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                                             Inhalt:


Jahresbericht 2004                                               Seite 3


Das Team stellt sich vor                                         Seite 4
Das Team als Seismograph - Ulrich Beer-Bercher                   Seite 5


Abenteuer Partnerschaft                                          Seite 6
Gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln sich in der
Arbeit und natürlich auch in der Statistik der
Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle wieder.
Andrea Klaas


Zusammenleben gestalten                                          Seite 13
Wie wird mit dem Thema Familie in verschiedenen
Settings gearbeitet?

Einzelberatung - Eva-Maria Schaudel                              Seite 13
Paarberatung: Patchworkfamilie - Hanne Reutti                    Seite 14
Familienberatung - Ursula Bank-Mugerauer                         Seite 15
Kinder in der Mediation - Andrea Klaas                           Seite 17
Familienszene in der Frauengruppe - Andrea Klaas                 Seite 18


Förderkreis - Andrea Klaas                                       Seite 19




Impressum:

Herausgeberin:                   Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle

Redaktion und
verantwortlich für den Inhalt:   Andrea Klaas

AutorInnen:                      Ursula Bank-Mugerauer; Ulrich Beer-Bercher;
                                 Andrea Klaas; Helene Kolb; Hanne Reutti;
                                 Eva-Maria Schaudel

Datum:                           Juli 2005

Wir danken der Sparkasse für ihre Unterstützung beim Druck des Jahresberichts.


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                         Jahresbericht 2004
       der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle

   Die Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle bietet psychologische Beratung an.
Diese unterstützt Menschen im Aufbau von Beziehungen, in der Bewältigung von Paar-
konflikten, bei der Verarbeitung von Trennung und Scheidung, im Umgang mit Belastungen
und Lebenskrisen und eröffnet die Chance zur Neuorientierung. Sie versteht sich als Bera-
tungsdienst für erwachsene Menschen. Unsere Arbeit umfaßt folgende Leistungsbereiche:
Ehe- bzw. Partnerschaftsberatung, Lebensberatung, Familienberatung, Trennungsberatung,
Mediation, muttersprachliche Beratung für Migranten und Migrantinnen, Supervision, Email-
Beratung.



Trägerin:       Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatung Karlsruhe e.V.
                (Mitglieder: Karlsruher Frauenverbände, die evangelische und die
                katholische Kirche, Stadt und Landkreis Karlsruhe)
1. Vorsitzende: Frau Rechtsanwältin Britta Auer
2. Vorsitzende: Frau Silvia Burkardt, Mitglied der Katholischen Frauengemeinschaft
Schatzmeister: Herr Gerald Peregovits, Steuerberater, Dipl. Finanzwirt (FH)

Stellenleiterin: Andrea Klaas




Anschrift:      Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatung e.V.
                Nelkenstr. 17
Telefon:        0721 / 84 22 88
Fax:            0721 / 85 60 51
Internet:       www.eheberatung-karlsruhe.de
Email:          eheberatung-karlsruhe@t-online.de


Öffnungszeiten des Sekretariats: Montag – Freitag     9 -12 Uhr
                                 Dienstag, Mittwoch, Donnerstag 14 – 17 Uhr

                                                                                     Seite 3
                            Das Team stellt sich vor.
Die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben im Jahr 2004
2.086 Beratungsstunden angeboten:
Bank–Mugerauer, Ursula Ev. Diplom–Theologin, Supervisorin (DGSV), Mentorin (50%)
Beer–Bercher, Ulrich      Kath. Diplom–Theologe (50%)
Klaas, Andrea             Diplom–Biologin, Mediatorin (BAFM), Mentorin (75%)
Reutti, Hanne             Juristin, Mediatorin (BAFM) (50%)
Schmitt, Manfred          Diplom–Psychologe, Psychotherapeut (50%), bis 31.07.2004




Die Honorarkräfte haben im Jahre 2004 2.720 Beratungsstunden angeboten:
Drescher, Michael          Kath. Diplom–Theologe, Mediator (BAFM)
Gappisch, Cathrin          Diplom-Psychologin
Kolb, Helene               Dolmetscherin
Kühlmann, Martin           Kath. Diplom-Theologe
Neff, Chantal              Diplom–Psychologin
Peitgen-Hofmann, Petra     Diplom–Psychologin
Pils, Rosemarie            Designerin
Schaudel, Eva-Maria        Krankenschwester
Dr. Schreiber, Christa     Fachärztin, Psychotherapeutin
Winter, Sabine             Diplom-Psychologin
Ziegler, Angela            Heilpraktikerin

Alle Beraterinnen und Berater haben die Ehe-, Familien- und Lebensberatungsausbildung.

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Praktikantinnen:      Poley, Martina und Rempp, Tanja, Psychologiestudentinnen
Sekretariat:          Klix, Christa              Sekretärin (65%)
                      Wild, Annegret             Sekretärin (65%)
Alle Mitarbeitenden unterliegen der Schweigepflicht.

                                Das Team als Seismograph
                                      Ulrich Beer-Bercher

