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Umweltflchtlinge ohne Schutz

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Menschenrechte


Umweltflüchtlinge ohne Schutz
Eine Ergänzung des internationalen Flüchtlingsrechts ist notwendig

Das geltende Recht für Flüchtlinge zeigt große Lücken. Für neue Formen erzwungener Migration gibt es derzeit keine
Regeln zum Schutz der Betroffenen. Hier gilt es, vorhandene Konventionen kreativ für Umweltflüchtlinge zu nutzen. Die
Regierungen müssen gezwungen werden, sich endlich des Themas anzunehmen.  VON MAREI PELZER, PRO ASYL

                   Wissenschaftliche Un-               sche Menschenrechtskonvention (EMRK)            auf die Umweltflüchtlinge an, heißt dies:
tersuchungen weisen seit über 20 Jahren                berufen. Was würde passieren, wenn ein          Wirken sich Naturkatastrophen auf alle
darauf hin, dass Umweltschäden und Na-                 Umweltflüchtling, der zum Beispiel 2004         Anwohner einer Region aus, so spricht
turkatastrophen immer mehr Menschen                    vor dem Tsunami in Indien geflohen ist,         dies gegen eine Anwendung der GFK. Es
dazu zwingen, ihr Zuhause zu verlassen.                einen Antrag auf Schutz nach der GFK und        fehlt der diskriminierende Charakter der
Nach UN-Schätzungen werden in den                      der EMRK stellen würden?                        Umweltzerstörung. Von dieser grundsätz-
kommenden Jahren mehr als 50 Millionen                                                                 lichen Einordnung sind allerdings auch
Menschen aufgrund von Wüstenbildun-                    Genfer Flüchtlingskonvention                    Ausnahmen denkbar. Wenn nämlich bei
gen, Überschwemmungen oder anderen                                                                     Naturkatastrophen nur bestimmten Bevöl-
ökologischen Katastrophen ihre Heimat                  Die Genfer Flüchtlingskonvention wurde          kerungsgruppen von Staats wegen Schutz
verlassen. Trotz der alarmierenden Aus-                1951 geschaffen als Reaktion auf die Bar-       oder Hilfen gewährt werden und anderen
weitung der Fluchtursachen ist eine ernst              barei des Nationalsozialismus und das           nicht, so kann dieses staatliche Verhalten
zu nehmende Initiative zur völkerrecht-                Versagen der internationalen Weltge-            durchaus eine Verfolgung im Sinne der
lichen Anerkennung dieser erzwunge-                    meinschaft, den Verfolgten umfänglichen         GFK darstellen.
                                                       Schutz zu bieten. Im Zentrum der GFK
                                                       steht die Definition des Flüchtlingsbegriffs.   Beispiel Tsunami-Flüchtling
    „ihr sollt wissen, dass kein mensch illegal ist.   Ist eine Person demnach als „Flüchtling“
    Das ist ein widerspruch in sich. menschen          zu bezeichen, so hat sie einen Rechtsan-        Das hypothetische Beispiel des indischen
    können schön sein oder noch schöner. Sie           spruch darauf, nicht in den Verfolgerstaat      Staatsangehörigen, der 2004 vor dem Tsu-
    können gerecht sein oder ungerecht. Aber           abgeschoben zu werden. Erreicht sie die         nami geflohen ist und einen Asylantrag in
    illegal? wie kann ein mensch illegal sein?“        Grenze eines Aufnahmestaates, so darf sie       Europa stellt, kann hierfür ein Beispiel bie-
                                                       nicht abgewiesen werden.                        ten. Denn zahlreiche Hilfsorganisationen
    elie wiesel, friedensnobelpreisträger                  Als GFK-Flüchtlinge werden bei Wei-         berichteten nach dem Tsunami 2004, dass
                                                       tem nicht nur politische Oppositionelle         in Indien Angehörige der Dalit, der Kaste
                                                       oder Menschen, die aus rassistischen Grün-      der „Unberührbaren“, durch den indischen
nen Migrationsformen nicht erkennbar.                  den verfolgt werden, verstanden. Neben          Staat weniger Hilfe bekamen oder ganz von
Nur zaghaft hat sich eine Debatte unter                diesen Gründen werden auch religiös oder        Hilfsleistungen ausgeschlossen wurden.
Völkerrechtlern darüber entwickelt, ob                 nationalistisch motivierte Verfolgungs-         Gleichzeitig erhielten Fischergemeinden
es neuer Abkommen bedarf, um die Be-                   gründe anerkannt. Geschlechtsspezifische        höherstehender Kasten Hilfsleistungen.
troffenen als „Environmentally Displaced               Verfolgung ist zwar nicht ausdrücklich in       Bestimmte Bevölkerungsteile wurden also
Persons“ (EDPs) zu schützen. Ein solches               der GFK aufgeführt, sie wird allerdings von     auf diskriminierende Weise von staatli-
Abkommen würde eine sinnvolle Ergän-                   der Rechtsprechung als Verfolgung wegen         chen Hilfsmaßnahmen ausgeschlossen. Im
zung der Genfer Flüchtlingskonvention                  „Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozia-       Sinne der GFK stellen die Angehörigen der
(GFK) bedeuten, um diese relativ neuen                 len Gruppe“ erfasst.                            Dalit eine bestimmte soziale Gruppe dar.
Formen erzwungener Migration anzuer-                       Für das Flüchtlingsrecht ist es also        Die unterlassene oder mangelhafte Hilfe-
kennen. Solange ein spezielles Abkommen                charakteristisch, dass eine Verfolgung aus      leistung kann völkerrechtlich als Verfol-
zum Schutz von Umweltflüchtlingen fehlt,               diskriminierenden Motiven heraus erfolgt.       gungshandlung gewertet werden.
sollten bestehende völkerrechtliche Kon-               Handelt es sich um eine „bestimmte sozi-            Theoretisch könnte die GFK also auch
ventionen dahingehend überprüft werden,                ale Gruppe“, so muss sie als diskriminier-      für Umweltflüchtlinge in speziellen Kon-
ob sie Lösungsansätze bieten. Flüchtlinge              te Gruppe aus der übrigen Bevölkerung           stellationen fruchtbar gemacht werden.
können sich in Europa auf die Genfer                   herausstechen und besondere Nachteile           Keine Ansätze bietet sie allerdings, wenn
Flüchtlingskonvention und die Europäi-                 erfahren. Wendet man dieses Erfordernis         die Flucht die unmittelbare Reaktion auf


umwelt aktuell Dezember 2008/Januar 2009                                                                                                               29
            Spezial          Umweltflüchtlinge




