Was wollt ihr dass ich euch tue Mk

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          »Was wollt ihr, dass ich euch tue?« (Mk 10,36)
          Zur Gestalt und Funktion von Fragen im Markusevangelium
          Reinhard von Bendemann


          1. Zum Problem der Konzeptualisierung von Fragen

          Die Frage, was eine Frage – als Gegenstand der Grammatik und Stilistik, in
          verschiedenen Tempora, als Sprechakt, als Teil mündlicher oder schriftlicher
          Kommunikation, als Element dialogischer Verständigung, als Teil diskursiver
          oder narrativer Texte, als eingebettetes Textelement u. v. a. – ausmacht, ist
          hochgradig diffizil und findet je nach sprachlichem Untersuchungsgegen-
          stand und beteiligten Wissenschaftszweigen und Disziplinen sehr unter-
          schiedliche Antworten. Man kann sich dem Phänomen des Fragens / der Fra-
          ge erstens unter dem Aspekt aussagenlogischer Theoreme nähern und es auf
          der Basis einer generellen Klassifizierung von Aussagen – unter der Voraus-
          setzung einer übergreifenden systemischen Logik der Kohärenz von Antwort
          und Frage 1 – erschließen. Idealtypisch sind hiervon zweitens Zugangsweisen
          zu unterscheiden, die sich dem Komplex der Frage imperativlogisch bzw. il-
          lokutionslogisch nähern und die Fragen als Ermunterung / Befehl begreifen,
          ein bestimmtes Informationsdefizit zu beseitigen. Mit diesem in den verschie-
          denen Zweigen der Sprechakttheorie verfolgten Ansatz ist zugleich auf das –
          umstrittene – Problem der Bedeutung des »erotetischen« (d. h. auf das Wis-
          sen-Wollen eines Inhalts / den Informationstransfer gerichteten) Aspekts von
          Fragen verwiesen. Von beiden Zugangsrichtungen sind drittens solche zu un-
          terscheiden, die mit einer eigenen, von präsuppositionalen Gesetzen der Aus-
          sage und der Kommunikation bzw. der Illokution unterschiedenen Interro-
          gativlogik rechnen und der Frage und ihrem Bezug zu propositionellen
          Gehalten eine eigene Wirklichkeitserschließungsleistung zumessen.
               Die verschiedenen Zugänge 2 zeigen: Fragen sind nicht als rein grammati-
          kalisches Phänomen, vielmehr nur auf der Basis struktureller, semantischer

          1.   Vgl. z. B. T. Lewandowski, Linguistisches Wörterbuch, Bd. I, München u. a. 6 1994,
               319: »Fragen setzen Aussagen / Antworten voraus und enthalten implizit Aus-
               sagen …«; a. a. O., 320: »Die Rekonstruktion der Antwort ist nur mit Hilfe der vor-
               aufgehenden Frage möglich; andererseits wird erst durch die Antwort die Frage als
               Frage (semantisch) aufgehoben.«
          2.   Vgl. zur Frageforschung (Auswahl): W. S. Chisholm (Hg.), Interrogativity (Typo-
               logical Studies in Language 4), Amsterdam / Philadelphia 1984; R. Conrad, Studien
               zur Syntax und Semantik von Frage und Antwort (studia grammatica 19), Berlin
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        und pragmatischer Analytik zu beschreiben. Auf der Ebene des Satzes (bei-
        spielsweise des Nominalsatzes) entscheiden Markierungen wie Fragepro-
        nomina, -adverbien, Satzstellung, initiale Negation oder speziellere Formeln
        nicht allein darüber, ob im konkreten Fall eine Frage vorliegt. In bestimmten
        semantischen Konstellationen können Erotemata auch anders Ausdruck fin-
        den. Insbesondere kommt (in allen Sprachen) der Intonation (der von der
        Silbenstruktur abhängigen »Prosodie«, der »Melodie«, dem »Tonhöhenver-
        lauf« u. a.) eine interrogationskonstituierende bzw. -stützende Funktion zu. 3
        Im zweiten Evangelium, auf das sich folgende Ausführungen konzentrieren,
        sind nur sehr wenige erzählerische Notizen zu benennen, die Anhaltspunkte
        für das (in der Antike regulär laute) Lesen von Fragen geben können (vgl. das
        Schreien der Frage in Mk 1,24; 5,7; 15,34; die furchtvolle Frage in Mk 4,41; die
        erregte Frage in Mk 6,2; 10,26; die mit Stöhnen / Seufzen »im Geist« einher-
        gehende Frage in Mk 8,12). Mit entsprechenden Erzählerbemerkungen ist
        dabei zumeist nicht darüber zu entscheiden, wie die Tongebung im einzelnen
        zu erfolgen hat. Soll man z. B. die Frage in Mk 1,24 so intonieren, dass ein
        souveräner, ein aufmüpfiger, ein herausfordernder, ein unsicherer, ein ängst-
        licher o. ä. Dämon für seine Gattung spricht? – Letztere beiden Möglichkeiten
        ergeben sich nur im Verbund textsemantischer und auch formgeschichtlicher
        Beobachtungen.
            Bei der gesprochenen (resp. gelesenen) Frage ist zusätzlich mit Mimik
        und Gestik als bedeutenden Formen der Artikulation und Unterstützung zu
        rechnen. In Hinsicht auf frühchristliche Texte bleibt hier für uns sehr vieles
        im Unsicheren und Dunkeln. Es zeigt sich auch hierin: Fragen / das Fragen
        sind / ist in ihrer / seiner Dependenz vom sprachlich Möglichen in einem
        umfassenden Sinn zeit- und kulturdependent.4

             (Ost) 1978; E. Engdahl, Constituent Questions (Studies in Linguistics and Philoso-
             phy 27), Dordrecht u. a. 1986 (a. a. O., 151-258, zur Forschungsgeschichte); J. Ginz-
             burg / I. A. Sag, Interrogative Investigations, Stanford 2001; T. Kubinski, An Outline
             of the Logical Theory of Questions, Berlin (Ost) 1980; M. Reis / I. Rosengren (Hg.),
             Fragesätze und Fragen (Linguistische Arbeiten 257), Tübingen 1991; M. Rost-Roth,
             Nachfragen. Formen und Funktionen äußerungsbezogener Interrogationen (Lin-
             guistik – Impulse & Tendenzen 22), Berlin / New York 2006. Zur Funktionsbestim-
             mung von Fragen in der Sprechakttheorie vgl. im Überblick: G. Hindelang, Einfüh-
             rung in die Sprechakttheorie (Germanistische Arbeitshefte 27), Tübingen 3 2000.
        3.   Vgl. zur Stellungsfelder-Analyse in Fragesätzen: J. Meibauer, Rhetorische Fragen
             (Linguistische Arbeiten 167), Tübingen 1986, 71-81. Vgl. weiter: D. Bresson, Zur
             intonatorischen Komponente von Fragesätzen, in: M. Schecker (Hg.), Fragen und
             Fragesätze im Deutschen (Eurogermanistik 9), Tübingen 1995, 25-34; M. Najar,
             Überlegungen zur Frageintonation, in: ebd., 35-50.
        4.   Angesichts der Multidimensionalität des Phänomens der Frage / des Fragens müs-
             sen Klassifizierungen und Subklassifizierungen wie »Informationsfragen« / »Ergän-
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            2. Quaestiones im Markusevangelium