   Beratung findet in der Regel in einem sehr intimen und geschützten Setting statt: BeraterIn
und KlientIn sind alleine im Raum, sie werden nicht unterbrochen oder gestört, der Inhalt
ihres Gespräches ist durch die Schweigepflicht geschützt. Dieser geschützte Raum ermöglicht
eine Offenheit und Tiefe, die in anderen Kontexten schwer möglich ist – sie birgt aber auch
spezifische Gefahren: Die Beratung kann eindimensional, unkreativ, problemerhaltend wer-
den. Diese Gefahr wird verringert, wenn die Beratenden wie in unserer Stelle in ein
multidisziplinäres Team integriert sind, das sich als therapeutisches System begreift und die
Beratungsarbeit durch Intervision, Supervision, fachlichen Austausch und gemeinsame Fort-
bildung begleitet.
   Das Team dient jedoch nicht nur als therapeutisches System, als Mittel der Qualitäts-
entwicklung und -sicherung und als Managementraum, es kann für die Träger der Stelle und
die Öffentlichkeit auch als ein Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen wirken.
   Unserem Team fielen im Rückblick auf das Jahr 2004 folgende Tendenzen auf, die mögli-
cherweise gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln:
   1. Das Selbstbewusstsein von Frauen verändert sich: Ihre berufliche Identität ist sehr viel
klarer, bei hoch qualifizierten jungen Frauen steht die Karriere in der Werteskala weit oben.
Partnerschaft und Kinder spielen in der Lebensplanung eine geringere Rolle, die inneren Bil-
der davon bleiben blass und vage, Entscheidungen orientieren sich eher an beruflichen als
an familialen Zielen. Auch bei weniger qualifizierten Frauen hat die Berufsausbildung und die
Berufsausübung inzwischen einen deutlich höheren Stellenwert als früher. Junge Mütter lei-
den unter der Beschränkung auf die Hausfrau-und-Mutter-Rolle.
   2. Während früher eher Frauen von Eifersucht und Kontrollwünschen berichteten, leiden
heute zunehmend mehr Männer darunter. Spiegelt sich darin die zunehmende Verunsiche-
rung der Männer über ihre Rolle, aber auch über die Stabilität der Partnerschaften wieder?
   3. Patchworkfamilien in den unterschiedlichsten Zusammensetzungen und Problemlagen
suchen in immer stärkerem Ausmaß die Beratungsstelle auf. Weist das auf die besondere
Problemlage dieser Familienform hin – oder nimmt schlicht die Zahl der Patchworkfamilien
zu? Ist die Patchworkfamilie die Normalfamilie der Zukunft?
   4. Die innere Heimatlosigkeit vieler Migranten und Migrantinnen belastet Familien und
Partnerschaften: Die Menschen neigen dazu, die verlorene Sicherheit und Stabilität verstärkt
in der Partnerschaft zu suchen, diese wird dadurch massiv überfordert. Hinzu kommt das
Fehlen traditioneller Unterstützungssysteme wie Großfamilie und Dorfgemeinschaft.
   5. Die Digitalisierung der Gesellschaft macht auch vor den Partnerschaften nicht halt: „vir-
tuelles Fremdgehen“ und Beziehungen im Internet ganz allgemein spielen eine zunehmend
größere Rolle.
   6. Weiter beschäftigen uns Paare, die schon lange in sehr unbefriedigenden Situationen
feststecken: Dazu gehören sowohl streitende Paare, die einfach keinen Ausweg aus der Spi-
rale permanenter Abwertung finden, als auch Paare, denen im Laufe der Partnerschaft die
Lust verloren gegangen ist.
   7. Und natürlich beschäftigt uns weiter die schwierige Kommunikation in vielen Partner-
schaften: Die Unfähigkeit, über Gefühle und Beziehung angemessen miteinander zu spre-
chen, bringt weiterhin viele Paare in Krisen und Konflikte.

                                                                                       Seite 5
                             Abenteuer Partnerschaft
      Gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln sich in der Arbeit der Ehe-, Familien- und
                  Partnerschaftsberatungsstelle Karlsruhe. Andrea Klaas

   „Die Menschheit ist dabei, ein neues Experiment zu starten: Männer und Frauen sollen mit
gleichen Rechten und Pflichten als Paare zusammenleben!“ (Koschorke,; Fokus Beratung 11,
2004). Das Zusammenleben von Mann und Frau war in der Geschichte der Menschheit immer
hierarchisch organisiert. Wir in Deutschland haben den Versuch 1949 begonnen: „ Männer
und Frauen sind gleichberechtigt“ Grundgesetz, Art. 3. Seither ist unser Familienrecht in ste-
tiger Bewegung und spiegelt so die gesellschaftlichen Entwicklungen wieder.
   Gelingt uns ein Miteinander von Mann und Frau ohne Über- und Unterordnung? Wie schwer
das ist, zeigt sich nicht nur in den oft zitierten hohen Scheidungszahlen, sondern auch z.B. in
den Statistiken über Lebensläufe von Frauen und Männern in Deutschland („frauen leben“
und „männer leben“ ,BZgA 2004). Entgegen allen Trends zum Single-Dasein ist Partnerschaft
und Familie das beherrschende Thema, auch für unsere alleine lebenden Klientinnen und
Klienten. In Partnerschaft und Familie zu leben entspricht wohl einer menschlichen
Ursehnsucht. Der Wunsch, dass Ehe und Familie gelingen möge, rangiert in Umfrage-
ergebnissen zur Lebenszufriedenheit an oberster Stelle.

Trends aus „männer leben“, einer Studie der BZgA 2004, über Männer in Partnerschaft:
- Ältere Männer haben eher jüngere Partnerinnen.
- Höher und hoch qualifizierte Männer haben Frauen mit niedrigerem Bildungsabschluss.
- Ehe und Kinder bewirken eine Traditionalisierung familialer Aufgabenteilung.
- Höher qualifizierte Männer haben überdurchschnittlich viele Kinder.
                    Parnterwahl in Relation zum Bildungsniveau
                                                                             Bildungsniveau
                                                                             der Partnerin:

                                                                             Höher



                                                                             Gleich hoch




                                                                             niedriger


  Bildung         1               2           3         4         Gesamt
  des Mannes: (niedrig)                               (hoch)
   Warum fällt es uns so schwer gleichberechtigte Partnerschaft zu leben? Frauen und Män-
ner müssen auf Gewohnheiten verzichten, die ihnen über Generationen Sicherheit geboten
haben, sie müssen alles, was bisher weibliche Domäne (häusliche Ordnung nach bestimm-
ten Prinzipien) oder männliches Revier (zumindest nach außen hin die hierarchisch überge-
ordnete Position) war, zu Verfügung stellen. Auf der Ebene von Lebensgefährten und Lieben-
den können junge Paare das oft gut verwirklichen. Kommen Kinder hinzu, ändert sich die
Situation: Die Elternteile, die sich als „Schützende“ um ihre Kinder sorgen, werden ihrerseits
schutzbedürftig, Abhängigkeiten und Hierarchien stellen sich leicht ein.

Seite 6
                    Partnerschaft verweigern - oder verhandeln
             Beratung bietet Raum für die Suche nach neuen Lösungen.

