In einer ziemlich traurigen Geschichte erzhlt der schweizer

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In einer ziemlich traurigen Geschichte erzhlt der schweizer Powered By Docstoc
					Rede
In einer ziemlich traurigen Geschichte erzählt der schweizer Schriftsteller Peter Bichsel von einem
Erfinder. Der wohnte weit weg von der Stadt. Und als er nach Jahren des Grübelns und Nachrechnens
merkte, dass seine Pläne stimmten, ging er nach langer Zeit zum ersten Mal wieder dort hin. Die Stadt
hatte sich verändert, das war nicht so schlimm. Schlimmer war, dass es die Erfindung des Erfinders
längst gab. Der Erfinder ging wieder nach Hause, legte seine Stirn in Falten und erfand von da an nur
noch für sich selbst.
Bichsels Erfinder bricht den (immerhin möglichen) Dialog ab und kehrt zurück in seine monologische
Existenz. Was seinem Erfinder fehlt, ist nicht Kreativität, sondern der Zugang zum Markt. Schöpfung
und Wertschöpfung können weiter entfernt liegen als die sprachliche Nähe uns Glauben macht. Werte
und Wertigkeiten sind in verschiedenen Währungen zu messen. Müssen wir uns also mit der Frage
nach der Markttauglichkeit unserer Produkte und Ergebnisse beschäftigen? Und wenn ja, welche
Märkte sind das und wie können wir sie erreichen?


Konzentrieren wir uns weniger auf die Erfindung als auf das, was ich – selbstredend nicht zufällig an
diesem Abend – seine monologische Existenz genannt habe. In einer Stadt ist Unsichtbarkeit etwas
völlig Normales. Oder wissen Sie genau, was die junge Frau drei Häuser weiter oder der ältere Herr
schräg links übern Hinterhof gerade gemacht haben, als Sie sich auf den Weg machten hierher? Sie
mögen einwenden: Mein Umfeld ist doch gar nicht unsichtbar. Wenn ich mit jemandem
zusammenarbeite, finde ich den schon! Das stimmt so lange, wie man weiß, dass die Zusammenarbeit
stattfinden soll – oder wenigstens könnte. Der KLUB DIALOG ist ein Versuch, die Unsichtbarkeit
aufzuheben; die Unsichtbarkeit des Einzelnen und die Unsichtbarkeit dessen, was hier in Bremen
passiert.
Aber dazu braucht es SIE. SIE müssen sich zeigen wollen – mit dem was Sie tun und mit dem was Sie
können. Dazu können Sie diese Bühne, also die Bühne des KLUB DIALOG, nutzen.


Der Versuch, das sichtbar zu machen, was man Kultur- und Kreativwirtschaft nennt, bleibt aber nicht
bei der Kultur- und Kreativwirtschaft stehen. Denn weil sie sich oft nicht an klassische
Unternehmensbilder und Arbeitsplatzbeschreibungen hält, ist die Kultur- und Kreativwirtschaft auch
ein Seismograph für umfassendere Entwicklungen. In was für einer Gesellschaft wollen, in welcher
Gesellschaft können wir leben? Wie soll unser Leben aussehen und unsere Arbeit? Und wie die
Städte, in denen das dann stattfindet?
Wer sich mit Kultur- und Kreativwirtschaft beschäftigen möchte, darf also nicht nur über Kreativität
und Wirtschaft sprechen. Sondern muss sich auch mit Stadtpolitik, mit neuen Arbeits- und
Lebensformen, mit heterogenen Ansichten und Absichten, aber vor allem mit ganz vielen
unterschiedlichen Menschen auseinander setzen.


