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									                       Dokumentation
         1. Fachtagung Freiwilligen-Management™
 „Freiwilligen-Management™ als Beruf: Infrastrukturen für
              die Bürgergesellschaft gestalten“

                             5. – 6. April 2001 in Berlin

                           Veranstalter:
               Akademie für Ehrenamtlichkeit im fjs
                               und
    die Berliner Freiwlligenagentur Treffpunkt Hilfsbereitschaft


Ohne die Mitarbeit der Referentinnen und Referenten, die uns freundlicherweise ihre Manuskripte und
Beiträge überlassen haben, wäre die Dokumentation der Fachtagung „Freiwilligen-Management™ als
Beruf: Infrastrukturen für die Bürgergesellschaft gestalten", die am 5. und 6. April 2001 1998 in der
Akademie für Ehrenamtlichkeit und Hotel Upstallsboom Berlin-Friedrichshain nicht möglich gewesen.
Dafür bedanken wir uns.




Tagungsablauf:


Donnerstag 05. April 2001

11:00 Anreise und Einchecken

11:30 Begrüßung und Kennenlern-Spaß

12:00 Vortrag mit Diskussion
Prof. Dr. Adalbert Evers: „Was ist ein „ermunternder Staat"?

13:00 Mittagspause

14:30 Verdauungs-Spaß, Warming up

14:45 Impulsreferat mit Diskussion
Charlotte Strümpel: „Freiwilligenarbeit und die Entwicklung von Bürgerkompetenz“

15:30 Kaffeepause

16:00 Drei parallele Workshops:

1. Fundraising und Freiwilligen-Management
Moderation: Peter Zechel FundNet

2. Organisationsentwicklung und freiwilliges Engagement
Moderation: Renate Fiebig, Arb.stelle Fortbildung Kirchenkreis Wedding

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3. Personalentwicklung in der Freiwilligenarbeit
Moderation: Barbara Weigl

18:00 Abendessen

19:00 Impulsreferat mit Diskussion
Dr. Adrian Reinert, Geschäftsführer der Stiftung Mitarbeit, Bonn:
„Politische Strategien zur Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements“

20:00 „Improvisationen“ Theater-Sport mit Ikarus, Berlin

ab 21 Geselliger Ausklang des Tages




Freitag 06. April 2001:
9:00 Übertrag und Morgenspaß

9:30 Parallele Workshops: (Kaffeepause individuell)

1. Qualifizierungsstrategien für Freiwilligenmanager/innen im Bayerischen Roten Kreuz
Ralf Nachtmann, BRK

2. Zeitmanagement für Freiwilligen-Manager/innen
Jan-Pieter van Nes

3. Versicherungsfragen rund ums Ehrenamt
Wilfried Dethloff, Bruderhilfe Versicherungen


11:30 Ergebnis-Galerie der Workshops

12:00 Mittagspause

13:00 Entspannungs-Spaß

13:15 Das politische Interview:
mit Karin Kortmann, MdB SPD/ Mitglied der Enquetekommission
„Was versteht die Rgeierungspartei SPD unter Zivilgesellschaft?"

14:00 Reflektionspapier zum Berufsbild Freiwilligen-Management

14:30 Rückblick und Ausblick

15:00 ENDE




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              Thomas Kegel, Leiter der Akademie für Ehrenamtlichkeit Deutschland



Guten Morgen meine Damen und Herren,

herzlich willkommen in der Akademie für Ehrenamtlichkeit und im Tagungszentrum des Upstalsboom
Hotels Berlin-Friedrichshain!

Mein Name ist Thomas Kegel, ich bin Projektleiter der AfEA. Ich eröffne die erste Fachtagung
Freiwilligen-Management. Ich freue mich, dass Sie hier sind und dass wir gemeinsam diese Tagung
bestreiten werden. Nach meinem Morgengruss an Sie als Teilnehmer/innen gilt mein Dank den
Sponsoren und Unterstützern:

Das ist die Bruderhilfe Familienfürsorge als einer der großen Versicherer des Ehrenamts und Das
Upstalsboom Hotel Friedrichshain Berlin Vielen Dank für Ihre großzügige Unterstützung. Gerne danke
ich auch unserem Kooperationspartner Treffpunkt Hilfsbereitschaft - der Berliner Freiwilligenagentur.
Und ein ganz großer Dank geht noch an die Referent/inn/en und Workshop-Anbieter/innen!

Bevor ich noch kurz etwas zu den Tagungsinhalten sage, einige logistische Hinweise: Die Getränke
während der Tagung bezahlen Sie bitte selbst, draußen im Vorraum sind die Getränke aufgebaut, dort
werden Sie zeitweise vom Hotelpersonal verkauf, zeitweise gibt es dort auch eine „Kasse des
Vertrauens". Sie werden herzlich gebeten, dort den Getränkepreis einzulegen. Zum heutigen
Mittagessen geht ein Getränk auf Rechnung des Hotels und zum Kaffee sind Sie auch eingeladen.

Wir haben Anfang April 2001, das Internationale Jahr der Freiwilligen läuft schon einige Zeit. Dieses
Jahr soll das freiwillige, ehrenamtliche, bürgerschaftliche Engagement fördern und die Zivilgesellschaft
in Deutschland voranbringen. Es geht um die ca. 30 Mio. freiwillig Engagierten, diese sollen in ihrem
Engagement gehalten werden und es geht um die ungefähr gleich große Anzahl von Menschen, die
sich engagieren wollen, aber nicht wissen, wie und wo sie das tun können. Wir alle möchten, dass
eine nachhaltige Infrastruktur der Engagementförderung entsteht. Ein wichtiger Bestandteil dieser
Infrastruktur sind Freiwilligenmanager/innen, -koordinatorinnen, - Ehrenamtsförderer und wie auch
immer diese Menschen sich nennen.

Gerade in Bundesländern, in denen weniger Ehrenamtliche aktiv sind als anderswo - ich nenne Berlin
als Schlusslicht oder Niedersachsen und auch die neuen Bundesländer (ein Süd-Nord-Gefälle und
West-Ost-Gefälle) wo zwischen zehn und zwanzig Prozent weniger Menschen sich engagieren!
Gerade hier oder auch in Organisationen, deren Traditionen ins sog. „alte Ehrenamt" reichen und die
Probleme haben, Engagierte zu gewinnen, gerade hier sollten neue Wege des
Freiwilligenmanagements beschritten werden und Freiwilligenmanager/innen eingestellt werden. Ich
will mal provozieren: staatliche Gelder für Träger der Freien Wohlfahrt oder ähnliche andere
Organisationen sollten nur noch vergeben werden, wenn diese Organisationen das freiwillige
Engagement innerhalb und außerhalb der Organisationen fördern! Fördern z.B. durch
Freiwilligenmanager/innen.

Diese Fachtagung will zweierlei: Einmal diskutieren, wie das freiwillige, bürgerschaftliche Engagement
weiterentwickelt werden kann - durch politische und staatliche und sonstige Unterstützungen. Dann
sollen die Freiwilligenmanager/innen konkretes Handlungswissen nach Hause in ihre Arbeit
mitnehmen und natürlich sich austauschen untereinander.

Das Programm liegt Ihnen vor, dort können Sie sich über den Tagesablauf informieren. Damit Sie
untereinander ins Gespräch kommen, wollen wir uns kurz Zeit nehmen und folgendes tun: Schauen
Sie mal nach links und rechts oder nach vorne und hinten. Wer sitzt da, wen kennen Sie nicht, wem
wollen Sie sich vorstellen? Nehmen Sie sich einfach fünf Minuten Zeit für ein Sich-Begrüssen und
Sich-Bekannt machen.

Dann beginnen wir mit dem Vortrag von Prof. Evers .




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                              Was ist ein «ermunternder» Staat?
                        Vortrag von Prof. Dr. Adalbert Ewers, Universität Giessen


Schönen guten Tag. Vielen Dank für die Einladung!

Das Wort „der ermunternde Staat" ist erstmals aufgetaucht in der Anschlußrede von Herrn Schröder.
Das habe ich gar nicht geprägt. Das war vielleicht auch eine Verlegenheitslösung. Diesen Beg-riff
hatte ich vorher auch noch gar nicht gehört. Die Überschrift über das, was man dort versucht zur
Umgestaltung des Verhältnisses von Staat und Bürgern zu entwickeln, kommt meist aus dem
Angelsächsischen... "state". Jetzt hat man überlegt, wie man das am besten übersetzt. Manche sagen
„der ermöglichende Staat" und so lautet auch das Thema meines Referats.

Vor allem bei den Sozialdemokraten heißt es „der aktivierende Staat", aber wie wir inzwischen alle
wissen: Wenn man das auch noch verbindet mit dem gern ausgesprochenen Wort
„Bürgergesellschaft", ähnlich wie das Präfix „bürgerschaftlich" oder das Wort „Engagement", dann
sagen alle: Wir waren sowieso die Ersten mit der Bür-gergesellschaft.

Aus Hessen, wo ich herkomme, wurde vor den Wahlen ein Büchlein zur Bürgergemeinschaft
veröffentlicht, dann kam diese Rede des Bundeskanzlers in der es um die aktive Bürgergesellschaft
ging. Dann kam das Buch heraus von Glück von der CSU mit dem Untertitel „Verantwortung
übernehmen", wenn ich mich recht erinnere. Bei der FDP wird sicher auch etwas sein, auch wenn ich
mich da im Moment an keine Publikation erinnern kann, da können wir doch einfach den Herrn
Westerwelle fragen, da gibt es bestimmt auch etwas.

Sie sehen, daß ist ein Gemeinplatz. Ich habe eigentlich nur eines vor. Ich möchte am Anfang kurz ein
bißchen in die Denkhintergründe meines Beitrages einführen und dann schon wieder übergehen zu
der Frage, was hat das zu tun mit Engagement im Umkreis, mit praktisch erlebten Engagements, mit
Fortbildung? Diese Frage wird einen größeren Raum einnehmen, weil wir hier ja nicht in einem
akademischen Semi-nar zur Herleitung der Frage: Woher kommt der Begriff des ermöglichenden
Staates?" sind.

Wenn ich dann auf die Frage eingehe, was Ermunterung bedeutet, um es noch einmal beim Wort zu
nehmen, und was bedeutet staatlichen Aufgabe im Hinblick von Engagementförderung, dann möchte
ich mir selbst und ihnen Gelegenheit zu einem Austausch, zum kritischen Feedback geben. Denn die
paar Überlegungen, die ich Ihnen darstelle, sind Überlegungen, die ich auch in der
Enquetekommission vertrete, und die ich in den Berichten und Empfehlungen, die wir vorlegen sollen,
stark machen möchte. Mich würde interessieren, wie ihre Meinung dazu ist. Ich will das auch
projektieren und deutlich machen, wo wir die Aufgabe der Engagementförderung anders thematisieren
wollen als bisher und eigene Akzente setzen wollen.

Zum ersten Punkt. Konzepte - habe ich gleich im Plural geschrieben - des ermöglichenden Staates.
Da gibt es gerade die internationalen Diskussionen, nicht nur einzelne, sondern gleich mehrere. Ich
habe einmal fünf Konzepte unterschieden, die ich kurz anreißen möchte. Jedes von ihnen setzt einen
anderen Schwerpunkt und auch eine andere Idee vom Engagement, um das es geht.

Das erste Konzept, daß auch viel in England diskutiert wird, ist der Staat als Manager, Ermöglichung
und Anreiz im Sinne zielgenauer Anreize und Angebote. Das hat jetzt noch gar nichts mit
bürgerschaftlichem Engagement zu tun, sondern mehr mit der Frage, wie sich staatliche Tätigkeit
gegenüber den Bürgern in den letzten Jahren im Akzent verlagert hat immer mehr zu zeitlich
begrenzten Programmen, die zu diesem oder jenem anreizen soll.

Die Frage ist also: Setzen wir die Anreize richtig beim Elternurlaub? Oder was bringen die
Investitionen von Krankenkassen in Gesundheitsförderung, wieviel Leute nehmen an Kursen teil? Ist
es sinnvoll, weiterhin in dieser Weise pauschal Kindern Geld zu geben? Bewirkt das den richtigen
Anreiz, daß die Leute wieder freudiger in das Projekt Familie einsteigen? Oder wäre das Geld sehr
viel besser in Kindergärten angelegt? Das sind solche Überlegungen; wie können wir bei den
staatlichen Mitteln, die wir einsetzen, d. h. Geld oder Dienste, möglichst gut sehen, daß diese


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möglichst gut ausgegeben werden? D. h. machen die Leute aufgrund des Geldes tatsächlich das, was
wir uns vorstellen? Oder sollten wir vielleicht die Anreize besser setzen?

Das wäre ein Punkt, den man unter „Aktivierung" so diskutiert. Ein zweiter Punkt, der wird zum Teil in
England, zum Teil auch in den skandinavischen Ländern diskutiert, ist der Unterschied von welfare
und workfare, also frei übersetzt vom Staat, der für Wohlfahrt sorgt zum Staat, der die Leute „zur
Arbeit bringt"; „zur Arbeit bringt" durchaus mit dem Doppelsinn der Arbeitsbeschaffung, der aber auch
aufpasst, dass die Leute arbeiten. Man fragt sich gerade auch in den skandinavischen Ländern, aber
nicht nur dort, wie man langzeitarbeitslose Jugendliche so aktivieren und so ansprechen kann, daß
das Erwerbsleben und auch der erste Arbeitsplatz möglichst gut klappt und verläuft.

Und wie sie alle wissen gilt das nicht nur speziell für die Bundesrepublik. Das wird auch und gerade in
den skandinavischen Ländern so gemacht: Fördern und fordern, also Angebote machen für
Ausbildungslehrstellen, für Möglichkeiten des Einstiegs in Ausbildungsprogramme oder ähnliches, und
umgekehrt auch Bereitschaft fordern. Aktivierung heißt da, auch auf so eine Art Vertrags- und
Pflichtcharakter bei denen, die da etwas bekommen, zu insistieren, der Notwendigkeit, daß sie eine
Gegenleistung dafür erbringen. Das wäre eine zweite Bedeutung von Aktivierung.

Die dritte Bedeutung von Aktivierung hat sich auch unter dem Begriff des "Abrianstate" etabliert. Der
Begriff kommt aus den USA, genauer aus Kalifornien. Dort hat ein Buch vor ein paar Jahren große
Aufmerksamkeit erregt, von einem Professor der Sozialarbeit an der Universität Kalifornien und seiner
Frau Jane Tilbert verfasst. Das hieß eben Abrianstate und kurz gefaßt thematisierte das wieder einen
dritten Aspekt des ermöglichenden Staates.

Wir hatten jetzt eben "zielgenaue Förderungen", "Vertrag fördern und fordern". In ei-ner
Marktgesellschaft müssen wir statt Dienste vorzuschreiben und staatliche Dienste zu verordnen, den
Bürgern die Möglichkeit geben, sich als Konsumenten öffentlicher Leistungen zu bewähren und
Kompetenz zu bekommen und wieder zu geben. Deshalb, um nur mal eines der sinnvollsten
Schlagwörter daraus zu nehmen, ist es vielleicht besser, den Leuten Gutscheine für Leistungen zu
geben, die von Freigemeinnützigen und Privaten erbracht werden können, so daß die Personen
sozusagen als Sozialkonsumenten Kompetenz gewinnen.

Vielleicht haben sie auch von den Überlegungen aus Hamburg gehört, die Kindergartenversorgung,
auch so ein Gutscheinsystem, versuchsweise in großen Teilen der Kindergärten umzustellen, so daß
sie einen Gutschein auf Zeit kriegen, zu dem Kindergarten gehen, der ihrer Ansicht nach die besten
Angebote bringt, und der bekommt dann eben nur soviel Geld, wie er nach diesen Sozialpunkten
Zuspruch bekommt.

Sie sehen, daß sind drei verschiedene Versionen und die haben alle noch nichts mit dem
bürgerschaftlichen Engagement zu tun, das kommt in dieser vierten Diskussion über die
Bürgergesellschaft. Das wäre natürlich ein Wochenendseminar für sich. Erlauben sie mir eine
einfache Definition der Bürgergesellschaft. Unsere Gesellschaft ist in dem Maße Bürgergesellschaft,
wie die, die sich darin bewegen, sich nicht nur als Lobbyisten in einer Sache, eines Nachbarn, eines
Konkurrenten am Arbeitsplatz sehen, sondern auch als Mitbürger, denen es um das Allgemeinwohl
geht. Nicht nur in dem Maße, wie sie das als individuelle Haltung haben, sondern insoweit sie sich für
diese Zwecke auch in Aktivitäten organisieren, nimmt diese Gesellschaft als Bürgergesellschaft Form
an. Damit klassifiziert sich eine Gesellschaft als Bürgergesellschaft.

Die aktive Bürgergesellschaft und die Aktivierung von Bürgergesellschaft hieße dann - und damit sind
wir auch endlich bei dem engeren Thema - besonders jene Aktivitäten zu unterstützen, die nicht getan
werden müssen, aber die man eventuell im Sinne einer Art freiwilliger Verpflichtung auf sich nimmt.
Das wären also solche Dinge, die man diskutiert und die von förderliche Rahmen für ehrenamtliches
Engagement über förderliche Rahmen für Initiativen, Förderstrukturen für Bürgerinitiativen bis zu
förderliche Rahmen für Dinge von Stiftungen bis zu Ehrenamtsagenturen reichen. Sie sehen, daß ist
nur eine von vielen verschiedenen möglichen Interpretationen, wie sich der Staat gegenüber Bürgern
anders verhalten sollte.

Die fünfte und letzte dieser Interpretation. Auch da kann ich ihnen nur ein angelsächsisches
Schlagwort anbieten. Es gab eine große Konferenz vor einigen Monaten, ich glaube im
Bundeskanzleramt, unter dem Thema „gutes Regieren", besser wäre vielleicht noch das Schlagwort

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"Government to Governments", d. h. von regiert werden "government", die Regierung: Wir werden von
der Regierung von oben herab regiert zu governments, zu Formen des Regierens auch im Sinne des
sich selbst Regierens. Sich selbst Regieren kann dabei meinen: Formen unserer öffentlichen
Angelegenheiten zu regeln in Abstimmung mit runden Tischen, Netzwerken und Verteidigung.

Die Qualität des Regierens ist nicht nur die Frage, wie gut sind diese oder jene Gesetze von
Ministerien, sondern die Frage, wie gut hat das Netzwerk funktioniert, in dem sich Fachleute,
Verbände, einschließlich Betroffene und Regierungsvertreter zusammengesetzt haben. Das meint das
Schlagwort "to governments". Das hat natürlich auch ganz offensichtlich mit bürgerschaftlichem
Engagement zu tun. Um es mal in ein drastisches Beispiel zu packen, irgendwie klingt das unglaublich
gut und sinnig, aber wenn wir uns die Realität der Governments im Hinblick auf die letzten 4 Jahre
Gesundheitsreform mal anschauen, dann sehen wir, dass das Governments-Programm
Schwierigkeiten hat.

Da drängen ja die Betroffenen gerade zu nach Beteiligung, ob Ärzte, Apotheker oder die
Pharmaindustrie oder die Krankenhausgesellschaft oder die Wohlfahrtsverbände. Nur bei dieser Art
von runden Tischen - man spricht ja auch von selbst verwalten im Gesundheitswesen - ist als
Programm direkt nicht viel dabei herausgekommen. Unter anderem möglicherweise deshalb auch
nicht, weil es für alle Beteiligten offenbar sehr schwer ist, auch wenn sie alle für das Allgemeinwohl
offiziell stehen, die Ärzte als Anwälte ihrer Patienten, die Pharmaindustrie als Anwalt für den
Wirtschafts- und Technologiestandort Deutschland, über ihren Interessenstandpunkt hinaus zu
schauen, so daß da so etwas wie ein Art gemeinwohlorientiertes Engagement auch Lösungen jenseits
des kleinsten gemeinsamen Nenners möglich macht.

Deshalb finde ich das Beispiel Gesundheit aber auch so interessant, weil es natürlich wieder zeigt,
daß wir, um wieder politikfähig zu werden, wahrscheinlich mit dem Auswechseln von Ministern und
Ministerinnen alleine, um es vorsichtig auszudrücken, nicht genug tun. Wir brauchen da
wahrscheinlich eine Änderung der Einstellung der Betroffenen der Gesellschaft, andere Formen von
Engagement in ihrer und der gemeinsamen Sache. Soweit vielleicht dazu, was "Government to
Governments" zu tun hat mit der Frage von bürgerschaftlichem Engagement, also die Frage, inwieweit
Politik oder Verbände Engagement zeigen. Da ist natürlich auch noch ein zusätzliches Problem zu
sehen, daß die Stimmen derer, die das wirklich möglicherweise gut tun können, z. B. die
Selbsthilfeverbände, natürlich Zwerge in den Konzernen sind; die dürfen froh sein, wenn sie einmal an
den Tisch des Ministers oder der Ministerin dürfen und die agieren sicherlich nicht in Augenhöhe mit
den anderen Beteiligten.

