Visier der kaiserlichen Italien-
politik. Im Vertrag zur Kapitulation der Stadt Mailand werden die „Insulani“
unter den Verbündeten Mailands erwähnt. 98 1159 wurde die Insel von Barbarossa
erobert. Der Bericht über die Taten Barbarossas, der seine Aktivitäten natürlich
im besten Licht und seine Gegner möglichst gefährlich und unüberwindbar dar-
zustellen sucht, schreibt über die Insel: Est autem in lacu Cumano insula divitiis
habundans, hominibus bellicosis referta, que nisi valde cruenta victoria a quoquam capi
difficile putabatur. (...) Nec mora, [Barbarossa] cum paucis quos secum habebat naves
ingressus cepit remigare. Insula dum principis spiritum simul et audaciam cognovissent,
divino quodam timore concussi obviam navigio pergunt, pacem petunt, cum magno plausu
et alacritate venientem excipiunt, fidelitatem iurant, muneribus honorant.99 Ungeachtet
dieser, hier womöglich ohnehin übertrieben dargestellten Treuebekenntnisse er-
laubte Barbarossa zehn Jahre später, 1169, den Comasken, die Bauten auf der
Insel zu zerstören, und verbot 1175 sogar auf ewig den Wiederaufbau: Concessimus
preterea eidem civitati [Cumensi], ut nemini liceat reedificare castrum Insole vel Grabadone;
für den Verstoß dagegen wurden der Reichsbann und eine Buße von 50 Pfund
Gold, zahlbar jeweils zur Hälfte an das Reich und an die Bürgerschaft von Como,
angedroht.100




96 Gianoncelli, Note storiche, S. 45f.
97 Das castrum auf der Insel wurde schon oben für ca. 1100 erwähnt und findet sich zusätzlich z.B. in Urkunden von 1085, 1089, 1094, 1101
und 1135 (Monneret de Villard, L'Isola Comacina, Nr. 95, S. 185; Nr. 100, S. 186; Nr. 109, S. 189; Nr. 116, S. 191; Codice diplomatico della Rezia,
S. 159, Nr. 91).
98 Heinrich Appelt (Bearb.): Die Urkunden Friedrichs I. 1158-1167 (Monumenta Germaniae Historica, Diplomata Regum et Imperatorum Ger-
maniae, Bd. 10/2), Hannover 1979, Nr. 224, S. 9.
99 G. Waitz: Ottonis et Rahewini gesta Friderici I. Imperatoris (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores Rerum Germanicarum in usum
scholarum), Hannover/Leipzig 1912, S. 273; mit Übersetzung in: Franz-Josef Schmale (Hrsg.): Bischof Otto von Freising und Rahewin. Die Ta-
ten Friedrichs oder richtiger Cronica, Darmstadt 1974, S. 578-581.
100 Heinrich Appelt (Bearb.): Die Urkunden Friedrichs I. 1168-1180 (Monumenta Germaniae Historica, Diplomata Regum et Imperatorum
Germaniae, Bd. 10/3), Hannover 1985, Nr. 640, S. 141; Nr. 632, S. 128. Vgl. Monneret de Villard, L'Isola Comacina, S. 59.
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      Abbildung 13: Isola Comacina von Bellagio aus

      Die Bewohner mussten die Isola Comacina verlassen. Varenna am Ostufer des
      Comer Sees, das ebenfalls zu den Gegnern Comos gehörte, nahm die Flüchtlinge
      von der Insel auf und wurde deshalb vorübergehend auch „Insula Nova“, die
      neue Insel, genannt.101 Benedetto Giovio, Historiker im 16. Jahrhundert, schreibt:
      Comenses oppidum Insulae cum universa munitione everterunt, eius loci incolas Varenam
      migrare permittentes; ubi, constructis aedibus et in meliorem formam redacto vico,
      domicilium habuerunt.102

      Diese Verlagerung spiegelt sich auch im Online-Katalog der Urkunden (perga-
      mene) der mailändischen Biblioteca Ambrosiana.103 Ruft man dort die Urkunden
      bis 1200 ab, so findet sich das „castrum insolae“ bis November 1167 recht häufig
      als Ausstellungsort. Die „Insula Nova“ erscheint erstmals im März 1187.104 Der
      Begriff verliert sich im Laufe des 13. Jahrhunderts, spätere Urkunden nennen nur
      noch Varenna als Ausstellungsort. Allerdings haben möglicherweise nicht alle
      Bewohner der Insel den Umzug nach Varenna mitgemacht; so erscheint noch 1215
      ein Ottus qui dicitur de Nobiallo qui habitat Insula veteri.105 Ähnlich heißt es bei Bianchi-

      101 http://it.wikipedia.org/wiki/Isola_Comacina (17. September 2008). Diesen Weg gingen beispielsweise auch die Familien Caginosa, Giovio
      und vielleicht Scotti: Giulio Scotti: L'antica famiglia Varennate degli Scotti, in: Periodico della Società Storica della Provincia e antica Diocesi di
      Como 22 (1915), S. 65-97, hier S. 68 Anm. 2 und S. 72-74. Zur weiter bestehenden Gegnerschaft zwischen Varenna und Como vgl. Adami, Va-
      renna e Monte di Varenna, S. 25-29.
      102 Benedetto Giovio, Storia Patria, Venedig 1629, S. 34, zitiert nach Scotti, L'antica famiglia Varennate, S. 72 Anm. 4.
      103 Vgl. auch Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 20 mit Anm. 1, der mehrere Fundstellen zu 1188 und 1194 nennt.
      104 BA Mailand, Pergamene, Nr. 1471 (1187 März 25, Insule nove).
      105 BA Mailand, Pergamene, Nr. 1593 (1215 Dezember 7). Im Zuge der Umorganisation der Webseite der Biblioteca Ambrosiana scheinen auch
      die Urkundenbestände neu verzeichnet bzw. in anderer Form in die Datenbanken aufgenommen worden zu sein, da sich die o.g. Passage zwar
      bei der Sichtung während des Jahres 2008 fand, im Regest derselben Urkunde nun aber nicht mehr zitiert wird. - Als Fundstelle vgl. außerdem
      Bonomi, Acquafredda, Bd. 1, S. 320 (1203, insula veteri), zitiert nach Monneret de Villard, L'Isola Comacina, S. 56-58.
530
      530    D IE S EHRBUNDTS Band IX
Giovini, vier oder fünf Häuser seien auch nach 1169 bewohnt geblieben.106 Nicht
ganz klar ist außerdem, welcher Ort mit „Isola“ gemeint ist, der während des
gesamten 13. und bis ins 15. Jahrhundert als Ausstellungsort erscheint. Teilweise
scheint sich die Bezeichnung auf diejenigen Orte am Ufer zu beziehen, die zum
Territorium der Isola Comacina gehört hatten, so etwa „Campo d'Isola“ im Jahr
1237. Auch Rebuschini in seiner Geschichte des Comer Sees erwähnt „Insulani“
als Handelnde für die Zeit um 1320, ohne dass klar wird, um wen genau es sich
dabei handelt.107

Es sei aber festgehalten, dass der Ort Varenna nicht erst durch die Flüchtlinge
von der Isola Comacina gegründet wurde. Er bestand mindestens seit dem 8.
Jahrhundert, eine Kirche S. Giovanni Battista ist 1143 erstmals dokumentiert.108
Legt man den Urkundenbestand der Ambrosiana zugrunde, scheint es aber tat-
sächlich so zu sein, dass die Flüchtlinge nach 1169 ein dominierender Bestandteil
der Bevölkerung in Varenna waren, denn die ursprünglichen Bewohner des Or-
tes hätten ihn kaum als „neue Insel“ bezeichnet.




106 Bianchi-Giovini, Studi, S. 355f.
107 Rebuschini, Storia, S. 168-181.
108 Zusammen mit dem nahe gelegenen Mandello wird ein Ort „Vareno“ in einer Urkunde von 769 erwähnt, bei dem es sich wohl um Varen-
na handeln muss: Codex diplomaticus Langobardiae (Historiae Patriae Monumenta, Bd. 13), Turin 1873, Nr. 39, Sp. 74-77, hier Sp. 75. Vgl. au-
ßerdem http://www.varennaitaly.com/cennistorici_d.html (18. September 2008); Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 3f; Scotti, L'antica fa-
miglia Varennate, S. 72 Anm. 4.
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      Die frühen Serponti

      Mit dem Sprung nach Varenna sind wir wieder bei den de Serponte angelangt,
      denn der zeitlich nächste Fund vom März 1193 verortet die Familie nun dort:109
      Vertreter der Gemeinde Chiavenna versprechen, dem Lafranco de Sorponte de
      Insula Nova bis zum nächsten Martini die 100 Pfund Pfennige zurückzahlen, die
      dieser der Gemeinde geliehen hatte.




