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Presseerklrung Mehr Wert kirchlicher Wohlfahrtspflege muss

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Presseerklrung Mehr Wert kirchlicher Wohlfahrtspflege muss Powered By Docstoc
					Presseerklärung


Mehr-Wert kirchlicher Wohlfahrtspflege muss gesichert bleiben
Landeskatholikenausschuss warnt in Stellungnahme vor „Marktwirtschaft pur“
bei sozialen Angeboten


Wenn soziale Dienste ausschließlich auf ihre finanzielle Dimension reduziert werden, geht
der „Mehr-Wert“ der kirchlichen Wohlfahrtspflege verloren. Der Landeskatholikenausschuss,
die Vertretung der katholischen Laien in Niedersachsen, plädiert deshalb in seiner aktuellen
Stellungnahme „Christlich motiviert – sozial engagiert. Der Mehr-Wert kirchlicher
Wohlfahrtspflege“ nachdrücklich dafür, die Leistungen der kirchlichen Wohlfahrts- und
Sozialverbände nicht nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu bemessen. Wenn die
Kosten im Bereich der Alten- und Krankenpflege und weiterer sozialer Angebote wie z.B.
Sozial- oder Schuldnerberatung oder Maßnahmen in der Jugendhilfe von den Kommunen,
dem Land oder anderen Kostenträgern dadurch gering gehalten werden sollen, dass nur der
billigste Anbieter den Zuschlag erhält, werde sich das soziale Gesichts Niedersachsen
erheblich    verändern.     „Marktwirtschaft    pur“    greift   nach         Aussagen     des
Landeskatholikenausschuss daher zu kurz.
Das oberste katholische Laiengremium in Niedersachsen streicht deshalb in seiner
Stellungnahme heraus, dass die Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonie und die
Sozialverbände wie z.B. das Kolpingwerk oder die Katholische Arbeitnehmerbewegung
Leistungen erbringen, die unverzichtbaren Wert haben, nach Kriterien des Marktes jedoch
nur begrenzt messbar sind. Insbesondere wird im Papier auf das Netzwerk der
Unterstützungsangebote hingewiesen, das schnelle und unbürokratische Hilfen zum Nutzen
der Hilfesuchenden durch zusätzliches Engagement vieler tausend Ehrenamtlicher aus den
kirchlichen Wohlfahrts- und Sozialverbänden ermöglicht. Da die christliche Wohlfahrtspflege
nicht vorrangig aus Gewinn-Interesse, sondern mit dem Leitbild der Nächstenliebe handelt,
sieht sie, so das Papier weiter, seit alters her wie ein Seismograph immer wieder
Aufgabenfelder, in denen neu entstehender Not begegnet wird. Durch großes, oftmals
ehrenamtliches Engagement sind auf diese Weise z.B. Suppenküchen, Wärmestuben,
Kleiderkammern oder Hospize entstanden – ohne Vorfinanzierung durch die öffentliche
Hand, oft aber mit Unterstützung aus kirchlichen Geldern.
Die Hilfeangebote von Caritas und Diakonie haben auch anwaltschaftlichen Charakter: Die
Verbände setzen sich öffentlich für die Verbesserung der Lebensbedingungen Not leidender
Menschen ein, die keine politische Lobby haben. Dieses Engagement, so der
Landeskatholikenausschuss,     ist   ein   unverzichtbarer   Beitrag    zur     sozialen   und
demokratischen Gestaltung des Gemeinwesens.
Diese und andere Leistungen bezeichnet das niedersächsische Laiengremium als „Mehr-
Wert“, der anerkannt und berücksichtigt werden muss. Wenn das komplexe Zusammenspiel
der kirchlichen und öffentlichen Finanzierung seitens der Kommunen und des Landes durch
Kürzungen in Frage gestellt wird, dann ist der „Mehr-Wert“ gefährdet, was langfristig
erhebliche Kosten verursachen wird.
Der Landeskatholikenausschuss plädiert deshalb für einen geregelten Wettbewerb zwischen
den Anbietern sozialer Leistungen: z.B. durch die Definition von klaren Qualitätsmaßstäben
bei der Ausschreibung öffentlicher Leistungen, den Nachweis einer Entlohnung der
Mitarbeiter, die sich an nachvollziehbaren Tarifsystemen orientiert oder den Nachweis, dass
sich die Anbieter in zumutbarer Weise z.B. an der Finanzierung von Aufgaben des
Gemeinwohls beteiligen oder das Ehrenamt nachweisbar unterstützen.