Das waren verschiedene Bedeutungen; insgesamt sehen sie schon, es gibt so eine unklare
Verschiebung in der Agenda des Verhältnisses, wie staatliche Politik ihr Verhältnis zur Gesellschaft
gestaltet, die wir nicht so stark abgrenzen können, das ist sozialdemokratisch, das ist liberal. Gerade
wenn sie sich Programme anschauen wie den dritten Weg, dann finden wir da auch die Schlagworte
wieder, die lauten nicht mehr „wenig ordentlich versorgt" und „ordentlich sozial gesichert sein,"
sondern die Schlagworte, auf die man jetzt mehr Wert legt, sind etwa "Chancen" - ich sprach von den
Programmen - , "Rechte und Pflichten", "bürgerschaftliche Verantwortung", „Partnerschaften",
„Kooperation". Das sind so neue Schlagworte, die ein bißchen das Feld prägen.

Damit bin ich bei meinem zweiten Punkt. Welches Engagement soll denn nun aktiviert werden? Als ich
eben von bürgerschaftlichem Engagement sprach, da war das ja eine relativ starke Generalisierung.
Wenn man diese Frage stellt, finde ich es ganz erhellend, den Beitrag, den ein berühmter Kollege aus
den USA brachte. Er hat für die Summe von Engagements das Wort „soziales Kapital der
Gesellschaft" geprägt. Mit sozialem Kapital meint er, daß es sich auszahle. Man könnte auch von
Sozialvermögen sprechen. Mit Sozialvermögen meint er, die Summe unserer gesellschaftlichen
Fähigkeiten, aus Indifferenz und aus Vereinzelung heraus mit anderen zu kooperieren und offen für
andere zu sein, auf andere zuzugehen.

Ein hinlänglich weiter Begriff, und das ist wahrscheinlich auch der größte Vorzug dieses Schlagwortes
vom sozialen Kapital. Er behandelt dort nämlich Thematiken, die von Statistiken zu einfachen Frage,
wie oft sie im letzten Jahr ihrem Nachbarn hallo gesagt haben oder wie oft sie letztes Jahr auf einer
Barbecue-Party waren oder so etwas reichen. Solche Fragen, die mehr mit unserer Fähigkeit,
eingebunden zu sein zu tun haben bis hin zu Fragen, wie sich die Mitgliedschaft in Gewerkschaften
entwickelt hat oder wie sich Wahlbeteiligung entwickelt hat oder ähnliches. Das ist ein sehr weites


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Spektrum von bürgerschaftlichem Engagement im engeren oder engsten Sinne des direkten
Interesses für Politik bis zu Fragen einer Kultur im Alltagsverhalten. Es gibt Verbindungen zwischen
der Art des Alltagslebens und unserer Bereitschaft, uns zu engagieren, die nicht eng und mechanisch
sind, aber nachweisbar. Das haben Rosenblatt und Kohl gezeigt: Die Leute, die wenig Zeit und
Familie haben, bringen mehr Zeit für Engagement ein.

Zweitens: Diejenigen, die zum Beispiel vor Ort in dieses Alltagsleben stark eingebunden sind, sind
eher bereit, Mitverantwortung zu übernehmen und sich zu engagieren als diejenigen, die mobil sind
und locker eingebunden etc. Das also wäre eine erste Bemerkung, eine Frage, welches Engagement
will man da fördern. Sie merken schon, das Wort „Engagement" umfasst ein riesiges Feld und das ist
so ähnlich, wie wenn man über Wirtschaft redet, das reicht ja auch von den kleinen
Handwerksbetrieben bis zum Großunternehmen. Es ist auch schwierig, weil ja die Motive, an die man
anknüpft wenn man Engagement fördert, auch unterschiedlich zusammengesetzt werden können.

Es gibt niemals eins, sondern mehrere, deshalb spricht man in der Regel auch von Motivbündeln. Das
reicht über Dinge wie Teilnahme an der Altersgestaltung - die Deutschen sind da ganz stark, im
Vereinsleben, im Vorsingen und alles was es da gibt - bis hin zu dem, was sie genannt haben:
Politisch-soziales Engagement, wo ich mich beteilige für jemand anderes. Soweit man überhaupt aus
Telefonbefragungen herauskriegen kann, ich bin da sehr skeptisch, sollen sozusagen Freude an der
Sache und den Nutzen, den man selbst hat und das Gefühl, man sollte etwas für das Gemeinwohl
tun, als Motive eben die Wage halten. Sie sehen, da gibt es ganz verschiedene Gründe und sie
können sich jetzt vorstellen, wie schwierig es ist, irgend etwas sinnvolles zur Engagementförderung
auszusagen bei der Verschiedenheit derer, die sich engagieren.

Der dritte Punkt, der die Frage des Engagements schwierig macht, sind die verschiedenen Formen, in
den sich das Engagement zeigt. Man könnte ja auch vielleicht eine Skala aufzeichnen, die reicht vom
nach innen gerichteten Verein über Initiativen, für die Engagement ganz wichtig ist, denn sie sind da
um Öffentlichkeit zu habe und auf eine Sache aufmerksam zu machen. Es geht weiter über Initiativen
im Netzwerk, noch einen Schritt näher an Institutionen heran. Etwa in der Form, sie kennen das aus
den verschiedensten Bereichen von Fördervereinen, die sich für eine Institution und ihre Aufgaben
stark machen, ob das nun die Freunde der Komischen Oper in Berlin sind oder die
Schulfördervereine. Das reicht schließlich bis zur Beteiligung, bei der Engagement sich in Institutionen
vollzieht. Ein Beispiel wäre der Elternbeirat an Schulen, aber da komme ich später noch zu.

Plakativ kann man sagen, es gibt ein Engagement, was sich gewissermaßen stärker in den Nischen
des Unbearbeiteten vollzieht und da auch stark auf der Basis der Selbstorganisation. Und es gibt ein
Engagement, das sich in den Schlüsselinstitutionen unseres Alltags, in der Mitarbeit dort, vollzieht.
Schlüsselinstitutionen unseres Alltags von der Kindheit bis zur Bare, also beim Kindergarten, in der
Schule, in Institutionen der Altenpflege, in der Volksbildung, in der Kultur etc. Um das Ganze jetzt
noch schwieriger zu machen: Dieses Problem mit Konzepten, die allgemein von dem Engagement
sprechen; dass in verschiedenen Lebensbereichen und Politikfeldern die Bedeutung von Engagement
ganz unterschiedlich gelagert ist. Sehen sie nur mal ein Beispiel, ich hatte des Gesundheitswesen
erwähnt, wo Engagement vielleicht in Form der Grünen Damen, aber sonst etwa in den
Schlüsselinstitutionen und im Krankenhaus kaum eine Rolle spielt, alles ist voll professionalisiert. Da
spricht auch kaum jemand von bürgerschaftlichem Engagement, sondern man spricht dort vor allem z.
B. von der Bedeutung von Selbsthilfegruppen im Gesundheitswesen und neuerdings auch stärker in
dem Maße, wie der Markt eine Rolle spielt, von der Bedeutung von Engagement in
Konsumentenvereinigungen.Das wäre die Situation dort.

Ganz anders die Situation im Kulturbereich. Ich denke, bei den meisten kulturellen Initiativen, ob groß
oder klein, hat bürgerschaftliches Engagement eine stärkere Aufwertung und Aufmerksamkeit
erfahren. Man sieht auch: Engagement stellt sich als bedeutend einfach dar, im Sinne des Zeit-
Gebens und im Sinne des Mitglied-Seins im Förderverein, Beiträge zahlen, und so weiter. Das ist
gegenüber dem Gesundheitsbereich eine ganz andere Welt von Engagement, auf die wir im
Kulturbereich treffen. Und wenn wir uns jetzt den Schulbereich anschauen, darauf will ich jetzt gleich
noch eingehen, so schien das ja lange so, als wäre das ein Feld, in dem man eigentlich ohne
öffentliches Engagement auskommen könnte. Ich würde sagen, da gibt es gute oder schlechte Eltern
und gute oder schlechte Schulen und die Schulen sind so gut, wie die Lehrer, die dort wirken und
professionelle Kompetenz haben. Ab und zu, zweimal im Jahr, trifft sich der Elternbeirat, aber auch da
hat sich ja freiwillig oder unfreiwillig eine ganze Menge geändert.


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Um sozusagen die ganze Komplexität des Problems und die Chancen von Engagement und
Engagementförderung zeigen zu können, habe ich hier mal ein hoffentlich etwas verwirrendes
Schaubild anzubieten. Gerade vor ein paar Tagen sind wir damit fertig geworden und haben
Engagement in Schlüsselinstitutionen untersucht, und zwar im Bereich Altenhilfe und Altenpflege, im
Bereich Schule und im Bereich Kultur. Dies ist ein Schaubild für Schule und wir haben festgestellt, auf
Schulen wirken starke Kommunen ein, das Bankenverhältnis, die Stundentafel, die gesetzlichen
Vorgaben, Mittelzuweisung, Personalhoheit, aber, das haben sie ja gerade in Berlin als Zeitungsleser
ja auch schon gemerkt, der Markt spielt eine immer größere Rolle. Ich meine jetzt Markt mit
verschiedenen Elementen. Also etwa Wettbewerb zwischen Schulen und Schülern oder die Frage der
Verfügung über eigene Honorare, Budgets und Honorarkräfte einstellen zu können. Die Frage der
Werbung an Schulen spielt eine Rolle. Die Frage Sponsoring spielt eine Rolle oder auch durchaus die
Vermarktung schuleigener Leistungen, z. B. Theaterproduktionen etc., mit denen man Geld einspielt.

Worauf ich jedoch hinaus will, ist eigentlich die Vielzahl von Formen von Engagement, und wir haben
nicht den Begriff Engagement hier benutzt, sondern wir haben eben diesen breiten Begriff des
sozialen Kapitals aufgenommen, um darauf aufmerksam zu machen, das es hier um mehr geht als um
Ehrenamt. Und schauen sie sich mal, um welche Formen von Engagement es im weitesten Sinne
geht, und das soziale Kapital, über das wir verfügen, hier eine Rolle spielen kann. Also natürlich als
Elternengagement, als Mitgliedschaft und in der Existenz von Fördervereinen. In Fragen der Schule zu
Partnerschaften im Stadtquartier, zu anderen Vereinen und Verbänden, Wohlfahrtsverbänden. Dann
aber auch etwa in Form der Zusammenarbeit der Schule mit einer Ehrenamtsagentur oder in der
Frage: Können wir ehrenamtliche Unterrichtskräfte gewinnen?

Vor ein paar Tagen habe ich einen Bericht über pensionierte oder vorpensionierte Lehrer in Berlin
gesehen, die auf ehrenamtlicher Basis mit geringer Vergütung an Schulen mitarbeiten. Die
Kooperation mit anderen Institutionen, überhaupt das Engagement mit Schülern und Lehrern über den
Lehrplan hinaus. Das ist ja nicht so, als wäre außerhalb der Welt ihres Engagements nur Dienst nach
Vorschrift. Engagement muß ja dort auch berufsbezogen passieren. Schuleigene Projekte habe ich
hier noch, die Verfügung über Projekterträge, Engagement für eine eigene Schul- und Profitbildung.
Sie sehen, worauf ich hinaus will. Engagement und Engagementförderung - das könnte so die
grundlegendste Botschaft sein - ist eigentlich eine För-derung einer bestimmten Kultur des Verhaltens,
des Umgangs miteinander, des Handlungsspiels in einem Feld. Ich habe hier mal das Feld Schule
versucht zu kennzeichnen, aber so etwas könnte man auch für das Feld Gesundheit nachzeichnen
oder auch für das Feld Kultur. Und ich denke, eine Politik, die nachhaltig Engagement eine Rolle
geben will, muß in der Kultur dieses Feldes Engagement eine Bedeutung geben. So ungefähr wie
nachhaltige Umweltpolitik. Wie auch bei uns die Dimension Umwelt gewissermaßen in den Köpfen
und im Alltagshandeln verankert sein muss in der Entscheidung Wahl der Konsumgüter, Verhalten
zum Verkehr.

Das sollte meine grundlegende Botschaft sein, ehe man sozusagen das Ganze einkürzt auf die Frage
des Engagements. Wie viele Ehrenamtliche haben wir noch einmal? So weit zu dem Beispiel. Ich
hoffe aufgrund des Beispiels wird jetzt auch einsichtig, was ich daraus für die Art der Förderungspolitik
für Konsequenzen ableiten möchte im Rahmen des förderlichen oder Engagement ermunternden
Staates. Wir haben fünf Punkte, die Akzente anders setzen wollen und das sind Dinge, die ich
durchaus auch in der Kommission vertrete und die hoffentlich auch dort ihre Nachwirkungen zeigen
Wenn ich jetzt mal polarisiere, das „statt" stimmt genau. Akzente verschieben, z.B. statt
Ehrenamtsförderung eine Vielfalt von Engagement mit Vorbehalt. Natürlich sollten Ehrenamtlichen
auch Mitgliedschaften in Vereinen wichtig sein und so weiter. Also eine große Vielfalt, nicht nur stark
abgefasst, klar abgegrenzt, wieviel Stunden in der letzten Woche regelmäßig Ehrenamt. Es geht um
mehr. Das wäre der erste Punkt. Also beim Engagement spielen viel mehr Formen eine Rolle und sei
es nur, daß ich den Mitgliedsbeitrag überweise, also das jeder einzelne auch wichtig ist.

Zweitens: Statt Rekrutierung von Ehrenamtlichen Öffnung und Veränderung von Kulturen und
Institutionen. Was meine ich damit? Ja, um es noch einmal an einem Beispiel zu verdeutlichen: Mir
scheint der gegenwärtige Diskurs zu sehr auf die Frage gerichtet, wie wir Personen gewinnen können;
es wird so getan, als wäre sowieso klar, daß es Land auf, Land ab Institutionen, Akteure gibt, die
händeringend nach Engagierten suchen. Aber wir wissen doch - insofern war das doch ein sehr euph-
mistisches Bild der Schullandschaft - das es genug Schulen gibt, genug Bibliotheken, genug
Institutionen, die händeringend abwehren, wenn ihnen jemand Engagement antragen würde, denn
das schafft nichts als Schwierigkeiten, das spart uns nicht die Stellenpläne, das hilft nicht bei der
Beförderung des Leiters der Institution und so weiter.

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Der Blick, den ich der Kommission vorschlage, sollte an vielen Stellen einfach offen dafür sein, wie wir
Institutionen und Felder für das Engagement öffnen können, denn es ist ja meines Erachtens eine
untragbare Situation, daß jemand, der engagiert ist, sich der Institution anbieten muss. Statt das die
Institutionen auf die Suche gehen und fragen, wie sie ihn denn in diese Ressource einbeziehen und
für sich nutzbar machen könnten. Dazu bedarf es natürlich einer Befragung, wie es mit der Kultur der
Schulen in der Zukunft aussieht. Soll das eine Rolle spielen oder nicht, um bei dem Beispiel zu
bleiben. Also, ich würde sagen, statt Rekrutierung Öffnung von Feldern, Kulturen und Institutionen.

Der dritte Punkt. Statt ausschließlicher Konzentration auf engagierte Individuen eine stärkere
Aufmerksamkeit auf gemeinschaftliche und kollektive Initiativen. Die tun in der Öffentlichkeit oft so, als
wäre Engagement eine Sache, die man sozusagen an Köpfen abzählen kann, aber sie säßen hier
nicht zusammen, wenn es nicht ein Institution wäre im weitesten Sinne, eine Initiative, eine
gemeinschaftliche Veranstaltung, die das ermöglicht. Wir haben eine verdächtige Absenz, eine
verdächtige Abwesenheit in der Förderdiskussion über die Frage, wie die Arbeitsbedingungen solcher
Institutionen sind, wie die Förderpraxis der Gemein-den gegenüber den Initiativen der Institutionen
aussieht. Stärker auf diese Institutionen und diese gemeinschaftlichen Träger oder Organisation zu
schauen, z.B. das Stichwort Reform des Gemeinnützigkeitssamtes, wo geht die hin. Das war der dritte
Veränderungspunkt.

Der vierte Veränderungspunkt könnte vielleicht am ehesten auf Widerspruch stoßen, ich formuliere ihn
extra ein bißchen übertrieben. Statt verbesserter sozialer Sicherungen für Ehrenamtliche -
Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen im weiteren Sinne. Was meine ich damit. Ich meine damit,
daß eine gefährliche Tendenz in der Vorwahlzeit da war - und womöglich bleibt unsere Kommission
auch nicht davon verschont - in den Feuerwehrleuten in Bayern und den Rotkreuzhelfern in
Niedersachen Wählerpotential zu sehen und zu fragen, was man denen denn anbieten. Dann sagt der
eine, vielleicht eine Rentenquote und der andere sagt, eine kostenlose Versicherung oder garantieren
sie dieses und jenes. Ich will das gar nicht ins Lächerliche ziehen. Das sind Punkte, über die man
diskutieren kann, aber ich würde behaupten, daß doch für viele diese Frage da ist, natürlich immer
wenn die Unkosten nicht im Vordergrund stehen.

Es wird aber z. B. großzügig übersehen, daß gerade bei Jugendlichen die Frage, ob sie bessere
Zeitgelegenheiten und eventuell eine Art von Vergütung haben möchten, der kleinste Nenner für die
Motivation war. Viel wichtiger war, ob sie das Gefühl hatten, gewünscht zu sein, angenommen zu
werden, respektiert zu werden und man ordentlich mit ihnen umgeht. Ich kann es im Moment nicht
näher fassen. Statt Verbesserung des Sozialstaates im Sinne von Sozialstaat-Rechtsschutzgarantie
eher eine Verbesserung von Arbeitsbedingungen und Anerkennung. Das ist schwierig zu fassen, ich
weiß.

Jetzt wäre ich eigentlich mit meiner halben Stunde schon am Ende, aber ich will trotzdem noch einmal
am Schluß fragen - um das ganz konkret zu machen - was bedeutet das für Überlegungen im Hinblick
auf Ehrenamtsagenturen, Einrichtungen wie Kräfte- und Hilfsbereitschaften u. ä. ? Ich will nur
hindeuten, wohin meine und zum Teil unsere Überlegen hier gegen, daß wir vier Punkte haben, die
auf einen Begriffsvorschlag hindeuten.

Der erste Punkt, und ich glaube, da gibt es eine internationale Erfahrung, die das stützt: Statt diesen
Marktcharakter zu sehr herauszuheben - also die Idee der Nachfrage, die sowieso da ist und den
Angebote und wir sind hier, um im Computer herauszusuchen, wie das richtige Angebot auf die
richtige Nachfrage passt - denke ich, ist die Wirklichkeit stärker gerichtet auf Projekte, wie etwa: Im
Bereich X läuft ein Kindergartenprojekt, wo eine neue Chance ist, daß sich ältere Personen
einbringen, für Zusatzbetreuung oder ähnliches. Haben sie da Lust mitzumachen? Dafür müssten wir
werben. Das ist eigentlich etwas anderes als die Vermittlungsbörse im engeren Sinne und das wäre
eine erste Veränderung.

Der zweite Punkt. Statt über das Ehrenamt allgemein zu sprechen, sollte meines Erachtens die Arbeit
solcher Agenturen stärker bereichsspezifisch ausgewiesen sein. Die Leute sagen: Na ja, von den
möglichen Bereichen bei uns vor Ort haben wir uns, - ich kenne das z. B. von einer einschlägigen
Initiative in Darmstadt - ausschließlich auf den Kulturbereich geworfen. Da haben wir unsere Kontakte,
da sehen wir unseren Sinn, das machen wir vor allem. Andere würden sagen: Wir arbeiten im Bereich
Kultur und im Bereich Schule und im Bereich X und es ist wichtig, das auszuweisen, weil man sehen
wird, das habe ich versucht, darzustellen, das in jedem dieser Bereiche die Sprachregelung und die


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Herausforderungen ein Stück anders ist. Die Art, wie man auf Angebote der Mitarbeit reagiert, ist
verschieden. Deshalb müssen wir sagen, wir haben quasi abstrakt verfügbare Ehrenamtsarbeitskraft,
die niemand hinter dem Ofen hervorlockt.

