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Erwachsene Kinder aus suchtbelasteten Familien -

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Erwachsene Kinder aus suchtbelasteten Familien - Powered By Docstoc
					                 Fachhochschule Fulda,
             University ob Applied Sciences
               Fachbereich Sozialwesen




Erwachsene Kinder aus suchtbelasteten
             Familien -
             Entwicklung von Essstörungen
                       aufgrund
  existenter Belastung durch elterlichen Alkoholismus



  Eine qualitative Interviewstudie mit erwachsenen Kindern
suchtkranker Eltern im Hinblick auf kausale Zusammenhänge




                      Diplomarbeit

                      vorgelegt von
                     Jessica Schaake




                Referent: Prof. Dr. Gert Gekeler
  Korreferent: Dipl.-Soz.Päd./Dipl.-Supervisor Wolfgang Lasch




                      Dezember 2005
                                     Danksagung


An dieser Stelle möchte ich mich bei all jenen Menschen bedanken, die mich bei der
Entstehung dieser Arbeit unterstützt haben und mir während dieser Zeit hilfreich zur
Seite standen. Einen besonderen Dank möchte ich meinen Interviewpartnern
aussprechen, die sich dazu bereit erklärten, an dieser Studie teilzunehmen und mir
während unserer Gespräche einen Einblick in ihre persönliche Lebensgeschichte
gestatteten. Ohne sie wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen. Last but not least
danke ich meinem Freund, der mich während dieser Zeit unterstützt hat, ganz viel
Geduld hatte und auch in schwierigen Phasen immer für mich da war.
Inhaltsverzeichnis




Abbildungsverzeichnis



Einleitung                                                                             1



1.   Kinder aus suchtbelasteten Familien - Aktueller Stand der
     Forschung                                                                         6

     1.1. Zahlen, Daten, Fakten                                                         6
     1.2. Alkoholismus im familiären Kontext                                            8
     1.3. Situation der Kinder aus alkoholbelasteten Familien                          12
          1.3.1.   Atmosphäre und Gefühle                                              12
          1.3.2.   Familienregeln                                                      14

     1.4. Entwicklung von Rollenmustern                                                19
          1.4.1.   Der Held                                                            20
          1.4.2.   Der Sündenbock                                                      21
          1.4.3.   Das verlorene Kind                                                  22
          1.4.4.   Das Maskottchen                                                     23

     1.5. Risikofaktoren betroffener Kinder                                            26
          1.5.1.   Direkte und Indirekte Folgen elterlichen Alkoholmissbrauchs         27
          1.5.2.   Entwicklung eigner Suchtmittelabhängigkeit                          28
          1.5.3.   Schulische Leistungen und Intelligenz                               31
          1.5.4.   Aufmerksamkeitsdefizite (ADHS) und Störungen des Sozialverhaltens   33
          1.5.5.   Angststörungen und Depressionen                                     36
          1.5.6.   Essstörungen                                                        37

     1.6. Erwachsene Kinder Suchtkranker (EKS)                                         41
          1.6.1.   EKS - Entstehung einer signifikanten Bezeichnung                    43
          1.6.2.   Charakteristische Merkmale nach Woititz                             44

     1.7. Zusammenfassung                                                              49




                                                                                            2
2.   Fallstudien zur Entwicklung von Essstörungen aufgrund
     existenter Belastung durch elterlichen Alkoholismus –
     Auf der Suche nach kausalen Zusammenhängen                                 54

     2.1. Qualitative Sozialforschung und Fallstudien                            55
     2.2. Das problemzentrierte Interview                                        59
     2.3. Ziel der Untersuchung                                                  61
     2.4. Interviewleitfaden                                                     62
     2.5. Planung und Durchführung der Interviews                                64
         2.5.1.   Vorbereitung der Interviews                                    65
         2.5.2.   Kontaktaufnahme mit den Klienten                               65
         2.5.3.   Ablauf der Interviews                                          67



3.   Kurzdarstellung der Interviews                                             68

     3.1. Klient 01                                                              69
     3.2. Klientin 02                                                            70
     3.3. Klientin 03                                                            71
     3.4. Klientin 04                                                            72
     3.5. Klientin 05                                                            73
     3.6. Klientin 06                                                            73


4.   Fallanalysen                                                               75

     4.1. Vorgehensweise                                                         75
     4.2. Ergebnisse                                                             76
         4.2.1.   Erleben der eigenen Kindheit                                   76
         4.2.2.   Familiensituation und häusliche Atmosphäre                     79
         4.2.3.   Erleben und Umgang mit der Suchtproblematik                    82
         4.2.4.   Eigene Krankheitsgeschichte                                    87
         4.2.5.   Kausalzusammenhänge zwischen Essstörung und Suchterkrankung    92
         4.2.6.   Heutige Situation / Kontakt zu Eltern                          96

     4.3. Zusammenfassung der Ergebnisse                                        100




                                                                                      3
5.     Diskussion und Ausblick                               104


Schlussbetrachtung                                           107



Literaturverzeichnis                                         110



Verzeichnis der Internetquellen                              113




Anhang

     1. Jahrbuch Sucht 2005 – Zahlen und Fakten in Kürze        I
     2. Children of Alcoholics Screening Test - 6 (CAST 6)    VII
     3. Interviewleitfaden                                   VIII
     4. Informationsblatt                                      X
     5. Einwilligungserklärung                                XI
     6. Interviewprotokoll                                    XII




Erklärung




                                                                    4
Abbildungsverzeichnis



Abbildung 1:   Die häufigsten Erfahrungen von Kindern
               alkoholkranker Eltern nach Cork                         9

Abbildung 2:   Familienregeln nach Wegscheider-Cruse                  15

Abbildung 3:   Charakteristische Gefühle, Verhaltensweisen,
               Rollen und Persönlichkeitsmerkmale von Kindern
               mit einem alkoholsüchtigen Elternteil
               nach Wegscheider-Cruse                                 25

Abbildung 4:   Charakteristische Merkmale erwachsener Kinder von
               Alkoholikern                                           45

Abbildung 5:   Ergebnisse bezüglich psychischer Störungen,
               emotionaler und Persönlichkeitscharakteristika
               an erwachsenen Risikoprobanden                         48

Abbildung 6:   Interviewleitfaden                                     64

Abbildung 7:   Demographische Merkmale der Interviewpersonen          69

Abbildung 8:   Ergebnisübersicht - Subjektiv vermutete
               Kausalzusammenhänge hinsichtlich der Entwicklung
               der eigenen Essstörung und der existenten Belastung
               durch den elterlichen Alkoholismus                    102




                                                                           5
Einleitung


Millionen von Menschen leben gegenwärtig mit der Belastung einer existenten
Suchterkrankung im Kreise der eigenen Familie. Neben den Abhängigkeiten von
Medikamenten und illegalen Drogen ist es vor allem der Alkoholismus, der die
Angehörigen erheblich in Mitleidenschaft zieht. Nach wie vor ist Alkohol in
Deutschland, wie auch in vielen anderen Ländern, die Volksdroge Nummer eins.
In der Bundesrepublik weisen ca. 7,8 Millionen Menschen einen riskanten
Alkoholkonsum auf, umgerechnet sind dies etwa 16% der Gesamtbevölkerung (vgl.
Jahrbuch Sucht 2005). Davon gelten bereits 3% als abhängig, ca. 5% zeigen ein
missbräuchliches Konsummuster und schaden sich und ihrem sozialen Umfeld damit
ebenfalls in erheblichem Maße. Im weltweiten Vergleich nimmt Deutschland mit 10,7
Liter reinen Alkohols pro Kopf und Jahr weiterhin einen Platz im Spitzenfeld ein (vgl.
Drogen- und Suchtbericht 2005). Zudem wird geschätzt, dass jedes Jahr über 42.000
Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums sterben (a.a.O.). Diesen Zahlen ist
prinzipiell nichts hinzuzufügen, sie sprechen für sich.
Zweifellos zählt der Alkoholismus zu den größten gesundheitspolitischen Problemen
unserer Gesellschaft, doch der schwerwiegendste Tatort dieser Erkrankung ist und
bleibt die Familie.
In der Familie leben die Menschen, die dem Suchtkranken am nächsten stehen und
demzufolge auch am meisten leiden. Die Angehörigen sind von den Auswirkungen
der Sucht und der damit einhergehenden Belastung permanent und direkt betroffen –
häufig können sie nichts dagegen tun. Die Gefühle der Familienmitglieder
schwanken meist zwischen der immer wiederkehrenden Hoffnung, dass irgendwann
alles gut wird, und der bitteren Enttäuschung, wenn der Betroffene doch wieder
getrunken hat. Tagtäglich wechseln Empfindungen von Machtlosigkeit, Wut und
Mitleid einander ab und das familiäre Zusammenleben dreht sich nahezu
ausschließlich um den Suchtkranken und dessen Verhalten.
Neben dem oft hilflosen Partner, sind es vor allem die Kinder, die unter den
Auswirkungen der Abhängigkeit ganz besonders leiden. Studien haben gezeigt, dass
heute in jeder siebten Familie eine alkoholbezogene Störung existiert (vgl. Klein
2001). Für die betroffenen Kinder sind der ständige Alkoholkonsum des abhängigen
Elternteils und dessen unberechenbares Verhalten mit der Zeit meist ebenso normal,


                                                                                    6
wie die andauernden Konflikte der Eltern, die innerfamiliären Spannungen und sehr
häufig auch die gewalttätigen Übergriffe des Suchtkranken.


Mittlerweile ist bekannt, dass das Aufwachsen unter solch belastenden Umständen
für die Kinder von Suchtkranken gravierende Folgen haben kann. Besonders bei der
Entwicklung eigener Abhängigkeitserkrankungen, Verhaltensauffälligkeiten und
anderen psychischen Störungen stellen sie eine besondere Risikogruppe dar. Bei
den Söhnen ist das Risiko, eine eigene Suchterkrankung zu entwickeln, besonders
hoch. Diverse Studien ergaben, dass etwa ein Drittel der männlichen Alkoholiker
einen suchtkranken Vater hat (vgl. Kolitzus 2002). Die betroffenen Töchter erkranken
hingegen vermehrt an psychischen Störungen, u.a. entwickeln sie Depressionen,
Ängste oder Essstörungen (a.a.O.)
Lange Zeit wurde die prekäre Situation der Kinder aus suchtbelasteten Familien in
der Suchtforschung kaum berücksichtigt. Glücklicherweise hat sich dies in den
vergangenen Jahrzehnten geändert. Heute gilt es als gesicherte Tatsache, dass die
Kinder suchtkranker Eltern aufgrund der schwierigen Bedingungen, unter denen sie
aufwachsen, einer enormen Gefährdung ausgesetzt sind – Erkenntnisse, die heute
vor allem im Bereich der Frühintervention überaus hilfreich sind.


Der Entschluss, mich in meiner Diplomarbeit den Kindern von Suchtkranken zu
widmen, stand schon relativ lange fest. Da ich mich zuvor bereits intensiv mit den
Thematiken Alkoholismus und Co-Abhängigkeit befasst habe, war es für mich eine
logische Konsequenz, nun die Kinder aus Suchtfamilien ins Zentrum dieser Arbeit zu
stellen.
Auf die Verbindung zwischen elterlichem Alkoholismus und Essstörungen bei den
Kindern wurde ich durch die Studie „Essstörungen bei den Töchtern suchtkranker
Eltern“ aus dem Jahre 2003 aufmerksam, in welcher speziell das Erkrankungsrisiko
der weiblichen Nachkommen untersucht wurde. Die besagte Studie wurde im
Rahmen     der    Kompetenzplattform      Suchtforschung     in     Köln   (ehemaliger
Forschungsschwerpunkt Sucht) durchgeführt, bei der ich im kommenden Jahr mein
Berufspraktikum absolvieren werde.
Die Fragestellung der vorliegenden Arbeit ließ sich aus den Ergebnissen der
genannten Studie besonders gut ableiten, da diese quantitativ angelegt war und die



                                                                                     7
Frage nach den tatsächlichen Kausalzusammenhängen nicht weiter berücksichtigt
wurde. Darauf weisen die Autoren in ihrem Abschlussbericht deutlich hin.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es deshalb, der Frage nachzugehen, in wie weit die
Existenz einer elterlichen Alkoholproblematik mit der Entwicklung von Essstörungen
der Kinder zusammenhängt. Neben der bereits erwähnten Untersuchung haben auch
andere Studien bislang aufgezeigt, dass diesbezüglich von einer ursächlichen
Verbindung auszugehen ist.
In der von mir durchgeführten qualitativen Interviewstudie geht es insbesondere
darum, die entsprechenden Kausalzusammenhänge aufzudecken. Im Zentrum steht
dabei die Frage, ob die Betroffenen selbst eine ursächliche Verbindung zwischen
ihrer eigenen Essstörung und der Belastung durch die elterliche Alkoholproblematik
erkennen. Fokussiert werden demnach ausschließlich die subjektiven Vermutungen
der teilnehmenden Personen.


Die Arbeit lässt sich in drei größere Abschnitte untergliedern. Der erste Teil umfasst
die derzeitige allgemeine Forschungslage hinsichtlich der Kinder suchtkranker Eltern.
Hier soll einerseits deutlich werden, welche Fortschritte bzgl. des besagten
Forschungsgegenstandes bislang erzielt wurden, andererseits wird aber auch auf
den nach wie vor bestehenden Handlungsbedarf hingewiesen.
Die gesamten Ausführungen dieses ersten Abschnitts sind außerdem zum
Verständnis der eigenen, im Nachfolgenden dargelegten, Untersuchung erforderlich
und dienen dazu, den Bedarf einer Interviewstudie aufzuzeigen.
Nach     der     Benennung      einiger    wichtiger     Zahlen     bzgl.    aktueller
Abhängigkeitserkrankungen in Deutschland wird anschließend die innerfamiliäre
Situation der Kinder suchtkranker Eltern detailliert dargelegt. Es werden u.a. die
häusliche Atmosphäre, die häufig vorherrschenden Gefühle dieser Kinder sowie ein
Modell sog. „Familienregeln“ behandelt, deren Existenz zahlreiche Autoren immer
wieder bestätigen. Danach erfolgt die Darstellung verschiedener Rollenmuster,
welche die Angehörigen, speziell die Kinder von Suchtkranken, im Laufe der Zeit
entwickeln. Die Ausführungen beziehen sich auf das Konzept von Sharon
Wegscheider-Cruse. Laut der Familientherapeutin und einiger anderer Experten,
versuchen die einzelnen Mitglieder sich mit Hilfe eines spezifischen Rollenverhaltens
den belastenden Verhältnissen in der Familie anzupassen.



                                                                                    8
In dem darauf folgenden Kapitel geht es um die bestehenden Risikofaktoren der
betroffenen Kinder. An dieser Stelle werden jene Erkrankungsrisiken erörtert, welche
zahlreichen Studien zufolge, als die am häufigsten auftretenden gelten. Dazu gehört
neben der Entwicklung einer eigenen Suchterkrankung, depressiven Verstimmungen
und verschiedenen Verhaltensauffälligkeiten auch die Gefährdung, eine Essstörung
zu entwickeln. In dem sehr detaillierten Abschnitt, welcher den Risikofaktor
„Essstörung“ behandelt, wird die Notwendigkeit vorliegender Untersuchung nochmals
deutlich hervorgehoben.
Schließlich wird die Situation der erwachsenen Kinder von Suchtkranken (EKS)
eingehend erörtert. Nicht selten hinterlassen die Belastungen der Vergangenheit tiefe
Spuren und die Betroffenen haben auch im Erwachsenenalter mit zahlreichen
Problemen zu kämpfen.


Der zweite große Abschnitt dieser Arbeit befasst sich zunächst mit dem
theoretischen Hintergrundwissen, welches zur Durchführung einer qualitativen
Interviewstudie erforderlich ist. Das angewandte Forschungsdesign „Fallstudie“ wird
ebenso erklärt wie die Datenerhebungstechnik des „Problemzentrierten Interviews“.
Anschließend werden das Untersuchungsziel, die Anfertigung des Interviewleitfadens
sowie die einzelnen Vorgehensschritte während der geplanten Untersuchung (u.a.
die Gewinnung der Interviewpersonen) ausführlich beschrieben.


Im dritten und zugleich letzten Teil der vorliegenden Arbeit geht es um die eigentliche
Interviewstudie. Begonnen wird an dieser Stelle mit einer Kurzvorstellung der
Interviewteilnehmer sowie einem knappen Überblick zu den einzelnen Gesprächen.
Danach werden die gewonnenen Ergebnisse der Fallanalysen eingehend behandelt:
Es erfolgt zunächst eine detaillierte Darstellung der Aussagen der Klienten bevor in
der anschließenden Zusammenfassung die wesentlichen Erkenntnisse noch einmal
hervorgehoben werden.
Eine abschließende Diskussion der Untersuchungsergebnisse im Hinblick auf die
Ausführungen des ersten Teils dieser Arbeit, aber auch auf eine mögliche Relevanz
für die Praxis, erfolgt im letzten Kapitel dieser Arbeit.




                                                                                     9
An dieser Stelle bleibt anzumerken, dass die Begriffe „alkoholkrank“ und „suchtkrank“
in der gesamten Arbeit analog verwendet werden. D.h. Sucht und Abhängigkeit
bezeichnen immer die Sucht bzw. Abhängigkeit von der Substanz Alkohol. Lediglich
in Kapitel 1.1. werden auch Zahlen zu anderen Suchtstörungen genannt. Diese
dienen jedoch ausschließlich zur Darstellung der gegenwärtigen Suchterkrankungen
in Deutschland. Bis auf diese Ausnahme liegt der Fokus dieser Arbeit auf der
Abhängigkeit von Alkohol.




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1. Kinder aus suchtbelasteten Familien - Aktueller Stand
     der Forschung


1.1. Zahlen, Daten, Fakten


Um deutlich zu machen, welche Dimensionen stoffgebundene Suchterkrankungen
mittlerweile in unserer Gesellschaft erreicht haben, und vor allem, welche
Auswirkungen diese mit sich bringen, werden im Folgenden beachtenswerte Zahlen
und statistische Daten zu Suchtkranken und deren Angehörigen angeführt. Ebenso
sollen einige aussagekräftige Ergebnisse diverser Studien der Suchtforschung
dargestellt werden.

Laut den neuesten Statistiken der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS)
leben in der Bundesrepublik Deutschland derzeit 1,6 Millionen Alkoholiker. Es gibt
rund 1,4 Millionen Medikamentenabhängige und etwa 290.000 Drogensüchtige (vgl.
Jahrbuch Sucht 2005). Hinzu kommen außerdem Personen, die ein Suchtmittel
missbrauchen und sich deshalb ebenfalls der Gefahr aussetzen, eine Abhängigkeit
zu entwickeln.
Es wird davon ausgegangen, dass rund 2 Millionen Kinder und Jugendliche (im Alter
bis zu 18 Jahren) von dem Alkoholismus ihrer Eltern in Mitleidenschaft gezogen
werden. Von der Drogenabhängigkeit der eigenen Eltern sind etwa 400.000 bis
600.000 Kinder betroffen.
Die Zahl der erwachsenen Kinder von Suchtkranken, welche ebenfalls als potentiell
gefährdet gelten selbst abhängig zu werden oder an einer anderen psychischen
Störung zu erkranken, wird auf 5 bis 6 Millionen Menschen geschätzt (vgl. Klein &
Zobel 1997).
Bezieht   man    sich   auf   die   Ergebnisse   einer     Statistik   der   ambulanten
Suchtberatungsstellen in Deutschland aus dem Jahre 1998, beträgt der Anteil
alkoholkranker Eltern, die mit ihren Kindern in einem Haushalt zusammenleben, bei
den Frauen 45% und bei den Männern 32% (vgl. Simon & Palazetti, 1999). Diese
Angaben sind aber nur ein vergleichsweise geringer Teil.
Die Zahlen abhängiger Eltern, die jemals in ihrem Leben Kinder hatten, sind
wesentlich höher: 75% der alkoholabhängigen Frauen, 63% der alkoholabhängigen


                                                                                     11
Männer, 46% der opiatabhängigen Frauen und 30% der opiatabhängigen Männer
sind wenigstens in einem Fall Mutter bzw. Vater eines Kindes (a.a.O.)
Häufig kommt es aber aufgrund der Sucht und des jungen Alters der Mütter zu
Fremdplatzierungen der Kinder bzw.          verlassen die bereits älteren Kinder
suchtkranker Eltern meist sehr früh ihre Herkunftsfamilie.
Da diese Kinder den Belastungen durch den elterlichen Suchtmittelkonsum nur sehr
wenig, vielleicht sogar überhaupt nicht ausgeliefert sind, gelten sie als relativ gering
gefährdet, selbst suchtkrank oder psychisch krank zu werden. Ganz im Gegensatz
zu jenen Kindern, die mit ihren abhängigen Eltern zusammenleben.
Ein besonderer Stellenwert kommt jenen Kindern zu, die mit einem suchtkranken
Elternteil alleine leben. Die Zahlen belaufen sich auf 11% der alkoholabhängigen
Erzieherinnen, 9% der opiatabhängigen und 8% der kokainabhängigen Elternteile.
Diese Kinder unterliegen einem besonders großen Risiko, da die Grenzen der
Überforderung sowohl bei den Müttern als auch bei den Kindern sehr schnell erreicht
werden (a.a.O.).


Führt man sich diese gravierenden Zahlen vor Augen, ist es nur sehr schwer
nachvollziehbar, dass die betroffenen Kinder in der professionellen Suchtkrankenhilfe
und der Forschung lange Zeit regelrecht übersehen wurden.
Dabei haben verschiedene Studien mittlerweile belegen können, dass die Kinder von
Suchtkranken, ein ein- bis sechsfach erhöhtes Risiko aufweisen, selbst suchtkrank
zu werden (vgl. Klein & Zobel 1997). Es ist heute bekannt, dass Alkoholiker
überdurchschnittlich häufig aus Familien stammen, in denen bereits Alkoholismus
existierte.
Des Weiteren wurde auch gezeigt, dass die betroffenen Kinder vermehrt auffällige
Symptome in den Bereichen Depressionen, Angst, Essstörungen, antisoziales
Verhalten,    Impulsivitätsstörungen   sowie    Störungen    der    Verhaltenskontrolle
aufweisen (a.a.O.). Besonders gefährdet sind Kinder aus Familien, in denen beide
Elternteile eine Suchtproblematik aufweisen (vgl. Quinten & Klein 1999).
In einer bekannten Studie zur Transmission von Alkoholismus, also zur Weitergabe
einer Krankheit an die nachfolgende Generation, die im Jahre 1979 von N. S. Cotton
durchgeführt wurde, konnte Folgendes gezeigt werden: Von 4.000 Alkoholikern
wiesen 30,8% ein abhängiges Elternteil auf. In der Kontrollstichprobe, die 922
Personen umfasste, hatten nur 4,7% ein suchtkrankes Elternteil.


                                                                                     12
Des Weiteren ergab eine Langzeitstudie über 33 Jahre von Drake & Vaillant (1988),
dass bei 28% der erwachsenen Kinder aus Suchtfamilien eine Diagnose für
Alkoholismus gestellt wurde. Die Männer mit einem alkoholkranken Vater wiesen
mehr als doppelt so häufig eine Abhängigkeit auf als solche, deren Väter keine
Alkoholiker waren (vgl. Arenz-Greiving 1998).


Die Liste dieser und ähnlich eindringlicher Untersuchungsergebnisse ließe sich
ausführlich fortsetzen. An dieser Stelle sollen die angeführten Zahlen jedoch bereits
ausreichen, um einen groben Überblick zu geben, wie sich die Situation der Kinder
aus suchtbelasteten Familien darstellt.




1.2. Alkoholismus im familiären Kontext


Wie bereits erwähnt, standen die Angehörigen von Suchtkranken in der
professionellen Suchtkrankenhilfe lange Zeit im Schatten der abhängigen Person.
Vor allem die Tatsache, dass suchtkranke Menschen auch Kinder haben, schien
viele Jahre völlig ausgeblendet.
Schließlich wurde, nach Zeiten vermeintlichem Desinteresse, auf diesem Gebiet ein
Stein ins Rollen gebracht: Margaret Cork veröffentlichte im Jahre 1969 „The forgotten
children“, eine Arbeit mit der es ihr gelang, die „vergessenen“ Kinder etwas mehr ins
Licht der Aufmerksamkeit zu rücken. Cork stellte in dieser Studie bei einer Vielzahl
von Kindern aus suchtbelasteten Familien im Schulalter sehr ähnliche auffallende
Symptome fest (vgl. Klein 1996).
Da diese Arbeit in der Fachliteratur heute immer noch von großer Bedeutung ist und
die Ergebnisse bzw. die Berichte der befragten Kinder häufig zitiert werden, soll dies
auch an dieser Stelle geschehen.
Die folgenden Aussagen machen deutlich, mit welch vielfältigen Problemen Kinder in
einem suchtbelasteten Elternhaus zu kämpfen haben.




                                                                                   13
      1. Nicht zu Freunden gehen, um nicht in die Zwangslage zu geraten, diese
          zu sich nach Hause einladen zu müssen, wo die Eltern sich beschämend
          verhalten könnten.
      2. In der Schule mit den Gedanken zu Hause sein, was dort gerade
          Schlimmes passiert oder bald passieren wird.
      3. Andere Kinder beneiden oder eifersüchtig auf diese sein, wenn sie Spaß
          und Leichtigkeit mit ihren Eltern erleben.
      4. Sich als Kind unter Gleichaltrigen isoliert, abgewertet und einsam fühlen.
      5. Sich von den Eltern vernachlässigt, bisweilen als ungewolltes Kind fühlen.
      6. Für die Eltern sorgen, sich um sie ängstigen, insbesondere wenn die
          Mutter süchtig trinkt.
      7. Sich um Trennungsabsichten oder vollzogene Trennungen der Eltern
          unablässig Sorgen machen.
      8. Als Jugendlicher die Eltern nicht im Stich lassen wollen (z. B. nicht von zu
          Hause ausziehen können).
      9. Die Eltern für ihr Fehlverhalten entschuldigen. Lieber andere Menschen
          oder sich selbst beschuldigen.
      10. Vielfache Trennungen und Versöhnungen der Eltern erleben und sich
          nicht auf einen stabilen, dauerhaften Zustand verlassen können.
      11. Wenn der trinkende Elternteil schließlich mit dem Alkoholmissbrauch
          aufhört, weiterhin selbst Probleme haben oder solche suchen.



     Abb. 1: Die häufigsten Erfahrungen von Kindern alkoholkranker Eltern
                nach Cork (Klein 1996. 154)


Ende der Siebziger begannen erwachsene Kinder von Alkoholikern (ACAs - Adult
Children of Alcoholics, in Deutschland EKAs genannt), die aus der eigenen
Betroffenheit     heraus    den    Beruf   des    Suchtkrankenhelfers       erlernt     hatten,
fachliterarische Bücher zu diesem Thema zu veröffentlichen.
Zu den bekanntesten Vertretern dieser Professionellen zählen u.a. Sharon
Wegscheider-Cruse, Claudia Black und Robert Subby (vgl. Rennert 1990). In ihren
Publikationen berichten sie eindringlich über die Situation der betroffenen Kinder;
über die Atmosphäre und die unausgesprochenen Regeln, welche in Suchtfamilien
existieren (vgl. Kapitel 1.3), sowie über die Folgen, die das Aufwachsen mit einem
abhängigen Vater oder einer abhängigen Mutter mit sich bringt (vgl. Kapitel 1.6).


                                                                                            14
Diese Veröffentlichungen haben einen großen Teil dazu beigetragen, dass sich ein
Konzept, welches Alkoholismus als Familienkrankheit betrachtet, bis zum heutigen
Tage durchsetzen konnte (vgl. Zobel 2000).
Mittlerweile hat man diese Auffassung in der Fachöffentlichkeit weitestgehend
anerkannt. Demzufolge sind alle Mitglieder des Familiensystems von der
Suchterkrankung betroffen. Durch die Suchterkrankung wird jeder Einzelne in seinem
täglichen Leben beeinträchtigt, und keinem ist es möglich, sich den Auswirkungen zu
entziehen (vgl. Kolitzus 2002).
Die bereits erwähnte Suchtkrankenberaterin und Familientherapeutin Wegscheider-
Cruse hat auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet. Sie kam zu der Erkenntnis, dass
sich alle Familien, in denen ein Suchtkranker lebt, in ihrer Struktur sehr ähnlich sind.
Bei dem Versuch, sich der Sucht anzupassen, so beschreibt sie es, entwickeln die
einzelnen Mitglieder immer wieder typische Verhaltensweisen, die sie zum
Überleben in solch einer dysfunktionalen Familie benötigen (a.a.O.).
Systemtheoretische Schulen betrachten die Familie als ein System, in dem alle Teile
miteinander verbunden sind. D.h. ein einzelnes Mitglied kann sich nicht verändern,
ohne dabei die anderen zu beeinflussen. Die wichtigste Grundlage im System
Familie ist das innere Gleichgewicht (Homöostase), welches von allen Personen
gemeinsam angestrebt wird, da es zur Erhaltung der Familie notwendig ist.
In der Literatur werden diese Zusammenhänge sehr häufig mit dem Bild eines
Mobiles verglichen: Gerät ein Mitglied der Familie (des Mobiles) in Schwierigkeiten,
z.B. durch eine Suchterkrankung, werden alle anderen und somit das gesamte
System beeinträchtigt. Das Mobile gerät ins Wanken, Stabilität geht verloren und das
alte Gleichgewicht verschwindet (a.a.O.).
Die Familienmitglieder versuchen ein neues, der Sucht angepasstes Gleichgewicht
herzustellen. Dies geschieht, indem jeder für sich individuelle Verhaltensmuster bzw.
Überlebensstrategien entwickelt, mit deren Hilfe dann versucht wird, die Umstände
der Suchterkrankung zu meistern (vgl. Rennert 1990).
Wegscheider-Cruse hat dieses Anpassungsverhalten der Angehörigen genauer
untersucht und schließlich in Form verschiedener Rollen definiert. Die Entwicklungen
der einzelnen Rollenmuster werden in Kapitel 1.4 detaillierter vorgestellt.


Mit dem Fortschreiten der Sucht dreht sich innerhalb der betroffenen Familie schon
bald alles um den Abhängigen. Das Zusammenleben und die Beziehungen


                                                                                     15
untereinander verändern sich zusehends. Je mehr der Suchtkranke die Kontrolle
über sich selbst verliert, desto mehr kontrolliert sein Verhalten die Familie (vgl.
Arenz-Greiving 1998). Er ist die zentrale Gestalt dieser Tragödie. Die Angehörigen,
vor allem die Partner des Abhängigen, verstricken sich mehr und mehr in dessen
Sucht, ihnen geht es meist nur noch um die Frage: „Hat er wieder getrunken oder
nicht?“
Die Kinder leiden ganz besonders unter dieser Situation. In dem klassischen Beispiel
des alkoholkranken Familienvaters, verfällt die Ehefrau meist in typisch co-abhängige
Verhaltensmuster, d.h. ihre gesamte Aufmerksamkeit gilt dem Suchtkranken.
Co-abhängige Partner sind meist vollständig auf das Verhalten des Abhängigen
fixiert, und darauf, dessen Trinken zu kontrollieren bzw. zu verhindern (was ihnen in
der Regel aber nicht gelingt). Außerdem vernachlässigen sie zunehmend ihre
eigenen Bedürfnisse. Demnach ist es nicht verwunderlich, dass für die Kinder an
dieser Stelle nur noch wenig Zeit und Aufmerksamkeit bleibt. Um aber trotzdem in
solch einer dysfunktionalen Familie zu überleben, verfallen diese Kinder in sehr
spezifische Rollenmuster (vgl. Kruse, Körkel, Schmalz 2001).


Weitere problembehaftete Faktoren sind möglicherweise finanzielle Schwierigkeiten
(durch Arbeitsplatzverlust des Abhängigen, vermehrte Ausgaben für Alkoholika,
Verschuldung) oder die schwindenden sozialen Kontakte. Nach Außen wird versucht,
die Sucht so gut wie möglich zu verdecken (vgl. Abbildung 2: Familienregeln). Selbst
gute Freunde und Nachbarn sollen nicht bemerken, dass in der eigenen Familie ein
Alkoholproblem    existiert.   Vorherrschende   Gefühle   von   Schuld   und   Scham
verhindern, dass Außenstehende mit einbezogen werden, obwohl gerade dies eine
große Stütze für die Familienmitglieder darstellen könnte.




                                                                                  16
1.3. Situation der Kinder aus alkoholbelasteten Familien


Was bedeutet es konkret, mit einem suchtkranken Elternteil aufzuwachsen? Wie
erfahren betroffene Kinder das Leben in einer Familie, in der entweder Vater oder
Mutter (im schlimmsten Falle sogar beide) tagtäglich zuviel Alkohol konsumiert, sehr
häufig betrunken ist und deshalb den Alltag nicht mehr bewältigen kann?
Im folgenden Abschnitt sollen diese Fragen beantwortet werden. Dazu werden
zunächst die vorherrschende Atmosphäre in suchtbelasteten Familien, sowie die
Gefühle der betroffenen Kinder eingehender betrachtet. Anschließend soll ein Modell
von existierenden, jedoch unausgesprochenen, Familienregeln dargelegt werden,
welches    erstmalig   im   Jahre    1976    von   der   Suchtkrankenberaterin      und
Familientherapeutin Sharon Wegscheider-Cruse beschrieben wurde.




1.3.1. Atmosphäre und Gefühle


In erster Linie ist es das unberechenbare Verhalten des trinkenden, aber auch des
nicht trinkenden, Elternteils, welches betroffene Kinder als besonders belastend
empfinden (vgl. Klein & Zobel 1997): So kann z.B. der suchtkranke Vater im
nüchternen Zustand der allerliebste Mensch sein, der seine Kinder umsorgt, sie lobt
und ihnen die tollsten Dinge verspricht. Ist er am nächsten Tag jedoch wieder
betrunken, erinnert er sich höchstwahrscheinlich gar nicht mehr an seine
Versprechungen. Die Kinder stören den suchtkranken Vater plötzlich nur noch, sie
werden willkürlich kritisiert. Möglicherweise wird er aggressiv, wenn die Kinder ihn mit
ihren eigenen Sorgen „belästigen“. Ihre Bedürfnisse interessieren den Suchtkranken
nicht, denn im Alkoholrausch interessiert ihn nur noch der „Stoff“. Nicht selten sind
diese Situationen mit grundloser Gewalt gegenüber den Kindern und/oder dem nicht
trinkenden Partner verbunden.


Das ambivalente Verhalten, die zwei Gesichter des abhängigen Elternteils, gehen
einher mit ständig wechselnder Zuneigung und Ablehnung. „Die Kommunikation ist
entsprechend widersprüchlich im Sinne von ‚Ich liebe dich’ einerseits und ‚Jetzt lass
mich in Ruhe’ andererseits“ (Zobel 2001. 39).



                                                                                     17
Dies führt bei den Kindern zu völliger Verunsicherung. Sie lernen deshalb, den
alkoholkranken Elternteil genauestens zu beobachten. Sie merken sofort, ob er
getrunken hat oder nicht. Abhängig davon, in welcher Stimmung sich der
Suchtkranke gerade befindet, richten die Kinder ihr Verhalten danach aus. Sie
werden zu „Reagierenden“ – sie passen sich an.
Ihre eigenen Gefühle haben in diesem Chaos keinen Platz mehr. Sie werden
verleugnet oder unterdrückt. Die bereits erwähnten sog. Familienregeln nach
Wegscheider-Cruse (vgl. Abbildung 2) unterstützen diesen Vorgang: Über Gefühle
wird ebenso wenig gesprochen wie über den Alkohol. Diese Themen sind tabu.


Die Kinder lernen schon früh, dass man nicht ausdrücken darf, was man empfindet
(vgl. Lambrou 1990). Da sie in ihren Wahrnehmungen von den Eltern keine
Bestätigung erfahren, können sie schon bald den eigenen Empfindungen nicht mehr
trauen. Negative Gefühle werden abgespalten und so wird die belastende Situation
zu Hause, die u.a. mit emotionaler Kälte, unklaren Grenzen, Respektlosigkeit und
Gewalt verbunden ist (vgl. Zobel 2000), für die Kinder mit der Zeit zur „Normalität“.


Die Pädagogin und Autorin Ursula Lambrou beschreibt dieses Empfinden betroffener
Kinder sehr eindringlich:
„Kinder in Alkoholiker- und anderen Suchtfamilien kennen keine Normalität. Für sie
ist es ‚normal’, wenn der Vater häufig betrunken nach Hause kommt, die Mutter
schlägt und am nächsten Tag so tut, als wenn nichts geschehen wäre. Es ist
‚normal’, wenn die Mutter immer wieder betrunken auf dem Sofa liegt oder den Tag
im Bett verbringt. Es ist ‚normal’, zu vertuschen, zu lügen, den Alkoholismus zu
verleugnen. Es ist ‚normal’, die Person, die man liebt, zu schützen, statt selbst
Schutz von dem Erwachsenen zu bekommen. Es ist ‚normal’, sich zu schämen, sich
gedemütigt und schuldig zu fühlen.“ (Lambrou 1990. 19).


Man kann davon ausgehen, dass in suchtbelasteten Familien zumeist eine sehr
angespannte Atmosphäre herrscht. Zwischen den Eltern kommt es aufgrund des
steigenden Alkoholkonsums vermehrt zu heftigen Auseinandersetzungen. Ständige
Vorwürfe seitens des nicht trinkenden Ehepartners; immer wieder gebrochene
Versprechungen des Süchtigen, mit dem Trinken aufzuhören, und leere Drohungen,
diesen endgültig zu verlassen, sind an der Tagesordnung. Gefühle von Wut,


                                                                                        18
Verzweiflung, Hass und völliger Hilflosigkeit prägen die Beziehung der Eltern
untereinander (vgl. Zobel 2000).
Die Kinder beobachten stillschweigend diesen „heillosen Kampf“ (Kolitzus 2002. 61)
und fühlen sich zwischen Mutter und Vater hin- und her gerissen. Sie wissen nicht
mehr, wer Recht hat, wem sie sich zuwenden, mit wem sie sich identifizieren sollen.
Den Eltern ist es nicht möglich, für ihre Kinder angemessene Vorbilder zu sein, sie
vermitteln weder klare Regeln noch gibt es eine konsequente Erziehungshaltung. In
Suchtfamilien existiert in der Regel nichts von dem, was für eine gesunde
Entwicklung der Kinder wichtig wäre. Das Einzige, worauf sich diese wirklich
verlassen können, ist die Unberechenbarkeit des elterlichen Verhaltens (vgl. Arenz-
Greiving 1998).




