Word - Wege aus der Wirtschaftskrise

Document Sample
Word - Wege aus der Wirtschaftskrise Powered By Docstoc
					      Wege aus der
      Wirtschaftskrise
      Hans-Eckhard Weisleder




1.0   Die Ausgangssituation
      1.1 Die Wirtschaftskrise
      1.2 Empirische Schlaglichter


2.0   Die Ursachen der Wirtschaftskrise
      2.1 Pessimistische, psychosoziale Grundhaltung
      2.2 Das Vakuum nach gescheiterten Visionen
      2.3 Missbrauch der ökologischen Idee
      2.4 Staatliche statt privater Geldnachfrage
      2.5 Das Geldkapital verlässt unser Land
         2.5.1 Katastrophale Wirkungen auf die Geldmenge
         2.5.2 Die Fehler der Vergangenheit


3.0   Die Agenda für eine Neuorientierung
      3.1 Schlankheitskuren für den Staat
      3.2 Mehr Pädagogik in der sozialen Sicherung
      3.3 Veränderung der Kapitalströme
      3.4 Entwicklungsorientierte Wirtschaftsförderung
         3.4.1 Kulturpolitik des extensiven Bauens, Lebens und Wohnens
                3.4.1.1 Die Vision
                3.4.1.2 Der erforderliche Flächenbedarf
                3.4.1.3 Die Wirkung auf den Arbeitsmarkt
                3.4.1.4 Eine erfreuliche Nebenwirkung
         3.4.2 Gleitende Transportmittel als zusätzliche Verkehrsalternative
                3.4.2.1 Die Vision
                3.4.2.2 Technologische Herausforderungen
                3.4.2.3 Zur praktischen Projektrealisierung
                3.3.2.4 Die Wirkungen auf den Arbeitsmarkt


4.0   Nachwort




                                                                               Seite: 1
1.0 Die Ausgangssituation
Ja - doch, es gibt Wege, um die ökonomische Krise dauerhaft zu überwinden. Sie sollen in
diesem Aufsatz als Chancen deutlich erkennbar werden und entschieden mehr sein als
Management des Niedergangs. Doch verschaffen wir uns zunächst einen Überblick. Die
jetzige Krise ist nicht - wie in den Rezessionsjahren von 1982/83 und 1992/93 - durch hohe
Leitzinsen verursacht, die vormals der Inflationsbekämpfung dienten. Heute herrscht die
Furcht vor einer Rezession, die durch deflationäre Preisentwicklungen verstärkt werden
könnte (Vorläufer Japan?), und es bestätigen sich die Vermutungen, dass es in den
vergangenen Jahren und Legislaturperioden bereits politische Weichenstellungen gegeben
haben muss, die in ihrer negativen Tragweite unterschätzt wurden und die bis heute den
Aufstieg aus der Rezession behindern.



1.1 Die Wirtschaftskrise
Eine Deflation muss man befürchten, wenn die Rezession länger als 1 - 2 Jahre anhält.
Zusätzlich kann sich dann der wirtschaftliche Niedergang durch einen allgemeinen
Preisrückgang verstärken, weil die Kunden auf weitere Preisrückgänge hoffen und bei
allgemeiner Kaufzurückhaltung abwartend reagieren. Könnten die zahlreichen aktuellen
Sonderverkäufe und die unverhohlene Werbung, die den Preissturz in den Vordergrund rückt,
schon ein Indiz für eine drohende Deflation sein? Trotz geringerer Nachfrage müssen die
meisten Preise jedoch gehalten werden, da bei rückläufigem Absatz der zu kalkulierende
Fixkostenanteil pro Erzeugniseinheit ansteigt. Schließlich gibt es Sperrklinken, z.B.
tarifvertragliche Bindungen, die eine ständige Neukalkulation nach unter verhindern. Zu einer
Deflation kommt es also sicher nicht bei kürzeren Rezessionsphasen; denn statt der
Preissenkung können vorher als Strategiealternativen Rationalisierungen und Personalabbau
genutzt werden.

Es muss angenommen werden, dass Wachstumsraten unter 1% - und dies ist in Deutschland
jahrelang immer wieder der Fall gewesen - in Wirklichkeit schon Rezession bedeuten. Das
Bruttoinlandsprodukt (BIP) entsteht aus einer Summe von Wertschöpfungen. In einer
zunehmend globalisierten Volkswirtschaft können "Wertschöpfungen" bei uns aber auch
dadurch entstehen, dass Produkte in Niedrigstlohnländern für wenige Euros produziert und für
eine relativ passive Verteilungsleistung in Deutschland zu einem Vielfachen des
Entstehungspreises veräußert werden. Es ist somit denkbar, dass in Deutschland gleichzeitig
die Wirtschaftstätigkeit eingeschränkt wird und Arbeitsplätze überflüssig werden, während
die Statistiker ein höheres BIP registrieren. Würden "Wertschöpfungen", die nur auf
inländischen Verteilleistungen basieren und die keine positive Wirkung auf den
volkswirtschaftlichen Beschäftigungsgrad haben, aus dem Leistungsindikator BIP
herausgerechnet, so müsste man realisieren, dass die verbleibenden "Wachstumsraten" sicher
schon seit etlichen Jahren zumeist negativ waren.




                                                                                       Seite: 2
1.2 Empirische Schlaglichter
Die Bundesbürger verhalten sich aktuell bei Konsum und privater Investition zurückhaltend.
Das wird auch an der unterschiedlichen Entwicklung von Bargeld und Giralgeld deutlich.
Obwohl der Bestand an täglich fälligen Geldern angestiegen ist, ist der Bargeldumlauf nach
der €-Einführung eingebrochen.

Die privaten Konsumausgaben stagnieren. Die Investitionen sind rückläufig. Lediglich
im Auslandsgeschäft konnte die Industrie vorübergehend verlorene Nachfrage teilweise
wettmachen.

Im Laufe der letzten zehn Jahre haben sich die Gewichte in der Verwendungsrechnung
erheblich verschoben. Der relative Anteil des Investitionsgüterumsatzes in Deutschland
sinkt. Der Absatzmarkt Deutschland hat für die heimische Industrie zunehmend an
Bedeutung verloren.

Die Gesamtverschuldung der öffentlichen Haushalte nimmt seit den 70er Jahren, also nach
dem Verlust der Vollbeschäftigung, stetig zu. Es gibt eine deutliche Parallelität - und wohl
auch Kausalität - zwischen der Staatsverschuldung und der Arbeitslosigkeit. Unser Staat ist in
der Wirtschaftswunderzeit konstruiert worden. Seit ihrem Ausklingen stellt er sich
fortschreitend als überdimensioniert dar. Der Staat musste immer mehr Kapital aufnehmen, da
- neben den Tilgungen - weitere Zahlungspflichten notwendig wurden. Bereits 25% aller
Steuereinnahmen dienen allein dem Zinsendienst. Gleichzeitig stagniert das reale
Gesamtsteueraufkommen in Deutschland seit mehreren Jahren. Da sich der Staat hohe Zinsen
zumuten kann, ist er in der Lage, private Nachfrager von Kapitalmarkt zu verdrängen.

Die Gesamtschulden der öffentlichen Haushalte haben sich wie folgt entwickelt:

           1970           125 Mrd. DM       = 64 Mrd. €
           1975           468 Mrd. DM       = 239 Mrd. €
           1990         1.053 Mrd. DM       = 538 Mrd. €
           1995         1.976 Mrd. DM       = 1.010 Mrd. €
           1997         2.191 Mrd. DM       = 1.120 Mrd. €
           2000         2.378 Mrd. DM       = 1.216 Mrd. €

           (Quelle: "Öffentlicher Kredit", Vorlesungsmitschr. Univ. Mainz, SS 2001,
           Prof. Dr. R. Peffekoven)

Die Zahlen des Bundeshaushalts 2000 mögen das Ungleichgewicht deutlich machen:

           Ausgaben: 477,0 Mrd. DM
           Einnahmen: 433,2 Mrd. DM
           Finanzierungssaldo: 43,8 Mrd. DM
           --------------------------------------------------------------------------------
           Bruttokreditaufnahme: 270,0 Mrd. DM
           Tilgungen: 226,3 Mrd. DM
           Nettokreditaufnahme: 43,8 Mrd. DM

           (Quelle: "Öffentlicher Kredit", Vorlesungsmitschr. Univ. Mainz,
           SS 2001, Prof. Dr. R. Peffekoven)



                                                                                              Seite: 3
Das reale Gesamtsteueraufkommen in Deutschland beträgt seit 10 Jahren mit geringer
Schwankungsbreite ca. 450 Mrd. € (Basisjahr 2001)
(Quelle: Der Spiegel, Nr. 49, 2.12.2002, S. 32 ff.)

Die Zahl der Insolvenzen von Unternehmen nimmt zu, die Arbeitslosigkeit wächst, die
Steuereinnahmen brechen ein, Sozialleistungen werden reduziert, die gesetzlichen
Sozialversicherungen melden wachsende Defizite. Der Staat versucht neue Einnahmequellen
zu erschließen - mit geringem Erfolg.

Die größte Gefahr für die deutsche Wirtschaft geht aber von der Kapitalflucht aus (sh.
Absatz 2.5). Bis 2001 waren knapp 30% des deutschen Geldvermögens ins Ausland
abgewandert. Seit der €-Einführung beschleunigt sich diese Entwicklung.

Das zinsbringende Vermögen der Deutschen beträgt (Stand 2001):
          Im Inland angelegt 2.528 Mrd. €
          Im Ausland angelegt 1.030 Mrd. €
          Schwarzgeld (geschätzt) 400 Mrd. €
          Gesamtvermögen 3.958 Mrd. €

          Die Zinseinnahmen daraus (4%) würden jährlich ergeben: 158 Mrd. €.
          In Steuererklärungen angegeben werden nur: 25 Mrd. €.
          Verbleiben nicht deklarierte Zinseinnahmen: 133 Mrd. €.
          (Quelle: Der Spiegel, Nr. 49, 2.12.2002, S. 32 ff.)