      Abbildung 14: Darlehensvertrag, 1193 (Archivio Capitolare Laurenziano, Chiavenna)



      109 Nach Aussage von Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 30, sind die Serponti außerdem verzeichnet oder erwähnt "in un affresco nelle
      vicinanze dell'antico porto di Varenna detto il Melsot". Dieses Fresko fand sich bisher leider in keiner Abbildung.
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      532   D IE S EHRBUNDTS Band IX
Der Text der Urkunde sei hier vollständig abgedruckt:110


Anno ab incarnatione domini nostri Jesu Christi millesimo centesimo nonagesimo tercio,
die sexto exeunte martio, indictione undecima. Zorcius Baccus de Leuco, qui modo habitat
in loco Clavenna et est consul Clavennae, et Martinus qui dicitur de Mandello, similiter
de eodem loco Clavenna, promiserunt ex parte ipsius comunantie Clavenne, obligando
omnia sua bona pignori, ita ut liceat creditori convenire quem eorum prius voluerit in
solidum, Lafranco de Sorponte111 de Insula Nova solvere expresim in denariis factis ad
Sanctum Martinum proximum libras centum denariorum terciolorum, quos manifestum
fuit suprascriptis debitoribus accepisse mutuo ad partem et utilitatem suprascripti comunis
de Clavenna, dandos in blava a suprascripto Lafranco, remota exceptione non solute pecunie
et numerate, et esse salvos omni tempore per pacem et per guerram et per omnem discordiam,
et solvere suprascriptos denarios in Insula Nova in virtute suprascripti Lafranci cum
usuris et omne dispendium et donum, quem ipse Lafrancus fecerit lapso termino in exigendis
suprascriptis denariis vel ab alio mutuandis; et ut non teneatur accipere in solutionem
nisi pecuniam numeratam; et ut non liceat probare solutionem predictorum denariorum,
nisi per hoc breve incisum vel per aliud finis. Et convenerunt inter se suprascripti debitores
cum suprascripto Lafranco creditore, quod illi de Clavenna debent consules de Clavenna
et credentiam facere aliud breve huius debiti in laude judicis ipsius Lafranci et eos obligare;
et iste Lafrancus postquam habuerit aliud breve, debet reddere istud consulibus Clavenne,
quia sic inter eos convenit. Actum Insula Nova. Et suprascripti debitores hoc breve, ut
supra, fieri rogaverunt. Interfuerunt testes Lorencius de Torculo, et Rogerius Berna, et
Bonzenus, et Petrus Scanacapra rogati.

S.T. Ego Ogerius iudex interfui, et rogatus hoc breve scripsi.

In der Übersetzung:
„Im Jahr der Fleischwerdung des Herrn Jesus Christus 1193, am sechsten Tag vor
dem Ende des März, in der 11. Indiktion. Georgius Baccus de Lecco, der seit kur-
zem in Chiavenna wohnt und Konsul von Chiavenna ist, und Martinus genannt
de Mandello, ebenfalls aus Chiavenna, haben im Namen der Gemeinde Chiavenna
und unter Verpfändung ihrer gesamten Güter versprochen - wobei es dem Gläuber
erlaubt sein soll, die Gesamtsumme nach seiner Wahl von einem der beiden zu-
rückzufordern -,112 dem Lafranco de Sorponte von der Insula Nova bis zum nächs-

110 Das Original befindet sich Archivio Capitolare Laurenziano in Chiavenna. Abdruck bei: Ceruti, Cartario pagense di Chiavenna, 22 (1915),
S. 219f., Nr. 111. Erwähnung auch bei Becker, Kommune Chiavenna, S. 98 Anm. 482 und S. 266.
111 Es sei darauf hingewiesen, dass hier wie in der im Folgenden zu beschreibenden Urkunde von 1221 die Schreibweise klar „Sorponte“ lau-
tet. Noch ist unklar, ob diese leicht abweichende Schreibweise von Bedeutung oder nur eine örtliche Eigenart ist.
112 Freie Übersetzung. Es handelt sich offenbar um die Festlegung der aus dem römischen Recht stammenden Solidarhaftung, d.h. der Haf-
tung jedes einzelnen Bürgen mit seinem Privatvermögen für die gesamte Schuldsumme; vgl. Claudia Becker: Sub gravioribus usuris. Darle-
hensverträge der Kommune Chiavenna im 12. und 13. Jahrhundert, in: Thomas Scharff/Thomas Behrmann (Hrsg.): Bene vivere in communita-
te. Beiträge zum italienischen und deutschen Mittelalter. Hagen Keller zum 60. Geburtstag überreicht von seinen Schülerinnen und Schülern,
Münster u.a. 1997, S. 25-48, hier S. 31f.
                                                                                                                                              533
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      ten Martini genau einhundert Pfund Denari Terzoli 113 zu zahlen, welche die oben
      genannten Schuldner wie bekannt im Namen und zum Nutzen der Gemeinde
      Chiavenna leihweise angenommen haben und die von dem oben genannten
      Lafranco ... (in blava) gegeben werden sollen, unter Verzicht auf die Einrede-
      möglichkeit wegen nicht ausgezahlten Geldes, und zu jeder Zeit unbeschadet
      durch Frieden, Krieg und jede Uneinigkeit. Die oben genannten Pfennige sollen
      in der Insula Nova im Machtbereich114 des oben genannten Lafranco gezahlt wer-
      den mit Zinsen und allen Unkosten und Gaben, die demselben Lanfranco nach
      Fristüberschreitung bei der Eintreibung der obengenannten Denare oder bei an-
      derweitiger Kreditaufnahme entstehen würden.115 Er soll nicht gehalten sein, als
      Bezahlung etwas anderes als Bargeld zu akzeptieren. Es soll nicht erlaubt sein,
      die Zahlung der vorgenannten Pfennige zu beweisen außer durch diesen einge-
      schnittenen Brief oder durch einen anderen Abschluss.116 Und die oben genann-
      ten Schuldner sind untereinander und mit dem oben genannten Gläubiger La-
      franco übereingekommen, dass die von Chiavenna und die Konsuln von Chia-
      venna auch einer anderen Urkunde über diese Schuld und dem Urteil eines Rich-
      ters Glauben schenken und ihr Folge leisten sollen. 117 Und nachdem dieser La-
      francus eine andere Urkunde erhalten haben wird, muss er diese118 den Konsuln
      von Chiavenna zurückgeben, weil er so mit ihnen übereingekommen ist. Gesche-
      hen in der Insula Nova. Und die oben genannten Schuldner haben gebeten, dass
      diese Urkunde wie oben angefertigt wird. Es waren als Zeugen erbeten und an-
      wesend Lorencius de Torculo, Rogerius Berna, Bonzenus und Petrus Scanacapra119.
      Ich, Richter Ogerius, war anwesend und habe diese Urkunde auf Aufforderung
      geschrieben“. 120

      Die Pergamenturkunde wurde auf der Rückseite von anderer Hand, vermutlich
      aber noch im Mittelalter, beschriftet: Obligatio quam fecit unus ex Consulibus
      Clavennae Lanfranco de Sorponte de Insula nova. Dass Lanfranco wirklich Ratsherr


      113 Drittelstück, offenbar im Wert der Hälfte eines kaiserlichen Pfundes. Vgl. die Erläuterung zu einer Urkunde des späten 15. Jahrhunderts
      aus Bormio: http://www.lombardiabeniculturali.it/bormio/documenti/SB075/ (7. Juli 2009); José Diaz Tabernero: Die Fundmünzen aus dem
      Kloster St. Johann in Müstair, in: Müstair Kloster St. Johann. Münzen und Medaillen (Veröffentlichungen des Instituts für Denkmalpflege an
      der ETH Zürich, Bd. 16/2), Zürich 2004, S. 11-52, hier S. 19 mit Anm. 60.
      114 Das in virtute wird laut Ceruti von Ducange gleichgesetzt mit violentia oder vis und von Ceruti als gleichbedeutend mit domicilium inter-
      pretiert.
      115 Die Zinserhebung war zwar eigentlich kirchlicherseits seit 1179 verboten, wurde aber weiterhin praktiziert. In den meisten Fällen wurden
      die Zinsen daher als eine Art Aufwandsentschädigung umschrieben. Gleichzeitig ist gerade die vorliegende Urkunde die älteste für
      Chiavenna überlieferte, die trotzdem den Begriff usurae benutzt. Claudia Becker schreibt dazu: „Die Gläubiger der Kommune Chiavenna wur-
      den trotz des permanenten Verstoßes gegen kirchenrechtliche Vorschriften offensichtlich nicht von Gewissensbissen geplagt". Becker, Sub gra-
      vioribus usuris, S. 32f. m. Anm. 38.
      116 Darlehensverträge existierten im Normalfall in nur einem einzigen Exemplar, das in Händen des Gläubigers blieb, bis die Schuld vollstän-
      dig zurückgezahlt war. Danach wurde das Pergament auf eine bestimmte Art eingeschnitten (daher der Begriff breve incisum) und dem
      Schuldner übergeben, der damit die Erfüllung seiner Verpflichtungen beweisen konnte. Auch hier ist unsere Urkunde die erste in Chiavenna,
      die diese Formulierung aufnimmt. Vgl. Becker, Sub gravioribus usuris, S. 28f., 38f. - Die Einschnitte zeigen, dass diese Schuld tatsächlich zu-
      rückgezahlt wurde. Andernfalls wäre die Urkunde auch nicht im Archiv von Chiavenna gelandet, sondern bei den Serponti geblieben.
      117 Der Sinn dieses Satzes bleibt unklar. Eine, später üblich werdende, gerichtliche Bestätigung der Rückzahlung der Schuld kann eigentlich
      nicht gemeint sein. Zu den sog. „Beweisbreve" Becker, Sub gravioribus usuris, S. 38f.
      118 Gemeint ist sicher die aktuell vorliegende.
      119 Keiner dieser Zeugen scheint sonst in Chiavenna aufzutreten. Sie kommen demnach also wohl von Varenna.
      120 Ein Ogerius, iudex imperatoris, also ein vom König beauftragter Richter, erscheint zwischen 1156 und 1195 mehrfach in Chiavenna.
534
      534   D IE S EHRBUNDTS Band IX
in Chiavenna gewesen wäre, ergibt sich nicht aus dem Urkundentext. Tatsächlich
ist es eher unwahrscheinlich, da wir ihn später auch noch in Varenna bzw. der
Insula Nova nachweisen können. Die Beschriftung spiegelt damit offenbar einen
Irrtum eines früheren Archivars wider. Francesco D'Alessio ist der Meinung, ein
„Dominus Lanfranco“, der 1209 Podestà von Varenna war, sei mit Lanfranco de
Serponte identisch. 121 Ohne genauere Kenntnis der Bevölkerung von Varenna um
1200 ist es nicht möglich, diese These zu be- oder zu widerlegen.
Vermutlich derselbe Lanfranco de Serponte taucht eine Generation später, im
Dezember 1221, ein weiteres Mal in einer Urkunde auf, und zwar erneut als Kredit-
geber für die Kommune Chiavenna.122 Diese Urkunde ist erheblich schwerer zu
lesen als die erste:123

