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Teologi Bencana Theologie im Kontext von Katastrophen

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					          Oase Intim - Lembaga Pemberdayaan Praksis Pelayanan dan Kajian Teologi Kontekstual Indonesia Timur
                             Konsultasi Nasional dalam kerja sama dengan PGI & EUKUMINDO
                                              Teologi Bencana
                         8-11 Juni 2005, Hotel Anggrek Delia, Makassar – www.geocities.com/oaseintim




       "Teologi Bencana" - Theologie im
           Kontext von Katastrophen
                                        von Markus Hildebrandt Rambe


Anfang Juni 2005 kamen in Makassar (Südsulawesi)          "doppelten Prädestination"), als auch des Islam in
vierzig Theologinnen, Theologen und Laien zusammen,       Indonesien, hat die Betroffenen bisher vor allem mit
um sich in einer Konsultation darüber auszutauschen,      einem "beruhigt" und "abgespeist": Hinter allem, was
was die Erfahrungen mit den Katastrophen, die             geschieht, stehe der Wille Gottes, und alles Leiden sei
Indonesien in den letzten Jahren immer wieder erleben     deshalb entweder Gottes Strafe, eine Prüfung oder
mußte, für die theologische Reflexion und das             warnende Belehrung. Alles weitere sei göttliches
Kirchesein bedeuted. Die Teilnehmenden kamen fast         Mysterium, das das menschliche Denkvermögen
alle aus betroffenen Katastrophenregionen selbst,         übersteigen würde und dessen Hinterfragung
waren selbst Opfer oder arbeiten direkt mit Opfern von    Anmaßung und Sünde wäre. Darum müsse man vor
Naturkatastrophen wie Erdbeben (Alor, Nabire, Aceh,       allem geduldig sein, auf Gottes Wege zurückkehren
Nias) und dem Tsunami (Aceh, Nordsumatra) oder von        und sich ergiebig seinem Schicksal fügen. In solchem
menschengemachten Katastrophen wie sozialer Gewalt        sehr eindimensionalen Fatalismus spiegelt sich nicht
in Unruhegebieten (Ambon, Halmahera, Poso,                zuletzt auch die Tun-Ergehens-Logik wieder, die tief in
Mamasa, Aceh, Papua). Besonders der Tod und das           den traditionellen Stammesreligionen Indonesiens
Leiden Hunderttausender nach der                          wurzelt und sich etwa auch im Karma-Denken des
Tsunamikatastrophe im Dezember 2004 hat die               Hinduismus findet: Jedes Unheil muss sich auf einen
Christen in Indonesien ganz neu vor die                   Verstoß des Menschen gegen die Ordnungen des
Herausforderung gestellt, auch im Glauben auf die         Kosmos zurückführen lassen, und für jedes Vergehen
Suche nach neuen Antworten zu gehen, wo manche            muss es eine Sühne geben, um das Gleichgewicht des
Gewißheit in alte, einfache Glaubenssätze plötzlich wie   Kosmos und den Frieden mit der Ahnen- und
mit der Flut ebenfalls hinweggeschwemmt wurden.           Geisterwelt wiederherzustellen. Die meisten Menschen
Einen intensiven Diskurs über die Frage nach der          in Indonesien, egal welcher Religion, haben dieses
Gottesgerechtigkeit ("Theodizee" oder "Wie kann Gott      Verständnis internalisiert: Wenn mir ein Unheil
das zulassen...?"), wie sie in den Europäischen Kirchen   widerfährt, dann frage ich zuerst nach der
nach den beiden Weltkriegen und der Katastrophe des       Sündhaftigkeit oder der Schuld, die ich, meine Familie
Holocaust stattgefunden hat, hatte ja die indonesische    oder meine Gemeinschaft auf sich geladen haben
Theologie bisher nie durchgemacht.                        könnte. Zum konkreten Leiden kommt dabei das oft
                                                          noch schwerere Leiden an der Scham, nun für alle
So griffen nach solchen Katastrophen die Kirchen auch     offensichtlich von Gott bestraft worden zu sein.