     eine Naturkatastrophe darstellt. Fliehen             Gerichtshof für Menschenrechte hatte            Umweltflüchtlinge sind meist
     alle AnwohnerInnen einer Region vor                  zwar bislang noch in keinem Fall einen          Binnenflüchtlinge
     Überschwemmungen oder Erdbeben in ein                solchen Sachverhalt zu beurteilen. Aller-
     anderes Land, so haben sie keine Chance              dings kann man Parallelen ziehen zu den         Ein weiterer Grund dafür, dass Umwelt-
     auf Anerkennung als Flüchtlinge im Sinne             Urteilen, in denen es um die Vernichtung        flüchtlinge keinen internationalen Schutz-
     der GFK.                                             ganzer Dörfer durch staatliche Sicherheits-     status erhalten, ist der Umstand, dass sie
                                                          kräfte ging. Vergleichbare Auswirkungen         sehr häufig die Grenze ihres Landes nicht
     europäische Menschenrechtskonvention                 auf das Leben der Menschen haben um-            überschreiten. Sie sind Binnenflüchtlinge,
                                                          weltbedingte Zerstörungen. Neben diesem         bei denen ein rechtlicher Schutz durch die
     Ebenso wie die GFK bietet auch die Eu-               Ansatz wäre es ebenfalls denkbar, die aus       internationale Staatengemeinschaft nicht
     ropäische Menschenrechtskonvention                   den Naturkatastrophen folgenden Gesund-         gewährleistet wird. Eine Ausweitung des
     einen Schutz vor Abschiebung, wenn dem               heitsgefährdungen als Anknüpfungspunkt          internationalen Schutzes auf Binnenflücht-
     Betroffenen die Verletzung bestimmter                für den Schutzanspruch zu nehmen. Nicht         linge wäre deswegen notwendig.
     Menschenrechte im Herkunftsland dro-                 ausgeschlossen wäre außerdem, die Recht-           Festzuhalten bleibt also: Die internatio-
     hen. Anders als die GFK fragt die EMRK               sprechung zum Schutz der Privatsphäre           nale Staatengemeinschaft sollte anerken-
     allerdings nicht nach einem diskriminie-             (Artikel 8) auf die Situation einer zerstör-    nen, dass es jenseits der Flüchtlingsdefini-
     renden Verhalten des Staates. Für Umwelt-            ten Umwelt zu übertragen.                       tion der GFK neue Formen der erzwun-
     flüchtlinge, bei denen der Nachweis einer               Diese Hinweise sollen verdeutlichen,         genen Migration gibt. Dafür und um die
     unterschiedlichen Behandlung in der Regel            dass das Flüchtlingsrecht und die euro-         betroffenen Menschen mit individuellen
     schwerfällt, ist dies erst einmal von Vorteil.       päischen Menschenrechte sich kreativ für        Rechten auszustatten, bedarf es einer
     Allerdings wird ein menschenrechtlicher              Umweltflüchtlinge fruchtbar machen las-         neuen internationalen Konvention zum
     Abschiebungsschutz nur bei besonders                 sen könnten. Dass dies in der Praxis heut-      Schutz von Umweltflüchtlingen.
     gravierenden Eingriffen gewährt: Die                 zutage jedoch nicht geschieht, ist gleich-
     EMRK bietet Schutz bei drohender Fol-                zeitig Symptom für die Schwäche dieser          Die Juristin marei Pelzer ist rechtpolitische Referentin
     ter sowie unmenschlicher oder ernied-                Strategie. Die rechtlichen Argumente sind         bei der flüchtlingsorgani-
     rigender Behandlung (Artikel 3) und bei              kompliziert, da weder GFK noch EMRK              sation Pro Asyl in frankfurt
     schwerwiegenden Verletzungen anderer                 ausdrücklich die Folgen von Umweltzer-                              am main.
     EMRK-Rechte.                                         störung als Menschenrechtsverletzung
         Rechtlich wäre es durchaus vertretbar,           anerkennen. Die GFK ist zugleich wegen                             Kontakt:
     die Zerstörung der Lebensgrundlage als               ihrer einschränkenden Diskriminierungs-            tel. +49 (0)69 / 230688,
     unmenschliche oder erniedrigende Be-                 merkmale oftmals nicht passend für Um-              e-mail: mp@proasyl.de,
     handlung zu bewerten. Der Europäische                weltflüchtlinge.                                           www.proasyl.de




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                                                      FÜR WISSENSCHAFT UND GESELLSCHAFT
                                      ist eine transdisziplinäre Zeitschrift für Wissenschaftler und
                                 Wissenschaftsinteressierte, die sich mit Hintergründen, Analysen
                             und Lösungen von Umwelt- und Nachhaltigkeitsproblemen befassen.




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                                                                                             Umweltflüchtlinge           Spezial




Europäische Außenpolitik


Klimaflüchtlinge als „Sicherheitsproblem“
Nicht den Ursachen des Klimawandels sagt Europa den Kampf an, sondern seinen Folgen

Die Klimakatastrophe wird viele Millionen Menschen in die Flucht treiben. Die EU-Kommission warnt in einem Bericht vor
„wachsendem Migrationsdruck“, was auf eine weitere Militarisierung von Europas Südgrenzen hindeutet. Kein Thema
sind dagegen die Gründe für die Klimakrise und die Verantwortung der Industrieländer.  VON WOLFGANG POMREHN