   In der Phase der ersten Verliebtheit verbringen Paare viel Zeit miteinander, reden über
alles, verhalten sich liebe- und respektvoll. Sie möchten sich gegenseitig möglichst alle Wün-
sche, auch die nicht einmal ausgsprochenen, erfüllen. Liebe scheint in der Erfüllung von Wün-
schen zu bestehen, Wünsche nicht zu erfüllen würde demnach bedeuten, nicht mehr zu lie-
ben. Diese Haltung schafft auf Dauer Konflikte, sie ist das Gegenteil von gleichberechtigter
Partnerschaft. In der reifen Partnerschaft ist jeder in der Lage, für sich selber zu sorgen. Sie, er
weiß um ihre, seine Bedürfnisse und Wünsche und bringt sie angemessen zur Sprache. Und
sie, er kann auch ertragen, wenn der Partner, die Partnerin nicht immer wunschgemäß rea-
giert. So gesehen ist Partnerschaft der Versuch, den anderen nicht in der eigenen Vorstel-
lungswelt einzuschließen, sondern offen zu sein für Überraschungen. Partnerschaft bleibt ein
Abenteuer.
   Im Beratungsprozeß üben Paare das Aushandeln von Bedürfnissen und Interessen, lernen
Spannungen auszuhalten, Unterschiede zu akzeptieren und einvernehmlich Lösungen zu su-
chen. Oft müssen sie auch über Verletzungen und Kränkungen sprechen und sich mit der
Vergangenheit bzw. miteinander versöhnen. Partnerschaft kann man lernen!

2004 wurden in der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle 1619 Klienten und Kli-
entinnen in 1081 Fällen beraten.
Beratungsstunden insgesamt: 4.812
        693 Männer = 42,8 %                           926 Frauen = 57,2 %




         Beratungsstunden 1994 - 2004
6.000


5.000


 4.000


 3.000


2.000


 1.000



          1994    1995 1996 1997         1998     1999    2000     2001    2002      2003    2004

                                                                                            Seite 7
                          Charakteristik der Ratsuchenden 2004

  Über 40 % unserer Klientel ist zwischen 35 und 45 Jahre alt: in der „Familienphase“ ist die
Belastung für die Paare am größten.

                 Alter
 25 %
                                                              40-45
                                                      35-40

 20 %


                                                                   45-50
15 %                                          30-35



 10 %                                                                      50-55

                                      25-30
                                                                                   55-60
  5%
                                                                                           60-65
                              21-25                                                                65-...
                      18-21
              15-18
  0 % 0-15


  Fälle mit Kindern: 53,84 %:
  KJHG - Klienten mit Kindern unter 18 Jahren



   haben sonstige schwerwiegende Partner-
   schafts-, Ehe- und Lebensprobleme 37,7 %                   sind scheidungsgefährdet 40,1 %




       sind geschieden 5,6 %
                                                         leben in Trennung 14,7 %
               befinden sich im
               Scheidungsverfahren 1,9 %




Seite 8
            Lebensform
                                                alleine lebend
                                                ohne festen Partner
                                                14,6 %



                                                                      alleine lebend
                                                                      mit festem Partner
                                                                      9,9 %




       mit Ehepartner                                                 mit festem Partner
       zusammenlebend                                                 zusammenlebend
       61,5 %                                                         14,0 %




Als Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle sprechen wir natürlich hauptsächlich
Menschen an, die in festen Beziehungen leben.



       Familienstand

                             verwitwet 1,1 %
                             wiederverheiratet nach Tod d. P. 0,7 %
                             wiederverheiratet nach Scheidung 2,4 %


                  geschieden 7,3 %                            ledig 18,6 %




                                                          verheiratet 69,9 %


                                                                                           Seite 9
                           Dauer der aktuellen Partnerschaft

    40 %                          5 Jahre

     35 %

    30 %
                       2 Jahre
    25 %                                    10 Jahre


    20 %

    15 %

    10 %                                               15 Jahre

      5%                                                          20 Jahre
            bis ein Jahr                                                     25 Jahre
     0%

Das verflixte 7. Jahr markiert schon einen Höhepunkt der Konflikte …..
aber Probleme entstehen häufig, wenn eine Phase der Partnerschaft in die nächste übergeht:




Seite 10
                       Was bewegt unsere Klientel zur Beratung?

Zu einer Beratung entschließt man sich schwer – meistens müssen da erst mehrere Problem-
felder zusammenkommen: man fühlt sich z.B. ständig überfordert, denkt über Trennung nach
und leidet unter Einsamkeit. Am Anfang jeder Beratung fragen wir nach dem Anlass, der die
Klientinnen und Klienten zu uns führt. Natürlich zeigen sich im Lauf der Beratung oft weitere
Themen, über die man in der ersten Stunde vielleicht noch nicht reden mochte, sei es, weil
sie, wie die Sexualität, zu schambesetzt sind, oder weil deren Bedeutung für die aktuelle
Situation nicht klar war.
                                          gesellschaftsbezogene
         Beratungsanlässe                 Anlässe 5,61 %
                                                                     personenbezogene
                      familienbezogene                               Anlässe 17,10 %
                      Anlässe 9,27




                 Partnerbezogene
                 Anlässe 68,02 %




            beziehungsrelevante
            Auffälligkeiten 3,99 %                      Partnerbezogene
                                                        Anlässe

                       Sexualität
                       4,65 %


                       Streitverhalten
                       13,82 %


                           Partnerdifferenzen
                           16,76 %



                                             Beziehungsklärung 60,77 %




                                                                                     Seite 11
                               Muttersprachliche Beratung

   Spiegeln die 9.1 % Migrantinnen und Migranten unter unseren Ratsuchenden unsere ge-
sellschaftliche Realität wieder? Zur Zeit leben in Karlsruhe mehr als 38.000 Migrantinnen und
Miganten aus über 140 Nationen (das entspräche ungefähr 13,6 %)! In der Beratung fällt auf,
dass diese Klientinnen und Klienten deutlich stärker belastet sind.

 Was kann zu dieser Belastung füh-
 ren?                                                Staatsangehörigkeit
 - Das Bild von Partnerschaft und
 Familie aus dem Herkunftsland
 kollidiert mit dem hiesigen.                               außereuropäisch 3,1 %
 - Frauen wünschen die Verände-         europäisch 6,0 %
 rung, Männer fürchten den Rollen-
 wandel in Beziehungen.
 - Migrantenfamilien bleiben oft
 „unter sich“ und ihrem Kulturkreis
 dogmatisch verhaftet.
 - Menschen, die hier noch nicht
 beheimatet sind, verlieren in Kri-
 sen leichter den Boden unter den
 Füßen.                                                            deutsch 90,9 %
 - Auf scheinbar auswegslose Si-
 tuationen ist die Anwendung von
 Gewalt eine Reaktionsmöglichkeit.