2.0 Die Ursachen der Wirtschaftskrise
Warum hat die Wirtschaftstätigkeit in Deutschland nachgelassen? Das liegt nicht an den
vieldiskutierten und ggf. falsch vorgenommenen Marginalkorrekturen der Politik (von denen
die Medien laufend und bedeutungsschwer zu berichten wissen), an zu ändernden Steuer-
oder Beitragssätzen, an fehlenden Förderprogrammen, an mangelnder Schulbildung, an zu
geringen Forschungsausgaben... Die Liste solch vorgeblich gefährlicher Mängel, die
unbedingt zu beheben sind, ließe sich noch erheblich verlängern. Meines Erachtens sind die
im Folgenden beschriebenen, sicher unterschätzten Faktoren entscheidend für die
ökonomische Entwicklung allgemein und die des Arbeitsmarktes im Besonderen.


2.1 Pessimistische, psychosoziale Grundhaltung
Wenn jemand sagt, es ginge ihm eigentlich ganz gut, er hoffe nur, dass es ihm nicht
schlechter ginge, so mag man ihm alles Gute wünschen. Spricht aber die Mehrheit so, dann ist
dies die ökonomisch-psychologische Determination für den wirtschaftlichen Abstieg. Wenn
alle nur ängstlich abwarten, dass es nicht schlimmer wird, entsteht in Teilbereichen der
Wirtschaft zu wenig Nachfrage. Dadurch sind dann gerade jene Branchen unzureichend
beschäftigt, die im weitesten Sinne Innovatives produzieren. In der Bauindustrie und in der
Investitionsgüterindustrie z.B. kommt es schon ganz am Anfang zu Rückschlägen, die dann
sekundär auch die anderen Bereiche in Mitleidenschaft ziehen. Folglich fühlen sich alle in
ihrer Angst bestätigt und reagieren nur noch zaghafter.



                                                                                      Seite: 4
2.2 Das Vakuum nach gescheiterten Visionen
Wer für eine bessere Zukunft arbeiten soll, muss zunächst dafür motiviert sein. Und zur
Motivation gehört die Vision einer wünschenswerten, besseren Zukunft. Das gilt für den
einzelnen wie für ein ganzes Land. Die einstigen Träume vom kernenergetischen
Energieüberfluss haben sich als zu riskant und damit als nicht durchsetzbar erwiesen. Die
grünen Visionen andererseits haben durch die Publikation zweckpessimistische
Zukunftsängste bei vielen jungen Leuten zu einer Lähmung des ökonomischen
Kreativvermögens geführt.

Politik wird nicht dadurch "untadelig", dass ihr Wirken in einem werte- und ideologie-
indifferenten Raum erfolgt. Wenn Politiker sich allein aufs Management beschränkten,
müssten sie fast verzweifelnd immer wieder nur versuchen, die "Gegenwart zu retten" und
Fehlentwicklungen einzudämmen (Gewalt an den Schulen, organisierte Kriminalität,…).
Produktiver im Sinne der auf sie ohnehin zukommenden, gesellschaftlichen Korrekturarbeiten
ist es, wenn die Politik auch Werte und Zielvorstellungen vorlebt und ausspricht. Politiker
dürfen nicht nur reaktiv tätig sein, sie müssen auch eine Zukunft stiftende Arbeit leisten
wollen. Sollte diese Arbeit wirklich nur Medienproduzenten, Agenturen und
Konsumgüterherstellern überlassen bleiben? Das wären in der Regel sicher noch die
respektableren Multiplikatoren. In das Vakuum drängen aber auch diverse Vermarkter, die
den Geist eher "besetzen" und oft mit einem vorgeblichen, aber "falschen" Design versehen
sind.

Fragen wir uns zunächst, ob wir wirklich wollen, dass alles so bleibt, wie es ist?
Ist es nicht z.B. scheußlich, wie mühevoll sich der Autoverkehr durch die Städte quält, wie er
träge von Ampel zu Ampel weiterstottert, immer wieder zerhackt durch neue Warteintervalle?
Ist es nicht scheußlich, dass Menschen direkt neben Hauptverkehrsstraßen wohnen müssen,
belästigt durch einen nie abreißenden Verkehrsstrom, dessen Lärm noch im Nachtschlaf
gegenwärtig bleibt?
Ist es nicht ärgerlich, dass die meisten "Haus"halte - entgegen ihrem Wunsch - kein eigenes
"Haus" besitzen können, dass die Mehrheit der Bevölkerung in Wohnungen lebt, die
kastenartig aufeinander geschichtet sind? Wo man kaum wagt, seinen Grill anzuzünden, Sport
zu treiben oder einen harmlosen Hund frei laufen zu lassen? Wo Hausmeister einem sagen,
was man zu tun oder zu lassen hat? Wo sich alle gegenseitig nerven durch fremde Partys,
fremdes Bettknarren, unbekannte Besucher, laute Musik, falsch abgestellte Autos,
ungezügeltes Kinderspiel und Trittspuren im Flur? Ist es nicht ärgerlich, dass wir (fast) alle
jahrelang (in der kastenartigen Wohnung!) sparen müssen, bevor wir auch nur ein kleines
Grundstück erwerben können?

"Das muss alles so sein", werden viele resignierend sagen.
"Nein, und noch einmal nein, nichts von alledem muss so sein!"
Die Orientierung auf eine würdigere und freiere Perspektive wird uns u.a. verstellt durch
unglückliche Allianzen zwischen vorgeblichen Ökologen, fehlmotivierten Städteplanern,
Besitzern von Bau-Erwartungsflächen, Urängstlichen ganz allgemein und einer
Wohnungswirtschaft, die Immobilien als gewinnträchtige Anlagen vermarktet. Die Ersten
meinen, eine landwirtschaftlich monokulturell genutzte Großfläche sei für die Natur
wertvoller als eine Gartenlandschaft zwischen Einzelhäusern, die Zweiten glauben, es sei
schön, wenn alle Häuser nach eng-normierten, oft uniformen Bebauungsplänen realisiert
würden. Die Dritten wollen sich durch konkurrierende Landbesitzer ihren zukünftigen Profit
nicht gefährden lassen. Die Vierten haben im Unterbewusstsein eine Urangst vor dem
Verhungern und wollen am liebsten jeden Quadratmeter bepflanzt sehen. Und die Fünften
wollen möglichst preiswert gewinnträchtigen Wohnraum schaffen und aufwandsarm zentral
                                                                                        Seite: 5
verwalten lassen, was am besten mit vielen Wohneinheiten auf kleiner Grundfläche zu
erreichen ist. Das Zusammenwirken dieser Teilgruppen verantwortet unbewusst (oder
bewusst?) die horrenden Grundstückspreise. Dies ist das entscheidende Hemmnis für die
Bauwirtschaft und ein Grundübel für die privaten Haushalte.

Jede Zeit braucht andere Lösungen: Was in der Nachkriegszeit als städtebaulicher Notstand
verständlich war, darf heute keine Maßstäbe mehr liefern! Etwas mehr "America in our mind"
könnte uns hier gut tun. Wir sollten uns leisten, auch in größeren Dimensionen von Raum
und Freiheit zu denken. Europa ist so groß, dass hier kein Volk mehr fürchten muss zu
verhungern. Im Gegenteil: Es müssen künstlich Brachflächen geschaffen werden, um der
landwirtschaftlichen Überproduktion Herr zu werden.

Warum schwärmen wir nicht für eine neue Zukunft von Freiheit, Weite und Nähe zur Natur
(sh. Absatz 3.4)?



2.3 Missbrauch der ökologischen Idee
Der "Missbrauch der ökologischen Idee" ist gleichzeitig mit dem Positiv der grünen
Bewegung als ihr Negativ entstanden. Lassen wir dazu einige Beispiele sprechen: Ich bin
aufgewachsen in Bad Oeynhausen, der wohl einzigen Kleinstadt Deutschlands, in deren
Zentrum eine Autobahn endet. Denn bis heute konnte die ortsumgehende Verbindung zu der
am anderen Stadtende verlaufenden A2 nicht erstellt werden. Vor 35 Jahren wurden in der
Umgebung von Bad Oeynhausen Häuser für eine Umgehungsstraße abgerissen und die
Besitzer großzügig entschädigt. Die Umgehungsstraße aber ist bis heute nicht gebaut worden,
obwohl die Planung nie zu den Akten gelegt wurde. Als Gründe wurden - je nach
Interessenlage - sinkende Grundstückswerte, erhöhte Lärmpegel oder zerschnittene Kröten-
Wanderwege genannt.

Sind Sie schon einmal auf der Ostseeautobahn von Rügen nach Lübeck gefahren? Man
kommt zunächst wunderbar voran. 15 km vor Lübeck endet die Autobahn. Ab dort schlängelt
sich die Blechkolonne auf einer engen Landstraße durch den Wald. Dauerstau im Grünen!
Wie soll hier das Naturschutzargument überzeugen? Weitere Beispiele dieser Art werden den
meisten geläufig sein.

Es ist auch ein Missbrauch, wenn ohne Rücksicht auf Wirtschaftlichkeit Steuergelder für
alternative Energiegewinnungen verwendet werden. Es kann doch nicht richtig sein, dass der
Betreiber manch "innovativer" Anlage mehr Geld erlöst, als der Strom-Endabnehmer für die
Energie bezahlt! Ein Beispiel aus eigener Anschauung (bei dem es um die Installation einer
solaren Warmwasseraufbereitung ging): Der Investitionsaufwand hätte ca. 25 000 DM
betragen. Die Hälfte davon wäre aus öffentlichen Mitteln, also durch Steuerzahler,
subventioniert worden! Der verbleibende Eigenanteil hätte eine jährliche Einsparung von 600
DM ermöglicht. Die Lebensdauer der Anlage wurde auf maximal 20 Jahre geschätzt - also
mit der Folge einer knappen Refinanzierung des Restbetrages.

Der ökologische Nutzen und der ökonomische Aufwand klaffen in unserem Land oft kaum
nachvollziehbar weit auseinander. Sollten wir uns dies weiterhin leisten können?