1.3.2. Familienregeln


Die bekannte Autorin Sharon Wegscheider-Cruse hat aufgrund ihrer Erfahrungen in
der Arbeit mit Alkoholkranken und deren Angehörigen verschiedene Regeln
formuliert, die ihrer Ansicht nach unausgesprochen in Suchtfamilien existieren (vgl.
Kruse, Körkel, Schmalz 2001). Damit war sie eine der Ersten, die mit ihren derartigen
Erkenntnissen an die Öffentlichkeit ging. Im Verlauf der Jahre beschrieben auch
weitere Professionelle (u. a. Black 1988; Subby 1987) solche Familienregeln, wenn
auch in teilweise abgeänderten Formulierungen.
Die verschiedenen Autoren sind sich in dem Punkt einig, dass die Regeln, auch
wenn sie nur durch Blicke und Reaktionen vermittelt werden, das tägliche Leben
betroffener Familien beherrschen (vgl. Arenz-Greiving 1998). Die stillschweigenden
Gesetze müssen von allen Mitgliedern eingehalten werden, damit das jeweilige
System Familie weiterhin funktioniert.


Die formulierten Regeln scheinen bis heute eine gewichtige Bedeutung zu haben,
denn immer wieder werden sie zitiert. Sie lassen sich in beinahe jedem Fachbuch zur
Thematik „Alkoholismus und Familie“ wiederfinden. Aus diesem Grund erscheint es
durchaus sinnvoll, sie auch an dieser Stelle zu erwähnen und im Einzelnen zu
verdeutlichen.



                                                                                  19
            Der Alkohol wird meist nicht als die eigentliche Ursache des
            Familienproblems gesehen.
            Irgendwer oder irgendwas ist an dem Alkoholkonsum schuld.
            Der Alkoholkonsum des Abhängigen ist das Wichtigste im
            Familienleben.
            Der Jetzt Zustand muss erhalten bleiben, koste es, was es wolle.
            Niemand will darüber reden, was in der Familie wirklich geschieht.
            Niemand sagt, was er wirklich fühlt.


       Abb. 2:   Familienregeln nach Wegscheider-Cruse (Kruse, Körkel,
                 Schmalz 2001. 127)




Um deutlich zu machen, wie Wegscheider-Cruse und andere Fachleute diese Regeln
verstanden haben und was deren Existenz für die einzelnen Familienmitglieder
bedeutet, werden sie im Folgenden kurz erläutert.
Dazu sollen entsprechende Ausführungen von Kruse, Körkel und Schmalz (2001)
sowie von Arenz-Greiving (1998) herangezogen werden, welche die Familienregeln
nach     Wegscheider-Cruse        in   ihren       Veröffentlichungen   ebenfalls   detailliert
beschreiben.


1. Der     Alkohol     wird    meist    nicht       als   die   eigentliche    Ursache    des
   Familienproblems gesehen.
Laut Kruse, Körkel und Schmalz (2001) wird die Alkoholabhängigkeit zunächst nicht
als solche von der Familie anerkannt. Über das Thema wird nicht gesprochen. Bei
entsprechenden Fragen von Außenstehenden, spielt man den übermäßigen Konsum
herunter und verneint die Sucht. Schließlich wird die offensichtlich gewordene
Abhängigkeit von den Familienmitgliedern zwar als störend empfunden, doch dass
sie der Grund für die eigenen existierenden Probleme sein könnte, wird weder
bewusst wahrgenommen, noch offen ausgesprochen (a.a.O.).


2. Irgendwer oder irgendetwas ist an dem Alkoholkonsum schuld.
Zu dieser zweiten Regel äußern ebendiese Autoren, an der Sucht des Betroffenen
sei alles andere schuld, nur nicht er selbst. Immer wieder schiebe der Betroffene die
Verantwortung weit von sich und beschuldige seine Angehörigen und/oder das

                                                                                            20
soziale Umfeld. Typisch seien Aussagen wie: „Wenn meine Frau nicht ständig
genörgelt hätte, die Kinder nicht immer so unartig gewesen wären, oder ich bei der
Arbeit nicht so viel Stress gehabt hätte, müsste ich jetzt nicht trinken!“
Kruse, Körkel und Schmalz (2001) behaupten des Weiteren, dass diese Aussagen
und Anschuldigungen des Abhängigen sehr schnell von der Familie übernommen
werden. Nicht selten sei es sogar der Fall, dass einer der angeklagten Personen die
ihr geltenden Vorwürfe nicht einmal abstreitet. Stattdessen übernehme sie die Rolle
des Sündenbocks und werde daraufhin von immensen Schuldgefühlen geplagt. Die
Autoren führen auch aus, dass die Familienmitglieder, besonders die Partner, oft
recht viel Verständnis für das Verhalten des Suchtkranken aufbringen. Dessen
enormer Alkoholkonsum werde von ihnen entschuldigt und durch momentan
ungünstige Umstände, wie z.B. den übermäßigen Stress bei der Arbeit, gerechtfertigt
(a.a.O.).


3. Der Alkoholkonsum des Abhängigen ist das Wichtigste im Familienleben.
Was in der Familie auch geschieht, es stehe immer im Zusammenhang mit dem
Alkoholkonsum der betroffenen Person. Die Sucht bestimme das tägliche Leben.
Kruse, Körkel und Schmalz (2001) behaupten, dass man diesen Vorgang als
Außenstehender sehr gut beobachten könne, auch wenn die Angehörigen die so
formulierte Regel weit von sich weisen.
Laut den Autoren geht es dem Abhängigen in erster Linie darum, genügend Alkohol
im Haus zu haben. Dies ist seine größte Sorge. Die Angehörigen verfolgen hingegen
genau das umgekehrte Ziel. Sie wollen überhaupt keinen Alkohol im Haus, um so die
Möglichkeit, dass der Suchtkranke wieder trinkt, möglichst gering zu halten.
Mit der Zeit besitzt dieser jedoch im ganzen Haus seine Alkoholverstecke und zwar
an den ungewöhnlichsten Orten. Die Angehörigen wissen davon und suchen nach
ihnen. Finden sie eine volle Flasche, so wird der Alkohol in den Abguss geschüttet.
Kruse, Körkel und Schmalz (2001) vergleichen die Situation mit einem Fußballspiel,
bei dem jeder den Ball haben will, Suchtkranker und Angehörige jedoch in
verschiedene Richtungen spielen (a.a.O.).




                                                                                      21
4. Der Jetzt-Zustand muss erhalten bleiben, koste es, was es wolle.
Die   gleichen    Autoren     erklären    die     vierte   Regel   folgendermaßen:      Die
Familienmitglieder halten, jeder auf seine Art, an der gegenwärtigen Situation fest.
Innerhalb des familiären Lebens müsse alles so bleiben, wie es ist. Denn jeder
Einzelne habe Angst davor, dass die momentane Lage noch schlimmer werden
könnte, wenn sich etwas oder jemand in diesem System verändert (vgl. Kruse,
Körkel, Schmalz 2001).
Arenz-Greiving (1998) sieht den Grund für das Benehmen der Angehörigen darin,
dass jede Verhaltensweise, die nicht den Regeln entspricht, die Existenz der Familie
gefährde (a.a.O.). Dies birgt leider auch die Problematik in sich, dass keine Hilfe von
Außen in Anspruch genommen werden kann.
Ein typisches Beispiel für diese Regel ist z. B. die Ehefrau, die seit Jahren unter dem
Alkoholismus ihres Mannes leidet, jedoch nicht im Entferntesten auf den Gedanken
kommt, sich von ihm zu trennen. Warum Angehörige ein derartiges Verhalten an den
Tag   legen    und   sich   weiterhin    diesen    Belastungen     aussetzen,   ist   häufig
unverständlich. Möglichweise spielen hier Mitleid gegenüber dem Suchtkranken oder
auch die immer noch währende Hoffnung, dass er eines Tages vom Alkohol
loskommt, eine entscheidende Rolle.


5. Niemand will darüber reden, was in der Familie wirklich geschieht.
Laut Arenz-Greiving (1998) darf sowohl innerhalb der betroffenen Familie als auch im
sozialen Umfeld nicht über den Alkoholkonsum bzw. die Abhängigkeit gesprochen
werden.
Da Alkoholismus in der Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema darstellt,
versuchen die einzelnen Familienmitglieder, so gut es ihnen gelingt, das Problem
nach außen zu verheimlichen. Niemand soll merken, dass in der Familie eine
Alkoholproblematik existiert. Das fortwährende Schweigen bietet der Sucht allerdings
die besten Voraussetzungen, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln (a.a.O.).


6. Niemand sagt, was er wirklich fühlt.
Viele Autoren (u.a. Rennert 1990; Subby 1987) beschreiben, dass die Kinder von
klein auf lernen, innerhalb der Familie nicht über ihre Gefühle zu sprechen (vgl.
Arenz-Greiving 1998). Laut Kruse, Körkel und Schmalz (2001) wird die Regel mit der
Zeit dann von allen Beteiligten internalisiert.


                                                                                         22
Die Autoren führen aus, dass der Suchtkranke mit sich selbst genug Probleme habe
und es ihm deshalb nicht möglich sei, die Gefühle seiner Angehörigen bewusst
wahrzunehmen bzw. sich mit diesen auseinanderzusetzen.
Dies sei auch der Grund dafür, dass der Abhängige von den übrigen
Familienmitgliedern auf direktem oder indirektem Wege verlangt, die eigenen
Gefühle zu verleugnen. Die entsprechende Konsequenz sei schließlich, dass nicht
mehr richtig miteinander gesprochen wird, und man sich nur noch wenig erzählt
(a.a.O.).


Insgesamt wird davon ausgegangen, dass die Existenz solcher Familienregeln dazu
führen könne, dass zwischen den beteiligten Personen sämtliche Grenzen
verschwinden; dadurch werde es den Angehörigen unmöglich gemacht, für sich
selbst ein klares Bild der eigenen Person zu erhalten (vgl. Kruse, Körkel, Schmalz
2001).      Vor allem bei den    betroffenen Kindern    könne    dieses   Defizit   an
Selbstwahrnehmung möglicherweise erheblichen Einfluss auf deren weiteres Leben
nehmen.
Arenz-Greiving (1998) vertritt die Ansicht, dass hauptsächlich derartige Regeln dafür
verantwortlich seien, wenn die Nachkommen aus suchtbelasteten Familien im
Erwachsenenalter zahlreichen Problemen gegenüberstehen (a.a.O.).


An dieser Stelle bleibt Folgendes anzumerken: Auch wenn die sog. Familienregeln
von vielen Autoren immer wieder aufgegriffen werden und in der therapeutischen
Arbeit mit Suchtkranken und deren Angehörigen ebenfalls ihre Anwendung finden, so
gibt es dennoch im Bereich der empirischen Forschung bislang nur wenige bis gar
keine Ergebnisse darüber, in wie vielen Fällen diese auch tatsächlich in einer
suchtbelasteten Familie existieren.
Aus diesem Grunde dürfen die Regeln nicht unkritisch als gegebenes Faktum
hingenommen werden. Bestimmt treten sie in einigen, vielleicht auch in vielen
suchtbelasteten Familien auf, ansonsten wären derartige Formulierungen vermutlich
nicht zustande gekommen.
Die Ausprägung der einzelnen Regeln ist immer familienspezifisch und sollte auch
entsprechend verstanden werden. Es würde bei weitem nicht der Realität
entsprechen und wäre gewiss eine problematische Stigmatisierung, wenn jeglichen



                                                                                    23
Familien, in denen eine Alkoholstörung vorliegt, derartige Regeln ausnahmslos
zugeschrieben würden.




1.4. Entwicklung von Rollenmustern


In den vorangegangenen Kapiteln dieser Arbeit wurde bereits mehrfach erwähnt,
dass die betroffenen Kinder bei dem Versuch, sich den belastenden Verhältnissen in
einer Suchtfamilie anzupassen, immer wieder ähnliche Verhaltensmuster entwickeln.
Diese Phänomene ließen sich auch bislang bei einer Vielzahl von Kindern aus
suchtbelasteten   Familien    beobachten.    Verschiedene     Professionelle   kamen
diesbezüglich in der therapeutischen Arbeit mit Betroffenen zu auffallend ähnlichen
Erkenntnissen. Unabhängig voneinander gingen schließlich einige dieser Experten
mit ihren Beobachtungen an die Öffentlichkeit, indem sie diese in Konzepten
spezifischer Rollen beschrieben. Neben der bekannten Autorin Claudia Black hat
auch Sharon Wegscheider-Cruse ihre Beobachtungen publiziert. Da ihr Konzept in
Fachkreisen weit reichende Anerkennung erfahren hat, sollen sich auch die
folgenden Ausführungen darauf beziehen.


Wegscheider-Cruse unterscheidet vier verschiedene Rollen: „Held“, „Sündenbock“,
„Verlorenes Kind“ und „Maskottchen“. Jedem einzelnen Rollenbild ordnet sie
charakteristische Merkmale und Verhaltensweisen zu (vgl. Abbildung 3). Laut der
Autorin benötigen die Kinder ihre spezifischen Rollen als Überlebensstrategie, um
unter den schwierigen Bedingungen in einer Suchtfamilie überhaupt existieren zu
können (vgl. Arenz-Greiving 1998).
Der Arzt und Psychotherapeut Helmut Kolitzus hat dies passend beschrieben: „Jede
einzelne Rolle entwickelt sich unterschiedlich aus einer spezifisch belastenden und
schmerzlichen Situation heraus. Sie weist ihre eigenen Symptome auf, bringt ihren
spezifischen Gewinn für das individuelle Familienmitglied wie für die gesamte Familie
– und fordert schließlich ihren ganz besonderen Preis“ (Kolitzus 2002. 65).


Die notwendigen Verhaltensmuster manifestieren sich meist über einen langen
Zeitraum, weshalb es vielen Betroffenen im Erwachsenenalter nicht möglich ist, die
Rollenbilder von alleine wieder abzulegen (vgl. Arenz-Greiving 1998). Bestimmte

                                                                                  24
Merkmale entwickeln sich so zu späteren Charaktereigenschaften der Persönlichkeit.
„Man könnte sagen, dass die Familienmitglieder schließlich von ihren Rollen
abhängig geworden sind, da sie diese als wesentlich für ihr Überleben betrachten
und sie mit derselben Zwanghaftigkeit, Realitätsverkennung und Verleugnung
spielen, wie der Abhängige seine Rolle als Trinker spielt“, so beschreibt es
Wegscheider-Cruse (Kolitzus 2002. 73).




1.4.1. Der Held


Diese Rolle wird meist von dem ältesten Kind übernommen. Durch seine Position als
Erstgeborener ist es der Held bereits von klein auf gewohnt, besonders viel
Aufmerksamkeit von den Eltern zu erhalten. Er tut alles dafür, um Lob und
Anerkennung zu bekommen und hilft deshalb auch sehr viel in der Familie mit. Man
ist stolz auf das Kind, denn durch sein „gutes“ Verhalten bereichert es das
Zusammenleben. Der Held übernimmt Aufgaben im Haushalt, versorgt die jüngeren
Geschwister und ersetzt dadurch oftmals das suchtkranke Elternteil. So wächst er
anscheinend zu einem überaus kompetenten, hilfsbereiten und verantwortungsvollen
Menschen heran (vgl. Kolitzus 2002).
Doch das eigentliche Ziel seines Verhaltens besteht darin, das Familiensystem zu
erhalten und das bestehende Suchtproblem zu beseitigen. Dieses Bestreben ähnelt
sehr den Wünschen des meist co-abhängigen Partners, was dazu führt, dass die
beiden oft eine enge Beziehung zueinander entwickeln. Das Kind in der Helden-Rolle
wird für den Partner des Suchtkranken zu einer wichtigen Hilfsperson, denn dieses
fühlt sich ebenso für das Funktionieren des Familiensystems verantwortlich. Doch
egal wie sehr sich der Held auch bemüht, er wird sein Ziel nicht erreichen.
Stattdessen fühlt er sich zunehmend schuldig und unzulänglich. Seine selbst
auferlegten Zwänge, alles perfekt machen zu müssen, verstärken diese Gefühle
erheblich.
Auch wenn Helden nach außen stark und perfekt erscheinen, sind sie in ihrem
Inneren doch meist sehr einsam. Sie haben nie gelernt, offen über ihre Probleme zu
sprechen und können sich deshalb nur schwer anderen Menschen anvertrauen.
Zudem haben sie meist große Schwierigkeiten, einfach abzuschalten und zu



                                                                               25
entspannen (vgl. Rennert 1990). Mit diesen Einschränkungen haben sie auch im
Erwachsenenalter noch zu kämpfen.


Menschen, die als Kind die Helden-Rolle spielten, neigen dazu, sich im späteren
Leben unbewusst einen suchtkranken Partner zu suchen, denn in solch einer
Beziehung können sie dem vertrauten Muster aus der Kindheit folgen und wieder
Verantwortung übernehmen (vgl. Kolitzus 2002).
Außerdem hat sich gezeigt, dass diese Menschen später sehr häufig einen
helfenden Beruf ergreifen, sie werden u.a. Psychologe, Krankenpfleger, Arzt oder
Sozialpädagoge. Durch derartige Tätigkeiten wird dann versucht, dem inneren
Bedürfnis, anderen Menschen zu helfen und verantwortungsvoll zu handeln, gerecht
zu werden (vgl. Rennert 1990).




1.4.2. Der Sündenbock


Diese eher undankbare Rolle übernimmt in der Regel das zweitgeborene Kind der
Familie. Der Sündenbock ist praktisch das Gegenstück zum gut funktionierenden
Helden. Er ist häufig eifersüchtig auf den besonders beliebten Helden. Als zweites
Kind   erhält   er   weniger   Aufmerksamkeit    und    äußert   deshalb   zunehmend
unangepasstes Verhalten, um „wenigstens“ dadurch aufzufallen. Er zieht die
negative Aufmerksamkeit auf sich (vgl. Rennert 1990).
Durch sein unverantwortliches und nicht konformes Benehmen, kommt es in seinem
sozialen Umfeld nicht selten zum Auftreten zahlreicher Probleme: Typisch sind
Schwierigkeiten in der Schule, die Zugehörigkeit zu Außenseiter-Cliquen, frühzeitiger
Suchtmittelmissbrauch     oder   bei   Mädchen   auch     eine   Schwangerschaft   im
Jugendalter.
Nach außen scheint der Sündenbock eine große Belastung für die Angehörigen zu
sein, doch eigentlich lenkt er mit seinem negativen Verhalten nur vom wahren
Problem, der Suchterkrankung, ab, wodurch die Familie entlastet wird (vgl. Arenz-
Greiving 1998). Das Kind in dieser Rolle fühlt sich oft alleingelassen und ungeliebt,
es weiß nicht recht, wo es hingehört. Außerdem ist es stark gefährdet, selbst eine
Suchtmittelabhängigkeit zu entwickeln.



                                                                                   26
Held und Sündenbock können ihre Rollen auch austauschen. Wenn z. B. das älteste
Kind, das zuvor die Rolle des Helden übernommen hat, von zuhause weggeht, kann
es sein, dass nun das zweitgeborene Kind, welches bislang den Sündenbock spielte,
diese Rolle einnehmen muss. Ihm wird plötzlich mehr Verantwortung zuteil, es muss
den nichtsüchtigen Elternteil unterstützen und wesentlich mehr mithelfen. Endlich
bringt man ihm die lang ersehnte positive Aufmerksamkeit entgegen. Das älteste
Kind erfährt hingegen nun eher die negative Aufmerksamkeit, denn schließlich hat es
die Familie im Stich gelassen (vgl. Rennert 1990).




1.4.3. Das verlorene Kind


Das drittgeborene Kind verhält sich unauffällig und zurückhaltend, es stört
niemanden und wird daher von den Eltern als angenehm empfunden. Sie sind
darüber erfreut, solch ein unkompliziertes Kind zu haben und bestärken es deshalb
in seiner Rolle. Das verlorene Kind lebt in seiner eigenen Welt, es verkörpert den
klassischen Einzelgänger. Es geht anderen aus dem Weg und vermeidet dadurch
sämtliche Konflikte. Es kümmert sich um all seine Angelegenheiten selbst und
braucht scheinbar keine Hilfe von außen.
Aufgrund   seines   unscheinbaren     Wesens     erhält   dieses   Kind   nur   wenig
Aufmerksamkeit, weshalb es sich oft wertlos und einsam fühlt. Diese schmerzhaften
Empfindungen werden dann u.a. durch den Gebrauch eines Suchtmittels oder durch
Essen kompensiert. Weibliche Betroffene in dieser Rolle entwickeln dabei nicht
selten eine Essstörung. Typisch für verlorene Kinder ist außerdem, dass sie
überdurchschnittlich häufig Krankheiten entwickeln. Dies ist für sie scheinbar die
einzige Möglichkeit, mehr Aufmerksamkeit von ihrem Umfeld zu erhalten.
Ihre introvertierte Art führt dazu, dass sie nur schwer mit anderen Menschen in
Kontakt kommen. Im Erwachsenenalter leiden die Betroffenen deshalb häufig unter
Beziehungsstörungen und haben mit einer immensen Selbstwertproblematik zu
kämpfen (vgl. Rennert 1990).




                                                                                   27
1.4.4. Das Maskottchen


Diese Rolle wird dem jüngsten Kind der Familie, dem Nesthäkchen, zugeschrieben.
Das Maskottchen versucht durch sein lustiges Verhalten, Spaß und Unterhaltung in
das sonst so triste Zusammenleben zu bringen und die übrigen Mitglieder
abzulenken. Dadurch erhält es die Aufmerksamkeit, die es braucht. Das Kind in
dieser Rolle wird zum Clown der Familie, es ist selten ernsthaft und zeigt häufig
hyperaktive Züge.
Aufgrund seiner Position als jüngstes Mitglied, wird ihm das eigentliche Problem oft
verschwiegen. Man ist der Ansicht, es verstehe das sowieso noch nicht, schließlich
sei es noch zu jung. Das Maskottchen bemerkt aber sehr deutlich, dass etwas nicht
stimmt, auch wenn es nicht genau weiß, was die Ursache dafür ist. Die existierenden
Spannungen innerhalb des Zusammenlebens lassen sich vor ihm nicht verbergen.
Das Kind in dieser Rolle entwickelt große Ängste und fühlt sich innerlich sehr
einsam.
Von den älteren Geschwistern wird es ständig bemuttert und beschützt. Dadurch
wird es in der Position des „unschuldigen Babys“ gefangen gehalten und somit auch
in seiner notwendigen Heranreifung behindert. Das jüngste Kind verharrt oft viel zu
lange in dieser unmündigen Rolle. So entwickelt es schließlich nur wenige
Bewältigungsstrategien für das spätere Leben.
Im Erwachsenenalter wirkt diese Person dann häufig kindisch und unreif und wird
deswegen nicht ernst genommen. Zudem hat sie große Schwierigkeiten, wenn es
darum geht, mit Konflikten umzugehen oder Krisen zu bewältigen (vgl. Rennert
1993).



Die beschriebenen Rollenbilder stellen nicht zwangsläufig ein Charakteristikum für
dysfunktionale (speziell suchtbelastete) Familien dar, denn sie lassen sich auch in
„gesunden“ Familien beobachten. Als krankhaft bezeichnet man dieses Verhalten
erst, wenn es zwanghaft wird und innerhalb der Rollen schließlich keine Bewegung
mehr     möglich   ist,   wenn   die   eigenen   Bedürfnisse   hinter   das   Wohl   des
Familiensystems treten und jeder nur noch gemäß seiner spezifischen Funktion
handelt, damit das Mobile im Gleichgewicht bleibt (vgl. Rennert 1993).




                                                                                      28
An dieser Stelle ist anzumerken, dass die genannten Verhaltensmuster als
idealtypische Darstellung zu betrachten sind und in der Realität keineswegs genauso
auftreten müssen. Jedes betroffene Kind entwickelt seine Rolle individuell, immer der
eigenen Dynamik und der spezifischen Situation der Familie entsprechend. Wie
bereits erwähnt, ist es möglich, dass die Kinder innerhalb einer Familie ihre Rollen
tauschen. Ein Kind kann auch mehrere Rollen gleichzeitig oder nacheinander
einnehmen. Bei Einzelkindern beobachtet man häufig, dass in ihrer Persönlichkeit
alle Rollen anteilig vertreten sind (vgl. Rennert 1990).


Schließlich sollte verdeutlicht werden, dass diese Rollenbilder nicht ausschließlich
negativ behaftet sind und nicht alle Betroffenen im späteren Leben von
schwerwiegenden Problemen heimgesucht werden. Sofern sie nicht bis ins späte
Erwachsenenalter in ihrer Herkunftsfamilie verweilen und sich in professionelle
Hände begeben, können die Kinder suchtkranker Eltern durchaus Positives aus ihrer
Entwicklung ziehen. Die nachfolgende Tabelle zeigt auf, welche besonderen
Kompetenzen aus den verschiedenen Rollenbildern gewonnen werden können.




                                                                                  29
 Rolle bzw.     Verhalten,                         Gefühlsleben            Vorteile    Vorteile der          Häufig beobachtete Entwicklung            Häufig beobachtete
 Überlebens-    Persönlichkeitsmerkmale                                                Familie               ohne Problembearbeitung                   Entwicklung nach
 Strategie                                                                                                                                             Problembearbeitung
                „Die kleine Mutter“. Tut           Schmerz, fühlt sich     Positive    Versorgt die          Workaholic, kann Fehler und Misserfolg    Kompetent, organisiert,
 Held/Heldin    immer das richtige, über-          unzulänglich,           Aufmerk-    Familie mit           nicht ertragen, starkes Bedürfnis zu      verantwortungs-
                mäßig leistungsorientiert,         Schuldgefühle,          samkeit     Selbstwert, ist das   kontrollieren und zu manipulieren,        bewusst, gut in
                überverantwortlich. Braucht        Furcht, niedriger                   Kind, auf das die     zwanghaft, kann nicht nein sagen.         Leitungspositionen,
                Zustimmung und Anerkenn-           Selbstwert,                         Familie stolz ist.    Sucht abhängige/n Partner/in.             zielbewusst,
                ung von anderen. Kann              kann niemals                                                                                        erfolgreich,
                keinen Spaß empfinden.             genügen.                                                                                            zuverlässig.
                Feindseligkeit, Abwehr,            Schmerz, Gefühl         Negative    Steht im Zentrum      Suchtkrankheit, Delinquenz, Teenager-     Hat Mut, kann gut
 Sündenbock     zurückgezogen, verdrossen.         zurückgewiesen und      Aufmerk-    der (negativen)       Schwangerschaft. Schwierigkeiten          unter Belastung
                Erhält negative                    verlassen zu sein,      samkeit     Aufmerksamkeit,       überall.                                  arbeiten, kann Realität
                Aufmerksamkeit,                    Wut. Fühlt sich unzu-               lenkt ab vom                                                    anerkennen und
                macht Ärger, Delinquenz.           länglich, kein oder                 suchtkranken                                                    anderen aufzeigen,
                                                   niedriger Selbstwert.               Elternteil.                                                     kann Risiko eingehen
                                                                                                                                                       und ertragen.
                Einzelgänger, Tagträumer,          Gefühl der Bedeu-       Entkommt    Erleichterung:        Unentschiedenheit, keine                  Unabhängig von der
 Verlorenes     einsam, belohnt sich auch          tungslosigkeit, darf    jeglicher   „Wenigstens ein       Lebensfreude, Beziehungsstörungen:        Meinung anderer,
 Kind           allein, z.B. mit Essen, „driftet   keine Gefühle haben/    Aufmerk-    Kind, um das man      Promiskuität oder Isolation. Kann nicht   kreativ, phantasievoll,
                und schwimmt“ durchs               zeigen. Einsamkeit,     samkeit,    sich nicht zu         Nein sagen, keine Veränderung             erfinderisch, kann sich
                Leben, ruhig, scheu, wird          Verlassenheit, gibt     hat seine   kümmern braucht.“     eingehen. Häufig Probleme mit             selbst behaupten.
                übersehen,                         sich von vornherein     Ruhe.                             Essstörungen
                wird nicht vermisst.               geschlagen, Schmerz

                Übermäßig niedlich, süß,           Niedriger Selbstwert,   Erhält      Erleichterung und     Zwanghafte Clownereien,                   Charmante/r
 Maskottchen    nett, unreif, tut alles, um        Angst, Gefühl der       Aufmerk-    Spannungsabfuhr       kann Stress nicht ertragen,               Gesellschafter/in,
                Lachen oder Aufmerksam-            Einsamkeit,             samkeit,    durch Komik.          eng an der Grenze zum Hysterischen,       witzig, geistreich,
                keit hervorzurufen. „Baby“,        Bedeutungslosigkeit,    indem es                          sucht Held/in als Partner/in.             humorvoll, unabhängig
                schutzbedürftig, hyperaktiv,       Unzulänglichkeit.       die                                                                         von der Meinung
                kurze Aufmerksamkeits-                                     anderen                                                                     anderer. Einfühlsam
                spanne, Lernprobleme,                                      amüsiert.                                                                   und hilfsbereit.
                ängstlich.




Abb. 3:        Charakteristische Gefühle, Verhaltensweisen, Rollen und Persönlichkeitsmerkmale von Kindern mit einem
               alkoholabhängigen Elternteil nach Wegscheider-Cruse (Rennert 1990. 77)

                                                                                                                                                                            30
1.5. Risikofaktoren betroffener Kinder


„Mein Kind hat von alldem nichts bemerkt!“, diese Aussage hört man öfter bei
ehemals abhängigen Eltern, die sich nach erfolgreicher Entwöhnungstherapie zu der
Situation ihrer Kinder äußern, in der diese sich befanden, als sie selbst noch
getrunken haben (vgl. Kruse, Körkel, Schmalz 2001).
Oftmals spiegeln derartige Aussagen das typische Verleugnen bzw. Verharmlosen
der eigenen Suchterkrankung wider, das aus der Angst heraus entsteht, an den
eigenen Kindern schuldig geworden zu sein. Möglicherweise handelt es sich auch
um tatsächliche Unkenntnis über das Erleben und Empfinden der Kinder. Denn in der
„nassen“ Phase sind Alkoholiker und co-abhängiger Partner meist so sehr in die
eigenen Probleme verstrickt, dass die betroffenen Kinder nicht selten ins Abseits der
Aufmerksamkeit geraten (a.a.O.).


Die besagte Meinung dieser Eltern ist leider weit gefehlt. Es ist allseits bekannt, dass
gerade die Einflüsse in den frühen Lebensjahren die Entwicklung eines Menschen
am nachhaltigsten prägen. Die in dieser Phase gemachten Erfahrungen können sich
sowohl positiv als auch negativ auf das gesamte spätere Leben auswirken (vgl.
Arenz-Greiving 1998).
Kinder, die in einer suchtbelasteten Familie aufwachsen, leiden am meisten und
intensivsten unter den daraus resultierenden Folgeerscheinungen. Sie sind am
stärksten gefährdet, im Verlauf ihres Lebens Schädigungen in den verschiedensten
Entwicklungs- und Persönlichkeitsbereichen davon zu tragen.


Die   nachfolgenden     Kapitel   befassen    sich   mit   eben    diesen    möglichen
Beeinträchtigungen und Störungen, die sich sowohl auf psychischer als auch auf
physischer Ebene entwickeln können.
Vorab soll diesbezüglich eine nicht unerhebliche Unterscheidung zwischen direkten
und indirekten Auswirkungen elterlicher Alkoholabhängigkeit erklärt und anhand
einzelner Beispiele veranschaulicht werden.
Anschließend werden jene Risikofaktoren untersucht, die auch in der Fachliteratur
als die am häufigsten auftretenden Auswirkungen genannt werden. Genauer gesagt
werden das eigene Abhängigkeitsrisiko, schulische Leistungen und Intelligenz,
verschiedene Formen von Verhaltensstörungen sowie Depressionen, Angst- und

                                                                                     31
Essstörungen dahingehend beleuchtet, ob Kinder von Suchtkranken im Vergleich zu
Kontrollgruppen in diesen Bereichen signifikante Auffälligkeiten zeigen. Ergebnisse
diverser Studien werden entsprechend hinzugezogen.
Ein Großteil der veröffentlichten Untersuchungen stammt allerdings aus dem
angloamerikanischen Raum und bislang existieren leider auch nur wenige deutsche
Übersetzungen. Aus diesem Grund beziehen sich die Ausführungen der Kapitel 1.5.2
bis 1.5.5 vornehmlich auf den Psychologen Dr. Martin Zobel, der in seinem Buch
„Kinder aus alkoholbelasteten Familien“ (2000) einen umfassenden, jedoch kritischen
Überblick    zu    aktuellen    Forschungsergebnissen      gibt,   sowie    auf   die
zusammenfassende Übersichtsstudie von Lachner & Wittchen „Familiär übertragbare
Vulnerabilitätsmerkmale für Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit“ aus dem Jahre
1997.




1.5.1. Direkte und Indirekte Folgen elterlichen Alkoholmissbrauchs


Bei den Auswirkungen, welche die Suchterkrankung eines Elternteils auf die
Entwicklung der Kinder haben kann, unterscheidet man zwischen direkten und
indirekten Folgen (vgl. Klein 2001).
Als direkt werden solche Einflussfaktoren bezeichnet, welche möglicherweise die
Vulnerabilität, also das erhöhte Risiko für die Entwicklung einer psychischen Störung,
beeinflussen. Dazu zählen u.a. die sog. Alkoholeffekte. Es handelt sich dabei um
Symptome, die in Störungen der motorischen und intellektuellen Entwicklung zum
Ausdruck kommen (a.a.O.). Die schwerwiegendste direkte Auswirkung elterlichen
Alkoholkonsums während der Schwangerschaft ist die Alkoholembryopathie (AE).
Diese äußert sich in Minderwuchs, Gesichtsabnormitäten, Missbildung einzelner
Gliedmaßen sowie psychischen und motorischen Entwicklungsverzögerungen des
betroffenen Kindes. Man schätzt, dass jährlich etwa 2200 Kinder zur Welt kommen,
die aufgrund des elterlichen Alkoholkonsums schwere Schäden davon tragen (vgl.
Kruse, Körkel, Schmalz 2001).




                                                                                   32
Die indirekten Auswirkungen bezeichnen nicht die Folgen, die durch den Alkohol als
schädigende Substanz entstehen, sondern jene Folgeerscheinungen, die sich
aufgrund des massiven Alkoholkonsums des Abhängigen im familiären und sozialen
Umfeld entwickeln (vgl. Klein 2001).
Die vorangegangenen Kapitel 1.2 und 1.3 lieferten bereits relativ umfassende
Einblicke in jene Begleitumstände, die aufgrund der Suchterkrankung innerhalb der
Familie entstehen können. Dessen ungeachtet sollen an dieser Stelle nochmals
einige dieser Faktoren genannt werden. Es sind u.a. das unberechenbare Verhalten
der Eltern, häufig andauernde innerfamiliäre Konflikte, möglichenfalls die Trennung
der Eltern, psychische und physische Gewalt sowohl den Kindern als auch dem nicht
abhängigen Partner gegenüber und im schlimmsten Falle sexueller Missbrauch.


Das Hauptmerkmal, welches sich aufgrund dieser belastenden Umstände bei den
betroffenen Kindern nahezu immer feststellen lässt, ist ein sehr gering ausgeprägtes
bzw. nicht vorhandenes Selbstwertgefühl. Welch einschneidende Konsequenzen
dieses Defizit gegebenenfalls mit sich bringen kann, wird in Kapitel 1.6.2
ausführlicher dargestellt.
In den nachstehenden Abschnitten wird zunächst diskutiert, in wie weit diese Kinder
Gefahr    laufen,    dem     bestehenden     Risiko   einer   psychischen   Störung,
Verhaltensauffälligkeit oder ähnlich problematischen Beeinträchtigung zu erliegen.




1.5.2. Entwicklung eigener Suchtmittelabhängigkeit


In Kapitel 1.1 wurden einige Ergebnisse diverser Studien genannt, die belegen, dass
Kinder aus suchtbelasteten Familien stark gefährdet sind, im Laufe ihres Lebens
selbst eine stoffgebundene Abhängigkeit zu entwickeln. Ebenso wurde angeführt,
dass Alkoholiker überdurchschnittlich häufig aus Familien stammen, in denen bereits
in früheren Generationen Alkoholismus existierte (a.a.O.)
Diese Umstände gelten heute als unumstrittene Tatsachen. Deutlich geworden ist
dies vor allem in der stationären Entwöhnungsbehandlung von Suchtkranken, wo
sich während der Therapie oft herausstellte, dass beinahe jeder dritte Patient einen
alkoholkranken Elternteil hat (vgl. Zobel 2001).