            Wenn im Folgenden das Markusevangelium als Ausgangspunkt gewählt wird,
            so ist dies u. a. so zu begründen, dass in der Forschung bereits früh Fragen
            über die grammatikalischen Phänomene hinaus als wichtige Elemente der
            literarisch-theologischen Leistung des Evangelisten bestimmt wurden (z. B.
            im Zusammenhang des Jüngerunverständnisses und der Schweigegebote als
            Elemente des seit W. Wrede so genannten »Messiasgeheimnisses«). In den ver-
            gangenen Jahrzehnten ist verschiedentlich unter literaturgeschichtlichen
            Aspekten auf die eigene und besondere Bedeutung von Fragen für die narra-
            tio des zweiten Evangeliums hingewiesen worden und sind diese auch im Zu-
            sammenhang von Gesamtinterpretationen des Textes gewürdigt worden. 5
            Eine insbesondere die philologischen Probleme ernst nehmende Gesamt-
            untersuchung des Phänomens der Frage / des Fragens bei Mk gibt es bislang
            jedoch nicht; eine solche ist hier nicht einmal in Form einer Skizze vorweg-
            zunehmen. Auf begrenztem Raum geht es um wenige Beobachtungen an aus-
            gewählten Texten.
                 An den Beginn sollen einige allgemeine Beobachtungen zu den quaestio-
            nes im zweiten Evangelium gestellt werden.
                 Im Text des Mk sind insgesamt über hundert direkte Fragen zu verzeich-
            nen. Auf den Umfang der Schrift gesehen enthalten im Neuen Testament nur
            noch das Joh und der 1 Kor des Paulus mehr Fragen. 6 Die genaue Zahl ist


                  zungsfragen« / »Bestimmungsfragen« (Konstituenteninterrogative), »Entschei-
                  dungsfragen« (Polaritätsinterrogative), »Alternativfragen« (Disjunktive), »Nachfra-
                  gen«, »Echofragen«, »Versicherungsfragen«, »rhetorische Fragen« (die einem Adres-
                  saten die Entscheidung des Duals ihres propositionalen Gehaltes nahe bringen) etc.
                  und ihrer eingebetteten Entsprechungen (indirekte Fragen in Abhängigkeit von
                  einem übergeordneten Satz) notwendig unscharf bleiben.
            5.    Vgl. pars pro toto: D. Rhoads / D. Michie, Mark as Story. An Introduction to the
                  Narrative of a Gospel, Philadelphia 1982, 49-51; R. M. Fowler, Let the Reader under-
                  stand, Minneapolis 1991 (hier den Sachindex s. v. »Questions«). Vor allem die Stu-
                  die von P. Müller, »Wer ist dieser?« Jesus im Markusevangelium. Markus als Erzäh-
                  ler, Verkündiger und Lehrer (BThSt 27), Neukirchen-Vluyn 1995. Wenn Müller
                  ausgehend von Fragen nach Jesus, seiner Provenienz, seiner Vollmacht etc. (vgl.
                  Mk 1,27; 4,41; 6,2 f.14-16; 8,27 ff.; 9,7; 10,47 f.; 14,61 f.; 15,1-5) und in Bezug auf
                  verschiedene, vor allem titulare Antworten in der mk Erzählung die »Leitfrage« des
                  Mk als christologisch bestimmt (als Ausdrucksform eines »integrative[n] christolo-
                  gische[n] Konzept[es]«; a. a. O., 145 / Boring u. Breytenbach), so sind nach folgenden
                  Ausführungen für Mk noch stärker auch »ekklesiologische« und »eschatologische«
                  Fragelinien in Rechnung zu bringen.
            6.    Näherungsweise ist im Mk von ca. 110 Fragen auszugehen. Man vgl. demgegenüber
                  Kol und den Eph, die wahrscheinlich je nur eine einzige Frage enthalten (Kol 2,20;
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        allerdings nicht sicher festzulegen. Dies hängt damit zusammen, dass im neu-
        testamentlichen wie im klassischen Griechischen Fragen ohne Fragepro-
        nomen oder Frageadverb nicht durch Partikel o. ä. markiert sein müssen (vgl.
        BDR § 440). Ob eine Frage vorliegt, ist dann nur über den Sinn eines Satzes
        im Kontext zu erschließen. Semikola / Fragezeichen sind regulär nicht Teil der
        ältesten Handschriften, die nicht punktiert sind. 7
              Von wenigen diskutablen Fällen abgesehen (umstritten die Bewertung
        der Parataxe bei logischer Hypotaxe in Fragesätzen; BDR § 471,2), folgen die
        Fragen im zweiten Evangelium zwanglos den grammatikalischen und stilisti-
        schen Gesetzmäßigkeiten des Koiné-Griechischen.
              Direkte Fragen werden vom Erzähler sehr häufig einfach mit einem ver-
        bum legendi eingeleitet. Bevorzugtes verbum quaerendi im Mk ist neben dem
        deutlich selteneren Simplex ¥rwt”n (zum Bedeutungsspektrum vgl. Hebrä-
        isch Usb Pi.) das Kompositum ¥perwt”n. Markus gebraucht es signifikant
        häufiger als die Seitenreferenten (Mt 8 Â / Lk 17 Â / Apg 2 Â / Joh 2 Â [18,21
        v. l.] / Mk 25 Â). Dem Sinn nach unterscheidet es sich zunächst nicht vom
        Simplex, impliziert aber häufiger das gezieltere Fragen und Befragen zur Her-
        beiführung einer Urteilsentscheidung. Eindeutiger Schwerpunkt der Vertei-
        lung ist die zweite Hälfte des Evangeliums (so auch bei Mt). Auffällig ist ins-
        besondere das Fehlen im ersten Komplex von Kontroversszenen in Mk 2,1-
        3,6. Gibt es also im Mk eine Sinnlinie vom dicere über das quaerere hin zum
        inquirere? Das Verb ¥perwt”n wird zur Markierung des zunehmenden Kon-
        flikts mit jüdischen Gesprächspartnern gebraucht (vgl. Mk 10,2; 12,18 par;
        12,28 par; 12,34 par.). Auch ›nach innen‹, im Gespräch mit dem Jüngerkreis,
        gewinnen die Fragen an Dramatik. In Mk 14,60 f.; 15,2.4 ist das Verb schließ-
        lich technischer Ausdruck für das Verhör Jesu (vgl. Apg 5,27 u. a.). Anderer-
        seits hält sich lffgein als häufige erzählerische Einleitung direkter Fragen im
        ganzen Mk durch (vgl. im ersten Teil nur: 2,8.16.18 f.24 f.; im Finale: 15,14;
        16,3), und es fehlen Belege für ¥perwt”n in späteren Episoden des Evangeli-
        ums, wo man sie nach solcher schematischer Betrachtung erwarten würde.