  Wir fördern Integration:

    In der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungstelle können sie sich in Englisch, Fran-
zösisch, Russisch, Türkisch und mit einer Dolmetscherin oder einem Dolmetscher in Eriträisch,
Italienisch, Polnisch, Spanisch u.a. beraten lassen. Um die Anmeldung zu erleichtern, bietet
die Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle ab Februar 2005 die Möglichkeit, sich
in russischer und türkischer Sprache über Beratung zu informieren und Termine zu vereinba-
ren.




Sprechzeiten in russischer Sprache:                Sprechzeiten in türkischer Sprache:
An jedem 1. Donnerstag im Monat, je-               An jedem 2. Dienstag im Monat, jeweils
weils von 13 bis 14 Uhr.                           von 13 bis 14 Uhr.
Sie sprechen mit Helene Kolb, Dol-                 Sie sprechen mit Serife Dülgar-Ünsal, So-
metscherin, Ehe-, Familien - und                   zialpädagogin, Cand. Psych.
Lebensberaterin

Seite 12
                           Zusammenleben gestalten
            Wie wird mit dem Thema Familie in verschiedenen Settings gearbeitet?

                                                                 Wir erleben uns selbst immer in
                                                             Beziehungen, Beziehungen haben
                                                             unser Fühlen und Denken von An-
                                                             fang an geprägt. Die Familie als ein
                                                             zentraler Ort für dieses Erleben -
                                                             die ursprüngliche, in der wir Kind
                                                             waren, und natürlich auch die, in
                                                             der wir heute leben, „wirft ihren
                                                             Schatten in Gegenwart und Zu-
                                                             kunft“. Sie spielt daher eine we-
                                                             sentliche Rolle in unserer Arbeit.
                                                             In fiktiven Fallvignetten wollen wir
                                                             anschaulich machen, wie wir mit
                                                             diesem Thema in der Beratungs-
                                                             situation umgehen können.

Schattenspiel
                                     Eine Einzelberatung
                                       Eva-Maria Schaudel

   Frau S. (45,) verheiratet, keine Kinder, lebt mit ihrem Mann im deutschsprachigen Aus-
land, da er dort in leitender Funktion in einem Unternehmen tätig ist.
   Sie kommt in die Beratung, weil sie in einer sehr wichtigen Frage keine Entscheidung
treffen könne. Es gehe darum, dass sie ein einmaliges Angebot von ihrem früheren Arbeitge-
ber, einem großen Chemieunternehmen, zum beruflichen Wiedereinstieg bekommen hat. Sie
war damals als Chefsekretärin tätig, pflegte sowohl Kontakte zu Kunden und war „Anlaufstel-
le“ für die Probleme der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Die sozialen Kontakte zu ihren
Kollegen hatte sie die letzten 3 Jahre aufrechterhalten. Ihr Freundeskreis, der ihr sehr wichtig
sei, lebe im Karlsruhe. Die Arbeit hätte ihr sehr viel Freude bereitet. Auf der anderen Seite
scheint ihr eine Wochenendbeziehung mit ihrem Mann unvorstellbar. Es sei ihr sehr wichtig,
das Leben mit ihm zu teilen und abends um ihn zu sein. Er sei zwar beruflich sehr engagiert
und auch oft auf Auslandsreise, aber sie könne sich nicht vorstellen getrennt von ihm zu
leben. Diese Entscheidung quäle sie so sehr, dass sie nachts nicht mehr schlafen könne,
tagsüber fahrig sei, unkonzentriert und keinen anderen Gedanken mehr zulassen könne. Sie
habe mit Freunden geredet, sei mal von dieser und dann wieder von jener Lösung überzeugt.
Sie habe eine Pro und Contraliste angefertigt, könne aber keine Entscheidung fällen.
   In der Beratung kristallisiert sich heraus, dass sie auch in anderen Entscheidungsprozes-
sen immer wieder in existentielle Krisen geraten war. Verständlich wird das Verhalten im Ver-
lauf der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, dem eigenen „Gewordensein“.
   Frau S. hatte in ihrem Elternhaus erlebt, dafür geliebt und geschätzt zu werden, dass sie
den Leistungsanforderungen und dem Verhaltenskodex der Familie zu jeder Zeit entsprach.
Es war für sie als Kind undenkbar, sich diesem expliziten Auftrag des Vaters zu entziehen und
„ Eigenes“ zu entwickeln. Ihre Mutter ordnete sich den Maßstäben des Mannes unter und
vertrat keine erkennbar eigene Meinung. Frau S. erlebte das Familienklima als kühl, distan-
ziert und leblos.
    Durch ihren Beruf hatte sie eine Möglichkeit gefunden, sowohl im Kontakt zu den Kunden
als auch zu den Kollegen, eigene Beziehungsmaßstäbe zu entwickeln. Nur in Situationen, in

                                                                                         Seite 13
denen sie mit hohem Leistungsdruck konfrontiert wurde, kamen alte Versagensängste ver-
bunden mit dem Gefühl unwert zu sein hoch. Ebenso in Situationen, in denen sie sich
deutlich positionieren musste. Sich auseinanderzusetzen , auszuhalten nicht in Übereinstim-
mung mit allen zu sein, fiel ihr schwer. Sie musste lernen, eigene Impulse als berechtigt zu
fühlen, eigene Wünsche klar zu benennen. In kleinen Schritten übte sie, sich abzugrenzen
und sich mit den dazugehörenden Ängsten zu befassen, sei es in antizipierenden Rollenspie-
len, durch resourcenorientiertes Fragen und der Arbeit an Gefühlen - eigenen und gespiegel-
ten, mit Gegenwart und Vergangenheit verknüpften, in der Beratungssituation und im konkre-
ten Alltagsgeschehen ... Im Beratungsprozess konnte sie ihre Denk ,- Entscheidungs und
Handlungsmöglichkeiten nach und nach zu erweitern.