                                                                                     33
Wenn es in der Fachliteratur um die Frage geht, worin die Ursachen liegen, dass
diese Kinder die größte Risikogruppe für die Entwicklung einer Abhängigkeit
darstellen, so wird oftmals das Modelllernen genannt: Die Eltern sind, ob sie es
wollen oder nicht, Vorbilder für ihre Kinder. Lernen die Kinder, dass z.B.
Konfliktsituationen nur mit Hilfe von Alkohol bewältigt werden können und das
Konsumieren dieser Substanz auch sonst im Familienalltag eine wichtige Stellung
einnimmt, übernehmen sie dieses Verhalten. So wird der Alkohol zu einem festen
Bestandteil in ihrem späteren Leben.
Doch das Lernen am Modell ist nicht der einzige zu berücksichtigende Faktor bei
dem erhöhten Risiko. Nicht alle Kinder aus Suchtfamilien werden zwangsläufig
abhängig. Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit sowie individuelle Reaktionen
auf die Substanz Alkohol spielen ebenfalls eine bedeutsame Rolle.
So hat man bei verschiedenen Untersuchungen bzgl. der Alkoholverträglichkeit
erstaunliche Ergebnisse erzielen können: Die jugendlichen Söhne suchtkranker
Eltern, deren Abhängigkeitsrisiko im Vergleich zu den Töchtern bereits deutlich
erhöht ist, reagieren körperlich und subjektiv anders auf Alkohol als gleichaltrige
Söhne aus „gesunden“ Familien.
Bei den physiologischen Reaktionen zeigen sie eine erhöhte Toleranz gegenüber
Alkohol: D.h. wenn sie die gleiche Menge Alkohol zu sich nehmen wie ihre Freunde,
fühlen sie sich auch dann noch „klar“ im Kopf, wenn die Anderen schon betrunken
sind. Um also den gleichen Effekt zu erzielen, können und müssen sie wesentlich
mehr trinken als ihre „Kumpels“. Auch fühlen sie sich nach einem Vollrausch nicht
wirklich schlecht. Sie sind am nächsten Morgen schnell wieder fit, während Andere
den ganzen Tag unter dem berüchtigten „Kater“ leiden müssen.
Bezüglich des subjektiven Empfindens hat man bei den Söhnen von Suchtkranken
festgestellt, dass sie sich besser entspannen, nachdem sie Alkohol konsumiert
haben. In Stresssituationen empfinden sie Alkohol demnach als ein positives
Hilfsmittel, um schneller abschalten zu können (vgl. Zobel 2001; Lachner & Wittchen
1997).
Die beschriebenen Reaktionen auf Alkohol stellen bei den Söhnen suchtbelasteter
Eltern, neben dem Modelllernen, ein besonders hohes Risiko dar, eine eigene
Suchterkrankung zu entwickeln




                                                                                34
Bei weiblichen Kindern von Alkoholikern konnten derartige Effekte zwar nicht
festgestellt werden, doch gilt bei ihnen als nachgewiesen, dass sie im
Erwachsenenalter überdurchschnittlich häufig einen suchtkranken Partner wählen.
Vor allem jene Töchter, die in der Herkunftsfamilie die Helden-Rolle eingenommen
haben, neigen zu der signifikanten Partnerwahl, um auf diese Weise weiterhin
Verantwortung übernehmen zu können (vgl. Kapitel 1.4.1).
Nicht selten findet man in der Literatur die Erklärung, dass die Tochter eines
suchtkranken Vaters das co-abhängige Verhalten der eigenen Mutter nachahmt,
indem sie sich später selbst einen suchtkranken Partner sucht. Man könnte beinahe
sagen, sie identifiziert sich auf diesem Wege mit ihr. Denn genauso wie es die Mutter
einst zuhause vorgelebt hat, glaubt nun auch die Tochter daran, durch andauernde
Zuwendung und fortwährendes Verständnis den abhängigen Partner von seiner
Sucht befreien zu können (vgl. Zobel 2001). Doch leider ist und bleibt dies eine fatale
Illusion.


Nach wie vor sind die Erkrankungsrisiken jener Kinder am größten, bei denen beide
Elternteile suchtkrank sind oder andere ungünstige Bedingungen, wie z. B. ein
geringer sozioökonomischer Status, komorbide Störungen der Eltern oder sexueller
Missbrauch, vorherrschen.
Studien haben auch gezeigt, dass aufgrund besonders günstiger Begleitumstände
die besagten Risiken möglicherweise gesenkt werden: So stellten Bennet & Wolin in
ihren Untersuchungen fest, dass eine gesunde Familienkultur, die trotz der
Alkoholabhängigkeit eines Elternteils aufrecht gehalten wird, das Erkrankungsrisiko
der Kinder verringern kann. Unter dem Begriff „Familienkultur“ fassen die Autoren
bestimmte Verhaltensmuster und Überzeugungssysteme einer Familie zusammen.
Eine    besondere   Bedeutung    schreiben    sie   dabei   den   Familienritualen   zu
(gemeinsames Abendessen, traditionell gestaltete Feiertage etc.), die durch stetige
Wiederholung und ihren festen Platz im täglichen Geschehen, die Stabilität und
Identität der Familie fördern. Die Ergebnisse zeigten schließlich Folgendes: Die
Transmission der Alkoholabhängigkeit bzw. des –missbrauchs war in Familien, in
denen die Rituale aufgrund der Abhängigkeit zuerst vernachlässigt und schließlich
ganz aufgegeben wurden, signifikant höher als in jenen, die die Rituale weiterführten
(vgl. Bennet & Wolin 1994).



                                                                                     35
Dies macht noch einmal deutlich, dass es keineswegs den Tatsachen entspricht zu
behaupten, alle Kinder aus Suchtfamilien entwickeln früher oder später eine
Abhängigkeit. Von derart voreiligen Schlussfolgerungen sollte Abstand genommen
werden.




1.5.3. Schulische Leistungen und Intelligenz


Studien zu den schulischen Leistungen und dem Betragen von Kindern abhängiger
Eltern kamen bislang zu unterschiedlichen Ergebnissen. So sehen einige durchaus
kausale Zusammenhänge zwischen dem elterlichem Alkoholismus und schlechteren
Leistungen im Unterricht bzw. auffälligerem Verhalten in der Schule (Bennet et al.
1988; Moss et al. 1995). Andere Untersuchungen stellen hingegen bei den
betroffenen Kindern im Vergleich zu ihren Mitschülern, keine Auffälligkeiten fest. Hier
sind die schulischen Leistungen der Risikoprobanden relativ unauffällig und weichen
nicht unbedingt von den regulären Normwerten ab (Moss et al. 1995). Auch
erreichen diese Kinder in der Regel keinen niedrigeren Schulabschluss als andere.
Allerdings weisen sie mehr Fehlstunden auf als ihre Mitschüler, sie wiederholen
häufiger ein Schuljahr und nehmen öfter die Hilfe eines Schulpsychologen in
Anspruch.
Nicht selten ist es der Fall, dass sie aufgrund der Folgen des elterlichen
Suchtproblems (Trennung, Scheidung) mehrfach den Wohnort und deshalb auch die
Schule    wechseln.   Diese    Gegebenheit     sowie   hinzukommende       schlechtere
sozioökonomische Verhältnisse scheinen einen größeren Einfluss auf niedrigere
Schulleistungen zu haben, als die Suchterkrankung an sich. Auch das Aufwachsen
mit einem neuen, oft ebenfalls abhängigen Stiefvater, kann sich negativ auf die
Schulleistungen auswirken.
Bennet et al. (1988) führen als weitere Einflussfaktoren den Intellekt und die
berufliche Position des Vaters an. McGrath et al. (1999) bezeichnen außerdem den
Schweregrad der elterlichen Suchterkrankung als relevant.
Bei der Untersuchung schulischer Leistungen sollten die äußeren Umstände also
nicht außer Acht gelassen werden, denn wie sich gezeigt hat, kann der elterliche
Alkoholismus nicht alleine als die Ursache für schwächere Leistungen der Kinder
angesehen werden.


                                                                                    36
Doch es wurde auch festgestellt, dass niedrigere Leistungen und auffälliges
Verhalten in der Schule durchaus den Suchtmittelkonsum betroffener Jugendlichen
fördern (Chassin et el 1988). Schüler mit schlechteren Noten greifen demnach eher
zu Alkoholika, als solche mit guten Zensuren, was für die ohnehin bereits
vorbelasteten Kinder aus Suchtfamilien eine noch schlechtere Prognose bedeuten
könnte.
Im Hinblick auf die kognitiven Fähigkeiten dieser Kinder wurde schon im Jahre 1905
behauptet, dass alle Kinder suchtmittelabhängiger Eltern „Dummköpfe“ seien
(McNicholl). Eine provokante These, die sich vorerst nicht bestätigen ließ. Aktuellere
Studien (Bennett et al. 1988; Puttler et al. 1998) haben dann jedoch bei betroffenen
Kindern,     verglichen       mit    Kontrollprobanden,     niedrigere    Werte     des
Intelligenzquotienten (IQ) festgestellt. Die Gründe dafür werden aber, wie bereits bei
den schulischen Leistungen, nicht alleine in der Abhängigkeit des betroffenen
Elternteils gesehen. Vielmehr sind es auch hier die zusätzlichen belastenden
Faktoren, wie eine weitere psychische Erkrankung oder Abhängigkeit der Eltern, das
Aufwachsen mit einem suchtkranken Stiefvater oder schlechtere sozioökonomische
Verhältnisse, die als Ursache für einen niedrigeren IQ gelten. Denn suchtbelastete
Kinder     aus    gut   funktionierenden   Familienverhältnissen   und   mit   besserem
sozioökonomischem Status, zeigten im Vergleich zur Kontrollgruppe keinen
niedrigeren IQ.
Demnach sind neben der Alkoholabhängigkeit eines Elternteils die genannten
negativen Einflussfaktoren dafür verantwortlich, dass die Kinder nicht die für sie
bedeutsame Förderung ihrer kognitiven Fähigkeiten erhalten. Aufgrund dieser
zusätzlichen Probleme ist es für die Eltern noch schwieriger, sich genügend um ihre
Kinder zu kümmern, geschweige denn deren Fähigkeiten und Fertigkeiten zu
unterstützen.
Abschließend sollte erwähnt werden, dass die IQ-Werte der belasteten Kinder zwar
unter denen der Vergleichsprobanden lagen, sich aber insgesamt im Normbereich
befanden.




                                                                                     37
1.5.4. Aufmerksamkeitsdefizite (ADHS) und Störungen des Sozialverhaltens


Die mit Hyperaktivität verbundenen Aufmerksamkeitsstörungen und die Störungen
des Sozialverhaltens weisen zum Teil sehr ähnliche Merkmale auf, weshalb es
oftmals schwierig ist, diese beiden zu unterscheiden.
Das        „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom      mit         Hyperaktivität“,    in     der
Allgemeinbevölkerung     meist   besser   bekannt    als     „ADHS“,     beschreibt   eine
Verhaltensauffälligkeit, deren erstmaliges Auftreten bei Kindern in der Regel
zwischen dem ersten und fünften Lebensjahr beobachtet wird. Bis heute sind es
überwiegend Jungen, welche diese Störung entwickeln.
Zu den typischen Merkmale zählen: Mangelnde Ausdauer bei Beschäftigungen, bei
kognitiven (schulischen) Aufgaben ebenso wie beim Spielen; ständiges Wechseln
zwischen verschiedenen Tätigkeiten; hohe Ablenkbarkeit; eine bemerkenswert
ausgeprägte und desorganisierte Aktivität; Distanzlosigkeit sowie beständige
motorische Unruhe. Nicht selten kommen Leseschwierigkeiten oder andere
Schulprobleme hinzu. Ihr auffälliges, impulsives Verhalten macht es den Betroffenen
häufig schwer, mit anderen Kindern dauerhafte Freundschaften zu schließen.
Die Zahlen bzgl. der Prävalenzrate von ADHS weichen zum Teil stark voneinander
ab: So nennt Biedermann (1998) bei Kindern eine Auftretensrate von 6-9%, bei
Erwachsenen sind es gemäß seinen Angaben 5%. Andere Informationsquellen
hingegen nennen im Kindesalter eine Häufigkeit von 4-5%, im Erwachsenenalter
lediglich 1% (vgl. www.adhs-hilfe.de). Fakt ist in jedem Falle, dass die Störung
oftmals bis ins Erwachsenenalter konstant bleibt.
Verschiedene Autoren (Gunnings 1997; Wilens 1998) gehen davon aus, dass
hyperkinetische Störungen wie ADHS das Risiko einer frühzeitigen Suchterkrankung
erhöhen, da sich aufgrund der Existenz einer solchen Störung der Missbrauch von
Alkohol oder Drogen wesentlich schneller zu einer Abhängigkeit entwickelt. Ebenso
scheinen weitere Verhaltensauffälligkeiten, wie die Störung des Sozialverhaltens
oder eine antisoziale Persönlichkeitsstörung, ursächlich daran beteiligt, dass derart
Betroffene deutlich früher Suchtproblematiken aufweisen als Menschen ohne diese
Defekte.




                                                                                        38
Wilens et al. (1997) deuten außerdem darauf hin, dass bei ADHS-Patienten
auffallend häufig ein enormer Alkoholkonsum bzw. -missbrauch zu verzeichnen ist.
Demzufolge sind es bei den betroffenen Jugendlichen 25-30%, bei den Erwachsenen
sogar 40-50%. Vorwiegend wird eine Begründung darin gesehen, dass die
Betroffenen den Alkohol als ein Instrument der Selbstmedikation verwenden.


Bei Kindern suchtkranker Eltern hat man festgestellt, dass sie vermehrt ADHS oder
ähnlich auffälliges Verhalten zeigen. Laut Ergebnissen verschiedener Studien
(Bennet et al. 1988; Wilens et al. 1996) sind diese in ihrem Verhalten impulsiver und
zeigen geringere Aufmerksamkeitsspannen als Kinder nicht trinkender Eltern.
Jedoch sieht eine Vielzahl anderer Autoren (Sher et al. 1991; West & Prinz 1987)
keinen signifikanten Zusammenhang zwischen elterlichem Alkoholismus und ADHS
im Kindesalter. Auch bei retrospektiven Befragungen zu kindlicher Hyperaktivität und
Impulsivität konnten zwischen erwachsenen Kindern aus Suchtfamilien und
Kontrollprobanden keine nennenswerten Unterschiede festgestellt werden.


Die Störungen des Sozialverhaltens sind gekennzeichnet durch dissoziales,
aggressives    und     aufsässiges      Verhalten.     Meist    spielen    problematische
Begleitumstände      auf   psychosozialer   Ebene,      wie    mangelnde    innerfamiliäre
Beziehungen oder Schulschwierigkeiten, dabei eine entscheidende Rolle.
Kinder mit einer derartigen Störung stammen vermehrt aus sozioökonomisch
ungünstigen Verhältnissen, zudem weisen ihre Eltern nicht selten eine antisoziale
Persönlichkeitsstörung auf.
Nach Offord et al. (1991) wird die Prävalenzrate der Störungen des Sozialverhaltens
im Jugendalter auf ca. 10% geschätzt. Ähnlich wie die ADHS-Erkrankung, bleibt
auch sie häufig bis ins Erwachsenenalter bestehen, wobei man hier aber davon
ausgeht,   dass      besonders    die    ungünstigen     familiären   Umstände      einen
entscheidenden Teil zur Aufrechterhaltung beitragen. Vor allem die aggressiven
Anteile dieser Verhaltensstörung können, sofern sie bereits in jungen Jahren
auftreten und über längere Zeit andauern, im späteren Leben zu Delinquenz oder
gleichsam schwerwiegenden Problemen führen.




                                                                                       39
Wie schon bei den Aufmerksamkeitsdefiziten haben auch bei der Störung des
Sozialverhaltens einige Studien (Windle 1990; Kratzer & Hodgins 1997) gezeigt,
dass die Betroffenen im Jugend- und Erwachsenenalter überdurchschnittlich häufig
Alkohol und Drogen konsumieren. In diesem Fall kann man das Ganze ebenfalls als
den Versuch einer Selbstbehandlung verstehen. Laut Greenbaum et al. (1995) sollen
dadurch die eigenen sozialen Kompetenzen verbessert werden.


In diversen Untersuchungen (Bennet et al. 1988; Carbonneau et al. 1998) kam man
zu dem vergleichbaren Ergebnis, dass die Kinder, speziell die Söhne, suchtkranker
Eltern im Kindes- und Jugendalter vermehrt auffälliges und aggressives Verhalten
zeigen als Kontrollprobanden. Existieren zudem weitere ungünstige Bedingungen,
wie z.B. sozioökonomisch schlechtere Verhältnisse, ein geringer Bildungsstand der
Eltern oder eine antisoziale Persönlichkeitsstörung (ASP) des suchtkranken
Elternteils, erhöht dies das Risiko eigener Verhaltensauffälligkeiten enorm.
Auch wenn von manchen Autoren (Chassin et al. 1991) beobachtet wurde, dass
entsprechende Symptome vermehrt auftreten, wenn sich das suchtkranke Elternteil
in einer „nassen“ Phase befindet, so ist doch rein statistisch betrachtet keine direkte
Verbindung zwischen elterlichem Trinken und einer Störung des Sozialverhaltens der
Kinder festzustellen.
In anderen Studien (Lahey et al. 1988; Rubio-Stipec et al. 1991; Zucker et al. 1996)
war es eher unerheblich, ob die Eltern neben der psychopathologischen Störung eine
Abhängigkeit aufwiesen oder nicht, denn sowohl die Kinder der suchtkranken als
auch jene der nicht trinkenden Eltern zeigten relativ gleichstark ausgeprägte
Verhaltensstörungen. Ebenso wurden bei den Kindern suchtkranker Eltern mit ASP-
Diagnose, im Vergleich zu gesunden Kontrollprobanden und zu Kindern suchtkranker
Eltern ohne ASP-Diagnose, deutlich mehr Verhaltensauffälligkeiten festgestellt.
Demnach scheint das Auftreten von Störungen des Sozialverhaltens bei diesen
Kindern weniger mit der elterlichen Alkoholabhängigkeit, als vielmehr mit der
antisozialen Persönlichkeitsstörung des suchtkranken Elternteils in Verbindung zu
stehen.




                                                                                    40
1.5.5. Angststörungen und Depressionen


Die Prävalenz von Angststörungen im Kindes- und Jugendalter liegt bei ca. 10%.
Gemäß den Angaben von Essau & Pettermann (1998) zählen sie deshalb zu den am
häufigsten auftretenden psychischen Erkrankungen junger Menschen.
Auch für Depressionen, die man bekanntlich eher Erwachsenen zuschreibt, sind
Kinder und Jugendliche empfänglich. Nicht selten ist es der Fall, dass bei einem
Menschen bereits in jungen Jahren typische Merkmale einer depressiven Episode
erkennbar werden. Sowohl bei den Angststörungen im Kindesalter als auch bei
Depressionen unterscheidet das ICD-10 eine Reihe verschiedener Formen und
Schweregrade.


Zu den Angststörungen, die in der Klassifikation unter den „emotionalen Störungen
des Kindesalters“(F93) zu finden sind, zählen u.a. die „emotionalen Störungen mit
Trennungsangst“, „phobische Störungen“, „Störungen mit sozialer Ängstlichkeit“
sowie „emotionale Störungen mit Geschwisterrivalität“ (vgl. Dilling et al. 2004).
Bei der Entwicklung von Angststörungen hat sich gezeigt, dass diese häufig
innerhalb der eigenen Familie weitergegeben werden. Nicht selten wird die Störung
von einer bereits erkrankten Mutter an ihre Kinder transmittiert. In Untersuchungen
haben sich derartige Ängste als andauernde und relativ widerstandsfähige Störungen
erwiesen, zudem sind sie oft mit weiteren psychosozialen Problemen (u.a. Schule,
Familie) verbunden.


Bei der „depressiven Episode“(F32), deren Begrifflichkeit für Erwachsene und Kinder
gleichermaßen     gilt,     wird   zwischen   leichten,   mittelgradigen   und   schweren
Erscheinungsformen differenziert. Die „Major Depression“ bezeichnet die typische
Depression mit den Hauptsymptomen einer gedrückten Stimmung, Verminderung
des Antriebs, gravierender Interessenverlust und Freudlosigkeit (vgl. www.depress-
online.de). Das ICD-10 unterscheidet diese bzgl. ihrer Auftretenshäufigkeit in
einzelne depressive Episoden und wiederholte Phasen, sog. „rezidivierende
Depressionen“. Anhaltende affektive Störungen werden als „Dysthymia“ bezeichnet,
eine   Form    von        konstanten   oder   konstant    wiederkehrenden    depressiven
Verstimmungen, die über mehrere Jahre hinweg andauert (vgl. DiIlling et al. 2004).



                                                                                       41
Diverse Studien kommen zu dem Schluss, dass Kinder aus suchtbelasteten Familien
wesentlich stärker gefährdet sind, Symptome von Angststörungen und Depressionen
zu entwickeln (Chassin et al. 1991; Puttler et al 1998). Maier und Mitarbeiter (1994)
behaupten, das Risiko an einer unipolaren Depression zu erkranken sei bei
suchtbelasteten Kindern doppelt so hoch wie bei entsprechenden Kontrollprobanden
(vgl. Lachner & Wittchen 1997).
Trotz solcher Ergebnisse ist es nach wie vor umstritten, ob Anzeichen von Angst und
Depressionen bei diesen Kindern allein auf die elterliche Suchterkrankung
zurückzuführen sind. Denn auch andere Faktoren, wie z. B. eine existente
psychische Störung eines Elternteils, eine belastende innerfamiliäre Atmosphäre
oder gestörte Beziehungen der Familienmitglieder untereinander, können ursächlich
an ängstlichen bzw. depressiven Symptomen betroffener Kinder beteiligt sein.
Insbesondere die vorherrschende familiäre Stimmung scheint einen großen Einfluss
darauf zu nehmen, ob ein Kind eine derartige Störung entwickelt. Studien (Barrera &
Stice 1998; Reich et al. 1993) haben gezeigt, dass in Familien mit einem
suchtkranken oder einem anderweitig psychisch erkrankten Elternteil, die Belastung
der Kinder immer dann am größten ist, wenn zusätzlich eine dysfunktionale
Atmosphäre existiert.
Des Weiteren hat man festgestellt (Moos & Billings 1982; Chassin et al. 1991), dass
ängstliche und depressive Kinder, deren suchtkranker Elternteil die eigene
Abhängigkeit „in den Griff bekommt“, ihr auffälliges Verhalten relativ bald ablegen.
Wenn der Suchtkranke völlig abstinent lebt und auch keine Rückfälle zu verzeichnen
sind, verschwinden die Symptome der Kinder weitestgehend, was natürlich auch
damit zusammenhängt, dass sich die familiäre Atmosphäre deutlich entspannt, wenn
der Suchtkranke nicht mehr trinkt.




1.5.6. Essstörungen


Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich vornehmlich auf den Artikel von
Baltruschat, Geissner und Klein (2005). Es handelt sich dabei um den vollständigen
Abschlussbericht des Projektes „Essstörungen bei Töchtern suchtkranker Eltern“,
welches   im   Rahmen     der     Kompetenzplattform   Suchtforschung    (ehemaliger



                                                                                  42
Forschungsschwerpunkt Sucht) an der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-
Westfalen im Jahre 2003 durchgeführt wurde.
In   dieser   Studie   werden   aussagekräftige    Forschungsergebnisse      diverser
Untersuchungen aufgegriffen, die bislang zu der besagten Thematik durchgeführt
wurden. Diese zusammenfassenden Angaben geben einen Überblick zur derzeitigen
Forschungslage. Aus diesem Grund sollen einige davon auch im Folgenden genannt
werden.


Laut Garfinkel et al. (1995) liegt die Lebenszeit-Prävalenz für die Entwicklung einer
Essstörung bei Frauen bei 1,1% und bei Männern bei 0,2% (vgl. Baltruschat et al.
2005). Daneben gibt es in der Bevölkerung eine Vielzahl an Frauen und Mädchen,
die vereinzelte Symptome von Essstörungen aufweisen. So sind „Fressanfälle“, die
Einnahme von Laxantien (Abführmittel) oder das Erbrechen nach einer Mahlzeit
heute keine Seltenheit mehr. Als Gründe für dieses Verhalten können u.a. das in den
Medien propagierte Schlankheitsideal, eine ausgeprägte Angst vor Übergewicht bzw.
Gewichtszunahme und ein geringes Selbstwertgefühl genannt werden (vgl. Davison
& Neale 2002).
Zu den familiären Ursachen für die Entwicklung einer Essstörung gehören hohe
Ansprüche der Eltern, deren häufige Kritik an Aussehen und Figur der Kinder sowie
das Vorhandensein einer psychischen Erkrankung bei einem Elternteil, wozu
Depressionen und insbesondere Alkoholismus gezählt werden müssen.
Infolgedessen hat man bisher in verschiedenen Studien immer wieder untersucht, ob
sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen elterlichem Alkoholismus und
Symptomen von Essstörungen bei den Kindern, speziell bei den Töchtern, feststellen
lässt. In der Regel wird dabei so vorgegangen, dass Patientinnen mit einer akuten
oder behandelten Essstörung hinsichtlich dessen befragt werden, ob ihre Eltern
erkennbare Merkmale einer Alkoholproblematik zeigen. Oder es werden junge
Erwachsene aus Suchtfamilien mit Jugendlichen nicht trinkender Eltern verglichen,
und zwar im Hinblick auf die Frage, ob die Risikoprobanden häufiger Symptome von
Essstörungen aufweisen als die Kontrollgruppe.


Wie bei der Erforschung anderer Thematiken, gehen die Ergebnisse auch in diesem
Bereich teilweise beträchtlich auseinander. Ein Großteil kommt allerdings zu dem
Schluss, dass sehr wohl von einer ursächlichen Verbindung ausgegangen werden


                                                                                  43
kann: Bei Kasset et al. (1989) wiesen 33% der Verwandten ersten Grades von
bulimischen Patientinnen eine Alkoholstörung auf. Bei Fairburn et al. (1997) betrug
die Rate elterlicher Suchterkrankungen bei den Bulimikerinnen 20%, die gesunde
Kontrollgruppe verzeichnete lediglich 3% an suchtkranken Eltern.
Weitere Studien (Claydon 1987; Mintz et al. 1995) kamen zu ähnlich signifikanten
Ergebnissen, auch wenn dabei die Befragten „nur“ Symptome für Essstörungen
zeigten, bis dato aber noch keine Diagnose vorlag. Die Selbstaussagen von
Jugendlichen aus suchtbelasteten Familien bei der Untersuchung von Chandy et al.
(1994) zeigten ebenfalls signifikant häufiger Anzeichen von gestörtem Essverhalten
als die Berichte der entsprechenden Kontrollprobanden.


Bezieht man sich auf die definierten Rollenmuster nach Wegscheider-Cruse, welche
die Kinder innerhalb einer Suchtfamilie einnehmen, so hat man vor allem bei den
„Verlorenen Kindern“ immer wieder Essproblematiken in Form von Anorexia Nervosa
(Magersucht) oder Adipositas (Fettsucht) festgestellt (vgl. Arenz-Greiving 1998).
Andere Autoren (Kasset et al. 1989) sind hingegen der Ansicht, dass die Essstörung
Bulimia Nervosa (auch Bulimie oder Ess-Brech-Sucht) diejenige sei, die bei Kindern
suchtkranker Eltern am häufigsten auftritt.


Wie bereits erwähnt, gab es jedoch auch Erforschungen (Kuntz et al. 1992, Logue et
al. 1989), bei denen nur ein geringer oder gar kein Zusammenhang festgestellt
wurde. Des Weiteren kamen z.B. Kaye et al. (1996) zu dem Ergebnis, dass bei den
untersuchten Probanden Merkmale einer Essstörung immer nur in Verbindung mit
einer eigenen Alkoholerkrankung auftraten.


Die   Ergebnisse       des   zu   Anfang   des   Kapitels   benannten   Projekts    am
Forschungsschwerpunkt Sucht weisen darauf hin, dass die Vulnerabilität der Töchter
für die Entwicklung von Essstörungssymptomen durch elterlichen Alkoholismus
deutlich erhöht ist.
In diesem Projekt wurden zwei voneinander unabhängige Teilstudien durchgeführt:
In der ersten Untersuchung wurden Frauen mit einer diagnostizierten Essstörung
nach möglichen Alkoholproblemen der Eltern und der daraus resultierenden eigenen
Belastung befragt. In der zweiten Studie wurden Eltern mit einer diagnostizierten
Alkoholerkrankung im Hinblick darauf interviewt, ob ihre Töchter Merkmale einer


                                                                                    44
Essstörung aufzeigen. Zusätzlich befragte man diese Töchter (postalisch) nach der
wahrgenommen Belastung durch die elterliche Suchtproblematik.
Die Ergebnisse sind eindeutiger als man es zunächst erwartet hat. Sie weisen darauf
hin, „dass der Zusammenhang bisher möglicherweise unterschätzt wurde“
(Baltruschat et al. 2005, 66).


In Teilstudie 1. lag bei 47% der Eltern essgestörter Töchter eine Alkoholproblematik
vor, wobei hier allerdings nicht nur die tatsächliche Abhängigkeit sondern auch
bereits ein Missbrauch von Alkohol miteinbezogen wurde (ausgehend von einer Rate
von 1,1 - 4,9% an Alkoholproblematiken in der Gesamtbevölkerung).
In Teilstudie 2. zeigten sich bei ca. 40% der Töchter suchtkranker Eltern Symptome
einer Essstörung (ausgehend von einer Rate von 1 - 3% an Essstörungen bzw. 8%
an Essstörungssymptomen in der Gesamtbevölkerung).


Die Autoren bezeichnen die betroffenen Töchter „in hohem Maße gefährdet, an einer
Essstörung zu erkranken“. Zudem betonen sie: „Offen bleiben muss gegenwärtig,
welche Kausalzusammenhänge hier bestehen bzw. inwieweit Drittvariablen eine
Rolle spielen“ (Baltruschat et al. 2005, 67).
Diesen bedeutenden jedoch offen gebliebenen Fragen wird versucht, im zweiten Teil
der vorliegenden Arbeit Rechung zu tragen.
Die bisherigen Ausführungen haben deutlich gemacht, dass ein Zusammenhang
zwischen elterlichen Alkoholproblemen und Essstörungssymptomen bei den Kindern,
besonders bei den Töchtern, existiert. Was diese kausalen Zusammenhänge jedoch
de facto ausmacht und wie diese letztlich zu verstehen bzw. zu interpretieren sind,
bleibt nach wie vor ungewiss.


In klinischen Studien, wie sie oben dargestellt wurden, werden die einzelnen Daten
sowie mehr oder weniger das gesamte verwendbare Material u.a. mit Hilfe von
Fragebögen, Screening Tests, wie z.B. der C.A.S.T. (vgl. Anhang) und klinischen
Interviews gewonnen. Es ist verständlich, dass bei den überwiegend schriftlichen
Befragungen die Interviewteilnehmer nicht ausgiebig zu Wort kommen können. Ziel
dieser Studien sind schließlich keine individuellen Aussagen der betroffenen
Klienten, sondern vielmehr rein statistische Daten.



                                                                                 45
Demzufolge kann auf die Frage, worin die spezifischen Gründe liegen, dass Kinder
alkoholabhängiger     Eltern    Essstörungen   entwickeln,   mit   Hilfe   klinischer
Untersuchungen keine Antwort gefunden werden. Es können lediglich Hypothesen
aufgestellt werden.


Einige Kliniker vermuten, dass es sich bei dem Verweigern der Nahrung ebenso wie
bei Essanfällen betroffener Kinder um Bewältigungsmechanismen handelt, die ihrem
Alter entsprechend, dazu dienen, die verheerenden innerfamiliären Verhältnisse
überhaupt auszuhalten. Demzufolge werden die eigenen Gefühle durch exzessive
Aufnahme oder durch völliges Entsagen der Nahrung betäubt.
Es sei ebenso denkbar, dass eine Anorexia Nervosa, die mit fortwährender
Nahrungsverweigerung      und   extremem   Gewichtsverlust   einhergeht,   bei   den
Betroffenen Gefühle von Macht und Kontrolle auslöst. Empfindungen, die aufgrund
der Unberechenbarkeit der Eltern, von den Kindern als besonders positiv erlebt
werden (vgl. Baltruschat et al. 2005).
Bei einer Adipositas bzw. übermäßigem Essen kann eher davon ausgegangen
werden, dass die Kinder versuchen, sich durch die ständige Nahrungszufuhr eine Art
Schutzschild („Schutzpanzer“) aufzubauen, welches sie von der Außenwelt
abschirmen soll.


Es bleibt abzuwarten, ob sich derartige Mutmaßungen zukünftig bestätigen lassen.
Vielleicht können die Auswertungen der Interviews in Kapitel 4. dieser Arbeit einen
kleinen Teil dazu beitragen.




1.6. Erwachsene Kinder Suchtkranker (EKS)


In den vorangegangenen Kapiteln wurde ausführlich dargelegt, unter welch
belastenden Umständen die Kinder suchtkranker Eltern aufwachsen. Ebenso wurde
hervorgehoben, mit welchen Schwierigkeiten sie während dieser Zeit zu kämpfen
haben und welche, zum Teil schwerwiegenden, Auswirkungen diese Bedingungen
auf ihr Leben haben können.




                                                                                  46
Man sagt, erwachsene Kinder aus suchtbelasteten Familien seien „anders“ als
andere Menschen (vgl. Abbildung 4, 10). Aufgrund der Belastungen in der Kindheit,
begegnen sie auch in ihrem späteren Leben zahlreichen Problemen. Besonders in
zwischenmenschlichen Beziehungen zeigen sie häufig auffallend große Defizite.


Viele Autoren der Fachliteratur, wie z. B. Claudia Black (1988), beschreiben vor
allem das geringe Selbstwertgefühl als ein einschneidendes Manko. Die Betroffenen
werden von Minderwertigkeitskomplexen geplagt und können aufgrund dessen
anderen Menschen nur schwer vertrauen. Oft haben sie das Bedürfnis,
Verantwortung zu übernehmen und zu kontrollieren, weshalb sie stark gefährdet
sind, in ein co-abhängiges Beziehungsgefüge zu geraten und dies häufig wiederum
mit einer abhängigen Person.
Des Weiteren haben sie Schwierigkeiten, ihre eigenen Gefühle überhaupt
wahrzunehmen, geschweige denn nach außen zu zeigen. Sich anderen Menschen
mitzuteilen, um Hilfe zu bitten und vor allem Nähe zuzulassen, stellen für sie große
Probleme dar (a.a.O.).


Black bezeichnet erwachsene Kinder aus Alkoholikerfamilien als „eine besondere
Gruppe von Menschen mit ganz spezifischen Bedürfnissen“ (Black 1988, 131). Mit
dieser Ansicht ist sie nicht alleine. Eine Vielzahl von Professionellen gelangte,
sowohl bei klinischen Untersuchungen als auch während der therapeutischen Arbeit,
ebenfalls zu dieser Auffassung, und dazu, dass die Betroffenen demzufolge spezielle
Hilfsangebote benötigen.
Diese Erkenntnis hat u.a. dazu beigetragen, dass sich die Fachöffentlichkeit
vermehrt den Belangen der erwachsenen Kinder aus Suchtfamilien zuwendete.
Im deutschsprachigen Raum kennt man die Betroffenen heute unter dem Kürzel
„EKS“ - Erwachsene Kinder Suchtkranker. Diese Bezeichnung, welche erstmalig im
Rahmen der Al-Anon Gruppen erschien, konnte sich mit der Zeit zu einem Terminus
entfalten, der mittlerweile eine völlig eigenständige Gruppe definiert.


Das anschließende Kapitel soll kurz verdeutlichen, wie es zu dieser Entwicklung kam
und wie sich die Selbsthilfebewegung auf diesem Gebiet etabliert hat.




                                                                                 47
1.6.1. EKS - Entstehung einer signifikanten Bezeichnung


Ende der siebziger Jahre gründeten Betroffene in den USA die ersten
Selbsthilfegruppen für erwachsene Kinder von Suchtkranken. Sie nannten sich ACA
oder ACoA (Adult Children of Alcoholics). Ebenso wie die zu der Zeit bereits
existierenden Al-Anon Gruppen für Angehörige, folgten die ACAs dem Konzept der
Anonymen Alkoholiker. Bis zum heutigen Tage arbeiten sie nach deren
weltbekanntem 12-Schritte-Programm.
Diese Bewegung im Bereich der Selbsthilfe wurde zudem dadurch unterstützt, dass
etwa zur gleichen Zeit die „National association for children of alcoholics” ins Leben
gerufen wurde, eine Organisation, die es sich zur Aufgabe machen wollte, besonders
für die Belange dieser Gruppe von Menschen einzutreten.
Zu verdanken hatte man die Fortschritte vornehmlich einigen Professionellen, die als
Kinder selbst zu den Leidtragenden gehörten und sich nun dafür einsetzten, dass die
Situation und die Probleme der Kinder von Suchtkranken vermehrt ins Licht der
Öffentlichkeit rücken sollten. Zu diesen Personen zählen u.a. Sharon Wegscheider-
Cruse und Claudia Black.
Ein weiterer positiver und bedeutender Effekt war, dass sich aufgrund der
Bemühungen dieser Professionellen, der Begriff der Co-Abhängigkeit mehr und mehr
verbreiten konnte. Er gilt heute als weitestgehend anerkannt (vgl. Rennert 1990).


Analog zu der amerikanischen Bezeichnung wurde in Deutschland die Gruppe der
erwachsenen Kinder von Suchtkranken schließlich EKS oder EKAs (Erwachsene
Kinder von Alkoholikern) genannt. Auch hier entstanden bald die ersten
Selbsthilfegemeinschaften, die speziell für die Bedürfnisse dieser Menschen da sein
sollten.
Diese EKS-Gruppen haben sich als besonders effektiv erwiesen. Verglichen mit den
Al-Anon, deren Mitglieder zwar auch Angehörige von Alkoholabhängigen sind,
können die Gemeinschaften der EKS den betroffenen Kindern wesentlich bessere
Unterstützung bieten. Denn in diesen Kreisen sind sie wirklich unter Ihresgleichen
und müssen sich nicht verstecken. Dementsprechend ist auch der in ihren Meetings
stattfindende Erfahrungsaustausch ein ganz anderer und die gegenseitige Hilfe
erweist sich als erfolgreicher (vgl. Lambrou 1990).



                                                                                    48
Bisher wurde nun also berichtet, dass erwachsene Kinder aus suchtbelasteten
Familien scheinbar „anders“ sind als andere Menschen. Angeblich weisen sie in
verschiedenen Bereichen der eigenen Persönlichkeit vermehrt Defizite auf und
haben in ihrem Leben mit wesentlich mehr belastenden Problemen zu kämpfen als
die erwachsenen Kinder aus vergleichsweise „gesunden“ Familien.


In wie fern kann bzw. darf man einen Menschen jedoch als „anders“ bezeichnen?
Welche Charaktereigenschaften sind es, in denen sich EKS von den Menschen
unterscheiden, die nicht mit einem abhängigen Elternteil aufgewachsen sind?
Mit Hilfe des Konzepts der amerikanischen Psychotherapeutin Janet G. Woititz wird
im folgenden Abschnitt versucht, hinreichende Antworten auf diese Fragen zu finden.
Es werden typische Merkmale und Verhaltensauffälligkeiten von Betroffenen, welche
u.a. zu der heute existierenden Ansicht beigetragen haben, näher beleuchtet.




1.6.2. Charakteristische Merkmale nach Woititz


Die Psychotherapeutin und Autorin Janet G. Woititz hat nach Jahren der Arbeit mit
Gruppen von erwachsenen Kindern suchtkranker Eltern verschiedene Eigenschaften
beschrieben, die laut ihren eigenen Erfahrungen charakteristisch für diese Menschen
sein sollen.
Tatsächlich konnten sich die insgesamt dreizehn Merkmale mit der Zeit einerseits als
sehr zutreffend, andererseits aber auch als besonders effektiv erweisen. Denn die
definierten Charakteristika sind von Therapeuten, die mit erwachsenen Klienten aus
Suchtfamilien arbeiten, immer wieder bestätigt worden. So findet das Konzept nach
wie vor seine Anwendung in der therapeutischen Arbeit. Teilweise erkennen
Betroffene selbst, dass einige der Merkmale auf die eigene Person zutreffen.
Dies ist wohl auch der Grund dafür, dass der Ansatz von Woititz so viel Anerkennung
und Zuspruch bekommen hat. Er beschreibt die Situation der erwachsenen Kinder
suchtkranker Eltern wie sie wirklich ist.
In der folgenden Übersicht werden die dreizehn Merkmale einzeln benannt, so wie
Woititz sie einst formulierte.