             Eph 4,9; auch unter den echten Paulusbriefen solche mit wenigen Fragen: Phlm:
             vacat; Phil: 1 Frage; 1 Thess: 2 Fragen; dagegen im Gal: 18 Fragen; 2 Kor: 26 Fragen;
             Röm: 81 Fragen; 1 Kor: 101 Fragen). Im Mt: 167 Fragen; im Lk: 151 Fragen; im Joh:
             171 Fragen. – Bei den Zahlen gelten die oben und unten angesprochenen Unsicher-
             heiten.
        7.   Vgl. folgende, teilweise auch in der handschriftl. Überlieferung und den Übers. di-
             vergierende Stellen (Einzelnachweis aus Platzgründen nicht möglich; in der Mehr-
             zahl der Fälle ist zu prüfen, ob nicht, anders als in Nestle / Aland und GNT punk-
             tiert, eine mk Doppelfrage vorliegen kann): Mk 1,24b.27bc; 2,25; 4,13
             (Doppelfrage); 6,2c.37b (Kohortativ?); 8,17c (Feststellung?); 9,12a; 10,38a; 14,49a;
             14,60 (Doppelfrage); 14,64a u. a. m.
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            Hinzu kommt, dass fragende, bittende, disputierende etc. Äußerungen durch
            eine Reihe weiterer Verben und Ausdrücke erschlossen sind (z. B. suzhte…n:
            nur in Mk 1,27; 8,11; 9,10.14.16; 12,28; a§te…sqai: 6,25; 10,35.38; 15,43 u. a.;
            zhte…n: 8,11; 14,1.55 u. a.; »Überlegen in den Herzen«: 2,7 u. a.).
                 Charakteristisch für die Fragenkoordination im zweiten Evangelium ist
            die Doppelfrage. 8 Regelmäßig sind zwei Fragen eng kombiniert, die zwar in
            der Form variieren können, jedoch in semantischer und / oder pragmatischer
            Hinsicht konvergieren. Häufig liegt dabei der Akzent auf der zweiten Frage,
            die ggf. die erste erklärt, begründet, präzisiert, progressiv weiterführt, genera-
            lisiert, appliziert o. ä. (Mk 1,24.27 [unsicher; 1,27bc Frage?]; 2,7.8 f.; 3,4; 4,13
            [unsicher]; 4,21.30.40; 7,18 f.; 8,36 f.; 9,19; 10,38; 11,28 [disjunktiv]; 12,14
            [doppelte Disjunktion]; 12,24.26; 13,4; 14,37.60 [unsicher] und 14,63 f.; vgl.
            auch 8,27-29 [zwei Fragen, durch Antworten unterbrochen]; 11,31 f.; 12,9-
            11.35-37; 15,2-4). Fragekatenen, die – rechnet man mit inkludierten Aussage-
            elementen – ggf. auch als Kombination von Doppelfragen interpretiert wer-
            den können, finden sich in Mk 6,2 f. (je nach Abgrenzung bis zu 5 Fragen)
            und 8,17-19 (je nach Abgrenzung bis maximal 7 Fragen).
                 Fragen sind in einzelnen Bauformen der mk Geschichte gattungskonform.
            Dies betrifft die Verhörszenen (Mk 14 f.; vgl. z. B. Apg 21,35 ff. u. a.) sowie die
            Streit- und Schulgespräche bzw. Erzählungen mit entsprechenden Anteilen
            (vgl. die Texte in Mk 2,1-3,6; 10,1-22; 11,27-12,44). Unsicherer ist die form-
            geschichtliche Verankerung von Fragen im Fall von Exorzismen (begrenzte
            Zahl von Vergleichstexten; fraglich ist, ob Mk 1,24 auf ein Gegenwehrmotiv
            verweist; vgl. 5,7). In zwei mk Therapieerzählungen erinnern Jesusfragen an
            anamnetische Fragen in Arzt-Patienten-Dialogen (8,23; 9,21). In allen diesen
            Fällen wären überlieferungs- und gattungsgeschichtliche Vorgaben zu unter-
            suchen. Fragen folgen jedoch bei Mk nicht allein vorgegebenen Strukturen,
            sondern werden vom Evangelisten selbst planvoll aufgegriffen und ggf. modi-
            fiziert (in Mk 4,41 könnte eine zugrunde liegende Akklamation erst von Mk
            in eine Frage verwandelt worden sein), wohl kalkuliert eingesetzt und auf
            seine Gesamterzählung abgestimmt.
                 Angesichts der diesem Artikel gesetzten Raumgrenzen seien nun drei
            exemplarische Fragen als Ausgangspunkte gewählt: Mk 8,5; 9,11 und 10,36.
            In der Untersuchung dieser drei Fragen in ihrem engeren Kontext sollen drei
            Aspekte etwas näher beleuchtet werden: der erotetische Aspekt (die Bedeu-
            tung der Schließung einer Informationslücke), der intertextuelle Aspekt (der
            Bezug der Frage auf Prätexte) sowie der diskursiv-pragmatische Aspekt des
            Verhältnisses von Frage und Antwort. Die drei Fragen sind bewusst aus dem

            8.    Hierzu F. Neirynck, Duality in Mark. Contributions to the Study of the Markan Re-
                  daction (BEThL 31), Leuven 2 1988, 54-58, 125 f.
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        weiteren Abschnitt Mk 8-10 gewählt. Mit dem Petrusbekenntnis setzt im
        8. Kapitel ein Abschnitt der Erzählung ein, der durch das Muster der drei
        Leidensansagen (Mk 8,31; 9,31; 10,33 f.), folgender Szenen des Missverstehens
        der Jünger (Mk 8,32 f.; 9,32-37; 10,35-40) und korrigierender Lehre (Mk
        8,34-9,1; 9,38-50; 10,41-45) strukturiert ist. Dieser Abschnitt fokussiert ins-
        gesamt auf das Verhältnis Jesu zu seinen Jüngern (vgl. z. B. auch das »vor
        ihnen« bei der Verklärung in Mk 9,2). Unter dem Aspekt der Kommunikation
        mit den Jüngern erweist es sich aber als sinnvoll, eine Analyse von Mk 8-10
        bereits mit dem Beginn des 8. Kapitels zu eröffnen. Dies zeigen in besonderer
        Weise auch die in Mk 8-10 gestellten Fragen, die »auf dem Weg« überwiegend
        (bei gelegentlich geweitetem Auditorium oder wechselnden Gesprächspart-
        nern: Mk 8,12.23; 9,16.[19].21; 10,2.17 f.51) von Jesus an die Jünger (vgl.
        Mk 8.5.17-19.20 f.27.29.36 f. [Menge und Jünger]; 9,12.[19].33.50; 10,36)
        oder von diesen (überwiegend) an Jesus gerichtet werden (Mk 8,4; 9,11.28;
        [10,26]). 9



        3. »Wie viele Brote habt ihr?« (Mk 8,5)

        Mk 8,5, die Frage nach der Zahl der Brote, bietet das scheinbar klassische
        Beispiel einer »W-Frage«. Im Griechischen werden entsprechende Fragen
        mit dem Interrogativum tffl@, ansonsten durch die mit explosivem p anlauten-
        den Fragepronomina wie pƒso@ (nur Mk 6,38; 8,5.19 f.; 9,21; 15,4), po…o@
        (nur Mk 11,28 f.33; 12,28), potapƒ@ (nur Mk 13,1 [bis]), po‰ (nur Mk
        14,12.14; 15,47), pƒqen (nur Mk 6,2; 8,4; 12,37) und pƒte (nur Mk 9,19
        [bis]; 13,4.33.35) eingeleitet. Entsprechende Fragen verweisen auf die Mög-
        lichkeit einer informativen Antwort, die verifiziert oder falsifiziert werden
        kann.
            In Mk 8 wird entsprechende Information zum Examensgegenstand: Das
        Zahlenspiel der für das Speisungswunder zur Verfügung stehenden Lebens-
        mittel, der Gesättigten und des Übriggebliebenen wird von Jesus im Gespräch
        mit den Jüngern in Mk 8,19 f. erneut »abgefragt«. Bezeichnend für die subtile
        mk Fragetechnik ist dabei in Mk 8,19 f., dass die erfragte Antwort der Jünger
        ihrerseits von einer Frage umgriffen ist (»Rückfrage«; »rhetorische Frage«):