                     „Die Risiken des Kli-    dung, Wasserversorgung und Ähnlichem.        nicht erwähnt. In den meisten Staaten sind
mawandels sind real und seine ersten          Detaillierter und ausführlicher wird das     Städte und Dörfer an den Küsten durch
Auswirkungen sind bereits festzustellen.“     Papier hingegen, wo es um diese „euro-       den steigenden Meeresspiegel in Gefahr,
Mit diesen nüchternen, aber aufrüttelnden     päischen Interessen“ geht. Anders ist es     und das ist alles andere als eine Kleinig-
Worten beginnt ein Bericht, den Anfang        wohl auch nicht von Solana zu erwarten,      keit: Ein Fünftel der Menschheit lebt in
März 2008 die EU-Kommission vorlegte.         der einst als Nato-Generalsekretär für den   den Küstenregionen und manche sind, wie
Doch wer erwarten würde, dass nach dieser     Jugoslawienkrieg mitverantwortlich war.      das Nildelta oder das Mündungsgebiet des
alarmierenden Warnung die europäische         Ausdrücklich wird vor wachsenden in-         Ganges in Bangladesch, gefährlich niedrig.
Automobilindustrie mit ihren überdimen-       ternationalen Spannungen aufgrund von        Einigen Inselstaaten droht gar der vollstän-
sionierten Spritschleudern an die Kandare     Nahrungsmittelknappheit und Ressour-         dige Untergang.
genommen oder ein sofortiger Baustopp         cenkonkurrenz gewarnt, und die Antwort
für neue Kohlekraftwerke gefordert würde,     darauf hat aus Sicht der EU-Kommission       Überfüllte Haftanstalten in Nordafrika
der sollte zunächst nach dem Autor fra-       zumeist auch eine militärische Kompo-
gen. Das Papier wurde nämlich nicht unter     nente.                                       Das Kommissionspapier weist auf all das
der Ägide des Umweltkommissars Stavros           Das ist besonders alarmierend, wo es      richtigerweise hin, fragt jedoch nicht nach
Dimas verfasst. Es stammt vielmehr aus        um die Aufteilung der Ansprüche in der       der Verantwortung, stellt zum Beispiel
dem Hause des Hohen Vertreters für die        Arktis geht. Dort haben alle Anrainer mit    nicht die Frage, wer die Klimaflüchtlin-
Gemeinsame Außen- und Sicherheitspo-          ihren jeweiligen Nachbarn Grenzstreitig-     ge aufnehmen soll, wer den Inselstaaten
litik der Union, Javier Solana, und für den   keiten, auch zum Beispiel das EU-Mitglied    einen Ersatz für ihr verlorenes Territori-
ist der Klimawandel vor allem ein „Sicher-    Dänemark mit Kanada. Bisher spielten         um gibt. Stattdessen ist vom „wachsenden
heitsproblem“.                                diese keine nennenswerte Rolle, aber das     Migrationsdruck“ auf Europa die Rede.
                                              wird sich in den nächsten Jahren ändern,     An der aktuellen Anti-Flüchtlingspolitik
Nahrungsmittelknappheit und                   wenn das Meereis weiter zurückgeht und       der europäischen Regierungen lässt sich
Ressourcenkonflikte                           die vermutlich reichen Erdöllagerstätten     ohne Weiteres ablesen, welche Antworten
                                              vor den Küsten Sibiriens und Nordame-        Solana und der Kommission vorschweben:
„Es ist wichtig festzustellen“, heißt es in   rikas zugänglich werden.                     weitere Militarisierung an den südlichen
dem Solana-Papier, „dass die Risiken (des                                                  Grenzen sowie Ausbau der Zusammenar-
Klimawandels) nicht nur humanitärer           Gefahren ausführlich beschrieben,            beit mit Nachbarstaaten, damit diese, wie
Natur sind, sie schließen auch politische     Ursachen verdrängt                           zum Beispiel Libyen, den Europäern die
und Sicherheitsrisiken ein, die direkte                                                    schmutzige Arbeit abnehmen.
Auswirkungen auf europäische Interessen       Bemerkenswert ist, dass das Papier relativ       Die internationale Organisation Fort-
haben.“ Von den ersteren ist im Weiteren      ausführlich und konkret die Gefahren be-     ress Europe, die seit Jahren gegen die
nur hier und da in sehr allgemeiner Form      schreibt, die vor allem den ärmeren Län-     mörderischen Zustände an den EU-Au-
die Rede, etwa wenn erwähnt wird, dass        dern in Afrika, der Karibik und in weiten    ßengrenzen Sturm läuft, hat im November
das Erreichen der UN-Millenniumsziele         Teilen Asiens drohen. So wird der ganze      2007 einen Bericht über Haftanstalten für
durch den Klimawandel erschwert, wenn         Mittelmeerraum zum Beispiel unter erheb-     Migranten in Libyen erstellt. 20 davon gebe
nicht gar unmöglich wird. Diese Ziele hatte   licher Verknappung der Süßwasservorräte      es, drei davon finanziert mit italienischem
die UNO im Jahr 2000 auf einer viel be-       zu leiden haben. Je länger mit der Reduk-    Geld. Die Inhaftierten würden entweder
achteten Generalversammlung verabschie-       tion der Treibhausgasemissionen gewar-       im Land aufgegriffen oder aus EU-Staaten
det. Sie enthalten konkrete Zielvorgaben      tet wird, desto schwerwiegender wird der     nach Libyen abgeschoben. Die Autorinnen
zur Bekämpfung von Armut und Hunger           Wassermangel werden – ein Zusammen-          und Autoren zitieren einen ehemaligen In-
sowie zur Verbesserung von Grundbil-          hang, den das Solana-Papier allerdings       sassen des Gefängnisses in Kufrah, das im


umwelt aktuell Dezember 2008/Januar 2009                                                                                                  31
            Spezial               Umweltflüchtlinge




     Südosten Libyens, tief in der Wüste, liegt:             kal ändert und nicht für die Schäden auf-            Ländern, die nicht willens oder nicht in der
     „Wir waren mindestens 700 bis 100 Äthio-                kommt, die Europas Industrialisierung in             Lage sind, ihre Bürgerinnen und Bürger zu
     pier, 200 Eritreer und 400 Sudanesen. Wir               Form des Klimawandels anderswo anrich-               schützen. Welche dramatischen Ausmaße
     schliefen auf dem Boden, einer über dem                 tet.                                                 das selbst in einem der reichsten Staaten
     anderen, weil es keinen Platz gab. Wir aßen                                                                  annehmen kann, konnte die Weltöffent-
     einmal am Tag: 20 Gramm Reis und eine                   Vertrieben im eigenen land – ohne                    lichkeit im August 2005 verfolgen, als der
     Brotstange, gegen Bezahlung.“ Die Zellen                aussicht auf Hilfe                                   Hurrikan Katrina New Orleans traf. Die
     seien etwa 48 bis 50 Quadratmeter groß                                                                       Mehrzahl der Katrina-Opfer lebt heute
     und mit 20 bis 78 Gefangenen belegt.                    Die Hilfsorganisation Christian Aid schätzt          über verschiedene US-Bundesstaaten ver-
         Zum Teil müssen die Insassen mona-                  in einem im Mai 2007 veröffentlichten                streut, und ihre Rückkehr scheitert nicht
     telang ohne Ausgang in diesen Löchern                   Bericht, dass bis 2050 eine Milliarde Men-           am Verlust von Land, sondern an man-
     leben, die tagsüber unerträglich heiß und               schen durch die Folgen der Klimaverän-               gelnder Unterstützung. In anderen Fällen
     nachts oft empfindlich kalt sind, verseucht             derungen zum Verlassen ihrer jeweiligen              wird jedoch künftig definitiv Land verloren
     mit Krätze, Läusen und Tuberkulose. Aber                Heimat gezwungen werden könnte. Die                  gehen und die betroffenen Staaten werden
     das wird erst der Anfang sein, wenn die                 meisten davon würden zu sogenannten                  nicht mehr in der Lage sein, ihre Bürger
     EU ihre Einwanderungspolitik nicht radi-                Binnenflüchtlingen werden, und zwar in               anderweitig unterzubringen.