Für diese Auseinandersetzung braucht es das Gespräch. Darum, wird der KLUB ANALOG der ersten
Staffel für die heute beginnende Zweite NICHT DIGITALISIERT – SONDERN DIALOGISIERT. Das heißt:
Reden und Zuhören. Als Wechselspiel.
Wovon also reden wir, wenn wir von Kultur- und Kreativwirtschaft reden? Und, vielleicht wichtiger
noch: Wie reden wir davon? In einem Grußwort zu dem Druckerzeugnis, durch das zu blättern Sie
heute Abend erstmals die Möglichkeit – und, so bleibt zu hoffen, das Vergnügen – haben, rückt der
Kölner Kulturwirtschaftsforscher Michael Söndermann das Gespräch in den Mittelpunkt. »Es wird viel
über die Kultur- und Kreativwirtschaft geredet«, schreibt er, »weil es sehr schwierig ist, mit dieser
Branche zu sprechen.« Das verwundert zunächst, denn mundfaul und kommunikationslahm sind sie
ja nicht, die Kreativen.


Die Schwierigkeit scheint eher in der scheinbaren Eindeutigkeit des Plurals zu liegen: Wer sind die
Kreativen? Auch wenn Michael Söndermann den Gegenstand seiner Beobachtung kennt, fällt es
schwer, von einer Branche zu sprechen. Man mag diese Branche statistisch fassen, sie eingliedern in
die Kuchendiagramme von Erwerbszweigen und Wertschöpfungsbeteiligungen. Man mag sie
definieren als Klammer für erwerbsmäßige Produktion und Distribution von: ja was? Kulturgütern?
Würde dann ein Schrankbauer, eine Schnapsbrennerin oder ein Koch nicht auch dazu gehören? Die
vielleicht größte Leistung der Kultur- und Kreativwirtschaft ist die Erfindung der Kultur- und
Kreativwirtschaft selbst.
Eine Frage, die den KLUB DIALOG beschäftigen wird lautet: Was habe ich eigentlich davon, dass
Akademiker, urbane Planer und EU-Statistiker dem Kind einen Namen geben? Überlassen Sie es
denen, zu definieren wer Sie sind und ob Sie sind? Oder haben Sie auch etwas dazu zu sagen? Und
wem nützt diese „neue“ Branche? Ihnen?


Der hiesigen Kreativwirtschaft fehle es an Profil, monieren die einen. Andere bezweifeln, dass es die
bremische Kreativwirtschaft – zumal als bremische – überhaupt gibt. Mit dem KLUB ANALOG begann
der Versuch einer positiven Selbstbespiegelung. Über EINE Sache war man sich einig: Bremen ist eine
lebenswerte Stadt. Alles andere ist umstritten. Braucht Bremen die Kultur- und Kreativwirtschaft?
Wofür? Um sexy zu werden? Um reich zu werden? Was kann Bremen heute schon? Und was kann aus
Bremen werden?
Standortpolitik mit Kreativen ist kein eben leichtes Unterfangen.
Nimmt man das Kunstprodukt der Kultur- und Kreativwirtschaft an und ernst, kann es – im besten
Falle – zu einer integrierten, sinnvollen, zeitgemäßen Kultur- UND Wirtschaftsförderung führen. Der
Weg zu einem zukunftsträchtigen Instrument von Stadtentwicklungspolitik führt aber nur über den
Dialog. Zwischen offiziell und inoffiziell. Zwischen den Organisierern »oben« und den kleinzelligen
Machern »unten«.