        9.   Vgl. als Ausgangspunkt folgender notwendig viele Aspekte abblendender Textana-
             lysen die Kommentare (Auswahl): C. Focant, L’évangile selon Marc (Commentaire
             biblique: Nouveau Testament 2), Paris 2004; M. E. Boring, Mark. A Commentary
             (The New Testament Library), Louisville / London 2006; A. Yarbro Collins, Mark.
             A Commentary (Hermeneia), Minneapolis 2007.
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      424     Reinhard von Bendemann

            »… als ich die fünf Brote gebrochen habe für die Fünftausend, wie viele … ? …
            Sie sagen zu ihm: ›zwölf‹. Als die sieben für die Viertausend, wie viele … ? Und
            sie sagen: ›sieben‹ …«. 10
                 Dass insbesondere p-Fragen über den erotetischen Aspekt im Grie-
            chischen hinausgehen und sehr viel komplexer sein können (zu »Informati-
            onsfragen« / »Ergänzungsfragen« bei Mk vgl. weiter verschieden: 5,30; 6,24;
            9,16.21; 11,3.5; 14,12.14 u. a.), 11 zeigt u. a. die Verwendung von p¾@ in der
            Einleitung dubitativ-deliberativer Fragen, bei Mk in der Regel im Indikativ
            (Präsens oder Futur; Mk 3,23; 4,13; 12,35), aber auch wie im neutestamentli-
            chen Griechisch zumeist im Konjunktiv (Mk 4,30; hierzu BDR § 366; eine
            ähnliche Verteilung bei p¾@ in indirekten Fragen: vgl. Mk 2,26; 5,16; 12,26
            u. a.: Indikativ; Mk 11,18: Konjunktiv). 12
                 In Mk 8,5 verweist die »Ergänzungsfrage« nach der Zahl der Brote zurück
            auf die gleichlautende Frage in der ersten Speisungserzählung (Mk 6,38).
            Schon in Mk 6 aber kann es auf der mk Ebene nicht um bloße Aufforderung
            zur Schließung einer Wissenslücke gehen. Auf der Basis des genus der Erzäh-
            lung ist auszuschließen, dass Jesus die Möglichkeit eines Wunders bei geän-
            derter Information resp. der Angabe einer niedrigeren Anzahl vorhandener
            Brote durch die Jünger negieren könnte, in dem Sinn: »das reicht nicht«. Im
            Gegenteil zielt das narrative Gefälle bis zum 8. Kapitel darauf, dass »Sätti-
            gung« sogar dort, wo nur ein einziges »Brot« vorhanden ist (Mk 8,14), in
            keiner Weise zu bezweifeln ist, wenn man als Jünger mit Jesus in einem
            »Boot« sitzt. 13
                 Als Element der Speisungswundererzählung gibt die Frage dem Erzähler
            die Möglichkeit, der Leserschaft die Ausgangslage lebendig zu präsentieren

            10. Man kann quasi den Typos einer deprimierenden Prüfungssituation wiedererken-
                nen: Die Prüflinge haben zwar nach mühsamem Anmarschweg die richtigen Zahlen
                und Vokabeln gelernt, sind aber zum Verknüpfen, Erkennen von Zusammenhängen,
                Interpretieren und weiterem Transfer nicht in der Lage; der Prüfende greift auf
                schlichtestes Basiswissen zurück, muss schon dies ›suggestiv‹ erfragen und wirkt da-
                bei gereizt, indem er implizit das von den Prüflingen schließlich richtig Ergänzte im
                Modus der Frage mit einem »ja, ja …« quittiert.
            11. Auch im Fall scheinbar ›reiner‹ Informationsfragen gilt, dass immer sprachabhängig
                bleibt, was überhaupt gefragt werden kann. Nicht in jeder Sprache stehen analoge
                Fragepronomina bzw. -adverbien zur Verfügung. Vgl. H. Weinrich, Tempus. Bespro-
                chene und erzählte Welt, Stuttgart u. a. 5 1994, 234-244.
            12. Abhängige deliberativ-dubitative Fragen stehen wie unabhängige Fragen im Kon-
                junktiv (z. B. Mk 6,36). P¾@ kann auch Fragen einleiten, die als Deklarativsätze
                fungieren (Mk 10,23 f.).
            13. Zur narrativen Symbolik von »Boot« und »Brot« in diesem Teil des Mk: M. Kling-
                hardt, Boot und Brot. Zur Komposition von Mk 3,7-8,21, in: BThZ 19 (2002), 183-
                202.
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                                            »Was wollt ihr, dass ich euch tue?« (Mk 10,36)   425

        und sie damit zugleich auch über die – am Ende für die Konstatierung eines
        Wunders wichtige – Zahl zu informieren. Zugleich liegt schon in Mk 6 ein
        Fokus auf dem Verhalten der Jünger, die hilflos ausweichen (Mk 6,37) und
        erst auf die Direktive Jesu hin sinnvoll zu beteiligen sind (Mk 6,39 ff.). Die
        Fokussierung schärft sich in der zweiten Speisungserzählung in Mk 8,1-9.
        Die erste Erzählung verhält sich zur zweiten expositionell, im Vergleich (Syn-
        krisis) ändern sich auch Sinn und Pragmatik der Fragen. Die in Mk 8,4 von
        den Jüngern gestellte Frage, wie / woher (pƒqen) denn irgendjemand in der
        Wüste die Menge mit Brot sättigen können sollte, ist im Licht der bereits
        erzählten erfolgreichen Speisung in Mk 6,34-44 als unsinnig resp. im Sinne
        mangelnder pfflsti@ zu verstehen. Die Analepse der Frage Jesu nach der Zahl
        der Brote – im Wortbestand identisch – bedeutet nunmehr einen Impuls zum
        Erinnern, Vergegenwärtigen, zum situativen Transfer und zu entsprechender
        Praxis. Solche Veränderung im Modus der Frage Jesu in Mk 8,5 gegenüber
        Mk 6,38 kann man auch darin angedeutet finden, dass der Erzähler anders
        als in Mk 6 nunmehr dezidiert vom ¥perwt”n spricht (s. o. Punkt 2.).
             Die komplexe Technik des Fragens in Mk 8, die insbesondere in einer
        Analyse der längsten Fragekatene des zweiten Evangeliums in Mk 8,17-21
        weiter zu verfolgen wäre, dient insbesondere dem Ziel, in der Gestalt der Jün-
        ger auch die Leserschaft zu erreichen und diese auf ihre Verstehens- und
        Handlungsdispositionen anzusprechen. Die Fragen verweisen auf eine dop-
        pelte Spurführung der Erzählung. So zeigt es auch die in die zweiphasige Blin-
        denheilung integrierte Frage Jesu in Mk 8,23: Die Jüngerinnen und Jünger,
        mit ihnen aber auch die Leserschaft, sollen sich nicht wie ›outsider‹ verhalten
        (vgl. Mk 4,12 / Jes 6,9 f.), sondern im Begreifen, Verstehen, Erinnern und in
        der Öffnung ihrer Herzen (vgl. Mk 8,17-21 / Jer 5,21) fortschreiten zu einem
        »ganz deutlichen« (thlaug¾@) Sehen (Mk 8,25).
             Die Frage »wie viele Brote habt ihr?« richtet sich in der Gestalt der Jünger
        so zugleich an die Leserschaft. Sie zielt im narrativen Verbund mit den wei-
        teren Fragen des 8. Kapitels einerseits auf die Gewissheit, von der auch die
        Situation des Mangels (Mk 8,14) umgriffen sein kann, andererseits auf kom-
        mendes Leiden und Kreuz, ohne die sowohl Jesus als auch die Möglichkeits-
        bedingungen der Jüngerschaft nicht zu begreifen sind.



