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4 Philosophische Anthropologie.doc

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     Anthropologie – moderne philosophische
     D. Wiederhol in: Journal für Philosophie 4/1966, S. 79f.

     Anthropologie als »Wissenschaft vom Menschen« gliedert sich zunächst in eine Vielzahl
     spezialisierter Einzelwissenschaften, die sich alle mit der Frage nach einer Bestimmbarkeit des
     Menschen befassen und dabei zu den unterschiedlichsten Antworten gelangen - nichtsdestoweniger
 4   liegt ein abschließen- des und vollständiges Bild vom Menschen bis heute nicht vor.
     Obwohl die Frage »Was ist der Mensch?« über die gesamte philosophische Tradition hinweg bis in
     die Antike zurückverfolgt werden kann, bildet sich eine eigenständige (akademische) Disziplin erst
     zu Beginn dieses Jahrhunderts speziell in Deutschland heraus und wird hauptsächlich mit Max
 8   Scheler(1874-1928), Helmut Plessner (1892-1985) und Arnold Gehlen (1904-1976) in Verbindung
     gebracht. Als »philosophische Anthropologie« der Moderne [...] will sie eine Sonderstellung des
     Menschen gegenüber dem Tier im Rahmen einer wechselseitigen Abhängigkeit von Geist und
     Natur begründen; von daher liegt der Schwerpunkt ihrer Überlegungen in der Suche nach einer
12   ganzheitlichen Beschreibungsmöglichkeit der menschlichen Existenz, die die Gesamtheit aller
     Beziehungen zu sich selbst und zur übrigen Welt umfasst.
     Unter systematischem Einbezug der Forschungsresultate der empirischen Wissenschaften,
     insbesondere der Biologie, wird zu diesem Zweck zunächst die Frage nach der geistig-seelischen
16   Struktur des Menschen in Verbindung mit seinen biologischen Voraussetzungen und
     Grundausstattungen in den Vordergrund des Interesses gestellt; besonders im Mensch-Tier-
     Vergleich kristallisiert sich dann bei allen drei Autoren ein Sonderstatus des Menschen in der Natur
     heraus.
20   In diesem Zusammenhang hat Scheler den Leitbegriff der »Weltoffenheit« geprägt, um damit den
     Menschen von den übrigen Lebensformen zu unterscheiden. Entsprechend wird ein Stufenplan des
     Lebendigen entwickelt, der von der Pflanze über das Tier bis hin zum Menschen reicht. Während
     dabei alles Leben durch einen ursprünglichen und vitalen Lebensdrang (Trieb) geprägt erscheint,
24   das Tier bereits mit Instinkten und lebenspraktischer Intelligenz ausgerüstet ist, verfügt nur der
     Mensch allein über den Geist, der gleichermaßen in einem wechselseitigen Zuordnungsverhältnis
     zur Natur und in striktem Gegensatz zu ihr steht: Einerseits bilden Instinkte und elementare
     Triebmechanismen wie Nahrungsaufnahme, Wachstum und Fortpflanzung die unerlässlichen
28   Bedingungen für das Überleben der menschlichen Existenz und den fundamentalen Antrieb für die
     Teilhabe des Geistes an der Welt, andererseits ist es die zentrale Aufgabe des Geistes, diese
     Triebhaftigkeit hemmend und lenkend zu kontrollieren, den Menschen vom Organischen zu
     entbinden.
32   Die dadurch nur dem Menschen mögliche Weltoffenheit ist im wesentlichen durch die Kriterien
     des Geistes wie Selbstbewusstsein, Sachlichkeit und Gegenstandsfähigkeit gegeben, die eine
     Distanzierung sowohl von Trieben und Affekten als auch von vorherbestimmten und festgelegten
     Umweltgebundenheiten erlauben. Nur der Mensch ist deshalb in der Lage, entsprechend
36   unbeeinflusst von Triebimpulsen und Instinkten, sich selbst und alle Einzelheiten der Welt in freier,
     selbstbestimmter und schöpferischer Aktivität immer deutlicher zu erkennen.
     Aufgrund dieser Annahme, dass sich so ein enger Berührungspunkt des vorantreibenden Bereichs
     des Lebens mit dem des Geistes ergibt, wird der fundamentale Wesensunterschied zwischen Tier
40   und Mensch in dessen geistiger Überlegenheit als gleichzeitiger Inbegriff derjenigen Möglichkeit
     begründet, sich damit auch zu immer höherer Seinsqualität bis hin zur Annäherung an das
     Göttliche zu entwickeln [...]