                                                                                                                  Die Verursacher zur Kasse bitten
                                                                                                                  Zum Beispiel Bangladesch: Eine Green-
        Klimawandel stellt Katastrophenhilfe vor neue aufgaben                                                    peace-Studie geht davon aus, dass aus
                                                                                                                  den tief liegenden, aber dicht besiedelten
        Der Klimawandel verändert die gesamte humani-         Die beiden Organisationen haben in der Katastro-    Küstenregionen 75 Millionen, rund die
        täre hilfe. Darauf haben caritas international und    phenhilfe und -vorsorge erfahrung. Sie verfügen     Hälfte der Landesbevölkerung, durch den
        Diakonie Katastrophenhilfe auf einer gemeinsam        in den vom Klimawandel bedrohten Regionen           Anstieg des Meeresspiegels und durch
        veranstalteten Klimakonferenz „Klimawandel            über ein netz von Partnerorganisationen, deren      tropische Stürme vertrieben werden könn-
        und Katastrophenvorsorge“ im vergangenen              mitarbeitende in der Regel aus der lokalen Bevöl-   ten. Diese würden wohl kaum in anderen
        februar hingewiesen. Die häufigkeit und inten-        kerung kommen, die die lebensumstände und           Teilen Bangladeschs eine menschenwür-
        sität von klimabedingten überschwemmungen,            Probleme der menschen aus nächster nähe ken-        dige Unterkunft finden und müssten in
        Dürren und erdrutschen nehme jährlich zu und          nen und mit ihnen gemeinsam Art und Umfang          den Nachbarländern angesiedelt werden.
        habe sich in den vergangenen 20 Jahren ver-           der benötigten hilfe bestimmen können.              Spannungen sind absehbar und werden
        doppelt.                                                                                                  nur dann im Rahmen gehalten werden
                                                              caritas international und Diakonie Katastro-        können, wenn es gelingt, die in den In-
        Die beiden christlichen hilfswerke verständigten      phenhilfe wollen in Zukunft auf fachlich-wissen-    dustriestaaten sitzenden Verursacher der
        sich auf eine engere Zusammenarbeit. Durch            schaftlichem gebiet zusammenarbeiten sowie          Misere für die angerichteten Schäden zur
        Anpassung an den Klimawandel könnten Schä-            gemeinsam Klimaschutz- und Klimapräven-             Kasse zu bitten.
        den verhindert werden. Besonders auf nothilfe-        tionsprojekte durchführen, Partner schulen und
        organisationen, die bereits im Bereich der Kata-      sie zum gegenseitigen Austausch zusammen-           erstabdruck in: Der Schlepper, Quartalsmagazin für migration
                                                                                                                  und flüchtlingssolidarität in Schleswig-holstein, nr. 43, früh-
        strophenvorsorge aktiv seien, komme daher in          bringen. Angesichts der von wissenschaftlern        jahr 2008. herausgeber: flüchtlingsrat Schleswig-holstein e.V.,
        Zukunft eine Schlüsselrolle zu. „Unsere Partner in    prognostizierten Zunahme von klimabedingten         Kiel, tel. +49 (0)431 / 735000, fax 736077, www.frsh.de.
        den entwicklungsländern fragen uns, was wir im        Katastrophen sei eine Bündelung der Kräfte
        norden als hauptverursacher des Klimawandels          wichtig, um der größe der herausforderung zu             wolfgang Pomrehn studierte meteorologie und
        dafür tun, die treibhausgase zu reduzieren und        begegnen. „wir dürfen mit maßnahmen der               geophysik. er arbeitet als freier Journalist und Autor
        für die Schäden unseres handelns aufzukom-            Katastrophenvorsorge nicht länger warten, wenn           in Berlin, unter anderem bei wir-klimaretter.de.
        men“, erklärten Oliver müller, leiter von caritas     wir nicht gefahr laufen wollen, dass es zu spät            2007 erschien von ihm „heiße Zeiten. wie der
        international, und cornelia füllkrug-weitzel,         ist“, appellierten füllkrug-weitzel und müller.          Klimawandel gestoppt
        Direktorin der Diakonie Katastrophenhilfe. „es                                                   [mb]                   werden kann“.
        geht deshalb nicht mehr allein um Barmherzig-
        keit und nächstenliebe, sondern auch um unsere        X   www.diakonie-katastrophenhilfe.de/
        Verpflichtung zur Schadensbegrenzung und um               tagung                                                          Kontakt:
        gerechtigkeit, das heißt um Kompensation für          X   www.caritas-international.de/                                    e-mail:
        Schäden, die von uns verursacht worden sind.“             klimakonferenz                                     wpomrehn@gaarden.de,
                                                                                                                   www.wolfgangpomrehn.de


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                                                                                               Umweltflüchtlinge           Spezial




Europäische Fischereipolitik


Fischern steht das Wasser bis zum Hals
Überfischung und Klimawandel gefährden die Existenz der KüstenbewohnerInnen Westafrikas

Die Jagd ihrer Regierungen nach Devisen gefährdet die Ernährungsgrundlage der Fischer an Westafrikas Küsten. Der Kli-
mawandel beeinträchtigt zudem die Sicherheit auf See. Und statt zum Fischen zu fahren, treten immer mehr Menschen
in ihren winzigen Booten den lebensgefährlichen Fluchtweg nach Europa an.  VON BEATRICE GOREZ, CFFA