Christlich motiviert – sozial engagiert
Der Mehr-Wert kirchlicher Wohlfahrtspflege

Die Ausgangslage
Soziale Dienstleistungen werden seit einigen Jahren verschärft unter den
Gesichtspunkten von Kosten und Nutzen, Effizienz und Wettbewerb beurteilt. An die
Stelle der Frage, was ein kranker, arbeitsloser, pflegebedürftiger, behinderter oder
verschuldeter Mensch an Pflege, Behandlung oder Beratung braucht, tritt zunächst
die Frage, wie teuer das ist.

Diese Frage ist berechtigt und greift gleichzeitig zu kurz. Wenn Beratungsangebote,
Pflegeleistungen oder andere soziale Dienste nur noch nach ihrem Preis beurteilt
werden, dann wird dies tief greifende Veränderungen für alle hilfebedürftigen
Menschen und ihre Angehörigen mit sich bringen – letztlich gefährdet dies das
soziale Gesicht Niedersachsens erheblich. Diese Beurteilung führt zwangsläufig
dazu, dass zukünftig nur noch der billigste Anbieter vom Land, den Kommunen, den
Pflegekassen oder anderen Kostenträgern beauftragt wird. Soziale Dienste werden
kurzsichtig nur auf ihre finanzielle Dimension reduziert. Der „Mehrwert“ sozialer
Arbeit, die z.B. die kirchliche Wohlfahrtspflege leistet, wird außer Acht gelassen und
geht verloren.

Der Landeskatholikenausschuss, die Vertretung der katholischen Laien in
Niedersachsen, weist auf diese Gefahr hin und zeigt mit der vorliegenden
Stellungnahme auf, dass neben den Fragen nach den Kosten und der Effizienz
weitere Gesichtspunkte von grundlegender Bedeutung sind, wenn es um die Hilfe für
Menschen in Not geht. Sie ist damit zugleich ein Plädoyer für die Gestaltung unseres
Gemeinwesens, in dessen Mittelpunkt der Mensch steht.
Diktat der Kosten

Hintergrund einer Sichtweise, die vor allem nach den Kosten fragt, ist die
gravierende Mittelknappheit der öffentlichen Hand, der Kranken-, Renten- und der
Pflegekassen. Das Ziel, Kosten zu reduzieren, führt vor allem im sozialen Bereich
dazu, dass Leistungen erheblich zurückgefahren werden. So hat neben dem
Bundestag auch der niedersächsische Landtag gravierende Kürzungen und
Reduzierungen im Sozialbereich beschlossen; die niedersächsischen Kommunen
sehen sich zu vergleichbaren dramatischen Schritten gezwungen.

Eine bevorzugte Annahme, wie Kosten reduziert werden könnten, geht davon aus,
dass dies über den Markt möglich ist. Das Modell könnte dann so aussehen, dass
eine Gemeinde z.B. die Dienstleistung „Allgemeine Sozialberatung“ ausschreibt und
an den finanziell günstigsten Anbieter vergibt. Soziale Dienstleistungen werden dann
hauptsächlich nach rein marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten und Regeln bewertet.
Diese Entwicklung ist bereits jetzt zu beobachten.
Dies gilt auch für die Leistungen, die die Kirchen mit ihren Wohlfahrts- und
                  ,
Sozialverbänden, ihren Initiativen und Projekten in Niedersachsen erbringen. Bei
solch einer Bewertung gerät aus dem Blick, dass diese Leistungen, bei weitem nicht
allein nach Kriterien des Marktes zu fassen und zu bewerten sind.