meist auf einfache, eingeprägte Glaubenswahrheiten
zurück, wie sie auch die Alltagsfrömmigkeit angesichts    Nun mag man den Opfern das Recht zugestehen, in
manch täglichen Leidens in Indonesien immer noch          bestimmten Situationen ihr eigenes Leiden als
vorwiegend prägt. Nach dem Tsunami hörte man so           Konsequenz ihrer eigenen Verfehlungen zu
nicht selten auch von den Kanzeln: der Tsunami (der in    interpretieren oder als Fingerzeig Gottes, der sie auf
Indonesien v.a. das fast ausschließlich muslimische       den rechten Weg zurückführen will. Gerade auch
Aceh traf) sei eine Strafe (des Christen-)Gottes gegen    biblische Traditionen, v.a im Alten Testament, haben
die Muslime, für alles, was sie bisher den Christen       eine solche Perspektive bei individuellen oder
Böses angetan hätten. Solche Stimmen waren erst           kollektiven Katastrophen gewählt. Sehr viel
leiser geworden, als es wenige Monate später dann mit     problematischer wird es aber, wenn eine Theologie von
einem schlimmen Erdbeben die hauptsächlich von            oben herab den Opfern solche Erklärungen überstülpt.
Christen bewohnte Insel Nias traf (so die Beobachtung     "Blaming the victims" – die Beschuldigung der Opfer
eines Pfarrers aus Nias selbst).                          als ein Weg, dem Skandal des ungerechten Leidens
                                                          aus dem Weg zu gehen oder dieses gar zu
Leiden als Strafe Gottes                                  bagatellisieren und zu romantisieren. Und selbst wenn
                                                          es um Theologie aus der Opferperspektive gehe, so
Die traditionelle Lehre, sowohl des zum großen Teil       Teilnehmende an der Konsultation, müsse man sehr
calvinistisch geprägten Protestantismus (Lehre der        genau hinschauen, ob es sich dabei nur um eine
Rezeption jahrelang indoktrinierter Schuldgefühle         der Rolle der Kirchen und der Pfarrer, nach
handle, oder ob den Opfern wirklich Raum gegeben          menschlicher Solidarität; die Antworten, die wir
wird, eine eigene befreiende Perspektive zu entwickeln.   bekommen, sprechen stattdessen von Gott, Sünde und
                                                          himmlischer Rettung. Wonach wir uns sehnen ist der
Die Erfahrung als methodologischer                        Gott, der Mensch wird, die Versöhnung auch in
Ausgangspunkt theologischer Neubesinnung                  unseren horizontalen Beziehungen; was uns
                                                          stattdessen gepredigt wird ist ein abstrakter Gott, und
Lauter wurden in Indonesien in den Monaten nach dem       die Probleme der vertikalen Beziehung zu dem 'da
Tsunami in Indonesien die Stimmen, die alte               oben'. Was wir brauchen ist, in unserem Leiden
theologischen Denkschemata in Frage stellen.              anerkannt, würdig behandelt und einfühlsam begleitet
Interessanterweise wurde die öffentliche Diskussion       zu werden; was stattdessen passiert ist, dass wir auch
dazu in muslimischen Kreisen bisher sehr viel offener     noch beschuldigt und verurteilt werden, ausgenutzt
und kritischer geführt als in den Kirchen. Jedoch         und degradiert zu Objekten einer manchmal
werden auch unter Christen die Stimmen immer              herablassenden Hilfe. Was wir erleben, ist der Verlust
hörbarer, die ein Umdenken aus dem theologischen          aller Sicherheiten und Gewißheiten, sowohl der
Fatalismus und eine Umkehr aus der praktischen            materiellen als auch der geistlich-theologischen; was
Untätigkeit der indonesischen Kirchen fordern und         uns dafür angeboten wird, sind scheinbare
angehen.                                                  Gewißheiten, die die Probleme nur zudecken."