                                                                                     Seite: 6
2.4 Staatlich statt privater Geldnachfrage
Schulden sind das Spiegelbild der Buchgeldmenge. Nur wenn die Banken Geld ausleihen,
können auch neue Einlagen entstehen. Angesichts ihrer gewaltigen Verschuldung können die
öffentlichen Haushalte nicht nach dem Vorbild Privater ihre Schulden loswerden. Aus der
Staatsverschuldung kann man nur insoweit durch vermehrte Tilgung aussteigen, wie Private
zusätzliche Kredite nachfragen. Eine Bundesregierung, die im selben Jahr x Mrd. € aufnimmt
und x+∆x Mrd. € tilgt, kontrahiert die Geldmenge, es sei denn die Nettokreditaufnahme
Privater betrüge kompensatorisch mindestens ∆x, besser noch ∆x+∆y. Warum noch dieser
Kreditaufnahme-Überhang von ∆y? Jegliche Tilgung seitens des Staat und eine nur
wertgleiche Nettokreditaufnahme Privater (Gesamtvolumen also null!) wirken zusammen
bereits deflationär; denn es gibt eine gesellschaftlich bedingte Notwendigkeit, die Geldmenge
laufend zu erhöhen. Der systemimmanente Verteilungskampf, der entsteht, weil jeder gern ein
größeres Stück vom Bruttoinlandsprodukt für sich und seine Klientel gewinnen möchte, führt
fortwährend zu Nominalwerterhöhungen. Dies erfordert auch eine volkswirtschaftliche
Mehrverschuldung von mindestens 3,5% - aber dies nach Möglichkeit nicht mehr
vornehmlich seitens des Staates.

Denn entschieden besser wäre es, wenn die Geldschöpfung befördert würde durch vermehrte
Geldnachfrage Privater. Erfolgreiche Unternehmen beschäftigen Menschen, sie vermitteln
ihnen durch ihre Arbeit Anerkennung und Selbstwertgefühl. Die Menschen schaffen
Einkommen, sie zahlen Steuern für die öffentlichen Haushalte und Beiträge für die
Sozialversicherungen. Die Unternehmen brauchen aber Geld und ein gewisses Maß an
Freiraum, Anerkennung und Motivation durch den Staat und die Bevölkerung zu ihrer
gedeihlichen Entwicklung. Ein immer fetter werdender Staat beansprucht auch immer mehr
Geld und demotiviert obendrein nur zu oft. Das ist kontraproduktiv. Er tritt sehr zinsrobust am
Kapitalmarkt auf und nimmt damit einen ständig wachsenden Anteil am verfügbaren
Kreditvolumen für sich in Anspruch.

Staatsschulden sind - wie oben ausgeführt - nur noch sehr schwer zu tilgen, wenn sie erst
einmal in Kauf genommen wurden. Durch sie sind staatliche Leistungen entstanden, die die
Bürger auch in Zukunft fordern. Suggestiv, aber unsinnig war und ist jedoch der Vorwurf,
wer Schulden mache, verprasse die Zukunftschancen unserer Kinder, die diese Schulden
wieder tilgen müssten. Das Problem ist eher, dass vermehrte Tilgungsanstrengungen nur in
Zeiten ausgezeichneter Hochkonjunktur möglich und sinnvoll sind. Das Ziel kann nicht mehr
heißen: "Tilgung der Staatsschulden", sondern realistischerweise "Einfrieren der
Staatsschulden auf einem abgesicherten Niveau". Und dies bedeutet praktisch, dass immer nur
soviel neue Schulden gemacht werden, wie alte zu tilgen sind.


Dies bedeutet praktisch, dass eine Periode des "New Deal", also eine Periode mit hohen
Nachfrageschüben nicht mehr seitens des Staates, sondern durch die privaten Haushalte
initiiert werden sollte. Wofür aber nähmen Hunderttausende von Haushalten jährlich jeweils
Kredit in der Höhe von über 100.000 € auf? Da bietet sich nur eine Möglichkeit an: Der
Staat begünstigt in Zukunft radikal privates Wohneigentum und den Ausstieg aus abhängigen
Mietwohnverhältnissen - nicht durch Subventionen, sondern durch geeignete Markteingriffe
(sh. Absatz 3.4). Das brächte für viele Vermieter Nachteile mit sich, weil sich der Leerstand
in "Mietwohnungsbrachen" vergrößern würde. Aber das wäre - volkswirtschaftlich gesehen -
auf Dauer das politisch kleinere Übel.




                                                                                         Seite: 7
2.5 Das Geldkapital verlässt unser Land
Geldkapital ist ein Anrecht auf Leistung. Wenn längerfristig mehr Kapital das Land verlässt
als von außen neues hereinkommt, kann die betreffende Region zum Armenhaus verkommen,
denn durch Kapitalflucht entstehen Nachfrageausfall und Refinanzierungsschwierigkeiten der
Banken. Das dies ein ernstes Problem für unser Land geworden ist, lässt sich unschwer aus
Abschnitt 1.2 ableiten. Ca. ein Drittel des gesamten Geldvermögens Deutscher ist im Ausland
angelegt! Vor den Folgen dieser Entwicklung darf man nicht länger die Augen verschießen!



2.5.1 Katastrophale Wirkungen auf die Geldmenge
Das Problem der Kapitalflucht liegt im Aggregatzustand des Buchgeldes begründet, der in der
Natur keine Analogie hat. Welchen Aggregatzustand hat das Geld?
Klar, es ist fest, Münzen und Scheine sind fest! Aber das Buchgeld? Nein, das ist nicht fest!
Aber es stellt unzweifelhaft genauso ein Anrecht auf Leistung dar wie Noten und Münzen.
Diese Geldform ist - schon rein mengenmäßig betrachtet - viel wichtiger geworden als
Scheine und Münzen. Angenommen, die Bundesbank gewähre einer Großbank zwecks
Refinanzierung einen Kredit von 1 Mrd. €. Es wird dann 1 Mrd. € Basisgeld neu geschöpft.
Dieses Geld bläht sich in den Folgemonaten und -jahren eigendynamisch auf. Es expandiert,
ohne sich zu "verdünnen" und ohne an Qualität zu verlieren. Binnen eines Jahres vermehrt es
sich nach allen Erfahrungen auf die 4- bis 8-fache Menge, also auf 4 bis 8 Mrd. €. Genau
weiß niemand diese Relation, und sie ist auch, bedingt durch die schwankende
Ausgabenfreudigkeit der Bürger, durch keinen Experten von vornherein kalkulierbar. Diese
phänomenale sekundäre Buchgeldschöpfung erfolgt, weil die Geschäftsbanken aus den
Einlagen ihrer Kunden neue Kredite finanzieren. Aus den Schulden des A werden wieder
Einnahmen des B, der diese mehr oder weniger schnell und in mehr oder weniger hohem
Anteil zu Einlagen im Banksystem macht. Daraus können dann abermals Kredite werden usw.
Gäbe es keine Kassenhaltung bei den Wirtschaftssubjekten, insbesondere keine verordnete
Mindestreserve für die Banken, würde die Buchgeldmenge ins Unermessliche steigen. Diese
sekundäre Buchgeldschöpfung geschieht, ohne dass man aus der Sicht einer einzelnen Bank
davon etwas bemerkt.

Für die originäre Geldmengenvernichtung gilt das Analoge: Tilgt die Großbank z.B. 1 Mrd. €,
wird das Geld an die Bundesbank zurückgegeben, dann dauert es vielleicht ein Jahr und wie
von Zauberhand ist aus dieser originären Geldrückführung ein sekundärer
Geldmengenrückgang von ca. 5 Mrd. € geworden.
Stellen Sie sich ganz anschaulich einen großen Topf mit 5 Litern Suppe vor. Sie schöpfen
davon einen halben Liter ab. Und nur dadurch setzen binnenaktive Prozesse ein - und nach
einiger Zeit des Wartens ist der Topf ohne Ihr Zutun nur noch halb voll. Die
Buchgeldschöpfung ist den meisten Volkswirten ein Begriff. Aber kaum einer macht sich den
Umkehrprozess klar. Buchgeld ist zwar auf Vermehrung angelegt, es kontrahiert aber auch im
Laufe der Zeit, wenn man dem System Geld entzieht.

Ein Einlagenrückgang zwingt die Banken nämlich zur Einschränkung des Kreditvolumens,
d.h. Kredittilgungen der Bankkunden können nicht für neue Kredite verwendet werden. Die
Verdünnung der Geldmenge bei Nichtbanken erfordert die erneute Auflösung von
Bankeinlagen an anderer Stelle. Das zwingt wieder zur Einschränkung des Kreditvolumens
bei dieser Bank usw. Was hat das nun mit der Kapitalflucht zu tun?


                                                                                       Seite: 8
Der Geldkreislauf ist nicht nur gegenüber dem Notenbanksystem offen, sondern auch
gegenüber dem Ausland. Durch das Ausland und das Notenbanksystem kann Geld den
Binnenkreislauf verlassen. Es kann aber auch durch diese beiden Subjekte gespeist werden.
Sie sind damit Geber und Nehmer originärer Geldmittel. Jeder "Tropfen" (im Bild bleibend),
der die Basis-Geldmenge verlässt, vernichtet in Folge etwa 4 - 8 "Tropfen" Buchgeld - und
umgekehrt (sekundäre Buchgeld-Vernichtung bzw. Schöpfung).


2.5.2 Die Fehler der Vergangenheit
Können Sie sich vorstellen, dass eine Steuer völlig kontraproduktiv wirkt, dass es eine Steuer
gibt, die das Gesamtsteueraufkommen mindert? Dies ist meines Erachtens der Fall bei der
Kapitalertragssteuer. Die Einnahmen aus dieser Steuerquelle sind wohl niedriger, als die
durch sie verursachten Verluste bei fast allen anderen Steuerarten. Die Einführung dieser
Steuer geht zurück auf die Amtszeit Theo Waigels, in der uns seinerzeit die
Zinsabschlagsteuer und der Bürokratiemüll mit den Freistellungsbescheiden beschert wurde.
Finanzminister Waigel ging von der Annahme aus, dass es ihm in absehbarer Zeit durch
deutschen Einfluss gelänge, jene Steueroasen in Europa, wo keine Kapitalertragssteuern fällig
werden, mittels "Harmonisierung" zu schließen. Es ist ihm nicht gelungen. Und selbst wenn
es ihm gelungen wäre: Es bleibt doch absolut töricht, in einer globalisierten Weltwirtschaft
Zonen unterschiedlicher Kapitalertragsbesteuerung halten zu wollen!