Die kirchliche Wohlfahrtspflege

Die kirchliche Wohlfahrtspflege, die insbesondere durch die drei niedersächsischen
Caritasverbände und die Diakonischen Werke getragen wird, ist traditionell eine
tragende Säule des Gemeinwesens. In Niedersachsen, in Deutschland, in Europa
sind die kirchlichen Wohlfahrtsverbände seit mehr als hundert Jahren die Garanten
für engagierte Arbeit mit Menschen, die sich in unterschiedlichsten Notlagen
befinden.

Fürsorge für Arme und Kranke hat ihre geschichtlichen Wurzeln im Gedanken der
christlichen Caritas. Dies hat sich in Europa im Laufe der letzten zwei Jahrtausende
in vielerlei Errungenschaften niedergeschlagen, die heute so selbstverständlich sind,
das sie nicht mehr mit ihren Wurzeln in Verbindung gebracht werden (Krankenhäuser
z.B. wurden zuerst von Klöstern und kirchlichen Stiftungen getragen; die Sorge für
Arme und Obdachlose gehört zu den sieben Werken der Barmherzigkeit).
Die Bedeutung christlicher Gedanken und christlicher Werthaltung wird an ihrer
gestaltenden Kraft deutlich: Das „deutsche Erfolgsmodell“ der Sozialen
Marktwirtschaft verdankt sich tragender Leitgedanken der katholischen Soziallehre
und der evangelischen Sozialethik.

Auch das soziale Gesicht Niedersachsens ist stark geprägt vom Wirken kirchlicher
Wohlfahrtsverbände. In unserem Bundesland findet sich nicht nur das älteste
Waisenhaus Deutschlands (Kinderheim St. Johann in Osnabrück). Allein seitens der
katholischen Träger und der Caritasverbände in Niedersachsen sind rund 36.000
Beschäftigte in allen sozialen Arbeitsfeldern tätig. Eine noch wesentlich größere Zahl
Ehrenamtlicher unterstützt diese Arbeit in katholischen und evangelischen
Kirchengemeinden und in den Verbänden beider Kirchen mit hoher Kompetenz und
enormem Engagement.
Getragen wird die Arbeit der kirchlichen Wohlfahrtsverbände von einer Werthaltung,
die sich an erster Stelle nicht an Kosten-Nutzen-Maximen orientiert, sondern an der
christlichen Botschaft der Nächstenliebe: Jeder einzelne Mensch wird als einzigartig
angesehen, jedem Menschen kommt eine Würde zu, die durch Krankheit,
Behinderung oder andere Not nicht gemindert wird. Gerade die „Geringsten“ sind
Christen besonders ans Herz gelegt. Die Stärkeren sind von Jesus Christus
aufgefordert, den Schwächeren solidarisch zu helfen.
Die katholische Soziallehre hat ebenso wie die evangelische Sozialethik im Blick,
dass aus dieser Solidarität die Verpflichtung erwächst, sorgsam mit der Hilfeleistung
umzugehen. Was ein hilfebedürftiger Mensch selber tun kann, darf ihm nicht
abgenommen werden. Was ein hilfebedürftiger Mensch selbst tun kann, darf er nicht
abgeben. Das ist der Inhalt des Subsidiaritätsprinzips.
Selbstverständlich muss Hilfe auch nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten organisiert
werden. Allerdings: Zunächst ist der Notleidende im Blick, dann kommen die
wirtschaftlichen Fragen.

Politische Wahrnehmungen

Die Einschätzung, dass kirchliche Wohlfahrtspflege nicht allein nach Markt- und
Wettbewerbskriterien beurteilt werden kann, wird offensichtlich von der Europäischen
Union seit dem Rat von Lissabon im Jahr 2000 zunehmend geteilt. Seitdem ist zu
beobachten, dass die sozialen Dienste als ein wichtiger Faktor in der Ausgestaltung
europäischer Sozialpolitik beachtet werden. Insbesondere innerhalb der
europäischen Strategie zur Bekämpfung der sozialen Ausgrenzung kommt den
Verbänden der freien Wohlfahrtspflege im Reigen der sozialen „Nicht-
Regierungsorganisationen“ eine zentrale Rolle zu. Dies wird bereits im
Sozialprotokoll zum Maastrichtvertrag (Erklärung Nr. 23) unterstrichen.