                                                                                  49
     1.      Sie haben keine klaren Vorstellungen davon, was normal ist.

     2.      Es fällt ihnen schwer, ein Vorhaben von Anfang bis Ende durchzuführen.
     3.      Sie lügen, wo es ebenso leicht wäre, die Wahrheit zu sagen.
     4.      Sie verurteilen sich gnadenlos.
     5.      Es fällt ihnen schwer, Spaß zu haben.
     6.      Sie nehmen sich sehr ernst.
     7.      Sie haben Schwierigkeiten mit intimen Beziehungen.
     8.      Sie zeigen eine Überreaktion bei Veränderungen, auf die sie keinen
             Einfluss haben.
     9.      Sie suchen ständig nach Anerkennung und Bestätigung.
     10.     Sie haben meistens das Gefühl, anders zu sein als andere Menschen.
     11.     Sie sind entweder übertrieben verantwortlich oder total verantwortungslos.
     12.     Sie sind extrem zuverlässig, auch wenn offensichtlich ist,
             dass etwas oder jemand diese Zuverlässigkeit gar nicht verdient.
     13.     Sie sind impulsiv. Sie neigen dazu, sich mit Verhaltensweisen
             festzurennen, ohne alternative Handlungsmöglichkeiten oder eventuelle
             Konsequenzen ernsthaft zu bedenken. Diese Impulsivität führt zu
             Verwirrung, Selbstverachtung und Kontrollverlust über ihre Umgebung.
             Das Resultat ist, dass sie enorm viel Energie aufbringen müssen, um das
             angerichtete Durcheinander wieder zu beheben.


   Abb. 4:      Charakteristische Merkmale erwachsener Kinder von Alkoholikern
                (Woititz 1990. 14)




Erwachsene Kinder suchtkranker Eltern wurden in ihrer Kindheit auf besondere
Weise beeinträchtigt: Viele von ihnen haben lernen müssen, mit emotionaler Kälte,
Gleichgültigkeit, Vernachlässigung und Unberechenbarkeit der eigenen Eltern
umzugehen. Sie haben sich Verhältnissen angepasst, die Kinder in einer gesunden
Familie vermutlich niemals erfahren.
Wie bereits andere Therapeuten bei der Arbeit mit Kindern aus Suchtfamilien
feststellten,    beschreibt    auch    Woititz,   dass   diese    eine     auffallend   geringe
Selbstachtung zeigen – eines der typischen Merkmale erwachsener Kinder
alkoholkranker Eltern.




                                                                                             50
Selbstachtung und eigene Wertschätzung entstehen nur dann, wenn ein Mensch von
den Personen seiner direkten Umgebung, in der Regel also von der eigenen Familie,
Respekt, Akzeptanz und Anteilnahme erfährt. Ebenso wichtig sind elterliche
Zuneigung, die Vermittlung von Wertvorstellungen sowie klaren Richtlinien und
Grenzen.    Sind   diese    Voraussetzungen      gegeben,    kann   eine     Person   ein
angemessenes Selbstwertgefühl und eine innere Sicherheit entwickeln (vgl. Woititz
1990).
Bei den Kindern aus suchtbelasteten Familien weiß man heute, dass ihnen diese
bedeutenden Eigenschaften und Werte vielleicht gar nicht oder wenn, dann nur
bruchstückhaft vermittelt werden. In der vorliegenden Arbeit wurde bereits mehrfach
darauf hingewiesen, dass aufgrund der existenten Sucht, die Aufmerksamkeit der
Eltern für die Kinder kaum ausreicht. So wird den Kindern nicht mit auf den Weg
gegeben, was für ihr späteres Leben so wichtig wäre: Das Vertrauen in die eigene
Persönlichkeit.


Während der Arbeit mit den betroffenen Kindern fiel Woititz auf, dass das Alter für
die Entwicklung des Selbstbildes scheinbar keine bedeutende Rolle spielt.
Unabhängig davon, ob ein Kind aus einer suchtbelasteten Familie erst 13 oder
bereits 26 Jahre alt ist, die geringe Selbstachtung sei im Grunde in jedem Alter
gleich. Die negative Wahrnehmung der eigenen Person bleibt demzufolge das
gesamte Leben über relativ unverändert; zumindest solange keine Hilfe von Außen in
Anspruch genommen wird.
Prinzipiell kann man davon ausgehen, dass die Angehörigen eines Suchtkranken
immer recht gleichen Bedingungen ausgesetzt sind. Auch wenn natürlich jede
Familie anders ist und jeder Mensch ein Individuum, so sind doch die Abläufe
innerhalb einer alkoholbelasteten Familie im Grunde sehr ähnlich. Denn der
Alkoholkonsum      der     abhängigen   Person     führt    meist   zu     vergleichbaren
Konsequenzen: Gefühle von Angst, Wut und Hilflosigkeit entwickeln sich bei den
Angehörigen.
Bislang wurden Unterschiede hauptsächlich darin festgestellt, wie die Angehörigen
mit der vorhandenen Belastung umgehen. Jedoch scheint die geringe Selbstachtung
der betroffenen Kinder nahezu immer gegenwärtig zu sein. Häufig geht sie einher mit
großer Unsicherheit und der Angst, den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen



                                                                                       51
zu sein. Die Kinder fühlen sich ungeliebt. Sie lassen sich auffallend leicht
verunsichern, nicht selten neigen sie auch zu depressivem Verhalten.
Woititz hat mit ihrem Buch, welches den eindringlichen Titel „Um die Kindheit
betrogen“ trägt, auf diese Gruppe von Menschen hingewiesen – auf erwachsene
Kinder Suchtkranker (EKS). Ihr ging es darum aufzuzeigen, dass ebendiese
Personen einer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen, da sie doch anders sind als
andere (vgl. Abbildung 3, 10). Sie sind immens beeinträchtigt und das nicht nur in
jungen Jahren, sondern ihr gesamtes Leben.
Es ist der Autorin gelungen, dies darzustellen. Denn wie bereits erwähnt, finden die
von ihr beschriebenen typischen Merkmale der EKS, in Fachkreisen ebenso wie in
Selbsthilfegemeinschaften heute weit reichende Anerkennung.


Letztlich    soll   darauf     hingewiesen    werden,   dass     neben   den      vielfältigen
Schwierigkeiten, die Woititz und andere Professionelle den Betroffenen zweifellos
zuschreiben, viele empirische Untersuchungen in ihren Ergebnissen ein eher
unauffälliges Verhalten festgestellt haben.
Studien, in denen EKS hinsichtlich verschiedener Persönlichkeitsmerkmale und
Verhaltensauffälligkeiten mit Kontrollprobanden aus nicht suchtbelasteten Familien
verglichen wurden, haben derart signifikante Merkmale, wie z.B. Janet Woititz sie
beschrieben hat, nur teilweise bestätigen können. Dem Rahmen der vorliegenden
Arbeit      entsprechend,       sollen   an    dieser   Stelle    nur    einige      wenige
Forschungsergebnisse hervorgehoben werden. Empirische Studien sind u.a. in den
Bereichen

            Selbstwertgefühl / Selbstsicherheit
            Psychosoziale Anpassung
            Verhaltenskontrolle (Impulsivität; Aggressionen; Antisoziale
            Persönlichkeitsstörung)
            Intimität / Nähe
            Vertrauen / Vertrauensvolle Beziehungen zu anderen Menschen
            Depressionen / Angststörungen

durchgeführt worden. Allerdings kam man nicht ausschließlich zu den Ergebnissen,
die man vermutlich erwartet hatte. Zwar ließen sich bei den Risikoprobanden in allen
oben genannten Bereichen Auffälligkeiten feststellen, doch gab es daneben auch


                                                                                           52
zahlreiche Untersuchungsresultate, bei denen die erwachsenen Kinder Suchtkranker
in ihrem Verhalten kaum oder gar nicht von den Kontrollpersonen abwichen (vgl.
Zobel 2000).


Die nachfolgende Abbildung gibt einen kurzen Überblick über einige dieser
„unauffälligen“ Forschungsergebnisse. Es handelt sich dabei um Auszüge aus der
bereits mehrfach erwähnten Studie von Lachner & Wittchen (1997). Sie können als
repräsentativ angesehen werden.



    Autoren                  abhängige             Stichproben    Ergebnis
                             Variable
    Churchill et al. 1990;   Persönlichkeits-      Erwachsene     Keine Gruppen-
    Clair & Genest 1987;     charakteristika;      Kinder von     unterschiede bzgl.
    Fisher et al. 1993;      Selbstachtung;        Alkoholikern   Ängstlichkeit,
    Morrison & Schuckit      Kontroll-             und KG         Selbstsicherheit,
    1982a, 1983;             überzeugung                          Kontrollüberzeugung,
    Schuckit et al. 1990;                                         Autonomie und
    Werner & Broida 1991                                          Anpassung
    Alterman et al.          Antisoziale           Erwachsene     Keine Gruppen-
    1989;                    Persönlichkeit        Kinder von     unterschiede bzgl.
    Schuckit 1982b,                                Alkoholikern   retrospektiv berichteter
    1983b                                          und KG         Symptome antisozialer
                                                                  Persönlichkeit oder
                                                                  antisozialem Verhalten
                                                                  oder aktueller sozialer
                                                                  Probleme
    Benson & Heller 1987;    Depression, Angst,    Erwachsene     Keine Gruppen-
    Goodwin et al. 1977;     Somatisierungs-       Kinder von     unterschiede bzgl.
    Knop et al. 1993; Neff   störung u. a.         Alkoholikern   Depression u. a.
    1994; Schulsinger et     Psychische            und KG         psychischer Störungen
    al. 1985                 Störungen
                                                                        (KG = Kontrollgruppe)


   Abb. 5:     Ergebnisse bezüglich psychischer Störungen, emotionaler und
               Persönlichkeitscharakteristika an erwachsenen Risikoprobanden
               (Lachner & Wittchen 1997. 47-49)


Auch Martin Zobel hat in seinem genannten Buch (vgl. Kap. 1.5) neben zahlreichen
Studien, die die besagten Schwierigkeiten von EKS eindeutig bestätigen, mehrere
Untersuchungsergebnisse          veröffentlicht,     in   denen    keine      nennenswerten
Unterschiede zwischen EKS und Kontrollgruppen festgestellt werden konnten. Doch
wie bereits erwähnt, sollen an dieser Stelle die obigen Daten zur Veranschaulichung
genügen.


                                                                                                53
Zobel geht davon aus, dass derart negative Zuschreibungen, wie sie von zahlreichen
Klinikern definiert wurden, vielmehr auf alle erwachsenen Kinder Suchtkranker
generalisiert worden sind, als dass sie tatsächlich so häufig zutreffen. Ob seine
These vertretbar ist, mag vorerst offen bleiben. Zudem beschreibt er, dass die
nachweislich hohe Komorbiditätsrate alkoholabhängiger Eltern einen großen Teil
dazu beitrage, dass die erwachsenen Kinder möglicherweise Verhaltensstörungen
oder anderweitige Beeinträchtigungen davontragen (vgl. Zobel 2000).
Zobel hat des Weiteren die wichtige Frage beleuchtet, in wie weit sich EKS von
erwachsenen Kindern aus dysfunktionalen Familien unterscheiden, in denen keine
Suchtmittelabhängigkeit, jedoch andere schwerwiegende Probleme existieren (z.B.
Behinderung    eines   Familienmitgliedes,   niederer   sozioökonomischer      Status,
andauernde Konflikte). Hinsichtlich einiger typischer Auffälligkeiten und Probleme,
die EKS im Laufe ihres Lebens widerfahren, konnten in verschiedenen Studien (Neff
1994; Fisher et al. 1993; Giunta & Compas 1994; Hardwick et al. 1995) keine
signifikanten Abweichungen zum Verhalten der erwachsenen Kinder aus einer
dysfunktionalen   Familie    festgestellt    werden.    Untersucht    wurden      u.a.
Persönlichkeitsmerkmale, Bindungsverhalten, Intimität, Depressionen, Ängste und
Selbstwertgefühl der Betroffenen.
Die Ergebnisse dieser Studien weisen ebenfalls darauf hin, dass die vorhandene
Alkoholabhängigkeit der Eltern höchstwahrscheinlich nicht der alleinige Auslöser für
Verhaltensauffälligkeiten der Kinder ist. Vielmehr scheinen die zusätzlichen
Belastungen im Elternhaus schwerwiegendere Auswirkungen zu haben (a.a.O.).




1.7. Zusammenfassung


Es ist heute eine gesicherte Tatsache: Die Kinder alkoholabhängiger Eltern sind
aufgrund der existenten Erkrankung eines oder beider Elternteile hochgradig
gefährdet, entweder selbst eine Suchtmittelabhängigkeit zu entwickeln oder an einer
anderen psychischen Störung zu erkranken. Die Inhalte der vorangegangenen
Kapitel konnten dieses Faktum bestätigen.
Die Risiken der männlichen und weiblichen Nachkommen von suchtkranken Eltern
sind dabei unterschiedlich verteilt. Während bei den Jungen vermehrt auffällige
Defekte, wie Störungen des Sozialverhalten, Aufmerksamkeitsdefizite oder ADHS

                                                                                   54
diagnostiziert werden, sind es bei den Mädchen eher die „verborgenen“
Erkrankungen wie Depressionen, Essstörungen und verschiedene Formen von
Ängsten, unter denen sie oft auch stillschweigend leiden.


Die Gefahr, im Jugend- oder Erwachsenenalter eine Suchterkrankung zu entwickeln,
ist nachweislich bei beiden Geschlechtern vorhanden, doch neigen die Söhne
wesentlich häufiger dazu, selbst abhängig zu werden. Bei den Töchtern hat man
hingegen beobachtet, dass auffallend viele von ihnen im späteren Leben einen
Partner wählen, der ebenfalls eine Suchtproblematik aufweist.


An dieser Stelle ist anzumerken, dass die verschiedenen Symptome, welche Kinder
aus suchtbelasteten Familien aufweisen, nicht ausschließlich dieser Personengruppe
zugeschrieben werden dürfen. Mittlerweile weiß man, dass viele der möglichen
Probleme und Erkrankungsrisiken auch bei Kindern auftreten, die aus einer
dysfunktionalen Familie ohne Alkoholismus stammen.
Die Inhalte der Kapitel 1.5.2 bis 1.5.6 stützen diese Aussage: Man achte darauf,
worin hier die Hauptursachen für die einzelnen Symptome und Erkrankungen der
Kinder gesehen werden. Es ist nicht die Alkoholabhängigkeit an sich, die dazu führt,
dass u.a. depressive Verstimmungen, ADHS oder Anzeichen eines gestörten
Essverhaltens entstehen. Nahezu immer sind es die Begleitumstände, die den
Ausschlag dafür geben.
Zunächst verändert der Alkohol das akute Verhalten des Suchtkranken, doch mit
dem fortwährenden Konsum kommt es zu bleibenden Veränderungen seines
Charakters. Das familiäre Zusammenleben wird stark beeinträchtigt und die
einzelnen Personen entwickeln spezifische Rollenmuster, mit denen sie versuchen,
sich den gegebenen Bedingungen anzupassen (vgl. Kap.1.4).
Aufgrund dessen ist es den Kindern beinahe unmöglich, auch nur eine halbwegs
gesunde Entwicklung zu durchlaufen. Da sie weder das Verhalten ihres Umfelds
beeinflussen, noch die eigenen Handlungsfolgen kontrollieren oder Ziele durchsetzen
können, entsteht bei ihnen das Gefühl von permanenter Hilflosigkeit. Hinzu kommt
eine besonders negative Wahrnehmung bzw. Wirksamkeitserwartung der eigenen
Person und sie leiden zudem unter einem mangelnden Selbstwertgefühl (vgl. Klein
2001).



                                                                                 55
Derartige Veränderungen der Persönlichkeit können einen gewichtigen Einfluss
darauf haben, dass diese Kinder früher oder später an einer schwerwiegenderen
Störung erkranken.


Dennoch darf trotz der zahlreichen problembehafteten Zuschreibungen keinesfalls
davon ausgegangen werden, dass alle Kinder, die mit einem alkoholabhängigen
Elternteil aufwachsen, zwangsläufig irgendeine Form eines psychischen Defekts
oder einer Verhaltensauffälligkeit entwickeln.
So wurde in Kapitel 1.5.2 bereits erwähnt, dass positive Begleitumstände, wie z.B.
die Existenz bestimmter Familienrituale, welche trotz der Abhängigkeit eines
Elternteils fortgesetzt werden, die Risiken einer psychischen oder eigenen
Suchterkrankung bei den Kindern durchaus senken können.


In   den   letzten   Jahren   hat   man   sich   dementsprechend     in   eine   neue
Forschungsrichtung bewegt - in die salutogenetische Richtung.
Neben den bis dato überwiegend negativ beschriebenen Charakteristika der
Betroffenen, hat man begonnen, auch deren positive Eigenschaften und Ressourcen
eingehender zu erforschen. Denn nach wie vor gibt es betroffene Kinder, aus denen
trotz schwieriger familiärer Voraussetzungen, gesunde Erwachsene werden. Im
salutogenetischen Ansatz geht es um die Frage, wie es ebendiesen Kindern gelingt,
eine relativ unbeschadete Entwicklung zu durchlaufen.
Bei der zuvor dominierenden psychopathologischen Ansicht hat sich gezeigt, dass
diese sehr schnell zu Stigmatisierungen führen kann, die bei weitem nicht der
Realität entsprechen. So wurden z.B. bei einer Studie von Burk und Sher (1990)
völlig unbekannte Personen lediglich aufgrund der Tatsache, dass ein Elternteil
Alkoholprobleme hatte, bereits als problematisch eingestuft (vgl. Zobel 2000).
Das Beispiel macht deutlich, wie solch einseitige Anschauungen dazu führen
können, dass die positiven Eigenschaften und die Stärken der betroffenen Kinder
einfach übersehen werden.
Die in den vorangegangenen Abschnitten genannten Forschungsergebnisse haben
bereits gezeigt, dass die Kinder suchtkranker Eltern im Vergleich zu unbelasteten
Kontrollgruppen nicht unbedingt auffälliger sind und auch nicht zwangsläufig
schlechtere Leistungen zeigen (vgl. Kap. 1.5.1-1.5.6).



                                                                                   56
Dieser neuere Forschungsansatz kann als „Resilienzmodell“ bezeichnet werden (vgl.
Klein 2001). Unter Resilienz versteht man allgemein die Stärke eines Menschen,
Lebenskrisen mit anhaltenden Belastungen, schwerer Krankheit o.ä. ohne größere
Beeinträchtigungen zu überstehen (vgl. adlexikon.de).
In diesem Falle gelten jene Kinder als resilient, die in dem schwierigen Umfeld einer
Suchtfamilie aufwachsen, sich aber trotzdem zu gesunden Erwachsenen, ohne
Anzeichen einer Störung, entwickeln.
Woran liegt es, dass dies einigen Kindern gelingt und anderen wiederum nicht? In
einer Studie von Wolin und Wolin (1995, 1996) wurden insgesamt sieben Resilienzen
definiert, die für eine gesunde Entwicklung förderlich sein sollen (vgl. Zobel 2001).
Dazu gehören ihrer Meinung nach Einsicht, Unabhängigkeit, Beziehungsfähigkeit,
Initiative, Kreativität, Humor und Moral. Die besagten Autoren gehen davon aus,
dass eine frühzeitige Ausprägung dieser Eigenschaften bei den Kindern dazu führe,
dass sie mit der belastenden innerfamiliären Situation anders umgehen und auch
die, im Regelfall schädigenden, Effekte keinen negativen Einfluss auf sie haben.
Entsprechend dem sog. Challenge-Modell (1995) ebendieser Autoren, nehmen
resiliente Kinder die Belastungen innerhalb der Familie nicht als solche wahr, sie
betrachten diese vielmehr als eine Art Herausforderung (challenge), was zur Folge
hat, dass diese Kinder besondere Stärken entwickeln. So können sie den existenten
Belastungen deutlich besser widerstehen, die negative Beeinträchtigung ist gering
(vgl. Zobel 2001). Laut den besagten Autoren fassen nicht resiliente Kinder hingegen
die häusliche Situation als extreme Belastung auf und entwickeln demzufolge
häufiger eigene Störungen (a.a.O.).


Im Hinblick auf den derzeitigen Stand der Forschung und vor dem Hintergrund
vorangegangener Ausführungen, bleibt schließlich Folgendes anzumerken:
Die Nachkommen suchtkranker Eltern sind heute längst nicht mehr die „vergessenen
Kinder“. Ihre prekäre Situation und die zumeist schwierigen Bedingungen, unter
denen sie groß werden, sind seit geraumer Zeit bekannt. In der Fachöffentlichkeit
werden sie nicht mehr übersehen.
Mittlerweile haben zahlreiche empirische Studien belegt, dass sehr unterschiedliche
belastende Faktoren, die mit dem Aufwachsen in einer Suchtfamilie einhergehen, bei
den betroffenen Kindern zur Ausprägung eigener Störungen führen können.
Entscheidend bei der Frage, ob die Nachkommen abhängiger Eltern selbst


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pathologische Merkmale entwickeln oder nicht, sind zum einen sicherlich die Dauer
der existenten Belastung durch die Sucht, zum anderen der Schweregrad der
elterlichen Alkoholproblematik.
Auch wenn in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Gebiet derartiger und ähnlich
bedeutsamer Erkenntnisgewinnung einiges geleistet wurde, so reicht dies trotzdem
bei weitem nicht aus. Nach wie vor existieren zahlreiche Forschungslücken, die es
möglichst bald zu schließen gilt.
Dem entsprechend versucht auch die im Folgenden dargelegte Untersuchung einen
Beitrag zu leisten.




                                                                              58
2.   Fallstudien zur Entwicklung von Essstörungen aufgrund
     existenter Belastung durch elterlichen Alkoholismus –
     Auf der Suche nach kausalen Zusammenhängen


Im ersten Teil dieser Arbeit wurde ein partiell recht allgemeiner, doch durchaus
erforderlicher Überblick zur derzeitigen Forschungslage hinsichtlich der Kinder
alkoholkranker Eltern vermittelt.
Entsprechend wurde die mutmaßliche Situation jener betroffenen Kinder innerhalb
einer suchtbelasteten Familie dargelegt. Auch deren Risiken, an einer mehr oder
minder schweren Störung zu erkranken bzw. eine Verhaltensauffälligkeit zu
entwickeln, wurden eingehend beschrieben. Des Weiteren ging es um verschiedene
Folgeschäden, die gegebenenfalls bei den erwachsenen Kindern Suchtkranker
(EKS) auftreten können und um diverse Probleme, sowohl im sozialen Umfeld als
auch mit der eigenen Person, denen die Betroffenen unter Umständen in ihrem
späteren Leben begegnen.
Bei der Darstellung der verschiedenen Erkrankungsrisiken (vgl. Kapitel 1.5) wurde
bereits deutlich auf die reale Gefährdung hingewiesen, als Kind suchtkranker Eltern
eine Essstörung zu entwickeln. Um den gegenwärtigen Forschungsbedarf der
Thematik aufzuzeigen, wurden zudem einige beachtenswerte Ergebnisse diverser
Studien dargelegt (vgl. Kap. 1.5.6). Die Daten machen zwar deutlich, dass das
Problem erkannt ist, doch zeigen sie auch, dass gleichzeitig noch gewichtige
Forschungslücken existieren, welche in naher Zukunft zu schließen sind. Hier wird
die Notwendigkeit weiterführender Studien sichtbar, woraus sich schließlich auch die
Dringlichkeit der eigenen Untersuchung ableiten lässt.


Die anknüpfenden Kapitel beinhalten nun ebendiesen Kern der vorliegenden Arbeit:
Die Entwicklung von Essstörungen bei den Kindern alkoholkranker Eltern.
Wie schon Eingangs erwähnt, soll es in dieser Studie darum gehen, mögliche
Kausalzusammenhänge zwischen einer existenten Essstörung bei den Kindern von
Suchtkranken und der Alkoholproblematik der Eltern aufzudecken bzw. eingehender
zu beleuchten. Dazu werden insgesamt sechs erwachsene Personen interviewt, die
in einer suchtbelasteten Familie aufgewachsen sind und heute selbst unter einer
akuten oder latent vorhandenen Essstörung leiden bzw. Symptome einer solchen
Problematik aufweisen.
                                                                                 59
Bevor jedoch die Untersuchung selbst mit der Vorstellung der einzelnen Teilnehmer
(vgl. Kap. 3) und den Analysen der entsprechenden Interviews (vgl. Kap. 4),
dargelegt werden kann, müssen vorab einige theoretische Erklärungen bzgl. der
Vorgehensweise in solch einer qualitativen Studie erfolgen.
So werden im Anschluss zunächst die Methode der qualitativen Sozialforschung und
das angewandte Forschungsdesign „Fallstudie“ beschrieben. Des Weiteren soll die
Erhebungstechnik des „qualitativen Interviews“ kurz erläutert, sowie die Auswahl des,
für diese Untersuchung passenden „problemzentrierten Interviews“ begründet
werden. Nach der darauf folgenden Darstellung des Untersuchungsziels wird die
Erhebung des Interviewleitfadens geschildert, der während der einzelnen Gespräche
zur inhaltlichen Orientierung diente. Im letzten Abschnitt erfolgt die Erklärung des
eigentlichen   Forschungsablaufs,    welcher   die   vorbereitenden   Schritte,   die
Kontaktaufnahme und Gewinnung der Interviewpersonen sowie schließlich die
Durchführung der Interviews umfasst.




2.1. Qualitative Sozialforschung und Fallstudien


„Das rein quantitative Denken ist brüchig geworden; ein Denken, das sich den
Menschen und Dingen annähert, indem es sie testet und vermisst, mit ihnen
experimentiert und ihre statistische Repräsentanz überprüft, ohne vorher den
Gegenstand verstanden zu haben, seine Qualität erfasst zu haben“(Mayring 2002.
9). So oder ähnlich klingt heute die in den vergangenen Jahren immer lauter
gewordene Kritik an quantitativer Forschung.


Seit den 70er Jahren rückt qualitatives Denken auch in Deutschland wieder vermehrt
ins Zentrum soziologischer und erziehungswissenschaftlicher Erkenntnismethoden
(vgl. Mayring 2002). Ebenso etabliert es sich in der Psychologie (vgl. Flick 2000).
Vertreter der qualitativen Sozialforschung sind sich einig, dass man durch weit
verbreitete, standardisierte Instrumente wie Skalen, Tests und Fragebögen, die
Versuchspersonen auf das Reagieren auf vorgegebene Kategorien (im Sinne von
„Kreuzchen machen“) herabsetze, ohne dass diese selbst jemals zu Wort kommen.
Aus diesem Grund plädieren sie für qualitative Ansätze, in denen versucht wird, sich
vielmehr durch unstrukturierte Beobachtungen und offene Befragungen der sozialen

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Realität anzunähern, und zwar in natürlichen, alltäglichen Situationen (vgl. Mayring
2002).


Mittlerweile existiert im Bereich der qualitativen Forschung eine Vielzahl an
speziellen Methoden. Ausgehend von verschiedenen Voraussetzungen werden
dabei zum Teil recht unterschiedliche Ziele verfolgt (vgl. Flick 2000). Um an dieser
Stelle nur einige zu nennen, gibt es heute u.a. die Einzelfallanalyse, die
Feldforschung oder das qualitative Experiment.
Eine besondere Relevanz schreibt man der qualitativen Vorgehensweise zu, wenn
es um die Untersuchung sozialer Zusammenhänge geht (a.a.O.). Auch in der
Biographieforschung      hat    sie    einen   hohen    Stellenwert,    denn        detaillierte
Lebenslaufanalysen erweisen sich zur Erkenntnisgewinnung wesentlich nützlicher
als standardisierte Befragungen (vgl. Mayring 2002).


Verschiedene       Autoren     haben   in   den   letzten     Jahren   an    der,     in    den
Sozialwissenschaften lange favorisierten, quantitativen Vorgehensweise, neben der
häufig erklingenden Kritik auch wachsende Mängel feststellen können.
So betont z.B. Flick, dass die von Soziologen und Psychologen überwiegend
angewandte deduktive Methode, in welcher Hypothesen aus theoretischen Modellen
abgeleitet und an der Empirie überprüft werden, aufgrund des heutigen raschen
sozialen Wandels zunehmend an der Differenziertheit der Forschungsgegenstände
vorbeiziele (vgl. Flick 2000). Derselbe Autor beansprucht deshalb, man müsse sich
vermehrt einer induktiven Methode zuwenden, die ihre theoretischen Erkenntnisse
aus empirischen Untersuchungen gewinnt. Es sei eine „neue Sensibilität für
empirisch untersuchte Gegenstände erforderlich“ (Flick 2000. 9), die schließlich nur
mit Hilfe einer qualitativ orientierten, induktiven Vorgehensweise erreicht werden
könne.
Des Weiteren verlangt Bruner (1990), dass insbesondere in der psychologischen
Forschung    die    subjektiven   Bedeutungen     von       Einzelpersonen   sowie         deren
alltägliches Erleben und Handeln ebenfalls eingehender zu untersuchen seien, da es
in diesem Bereich nach wie vor an Alltagsrelevanz fehle (vgl. Flick 2000).


In den heute existierenden qualitativen Ansätzen wird versucht, oben genannte
Forderungen weitestgehend umzusetzen. Zu den wichtigsten Grundsätzen innerhalb


                                                                                              61
des qualitativen Paradigmas zählen: Eine stärkere Subjektbezogenheit, die
Deskription und Interpretation der zu erforschenden Subjekte, eine Untersuchung der
Subjekte in ihrer alltäglichen Umgebung, sowie die Generalisierung der Ergebnisse
(Verallgemeinerungsprozess). Laut Mayring (2002) bilden diese fünf Ansprüche das
Grundgerüst qualitativer Forschung. Er betont aber gleichermaßen, dass das
qualitative Denken das quantitative keineswegs ersetzen solle, vielmehr seien beide
Formen in nahezu jedem Forschungsprozess enthalten (vgl. Mayring 2002).


Im   Rahmen     dieser   Untersuchung        wird   jedoch   explizit   eine   qualitative
Vorgehensweise bevorzugt, denn einschlägige Ergebnisse können hier nur mit Hilfe
qualitativer Befragungen erzielt werden. Im Zentrum der Interviews steht die
subjektive Ansicht der einzelnen Personen. Es geht um die Fragen, wie sich die
Klienten selbst ihre persönliche Situation erklären und welche Vermutungen sie
selbst über eine ursächliche Verbindung zwischen der eigenen Essstörung und der
elterlichen Alkoholabhängigkeit anstellen.
Jedem Einzelnen muss deshalb zunächst die Möglichkeit geboten werden, Vertrauen
zu fassen. Der Klient muss sich ernst genommen zu fühlen. Folglich sollte ihm von
Seiten des Interviewers Empathie entgegengebracht werden (vgl. auch Kap. 2.2).
Des Weiteren ist ein angemessener Zeitrahmen erforderlich, damit dem Klienten
genügend Raum zum Nachdenken und Schweigen geboten werden kann.


All diese Anforderungen machen deutlich, dass sich mit rein quantitativen
Erhebungsinstrumenten, wie Fragebögen o.ä., umfangreichere und tiefer gehende
Aussagen zu obiger Fragestellung wohl kaum erzielen lassen. Trotzdem sind es
immer noch genau diese Methoden, die die Forschungsergebnisse hinsichtlich der
Thematik „Kinder aus suchtbelasteten Familien“ derzeit prägen (vgl. auch Kap. 1.5.2-
1.5.6).


Zur Datenerhebung in der vorliegenden Untersuchung wird die Technik des
Interviews angewendet. Über diesem konkreten Verfahren steht das sog.
Forschungsdesign, welches auf formaler Ebene den Ablauf und das Ziel einer
Untersuchung umfasst (vgl. Mayring 2002). In diesem Fall handelt es sich um das
Forschungsdesign der „Fallstudie“. Welche Relevanz Fallstudien im Kontext
qualitativer Forschung zugeschrieben wird, soll im Folgenden näher erläutert werden.


                                                                                       62
Zum besseren Verständnis dieser Begrifflichkeit und ihrer formellen Einordnung, sind
jedoch zunächst einige Vorbemerkungen erforderlich.
Der Ansatz der Einzelfallstudie stellt kein eigenständiges Erhebungsinstrument dar,
wie z.B. das „Qualitative Interview“ oder die „Teilnehmende Beobachtung“. Ebenso
wenig handelt es sich hierbei um ein methodologisches Paradigma. Die Fallanalyse
beschreibt vielmehr einen Forschungsansatz (vgl. Lamnek 2005). Unter ihr können
praktisch alle Erhebungsmethoden der Sozialwissenschaften subsumiert werden,
aus diesem Grund bezeichnet man sie auch als „approach“ (vgl. Witzel 1982). Laut
Lamnek (2005) kann dieser sog. Approach als ein Forschungsansatz betrachtet
werden,      der   die   Theorie   einer    bestimmten     Methode       in   praktische
Handlungsanweisungen umsetzt, dabei selbst jedoch keine Erhebungstechnik
darstellt.


Die Untersuchungseinheiten von Fallstudien sind im Regelfall Einzelpersonen. Es
lassen sich aber ebenso auch andere Bereiche, wie z.B. die soziale Gruppe oder die
Familie, als Forschungsgegenstand betrachten (vgl. Lamnek 2005).
Die zu untersuchenden Objekte werden so ausgewählt, dass sie „hinsichtlich einer
gleich oder ähnlich strukturierten größeren Menge von Phänomenen als typische
Fälle […] oder aussagekräftige Beispiele gelten“ (Hartfiel 1982. 160).
Entscheidend bei der Analyse solcher Einzelfälle ist, dass man sie in ihrer
Ganzheitlichkeit erfasst und nicht auf einige wenige Merkmale reduziert (vgl. Lamnek
2005). Hier gilt das Prinzip der Totalität: Jeder einzelne Untersuchungsgegenstand
muss mit all seinen Facetten vollständig betrachtet werden.
In dieser Vorgehensweise sieht man auch den besonderen Vorteil von Fallanalysen.
Durch die Beschränkung auf einige wenige Untersuchungsobjekte (Personen) ist es
möglich, dass sich mit dem entsprechenden Material intensiver auseinandergesetzt
und dadurch komplexere Ergebnisse erzielt werden können (vgl. Witzel 1982).
Laut Abels (1975) bieten Fallstudien die Chance, Aussagen über die konkrete
Wirklichkeit aus der Sicht konkreter Personen erfassen zu können (a.a.O.). Es soll
ein möglichst ganzheitliches und realistisches Bild der sozialen Welt entstehen, so
wie sie von der entsprechenden Person wahrgenommen wird.


Da die Einzelfallstudie, wie oben genannt, lediglich einen Forschungsansatz darstellt,
wird durch ihre Anwendung noch nicht festgelegt, welches Erhebungsverfahren zur


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Gewinnung des Datenmaterials verwendet wird. Prinzipiell sind alle Techniken der
empirischen Sozialforschung denkbar, in qualitativen Untersuchungen werden jedoch
die teilnehmende Beobachtung, das Interview oder die Gruppendiskussion
bevorzugt. Diese Verfahren stehen für Kommunikativität und Natürlichkeit der
Erhebungssituation, wodurch         die   im   Rahmen des        qualitativen    Paradigmas
gewünschte Authentizität des Analysematerials gewährleistet ist (vgl. Lamnek 2005).
In der Untersuchung vorliegender Arbeit wird die Erhebungsmethode des qualitativen
Interviews angewendet. Unter den zahlreichen Typen dieser Technik wird das
„Problemzentrierte Interview“ favorisiert, es soll vorab im nächsten Kapitel vorgestellt
werden (vgl. Kap. 2.2).


Da das vorangegangene Kapitel lediglich den Zweck einer Vermittlung theoretischen
Hintergrundwissens erfüllen soll, mögen die Ausführungen bzgl. „Qualitativer
Sozialforschung“ und „Fallstudien“ an dieser Stelle genügen.
Die tatsächliche Vorgehensweise bei der Analyse der einzelnen Interviews, wird
später in Kapitel 4.1 detailliert dargelegt.




2.2. Das problemzentrierte Interview


Wie bereits erwähnt, gibt es im Bereich der qualitativen Erhebungsverfahren
unterschiedliche Vorgehensweisen zur wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung. Im
Rahmen dieser Arbeit soll jedoch ausschließlich die Methode des qualitativen
Interviews verdeutlicht werden. Laut Langer (1985) schreibt man dem verbalen
Zugang in der qualitativen Forschung eine ganz besondere Rolle zu, denn nur durch
Sprache können subjektive Realität und individuelle Bedeutungen eines Menschen
zum Ausdruck gebracht werden (vgl. Mayring 2002).
Unter dem Begriff qualitativ orientierter Interviews lassen sich heute mannigfache
Befragungstypen      wiederfinden     (narratives   Interview,    fokussiertes     Interview,
Tiefeninterview etc.), die u.a. in dem Grad ihrer Strukturiertheit deutlich voneinander
abweichen (a.a.O.). Zudem geben die einzelnen Bezeichnungen vor, ob es in der
jeweiligen Interviewform einen festen Fragenkatalog gibt, oder ob der Klient eher zu
einer freien Erzählung aufgefordert wird.



                                                                                          64
Im Fall vorliegender Untersuchung erweist sich das „problemzentrierte Interview“ als
am besten geeignet. Diese Form stellt eine offene, halbstrukturierte Befragung dar.
Der Interviewer besitzt einen vorgefertigten Leitfaden (vgl. Kap. 2.4), in dem er eine
bestimmte Problemstellung formuliert hat. Dennoch lässt er den Klienten frei
erzählen. Der Leitfaden dient lediglich dazu, den eigentlichen Fokus der Befragung
nicht aus den Augen zu verlieren.
In der freien Erzählweise kommt diese Form dem „narrativen Interview“ sehr nahe.
Ein bedeutender Unterschied besteht jedoch darin, dass der Interviewer in der
narrativen Befragung ohne jegliches wissenschaftliches Konzept in das Gespräch
hineingeht. Hier steht der explorative Charakter im Zentrum.
Das problemzentrierte Interview eignet sich stattdessen immer dort, „wo schon
einiges über den Gegenstand bekannt ist […], wo dezidierte, spezifischere
Fragestellungen im Vordergrund stehen (Mayring 2002. 70). Es bietet sich daher
besonders für theoriegestützte Thematiken an, zu welchen auch der Gegenstand
vorliegender Untersuchung gezählt werden kann.