An dieser Stelle setzte die theologische Konsultation     Menschengemachte Katastrophen und
zur "Teologi Bencana" (wörtlich:                          Naturkatastrophen gemeinsam reflektiert
"Katastrophenteologie") an, die von einem noch jungen
unabhängigen Institut für kontextuelle Theologie und      Eine besondere Herausforderung für die Konsultation
Gemeindepraxis im östlichen Indonesien veranstaltet       war es, dass die Teilnehmenden aus ganz
wurde, das sich "Oase Intim" nennt ("Intim" als           unterschiedlichen "Katastrophen-Kontexten"
Abkürzung für "Indonesia Timur" = Ost-Indonesien, als     zusammenkamen. Kann man eigentlich die Frage nach
Schwerpunktgebiet der Vernetzung kontextuellen            der theologischen Verarbeitung einer Naturkatastrophe
Studien). Kooperationspartner war der nationale           mit der von menschengemachten Katastrophen wie
Kirchenrat Indonesiens (PGI), durch dessen                z.B. sozialer Unruhen zusammenbringen und in einer
Vermittlung auch die finanzielle Unterstützung von        gemeinsamen Konsultation reflektieren? Zunächst
EUKUMINDO (Netzwerk von mit Indonesien                    einmal drängt sich die Unterschiedlichkeit der Ursachen
verbundenen europäischen Missionswerken) und der          und der Herausforderung, vor die die Betroffenen im
Vereinigten Evangelischen Mission (VEM) zustandekam.      jeweiligen Kontext stehen, in den Vordergrund:
                                                          Während bei gewalttätigen Unruhen und kriegerischen
Methodologischer Ansatz der Konsultation war es, nicht    Auseinandersetzungen, wie sie etwa Ambon,
(wie meist üblich) die Teilnehmenden eine Fülle von       Halmahera, Mittelsulawesi, Mamasa, Papua und Aceh
theologischen Vorträgen und dogmatischen                  in den letzten Jahren erlebt haben, der Mensch selbst
Reflexionen konsumieren zu lassen, sondern mit            und gesellschaftliche Strukturen der Ungerechtigkeit
partizipativen und kreativen Methoden aus der             schnell als Ursache ausgemacht sind, befriedigen
Erfahrung und dem theologischen Reflexionsreichtum        naturwissenschaftliche Erklärungen bei
der Teilnehmenden selbst zu schöpfen. In der ersten       Naturkatastrophen wie Erdbeben und Tsunami nur
Phase der Auseinandersetzung stand so dann auch die       wenig bei der Suche nach der Schuld für diese
Vertiefung dessen im Mittelpunkt, was die Betroffenen     Ereignisse. Erst da, wo der Einfluss des Menschen
selbst in ihrem Glauben, in ihrer Beziehung zu Gott und   aufhört und das Ausmaß menschliche Machbarkeit
zu ihren Mitmenschen bewegt. Bei der anschließenden       übersteigt, scheint die Frage nach Gottes Rolle wieder
Gegenüberstellung der dabei herauskristalisierten         öffentlich zu werden.
Fragen mit dem, was bisher als theologische und
praktische Antwort der Kirchen erfahren und               Jedoch wurde deutlich, dass diese Unterschiede aus
wahrgenommen wurde, wurde deutlich, was für               der Perspektive der Betroffenen verfließen. Ohnehin
manche Teilnehmenden keine große Überraschung             gibt es kaum Naturkatastrophen, die nicht durch
bedeutete: Auf die eigentlichen Fragen, die die           menschliches Fehlverhalten oder Versagen
Menschen in mitten solcher Katastrophen umtreiben,        (mit)verursacht oder in ihren Auswirkungen
geben die Kirchen meist keine befriedigende Antwort.      verschlimmert würden, so dass die Übergänge
Stattdessen tendieren sie dazu, Antworten auf Fragen      zwischen menschengemachten und Natur-
zu geben, die niemand gestellt hat.                       Katastrophen fließend sind. Und auch bei von
                                                          Menschen verursachten Katastrophen bleibt die Frage
Die Kirche beantwortet andere Fragen als die,             nach dem Sinn von als unschuldig und ungerecht
die von den Menschen gestellt werden                      empfundenem Leiden im Ansicht Gottes, der einerseits
                                                          als allmächtig bekannt wird (also Ungerechtigkeit und
Eine Arbeitsgruppe hat dies so auf den Punkt gebracht:    Leiden hätte abwenden können) und andererseits als
"Wonach wir fragen, ist: nach dem Menschen, nach
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der Liebende und Gerechte geglaubt wird (also das         eine Theologie der praktischen Solidarität am
unschuldige Leiden auch nicht wollen kann).               häufigsten als Bausteinen gesammelt, die bei der
                                                          Rekonstruktion eine wichtige Rolle spielen sollten.
