Vorlesung am TU Ilmenau

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					              Vorlesung: Methoden der empirischen Kommunikationsforschung




                                      Vorlesung
              Methoden der empirischen Kommunikationsforschung
                               Sommersemester 2006
                              Dr. Christoph Kuhlmann




                                      4. Sitzung
                             Der Forschungsprozess II




Dr. Christoph Kuhlmann                                            Sommersemester 2006
                Vorlesung: Methoden der empirischen Kommunikationsforschung


   4.1 Messen

   Unter Messen ist zu verstehen: die systematische nach bestimmten Regeln und
      Verfahren erfolgende Zuordnung einer Menge von Zahlen zu den
      Ausprägungen einer Variablen und damit zu bestimmten Merkmalen und
      Objekten und zwar so, dass die Relationen unter den Zahlenwerten den
      Relationen unter den Objekten hinsichtlich der gemessenen Eigenschaft
      entsprechen.

   Messen ist die strukturtreue Abbildung eines empirischen Relativs in ein
     numerisches Relativ.

   3        4         2         5        2        6        1        numerisches
                                                                    Relativ


                                                                    empirisches
                                                                    Relativ



Dr. Christoph Kuhlmann                                              Sommersemester 2006
              Vorlesung: Methoden der empirischen Kommunikationsforschung


   4.2a Skalenniveaus

   Nominalskala
   Mit einer Nominalskala wird nur die Gleichheit bzw. Ungleichheit von Objekten
       bezüglich einer Eigenschaft festgestellt.

   Ordinalskala
   Eine Ordinalskala gibt Informationen über die Rangordnung von Objekten im
      Hinblick auf eine Eigenschaft.

   Intervallskala
   Eine Intervallskala bringt nicht nur zum Ausdruck, dass bei einem Objekt eine
      Eigenschaft stärker vorhanden ist als bei einem anderen Objekt, sondern
      zusätzlich, um wie viel stärker die Eigenschaft ausgeprägt ist. Bei diskreten
      intervallskalierten Variablen sind die Abstände zwischen den
      aufeinanderfolgenden Skalenpunkten gleich.




Dr. Christoph Kuhlmann                                             Sommersemester 2006
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   4.2b Skalenniveaus

   Ratioskala (Verhältnisskala)
   Dieser Skalentyp hat zusätzlich zu den Eigenschaften der Intervallskala noch
      einen absoluten Nullpunkt, der empirisch sinnvoll interpretierbar ist (d.h.: Am
      Nullpunkt ist die Eigenschaft tatsächlich nicht vorhanden).

   Absolute Skala:
   Zusätzlich zur Ratioskala finden sich bei der absoluten Skala auch absolute
      Einheiten, was immer dann der Fall ist, wenn Objekte gezählt werden.




Dr. Christoph Kuhlmann                                             Sommersemester 2006
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   4.3 Skalenniveaus

                    gleich/       mehr/         Gleiche      Absoluter         Absolute
                   ungleich      weniger       Abstände      Nullpunkt          Einheit

    Nominal-
    skala
                     +             -             -              -                -
    Ordinal-
    skala
                     +             +             -              -                -
    Intervall-
    skala
                     +             +             +              -                -
    Ratio-
    skala
                     +             +             +              +                -
    Absolute
    Skala
                     +             +             +              +                +
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   4.4a Beispiele für Skalenniveaus

   Nominalskala:

   Mit wem haben Sie sich in der letzten Woche am häufigsten über Politik
       unterhalten?
       Familienangehörigen (1)                         Freunden (2)
       Andere Person (3)                               mit niemandem (4)

   Kreuzen Sie Ihr Geschlecht an: männlich                   weiblich

   Ordinalskala:

   Wie häufig unterhalten Sie sich über Politik?
   Nie (1) selten (2) ab und zu (3) häufig (4) dauernd (5)




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   4.4b Beispiele für Skalenniveaus

   Intervallskala:

   Bitte sagen Sie mir anhand der Skala, wie gern Sie sich über Politik unterhalten.
       Die 1 bedeutet, Sie unterhalten sich sehr ungern über Politik, und die 5
       bedeutet, dass Sie sich sehr gern über Politik unterhalten. Mit den Werten
       dazwischen können Sie ihre Haltung abstufen.
       sehr ungern (1) – (2) – (3) – (4) – (5) sehr gern

   Ratioskala:

   Schätzen Sie bitte einmal, wie lang Sie sich in der letzten Woche mit anderen
      Personen über Politik unterhalten haben: __________min.

   Absolute Skala:

   Bitte sagen Sie mir, mit wie vielen Personen Sie sich in der letzten Woche über
       Politik unterhalten haben. Bitte notieren Sie hier die Zahl Ihrer
       Gesprächspartner: _____

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   4.5 Gütekriterien

   Jede realisierte Messung setzt sich aus zwei Komponenten zusammen:

   Wahrer Wert + Messfehler = Gemessener Wert

   Zwei Arten von Messfehlern sind zu unterscheiden: Systematische und zufällige
     Fehler. Ziel jeder Messung ist es, beide Messfehler möglichst klein zu halten.
     Für die Beurteilung, inwieweit dies gelungen ist, gibt es zwei Gütekriterien:

   Reliabilität und Validität

   Ein Instrument ist um so reliabler, je weniger zufällige Fehler die Messung
      beeinflussen; ein Instrument ist um so valider, je weniger systematische
      Fehler die Messung beeinflussen.




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   4.6 Formen der Reliabilität

   Intersubjektive Reliabilität:

   Dasselbe Messinstrument wird von unterschiedlichen Personen auf dasselbe
     Objekt angewandt.