In nomine domini. [Anno] millesimo ducentesimo XXI, die secundo exeunte decembris,
indictione VIIII. Contentus et manifestus fuit Dominus Lafrancus de Sorponte de Insula
Nova se accepisse ab Domino Pepere de Peverello124 de Clavenna, ad partem et utilitatem
cumuni de Clavenna, libras vigintinovo et mediam [...] nominative ex Gui[...] pm. illam
li[...] [...] libras VII de quibus ipse cumune, reverendo praedicto Domino Lafranco per
duos breves publicos et mill[...] [...] donum [...] Gui[...] debet ei facere praedict[...] cumuni
de omnibus illis [...] ab ultima die exeunte Novembris XX [...] Et insuper promisit oblig[...]
omnia sua bona pignori semper man[...] [...] et contentus in hac confessione. Actum insule
nove. Interfuerunt ibi rogati testes: Vegius filius quondam Ottonis de Agliasca de Cumis,
et Anricus filius quondam Guilelmi de Sorponte de Insula Nova, et Bertramus filius
quondam Bertrami de Solario de Clavenna,125 et pro notario fuit ibi Johannes filius quondam
Anselmi Gualterio de Insula Nova.

Ego Iohannes notarius filius quondam Anselmi Gualterii de Insula Nova interfui et
subscripsi. 126
Ego Gualterius notarius filius quondam Bonapartis de Conca de Insula Nova rogatus
tradidi et scripsi. 127
121 D'Alessio, Serponti di Mirasole, S. 127 Anm. 4, unter Verweis auf Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 445, der aber unter dem 12. Feb-
ruar 1209 nur den „Dominus Lanfranco", nicht einen Lanfranco de Serponte als Podestà nennt. Adami gibt als Quelle an: „Carte Bonomi. A E
15. Vol. 32". Noch konnte nicht geklärt werden, was genau sich hinter dieser Bestandsbezeichnung verbirgt.
122 Das Original befindet sich im Archivio Capitolare Laurenziano in Chiavenna. Regest in Codice Diplomatico della Rezia, S. 369, Nr. 251
(irrtümlich auf den 2. Dezember datiert): „Confessio facta a Dno. Lafranco de Sorponte de Insula Nova, Comuni de Clavenna de receptione
librarum 29.10 causa interusuriorum debitorum, Anno 1221 die 2. exeunte Xbris". Erwähnung auch bei Becker, Kommune Chiavenna, S. 98
Anm. 482 und S. 271 und bei Adami, Cenni genealogici, S. 144 (unter dem gleichfalls falschen Datum 31. Dezember).
123 Selbst die hierzu befragten Experten der Archivschule Marburg hatten erhebliche Schwierigkeiten mit dem Text und konnten zwar einige,
aber nicht alle Unsicherheiten ausräumen. Ein herzlicher Dank sei hier Prof. Dr. Rainer Polley ausgesprochen, dessen Hinweise sich als sehr
wertvoll erwiesen haben. Ergänzungen und Korrekturen werden weiterhin gerne entgegengenommen!
124 Ein Piper de Piperello ist in Chiavenna für 1189 bis 1196 als Konsul belegt, dieser oder ein anderer, als dominus (Herr) bzw. ser bezeichnet,
1221 bis 1228 und 1240 als caneparius (Schatzmeister). In letzterer, wenngleich ungenannter Funktion dürfte er auch in der obigen Urkunde
aufgetreten sein. Becker, Kommune Chiavenna, S. 49 Anm. 231, 83 Anm. 399, 151 mit Anm. 739, 293, 296.
125 In Chiavenna sind mehrere Bertramo de Solario belegt, die nicht klar voneinander abzugrenzen sind. Einer davon erscheint 1141 als Kon-
sul und 1156 im Zusammenhang mit dem erwähnten ersten Darlehensvertrag der Gemeinde Chiavenna (seine Familie hatte Verwandtschaft
auf der Insula Nova). Einer war 1240/41 Konsul; dieser oder ein dritter amtierte zwischen 1264 und 1271 in verschiedenen leitenden Funktio-
nen der Gemeinde. Die Nennung von 1221 würde genau zwischen diese beiden Zeitstellungen fallen, insofern ist es gut möglich, dass wir es
hier mit einem weiteren Vertreter derselben Familie zu tun haben. Becker, Kommune Chiavenna, S. 62 Anm. 297, 84 Anm. 402, 98 mit Anm.
481, 126f. mit Anm. 597f., 139 mit Anm. 680, 155f., 293-295, 297.
126 Diese Zeile von anderer Hand.
127 Diese Zeile wieder von der ersten Hand.
                                                                                                                                                    535
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      Abbildung 15: Bestätigung der Zinszahlung, 1221 (Archivio Capitolare Laurenziano,
      Chiavenna)

      Die Übersetzung fällt, der Lückenhaftigkeit der Transkription halber, schwer und
      wurde in eckigen Klammern durch Informationen aus dem Regest ergänzt:

      „Im Namen des Herrn. Im Jahr 1221, am zweiten Tag vor dem Ende des Dezem-
      ber, in der 9. Indiktion. Festgehalten und offensichtlich ist, dass Herr Lafranco de
      Sorponte von der Insula Nova vom Herrn Piper de Piperello von Chiavenna im
      Namen und zum Vorteil der Gemeinde Chiavenna 29 1/2 Pfund [neuer Münze]
      erhalten hat, für Ende November [fällige Zinsen für ein Darlehen über 293 Pfund],
      die ihm aufgrund zweier öffentlicher Urkunden zustehen. Geschehen in der Insula
      Nova. Anwesend waren die dazu gebetenen Zeugen: Vegio, Sohn des verstorbe-
      nen Otto de Agliasca aus Como, und Anrico, Sohn des verstorbenen Guilelmo de
      Sorponte von der Insula Nova, und Bertramo, Sohn des verstorbenen Bertramo
      de Solario aus Chiavenna. Notar war hier Giovanni, Sohn des verstorbenen Ansel-
      mo Gualterio von der Insula Nova.“

      Obwohl nicht in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander gelegen, teilten Chia-
      venna und die Isola Comacina (bzw. dann die „Insula Nova“ Varenna) nicht nur
      die politische Gegnerschaft zu Como, sondern es bestanden auch verwandtschaft-
      liche Beziehungen zwischen den führenden Familien. Schon 1156 nahm die Ge-
      meinde Chiavenna ein Darlehen bei einem Bewohner der Isola Comacina auf,
      1189 folgte ein weiteres, 1193 ist dann das oben zitierte von Lanfranco de Serponte
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      536   D IE S EHRBUNDTS Band IX
nachgewiesen. 128 Chiavenna scheint seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts
weitestgehend auf Kredit gelebt zu haben. Das 1193 gewährte Darlehen Lanfranco
de Serpontes über 100 Pfund konnte dabei noch zurückgezahlt werden; seit 1214
mussten neue Schulden schon dafür aufgenommen werden, dass ältere Verpflich-
tungen bedient werden konnten.129 In der Tat ist in der zweiten Urkunde von 1221
nicht mehr von Tilgung die Rede, sondern nur noch davon, dass Zinsen gezahlt
wurden, und zwar offenbar verspätet. Der Zinsbetrag scheint zehn Prozent der
ursprünglichen Summe auszumachen. Da im Mittelalter fünf Prozent üblich wa-
ren, scheint die Urkunde die Zahlung von Zinsen für zwei Jahre zu bestätigen.