Der dritte Punkt. Berlin ist eher schwierig, weil sich die Frage des Größenmaßstabes stellt. Aber ich
kann mir sehr wohl vorstellen, daß auch in mittelgroßen Städten, um noch einmal auf das Darmstädter
Beispiel zurückzukommen, diese Initiative ein ideales Transportmittel ist, um für Anliegen von
Kulturschaffenden, die Unterstützung brauchen, Öffentlichkeit zu schaffen. Also gezielt Öffentlichkeit
zu schaffen für Engagement und Zusammenhänge, die geeignet sind und darauf zielen, Engagement
auszuweiten.

Der vierte Punkt. Stichworte Anwälte und Standards. Das knüpft an dem an, was ich vorher meinte,
mit der Arbeitsbedingung, also Standards, daß man einfach ihnen gegenüber mit den Partnern
deutlich macht und auch vermittelt, daß sind so Minima. Im Umland mit Leuten, die sich engagieren
wollen, daß muß man ohnehin wissen oder das muß man mal tun. So ein paar Standards werden
auch aus dem Ehrenamtsmanagements herauskommen und eine einfache Liste, was man auf keinen
Fall machen sollte, wenn man die Leute behalten wollte oder was eher gut kommt, um das mal so
aus-zudrücken. Also, Standard und Anwälte, ich denke, daß kann auch ein Punkt sein, daß man sich
auf etwas zurückbezieht, daß wenn man irgendwo schlechte Erfahrungen gemacht hat, Leute,
Ehrenamtliche, Ärzte nachgefragt haben, die haben sie dann Monate lang auf dem Trockenen sitzen
lassen und da kann man einen Rückbezug von Anwaltsfreude haben.

Ich bin jetzt am Ende, ich würde das in den Vorschlag fassen, und wir haben diesen Vorschlag auch
gebracht in einem Gutachten, daß ich den anderen Kollegen in Nordrhein-Westfalen gemacht haben
über bürgerschaftliches Engagement in Nordrhein-Westfalen ohne jetzt Werbung in diese
Gedankenansätze zu investieren, ein Set von einschlägigen kleinen Gedankenaufsätzen. Dann wäre
das der Begriff eher vom Marktplatz und von der Vermittlungsbörse und Vermittlungsagentur. Mit
Vermittlungsagentur meine ich eine Stelle, die versucht, Felder, Kulturen, Bereiche, Öffentlichkeiten,
Zielgruppen auf die Geschichte hin zu entwickeln, die den Verhalten und Denkweisen dahin zu
sensibilisieren, Strukturen und Einstellungen für etwas sensibilisieren, daß würde ich meinen, mit dem
Begriff der Entwicklungsagentur. Ich glaube, diese lokalen Einrichtungen als Teil einer förderlichen
Infrastruktur hätten als solche Entwicklungsagenturen eine bessere Beschreibung ihrer Aufgaben,
statt sie lediglich in der Dimension des Marktplatzes der Möglichkeiten hieß es glaube ich mal, als
man damit anfing, ja solange bin ich schon dabei, so zu fassen.

So ich hoffe, daß war ein weiter Bogen von Konzepten des aktivierenden Staates bis hin zu einigen
Überlegungen zum Verständnis ihrer Alltagsarbeit, daß da soviel Sinn macht, daß wir das noch
angemessen darüber diskutieren können.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!




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   Freiwilligenmanagement und die Entwicklung von
                  Bürgerkompetenz
                         Charlotte Strümpel, Europäisches Zentrum, Wien




Ich bedanke mich ganz herzlich für die Einladung, hierher zu kommen und bin froh, das ich diesen
Vortrag halten kann, der recht gut zu den Arbeiten paßt, die ich momentan mache. Ich habe in den
letzten Jahren im Bereich der Forschung einiges zm Thema Ehrenamt gemacht. Im folgendem in
meinen Ausführungen beziehe ich verschiedene Projekte die ich in diesem Bereich gemacht habe.
Das erste Projekt war etwas über Förderung von freiwilligen Engagement in Wien in Österreich ein
Bundesland in Österreich. Ein weiteres Projekt auf das ich mich beziehe, da ging es um die
Bedeutung von freiwilligen Engagement als Bewerbungskriterium im öffentlichem Dienst in Österreich.

Darüber hinaus haben wir als österreichische Partner auch an zwei EU-Projekten mitgearbeitet, die in
diesem Zusammenhang relevant sind. Das eine hieß „Engagement für die Partizipation", wo auch die
Carola Schaaf-Derichs dran beteiligt war. Das wurde von Holland aus koordiniert und da ging es um
die Möglichkeit, Personen aus benachteiligten Gruppen durch freiwilliges Engagement auch sozial zu
integrieren. Auch ein Thema was heute früh schon angesprochen wurde und worüber wir dann
nachher sicher noch weiter diskutieren können. Und schließlich sind wir auch österreichische Partner
von einem Leonardo Projekt was vom Institut für soziale Infrastrukturen / Frankfurt koordiniert wird wo
es um die Entwicklung eines Weiterbildungskonzeptes für Freiwilligen-Koordinatoren für Österreich,
Frankreich und Deutschland geht und wo wir auch über weitere Zusammenarbeitsmöglichkeitenauch
mit der RAKFA in diesem Zusammenhang nachdenken.

Ja, im folgendem Referat möchte ich zunächst ganz allgemein nochmal das aufgreifen was der Herr
Kegel jetzt schon gesagt hat, was freiwilligen Management eigentlich mit Kompetenzentwicklung bzw.
Bürgerkompetenz zutun hat, Dann möchte ich ein paar Punkte aufgreifen wo es um konkrete
Aufgaben des Freiwilligen-Managements in bezug auf Kompetenzentwicklung geht und schließlich
möchte ich einfach ein paar Diskussionspunkte oder ein paar Widersprüche mit den man in diesem
Feld immer wieder konfrontiert ist aufzeigen und sozusagen als Anregung für die Diskussion anbieten.

Zum ersten Punkt: - was hat Kompetenzentwicklung mit Freiwilligen-Management zu tun?

Kompetenzentwicklung wie wir schon gehört haben, ist ein sehr wesentlicher Aspekt des
Bürgerschaftlichen oder freiwilligen Engagements und damit natürlich auch ein Kernpunkt des
Freiwilligen-Managements. Das ist auch ein immer wichtiger werdendes Motiv auch von Freiwilligen
selber. Auch von jüngeren wie wir gerade schon gehört haben, wo Kompetenzentwicklung einfach
auch ein wichtiges Motiv ist für das Engagement des Freiwilligen. Und ich denke insbesondere wenn
man vom Engagement im Sinne aktive Demokratie mit Gestaltung aktiver Bürgerschaft redet, das sind
natürlich alles Dinge die eine sehr sehr hohe Kompetenz der Ausübenden erfordert, und es geht dabei
um Stichworte wie:

       Ein demokratisch kritischer Bürger zu sein oder frei sein.
       Meinung äußern zu können
       Gewaltlose Konfliktaustragung
       Gemeinsames Handeln
       Gemeinsame Ziele durchsetzen

Und dabei sind ermunternder Staat" von dem wir heute gehört haben und der kompetente Bürger sind
da ansich zwei Seiten der gleichen Medaille. Das eine wäre ohne das andere unvorstellbar. Spricht
man Bürgerkompetenz der Begriff das wir ja gehört haben das auch schon lange benutzt wird, hier
geht es sehr stark um die Fähigkeiten, zur Partizipation, zur aktiven politischen Beteiligung. Wobei
neben Bürgerkompetenz auch in der Fachdiskusion Begriffe wie Bürgerschaftliche-Kompetenz, oder
Laien-Kompetenz zu finden sind. Dieser Aspekt ist natürlich ein sehr wichtiger in dieser Debatte, darf
aber nicht als einziger im Zusammenhang mit freiwilligen bürgerschaftlichen Engagement gesehen
werden. Wenn man davon ausgeht daß die Engagementbereiche sehr unterschiedlich sind, wie
Abalbert Evers uns heute Früh ja sehr ausführlich dargestellt hat, dann wird eigentlich auch klar, daß

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das Ausmaß an Bürgerkompetenz im engerem Sinne, also im Sinne politischer und gesellschaftlicher
Partizipation in unterschiedlichen Ausmaßen ein Rolle spielt im Zusammenhang mit Freiwillige-
Management und das auch um alle mögliche anderen Facetten der Kompetenz auch geht, die da eine
Rolle spielen.

Dabei wird in der Regel Kompetenz als ein Schritt mehr als Qualifikation angesehen. Wobei es bei
Kompetenz um die Reaktion auf die zunehmende Dynamik, Komplexität und Unvorherbestimmbarkeit
heutiger wirtschaftlicher und politischer Prozesse geht. Und dabei spielt eben die Selbstorganisation
und auch die Aktivitäts- und Handlungskompetenz eine besondere Rolle. In zahlreichen
Arbeitszusammenhängen in der Wirtschaft aber auch bei der bezahlten Arbeit in No-Profit-
Organisationen oder in öffentlichen Stellen werden immer mehr nach Schlüsselqualifikation bzw.
Personenbezogene Fähigkeiten gesucht, und ich bin auf der Spur von der Carola Schaaf-Derichs,
gewandelt die im Rahmen ihrer Arbeit über die Anerkennung informell erfolgender Kompetenzen, sich
in der Sonntagszeitung in Berlin umgeschaut hat. Ich habe mich in der Zeitung in Wien umgeschaut
und einfach mal gesammelt was wird so erwartet und dann sieht man mal es wird an persönlichen
Kompetenzen, Eigenständigkeit, Entscheidungsvermögen, soziale Kompetenz, Einsatz mit Herz und
Hirn, Teamfähigkeit, innovatives Denken usw. erwartet. Alles Dinge wo man auch Parallelen findet mit
Fähigkeiten die in verschiedenen Bereichen des Engagements erworben werden. Was sind jetzt die
konkreten Bereiche in denen Kompetenz eine Rolle spielt.

Beim Freiwilligen Management, das eine ist das einbringen vorhandener Kompetenzen, also es geht
darum das Freiwillige ihre Kompetenzen in die Tätigkeit einbringen können, dann ist da der Bereich
informelles Lernen, ein Bereich der auch im Arbeitszusammenhang in der bezahlten Arbeit immer
mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, im Zusammenhang damit geht es natürlich um die
Bewußtmachung erworbener Kompetenzen und im nächsten Schritt geht es um die Nutzung
erworbener Kompetenzen auch zum Beispiel für den ersten Arbeitsmarkt, was wir ja heute auch schon
diskutiert haben. Und last but not least geht es natürlich im Freiwilligen Management auch darum
formale Bildungsangebote entweder anzubieten, zu organisieren, zu informieren und ähnliches.

Zum Punkt, schaffen von Möglichkeiten für die Freiwilligen ihre erworbenen Fähigkeiten und
Kompetenzen einzubringen, auch dies die eigenen Fähigkeiten einzubringen ist ein wichtiges Motiv für
viele Engagierte insbesondere weiß man das auch aus Engagement von älteren Menschen daß das
einbringen vorhandener Fähigkeiten als eines der Hauptmotive gilt tätig zu werden. Es ist aber nach
wie vor nicht selbstverständlich in vielen Organisation, das man sich nach den Interessen der
Freiwilligen richtet und nach den Fähigkeiten, sondern oft geht man mehr davon aus was die
Organisation braucht. Und ich denke mit ein bißchen Schmunzeln an eine Anekdote von einer
Bekannten von mir,die sehr hochqualifiziert ist in der Schulung und so viele Einzelqualifizierungen mit
sich bringt und in ihrer freiwilligen Arbeit in der AIDS-Hilfe dann aber zum Sektausschenken eingesetzt
wurde wozu sie sich absolut nicht geeignet hat. Es ist natürlich eine wichtige Rolle ob es Freiwilligen-
Koordinatoren auch die Freiwilligen zu unterstützen ihre Fähigkeiten in die Arbeit einzubringen und
hier geht's um Dinge, auch auf der Folie vom Herrn Kegel auf der ersten die heute gezeigt wurde, da
sind natürlich Dinge wie Vorstellungsgespräche und Merging, sowie Unterstützung und Begleitung,
wichtige Instrumente um dieses zu gewährleisten.

Zum nächsten Punkt, schaffen und bereitstellen von Möglichkeiten im Rahmen der freiwilligen
Tätigkeit Kompetenzen zu erwerben, das heißt es geht auch darum ein Feld zu schaffen für
informelles lernen. Es wird immer mehr vom Wert informell entworfener Kompetenzen geredet und es
gibt zum Beispiel ein Fund in der Erwachsenenbildung das bis zu über 80% das lernen von
Erwachsenen auf informelle Art und Weise geschieht. Ein Kernpunkt dieses Themas ist natürlich im
Sinne auch des "Ermunternden Staat" das die Ermunternde Organisation ein Raum schafft in dem
Freiwilligen ihre Kompetenzen entwickeln können. Die Kompetenzen beziehen sich auf die oben
genannten Schlüsselqualifikationen die ich bereits genannt hab und die auch in den
Zeitungsausschnitten zu finden waren. Es geht eben darum das die Organisation und das Freiwilligen
Management das Umfeld so gestalten das die Ehrenamtlichen Freiraum haben, aber auch Anleitung
wo es um eigenständiges Arbeiten, Partizipation, Mitgestaltung, Reflexionsmöglichkeit und
abwechslungsreiche Tätigkeiten geht, auch um die Möglichkeit etwas neues zu tun und hier spielt
eben die gute Kommunikation und Begleitung eine wichtige Rolle um das gewährleisten zu können
und da ist ein weiterer sehr wichtiger Schritt.

Der nächste Punkt ist die Nutzung erworbener Kompetenzen. Also oft wird es Ehrenamtlichen gar
nicht bewußt welche Kompetenzen sie in ihrer Tätigkeit erwerben. Wir haben im Rahmen unserer

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Studie wo es um die Relevanz von Ehrenamt für Bewerbungen ging, mit einigen Vertretern von No-
Profit-Organisation gesprochen, und da war die Meinung das Freiwillige oft ihre Kompetenzen nicht
bewußt werden und da waren auch wenig Organisation, die zu diesem Zeitpunkt auch wirklich
systematisch daran gearbeitet haben mit den Freiwilligen dieses Bewußtsein auch zu schaffen.

Darauf folgt natürlich auch die Frage in wie weit man diese Fähigkeiten auch zertifizieren kann und für
die bezahlte Arbeit oder für andere Bereiche benutzen kann. Und aus unseren Interviews wurde
eigentlich deutlich das es den Wunsch nach nicht all zu stark formalisierten Lösungen gibt, um weitere
Bürokratisierung und irgendwelche Checklisten oder Standardisierten Bestätigungen gibt sondern das
es auch darum geht , auch auf die Einzelnen zugeschnittene Lösungen zu finden. Da gibt es
verschiedene Beispiele wo es schon Versuche gibt solche Dinge zu entwickeln. Es gibt sicher auch in
Deutschland auch was, was wir nachher auch Diskutieren können. Ein Beispiel aus den Niederlanden,
da geht es um die pottfolio- Entwicklung für Pfadfinder wo zusammen mit Pfadfindern entwickelt wurde
welche Fähigkeiten sie erlernt haben in ihrer Tätigkeit. Also sowohl als informelles Lernen als auch in
Form von Ausbildungskursen wo das dann auch auf eine Art und Weise zusammengetragen worden
ist, das sie es auch für Bewerbungen benutzen konnten. Da waren dann zwei Sachen wichtig
einerseits der Bewußtwerdungsprozess und die Möglichkeit anders aufzutreten und andererseits
tatsächlich das Papier selber.

In Österreich gibt es da ähnliche Versuche zum Beispiel gibt es eine Initiative vom Sozialministerium
wo es darum geht Kompetenzen die in der Familienarbeit erworben wurden zu Zertifizieren, wo es
auch um Bewußtwerdung geht und dann auch um eine Möglichkeit es schriftlich fest zuhalten. Es gibt
auch weitere Versuche zum Beispiel in Niederösterreich zusammen mit verschiedenen Akteuren da
einen Zertifizierungsprozess in gang zu setzen. Ich denke mal eine Rolle bei den ganzen
Zertifizierungsgeschichten ist die Zusammenarbeit und Vernetzung auch mit anderen politischen
Akteuren denke ich sehr wichtig damit es auch in eine sinnvolle Richtung geht.

Zum letzten Punkt, zu den formalen Bildungsangeboten und da können Freiwilligen - Koordinatoren
verschiedenste Rollen zukommen, da kann man organisieren, ermuntern, informieren und in unsern
Arbeiten haben sich eigentlich drei Bereiche als wichtig gezeigt einerseits die fachspezifischen
Themen andererseits die Seminare die für Ehrenamt allgemein interessant sind und drittens so
allgemeine persönlichkeitsbildende Kurse wie Kommunikation, Rhetorik und ähnliches. Und ich denke
diese drei Bereiche kann man auch noch mal auf die Überlegung von dem Herrn Evers, wo er gesagt
hat bereichsspezifische Angebote eingehen, und ich denke das bei einigen Angeboten ist es natürlich
wichtig das die bereichsspezifisch sind und andere da wäre es wichtig das sie Bereichsübergreifend
stattfinden um eine entsprechende Vernetzung zu erlauben und auch den Teilnehmern zu erlauben
auch wirklich von einander zu lernen.

Häufig stehen natürlich nicht nur die Inhalte im Vordergrund, auch gerade in diesen Bereich wird
großes Augenmerk auf Gemeinschaft, soziale Erfolge, Erfahrungsaustausch und Spass, wie wir heute
auch schon erleben durften, gerichtet und wichtig ist natürlich auch ein partizipatiferer Ansatz und kein
fruchtloses Frontal-Protegereh wie jetzt. Ja allgemeine Rahmbedingungen wie die Zeiten, die an die
Erfordernisse der Freiwilligen angepaßt sind, Erreichbarkeit auch, daß die Kosten im Rahmen
gehalten werden, sowie ausreichende Informationen über die Ausbildung und die Mitgestaltung. Ich
hätte eigentlich gesagt, daß es üblicher wäre, Zertifikate auszugeben für die Kurse, als für die
freiwillige Arbeit selber. Für Österreich bin ich aber eines Besseren belehrt worden, denn nach einer
Umfrage, die wir in einem anderen Zusammenhang gemacht haben, haben wir gesehen, daß von 220
Organisationen die Ausbildungen anbieten, nur 110 sagen, daß sie auch Zertifikate und andere
Bestätigungen zu dieser Ausbildung anbieten. Ungefähr so viele, wie angegeben haben, daß sie auch
die Tätigkeit bescheinigen und das ist insgesamt von 350 Organisationen und da muß ich sagen, daß
es mich gewundert hat, weil ich eigentlich der Meinung war, daß es üblicher ist, für Ausbildungen auch
Bestätigungen auszugeben. Auch hier bei den formalen Bildungsangeboten spielt natürlich die
Vernetzung mit anderen eine Rolle, insbesondere auch für kleinere Organisationen.

Der nächste Punkt: Ja was folgt jetzt daraus für die Rollen und die Kompetenzen von den Freiwilligen-
Managern und Managerinnen selber. Es folgt daraus, daß die Freiwilligen-Manager und
Managerinnen einen Katalysatorfunktion hat, wie Kompetenzen der Freiwilligen in die Tätigkeit
eingebracht werden, welche Kompetenzen erworben werden und wie sie bewußt und weiterbenutzt
werden können. Dies erfordert eine sehr feine Abstimmung von Vorgaben und Strukturen sowie
Freiräume und Selbstgestaltung der Freiwilligen und das die freiwilligen Koordinatoren müssen über
die Fähigkeiten verfügen, Freiwilligen Raum zu geben, damit sie ihre persönlichen Kompetenzen

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entwickeln können. Daraus schließt man auch eine sehr hohe persönliche Entwicklung bzw. hohe
Kompetenz seitens der Freiwilligen-Manager selber erfordert. Wenn man jetzt, ich habe ihnen ja
vorher die Folie gezeigt, was jetzt Unternehmen von Mitarbeitern erwarten, wenn man da guckt, was
diejenigen, die so hoch eigenständige Innovative Personen erwarten, die bieten auch einiges und die
bieten eben angenehmes Arbeitsklima und viel Freiraum für autonomes Arbeiten,
Entwicklungsmöglichkeiten und Freiraum und Möglichkeiten und so etwas kommt relativ selten vor
und ich denke, daß dieses ist gerade im Bereich des Freiwilligen-Managements ein sehr wichtiger
Punkt.