Verzweifeln an menschlicher Ungerechtigkeit               Theologische Fragen wie die von "Strafe" und
größer als Zweifel an Gottes Gerechtigkeit.               "Prüfung" sowie eine kontextuell-biblische Hermeneutik
                                                          aus der Perspektive der Opfer wurden erst einmal in
Überraschend war, dass es gerade aus den                  die "Werkstatt" verwiesen, weil sie erst nach "Check-
Erzählungen und der Reflexion von Betroffenen von         up" und tiefgehender Bearbeitung für einen
Naturkatastrophen nicht vordringlich Schrecken und        theologischen Neubau verwendbar schienen. In der
Trauma der Flutwelle oder des Erdbebens selbst            Formulierung von Glaubensbekenntnissen im Kontext
waren, die in den Vordergrund rückten, sondern das        von Katastrophen vergewisserten sich die
Leiden am Menschen und gesellschaftlichen                 Teilnehmenden schließlich des Grundes, auf dem sie
Institutionen. Zwar setzte die Katastrophe zunächst       an ihrem jeweils eigenen Ort mit der theologischen
auch ungeheure Kräfte der spontanen Solidarität frei,     und praktisch-kirchlichen Arbeit weiterbauen wollen.
die die Grenzen von Gruppen, Religion, Ethnien, sogar
von Kontinenten überschritt. Bald aber kam die            Kreuz und Solidarität
Ernüchterung und Frustration; ungerechte Verteilung
von Hilfsgütern, Konkurrenz (wer kriegt was vom           Die beiden dominantesten Begriffe, die dann auch bei
großen Kuchen), Korruption, Selbstvereicherung im         der Verabredung praktischer Weiterarbeit wieder
Namen der Opfer, Selbstprofilierung neuer "Helden",       auftauchten, waren die einer "Theologie des Kreuzes"
die sich in Szene zu setzen wissen. Opfer werden zu       und "Theologie der Solidarität". In den theologischen
"Objekten" degradiert und zT entwürdigend und             Mittelpunkt gerückt waren nicht, wie es vielleicht eher
bevormundend behandelt. Und auch in den Kirchen hat       dem Diskurs in der westlichen Welt entsprechen
die Gleichgültigkeit schnell wieder Einzug gehalten       würde, die nach Infragestellung von Gottes Existenz
("dafür haben wir kein Geld...", "das ist nicht unsere    und Gottes Gerechtigkeit, nicht die Frage: "wie kann
Gemeinde...", "das sind nicht unsere Partner...").        Gott das zulassen?" oder gar: "warum hat Gott das
Stattdessen Belehrungen über Strafe Gottes und dass       gemacht?", sondern die Frage: "wo ist Gott im Leiden
man stark und geduldig sein müsse, diese Prüfung          präsent und erfahrbar?" und "wozu befähigt und ruft
Gottes zu bestehen. Die Opfer und engagierten             uns seine Liebe?".
