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					                    Dortmund – Europas größter Kanalhafen
Gebiet und
Identität




                 Dortmund ist Europas größter Kanalha-        das 18. Jh. zurück. Der Bau des Max-         denten von Schorlemer-Alst an der Spit-
                 fen. Mit einem Güterumschlag von             Clemens-Kanals wurde jedoch nicht bis        ze. Die Industrie Schlesiens, vertreten
                 annähernd 3 Mio. t pro Jahr und mit          zur Vechte realisiert. Mit der fortschrei-   durch die Breslauer Handelskammer,
                 zehn Hafenbecken, ca. 40 Krananlagen         tenden Industrialisierung des rheinisch-     sorgte sich im Falle einer Anbindung
                 mit einer Tragfähigkeit von bis zu 60 t,     westfälischen Wirtschaftsraumes nahm         des Ruhrgebietes an die Elbe um ihren
                 fünf Getreidegebläsen mit einer Stun-        schließlich der Druck auf die politischen    traditionellen Berliner Absatzmarkt, die
   Naturraum




                 denleistung von 130 t und fünf Mineral-      Entscheidungsträger zu. Das 1856 von         Saarwirtschaft mit ihrem Wortführer,
                 ölleitungen, die 500 m3 Mineralöl in der     fortschrittlichen wirtschaftlichen Krei-     dem Freiherrn von Stumm, erahnte eine
                 Stunde transportieren können, zählt er       sen in Dortmund konstituierte „Canal-        unliebsame Stärkung der schwerindus-
                 auch zu den größten deutschen Binnen-        Comité“ trug den Kanalgedanken erst-         triellen Konkurrenz im Ruhrgebiet.
                 häfen. Ursprünglich für Kohle und Stahl      mals in den westfälischen Provinzial-            Die politische Durchsetzung erfolgte
                 errichtet, ist der Hafen heute ein wichti-   landtag. 1863 wurde der „Verein für den      daher erst im Jahr 1886, als auf Drängen
                 ges Element des Logistikstandortes           westfälischen Kanal“ von einem Perso-        der Dortmunder Montanindustrie der
                 Dortmund. Baustoffe, Mineralöle und          nenkreis gegründet, der nahezu iden-         Bau des Dortmund-Ems-Kanals (DEK)
   Bevölkerung




                 der zunehmende Containerumschlag             tisch mit den Protagonisten der im April     parlamentarisch beschlossen wurde.
                 liegen in der Statistik vorn. Nachdem        1863 gegründeten Dortmunder Han-             Bereits in den ersten zehn Jahren waren
   Siedlung
und Verkehr
Wirtschaft




                 Abb. 1: Das Dortmunder Hafenamt um 1900                                                   Abb. 2: ... und heute
                 (Quelle: Westfälisches Wirtschaftsarchiv, Dortmund)                                       (Quelle: Dortmunder Hafen AG)

                 die Erzimporte in Höhe von rd. 2,5           delskammer war, die fortan zu einem          75 % sämtlicher umgeschlagener Güter
                 Mio. t jährlich seit 1997/98 (Tab. 1) weg    entschiedenen Fürsprecher des Kanal-         Produkte bzw. Rohstoffe der Montanin-
                 gebrochen sind, hat sich der Gesamtum-       baus wurde.                                  dustrie. Die größte Bedeutung erlangte
                 schlag bei etwa 2,8 Mio. t stabilisiert,         Das Kanalprojekt wurde zu einem          der Kanal für die Erzversorgung der
und Kultur




                 was – rechnet man die Erzumschläge           Kristallisationspunkt divergierender         Dortmunder Stahlwerke um die Mitte
Bildung




                 während der „Stahlzeit“ heraus – im          wirtschafts- und strukturpolitischer In-     der 1920er Jahre, als über 80 % aller
                 Vergleich zu 1994/95 einen Zuwachs           teressen. Vor dem Hintergrund der De-        Erzlieferungen über die Verkehrsachse
                 bei den übrigen Gütern von etwa 10 %         batte über Deutschlands Weg vom              Emden – Dortmund abgewickelt wur-
                 bedeutet. Zusammen mit der Informati-        Agrar- zum Industriestaat sahen die          den. Neben den sog. Schwedenerzen
                 onstechnologie und der Mikrosystem-          ostelbischen Großagrarier ihre Absatz-       waren Erze aus Spanien, Afrika und
                 technik ist die Logistikbranche mit über     märkte im rheinisch-westfälischen In-        Kanada auf dem Vormarsch.
                 20 000 Beschäftigten im Bezirk der IHK       dustriegebiet gefährdet und befürchte-           Kanal und Hafen waren aber auch
Gesellschaft




                 zu Dortmund der wichtigste Motor des         ten einen weiteren Abbau ihres ohnehin       für die Lebensmittelversorgung der her-
und Politik