        4. »Warum sagen die Schriftgelehrten:
           ›Zuerst muss Elia kommen‹ ?« (Mk 9,11)

        Einige gewichtige Fragen des zweiten Evangeliums beziehen sich auf die bi-
        blische Schrift und ihre Auslegung, genauer: darauf, wie die Schrift in der
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      426     Reinhard von Bendemann

            Gegenwart zur Erfüllung kommt. In ihnen scheint ein Vorgang auf, der für
            die neutestamentliche Traditionsbildung und Kanonwerdung insgesamt
            überaus bedeutsam ist: die Schrift als Legitimationsgröße wird auf das Chris-
            tusereignis, insbesondere das Leiden und Sterben Jesu, hin transzendiert.
                 Nur bei Mk stirbt Jesus mit einer Frage als ultimum verbum. Es handelt
            sich um ein Zitat aus Ps 22,2 – dieses wird in Mk 15,34 für die Leserschaft des
            Evangeliums ins Griechische übersetzt (möglicherweise aramäische Grundie-
            rung; diff Ps 21,2LXX). Jesus stirbt als verlassener, leidender Gerechter, der
            allein von Gottes inversivem Handeln Rettung erwarten kann (vgl. Ps 22,9).
            Auch der Modus dieser letzten Frage als lauter Schrei entspricht dem Prätext
            des Psalms (vgl. Ps 22,3.25).
                 In engstem Zusammenhang mit dieser letzten Frage Jesu als einer Schlüs-
            selstelle für die Verbindung von Schriftbezug und Leidenstradition reaktiviert
            Mk ein Thema, das in der Erzählung wiederholt Gegenstand von Fragen ist
            (vgl. 6,14b.15; 8,27 f.): das Verhältnis Jesu zu Elia bzw. zu Konzepten eschato-
            logischer Erwartung eines Elias redivivus. In Mk 15,35 interpretieren einige
            der Dabeistehenden den letzten Frageschrei Jesu missverstehend / spottend
            als Ruf nach Elia (Mk 15,35 f.). 14
                 Im Mk verbindet sich die Frage nach dem Verhältnis Jesu zu Elia engstens
            mit der Frage der Relation zu Johannes dem Täufer. Dass dieses Verhältnis
            tatsächlich so schwer zu verstehen ist, dass gerade hier bei Mk so viel gefragt
            wird und sich derart viele Verstehensbarrieren und Missverständnisse – auf
            beiden Seiten – bis hin zum Tod Jesu als dem Höhepunkt / Tiefpunkt der mk
            Jesusgeschichte einstellen, spiegelt die Desiderate eines Klärungsprozesses im
            frühen Christentum, der sich nicht allein im zweiten Evangelium bricht.
                 In die Reihe entsprechender Texte gehört die Jüngerfrage in Mk 9,11, die
            den zweiten Abschnitt des an die Verklärung anschließenden Erzählverbunds
            Mk 9,9-13 in direkter Rede eröffnet (›Gespräch beim Abstieg‹). Das Imperfekt
            des Verbs ¥rwt”n zeigt an, dass diese Frage die besondere Situation in ihrer
            Bedeutung transzendiert (durativ; iterativ). 15
                 Die Jünger fragen nach einer Äußerung aus dem Mund der Schriftgelehr-
            ten (vgl. ähnlich das Aufgreifen einer Position der Schriftgelehrten durch Je-
            sus in Mk 12,35): Zuerst müsse Elia kommen. Streng genommen ist dem
            Zitat der Position der Schriftgelehrten nicht zu entnehmen, dass mit ihm eine

            14. Schon die erste Frage des Markusevangeliums in Mk 1,24 (auch sie geschrieen) er-
                innert in ihrer eigentümlichen Formulierung (vgl. Mk 5,7; Joh 2,4) an eine Frage aus
                einer Eliaerzählung: 1 Kön 17,18LXX; vgl. 2 Kön 3,13LXX; Ri 11,12; 2 Sam 16,10;
                19,23; ParJer 2,35.21 (auch Epict Diss II 19,16).
            15. Das erste, frageeinleitende ˆti (zunächst als ˆti recitativum aufzufassen) wird meist
                mit »warum?« übersetzt, was sprachlich tffl ˆ ti entspräche (vgl. Mk 2,16; 9,28: für tffl
                ˆ ti – vgl. BDR § 300,4).
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                                              »Was wollt ihr, dass ich euch tue?« (Mk 10,36)    427

        irgendwie polemische Tendenz verbunden ist bzw. es sich um ein argumen-
        tum handelt, das man der christusgläubigen Seite entgegenhält. Allerdings
        verbinden die Leserinnen und Leser des Mk mit der Gruppe der Schriftge-
        lehrten einen potentiellen (Lehr-)Konflikt (vgl. Mk 3,22; 7,1; 8,31; 10,33;
        11,18.27; 12,28.35; 14,1.43.53; 15,1.31).
             Das pr¾ton in Mk 9,11 f. ist dem mk Wortsinn nach (vgl. Mk 3,27; 4,28;
        7,27; 13,10) nicht exklusiv zu interpretieren.16 Die von den Jüngern vorgetra-
        gene Position der Schriftgelehrten zielt vor allem – entgegen einer langen
        Auslegungstradition dieser Stelle – nicht darauf, dass Elia der Vorläufer des
        Messias sei, eine Vorstellung, die wahrscheinlich erst unter frühchristlichen
        Prämissen vergleichsweise spät entstanden ist. Im gegebenen Erzählkontext
        ist das »zuerst« auf die zuvor genannte Auferweckung der Toten zu beziehen
        (Mk 9,10). 17
             In Mk 9,12a stimmt Jesus entweder (so die Punktation im Nestle / Aland)
        der sich in der Meinung der Schriftgelehrten äußernden Erwartung zu, nach
        der Elia vor dem Tag des Herrn kommen und versöhnen bzw. auf das Gericht
        vorbereiten (Mal 3,1.23 f.) resp. Israel wiederherstellen soll (Sir 48,10 f.), 18
        fasst dies allerdings in ein p€nta. Oder aber es liegt auch hier eine Doppel-
        frage vor, und »Elia kommt zuerst und bringt alles in Ordnung« (3Hlffla@ mþn
        ¥lqŒn pr¾ton ⁄pokaqist€nei p€nta) ist als Rückfrage an die von den
        Jüngern vorgetragene Position der Schriftgelehrten zu interpretieren. Für letz-
        tere Deutung spricht auf der mk Erzählebene, dass sich ansonsten eine deutlich
        größere Spannung zum Bild des Täufers ergibt, wie Mk es in seiner Erzählung
        entwirft. Die die Szene abschließende Aussage (⁄llÞ lffgw ¢m…n) Mk 9,13 ist
        nämlich im Zusammenhang der gesamten mk Erzählung auf den Täufer zu
        beziehen, in dessen Gestalt Elia bereits gekommen ist (vgl. Mk 1,2-8).
             Johannes als den eschatologischen Elias redivivus verbindet in der Sicht
        des Mk mit Jesus insbesondere, dass er dasjenige tödliche Geschick erfahren
        hat, auf das Jesus zugeht (vgl. Mk 1,14; 6,14-29). Die Frage, wie diese Aussage
        traditionsgeschichtlich zu decken ist – weder Mal 3,1.23 noch das laus patrum
        wissen von einem leidenden Elia –, ist sehr schwierig und komplex. Zwischen
        Mk 9,12a und 9,13 findet sich in 9,12b eine weitere (s. o.) Frage, und vor allem
        sie ist es, die im Kontext auf eine christologische Kontroverse verweist: Dem
        mffn in 9,12a korrespondiert nicht ein dff, sondern eine weitere Frage. In ihr