                              Beratung mit Paaren, die in einer Patchwork-
                                        oder Stieffamilie leben.
                                                   Hanne Reutti


   Eine Folge der immer höher werdenden Zahl von Trennungen und Scheidungen ist auch die
steigende Zahl von Stieffamilien. Denn Partner, die sich getrennt haben, gehen selbstver-
ständlich häufig auch neue Partnerschaften ein und gründen neue Familien. In dieser neuen
Familie bringt die Frau Kinder mit, deren Vater woanders lebt. Diese sog. Stiefvaterfamilien
sind die häufigste Form der Stieffamilie, weil nach einer Trennung die Kinder meist bei der
Mutter bleiben. Aber auch der Mann kann eigene Kinder, die bei ihm leben, in die neue Bezie-
hung mitbringen, während die Mutter dieser Kinder woanders, vielleicht schon in einer ande-
ren Beziehung, lebt. Solche „Stiefmutterfamilien“ haben es meist schwerer. Denn die Erwar-
tungen an eine Mutter sind umfassender als die an einen Vater. Selbst der aufopferndste
Einsatz der Stiefmutter wird von den Kindern (auf Grund ihrer Loyalität zur leiblichen Mutter)
selten belohnt.
   Wenn beide Partner Kinder in die neue Beziehung mitbringen („zusammengesetzte
Stieffamilie“), ist jeder der beiden Partner also zugleich Vater oder Mutter eines leiblichen
Kindes und Stiefvater oder -mutter des Kindes des Partners. Die Situation wird noch kompli-
zierter, wenn sich Paare nach einer zweiten oder dritten Trennung zusammenfinden.
   Und oft bekommt dieses Paar noch neue gemeinsame Kinder. Für die schon mitgebrachten
Kinder bedeutet das: Die Rollen auf der Geschwisterebene müssen neu verteilt, Privilegien
aufgegeben, neue Verantwortlichkeiten übernommen werden.
   Die Kinder bringen so ihre unterschiedliche Geschichte und durchaus verschiedene Vor-
stellungen vom Familienleben mit. Einfluss auf die Kinder und über die Kinder auf die neue
Familie haben meistens zusätzlich auch die von ihnen getrennt lebenden Elternteile nebst
den dazugehörigen Großeltern. Die Stiefgeschwister, die über die neue Partnerschaft zusam-
mengewürfelt werden, hatten dabei nicht die Chance, sich wie Freunde auszuwählen, son-
dern müssen in der neuen Familie erst lernen miteinander auszukommen.
   Ich denke hier an ein Beispiel: Eine Frau, die nach ihrer Trennung mit ihren zwei Söhnen
(Max und Moritz) im Alter von 8 und 6 Jahren eine Weile allein gelebt hatte, lernt einen Mann
kennen, der mit seiner 8-jährigen Tochter (Paula) ebenfalls allein lebt. Sie beschließen zu-
sammenzuziehen: Die Frau zieht mit ihren beiden Söhnen in die 3-Zimmer-Wohnung des Man-
nes. Hier nur zwei von mehreren Konfliktsituationen: - Die drei Kinder müssen sich auf einmal
das Kinderzimmer teilen, in dem Paula vorher allein gelebt hat. Wogegen sie sich heftig sträubt!
- Paula sieht ihre Mutter einmal wöchentlich zu einer bestimmten Zeit. Der Vater von Max und
Moritz hat nur sporadisch Kontakt und zahlt auch keinen Unterhalt. Auch die Großeltern der
neuen Partner verhalten sich sehr unterschiedlich: Die Eltern und Geschwister der Frau ak-
zeptieren Paula voll und nehmen sie in die Familie auf. Die Eltern des Mannes versuchen, Max

Seite 14
und Moritz zu ignorieren.
    Natürlich gibt es in der neuen Familie auch noch die üblichen Paarkonflikte, wie sie auch in
Partnerschaften ohne mitgebrachte Kinder vorkommen. Das Konfliktpotential der Stieffamilie
ist aber ungleich größer als in einer „Normalfamilie“, somit auch die Gefahr, dass die Partner
sich von der Massierung der Schwierigkeiten überrollt fühlen und sich am liebsten wieder
trennen möchten. Deshalb verdienen Stieffamilien, und das ist in Deutschland heute etwa
jede sechste Familie, das besondere Interesse einer psychologischer Beratungsstelle.
    Zunächst gilt es, mit dem Paar zu schauen, was sie verbindet und was sie bis jetzt trotz
aller Probleme gut bewältigt haben. Das ist wichtig, weil Paare das oft gar nicht mehr wahr-
nehmen, wenn die Probleme über ihnen zusammenschlagen. Durch Anerkennung von außen
(in diesem Fall durch den/die BeraterIn) wird es ihnen auch leichter wieder präsent.
    Als nächstes besteht dann die Möglichkeit, für konkrete Detailprobleme Lösungen zu erar-
beiten, die die Gesamtsituation etwas entspannen können. Im Fallbeispiel: Paula und Max +
Moritz bekamen im Kinderzimmer klar abgegrenzte eigene Bereiche, und Max durfte abends,
weil sein Licht die beiden anderen störte, noch 20 Minuten im Wohnzimmer lesen.
    Das Paar erkennt aber, dass es sich für die Lösung der komplexeren Probleme mehr Zeit
benötigt. Hierzu wird auch gehören, dass im Einzelfall auch der persönliche Hintergrund der
Partner beleuchtet werden muss. Gerade in Stieffamilien macht es fallweise durchaus Sinn,
die Kinder in die Beratung einzubeziehen. Ein Problembereich kann das Vorhandensein einer
„sekundären Stieffamilie“ sein, d.h. der neuen Familie des abwesenden Elternteils. Die Kin-
der werden sich meist beiden Familien zugehörig fühlen. Hier müssen Wege gefunden wer-
den, die Grenzen der neuen („primären“) Stieffamilie zu betonen, ohne die Beziehung zu den
außerhalb Lebenden zu behindern.
    Wichtig ist, dass alle Beteiligten wissen: Sie brauchen viel Geduld, nicht nur mit den ande-
ren, sondern auch mit sich selbst. Schließlich hat sich herausgestellt, dass Stief-/ Patchwork-
Familien etwa 5 Jahre brauchen um zusammenzuwachsen. Die Geduld hat dann aber auch
ihren Lohn: So entwickeln die Kinder einer solchen Patchworkfamilie durch die wesentlich
höhere Zahl wichtiger Bezugspersonen und durch die stärkere Familiendynamik eine deut-
lich höhere Sozialkompetenz.