Gleichzeitig stehen beide Urkunden im Kontext einer zunehmenden Verschrift-
lichung rechtlichen Handelns, bedingt durch die sich ausweitende Geldwirtschaft.
Der bisher übliche Zeugenbeweis galt immer stärker als unsicher und wurde nach
und nach durch schriftliche Formen ersetzt. Die vollständige Rückzahlung eines
Darlehens wurde zuächst durch Einschnitte in der ursprünglichen Urkunde be-
wiesen. Die Urkunde von 1193 ist für Chiavenna die erste, die auch im Text dar-
auf verweist, dass allein die Einschnitte in der Urkunde die vollständige Rückzah-
lung des Darlehens beweisen - ein rein mündlicher Zeugenbeweis genügte nun
nicht mehr. Auch die Regelung, eine Rückzahlung dürfe nur in Bargeld und nicht
in Schuldscheinen geschehen, findet erst in diesen Jahren Eingang in die Urkun-
den und dürfte eine Reaktion auf entsprechende Vorkommnisse sein.130 Je höher
die Verschuldung stieg, desto länger dauerte die Rückzahlung. Dies wiederum
führte zur Etablierung weiterer Urkundentypen wie etwa der Quittung für er-
folgte Zinszahlungen, wie sie uns in Form der Urkunde von 1221 vorliegt. Eine
erste Quittung dieser Art war von der Kommune Chiavenna erst 1214 ausgestellt
worden.131

Was die Familie de Serponte angeht, so ist festzuhalten, dass sie offensichtlich
über genügend flüssige Mittel verfügte, um der Gemeinde Chiavenna auszuhel-
fen - und das weniger als eine Generation nach der Flucht von der Insel, die dem-
nach wirtschaftlich keinen großen Schaden angerichtet zu haben scheint. Wenn
wir davon ausgehen, dass in beiden Fällen wirklich derselbe Lanfranco de Serponte
aktiv war, so hat er der Gemeinde Chiavenna zunächst 100 Pfund geliehen. Von
einer Rückzahlung ist auszugehen, denn die Urkunde von 1193 ist durch Ein-
schnitte ungültig gemacht worden. Irgendwann vor 1221 lieh er der Gemeinde,
möglicherweise in zwei Tranchen, weitere insgesamt knapp 300 Pfund zu einem Zins-
satz von vermutlich fünf Prozent, über deren Rückzahlung nichts bekannt ist.
Dieser Lanfranco de Serponte ist außerdem das erste Familienmitglied, das aus-
128 Becker, Kommune Chiavenna, S. 98f.
129 Zur Finanzsituation der Kommune Becker, Sub gravioribus usuris, S. 25f.
130 In Chiavenna findet sich diese Regelung erstmals 1192; Becker, Sub gravioribus usuris, S. 36 m.Anm. 55.
131 Becker, Sub gravioribus usuris, S. 26-28, 44; dies., Kommune Chiavenna, S. 269.
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      drücklich mit dem Titel Dominus erscheint. Wenn die oben im Detail ausgeführ-
      ten Angaben insbesondere von Hagen Keller hier zutreffen, ordnet ihn das ein-
      deutig der ritterlichen Schicht der Capitane und Valvassoren zu.

      Die Urkunde von 1221 nennt gleich einen weiteren Vertreter der Familie de Serpon-
      te in Varenna, und zwar unter den Zeugen des Aktes: Anricus filius quondam Guilelmi
      de Sorponte de Insula Nova.132 Der demnach zu diesem Zeitpunkt schon verstorbe-
      ne Vater des Anrico könnte jener Guilelmo de Serponte sein, der 1212 Zeuge in
      einer in Como ausgestellten Urkunde war133 - obwohl ja, wie oben geschildert, die
      Bevölkerung der Isola Comacina und späteren Insula Nova eigentlich zu den
      Gegnern Comos gehört hatte.

      Eine Chiavennasker Urkunde von 1213 nennt ibi testes Aurigamis de Superponte, et
      Aurilus de Varena ambo.134 Da der Name de Superponte sonst überhaupt nicht nach-
      gewiesen und die Urkunde nach der Beschreibung in schlechtem Zustand ist,
      könnte es sich gut um einen Lesefehler halten. Da sich de Varena angesichts des
      folgenden ambo auf beide Personen beziehen muss, erscheint Aurilus hier, ganz
      entgegen den Gepflogenheiten in dieser Region und sozialen Schicht, ohne Bei-
      namen. Gut denkbar, dass es sich ebenfalls um einen de Serponte handelt. Dann
      wiederum würde es nahe liegen, gleich zwei Lesefehler anzunehmen, die beide
      bei Schriften dieser Zeit sehr leicht passieren können. Setzen wir -c- statt -l- und -
      n- statt -u-, könnten wir den uns schon für 1221 bekannten Anricus anzunehmen.
      Auch bei Aurigamo könnte es sich allerdings um einen Lesefehler handeln. So ist
      für eine andere Familie der Region belegt, dass ein Anricus auch als Anrigonus
      oder Honrigonus auftaucht.135 Anrigonus könnte leicht zu Aurigamus verlesen
      werden. In diesem Fall hätten wir im Jahr 1213 zwei verschiedene Anrico de
      Serponte in einer Urkunde.




      132 Vgl. Maspoli/Palazzi Trivelli, Stemmario Bosisio, S. 171, die den Zeugen als „Anrico o Anrigaccio del fu Guglielmo" zitieren. - Adami, Cen-
      ni genealogici, S. 144 gibt die Lesart des Vornamens als Auricus. Dabei handelt es sich aber klar um einen Lesefehler, da die Urkunde im
      Schriftbild deutlich zwischen den recht eckigen n/m und den am unteren Ende sehr runden u unterscheidet. Davon abgesehen ist Anricus eine
      auch sonst nachgewiesene Variante von Heinrich, während Auricus als Name z.B. bei Becker, Kommune Chiavenna und Keller, Adelsherr-
      schaft überhaupt nicht nachgewiesen ist.
      133 Adami, Cenni genealogici, S. 144: „Ghillelmus de Serponte teste in un atto rogato a Como". Leider fehlt ein Vermerk, wo diese Urkunde zu
      finden sein könnte. Das Staatsarchiv Como hat zwar einen Bestand Notariatsakten ab 1329, aber die kurze Beständeübersicht im Internet weist
      keinen Bestand „Pergamene" (Urkunden) auf: http://www.archivi.beniculturali.it/UCBAWEB/ricerca.php?nome=COMO, Patrimonio
      documentario (17. September 2008).
      134 Original im Archivio Capitolare Laurenziano Chiavenna. Abdruck bei Ceruti, Cartario pagense di Chiavenna, 24 (1921), S. 71f., Nr. 166. -
      Regest auch im Codice Diplomatico della Rezia, S. 322, Nr. 219, allerdings ohne Angabe der Zeugen und damit ohne die beiden Namensnen-
      nungen. Erwähnung bei Becker, Kommune Chiavenna, S. 209 Anm. 1019 und S. 269. Becker hält allerdings das de Varena für den Familienna-
      men und behält auch die Lesart Aurilus bei, ohne weiter darauf einzugehen.
      135 Juliane Trede: Beobachtungen zur sozialen Mobilität der ländlichen Bevölkerung im 13. Jahrhundert. Die Familie Cerpanus/de Honrigono
      aus Varese, in: Thomas Scharff/Thomas Behrmann (Hrsg.): Bene vivere in communitate. Beiträge zum italienischen und deutschen Mittelalter.
      Hagen Keller zum 60. Geburtstag überreicht von seinen Schülerinnen und Schülern, Münster u.a. 1997, S. 93-104, hier S. 95.

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      538   D IE S EHRBUNDTS Band IX
Im zweiten und dritten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts hätten wir also mindestens
drei urkundlich dokumentierte, etwa gleichzeitig lebende Vertreter des Hauses
de Serponte: Lanfranco, Aurigamo/Anrigono und Anrico. 1296 findet sich die
Nennung eines Giovanni de Serponte, Sohn des verstorbenen ser Atto aus
Varenna;136 möglicherweise derselbe Giovanni (ohne Vatersnamen) erscheint 1297
als Zeuge in einer Urkunde des Klosters S. Faustino e Giovita.137 Ein Notar Attolino,
Sohn des verstorbenen Guasparo de Serponte, war 1301 in Varenna tätig.138 Auch
um die Wende um 14. Jahrhundert bestanden also mindestens zwei Familien-
zweige nebeneinander.

Einige weitere Namensnennungen des 13. Jahrhunderts können nicht direkt
Varenna, wohl aber der Region um den Comer See zugeordnet werden. So war
Guiberto de Serponte im Juli 1211 in Como Zeuge in einer Transaktion zwischen
dem Bischof von Como und der Äbtissin von S. Faustino. 139 Für den April 1213 ist
dokumentiert, dass ein Arigoto de Serponte Besitzungen in Lenno, gleich östlich
von Ossuccio, hatte.140




136 Adami, Cenni genealogici, S. 145, leider völlig ohne Quellenbeleg.
137 Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 24f.
138 BA Mailand, Pergamene, Nr. 2269.
139 BA Mailand, Pergamene, Nr. 1572. Das Kurzregest im Internetkatalog der Biblioteca Ambrosiana nennt keine Zeugen für diese Urkunde.
Genannt bei Adami, Cenni genealogici, S. 144 (datiert auf Juli 23).
140 Adami, Cenni genealogici, S. 144. Adami gibt als Fundort eine "Sammlung Bonomi" an, die bisher nicht identifiziert werden konnte (iden-
tisch mit den o.g., ebenso unidentifizierten „Carte Bonomi"?). Sie scheint sich in der Biblioteca Ambrosiana zu befinden, vgl. Scotti, L'antica
famiglia Varennate, S. 76.
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      Abbildung 16: Kirche San Giorgio, Varenna (Copyright Aconcagua 2007, de.wikipedia)
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      540   D IE S EHRBUNDTS Band IX
Abbildung 17: Kirche San Giorgio, Varenna (Copyright Aconcagua 2007, de.wikipedia)
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      In Varenna wurde 1327 in der Kirche S. Giorgio (die erst wenige Jahre zuvor,
      1313, errichtet worden war) die Familiengrablege der de Serponti eingerichtet.
      Die noch vorhandene Steinplatte mit dem Verweis auf das Grab hat folgende
      Aufschrift: 141

      SEPULCRUM GENTILITIUM

      NOBILIS FAMILIAE DE SERPONTE

      IN PROXIMO COEMETERIO

      DE VARENA CONDITA MCCCXXVII EXTRUCT.