        16. So D. Lührmann, Das Markusevangelium (HNT 3), Tübingen 1987, 158.
        17. Siehe Diskussion und Literatur bei Collins, Mark, 429 f. (mit Anm.).
        18. In Mal 3,23LXX steht ⁄pokaqfflsthmi im Futur. Zur Frage der eschatologischen Rol-
            le Elias (Auswahl / Überblick): J. Jeremias, Art. 2Hleffla@, in: ThWNT II, 930-943;
            M. Öhler, Elia im Neuen Testament. Untersuchungen zur Bedeutung des alttesta-
            mentlichen Propheten im frühen Christentum (BZNW 88), Berlin / New York 1997.
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      428     Reinhard von Bendemann

            soll dem Schriftargument der Schriftgelehrten ein eigenes Schriftargument
            entgegengesetzt werden. Die Deutung ist höchst umstritten. Der Versuch,
            die Frage mit einer einzigen Bibelstelle in Verbindung zu bringen, ergibt keine
            befriedigenden Resultate. Insbesondere sind die immer wieder postulierten
            Bezüge zu Jes 52,13-53,12 undeutlich und brüchig. 19 Vielmehr werden die
            Fülle des Leidens (pollÞ paqe…n; vgl. Mk 8,31) und das verächtliche Behan-
            deltwerden (¥xoudenƒw; vgl. Ps 21,7.25; 88,39 f. – LXX u. a.) des Menschen-
            sohns in einer mit p¾@ eingeleiteten deliberativen Frage (jeweils Konjunktiv
            Aorist) summativ als schriftgemäß angesprochen.
                 Hier zeigt sich, dass der Text in seiner vorliegenden disputativen Form
            nicht für den Diskurs mit den / resp. mit zeitgenössischen Schriftgelehrten,
            sondern als Antwort auf die Jüngerfrage für ›insider‹, für eine christliche Le-
            serschaft konzipiert ist. Im Zentrum steht – auch wenn weitere mit der Gestalt
            Elias verknüpfte Erwartungen und Hoffnungen wirksam sind – die Leidens-
            aussage. Wie Elia in Erfüllung der Schrift gelitten hat, so wird es in Erfüllung
            der Schrift auch dem Menschensohn widerfahren. Insofern es eine biblische
            Tradition vom leidenden Menschensohn nicht gibt, setzt der mk Text eine
            frühchristliche Hermeneutik voraus, wie sie – vermittelt durch frühjüdische
            Konzepte wie das des leidenden Gerechten und auf der Basis älterer Überlie-
            ferung – dann in der Passionsgeschichte erzählerisch ausgearbeitet ist (vgl.
            oben zu Mk 15,34). Für die Leserinnen und Leser kann die Frage Jesu als des
            leidenden und verächtlich behandelten Menschensohnes (Mk 8,31; 9,31;
            10,33 f.) so zugleich zum Leseimpuls werden: Sie sollen sich die Frage Jesu
            zu eigen machen; und es ist die mk Erzählung selbst (insbesondere der Pas-
            sionsbericht in seiner biblischen Grundierung), in der die Antwort auf die
            Frage Jesu zu suchen und zu finden ist.



            5. »Was wollt ihr, dass ich euch tue?« (Mk 10,36)

            Die dritte Leidensansage in Mk 10,33 f. nennt im Vergleich mit den beiden
            vorausgegangenen erstmalig explizit Jerusalem als Ort des kommenden töd-
            lichen Geschicks (und der Auferstehung nach drei Tagen); sie antizipiert das
            kommende erzählte Geschehen. Auch die an sie anschließende Episode, die
            wiederum das Missverstehen der Jünger zum Ausdruck bringt – das Verlan-

            19. Anders wieder J. Majoros-Danowski, Elija im Markusevangelium. Ein Buch im Kon-
                text des Judentums (BWANT 180), Stuttgart 2008, 207-215. Mindestens müsste hier
                erwähnt werden, dass ¥xoudenƒw im griechischen Text von Jes 53 erst bei Aquila,
                Symmachus und Theodotion zu finden ist.
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                                             »Was wollt ihr, dass ich euch tue?« (Mk 10,36)   429

        gen nach den eschatologischen Ehrenplätzen ist für die Leserschaft insbeson-
        dere im Kontrast zu dem zuvor angeführten Spruch von den Ersten / Letzten
        in Mk 10,31 augenfällig –, blickt auf das Martyrium voraus.
             Der Abschnitt Mk 10,35-45 bildet einen zweiteiligen Erzählverbund (die
        Zäsur in Mk 10,41). In Hinsicht auf das Wechselspiel von Frage und Antwort
        ist der erste Unterabschnitt besonders interessant. Es handelt sich um eine der
        wenigen Passagen im Mk, in denen Gesprächspartner mit einer Option gegen
        den Protagonisten von diesem (partiell) ins Recht gesetzt werden (vgl. sach-
        lich noch die Syrophönizierin in Mk 7,24-30). Die beiden Zebedaiden (vgl.
        Mk 1,19; 3,17; im Dreierkreis: 5,37; 9,2; 13,3; 14,33) richten sich an Jesus als
        »Lehrer« mit einem Wunsch. Das Verbum qfflein (vgl. zum Gebrauch: Mk
        1,40 f.; 6,25 f.; 9,30.35; 14,12; 15,9.12 u. a.; a§te…n + ¥€n + Konjunktiv Aor.
        vgl. Mk 6,22) durchzieht das Gespräch und verweist zugleich auf das Ende
        des Kapitels voraus (Mk 10,35 f.43 f.51). Jesus reagiert in Mk 10,36 mit einer
        dubitativ-deliberativen Frage, eingeleitet mit dem aus der Zebedaidenbitte
        aufgenommenen qfflete sowie poie…n im Konjunktiv Aorist (das einer AcI-
        Konstruktion entsprechende me ist textkritisch unsicher; es fehlt auch an ent-
        sprechender Stelle in Mk 10,51; vgl. zur Formulierung bes. Mk 14,12;
        15,9.[12]).
             Wie verhalten sich Wunsch und Frage zueinander? Eine Interpretation,
        nach der die Zebedaiden »nur einen Wunsch frei haben« wollen, Jesus ihnen
        das aber nicht zugestehe, sondern »nach dem konkreten Wunsch« frage, 20
        schwächt das Verhalten des Jakobus und Johannes zu sehr ab. In dem ´na ˚
        ¥Þn a§tffiswmffn se poiffis–h@ Ÿm…n artikuliert sich vielmehr im Griechischen
        der Wunsch: Alles, was auch immer erbeten wird (zur Formulierung vgl. z. B.
        2Esr 6,9; Vita Alexandri Rezension g 21,52), soll für sie getan werden
        (poie…n). Die Zebedaiden erwarten vor dem Vortrag ihres konkreten Anlie-
        gens eine Art Blankoscheck (vgl. Mk 6,22). Die Konnotation raffinierter Tak-
        tik und unverschämten Begehrens liegt hier für eine antike Leserschaft nicht
        fern.
             Die Frage Jesu in Mk 10,36 muss als Reaktion hierauf interpretiert wer-
        den, d. h. zunächst, sie ist (trotz des Interrogativum tffl) keinesfalls ›reine‹ Er-
        gänzungsfrage. Sie ist in tadelndem Ton zu intonieren (vgl. Mk 9,38 ff. an die
        Adresse des Johannes). Damit ist deutlich, dass eine Differenz zu der im
        Wortbestand und Konstruktion parallelen, von heilvoller Intention getrage-
        nen Frage an Bartimäus besteht, mit der der Erzählzusammenhang Mk 8-10
        abgeschlossen wird. Jesus stellt Bartimäus eine ›echte‹ Frage, und diese erfährt
        eine ›echte‹ Antwort – nämlich seine erbetene Heilung (Mk 10,51 f.).