                    Anfang 2008 erklärten      nach Nahrung und Arbeit bis an die Küs-        Traditionelle Fischer finden immer we-
UN-Offizielle, dass „die weltweit größten      ten. So bestehen in Senegal große Teile der    niger Arbeit, werden mittellos und sehen
kommerziell genutzten Fischbestände in-        Fischerdörfer aus diesen „Newcomern der        keine Alternative als die Flucht aus ihrer
nerhalb von Jahrzehnten zusammenbre-           80er-Jahre“, die damals mit dem Fischfang      Heimat. Wüstenbildung an Land drängte
chen könnten, wobei die globale Erwär-         begannen. Dies ist eine der Ursachen für       Menschen in die Fischerei, Wüstenbildung
mung die Auswirkungen von Verschmut-           den Boom des Fischereihandwerks, aber          im Meer treibt sie nun von dort weg.
zung und Überfischung noch verschlim-          auch für immer stärkere Auswirkungen
mert“. Einige Menschen müssen nicht so         der Fischerei auf die Ressourcen.              Devisen statt ernährungssicherheit
lange warten: Die vom Fischfang lebenden          Interessant ist, dass die Ankunft der
Gemeinden in den Entwicklungsländern           Neuankömmlinge in den senegalesischen          Warum aber öffnen die Subsaharaländer
zollen den Auswirkungen dieser Umwelt-         Fischerdörfern Ende der 80er-Jahre mit         weiter ihre Gewässer für ausländische Flot-
veränderungen bereits jetzt ihren Tribut.      der Unterzeichnung des ersten „Cash-for-       ten, statt sie zu schützen und ihren wach-
                                               Access“-Fischereiabkommens zwischen            senden kleinen Fischereisektor zu regulie-
Barcelona oder der Tod                         den AKP-Staaten (Afrika, Karibik und           ren, der eine Quelle für lokale Nahrungs-
                                               Pazifik) und der Europäischen Union zu-        mittel, Einnahmen und Arbeit für viele
In Europa gehören die Bilder von bunten,       sammenfiel. Das erste solche Abkommen          Menschen ist? Die Antwort: Devisen.
hölzernen Kanus, beladen mit verzweifel-       wurde 1987 mit Senegal unterzeichnet und           Seit mehr als 20 Jahren verkaufen die
ten Männern, Frauen und Kindern, die           beinhaltete die Öffnung des Landes als         von Armut heimgesuchten Länder Fische-
hoffen, ihrem westafrikanischen Alptraum       Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ)          reilizenzen an die EU und an asiatische
zu entkommen, zu den schmerzlichsten           für europäische Flotten.                       Flotten, weil sie die staatlichen Einnah-
Bildern der letzten Jahre. Die Schande,                                                       men weiter steigern wollen. Mauretanien
nicht in der Lage zu sein die eigene Familie   „Boot aus der Hölle“                           hat für das letzte EU-Fischereiabkommen
zu unterstützen, Arbeitslosigkeit, fehlen-                                                    86 Millionen Euro pro Jahr erhalten. Das
de Einnahmen und Mangel an Nahrung             Seitdem stehen die westafrikanischen Ge-       scheint für viele Entscheidungsträger die
treiben sie an. „Barca wala barsak“ ist ihr    wässer von zwei Seiten unter Druck. Zum        einfachste Methode, die dringend benötig-
Motto – „Barcelona oder der Tod“ auf           einen durch wachsende lokale Fische-           ten Devisen in das System zu bringen. Aber
Wolof, einer Sprache, die vor allem in Se-     reihandwerksflotten und zum anderen            für diese kurzfristigen Vorteile zahlen die
negal gesprochen wird. Tatsächlich haben       durch industrielle Fangflotten aus Europa      verwundbaren Fischerdörfer einen hohen
viele bei dem Versuch, die Gewässer zwi-       und Asien, die immer gieriger werden.          Preis. Viele Menschen werden zur Mi-
schen Afrika und Europa zu überqueren,         Die meisten dieser ausländischen Flot-         gration gezwungen und die Ernährungs-
den Tod gefunden.                              ten wenden Fangpraktiken an, die vom           sicherheit ist bedroht. Einst eine billige
    Vom Fischfang lebende Menschen aus         Standpunkt der Nachhaltigkeit aus frag-        Proteinquelle für die Armen, werden die
Westafrika sind sehr oft Beteiligte an der     würdig sind, zum Beispiel Schleppnetze         Fische auf den lokalen Märkten in Afrika
Migration(1), entweder als Exilsuchende        oder Monogarn-Kiemennetze. Das größ-           immer teurer. Sogar die billigsten Sardinen
oder als Organisatoren dieser gefährlichen     te EU-Schiff, von den westafrikanischen        sind nun ein Gericht für besondere Anlässe
Reisen. Einer der Hauptgründe für ihre         Fischern „Boot aus der Hölle“ getauft, war     statt ein tägliches Grundnahrungsmittel.
Flucht sind die schwindenden Fischbestän-      150 Meter lang und seine Schleppnetze fin-         Viele der arbeitsuchenden Fischer, die
de. Zu viele Fischer haben für zu lange Zeit   gen mehr als 300 Tonnen Fisch pro Tag.         Westafrika verlassen haben, finden ironi-
Jagd auf zu wenig Fisch gemacht. Ende der      Das ist mehr als viele lokale Boote in einem   scherweise einen Arbeitsplatz auf den glei-
1980er-Jahre trieb zudem eine Reihe von        Jahr fangen könnten.                           chen spanischen Trawlern, die ihnen letzt-
Dürren hungernde Menschen aus dem                 Der kombinierte Druck hat die Fisch-        lich die Lebensgrundlage geraubt haben.
Inland südlich der Sahara auf der Suche        bestände zur Erschöpfung gebracht.                 2007 haben Spanien, Senegal und einige


umwelt aktuell Dezember 2008/Januar 2009                                                                                                    33
            Spezial          Umweltflüchtlinge




     andere afrikanische Länder ein Koopera-         anteil von ausländischen Flotten gefangen      te Raubbau an den Ressourcen, von denen
     tionsabkommen zum Kampf gegen illegale          wird, werden die Auswirkungen des Kli-         ihre Lebensgrundlagen abhängen, vergrö-
     Migration unterzeichnet. Es beinhaltet die      mawandels für die Küstenbevölkerung            ßert die Intensität, mit der sie den Schock
     Ausbildung von rund 3.000 Fischern für          bald stark spürbar sein. Die Veränderun-       spüren werden.
     die Arbeit auf solchen EU-Industrieboo-         gen haben schon begonnen: Die Fischer
     ten. Außerdem schließt die Vereinbarung         sind auf der Suche nach Fisch gezwungen,       Anmerkung
     das Angebot einer bestimmten Menge an           mit ihren kleinen Pirogen immer weiter
                                                                                                    X (1) niasse, m. l. (2007): l‘europe ou la mort. les pêcheurs et
     Fanglizenzen für spanische Trawler ein,         aufs Meer hinauszufahren. Viele der für
                                                                                                        l‘émigration au Sénégal.
     sodass diese in den bereits überfischten        die Küstenschifffahrt gebauten Pirogen             www.peche-dev.org/pages/publications.html
     Gewässern weiter Fischfang betreiben            fischen jetzt bis zu 200 Seemeilen weit von
     können. Es ist zweifelhaft, ob eine solche      der Küste entfernt, wo sie sehr anfällig für   Aus dem englischen übersetzt von Katja Jüngling.
     Vereinbarung langfristig die Ursache für        Unfälle sind. Die steigenden Wassertem-
     die illegale Migration nach Europa – die        peraturen wirken sich auf die Strömungen            Die Biologin Béatrice gorez arbeitet seit 15 Jahren
     übermäßige Ausbeutung der afrikanischen         und die Windstärke aus. In Guinea haben         für die Vereinigung für faire
     Meeresressourcen – beheben kann.                Fischer festgestellt, dass die Winde und         fischereiabkommen (cffA)
                                                     Gezeiten immer stärker werden und die Si-                          in Brüssel.
     Klimaschock nur eine Frage der zeit             cherheit beim Fischfang beeinträchtigen.
                                                         Es besteht kein Zweifel daran, dass der                        Kontakt:
     In einer Situation, in der die meisten Fisch-   Klimawandel Auswirkungen auf das Leben            tel. +32 (0)2 / 6525201,
     bestände der afrikanischen Küstenstaaten        der Fischer haben wird. Aber der auch          e-mail: cffa.cape@scarlet.be,
     mehr als ausgeschöpft sind und der Löwen-       durch die EU-Seefahrzeuge herbeigeführ-                  www.cape-cffa.org