                 Strukturwandels in der Region.               im Zuge der Ost-West-Binnenwande-            anwachsenden Ruhrgebietsgroßstädte
                     Der Dortmunder Hafen wurde am            rung schwindenden landwirtschaftli-          von besonderer Bedeutung, deren Ein-
                 11. August 1899 durch Kaiser Wilhel-         chen Arbeitskräftepotenzials. Sie befan-     wohnerzahl allein zwischen 1895 und
                 m II. feierlich eingeweiht. Die ersten       den sich dabei in seltenem Einklang mit      1905 von 1,5 Mio. auf 2,5 Mio. anstieg.
                 Pläne, Westfalen an die Nordsee (Zui-        der unmittelbar angrenzenden westfäli-       Kaiser Wilhelm II. wies in seiner An-
                 derzee) anzubinden, reichen aber bis in      schen Landwirtschaft mit deren Präsi-        sprache zur Hafeneinweihung ausdrück-


                 208      Geographische Kommission für Westfalen
   Kanalhafen Dortmund




                                                                                                                                    Gebiet und
                                                                                                                                    Identität
               Eisen und   Bau- Mineral- Schrott u. Kohle u. Con- Sonst. Gesamt      der Hafen kein Eisenerz mehr umge-
Jahr Eisenerz Stahlwaren   stoffe öle Wertstoffe Koks tainer Güter                   schlagen (Tab. 1).
1993 1 634        591        991  484      162          45     0 123      4 030          Kanal und Hafen haben sich, wie
1994 2 528        632      1 049  506      190          71     0 116      5 092      einleitend beschrieben, längst auf eine
1995 2 780        498      1 079  668      203          55     0    94    5 377      Zukunft ohne montanindustrielle Ba-
                                                                                     sis eingerichtet; und dies ist mit Blick auf
1996 2 436        535        951  587      171          58     0    49    4 787




                                                                                                                                       Naturraum
                                                                                     die Entwicklung des Gesamtgütertrans-
1997 2 639        334      1 057  534      228         234   294    70    5 390
                                                                                     portaufkommens nicht ohne Perspektive:
1998 2 025        377        996  560      209       1 022   289    69    5 547      Zwar lag 2005 der Straßengüterverkehr
1999    168       372        991  489      217         736   342    77    3 392      mit 394 Mrd. Tonnenkilometern (tkm)
2000    135       489        959  505      207         358   369 110      3 132      noch klar vor der Eisenbahn (89,3 Mrd
2001    120       343        918  642      209         397   293    38    2 960      tkm) und der Binnenschifffahrt (65,7
                                                                                     Mrd. tkm) in Führung, die Wachstums-
2002      0       283        898  591      234         428   309    27    2 770
                                                                                     trends sind aber gegenläufig. Nach den
2003      0       256        896  544      184         563   292    41    2 776




                                                                                                                                       Bevölkerung
                                                                                     Mitteilungen des Statistischen Bundes-
2004      0       304        900  576      228         285   459    36    2 788      amtes haben 2005 die Luftfahrt (+ 8,5 %)
2005      0       294        983  622      220         149   394    48    2 710      und die Binnenschifffahrt (+ 1,4 %) beim
Tab. 1: Güterumschlag im Dortmunder Hafen 1993 – 2005 (in Tsd. t)                    Gütertransport zugelegt, während der
(Quelle: www.dortmunder-hafen.de)                                                    Straßengüterverkehr (- 0,7 %) und die
                                                                                     Bahn (- 1,5 %) rückläufige Ergebnisse
lich darauf hin, dass der Güterverkehr         Die Umschlagszahlen des Dort-         erzielten. Hinzu kommt, dass die Bin-
auf dem Kanal „vor allem auch der          munder Hafens sind ein zuverlässiger      nenschifffahrt neben ökologischen Vor-
Landwirtschaft zugute kommt.“ Ob-          Seismograph für die konjunkturelle Ent-   teilen gegenüber den anderen Verkehrs-
wohl dies eher eine politische Aussage     wicklung von Eisen und Stahl im östli-    trägern nicht nur beim Energiever-