Damit schafft man Zonen unterschiedlicher Prosperität! Jedes europäische Land muss für
seine eigene Geldmenge Sorge tragen, um nicht wirtschaftlich abzusinken. Das alleinige
Vertrauen auf das größere Europa kann eine gefährliche Nachlässigkeit sein. Einen nationalen
wirtschaftlichen Ruin kann man auch durch eine europäische Regionalförderung kaum mehr
ausgleichen.

Zurück zu den Steueroasen: Die europäischen Staaten haben ihre Steuerhoheit behalten - mit
der Folge beibehaltener, unterschiedlicher Steuersätze. Vor diesem Scheitern der
Steuerharmonisierung in Europa war bereits dafür gesorgt worden, dass unser damaliger
Finanzminister "nicht anders konnte". Das Bundesverfassungsgericht forderte die
Besteuerung der Zinserträge, obwohl eine Beeinträchtigung unserer Verfassung schwer
nachvollziehbar war. Die Einführung der hohen Zinsbesteuerung hat angesichts der offenen
Grenzen auch fürs Kapital zu so gewaltigen Nachteilen geführt, dass die gewonnenen
Mehreinnahmen die mitverursachten Steuerausfälle nicht kompensieren können. Ein echtes
Eigentor! Zugegeben, die hier geäußerte Überzeugung lässt sich erst dann mit
Zahlenvergleichen verifizieren, wenn die Kapitalertragssteuer radikal gekürzt worden ist.
Aber vielleicht haben auch Sie schon selbst erlebt, wie schnell Geld aus Deutschland
verschwindet:

Da sagt der Bankangestellte: "Ihre Eltern haben Ihnen schon jetzt 60 000 € geschenkt, wie
klug von ihnen und wie schön für Sie. … Sie wollen das Geld zinsgünstig anlegen und vor
allen Dingen keine Probleme mit der Zinsertragssteuer haben?!" Zustimmendes Kopfnicken.
"Dann empfehlen wir Ihnen, das Geld in jenen ausländischen Fonds zu stecken. Das geht ganz
problemlos!" Kunde: "Ist das denn legal?" Müdes Lächeln auf der anderen Seite… Am
nächsten Tag sind zum tausendsten Male erhebliche Beträge (einschließlich Ihrer 60 000 €)
aus Deutschland in die weite Welt abgewandert. Die Hälfte wird vielleicht wieder in
Deutschland investiert. Weiß man´s? Wenn wenige so handeln, ist das kein Problem, wenn
Millionen Bürger aber so vorgehen, ist dies auf Dauer eine Katastrophe. Bedenken Sie: Jeder
Geldabfluss ins Ausland ist eine originäre Basisgeldvernichtung, jeder Zufluss eine
Basisgeldschöpfung. Die unterschiedliche Zinsbesteuerung führt meines Erachtens derzeit

                                                                                        Seite: 9
noch täglich zu weiterer Kapitalflucht. Hunderte Milliarden Basisgeld sind so aus
Deutschland abgezogen.

In der letzten Legislaturperiode wurde der Druck erhöht, der Steuerfreibetrag gekürzt und ein
unsäglicher Populismus zwecks Erhöhung der Vermögenssteuer selbst für Geldkapital
veranstaltet. Er kann sich bei der Durchsetzung der Agenda 2010 aktuell wiederholen.



3.0 Die Agenda für eine Neuorientierung
Wir haben unsere wirtschaftliche Situation über-dacht, d.h. wir haben mit einer gewissen
Distanz die Gegebenheiten aufgezeichnet und analysiert. Und haben größere Zusammenhänge
erkannt. Wir müssen jetzt um-denken und in Form neuer Zielvorstellungen falsche
Orientierungen meiden und versuchen, aus dem Abseits herauszukommen. Es gilt,
erfolgreichere Perspektiven zu finden. Wer nach-denkt, versucht, auf den richtigen Weg zu
finden, die bessere Zukunft gedanklich einzuholen. Wer nach-denkt, sucht nach Strategien
und Möglichkeiten, die neuen Erfordernisse zu realisieren. Wer aber nachdenken will, ohne
vorher über- und umzudenken, verharrt in seinem Horizont. Er dreht sich im Kreis, wünscht
sich neue Gedanken und kann sie nicht finden.

Die folgenden Leitideen sollen ein Umdenken einleiten. Die Punkte 3.1 und 3.2 gehören noch
eher unter die Kategorie "Management des bisherigen Niedergangs". Die Punkte 3.3 und 3.4
weisen Richtungen für neue Weichenstellungen. Wenn hierzu nicht entscheidendes passiert,
muss man für die Zukunft unserer Kinder wirklich schwarzsehen. Dann wird es wohl einmal
heißen: Euro-Land ist ausgebrannt.


3.1 Schlankheitskuren für den Staat
Wären die Bundesländer Unternehmen, würde man Fusionen erwarten und verlangen, um
Spareffekte zu erreichen (wie es vor Jahren z.B. Krupp und Thyssen praktiziert haben). Der
wirtschaftliche Ruin beider Konzerne wäre eine Katastrophe gewesen; dagegen bot die Fusion
trotz teils schmerzhafter Einschnitte Möglichkeiten für synergiereiche Umstrukturierungen.

Kann es angesichts der Staatsverschuldung sinnvoll sein, dass unweit von einander z. B. in
Hamburg und Kiel oder in Mainz und Wiesbaden oder in Potsdam und Berlin ständig die
gleichen Dinge neu erfunden werden? Parallel wird in 16 einzelnen Bundesländern z.B. an
Organisationsentwicklungen gefeilt, werden ähnliche Erlasse für Schulen und Polizei einzeln
erarbeitet und ähnliche Lehrpläne und Gesetze verfasst. Brauchen wir tatsächlich so viele
Bundesländer? Sicher, wir haben in Europa noch kein starkes "Washington". Man muss aber
kein Prophet sein, um die weitere analoge Integration und Harmonisierung wie in Amerika
vorauszusehen. Könnten Sie sich in Amerika in jedem Bundesstaat noch einmal ein Dutzend
Bundesländer vorstellen?
Wir könnten doch gut damit leben, wenn es z.B. bei Bildungspolitik und innerer Sicherheit
mehr Einheitlichkeit gäbe! Und hat die Pisastudie nicht gezeigt, dass eine bundesweite
Bildungspolitik am besten in München konzipiert würde?

In jedem Fall muss auch in Zukunft Länderverwaltung dezentral Aufgaben wahrnehmen. Sie
könnte in ihrem Handeln aber sogar durch eine länderübergreifende Verwaltung legitimiert
sein, für die eine gemeinsame Legislative (reformierter Bundesrat) zuständig wäre. Die
länderspezifischen Aufgaben ließen sich dann wieder klarer von den Bundeskompetenzen

                                                                                      Seite: 10
abgrenzen. Die Staaten der EU haben es vorgemacht. Sie haben schon jetzt viel Macht nach
Brüssel abgegeben, weil man den gemeinsamen Entscheidungen (die viel effizienter zu
treffen sind) den Vorrang geben will.

Auch die Politik sollte sich das Prinzip der Ökonomie in der Staatsverfassung zum Leitbild
nehmen. Der Staat wäre konsequent so zu reformieren, dass die Steuern regelmäßig
ausreichen und ein Betrag für Schuldentilgung übrig bleibt.

Neben den Kosten für den redundanten, steuerverzehrenden Staatsaufbau finden sich immer
wieder "Schwarze Löcher" für die öffentlichen Haushalte. Gemeint sind unvermittelt
auftretende Notstände, die außergewöhnliche Hilfsleistungen erfordern, wie z.B. nationale
oder internationale Katastrophen, notwendige Auslandsengagements o.ä. Um solche
Belastungen abfedern zu können, müsste die EU durch die nationalen Regierungen Hilfsfonds
aufbauen, die wie private Versicherungen - einschließlich Rückversicherung - funktionieren.
Die Haftung wäre mit der Einzahlung erster Risikoprämien zu gewährleisten. Die EZB sollte
die Rückversicherung gewährleisten. Um in den Genuss finanziellen Risikoschutzes zu
kommen, wären nicht nur Beiträge zu zahlen, sondern auch Schutzvorkehrungen in jedem
Land zu verlangen, z.B. mehr Deichbau, Küstenschutz und Waldbrandschutz. Für 2002 wären
mit der Elbüberflutung und der Ölpest in Spanien schon zwei Beispiele außergewöhnlicher
nationaler Belastungen genannt.

Natürlich liegt auch bei den Steuern vieles im Argen. Die Gewerbesteuer z.B. sollte wieder zu
einer reinen Gemeindesteuer werden. Sie ist im Rahmen zweifelhafter Reformen zuerst
reduziert worden; dann haben Bund und Länder einen erheblichen Anteil des
Gesamtaufkommens für sich abgezweigt. Dabei war die Gewerbesteuer die traditionelle
Haupteinnahmequelle der Gemeinden. Das war eine gute Tradition! Erstens brauchte man
sich nicht Gedanken darüber zu machen, welche Steuerumlagen ersatzweise wiederum für die
Gemeinden abgezweigt werden könnten, und zweitens wäre die Gewerbesteuer als reine
Gemeindesteuer ausgesprochen wertvoll, weil sie die "Nachbarschaft" zwischen Gewerbe und
Gemeinde wieder neu beleben würde. Die Verwendung dieser Steuer erfährt der
Gewerbetreibende unmittelbar. Das wären vor Ort wichtige psychologische und ökonomische
Elemente im Sinne einer neuen Toleranz, im Sinne der Wirtschaftsförderung,
Standortbereitstellung und Mittelstandsförderung! Seine Gemeinde steht dem Bürger von
allen Gebietskörperschaften am nächsten. Zuallerletzt würde er auf Müllentsorgung,
Abwasser- und Straßenreinigung, Renovierung der Straßen, Schulbauten, Parkanlagen und
Sportstätten verzichten wollen.