      VETUSTATE SEMIRUTUM

      MARCHIO IOH. ANT.

      UNA CUM OSSIB. MAIOR. SUOR.

      NEC NON FRAR. OPT. AC BENEMEREN

      MARCH. VALERIANI EX REG. QUAES. EXR.

      VIII. K. NOVEM. MDCCXIV VITA FUNCTI

      HUC TRANSFERENDUM

      CURAVIT

      Zu einem unklaren Zeitpunkt, aber wohl im 15. Jahrhundert, war außerdem ein
      Priester Beltramo de Serponte Kaplan des Altars der Heiligen Maria in der Kirche
      S. Giorgio. Dieser Beltramo oder Bertramo ist vielleicht derselbe, der für die 1430er
      und 1440er Jahre als Benefiziat bzw. Priester in Tresivio, Chiuro und Gravedona
      genannt wird.142 Die Familie soll außerdem im Jahr 1412 das Patronatsrecht über
      die Kirche S. Giovanni in Varenna ausgeübt haben.143

      141 D'Alessio, Serponti di Mirasole, S. 91; Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 404. Vgl. auch Enzo Pini: I Manzoni. Della Valsassina alla
      Martesana, S. 3, der die Grablege allerdings versehentlich in die Kirche S. Giovanni Battista in Varenna verlegt: http://www.bibliomilanoest.it/
      storiainmartesana/pdf/numero02/pini_enzo_i_manzoni.pdf (17. Juli 2009). - Zum Alter der Kirche http://de.wikipedia.org/wiki/Varenna (17.
      Juli 2009).
      142 Elisabetta Canobbio (Hrsg.): La Visita pastorale di Gerardo Landriani alla diocesi di Como (Materiali di storia ecclesiastica lombarda [seco-
      li XIV-XVI]), Mailand 2001.
      143 Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 84. - Der von Maspoli und Palazzi Trivelli (Stemmario Bosisio, S. 171) zum Jahr 1438 behauptete
      Giovanni Agosto Serponti, Podestá in Menaggio, stellt sich als ein Druckfehler heraus und gehört eigentlich ins Jahr 1538 - es sei denn, die ur-
      sprüngliche Nennung bei Adami zu 1538 sei der Druckfehler gewesen: Adami, Cenni genealogici, S. 147
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      542    D IE S EHRBUNDTS Band IX
                                                                           Abbildung 18: Grablege der Serponti in der
                                                                           Kirche San Giorgio, Varenna (aus: Francesco
                                                                           d'Alessio: Serponti di Mirasole. Vicende di un
                                                                           grande casato lecchese tra Varenna, Milano e
                                                                           Germanedo, in: Archivi di Lecco 29 (2006),
                                                                           H. 2, S. 88-136)

                                          Ein Antonio de Serponte soll 1364, so sagt
                                          es Adami in seiner genealogischen Publi-
                                          kation, in einem Konflikt des streitbaren
                                          Mailänder Herrschers Bernabò Visconti
                                          mit der Gemeinde Varenna von dieser
                                          zum Vermittler bestimmt worden sein; er
                                          muss also eine führende Position in der
                                          Gemeinde gehabt haben. Mailand galt
                                          wohl mindestens seit der ersten Hälfte
                                          des 14. Jahrhunderts unangefochten als
                                          Territorialherr der Region um Varenna,
                                          Varenna also als Teil des Contado der
                                          Stadt Mailand. Demnach müsste es sich
um eine Streitigkeit zwischen der Gemeinde und ihrem Herrn gehandelt haben.144
In etwa die gleiche Geschichte berichtet Adami in seiner Ortsgeschichte von Va-
renna zum Jahr 1385; Antonio de Serponte habe vor Bernabò darum gebeten, eine
gegen die Gemeinde verhängte Geldstrafe von 4000 Gulden aufzuheben. Im Er-
gebnis sei die Geldstrafe unter der Bedingung sofortiger Zahlung - und unter
Androhung der Konfiskation sämtlicher Güter bei Nichterfüllung der Forderung
- auf die Hälfte reduziert worden.145

Bernabò Visconti (1323-1385) gilt als grausamer Herrscher mit einem Hang zur
eigenwilligen Interpretation von Gerechtigkeit. Er soll größerenteils selbst regiert
und sich nicht auf Minister oder sonstige Untergebene verlassen haben.146 Im Jahr
1360 vom Papst mit dem Bann belegt, gelang es ihm erst nach verlustreichen Kämp-
fen und einer Zahlung von 500000 Gulden, sich im März 1364 (vorübergehend)
vom Bann zu lösen und Frieden zu schließen.147
144 Adami, Cenni genealogici, S. 145. Als Quelle nennt er „notizie della nobile famiglia Serponti da Rafaele Fagnani il quale nella lettera S del-
le sue opere". Es handelt sich vermutlich um die mehrbändige „Nobilium familiarum mediolanensium commenta" von Raffaele Fagnani (1552-
1623), BA Mailand, T 160 sup. Zum Jahr 1364 wird die Episode auch berichtet von Tettoni/Saladini, Teatro araldico. - Zur Zugehörigkeit Varen-
nas zum Mailänder Territorium vgl. Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 38f.
145 Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 53. Als Quelle nennt er hier das Familienarchiv der Serponti, das sich zu seiner Zeit (1927) im Hän-
den des Bürgermeisters Carlo Pagani befand. Heute scheint es verloren zu sein, denn auch D'Alessio, der ausdrücklich Familienmitgliedern
der Serponti de Mirasole für die Unterstützung bei der Verfassung seiner Arbeit dankt, weiß nichts über den Verbleib des Archivs. D'Alessio,
Serponti di Mirasole, S. 127 Anm. 1; D'Alessio ordnet die Episode ins Jahr 1385 (S. 91).
146 Muir, History of Milan, S. 52, 68-71.
147 Muir, History of Milan, S. 72f.; http://en.wikipedia.org/wiki/Bernab%C3%B2_Visconti; http://www.storiadimilano.it/Personaggi/Visconti/
bernabo.htm (18. Juli 2009).
                                                                                                                                                     543
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      Abbildung 19: Grabmal des Bernabò Visconti (Copyright Giovanni dall'Orto 2007,
      it.wikipedia)

      Das mailändische Staatseinkommen der Zeit wird auf etwa 1,2 Millionen Gulden
      jährlich geschätzt, so dass die geforderte Summe eine beträchtliche Zusatz-
      belastung darstellte. 148 Bis gegen Ende der 1370er Jahre arbeitete er daran, sein
      Territorium weiter auszudehnen, was weitere verlustreiche Kriege nach sich zog
      und, in Folge dessen, die finanzielle Belastbarkeit der Bevölkerung aufs Äußerste
      strapazierte, die darüber hinaus unter etlichen Pestdurchzügen litt.149 Im Mai 1385
      wurde Bernabò von seinem Neffen Gian Galeazzo Visconti gefangen gesetzt und
      im Dezember desselben Jahres schließlich ermordet. Das Volk, voller Zorn über
      die Lasten der vergangenen Jahre, setzte Bernabòs Residenz nach dessen Verhaf-
      tung in Brand und vernichtete seine Archive.150 Sofern die oben genannten Jah-
      reszahlen für die Mission Antonio de Serpontes überhaupt stimmen, scheint die
      Episode eher ins Jahr 1364 mit seinen kurzfristigen finanziellen Erfordernissen


      148 Muir, History of Milan, S. 91.
      149 Patrucco, Geschichte der Visconti, S. 27-30, 39f.
      150 Muir, History of Milan, S. 85-87. - Von anderer Seite wird berichtet, dass die Papiere der Visconti erst 1447 bei der Ausrufung der kurzlebi-
      gen Ambrosianischen Republik vernichtet wurden (von Stromer, Hochfinanz, S. 50). Im Ergebnis ist dieses Detail aber unerheblich, es bleibt
      die Tatsache, dass die Quellenlage für das visconteische Mailand - und damit leider für die hier am meisten interessierende Zeit - extrem
      schlecht ist. Es gibt zwar noch einige Bestände im Staatsarchiv Mailand, aber mit Sicherheit keine flächendeckende Überlieferung:
      http://archiviodistatomilano.it/strumenti-di-ricerca-sala-studio/ (17. Juli 2009).
544
      544    D IE S EHRBUNDTS Band IX
zu passen, zumal Bernabò für den größeren Teil des Jahres 1385 ohnehin keine
Rolle mehr spielte. Da die Gemeinde Varenna kaum einen Jüngling zum Herr-
scher geschickt haben wird, müsste Antonio de Serponte also, grob geschätzt, vor
1324 geboren sein.