Der niedersächsische Landtag hat in der Debatte um die Daseinsvorsorge am 16.
Mai 2001 eine Entschließung aller Parteien angenommen, die folgende Erklärung
enthält: „[…] Insbesondere gilt Folgendes: … Den Verbänden der Freien
Wohlfahrtspflege und den von ihr erbrachten sozialen Diensten kommt im Rahmen
der Daseinsvorsorge eine besondere Rolle zu:
 1. Als zentrale Akteure der Zivilgesellschaft tragen die Wohlfahrtsverbände,
insbesondere durch die Einbindung von Ehrenamtlichen und Freiwilligen, wesentlich
zum wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt bei.
 2. Ihre wirtschaftlichen Tätigkeiten dienen in ihrer Gesamtheit einem
gemeinwohlorientierten    Zweck     und      der   flächendeckenden    Versorgung
hilfebedürftiger Menschen. Evtl. wirtschaftliche Erträge werden dem Gemeinwohl
zugeführt. Diese Dienste werden insbesondere auf kommunaler und regionaler
Ebene erbracht und berücksichtigen das besondere soziale und kulturelle Umfeld der
Hilfebedürftigen.[...]“.


Der Mehr-Wert karitativer Arbeit
Die karitative Arbeit der kirchlichen Wohlfahrtsverbände hat einen erheblichen „Mehr-
Wert“. Dieser Mehr-Wert steht gleichwertig neben betriebswirtschaftlichen Aspekten,
lässt sich jedoch nicht oder nur sehr bedingt in Bilanzen ausdrücken.
Grundlegend ist festzuhalten, dass die Wohlfahrtsverbände, anders als
Wirtschaftsunternehmen, nicht gewinn- und profitorientiert sind. Die christlichen
Wohlfahrtsverbände orientieren sich in ihrem Handeln maßgeblich an einem
Menschenbild, das sich nicht in Zahlen ausdrückt, sondern von Würde spricht. Aus
dieser besonderen Orientierung wird ein Wert geschöpft, der über den
betriebswirtschaftlichen Nutzen hinaus reicht. Der Mehr-Wert karitativer Arbeit liegt in
der Besonderheit dieser Grundausrichtung.
Die Wohlfahrtsverbände sehen deshalb eine ihrer genuinen Aufgaben darin, am
Aufbau einer Solidarität mitzuwirken, die die ganze Gesellschaft durchzieht. Damit
fördern sie die Gestaltung eines Gemeinwesens, in dem auch arme und
benachteiligte Menschen ihren Platz haben.
.


Netzwerke steigern Qualität und Wirtschaftlichkeit
Ein hoch qualifiziertes Netzwerk unterschiedlichster Einrichtungen, Dienste und
Beratungsstellen leistet soziale Arbeit für alle Menschen, die in psychischen oder
sozialen Notsituationen sind oder deren Lebenslage so ist, dass sie vorübergehend
oder anhaltend auf Unterstützung angewiesen sind. Herkunft, Religion oder
Weltanschauung sind bei der Begleitung kein Kriterium - alleiniger Maßstab ist die
Hilfebedürftigkeit                         der                         Ratsuchenden.
Die enge Zusammenarbeit unterschiedlichster Dienste schafft Synergie-Effekte.
       Ein Beispiel: Die Caritas-Sozialstation pflegt seit längerem eine ältere Dame,
       die bei der Familie ihrer Tochter lebt. Einen erheblichen Teil der Pflege wird
       allerdings von der Tochter, Mutter zweier Kinder, selbst geleistet. Entlastung
       findet die pflegende Angehörige einerseits durch die Profis der Sozialstation,
       andererseits     durch      einen     ehrenamtlichen      Besuchsdienst     der
       Kirchengemeinde, der eng mit der Sozialstation zusammen arbeitet. Eine
       Selbsthilfegruppe helfender Angehöriger, die von der Caritas begleitet wird,
       schafft weitere Entlastungsmöglichkeiten. Trotz dieser Unterstützungen ist die
       Pflege Kraft raubend – die Tochter wird von der Schwester der Sozialstation
       auf die Möglichkeit einer Kur hingewiesen. Ein erster Kontakt zu einer Caritas-
       Beraterin wird schnell und unbürokratisch vermittelt. Ein weiterer Anlass zur
       Sorge ist die zunehmende Verwirrung der Seniorin. Auch hier kann über die
       Sozialstation ohne Wartezeiten eine Beratung vermittelt werden, die über die
       Möglichkeiten einer rechtlichen Betreuung informiert.