Bei dem problemzentrierten Interview handelt es sich um ein sog. Analytisches
Interview, welches zum Ziel hat, bestimmte, häufig soziale, Sachverhalte zu
erfassen. Dabei werden die Aussagen des Klienten, vor dem Hintergrund
theoretischer Konzepte und Überlegungen von dem Interviewer beschrieben und
analysiert (vgl. Lamnek 2005). Laut dem Autor ist das analytische Interview, der in
den Sozialwissenschaften favorisierte Typus qualitativer Interviews.


Der Interviewleitfaden beinhaltet ausschließlich offene Fragen, durch welche der
Klient zum freien Erzählen angeregt werden soll. Seine Aussagen lassen sich dabei
nicht in standardisierte Antwortkategorien einordnen, wie es bei geschlossenen
Fragen der Fall wäre (a.a.O.). Der Befragte entscheidet selbst, welche Informationen
er preisgibt, welche Inhalte er zur Sprache bringen möchte. Durch die Anwendung
offener Fragen werden die subjektiven Bedeutungsstrukturierungen des Befragten
deutlich.
Der Stil der Kommunikation ist weich, d.h. der Interviewer versucht, dem Befragten
ein sympathisierendes Verständnis für dessen spezielle Situation entgegenzubringen
(a.a.O.).



                                                                                   65
Ohnehin ist es in qualitativen Befragungen von Seiten des Interviewers besonders
wichtig, Empathie auszustrahlen (vgl. Lamnek 2005). Er muss auf die Aussagen
seines Gegenübers eingehen und dieser Person das Gefühl vermitteln, ernst
genommen zu werden. Denn nur in einer vertrauensvollen Atmosphäre kann sich der
Klient wirklich öffnen und ungehemmt erzählen.
Durch diese relativ offene Vorgehensweise kommt auch das problemzentrierte
Interview, obwohl es einen Leitfaden impliziert, einer Alltagskommunikation sehr
nahe.
Schließlich bleibt zu erwähnen, dass das gesamte Material, welches im Verlauf des
Interviews gewonnen wird, selbstverständlich fixiert werden muss. Dazu eignet sich
vorzugsweise ein Tonbandgerät. Das Aufzeichnen auf Band bietet dem Interviewer
die   Möglichkeit,      dem      Klienten   während    des    Gesprächs    seine     ungeteilte
Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Die Verwendung des Gerätes muss allerdings
zuvor mit dem Klienten abgesprochen werden. In der Regel stellt es, sofern es nicht
direkt zwischen Fragendem und Antwortendem platziert wird, keinen größeren
Störfaktor dar. Sollte es der Person dennoch nicht recht sein, kann auf das
altbewährte handschriftliche Protokoll zurückgegriffen werden.




2.3. Ziel der Untersuchung


Das      Ziel     der    Untersuchung        besteht    in    der    Ermittlung      möglicher
Kausalzusammenhänge zwischen der Entwicklung von Essstörungen bei Kindern
aus suchtbelasteten Familien und der existenten Belastung durch den elterlichen
Alkoholismus.
Es wird untersucht, ob und in wie weit die Suchtproblematik eines oder beider
Elternteile ursächlich an der Ausprägung einer Essstörung oder derartigen
Symptomen bei den betroffenen Kindern beteiligt ist.
Die     Ergebnisse      dieser    Untersuchung    sollen     einen   Beitrag   zur   aktuellen
Forschungssituation auf diesem Gebiet leisten. In bisherigen Studien bzgl. des
besagten        Gegenstands       wurden    die   kausalen     Zusammenhänge         zwischen
Essstörungssymptomen der Kinder und elterlicher Alkoholabhängigkeit oder deren
Missbrauch von Alkohol überwiegend außen vor gelassen. Viele dieser Studien,
meist sehr groß angelegten Repräsentativuntersuchungen, sind quantitativer Art.

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Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Versuchspersonen in der Regel an
diversen Tests teilnehmen und ihnen verschiedene standardisierte Fragebögen
vorgelegt werden.
Aus der Tatsache, dass in solchen Studien die subjektiven Anschauungen und
Bedeutungsstrukturen der betroffenen Teilnehmer nicht berücksichtigt werden, ergibt
sich der Forschungsbedarf der hier vorliegenden qualitativen Untersuchung.
Gestützt wird dieser Bedarf zusätzlich durch die Aussagen von Baltruschat, Geissner
und Klein: Die Initiatoren der in Kapitel 1.5.6 vorgestellten Studie „Essstörungen bei
Töchtern suchtkranker Eltern“ betonen in dem zugehörigen Abschlussbericht nämlich
ebenfalls, dass die Frage nach entsprechenden Kausalzusammenhängen vorerst
offen bleiben müsse, diese jedoch zukünftig weiter zu erhellen seien (vgl. Baltruschat
et al. 2005).
Dem Appell dieser Autoren folgend, soll mit Hilfe gegenwärtiger Studie versucht
werden, einen Teil an neuen Erkenntnissen hinsichtlich dieser Zusammenhänge zu
gewinnen. Möglicherweise können die erzielten Ergebnisse auch bereits existierende
Hypothesen oder bislang nicht ausreichend begründete Theorien festigen. Ein
solches Resultat der Untersuchung wäre ein schöner Erfolg.
Dennoch kann sie, aufgrund der geringen Anzahl von Befragten, nicht die Kriterien
und folglich auch nicht den Zweck einer repräsentativen Studie erfüllen. Um den
gewonnenen Ergebnissen allgemeingültige Aussagen zu entnehmen, wäre eine
wesentlich größere Interviewgruppe erforderlich. Dies ist jedoch mit einem hohen
zeitlichen und finanziellen Aufwand verbunden und kann im Rahmen der
vorliegenden Diplomarbeit nicht geleistet werden.




2.4. Interviewleitfaden


Es wurde bereits erwähnt, dass vor Beginn der ersten Befragung entsprechend der
Erhebungsmethode des problemzentrierten Interviews (vgl. Kap. 2.2) ein grobes
inhaltliches Konzept entworfen werden muss, der sog. Interviewleitfaden.
Beruhend auf dem Hintergrundwissen des Interviewers, umfasst dieser Leitfaden die
vorgesehenen Themenschwerpunkte des Gesprächs. Insgesamt sollen sechs
verschiedene Bereiche angesprochen werden. Mit Hilfe des Leitfadens können sie in
Form von offenen Fragen ausformuliert und schriftlich fixiert werden. Die

                                                                                   67
ergänzenden Unterpunkte der sechs Hauptbereiche werden teilweise ebenfalls in
Frageform oder stichpunktartig festgehalten.


Die Abfolge des Leitfadens spiegelt jedoch keinesfalls den Ablauf des tatsächlichen
Interviews wider. Der Klient ist es, der diesbezüglich die Fäden in der Hand hält, d.h.
der Gesprächsverlauf ist zunächst völlig offen und richtet sich nach dem Erzählfluss
des Interviewten.
Der Leitfaden dient in erster Linie dazu, die verschiedenartigen Interviews bei der
Auswertung besser miteinander vergleichen zu können. Außerdem trägt er dazu bei,
dass der Interviewer während des Gesprächs den roten Faden nicht verliert und
zudem jederzeit kontrollieren kann, welche wichtigen Punkte noch angesprochen
werden müssen.


Der Aufbau des Leitfadens erfolgt in chronologischer Reihenfolge, beginnend mit der
Kindheit   des   Klienten   (Frage   1.)   und   abschließend   mit   dessen   heutiger
Lebenssituation (Frage 6.). Die gewichtigen Punkte „Suchterkrankung eines
Elternteils“ (Fragen 2./3.) und „Eigene Essstörung“ (Frage 4.) führen zum
eigentlichen Kernpunkt der Untersuchung (Frage 5.): „Zusammenhang zwischen
Alkoholismus und Essstörung“.
Auch wenn sich dadurch eine logische Abfolge der einzelnen Themenfelder ergibt, ist
es im Kontext des realen Interviews keineswegs zwingend erforderlich, diese
Reihenfolge der Fragestellungen einzuhalten.


Dem Klienten sollen die Fragen 1. bis 6. direkt gestellt werden. Beginnt dieser,
nachdem die jeweilige Frage formuliert worden ist, von selbst frei und ungehemmt zu
erzählen, benötigt es zunächst keiner weiteren Anregung von Seiten des
Interviewers. Viele der jeweiligen Unterpunkte werden vom Interviewten automatisch
angesprochen.
Der Interviewer folgt also dem Erzählstrang des Klienten. Kommt dieser jedoch beim
Erzählen ins Stocken, kann ein Blick auf den Leitfaden dazu dienen, sich neue
Anregungen zu holen und dadurch den Gesprächsfluss voranzutreiben.
Sollten von Seiten des Interviewers Verständnisfragen auftreten, kann er diese zu
jeder Zeit, vorausgesetzt es passt in die gegenwärtige Situation, zur Sprache bringen
(vgl. Witzel 1982).


                                                                                    68
                                 Interview-Leitfaden

    1. Wie sind Sie aufgewachsen? Wie haben Sie Ihre Kindheit erlebt?
           - Familiensituation (Geschwister, Wohnverhältnisse etc.)
           - Glückliche / unglückliche Kindheit
           - Atmosphäre in der Familie
           - Beziehungen untereinander
           - Besondere Bezugspersonen

    2. Wie haben Sie die Suchterkrankung Ihres Vaters/ Ihrer Mutter erlebt?
           - Wann bewusst festgestellt?
           - Gewalterfahrungen o.ä.
           - Umgang der Familie mit der Suchterkrankung
           - Komorbidität bei suchtkrankem Elternteil

    3. Wie sind Sie mit der belastenden Situation umgegangen?
           - Bewältigungsstrategien
           - Rückzug
           - Verhalten von Geschwistern

    4. Wie kam es zu Ihrer Essstörung?
           - Form der Essstörung (wie äußerte sie sich?)
           - Beginn der Essstörung (Alter?)
           - Akuter Auslöser (besonderes Ereignis?)
           - Wurde Essstörung diagnostiziert?

    5. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Ihrer Essstörung und der
       Suchterkrankung Ihres Vaters/ Ihrer Mutter?
           - Wann begann Suchterkrankung des Elternteils,
           - wann eigene Erkrankung?
           - Besteht aus Ihrer Sicht eine ursächliche Verbindung
           - Leidet suchtkranker Elternteil vielleicht selbst an Essstörung

    6. Wie leben Sie heute / Wie sehen Sie sich heute?
           - Essstörung (noch akut)
           - Familienstand, Kinder
           - Behandlung / Beratung (Person selbst / Suchtkranker Elternteil)
           - Kontakt zu den Eltern


    Abb. 6: Interviewleitfaden




2.5. Planung und Durchführung der Interviews


Die folgenden drei Abschnitte beschreiben detailliert das Vorgehen zu den
beabsichtigten Interviews. Zunächst werden die verschiedenen Schritte erklärt, die
vorab notwendig sind, um derartige Befragungen überhaupt durchführen zu können.



                                                                               69
Daraufhin werden die Kontaktaufnahme mit den einzelnen Klienten erläutert, sowie
verschiedene damit verbundene Schwierigkeiten. Im letzten Punkt wird dann
schließlich der tatsächliche Ablauf während der einzelnen Gespräche beschrieben.




2.5.1. Vorbereitung der Interviews


Die Untersuchungsgruppe soll sich aus relativ heterogenen Persönlichkeiten
zusammensetzen, wobei diese in zwei Merkmalen übereinstimmen müssen. Die
erste Voraussetzung ist die Herkunft aus einer suchtbelasteten Familie; d.h.
entweder Vater oder Mutter sollte eine Alkoholproblematik aufweisen. Um den
Zusammenhang zwischen elterlichem Alkoholismus und Essstörungen bei deren
Kindern zu untersuchen, ist das zweite Erfordernis geeigneter Interviewpartner die
Existenz einer akuten oder auch bereits länger zurückliegenden Essproblematik.
Die Interviews sollen in Form retrospektiver Befragungen durchgeführt werden,
weshalb die entsprechenden Personen das 18. Lebensjahr, wenn möglich, bereits
vollendet haben sollten.
Zur inhaltlichen Orientierung während der Gespräche und um den eigentlichen Kern
der Befragung nicht aus den Augen zu verlieren, wird vorab ein Interviewleitfaden
entworfen, der die einzelnen Themenschwerpunkte knapp zusammenfasst (vgl. Kap.
2.4.).




2.5.2. Kontaktaufnahme mit den Klienten


Um Personen zu finden, auf die obige Merkmale zutreffen, werden zahlreiche
verschiedene Institutionen und Einrichtungen angeschrieben oder auch telefonisch
und per E-Mail kontaktiert. Dazu zählen u.a. ambulante Suchtberatungsstellen,
Selbsthilfegruppen   für   Abhängige,   deren   Angehörige    und    Menschen     mit
Essstörungen, psychosomatische Kliniken und solche für Suchterkrankungen sowie
entsprechende Homepages und Internet-Foren.
Die anfängliche Resonanz und das Interesse der zuständigen Fachkräfte sind
niederschmetternd. Oft mangelt es an Lust, die eigenen Klienten über die geplante
Untersuchung zu informieren, oder man ist sich als „Experte“ ohnehin sicher: „Es gibt


                                                                                   70
keinen Zusammenhang zwischen Essstörungen bei den Kindern und elterlichem
Alkoholismus!“
Wesentlich entgegenkommender sind dagegen die Selbsthilfegemeinschaften, vor
allem EKS e.V., über deren Homepage schließlich drei Interviewpartner gewonnen
werden. Nachdem ich in einer Anfrage per E-Mail erkläre, worum es in meiner
Untersuchung geht und welche Personen sich dafür eignen, wird mir umgehend
mitgeteilt, dass man meinen Aufruf gerne in das deutschlandweite Forum einstelle
und zudem sehr erfreut darüber sei, dass sich jemand mit dieser Thematik
auseinandersetzen möchte. Bei EKS sieht man einen deutlichen Zusammenhang
zwischen Essstörung und Alkoholismus.
Nachdem meine Anfrage also im Forum von EKS e. V. zu finden ist, erreichen mich
innerhalb kurzer Zeit drei Zusagen von Mitgliedern, die auch selbst unter einer
Essstörung leiden. Nach einem kurzen Kennen lernen via E-Mail werden persönliche
Gesprächstermine vereinbart. Leider bleibt es, trotz der deutschlandweiten Anfrage,
bei diesen drei Personen.


Des Weiteren ergibt sich unter wirklich vielen angeschriebenen Kliniken nur in einer
die Möglichkeit, mit Patienten in Kontakt zu treten. Es handelt sich dabei um eine
psychosomatische Klinik im Norden Deutschlands. Einer der zuständigen Ärzte, der
an dem Thema sehr interessiert scheint, macht den Vorschlag, mir zu einem festen
Termin genügend interviewgeeignete Patienten zur Verfügung zu stellen, damit sich
„die weite Anreise auch tatsächlich lohnt“. Ich nehme das Angebot dankend an.
Leider stellt sich an dem besagten Tag jedoch heraus, dass von den insgesamt
sieben Interviewpersonen lediglich zwei den erforderlichen Merkmalen entsprechen.
So sind es aber immerhin schon fünf Personen, deren Interviewmaterial für die
Untersuchung verwendet werden kann.
Die sechste Person meldet sich schließlich über ein Internet-Forum zum Thema
Essstörungen, in welchem von mir ebenfalls eine entsprechende Anfrage
veröffentlicht ist.
Letztlich bleibt es bei diesen sechs Personen. Zwischenzeitlich gibt es immer wieder
Menschen, die sich mit großem Interesse bei mir melden, dann aber kurzfristig
wieder absagen, weil sie ihre persönliche Lebensgeschichte nicht noch einmal
aufmischen wollen, wofür ich vollstes Verständnis habe.



                                                                                 71
Insgesamt ist anzumerken, dass es sich sehr schwierig gestaltet, entsprechende
Personen zu finden, die wirklich bereit sind, sich auf solch ein Interview einzulassen.




2.5.3. Ablauf der Interviews


Bis auf ein Interview, welches per E-Mail durchgeführt wird, finden alle Gespräche
persönlich statt. Drei Klienten werden von mir zuhause besucht. Mit zwei weiteren
führe ich die Befragung in der Klinik durch, in welcher sich diese Personen zu dem
Zeitpunkt befinden.
Zu Beginn eines jeden Interviews stelle ich mich vor, sofern mit der entsprechenden
Person zuvor noch kein persönlicher Kontakt (Telefon/E-Mail) bestand, und erkläre
die Absicht und das Ziel meiner Diplomarbeit. Danach erläutere ich die
vorgesehenen Gesprächsinhalte und gehe dabei zusammen mit dem Klienten den
Interviewleitfaden Schritt für Schritt durch. Des Weiteren wird die spezielle Form des
Interviews (problemzentriert) kurz verdeutlicht, sowie der zeitliche Rahmen grob
abgesteckt.
Anschließend wird die Person gefragt, ob sie nach wie vor bereit ist, das Interview
mit mir durchzuführen. Stimmt sie zu, erhält sie ein von mir angefertigtes,
erforderliches Informationsblatt zum Datenschutz (vgl. Anhang). Unterschreibt sie die
dazugehörige Einwilligungserklärung, können wir mit dem Interview beginnen. Um
das Material später auswerten zu können, wird das gesamte Gespräch mit einem
Tonband aufgezeichnet.
Die Interviews, welche bei den Klienten zuhause durchgeführt werden, dauern
jeweils etwa 90 Minuten. Für die beiden Gespräche in der psychosomatischen Klinik
ist durch den zuständigen Arzt ein zeitlicher Rahmen von 45 Minuten vorgegeben;
diese Zeit erweist sich als etwas zu kurz.


Nach dem jeweiligen Interview befrage ich die Klienten abschließend nach ihrer
Motivation für die Teilnahme an meiner Untersuchung. Außerdem biete ich ihnen an,
ein fertiges Exemplar der Diplomarbeit bekommen zu können, sofern ihrerseits
Interesse daran besteht. Die Resonanz ist durchgehend positiv.




                                                                                     72
3. Kurzdarstellung der Interviews


In den nachfolgenden Kapiteln werden die Interviewpartner im Einzelnen kurz
vorgestellt, einige wichtige Daten bzgl. der entsprechenden Person genannt sowie
jeweils ein knapper Überblick über das zugehörige Gespräch vermittelt.
Vorab ist Folgendes zu erwähnen: Aus datenschutzrechtlichen Gründen wird das
gesamte Interviewmaterial anonymisiert. D.h. Alter, Wohnort, berufliche Tätigkeit
oder sonstige persönliche Angaben stimmen nicht mit den tatsächlichen Daten der
Klienten überein (vgl. auch Anhang: Infoblatt). Dementsprechend wird jede Person
zunächst mit einer Klienten-Nummer versehen.
Sie erhalten zusätzlich noch ein Pseudonym, da reine Nummerierungen immer sehr
oberflächlich wirken und in einer qualitativen Arbeit eher unpassend erscheinen.
Während    der   einzelnen   Gespräche   herrscht   zumeist   eine   vertrauensvolle
Atmosphäre. Die Klienten sprechen offen über ihre intimsten Gefühle und
persönlichsten Erfahrungen - gerade deshalb sollen ebendiese Menschen nicht
einfach durch namenlose Ziffern gekennzeichnet werden.


Es wurde bereits erwähnt, dass insgesamt fünf erwachsene Frauen und ein Mann an
der Untersuchung teilnehmen. Die Altersspanne liegt zwischen 18 und 51 Jahren. Es
handelt sich um eine recht heterogene Gruppe, da die Kontakte zu den Klienten über
verschiedenste Einrichtungen und Anlaufstellen zustande kommen. Die Personen
stammen aus allen Teilen Deutschlands.


Die anschließende Darstellung gibt zur Orientierung einen kurzen Überblick über die
demographischen Merkmale der einzelnen Interviewpartner.




                                                                                 73
   Interview-    Alter,       Familienstand,   Welcher Elternteil          Welche Form
   person        Geschlecht   Kinder           weist eine                  von Essstörung
                                               Suchterkrankung auf?        liegt vor?
                                                                           (nach eigenen
                                                                           Angaben)
   Klient 01     42, m        Verheiratet,     Vater war Pegeltrinker;     Esssucht
   Bernhard                   aber getrennt    Klient selbst vermutet      („Overeating“)
                              lebend;          eine Medikamenten-
                              keine Kinder     abhängigkeit der Mutter
   Klientin 02   33, w        Ledig;           Beide Elternteile: Mutter   Nahrungs-
   Yvonne                     keine Kinder     war Quartalstrinkerin,      verweigerung
                                               Vater betrieb starken       („Magersucht
                                               Alkoholmissbrauch, dies     würde ich es
                                               hat sich mittlerweile zu    nicht nennen“)
                                               einer Abhängigkeit
                                               entwickelt
   Klientin 03   35, w        Verheiratet;     Stiefvater war              Latente
   Sabine                     keine Kinder     Alkoholiker                 Esssucht


   Klientin 04   40, w        Verheiratet;     Mutter war Alkoholikerin    Mischform,
   Martina                    eine Tochter                                 bestehend aus
                                                                           Essanfällen und
                                                                           Nahrungs-
                                                                           verweigerung
   Klientin 05   51, w        Verheiratet;     Vater war Alkoholiker       Latente
   Carola                     ein Sohn                                     Esssucht

   Klientin 06   18, w        Ledig;           Vater ist Alkoholiker       Mischform aus
   Sarah                      keine Kinder                                 Magersucht und
                                                                           Bulimie


     Abb. 7: Demographische Merkmale der Interviewpersonen


Zur Beschreibung der Personen werden in den nachfolgenden Ausführungen
überwiegend die männlichen Bezeichnungen „Klient“, „Interviewpartner“ o.ä.
verwendet. Diese implizieren jedoch gleichermaßen die entsprechend weiblichen
Formen. Die Schreibweise dient lediglich der Vereinfachung und der Erhöhung der
Lesbarkeit.




3.1. Klient 01


Bernhard ist der einzige männliche Teilnehmer der Befragung. Er ist 42 Jahre alt und
lebt seit einem halben Jahr allein. Er war 14 Jahre verheiratet; gegenwärtig läuft
jedoch die Scheidung von seiner Frau. Die Ehe blieb nach einer Fehlgeburt
kinderlos. Bernhard war lange Zeit in der Altenpflege tätig.



                                                                                             74
Die Kontaktaufnahme mit ihm erfolgt über die Homepage von „EKS e.V.“. Er meldet
sich auf meine Anfrage in dem Internet-Forum der Selbsthilfegemeinschaft. Nach
einem kurzen Informationsaustausch und der Klärung einiger Fragen vereinbaren wir
einen Gesprächstermin bei ihm zuhause.
Bernhards Vater war Pegeltrinker. Bei seiner Mutter vermutet Bernhard eine
Medikamentenabhängigkeit, die bereits existierte als er noch ein Kind war.
Der Klient bezeichnet sich selbst als „Overeater“. Der englische Begriff des
„Overeating“ kann prinzipiell mit der im deutschsprachigen Raum bekannten
Esssucht gleichgesetzt werden. Die Begrifflichkeiten werden häufig analog
verwendet. Die Betroffenen verspüren ein andauerndes Verlangen, Nahrung
aufzunehmen. Sie kennen kein Sättigungsgefühl. Wird der „Lust zu essen“
nachgegeben, kommt es zu einer ständig überhöhten Kalorienzufuhr und folglich zu
Übergewicht.
Schon als Kind aß Bernhard sehr gerne und viel. Dementsprechend war er bereits in
frühen Jahren relativ kräftig und bis vor einem Jahr auch stark übergewichtig.
Das Interview, welches in seiner Wohnung stattfindet, dauert etwa 70 Minuten. Zu
Beginn unseres Gesprächs herrscht eine etwas angespannte Atmosphäre, was sich
aber kurze Zeit später legt. Bernhard verliert zunehmend seine Scheu und hat bald
keine Hemmungen, von sich und seiner Vergangenheit zu erzählen. Er berichtet sehr
detailliert.




3.2. Klientin 02


Yvonne ist 33 Jahre alt. Sie ist ledig, hat keine Kinder und lebt zurzeit allein. Sie hat
den Beruf der Hotelfachfrau erlernt und war lange Zeit in diesem Bereich tätig.
Der Kontakt mit ihr kommt in der psychosomatischen Klinik zustande, in welcher ich
mehrere Interviews durchführe. Yvonne meldet sich ebenso wie eine weitere
Patientin dieser Klinik, nachdem sie von dem Arzt, mit dem ich in Kontakt stehe, über
die geplante Untersuchung informiert worden ist.
Ihre Mutter ist Alkoholikerin, Yvonne bezeichnet sie als Quartalstrinkerin. Der Vater
betrieb viele Jahre einen starken Alkoholmissbrauch, heute ist er ebenfalls abhängig.
Die Klientin hat noch vier weitere Geschwister, zwei ältere und zwei jüngere. Von
allen Kindern hat Yvonne, laut eigener Aussage, am meisten unter den

                                                                                      75
Alkoholexzessen der Mutter gelitten. Mit 18 Jahren ist sie schließlich zuhause
ausgezogen.
Yvonne leidet unter einer Essstörung, die den beschriebenen Symptomen nach zu
urteilen einer Anorexia Nervosa sehr nahe kommt. Sie selbst bestreitet dies aber
(„Magersucht würde ich es nicht nennen“). Schon als Kind hat die Klientin nicht
essen wollen, sie empfindet bis heute kein Hungergefühl.
Das Interview mit Yvonne findet in einem kleinen Raum der Klinik statt, den uns der
besagte Arzt zugeteilt hat. Wir haben für unser Gespräch etwa 50 Minuten Zeit.
Zunächst ist die Situation etwas verkrampft, Yvonne wirkt sehr unsicher. Ich stelle ihr
sehr viele Fragen, da sie nicht von alleine erzählt. Im Verlauf des Interviews wird sie
aber etwas lockerer und beginnt unbefangener zu berichten. Es ist deutlich zu
spüren, wie sich eine vertrauensvolle Atmosphäre entwickelt.




3.3. Klientin 03


Bei Sabine, der dritten Interviewpartnerin, muss vorab erwähnt werden, dass dieses
Interview auf dem elektronischen Weg (per E-Mail) stattfinden muss, da es zu dem
Zeitpunkt aus persönlichen Gründen leider nicht anders möglich ist. Auch wenn im
Rahmen qualitativer Interviews eine derartige Vorgehensweise nicht sonderlich
angesehen ist, so ist es mir dennoch wichtig, die besagte Klientin in die
Untersuchung mit aufzunehmen. Sie betont mehrfach, wie gerne sie mir als
Interviewpartnerin zur Verfügung stehen möchte. Der Kontakt zu ihr entsteht auch
über das Internet-Forum der EKS-Gemeinschaft.
Sabine ist 35 Jahre alt und seit einem Jahr glücklich verheiratet. Kinder hat sie bisher
noch keine. Sie arbeitet als Büroangestellte.
Die Klientin wuchs acht Jahre mit einem alkoholabhängigen Stiefvater auf. Sie hat
zwei jüngere Brüder, die laut ihrer Aussage heute ebenfalls eine Störung des
Essverhaltens    aufweisen.    Der    Stiefvater   war    außerordentlich    aggressiv;
Gewalthandlungen und verbale Demütigungen waren an der Tagesordnung.
Sabine leidet an latenter Esssucht. Die Problematik begann mit ca. 14 Jahren. Sie aß
damals Unmengen an Süßigkeiten, ihr Körpergewicht blieb zunächst konstant. Nach
der Pubertät nahm sie dann jedoch kontinuierlich zu. Bis vor einiger Zeit war sie noch
sehr stark übergewichtig.

                                                                                     76
Wie bereits erwähnt findet das Interview per E-Mail statt, weshalb an dieser Stelle
keine Angaben zur Gesprächsdauer, Interviewsituation und -atmosphäre sowie zum
Verhalten der Klientin gemacht werden können.




3.4. Klientin 04


Martina ist 40 Jahre alt, verheiratet und Mutter einer Tochter. Von Beruf ist sie
gelernte Einzelhandelskauffrau.
Ebenso wie Klientin 02 ist sie Patientin in der psychosomatischen Klinik, als ich mit
ihr in Kontakt komme. Sie meldete sich bei mir, nachdem sie von der Befragung
erfahren hat und sich selbst als geeignete Interviewperson sieht.
Ihre Mutter war starke Alkoholikerin, sie trank auch während der Schwangerschaft.
Martina kam bereits alkoholisiert zur Welt, sie selbst ist heute aber nicht suchtkrank.
Die Klientin hat insgesamt nur sechs Jahre der Kindheit bei ihrer leiblichen Mutter
verbracht, die übrige Zeit wuchs sie im Heim auf. Ihre ältere Schwester ist ebenfalls
im Heim groß geworden. In der Zeit zuhause erfuhr Martina sehr viel Gewalt von
Seiten ihrer Mutter. Als Kleinkind (1.-3. Lebensjahr) wurde sie von ihrem Vater
sexuell missbraucht.
Die Alkoholproblematik und der sexuelle Missbrauch wiederholen sich in ihrem
späteren Leben noch einmal in der Beziehung mit ihrem Exfreund.
Martina leidet unter einer Essproblematik, die sich in einer Mischform aus
Essanfällen und Nahrungsverweigerung äußert. Je nach momentaner Gefühlslage
oder aktueller Situation, nimmt sie übermäßige Mengen an Nahrung zu sich oder es
„schnürt“ ihr regelrecht den Magen zu.
Das Interview mit Martina erweist sich als schwierig. Sie berichtet sehr komplex und
spricht viele verschiedene Bereiche aus ihrem Leben an, die teilweise von dem
eigentlichen Kern des Interviews abweichen. Zu anderen wichtigen Punkten kann sie
dagegen nur wenig konkrete Aussagen machen. Das Gespräch dauert etwa 60
Minuten.




                                                                                    77
3.5. Klientin 05


Carola ist 51 Jahre alt, verheiratet und hat einen Sohn. Sie war früher viele Jahre im
Gastronomiebereich tätig. Die Klientin ist selbst Alkoholikerin, doch mittlerweile seit
20 Jahren trocken.
Der Kontakt kommt über EKS zustande. Auch sie meldet sich auf meine Anfrage im
Forum via E-Mail. Kurz darauf vereinbaren wir einen Interviewtermin, ebenfalls bei
der Klientin zuhause.
Ihr Vater war Alkoholiker, er war eigentlich immer betrunken. Carola und ihr jüngerer
Bruder kannten ihn nicht anders. Von ihrem Vater erfuhr sie beinahe täglich Gewalt,
obwohl es die Mutter war, die ihn dazu veranlasste. Unter ihr litt Carola besonders,
laut eigener Aussage hat ihre Mutter sie als Kind emotional missbraucht.
Als Kind wurde Carola mehrere Jahre von einem Nachbarn sexuell missbraucht.
Bei ihrer Essstörung handelt es sich um latente Esssucht. Die Klientin verspürt eine
immerwährende Lust, sich Nahrung zuzuführen. Sie hat diesem Verlangen aber
eigentlich nie nachgegeben, weshalb sie ihr Leben lang immer normalgewichtig war.
Heute ist sie diesbezüglich nicht mehr ganz so rigoros und gestattet sich etwas mehr.
Das Interview mit Carola findet, wie schon erwähnt, bei ihr zuhause statt. Die
Atmosphäre ist von Anfang an sehr locker und entspannt. Vor der eigentlichen
Befragung unterhalten wir uns noch ein wenig über allgemeine Dinge, was die
Situation ebenfalls auflockert. Als ich ihr schließlich die erste Frage stelle, beginnt
Carola völlig offen und sehr detailliert zu erzählen. Das Interview dauert etwa 90
Minuten und ist damit das längste der durchgeführten Gespräche.




3.6. Klientin 06


Sarah ist mit 18 Jahren die jüngste Teilnehmerin der Befragung. Sie geht noch zur
Schule, besucht die 12. Klasse eines Gymnasiums. Der Kontakt zu ihr ergibt sich
über ein Internet-Forum zum Thema Essstörungen, in dem sie sich auf meine
Anfrage meldet. Wir vereinbaren einen Gesprächstermin bei ihr zuhause.
Die Klientin lebt noch in ihrer Herkunftsfamilie. Beide Elternteile sind voll berufstätig,
der Vater ist Arzt, die Mutter Arzthelferin. Sarah hat einen sechs Jahre älteren



                                                                                       78
Bruder, der aufgrund seines Studiums aber nicht mehr zuhause wohnt. Es gab auch
eine Schwester, diese ist jedoch kurz nach der Geburt verstorben.
Vor etwa fünf Jahren und nach einer schweren Operation begann der Vater zu
trinken. Mit der Zeit steigerte sich dann der Konsum. Heute braucht er täglich seinen
Alkohol, wenn er von der Arbeit nach hause kommt. Wenn er getrunken hat, macht
er Sarah schwerste Vorwürfe, worunter sie ganz besonders leidet.
Sarah hat seit ihrem 13. Lebensjahr eine Essstörung. Die Problematik begann etwa
zur gleichen Zeit wie die Alkoholproblematik ihres Vaters. Anfangs verweigerte Sarah
die Nahrung, sie hungerte sich auf ein niedriges Körpergewicht runter. Nach etwa
zwei Jahren aß sie dann wieder etwas mehr, begann jedoch gleichzeitig nach den
Mahlzeiten zu erbrechen. In diesem Stadium befindet sie sich auch heute noch.
Das Interview findet bei der Klientin zuhause statt. An dieser Stelle muss
berücksichtigt werden, dass Sarah die einzige Klientin ist, die noch bei ihren Eltern
wohnt und gegenwärtig der belastenden Situation ausgesetzt ist, mit ihrem
suchtkranken Vater zusammenzuleben. Bei ihr kann man deshalb nicht von einer
retrospektiven Befragung sprechen, im Gegensatz zu allen anderen Teilnehmern
konnte sie noch keinen Abstand zu ihrer Herkunftsfamilie gewinnen.
Zu Beginn des Gesprächs ist Sarah sehr zurückhaltend und relativ wortkarg. Sie
wirkt etwas ängstlich und verschüchtert. Doch auch in diesem Gespräch ändert sich
die anfänglich schwierige Situation recht bald. Man spürt, wie Sarah im Verlauf des
Interviews zunehmend Vertrauen fasst und die Anspannung nachlässt. Auch ihr
gelingt es schließlich, offen zu berichten.
Während des gesamten Gesprächs wird deutlich, wie sehr Sarah unter der
belastenden Situation leidet. Immer wieder kommen ihr die Tränen.




                                                                                  79
4. Fallanalysen


4.1. Vorgehensweise


Es wurde bereits mehrfach erwähnt, dass in der vorliegenden Untersuchung die
subjektiven Aussagen der Klienten im Mittelpunkt stehen. Dementsprechend ist die
Auswertung des Interviewmaterials ebenfalls auf diese Weise angelegt.
Es erfolgt zunächst eine detaillierte Darstellung der einzelnen Ergebnisse. Dazu
werden die Berichte der Teilnehmer vor dem Hintergrund der im Interviewleitfaden
festgehaltenen Fragen in stark gekürzter und konzentrierter Form dargelegt.
Berücksichtigt werden ausschließlich die für die Untersuchung als zentral geltenden
Aussagen. Die Kapitel 4.2.1 bis 4.2.6, in welchen die besagten Themenbereiche des
Leitfadens abgehandelt werden, enden jeweils mit einem kurzen Abriss des
vorangegangenen Interviewmaterials.
Im Anschluss an diese relativ breit angelegten Fallanalysen, werden die Ergebnisse
dann in Kapitel 4.3 miteinander in Zusammenhang gebracht und im Sinne eines
Ergebnisses interpretiert.


Bei   der   Auswertung       kommt   es   zu   vereinzelten   Problemen.     Eine   der
Interviewpersonen verbrachte nur einen Teil ihrer Kindheit in der Herkunftsfamilie,
genauer gesagt bei ihrer suchtkranken Mutter. Aus diesem Grund ist es für diese
Klientin teilweise schwierig, auf alle Fragen konkrete Antworten zu geben.
Im Gegensatz dazu liefern andere Klienten zu diversen Themenbereichen überaus
komplexe Aussagen. Solch umfassende Berichte liefern zwar einen intensiven und
tief greifenden Einblick in die Biographie der entsprechenden Person, was zum
Verständnis ihrer Gesamtsituation auch sehr hilfreich ist. Jedoch erweist sich die
Auswertung im Nachhinein als schwierig. Ein Großteil des aufgezeichneten
Interviewmaterials muss vollständig aussortiert werden, da es für die vorliegende
Untersuchung keine Relevanz hat und demzufolge nicht verwenden werden kann.
Zudem nehmen die einzelnen Analysen, aufgrund der Fülle an Interviewmaterial,
wesentlich mehr Zeit in Anspruch, als anfangs erwartet.