Ja, ich denke es geht darum, daß die Organisation bzw. die Koordinatoren auch ähnlich aggieren, die
einen ermunternden Staat und die Folgen für die Aus- und Weiterbildung ist, daß die die ähnliche
Kompetenzen entwickeln und mehr die sie fördern sollen und ja. Ich werde darauf nicht weiter
eingehen, denn ich denke, daß ist ein Kernpunkt der Tagung und es wird viel noch gesagt werden. Ich
möchte nur Ganz zum Schluß Diskussionspunkte aufbringen. Das sind so Widersprüche, die mir
immer entgegengekommen sind und die ich einfach so kurz einfach aufzeichnen möchte. Eine Frage
ist dieser Punkt, einerseits braucht man kompetente Bürger fürs Freiwilligen-Management. Das ist
auch einfacher, Personen behilflich zu sein, Kompetenzen zu entwickeln, wenn sie einen Grund an
Kompetenzen haben. Andererseits gibt es eben diese zunehmende Bemühungen, das wurde heute
früh ausdiskutiert worden: Menschen aus benachteiligten Gruppen in freiwilliger Tätigkeit zu fördern,
wahrzunehmen und da ist es mit Sicherheit eine ganz große Herausforderung, auch an die
Organisationen und die Koordinatorinnen, die man gerade bei Menschen, wo man nicht von einer
Grundvoraussetzung einer Kompetenz ausgehen kann, außerdem kann diese Kompetenzen
entwickeln und die Studie Volunteering-Interpretation der Carola Schaaf-Derichs und ich unter
anderem beteiligt waren, die hat gezeigt, daß Freiwilligen Engagement durchaus zur sozialen
Integration von benachteiligten Personen beitragen kann, daß aber die Ressourcen seitens des
Individuums, aber auch seitens der Organisationen, dafür hoch sind, einfach auch die Bemühen
bedarf, ein integratives Klima zu schaffen und die nächste Folie ist ein Foto dieser Tagung, ein
zentraler Bestandteil dieser Tagung, eine Tagung mit Personen aus fünf verschiedenen Ländern,
wobei bei jeder Länderdelegation auch mit mindestens ein bis zwei Freiwilligen aus diesen
betroffenen Gruppen dabei waren und es war wirklich so, daß bei dieser Tagung jeder zu Wort
gekommen ist und die Strukturen einfach geschaffen wurden um diese Kommunikation und diese
Integration auch zu ermöglichen, ein sehr positives Beispiel von dieser Art auch Kompetenzen einfach
zu fördern.

Ja der nächste Punkt ist diese Frage, die Bürgerkompetenzen. Die Frage für mich ist, inwieweit geht
es wirklich im engeren Sinne um diese Bürgerkompetenzen und um diese Kompetenzen, wo es um
politische Partizipationen geht und darum, auch wirklich Dinge umzusetzen und inwieweit geht es aber
auch beim Freiwilligen-Management um individuelle Kompetenzen und ich denke, daß ist etwas, wo
es einfach darum geht, daß die Organisationen sich auch darüber klar werden müssen, welchen Grad
von Kompetenzen gefördert werden sollten und da sind Dinge wie Leitbilder und da gibt es
Begriffsdiskussionen und das ist einfach wichtig in diesem Bereich.

Ja, schließlich ein nächster Punkt ist die Frage, wie weit wendet man einzelne
Managementinstrumente an und inwieweit wird es dann zu sagen wir mal, zu theokratisch und zu
mechanistisch und inwieweit geht dann das, daß die Freiwilligen-Arbeit eigentlich ausmacht, dann
verloren, also das denke ich, ist ein sehr wichtiger Diskussionspunkt, wie man eben das Ausmaß des
Managements und das Ausmaß der Freiräume und was ich als weiteres für einen interessanten Punkt
finde, in einem Workshop, den wir neulich gemacht haben, wurde die Meinung geäußert, na ja ist es
die Frage braucht man eigene Kompetenzen für das Freiwilligen-Management. An sich könnte ein
guter Personalist, ein guter Personalmanager, ebenso gut die Aufgaben übernehmen und das lasse
ich hier einfach einmal einfach so stehen als Diskussionspunkt und schließlich ein weiterer Punkt der
ihr am Herzen liegt, ist, inwieweit man die Kompetenzentwicklung so betreibt, daß man sich mit
anderen Organisationen vernetzt, da sind wir wieder im bereichsspezifischen und
bereichsübergreifenden, aber eben auch in anderen Bereichen wie Wirtschaft und öffentlicher Hand
vernetzt oder wieweit man auch organisationsinterne Lösungen sucht und da geht es denke ich auch
um eine verbalen Sicht der Kompetenzentwicklung, also nicht nur von den Freiwilligen und dem
Freiwilligen-Management, sondern auch von den Organisationen, dies ich ja auch zum parallel
ermunternden Staat auch überlegen können, wie können sie ermunternde Organisationen sein.

Ja, ich danke für ihre Aufmerksamkeit.


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      Politische Strategien zur Entwicklung des bürgerschaftlichen
                              Engagements
          Vortrag von Dr. Adrian Reinert, Geschäftsführer der Stiftung Mitarbeit, Bonn




Liebe Anwesende,

Diejenigen, die schon mal ein Referat von mir gehört haben, wissen, dass ich immer ein Thesenpapier
verteile. Ich war mir etwas unsicher, ob es genau das trifft, was von mir erwartet wird hier. Herr Kegel
sagte mir vor einiger Zeit, ich hätte mal einen Artikel in der ‚Berliner Republik" geschrieben, der ein
bisschen in die gleiche Richtung lief. Das ist vielleicht gar nicht das, was das Publikum von mir
erwartet, es ist vielleicht zu stark auf Bürgerbeteiligung ausgerichtet. Auf dem einen Thesenpapier
geht es mehr um Bürgerbeteiligung und auf dem anderen mehr um die Grundsatzfrage
Engagementförderung (Warum brauchen wir brauchen wir Engagement? Welche Struktur entwickelt
Bürgerschaftliches Engagement?).

Ich habe mir vorgenommen, zunächst ganz kurz noch mal was zur Engagemententwicklung zu sagen
oder bzw. einfach nur zu fragen, wie sie das einschätzen, wenn man von bürgerschaftlichem
Engagement in unserer Gesellschaft redet und wie es sich entwickelt hat. Sie sind ja alle Experten in
dem Bereich, aber ich möchte jetzt einfach mal fragen: Hat es sich positiv entwickelt in den letzten 10
Jahren? Andere sagen: Total schlecht; wieder andere sagen: Das kann man so nicht sagen, das muss
man differenzierter sehen.

Das Problem ist einfach, dass wir ein sehr differenziertes Bild in unserer Gesellschaft haben. Wir
haben auf der einen Seite das klassische Engagement, das Probleme hat, Leute zu finden, die sich
längerfristig binden oder sich längerfristig organisieren; und wir haben auf der anderen Seite das eher
temporäre, spezialisierte und kurzfristige Engagement, welches zunehmend ist. Insofern ist es eine
sehr differenzierte Entwicklung.

Ich möchte gerne zwei Folien ganz kurz zeigen, das sind Tendenzen, das Engagement wird
thematisch spezialisierter, temporärer der Charakter der Engagementverpflichtung, die Menschen
wollen sich nicht mehr lebenslänglich binden an einer Organisation und drittens haben sie Interesse
an kleinen Gruppen, an der Erfahrung des eigenen Wertes des Engagements. Sie wollen nicht in
einer großen anonymen Organisation Mitglied sein, sondern sehen: Ich kann etwas bewirken, ich kann
etwas verändern, durch meine Teilnahme tut sich was.

Jetzt eine andere Folie, die diese Veränderungen deutlich macht. Auch alles nur Tendenzen, ein
bisschen abstrakt. Man ging in eine Organisation, oder gehörte der Kirche an, der Gewerkschaft, einer
Partei oder welcher Organisation auch immer. Heute ist es so, dass man sich die Organisationsformen
nach Themen, nach Bedürfnissen und nach Betroffenheiten aussuchen kann, somit anders an das
Thema herangeht.

Das sind die Grundlagen, auf denen das Folgende aufbaut. Ich habe hier zunächst mal eine
Übersichtsfolie: Strategien zur Entwicklung des bundesbürgerschaftlichen Engagements. Der Punkt
„aktivierende Bürgerinnen- und Bürgerbeteiligung" ist auf dem anderen Thesenpapier.

Differenzierte Angebotsformen ergeben sich aus dem, was ich gesagt habe: Das Engagement ist
differenziert und spezialisiert; die Leute haben ganz unterschiedliche Gründe, warum sie aktiv werden.
Die Folge daraus ist: Es gibt Leute die wollen kurz aktiv werden und es gibt welche, die wollen nur
eine gewisse Zeitphase aktiv werden. Es ist erforderlich, differenzierte Angebote zu machen.

„Engagementfördernde Infrastruktur" bezieht sich auf die Einrichtungen, in denen Sie ja teilweise tätig
sind, Selbsthilfekontaktstellen, Freiwilligenagenturen, ähnliche Beratungseinrichtungen. Es ist heute
nicht mehr so natürlich, dass man einer Organisation angehört und dann von dieser Organisation in
irgendwelche Tätigkeitsfelder gesetzt wird. Die Leute suchen sich die Themenfelder heute selber aus
und brauchen dabei Hilfestellung und auch Informationen.


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Stichwort „Gemeinschaftsstiftungen". Auch ein Begriff, der Ihnen natürlich vertraut ist. Anders als eine
klassische Stiftung mit einem großen Kapitalgeber wird bei diesen Stiftungen Kapital aus vielen
unterschiedlichen Erträgen von einzelnen Personen gesammelt. Daraus wird dann soziales,
freiwilliges Engagement unterstützt. Sie kennen das als Bürgerstiftung, als Stadtstiftung, in vielen
Bereichen: Es ist die Annahme, dass wir in einer Zeit mit sehr vielen reiche Leute leben; die
Erbengeneration ist da und das Kapital und Potenzial für solche Stiftungen existiert.

Das Prinzip der Gegenseitigkeit. Ich glaube, es wird immer Altruisten in unserer Gesellschaft geben.
Nur kann man diese Gesellschaft nicht allein auf Altruismus aufbauen. Das war noch nie so, das hat
noch nie funktioniert. Ich glaube, ein primäres Motiv vieler Menschen, sich zu engagieren, ist, von dem
Engagement auch was zu haben. Das bedeutet entweder das klassische Beispiel „Tauschring" mit
einer Gegenleistung, einer Gutschreibung von Talenten o.ä., oder aber eben auch eine Anerkennung
oder mögliche Vergütung.

Ich will das vielleicht mal etwas theoretischer aufbauen. Warum engagieren sich Leute? Ich habe mal
versucht, vier klassische Motive zusammenstellen. Es gibt ja Situationen, in denen das eigene
Verhalten völlig übereinstimmend mit dem gemeinschaftlichen Verhalten ist, aber es gibt auch
Situationen in denen die eigentliche Frage ist: „Engagiere ich mich für andere, oder nicht und
beschäftige ich lieber meinen eigenen Egoismus in meiner Situation?". Bei Umfragen zu dem Thema:
Sollte man sich für die Gemeinschaft einsetzen, bekommen sie von 70% -80% zur Antwort:
„Gemeinnutz geht vor Eigennutz...". Wenn sie sich aber tagtäglich mal die Realität ansehen werden
sie merken: Es sieht dort immer etwas anders aus. Die Gründe, aus denen sich Menschen dann pro-
gemeinschaftlich verhalten, sind ganz unterschiedlich. Das eine ist Sympathieliebe, das Menschen
sich einfach um andere Menschen oder um eine andere Person kümmern, oder sich einer Gruppe
zugehörig fühlen. Oder aus dem Grund, dass man für andere Menschen etwas machen möchte, um
sie auf Ihren Wegen zu unterstützen u.s.w. Das ist das edelste Motiv und man kann es durch nichts
ersetzen und auch politisch nicht planen, es sei denn, das man Menschen Zeit zur Verfügung stellt;
Humanzeit, um Menschen zu betreuen.

Dann kommt das hässlichste Motiv: „Zwang" oder „Pflicht". Wir wissen alle, dass man in unserer
Gesellschaft nicht nur auf Zwang oder Pflicht aufbauen kann. Es gibt Beispiele, wo solche
Gesellschaften gescheitert sind. Aber auf der anderen Seite kommt man ganz ohne Zwang oder
Pflicht auch nicht aus. Um es spitzer zu sagen: Man müßte die Ampeln abschaffen, also ganz ohne
Zwang oder Pflicht, um beim Beispiel Verkehr zu bleiben. Und dann gibt es überzeugende Werte, wie
gesagt: Eine große Mehrheit der Bevölkerung ist laut Umfragen für die Gemeinschaft und trotzdem
passiert sehr oft das Gegenteil.

Wertung und Überzeugung werden verhaltensrelevant. Muss man irgendwie das Gefühl haben, dass
es einen Sinn macht und das es zweckmäßig ist. Um einen anderen Bereich zu nehmen: Wenn ich
der einzige bin, der seine Steuererklärung ehrlich macht, bin ich eigentlich der Dumme. Das
funktioniert nur dann, wenn es alle machen und es gibt so etwas wie eine Solidaritätsforschung, bei
der es heißt: „Solidarität ist bedingter Altruismus". Also kein reiner Altruismus, und da gibt es einen
Begriff, der kommt aus dem amerikanischen: „Confusion consent", ein bedingtes Einverständnis. Das
bedeutet: Damit man solidarisch ist, müssen Leute das Gefühl haben, das jenes wofür sie sich
einsetzen oder wofür sie eintreten in der Gemeinschaft, inhaltlich sinnvoll und zweckmäßig ist. Mit
anderen Worten: Es mag zwar gerecht sein, wenn alle verhungern, aber das ist nicht zweckmäßig und
sinnvoll.

Es geht um die gerechte Verteilung der Belastung. Menschen sind immer dann bereit etwas zu tun,
wenn sie das Gefühl haben, dass auch andere was tun. Nach dem Motto: Wenn ich der einzige bin
der was tut, bin ich der Dumme.

Pulsegurale Gerechtigkeit, es ist immer ganz wichtig, wie Entscheidungen zustande kommen. Man
muss das Gefühl haben, dass man daran beteiligt war und daran mitgewirkt hat, man hatte Einfluss,
es wurde nichts von oben verordnet. Es die Erkenntnisse der Solidaritätsforschung, dass dies die
Voraussetzung ist. Wenn die Menschen nach ihrer Einschätzung der Höhe der Steuern gefragt
werden ist das viel wichtiger als die absolute Höhe der Steuer. Diese drei Motive, dass man erstens
das Gefühl hat: Es ist sinnvoll, der Staat macht gute Sachen damit; zweitens: Es ist gerecht, alle sind
davon betroffen, und drittens: Es gibt ein demokratisches Verfahren, wie das zustande gekommen ist.



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Wir haben in unserer Gesellschaft ein bißchen das Problem, dass die Transparenz verloren gegangen
ist. Viele wissen gar nicht, wozu das führt was sie bringen, bzw. haben das Gefühl, dass nicht alles in
unserer Gesellschaft gerecht ist, wenn z.B. viele Leute nicht erwerbstätig sind und nicht auf den
Arbeitsmarkt kommen können, andere hohe Gehälter verdienen und dann erwartet man von denen,
die nicht auf den Arbeitsmarkt kommen, dass sie ehrenamtlich aktiv werden. Es ist eine ziemlich
geringe Anzahl. Ich will damit deutlich machen, dass Solidarität und Gerechtigkeit zwei Begriffe sind,
die etwas zu kurz kommen bei den aktuellen Debatten über „Bürgergesellschaft." Menschen sind dann
bereit, sich in der Gesellschaft zu engagieren, wenn sie das Gefühl haben, in der Gesellschaft geht es
gerecht zu, und das, was ich einbringe, finde ich irgendwann auch mal wieder. Ich glaube, alle
Debatten die wir in unserer Bürgergesellschaft haben, berücksichtigen diesen Punkt zuwenig.

Ich komme zum Punkt: „Prinzipielle Mitverantwortlichkeit" und werde dann auch zur „Aktivierenden
BürgerInnen-Beteiligung" übergehen. Ich hatte Ihnen deutlich gemacht, dass es wichtig ist, auch das
Gefühl zu vermitteln, dass man mitwirken kann. Das ist auch eine Transparenz der
Entscheidungsprozesse. Das Prinzip der Mitverantwortlichkeit heißt, dass man auf allen Ebenen
erreichen muss, dass diejenigen, die von Entscheidungen betroffen sind, Einfluss auf diese
Entscheidung nehmen können. Ein Beispiel sind die „Fifty-fifty Schulen", die sich verpflichten, Energie
einzusparen. 50% des eingesparten Geldes bleibt in der Schule und 50 % geht zurück in den
Stadtsäckel. Dadurch ist natürlich eine viel höhere Motivation bei den Schülern, Lehrern und Eltern
vorhanden, Energie zu sparen, als wenn sie zum sparen aufgefordert werden würden mit dem
Wissen, dass das Geld komplett im Stadthaushalt verschwindet. Es gibt genügend Beispiele, wo
dieses Modell funktioniert, d. h. durch die Übertragung von Kompetenzen schafft man
Mitverantwortlichkeit, die Bereitschaft, Mitverantwortung zu übernehmen.

Ich komme jetzt zu dem Bereich, der durch das gelbe Papier abgedeckt wird. Thomas Kegel hat mir
eben gerade noch einmal gesagt, dass einer der Gedanken von ihm war, dass das Gefühl der
Menschen, sie können mitwirken, sie können Verantwortung übernehmen, sie können Gestalten, auch
die Bereitschaft erhöht, etwas für die Gemeinschaft zu tun. Wir müssen die Partizipation erweitern,
was gleichzeitig auch positive Effekte auf Entscheidungen hat.

Das will ich jetzt mal an einer kleinen Karikatur aus Norwegen verdeutlichen. Da geht es um
Kinderbeteiligungen. Die Administration hat gesagt, wir müssen im Park was für die Kinder machen
und hat eine Schaukel aufgebaut. Dann kamen die Politiker und haben gesagt, mit so einem Brett -
das ist doch nichts, drei Bretter müssen her. Und mit den Wünschen der Politiker wurde dann eben ein
Büro beauftragt, das einen Entwurf machen sollte. Dieser erste Entwurf war natürlich nicht tragbar und
wurde revidiert. Das ist dann der revidierte. So sah die die Durchführung des Planes aus und das war
eigentlich, was die Kinder gerne gehabt hätten, wenn man sie gefragt hätte.

Deswegen ist natürlich die Bürgerbeteiligung eine Ressource, nicht nur eben für diejenigen, die daran
teilnehmen, sondern auch für die Gesellschaft, um gute Entscheidungen Zustande zu bringen. Und
wer sich mit Bürgerbeteiligung beschäftigt, weiß aber, dass das so einfach nicht funktioniert.

       Erstens kommt kein Mensch, also akademisch ausgedrückt: Weniger Resonanz.
       Zweitens: Oberflächlichkeit.

Denken sie an die Bürgerversammlung. Da wird ein Plan vorgestellt, sie sitzen versammelt mit
Hundert Leuten und jeder will fünf Minuten was sagen, wie lange müsste die Versammlung laufen?
500 Minuten, über acht Stunden. Läuft natürlich nicht so lange. Tatsächlich reden nur einzelne,
besonders die Kommunikationsstarken. Dass also ist soziale Effektivität. Nicht zu Wort kommt die
Minderheit, die sich nicht so gut artikulieren kann. Kinder, die ausländischem Mitbürger, Frauen und
viele andere. Es gibt Leute, die finden sie auf den Versammlungen nie, weil sie keine Zeit haben.
Denken sie nur an die allein erziehenden Eltern kleiner Kinder, die tauchen bei diesen
Versammlungen nie auf. Oder denken sie an Schichtarbeiter. Wenn man immer zur gleichen Zeit
Abends um 19:30 Uhr tagt, haben die auch nicht die Möglichkeit, da regelmäßig teilzunehmen. Die
Probe könnte man eigentlich machen.

Dann gibt es noch die Tendenz der segmentierten Gesellschaft Meinungsbestätigung statt
Meinungsaustausch zu suchen. Auf der einen Seite treffen sich die Umweltschützer, die schimpfen
über die Autofahrer, die die ganze Umwelt kaputt machen und auf der anderen Seite die Autofahrer,


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die über die Umweltschützer schimpfen, weil sie den ganzen Verkehr kaputt machen. Kommunikation
zwischen den beiden Seiten findet kaum noch statt.