     Nahrungsmittelversorgung


     Der Klimawandel leert die Teller
     Subsistenz- und Kleinbauern im Süden sind von der Klimakatastrophe direkt bedroht

     Der Klimawandel kommt und heimatlose Eisbären haben unsere Sympathie. Weniger Aufmerksamkeit bekommen Millio-
     nen Menschen in Entwicklungsländern, die ihre Ernährungsgrundlage verlieren. Etwa in Bangladesch und Mosambik, wo
     die meisten Menschen in küstennahen Gebieten leben und von der Landwirtschaft abhängig sind.  VON TOBIAS BAUER

                          Der Klimawandel be-        um bis zu 50 Prozent sinken werden. Da die     gen und Wirbelstürme werden zunehmen
     herrscht die öffentliche Debatte: schmel-       Welternährungsorganisation FAO davon           und Beginn, Dauer und Häufigkeit des
     zende Gletscher, heimatlose Eisbären,           ausgeht, dass 95 Prozent der Landwirt-         Nahrungsmittelanbaus werden sich verän-
     der Beitrag des Menschen an der Verän-          schaft in Afrika vom Regen abhängen, sind      dern. Die Folgen sind eine Verringerung
     derung der globalen Lebensgrundlagen.           die Konsequenzen überdeutlich: Millionen       des Nahrungsangebots und die stärkere
     Eine drastische Konsequenz der globalen         Menschen werden durch den Klimawandel          Verbreitung chronischen Hungers. Erste
     Erwärmung bleibt jedoch in vielen po-           ihre Ernährungsgrundlage verlieren. Das        Entwicklungen in diese Richtung waren
     litischen Kommentaren unterbelichtet:           erste der Millenium-Entwicklungsziele der      bereits zu beobachten. In Mauretanien,
     die Auswirkungen des Klimawandels auf           UN, die Halbierung des Anteils der Hun-        Senegal, Haiti und Burkina Faso gab es
     die Menschen in den Entwicklungslän-            gernden in der Welt bis 2015, ist nicht zu     Unruhen, da sich die arme Mehrheit der
     dern, mithin die Ärmsten der Armen.             erreichen. Zumindest nicht mit den der-        Bevölkerung ihr Essen nicht mehr leisten
         Am 28. März gab der Menschenrechts-         zeitigen Maßnahmen – auch nicht mit den        kann.
     rat der Vereinten Nationen bekannt, dass        Programmen, die seit Beginn der Welter-           Eine weitere Auswirkung des Klima-
     die Folgen der Erderwärmung das Recht           nährungskrise angeschoben wurden.              wandels: Wegen des steigenden Anteils
     auf Leben in Küstengebieten und anderen             Die Halbierung des Hungers wäre            von Kohlendioxid in der Luft wachsen
     Regionen gefährdeten. Er berief sich unter      schon ohne Klimawandel ein ehrgeiziges         die Pflanzen zwar schneller, sind aber
     anderem auf den Bericht des Weltklima-          Ziel. Doch nun wird die landwirtschaft-        weniger proteinreich, sodass ihr Nähr-
     rates IPCC, wonach die Ernten der vom           liche Produktion sinken, klimaabhängige        wert sinkt, wie etwa beim Weizen. Auch
     Regen abhängigen Landwirtschaft bis 2020        Naturkatastrophen wie Überschwemmun-           andere Effekte der globalen Erwärmung


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                                                                                                         Umweltflüchtlinge                   Spezial