Menschen in den Kirchen, die sich oft aus der Position
der Schwäche selbst aufopfern, haben mit Regierungs-      Damit wird deutlich, dass auch indonesische
und Kirchenstrukturen oft ähnlich leidvolle und           Kreuzestheologie neu verstanden und formuliert
entmutigende Erfahrungen gemacht. "Dies tut weher         werden muß. Nicht ein Kreuz, das die menschen
als alles Leid und Tod, das wir unmittelbar während       "pasrah" macht, d.h. sich willenlos in das Leiden ergibt,
und nach der Katastrophe erfahren haben. Die              weil das Leiden eben "zum Christsein dazugehöre" und
Verzweiflung am Menschen und die Suche nach seiner        Gottes Willen entspreche. Kein Kreuz, das mit dem
Solidarität hat mich seither mehr umgetrieben als         Leiden versöhnt und dieses überhöht, sondern eine
Zweifel an Gottes Existenz oder Seiner Gerechtigkeit",    Nachfolge ans Kreuz, das das Protest- und
so formulierte es ein Pfarrer und engagierter             Kampfpotenzial gegen den Skandal des Leidens und
Katastrophenhelfer aus Nias.                              des Todes freisetzt und zu einer Auferstehung zu
                                                          solidarischem Leben führt. Gott neu zu finden nicht
Rekonstruktion einer solidarischen                        "dort oben" sondern als mit-leidenden Gott an der
Kreuzestheologie                                          Seite der Leidenden, so wie Eli Wiesel ihn im
                                                          Konzentrationslager mit dem gepeinigten Kind "dort
Widmete sich die erste Hälfte der Konsultation der        am Galgen" hängen sah, müsse von den indonesischen
Reflexion von Erfahrung und der "Dekonstruktion"          Kirchen neu durchbuchstabiert werden. Das Bild des
traditioneller theologischer Denkmodelle, so galt die     Gottesknechtes, des "verwundeten Heilers"
zweite Hälfte dem "Aussortieren" von "Bausteinen",        (Deuterojesaja) kann dabei zu einem möglichen
wie sie entweder für die Rekonstruktion einer             Leitbild der Kirche werden, die in der Solidarität mit
kontextuellen Theologie verwendet, neu bearbeitet         den Leidenden Zeugnis für den Sieg der Liebe, für die
oder aber verworfen werden sollten. So landete etwa       Auferstehung & den Aufstand gegen die Kräfte des
die Auffassung, dass die Kirche einfürallemal gültige     Todes ablegt. Auch Solidarität muß hierbei neu gefaßt
und unverückbare dogmatische Antworten z.B. über          werden, konkret und nicht als leere Worthülse, befreit
den Willen Gottes bereitstellen müsse, auf dem            von paternalistischen Denkmustern und primordialen
Schutthaufen der Theologie. Dagegen wurden ein            Zügen, die Solidarität nur auf eine bestimmte Gruppe
erneuertes Verständnis der Kreuzestheologie sowie         begrenzen.
                                                           natürlich waren es evangelische Andachten, in die sich
Statt einem fertigen Konzept einer                         die Muslime mit ihren Gedanken und ihren Gebeten
"Katastrophentheologie" haben die Teilnehmenden so         einbrachten, und in der Mitte der Runde, in der sie sich
die Selbstverpflichtung mit nach hause genommen,           vier Tage lang mit ihrer eigenen Erfahrung und
sich an ihrem jeweiligen Ort gemeinsam mit den             Identität einbrachten, mußte deshalb das Kreuz als
betroffenen Menschen an neue theologische Aufbrüche        simbolischer Mittelpunkt nicht versteckt werden.
zu wagen und im Kleinen an einer neuen solidarisch-
misionarischen Praxis von Kirche zu bauen.                 Einmal ging ein Lachen durch die Runde, als der
                                                           muslimische Geistliche aus Aceh wiedergab, was er von
Neue Ebene des interreligiösen Dialogs                     der Perspektive evangelischer Kreuzestheologie neu
                                                           verstanden hatte und spontan von seinem ebenfalls
Obwohl die theologische Konsultation bewußt nicht als      muslimischen ambonesischen Theologenkollegen, der
interreligiöses Dialogforum geplant und gestaltet war,     schon mehr Erfahrung im Dialog mit Christen hatte,
sondern als evangelisches Forum, bei dem die kritische     unterbrochen wurde: "Nein, das mußt Du so
Auseinandersetzung mit Wurzeln und Kontexten               verstehen:...". Aber tatsächlich waren es solche Aha-
eigenen theologischen Prägungen sowie die                  Erlebnisse und die kritischen Rückfragen der
Reformulierung protestantischer Theologie angesichts       muslimischen Geschwister, die die christlichen
Natur- und menschengemachter Katastrophen im               Teilnehmenden den eigenen Glauben an Kreuz und
Mittelpunkt stand, waren am gesamten                       Auferstehung Jesu ganz neu verstehen und mit dem
Diskussionsprozeß auch drei muslimische Teilnehmer         Leiden der von den Katastrophen betroffenen
intensiv beteiligt. War dies ein Feigenblatt, um           Menschen in Zusammenhang bringen ließen.