Dieser Antonio de Serponte ist der erste, der in den oben erwähnten Anträgen auf
Aufnahme ins Juristenkolleg151 als konkreter Namensträger genannt wird, aller-
dings ist hier nicht ausdrücklich davon die Rede, er sei der Vater des im Folgen-
den noch genauer zu betrachtenden Tommaso.152 Zunächst ist in der Tat nicht
zwingend von einer direkten Vorfahrenschaft auszugehen, weil schon oben dar-
gestellt wurde, dass es seit dem 13. Jahrhundert immer wieder mehrere gleich-
zeitig lebende Namensträger gab und die parallele Existenz mehrerer Serponti-
Familien daher durchaus möglich ist. Eine etwa zur selben Zeit (1378) in Varenna
ausgestellte Urkunde beispielsweise besiegelt den Verkauf eines Gutes durch
Zanono de Serponte, Sohn des verstorbenen Andrea.153

Wie oben schon dargestellt, wurde der nobilis vir Tomasius de Serponte, filius quondam
Antonii de Varena im Januar 1397 von Gian Galeazzo Visconti in Mailänder Bür-
gerrecht aufgenommen. Tommaso wird also ausdrücklich als Sohn eines Antonio
aus Varenna genannt. Es liegt nahe anzunehmen, in dem Vater eben jenen Antonio
zu vermuten, der etwa eine Generation zuvor als führender Vertreter der Ge-
meinde Varenna in Mailand auftrat.

Einige Jahre zuvor soll der Mailänder Herzog Tommaso Serponti und dessen Sohn
Giovanni auch für seine militärischen Verdienste mit einem Lehen und einer Burg
im Valchiavenna gedankt haben. Für diese Belehnung wird die Jahreszahl 1378
genannt, die aber bisher nicht in den Quellen verifiziert werden konnte; ebenso
ist unklar, ob Giovanni tatsächlich ausdrücklich genannt wurde oder ob die Be-
lehnung nur generell für Tommaso und seine Nachkommen galt. All diese Um-
stände sind unklar, weil die Tatsache der Belehnung derzeit offenbar nur aus ei-
nem Vorgang des Jahres 1468 bekannt ist. Das Jahr 1378 würde in die Regierungs-
zeit Bernabòs fallen und in die Zeit seiner Auseinandersetzungen mit verschiede-
nen benachbarten Mächten, so dass die Mailänder Herrschaft in dieser Zeit in der
Tat militärische Dienste ihrer Untertanen in Anspruch genommen haben dürf-
te.154



151 Weitere Dokumente zum Juristenkolleg - einschließlich Referenzen zur Familie Serponti - finden sich hier: BA Mailand, Trotti 25: Compa-
ritiones Collegii causidicorum, ex collectanea Ducati mediolanensis (stampati e manoscritti), o.D.
152 AS Mailand, Dokument 2.
153 BA Mailand, Pergamene, Nr. 7089.
154 http://en.wikipedia.org/wiki/Bernab%C3%B2_Visconti; http://www.storiadimilano.it/Personaggi/Visconti/bernabo.htm (18. Juli 2009). Die
folgende Karte zeigt die Ausdehnung des Herzogtums Mailand um 1494.
                                                                                                                                              545
                                                                                                               FRÜHE S ERPONTI          545
      Abbildung 20: Erste Seite des Aufnahmeantrags für das Juristenkolleg (AS Mailand, Dokument 2)
546
      546   D IE S EHRBUNDTS Band IX
Abbildung 21: Italien um 1494 (aus: William Shepherd: Historical Atlas, New York 1911)
                                                                                                  547
                                                                          FRÜHE S ERPONTI   547
      Das Lehen war 1468 im Besitz zweier Enkel des Tommaso, denen die Herzogin
      Blanca Maria Sforza geb. Visconti155 im Mai dieses Jahres, wenige Monate vor
      ihrem Tod, die Erlaubnis erteilte, Teile des Lehens bis zu einem Wert von 1000
      Dukaten weiter zu veräußern. Das Original konnte bisher nicht gefunden und
      eingesehen werden, doch fand sich ein Neuabdruck von 1731 mit Bestätigung
      des Vorhandenseins dieses Mandates.156

                                                                   Abbildung 22: Bianca Maria Visconti, Portrait von
                                                                   Bonifacio Bembo




                                        Bianca Maria Visconti (1425-1468), Großnichte
                                        von Bernabò und uneheliche Tochter von
                                        Filippo Maria Visconti, war von ihrem Vater mit
                                        dessen Heerführer Francesco Sforza verheira-
                                        tet worden. Nach dessen Tod im Jahr 1466 führ-
                                        te Bianca Maria die Regierung zunächst gemein-
                                        sam mit ihrem Sohn Galeazzo Maria Sforza
                                        (1444-1476), zog sich aber im November 1467
      aus den Regierungsgeschäften zurück. Sie soll sich auch noch danach diploma-
      tisch betätigt und sich etwa um die bisher verweigerte Belehnung der Sforza mit
      dem Herzogtum Mailand bemüht haben. Auch gilt sie als Herzogin des Volkes,
      die darüber hinaus engen Kontakt zu den führenden Mailänder Familien hielt -
      was in diesem Fall offenbar die Serponti einschloss.157 Sie starb im Oktober 1468,
      nur drei Monate nach der Ausstellung des oben erwähnten Mandates.




      155 Vogt-Lüerssen, Sforza I.; http://en.wikipedia.org/wiki/Bianca_Maria_Visconti (20.September 2008).
      156 AS Mailand, Consulta Giunta. Die vollständige Signatur der Archivalie ist im Moment nicht bekannt. Es handelt sich um einen Neuab-
      druck und eine Bestätigung des Vorhandenseins des Mandates von 1468, geschehen im Jahr 1731. Als Quelle gibt der Druck an: in registro Pri-
      vilegiorum concessorum per D.D. Ducissam Blancam Mariam, & Ducem Galeatium Sfortias Vicecomites ab anno 1466 ad annum 1468 fol. 266, tergo, in-
      scripto sub littera C.C. alias I.I. Ein erster Hinweis auf dieses Dokument fand sich bei D'Alessio, Serponti di Mirasole, S. 91, unter Verweis auf
      Tettoni/Saladini, Teatro araldico, und (ohne Datierung oder Einzelheiten) Giuseppe Arrigoni: Notizie storiche della Valsássina e delle
      terre limitrofe dalla più remota fino alla presente età, Mailand 1840, S. 253. Der Inhalt wird auch referiert bei AS Mailand, Dokument 2, im An-
      trag von Giovanni Giorgio Valeriano de Serponte auf Aufnahme ins Juristenkolleg der Stadt Mailand.
      157 Vogt-Lüerssen, Bianca Maria Visconti, S. 58, 75, 111-121 (insgesamt interessant wegen der vielen Abbildungen).
548
      548    D IE S EHRBUNDTS Band IX
Abbildung 23: Mandat mit der Erlaubnis zur Lehensveräußerung, 1468
                 (AS Mailand, Consulta Giunta)
                                                                                   549
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      Darin heißt es, das Gut sei donatum fuerit in Feudum quondam strenuo Militi Tomaxio
      eorum [d.h. der beiden Enkel] Avo pro se, & Descentibus suis, Castrum cum bonis, quae
      fuerunt quondam Domini Maphei Pestalocii in Vale Clavenae. Leider finden sich in
      den umfangreichen genealogischen Veröffentlichungen zur Familie Pestalozzi
      keine Hinweise auf diesem Maffeo oder auch nur ein anderes Familienmitglied
      dieses Namens. Die Familie soll ursprünglich in Gravedona ansässig gewesen
      und Ende des 13. Jahrhunderts nach Chiavenna übersiedelt sein.158 In den allgemei-
      nen Veröffentlichungen zur Geschichte des Valchiavenna heißt es, die Familie
      Balbiani - bemerkenswerterweise aus Varenna stammend - sei seit 1404 Lehens-
      träger im Tal gewesen.159 Wie sich das mit der Aussage des Mandates von 1468
      vereinbaren lässt, ist unklar.160

      Der eine der beiden Serponti-Enkel trat handelnd für sich und seinen Cousin auf:
      spectabilis, & praestans Vir Georgius de Serponte filius quondam Joannis de Varena
      dilectissimus Noster, nunc militaris ad nostra Stipendia eius nomine, & nomine dilecti, &
      fidelis servitoris nostri Silvestri de Serponte eius consobrini, dicti Varenini.161

      Aus dem Privileg von 1468 wissen wir, dass Tommaso tatsächlich einen Sohn
      Giovanni hatte, so wie es im Zusammenhang mit der angeblichen Belehnung von
      1378 behauptet wurde. Wohl noch im 18. Jahrhundert wurde dem Druck von
      1731 eine längere handschriftliche Randbemerkung hinzugefügt, die die kom-
      plette Stammreihe der Familie von Tommaso bis zum Marchese Giovanni Giorgio
      Valeriano Serponti de Mirasole auflistet. Der Sohn Giovanni erscheint hier als
      miles Ducis Mediol. mit Jahreszahl 1425. D'Alessio setzt den Enkel Giorgio mit
      dem von Adami für das 15. Jahrhundert angeführten Giorgio Serponte di Giovanni
      „detto il Poginallo“ bei, ohne aber hierzu nähere Erläuterungen oder Quellenan-
      gaben zu geben.162

      Diese handschriftliche Stammreihe auf dem Druck von 1731 bezeichnet die sechs
      Generationen nach Tommaso ausdrücklich als de Varena bzw., noch eindeutiger,
      als habitator Varene.