wie die Ausdehnung des Verbreitungsge-
biets der gefürchteten Tsetsefliege werden      Die industriestaaten müssen Verantwortung übernehmen
Konsequenzen für die Lebensweise und
die Ernährung von Millionen Menschen            Der hohe flüchtlingskommissar der Vereinten natio-     stärkt mechanismen, die zu Unsicherheit und gewalt
in Afrika haben.                                nen António guterres hat es schon vor einem Jahr       führen. wenn der Klimaschutz jetzt scheitere und die
                                                deutlich gesagt: Die welt wird in Zukunft neue und     Begrenzung des temperaturanstiegs auf zwei grad
Böden sind nur an der Küste fruchtbar           komplexere formen von flucht, Vertreibung und          nicht möglich sei, werde sich die Politik auf klimabe-
                                                migration erleben. Ohne eingreifende maßnahmen         dingte Konflikte vorbereiten müssen.
Besonders betroffen sind wegen ihrer            werden Klimawandel, Umweltverschmutzung und
schwachen sozioökonomischen Infra-              naturkatastrophen das leben in vielen teilen der       Die gutachter warnen, dass die umweltverursachte
struktur und geografischen Lage Länder          erde unmöglich machen und Ressourcenkonflikte          migration nicht dauerhaft von der Politik ausge-
wie Mosambik oder Bangladesch. Die              heraufbeschwören.                                      blendet und zulasten der Betroffenen ignoriert
Böden sind meist nur in der Nähe der                                                                   werden dürfe. Sie stellen fest, dass bis heute weder
Küste oder von Flüssen fruchtbar, darum         Dabei gibt es Umweltflüchtlinge schon jetzt. Seit      spezifische Pflichten der Staaten in Bezug auf die
lebt dort ein Großteil der Bevölkerung.         20 Jahren weisen wissenschaftliche Studien darauf      Behandlung von Umweltflüchtlingen noch sonstige
Vier Fünftel der Mosambikaner leben auf         hin, dass sich hinter vielen migrationsprozessen und   rechtliche Schutzmechanismen existieren, weil der
dem Land und sind von der Landwirtschaft        fluchtbewegungen auch massive ökologische Pro-         geltende völkerrechtliche flüchtlingsbegriff der gen-
abhängig. Sie betreiben zum größten Teil        bleme verbergen. in Asylverfahren von flüchtlingen     fer flüchtlingskonvention auf sie keine Anwendung
Subsistenzwirtschaft, das heißt, sie bauen      werden diese jedoch bislang nicht als fluchtgründe     finde. nötig sei eine die Rechtstellung von Umwelt-
gerade genug Lebensmittel an, um sich           anerkannt:                                             migranten regelnde übergreifende Konvention.
selbst und ihre Familien zu ernähren. Und
auch das nicht immer, wenn zu viel oder         Viele von den folgen ökologischer Zerstörung           Das allerdings setzt einen sehr schnellen Bewusst-
zu wenig Regen fällt. In solchen Regionen       Betroffene bleiben bislang in ihrer herkunftsregion.   seinswandel voraus. Die entwicklungsländer sind
ist der Klimawandel besonders zu spüren:        Oft steht der Verlust der lokalen lebensgrundlage      aufgrund ehemaliger und teilweise noch aktueller
Schmelzende Polkappen führen zum An-            am Beginn eines längeren migrationsprozesses, der      Abhängigkeiten nicht nur ökonomisch unterent-
stieg des Meeresspiegels, wodurch einige        zunächst in die metropolen des herkunftslandes,        wickelt, sondern auch ökologisch fehlentwickelt.
der fruchtbarsten Gebiete in Küstennähe         dann erst in die nachbarstaaten führt. eher sche-      Armut und wachsende Bevölkerung engen die
wiederholt oder sogar dauerhaft über-           menhaft werden Umweltflüchtlinge bislang als die       möglichkeiten einer folgenbegrenzung ein. Die
schwemmt werden.                                zu versorgenden Opfer akuter Katastrophen wahrge-      Vernichtung landwirtschaftlicher nutzflächen und
    Die BewohnerInnen der Küste am Golf         nommen, die nach kurzer medialer Aufmerksamkeit        die Zerstörung der Bodenfruchtbarkeit sind in vie-
von Bengalen leiden bereits heute unter         aus der öffentlichen wahrnehmung verschwinden.         len Regionen der welt bereits weit fortgeschritten.
Überschwemmungen, wenn Wirbelstürme             erst durch die Beschleunigung des Verlustes der        Die ländliche Selbstversorgungswirtschaft mit
wie Sidr im November 2007 das Festland          natürlichen lebensgrundlage werden Umweltflücht-       einer Vielfalt von Produkten ist oftmals zerstört.
von Bangladesch mit Salzwasser überflu-         linge immer häufiger sichtbar.                         Die folgen der monokulturen sind längst sichtbar:
ten. Eine der wahrscheinlichsten Folgen                                                                überdüngung, Zerstörung des wasserhaushaltes,
des Klimawandels, die weltweite Zunah-          migrationsexperten aus Bangladesh fordern die Ver-     umweltbelastende folgen der Agrochemie usw. Die
me von Unwettern und Stürmen, hat hier          einten nationen und UnhcR auf, Pläne für den glo-      folgen der Umweltveränderung treffen diese Staaten
besonders schlimme Auswirkungen. Stu-           balen Umgang mit umweltbedingter migration zu          weitaus dramatischer als es die folgen von naturka-
dien zeigen, dass der Anstieg des Meeres-       entwickeln. ein pragmatischer experte aus Bangla-      tastrophen je könnten. Die reichen industriestaaten
spiegels Zehntausende Hektar Ackerland          desh schlägt vor, jedes land solle sich um einen       müssen sich zu ihrer Verantwortung bekennen und
unbrauchbar machen kann – auch durch            bestimmten Anteil der Klimaflüchtlinge kümmern         menschenrechtliche instrumente initiieren, die die
einen Anstieg des Salzgehalts im Boden.         und sie aufnehmen. Die Aufnahmequote sei von           Umweltflüchtlinge schützen.
Nachdem Sidr mit den Sundarbans den             der – aktuellen und früheren – menge der treib-
besten Schutzschild der Küstenbevölke-          hausgasemission des jeweiligen landes abhängig                              [Kommentar: Bernd Mesovic]
rung Bangladeschs weitgehend zerstört           zu machen.
hat, sickert jetzt immer mehr Salzwasser                                                                             Bernd Mesovic ist seit mehr als zwei
in diesen Mangrovenwald und die dahinter        im Jahr 2007 hat der wissenschaftliche Beirat globa-       Jahrzehnten mit Flüchtlingsthemen befasst.
liegenden Reisfelder ein.                       le Umweltveränderungen der Bundesregierung ein              er ist stellvertretender Geschäftsführer von
    In Mosambik ist dagegen besonders die       umfassendes gutachten mit dem titel „Sicherheits-                          pro asyl in Frankfurt am Main.
Umgebung der Hafenstadt Beira gefährdet.        risiko Klimawandel“ vorgelegt. es enthält dringliche
Beira liegt sehr tief und hat schon jetzt mit   empfehlungen an die politischen entscheidungsträ-                      Kontakt: Tel. +49 (0)69 / 230688,
Schäden an der Infrastruktur zu kämpfen.        ger. eine der zentralen thesen: Der Klimawandel ver-       e-Mail: proasyl@proasyl.de, www.proasyl.de
Das trifft auch die im Innern des Konti-


umwelt aktuell Dezember 2008/Januar 2009                                                                                                                        35
           Spezial          Umweltflüchtlinge