Ehrenamt mobilisiert Ressourcen
Neben der professionellen, hauptamtlich getragenen Sozialarbeit fördern die
kirchlichen Wohlfahrtsverbände das Ehrenamt. Die Wohlfahrtsverbände, die
karitativen Fachverbände und die Sozialverbände unterstützen Freiwillige, motivieren
und gewinnen Interessenten und schaffen neue Netzwerke der ehrenamtlichen Hilfe
in (Kirchen)Gemeinde und Gemeinwesen. Drei Beispiele sollen stellvertretend für
viele Handlungsfelder dienen:
-       Zahlreiche Betreuungsvereine stellen sicher, dass unterstützungsbedürftige
        niedersächsische Bürgerinnen und Bürger ihr Leben weiterhin in größtmögli
        cher Selbstbestimmung führen können;
-       Hunderte von Kreuzbund- und Blaukreuzgruppen unterstützen Woche für
        Woche alkoholkranke Menschen auf ihrem Weg aus der Sucht;
-       Christliche Hospizvereine begleiten Sterbende und ihre Familien und
        ermöglichen auf diese Weise vielen Menschen einen menschenwürdigen Tod.
Viele Ehrenamtliche bringen Kompetenzen in ihre Arbeit ein, die nicht oder nicht so
durch Hauptamtliche geleistet werden könnten. Ehrenamtliche, das soll in diesem
Zusammenhang erwähnt werden, engagieren sich nicht aus wirtschaftlichen Motiven,
sondern um der Sache willen. Aus diesem Grund sind Bestrebungen kritisch zu
beurteilen, Kürzungen in der hauptamtlich geleisteten Sozialen Arbeit durch den
Hinweis auf engagiertes Ehrenamt zu rechtfertigen.
 Ehrenamt und Hauptamt sind nicht gegenseitig verrechenbar.

Anwaltschaft sichert Demokratie
Caritas, Diakonie und andere Wohlfahrtsverbände engagieren sich mit ihren haupt-
und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern anwaltschaftlich und stellen
sich an die Seite der Notleidenden, die selber keine Stimme haben. Diese,
manchmal unbequeme, sozialpolitische Parteinahme ist ein unverzichtbarer Beitrag
zu einer lebendigen Demokratie und zu einem aktiven und lebenswerten Miteinander
in Niedersachen und in Deutschland. Der Ertrag dieser Bemühungen ist vielfältig und
schlägt sich z.B. in der Ausgestaltung von Gesetzen genauso nieder wie in der
Formulierung von Eckpunkten für Ausbildungs- und Qualitätsstandards.