                                                                                     80
4.2. Ergebnisse


4.2.1. Erleben der eigenen Kindheit


Klient 01:
Soweit sich Bernhard zurückerinnern kann, war seine Kindheit eigentlich ganz in
Ordnung. Es gab sowohl schöne als auch weniger schöne Zeiten, obwohl sich die
positiven Erinnerungen eher auf Momente außerhalb der Familie beschränken. Seine
Eltern hatten eine eigene Tankstelle, die Mutter war aber zusätzlich außerhalb
beschäftigt.
Von seinen Eltern bekam Bernhard nur wenig emotionale Zuwendung, im Gegensatz
dazu fehlte es ihm aber auf materieller Ebene an nichts.
       „Ich bin soweit gut versorgt worden, nicht vernachlässigt worden, körperlich is` genug,
      es gab genug zu essen […]. Ich hatte `n Kettcar, ne Carrerabahn […].“

Die Eltern ließen sich scheiden als Bernhard 13 Jahre alt war. Er blieb bei seiner
Mutter. Der Vater bekam zwar ein wöchentliches Besuchsrecht, doch Bernhard
empfand diese Unternehmungen eher als Pflichterfüllung des Vaters.
Zu dieser Zeit litt Bernhard zum ersten Mal an depressiven Verstimmungen, er fühlte
sich schuldig. Heute vermutet er, dass er schon mit 13 Jahren suizidal war.
      „Ich fühlte mich so scheußlich, also körperlich nicht gut, übergewichtig, schlecht in der
      Schule, Freunde waren auch nicht wirklich da, ich denke, ich war suizidal. Ich fühlte
      mich nicht richtig. Meine Schuldgefühle über mein Versagen waren der vermutliche
      Grund für die Suizidalität.“


Klientin 02:
Yvonne hat den größten Teil ihrer Kindheitserinnerungen gelöscht. Als Grund für
diese Verdrängung sieht sie die Alkoholabhängigkeit ihrer Mutter. Erst ab der Zeit,
als sie 16 Jahre alt war und ihre Lehre begann, kann sie sich wieder erinnern.
      „Wenn ich abends von der Arbeit nach hause kam, die Tür aufgemacht habe und mir
      so`n Alkoholdunst entgegenkam, Mensch da stand mir das alles schon bis zum Hals
      und da war schon nichts mehr mit Essen, da hat sich das schon erledigt, da war ich
      schon satt.“

Insgesamt ist der Klientin kein besonders positives Bild von ihrer Kindheit und
Jugendzeit geblieben.
      Es gab schöne Zeiten, aber auch sehr viele schlechte Zeiten. Ich kann mich mehr an
      die schlechten Zeiten erinnern als an die guten.“




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Die Familie lebte auf einem großen Grundstück mit zahlreichen Tieren und
entsprechend viel Arbeit. Die Kinder mussten häufig zuhause mithelfen. Ihre
Großmutter wohnte direkt nebenan. Der Vater hatte mit alledem nichts zu tun, da er
auswärts arbeitete und unter der Woche überwiegend auf Montage war.
Yvonne lebte bis zur Mitte ihrer Ausbildung zuhause. Als sie 18 Jahre alt war, zog
sie in eine eigene Wohnung.


Klientin 03:
Bei Sabine sind ebenfalls viele Erinnerungen aus frühester Kindheit nicht mehr
vorhanden. Die Zeit, als ihre Eltern noch nicht geschieden waren, bezeichnet sie
aber als eine „nicht unglückliche“ Kindheit. Nach der Scheidung hatte die Mutter
mehrere lockere Bekanntschaften, bevor sie Sabines zukünftigen Stiefvater kennen
lernte. Als er bei ihnen einzog, war Sabine 12 Jahre alt.
      „Ich wusste nicht ob ich das gut finden sollte. Jedenfalls fand ich es nicht gut, dass er
      uns gleich vor die Entscheidung stellte, wir sollten entweder Papa sagen oder ihn
      siezen. Wir entschieden uns alle drei für die Anrede Papa. Allerdings fiel es mir schwer,
      ihn Papa zu nennen, ich kannte den Mann doch kaum.“

Sabines Kindheit/Adoleszenz war in den darauf folgenden Jahren von zahlreichen
Wohnortswechseln geprägt, die ihrer Ansicht nach der Alkoholproblematik des
Stiefvaters zuzuschreiben waren, denn er machte immer wieder Ärger. Die Umzüge
waren auch mit einigen Schulwechseln verbundenen, weshalb es für Sabine sehr
schwierig war, gute Freunde oder überhaupt Freunde zu finden.
      „Die Zeit in S. war auch die Zeit, wo ich anfing richtig unglücklich zu sein. Wir lebten in
      einem Kuhdorf und ich hatte keine Chance, nach der Schule mal Freunde zu
      besuchen. Dementsprechend war ich in der Schule schnelle eine Einzelgängerin.“

Sabines Aussage zufolge, empfindet sie ihre Kindheit heute nicht mehr als eine solch
schreckliche Zeit.
      „Insgesamt würde ich sagen, war meine Kindheit nicht so wirklich toll und eher
      unglücklich als glücklich, aber es gibt sicher schlimmere Erlebnisse. Im Nachhinein bin
      ich froh, dass z.B. kein sexueller Missbrauch dabei war.“


Klientin 04:
Martina verbrachte den Großteil ihrer Kindheit im Heim. Bei ihrer leiblichen Mutter
wuchs sie insgesamt nur sechs Jahre auf, zunächst in der Zeit vom 1. bis zum 3.
Lebensjahr und später noch einmal vom 9. bis zum 12. Lebensjahr. Das Kinderheim
verließ sie mit 22 Jahren. Ihre ältere Schwester befand sich zu der gleichen Zeit im
Heim, sie lebte allerdings nicht in dem gleichen Heim wie Martina. Sie haben nur die
sechs Jahre bei der Mutter gemeinsam verbracht.
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       „Meine Kindheit war zweideutig. Einmal bin ich ja bei meinen Eltern aufgewachsen, da
       sind dann die ganzen schlimmen Sachen passiert. Dort hab ich einmal ganz grässliche,
       schlimme Situationen erlebt, auf der anderen Seite gab es aber auch sehr harmonische
       Zeiten im Heim, also genau das krasse Gegenteil.“

In den ersten drei Lebensjahren wurde Martina von ihrem Vater sexuell missbraucht.
Dass dieser nicht ihr leiblicher Vater war, fand sie erst vor einigen Jahren heraus.


Klientin 05:
Carola lebte mit ihren Eltern und dem Bruder nach dem Krieg zunächst in einer Not-
Wohnung. Als sie etwa sieben Jahre alt war, zog die Familie in eine größere
Wohnung um. Die Klientin erinnert sich, dass sie sehr häufig von zuhause weglief,
entweder in die Stadt oder zu Nachbarn. Sie fühlte sich schon immer woanders
wohler als zuhause.
       „Nein, meine Kindheit war nicht nur nicht besonders glücklich, sie war überhaupt nicht
       glücklich. Ich kann mich nicht erinnern, dass es mir in der Kindheit irgendwann mal gut
       ging. Meine Kindheit war geprägt von dem trinkenden Vater und auch, was ich heute
       erst sehe […], auch von dieser co-abhängigen Mutter, die eigentlich so ihr ganzes
       Augenmerk auf ihren trinkenden Mann lenkte […]. Ich hab also das Gefühl, meine
       Mutter hatte nie Zeit für mich. Eine Situation […], da kam der Nikolaus in den
       Kindergarten und die Mütter waren miteingeladen, nur meine Mutter hatte keine Zeit
       mitzukommen. Ich musste also ganz allein zu diesem Nikolaus.“

Die Mutter sorgte dafür, dass trotz der Alkoholabhängigkeit des Vaters, die Fassade
stimmte. Nach außen sollte die Familie einen sehr glücklichen Eindruck machen.
       „Sie nähte und machte, wir sind immer picobello rum gelaufen. Ich hatte Kleider über
       Kleider, damit das nach außen hin bloß alles ganz toll aussah, ne und damit also keiner
       sagen konnte: Also bei den Leuten da stimmt was nicht!“

Zwischen ihrem 10. und 13. Lebensjahr wurde Carola von einem Hausnachbarn
sexuell missbraucht. Während des Interviews erwähnt sie dies nur kurz, geht aber
nicht weiter darauf ein.


Klientin 06:
Sarah erinnert sich an eine recht glückliche und zufriedene Kindheit, in der es keine
größeren Schwierigkeiten gab. Auch dem sozialen Umfeld vermittelten ihre Eltern
immer das Bild einer perfekten Familie.
       „Ich sehe meine frühe Kindheit eigentlich als eine sehr schöne Kindheit. Ich habe auch
       schon sehr viel von der Welt gesehen, auch schon als ich noch sehr klein war und
       dafür bin ich meinen Eltern auch heute noch dankbar.“

Erst als ihr Vater zu trinken begann, änderte sich das schlagartig. Sie war damals 13
Jahre alt.
       „Aber irgendwann kam der Wendepunkt den ich selber gar nicht mehr genau weiß, es
       muss so vor vier oder fünf Jahren gewesen sein. Damals hat alles angefangen.“

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Resümee:
Bis auf Klientin 06, die ihre Kindheit als relativ positiv beschreibt, erinnern sich alle
Interviewpersonen an eine eher unglückliche Kindheit. Bei zwei Klienten sind die
Erinnerungen an den ersten Abschnitt ihres Lebens nur noch bruchstückhaft
vorhanden, sie haben diese größtenteils aus ihrem Gedächtnis gelöscht oder es hat
ein Verdrängungsprozess stattgefunden.
Alle Interviewteilnehmer erfuhren in ihrer Kindheit nur wenig Zuneigung und Liebe.
Die notwendige Aufmerksamkeit von Seiten der Eltern wurde ihnen kaum oder
überhaupt nicht entgegengebracht. Zwei Klienten wurden, als sie noch klein waren,
sexuell missbraucht.
Die nichtabhängigen Elternteile der Klienten versuchten zumeist, nach außen hin den
Schein zu waren. Niemand sollte bemerken, dass in der Familie ein Alkoholproblem
existierte.
Bei keinem der Teilnehmer gab es im sozialen Umfeld besonders enge Beziehungen
zu außenstehenden Personen (gute Schulfreunde, nahe Verwandte), denen sie ihre
Probleme hätten anvertrauen können.




4.2.2. Familiensituation und häusliche Atmosphäre


Klient 01:
Bernhard erfuhr von seinem suchtkranken Vater eigentlich keine Gewalt. Dennoch
wirkte dieser auf Bernhard bedrohlich. Wenn es doch einmal zu einer Ohrfeige kam,
war das eher als „Entgleisung“ des Vaters anzusehen. In der Familie war es vielmehr
die Mutter, die aktiv Gewalt ausübte.
       „Sie hat schon mal häufiger zugeschlagen. Es war dann auch so, wenn ich am Boden
       lag, hat sie noch nach getreten. Mutter erreichte auch sehr viel durch Schweigen, also
       Liebesentzug. Wenn sie mich bestrafen wollte, dann hat se geschwiegen.“

Der Klient hatte zu seiner Mutter eine engere Beziehung als zum Vater. Schon von
klein auf interessierte dieser sich kaum für seinen Sohn.
       „Wie gesagt, seine Funktion als Vater hat er nicht erfüllt. Trost von der Mutter hieß
       immer: ‚Dein Vater hat dich lieb, er kann es nur nicht zeigen!’ Einmal hatte ich mir die
       Knie ziemlich schlimm aufgeschlagen […], dann sagte er zu mir: ‚Komm her, ich heb
       dich auf!’ Also vollkommen bösartig, zynisch und das is` bei mir angekommen.“

Bernhards Mutter dachte ebenfalls ausschließlich negativ über ihren Mann, was sie
vor Bernhard nicht verheimlichte.


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Klientin 02:
Yvonnes jüngere Schwester wurde von der Mutter sehr häufig verprügelt, wenn diese
wieder getrunken hatte. Unabhängig davon, ob die Schwester tatsächlich etwas
angestellt hatte oder nicht, sie war der Sündenbock für alles. In diesen Situationen
versuchte Yvonne immer zu helfen.
      „[…] und dann kam P. wieder zu mir und hat gesagt: Yvonne komm mal schnell, Mama
      verkloppt M. wieder! Ja, und dann bin ich dazwischen gegangen. Ich hab`s geschafft ja,
      ich hab meine Mutter da weggerissen und hab meine Schwester in den Arm
      genommen.“

Der Vater bekam davon nur sehr wenig mit, da er unter der Woche nicht vor Ort war.
Yvonne selbst erfuhr von Seiten ihrer Eltern eigentlich keine Gewalt. Nur eine
Situation ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben.
      „Als Kind da musst` ich `ne Suppe essen, da war Fett drin […], ich mochte dieses nicht,
      ich musste dieses unbedingt essen und dann hab ich das runtergeschluckt und im
      gleichen Atemzug in den Teller wieder reingekotzt, und dann flog die Hand nur so,
      mein Gesicht hat nur gebrannt. Das weiß ich noch, da war Mutter auch nicht nüchtern.“


Klientin 03:
Sabines Stiefvater war sehr aggressiv und häufig gewalttätig. Er schlug sowohl die
Kinder als auch ihre Mutter. Sie bezeichnet sein Verhalten teilweise als „Psychoterror
der Extraklasse“.
      „Die Atmosphäre war vor allem unberechenbar und das war auch eigentlich das
      Schlimmste – nie genau zu wissen, was als nächstes passiert. Man hat keine
      Sicherheit, keine Geborgenheit, nie die Gewissheit, dass man geliebt wird und okay ist,
      so wie man gerade ist. Alles, was Kinder am meisten brauchen, fehlt also, denn es
      dreht sich alles immer und jederzeit um die Sucht und den Süchtigen. Ich konnte nie
      nach hause kommen und einfach nur froh sein heimzukommen, immer musste ich erst
      mal „checken“, wie die Stimmung gerade war. Für meine Probleme gab es nie einen
      Ansprechpartner.“

Die Klientin beschreibt, dass er jede Gelegenheit zum „Ausrasten“ nutzte. Zudem
demütigte er sie häufig und er zerstörte aus den fadenscheinigsten Gründen
persönliche Dinge von Sabine und ihren Brüdern.
      „Wenn er der Meinung war, ich müsste mein Zimmer aufräumen, hat er alles in die
      Mitte geworfen; dass Unterlagen auf meinem Schreibtisch sortiert sein könnten,
      interessierte ihn nicht. Zu Weihnachten bekam ich einen Stereo-Radiorecorder
      geschenkt. Ich habe wohl eine negative Bemerkung darüber gemacht […] die Dinger
      wurden zertrümmert und in den Müll geworfen.“

Wenn Freunde zu Besuch waren und der Stiefvater getrunken hatte, beschimpfte er
Sabine u.a. als „Flittchen“ und stellte sie vor den anderen bloß.




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Klientin 04:
Martina beschreibt ihre Mutter als äußert brutal. Sie versuchte, ihre Tochter
umzubringen. U.a. wurde Martina als Kleinkind die Treppe heruntergeworfen. Unter
den Folgen dieser massiven Gewalthandlungen ihrer Mutter leidet sie heute noch
immens.
      „Ich denk`, dass sie mich tothauen wollte, sie ging mir ja auch oft an den Hals. Ich
      konnte meinen Körper völlig abschalten, sonst hätt` ich das ja bewusst mitgekriegt, was
      da passiert war. Ja und da raus zu kommen ist ganz, ganz schwer, ist heute noch ganz
      schwer. Dass ich noch lebe, hab ich ja nur gespürt, wenn ich mir irgendwie den Fuß
      verletzt hab oder so. Ich leb` nur bis hier (zeigt dabei auf ihren Hals), alles andere ist
      tot.“

Während der Zeit als sie mit ihrer Schwester zusammen bei der Mutter lebte, fühlte
Martina sich ungeliebt und überflüssig. Sie selbst war eher ein ruhiger Typ, ihre
Schwester dagegen war der Mutter in ihrer Wesensart sehr ähnlich.
      „Sie war halt die Lieblingstochter, sie hatte ja eigentlich alles gekriegt, sie hat Spiele
      gehabt […]. Nur in Notsituationen, wenn Mama wieder mal versucht hat mich
      umzubringen […], das war dann die Situation, wo sie mir zur Seite stand, ansonsten
      hab ich da nur gestört.“


Klientin 05:
Carola wurde von ihrem Vater beinahe täglich verprügelt. Allerdings geschah dies
immer auf Anweisung der Mutter.
      „Wenn er abends kam, hatte mein Vater am liebsten seine Ruhe, kriegte dann noch
      seine Flasche Wehrmut und dann saß er da und schlief, der machte gar nichts, und
      meine Mutter hat ihn dann immer wieder: Lass mich mit den Kindern nicht alleine […],
      die Carola hat heute schon wieder […], jetzt mach du mal was! Und dann hat er sich
      nicht anders zu helfen gewusst als draufzuschlagen. Aber immer nur weil meine Mutter
      […], die ließ also keine Ruhe. Ich wüsste mal nicht, dass es mal `n Tag nicht war, jeden
      Tag.“

Carolas Bruder bekam von der Gewalt des Vaters nichts zu spüren. Da er von der
Mutter bevorzugt wurde, ließ sie kein schlechtes Wort auf ihn kommen und
dementsprechend wurde er nicht geschlagen.
      „Den hat sie ja heiß und innig geliebt, ne. Da hat sie immer schützend ihre Hand drüber
      gehalten. Bei mir nicht, warum das so war, weiß ich nicht, ich bin ja auch ein Leben
      lang hinter ihrer Liebe und Anerkennung hinterhergelaufen und […], äh immer, ja es
      war einfach so, ne.“

In den Augen der Mutter konnte Carola nie etwas richtig machen. Die Eltern
sprachen ihr jegliche Talente ab, redeten ihr ein, sie können weder singen noch
malen etc. Auch Gefühle wurden in der Familie nicht gezeigt.
      „Das ist einfach irgendwas, was ich nie gehabt hab, so dieses Einkuscheln oder so. Ich
      kann das nicht, verbinde das sofort mit Sexualität. Zuneigung zeigen, in den Arm
      nehmen, das gab es einfach nicht.“




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Klientin 06:
Sarahs Vater übte innerhalb der Familie aktiv Gewalt aus, er schlug sowohl seine
Frau als auch die beiden Kinder. Die Klientin empfand die Gewalt ihr gegenüber als
besonders gravierend.
      „Ich würde sagen, bei mir war es nicht am schlimmsten, aber mir hat niemand geholfen.
      Meine Mutter ist immer zwischen meinen Bruder und meinen Vater gegangen […], aber
      bei mir dazwischen gehen, wär` wohl ein Traum.“

Sarah fühlt sich als Sündenbock der Familie, dem jegliche Schuld zugeschoben wird.
Seitdem ihr Bruder nicht mehr zuhause wohnt, ist die Situation noch schlimmer
geworden. Der Bruder wurde von ihrer Mutter immer bevorzugt und der Vater
erwähnt häufig, dass es Sarah gar nicht geben würde, wenn ihre Schwester nicht bei
der Geburt gestorben wäre.


Resümee:
Alle sechs Klienten waren in ihrer Kindheit extrem belastenden innerfamiliären
Verhältnisse ausgesetzt, sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene. Bis
auf eine Person erfuhren alle aktive Gewalt von Seiten des Vaters oder der Mutter.
Meist war es der suchtkranke Elternteil, der aggressiv und gewalttätig wurde.
In allen Familien wurden weder Gefühle gezeigt noch über diese gesprochen, das
Thema      war   tabu.   Stattdessen      erfuhren     die   Klienten     u.a.   unaufhörliche
Demütigungen, erhebliche Kränkungen oder fortwährendes Desinteresse von Seiten
des suchtkranken Elternteils.
Bei drei Teilnehmern wurden die Geschwister entweder von beiden oder auch nur
einem Elternteil bevorzugt. Die Klienten selbst nahmen eher eine „ungeliebte“ Rolle
innerhalb der Familie ein. Teilweise konnten sie den Ansprüchen ihrer Eltern nie
genügen.




4.2.3. Erleben und Umgang mit der Suchtproblematik


Klient 01:
Bernhard kennt seinen Vater eigentlich nur als alkoholabhängigen Menschen. Schon
zu der Zeit als Bernhard noch sehr klein war, so erinnert er sich, brauchte der Vater
jeden Morgen seine Ration Alkohol, um erst einmal ruhig zu werden und den Tag
überhaupt beginnen zu können. Er war Pegeltrinker.

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      „Sobald er nicht `ne Flasche Steinhäger, was weiß ich, das is so`n Zeug in so `nem
      Tongefäß, jeden Morgen eine Kaffeetasse vollschüttete und dann austrank in einem
      Zuch und merkte, dann wurde er ruhiger. So`n gewissen gelassenen Grundspiegel
      hatte er.
      In der Tankstelle pöbelte er dann auch immer die Kunden an, auf so `ne besoffene Art,
      seine Kumpels saßen an der Theke.“

Zusätzlich kam es bei ihm, im Abstand von mehreren Monaten, immer wieder zu
extremen Alkoholexzessen.
      „Da wurde dann der Eimer neben`s Bett gestellt, wenn er sich dann bis zur
      Besinnungslosigkeit besoffen hat. Quartalsweise, so alle zwei Monate, musste er das
      irgendwie haben, also dann reichte der Spiegel nicht mehr aus, dann wollte er noch
      mal die volle Dröhnung haben.“

Es gab auch eine trockene Phase des Vaters, Bernhard war damals etwa zehn Jahre
alt. Doch in dieser Zeit erlebte er seinen Vater völlig wesensverändert. Er schwieg
und war nicht ganz bei sich. Bernhard beschreibt ihn als eine Art „unheimlichen
Zombie“.
Soweit er sich zurückerinnern kann, nahm auch seine Mutter schon immer sehr viele
Beruhigungsmittel ein. Als Kind konnte er das nicht realisieren, doch heute vermutet
er, dass bei seiner Mutter damals eine Medikamentenabhängigkeit vorlag.
      „Ich hab das festgestellt, als ich so 10, 11 Jahre alt war, da ging das los mit
      Klassenarbeiten und sie sagte dann: ‚Ja, du bist so aufgeregt, nimm doch auch mal
      was […]’. Von daher war die auch nicht richtig da, die hatte sehr viel mit Angst zu tun,
      Panikattacken […].“

Bernhard macht keine näheren Angaben dazu, wie er selbst damals mit der
Alkoholabhängigkeit seines Vaters umgegangen ist. Er berichtet lediglich, dass er
bereits sehr früh damit begann, Unmengen an Süßigkeiten zu essen. Dies tat er
heimlich.


Klientin 02:
In Yvonnes Elternhaus gab es schon immer ziemlich viel Alkohol, was sie von klein
auf sehr störte. Die Mutter ist Quartalstrinkerin, ihre Abhängigkeit äußerte sich
damals in sporadisch auftretenden tagelangen Alkoholexzessen.
      „Wenn meine Mutter ihr Anfälle hatte, hat sie dann getrunken bis zum Umfallen und
      dann sind wir über sie hinweg gestiegen oder wie auch immer. Wenn sie getrunken hat,
      hat sie eine Woche durch getrunken und denn lag sie ja im Koma, sag ich jetzt mal so,
      im Suchtkoma, und dann war wieder zwei drei Wochen Ruhe, und dann ging das
      wieder ne Woche los, dann war wieder Ruhe und wieder so als wenn nichts gewesen
      wäre.“

Ihre Mutter trank heimlich. Sie hatte in jedem Zimmer des Hauses eine Flasche
hochprozentigen Alkohol versteckt. Die Klientin versuchte beharrlich etwas gegen die
Abhängigkeit ihrer Mutter zu unternehmen, ihr klar zu machen, dass sie ein


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schwerwiegendes        Problem      hat.    Die    anderen      Familienmitglieder        hat    der
Alkoholkonsum der Mutter weniger tangiert.
       „Ich war auch bei unserem Hausarzt, weil ich dachte, da muss man doch irgendwas
       machen, hab auch mit meinen Geschwistern und meinem Vater darüber geredet. Mein
       Vater hat nur die Schultern gezuckt und bei meinen Geschwistern kam: ‚Ich bin ja nicht
       da!’ Ich hab`s dann verdrängt, sagen wir`s mal so, ich hab nicht mehr gegessen […].“

Yvonne ist sich sicher, dass sie von den Kindern am meisten unter dieser Situation
gelitten hat und auch heute noch leidet. Sie war die einzige, die ihre Mutter direkt auf
ihr Alkoholproblem angesprochen hat.
       „Die anderen hat`s nicht gestört. Keiner hat was gesacht, nur ich, deshalb hab ich auch
       den Druck immer abgekriegt. Ich hab die Flaschen weggenommen, ich hab die
       ausgekippt oder einfach auf den Tisch gestellt und […], weil ich genau wusste, wo
       Mutter die Verstecke hatte, ich hab ja auch alles abgesucht, wo was is, auch wenn
       Mutter irgendwo lag, wenn sie dann wieder in der Ecke lag.“

Yvonnes Vater betrieb ebenfalls einen enormen Alkoholmissbrauch. Wenn er am
Wochenende zuhause war, wurde immer viel getrunken.
       „Er hat morgens Weinbrand getrunken, die haben morgens Weinbrand getrunken. Aber
       jetzt braucht er das, damals brauchte er`s noch nicht, das war Routine weil die anderen
       auch Weinbrand getrunken haben, da hat er mitgetrunken. Kollegen, Freunde,
       Bekannte es war immer einer da.“

Die Klientin vermutet, dass er damals auch unter der Woche getrunken hat, wenn er
nicht zuhause war, da er ansonsten heute nicht dieses „massive Problem“ hätte.


Klientin 03:
Dass Sabines Stiefvater ein echtes Alkoholproblem hatte, wurde erst offensichtlich,
nachdem er bereits zwei Jahre zur Familie gehörte.
       „Am Anfang fand ich es toll, am Kiosk Bier kaufen zu dürfen und es ihm heimzutragen
       […]. Ich war noch zu klein, um das tückische Wesen dieser Suchtkrankheit zu
       begreifen. Meine Mutter zumindest wollte es wohl auch nicht wissen.“

Die gesamte Familie tat weiterhin so, als sei alles in Ordnung. Das Problem wurde
bagatellisiert.
       „Der Umgang mit der Sucht war mehrheitlich so, dass sie totgeschwiegen wurde. Es
       gibt kein Problem, solange niemand etwas merkt und man kann sich sehr lange
       vormachen, dass niemand etwas merkt. Die Scham - bei uns ist etwas nicht normal - ist
       sehr groß.“

Der    Alkoholpegel      des     Stiefvaters      und    das     damit     zusammenhängende
unberechenbare Verhalten, bestimmten das familiäre Zusammenleben.
       „Alles drehte sich nur um ihn, und abhängig davon, wie er drauf war, gestaltete sich
       auch das Miteinander. Mal war er friedlich und nett, mal einfach nur schlafend im
       Vollrausch und damit erstmal ausgeschaltet, und dann wieder ungeheuer aggressiv
       und laut..“




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Sabines     persönliche    Bewältigungsstrategien,        um    unter    diesen     belastenden
Umständen „überleben“ zu können, waren das ständige Essen und eine anhaltende
Fröhlichkeit. So sah man ihr nicht an, was wirklich in ihr vorging. Über die Rolle des
Clowns (bzw. Maskottchens) und der damit verbundenen guten Laune, versuchte sie
immer möglichst viel Zuneigung zu bekommen.


Klientin 04:
Martina hat die Alkoholabhängigkeit der Mutter von ihrem 9. bis zum 12. Lebensjahr
miterlebt, in der Zeit als sie zusammen mit ihrer Schwester bei der Mutter und ihrem
zweiten Ehemann lebte.
      „Erst als wir dann wieder zuhause waren, hat se auch wieder gesoffen. Morgens hat
      sie`s erst mal net geschafft, se musste morgens zuerst an den Kühlschrank und da
      gab`s dann immer Sekt oder Rotwein.“

Bewusst wahrgenommen hat sie die Suchterkrankung in dieser Zeit aber nicht.
      „Man kapiert ja erst hinterher, was das eigentlich war, was da alles passiert ist. Die
      Bilder bleiben ja, das Verhalten der Mutter bleibt ja auch.“

Laut den Erzählungen ihrer Großmutter hat Martinas Mutter schon zu Jugendzeiten
getrunken und auch während der Schwangerschaft mit Martina.


Klientin 05:
Die Klientin beschreibt, dass sie ihren Vater, bis auf die letzte Zeit seines Lebens,
eigentlich nicht nüchtern kennt. Er hat schon immer getrunken.
      „Ich kann mich von Anfang an erinnern, dass mein Vater also immer betrunken war,
      das war einfach so […]. Vater war den ganzen Tag nicht da, er ging um sechs Uhr los
      und kam abends so sieben, acht Uhr wieder, und wenn er wiederkam war er auch
      volltrunken.“

Carola schämte sich oft für ihren Vater, besonders an Familienfesten oder wenn
andere Kinder bei ihnen zuhause Besuch waren.
      „Kann mich an ganz viele Situationen erinnern, in denen mein Vater betrunken war.
      Irgendwann mal auf meinem Kindergeburtstag, da waren Freundinnen da, kam er also
      völlig betrunken, ist er von zwei Leuten gebracht worden, weil er die Treppe nicht
      alleine hochkam, […] und küsste dann meiner Freundin die Hand. Ich fand das damals
      so peinlich, ich, ich spür` jetzt noch, wie ich mich damals geschämt hab`.“


Klientin 06:
Sarahs Vater begann vor etwa fünf Jahren mit dem Trinken. Sie vermutet den
Auslöser dafür in einer komplizierten Operation, welcher er sich zum damaligen
Zeitpunkt    unterziehen    musste.     Mit    dem     Alkoholkonsum        haben     auch     die


                                                                                               90
innerfamiliären Konflikte, vor allem zwischen den Eltern, stark zugenommen. Heute
konsumiert er täglich Alkohol.
       „Leider läuft hier jeder Abend gleich ab, von Sonntag bis Sonntag und wieder von
       vorne. Ich habe mich daran gewöhnt und bin dabei, mir wieder ein Schutzschild
       aufzubauen […]. Wenn er einen schlechten Tag hat, merkt man das am Abend oder
       ich bekomme es zu spüren “

Wenn der Vater getrunken hat, macht er Sarah schwere Vorwürfe, sie sei der Grund
dafür, dass er trinke. Mittlerweile fühlt sie sich tatsächlich schuldig.
       „Ich habe mir die komplette Schuld gegeben, er hat sie mir wortwörtlich ins Gesicht
       geschrieen, er müsse ja trinken, um mich ertragen zu können. Und wenn meine
       Schwester überlebt hätte, würde es mich ja eh nicht geben. Mittlerweile bin ich 100%ig
       davon überzeugt, dass er es ernst meint […] und habe es angenommen, dass ich die
       Schuldige bin.“

Sarahs Schamgefühl bzgl. dieser schwierigen Situation und des Verhaltens ihres
Vaters ist sehr groß.
       „Ich habe mich für ihn geschämt und lade auch heute nicht gerne Leute zu mir nach
       hause ein.“


Resümee:
Im Hinblick auf die Suchterkrankung der Eltern lassen sich einige Unterschiede
hervorheben. So sind zwei der Klienten mit der Abhängigkeit des betroffenen
Elternteils groß geworden, sie kannten ihn nicht anders. Eine Teilnehmerin musste
von klein auf mit quartalsmäßig auftretenden Alkoholexzessen fertig werden. Zwei
Klienten befanden sich hingegen bereits in der Adoleszenz, als die elterliche
Suchtproblematik begann.
Trotz dieser verschiedenen Erscheinungsformen der Sucht, waren dennoch alle
Interviewteilnehmer in ihren Herkunftsfamilien relativ ähnlichen Verhältnissen
ausgesetzt.
Bei allen sechs Personen blieb aufgrund der existenten Suchterkrankung keine Zeit
für ihre Bedürfnisse und Probleme. Auch der nichtabhängige Elternteil, sofern dieser
vorhanden war, hatte keine Zeit für die Kinder, da er zu sehr mit der Sucht seines
Partners beschäftigt war.
Mehrheitlich wurde das offensichtliche Alkoholproblem innerhalb der Familie
totgeschwiegen, die einzelnen Mitglieder verhielten sich meist so, als wäre alles in
Ordnung und setzten sich nicht weiter damit auseinander.
Die Scham- und Schuldgefühle bzgl. der Abhängigkeit waren bei allen Klienten stark
ausgeprägt.     Teilweise     fühlten    sie    sich    verantwortlich      für   die    elterliche
Suchterkrankung.

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4.2.4. Eigene Krankheitsgeschichte


Klient 01:
Bernhard realisierte seine Essstörung erst vor ca. fünf Jahren. Während eines
Klinikaufenthalts wurde die Problematik eingehender thematisiert. Bis zu diesem
Zeitpunkt bezeichnete er es immer nur als sein „Gewichtsproblem“. Die Esssucht
begann bereits in seiner Kindheit, als Bernhard etwa neun Jahre alt war.
          „Es ging los mit acht, neun Jahren. Wir hatten immer so Pralinen zuhause, die hab ich
          heimlich geöffnet, dann gegessen, gegessen, gegessen, also total hastig rein gezogen
          und dann wieder so zu gepackt, dass keiner was sieht […]. Also dieses Heimliche,
          praktisch wie`n Alkoholiker, der die Flasche wieder mit Wasser auffüllt, um das Trinken
          zu verheimlichen.“

Schon damals aß er große Mengen Süßigkeiten. Er nahm auch relativ bald an
Gewicht zu.
          „So ab dem 10. Lebensjahr is` das Gewicht dann stark angestiegen und war nicht mehr
          so altersentsprechend. Ich war dick, ich hatte `nen Bauch, also auch schon mit elf
          Jahren. So is` es über Jahre weitergelaufen, ich hab gegessen. Ich hab dann auch
          später immer gegessen bis mir schlecht war, also auch in Gesellschaft. Nicht dass ich
          mich übergeben hab […], aber immer so bis kurz davor.“

Bernhard sieht den Grund für sein andauerndes Bedürfnis zu essen in einem
chronischen Gefühl von innerer Leere. Dieses „Loch“ versucht er mit Nahrung zu
füllen.
          „Immer wenn dieses Gefühl von Leere ist und so ganz falsch und schräg fühlen und
          überhaupt nicht mehr zuhause auf dieser Welt, dann hab ich das Essen angefangen
          […]. Ich sag mal,         dieses Essen, immer diese orale Geschichte, orale
          Bedürfnisbefriedigung, diese Gier […], also vollkommen süchtig, auch keinen Einfluss,
          keine Macht drüber zu haben, nicht kontrollieren zu können, ob ich jetzt oder ob ich
          nicht […].“

Von seinem 18. Lebensjahr bis zu seiner Ehe mit 27 Jahren war er relativ
normalgewichtig. In dieser Zeit trieb er sehr viel Sport. Während seiner Ehe nahm
Bernhard dann wieder zu. Vor einem Jahr wog er noch 113kg.
          „Ich denke das ist deshalb gewesen, um `nen Puffer zwischen mir und meiner Frau zu
          schaffen, um diese Nähe überhaupt noch aushalten zu können, es sorgte für `ne
          Distanz. Tagsüber waren es Kekse, dann ging`s abends weiter, vorm Fernseher
          abgehangen, dabei gefuttert Nüsse, Chips, also so einfach dieses Reinstopfen […], das
          habe ich auch heute noch, ich kann diese Leere nicht ertragen.“

Zurzeit liegt sein Körpergewicht bei ca. 90kg. Bernhard isst zwar immer noch sehr
viel und sehr häufig, doch ersetzt er heute die kalorienreichen Speisen durch
gesunde Nahrungsmittel und er treibt wieder regelmäßig Sport.




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Klientin 02:
Yvonne ist sich darüber bewusst, dass sie eine Essstörung hat. Doch bei der Frage,
ob es sich um Anorexie handelt, verneint sie diese.
      „Magersucht würde ich es nicht nennen […], denn ich ess` ja auch ab und zu, ich kann
      ja manchmal essen, bloß halt nicht so regelmäßig und zu wenig. Ich hab schon immer
      nicht gegessen, schon als Kind mochte ich nicht essen. Ich hab absolut keinen Hunger,
      esse nichts, ernähre mich am Tag meistens nur von einem Brötchen und viel Kaffee. “

Seit sie sich zurückerinnern kann, ist Yvonne schon immer sehr schmächtig und
untergewichtig gewesen. Aus diesem Grund sollte sie bereits als Kind eine Kur
machen, doch daraus wurde nichts. Warum das so war, weiß sie bis heute nicht.
Einen akuten Auslöser für die Essproblematik kann sie nicht nennen, doch sie
vermutet, dass der Alkoholkonsum ihrer Mutter dabei eine große Rolle spielt.
      „Es war von jeher so, aber ich denke mal schon, dass das ne Sache mit war, denn
      wenn ich gesehen hab, wie die Augen aufgequollen sind und dir dann jemand
      gegenübersitzt denn kann man nicht mehr essen […], und dann is’ mir jedes Mal der
      Appetit vergangen bzw. hab ich denn entsprechend auch keinen Appetit entwickelt, ich
      weiß nicht wie das ist, Hunger zu haben […]. In der Zeit als Mutter nüchtern war,
      konnte ich dann auch nicht mehr essen.“

In den darauf folgenden Jahren betrug ihr Körpergewicht dann immer ca. 48kg bei
einer Größe von 1,77m. Heute wiegt sie zwar etwas mehr, doch nach wie vor ist es
so, dass sie sich zum Essen jedes Mal zwingen muss.


Klientin 03:
Sabine bezeichnet ihre Essstörung als latente Esssucht. Sie erinnert sich, dass sie
schon als kleines Kind sehr gerne Süßigkeiten aß. Problematischer wurde das
Ganze aber erst mit etwa 13 Jahren. Damals ging sie jeden Tag nach der Schule in
den nahe liegenden Supermarkt, kaufte dort vier oder fünf Tafeln Schokolade und
hatte sie alle gegessen, bevor sie zuhause war.
      „Die Form meiner Essstörung ist wohl das, was man als latent bezeichnet. Ich habe
      extrem viele Süßwaren zu mir genommen, permanent. Keine klassischen Anfälle
      nachts vorm Kühlschrank und auch keine Kotzerei oder Hungerattacken. Nur immerzu
      essen. In der schlimmsten Phase schaffte ich mehrere Tafeln Schokolade, Chips/Flips
      tütenweise und eine Packung Dickmanns pro Tag.“

So verlief Sabines Essproblematik über Jahren weiter. Sie war immerzu am Essen,
hauptsächlich Süßigkeiten. Während der Adoleszenz wirkte sich das zunächst nicht
besonders auffallend auf ihr Gewicht aus, doch das änderte sich bald. Nach der
Pubertät nahm sie kontinuierlich zu und wog in ihrer Höchstphase schließlich 125kg.
      „Ich war mit dem Gewicht kreuzunglücklich mit mir, was mich aber nicht davon abhielt
      zu essen. Im Gegenteil, je mehr ich aß umso besser fühlte ich mich, wenigstens für
      sehr kurze Zeit. Wenn das gute Gefühl nachließ, musste ich wieder essen.“



                                                                                              93
Als Sabine dann 27 Jahre alt war, kam es zur Wende in ihrem Leben. Die lustige,
selbstbewusste Fassade und die „angefutterte“ Schutzmauer brachen zusammen.
Sabine gestand sich endlich ein, dass sie eine Essstörung hat, und es so nicht weiter
gehen konnte. Sie begab sich in professionelle, therapeutische Hände.


