Bildung Lebensdauer Morphologie

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Bildung Lebensdauer Morphologie Powered By Docstoc
					               HÄMOSTASEOLOGIE FÜR MTA-S CHÜLER
                       HAND-OUT ZU DEN UNTERRICHTSEINHEITEN

                                     13.10.2008
                                     20.10.2008
                                     27.10.2008
                                     03.11.2008



                               Dr. med. Hannelore Haubelt
                  Institut für Hämostaseologie und Transfusionsmedizin
                         Klinikum der Stadt Ludwigshafen gGmbH




Themenübersicht


1.   Physiologie des primären Hämostasesystems

2.   Labormethoden zur Erfassung primärer Hämostasestörungen




                                         1
1. Physiologie der Thrombozyten

Bildung, Lebensdauer, Morphologie:

Die Thrombozyten sind mit 3,6  0,7 µm die kleinsten zellulären Elemente des Blutes; ihre
Dicke beträgt ca. 0,9  0,3 µm. Sie haben ein mittleres Volumen (MTV) von 7,1  4,9 fl und
wiegen ca. 10 pg. Da sie keine Kerne besitzen, werden sie auch gerne - insbesondere im
englischsprachigen Raum - als Blutplättchen (platelets) bezeichnet. Blutplättchen stammen
aus dem Knochenmark. Die Vorläuferzellen sind die Megakaryozyten (polyploid), von denen
sich die Plättchen von zytoplasmatischen Ausläufern abschnüren. Sie können noch teilweise
aneinanderhängend in die Blutbahn gelangen, werden aber in den Kapillaren von Lunge und
Milz endgültig getrennt. In der Embryonalperiode gibt es noch eine sog. physiologische
extramedulläre Blutbildung in Milz und Leber.

Normalerweise befindet sich ca. 1/3 der           sich der Speicherpool auf mehr als 50%
                                                  erhöhen und damit eine Thrombozyto-
    Thrombozytenüber-lebenszeit
                                                  penie verursachen. Andererseits können
           nach Ref.1
                                                  Plättchen durch verschiedene Stimuli
                       100                        (Adrenalin; körperliche Aktivität;
     Radioaktivität,




                        80                        maschinelle Apherese) aus der Milz in die
                        60                        Zirkulation freigesetzt werden und zu
          (%)




                        40
                        20
                                                  einem vorübergehenden Thrombozyten-
                         0                        anstieg führen. Die mittlere Lebensdauer
                             0 2 4 6 8 10         der Plättchen beträgt 10 Tage, ihre
                                Tage              Halbwertszeit ca. 70 Std. Die "alten
                                                  Plättchen" werden durch Makrophagen im
Plättchen in der Milz (Speicher), der Rest        RES von Milz und Leber entfernt. Wie
in der Blutbahn. Bei Splenomegalie kann           diese das Alter erkennen, ist noch nicht
                                                  sicher geklärt.

Nicht aktivierte Plättchen zirkulieren als Scheibchen, (diskoide Form), die durch bestimmte
Syntheseprodukte (Prostacyclin (=PGI2), NO (=EDRF)) und Oberflächeneigenschaften der
Endothelzellen am Haften an der Gefäßwand gehindert werden, selbst wenn sie durch
andere größere Zellen dagegen gedrückt werden.
Die Scheibchenform der Thrombozyten wird durch ihr Cytoskelett (SMC) stabilisiert; es
besteht aus einem marginalen Mikrotubuli-Bündel (MT), das ringförmig direkt unterhalb der
Zellmembran verläuft und einem Spectrin/Actin-Filament-Netzwerk, das seinerseits von
einem Protein (ABP-280), das den VWF-Rezeptor (GP Ib-V-IX) der Plättchenmembran an
                                  die Actin-Filamente bindet, durchzogen ist. Im aktivierten
                                  Zustand werden diese Verbindungen z.T. gelöst und das
                                  Plättchen nimmt Kugelgestalt an und bildet Pseudopodien
                                  aus (Echinosphärozyten Gestaltwandel oder "shape
                                  change" im Aggregometer) Das Cytoskelett nimmt einen
                                  breiten Saum direkt unter der Plättchenmembran ein und hält
                                  die Organellen ( -Granula, dense bodies, Lysosomen,
                                  Peroxisomen, (siehe nebenstehende Abbildung und
schematische Darstellungen unten)) davon ab, mit der Zellmembran zu verschmelzen und
ihre Inhaltsstoffe freizusetzen. Die  -Granula enthalten unterschiedliche Stoffe, die nach
ihrer Freisetzung im Gerinnungssystem (Faktor V, Fibrinogen, VWF), in der Vermittlung von
Kontakten zu anderen Zellen (GP IIb/IIIa, Fibronektin, p-Selectin, Thrombospondin), aber
auch in der unspezifischen Abwehr (ß-Lysin) und Narbenbildung (Gewebewachstum durch
PDGF etc) eine Rolle spielen. Die dense bodies ("dichte Körperchen" (DB) genannt, weil sie
im Elektronenmikroskop dichter aussehen als die anderen Organellen, insbesondere die -
Granula) enthalten überwiegend Stoffe, die eine zusätzliche Aktivierung der Thrombozyten
herbeiführen können (ADP, Serotonin). Lysosomen enthalten Enzyme, die Abbauvorgänge
katalysieren wie Saure Phosphatasen, Aryl-Sulfatase, ß-Glucuronidase, ß-Galactosidase
                                             2
                                      und Kathepsin. In den Peroxisomen findet sich die
                                      Katalase als das Enzym, das den Abbau von H2O2
                                      bewirkt.  Übersicht s. Tabelle 1.
                                      Außer den Zellorganellen gibt es im Plättchen noch das
                                      sog. open canicular system (OCS), ein Membransystem,
                                      das Mündungen auf der Zellmembran hat, über die es
                                      nach der Aktivierung von Plättchen zur Freisetzung der
                                      Inhaltsstoffe der -Granula bzw. dense bodies kommen
                                      kann, wenn diese im Rahmen der Sekretionsreaktion mit
                                      dem OCS verschmelzen. Über das OCS können
                                      Rezeptoren (besonders GP IIb/IIIa) recycled und
                                      mobilisiert werden. Beim Gestaltwandel der Plättchen
sowie im Rahmen der Ausbreitungsreaktion und der Ausbildung von Pseudopodien dient es
als Membranreservoir. Außerdem enthalten die
Plättchen noch ein weiteres schlauchartiges Membran-
system, welches das Zellinnere durchzieht und der
Speicherung sowie Freisetzung von Ca++, der Steroid-
Synthese und der Prostaglandin- und Thromboxan-
Synthese dient. Dieses sog. dense tubular system
(DTS) entspricht dem glatten endoplasmatischen
Retikulum der kernhaltigen Zellen (Mitgift aus den
Megakaryozyten). Die Mitochondrien (M) der Plättchen
stellen die Energie bereit wie in anderen Zellen; freie
Glykogenpartikel (GLY) liegen im Cytoplasma.