Und dann gibt es das Problemengagement erster Betroffenheit. Bei Menschen, die sich vornehmlich
dann engagieren, wenn es brennt, kommt die Bürgerbeteiligung oft zu spät und das kann man mit
einer solchen Karikatur, und dem sogenannten Informationsparadox illustrieren. Sie sehen, in dem
Moment, in dem ein solcher Plan aufgestellt wird, gibt es sehr, sehr viele Möglichkeiten, doch noch
Einfluss zu nehmen. Man kann überhaupt sagen, den Plan wollen wir nicht. Nur wissen die meisten
noch gar nichts davon. Wenn aber der Plan schon ziemlich fertig ist und es um die Umsetzung geht,
dann stellen die Bürgerinnen und Bürger auf einmal fest: Die Straße fehlt ja vor meiner Haustür! Und
dann gibt es sehr wenig Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen.

Um diese Probleme etwas zu reduzieren, gibt es eine Vielzahl von Verfahren von Modellen, die auf
dem gelben Papier ausführlich beschrieben sind. Bei der Bürgerbeteiligung gibt es keine
Patentrezepte. Man muss sich immer fragen: Was will man erreichen? Und sie sehen, daraus
entwickeln sich Interessen mit einer Reihe von Verfahren. Die bringen einfach unterschiedliche
Gruppen -denken sie an die segmentierte Gesellschaft - zusammen ins Gespräch mit einer externer
Moderation. Da ist es sinnvoll, bestimmte Interessen besonders zu vertreten, über Anwaltsplaner oder
Interessenbeauftragte, Frauen- und Kinderbeauftragte usw.

Dann möchte ich auf einen Punkt noch etwas eingehen, weil er für sie vielleicht noch interessant ist:
Wie kann man so etwas aufziehen? Wir haben von der sozialen Selektivität gesprochen. Man kann
bestimmte Bevölkerungsgruppen nur schwer erreichen. Wenn man z. B. an einen Stadtteil hat, in dem
man das Gefühl hat, dass das Zusammenleben hier nicht besonders gut funktioniert, dass die Leuten
sich nicht kennen und wenig miteinander gemein haben, dann gibt es eine Reihe von Methoden unter
dem Stichwort „Aktivierung" im Stadtteil.

Ich will Ihnen einmal exemplarisch Planning for Real vorstellen, das aus Großbritannien kommt, aber
auch in Berlin angewendet worden ist. Da hat eine Gruppe ein Papp- und Styropormodell des
Stadtteils entwickelt. Sie ist mit diesem Modell an Treffpunkte, in Kneipen und an Bushaltestellen
gegangen und hat mit den Leuten darüber diskutiert. Ist das unser Stadtteil und was gefällt euch gut
und was nicht so gut. Da haben die Leuten Markierungen gemacht, wo eigentlich z.B. ein Baum steht
oder man gerne einen hätte. Bei der Gelegenheit sind die Bürgerinnen und Bürger, die sie
angesprochen haben, also Jugendliche, Erwachsene, alle Generationen der unterschiedlichen, zu
einer Versammlung in der Osterkirche eingeladen worden. Gleichzeitig hat man bei der Gelegenheit
auch ein sogenannten Talentbogen verteilt, um Nachbarschaftsaktivitäten und Nachbarschaftshilfe zu
fördern.

Dort konnte man angeben, dass Bedarf an bestimmten Dingen. So wurde Kommunikation in dem
Stadtteil hergestellt. Es ist ein Tauschring daraus hervorgegangen. Es gibt Verfahren,
Interessenverfahren, die sie praktisch anwenden können in ihrem Alltag, für die Entwicklung von
Kreativität und Kompetenz. Zwei Methoden, die man sowohl im Stadtteil, als auch in den
Organisationen einsetzen kann, aber auch in Zukunftswerkstätten von Openspace. Das Modell
Zukunftswerkstatt, das die meisten von Ihnen schon kennen, mit drei Phasen.

In der ersten Phase kommt man zusammen und listet zunächst einmal auf, was alles nicht so gut ist,
die sogenannte Kritikphase. In einer zweiten Phase, der sogenannten Fantasiephase, entwickelt man
mit ganz phantasievollen Methoden wie könnte es besser sein, aber völlig unzensiert, einem
Brainstorming nicht unähnlich. In der dritten Phase, der sogenannten Umsetzungs- oder
Verwirklichungsphase wird dann überlegt, was davon setzen wir in welcher Zeit um.

Dabei ist dann auch ein sogenannter Fahrplan immer ganz wichtig, d. h. man fragt sich, bis wann man
etwas macht und vor allen Dingen, wer übernimmt die Ideenwerkstatt dafür, damit man nicht nach
einem halben Jahr zusammenkommt und sagt, ach, war das schön, aber da ist nichts daraus gefolgt.
Wichtig ist auch, dass man hinterher konkret Ideenpatenschaften übernimmt oder Aufgaben vergibt.

Das andere Verfahren, das ich genannt habe, ist Openspace. Das ist noch viel einfacher als die
Zukunftswerkstatt. Das Wichtigste, was sie bei Openspace wissen müssen, ist nur dieses. Das ist
etwas vereinfacht, aber die Grundidee ist, dass Leute in einem großen Plenum zusammenkommen
und die Themen benennen, die sie interessieren. Dann wird auf einem Zeitplan eintragen, wann der

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Tag ist, an dem sie wieder zusammenkommen und diese Themen behandeln wollen. Man teilt sich in
Gruppen ein und redet dann über einzelne Themen. Das Spannende ist, dass die Gruppen keinen
Leiter haben, sondern selber Protokoll führen. Das wird zusammengeschrieben und für alle
Teilnehmer und Teilnehmerinnen kopiert. Das sind auch keine sterilen Veranstaltungen, also 10:30
Uhr bis 12:00 Uhr in der grünen Gruppe wird das Thema behandelt und in der braunen Gruppe das
Thema und wir sprechen uns von 13:30 Uhr bis 15:00 Uhr entsprechend wieder. Das Spannende ist
der Wechsel zwischen den Gruppen.

Es gibt sogenannte Hummeln und Schmetterlinge; die Hummel sitzt in der Gruppe und hört sich
Sachen an und geht in die anderen Gruppe und berichtet davon, aus welchen Perspektive die andere
Gruppe das Thema gesehen hat, d. h. befruchtet die andere Gruppe. Die Schmetterlinge sind einfach
nur schön, fliegen überall hin und gucken sich das mal an und das mal an und schnappen überall was
auf. Das ist also die Methode Openspace. Auch sehr, sehr leicht zu organisieren und macht viel Spaß.
Auch dabei ist es natürlich wichtig, dass man hinterher einen konkreten Zeitplan erstellt und zu
konkreten Umsetzungen kommt.

Ich möchte zum Schluss einen Kopfstand mit Ihnen machen. Sie müssen den jetzt aber nicht praktisch
machen, sondern ich mache den und stelle alles auf den Kopf, was ich vorhin gesagt habe und sage
was man machen kann, um Engagement und Beteiligung zu verhindern. Das sind 10 Punkte.

      Erstens zum Engagement auffordern, aber keine Angebote zur Verfügung stellen.
      Zweitens von Mitwirkung reden, aber alles selber entscheiden.
      Drittens dauerhaftes Engagement zur Bedingung zu machen und befristete Mitwirkung
       ausschließen.
      Viertens den Eindruck erwecken, dass Engagement eine lästige Pflicht ist und keinen Spaß
       machen kann.
      Fünftens jede Form von unnötiger Anerkennung zu vermeiden.
      Sechstens Menschen nicht ansprechen, sondern darauf warten, dass sie von selber kommen.
      Siebtens falsche Angaben über die tatsächliche, zeitliche Beanspruchung machen.
      Achtens bei Versammlungen immer für eine Tagesordnung mit mindestens fünfzehn Punkten
       sorgen und bloß keine Freiräume lassen.
      Neuntens Sitzordnung so wählen, dass man niemand anderen kennenlernen braucht.
      Zehntens endlose Diskussionen nach dem Motto alles ist schon gesagt, aber nicht von allen.
      Und Elftens keine Referate halten, deshalb höre ich jetzt auf.




Anlagen

Thesenpapier 1 zur 1. Fachtagung „Freiwilligen-Management™“

I. Zur Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements

Einmischung erwünscht

1. Eine Demokratie ist nur lebendig, wenn sich viele Bürgerinnen und Bürger aktiv engagieren und
einmischen. Zugleich kann durch aktive Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger die Qualitiät von
Entscheidungen verbessert werden.

Engagement diverszifiziert sich

2. Entgegen einem verbreiteten Vorurteil ist bürgerschaftliches Engagement in der Bundesrepublik
Deuztschland keineswegs generell rückläufig. Das Engagement hat sich vielmehr spezialisiert und
diversifiziert Ebenso gibt es nach wir vor deutsche regionale (vor allem auch Stadt-Land) und
geschlechtsspezifische Unterschiede in der Art des Engagements.

Neue Formen des Engagements


                                                                                                   19
3. Unverkennbar verlagert sich das Engagement tendenziell von traditionellen Organisationen und
Vereinen zu neuen Formen der Selbstorganisation. Wesentliche Merkmale dieser neuen
Engagementformen sind

a) thematische Differenzierung und Begrenzung
b) temporärer Charakter der Engagementverpflichtung
c) überschaubare Gruppengröße und Möglichkeit zur Selbstwerterfahrung

Dennoch nur eine Minderheit „kommunalpolitisch interessiert“

4. Trotzdem bleibt festzustellen, dass sich zumeist nur eine Minderheit für das allgemeine
kommunalpolitische Geschehen interessiert.




II. Defizite klassischer Bürger(innen)beteiligungsformen

Traditionelle Bürger(innen)beteiligung ist of oberflächlich ...

5. Das klassische Instrumentarium der Planauslegung, Anhörung, Erörterungstermine,
Bürgerversammlungen usw. ist elementar und weiterhin unverzichtbar. Es weist oft aber eine Reihe
von Defiziten auf. Abgesehen davon, dass die Beteiligung vielfach nur oberflächlich erfolgt, ist sie ...

sozial selektiv ...

6. Es beteiligen sich vornehmlich organisierte Interessen und sozialaktive Minderheiten. Dabei
dominieren Hochausgebildete, Angehörige höherer beruflicher Positionen, Männer in mittleren
Jahrgängen, der öffentlichen Dienst. Schwach vertreten sind hingegen ausländische Mitbürger/innen,
Jugendliche Frauen, ältere Arbeitnehmer, Behinderte sowie untere Einkommensschichten.

Zeitliche Probleme

7. Selbst wenn sie persönlich interessiert sind, fehlen vielen Bürgerinnen und Bürgern ganz einfach
die zeitlichen Möglichkeiten, um sich zu beteiligen bzw. die dafür notwendigen Informationen zu
beschaffen. (Besonders zeitlich benachteiligt: Alleinerziehende Eltern von Kleinkindern;
Schichtarbeitende)

Bürge(innen)beteiligung erfolgt vielfach zu spät

8. Interesse und Engagement entstehen vor allem bei persönlicher Betroffenheit. Nicht selten sind
Entscheidungsprozesse dann jedoch schon so weit fortgeschritten, dass die Möglichkeiten zu
Einflussnahme nur noch begrenzt sind.

Tendenz der Segmentierung

9. In unserer Gesellschat besteht eine erkennbare Tendenz zum Sich-Voneinander-Abschotten
(Segmentierung). Es wird Meinungsbestätitgung statt Meinungsaustausch gesucht.




III. Beispielhafte Beteiligungsverfahren

Bürger(innen)beteiligung als kommunikativer Prozess

10. Um die angeführten Partizipationsprobleme zu vermindern und die Qualität von
Bürger(innen)beteiligung zu verbessern, sind in den letzten Jahren eine reihe von zumeist


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projektorientierten Ansätzen erprobt worden, denen gemeinsam ist, dass Bürger(innen)beteiligung
nicht als formaler Akt, sondern als kommunikativer Prozess verstanden wird.

Unterschiedliche Akzentuierungen

11. Je nach Akzentuierung zielen sie schwerpunktmäßig auf den Ausgleich divergierender Interessen
(z.B. Runder Tisch, Mediation, Forum, Zukunftskonferenz), die bessere Vertretung bisher
unzureichend beteiligter Interessen (z.B. Anwaltsplanung, Interessenbeauftragte), die Aktivierung im
Stadtteil (z.B. Gemeinwesensarbeit, Planning for Real, Bürgerbüro), die Entwicklung von Kreativität
und Kompetenz (z.B. Zukunftswerkstatt, Open Space) die Beteiligung besonderer Zielgruppen (z.B.
Frauen-Workshops, Kinder- und Jugendparlamente) oder eine möglichst repräsentative Beteiligung
der Bevölkerung (Planungszelle/Bürgergutachten).

Mediation/ Runder Tisch

12. Mediator(inn)en führen anders als Richter(innen), Schlichter(innen), Schiedsleute keinen
Urteilsspruch oder Kompromiss herbei, sondern schaffen die Voraussetzungen für einen
Klärungsprozess, in dem die Konfliktparteien miteinander verhandeln, um zu einer für alle Seiten
wenigstens hinnehmbaren Lösung zu kommen. Angestrebt wird ein diskursiver statt positioneller
Verhandlungsstil. Mediationsähnliche Verfahren haben in der Bundesrepublik während der letzten
Jahre auch in Form von sogenannten Runden Tischen, Stadt- und Verkehrsforen etc. größere
Verbreitung gefunden.

Zukunftskonferenz

13. Bei der Zukunftskonferenz versammeln sich ein bis zweieinhalb Tag lang ( 30 bis 72) von einem
Problem betroffene oder unterschiedliche Bevölkerungsgruppen vertretende Personen, um zu
gemeinsamen Visionen und zur Erarbeitung von Maßnahmeplänen zu kommen. In fünf Schritten
werden in Kleingruppen zunächst bestehende Unterschiede und Gemeinsamkeiten ermittelt und b)
mögliche externe – positive wie negative – Trends bewertet, dann c) Zukunftsideen entwickelt, d)
Gemeinsamkeiten herausgearbeitet und dann e) konkrete Maßnahmen zur Umsetzung geplant.

Gemeinwesenarbeit (Aktivierende Befragung)

14. Durch aufsuchende Arbeit (Hausbesuche, Jugendtreffpunkte) versucht die Gemeinwesenarbeit,
Bürger(innen) zum Engagement anzuregen. Wichtiges Hilfsmittel ist die sogenannte aktivierende
Befragung. Zunächst werden die Wünsche und Bedürfnisse ermittelt, dann gemeinsame
Prioritierungen vorgenommen und schließlich konkrete Umsetzungsschritte erarbeitet. Eine besonders
systematische Weiterentwicklung der Gemeinwesenarbeit stellt die in Norwegen angewandte
sogenannte Arbeitsbuchmethode dar.

Planning for Real

15. Planning for real ist ein in Großbritannien entwickeltes Beteiligungsverfahren, das in Berlin-
Wedding erfolgreich ausprobiert worden ist. Es wird ein transportables (Papp-) Modell des Stadtteiles
hergestellt und an vielen Orten (Kneipen, Straßenbahnen, U-Bahnen usw.) gezeigt, um Bürger(innen)
miteinander ins Gespräch zu bringen. Daraus entwickeln sich Veränderungsvorschläge und neue
Formen nachbarschaftlicher Aktivität.

Zielgruppenworkshops

16. Für bestimmte Zielgruppen werden zu spezifischen Themen Workshops angeboten, um ihnen
Gelegenheit zu geben, sich erst einmal in der eigenen Bezugsgruppe über Ziele und Inhalte von
Planungen zu verständigen. Beispiele etwa sind Workshops für Frauen zum Thema
„Frauenfreundliche Planung“, „Frauenfreundlicher ÖPNV“ oder Zukunftswerkstätten mit
Kindern/Jugendlichen.

Zukunftswerkstatt


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17. Zukunftswerkstatt ist eine maßgeblich von Robert Jungk entwickelte Arbeitsform, um in Gruppen
gemeinsam Ideen zu entwickeln und Möglichkeiten ihrer praktischen Umsetzung zu erarbeiten. In der
(1) Kritikphase erfolgt eine Bestandsaufnahme von Problemen und Mängeln in einem Bereich. Diese
werden anschließend nach Bedeutung gewichtet. Die (2) Ideen- und Phantasiephase dient der
Vorstellung von Vorschlägen und Träumen, wie es anders sein könnte. In der (3) Umsetzungs- oder
Verwirklichungsphase geht es schließlich darum, Wege und Möglichkeiten zu finden, wie diese Ideen
am besten realisiert werden können.

Open Space

18. Open Space ist eine in de USA entstandene Versammlungstechnik. Statt feste
Programmstrukturen vorzugeben, kommen die Teilnehmenden zu Beginn zusammen, um die Themen
und Punkte zu benennen und aufzuschreiben, die für die höchste Aktualität haben und die sie
persönlich gerne behandeln möchten. Danach bilden sie in wechselnder Zusammensetzung nach
Neigung und Interesse Kleingruppen. Die Ergebnisse der einzelnen Gruppen werden protokolliert. In
der Schlussrunde können dann Maßnahmen und Prioritäten zur Umsetzung vereinbart werden.

Bürgergutachten/Planungszelle

19. Das Modell Planungszelle wurde von dem Wuppertaler Soziologieprofessor Peter C. Dienel
entwickelt. Eine Planungszelle ist eine Gruppe von ca. 25 im Zufallsverfahren ausgewählten
Bürgerinnen und Bürgern, die für ca. eine Woche von ihren arbeitsalltäglichen Verpflichtungen
freigestellt werden, um in Gruppen Lösungsvorschläge für ein vorgegebenes Planungsproblem zu
erarbeiten. Die Ergebnisse ihrer Beratungen werden in einem sogenannten Bürgergutachten
zusammengefaßt.




IV. Anforderungen an Bürger(innen)beteiligung

Keine Patentrezepte


20. Es gibt sehr unterschiedliche Wege und Formen der Bürger(innen)beteiligung, aber kein
Patentrezepte. Welche Methode die jeweils sinnvollste ist, muss von Fall zu Fall am konkreten Projekt
abgewogen werden. Oft empfiehlt sich aus ein Methodenmix.

Ergebnisoffenheit, Frühzeitigkeit, faire Einflusschancen

21. Wichtig ist aber in allen Fällen, dass die Bürger(innen)beteiligung 1) ergebnisoffen angelegt ist,
d.h. nicht bloß zur Akzeptanzbeschaffung für bereits getroffene Vor-Entscheidungen dient, 2)
möglichst frühzeitig erfolgt, also zu einem Zeitpunkt, an dem noch reale Entscheidungsmöglichkeiten
bestehen und 3) für alle potentiell berührten Interessen faire Einflusschancen anstrebt, wozu
erforderlichenfalls auch eine angemessenen Verhältnis zur Bedeutung des Planungsgegenstandes
stehende Zurverfügungstellung von Ressourcen gehört, um Alternativplanungen durchzuführen oder
in Auftrag geben zu können.

Transparenz und Klärung des Stellenwertes

22. Ebenso muss Konsens über die regeln bestehen und Klar sein, welcher Stellenwert der
Bürger(innen)beteiligung zukommt. Werden mehrere Verfahren parallel oder sukzessiv eingesetzt,
muss transparent sein, wie sie aufeinander bezogen sind. Sie müssen einen klaren Adressaten
haben, und es muss sichergestellt sein, dass Ihre Ergebnisse Beachtung finden

Konsultativ, nicht dezisiv

23. Klärung des Stellenwertes bedeutet ebenso festzustellen, dass die vorgestellten Modelle
konsultativ und nicht dezisiv sind. Sie entlasten nicht von der Notwendigkeit, sich um demokratische


                                                                                                       22
Mehrheiten zu bemühen, sei es auf repräsentativ-parlamentarischer Ebene oder durch
direktdemokratische Entscheidungsverfahren oder durch direktdemokratische
Entscheidungsverfahren.

Förderliche Bedingungen

24. Die Motivation zur Teilnahme wird darüber hinaus erleichtert durch a) thematische Konkretheit und
Begrenzung, b) temporären Charakter der Engagementverpflichtung und c) Arbeit in kleinen,
überschaubaren Gruppen, in denen der Wert des eigenen Engagements sichtbar wird.




Thesenpapier 2 zur 1. Fachtagung „Freiwilligen-Management™“

I. Zur Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements

Widersprüchliche Befunde

1. Bei der Bewertung der Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements zeigt sich ein
widersprüchliches Bild. Es gibt eine unübersehbare Flut von Einzeluntersuchungen mit zum Teil
höchst unterschiedlichen Ergebnissen. Vermutlich haben wir es mit einer Gleichzeitigkeit
unterschiedlicher Entwicklungen zu tun.

Engagement hat sich spezialisiert und diversifiziert

2. So ist bürgerschaftliches Engagement in der Bundesrepublik Deutschland keineswegs generell
rückläufig. Das Engagement hat sich vielmehr spezialisiert und diversifiziert. Ebenso gibt es nach wie
vor deutliche regionale (vor allem auch Stadt-Land) und geschlechtsspezifische Unterschiede in der
Art des Engagements.