      158 Hans Pestalozzi-Keyser: Geschichte der Familie Pestalozzi, Zürich 1958, Volltext: http://www.pestalozzi.net/history/familienbuch/
      index.html (16. November 2008); auch den Betreibern dieser Webseite ist kein Maffeo bekannt (E-mail von Gottardo Pestalozzi an die
      Autorin vom 15. November 2008). Vgl. außerdem Emil Pestalozzi-Pfyffer: Die Familie Pestalozzi. Eine genealogische Studie, Zürich 1878, S. 3.
      159 http://www.waltellina.com/escursioni/chiavenna/ (20. Juli 2009).
      160 Die Balbiani müssen allerdings irgendwie mit den Serponti verwandt oder verschwägert gewesen sein, denn in einem Testament vom 31.
      März 1544 bestimmte Ludovica, Tochter von Annibale Balbiano und Besitzerin der Familiengüter in Varenna, neben einem Scotti auch Agosti-
      no Serponti - vermutlich aus Varenna - zum Universalerben. http://pietro.pensa.it/Il_crepuscolo_dei_Balbiano_in_Chiavenna (20. Juli 2009).
      161 Tettoni/Saladini, Teatro araldico. Außerdem D'Alessio, Serponti di Mirasole, S. 91f.; Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 53; ders., Cen-
      ni genealogici, S. 145f.; G.B. Di Crollalanza, Dizionario storico-blasonico delle famiglie nobili e notabili italiane estinte e fiorenti, Pisa 1886-
      1890, Bd. 2, S. 523. - Von Interesse wäre auch das folgende Werk, weil darin (S. 14, 150?) angeblich die Rede ist, die Familie Serponti sei vor
      1800 nach Deutschland ausgewandert und in Italien ausgestorben; es liegt aber in keiner Bibliothek in Deutschland vor und kann daher nicht
      über Fernleihe besorgt werden: Pietro Pensa: Famiglie nobili e notabili stanziatesi prima del XVI secolo in Lecco, nella Valsassina, nella Valvar-
      rone, nella Val d'Esino e sulla riviera orientale del Lario. Saggio di monografia familiare di territorio, Mailand 1976. Möglicherweise ebenfalls
      interessant, aber mangels eines Exemplars in Deutschland ebensowenig über Fernleihe zu besorgen: Antonio Noto/Bruno Viviano/Pietro Pen-
      sa/Edoardo Gabrielli: Il libro della nobiltà lombarda: rassegna storica delle famiglie lombarde, 3 Bde., Mailand 1976-1978.
      162 Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 103.
550
      550    D IE S EHRBUNDTS Band IX
Erst ein Giorgio Serponti, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts Sekretär des
Geheimen Rates der Sforza in Mailand, wird als habitator Mediol. angegeben; für
einem Posten dieser Art galt vermutlich Residenzpflicht in Mailand. Damit hät-
ten wir Tommaso trotz seiner Verdienste für die Mailänder Herzöge eben nicht in
Mailand verortet, sondern in Varenna und dort als Stammvater (mindestens)
zweier Serponti-Linien: der Poginallo, die mit Tommasos Sohn Giovanni begin-
nen und aus denen letztlich die Marchese di Mirasole hervorgingen, und der
Varennino, die auf Silvestro zurückgehen. Die Poginallo-Linie, wenn wir diese
Bezeichnung beibehalten wollen, ist insgesamt sehr viel besser dokumentiert, weil
die Marchese in ihren verschiedenen Anträgen zur Nobilitierung und Standes-
erhöhung163 immer wieder auf ihre Vorfahrenschaft bis zurück zu Tommaso und
Antonio verwiesen haben. Zu den Poginallo gehört vielleicht auch ein „Giovanni
Serponti detto Pagniolo del qm. ser Giorgio di Varenna“ von 1478. 164

Das Mandat von 1468 nennt zwar Silvestro de Serponte als Cousin Giorgios, sagt
aber nicht, wer der Vater Silvestros war. Dem Antrag auf Aufnahme ins Juristen-
kolleg allerdings liegt eine gedruckte „Linea petentis“ bei, die hier einen Antonio
de Serponte einsetzt.

Dem Antrag lagen außerdem mehrere, offenbar leider nicht erhalten gebliebene
dokumentarische Anhänge bei, darunter eine Zeugenaussage im Zusammenhang
mit der Aufnahme von Silvestros Urenkel Ascanio de Serponte in eben dieses
Gremium. Dieser Zeugenaussage zufolge war Silvestro Sohn des Antonio de
Serponte, so dass letzterer als Sohn des Tommaso angesprochen werden muss.
Die Erläuterung schreibt zu Silvestro und Antonio: Dictum autem Sylvestrum fuisse
filium Antonii, et Proavum Ascanii J.C.C. Mediolani, probat processus Testium
examinatorum occasione cooptationis eiusdem Ascanio signato B. Ein „Antonio Serponti
detto Varenino di ser Tommaso di Varenna“ mit Jahresangabe 1480 wird auch in
Adamis genealogischem Werk genannt.165 Die Zuordnung zu dem uns hier inte-
ressierenden Antonio ist allerdings nicht sicher, denn wenn das Lehen 1468 in
Händen der Enkel des Tommaso war, so sollte davon ausgegangen werden, dass
deren Väter Giovanni und Antonio, also die Söhne Tommasos, um diese Zeit nicht
mehr am Leben waren.166




162 Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 103.
163 AS Mailand, Dokumente 1 und 2.
164 Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 102f.
165 Adami, Cenni genealogici, S. 147.
166 Die Serponti-Genealogie im Internet nennt für Giovanni ein Sterbedatum vor 1457, für das aber bisher kein Beleg gefunden werden konn-
te. http://www.iagi.info/genealogienobili/.
                                                                                                                                            551
                                                                                                             FRÜHE S ERPONTI          551
      Abbildung 24: "Linea petentis" (AS Mailand, Dokument 2)




552
      552   D IE S EHRBUNDTS Band IX
Wenn Silvestro 1468 als lieber und treuer Diener der Herzogin bezeichnet wird,
sollte man davon ausgehen, dass er zu diesem Zeitpunkt mindestens erwachsen
war. Er müsste also vor 1448, möglicherweise lange vorher geboren sein. Vor etwa
1423 kann er hingegen nicht geboren sein, weil er von 1468 bis 1523 relativ konti-
nuierlich in Varenna belegt ist.167 Sein Vater Antonio, Stammvater der Varennino,
muss demnach nach 1363 geboren sein und vor 1428, wenn wir davon ausgehen,
dass er bei der Zeugung des Sohnes nicht jünger als 20 und nicht älter als etwa 60
Jahre war. Für Antonios Bruder Giovanni aus der Poginallo-Linie gibt es einen
sicheren Beleg nur für 1425, da ihn die handschriftlichen Zusätze zum Mandat
von 1468 für das Jahr 1425 als miles Ducis Mediol. bezeichnen. Etwaige Annah-
men, Giovanni sei 1378 schon zusammen mit seinem Vater im Valchiavenna be-
lehnt worden, können nach den obigen Ausführungen nicht als belastbar gelten.
Wir können nicht einmal davon ausgehen, dass er zu diesem Zeitpunkt schon
geboren war, so dass der einzige fest datierbare Punkt tatsächlich jene Nennung
für 1425 ist. Er müsste demnach vor 1405 geboren sein. Tommaso, der Vater von
Giovanni und Antonio, soll 1378 und 1397 für seine Verdienste ausgezeichnet
worden sein, wurde also mit Sicherheit vor 1358 geboren.

Die bisherige Annahme, der später geadelte Zweig sei seit Tommaso de Serponte,
also seit dem 14. Jahrhundert, in Mailand und nicht mehr in Varenna ansässig
gewesen, schloss eine direkte Vorfahrenschaft zur Grosiner Gruppe für Tommaso
de Serponte aus; für Grosio ist ja bekannt, dass die dortigen de Serponte im 15.
Jahrhundert direkt aus Varenna kamen und nicht auf einem Umweg über Mai-
land. Die neuen Funde, insbesondere die handschriftlichen Zusätze zum gedruck-
ten Mandat von 1468, zeigen aber deutlich, dass auch Tommaso und seine Nach-
kommen aus der Poginallo-Gruppe weiterhin in Varenna verortet werden müs-
sen.

Allerdings gibt es ebenfalls Ende des 15. Jahrhunderts eine ganze Reihe weiterer
Serponti-Familien in Varenna, die nicht eingeordnet werden können. Als die Ge-
meinde im April 1499 zusammen kam, um die Einhaltung bestimmter Artikel
ihrer Statuten zu fordern und zu beschwören, wurde eine Liste von 70 Haushalts-
vorständen aus Varenna (sowie zwei Dutzend aus den zugehörigen kleineren
Orten) aufgestellt. Von diesen 70 Personen gehören immerhin neun zur Familie
Serponti, und zwar, in der Reihenfolge ihres Auftretens, die mit Sicherheit eine
gewisse Rangfolge impliziert: 168




167 Die letzten Nachweise aus 1523: BA Mailand, Pergamene, Nr. 5037 und 5498.
168 Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 71-73.
                                                                                                        553
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      - D. Giovanni de Serponte di Luchino, caneparius169 der Gemeinde

      - D. Giovanni Pietro de Serponte di Giovanni Antonio

      - Ser Luca de Serponte di ser Baldassare

      - Giovanni Antonio de Serponte di maestro Stefano170

      - Pietro de Serponte di maestro Stefano

      - Antonio de Serponte di ser Andrea

      - Coronino de Serponte di D. Luca171

      - Antonio de Serponte di Luchino

      - Giovanni Andrea de Serponte di maestro Pietro Paolo

      Nur einer davon kann als direkter Vorfahre der geadelten Mirasole-Linie einiger-
      maßen sicher identifiziert werden: Dominus Giovanni Pietro, Sohn von Giovanni
      Antonio de Serponte; er ist von 1482 bis 1535 unter anderem als Notar recht dicht
      dokumentiert. Weder Silvestro noch einer seiner Söhne erscheint in der Liste,
      obwohl auch er ab 1505 relativ häufig in Varenna dokumentiert ist. Für die neun
      Namensträger werden sieben verschiedene Väter genannt, so dass wir also von
      mehreren Familienzweigen ausgehen müssen.