nebenbei eben doch noch ein wenig interreligiöse
Offenheit zu zeigen, wo ja immerhin die große              Die gemeinsame Auswertung am Ende der Tagung
Mehrheit der Opfer der Tsunami-Katastrophe zur             zeigte, dass es den muslimischen Teilnehmenden
muslimischen Bevölkerung gehören?                          ähnlich gegangen war: Obwohl gar nicht muslimische
                                                           Theologie im Mittelpunkt stand, wurde ihnen die
Interreligiöse Dialogforen, bei denen man bei              intensive Teilnahme an dem, was ihre evangelischen
repräsentativer Zusammensetzung über Themen                Geschwister theologisch bewegt, zu einem Spiegel, der
diskutiert, die die Teilnehmenden gemeinsam betreffen      sie auch tiefer in ihr eigenes Glaubensverständnis
und eine gemeinsame gesellschaftliche                      eindringen ließ. So wurde für alle auf einer ganz neuen
Herausforderung darstellten, dies war man –                Ebene erfahrbar, dass Dialog nicht nur bedeuted,
zumindest im Umfeld der Oase Intim – schon gewohnt.        Gemeinsames in den Vordergrund zu rücken, sondern
Meist konzentrierte man sich dabei auf soziale             auch sich gegenseitig zu inspirieren, wenn es um die
Probleme und die Suche nach Gemeinsamkeiten im             jeweils ganz eigene Glaubensidentität geht; und auch,
praktischen Zusammenleben der Religionen und               dass Offenheit gerade nicht bedeuted, Unterschiede zu
Kulturen; auch das Kennen- und Verstehenlernen der         verwischen und die eigene Identität profillos zu
unterschiedlichen Traditionen war dabei wichtig, aber      machen.
ohne dass man dabei wirklich ans "Eingemachte"
religiöser Identität vordrang.                             Theologisch stand für das Tagungsteam die
                                                           Überzeugung im Hintergrund, dass eine
Nun aber waren drei muslimische Vertreter – ein            Reformulierung evangelischer Theologie inmitten der
Theologe aus Ambon, ein Geistlicher aus Aceh und ein       Herausforderungen einer pluralistischen Umwelt nicht
Jurnalist und NGO-Aktivist ebenfalls aus Aceh – aktiv in   mehr im isoliert-protestantischen Umfeld geschen
einen innerprotestantischen Diskussionsprozess             kann, sondern nur in der dialogischen
einbezogen, wo es eben genau an die sensibelen             Auseinandersetzung mit dem Kontext, im Einbeziehen
Fragen geht, wo logisches Denken und menschliche           der Außenperspektive. Die theologischen Antworten
Machbarkeit an ihre Grenzen stößt, wo es um                müssen sich mit den Fragen des Kontextes und mit
Glaubensfundamente und Herzstücke protestantischer         dem gemeinsamen Ringen um ein solidarisches
Identität geht. Kann man sich so in die Karten schauen     Zusammenleben in Beziehung setzen, wenn Kirche sich
lassen? Werden die muslimischen Teilnehmer nicht           nicht verschanzen und für ihr Umfeld und die eigenen
selbst Angst vor Vereinnahmung oder davor, heimlich        Mitglieder irrelevant werden will.
"christianisiert" zu werden, haben? Die offene und
selbstverständliche Atmosphäre der Konsultation hat        Markus Hildebrandt Rambe
solche Ängste erst gar nicht aufkommen lassen. Ganz

				
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