                                                                                                                                       Siedlung
war, um dem Protest der ostelbischen       chen Ruhrgebiet. Wir erkennen starke      brauch pro Tonnenkilometer deutlich
Großagrarier gegen die knapp 80 Mio.       Einbrüche nach 1929, eine Hochkon-        niedrigere Werte erreicht, sondern auch
M teure Strukturinvestition für die        junktur während der nationalsozialisti-   bei den anfallenden externen Kosten
Ruhrindustrie die Spitze zu brechen,       schen Rüstungs- und Kriegswirtschaft,     sowie Unfallkosten wesentlich bessere
waren Mehl, Gerste, ein wichtiger Roh-     den Zusammenbruch nach 1945 und das       Kennzahlen aufweist. Nach Berechnun-
stoff für die westfälischen Brauereien,    „Wirtschaftswunder“ der „langen           gen des Instituts für Verkehrswissen-
Weizen oder Roggen noch im frühen 20.      1950er Jahre“. Mit 6,8 Mio. t erreichte   schaft der Universität Münster, die aus
Jh. wichtige Umschlaggüter. Die Masse      der Güterumschlag im Dortmunder           der Zeit vor der Einführung der LKW-




                                                                                                                                    und Verkehr
der Getreideimporte kam vor dem            Hafen im Jahr 1960 seinen absoluten       Maut stammen, ergaben sich für die ein-




                                                                                                                                    Wirtschaft
Ersten Weltkrieg von der Krim oder         Höchststand, was aber die tiefe Struk-    zelnen Verkehrsträger folgende Kenn-
über die russischen Ostseehäfen bzw.       turkrise bei Kohle und Stahl nur ver-     zahlen (Tab. 2):
über das Weiße Meer, aber auch Nord-       deckte. In langer histori-                               Eisen- Binnen- Güterfern-
amerika, die La-Plata-Staaten, Rumä-       scher Perspektive konnte                                 bahn schifffahrt verkehr
nien, Bulgarien oder Marokko tauchten      der Kanal die Kostennach- Energieverbrauch (kJ/tkm) 566             464    2 290
in größerem Umfang als Lieferanten         teile des östlichen Ruhrge- Wegekostendeckungs-            2,1      0,9     0,6
auf.                                       biets gegenüber der Rhein- lücke (Cent/tkm)
    Der weitere Ausbau des DEK blieb       schiene wohl dämpfen, Externe Kosten (Cent/tkm) 0,55                0,18    2,5
                                                                                                                                    und Kultur



ein Streitpunkt unterschiedlicher regio-   nicht aber, wie ursprüng- Unfallkosten (Cent/tkm)         0,06     0,005    0,9
                                                                                                                                    Bildung




nalwirtschaftlicher Verkehrsinteressen.    lich einmal erhofft, gänz-
Seit der Vollendung des Mittellandka-      lich ausgleichen. Ange- Tab. 2: Kennzahlen der Verkehrsträger
                                                                       (Quelle: K.-P. ELLERBROCK 1999, S. 221)
nals im Jahr 1938, dessen Bau in der       sichts der Ende der 1990er
nationalsozialistischen Rüstungspolitik    Jahre um etwa 80 DM pro Tonne Roh-             Vor dem Hintergrund dieser Zahlen
eine hohe Priorität genoss (Anbindung      stahl gegenüber der Rheinschiene höhe- sollten die verkehrspolitischen Rahmen-
der Reichswerke Hermann Göring) und        ren Selbstkosten der Dortmunder Stahl- bedingungen neu überdacht werden,
den weiteren Ausbau des DEK zunächst       werke war nach den großen Fusionen denn unser Mobilitätsdilemma besteht
                                                                                                                                    Gesellschaft




verhinderte, verbindet der DEK die         von Krupp und Hoesch und dann von darin, dass sowohl bei einer Verringe-
                                                                                                                                    und Politik




Rhein- und Rheinmündungshäfen, die         Krupp-Hoesch und Thyssen, die nach rung der Mobilität als auch bei einer zu
deutschen Nordseehäfen, den Großraum       der Erzielung von Synergien durch starken Ausweitung ein volkswirtschaft-
Berlin und nach Fertigstellung des Elbe-   Kostensenkung trachteten, die Stillle- licher Wohlstandsverlust droht.
Lübeck-Kanals die Ostsee. Damit ist der    gung der Dortmunder Hochöfen und
DEK ein wichtiges Bindeglied im trans-     Stahlwerke im April 2001 nicht mehr zu
europäischen Verkehrsnetz.                 vermeiden. Seit dem wird im Dortmun-                    KARL-PETER ELLERBROCK


                                                                                             WESTFALEN REGIONAL             209

				
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