  „... niemand von uns kann gut leben!“ - Familienberatung
                        Ursula Bank-Mugerauer


   Frau T. (53) meldet sich und ihren Ehemann (54) sowie Sohn A. (17) zur Familienberatung
an. Die ältere Tochter B. (20) wartet auf den Beginn eines psychosomatischen Klinikaufent-
haltes und will an den Familiengesprächen nicht teilnehmen.
   Zum ersten Termin erscheint nur das Paar, der Stuhl für A. bleibt leer, wie auch in den
folgenden 3 Sitzungen. Er habe, so erklärt Frau T., für sich kurz vor dem Termin entschieden an
den Gesprächen doch nicht teilzunehmen, weil seine Schwester nicht dabei sei.
   Mein Kollege K. und ich führen als Beratungsduo die Beratung gemeinsam durch und er-
gründen zunächst den aktuellen Anlass sowie das Ziel. Mithilfe zirkulärer Fragen können auch
die nicht anwesenden Kinder einbezogen werden: „Angenommen wir könnten Ihren Sohn A.
befragen, was er denkt, worum es Ihnen hier geht / …wer am meisten Leidensdruck in der
Familie hat / …was sich am dringendsten verändern sollte / …wer am meisten davon hat,
wenn sich nichts verändert / …welches das wichtigste Thema ist / ...; --- was vermuten Sie,
könnte er antworten?“
   Schnell wird deutlich, dass einerseits Familie T. einer harmonischen Idee von Zusammen-
leben verpflichtet ist, andererseits aber die unbearbeiteten Konflikte unterschwellig die At-
mosphäre derart vergiften, dass Misstrauen und Vereinzelung dominieren. „Niemand von uns
                                                                                       Seite 15
kann gut leben“, beklagt Frau T., Herr T. stimmt zu. Ihre Ausführungen dazu geben uns einen
Einblick in den Abgrund der Verzweiflung. Das von beiden benannte Ziel beschreibt ein Mehr
von demselben: „dass wir wieder eine harmonische Familie sind, wir uns gegenseitig unter-
stützen, so wie es sein sollte, und jedes Familienglied ungehindert seinen Weg gehen kann.“
Diesem Ziel stehen Symptome bei jedem Familienglied entgegen: Tochter B. schneidet sich
seit geraumer Zeit, hat sich über die Schulpsychologin Hilfe gesucht; Sohn A. spricht nicht
mehr mit seinem Vater, empfindet die Familie als schrecklich und rastet manchmal aus –
einem Nervenzusammenbruch nahe; Herr T. beschreibt sich als depressiv und voll Schuldge-
fühlen den Kindern gegenüber, denen er so viele Defizite vererbt hat, ohne ihnen helfen zu
können. Mit seiner Mutter verbindet ihn eine Hassliebe (schwieriges psychisches Erbe, gleich-
zeitig Dankbarkeit); Frau T. kann kaum noch atmen zuhause wegen der allzu liebevoll kontrol-
lierenden Schwiegermutter, in deren Haus (Obergeschoss) sie gegen ihren Willen seit der
Hochzeit wohnen; von ihr bzw. von ihrem Mann fühlt sie sich um ihr Leben betrogen.
    Dabei hat alles wie ein Wunder begonnen: spätes Kennenlernen als sie weder mit dem
Glück der Partnerschaft noch mit dem Geschenk von Kindern gerechnet haben. Die Schwierig-
keiten jedoch haben schon früh begonnen als die Kinder noch klein waren und haben konti-
nuierlich zugenommen. Das Paar hat bereits in Beratung an der Verbesserung der Beziehung
zueinander, auch der sexuellen, gearbeitet - jedoch ohne nennenswerten „Erfolg“.
    Überwiegend treten sie in der Haltung von Klagenden auf, die von uns als Berater/in die
Veränderung jeweils des anderen erwarten: „Wenn mein Mann lebenslustiger wäre und nicht
alles schwer nähme, ...“ / „Wenn sie öfters mit mir schlafen würde, ...“
    Woran konkret sie bemerken würden, dass sie ihr Ziel (alle Familienglieder können gut
leben) erreicht haben?, fällt ihnen schwer zu beantworten, weil stets etwas nach beider Aus-
sagen „Unveränderbares“ gegen die konkrete Durchführung von Veränderungen steht.
    In der Grundhaltung der Neugier und in der Position des Nichtwissens befragen wir mögli-
che Konsequenzen von Veränderungen (Auszug; betreutes Wohnen für Schwiegermutter; Tren-
nung des Paares; ...) sowie von Nicht-Veränderung aus der eigenen Position und aus der Außen-
perspektive, jeweils für das familiäre Leben, auch für die Entwicklung der einzelnen Familien-
glieder. („Angenommen, durch die Beratung verändert sich nichts, wie geht Ihr Leben als
Familie weiter, in 2 Jahren ... oder in 5 Jahren?“)
    Jedoch ist die Situation, von welcher Seite auch immer sie betrachtet wird, „festgezurrt“,
ein Indiz dafür, dass eine als noch bedrohlicher eingestufte Situation mit der Aufrechterhal-
tung des aktuellen schwer erträglichen Zustandes verhindert werden soll.
    Mit Respekt gegenüber dem Paar und Respektlosigkeit gegenüber der Idee von Harmonie
in der Familie konfrontiert mein Kollege diese Idee als Schutzhülle für handfeste Konflikte
und Aggressionen, die auch in der Beratung noch nicht deutlich benannt wurden. Ich über-
nehme in einer Art „Splitting“ die andere Seite der Ambivalenz, dass doch die Familie mitein-
ander lebt, wenn auch nicht besonders gut, jedoch mit hoher Kompetenz füreinander sorgt
und einsteht bei gleichzeitig hoher Anspannung, und dieser Zustand offensichtlich lohnens-
wert genug ist aufrechterhalten zu werden.
    Zögernd stimmen Herr und Frau T. beiden Seiten zu mit einem unentschiedenen „ja, aber“.
Das Dilemma von einerseits dringend ersehnter Veränderung und andererseits Verhinderung
derselben breitet sich in den Sitzungen wiederholt in lähmend-resignativer Atmosphäre aus.
Für Frau und Herrn T. scheinen Schritte der Veränderung so bedrohlich zu sein, dass sie sie
weder aussprechen noch hypothetisch in Gedanken durchspielen können, nachdem wir in
Identifikation mit ihnen solche Überlegungen eingeführt hatten.
    Dass auch die ersehnte Veränderung in Richtung „dass alle gut leben können“ in der Fami-
lie einen Preis, d.h. Konsequenzen, hat, ist für Ehepaar T. zwar theoretisch nachvollziehbar,
aber nicht konkret besprechbar.
    Gegen Ende der 4. Sitzung kündigen wir eine Unterbrechung der Beratungsgespräche mit
ihnen an und begründen dies damit, dass offensichtlich die Zeit für Veränderungen für sie