Wenn von den Bürgern durch neue Einschnitte ins Soziale Netz laufend Opfer verlangt
werden, dann ist es auch berechtigt, vom Staat selbst langfristig Veränderungen zu erwarten,
die ihn befähigen, mit dem regelmäßigen Steueraufkommen alle notwendigen öffentlichen
Aufgaben ohne Zusatzverschuldung zu finanzieren. Trotzdem darf man hier keine raschen
Reformen erwarten, denn nichts ist schwerer als einmal geschaffenen Institutionen und
Konstitutionen die Frage nach "Sein oder Nichtsein" zu stellen. Unabhängig vom Sinn
einstiger Vorhaben, denke man nur an die Querelen um den Fortbestand von
Landschaftsverbänden oder Landesversicherungsanstalten zurück.




                                                                                      Seite: 11
3.2 Mehr Pädagogik in der sozialen Sicherung
Kaum eine Leistung der Sozialversicherungen ist überflüssig. Es sollte nicht darum gehen,
Leistungen zu streichen oder Leistungen aus dem gesetzlichen Sicherungssystem zu
entfernen, um sie bei privaten Versicherern unterzubringen. Es ist doch zweifelhaft, ob das
Krankengeld - eine Leistung für Schwerkranke, die auch nach 6 Wochen noch nicht wieder
arbeitsfähig sind - einer privaten Versicherungspflicht überlassen werden sollte, während
geringwertigere medizinische Leistungen im gesetzlichen Krankenversicherungsschutz
bleiben, obwohl man sie - im Preis ähnlich einer Autoreparatur - notfalls auch selbst bezahlen
könnte.

Da alle staatlichen Konstrukte auf die Waage kommen müssten, von der Wehrpflicht bis zu
den institutionellen Trägern, können auch die Sozialversicherungen nicht ausgenommen
werden. Hier kann jedoch kein umfassender Reformentwurf geliefert werden. Es soll lediglich
eine unkonventionelle Idee beigesteuert werden - eine Reformmaxime entworfen werden, mit
der Sozialleistungen nicht wie Erbsen nach dem Auswahlkriterium "muss bleiben" bzw.
"kann wegfallen" sortiert werden. Die Idee ist nicht neu, aber nur ansatzweise verwirklicht.
Sie ließe sich wie folgt formulieren: Statte möglichst jede Leistung mit einer "pädagogischen
Dimension" aus, die eine zu extensive Inanspruchnahme im Eigeninteresse des
Leistungsempfängers bremst. Diese "pädagogische Dimension" soll im Folgenden am
Arbeitslosengeld exemplarisch verdeutlicht werden.

Wer arbeitslos ist, braucht zunächst für mindestens einen Monat weiterhin den vollen
Nettolohn, da man neben den Aufwendungen des Lebensunterhalts zusätzlichen
Bewerbungsaufwand aufbringen muss: Also im 1. Monat wären 100% der
Bemessungsgrundlage (= Regel-Nettolohn) angebracht. Diese anfängliche Großzügigkeit
verstärkt die "pädagogische Dimension". Sie besteht dann aber darin, dass man Monat für
Monat ein kräftiges Absinken erleben lässt: Im 2. Monat sollten es 85%, dann 70% und im 4.
Monat 55% des Regel-Nettolohns sein. Ab diesem Monat erhält man das Anrecht auf ein für
den Anwärter zinsfreies, durch das Arbeitsamt verbürgtes Bankdarlehen. Der Tilgungsplan
beginnt nach 6 Monaten in kleinen Raten. Das Arbeitslosengeld fällt dann weiterhin ab - bis
zum Nullwert - jedoch mit kleinerer Monatskürzung (z.B. 10%). Zum Ausgleich kann das
Darlehen Monat für Monat um den Kürzungsbetrag aufgestockt werden. Die Tilgungsraten
werden jedoch auch mit jeder Darlehensaufstockung etwas höher beschieden (und weiter
gestreckt). Wer dann nach einem Jahr keine Arbeit gefunden hat, wird im Rahmen staatlicher
Arbeitsprogramme beschäftigt. Er wird angestellt von geförderten Firmen, deren routinierte
Stammbelegschaften durch zusätzlich angelernte Teilbelegschaften aus diesen Langzeit-
Arbeitslosen aufgestockt werden. Natürlich muss auch die zweite Gruppe angemessen bezahlt
werden.

So wird ein permanenter psychologischer Aufforderungsdruck installiert, endlich Arbeit zu
finden und/oder anzunehmen. Gleichzeitig sinkt die staatliche Belastung. Pädagogische
Dimensionen wären bei vielen Geldleistungen in ähnlicher Form planbar. Wenn auch durch
Eigenanteile der Versicherten die Inanspruchnahme von Leistungen nicht gebremst werden
kann, sollten vorsichtig Kontrolldienste eingeführt werden. Wie leistungsfähig dies sein kann,
hat die Politik bereits bei der Pflegeversicherung bewiesen, wo ein medizinischer Dienst die
Pflegeeinstufung vornimmt. Es ist erstaunlich, was die Pflegeversicherung zu leisten vermag -
und das bei einem Beitragssatz von nur 0,85% für den Arbeitnehmer.




                                                                                       Seite: 12
3.3 Veränderung der Kapitalströme
Warum ist Japan in eine deflationäre Rezession gefallen? Steht dies auch uns bevor?
Meines Erachtens haben die Großbanken Japans den Absturz verschuldet. Sie haben die
globalen Exportstrategien ihrer Industrien fälschlicherweise auch auf den Geldsektor
übertragen. Sie mussten zu den weltgrößten Global Players am Kapitalmarkt werden. Die
Exporterfolge der übrigen Wirtschaft sollten analog auch ihren Ruhm mehren. Sie haben die
Spareinlagen der Japaner in die ganze Welt verteilt und sich als stolze Finanziers aller
Großprojekte dieser Welt erweisen wollen: Tunnelbau, Eisenbahnlinien, Brückenbauten,
olympische Städte, Einkauf bei erfolgreichen Aktiengesellschaften ...
Sie haben ihrem Land damit einen schrecklichen Bärendienst erwiesen. Zu spät haben sie
realisiert, dass das Geschäft im eigenen Land wegbrach. Es beschränkte sich zunehmend auf
die Regulierung des Zahlungsverkehrs ihrer Kunden. Wie kleine Kinder schluchzend, haben
sie ihr Volk um Verzeihung gebeten, denn sie hatten die japanischen Zukunftsperspektiven in
die weite Welt exportiert.

Die japanischen Großbanken waren lange Zeit das Vorbild unserer deutschen Großbanken.
Auch bei uns läuft das Geschäft ganz ähnlich: Haben die Kunden mehr als 10 000 € auf ihrem
Bankkonto, werden sie zu einem Beratungsgespräch im Interesse des Kunden gebeten. Es
werden lukrativere Anlageformen angeboten, die das Geld europa- oder weltweit in die
ertragreichsten Investitionen transferieren. Die Banken, die hier Geld absaugen, um es
irgendwo wieder abzusetzen, erweisen uns in absehbarer Zeit den gleichen Bärendienst, den
ihre Vorbilder schon bewerkstelligt haben. Sie verleihen Anrechte auf Leistungen des
Inlandes in die weite Welt. Der Ertrag ist aber meist dort am größten, wo die Arbeitskosten
am geringsten sind. Nach dieser Logik wird in Deutschland erst wieder internationales
Kapital "abgesetzt", wenn wir ärmer geworden sind als die Osteuropäer, und alle Europäer
ärmer als beispielsweise die Chinesen. Wenn wir darauf warten müssen, passiert in der
Zwischenzeit hier der wirtschaftliche Horror.

Die verursachte Rezession wird - durch die Stabilität individueller und kollektiver
Arbeitsverträge bedingt - die Arbeitslosenzahlen immer weiter erhöhen. Bis 2020 muss man
mit 8 Mio. Arbeitslosen rechnen. Jeder zweite junge Mensch wird hier ohne
Dauerbeschäftigung sein. Die Gewerkschaften werden zu Arbeitnehmer-Beratungsvereinen
verkommen. Jeder wird sich mehrere Jobs suchen und mit einem Stundenlohn unter 10 € sehr
zufrieden sein. Die sozialen Sicherungssysteme werden auf das Solidaritätsprinzip verzichten
müssen. Der Schuldenstand der öffentliche Haushalt wird sich in den nächsten 20 Jahren
verdreifachen. Euroland wird beschränkt bleiben, weil Dänen, Schweden und Briten immer
vorsichtiger werden. Besonders perfide könnte die Kapitalpolitik der Global Players am
Kapitalmarkt Osteuropas wirken. Auch dort könnte das Geld abgesaugt werden und die EU
würde verzweifelt Kapital in Fässer ohne Boden schütten, um ein Stück von der Europavision
zu retten. Dies ist leider kein Zweckpessimismus, sondern die logische Projektion der
aktuellen Zeitumstände.

Nach gefährlicher als die Politik der Großbanken ist die der internationalen Eurofonds-
Gesellschaften. Sie werden durch die Bankaufsicht unzureichend kontrolliert und haben keine
lästigen Basisgeschäfte abzuwickeln. Sie subventionieren einen Blätterwald von
Anlagezeitschriften, deren Verlage nie Konkurs gehen können, auch wenn die Auflagen meist
fürs Altpapier produziert werden. Trotzdem verfehlen sie auf Dauer ihre Werbewirkung nicht:
Lebensversicherungen werden vorzeitig aufgelöst. Auch kleinere Kapitalbeträge wandern in
die Hände europa- oder weltweit jonglierender Anleger, die mit Geld verfahren als müssten
sie Segelcups gewinnen. Auf ihrer Ertragsjagd wird das schlechte Gewissen beiseite

                                                                                     Seite: 13
geschoben, da man ja schließlich viel für die Kundschaft tun will, die übrige Politik nur
einseitig reflektiert wird und die eigene Wertschätzung am Fondsverlauf orientiert ist.

Wenn Sie, verehrte BundesbürgerInnen, einen Funken Hoffnung für Ihre Kinder sichern
wollen, dann bringen Sie Ihr Geldkapital zu solchen Banken, die erklärtermaßen 90% ihres
Kreditvolumens bei inländischen Investoren platzieren. Ich weise an dieser Stelle den
Vorwurf einer Deutschtümelei entschieden von mir. Den obigen Rat gebe ich ganz
entschieden auch allen anderen Europäern: Holländer, Franzosen, Italiener, Briten, … sorgt
dafür, dass euer/unser Geld nicht überall verplempert wird.