Neue Motivationsmuster

3. Neben die traditionellen Motive „Pflichterfüllung“ und „Helfen“ treten zunehmend die Motive
„Gestaltungswille“ und „Selbstverwirklichung“ (vgl. Geislingen-Studie). Gesellschaftliches Engagement
wird nicht bloß im Sinne altruistischer Pflichterfüllung verstanden, sondern soll den persönlichen
Neigungen und Interessen entsprechen. Persönlicher Bezug und Autonomie im Handlungsfeld sind
wichtig. Vieles Spricht dafür, dass sich diese Tendenz weiter verstärken wird.

Neue Engagementformen

4. Tendenziell verlagert sich gerade in den jüngeren Jahrgängen von den klassischen
Bestätigungsformen in Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbänden zu neuen
Formen der Selbstorganisation in Bürgerinitiativen, Selbsthilfegruppen, Betroffenenorganisationen und
selbstorganisierten Projekten und anderen Netzwerken Gleichgesinnter.

Kennzeichen der neuen Engagementformen

5. Auslösendes Moment für dieses Engagement sind vielfach persönliche Betroffenheit oder erlebte
Mängel oder Missstände. Wesentliche Merkmale dieser neuen Engagementformen sind

a) die thematische Spezialisierung
b) der temporärer Charakter der Engagementverpflichtung
c) die überschaubare Gruppengröße

II. Schlüsselressource Sozialkapital

Schlüsselressource Sozialkapital


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6. Der amerikanische Sozialwissenschaftler Robert D. Putnam (“Making Democracy Work“, Princeton
1993) sieht im Sozialkapital eine Schlüsselressource für die Überlebensfähigkeit moderner
Gesellschaften. Das Sozialkapital einer Gesellschaft ist definiert durch die Fähigkeit und Bereitschaft
ihrer Mitglieder zur Zusammenarbeit.

Eigennutz und Gemeinwohl kein grundsätzlicher Widerspruch

7. Persönliche Nutzenmaximierung und gemeinschaftlicher Vorteil stehen keineswegs in einem
grundsätzlichen Widerspruch zueinander. Es gibt aber ohne Zweifel auch Situationen, in denen
zumindest kurzfristig die unmittelbare Verfolgung des persönlichen Nutzens und die Rücksichtnahme
auf die Interessen der Gemeinschaft oder die Bedürfnisse anderer in einem Zielkonflikt zueinander
stehen.

Vier Motive für gemeinschaftliches Handeln

8. Es gibt mindestens vier bedeutsame Motive dafür, dass Menschen sich in einer solchen Situation
gemeinschaftsorientiert verhalten: a) Liebe und Sympathie, b) Regeln und Normen, c) Ethische
Überzeugungen und Werte, d) Zweckmäßigkeit und Prinzip der Gegenseitigkeit.

a) Liebe und Sympathie

Liebe und Zuneigung können weder von oben verordnet noch gesellschaftlich geplant werden. Die
Zahl der Menschen, denen gegenüber wir intensive persönliche Gefühle entwickeln können, ist zudem
natürlich begrenzt. Den meisten anderen müssen wir, wie der Soziologe Georg Simmel es einmal
ausgedrückt hat, emotional „blasiert“ begegnen.

b) Regeln und Normen

Regeln, die von der Gesellschaft vorgegeben werden, reichen von direktem gesetzlichen Zwang
(Wehrpflicht usw.) bis zu Normen und Konventionen, an die sich zu halten ist, um negative Sanktionen
oder Isolierung zu vermeiden. Ganz abgesehen von elementaren ethnischen und
demokratietheoretischen Einwänden zeigt die historische Erfahrung, dass ein soziales system auf
Dauer nicht auf Zwangsmaßnahmen aufgebaut werden kann.

c) Ethische Überzeugungen und Werte

Zahllose Einstellungsuntersuchungen zeigen, dass quer durch alle Generationen und
Bevölkerungsgruppen in der Bundesrepublik der Vorrang des Gemeinwohls gegenüber
Einzelinteressen bejaht wird. Unstrittig ist aber auch, dass es für dei Tatenlosigkeit von Gedanken
einerseits und die Gedankenlosigkeit von taten andererseits in unserer Gesellschaft, vom sozialen bis
zum Umweltbereich, genügend Beispiele. Fast alle würden gerne gemeinschaftsorientiert handeln,
aber fast keine(r) will den Anfang machen.

d) Zweckmäßigkeit und Gegenseitigkeit

Damit ethische Überzeugungen und Werte verhaltensrelevant werden, muss ihre Befolgung sinnvoll
erscheinen. Es muss für die Beteiligten erkennbar sein, dass ihr Verhalten oder ihr Verzicht tatsächlich
zweckmäßig ist und positive Auswirkungen auf das Gesamtergebnis hat. Zumeist wird dies nur dann
der Fall sein, wenn möglichst alle anderen einen ähnlichen Beitrag leisten.

Vorteile kleiner, überschaubarer Gemeinschaften

9. Am einfachsten zu realisieren ist die Norm der Reziprozität, wie sie auch genannt wird, in einer
kleinen, überschaubaren, engen und stabilen Gemeinschaft, in der sich alle kennen und die Kontakte
auf wenige Personen beschränkt sind, die sich häufig begegnen. Jede(r) Beteiligte weiß um die
Wichtigkeit seines Beitrages für die Gemeinschaft; und jede Normverletzung wird für alle sichtbar.

„Temporäre Gesellschaft“


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10. Die Lebensbedingungen der Menschen in dem modernen westlichen Gesellschaften sind jedoch
bekanntlich durchweg ganz anderer Art. Wir haben es mit einem anhaltenden
Individualisierungsprozess zu tun, dem Herauslösen der Menschen aus überlieferten Bezügen und
der Entstehung multipler Identitäten. In seiner Folge leben die Menschen immer weniger in festen
Gemeinschaftsbeziehungen, sondern immer mehr in ganz unterschiedlichen zweckspezifischen
Umgebungen mit einer Vielzahl flüchtiger, situativer und wenigen intensiven und längerfristigen
Kontakten. Auch durch die Medien sind sie überlokal orientiert.

Gelegenheits- und Unterstützungsstrukturen

11. Damit Solidarität (=bedingter Altruismus) in einer solchen Gesellschaft entsteht, bedarf es
besonderer Gelegenheits- und Unterstützungsstrukturen. Putnams eigene empirische Studien, aber
auch klassische Arbeiten (z.B. Tocqueville) haben die große Bedeutung bestätigt; die für die
Entwicklung des Sozialkapitals gerade den zivilgesellschaftlichen Netzwerken zukommt.

III. Engagement fördern – aber wie?

Differenzierte Angebotsformen erforderlich

12. Die in der Gesellschaft vorhandene Bereitschaft zu bürgerschaftlichem Engagement ist bei weitem
noch nicht ausgeschöpft. Um sie zu aktivieren, sind vielfältige Angebotsformen notwendig, die den
unterschiedlichen Motivationsmustern gerecht werden, wozu gerade auch (zeitlich) abgestufte
Mitmachmöglichkeiten gehören.

Bewusster Umgang mit Freiwilligen

13. Freiwillige sind eine unschätzbar wertvolle Ressource einer Organisation. Sie müssen auch als
solche behandelt werden und haben ein Recht auf eine sinnvolle Aufgabenstellung, eine Struktur, die
das Lernen und Wachsen fördert, Einführung und Training, Anerkennung ihrer Leistung auch bei
kurzzeitigem Engagement, Möglichkeiten der Mitsprache.

Engagementfördernde Infrastruktur

14. Bürgerschaftliches Engagement braucht unbürokratische, aber kontinuierliche Unterstützung.
Dazu gehört eine bedarfsgerechte ausgebaute Infrastruktur des Helfens. Dies können zum Beispiel
Selbsthilfekontaktstellen und Freiwilligenbörsen sein, die Interessierte beraten, ihnen praktische
Hilfeleistungen geben und Kontakte vermitteln. Unkosten und Aufwand müssen im Bedarfsfall
unbürokratisch erstattet werden können.

Gemeinschaftsstiftungen

15. Zu einer engagementfördernden Infrastruktur können auch Spendenparlamente und
Gemeinschaftsstiftungen beitragen. Sie werden derzeit in unterschiedlicher Form realisiert. Noch
relativ unbekannt ist in Deutschland das amerikanische Modell der Matching Funds“.

Prinzip der Gegenseitigkeit (Do, ut des)

16. Besondere Bedeutung wird in Zukunft der Hilfe auf Gegenseitigkeit zukommen. In ihrer
unmittelbaren Form findet sie derzeit in Tauschringen und Wissensbörsen wachsenden Zuspruch.
Aber auch der Kontakt zu anderen Menschen, bereichernde Engagementerfahrungen sowie
Möglichkeiten zur persönlichen Qualifizierung und Statuserhöhung können wertvolle Anreize sein.

Prinzip der Mitverantwortlichkeit

17. Wer von Bürgerinnen und Bürgern verantwortliches Handeln erwartet, muss ihnen in allen
Bereichen auch Verantwortung und Entscheidungskompetenz übertragen. Mitverantwortlichkeit darf
nicht nur normativ vermittelt werden, sondern muss selbstverständlicher Bestandteil des Alltagslebens



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werden. Entsprechendes learning by doing kann nicht früh genug ansetzen (Fifty-Fifty-Schulen,
Kinder- und Jugendbeteiligung).

Aktivierende Bürger(innen)beteiligung

18. In den letzten Jahren sind eine Vielzahl neuer Methoden der aktivierenden
Bürger(innen)beteiligung entwickelt worden, denen gemeinsam ist, dass sie Bürger(innen)beteiligung
als kommunikativen Prozess verstehen und zumeist projektspezifisch ausgerichtet sind (z.B.
Zukunftswerkstatt, Open Space, Planing for Real, Zielgruppenworkshops, Kinder- und
Jugendparlamente, Planungszelle/Bürgergutachten. Erfolgreiche Modelle der
Bürger(innen)beteiligung zeichnen sich durch Ergebnisoffenheit, Aussicht auf Wirkung und klare
Zielsetzung aus. Dann sind Bürgerinnen und Bürger auch bereit, sich zu engagieren und Aufgaben zu
übernehmen.

Gesellschaftliche Zukunftsfrage: Neubewertung von Arbeit

19. Bürgerschaftliches Engagement ist nicht der billige Jakob des Wohlfahrtsstaates. Wer es auf die
Funktion der Entlastung öffentlicher Haushalte reduziert, verkennt seine besondere ideelle und soziale
Qualität. Gerade vor dem Hintergrund anhaltend hoher Arbeitslosigkeit müssen vielmehr neue Wege
zur besseren Vereinbarkeit von bisher unbezahlter Arbeit und bezahlter Erwerbstätigkeit gesucht
werden.

Literaturangabe:

Paritätischer Wohlfahrtsverband NRW / Stiftung MITARBEIT (Hrsg.): In guter Gesellschaft. Szenarien
aus Selbsthilfe und Bürgerengagement, Bonn 2001

(Dr. Adrian Reinert, Stiftung MITARBEIT, Bornheimer Str. 37, 53111 Bonn, Tel: (0228) 60424-0, Fax:
(0228) 60424-22, Internet: www. mitarbeit.de, E-Mail: info@mitarbeit.de




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                       Das politische Interview:
                         Mit Karin Kortmann
      MdB SPD/Mitglied der Enquete-Kommission „Zukunft des
                  bürgerschaftlichen Engagements“
   „Was versteht die Regierungspartei SPD unter Zivilgesellschaft?“
                    Interviewer: Geneviève Hesse
Frau Hesse: Ich hoffe sie werden nicht einschlafen, weil die Aufwärmübung ausgefallen ist. Ich freue
mich, dass ich Sie interviewen darf. Vielleicht erst einmal eine kleine Vorstellung von Frau Kortmann.
Sie sind seit 1982 Mitglied der SPD, habe ich gelesen. Sie haben sich hauptsächlich für Jugendliche
oder in der Jugendhilfe engagiert, sind Mutter von zwei Kindern und sind Obfrau in der
Enquetekommission. Ich habe nachgefragt und es heißt, sie sind Sprecherin der SPD in der
Enquetekommission „Zukunft des bürgerlichen Engagements“.

Zu meiner Person. Thomas sagte schon, ich bin freie Journalistin und Sozialwissenschaftlerin, seit 8
Jahren spezialisiert auf den dritten Sektor. Zum dritten Sektor gehört unter anderem die
Zivilgesellschaft. Meine erste Frage an sie, also ich habe mich vorbereitet und ich habe nachgedacht,
dass ich vor drei Jahren erfahren habe, d. h. 1998 habe ich eine Recherche gemacht den dritten
Sektor in Deutschland. Ich habe eine Recherche gemacht, welche politische Parteien interessieren
sich dafür und ich bin zu dem Schluß gekommen, dass hauptsächlich die CDU und Bündnis 90/die
Grünen sich dafür interessieren, also eine Meinung und Projekte unterstützt haben. Das war vor drei
Jahren. Jetzt haben wir 2001, es gibt eine Enquetekommission, es gibt viele Reden von Gerhard
Schröder über den Weg der Zivilgesellschaft und der Unternehmen in letzter Zeit. Dann habe ich mich
gefragt, wie kommt es, dass die SPD plötzlich - oder vielleicht nicht plötzlich - diese Liebe zu der
Zivilgesellschaft entdeckt hat? Also was ist da geschehen in den drei Jahren? Das ist meine erste
Frage.




Frau Kortmann: Ich sage erst einmal guten Tag und stelle mich mal ein kleines Bisschen vor und
komme dann zu ihrer Frage. Ich selber komme aus der verbandlichen Jugendarbeit und war sehr
lange Vorsitzende und danach 6 ½ Jahre Bundesvorsitzende der deutschen katholischen Jugend.
Das war eine hauptamtliche Stelle, weil der Verband aus 16 Mitgliedsorganisationen besteht und
etwas über 500.000 beitragszahlende Mitglieder hat, also nicht nur getaufte, sondern
beitragszahlende Mitglieder. Seit 1982 bin ich in der SPD und als es vor der letzten Bundestagswahl
darum ging, wer für die SPD auch aufgestellt wird, kamen dann Franz Müntefering und Johannes Rau
auf mich zu und fragten mich, ob ich Interesse hätte, für die SPD im Bundestag zu kandidieren. Das
war in Nordrhein-Westfalen, ich bin Düsseldorferin.

Es war für mich eine relativ überraschende Frage. Ich habe zwar in der Jugendpolitik
Interessenvertretungsarbeit gemacht und aus meiner Mitgliedschaft in der SPD auch nie einen Hehl,
weil sich das für mich nie ausschloß und auch die Arbeit einer Partei bürgerschaftliches Engagement
ist. Auch wenn die Parteien da eher etwas vorsichtiger sind, ihre eigene Arbeit so zu definieren, ein
Fehler, wie ich meine, aber es war zumindest nicht nur eine Anerkennung, diese Frage von Johannes
Rau und Müntefering für mich als Person, als Karin Kortmann, sondern es war auch eine
Anerkennung für die Tätigkeit, die ich innerhalb der BDKJ gemacht habe. Ich sagte, aha, wir gucken
schon sehr genau als SPD, was sich tut im Bereich der Vereine und Verbände. Und da ist uns
natürlich eine Frau aufgefallen, die mit ihren verbandlichen Arbeit in unsere SPD hineinpassen würde,
was die Arbeit einer Bundestagsabgeordneten angeht, und dass ich vom Fraktionsvorstand dann
auch noch einmal als Sprecherin nominiert worden bin, dass ist Anerkennung genug.

Was man auch deutlich machen kann: Die SPD hat und hatte Interesse, diese Arbeit vorzutragen. Wir
wissen natürlich auch: 16 Jahre Oppositionszeit, da hat man als Koalition wenig Chancen, sich zu
platzieren, aber die SPD hatte dann 1998 nach der Bundestagswahl gesagt, und wir wollen die
Einrichtung dieser Enquetekommissionen. Das zu tun ist unser Job. Weil nämlich auch die CDU dann
einen Fehler gemacht hat, auch, wenn man ihr etwas mehr zugeschrieben hat. Sie ist ja
stehengeblieben in der verbandlichen ehrenamtlichen Tradition und hat diese gesellschaftliche,
politische Bandbreite, die wir mit dem Begriff Zivilgesellschaft umschreiben, nicht gesehen und

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deswegen glaube ich, dass es vielleicht ein Fehler der SPD war, nicht genug Öffentlichkeitsarbeit für
diesen Ansatz zu machen. Dies hat sie aber 1998 nach der Bundestagswahl um so reger gemacht,
sowohl mit der Einrichtung der Enquetekommissionen, als auch dadurch, dass Schröder als
Bundeskanzler sich an prominenter Stelle dafür ausgesprochen hat.

Wir haben eine ganze Menge erreicht mittlerweile, also nicht nur an Gesetzesinitiativen und
Beschlüssen, sondern auch mit der gesamten Debatte über modernes Regieren, modernes
Verwalten, die im Innenministerium angesiedelt ist. Das zeigt ja, dass die Stärken der Zivilgesellschaft
nicht nur Eindimensional und im zuständigen Ministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend
verhaftet sind, sondern das es eine Querschnittsaufgabe der gesamten Regierungstätigkeit sein muss
auch kein Fachbereich auszuschließen ist. Ich bin damit bisher eigentlich ganz zufrieden.

Frau Hesse: Also der gesellschaftspolitische Ansatz wurde vernachlässigt, ebenso wie die
Öffentlichkeitsarbeit in dieser Gesellschaft und das wird jetzt seit drei Jahren u.a. in der
Enquetekommission nachgeholt. Aber warum - vielleicht von ihrer Biographie her - hatten sie
Interesse dafür und warum ist es auf fruchtbarem Boden gelandet? Wurde vielleicht eine Tradition von
der SPD damit aufgeweckt? Die Tradition der CDU was die Zivilgesellschaft betrifft, ist eher so
christliche Nächstenliebe, allgemein ausgedrückt. Bei den Grünen ist mir aufgefallen, dass das Thema
Freiheit mit einem Hauch Anarchismus manchmal versetzt ist, aber bei der SPD - was ist die Tradition
der Zivilgesellschaft?

Frau Kortmann: Also ich glaube grundsätzlich hat man hier einfach die Erkenntnis: Alleine die Politik
und der Marktwert ist nicht wichtig. Wenn wir ein demokratisches Gemeinwesen haben wollen, ist es
unerläßlich, auf diesen Akt der Zivilgesellschaft - den Demokratie fördernden Anteil der
Zivilgesellschaft - zu verzichten und das war vor 10 Jahren vielleicht auch bei der SPD nicht so, dann
das sind Erkenntnisse, die sich ja wirklich erst in den letzten Jahren entwickelt haben. Spätestens seit
1989 wissen wir, dass ohne die Zivilgesellschaft in dieser Republik nichts mehr machbar ist. Hinzu
kommt die gesamte Aufarbeitung der 68ger bzw. die Fragestellung, die damit zusammenhängt, die wir
auch im Parlament, aber vom falschen Ansatz her aufgezäumt haben: Was hat die 68-iger Bewegung
gebracht, das ist ja im Grunde eine verspätete Anerkennung dessen, was sich in dieser Gesellschaft
auch durch diese 68-iger Generation an Bewegungsforschung entwickelt und dazu beigetragen hat,
das selbstverständlich auch diese Enquetekommissionen eingerichtet werden konnte.

Also wir hatten eine fürchterliche Zeitverzögerung bei zum Teil 30 Jahre alte Latte die hinterherhinkt
um überhaupt in diesen Genuß zu kommen und wenn heute ein Bundeskanzler hingehen muss, um
die Zivilgesellschaft zu motivieren, zu fördern und anzuerkennen, ist auch das eigentlich nicht der
positive Anteil, sondern dann müßte man rein theoretisch feststellen, es ist eigentlich ganz
selbstverständlich das die Zivilgesellschaft eines dieser Standbeine ist. Deswegen sagen die
Enquetekommissionen und auch wir hier als SPD-Leute: Wir brauchen beides und dieser
unterstützende Staat, der auch lernend ist, er ist nicht mehr der Vaterstaat, sondern muss der
Partnerstaat werden. Wir brauchen die wettbewerbsfähige Wirtschaft und wir brauchen diese
Demokratie, diese Demokratie von der Zivilgesellschaft, ohne die geht es nicht. Es ist nicht nur eine
Frage einer Ehrenamtlichkeitsförderung, sondern der Blickwinkel muss ja weiter gehen. Ehrenamt ist
ein ganz wichtiger Baustein, den wir stärken, den wir fördern und den wir weiter unterstützen, aber wir
müssen den gesamten Bereich der Initiative und der Bewegungen natürlich genauso politisch fördern
und wir müssen auch gucken, wo sind die politischen Anteile des bürgerschaftlichen Engagements
wie es in der Zivilgesellschaft da ist.