Hilfe zur Selbsthilfe
Ein tragendes Prinzip der Arbeit in allen Handlungsfeldern ist die Aktivierung von
Selbsthilfe und Selbstheilungskräften. Wo möglich, werden deshalb auch z.B.
Familienangehörige mit in die Arbeit einbezogen. Hohe eigene Anforderungen an die
Qualität der Arbeit führen zu Standards, die nicht selten über den gesetzlich
geforderten Mindestbedingungen liegen.
Diese vielfältigen Leistungen werden nur zu einem Teil aus Mitteln der öffentlichen
Hand oder anderer Kostenträger mitfinanziert. In nennenswertem Umfang werden
die hier skizzierten Tätigkeiten entweder durch Kirchensteuern oder Eigenmittel
finanziert, durch das Einwerben von Spenden unterstützt oder durch kostenlose
Arbeit Ehrenamtlicher ausgeübt und damit überhaupt erst ermöglicht.
Im kirchlich-karitativen Bereich hat es immer die Bereitschaft gegeben, neue
Aufgabenfelder zu sehen und diese durch besonderes persönliches Engagement zu
erschließen. Dies sind oft seismographische Reaktionen auf die Wahrnehmung von
neu entstehender Not. Kirchliche Institutionen haben dabei in vielen Fällen das
Netzwerk von Beratung und Unterstützung gestellt und Finanzierungsmöglichkeiten
eröffnet, ohne dass eine gesicherte Refinanzierung vorher erkennbar war und
erreicht werden konnte. Auf diese Weise hat sich zum Beispiel die Hospizarbeit
entwickelt, sind Tafeln, Suppenküchen oder Kleiderkammern etc. initiiert worden.
Aktuell dürften solche Aufgabenstellungen an den „Rändern“ der ständigen
Veränderungen im Gesundheits- und Sozialwesen in zunehmendem Maße
entstehen.

Die Leitbilder der Wohlfahrtsverbände, die nicht an Gewinnmaximierung, sondern an
der Verwirklichung von Solidarität interessiert sind, ermöglichen bislang Investitionen
in bestimmte Arbeitsfelder. Anbieter, die unter rein betriebswirtschaftlichen Aspekten
arbeiten müssen, können diese Investitionen nicht oder nicht in diesem Maß
vornehmen (als Beispiele sollen hier die Allgemeine Soziale Beratung, die Kur- und
Erholungsberatung, Angebote der ambulanten Suchthilfe oder Leistungen der
Migrationsberatung genannt sein).
In den letzten Jahren hat die Europäische Union Gelder in Höhe von vielen
hunderttausend Euro für soziale Projekte zur Verfügung gestellt, die von
niedersächsischen Wohlfahrtsverbänden getragen werden. Voraussetzung für diese
Mittelbewilligung ist immer die Investition von so genannten Eigenmitteln wie z.B.
Spenden.

Erst dieses Engagement, das nicht von betriebswirtschaftlichem Kosten-Nutzen-
Rechnen geleitet wird, wird jedoch der Situation vieler Hilfesuchender gerecht.
Entgegen dem Begriff des „mündigen Kunden“, der auch im Bereich der Sozialen
Arbeit in der letzten Zeit Fuß fasst, befinden sich Rat suchende Menschen oft in einer
Notlage, die keine Entscheidungsfreiheiten lässt. Sie sind auf eine schnelle und
funktionierende Hilfestellung angewiesen, die den Ratsuchenden nicht aus
wirtschaftlichem Interesse, sondern zu aller erst um seiner selbst willen unterstützt.


Christlich motiviert – sozial engagiert
Die Beispiele zeigen, dass die kirchlichen Wohlfahrtsverbände und die Kommunen
bzw. das Land Niedersachsen Partner sind. Die Mehr-Wert-Leistungen, die die
Wohlfahrtsverbände erbringen, sind nicht umsonst. Sie können nur dann aufrecht
erhalten bleiben, wenn das komplexe Zusammenspiel von Finanzierungen nicht im
Grundsatz in Frage gestellt wird. Wenn sich bislang sichere Kostenträger
zurückziehen, wird mehr gefährdet, als auf den ersten Blick zu vermuten ist.