Hat man in Berlin schon den Knall gehört?

Es ist in einer globalisierten Wirtschaft und in einem Europa mit offenen Grenzen völlig
töricht, Kapitalbeträge in Deutschland in höherem Maße zu besteuern als anderswo. Man darf
den Kapitalertrag nicht mit anderen Einkommensquellen gleichsetzen, sondern muss seine
Besteuerung von der Progression abkoppeln.

Wäre dies ein Staatsgeschenk für Reiche? Aus der Position eines normalen Mittelständlers
kann ich solchen Vorwurf nicht nachvollziehen. Es ist doch vielmehr eine Solidarleistung
Vermögender, ihr Kapital dem finanziellen "Lückenstopfen" bzw. der Finanzierung von
Investitionen zur Verfügung zu stellen. Für diesen zeitlichen Verzicht auf Konsum muss man
nicht noch steuerlich bestraft werden, zumal das Ersparte in aller Regel aus bereits
versteuertem Einkommen abgezweigt wurde. Der Fiskus sollte sich auf eine minimale
Quellensteuer beschränken und auf jegliche weitere Besteuerung verzichten. Weitergehende
Abgaben sind Gift für die Konjunktur und kontraproduktiv für das mittelfristige
Gesamtsteueraufkommen. Wenn man als Politiker die Wahl hat zwischen mehr Gerechtigkeit
aber Niedergang auf der einen Seite und weniger Gerechtigkeit aber Prosperität auf der
anderen Seite, dann sagen Logik und Gewissen wofür man sich zu entscheiden hat.

Unbedingt muss es eine echte Amnestie für zurückfließendes Kapital geben, welches in den
Vorjahren unversteuert geblieben ist. Der Staat kann doch nicht einfach ein Viertel des
zurückkehrenden Kapitals "rauben" und das wegfließende Kapital ungeschoren lassen. Das ist
gerade so, als träte man dem "verlorenen Sohn" ins Hinterteil und verabschiede denjenigen
mit einem Küsschen, der einem soeben das Hinterteil zeigt. Es würde sicher viele
BürgerInnen interessieren, ob der Finanzminister in solchem Finanzgebaren von den
Großbanken beraten wurde. Ein Rückfluss von Auslands-Geldanlagen ist nachhaltig zu
begünstigen, um die Refinanzierungsmöglichkeiten der Banken für entwicklungsorientierte
Wirtschaftsförderungen (sh. nachfolgende Abschnitte) sicherzustellen.

Es brächte nicht viel, wenn zurückfließendes Geld nur die Aktienkurse aufblähte, um
schließlich wieder zwischen verschiedenen Anlagemöglichkeiten hin- und herzuschwappen.
Das wäre vielleicht im Sinne der alten Anlegergeneration, aber die notwendige
Wirtschaftsbelebung wäre damit keinesfalls garantiert. Vielmehr müssen reale Motivationen
aufgebaut werden, Geld in Deutschland zu investieren.




                                                                                   Seite: 14
3.4 Entwicklungsorientierte Wirtschaftsförderung
Epochale Neuentwicklungen haben jeweils Lebenszyklen von ein, zwei oder gar vielen
Jahrzehnten. Ihre Beachtung ist von entscheidendem Einfluss auf die Beschäftigung einer
Volkswirtschaft. Wenn ganze Technologien in ihrer Bedeutung nicht erkannt werden (wie in
den 70er Jahren die Chip- und PC-Entwicklung), entstehen bedrohliche
Beschäftigungseinbrüche. Man kann eine Lehre aus dem Marketing-Modell der sich
aufreihenden Produktlebenszyklen ziehen. Zum Beispiel: Produkt-Entwickler haben im
Maßstab ihres Betriebes frühzeitig darüber nachzudenken, wie immer wieder Erfolg
versprechende     Neuentwicklungen       aufgelegt    werden       können,   um     ihre
Beschäftigungskapazitäten dauerhaft auszulasten. Dieses Modell lässt sich in größerem
Maßstab auf die Beschäftigung einer ganzen Volkswirtschaft übertragen.

Entwicklungsorientierte Wirtschaftsförderung bedeutet, in jeweils frühen Phasen
erfolgversprechende Wirtschaftsbereiche mittels Verwaltungshandeln, Forschung,
Meinungsbildung und Ressourcenbildung zu unterstützen und zu fördern, um Marktpotenziale
zu erschließen und zu versorgen, die einer menschen- und naturwürdigeren Zukunft den Weg
bereiten. Im Folgenden sollen beispielhaft zwei große Möglichkeiten für eine solche
Wirtschaftspolitik vorgestellt werden: "Kultur des extensiven Bauens, Lebens und Wohnens"
und "Gleitende Transportmittel als zusätzliche Verkehrsalternative"


3.4.1 Kultur des extensiven Bauens, Lebens und Wohnens
Die Bauindustrie hat eine Schlüsselstellung. Jedes fertig gestellte Haus zieht eine Fülle von
Investitionen nach sich: vom Teppichboden, über Möbel bis zur Gartengestaltung usw. usw.
Die Summe dieser individuellen Investitionen ermöglicht und erfordert gesamtwirtschaftlich
zahllose Arbeitsplätze. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Ein neues Einfamilienhaus schlägt
im Durchschnitt heute mit 250 000 € zu Buche. Wenigstens 100 000 € davon entfallen auf
den Grundstückserwerb. Die verbleibenden 150 000 € sind zu einem Großteil Arbeitslöhne -
auf eine Person umgerechnet, ergeben sich so mehrere einkommensträchtige
"Beschäftigungsjahre". Läge der Grundstückspreis und damit die Schwelle zum Bau-
Entschluss deutlich niedriger, so würden eben diese "Beschäftigungsjahre" für viele
Menschen sichergestellt (siehe unten stehende Berechnungen).

Die Verteuerung von Grund und Boden, jenseits des entgangenen landwirtschaftlichen
Nutzens, ist entscheidend kontraproduktiv! Wen wundert es da noch, dass so viele Menschen
in unserer Zeit keine Arbeit finden?

Durch die Schaffung und Erhaltung eines permanenten Überangebots von potentiellem
Bauland könnten dessen Preise von spekulativen Margen befreit werden. Der Preis sollte
jedoch hoch genug bleiben, um dem Bauern einen Ausgleich für den bei Veräußerung
entgangenen landwirtschaftlichen Ertrag zu gewährleisten und die Erschließungskosten
abzudecken. Dabei sollten die Grundsätze für Erschließungen neu bewertet werden: Zu einem
Haus muss z.B. nicht unbedingt ein gepflasterter Bürgersteig führen, und nicht jede
abgelegene Kleinsiedlung braucht eine zentrale Abwasserentsorgung (auf Umweltmessen
werden auch akzeptable Lösungen für dezentrale Abwasseraufbereitungen vorgestellt).

Bis zum heutigen Tag erzwingen die oben beschriebenen Gruppeninteressen (sh. Abschnitt
2.2) gesichtslose Reihenhausfluchten mit jeweils einem kleinen Maschendraht-Laufstall
hinter dem Haus. Müssen heute selbst hässliche, alte Kasernengebäude, für die der

                                                                                      Seite: 15
Denkmalschutz kein Alibi sein kann, zu stark verdichtetem Wohn(?)raum umfunktioniert
werden?

Bund, Land und Kommunen sollten dauerhaft viel mehr Baulandflächen schaffen und
individuelle Baulandwünsche großzügiger bescheiden. Die Bebauung parallel zu einer
abgelegenen Straße muss z.B. nicht als "Landschaftszersiedlung" bewertet werden, wenn
zwischen der Straße und den Häusern bewaldete Grüngürtel zur optischen Trennung angelegt
werden können. Heute noch abschlägige Bescheide eines Bauordnungsamtes könnten künftig
unter kreativen Auflagen positiv beantwortet werden. Ein solches Verwaltungshandeln würde
preiswerte Baulandflächen massiv vermehren. Ziel sollte es sein, über Jahre/Jahrzehnte eine
Fluktuation aus Mietwohnungen hin zu eigenem Wohneigentum zu begünstigen -verbunden
mit dem Abriss von Mietshäusern am negativen Qualitätsende bzw. an unzumutbaren
Standorten.

Die Option auf Wohneigentum im Grünen soll keineswegs als Absage an andere erfreuliche
Städtebau-Entwicklungen verstanden werden, wo eine vormals prächtige Bausubstanz und
Fassade wieder restauriert wird, wie z. B. der Stadtbezirk um den Käthe-Kollwitz-Platz im
Berlin. Im Übrigen sollte niemand ins Grüne getrieben werden.


3.4.1.1 Die Vision
Dann haben die großen städtischen Ausfallstraßen rechts und links keine Nahbebauung mehr,
nur bewaldete Ränder und Schutzzäune. Durch immer mehr Kreisverkehre bewegt sich der
Straßenverkehr endlich wieder flüssig. Vielspurige Straßen sind zum Teil zurückgebaut
worden, da überbreite Kreuzungsbereiche nicht mehr erforderlich sind.

Stellen wir uns das Wohnen in einer großen Parklandschaft vor mit alten Baumbeständen, mit
Wald, Wiesen und kleinen Gehölzen, mit Busch- und Baumgruppen, mit vielen Feuchtgebieten
und kleinen Gewässern. Dazwischen verstreut viele Einfamilienhäuser, die durch solide
einfache Straßen verbunden sind. Man könnte zwischen ihnen nach dem Kompass wandern,
über Grünflächen und auf Pfaden vorbei an schöner Natur und weißen Häusern, die zum Teil
im Rund um ein kommunikatives Zentrum gebaut sind. In der Regel schließen die
Grundstücke nicht unmittelbar aneinander. Sie liegen vielmehr wie zahllose Inseln im Meer
einer Parklandschaft, die in der Regel von den Bewohnern selbst gepflegt wird, da jeder
Grundstückseigentümer noch ein Stück umgrenzendes Patenschaftsland versorgen muss, auf
dem er nicht bauen kann, das er auch nicht abzäunen darf und dessen Betreten er nicht
verweigern darf. Er muss es aber hegen und von Unrat freihalten.