Ich mache das auch noch einmal mit einem Beispiel fest, wenn sie gestatten. Da gibt es Donnerstag
Morgen 9:00 Uhr eine Debatte über die Reform des Betriebsverfassungsgesetzes, wir haben Clinch
mit den Unternehmen, die jetzt in den finanziellen Ruin getrieben werden, weil sie vielleicht andere
Personen für den Betriebsrat freistellen müssen als vorher und es guckt kaum noch einer in den § 37,
in dem es heißt, die Arbeit im Betriebsrat ist ehrenamtlich. Auch das ist betriebliches ehrenamtliches
Engagement und dafür wollen wir Unternehmen gewinnen. Wir wollen deutlich machen: Es ist in
Gewerkschaften und in Parteien zu fördern, es ist in Betrieben zu fördern, es ist in sozialen
Netzwerken zu fördern, es ist in der Nachbarschaftshilfe da, es ist in Freiwilligen-Agenturen zu
unterstützen.

Wir machen eine große Bandbreite auf und auch in der SPD sagt nicht jeder, alles ist richtig und das
ist in Ordnung, sondern es hängt natürlich immer wieder von der Frage ab: Ist mir die Organisation


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geheuer, die den Förderungsantrag stellt, will ich die auch politisch und was fördere ich da überhaupt.
Das klassische System von Vereinen und Verbänden hat seine Berechtigung und muss sie auch
haben. Ich spreche da nicht vom alten Ehrenamt, sondern da sind ganz viele moderne Ansätze da,
aber es haben sich ganz neue Strukturen entwickelt und das ist gut so. Das ist auch bereichernder
und deswegen müssen wir vielmehr darauf schauen, was es noch gibt. Da haben wir zwei Lücken, die
wir auf jeden Fall schließen wollen. Das ist vor allem die Frage, was hat sich 1989 im
zivilgesellschaftlichen Bereich der ehemaligen DDR getan, was hat sich in den neuen Bundesländern
entwickelt, was ist aus der staatlich verordneten Solidarität und der privaten Nachbarschaftshilfe
geworden? Wir wissen, wie schwer es Verbände und Vereine hatten, 1990 da Fuß zu fassen und wir
wollen wissen, was tut sich jetzt bei der Zivilgesellschaft und bei unseren ausländischen Mitbürgern,
Mitbürgerinnen und freien Immigranten und Immigranten? Da haben wir einfach noch vieles, was wir
noch nicht erfaßt worden ist.




Frau Hesse: Frau Kortmann, Sie haben das Thema Arbeit aufgegriffen, das die Arbeit in
Betriebsräten ehrenamtlich ist. Wenn man einen Blick auf die Situation von diesem dritten Sektor in
Europa wirft, sieht man z. B. in Frankreich ein Staatssekretariat zur solidarischen Ökonomie, verankert
im Arbeitsministerium. Dieses Staatssekretariat kümmert sich um den dritten Sektor, um Vereine und
Initiativen. In Großbritannien und Schweden ist dieses Verständnis vom dritten Sektor, von dieser
Zivilbürgerschaft eng verbunden mit der Frage, schafft der dritte Sektor, das System der
Zivilgesellschaft, Arbeitsplätze. Es ist mir aufgefallen das dies in Deutschland nicht der Fall ist und der
dritte Sektor sich in der Richtung freiwillige Arbeit, bürgerliches Engagement entwickelt hat. Man ist
jedoch dabei geblieben, man redet sehr wenig über die Schaffung von Arbeitsplätzen oder diese
Themenfelder bleibt getrennt. Die Freiwilligen-Agenturen möchten sehr gerne die Freiwilligen-Arbeit
von bezahlter Arbeit trennen und ich frage mich, hätte die SPD ein Interesse daran, diese Thematik
der Schaffung von Arbeitsplätzen zu aktivieren? In anderen Länder wie z.B. Holland, macht man das
sehr gerne, freiwillige Arbeit als Integration in den ersten Arbeitsmarkt oder Schaffung von
Arbeitsplätzen. Warum hat sich in Deutschland der dritte Sektor nur in der Richtung der Freiwilligen-
Arbeit entwickelt, nicht in der Richtung Schaffung von Arbeitsplätzen? Sind Deutsche sozusagen
"realistischer" oder wollen sie realistischer bleiben? Oder hat die SPD vielleicht - eine Zusatzfrage- in
ihrer Tradition in Verbindung zur Arbeitswelt ein Interesse, den dritten Sektor in Richtung bezahlter
Arbeit zu entwickeln?

Frau Kortmann: Ich mache es noch einmal an ein paar Beispielen fest und komme dann zu der
Schlußfolgerung. Also ich glaube es ist gut, dass wir eine saubere Trennung haben zwischen dem,
was ist Erwerbarbeit und was Freiwilliges Engagement ist, um das nicht miteinander zu vermischen.
Wir haben diese Frage ja auch bei der Anerkennung von Rentenahnwartszeiten für
bürgerschaftliches, freiwilliges Engagement oder ehrenamtlichen Tätigkeiten. Sobald wir
Rentenahnwartszeiten zulassen, wie es gerade viele Frauenorganisationen fordern, dann wird es ein
muss, dann steht eine Verbindlichkeit dahinter, dann muss man nachweisen, was man getan hat. Der
freiwillige Aspekt geht verloren. Das Zweite ist, man kann es natürlich gerne machen, aber dann
müssen natürlich auch die Einrichtungen, die Freiwillige bei sich beschäftigen, auch in die Sozialkasse
einzahlen und wo nichts ist, kann auch nichts ausgezahlt werden. Wir würden ein System, was sich
bisher in der Freiwilligkeit bewährt hat, zerstören. Mit einer, wie ich denke, kurzfristigen Denkensweise
schaffen wir Arbeitsplätze.

Die zweite Sichtweise ist: Immer mehr Jugendorganisationen gehen dazu über, auch mit Zustimmung
einzelner Landesregierungen freiwillige Tätigkeiten auch in den Anhang des Zeugnisses zu packen
und damit jungen Leuten mehr Möglichkeiten zu geben, wenn sie sich auf dem Arbeitsmarkt für eine
Ausbildungsstelle oder für den Arbeitsplatz bewerben. Damit habe ich auch Schwierigkeiten, weil ich
mich frage, warum man das an das Zeugnis anhängen muss, das sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Wenn man nachweisen will, das man eine ganze Menge an sozialen Kompetenzen, an Teamarbeit,
an Personalverantwortlichkeit, an Finanzverantwortung, an Verantwortung für andere mitbringt, dann
kann der Verband das tun, ohne dass man das im Zeugnis anhängen muss. Also an diesen beiden
Beispielen merken sie: Ich will eine absolute, strikte Trennung dieser beiden Bereiche.

Die dritte aktuelle Frage die wir haben: Wie entwickeln sich die freiwilligen Dienste weiter? Nicht nur
bei der Frage des freiwilligen sozialen, freiwilligen ökologischen Engagements, auch bei der Frage des
europäischen freiwilligen Dienstes und des internationalen freiwilligen Dienstes innerhalb der


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Bundesregierung gibt es eine Vorstellung, in diese Richtung zu gehen. Wir schaffen sozusagen eine
neue Anerkennungskultur auch für diejenigen, die Zivildienstleistende sind. Die können da gerne ein
freiwilliges soziales Jahr machen und kriegen das dann anerkannt als Zivildienstzeit. Ich habe gestern
mit den Vertretern und Vertreterinnen der Wohlfahrtsverbände zusammengesessen und habe gesagt,
bei mir wird es das nicht geben. Da muss wieder eine saubere Trennung geben zwischen dem
Pflichtdienst, den junge Männer in unserem Lande ableisten müssen und dem, was sich im freiwilligen
sozialen Jahr, einem ökologischen Jahr, einer jugendpolitischen soziale Maßnahme einige Jahrzehnte
entwickelt hat. Da können wir nicht die Vermischung machen. Wenn wir diese Schnittstelle zu der
Frage was ist Bürgerarbeit, was wird anerkannt als Erwerbsarbeit, öffnen, gehen wir in die Richtung
Ullrich Beck und da sagen wir ganz klar nein zu, das wollen wir nicht und da gibt es von Seiten der
SPD keine Bestrebung zu.

Es muss ordentliche Zeugnisse, Nachweise geben, für diejenigen, die sich ehrenamtlich,
bürgerschaftlich engagieren. Da sind die Vereine, die Verbände, die Organisationen verpflichtet, nicht
nur irgendwie einen Beleg auszustellen. Die Personen, die sich da engagieren, haben genauso wie
hauptberuflich Tätige ein Recht darauf, ein ordentliches Zeugnis zu bekommen, in dem die
Tätigkeitsfelder beschrieben werden, und womit man auch etwas anfangen kann. Wir wollen natürlich
auch auf der anderen Seite die Unternehmer und Unternehmerinnen dazu motivieren, sich das
Zeugnis mal genau anzuschauen und ihnen klar zu machen: Damit kriegt ihr Personen mit
Qualifikationen sozusagen zum Nulltarif, wo ihr ansonsten eure Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen
für sehr viel Geld in den Bereich Fort- und Weiterbildung stecken müßt. Schaut euch mal diese Leute
an, die bringen mehr mit als nur eine klassische Qualifizierung in einem Beruf, sondern sie haben sich
darüber hinaus in einem Feld engagiert, das ganz ganz wichtig ist. Also insofern gibt es Schnittstellen,
aber es gibt trotzdem eine saubere Trennung.

Frau Hesse: Bei den Schnittstellen kann es doch auch manchmal ganz enge Verknüpfungen geben.
Es ist auch manchmal die Frage, ob viele Jugendliche sich nicht verpflichtet fühlen, dannein Ehrenamt
auszuüben, also das die Motivation ganz eine andere sein kann, wenn es ein muss wird.

Frau Kortmann: Aber es heißt auf jeden Fall, wir wollen keinen Pflichtdienst. Wir werden keinen
Pflichtdienst in Deutschland einführen, weil das kontraproduktiv ist. Ich persönliche sage deswegen
auch: Wenn wir wollen, dass Zivildienstleistende interessantere Tätigkeitsfelder kriegen, laßt uns
überprüfen, wo sind denn die Zivildienstleistenden eingesetzt, laßt uns doch endlich mal den
politischen Bereich öffnen, dass wir nicht nur in den sozialpflegerischen Bereich gehen, sondern eine
Anerkennung für diesen Staat kann man auch machen, wenn man in einer Weltorganisation tätig ist,
wenn man in Bürgerinitiativen mitarbeiten kann während des Zivildienstes, also dass uns die
Tätigkeitsfelder ausfüllen, wo im Moment noch Möglichkeiten da sind und das Ziel muss auch heißen,
Abstand von der allgemeinen Wehrpflicht und dann dementiere ich doch den Pflichtdienst von jungen
Menschen, sondern sage, bitte seit auf der Hut, Abschaffung der Wehrpflicht heißt eigentlich die
Zielsetzung.

Frau Hesse: Dann lassen wir erst einmal die Erwerbsarbeit beiseite, also die Welt der Erwerbsarbeit
und kommen wir nun zu der Zivilgesellschaft zurück und könnten sie uns da ganz konkret sagen, wie
die SPD vorhat, die Zivilgesellschaft zu stärken? Das ist unser Thema, wie kann sie gestärkt werden
und was hat die SPD konkret vor, dass die Bürger sich mehr beteiligen können bei Planungsverfahren
im Kietz, aber auch auf regionaler Ebene und auf Bundesebene vielleicht für die Formen des
Volksentscheids. Ganz konkret, was hat die SPD vor, damit die Bürger mehr Macht bekommen? Man
hat gesehen, das kann sehr unbequem sein oder ärgerlich, wenn jetzt die Love-Parade ist ja gestoppt,
durch eine Bürgerprojekte oder einige Vereine, das haben sie bestimmt mitgekriegt in den Medien,
also das ist jetzt ein aktuelles Beispiel, aber das bürgerschaftliche Engagement, die den Staat
manchmal ärgert, aber was ist die SPD bereit zu tun, damit die Bürger mehr Mitspracherecht haben,
ganz konkret was könnte man verändern, was könnte man verbessern?

Frau Kortmann: Das Dilemma und auch das Positive bei der Demokratie ist ja, dass man sich mit
Mehrheitsverhältnissen abgeben muss, auch wenn auch uns das Ergebnis auch nicht immer gefällt.
Das ist auch bei der Beratung der Fall, also insofern sind wir im Moment ganz konkret in der SPD über
der Frage Volksbefragung, Volksentscheid am debattieren, welche Möglichkeiten von Elementen
können wir zulassen, nicht um die parlamentarische Demokratie oder die Rolle der Parteien zu
schmälern, sondern um sie zu ergänzen. Wir wissen ganz genau, wir haben in der SPD 57.000
Mitglieder. Wir haben etwas mehr als die Union, aber wir wissen, dass die zahlenmäßige
Mitgliedschaft auch in Parteien niedriger werden wird und daher ist es glaube ich, ist es ein

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demokratisches Gebot einfach zu sagen, wir müssen andere Beteiligungsformen, die sich mittlerweile
auch etabliert haben, auch gewünscht werden, anerkannt werden und wo wir auch wissen, es gibt
diese Beteiligungsformen schon, die müssen wir aber begreifen und die müssen wir auch in der
Enquetekommission zur Debatte stellen bzw. auch im Parlament absegnen, also ganz konkret geht es
um die Volksbefragung und wir wollen das bei uns. Wir gucken, welche Möglichkeiten wollen wir
eröffnen, für welche Themenbereiche ist es sinnvoll, welche Themenbereiche schließen wir aus,
welche Quorum ist notwendig, damit es auch Bestand hat und ich mache das gleich noch einmal an
einem Beispiel fest.

Wir haben bereits in Nordrhein-Westfalen auf Länderebene bereits die Möglichkeit der
Bürgerbefragung, des Bürgerentscheides, das ist in der Verfassung festgelegt, aber es geht
überhaupt nicht darum, dass das Instrument dann ausgestaltet wird. Deswegen sitzen wir in
Düsseldorf im Moment in der Kommune an einem Punkt. Die CDU-Regierung wollte die Stadtwerke
verkaufen und es hat sich eine Bürgerbewegung dagegen organisiert, die haben die notwendige
Stimmenmehrheit von 60.000 Mitgliedern per Unterschriften auf den Straßen zusammen bekommen,
damit es zu einem Bürgerentscheid kommen kann und dann obliegt es im Moment noch den
jeweiligen Räten, wie sie dann entscheiden und der Bürgermeister in Düsseldorf hat dann
entschieden, er läßt zwar die Möglichkeit zu, dass wir darüber abstimmen können an einem Sonntag,
in einer reduzierten Anzahl von Wahllokalen, aber er läßt z. B. keine Briefwahl zu und da zeigt sich
genau die Lücke die es gibt für die Gesetzgebungen. Es gibt zwar einen Bürgerentscheid, aber für
diejenigen, die ans Haus gefesselt sind oder die krank sind, die zu der Zeit in Urlaub sind, werden im
Grunde des demokratischen Bürgerrechts geschnitten, weil sie ihre Stimme nicht abgeben können
und an dieser Stelle müßte sich einfach zeigen, die Politik hat einen ungeheuren Bedarf oder muss
diesem Bedarf nachkommen, das auch zu beschreiben. Es kann doch nicht ein Mehrheitsverhältnis
einer Zusammensetzung des Stadtrates obliegen, ob es Briefwahl machen darf oder nicht.

Diese elementaren Bürgerrechte müssen verankert werden, da müssen wir gucken und diese
Mehrheit für andere Formen auch absichern. Ich sage allerdings auch noch einen Satz dazu. Es gibt
auch bei uns in der SPD andere Stimmen, die sagen warum. Wir haben doch Parteien, die Parteien
sind doch gewählt, da haben wir Volksvertreter und Volksvertreterinnen und ich glaube wir müssen
einfach auch an dieser Stelle mit Beispielen deutlich machen, so etwas bewährt sich, dass man auch
die Menschen auch zu aktuellen Fragen abstimmen läßt, wie sie es sehen. Es kann natürlich auch
immer eine schwierige Situation werden, z. B. jetzt bei der EU-Osterweiterung. Ich weiß nicht wie es
ausgehen würde, wenn wir da auch die Bundesbürger und Bundesbürgerinnen entscheiden ließen, ob
es nicht auch in unserem Sinne kontraproduktiv wäre, dass die hier sagen, wir schottern uns ab, also
bloß nicht noch mehr in der EU.

Also von daher muss man sehr politisch genau abwägen, wann ist es richtig und wann ist es nicht
richtig oder die Frage über die wirtschaftlichen und sozialen und kulturellen Rechte die EU und
Rechtskarte verabschiedet worden ist, ein Meilenstein im Grunde für ein Grundgesetz auf
europäischer Ebene. Wie wäre es ausgegangen, wenn alle EU-Bürger darüber abgestimmt hätten?
Also das setzt voraus, dass alle Bürger und Bürgerinnen die zur Entscheidung gebeten werden auch
die Möglichkeit haben, alle Informationen zu bekommen und das ist ein anderer Politikansatz, wenn
ich das mache und sage o.k. ich komme meiner Informationspflicht nach, ich setze alle in die Lage,
darüber abstimmen zu können, wird Politik sich verändern und das ist auch gut so, weil die
allerwenigsten wissen, was haben wir in dieser Woche im Bundestag entschieden, weil es obliegt den
Medien mehr, was interessant ist herüberzubringen und was nicht und dann muss die Politik einen
völlig anderen Ansatz fahren. Es geht nicht um die Beteiligungsform, sondern auch um die politische
Bildung und es ist ein längerfristiger Prozess.

Frau Hesse: Ich werde ihnen noch eine Frage stellen, bevor ich dann die Fragen für das Publikum
eröffne. Und zwar um die Zivilbürgerschaft zu stärken, welche Rolle würden sie Freiwilligen-Agenturen
geben? Also in seiner Rede hat Herr Schröder erwähnt, wie wichtig es wäre, dieses bürgerliche
Engagement zu stärken, dass es bessere Informationen für Bürger gibt über die
Engagementmöglichkeiten. Was machen freiwillige Agenturen in Deutschland, was halten sie von
freiwilligen Agenturen? Ist das eine gute Sache und meinen sie, ist es notwendig, dass diese finanziert
werden? Also d. h., dass es bezahlte Leute gibt in dieser bürgerschaftlichen Szene, in der freiwilligen
Szene, denn das ist notwendig, dass eine Freiwilligen-Agentur sich prägt. Welche Rolle sehen sie für
Freiwilligen-Agentur?



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Frau Kortmann: Es sage es nicht nur so, aber es hängt einerseits davon ab, wie sie auf der
jeweiligen kommunalen Landesebene auch verordnet sind, also ob sie getragen von den Vereinen,
Verbänden, Netzwerkorganisationen vor Ort, also wenn die Organisationen sagen, dass wollen wir,
weil die Freiwilligen-Agenturen für uns auch gute Dienstleistungen erbringen, die wir selber nicht mehr
erbringen können und dazu gehört ganz ganz wichtig, die Öffentlichkeitsarbeit, weil die meisten
machen das ehrenamtlich und wir wissen, man braucht an vielen Stellen einfach professionelle
Begleitung oder hauptberufliche, hauptamtliche Begleitung um das auch rüberzubringen, also ich
würde für mich in der Frage, finde ich Freiwilligen-Agenturen gut, sage ich, wenn sie
Öffentlichkeitsarbeit machen, um auch rüberzubringen, was tut sich im Bereich des bürgerschaftlichen
Engagements und im Bereich der zivilgesellschaftlichen Akteure, wenn sie in die Lage versetzt
werden auch in der Finanzakquisition zu sorgen, wenn sie damit sozusagen Dienstleistungen für
Vereine und Verbände erbringen, wenn sie dafür sorgen, dass auch gemeinsame Grundsatzfindungen
zwischen Verbänden und Selbsthilfeorganisationen zum gesamten Netzwerk ermöglicht wird,
sozusagen, wenn sie Angelpunkt werden, dass man auch Zusammenarbeit will und fördert, wenn sie
Anliegen der Interessenvertretungsarbeit auch delegiert bekommen, ist das alles dieser Mehrwert, den
Vereine und Verbände nicht selber haben können und wo die Freiwilligen-Agenturen hervorragend
sind und wenn sie es dann auch schaffen, was ja im Grunde auch ihr Job ist, zu sagen, wir sind eine
Anlaufstelle für diejenigen, die sich gerne engagieren würden, aber nicht wissen wo, und wir bieten
kompetente Beratung an, unterstützen sowohl die Verbände neue Mitglieder, neue Helfer und
Helferinnen zu bekommen und sorgen dafür auch, dass sich Menschen engagieren.