44   Während sich das Tier [...] aus einer Lebensmitte, aus einer zentrischen Position heraus auf seine
     Außenwelt bezieht und von daher wieder Rückwirkungen in dieses Zentrum hinein erfährt,
     unterscheidet sich der Mensch (nach Plessner) von dieser Geschlossenheit des Tieres insofern, als
     er sich zusätzlich dabei beobachten und hinterfragen, d.h. reflektierend die Perspektive von Innen
48   und Außen miteinander verschränken kann.
     Dadurch, dass er seine Mitte, seine innere Wirklichkeit nicht nur unmittelbar fühlen und
     empfinden, sondern sich jederzeit außerhalb dazu stellen und aus dieser Perspektive eine


     Thema: Anthropologie
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     Verknüpfung von Selbst-und Außenbezug herstellen kann, ist er durch eine »exzentrische« Position
52   charakterisiert.
     Aufgrund dieser Sonderstellung ist allein der Mensch in der Lage, sich dreifach gebrochen als
     gegenständlichen Körper, als Leib (Selbst/Seele) in diesem Körper und als ein losgelöst davon
     stehendes, exzentrisch positionales Ich jenseits jeder subjektiven Befindlichkeit von Körper und
56   Seele zu sehen.
     In diesem Spannungsfeld von Selbstbezug und Weltoffenheit muss er sich deshalb stabilisierende
     Kulturleistungen erschaffen, die sich allerdings im Zeitverlauf immer wieder als labile Gefüge
     erweisen. Ent- koppelt von seiner Natur einerseits und auf ständiger Suche nach sinn vermittelnden
60   Anhaltspunkten andererseits, steht der Mensch im Endeffekt vor dem Nichts, ist sich völlig selbst
     überlassen, findet keine Geborgenheit, fühlt sich nirgendwo zu Hause.

     Auch Gehlens Ausgangspunkt ist die Ausarbeitung einer biologisch fundierten Sicht. vom
64   Menschen unter Betonung seiner Sonderstellung, die er eben- falls vom Mensch- Tier- Vergleich
     her abzuleiten sucht.
     Während Scheler auf der Grundlage seines Stufenbaus des Lebendigen den Menschen noch primär
     als Geistwesen und damit als weltoffen definiert und Plessner das menschliche Reflexionspotential
68   zum zentralen Merkmal erklärt, entwirft Gehlen in der konkreten, empirisch beobachtbaren
     Handlung eine Kategorie derjenigen Vermittlung von Geist und Natur, die die Ganzheit des
     Menschen ausdrücken soll. Mit der fundamentalen Frage nach den Existenzbedingungen des
     Menschen wird von dessen biologischer Verfasstheit ausgegangen und im Vergleich zum Tier
72   festgestellt, dass er weder über natürliche Waffen noch über ausreichend angeborene Instinkte und
     Verhaltensschemata verfügt, die ihm naturgesetzlich-automatisch sinnvolle (Um-)Weltausschnitte
     für jede Situation anbieten. Was ihm vor allem nach Scheler also gerade das Besondere, nämlich
     Weltoffenheit, verschafft, wird jetzt nicht länger als Überlegenheit gegenüber dem Tier, sondern
76   als schwerwiegende Belastung im Überlebensprozess herausgestellt. Aus biologischer Perspektive
     bedeutet Weltoffenheit deshalb Unspezialisiertheit und Unangepasstheit, so dass sich der Mensch
     als Mängelwesen erweist. Zum Zweck seines Überlebens ist ein derartig instinktreduziertes und
     instabiles Lebewesen deshalb auf einen ausgleichenden Ersatz angewiesen, der es gleichermaßen
80   nach innen wie nach außen von der Last dieser Mängel enthebt.
     Neben Sprache/Denken, Handlung und Kultur sieht Gehlen diese Entlastung in erster Linie durch
     die sogenannten Institutionen wie beispielsweise Ehe/Familie, Politik, Recht und die damit
     korrespondierenden Werte und Normen gewährleistet, die einerseits vom Menschen selbst
84   produzierte Handlungsbereiche sind und gleichzeitig wieder Richtlinien für menschliches Handeln
     zur Verfügung stellen. Derartige soziokulturelle Sinn- und Ordnungsgefüge sollen nicht nur den
     einzelnen nach innen stabilisieren bzw. seine Instinkte ersetzen sowie seine Triebe und Affekte
     kanalisieren, sondern gleichzeitig auch das (Sozial-) Verhalten der Menschen untereinander
88   verbindlich und dauerhaft regulieren.

     Auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht, zeichnet sich im Rahmen dieser
     inzwischen als »klassisch« einzuordnenden Position der philosophischen Anthropologie,
92   die sich dem Rätsel Mensch in den Begriffen wie Weltoffenheit, Reflexionsvermögen und
     Mängelwesen anzunähern sucht, der Mensch als eine prinzipiell unvollendete und von
     daher grundsätzlich offene, lernfähige Möglichkeit ab, zu deren Grenzziehung es allerdings
     entsprechend überindividueller und zukunftsfähiger Maßstäbe bedarf.
96   Besonders im Hinblick auf die derzeit vieldiskutierte globale Überlebenskrise wäre deshalb
     eine konsequente Fortsetzung bzw. weitere Präzisierung dieses wegweisenden Programms
     unter Einbezug möglichst vieler gesicherter und fundierter Daten aus dem gegenwärtigen
     Stand der empirischen Forschung insgesamt zu begrüßen.




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