3.4.1.2 Der erforderliche Flächenbedarf
Viele werden meinen, eine solch extensive Wohnkultur ließe sich in Deutschland wegen
seiner großen Einwohnerzahl nicht verwirklichen, weil die Fläche nicht ausreicht. Die
folgenden Berechnungen sollen sie vom Gegenteil überzeugen:

In Deutschland gibt es 13,82 Mio. "bewohnte Eigentümerwohneinheiten" und
20 Mio. "bewohnte Mietwohneinheiten". 41% der Wohnungen sind also vom Eigentümer
selbst bewohnt. Setzten wir uns das Ziel, diesen Anteil in den nächsten Jahrzehnten auf 65%
zu erhöhen, dann müssen 8,2 Mio. Eigentumshäuser zusätzlich gebaut werden.



                                                                                    Seite: 16
8,2 Mio. Eigentümerhäuser mit einer durchschnittlichen Grundstücksgröße von 800 qm
erforderten eine Fläche von 656 000 ha. Um den Charakter einer Parklandschaft zu bewahren,
sollte nicht mehr als ein Fünftel ihrer Fläche bebaut werden. Das ergäbe einen
Gesamtflächenbedarf von 5 x 656 000 ha = 3,28 Mio. ha. Nun weist Deutschland aber 17,3
Mio. ha landwirtschaftlich genutzte Flächen auf, also mehr als 5-mal soviel wie benötigt!
(siehe "Statistisches Jahrbuch 2002 der Bundesrepublik Deutschland"). Nicht berücksichtigt
ist dabei der Flächengewinn aus der Rekultivierung von alten Baugrundstücken, auf denen
Mietwohnungshäuser minderer Qualität oder unglücklicher Lage standen.

Durch die erzwungene Verdichtung des Wohnens entsteht bei uns in Deutschland ein Gefühl
von Enge und die Wahrnehmung, dass dieses Land überbevölkert sei und keinen erweiterten
individuellen "Lebensraum" zulässt. Das ist objektiv falsch!


3.4.1.3 Die Wirkung auf den Arbeitsmarkt
Im Jahr 2000 wurden nur 141 000 Eigentümer-Wohneinheiten gebaut (Tendenz: rapide
fallend!), aber doppelt so viele Mietwohnungen. Für die Erstellung einer
Mietwohnungseinheit wird durchschnittlich nur 50% des Beschäftigungsaufwands benötigt,
der zur Erstellung einer durchschnittlichen Eigentümer-Wohneinheit aufgewandt wird.
Nehmen wir an, die Relation könnte durch eine entsprechend entwickelte Motivation
umgekehrt werden. Es würden jährlich nur 141 000 Mietwohneinheiten, aber 282 000
Eigentümer-Wohneinheiten gebaut.

Da im Durchschnitt Eigentümerhäuser mindestens 90 000€ teurer sind als die Baukosten einer
Mietwohnung, entstände jährlich für die Dauer der Finanzierung ein neuer
volkswirtschaftlicher Initiativ-Umsatzes von 141 000 x 90 000 € = 12,7 Mrd. €. Da dieser
während eines Jahres 8-mal erneut Umsatz und Einkommen schaffen könnte, würden
insgesamt
101,6 Mrd. € mehr umgeschlagen. (Die Umschlagshäufigkeit 8 ist vorsichtshalber deutlich
niedriger als die Anzahl jährlicher Einkommenszahlungen gewählt.) Wenn man annimmt,
dass das Einkommen einer Periode zu Umsatz in der Folgeperiode wird, und dieser in der
übernächsten Periode zur Hälfte erneut zu Umsatz (Vorleistungen) und zur anderen Hälfte
erneut zu Einkommen (Wertschöpfung) wird, dann wird näherungsweise ein Drittel des
umgeschlagenen Geldes zu Einkommen (sh. Tabelle).

 Periode           0         1      2      3        4         5         6       ..    14
                 E=100     U=100   U=50   U=25    U=12,5   U=6,25    .                ..
                (Kredit-                                   E=6,25    .
 Aufsplittung   nahme)                            E=12,5   U=12,5    .
 in                                       E=25    U=25     U=12,5    .
 Einkommen                                                 E=12,5    .
 (E) und                           E=50   U=50    U=25     U=12,5    .
 Umsatz (U)                                                E=12,5    E=34,375
                                                  E=25     U=25      U=65,62
 Einkommens-       100       0       50      25     37,5     31,25     34,375   ..   33,33
 anteil in %

Es entstünde also ein zusätzliches Volkseinkommen von ca. 12,7 x 8 / 3 = 33,8 Mrd. €
jährlich.

Das bedeutet: Bei einem ausgesprochen guten durchschnittlichen Jahreseinkommen von
50 000 € könnten


                                                                                     Seite: 17
(33,8 Mrd. € / 50 000 =) 677 333 jetzt noch arbeitslose Arbeitnehmer wieder Einkommen und
Beschäftigung finden. Da die Impulse Jahr für Jahr kumulieren, ließe sich theoretisch
(Voraussetzungen: Die politische Willensbildung wäre entsprechend und alle arbeitslosen
Erwerbspersonen wollten arbeiten) in ca. 10 Jahren die Arbeitslosigkeit vollständig abbauen.

Für alle, die die besagte Kumulation genauer nachrechnen wollen: Angenommen, die von den
Bauherren aufgenommenen Baukredite würden in durchschnittlich 15 Jahren getilgt (Periode
vorsichtshalber niedrig gewählt), dann würde sich der zusätzliche Beschäftigungsschub eines
Jahres entsprechend der Folge
(677 333; 677 333x14/15; 677 333x13/15; 677 333x12/15; …) reduzieren. Da sich die
Beschäftigungsschübe bei einer dauerhaften Politik Jahr für Jahr addieren, ergibt sich als
Summe der obigen arithmetischen Folge nach 10 Jahren eine neue Zusatzbeschäftigung von
10 x (2 x 677 333 - 9 x 677 333/15)/2 = 4,74 Mio. Arbeitnehmern.

Fazit: Die Gebietskörperschaften sind zu veranlassen und zu motivieren, ein Überangebot an
Bauland vorzuhalten und Bauanträge ggf. unter Auflagen großzügiger zu bescheiden.


3.4.1.4 Eine erfreuliche Nebenwirkung
Im Volksmund gibt es Sprüche wie "in einem neuen Haus müsse man nicht lange auf
Nachwuchs warten" oder "wenn man ein neues Haus bezöge, klappe es meist mit dem
Kinderkriegen". Dieses Phänomen hat wohl auch etwas mit der Verhaltensbiologie von
Mensch und Tier zu tun. Eine empfundene Enge des Lebens und Wohnens gilt als mögliche
Ursache für nachlassendes, generatives Verhalten.

Wenn dies stimmt, dann muss dem Ziel einer extensiveren Wohnkultur noch aus einem
anderen Grund ein hoher Stellenwert gegeben werden, nämlich der weiteren Vergreisung der
Bevölkerung vorzubeugen.


3.4.2 Gleitende Transportmittel als zusätzliche
      Verkehrsalternative
Auch verkehrspolitisch sollte man für neue Perspektiven offen sein. Hier wird es sicherlich
noch epochale Neuentwicklungen geben können, deren Beschäftigungswirkungen ebenso
bedeutend sein könnten wie die der oben beschriebenen neuen "Wohnkulturpolitik".


3.4.2.1 Die Vision
Wer in der Ferne Urlaub machen will, auswärts ein besonderes Event miterleben möchte oder
einfach nur mal dem schlechten Wetter entfliehen will, fährt zunächst ein Stück Schnellstraße
bis zum nächsten "Port". Jede Person/Personengruppe wird ab dort logistisch durch einen
individuellen, digitalen Navigator beraten. Vom Port aus benutzt man zunächst einen
"Sprintshuttle". Diese Fahrzeuge führen Fahrgäste an "Gleiter" heran. Dies sind
Weiterentwicklungen des Transrapids. Gleiter selbst legen nur an wenigen deutschen
Großmetropolen einen eigenen Halt ein. In hohem Dauertempo - ohne Lärm – durchlaufen
sie Streckenabschnitte, die an größeren Städten vorbeiführen. Die äußere Spur ist für die
Spintshuttles (kurz: Sprinter) eingerichtet, die städteweise Halt machen und über einen sich
wiederholenden Wechsel von Beschleunigungsphase, Andockmanöver und Abbremsphase das

                                                                                      Seite: 18
Umsteigen der Passagiere ermöglichen. Auf diese Weise kommt man schließlich wieder mit
einem Sprinter auch zu seinem Zielport. Dort kann man unbürokratisch ein Auto mieten. Über
ein kurzes Stück Autostraße ist man - vielleicht dann europaweit - schnell am Ziel.

Ein Fahrgast möchte beispielsweise von Oldenburg nach Augsburg. Er/ sie steigt in
Oldenburg in einen Sprinter. Dieser beschleunigt und dockt, abgestimmt durch Satteliten-
Navigation, an einen rückseitig herannahenden Gleiter an, der nach Süden geht. Der Gast
steigt in den Gleiter um; Fahrgäste mit dem Ziel Papenburg verlassen ihn gleichzeitig. Der
Gleiter ist in ca. einer Stunde am Rhein. Es folgt ein 6-minütiger, konventioneller Halt, da u.
a. viele Fahrgäste für und von Westeuropa umsteigen. In 20 Minuten ist der Gleiter im Rhein-
Main-Gebiet. Auch hier ist ein 6-minütiger Halt. In weiteren 30 Minuten steigt der Gast in
den von Ulm kommenden Sprinter um, der dann in Augsburg hält. Gesamte Fahrzeit ca. 2
Stunden. Man sitzt wie in einem ICE, fährt dreimal schneller als ein Auto und Rastpausen
braucht man nicht vorzusehen. Das Verkehrsaufkommen kann fast beliebig ansteigen. Die
Taktzeiten der Gleiter würden dadurch immer kürzer, so dass ein Fahrplan schließlich
überflüssig ist.