Das ist ein Riesen-Plus, das man von der politischen Ebene nur unterstützen muss, aber die
Entscheidung ist, es muss getragen werden von regionalen Vereinen und Verbänden vor Ort, sonst ist
die Grundlage weg. Das ist aber auch glaube ich eine Definition der Freiwilligen-Agenturen drin. Wir
gucken uns die Freiwilligen-Agenturen in der Enquetekommission ganz besonders an und haben
gesagt, wir führen eine eigene Handlung mit ihnen durch, weil die Gefahr ist natürlich, was die Politik
auch macht, sie unterstützt sie im Moment und gibt Projektfördermittel für drei, vier, fünf Jahre zu der
Maßgabe, ist was Neues entstanden, was Neues ist immer gut und das unterstützen wir jetzt mal und
dann läuft diese Förderung aus und es bricht ein System zusammen, was sich bewährt oder nicht
bewährt hat und unser Job in der Enquetekommission geht vor allen daran, zu gucken, was sind denn
die spezifischen Ansätze die Freiwilligen-Agenturen leisten können und welche Rahmenbedingungen
brauchen sie auch von Politik, damit sie ihrem Auftrag nachkommen können und wir wissen, kein
Verein und kein Verband kann sich finanziell selber tragen, sondern auch da gibt es finanzielle
Unterstützung von kommunalen Landesebenen und der Bundesebene und ähnlich denke ich das
auch für die Arbeit der Freiwilligen-Agenturen und sie brauchen finanzielle Unterstützung, damit das
funktionieren kann.

Sie können sich das selber finanzieren, das ist gar nicht machbar, also diesen Grundsatz verfolge ich
nicht, wir gucken uns das hier genau an und wenn ich Carola Schaaf-Derichs vor mir sitzen habe,
dann weiß ich, was der Treffpunkt-Hilfsbereitschaft hier in Berlin leistet, da war ich im August einen
halben Tag zu Gast. Wir wissen auch sehr zu schätzen, was die Bundeseinrichtung (Bagfa) für eine
Aufgabe hat. Wir wissen, in der SPD den besonderen Wert, den diese Einrichtung hat und hoffen,
dass wir ihn auch so fördern können, wie es auch angemessen ist.

Frau Hesse: Das war eine klare Antwort und jetzt haben wir noch eine viertel Stunde und wenn sie
Fragen haben, sind sie jetzt dran.

Frau Barbara Weigl: Mein Name ist Barbara Weigl, ich bin von einer Freiwilligen-Agentur in Berlin
und ich möchte gleich an dem Thema anschließen, was wir jetzt behandelt haben, Finanzierung.
Konkret die Frage, halten sie es denn für möglich, dass eine kontinuierliche Finanzierung für egal, jetzt
nicht nur für Freiwilligen-Agenturen, sondern für Projekte oder Initiativen, die bürgerschaftliches
Engagement fördern, auch längerfristig gesichert werden kann? Das es also mit den Vorschlägen, die
sie in der Kommission entwickeln, auch darum geht, dass ganz klar jetzt in den Haushalten Gelder
bereitgestellt werden und das wirklich mit einer längerfristigen Perspektive ausstatten können und die
zweite Frage dahingehend, welche Umschichtungen sind denn ihrer Meinung nach da möglich oder
nötig? Weil ich denke, dass Geld wird ja nicht mehr, sondern es wird ja eher weniger, d. h. es muss
aus anderen Töpfen in den Topf rein und es würde mich mal interessieren, was sich die SPD darüber
für Gedanken macht?

Frau Kortmann: Ich habe versucht damit die Brücke zu bauen, im Grunde entscheiden die
Finanzminister letztendlich, was möglich ist und was nicht, aber ich glaube, wir wären in einer

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Einbahnstraße, wenn wir sagen würden, wir gucken wirklich anderes, sprich der Topf für die
Unterstützung und Förderung der Vereine und Verbände da ist. Ich glaube, wenn wir mit der
Enquetekommission, mit unserem Bericht fertig sind, der im März/April nächsten Jahres auch im
Bundestag andebattiert werden soll, dann glaube ich, kann man heute schon sagen, eine Empfehlung
wird es sein, dieses breite Engagementfeld, das sich in den letzten zehn Jahren entwickelt hat, auch
viel stärker finanziell absichern zu müssen. Es geht nicht anders. Wir wissen aber auch, wenn wir
sagen, der Topf wird der gleiche bleiben, gibt es ein Hauen und Stechen zwischen denjenigen, die seit
vielen, vielen Jahren in diesen Förderungsmechanismen drin sind, die sagen, warum sollen wir etwas
abgeben und die anderen etwas bekommen?

Und ähnlich verhält es sich auch von Neuwerkstrukturen, die abzusichern und damit auch die
Freiwilligen-Agenturen. Jeder Verband, der sagen würde, wir wollen diese Freiwilligen-Agenturen
weiterhin, wird nein sagen, wenn es darum geht, er muss aber einen Beitrag dafür abgeben, damit es
gefördert wird. Ich meine, da machen wir uns überhaupt nichts vor, deswegen sage ich auch, wir
brauchen eine eigene Förderungsstruktur. Alles andere wäre nicht mehr tragbar. Wie das gelingen
kann, da fragen sie mich natürlich auch ein bisschen viel, es kann nicht ohne Umschichtung im
Haushalt gehen, ohne nur einen größeren, höheren Haushaltsansatz gehen, weil wir uns ansonsten
aus der Solidarität der Vereine und Verbände verabschieden würden. Ich glaube, dass wäre das
schlimmste Ergebnis, wenn es hier im internationalen freiwilligen Jahr darum ginge, zu sagen, wir
kündigen uns die Solidarität untereinander auf und deswegen mussten wir ja, die Solidarität, zur
Verfügung stehen. Das ist erwiesenermaßen so und deswegen setzen wir in der SPD ja unter
anderem auch auf das Stiftungsrecht, auf die Möglichkeit, Stiftungen zu gründen, auch seitens der
Bundesregierung. Wir werden in den nächsten zehn Jahren die größte Erbengemeinschaft haben, die
es jemals in der Bundesrepublik Deutschland gab. Wir haben Erbenmillionäre, die sicherlich auch
gucken werden, wenn wir unser Geld gewinnbringend für gemeinnützige Aufgaben zur Verfügung
stellen, deswegen gibt es Stiftungsinitiativen. Das ist ein guter Ansatz, der macht sich bewährt, da
werden wir auch weiter drauf setzen, aber es heißt gleichzeitig auch, einen höheren Haushaltsansatz
zu wahren.

Frau Hesse: Eine Idee zur Finanzierung, die ich gerne auch verteidige, ist so eine Art
Gemeinlohnsteuer geworden. Auf den Finanzmärkten warum nicht, aber das ist eine ganz andere
Frage. Es gab auch noch eine Frage!

Frau Beckmann: Ich bin vom sozialen Bildungsverein Berlin. Die Aufgaben der
Enquetekommissionen würde ich gerne einmal von Ihnen umrissen haben.

Frau Kortmann: Ich sage jetzt einmal grundsätzlich etwas zu der Enquetekommission. Wir reden da
so schnell drüber und es ist nicht immer so ganz klar. Enquetekommissionen werden mit der Mehrheit
des Bundestages immer dann eingesetzt, wenn man sagt, welche Fragestellung die eigentlich nicht
immer nur über Gesetzesvorhaben oder einen Beschluß im Bundestag zu erreichen ist, sondern die
eher einer grundsätzlichen Erörterung bedarf, also weil einfach mehr dabei ist, als nur zu sagen, wir
wollen eine Ehrenamts- oder Freiwilligenförderung, sondern was heißt das denn jetzt konkret und
deswegen haben wir den Auftrag in der Enquetekommission bekommen, einerseits eine
Bestandsaufnahme vorzunehmen, was fällt eigentlich alles unter bürgerschaftliches Engagement, also
diese Breitenwirkung auch deutlich zu machen, diese veränderten Mitmachmöglichkeiten bei uns zu
benennen auch zu sagen, welche Menschen erreichen wir, welche Menschen erreichen wir überhaupt
nicht. Da gibt es so eine ganz klassische Definition nach der letzten Untersuchung, die heißt,
diejenigen, die dem Erwerbsarbeitsmarkt zur Verfügung stehen, sprich, die ein Einkommen haben,
diejenigen, die einen festen Wohnsitz haben und diejenigen, die über eine feste Sozialstruktur, sprich
Freundeskreis, Nachbarschaftssituationen verfügen, sind diejenigen, die verstärkt bürgerschaftlich
auch organisiert sind, d. h., im Umkehreffekt gibt es diejenigen, die Pendler sind, die unklare
Arbeitszeit haben und die nicht dem Erwerbsarbeitsmarkt zur Verfügung stehen, sprich das Arbeitsamt
aufsuchen müssen, die haben Schwierigkeiten hin zum bürgerschaftlichen Engagement. Wir wollen
aber mehr Menschen das ermöglichen, deswegen stellen wir uns auch die Frage, welche
Rahmenbedingungen braucht diese Zivilgesellschaft, dieses bürgerschaftliche Engagement und
welche gesetzlichen Grundlagen sind abzusichern, welche Bereiche auch in Finanz- und Steuerwesen
müssen wir uns anschauen, damit es gelingt und werden Handlungsempfehlungen, das ist der dritte
Schritt, wir werden Handlungsempfehlungen abgeben in der regionalen Ebene und der Landesebene
sowie Bundesebene, aber auch für die internationale Zusammenarbeit und diese
Handlungsempfehlungen, d. h. ein Abschlußbericht, wird dem Bundestag, das habe ich gerade
gesagt, ab März/April nächsten Jahres zur Verfügung stellen und dann gibt es dazu eine Debatte im

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Bundestag sagen, okay, wir gucken uns diese Empfehlungen an und debattieren darüber und dann
kommt im Grunde die Hausaufgabe, nämlich wir müssen Anträge schreiben, damit das auch
umgesetzt wird, weil die Empfehlungen der Enquetekommissionen einfach umgesetzt werden,
sondern es sind ja nur Empfehlungen und wir werden die Hausaufgabe reingeben und es auch
Zielsetzung nächstes Jahr im März/April, es darf kein Wahlkampfthema werden, das geht nämlich
unter, sondern wir müssen in dieser Legislaturperiode bereits Anträge und Beschlüsse fassen, damit
wir auch eine Grundlage haben, sonst beginnt die nächste Legislaturperiode und man vergißt das so
schnell und es muss jetzt laufen und noch dieses Jahr zum Ende des internationalen freiwilligen
Jahres eine gute Bilanz ziehen können und müssen als SPD, weil, ansonsten wird es nur so ein
Schönschaujahr des internationalen Jahres der Freiwilligen, also was wir in vielen Bereichen auch
schon einmal hatten, da gab es schon einmal das internationale Jahr der Frau, was unter dem Strich
herauskam, war sehr mager und wir haben hier einen riesengroßen Auftrag und gucken, was daraus
wird. Frau Hesse: Ich würde gerne jetzt die Möglichkeit der weiteren Fragen geben. Mein kleines
Problem, wir haben noch fünf Minuten und sie müssen ja gleich wieder wegfahren. Ich habe vier
Wortmeldungen, also ich würde der Reihe nach gehen und fassen sie ihre Fragen sehr kurz.

Herr ....: Ich habe eine politische Frage. Wir haben eine starken Staat und der Bürger weiß sich schon
selber zu helfen. So als Ideologie ist die SPD bereit, den Staat zu Gunsten der Zivilgesellschaft
zurückzunehmen, dann hätten wir vielleicht mehr finanziellen Handlungsspielraum.

Frau Kortmann: Also mir liegt etwas sehr fern. Das ist im Grunde die Zivilgesellschaft. Also
Zivilgesellschaft darf niemals ein Ersatz dafür sein, dass der Staat von seinen sozialstaatlichen
Auflagen entlassen wird. Dafür hat er weiterhin die Verpflichtung, dass hat auch etwas mit Personal,
mit den Finanzen, dass hat auch etwas mit der besagten Breitenwirkung zu tun. Zivilgesellschaft ist
perdu nicht die Schlußfolgerung für mehr Gerechtigkeit, weil die Zivilgesellschaft gar nicht so
flächendeckend, verpflichtend bestimmte Tätigkeitsbereiche abdecken kann. Aber sie hat das, was
immer so schön finde, den Mehrwert. Auf diesen Mehrwert kommt es an und den muss der Staat
zulassen, aber Herr Evers war ja hier, der spricht ja von dem ermunternden Staat. Ich sage den
unterstützenden Staat, den absichernden Staat, den brauchen wir, um deswegen auch zu sagen,
dass hat nicht nur mit der Förderungsstruktur etwas zu tun. Es hat auch was mit der Stimmung in der
Gesellschaft zu tun, was anerkannt ist oder nicht und wie man sich selber dazu verhält. Es hat auch
etwas mit dem Bürokratismus zu tun. Deswegen hatte ich eben auch auf das Innenministerium
verwiesen. Wenn wir wirklich einen guten Ansatz haben wollen, moderne Verwaltung, moderner Staat,
also eine Durchlässigkeit, eine Transparenz durchzulassen und ich glaube, dass die SPD
staatstragend war, kann man mir wirklich nicht nachsagen, aber sie haben Nachholbedarf und wollen
wissen, was demokratische Kräfte bewirken können und das man nicht nur im parteipolitischen
Einbahnstraßen denkt, sondern einfach ein Meer an Möglichkeiten auch zulassen sollte, auch wenn
es uns nicht immer paßt. Frau Hesse: Vielen Dank für ihre klaren Worte. Wir haben heute nachmittag
erfahren, dass die SPD andere Parteien entdeckt hat, die sparende Effekte für die Zivilgesellschaft
haben kann und damit verabschiede ich mich. Frau Kortmann: Ich sage vielleicht noch einmal etwas.
Ich möchte mich in einem solchen Kreis noch einmal treffen. Ansonsten würde ich ihnen einfach noch
anbieten, wenn sie Interesse haben, dann würde ich mich gerne mit Ihnen am Ende des Jahres bevor
wir unseren Bericht unter Dach und Fach bringen, noch einmal mit Ihnen treffen. bilden."




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        Reflexionspapier zum Berufsbild Freiwilligen-
                      Management™


1.) Mit der wachsenden Erkenntnis der Bedeutung von Freiwilligenarbeit sind die
Trägerorganisationen der Freiwilligenarbeit gezwungen, sich diesem Wandel aktiv zu stellen. Es wird
immer deutlicher: Organisationen, die Freiwilligenarbeit nutzen wollen, müssen diese Arbeit planen,
ihre Freiwilligen konstruktiv anleiten und unterstützen – genauso, wie es bei den hauptamtlichen
Mitarbeiter/innen üblich ist. Denn: ein erfolgreiches freiwilliges Engagement, eine gute
Freiwilligenarbeit geschehen nicht einfach, sondern sind zum großen Teil das Ergebnis der
Managementtätigkeit von Fachleuten – eben Freiwilligen-Manager/inne/n – in Vereinen und
Verbänden, die dort die Freiwilligenarbeit organisieren. Wir müssen uns bei den Verbänden dafür
einsetzen, dass sich das Berufsfeld Freiwilligen-Management™ schnell entwickelt.

2.) Der Beruf einer/s Freiwilligen-Manager/in muss in seinen Konturen weiter geklärt werden. Ein Beruf
wird gemeinhin definiert durch folgende Aspekte:

       Eine spezifische Ausbildung
       Ein qualifiziert erworbener Titel
       Tätigkeitsstandards
       Rollenerwartungen

Alle diese Aspekte sind in Deutschland bislang nur ansatzweise vorhanden. Weder in Universitäten
noch in Fachhochschulen kann die Ausbildung zur/zum Freiwilligen-Manager/in absolviert werden. Die
bislang einzige Qualifikation ist seit 1997 an der Akademie für Ehrenamtlichkeit in Kooperation mit
dem Treffpunkt Hilfsbereitschaft in Berlin zu erwerben (dort findet in diesem Jahr der fünfte
Ausbildungsgang statt). Titel werden nicht vergeben – außer in der o.g. Ausbildung. Dort werden auch
Tätigkeitsstandards entwickelt und selbstverständlich in sehr unterschiedlicher Weise überall dort, wo
Freiwilligen-Manager/innen (wie auch immer diese sich nennen) ihren Aufgaben nachgehen. Genauso
ist es auch mit den beruflichen Rollenerwartungen, diese entstehen dort, wo Freiwillige und
Ehrenamtliche in Hauptamtlichen ihre Ansprechpartner haben. Wir sehen also ein Tätigkeitsfeld in der
Entwicklung. Es ist sehr offen und vielfältig konturiert. Wir sollten die Chance nutzen, diesen neuen
Beruf positiv weiterzuentwickeln.

Selbstverständlich gibt es bereits eine ganze Anzahl von hauptamtlich Tätigen, die sich mit Recht als
„Freiwilligen-Manager/innen“ bezeichnen können. Sie sind zu finden in Organisationen des „alten“
Ehrenamts genauso, wie in Organisationen, die ein „modernes“ freiwilliges Engagement fördern
wollen. Auch in Vereinen, Verbänden und Organisationen gibt es viele, die dort an der Organisation
der Freiwilligenarbeit beteiligt sind. Einige sind selbst Freiwillige, die ihre Aufgaben eher als
„Ehrenamt“, denn als „Beruf“ verstehen. Andere sind bezahltes, hauptamtliches Personal, das auf der
Exekutivebene in Organisationen beschäftigt ist – häufig auf einer (Art) Stabsstelle. Dort sind sie
verantwortlich für die Entwicklung der Ressourcen und Strukturen der Freiwilligenarbeit.

3.) Wir meinen: Freiwilligen-Management braucht hauptamtliche Funktionen mit entsprechenden
finanziellen, zeitlichen und personellen Ressourcen. Freiwilligen-Manager/innen brauchen
Verantwortungs- und Kompetenzbereiche entsprechend einer Stabsstelle, mit entsprechenden
Gehältern. Freiwilligen-Manager/innen brauchen nachweisbare Qualifikationen, die neben ihren
Erfahrungen aus dem Tätigkeitsfeld auch aus Fortbildungen – besser noch aus Ausbildungen
stammen sollten.

4.) Die vorrangigen Aufgaben einer/s Freiwilligen-Manager/in sind:

       Bedarfseinschätzung und Planung der Freiwilligenarbeit
       Stellen- und Aufgabenentwicklung für Freiwillige und Ehrenamtliche
       Gewinnen von Freiwilligen
       Interessierte interviewen und geeigneten Aufgabenfeldern zuordnen

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       Orientierung und einführen in die Freiwilligenarbeit der Organisation
       Unterstützung, Fortbildung und Beratung
       Anerkennungsformen für die Freiwilligen implementieren
       Evaluation des freiwilligen Engagements der Organisation
       Moderation und Schlichtung bei Konflikten zwischen hauptamtlichen und freiwilligen
        Mitarbeiter/innen
       Unterstützung und Motivation der hauptamtlichen und freiwilligen Mitarbeiter/innen in Bezug
        auf eine gelingende Kooperation
       Lobbyarbeit für das freiwillige Engagement
       Sicherung der Qualität des freiwilligen Engagements in der Organisation

Das übergeordnete Ziel der Arbeit von Freiwilligen-Manager/innen ist die Förderung des freiwilligen,
bürgerschaftlichen Engagements und des Ehrenamts.

5.) Wir schlagen vor, ein Netzwerk der Freiwilligen-Manager/innen aufzubauen. Dieses Netzwerk soll
die Funktionen haben, die als Freiwilligen-Manager/innen Aktive miteinander in Verbindung zu
bringen, ein Online-Netzwerk aufzubauen, den Erfahrungsaustausch und die Fachdiskussion
voranzutreiben, regelmäßige Fachtagungen und andere Veranstaltungen durchzuführen.

1. Fachtagung Freiwilligen-Management™, 5.u.6.April 2001


Thomas Kegel, Carola Schaaf-Derichs, Isabel Schibath-Hajjeh
Akademie für Ehrenamtlichkeit, fjs e.V.
Gubener Str. 47, 10243 Berlin
Tel.:030-2754938
E-Mail: akademie@ehrenamt.de

Treffpunkt Hilfsbereitschaft - Die Berliner Freiwilligenagentur
Torstr.231
10115 Berlin
Tel.: 030- 204 50 636
E-Mail: freiwilligenagentur@snafu.de




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