Klientin 04:
Martinas Essstörung äußert sich in einer Mischform aus Heißhungeranfällen und
absoluter Nahrungsverweigerung. Erstmals bewusst wahrgenommen hat Martina
diese Problematik mit 22 Jahren, als sie zur Behandlung in einer psychosomatischen
Klinik war. Die Essstörung war jedoch nicht der Grund ihres Aufenthalts.
       „Die Essstörung stand nie an erster Stelle, andere Probleme waren immer dringend
       wichtiger, Selbstmordgedanken […], aber mir war es schon bewusst, also ich bin da für
       mich selber schwer krank.“

Schon als Kind, als Martina vom 9. bis 12. Lebensjahr bei ihrer Mutter lebte, konnte
sie nicht richtig essen, in dieser Zeit magerte sie sehr stark ab.
      „Es war immer sehr anstrengend, ich hatte immer Angst, während des Essens gab es
      schon wieder Ärger mit ihr, da hab ich dann auch wirklich, wenn ich Hunger hatte, nicht
      essen können.“

Während der darauf folgenden Jahre im Heim war Martinas Essverhalten relativ
normal, diesbezüglich macht sie keine genaueren Angaben.
Gravierender wurde es erst, als sie mit ihrem ersten Freund zusammenzog. Wenn er
getrunken hatte, in Stresssituationen, konnte Martina lange Zeit nichts essen. Später
hatte sie das Problem auch wenn er nicht getrunken hatte. Kam sie dann wieder zur
Ruhe oder war er nicht zuhause, erlag sie ihren Essattacken und „stopfte“ sich mit
Nahrung zu.
       „Wenn ich gegessen hab, hab ich das runter geschlungen, hab es net genüsslich
       gegessen, nee ich hab`s gefressen […}. In derer Zeit, wo ich gegessen hab, hab ich
       mir das auch immer wieder entschuldigt. Ich hab auch versucht langsamer zu essen,
       aber es ging gar net […].“

Auch in ihrer heutigen Ehe, besonders nach der Geburt ihrer Tochter, kam es wieder
sehr häufig vor, dass sie spät abends Unmengen an Nahrung zu sich nahm.
Ihrer Ansicht nach dient Martina das Essen einerseits als Schutzmechanismus,
andererseits muss sie essen, um ihren Hunger nach Liebe zu stillen.
       „Wenn ich mich ausgeliefert fühle, dann muss ich essen, dann muss ich mich
       zustopfen, dann findet man mich unattraktiv und dann funktioniert es […]. Ich weiß
       manchmal net, ob ich jetzt essen muss, um mich zu schützen oder weil ich verhunger`
       nach Liebe […]. Ich muss halt schon immer aufpassen, ja was ich ess und wie ich es
       ess.“




                                                                                                94
Im Verlauf der Jahre bewegte sich Martinas Körpergewicht insgesamt zwischen 50kg
und 80kg.


Klientin 05:
Carolas Essstörung ist das, was man als latente Esssucht bezeichnen kann.
Prinzipiell verspürt sie immer die Lust zu essen, auch wenn sie gerade gut gegessen
hat. Ihr ganzes Leben lang, schon zu ihrer Jugendzeit, musste sie immer darauf
achten und sich beim Essen sehr zügeln, um nicht zuzunehmen.
       „Ich hab immer Hunger und hab immer Lust zu essen, wenn ich jetzt nicht esse, dann
       ist das, weil der Kopf da mit rein geht, ne. Aber ich bin eigentlich nie satt. […]
       Eigentlich kommt es soweit nie, dass bei mir der Magen knurrt, aber das Gefühl von
       Hunger ist dann den ganzen Tag da, das was ich meine was Hunger ist, es kann ja
       kein Hunger sein.“

Als Kind war sie relativ normalgewichtig, doch mit 17 Jahren, während eines
Krankenhausaufenthalts, magerte Carola sehr stark ab. Diese Zeit sieht sie
möglicherweise als Beginn ihrer Essstörung.
       „Da hab ich wahnsinnig abgenommen, es war Haut und Knochen, aber ich fand das toll
       so dünn zu sein. Es mag sein, dass das der Auslöser war, dass das da zumindest so
       langsam anfing.“

Die Klientin ist davon überzeugt, dass sie schon viel früher Gewichtsprobleme
bekommen hätte, wenn sie einfach „normal“ gegessen hätte. Stattdessen hat sie von
jeher kontrolliert, was und wie viel sie essen darf.
       „Ich hab mehr […] darüber nachgedacht, was ich nicht esse, als das was ich esse. Ich
       hab mich immer gebremst […], immer aufgehört, obwohl ich noch hätte weiter essen
       können, ne also das hab ich also schon sehr früh gesagt, wenn ich essen würde bis ich
       satt bin, wär` ich kugelrund, und vielleicht tu ich das heute öfter als früher, ne.“

Carola fand sich schon immer zu dick, sie war mit ihrem Gewicht nie zufrieden und
hatte immer etwas an sich auszusetzen, obwohl sie normalgewichtig war.
       „Nein, zu dick fand ich mich eigentlich immer [...], ich hab’s also nie haben können,
       wenn über mein Gewicht geredet wurde, ich mochte auch nie über meine Figur reden.“

In den letzten Jahren ist Carola nicht mehr ganz so streng mit sich selbst. Sie
versucht sich heute etwas mehr zu gestatten.
       „Heute kann ich auch nicht mehr so gut hungern, ich möchte jetzt so dieses Gefühl von
       Sattsein haben […], irgendwann muss ich ja anfangen weil, Zeit ist endlich, weiß ich
       nicht bewusst, aber möglich ist das, ich kann auch nicht mehr so gut hungern, wenn ich
       Hunger hab, krieg ich auch sofort irgendwelche Probleme, dann steigt auch mein
       Blutdruck […].




                                                                                                95
Klientin 06:
Sarahs Essstörung begann vor etwa fünf Jahren. Sie fühlte sich plötzlich nicht mehr
wohl in ihrem Körper. In ihren eigenen Augen war sie zu dick und Sarah begann zu
hungern.
      „Ich glaube, irgendwann entwickelte ich das Gefühl zu dick zu sein. Ich achtete darauf,
      möglichst wenig zu essen, bis ich anfing kaum noch zu essen. So habe ich mir meine
      eigene kleine Welt aufgebaut, in der es mir gut ging. Mir konnte nichts mehr wehtun,
      ich war glücklich in meiner kleinen Welt. Ja, so hat das begonnen, mein tiefstes
      Gewicht war dann, glaub ich, 42kg.

Ihrer Familie und auch in der Schule fiel der Gewichtsverlust nicht weiter auf, keiner
sprach sie darauf an. Aufgrund starker Kreislaufprobleme musste Sarah nach etwa
zwei Jahren der Nahrungsverweigerung wieder mehr essen, sie legte auch recht
schnell an Gewicht zu. Seit dieser Zeit entwickelte sich ihre Essstörung in eine neue
Richtung, sie begann nach den Mahlzeiten zu erbrechen.
Heute liegt Sarahs Gewicht im Normalbereich, sie möchte aber so schnell wie
möglich wieder abnehmen. Sie treibt viel Sport, versucht sehr viel joggen zu gehen.
Ihr eigenes Empfinden, zu dick zu sein, wird außerdem dadurch bestärkt, dass ihr
Vater behauptet, sie sei tatsächlich zu dick.
      „Was mich die letzten Monate immer und immer wieder fertig gemacht hat, dass mein
      Vater mich viel zu fett findet und dieses auch ständig gegenüber mir äußert […]. Es tut
      weh, das zu hören, und klar versuch ich dann was dagegen zu tun.“

Sarah bezeichnet die Essstörung als ihren „Tick“. Auch wenn sie weiß, dass sie
Schwierigkeiten mit dem Essen hat, akzeptiert sie dies nicht als schwerwiegendes
Problem oder als Krankheit. Vielmehr spricht sie von ihrer Welt, die sie sich erbaut
hat, um die Situation zuhause auszuhalten.
      „Man muss damit fertig werden und man sucht sich einen Ausweg. Für mich war es das
      Nichts essen, es betäubt. Ich beschreibe es gern, als ständest du neben dir, die Worte
      treffen nicht dich als Person sondern nur deinen Körper, du stehst ja neben dran […],
      mir konnte nichts mehr wehtun.“

Sarah litt neben ihrer Essstörung zeitweise auch unter depressiven Verstimmungen.


Resümee:
Die Erscheinungsformen der einzelnen Essstörungen sind sehr unterschiedlich. Drei
Personen sind latent esssüchtig, zwei von ihnen waren bis vor kurzem stark
übergewichtig. Zwei Klientinnen zeigen Symptome einer anorektischen oder
bulimischen Form von Essstörung. Klientin 04 weist hingegen eine Mischform auf,
die sich nur schwer einer bestimmten Essproblematik zuordnen lässt.



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Mit Ausnahme von Klientin 05 begann die Essstörung bei allen Klienten bereits in
einem relativ frühen Alter. Entweder waren sie noch Kinder oder sie befanden sich
am Beginn ihrer Adoleszenz.
Alle sechs Klienten nehmen wahr, dass ihr Essverhalten nicht normal und
gleichermaßen auch nicht gesund ist. Zum Teil sehen sie darin jedoch kein größeres
Problem, dem man tiefer gehende Beachtung schenken sollte oder das sogar
professionelle Hilfe erfordert.
Zwei der Klienten litten neben ihrer Essstörung zeitweise an depressiven
Verstimmungen.




4.2.5. Kausalzusammenhänge zwischen Essstörung und Suchterkrankung


Klient 01:
Bernhard      sieht      mehrere        deutliche      Zusammenhänge             zwischen        der
Alkoholabhängigkeit seines Vaters und der eigenen Essstörung.
       „Also diese Gier, klar. Diese selbstdefizitären Gefühle, und die zu kompensieren, ob
       jetzt mit Alkohol, oder […], ich denk wir waren ja beide voll: Ich vollgefressen und er
       vollgesoffen, um`s jetzt mal platt zu formulieren. Da seh` ich schon `nen
       Zusammenhang. Also irgendwie diese Leere, dieses sich klein, mies und unbedeutend
       fühlen, wegmachen […], da besteht der Zusammenhang.“

Er vermutet eine kausale Verbindung darin, dass sich das Verhalten seines Vaters
teilweise in der eigenen Persönlichkeit wiederfinden lässt. Bernhard erkennt heute
bei sich selbst die gleiche Suchtstruktur, wie der Vater sie hatte oder immer noch hat
(vgl. Kap. 4.2.4).
       „Natürlich hab ich immer zuviel gegessen, aber das kam mir auch manchmal so vor,
       dann waren so richtige Fressattacken, das lässt sich vielleicht vergleichen mit diesem
       komplett zusaufen.“

Gleichermaßen betrachtet er auch die mangelnde Zuneigung von Seiten der Eltern,
sowie deren fehlende Aufmerksamkeit während seiner Kindheit, als ursächliche
Faktoren bezüglich der Entwicklung der eigenen Essstörung.
       „Ich denke, die Essstörung ist ein Symptom ein Nebenprodukt dieser Sozialisation in so
       `nem Alkoholikerhaushalt. Ich hab so das Gefühl, ich hab nicht bekommen, was ich
       gebraucht hätte. Materiell war alles in Ordnung, essen war auch genug da, aber so
       Nähe, Zuwendung […]. Ich hab Liebe bekommen, aber sie war vergiftet.“




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Klientin 02:
Die Klientin beschreibt die von ihr vermuteten Kausalzusammenhänge zwischen der
eigenen Essproblematik und der Suchterkrankung ihrer Mutter wie folgt:
       „Über den Zusammenhang bin ich mir sicher, denn jedes Mal, wenn ich Hunger hatte
       und merkte, dass meine Mutter zuviel Alkohol getrunken hatte, hab ich dann das Essen
       verweigert und gesagt: ‚Ich will nichts essen, ich mag nicht!’, weil mir das gegen den
       Strich ging. Schon früh hab ich gemerkt, dass mir da irgendwie was verkehrt läuft und
       ich dann gesagt hab, dass mir der Appetit vergangen is`.“

Yvonne weiß, dass sie aufgrund des Alkoholkonsums der Eltern, vor allem der
Mutter, als Kind vernachlässigt wurde. Ohne die Existenz der elterlichen
Suchtproblematik, so vermutet sie, hätte sie heute keine Essstörung.
       Ich denke mal, wenn meine Mutter mehr darauf bestanden hätte […] oder sich mehr
       darum gekümmert hätte, dass ich mehr esse, dass ich heute dieses Problem nicht
       hätte, dass ich heute vielleicht `n Hungergefühl entwickelt hätte. Ich denke, wenn da
       weniger Alkohol geflossen wäre, hätte ich heute nicht dieses Problem, dass ich gar
       keinen Hunger habe.

Es wurde sich nicht ausreichend um Yvonne gekümmert. Dass sie schon im
Kindesalter nicht richtig bzw. viel zu wenig aß, fiel den Eltern nicht weiter auf.
       „Die anderen essen alle und ich bin die einzige die nichts isst, weil sie kriegt nichts
       runter und, ich denke da hätte man früher nachhaken sollen, hätte man was tun
       können, und so muss ich mich jetzt langsam damit anfreunden, dass ich was esse. Ich
       quäl` mich heute noch jedes Mal, dass ich was esse.“


Klientin 03:
Sabine ist davon überzeugt, dass es ursächliche Verbindungen gibt, zwischen der
Alkoholabhängigkeit des Stiefvaters und ihrer Essstörung. In erster Linie betrachtet
sie die mangelnde Zuwendung von Seiten der Eltern als Ursache ihrer eigenen
Essproblematik.
       „Antwort ist ein klares Ja! Hätte ich daheim die Zuneigung und Aufmerksamkeit
       bekommen, die ich gebraucht hätte, wäre ich sicher nicht essgestört geworden. So hab
       ich halt immer gegessen, wenn ich eigentlich nur etwas Liebe gebraucht hätte […]. Ich
       bin nicht so geliebt worden, wie ich es wohl gebraucht hätte. Das Resultat: Ich wollte
       immer und ewig im Mittelpunkt stehen, um wenigstens so ein bisschen Liebe zu
       bekommen. Und ich hab gegessen, Süßigkeiten in rauen Mengen.“

Später aß Sabine dann auch aus anderen Gründen, wenn sie Frust hatte oder ihr
einfach nur langweilig war.
Der Klientin war es in ihrer Kindheit/Jugend nicht möglich, ein gesundes
Selbstwertgefühl zu entwickeln, und immer wenn sie sich selbst nicht mochte oder
Selbstzweifel aufkamen, begann Sabine zu essen. Heute bezeichnet sie es als eine
„dicke Schutzschicht“, die sie sich damals zulegte.




                                                                                                 98
Sie betont schließlich noch, dass ihre Essstörung wohl zu der Zeit begann, als ihr
Stiefvater trocken war. Damals war er ihr gegenüber besonders aggressiv und
unberechenbar.


Klientin 04:
Martina sieht ebenfalls kausale Zusammenhänge zwischen ihrer Essproblematik und
der Alkoholabhängigkeit ihrer Mutter. Sie beschreibt sie folgendermaßen:
      „Ich denke, die Auswirkungen durch den Alkohol auf ihr Verhalten zu mir, durch keine
      Liebe geben und das alles, hat es dadurch einfach auch die Essstörung ausgelöst. Das
      war ja auch früher schon so, nur war mir das nicht bewusst, warum ich immer mal
      dicker oder mal dünner geworden bin, und das hat sich eigentlich mein ganzes Leben,
      seitdem ich aus dem Kinderheim weg bin, immer wiederholt.“

Da die Essstörung bei Martina bisher immer nur „Nebensache“ war und andere
psychische Probleme immer gravierender waren, konnte sie sich bisher noch nicht
intensiver mit den Ursachen ihrer Essproblematik auseinandersetzen.
Eine ursächliche Verbindung ist für sie jedenfalls die mangelnde Liebe und Fürsorge
der Mutter.
Sie erkennt bei sich selbst Strukturen, die dem Suchtverhalten der Mutter sehr
ähnlich sind, besonders in der Vorgehensweise ihrer Essattacken und in dem
zugehörigen Bagatellisieren.
      „Während der Essanfälle hab ich mir das immer wieder entschuldigt, wie beim
      Alkoholiker auch: ‚Okay, das macht jetzt nichts, du guckst dann morgen und so […]’,
      das sind ja dann wieder diese Parallelen, das geht in die Richtung.“


Klientin 05:
Carola vermutet eine kausale Verbindung zwischen der Kindheit in einem
Alkoholikerhaushalt und ihrer Esssucht ebenfalls darin, dass sie als Kind von den
Eltern nicht ausreichend mit Liebe und Zuneigung versorgt wurde.
      „Ich kann mir schon vorstellen, dass ich diese Sehnsucht nach Liebe und
      Geborgenheit, die ich ja zuhause nie gekriegt habe […], auch durchs Essen bzw.
      durchs Nichtessen, versucht habe zu stillen. Das glaube ich schon, weil ich sag immer:
      ‚Wenn ich Hunger hab, weiß ich nie, ist es die Seele oder ist es der Körper!’ Ich hab
      auch immer Hunger.“

Sie selbst ist sich heute sicher, dass sie aufgrund dieses Defizits nie gelernt hat, den
seelischen und körperlichen Hunger zu unterscheiden. Die Folge davon war, dass
sie ihr Leben lang immerzu einen körperlichen Hunger verspürte.
      „Es ist so ein Gefühl, dass einfach die Seele nach irgendetwas schreit, ne, aber dass
      ich immer so das Gefühl von körperlichem Hunger hab.
      Ich hab also auch kein gutes Sättigungsgefühl, ich werde einfach nicht satt. Und ich
      glaub schon, dass das damit zusammenhängt, dass ich äh, ja als Kind nicht gefüttert
      wurde, mit Liebe und so. Ich sehe da schon den Zusammenhang.“

                                                                                               99
Klientin 06:
Sarah ist überzeugt, dass es Kausalzusammenhänge zwischen ihrer eigenen
Essstörung und der Alkoholabhängigkeit ihres Vaters gibt, allerdings fällt es ihr
schwer, diese Vermutungen in Worte zu fassen.
      „Es ist schwierig für mich, einen Zusammenhang zwischen meinem Tick und der Sucht
      meines Vaters aufzubauen, aber den gibt es, da bin ich mir sicher […]. Ich bin mir nicht
      sicher, dass seine Sucht der Auslöser meines Verhaltens war, aber die letzten Jahre
      hat er es dadurch sicher verstärkt, dazu kommt natürlich noch, dass er es mir
      heutzutage direkt ins Gesicht sagt.“

Besonders auffallend ist, dass Sarahs Essstörung etwa zur gleichen Zeit begann wie
die Suchtproblematik ihres Vaters.
      „Es muss vor ca. fünf Jahren gewesen sein, kurz darauf fand ich mich dann zu dick. Es
      wäre ein Zufall, wenn es da keinen Zusammenhang gäbe und es einfach gleichzeitig
      begonnen hat. Ich habe einfach angefangen, mehr und mehr hässlich an mir zu finden
      und somit hat sich das, denke ich mal, entwickelt.“

Allerdings sieht sie in der Existenz der väterlichen Alkoholabhängigkeit nicht nur eine
mögliche Ursache für die Entwicklung ihrer eigenen Essproblematik. Vielmehr
erkennt sie in ihrer eigenen Person Suchtstrukturen, die denen des Vaters sehr
ähnlich sind. Sarah vermutet, dass sie selbst, als Kind aus suchtbelasteter Familie,
ebenfalls eine stoffgebundene Abhängigkeit entwickeln könnte.
      „Deshalb bin ich teils auch der Meinung, dass Kinder von Suchtkranken viel schneller in
      eine verfallen. Man ist klein, man ist unerfahren, man hat Angst. Wär` ich älter
      gewesen, hätte ich wahrscheinlich auch damit angefangen, zu trinken, aber mit
      14/15...?“


Resümee:
Alle sechs Interviewteilnehmer sehen klare Kausalzusammenhänge zwischen der
Entwicklung ihrer eigenen Essstörung und der existenten Suchtproblematik eines
Elternteils und den daraus entstanden innerfamiliären Belastungen.
Zum Teil äußern die Klienten unterschiedliche Hypothesen, teilweise wiederholen
sich die subjektiven Vermutungen aber auch in den Aussagen der einzelnen
Personen.
Bei drei Teilnehmern diente das Essen gewissermaßen als Liebesersatz. Durch das
ständige Zuführen von Nahrung wurde versucht, etwas zu kompensieren, das diese
Klienten in ihrer Kindheit und Adoleszenz nicht erfuhren: Liebe, Aufmerksamkeit und
Zuwendung von Seiten der Eltern.
Teilweise hatte das andauernde Essen und das damit verbundene, relativ hohe
Gewicht auch eine Schutzfunktion, u.a. um die gravierenden Gewalthandlungen des
suchtkranken Elternteils überhaupt auszuhalten.

                                                                                                 100
Bei zwei Klienten verhielt es sich eher so, dass der Alkoholkonsum der Eltern der
Grund dafür war, dass sie nicht essen wollten oder nicht essen konnten. Die Folgen
waren eine anhaltende Nahrungsverweigerung sowie starker Gewichtsverlust dieser
Kinder. Bei ihnen diente das Nicht-Essen als Bewältigungsstrategie, um die
existenten Belastungen durch die Suchterkrankung zu ertragen.
Einen weiteren Kausalzusammenhang sehen einige der Klienten darin, dass sie in
ihrer eigenen Persönlichkeit eine ähnliche Suchtstruktur erkennen, wie die des
abhängigen Elternteils. Mit Ausnahme von Klientin 05, ist es zwar nicht der Alkohol,
von dem sie abhängig wurden, doch existiert bei den befragten Klienten eine andere
Form süchtigen Verhaltens.


Die Ausführungen sollen an dieser Stelle vorerst genügen. Im weiteren Verlauf wird
hinsichtlich dieser Schwerpunktthematik zusätzlich eine tabellarische Illustration
obiger Ergebnisse angeführt. Dementsprechend erfolgt in Kapitel 4.3 schließlich eine
zusammenfassende         Übersicht       der     verschiedenen        subjektiv     vermuteten
Kausalzusammenhänge der einzelnen Interviewteilnehmer.




4.2.6. Heutige Situation / Kontakt zu Eltern


Klient 01:
Bernhard hat vor zehn Jahren den Kontakt zu seinem Vater abgebrochen, da er
feststellte, dass es ihm selbst mehr schadet als nützt.
      „Ich hab gemerkt, ich will da noch irgendwas bekommen, bin da immer wieder
      hingefahren und äh, hab mich so geekelt, vor mir selber und vor diesem Mann und hab
      gedacht: Um Gottes Willen, das ist mein Vater, igitt, ganz widerlich und hab gedacht,
      wenn ich da immer mit widerlichen Gefühlen von diesen Begegnungen heimkehre,
      dann is` es nicht richtig, dann lass ich das einfach sein und hab mich nicht mehr
      gemeldet.“

Der Vater ist heute in schwerster Weise pflegebedürftig. Seit einigen Monaten
besucht Bernhard ihn im Drei-Wochen-Rhythmus, ein Maß, mit dem der Klient gut
umgehen kann, ohne dass die früheren Aversionen wieder hochkommen.
      „Also beim ersten Eindruck ist es wirklich so: Wow…abstoßend! Aber was soll ich
      sagen, ich fühl mich da nicht mehr verantwortlich. Früher war die Scham für die
      Sauferei und dass ich so`n Vater hab […]. In dem Moment, wo ich`s aufgegeben hab,
      irgendwas zu wollen, sondern mich einfach nur vor ihn setze und beobachte, krieg ich
      ganz viel…“




                                                                                              101
Zu seiner Mutter hat Bernhard heute nur noch gelegentlichen Kontakt, mehr äußert
er dazu nicht.


Klientin 02:
Das Verhältnis zu ihren Eltern ist heute eher schlecht. Ihre Mutter hat inzwischen
zwei Therapien hinter sich und ist zurzeit trocken. Trotzdem lässt sie es nach wie vor
zu, dass Yvonnes Vater, der heute ebenfalls abhängig ist, zuhause Alkohol
konsumiert. Wenn Yvonne nach hause fährt, weiß sie, dass dort immerzu getrunken
wird. Deshalb beschränkt sie ihre Besuche bei den Eltern auf ein Minimum.
        „Da hat sich nichts geändert […]. Ich hab auch gesagt, wenn sie wieder zur Flasche
        greift, dann war es das letzte Mal dass ich da war, ich komm dann nicht mehr […].
        Denn meine Kraft ist in dem Sinne erschöpft, ich kann nicht mehr, ich tu mir das nicht
        mehr an.“

Yvonne möchte in naher Zukunft eine Einzeltherapie machen, um die lange Zeit
verdrängten Erinnerungen ihrer Kindheit endlich aufzuarbeiten.


Klientin 03:
Sabine führt heute ein sehr erfülltes und zufriedenes Leben, sie ist glücklich
verheiratet. Die Essstörung ist mittlerweile nicht mehr akut, doch die Klientin ist sich
bewusst darüber, dass dieses Problem immer existieren wird.
        „Ich werde wohl für den Rest meines Lebens darauf achten müssen, wie und vor allem
        warum ich esse. Aber ich fühle mich heute besser denn je […]. Ich esse ziemlich
        normal und nasche nur noch gelegentlich. Ich kann mich und mein Gewicht heute
        akzeptieren. Mein Gewicht hat eine Schutzfunktion. Ich weiß, Essen ist kein Ersatz für
        Liebe. Ich weiß aber auch, dass ich noch lange nicht am Ende bin und noch einen
        langen Weg vor mir habe.“

Die Rolle des Clowns oder Maskottchens, die ihr früher als Schutzfunktion diente,
konnte sie bisher noch nicht ablegen. Vor allem in Gesellschaft spielt sie heute
immer noch den Spaßmacher, der stets lustig und gut gelaunt ist. Doch Sabine weiß
um dieses Problem und arbeitet daran.
Mit ihrer Mutter hat sie eher sporadischen Kontakt, denn diese versucht auch heute
noch ihre Tochter zu bevormunden. Zum Stiefvater gibt es keine Verbindung mehr.


Klientin 04:
Martina versucht heute, so gut es ihr gelingt, ihr Leben zu meistern. Mit ihrem Mann
und ihrer kleinen Tochter hat sie sich ein neues Zuhause geschaffen. Sie ist
glücklich, auch wenn die Vergangenheit in vielen Situationen immer wieder spürbar
wird.
                                                                                                 102
Martinas Mutter trägt heute die Konsequenzen des jahrelangen Alkoholkonsums - sie
leidet an Leberzirrhose in bereits fortgeschrittenem Stadium. Die Frage, ob noch
Kontakt zu ihr besteht, wird von der Klientin nicht beantwortet. Zu ihrer Schwester hat
sie keinen Kontakt.


Klientin 05:
Carolas Vater lebt nicht mehr. Ihre Mutter wohnt heute im Pflegeheim. Zurzeit
befindet sie sich im Krankenhaus, da sie vor kurzem einen Schlaganfall hatte. Eine
Zeit lang hatte die Klientin den Kontakt zu ihr abgebrochen. Heute besucht Carola
ihre Mutter wieder, jedoch nur noch sehr selten.
      „[…] weil ich einfach sage, ich hab es aufgegeben, ihre Liebe und Anerkennung zu
      bekommen, da gab`s ganz viele Punkte, wo ich dann wirklich massiv gemerkt hab`, sie
      kann`s nicht, also es ist jetzt wirklich `ne Feststellung, es ist nicht so sehr Vorwurf, weil
      sie kann`s einfach nicht […] auch jetzt erst recht nicht, sie ist also dement jetzt, und
      das passiert jetzt nicht mehr.“


Klientin 06:
Wenn Sarah ihre schulische Ausbildung beendet hat, möchte sie so schnell wie
möglich zuhause ausziehen. Sie leidet sehr unter dem Verhalten ihres Vaters und
dessen andauernden Schuldzuweisungen.
      „Wieso macht ein Mensch so was?        Mein Vater könnte so stolz auf mich sein und er
      macht alles, aber auch alles kaputt.   Es tut verdammt weh zu sehen, wie ein Mensch,
      der einem eigentlich sehr, sehr viel   bedeutet, Tag für Tag alles schlimmer macht, so
      was verletzt unendlich. Was habe       ich ihm getan? Wieso gibt er mir für alles die
      Schuld?“

Trotz allem, was er ihr antut, liebt Sarah ihren Vater immer noch. Gleichzeitig sieht
sie jedoch keine andere Möglichkeit, als sobald wie möglich von zuhause
wegzugehen, um dieser belastenden Situation zu entfliehen.


Resümee:
Alle Klienten versuchen heute, soweit dies möglich ist, dass Beste aus ihrem Leben
zu machen. Bis auf eine Person haben alle das Elternhaus hinter sich gelassen und
weitestgehend mit ihrer Vergangenheit abschließen können. Die Problematik der
Essstörung bleibt jedoch ein Leben lang. Auch wenn sie bei einigen nicht mehr akut
ist, werden dennoch alle Klienten immer und zu jeder Zeit darauf achten müssen,
dass sie nicht wieder in diese zurückfallen.




                                                                                                      103
Die heutigen Beziehungen zu den Eltern gestalten sich sehr unterschiedlich. Dies
lässt sich u.a. darauf zurückführen, dass sich die einzelnen Interviewpersonen in
unterschiedlichen Lebensphasen befinden.
Trotzdem lässt sich insgesamt feststellen, dass alle Verbindungen eher negativ zu
bewerten sind. Entweder besteht nur noch ein sporadischer und zugleich schlechter
Kontakt zu den Eltern oder die Klienten hatten die Verbindung bereits völlig
abgebrochen und erst wieder aufgenommen, nachdem die Eltern pflegebedürftig
wurden.
Bei einigen Elternteilen zeichnen sich heute sehr drastisch die Folgen des
jahrelangen Alkoholkonsums ab, u.a. leiden sie an Leberzirrhose oder sind in
schwerster Weise pflegebedürftig.
Zu den Geschwistern, sofern diesbezüglich Aussagen gemacht wurden, bestehen
ebenfalls nur weitläufigere Kontakte oder gar keine Verbindungen. Auffallend enge
Beziehungen zu den Geschwistern gibt es nicht.




                                                                              104
4.3. Zusammenfassung der Ergebnisse


Die Ausführungen der vorangegangenen Kapitel lieferten eine relativ umfangreiche
und zum Teil sehr detaillierte Darstellung des für die vorliegende Untersuchung
relevanten Interviewmaterials.
Zur Veranschaulichung der gewonnenen Ergebnisse und um die wichtigsten
Erkenntnisse nochmals hervorzuheben, erfolgt in diesem Abschnitt eine prägnante
Zusammenfassung der zuvor ausführlich behandelten Einzelergebnisse.


Alle sechs Interviewteilnehmer waren in ihrer Kindheit und Adoleszenz enormen
innerfamiliären Belastungen ausgesetzt.
Aufgrund der bestehenden Alkoholproblematik eines oder beider Elternteile und den
damit verbundenen Auswirkungen auf die Familienmitglieder erscheint es nicht
einmal ungewöhnlich, dass diese Klienten im Verlauf der ersten Lebensphase selbst
eine Störung entwickelten. Jedem Einzelnen diente sie mehr oder weniger als
Bewältigungs- oder besser gesagt als „Überlebensstrategie“, um unter den
gravierenden Bedingungen, welchen sie in der Herkunftsfamilie ausgesetzt waren,
überhaupt existieren zu können.
Bis   auf   eine   Ausnahme      begannen   die   verschiedenen   Essstörungen    der
Interviewteilnehmer bereits in deren Kindheit oder spätestens zu Beginn der
Adoleszenz.
Auch wenn die Erscheinungsformen der elterlichen Alkoholproblematik zum Teil sehr
unterschiedlich waren, wuchsen die Klienten doch alle in recht ähnlichen
Verhältnissen auf:

        Gefühle durften innerhalb der eigenen Familie nicht gezeigt werden,
        ebenso wenig wurde über diese gesprochen.
        Bei keinem der Klienten hatten die Eltern sonderlich viel Zeit, sich um
        die Bedürfnisse ihrer Kinder zu kümmern, geschweige denn ihnen
        Aufmerksamkeit oder sogar Liebe entgegen zu bringen.
        Der suchtkranke Elternteil stand immer im Zentrum des Geschehens,
        obwohl die Abhängigkeit in den meisten Fällen bagatellisiert oder
        permanent verleugnet wurde.




                                                                                  105
Im Rahmen des familiären Zusammenlebens nahmen alle Klienten unterschiedliche
Rollen ein. Lediglich bei einer Klientin, die nur für eine vergleichsweise kurze Zeit bei
der suchtkranken Mutter aufwuchs, lassen sich diesbezüglich keine näheren
Angaben machen.
Alle   übrigen      Interviewteilnehmer   entwickelten    in   ihrer   Kindheit   typische
Verhaltensmuster, welche einem bestimmten Rollenbild entsprachen. Drei Personen
übernahmen die Rolle des Sündenbocks, wobei eine von ihnen auch deutliche
Eigenschaften des Helden zeigte. Eine Klientin eignete sich die Rolle des
Maskottchens (oder Clowns) an. Das Einzelkind unter den Teilnehmern wechselte im
Verlauf seiner Kindheit zwischen typischen Verhaltensweisen von Held, Sündenbock
und verlorenem Kind.
Einige der Klienten haben ihre Rolle bis heute noch nicht vollständig ablegen
können, obwohl sie den direkten Belastungen ihrer Herkunftsfamilie schon lange
nicht mehr ausgesetzt sind.


Bis auf eine Klientin erfuhren alle Teilnehmer von Seiten der Eltern, meist durch den
suchtkranken Elternteil, extreme Gewalthandlungen. Zwei Personen wurden
außerdem sexuell missbraucht. Eine von ihnen leidet noch heute unter den Folgen
des Missbrauchs, was besonders in ihrem gestörten Verhältnis zum eigenen Körper
ersichtlich wird.


Bei keinem der sechs Klienten gab es zu der damaligen Zeit eine besonders nahe
stehende Person, der sie sich evtl. hätten anvertrauen können. Alle waren relativ
stark in die häusliche Situation involviert. Auch anderweitige Unterstützung durch
Außenstehende, möglichenfalls sogar professionelle Hilfe, wurde von keiner der
betroffenen Familien in Anspruch genommen.


In der nachfolgenden Abbildung werden die gewonnenen Ergebnisse hinsichtlich des
eigentlichen        Themenschwerpunkts          der    Untersuchung       noch     einmal
zusammenfassend dargestellt. Das Schema soll in erster Linie dazu dienen, die
auffallenden     Analogien   zwischen     den    subjektiven   Meinungen    der   Klienten
hervorzuheben. Es werden aber auch die Differenzen aufgezeigt.




                                                                                      106
                 Klient 01 -        Klientin 02 -             Klientin 03 -          Klientin 04 -         Klientin 05 -        Klientin 06 –
                 Bernhard           Yvonne                    Sabine                 Martina               Carola               Sarah
Form der         Esssucht,          Ähnlich der Anorexie,     Latente Esssucht,      Mischform bestehend   Latente Esssucht,    Zuerst Magersucht,
Essstörung       kein Sättigungs-   Nahrungs-                 kein Sättigungs-       aus Essattacken und   kein Sättigungs-     heute Bulimie
(nach eigener    Gefühl             verweigerung, kein        Gefühl                 Nahrungs-             Gefühl
Angabe)                             Hungergefühl                                     verweigerung

Beginn           Mit 9 Jahren       Keine genauen             Mit 13 Jahren          Keine genauen         Mit ca. 17 Jahren    Mit 13 Jahren
der Ess-                            Angaben / Schon als                              Angaben / Schon als
problematik                         Kind nicht gegessen,                             Kind abgemagert
                                    von jeher zu dünn
Subjektiv          Nahrung als         Bewältigungs-            Nahrung als            Nahrung teils als     Nahrung als          Bewältigungs-
vermutete          Liebesersatz        strategie um mit         Liebesersatz           Liebesersatz          Liebesersatz         strategie um mit
Kausal-                                Sucht d. Mutter und                                                                        Sucht d. Vaters und
Zusammen-                              daraus resultieren-      Schutz-                Teils als Schutz-     Sehnsucht nach       daraus resultieren-
Hänge                                  den Folgen fertig zu     Mechanismus:           Mechanismus:          Liebe und            den Folgen fertig zu
                                       werden                   „Dicke Schutz-         um Gewalt der         Geborgenheit         werden
                                                                schicht“ zugelegt,     Mutter u. später      wurde versucht
                                      Vernachlässigung          um Gewalt und          des Freundes          durch Essen          Schutz-
                                      aufgrund existenter       Demütigungen des       auszuhalten           bzw. Nicht-          Mechanismus:
                                      Suchterkrankung           Stiefvaters                                  Essen zu stillen     Gewalt des Vaters
                                                                auszuhalten                                                       trifft nur ihren Körper,
                                                                                                                                  nicht sie selbst
                   Mangelnde          Mangelnde                 Mangelnde              Mangelnde Liebe       Mangelnde
                   Liebe und          Zuneigung und             Zuneigung und          und Fürsorge der      Liebe und            Durch Nicht-Essen
                   Zuneigung der      Fürsorge der Eltern       Aufmerksamkeit         Mutter                Zuneigung der        „eigene kleine Welt“
                   Eltern                                       der Eltern                                   Eltern               erschaffen, in der es
                                                                                                                                  S. gut geht
                                      Ohne Abhängigkeit         Kein stabiles
                   Erkennt in         der Mutter hätte Y.       Selbstwertgefühl       Erkennt in                                 Erkennt in
                   eigener Person     heute keine               entwickelt, immer      eigener Person                             eigener Person
                   gleiche            Essproblematik            gegessen               gleiche                                    gleiche
                   Suchtstruktur                                                       Suchtstruktur                              Suchtstruktur
                   wie bei Vater                                                       wie bei Mutter                             wie bei Vater


Abb.8:          Ergebnisübersicht - Subjektiv vermutete Kausalzusammenhänge hinsichtlich der Entwicklung der eigenen Essstörung
                und der existenten Belastung durch den elterlichen Alkoholismus

                                                                                                                                                     107
Der bedeutendste kausale Zusammenhang zwischen der eigenen Essstörung und
der elterlichen Suchtproblematik ist sicherlich die mangelnde Liebe, Zuneigung und
Aufmerksamkeit von Seiten der Eltern. Dafür blieb aufgrund der Abhängigkeit und
der damit einhergehenden Probleme keine Zeit.
Fünf von sechs Teilnehmern vermuten in diesem Defizit eine ursächliche
Verbindung, sehen darin möglicherweise sogar den Auslöser für die eigene
Essproblematik.     Sie   sind   sich   einig:   Ohne   die   Existenz   der   elterlichen
Alkoholabhängigkeit hätten sie als Kinder sicher die Zuwendung bekommen, die sie
gebraucht hätten. Für die Entwicklung einer Essstörung hätte kein Anlass bestanden.
Folglich berichten vier Klienten davon, dass ihnen die Nahrung als sog.
„Liebesersatz“ diente. Durch das ständige Zuführen von Nahrungsmitteln wurde
versucht, ein bestehendes Gefühl immerwährender, innerer Leere zu kompensieren.
Heute haben sie erkannt, dass es der Hunger nach Liebe war, der durch das Essen
gestillt werden sollte.