Seite 16
noch nicht gekommen ist – und dies aus sicher guten Gründen, die wir achten wollen, auch
wenn wir sie nicht genau kennen. Gerne können sie sich als Paar/Familie wieder bei uns
melden, wenn einem Familienglied deutlicher geworden ist, was er oder sie im Zusammenle-
ben konkret verändern will und dabei durch Familiengespräche mit uns unterstützt werden
möchte.
  Weiter bitten wir um das Einverständnis, mit ihnen in etwa einem halben Jahr telefonisch
Kontakt aufzunehmen, falls sie bis dahin keinen weiteren Termin mit uns vereinbart haben,
um zu hören, wie der angestoßene Prozess weiter verlaufen ist.
  Wir sind gespannt, ob und wie der begonnene Familienberatungsprozess fortgesetzt wird.


                         Kinder in der Mediation
                                Andrea Klaas



   Mediation ist ein spezielles Beratungsangebot für Paare, die sich zu einer Trennung oder
Scheidung entschlossen haben und strittige Fragen einvernehmlich und eigenverantwortlich
lösen wollen. Bei Paaren mit Kindern geht es besonders darum, wie sie auch nach der Tren-
nung verantwortliche Eltern bleiben können. Trennungen sind heute zwar häufig und viele
erwarten deshalb (besonders von sich selbst!), dass Frauen und Männer damit selbstver-
ständlich und souverän umgehen können. Aber eine Trennung stürzt die Betroffenen meist in
eine heftige Krise. Die Eltern sind daher oft damit überfordert wahrzunehmen, wie ihre Kinder
diese Zeit erleben und was für sie wichtig ist. Als Mediatorin sehe ich meine Aufgabe deswe-
gen auch darin, die Interessen der Kinder deutlich zu machen.
   Wenn Eltern und Kindern einverstanden sind,kann ich die Kinder zu einer mit den Eltern
vorbereiteten Sitzung einladen. Es muss klar sein, dass hier die Eltern und nicht die Kinder
Entscheidungen treffen. Aber die Bedürfnisse der Kinder sollen ernst genommen werden. Die
Eltern sitzen neben ihren Kindern und hören zu, während ich die Kinder ermutige, über alles
zu reden, was ihnen am Herzen liegt.
   „Sie werden wahrscheinlich gar nichts sagen.“, befürchten Herr und Frau S., deren Töchter
den Vater nicht in der neuen Wohnung besuchen wollten. Susi (7) und Eva (10) sitzen auch
ganz schüchtern auf ihren Stühlen. Susi kann dann der Versuchung nicht wiederstehen, mit
dem dicken Stift auf die große Flipchart zu schreiben: „Mama und Papa sollen zusammenblei-
ben!“ - der erste Wunsch ist nicht erfüllbar. Aber das Eis ist gebrochen und ihr fällt noch ganz
vieles ein, was sie möchte: „Papa soll mir bei den Hausaufgaben helfen.“ und was sie nicht
will: „Ihr sollt nicht ständig streiten.“ Eva denkt natürlich schon weiter: „Wenn ich das erste
mal in Papas neue Wohnung gehe, muss Mama mich begleiten.“. Sie braucht da offensicht-
lich mehr als nur eine verbale Erlaubnis. Und dann: „Ich möchte meine Freundinnen am
Wochende bei Papa einladen dürfen“. Wir vereinbaren einen ersten Besuch und besprechen
genau, wie der ablaufen könnte.
   Die Kinder der Familie D. sind schon viel älter. Die 17-jährige Tina und ihr 15-jähriger Bruder
Florian möchten auch in die Beratungsstelle kommen. Tina bittet mich dann aber um ein
Gespräch unter vier Augen: „Meine Mutter beklagt sich mir gegenüber immer über den Vater.
Sie erzählt mir nachmittags oft stundenlang von ihren Problemen. Ich will das eigentlich nicht
hören!“ Ich bestärke sie darin, dass das in Ordnung ist. Dann überlegen wir zusammen, wie
das Problem gelöst werden könnte. Sie entschließt sich, das selbst mit ihrer Mutter zu Hause
zu klären.
   Auch in der Mediation läuft offensichtlich nicht immer alles wie geplant. So fühle ich mich
einigermaßen überrumpelt, als Herr und Frau F. mit ihren Kinder Anette (3), Florian (5) und
Fabian (9) ohne vorherige Absprache vor der Türe stehen. Mutter und Kinder wirken erschöpft,

                                                                                          Seite 17
ich bringe es nicht über das Herz sie nach Hause zu schicken, weil das Gespräch mit den
Kindern eigentlich nur nach Absprache stattfinden sollte... Frau F. erklärt ihr Anliegen: „Die
Kinder sollen jetzt mit dem Vater regeln, wann sie ihn sehen wollen. Ich gehe so lange raus.“
Offensichtlich fällt es der Mutter in ihrer eigenen Verletztheit schwer, mit Vater und Kindern in
einem Raum zusammen zu sein. Sie erklärt sich dann doch dazu bereit. Die Kinder fangen an
zu malen und zu erzählen. Die Situation entspannt sich etwas, die Geschwister kommen in
Bewegung, pendeln zwischen den Eltern, Florian sitzt am Ende auf Papas Schoß. Wir verein-
baren nur Termine für die nächsten zwei Wochen.
   In einer Mediationssitzung mit Kindern kann ich nicht familientherapeutisch arbeiten. Ich
möchte den Kindern Raum geben, den Eltern ihre Wünsche, Ängste, Hoffnungen zu zeigen .