Wettbewerb braucht Regeln

Die Zuwendungen der öffentlichen Hand orientieren sich neuerdings häufig zunächst
am Preis und nicht an inhaltlichen Standards. Leistungen wie die Beratung von
verschuldeten      Bürgern    oder     die   Unterstützung     von     Familien    mit
Erziehungsschwierigkeiten werden ausgeschrieben – wer das günstigste Angebot
abgibt, erhält den Zuschlag.
Manche „Mitbewerber“ können auf diese Ausschreibungen mit Angeboten reagieren,
die billiger sind als die der Wohlfahrtsverbände. Günstige Preise entstehen dabei
manches Mal durch die Verweigerung von tarifgerechten Löhnen oder von
Gemeinschaftsaufgaben Spezialisierung auf eine Aufgabe, die Verweigerung von
tarifgerechten Löhnen oder von Gemeinschaftsaufgaben (z.B. Altenpflegeumlage –
die solidarische Finanzierung der Altenpflegeausbildung, die von den meisten
privaten Anbietern nicht gezahlt wird). Dies ermöglicht es z.B. privaten Anbietern, zu
niedrigeren Kosten zu arbeiten.
Wettbewerb ist auch im sozialen Bereich ein Motor für Innovation und
Verbesserungen. Gleichzeitig braucht Wettbewerb jedoch Regeln – gerade im
hochsensiblen Bereich der sozialen Dienste.

Anforderungen an die Wohlfahrtsverbände

Auch die Wohlfahrtsverbände müssen ihre Leistungen auf den Prüfstand stellen.
Soziales Engagement, das vorrangig die Würde jedes Menschen im Blick hat, und
wirtschaftliches Denken sind kein Widerspruch.
Dort, wo aus historischen Gründen parallele oder sich überschneidende
Angebotsstrukturen gewachsen sind, müssen auch die kirchlichen Träger ihre
Angebote konzentrieren. Obwohl die Verwaltungskosten z.B. bei den katholischen
Trägern unterdurchschnittlich sind, muss in vielen Bereichen überprüft werden, ob
nicht noch stärker als bisher Synergieeffekte erzielt und dadurch Kosten reduziert
werden können.
Dieser Prozess wird vielleicht zum Verlust von Arbeitsplätzen führen. An manchen
Standorten wird das Angebot eingeschränkt werden. Dies ist in jedem Einzelfall
schmerzhaft, wird aber auf Dauer nicht vermeidbar sein.

Auch die Kirchen sind in der Pflicht. Die Bistümer finanzieren einen erheblichen
Anteil der karitativen Arbeit aus Kirchensteuereinnahmen. Durch Arbeitslosigkeit und
zurückgehende Mitgliederzahlen fließen auch diese Quellen schwächer – die
Bistümer stehen unter einem bislang nicht gekannten Finanzdruck. In vielen
Diözesen werden deshalb Diskussionen um die Prioritäten geführt, nach denen
Gelder eingesetzt werden sollen.
Karitatives und diakonales Handeln ist sicherlich nicht der einzige Kernbereich
kirchlichen Handelns. Bei der Prioritätendiskussion muss jedoch klarer Maßstab für
die Verteilung knapper Mittel die Aufforderung Jesu Christi sein, die Armen und
Schwachen zu stützen.
Die Unterstützung karitativer Arbeit kann sich nicht auf die Bereitstellung von Geldern
beschränken. Caritas und Diakonie sind Kernaufgaben jeder christlichen Gemeinde.
Die intensive Förderung z.B. ehrenamtlicher Strukturen oder die Einbindung
karitativer Einrichtungen in ein lebendiges Gemeindeleben                     oder die
Zusammenarbeit mit den christlichen Sozialverbänden sind Maßnahmen, die das
Netzwerk der Hilfe stärken und damit die Plausibilität der Rede vom Mehr-Wert der
kirchlichen Wohlfahrtspflege noch erhöhen.
Die christlichen Kirchen in Deutschland sind sich seit langem ihrer gesellschaftlichen
Verantwortung bewusst. Davon zeugen u. a. Dokumente wie das gemeinsame Wort
der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirchen in
Deutschland „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ aus dem Jahr 1997.
Im Jahr 2003 hat die Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der
Deutschen Bischofskonferenz den Impulstext „Das Soziale neu denken“ vorgelegt.
Auch in diesem Dokument werden die benachteiligten Menschen zum Maßstab des
Handelns gemacht: „[…]Die Wirkungen allen politischen Handelns, insbesondere in
der Wirtschafts- und Sozialpolitik, sind daran zu messen, inwieweit sie letztlich der
Wohlfahrt und den Entfaltungsmöglichkeiten der Mensch zugute kommen. Dabei ist
besonders darauf zu achten, inwiefern es die Armen betrifft, ihnen nützt und sie zu
eigenverantwortlichem Handeln befähigt.[…]“.