Bei drei Klienten kann hingegen das andauernde Essen („Zustopfen“) ebenso wie
auch die absolute Nahrungsverweigerung als eine Art Schutzmechanismus
betrachtet werden. Hauptsächlich mussten sie sich vor den gewalttätigen Übergriffen
des suchtkranken Elternteils schützen. Die Personen flüchteten sich auf diese Weise
in eine „eigene Welt“, in der sie versuchten, diesen extremen Belastungen
einigermaßen standhaft zu begegnen. Die Klienten beschreiben es so: Körperliches
und geistiges Empfinden wurden voneinander abgespalten, so dass nur noch der
Körper die Gewalt zu spüren bekam. Die Seele blieb, ihrer Ansicht nach, von den
Schmerzen unberührt.


Des Weiteren erkennen heute drei der Klienten die Suchtstruktur des abhängigen
Elternteils in ihrer eigenen Persönlichkeit wieder. Sie vermuten darin ebenfalls eine
mögliche Ursache für die Ausprägung der eigenen Essstörung.
Zum Teil sehen sie in dieser Verbindung bzw. in dieser Gemeinsamkeit mit dem
suchtkranken Elternteil auch die bestehende Gefahr, irgendwann selbst eine
stoffgebundene Abhängigkeit zu entwickeln.
In jedem Falle bestätigen die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung, dass die
Frage nach kausalen Zusammenhängen zwischen elterlicher Alkoholabhängigkeit
und Essstörungen bei den betroffenen Kindern eindeutig mit „Ja“ zu beantworten ist.


                                                                                      108
5. Diskussion und Ausblick


An dieser Stelle erfolgt abschließend ein Resümee der vorangegangenen Arbeit.
Rückblickend auf die Ergebnisse der durchgeführten Interviewstudie und vor dem
Hintergrund der Ausführungen des ersten Kapitels bleibt Folgendes zu erwähnen:
In einer Gegenüberstellung der gewonnenen Aussagen der Klienten und der zuvor
dargelegten Informationen bzgl. der aktuellen Forschungssituation, lässt sich einiges
Bemerkenswerte feststellen. Erst einmal fällt auf, dass die Erlebnisberichte der
Teilnehmer über ihre Vergangenheit und das Aufwachsen in einer Suchtfamilie sowie
auch über ihre subjektiven Empfindungen in einigen Bereichen deutlich mit den
Angaben des ersten Teils dieser Arbeit übereinstimmen. Jeder der Klienten hat die
existenten Belastungen aufgrund der Suchterkrankung eines Elternteils mehr oder
minder intensiv und zudem unterschiedlich lange in der eigenen Herkunftsfamilie
erlebt. Diese Erfahrungen, welche die Betroffenen in den Interviews zum Teil
eindringlich schilderten, lassen sich mehrfach in Kapitel 1 vorliegender Arbeit wieder
finden.
Auch die, in Kapitel 1.3.2 und 1.4 ausführlich behandelten Konzepte der
Familienregeln     und    der   spezifischen     Rollenmuster,   welche   sich    in   ihren
Ausführungen beide auf die Autorin Wegscheider-Cruse beziehen, entsprechen in
vielen Aspekten eindeutig den Aussagen der Interviewteilnehmer (vgl. Kap. 4.3).


Des Weiteren haben die Ergebnisse der eigenen Untersuchung verschiedene
Gesichtspunkte deutlich gemacht:
Zunächst einmal bestätigen sie die Resultate diverser anderer Studien (vgl. Kap.
1.5.6),   welche     sich       bislang    mit    ebendiesem      Forschungsgegenstand
auseinandersetzten       und    eine   ursächliche   Verbindung    zwischen      elterlichem
Alkoholismus und Essstörungen bei den Kindern feststellten. Die Existenz dieses
Zusammenhangs wurde in vorliegender Untersuchung klar herausgestellt. Es ist
davon auszugehen, dass das Aufwachsen mit einem suchtkranken Elternteil eine
einschneidende Belastung für die Kinder darstellt, welche das Risiko an einer
Essstörung zu erkranken besonders erhöht.




                                                                                        109
Die in dieser Diplomarbeit mehrfach angeführte Studie „Essstörungen bei den
Töchtern suchtkranker Eltern“ (vgl. Kap. 1.5.6) konnte, wie ebenfalls im Text erwähnt
wurde, auf die Kausalzusammenhänge zwischen der elterlichen Erkrankung und der
Problematik der Kinder nicht näher eingehen. Dennoch stellten die Initiatoren
Baltruschat, Geissner und Klein diesbezüglich in ihrem Abschlussbericht folgende
Thesen auf:

       „Das Aufwachsen in einer Familie in der ein Elternteil an einer Alkoholstörung erkrankt
       ist, stellt für die Kinder eine große Belastung dar, für die notwendige
       Bewältigungsstrategien nicht vorhanden sind. Nahrungsverweigerung, aber auch
       Essanfälle können hier als kindnahe Bewältigungsmechanismen in Betracht gezogen
       werden, um unerträgliche Gefühle auszuhalten. Außerdem könnten sie Gefühle von
       Macht und Struktur in einer unberechenbaren Umgebung, die häufig von familiären
       Trennungen und Delinquenz eines Elternteils gekennzeichnet ist, vermitteln.“
       (Baltruschat et al. 2005. 67).



Diese Mutmaßungen lassen sich anhand der gewonnenen Erkenntnisse der eigenen
Studie teilweise bestätigen. Kapitel 4.3 der vorliegenden Arbeit lieferte diesbezüglich
bereits eine umfassende Darstellung der subjektiven Ansichten der betroffenen
Klienten (a.a.O.).
Im Vergleich der oben genannten Thesen mit den Aussagen der Teilnehmer der
eigenen Untersuchung lässt sich folgendes feststellen: Der ersten These, es handle
sich bei den Essstörungen um kindnahe Bewältigungsmechanismen, kann prinzipiell
zugestimmt werden. Denn mehrere der Klienten betonten, dass sie entweder durch
„Nicht-Essen“ oder andauerndes „Zuviel-Essen“ (bzw. Essanfälle) versuchten, mit den
Belastungen der elterlichen Sucht besser umzugehen.
In erster Linie dienten die Nahrungsverweigerung ebenso wie die Essanfälle jedoch
als Ersatz für die mangelnde Zuneigung, Fürsorge und Aufmerksamkeit von Seiten
der   Eltern.   Fünf    von    sechs     Teilnehmern       sahen     dies   als    bedeutendsten
Kausalzusammenhang. Zudem wurde mehrfach von der Nahrung als sog.
„Liebesersatz“ gesprochen (vgl. Kap. 4.3).
Die zweite These, dass dadurch auch Empfindungen von Macht und Struktur
aufkommen könnten, ließ sich anhand der Klientenaussagen nicht direkt bestätigen.
Dennoch waren die Gründe für die Entstehung solcher Gefühle definitiv gegeben.
Die Teilnehmer litten zumeist sehr unter der angespannten häuslichen Atmosphäre
und dem unberechenbaren, teilweise auch delinquenten Verhalten des suchtkranken
Elternteils.



                                                                                                 110
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die erzielten Ergebnisse der eigenen
Untersuchung die genannten Mutmaßungen von Baltruschat et al. (2005) bzgl. ihrer
wesentlich     größer    angelegten   und    quantitativ   orientierten   Studie   durchaus
verifizieren können.


Zu Beginn vorliegender Arbeit wurde bereits darauf hingewiesen, dass die
Ergebnisse, der hier dargestellten Untersuchung, nicht als repräsentativ angesehen
werden können, da die Interviewgruppe lediglich aus sechs Personen bestand und
somit die Teilnehmerzahl für eventuelle Generalisierungen zu gering war.
Auch wenn sich an dieser Stelle keine allgemeingültigen Aussagen treffen lassen, so
tragen die Ergebnisse dennoch einen Teil dazu bei, die Frage nach kausalen
Zusammenhängen zwischen der Belastung durch elterlichen Alkoholismus und der
Entstehung von Essstörungen bei den Kindern ein Stück weit zu erhellen.
Demnach lässt sich insgesamt die positive Bilanz ziehen, dass das ursprüngliche Ziel
der vorliegenden Diplomarbeit sowie der zugehörigen Untersuchung vornehmlich
erreicht wurde. Eventuell geben die Resultate dieser Interviewstudie auch
Denkanstöße oder Anreize, in Zukunft ähnliche Studien durchzuführen.


Im Hinblick auf die künftige Forschungsarbeit wäre es sicherlich hilfreich, derartige
Befragungen, wie sie im Rahmen dieser Arbeit vorgestellt wurde, in einem weitaus
größeren Umfang durchzuführen. Dadurch wäre es möglich, repräsentative
Ergebnisse zu erzielen, die vor allem in den Bereichen der Frühintervention und auch
in der Prävention von großer Bedeutung sein könnten.
Sind die verschiedenen ursächlichen Zusammenhänge zwischen der existenten
Belastung durch die elterliche Sucht und der Entstehung von Essstörungen bei den
Kindern erst einmal bekannt, kann im Bereich professioneller Hilfsinterventionen
wesentlich gezielter vorgegangen werden, wenn es darum geht, den spezifischen
Belastungen     direkt    entgegenzuwirken     oder   bereits    präventive   Maßnahmen
einzuleiten.
An dieser Stelle stimme ich den Aussagen von Baltruschat et al. (2005) zu, dass es
zur Vorbeugung von Essstörungen sicherlich nicht ausreicht, lediglich die
Schlankheitsideale junger Frauen zu hinterfragen. Mindestens ebenso wichtig
scheint es, bestehende psychische Erkrankungen der Eltern, und hier besonders



                                                                                        111
Alkoholismus,   sowie   damit   verbundene   Belastungsfaktoren   der   Kinder   mit
einzubeziehen, und diese auch im Rahmen einer Behandlung zu berücksichtigen
(a.a.O.).




Schlussbetrachtung


Ziel dieser Arbeit war es, mögliche Kausalzusammenhänge zwischen der Belastung
durch elterlichen Alkoholismus und der Entstehung von Essstörungen bei den
Kindern zu ermitteln und eingehend zu beleuchten. Es sollte ein Beitrag zur
gegenwärtigen Forschungssituation auf diesem Gebiet geleistet werden. Empirische
Untersuchungen, die bislang zu dem besagten Forschungsgegenstand durchgeführt
wurden, waren hauptsächlich quantitativer Art. In der Regel lässt sich daraus
ableiten, dass die Teilnehmer solcher Studien zunächst standardisierte Fragbögen
ausfüllen und anschließend, aufgrund ihrer gemachten „Kreuzchen“, vorgefertigten
Ergebnisschemata zugeordnet werden.
Die Betroffenen selbst kommen bei derartigen Befragungen kaum zu Wort, ihre
subjektiven Ansichten und selbst vermuteten Zusammenhänge zwischen der
eigenen Essstörung und der elterlichen Suchtproblematik werden nicht ausreichend
berücksichtigt (vgl. Kap. 2.3). Aus diesem Anlass widmete sich die vorliegende
qualitativ ausgerichtete Untersuchung den subjektiven Anschauungen erwachsener
Kinder aus suchtbelasteten Familien.


Die Ausführungen des ersten Kapitels lieferten zunächst einen umfassenden
Überblick zur aktuellen Forschungslage bzgl. der Kinder suchtkranker Eltern. Dazu
wurde die Situation der Betroffenen im Kindes- und Jugendalter eingehend
beleuchtet. Es erfolgte die Betrachtung der innerfamiliären, meist unberechenbaren
Atmosphäre, in welcher die Kinder aufwachsen, sowie die Erörterung der, von
Betroffenen häufig beschriebenen, vorherrschenden Gefühle. Des Weiteren wurde
das verbreitete Modell der sog. Familienregeln behandelt, ebenso wie das
anerkannte Konzept der spezifischen Rollenmuster ausführlich dargestellt. Beide
bezogen sich hauptsächlich auf die renommierte Autorin Sharon Wegscheider-
Cruse.

                                                                                 112
Die anschließende Auseinandersetzung mit den verschiedenen Erkrankungsrisiken
der betroffenen Kinder, welchen sie aufgrund der existenten Belastungen ausgesetzt
sind und möglicherweise erliegen, hat deutlich gemacht, welch enorme Gefahren mit
dem Aufwachsen in einer Suchtfamilie verbunden sind.
Neben der detaillierten Darstellung der einzelnen Risikofaktoren wurden zudem
zahlreiche empirische Studienergebnisse hinzugezogen, die vor allem den
Handlungsbedarf auf diesem Gebiet aufzeigen sollten.
Das darauf folgende Kapitel thematisierte die ebenso bedeutsame Situation der
erwachsenen Kinder von Suchtkranken. Zu Anfang wurde die Bezeichnung „EKS“,
unter welcher die Betroffenen in Fachkreisen hauptsächlich bekannt sind, eingehend
diskutiert. Anschließend erfolgte die Erörterung des populären Konzepts der
charakteristischen Merkmale nach Janet Woititz.
Das zweite Kapitel behandelte dann alle erforderlichen Hintergrundinformationen zur
Durchführung     einer    qualitativen      Interviewstudie.   Die   Begrifflichkeiten     der
„Qualitativen Sozialforschung“, das Forschungsdesign der „Fallstudie“ sowie das
„Problemzentrierte Interview“ wurden ausführlich behandelt. Des Weiteren umfasste
dieser Abschnitt das eigentliche Ziel der Untersuchung und den, eigens erstellten
und während den Befragungen angewandte, Interviewleitfaden.
Kapitel 3 lieferte einen kurzen Überblick zu den einzelnen Teilnehmern und den
zugehörigen Interviews, damit im darauf folgenden Abschnitt direkt auf die
gewonnenen Erkenntnisse eingegangen werden konnte.
Schließlich wurden im vierten Kapitel die für die Untersuchung relevanten Aussagen
der   Klienten   detailliert   dargelegt.     Die   Ergebnisdarstellung    erfolgte      dabei
entsprechend den Fragen des Interviewleitfadens. Danach wurden die gewonnenen
Untersuchungsergebnisse diskutiert


Abschließend möchte ich an dieser Stelle noch bemerken, dass sich die gesamte
Durchführung der Interviewstudie als wesentlich schwieriger und zeitaufwendiger
herausstellte als anfangs vermutet. Wie bereits im vorangegangenen Text erwähnt
wurde, erwies sich bereits die Kontaktaufnahme mit den Klienten als relativ
problematisch (vgl. Kap. 2.5.2). Die spätere Auswertung des Interviewmaterials war
ebenfalls nicht gerade einfach (vgl. Kap. 4.1).




                                                                                           113
Im Nachhinein bin ich nun aber doch zufrieden mit dem Resultat dieser Arbeit. Da die
Durchführung einer solch empirischen Untersuchung für mich absolutes Neuland
war, konnte ich zu Beginn nicht wissen, was mich erwartet und vor allem, welche
Schwierigkeiten   gegebenenfalls    auf   mich   zukommen.      Hinsichtlich   dieser,
zugegebenermaßen eher schlechten, Voraussetzungen und auf die Gefahr hin, dass
mein Vorhaben „in die Hose gehen“ könnte, hat sich letztendlich doch alles zum
Positiven entwickelt und ich bin froh, mich für eine empirische Form der Diplomarbeit
entschieden zu haben.
Insbesondere die Begegnungen mit den Menschen, die ich während dieser Arbeit
kennen lernen durfte, sowie die Erkenntnisse, die ich aufgrund der Interviews mit
ebendiesen gewonnen habe, möchte ich nicht missen.
Ich bin überzeugt, dass mich all diese reichhaltigen Erfahrungen, die ich im Verlauf
meiner Arbeit sammeln konnte, persönlich wie beruflich ein ganzes Stück weiter
gebracht haben. Und das Wichtigste: Sie haben mich in meinem, schon seit
geraumer Zeit bestehenden, Entschluss bekräftigt, meine berufliche Zukunft
Menschen mit Suchterkrankungen und ihren Angehörigen zu widmen.




                                                                                  114
Literaturverzeichnis



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30. Zobel,     Martin    (2000):   Kinder      aus   alkoholbelasteten    Familien:
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Verzeichnis der Internetquellen


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                                                                               118
Anhang




         119
Jahrbuch Sucht 2005 - Zahlen und Fakten in Kürze



Alkoholverbrauch je Einwohner an reinem Alkohol

 1998            1999            2000              2001             2002         2003


 10,6 Liter      10,6 Liter      10,5 Liter        10.4 Liter       10.4 Liter
                                                                                 10.2 Liter


(Veränderungen gegenüber dem Vorjahr: -1,9 %),
(Quelle: Meyer, Christian, in: Jahrbuch Sucht 2005, eigene Berechnungen)




Verbrauch je Einwohner an Bier, Wein, Schaumwein und Spirituosen (Liter)

                   1999           2000           2001**         2002***          2003
 Bier              127,5          125,5          122,4          121,5            117,5
 Wein*              18,0          19,0           19,8              20,3          19,8
 Schaumwein          4,9            4,1            4,2              3,9           3,8
 Spirituosen         5,9            5,8            5,8              5,9           5,9

* Weinkonsum je Einwohner einschl. Wermut- und Kräuterwein, Weinwirtschaftsjahr (01.09 -
31.08)
** Angaben beinhalten ab 2002 Spirituosen-Mischgetränke umgerechnet an einen
durchschnittlichen Alkoholgehalt von 33 Vol.%
2003 vorläufige Schätzung
(Quelle: Berechnungen des info Instituts, unveröffentlichte Datenquelle)




Anteil verschiedener Getränke am Gesamtkonsum im Jahr 2002

 Bier                                                     55,9 %
 Wein                                                     21,4 %
 Schaumwein                                                4,1 %
 Spirituosen                                              18,6 %




                                                                                              120
Einnahmen aus alkoholbezogenen Steuern* (in Mio. €, Veränderungen
gegenüber Vorjahr)

                                1999       2000      2001          2002            2003


 Biersteuer                     846        844       828 (-        812 (-           786 (-
                                                     1,8%)        2,1%)            3,2%)
 Schaumweinsteuer               546        478       457 (-        420 (-           432
                                                     4,3%)        8,1%)            (+2,8%)
 Branntwein- und           2268            2185      2174 (-       2179             2232
 Zwischenerzeugnissteuer**                           0,5%)        (+0,2%)          (+2,4%)
 Gesamt                         3660       3507      3459 (-       3411 (-          3450
                                                     1,4%)        1,4%)            (+1,1%)

*Auf Wein wird keine Steuer erhoben
**In Abweichung zu früheren Ausgaben des Jahrbuchs Sucht wird die seit 1994 separat erhobene
Zwischenerzeugnissteuer (z. B. auf Sherry, Portwein, Madeira) berücksichtigt. In den Jahren vor
1994 wurde die Verbrauchssteuer für die entsprechenden Alkoholika als Branntweinsteuer erfasst.
(Quelle: Bundesministerium der Finanzen, 2004)




Höhe der Verbrauchssteuern je Liter reinen Alkohols in Deutschland:

 Branntwein/Spirituosen:                                       13,03 €
 Schaumwein:                                                   13,60 €
 Bier*                                                         1,97 €

*von den Bundesländern erhobene Steuer (Durchschnitt)
(Quelle: Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und –Importeure e.V. 2002)

Auf Wein wird keine Steuer erhoben.



Alkopops*                                                                55,50 €

*Verteuerung um 0,83 Euro einer Flasche Alkopops (2,75 ml) mit 5,5 vol.%
(Quelle: Gesetz zur Verbesserung des Schutzes junger Menschen vor Gefahren des Alkohol- und
Tabakkonsums)




                                                                                             121
Werbeaufwendungen für alkoholische Getränke (in Mio. €)

                          1999           2000          2001         2002     2003
 Spirituosen              110            125           134          134      118
 Bier                     380            388           360          360      336
 Sekt                       42            54            46          46        48
 Wein                       21            31            35          35        24
 Gesamt                   555            597           575          597      525

(Quelle: Nielsen Media Research GmbH, 2004)




Rangfolge der EU-Staaten und ausgewählter Länder hinsichtlich des
gesamten Alkoholkonsums pro Kopf (Liter reinen Alkohols)

 Rang          Land              1999           2000         2001   2002   Veränderung
                                                                           1970-2002 in
                                                                           %
 1             Luxemburg         12,9           13,2         12,4   11,9   19,6
 2             Ungarn            10,6           10,9         11,1   11,1   21,6
 3             Irland              9,6          10,7         10,8   10,8   83,6
 4             Tschechien        11,0           11,0         10,9   10,8   28,3
 5             Deutschland       10,6           10,5         10,4   10,4    1,7
 6             Frankreich        10,7           10,4         10,5   10,3   -36,3
 7             Portugal          10,6           10,3         10,3    9,7   -2,1
 8             Spanien             9,9           9,8          9,8    9,6   -17,1
 9             Großbritannien      8,4           8,4          9,1    9,6   79,9
 10            Dänemark            9,5           9,5          9,5    9,5   39,1
 11            Österreich          9,3           9,2          9,0    9,2   -12,3
 12            Zypern              7,1           7,4          7,9    9,1   176,9
 13            Schweiz             9,2           9,2          9,2    9,0   -16,3

Rangplatz und 45 Länder, die in genannter Quelle erfasst sind.
(Quelle: Commission for Distilled Spirits, 2004)




                                                                                          122
Alkohol im Straßenverkehr

                             1999       2000        2001          2002       2003
Alkoholunfälle               28.350     27.375      25.690        25.333     24.245
dabei Getötete                1.114       1.022           909         932      817
alkoholisierte Beteiligte    28.769     27.749      26.023        25.071     24.554
darunter:
                              2.709      2.696       2.459         2.637
Frauen                                                                        2.472
                             25.999     24.987      23.517        23.023
Männer                                                                       22.032
                             18.089     17.555      16.156        15.975
Pkw-Fahrer                                                                   14.665
Mittlere BAK (0/00)            1,62       1,61        1,60          1,60      1,60

(Quelle: BASt-U2m-30/2004)




Konsumenten, Missbraucher, Abhängige

                                               18-59 J.         18-69 J. (Hochrechnung)
 Riskanter Konsum insgesamt                    7,8 Mio.         9,3 Mio.
                                               (16%)
 davon zwei Untergruppen nach DSM-IV:
 missbräuchlicher Konsum                       2,4 Mio.         2,7 Mio.
                                               (5%)
 abhängiger Konsum                             1,5 Mio.         1,6 Mio.
                                               (3%)

(Quelle: Alkoholkonsum und alkoholbezogene Störungen in Deutschland, Schriftenreihe des BMG.
Band 128, Nomos-Verlag, 2000 und Repräsentativerhebung zum Gebrauch psychoaktiver
Substanzen bei Erwachsenen in Deutschland 1997, Sucht, 44 J., Sonderheft 1)




Mortalität

Jährlich sterben ca. 42.000 Personen, deren Tod direkt (z. B. durch
Alkoholmissbrauch) oder indirekt (z.B. durch einen alkoholisierten
Unfallverursacher) in Verbindung Alkohol steht.
(Quelle: Alkoholkonsum und alkoholbezogene Störungen in Deutschland, Schriftenreihe des BMG.
Band 128, Nomos-Verlag, 2000)

Aktuelle Analysen zu alkoholbezogenen Gesundheitsstörungen und Todesfällen
gehen von jährlich 73714 Todesfällen durch Alkoholkonsum allein oder durch den
Konsum von Tabak und Alkohol bedingt (74 %) aus.




                                                                                          123
Der Anteil an alkoholbedingten Todesfällen an allen Todesfällen im Alter zwischen
35 und 65 Jahren beträgt bei Männern 25% und bei Frauen 13%.
(John and Hanke, 2003, Tabak- oder alcohol-attributale stationäre Behandlungen. Deutsche
Medizinische Wochenschrift, 128:1387-90)




Morbidität

Schätzungen zur Morbidität auf Basis der Krankenhausdiagnosestatistik des
Jahres 1997 ergaben, dass 2,0 % (Frauen: 0,9%, Männer: 3,4%) der stationären
Behandlungsfälle dem Konsum von Alkohol allein und 3,5% (Frauen: 1,4%,
Männer: 5,7%) dem Konsum von Tabak und Alkohol zuzurechnen sind.
(Quelle: Hanke & John, 2003)




Volkswirtschaftliche Kosten

Die Kosten alkoholbezogener Krankheiten (ohne Kriminalität und intangible
Kosten) werden pro Jahr auf ca. 20,6 Mrd. € geschätzt. Der größte Teil des
volkswirtschaftlichen Schadens bezieht sich mit ca. 7 Mrd. € auf die
alkoholbezogene Mortalität.
(Quelle: Alkoholkonsum und alkoholbezogene Störungen in Deutschland, Schriftenreihe des BMG.
Band 128, Nomos-Verlag, 2000)

Der Krankenhausstatistik des Jahres1997 zufolge waren 2,0 % (Frauen 0,9 %,
Männer: 3,4 %) der stationären Behandlungsfälle dem Konsum von Alkohol allein
und 3,5 % (Frauen 1,4 %, Männer: 5,7 %) dem Konsum von Tabak und Alkohol
zuzuschreiben (Hanke & John 2003). Berücksichtigt man weiterhin die bei alkohol-
oder tabak-attributablen Diagnosen um einen Tag erhöhte Liegedauer, ergeben
sich für das Jahr 1997 Behandlungskosten in Höhe von 2,7 Mrd. Euro.
(Quelle: Hanke, M. und John, U. (2003) Tabak- oder alkohol-attributale stationäre Behandlungen.
Deutsche Medizinische Wochenschrift, 128:1387-90)




Medikamentenabhängige

Insgesamt ca. 1,4 Mio, davon ca. 1,1 Mio. Abhängige von Benzodiazepinderivaten
und 300.000 von anderen Arzneimitteln.
(Quelle: Schätzung der DHS; Glaeske, Psychotrope und andere Arzneimittel mit Mißbrauchs- und
Abhängigkeitspotential Jahrbuch Sucht 2004, Neuland 2003)




                                                                                              124
Zahl der Abhängigen von illegalen Drogen

In den letzten 12 Monaten vor der Erhebung haben 6,5% der Westdeutschen und
5,2% der Ostdeutschen illegale Drogen konsumiert. Hochgerechnet auf die
Wohnbevölkerung ergeben sich in Westdeutschland 2,5 Mio. und in Ostdeutschland
500.000 aktuelle Konsumenten.

Die dominierende Droge war mit 6,2% im Westen und 4,9% im Osten Cannabis.

Jeweils 1,3% der Befragten in Ost- und Westdeutschland hatten in den letzten 12
Monaten vor der Untersuchung andere illegale Drogen als Cannabis (Amphetamine,
Ecstasy, LSD, Opiate, Kokain, Crack) genommen.

Zu Missbrauch und Abhängigkeit von illegalen Drogen (mindestens eine Diagnose
bei den Substanzen Cannabis, Amphetamine, Ecstasy, Opiate und Kokain) der 18 -
59jährigen wurden für die 12-Monats-Prävalenz auf der Grundlage von DSM IV
folgende Zahlen erhoben:

Missbrauch 0,3% (145.000)

Abhängigkeit 0,6% (290.000)

(Quelle: Repräsentativerhebung zum Gebrauch psychoaktiver Substanzen bei Erwachsenen in
Deutschland 2000, Sucht - Zeitschrift für Wissenschaft und Praxis, 47, Sonderheft 1)




Weitere Zahlen, Fakten und Informationen bei der Deutschen Hauptstelle für
Suchtfragen e.V. oder im Internet unter www.dhs.de




(Quelle: www.optiserver.de )




                                                                                          125
Children of Alcoholics Screening Test - 6 (CAST-6)




Der Children of Alcoholics Screening Test ist ein international gebräuchliches und
weit verbreitetes Instrument zur Erkennung des familiären Hintergrunds bei Kindern
und Jugendlichen (Jones, 1983). Die Originalversion aus dem Jahre 1983 umfasste
29 Items, die neuere Kurzfassung hat nur noch sechs Items (Hodgins & Shimp,
1995). Es liegen von der Langfassung des CAST neben dem englischsprachigen
Original Versionen in Spanisch, Französisch, Japanisch und Deutsch vor.




Anhand einer Stichprobe von 98 jungen erwachsenen Kindern von Suchtkranken mit
einem Durchschnittsalter von 21 Jahren wurde die Validität des CAST-6 überprüft.
Die Personen waren alle als Kinder mit wenigstens einem suchtkranken Elternteil
aufgewachsen. Es gab also keine falsch positiven Fälle. Der CAST-6 erreichte bei
74% der Probanden den kritischen Cutoff-Wert von 2 oder mehr. Der Wert
veränderte sich bei der Betrachtung des Geschlechts des suchtkranken Elternteils
nicht. Bei väterlicher Abhängigkeit wurden 73.4% korrekt zugeordnet, bei mütterlicher
73.7%. Im Falle einer Suchtkrankheit beider Elternteile stieg der Wert auf 90.2%.
Wenn die Probanden viele Vorerfahrungen mit seelischer Gewalt erlebt hatten, stieg
der Wert ebenfalls – wenn auch nicht so stark – auf 82.5% an. Bei den Töchtern
wurden mit 76.0% etwas mehr Personen korrekt zugeordnet als bei den Söhnen mit
nur 71%.




                                                                                 126
Tabelle 1: Die Items des CAST-6 in deutschsprachiger Fassung (aus: Klein & Zobel,
2000)


Children of Alcoholics Screening Test (CAST-6)

1.      Dachten Sie je daran, dass einer Ihrer Eltern ein Alkoholproblem haben könnte?

                               nie   1------2------3------4------5------6   sehr häufig

2.      Haben Sie je einen Ihrer Eltern aufgefordert, mit dem Alkoholtrinken aufzuhören?

                               nie   1------2------3------4------5------6   sehr häufig

3.      Haben Sie sich jemals mit einem Ihrer Eltern gestritten oder geschlagen, wenn er oder
        sie getrunken hatte?
                               nie   1------2------3------4------5------6   sehr häufig

4.      Haben Sie jemals gehört, dass sich Ihre Eltern prügelten, wenn einer betrunken war?

                               nie   1------2------3------4------5------6   sehr häufig

5.      Hatten Sie mal die Idee, dass es besser wäre, den Alkohol zu Hause zu verstecken oder
        auszuschütten?

                               nie   1------2------3------4------5------6   sehr häufig

6.      Wünschten Sie sich jemals, dass einer Ihrer Eltern mit dem Trinken aufhören sollte?

                               nie   1------2------3------4------5------6   sehr häufig




(Quelle: Michael Klein & Martin Zobel: Sucht sucht Beziehung – Partner und Kinder
im Umfeld von Abhängigkeitsstörungen, in Sucht aktuell, 2000, Band 8, Heft 2)




                                                                                           127
                             Interview-Leitfaden



1. Wie sind Sie aufgewachsen? Wie haben Sie Ihre Kindheit erlebt?
   - Familiensituation (Geschwister, Wohnverhältnisse etc.)
   - Glückliche / unglückliche Kindheit
   - Atmosphäre in der Familie
   - Beziehungen untereinander
   - Besondere Bezugspersonen


2. Wie haben Sie die Suchterkrankung Ihres Vaters/ Ihrer Mutter erlebt?
   - Wann bewusst festgestellt?
   - Gewalterfahrungen o. Ä.
   - Umgang der Familie mit der Suchterkrankung
   - Komorbidität bei suchtkrankem Elternteil


3. Wie sind Sie mit der belastenden Situation umgegangen?
   - Bewältigungsstrategien
   - Rückzug
   - Verhalten von Geschwistern


4. Wie kam es zu Ihrer Essstörung?
   - Form der Essstörung (wie äußerte sie sich?)
   - Beginn der Essstörung (Alter?)
   - Akuter Auslöser (besonderes Ereignis?)
   - Wurde Essstörung diagnostiziert?


5. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Ihrer Essstörung und der
   Suchterkrankung Ihres Vaters/ Ihrer Mutter?
   - Wann begann Suchterkrankung des Elternteils, wann eigene Erkrankung?
   - Besteht aus Ihrer Sicht eine ursächliche Verbindung
   - Leidet suchtkranker Elternteil vielleicht selbst an Essstörung



6.   Wie leben Sie heute / Wie sehen Sie sich heute?
-    Essstörung (noch akut)
-    Familienstand, Kinder
-    Behandlung / Beratung (Person selbst / Suchtkranker Elternteil)
-    Kontakt zu den Eltern?




                                                                            128
Informationsblatt

Hiermit informiere ich Sie über meine Diplomarbeit, für welche ich Sie gern interviewen
möchte und über mein Vorgehen. Der Datenschutz verlangt Ihre ausdrückliche und
informierte Einwilligung, dass ich das Interview speichere und auswerte.

Die Diplomarbeit wird angefertigt von Jessica Schaake, ordentlich immatrikulierte Studentin
im Studiengang Sozialwesen der Fachhochschule Fulda. Die Arbeit wird betreut von Prof.
Dr. Gert Gekeler.
In der Diplomarbeit soll untersucht werden, ob ein Zusammenhang zwischen der Essstörung
von (erwachsenen) Kindern aus alkoholbelasteten Familien und der Suchterkrankung ihrer
Eltern besteht. Befragt werden Personen, bei denen eine Essstörung vorliegt und in deren
Herkunftsfamilien eine Suchtproblematik vorgelegen hat.
Die Durchführung der Diplomarbeit geschieht auf der Grundlage der Bestimmungen des
Bundesdatenschutzgesetzes. Der Interviewer unterliegt der Schweigepflicht und ist auf das
Datengeheimnis verpflichtet. Die Arbeit dient allein wissenschaftlichen Zwecken.

Ich sichere Ihnen folgendes Verfahren zu, damit Ihre Angaben nicht mit Ihrer Person in
Verbindung gebracht werden können:
- Ich gehe sorgfältig mit dem Erzählten um: Ich nehme das Gespräch auf Band auf. Das
    Band wird abgetippt und anschließend entweder gelöscht oder Sie können das Band
    bekommen. Auch die Abschrift können Sie bekommen (bzw. andere Handhabung der
    Datenverarbeitung).
- Ich anonymisiere, d. h. ich ändere alle Personen-, Orts-, Straßennamen. Alle
    Altersangaben werden um ein bis zwei Jahre nach unten oder oben verändert. Berufe
    werden durch andere vergleichbare Berufe ersetzt.
- Ihr Name und Ihre Telefonnummer werden am Ende meiner Arbeit in meinen Unterlagen
    gelöscht, so dass lediglich das anonymisierte Transkript existiert. Die von Ihnen
    unterschriebene Erklärung zur Einwilligung in die Auswertung wird in einem gesonderten
    Ordner an einer gesicherten und nur mir zugänglichen Stelle aufbewahrt. Sie dient
    lediglich dazu, bei einer Überprüfung durch den Datenschutzbeauftragten nachweisen zu
    können, dass Sie mit der Auswertung einverstanden sind. Sie kann mit Ihrem Interview
    nicht mehr in Verbindung gebracht werden.
- Die Abschrift wird nicht veröffentlicht und ist nur mir und Prof. Dr. Gert Gekeler für die
    Auswertung zugänglich. Die anonymisierte Abschrift wird möglicherweise von Prof. Dr.
    Gekeler gelesen, der ebenfalls der Schweigepflicht unterliegt. In Veröffentlichungen
    gehen aber einzelne Zitate ein, selbstverständlich ohne dass erkennbar ist, von welcher
    Person sie stammen. Die Datenerhaltung bezieht sich in erster Linie nur auf die
    vorliegende Arbeit. Jedoch kann sich die Abschrift evtl. auf weiterführende Projekte der
    Kompetenzplattform Suchtforschung (ehemaliger Forschungsschwerpunkt Sucht) der
    Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen beziehen. Möglicherweise wird die
    Abschrift an die leitenden Personen der Kompetenzplattform Suchtforschung
    weitergereicht. Wichtige und gut formulierte Passagen können evtl. Eingang in
    Lehrmaterial finden – natürlich ohne, dass die Person identifizierbar ist. Ich möchte die
    anonymisierte Abschrift aufbewahren bis 31.12.2006 und evtl. zugänglich machen für die
    Kompetenzplattform Suchtforschung an der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-
    Westfalen.

Die Datenschutzbestimmungen verlangen auch, dass ich Sie noch einmal ausdrücklich
darauf hinweise, dass einer Nichtteilnahme keine Nachteile entstehen. Sie können Antworten
auch bei einzelnen Fragen verweigern. Auch die Einwilligung ist freiwillig und kann jederzeit
von Ihnen widerrufen und die Löschung des Interviews von Ihnen verlangt werden.

Ich bedanke mich für Ihre Bereitschaft, mir Auskunft zu geben und mir damit bei der
Erstellung meiner Diplomarbeit behilflich zu sein.

                                                                                         129
                          Einwilligungserklärung




Ich bin über das Vorgehen bei der Auswertung der persönlichen „freien“ Interviews
mit einem Handzettel informiert worden (u. a.: die Abschrift gelangt nicht an die
Öffentlichkeit, Anonymisierung bei der Abschrift, Löschung des Bandes bzw.
Aushändigung, Löschung von Namen und Telefonnummer, Aufbewahrung der
Einwilligungserklärung nur im Zusammenhang mit dem Nachweis des Datenschutzes
und nicht zusammenführbar mit dem Interview).



Unter diesen Bedingungen erkläre ich mich bereit, das Interview zu geben und bin
damit einverstanden, dass es auf Band aufgenommen, abgetippt, anonymisiert und
ausgewertet wird.




_________________________                         _________________________
(Ort, Datum)                                      (Unterschrift)




                                                                             130
Interviewprotokoll



Interview Code Nr. ____________



Datum:_____________               Dauer:_______ Min.

Ort/Räumlichkeit:____________________________

Teilnahmemotivation:_________________________


Befragte/r:

Alter                _____________________________

Ausbildung           _____________________________

Beruf/Berufsstatus   _______________________

Kinder               ____________

Partnerschaft/Familienstand _________________


Zusätzliche Informationen, besondere Vorkommnisse bei Kontaktierung oder im Interview:
___________________________________________________________________________
___________________________________________________________________________
___________________________________________________________________________


Interviewatmosphäre, Stichworte zur personalen Beziehung:
___________________________________________________________________________
___________________________________________________________________________
___________________________________________________________________________


Interaktion im Interview, schwierige Passagen:
___________________________________________________________________________
___________________________________________________________________________
___________________________________________________________________________


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