     nents gelegenen Länder, denn die zweit-        schen in Entwicklungsländern auf billi-       Verteilung der Nahrungsmittel viel besser
     größte Stadt Mosambiks ist der wichtigste      gere, nährstoffarme Nahrung ausweichen        organisiert werden. Wenn Millionen von
     Seehafen für die Nachbarstaaten Simbab-        oder schlicht die Zahl der Mahlzeiten         Subsistenzbauern in Lateinamerika, Afrika
     we und Malawi und einer der Hauptum-           reduzieren. Darunter auch viele Bauern:       und Asien wegen ausbleibender Regenfäl-
     schlagplätze für den Nahrungsmittelex-         Rund zwei Drittel müssen Nahrungsmit-         le und fortschreitender Bodendegradation
     und import an der ostafrikanischen Küste.      tel zukaufen.                                 ihre Lebensgrundlage verlieren, wird hu-
         Die küstenfernen Gebiete sind auch                                                       manitäre Hilfe allein kaum ausreichen, um
     ganz direkt betroffen. In Südasien und dem     Humanitäre Hilfe genügt nicht                 alle Umweltflüchtlinge zu versorgen, die
     Süden Afrikas werden Regenfälle insgesamt                                                    eine neue Heimat suchen. Nicht zu reden
     seltener, wodurch die Böden im Landesin-       Verschärft wird diese Entwicklung durch       von den BewohnerInnen städtischer Ge-
     nern trockener werden und Dürren öfter         stetig steigende Transportkosten sowie        biete, die sich ihr Essen nicht mehr leisten
     auftreten. Fällt dennoch Regen, dann aber      durch ein weiteres Problem: die zuneh-        können. Länder wie Bangladesch oder Mo-
     viel mehr als früher, die Böden können die     mende Verwendung von fruchtbaren              sambik, die schon heute große Probleme
     Feuchtigkeit nicht schnell genug aufneh-       Anbaugebieten und Nahrungsmitteln zur         mit der Ernährung, Bildung und gesund-
     men, die großen Flüsse überschwemmen           Produktion von Agrotreibstoffen. Nach         heitlichen Betreuung ihrer Bevölkerung
     weite Regionen. Dabei kann die oberste,        dem Ende jahrzehntelanger subventio-          haben, stellt der Klimawandel vor fast un-
     fruchtbarste Schicht des Bodens abgetra-       nierter Überschussproduktion in der eu-       lösbare Aufgaben.
     gen werden, wodurch sich die Qualität des      ropäischen und US-amerikanischen Land-
     Ackerlandes stetig verschlechtert.             wirtschaft wird nun verstärkt für die Ener-   Faire Handelsregeln für Nahrungsmittel
                                                    giebranche produziert: Die Erschöpfung
     Hochwasser zwingt Tausende zur Flucht          fossiler Treibstoffreserven ist nicht mehr    Hier müssen neue internationale Struktu-
                                                    zu leugnen, Kraftstoffe aus nachwachsen-      ren geschaffen werden. Frühwarnsysteme
     Die Folgen der Überschwemmung des              den Rohstoffen wie Getreide, Palmöl oder      müssen aufgebaut, Nahrungsmittel- und
     Sambesi konnten in der vergangenen Re-         Jatropha werden als vielversprechende         Entwicklungshilfe aufgestockt und faire
     genzeit in Mosambik wieder einmal beob-        Alternative angeboten. Die Bereitstellung     Welthandelsvereinbarungen geschlossen
     achtet werden: Tausende Menschen sind          großer Flächen für Energiepflanzen etwa       werden. Dazu gehört auch, den Bauern
     auf der Flucht, Hunderttausende verlieren      in Äthiopien oder Tansania bedeutet aber,     in Entwicklungsländern Zugang zu den
     ihre Lebensgrundlage, wissen nicht, wovon      dass Nahrungsmittel und Treibstoff mit-       Märkten zu ermöglichen, die ihnen bisher
     sie ihre Kinder bis zur nächsten Ernte er-     einander in Konkurrenz treten. Das gilt       aufgrund einseitiger Handelsstrukturen,
     nähren sollen. Diesmal kamen die meisten       auch, wenn Pflanzen wie Jatropha angebaut     Subventionen für Landwirte in Europa
     noch glimpflich davon, da Hilfsorganisati-     werden, die keine potenziellen Nahrungs-      und Nordamerika und eine schlechte In-
     onen wie das UN World Food Programme           mittel sind. Die Rechnung zahlen wieder       frastruktur verschlossen blieben. Es gilt,
     ausreichend Mittel erhielten, um die notlei-   die Armen im Süden: Die Menge an Mais,        Entwicklung und Anpassung an den Kli-
     dende Bevölkerung zu unterstützen. Doch        die für die Herstellung einer Tankfüllung     mawandel miteinander zu vereinbaren.
     wie lange wird das Geld reichen, wenn der      eines Mittelklassewagens benötigt wird,       Eine faire Neuordnung der globalen Nah-
     Bedarf steigt? Die Hilfswerke befürchten       kann einen Menschen ein Jahr lang ernäh-      rungsmittelpolitik wird zu nachhaltiger
     bereits einen Rückgang der Zuwendungen         ren. Studien zufolge ist der Biospritboom     Entwicklung führen, vor allem im oft ver-
     im Zuge der Weltfinanzkrise.                   für etwa 30 Prozent des Preisanstiegs bei     nachlässigten ländlichen Raum. Wenn ein
         Nicht zu vergessen: Auch die Preise für    Grundnahrungsmitteln verantwortlich.          solcher Prozess den Ärmsten der Armen
     Nahrungsmittel steigen. So wurde Reis in           Zurück zum wohl größten Problem,          in Bangladesch, Mosambik und anderen
     Bangladesch allein 2007 um 70 Prozent          das sich in Zukunft der Versorgung der        benachteiligten Ländern zugutekommt,
     teurer. Auch nach einer leichten Erholung      Weltbevölkerung mit gesunder Nahrung          hat der Klimawandel wenigstens auch eine
     in den letzten Monaten sind die Preise für     stellen wird, dem Klimawandel. Zu seiner      positive Entwicklung ausgelöst.
     Grundnahrungsmittel immer noch weit            Bewältigung müssen wichtige Aufgaben
     höher als vor einem Jahr. Ein Grund ist        angepackt werden: Erstens muss die land-         tobias Bauer arbeitet als freier Journalist in Berlin.
     die wachsende Nachfrage nach Getreide          wirtschaftliche Produktion in Regionen         eine erste, kürzere fassung
     und Fleisch in vielen asiatischen Ländern,     stattfinden, wo Nahrungsmittel dauerhaft        seines Beitrags erschien in
     besonders in China und Indien. Für die         und zuverlässig angebaut werden können.           „wem gehört der Klima-
     „Herstellung“ von Fleisch wird sehr viel       Bestehende Anbaugebiete müssen deutlich            wandel?“, Sul serio 14/
     Getreide als Viehfutter verbraucht. Wäh-       verbesserte, ökologisch verträgliche Bewäs-             Arranca 38 (2008).
     rend sich deutsche Verbraucher darum           serungssysteme erhalten; andere Gebiete
     sorgen, ob sie sich noch jeden Tag Fleisch     müssen besser vor Überschwemmungen                       Kontakt: e-mail:
     leisten können, müssen bedürftige Men-         geschützt werden. Zweitens muss die               bauer.tobias@yahoo.de


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