   Intertemporale (zeitliche) Stabilität:

   Dasselbe Messinstrument wird mehrmals von derselben Person auf dasselbe
     Objekt angewandt.

   Interinstrumentelle Stabilität:

   Mit zwei unterschiedlichen Messinstrumenten wird bei demselben Objekt
       dieselbe Dimension gemessen.




Dr. Christoph Kuhlmann                                            Sommersemester 2006
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   4.7 Validität

   Validität meint dagegen die Frage, ob mit einer Messung tatsächlich das
       gemessen wird, was damit gemessen werden soll.

   Man unterscheidet:

   Inhaltsvalidität:
   Inhaltsvalidität liegt vor, wenn möglichst alle Aspekte eines theoretischen
      Konstrukts – aber nur diese und keine anderen – gemessen werden.

   Kriteriumsvalidität:
   Kriteriumsvalidität wird aus dem Zusammenhang zwischen den empirisch
       gemessenen Ergebnissen des Messinstruments und einer anderen Messung
       des gleichen Objekts ermittelt.




Dr. Christoph Kuhlmann                                             Sommersemester 2006
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   Konstruktvalidität:

   Konstruktvalidität liegt dann vor, wenn aus dem Konstrukt empirisch überprüfbare
      Aussagen über Zusammenhänge des Konstrukts mit anderen Konstrukten
      theoretisch hergeleitet werden können und sich diese Zusammenhänge
      empirisch nachweisen lassen.
   Dafür ist es nötig, dass unterschiedliche Messungen eines Konstrukts ähnliche
      Ergebnisse produzieren (convergent validity), und dass die Messungen von
      zwei unterschiedlichen theoretischen Konstrukten auch empirisch
      unterscheidbare Ergebnisse hervorbringen.
                                         +
   Konstrukt 1                                           Konstrukt 2


         valide?                                                  + (?)


   Messung                             +                 Messung
   Konstrukt 1                                           Konstrukt 2


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  4.8 Verhältnis von Validität und Reliabilität

  Eine Messung kann reliabel sein, wenn sie nicht valide ist! Man misst dann
     wiederholbar und stabil, was man gar nicht messen will.

  Beispiel: Ich will wissen, wie häufig jemand Zeitung liest und frage in einer
     Befragung: „Haben Sie eine Tageszeitung abonniert?“. Die Antworten auf
     diese Frage werden sehr reliabel sein, messen aber Zeitungslektüre nur sehr
     unzuverlässig (Kaufzeitungen, Lesehäufigkeit ungleich Abo).

  Eine Messung kann nicht valide sein, wenn sie nicht reliabel ist. Wenn die
     Messung immer andere Ergebnisse liefert, kann sie auch nicht messen, was
     sie soll.

  Beispiel: Wenn ein Codierer in einer Inhaltsanalyse bei demselben Film einmal
     Gewalt identifiziert, dann wieder nicht, dann misst diese Messung
     offensichtlich auch keine Gewalt.

  Aber: Bei ausreichender Reliabilität ist eher auf eine Steigerung der Validität Wert
     zu legen! Denn Reliabilität kann meist nur durch Beschränkung auf „harte“
     Indikatoren maximiert werden, was oft zu Lasten der Validität geht.

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   4.9 Modell der Indexbildung


                                       Konstrukt


            Indikator 1       Indikator 2       Indikator 3       Indikator 4



            Messung 1         Messung 2         Messung 3         Messung 4



                                       Index




Dr. Christoph Kuhlmann                                            Sommersemester 2006
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   4.10 Formen von Indizes

   Additiver Index:

   Die Werte der einzelnen Messungen werden addiert.
   Die Einzelwerte gehen unabhängig voneinander in den Index ein. Beispiel:
      Haushaltsausstattung

   Multiplikativer Index:
   Die Werte der verschiedenen Messungen werden miteinander multipliziert. Wenn
      die Einzelwerte den Wert 0 annehmen können, kann damit der Indexwert 0
      werden. Die Einzelwerte sind also abhängig voneinander. Beispiel: Sozialer
      Status

   Gewichteter Index:
   Die Werte gehen mit unterschiedlichem Gewicht in den Index ein.




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   4.11 Beispiel additiver Index

   Über welche Geräte verfügt Ihr Haushalt? Kreuzen Sie bitte an:
   F1: Telefon
   F2: Anrufbeantworter
   F3: Fernseher
   F4: Videorecorder
   F5: Hifi-Anlage
   F6: Geschirrspülmaschine
   F7: Computer
   F8: Drucker
   F9: Modem
   F10: Auto
   F11: Waschmaschine
   F12: Wäschetrockner                                 (Nein = 0, Ja = 1)

   einfach additiver Index:
   I = F1 + F2 + F3 + F4 + F5 + F6 + F7 + F8 + F9 + F10 + F11
   gewichtet additiv:
   I = F1 + F3 + F5 + F11 + 2 * (F2 + F4 + F6 + F7 + F9) + 3 * (F8 + F11) + 4 * F10.

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    4.12 Beispiel multiplikativer Index: Sozioökonomischer Status


                                      Berufsposition       Einkommen
               Bildungsabschluss      (auf 100er Skala)    netto

      0        Keinen                 1-14                 0-1000
      1        Hauptschule            15-28                1001-2000
      2        Qual. Hauptschule      29-42                2001-3000
      3        Mittlere Reife         43-58                3001-4000
      4        Fachabitur             59-72                4001-5000
      5        Abitur                 73-86                5001-6000
      6        Studium                87-100               >6000


      Multiplikativer Index:
      Index SÖS = Bildung * Beruf * Einkommen


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