        20. So Lührmann, Markusevangelium, 180. Vgl. Collins, Mark, 495, ebenfalls abschwä-
            chend: »thoughtless and extravagant manner«.
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      430     Reinhard von Bendemann

                 Auf den – im engeren wie weiteren Kontext von Mk 8-10 (vgl. nur Mk
            9,35 u. a.) – unerhörten Wunsch der Zebedaiden sind zwei ›Antworten‹ (zu
            fehlendem ⁄pokrfflnesqai s. u.) zu unterscheiden; die erste ergeht wiederum
            in Form einer Frage. Zunächst stellt Jesus in Mk 10,38 fest, dass die Zebedai-
            den nicht wissen, was sie fordern. 21 Das Verlangen nach den Ehrenplätzen
            wird mit dem in das Bild des Bechers (vgl. Ps 11,6; 16,5; 23,5; 75,9; Jes
            51,17.22; Jer 25,15.17.27 f.; 49,12; 51,7; Hab 2,16; Klgl 4,21; 1QpHab 11,14 f.;
            4QpNah 4,6; PsSal 8,14; syrBar 13,8; MartJes 5,13; ApkAbr 14 u. a.) und der
            Taufe (vgl. Lk 12,50; MartPol 14,2; sachlich: 2 Sam 22,5; Ps 42,8; 69,2 f.; 1QH
            3,13-18) gefassten Hinweis auf das kommende Leiden und Sterben Jesu zu-
            rückgewiesen. Die Frage in Mk 10,38 entspricht dem Muster mk Doppelfra-
            gen (s. o. Punkt 2.). Sie ist im Modus des Tadels vorgetragen. Indirekt enthält
            sie eine Aufforderung, die im Blick auf die zu treffende Entscheidung jedoch
            mit negativer Erwiderung rechnet. Von hier aus ist es unwahrscheinlich, dass
            in Mk 10,38a das Nicht-Wissen der Zebedaiden als bloße Feststellung jenseits
            jeglicher Kritik aufzufassen ist. 22
                 Gleichwohl beantworten die Zebedaiden die Frage »könnt ihr?« (dÐnas-
            qe;) in Mk 10,39 mit einem bündigen und selbstbewussten: dun€meqa / »wir
            können!«. Überraschend ist nun, dass Jesus daraufhin seine Frage von Mk
            10,38 mit den beiden bildhaften Aussagen vom Kelch und der Taufe in eine
            zukunftsgewisse Aussage ändert: An seinem Leiden werden sie teilhaben (vgl.
            Mk 8,34 f.).
                 Die in Mk 10,37 geäußerte Wunschvorstellung wird in der zweiten Ant-
            wort Jesu als solche nicht negativ beschieden, wenn Jesus sie als außerhalb
            seines Machtbereiches liegend qualifiziert: Das o'k ˛stin ¥mŠn do‰nai (Mk
            10,40: »es ist nicht in meiner Macht zu geben« – in Korrespondenz zum dƒ@ /
            »gib!« von Mk 10,37) verweist im Zusammenhang mit dem Bild des Bechers


            21. Denkbar und von vielen diskutiert ist, dass der Wunsch der Zebedaiden in Mk 10,37
                seinen traditionsgeschichtlichen Wurzelboden möglicherweise in dem Q-Logion Lk
                22,28-30 par Mt 19,28 hat. Möglich ist m. E. darüber hinaus, dass hinter Mk 10,35
                die Q-Sprüche von der gewissen Bitt- / Gebetserhörung bzw. eine entsprechende
                Überlieferung stehen können (Lk 11,9 f. par). Für eine frühchristliche Leserschaft
                ist jedenfalls das a§te…n / »bitten« in Mk 10,35.37 für Gebetssprache transparent
                (vgl. Mt 18,19; Joh 15,7; 1 Joh 5,14 f.; vgl. Clem Alex Paed III 12,92 – im Gebet).
            22. Möglicherweise liegt auch hier mk Doppelfragetechnik vor (s. o. Punkt 2.; vgl. das
                o'k o—date in Mk 4,13; anders 13,33.35). Dem o'k o—date in Mk 10,38a kontras-
                tiert das o—date in Mk 10,42. Im indirekten Fragesatz ist in Mk 10,38a der allgemein
                in hellenistischer Sprachentwicklung festzustellende Übergang der Fragepartikel tffl@
                zum Relativpronomen zu konstatieren (z. B. Mk 2,25; 14,36). Analoge Entwicklung
                im Aramäischen: Vgl. H. Bauer / P. Leander, Grammatik des Biblisch-Aramäischen,
                Hildesheim 1927, Nachdr. 1962, 357 f.
gt08116 / FS_Ebach p. 431 / 22.1.09