      Ergibt sich nun eine Möglichkeit, den Zusammenhang zwischen dem später gea-
      delten Familienzweig und der nach Grosio abgewanderten Linie, damit also auch
      den deutschen Nachkommen, zu finden?

      Der Vorfahre der in Grosio ansässigen Linie, Giovanni, war Sohn eines Antonio
      de Serponte aus Varenna.172 Giovanni war spätestens seit Dezember 1438 als Pries-
      ter an der Kirche S. Giorgio in Grosio tätig.173 Bei der Pastoralvisitation vom Feb-

      169 Schatzmeister.
      170 Dieser Stefano war also wohl Handwerksmeister.
      171 Ist der Vater D. Luca mit dem in der Liste schon zweimal auftauchenden Luchino identisch? Oder ist hier die Verwendung des Ser- und
      des Dominus-Titels gleichbedeutend, Coronino also der Sohn des noch lebenden Luca? Oder sind alles verschiedene Personen?
      172 Ein Regest einer Urkunde von 1458 nennt Giovanni de Serponte in der Online-Version als den Sohn des verstorbenen Antonio, während
      das Regest derselben Urkunde in der älteren gedruckten Fassung Pedrottis den ser Antonio noch am Leben sieht. Eine Entscheidung zwischen
      diesen beiden Varianten ist im Moment nicht möglich. Original (noch nicht eingesehen): AC Grosio, Fondo pergamenaceo, Nr. 974. Regest:
      www.provincia.so.it/cultura/archivistorici/testi/archivi/Grosio/GROOU20.htm (18. September 2008). Gedrucktes Regest: Pedrotti, Storia di
      Grosio, S. 64.
      Denselben Weg von Varenna nach Grosio ist vor 1459 übrigens auch ein Antoniolo de Tenchis, Sohn des verstorbenen Augustino de Varenna,
      gegangen; Adami, Varenna e Monte di Varenna, S. 101.
      173 Pedrotti, Storia di Grosio, S. 60, 163. Das Regest im Internet nennt Giovanni, der hier als Protonotar tätig war, nicht, sondern nur den No-
      tar Giovanni de Spazzadeschi. http://www.provincia.so.it/cultura/archivistorici/testi/archivi/Grosio/GROOU20.htm
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      554    D IE S EHRBUNDTS Band IX
ruar 1445174 erklärt er, er habe eine Konkubine und vier Söhne, außerdem sei sei-
ne Konkubine derzeit schwanger. Davon abgesehen, dass die Passage aus der
Visitation einen farbigen Einblick in die Lebenswirklichkeit eines norditalienischen
Priesters des 15. Jahrhunderts gibt, ermöglicht sie uns eine ungefähre Abschät-
zung seines Alters. Wenn er seit 1438 als Priester amtierte und im Februar 1445
vier Kinder und eine schwangere Geliebte hatte, müsste er mit Sicherheit vor
1418 geboren sein, sein Vater Antonio demnach vor 1398. Giovanni starb wohl in
der ersten Jahreshälfte 1476, denn im Mai dieses Jahres trat die Gemeindever-
sammlung zusammen, um einen neuen Priester zu wählen.175

Möglicherweise ebenfalls zur Familie gehörig ist ein Paolino de Serponte, der im
Dezember 1468 in Chiuro (zwischen Grosio und Sondrio) wohnhaft war. Paolino
wird zu diesem Zeitpunkt als Sohn des verstorbenen Antonio de Serponte von
Varenna angegeben.176 Vermutlich derselbe Paolino hatte schon 1445 Güter der
Kirche von Chiuro inne, wie sich aus den Visitationsakten ergab. 177 Er müsste
also vor 1425 geboren sein, sein Vater Antonio vor 1405. Ein weiterer Paolino,
ebenfalls Sohn des verstorbenen Antonio, wird zum Januar 1458 mit Wohnsitz
Valsassina erwähnt.178 Der Vorname Paolino ist sehr selten, aber das Valsassina
und Chiuro sind nicht so nah zueinander gelegen, dass ein Zusammenhang hier
unmittelbar angenommen werden kann.

Nun hatten wir oben einen Antonio als zweiten Sohn des Tommaso ausgemacht
und ihm ein geschätztes Geburtsjahr zwischen 1363 und 1428 zugesprochen.
Neben diesem kennen wir für die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts in Varenna
bisher nur Tommasos Vater, Antonio de Serponte, der für 1364 (oder 1385) als
Repräsentant Varennas gegenüber Bernabò Visconti erwähnt wird. Dieser ist also
erheblich älter und käme als Vater des Priesters und Paolinos daher eher nicht in
Frage.

Sind also unser Grosiner Priester Giovanni de Serponte und der in Chiuro ansäs-
sige Paolino womöglich Brüder desjenigen Silvestro, dem 1468 die Veräußerungs-
erlaubnis für Teile des Lehens im Valchiavenna erteilt wurde? Auf den ersten
Blick stellt sich dem die Frage entgegen, warum dann die beiden Brüder nicht als
weitere Lehensträger erschienen. Giovanni als Priester war aber vermutlich nicht
lehnsfähig, und möglicherweise gab es beim Tod des Vaters Antonio eine Erb-
auseinandersetzung, die das Lehen im Valchiavenna allein Giovanni zusprach.


174 Canobbio, Visita pastorale, S. 172f.
175 AS Sondrio, Notariatsakten Michele Maffi, Nr. 416/417 (1473-1503).
176 AS Sondrio, Notariatsakten Pietro Rovolatti, Nr. 350 (1465-1488).
177 Canobbio, Visita pastorale, S. 183.
178 Adami, Cenni genealogici, S. 144.
                                                                                                 555
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      Letztlich besteht die eigentliche Frage darin, wieviele Antonio de Serponte zwi-
      schen 1350 und 1400 in Varenna nachgewiesen sind. Mit unserem derzeitigen
      Kenntnisstand kann die Frage nicht endgültig beantwortet werden. Doch erscheint
      die Möglichkeit, die Linie aus Grosio endlich konkret mit dem strenuus miles
      Tommaso de Serponte und der Mailänder Linie der Marchese di Mirasole in Verbin-
      dung zu bringen, ausgesprochen charmant und reizt zu weiteren Untersuchun-
      gen.

      Vom Priester Giovanni de Serponte bis zu jenen drei Brüdern Serponti des 17.
      Jahrhunderts, von denen wohl zwei nach Deutschland ausgewandert sind, ist die
      Genealogie der Serponti in Grosio ziemlich klar. Sie genauer darzustellen, bleibt
      einer weiteren Publikation überlassen. Dann wird auch noch auf die magistri
      comacini einzugehen sein.




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      556   D IE S EHRBUNDTS Band IX
                                                                                                                     Übersicht über die ältesten Serponti-Generationen in Varenna


                                                                                                                                                                  Antonio de SERPONTE
                                                                                                                                                                      geb. vor 1338
                                                                                                                                                      1364 (1385) Repräsentant der Gemeinde Varenna

                                                                                                                                                                  Tomasso de SERPONTE
                                                                                                                                                                       geb. vor 1358
                                                                                                                                                                1378 Lehen im Valchiavenna
                                                                                                                                                                1397 Mailänder Bürgerrecht



                                                                                                                              Giovanni de SERPONTE                                                Antonio de SERPONTE
                                                                                                                      Vorfahre der Mailänder Mirasole-Linie                                       geb. zw. 1363 und 1428
                                                                                                                                   geb. vor 1405                                                       gest. vor 1468
                                                                                                                         1425 Soldat in Diensten Mailands                                    (Sohn Sivestro als Lehensinhaber)
                                                                                                                  gest. vor 1468 (Sohn Giorgio als Lehensinhaber)


                                                                                                              Giorgio de SERPONTE                 Giovanni de SERPONTE         Paolino de SERPONTE                  Silvestro de SERPONTE
                                                                                                             „Poginallo“; geb. vor 1448           spekulative Zuordnung!        spekulative Zuordnung!                     „Vareninus“
                                                                                                        1468 Lehensinhaber im Valchiavenna             geb. vor 1418                 geb. vor 1425                   geb. zw. 1423 und 1448
                                                                                                          und Soldat in Diensten Mailands         1438 Priester in Grosio 1445 Inhaber von Gütern der Kirche      1468 in Diensten Bianca Maria
                                                                                                           gest. zwischen 1468 und 1480                 gest. 1476         in Chiuro; Vater Antonio 1468 tot       Viscontis. Lehensinhaber im




                        Abbildung 25: Hypothetische Rekonstruktion der ältesten Serponti-Generationen
                                                                                                                                                                                   gest. nach 1468                        Valchiavenna
                                                                                                                                                   Margherita de ARIGO




FRÜHE S ERPONTI
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