Nochmal über die Ebene der Stadt hinaus: Die klassische Auseinandersetzung zwischen
Arbeitgeberverband und Arbeitnehmervertretung ist in der Kultur- und Kreativwirtschaft nicht mehr
möglich. Es reicht nicht mehr, über Zahlen und Fakten zu verhandeln. Man könnte sagen: der Begriff
des Wirtschaftens wird emotional geweitet. Der Lohn wird in Fremdwährungen aufgestockt:
Gestaltungsspielräume und Spaß, Entscheidungsfreiheit und Verwirklichung des Selbst in der
kreativen Tätigkeit. Das ist gut. Nur darf nicht verschwiegen werden, dass die emotionale
Wertschöpfung     bei   vielen   Vertreterinnen   und    Vertretern   einer   Avantgarde    prekärer
Arbeitsverhältnisse mit anderen Entbehrungen erkauft wird. Ganz gleich, ob sie formal angestellt
sind oder selbständig. Eine Rücknahme von Entfremdung, die freilich oft durch den Verzicht auf
Einkommenssicherheit erkauft wird. Die Teilhabe an Stadt- und Standortpolitik kostet den Einzelnen
und die Einzelne einiges. Auch das gilt es, nicht aus dem Blick zu verlieren. Geht es am Ende doch
ums Verdienen? Aber in welchen Währungen? Und zu welchen Wechselkursen? Und welche Rolle
spielt „Geld“ denn dann?


Kommen wir noch einmal zurück zum KLUB DIALOG und fragen: Worüber soll die Kultur- und
Kreativwirtschaft reden, wenn sie mit sich selbst spricht? Ich weiß nicht, ob Sie jemals an einem
Bleistiftende gekaut haben, weil sie sich gerade nicht sicher waren, wie neun Sechsen auf
einundachtzig Sodokufeldern korrekt zu verteilen sind. Wer rätselt, ist sich doch immer gewiss, dass
er sich auf sicherem Gelände befindet. Der Weg mag steinig und kurvig sein. Stets führt er aber zu
einem Ziel, dass an Eindeutigkeit nicht zu überbieten ist. Dieser Dialog, den aufnehmen zu wollen Sie
durch ihre Anwesenheit hier und heute bekunden, läuft anders. Hier geht es nicht um des Rätsels
Lösung. Sondern um dessen Regeln; kurz: um das Rätsel selbst! Wer Visionär denkt, muss ohne die
Gewissheit der Ziellinie auskommen. Aber er muss sich auf den Weg machen!


In den Gesprächen, die ich bisher mit Bremerinnen und Bremern führen konnte, wurde immer wieder
das Bild des »Dorfs mit Straßenbahn« bemüht. Ich bin sicher, Sie können es kaum mehr hören.
Vielleicht muss es das Ziel dieser Veranstaltungsreihe sein, die Straßenbahn abzuschaffen. Damit die
Großstadt – als deren Bewohner sich alle, die vom Dorf reden, doch so gerne verstehen – zu ihrem
Recht kommt. Um eine – gedankliche – Straßenbahn abzuschaffen, braucht es eine konzertierte
Aktion. Zum Zuhören und Reden kommt das Machen.
Wer aufmerksam lauscht, wird – über viele brancheninterne Grenzen hinweg – vielleicht doch eine
wichtige Gemeinsamkeit bemerken. Denn die boomende Kultur- und Kreativwirtschaft hat – nicht nur
für Ihren Standort – den Vorteil, dass sie viele Menschen verbindet. Wo immer ihre
Selbstbestimmung herkommt – Sie können sie nutzen: Um gemeinsam besser (und bessere) Ideen zu
entwickeln. Und manchmal Dinge zu tun, einfach weil!
Kreativität ist auch die Fähigkeit, zu gestalten. Unternehmenskultur UND Kulturunternehmung
mögen vielleicht einen entscheidenden Beitrag liefern zum Betriebsklima unserer Gesellschaft. In
diesem Sinne möchte ich Ihnen als Visionärsversammlung raten: Bauen Sie eine U-Bahn-Station.
Bauen Sie neue Tunnel und Liniennetze. Entwickeln Sie Fahrpläne, Tarifsysteme und
Beförderungsbedingungen. Seien Sie in diesem Sinne gleichermaßen subversiv wie konstruktiv!
Nutzen Sie Plattformen wie den KLUB DIALOG für Ihr Bauvorhaben! Aber überlassen Sie das Machen
nicht den Anderen!

				
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posted:3/15/2011
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