                                             »Was wollt ihr, dass ich euch tue?« (Mk 10,36)   431

        auf die Passion in Mk 14,36 voraus: »aber nicht was ich will, sondern was du
        (willst)« (⁄ll3 o' tffl ¥gŒ qfflw ⁄llÞ tffl sÐ). Möglich ist, dass die mk Erzäh-
        lung hier bei ihrer Leserschaft das Wissen um das Martyrium des Jakobus
        (vgl. Apg 12,2) voraussetzt (sehr unsicher im Fall des Johannes).
             Zusammengefasst: Nicht jede Frage / Bitte wird erfüllt. Der mk Jesus ne-
        giert den egoistischen Wunsch, sofern er sich auf eigenen Status und an welt-
        lichen Strukturen bemessenen Machtanspruch richtet – anders wird dem
        existentiellen Wunsch nach Gesundheit / Heilung (Mk 10,51) stattgegeben.
        Die Inszenierung von Fragen und Antworten in Mk 10,35 ff. ist vor allem
        darum so spannend, weil sich hier vor dem Passionsbericht die Konstellatio-
        nen von Fragenden, Antwortenden, Bittenden, Gebenden resp. Gewährenden
        grundlegend ändern. War im Mk soweit Jesus als der souverän Gebende er-
        zählt, so übernimmt er nun in Anbetracht des göttlichen de… selbst die Rolle
        des Bittenden und Erwartenden und tritt an die Seite der Vertreter der Jünger
        (vgl. die Fortsetzung in Mk 10,41-45).
             Die Fragen und Antworten bewegen sich in Mk 10,35-40 auf zwei Ebe-
        nen, die wir auch in den übrigen Abschnitten in Mk 8-10 feststellen konnten:
        Figurenfragen und Leserfragen werden durch die Fragetechnik des Erzählers
        so aufeinander bezogen, dass die Auseinandersetzung Jesu mit den weiter
        missverstehenden Jüngern (und weiteren Gruppen und einzelnen) für die Er-
        zählgegenwart transparent wird, die auf das Leiden Jesu und seiner Jünger
        zurückblickt, die Geschichte neu deutet und eigene Erfahrungen verarbeitet.
        Nicht nur Jüngerfragen, sondern auch Jesusfragen können dabei zu Leserfra-
        gen werden.
             Eingangs (s. o. Punkt 1.) war von einer ersten Gruppe von Zugängen zum
        Phänomen der Frage die Rede, welche die Frage-Antwort-Relation als Aus-
        druck übergeordneter logischer Einheit begreifen und die entsprechend mit
        »Antworten« rechnen, die die offene propositionale Struktur von Fragen
        »schließen« können. Wie wir gesehen haben, ist ein solcher Zugang den er-
        zählten Fragen im Mk nicht kongenial. Zwar gibt es auf der Ebene der Erzäh-
        lerrede den Fall der Korrespondenz von (explizitem) ¥perwt”n und ⁄pokrffl-
        nesqai (vgl. Mk 8,29; 9,16 f.; 10,2 f.; 11,29 f.33; 12,18.28 f.; 14,60 f.; 15,2.4).
        Wenn das Verb ⁄pokrfflnesqai im mk Text mit »antworten« übersetzt wird,
        so kann sich dies auf Fragen beziehen, darüber hinaus aber als »Erwidern« im
        weiteren Sinn auch auf Bitten, Ermahnungen und allgemein auf Vorher-
        gegangenes; biblischem (vgl. hebräisch enp) und auch hellenistisch-grie-
        chischem Sprachgebrauch entsprechend kann es ferner das Fortfahren im Ge-
        spräch, das Wiederaufnehmen desselben (Mk 10,24; 12,35 u. a.), ferner
        allgemein die Reaktion (auf etwas Gesagtes) bezeichnen. Es entspricht der
        mk Konzeption insgesamt, wenn »Antworten« in vielen Fällen als (neue) Fra-
        gen erscheinen (vgl. Mk 3,33; 9,19; 10,3.51; 12,35; 14,48; 15,12).
gt08116 / FS_Ebach p. 432 / 22.1.09




      432     Reinhard von Bendemann

                Neuorientierung erreicht Markus nicht so, dass der Grund / Anfang des
            Evangeliums (Mk 1,1: ⁄rcffi), das die Gegenwart erreicht hat und in ihr fort-
            gesetzt wird, aus einer idealen Einheitsperspektive quasi in Totalerfassung
            überschaubar würde – gerade der Schluss in Mk 16,1-8 verwehrt solche An-
            eignung und verweigert die einfache finale »Lösung« von Fragen –, durch die
            kunstvolle Ausgestaltung mit Fragen gewinnt der Text vielmehr selbst Frage-
            charakter im Blick auf seine Leserinnen und Leser und stimuliert sie zu eigen-
            ständigem Aneignen, Antworten und Weiterfragen.
gt08116 / FS_Ebach p. 433 / 22.1.09




        »Kein Auskommen, keine Rücklagen«?
        Anfragen an das »Armutsideal« der Jesusbewegung
        Traugott Jähnichen


        In seiner Bibelarbeit zu Mk 10,17-27 wirft Jürgen Ebach Fragen im Blick auf
        die Geltung und Relevanz des »Armutsideals der Jesusbewegung«1 auf und
        vermutet, dass es »um dieses Armutsideal unter den frühen Christen Aus-
        einandersetzungen gab.« 2 Dieser Beitrag versteht sich als Aufnahme dieser
        Fragestellung, indem gerade auch der auf die o. g. Perikope folgende Ab-
        schnitt der Verse 28-30 in die Diskussion einbezogen werden soll.
             Die Vorstellung, dass Jesus und seine Jünger in Armut und unter ein-
        fachsten Bedingungen gelebt haben, bezeichnet ein Grundmotiv des Jesusbil-
        des der christlichen Frömmigkeit und weithin auch der wissenschaftlichen
        Theologie. Am deutlichsten bringen wohl Schriftsteller dieses Motiv zum
        Ausdruck. So betont Walter Jens mit Nachdruck, dass Jesus »arm geboren«
        sei und im Umfeld der »kleinen Leute« gelebt habe. 3 Noch deutlicher hat es
        Josef Reding in seiner »Krippenrede für die 70er Jahre« auf den Punkt ge-
        bracht: »Als er 30 war, hatte er keine ausbildung, kein auskommen, keine
        rücklagen, keine wohnung …« 4
             Diese vermehrt seit dem Ende der 1960er Jahre von Jens, Reding u. a. im
        Sinn einer deutlichen Kritik gegenüber dem verbürgerlichten Wohlstands-
        Christentum formulierten Hinweise auf die Armut Jesu und seiner Nachfol-
        ger nehmen eine traditionelle, kirchengeschichtlich insbesondere im Mönch-
        tum verankerte Armenfrömmigkeit der christlichen Tradition auf, die sich


        1.   J. Ebach, Es gibt kein Verbot für Kamele, durchs Nadelöhr zu gehen. Bibelarbeit über
             Mk. 10,17-27, in: ders., Weil das, was ist, nicht alles ist, Theologische Reden 4,
             Frankfurt a. M. 1998, 72-88, 79. Die Anfrage, einen biblisch orientierten Beitrag
             zum Thema »Fragen wider die Antworten« für diese Festschrift zu verfassen, habe
             ich gerne aufgenommen, allerdings in dem Wissen, als Sozialethiker auf diesem Ge-
             biet bestenfalls »naive Fragen« stellen zu können. Die andere Diskussionsrichtung
             ist deutlich profilierter, Jürgen Ebach gehört zu den von Sozialethikern am meisten
             rezipierten Bibelwissenschaftlern.
        2.   A. a. O., 80.
        3.   W. Jens, Kanzel und Katheder. Reden, München 1984, 138.
        4.   J. Reding, Krippenrede für die 70er Jahre: Skandal um ein Gedicht, Neukirchen-Vlu-
             yn 1978, 5. Reding hatte das Gedicht 1969 veröffentlicht und stellte in diesem Band
             die Skandalgeschichte um dieses Gedicht anhand von Leserbriefen und anderen öf-
             fentlichen Äußerungen dar.

				
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