                             „Ich weiß nicht, wie ich mich entscheiden soll“
                                     Eine Familienszene in der Frauengruppe.
                                                  Andrea Klaas



    Eigentlich möchte Ute Kindergärtnerin werden. Sie wohnt bei ihrem 12 Jahre ältern Freund,
der lieber eine Familie mit ihr gründen möchte. Seit dem Tod ihres Großvaters, denkt sie, sie
müsste wieder ins Elternhaus ziehen. Sie träumt von der Ausbildung, stellt sich andererseits
ihr verändertes Leben als Mutter vor und alternativ setzt sie sich mit aller Kraft für ihre Fami-
lie ein, die ohne die starke Persönlichkeit des Großvaters in Schwierigkeiten ist...Je mehr Ute
erzählt, desto weniger verstehen wir in der Gruppe, worum es wirklich geht.
    Um die Situation zu veranschaulichen bitte ich Ute, zuerst für sich selbst und dann für jede
andere Person, die für ihre Entscheidung eine Rolle spielt, eine Stellvertreterin aus der Grup-
pe zu suchen. Sie ordnet diese dann im Raum an und erzählt zu jeder etwas: „Meine kleine
Schwester, die ist erst 13 Jahre alt, die braucht mich - meine Mutter hatte schon in meiner
Kindheit Depressionen, sie schafft das nicht mit meiner Schwester und jetzt fehlt noch der
Großvater - mein Vater, mit dem bin ich im Alter von meiner Schwester gar nicht gut klar ge-
kommen... er steht eigentlich eher für sich alleine, nicht so nah bei der Mutter...“ Immer
wieder spielt das Landgasthaus, das schon der Großvater betrieben hatte und in dem Ute
früher auch mitgearbeitet hat, eine große Rolle. Sie hat glückliche Erinnerungen daran - die
große Wiese mit dem Schaukelpferd, Ihr geliebter Großvater als „Seele“ der Wirtschaft - aber
auch schwere, weil das Leben der ganzen Familie von der ständigen Arbeit geprägt war.
    Inzwischen steht die Familie im Raum, gruppiert um ein leere Mitte, auf die alle schauen.
„Da müßte eigentlich dein Landgasthof stehen, der spielt doch eine wichtige Rolle“, meint
ein Gruppenmitglied. Wir ergänzen das Bild und Ute stimmt zu, genau so sei es schon immer
gewesen, alles schaut auf den Gasthof, für anderes bleibt keine Zeit. Ist sie jetzt nicht ver-
pflichtet, sozusagen im Auftrag des Großvaters, dieses Familienerbe erhalten zu helfen?
    Utes Stellvertreterin steht ihrer Familie ganz unsicher gegenüber, der einzige, der sie ge-
stützt hatte, war der Großvater. Wir stellen ihn der Stellvertreterin symbolisch an die Seite.
Die Trauer um den Verlust wird spürbar und die Frage, wie sie das verarbeiten kann.
    Die Szene scheint vollständig zu sein. „Und wo ist dein Freund?“, fragt ein anderes Gruppen-
mitglied. „Den habe ich ja ganz vegessen!“, erschrickt Ute. Offensichtlich hat er noch keinen
festen Platz in ihrem Leben. Aber Ute sucht eine Stellvertreterin und probiert aus -so ganz nah
bei ihr passt es nicht, sie stellt ihn sich gegenüber, mit etwas Abstand.
    Eine Grundlage für eine Entscheidung konnten wir in einer Sitzung nicht erarbeiten, aber es
zeigt sich deutlich, was diese Entscheidung so schwer macht. Ute konnte sich ihre Situation
mit etwas Abstand betrachten, bereichert um alles, was die Gruppenmitglied dazu beigetra-
gen haben. Und genau dieser Abstand ist das, was uns verloren gegangen ist, wenn wir uns in
ein Problem verannt haben und alles unlösbar erscheint.

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   Neues vom Förderkreis
   Ich möchte mich bei allen, die die Ehe-, Familien- und
Partnerschaftsberatungsstelle im letzten Jahr unterstützt
haben,herzlich bedanken. Im Jahr 2004 haben wir an
Förderkreisbeiträgen und Spenden insgesamt 3.560 € erhal-
ten.
   Das ermöglicht uns Aktivitäten, die sonst mit unserem eng
kalkulierten Haushalt schwer möglich wären, wie z.B. die Re-
novierung eines Beratungszimmers und die Einführung der
„offenen Sprechzeit“: um die Anmeldung zu erleichtern, bie-
tet die Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle ab Februar 2005 regelmäßig die
Möglichkeit, sich in russischer und türkischer Sprache über Beratung zu informieren und Ter-
mine zu vereinbaren. Wir fördern Integration durch muttersprachliche Beratung.

Als kleines Dankeschön möchte ich Sie zu einem „romantischen Abend“ einladen:
                        Deutsch-Russische Liebesbeziehungen
                           zwischen Tradition und Moderne


                                    Referentin: Helene Kolb
                                    Ehe-, Familien- und Lebensberaterin
                                    Klavier: Elena Beselt (Ettlingen)

                                    Samstag, 15. Oktober 2005, 19.30 Uhr
                                    Evangelische Matthäusgemeinde
                                    Vorholzstrasse 2. Karlsruhe

                                    Die Mitglieder des Förderkreises treffen sich bereits um
                                    18:30 zu einem Gespräch über die aktuelle Entwicklung
                                    der Beratungsstelle mit Beraterinnen und Beratern aus dem
                                    Team.
                                    Bitte merken Sie sich den Termin vor, die Einladung folgt im
                                    Herbst


Antonina Retz „Frau und Musiker“.
St. Petersburg. 1995

   Elke Schröder, die die Schirmherrschaft bei der Gründung anlässlich des 50-jährigen Be-
stehens der Beratungsstelle übernahm, lebt nicht mehr in Karlsruhe und kann daher diese
Funktion in Zukunft leider nicht mehr wahrnehmen. Ich danke ihr ganz herzlich für ihr Engage-
ment für die Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle.


                 Die neue Schirmherrin.
                 Ich freue mich Ihnen Angela Geiger als neue Schirmherrin vorstellen zu kön-
                 nen. Sie ist Mitglied der SPD-Gemeinderatsfraktion und stellvertretende Frak-
                 tionsvorsitzende. Ich habe Frau Geiger immer als hilfreiche, engagierte und
                 kompetente Gesprächspartnerin erlebt, was die Belange unserer Stelle an-
                 ging.

                                                                                        Seite 19
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posted:3/15/2011
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