Funktionierende Gemeinwesen brauchen solidarische Strukturen

Mit diesen Maßnahmen ist das Kernproblem jedoch nicht beseitigt: Ein
funktionierendes Gemeinwesen braucht Strukturen, die nicht ausschließlich unter der
Sichtweise des günstigsten Preises entstehen bzw. lebendig bleiben. Diese
Strukturen sind nur dann gewährleistet, wenn sie aus einer Haltung der Solidarität
und des übergeordneten Interesses am Gemeinwohl gepflegt werden und wenn sie
von allen, auch der öffentlichen Hand, mit getragen werden. Investitionen, die die
Träger dieser Strukturen stützen (und hier haben die kirchlichen Wohlfahrtsverbände
seit Jahrhunderten eine Vertrauensstellung inne, die erst neuerdings in Frage gestellt
wird), sind Investitionen, die eine Rendite ermöglichen, die in Euro und Cent nicht zu
messen ist.
Werden diese Investitionen aufgrund kurzfristiger (und zu kurz greifender)
betriebswirtschaftlicher    Interessen    gestrichen,   werden     die   mittelfristigen
volkswirtschaftlichen Kosten allerdings oftmals sehr wohl in Euro und Cent zu
beziffern sein. Aber auch hier gilt, dass der immaterielle Schaden, die psychosoziale
Not, die Ausgrenzung in Armutslagen, die Gettoisierung Benachteiligter, die
Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen sich nicht finanziell beziffern lässt.
Indikatoren werden stattdessen Kriminalitätsstatistiken, Obdachlosenzahlen oder die
Entwicklung der Suchtkrankenzahlen sein.

Klare Qualitätsmaßstäbe sind gefordert

Ein Weg, dieser Entwicklung entgegen zu arbeiten, ist die Definition von klaren
Qualitätsmaßstäben bei der Ausschreibung öffentlicher Leistungen.
Die Einhaltung fachlicher Standards ist dabei selbstverständlich.
Zu den Maßstäben gehört aber z.B. auch der Nachweis einer Entlohnung der
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich an nachvollziehbaren Tarifsystemen
orientiert.
Weiterhin wäre z.B. zu fordern, dass sich die Träger in zumutbarer Weise an der
Finanzierung von Aufgaben des Gemeinwohls beteiligen (wie z.B. der
Altenpflegeumlage) oder das Ehrenamt nachweisbar unterstützen.

Niedersachsen soll Heimat auch in Zukunft sein

In Zeiten großer gesellschaftlicher Umstrukturierungen, insbesondere im Bereich
sozialer Sicherungssysteme, bedarf es deshalb der gemeinnützigen Angebote der
Freien Wohlfahrtspflege und der Kirchen dringender denn je. Sie tragen auf
unverzichtbare Weise dazu bei, Menschen eine Beheimatung zu geben.
Beheimatung ist in umfassendem Sinn die Voraussetzung für die Übernahme von
Eigenverantwortung für sich und andere.
Nur auf dieser von fundamentalen Werten getragenen Basis lässt sich unser
Sozialstaat so weiterentwickeln, dass er ein soziales Gemeinwesen bildet, das die
Sorgen und Nöte des einzelnen Menschen, unabhängig von seiner wirtschaftlichen
Kaufkraft, wahrnimmt und seine Bedürfnisse schützt.
Nur auf diesem Weg wird kommenden Generationen aller sozialen Schichten die
volle Teilhabe am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben ermöglicht werden.
Nur auf diesem Weg werden Mitglieder aller gesellschaftlichen Schichten in die
angemessene Verantwortung für ihr eigenes Wohlergehen und für das
Gemeinwesen gerufen werden können.
Nur auf diesem Weg wird Niedersachsen Wohlfahrt gewährleisten und erfahren, die
allen Bewohnerinnen und Bewohnern Zukunft eröffnet.

				
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