Es können neben einer doppelten Verkehrsschleife (eine im Urzeigersinn und eine gegen den
Urzeigersinn verlaufend) auch Achsenabschnitte von europäischen Nord-Süd-, Ost-West- und
Diagonalachsen in unserem Land gebaut werden. Es gibt nur dort Haltestellen (6 bis 7 in
Deutschland), wo in der Schleife europäische Netzknoten liegen. Zwischen den Netzknoten
hält der Gleiter eine hohe Dauergeschwindigkeit (400 – 500 km/h) aufrecht. Auch während
der Fahrt können Fahrgäste vermittels ankoppelnder Sprinter ein- oder aussteigen. Auf der
Fahrt von Hamburg nach München würden entlang des Schleifenstücks z.B. nacheinander 10
bis 15 Sprintshuttles an einen Gleiter andocken und wieder ablegen. Nach München geht die
Schleife weiter über Nürnberg, Würzburg, Fulda, über die thüringischen und sächsischen
Städte nach Dresden, Leipzig und Berlin. An weiteren Ports vorbei ist man schließlich wieder
in Hamburg, einem europäischen Knotenpunkt für Nordeuropa. Über die Nord-Süd-Achse
sind auch Kiel, Hannover, Kassel und im Süden die Städte des Oberrheins mit der Schleife
verbunden.

Wegen des weitgehend ungebremsten Dauergleitens könnte man zwischen Sonnenaufgang
und Sonnenuntergang ganz Europa bereisen: morgens in Helsinki – abends in Andalusien,
morgens in Istanbul – abends in Edinburgh.




3.4.2.2 Technologische Herausforderungen
Das auf der Technologie des Transrapids beruhende Verkehrssystem schafft eine neue
Verkehrsebene zwischen der Luftfahrt und dem radgebundenen Schienen- bzw.
Straßenverkehr. Die Gleiter schweben auf Magnetpolstern. Er poltert nicht durch die
Landschaft, er zerschneidet sie nicht, sondern rauscht über ein Band hinweg, das zumeist in
sicherer Distanz vom Boden auf Ständern steht und das - wo sinnvoll - parallel zu den
Streckenführungen von Autobahnen verläuft.

Zahlreiche technologische Problemstellungen wären zu lösen. Der Winddruck, den die
Sprinter und Gleiter schockartig auslösen, muss konsequent nur nach oben geworfen werden,
damit sich Gleiter begegnen können und das Andockmanöver erschütterungsfrei ist. Damit
die Gleiter sich - wie die Vögel im Flug – fast lautlos bewegen können, muss die Oberfläche
durch eine Beschichtung (Haarkleid?) resonanzfrei gemacht werden. Da die Ständer des
Gleitweges entsprechend den geologischen Gegebenheiten unterschiedlich gegründet sind,
                                                                                        Seite: 19
müssen sie elektronisch überwacht werden. Zur Kompensation möglicher Setzungen muss es
einfache Gleitwegkorrekturen geben. Die größte Schwierigkeit wird die zügige
Passagierführung insbesondere während der relativ kurzfristigen Kopplungsmanöver sein. Ein
individuelles Leitsystem für alle Passagiere/ Gruppen müsste aufgebaut werden. Es muss
viele digitale Sicherheitssysteme geben. Und sei es für die Vögel, die auf dem Gleitweg
rasten. Sie müssten z.B. durch einen gerichteten Schall aufgeschreckt werden können. Viele
technische Herausforderungen würden innovative Lösungen erfordern. Ganz Europa sollte
daran beteiligt werden.



3.4.2.3 Zur praktischen Projektrealisierung
Man darf sich nicht übernehmen, man darf technologische Schätze aber auch nicht nur für
China nutzbar machen. Es müssen zunächst möglichst genaue Zielvorstellungen und eine
Gesamtkonzeption entwickelt werden. Dann sollte man schrittweise auf technisch gesicherter
Grundlage Teilziele realisieren, bei denen immer auch die Rentabilität und langfristige
Eigenfinanzierung sichergestellt bleiben müssen. Zunächst wären Abschnitte des Gleitweges
zu bauen, auf denen von vornherein ein hohes Passagieraufkommen zu erwarten ist. Die
Kopplungstechnologie muss nicht bereits am Anfang realisiert werden, sie sollte aber
mittelfristig dazugehören. Man darf nichts aufbauen, das sich später als unzulänglich oder
hinderlich erweist, weil es z.B. nicht sinnvoll in den gesamten Steckenverlauf integriert
werden kann.

Sehr hinderlich wäre es, wenn Tausende kleiner Bürgerinitiativen, Gerichtsverfahren und
Kungeleien um die Trassenführung die Realisation auf unbestimmte Zeit hinauszögern
würden. Das gesamte Projekt sollte über Wertpapiere auf privater Basis und nicht durch neue
Staatsverschuldungen finanziert werden. Der Staat muss aber eine Renditegarantie in der
Entwicklungsphase übernehmen. Der Fahrpreis wird höher liegen als der des Fernverkehrs im
Intercity. Dies erfordert gute verkehrtechnische Anbindungen der Ports durch S-Bahnen,
Schnellstraßen und Autobahnabfahrten und den Aufbau von Service-Zentren an den Ports
selbst.



3.4.2.4 Die Wirkungen auf den Arbeitsmarkt
Die langfristigen Entwicklungen der realen Bruttoinlandsprodukte sind in allen
Industrieländern ähnlich. Sie folgen näherungsweise jeweils landestypischen Trendgeraden.
Damit verbunden ist schon rein mathematisch auch ein hyperbelförmiges Absinken der
jährlichen Wachstumsraten der realen Bruttoinlandsprodukte in allen Industrienationen. Dies
ist nicht unbedingt beruhigend, denn ebenso zwangsläufig gibt es ständig technisch-
organisatorische Lernfortschritte in der Wirtschaft, die mit Rationalisierungsmaßnahmen und
Personaleinsparungen verbunden sind und die man nicht ungestraft verhindern kann. Sind
hoch entwickelte Volkswirtschaften dadurch automatisch zur Arbeitslosigkeit verdammt?

Es kommt gelegentlich vor, dass der Trend des realen BIP einer Volkswirtschaft, angestoßen
durch ein industrielles Megaprojekt, einen Trendbruch nach oben erfährt. In alten
Veröffentlichungen des IFO-Institutes findet man einen solchen Trendbruch in den 70er
Jahren für Norwegen dokumentiert. Es war für Jahrzehnte das einzige westliche Land, dem
dieses Phänomen in den Schoß gefallen war. Der Grund lag in der gewaltigen Aufgabe, die


                                                                                    Seite: 20
nahen Öl- und Erdgasvorkommen der Nordsee aus eigener Kraftanstrengung zu erschließen.
Die gelungene Realisierung verlangt Hochachtung.

Theoretisch könnten auch andere Volkswirtschaften einen solchen Knick ihres langfristigen
BIP-Trends haben, wenn sie sich einem geeigneten Mega-Projekt stellen könnten.




                                                                                  Seite: 21
Dies wäre möglich,
         o wenn die Aufgabe viele Arbeitsplatze mit einem breiten Querschnitt beruflicher
             Qualifikationen erforderte,
         o wenn sie eine Schlüsselfunktion erlangen könnte und zahlreiche
             Folgeinvestitionen nach sich zöge,
         o wenn Phantasie und Leistungswillen mobilisiert würden und
         o wenn die Aufgabe selbst wieder ausreichende Erträge einbrächte, um auch den
             Kapitaldienst finanzieren zu können.
Ein aus dem Transrapid heraus entwickeltes Verkehrssystem kann ein solches Mega-Projekt
sein, das europäische Dimensionen erlangen kann und europaweit als „Jobmaschine“ wirken
kann.

Nach der in Abschnitt 3.4.1.3 entwickelten Formel würden nach 10 Jahren 2,5 Mio. weitere
Beschäftigte allein in Deutschland Arbeit gefunden haben.
Wenn jedes Jahr durchschnittlich 5 Mrd. € Kapital für eine solche Entwicklung mobilisiert
werden könnten und zusätzlich für Infrastruktur und Service-Zentren noch einmal jährlich 2,5
Mrd. € seitens kommunaler und privater Träger investiert würden, hätten wir folgende
Auswirkungen:

    Jährliches Investitionsvolumen                               =      7,5 Mrd. €
    Jährlicher Finanzumschlag                                    =       60 Mrd. €
    Jährlicher Einkommensschub                                   =       20 Mrd. €
    Jährlicher Beschäftigungsschub (Erwerbstätige)               =       400.000
    gewonnene Beschäftigung nach 10 Jahren (arithmetische Summe) =       2,5 Mio.
           ( 2,5 Mio. = 10/2 x (2 x 400.000 - 9 x 400.000 /12) )

Beim jeweiligen Kapitalrückfluss sind 12 Jahre unterstellt. Die ermittelte zusätzliche
Beschäftigung könnte – gemäß einem realistischen Lebenszyklus - für weitere 10 – 20 Jahre
anhalten und dann in einer niedrigeren Dauerbeschäftigung zum Betrieb des Systems
(Fahrdienst, Reparaturen, Instandhaltung, Service, …) münden.


4.0 Nachwort
Die Zeit, wo man Probleme noch aussitzen konnte, ist vorbei. Deutschland kann sich
überhaupt nicht mehr aussuchen, ob es eher den ersten oder den zweiten Weg (Abschnitte
3.4.1 und 3.4.2) zu einer prosperierenden Zukunft wählen will, weil beides unverzichtbar
wird, um die wachsenden Probleme der Globalisierung und Europäisierung unbeschadet
meistern zu können. Und wenn jemand eine dritte, aussichtsreiche Wegweisung aufzeigen
und nachweisen könnte, sollten wir jubilieren.

Es ist politischer Zweckoptimismus zu glauben und zu propagieren, die wirtschaftlichen und
beruflichen Aussichten blieben hier in Mitteleuropa allein deswegen rosig, weil wir in der
Mitte eines sich friedlich integrierenden Kontinents leben. Der Arbeitsmarkt in der Mitte
Europas ist bereits jetzt zum „Steinbruch“ des übrigen Europas geworden und diese
Entwicklung wird sich rasant beschleunigen. Da wäre es gut, wenn man hier auch wirklich
Arbeitsplätze für die anderen übrig hätte!




                                                                                     Seite: 22

				
DOCUMENT INFO
Shared By:
Categories:
Stats:
views:5
posted:5/8/2011
language:German
pages:22