Funktion:

Die Plättchen haben die Aufgabe bei einer Gefäßverletzung den ersten Verschluß (primärer
Blutplättchenpfropf) zu bilden. Man unterscheidet hier grob zwei Phasen: die Adhäsion und
die Aggregation. Unter Adhäsion versteht man die Anheftung der Plättchen an eine
Oberfläche - in der Regel die mit Adhäsivproteinen überzogene verletzte Gefäßwand.
Aggregation dagegen bedeutet eine Verbindung der Blutplättchen untereinander.
Betrachtet man die Plättchenpfropfbildung etwas genauer, kann man folgende Schritte
unterscheiden:

                                   Adhäsion
                                   Aktivierung
                                   Ausbreitung
                                   Sekretion
                                   Aggregation
                                   prokoagulatorische Aktivität

Die Vorgänge, die eine Interaktion des Plättchens mit seiner Umgebung (subendotheliale
Matrixproteine, andere Plättchen, Plasmaproteine) beinhalten, sind Rezeptor-vermittelt.

Adhäsion:
Die Adhäsion von Plättchen an die verletzte Gefäßwand wird über den GP Ib-V-IX-Komplex
vermittelt, der immobilisierten VWF (A1-Domäne) erkennt. Löslicher VWF wird nicht von dem
Glykoprotein Ib-V-IX Rezeptor erkannt, so dass es normalerweise im strömenden Blut nicht
zur Bindung des VWF an Plättchen und zur Aktivierung der Plättchen über den
Rezeptorkomplex GP Ib-V-IX kommt.
Nach einem Endothelschaden mit Exposition von subendothelialen Strukturen werden die
Plättchen aber auch bei hohen Strömungsgeschwindigkeiten durch die Erkennung des
immobilisierten VWF abgebremst und adhärieren. Der VWF ist über seine
Bindungsdomänen für Kollagen und Heparin, in der subendothelialen Matrix verankert.

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Aktivierung:
Die Bindung des GP Ib an den VWF bewirkt eine Signaltransduktion ins Plättcheninnere mit
Aktivierung der Proteinkinase C (PKC) und Erhöhung der cytoplasmatischen Ca++-
Konzentration Dadurch kommt es zur Aktivierung des thrombozytären Glykoprotein IIb/IIIa-
Rezeptors, der dann in der C1-Domäne des VWFs die Aminosäuresequenz Arg-Gly-Asp
(RGD), erkennt und bindet. Außerdem kommt es zur Änderung der Zusammensetzung der
Plasmamembran mit Aktivierung des Phospholipid-Metabolismus und Thromboxan A2-
Synthese. Über eine Reorganisation im Zytoskelett wird die Ausbreitung des Thrombozyten
eingeleitet. Die Aktivierung des Plättchens bewirkt außerdem eine Veränderung in der
Liganden-Bindungsfunktion anderer Adhäsionsrezeptoren. Dadurch wird die Adhäsion des
Plättchens über Interaktionen von GP Ia/IIa (=21) mit Kollagen, GP Ic/IIa (=51) mit
Fibronektin und dem Lamininrezeptor 61 mit seinem Liganden stabilisiert. Das sezernierte
Thromboxan A2 aktiviert seinen Rezeptor, was zu einer Konformationsänderung des
Glykoprotein IIb/IIIa führt. Dieses Glykoprotein ist der wichtigste Aggregationsrezeptor, der
im wesentlichen Fibrinogen bindet, aber auch andere Proteine, die die RGD-Sequenz
aufweisen, wie z.B. den VWF, Fibronektin, Vitronektin und Thrombospondin. GP IIb/IIIa
erkennt im nicht-aktivierten Zustand nur immobilisiertes Fibrinogen, erst nach ‘‘outside-in-
induzierter‘‘ Konformationsänderung entwickelt sich die volle Rezeptoraktivität, die
Voraussetzung für eine intakte Aggregation ist. Thromboxan A2 bewirkt zusätzlich eine
Vasokonstriktion, was zu einer Verlangsamung des Blutstroms führt.

Ausbreitung:
Alle die Rezeptor-Linganden-Interaktionen (der Adhäsionsrezeptoren) führen letztlich über
eine Erhöhung der cytoplasmatischen Ca++ -Konzentration zur Umorganisation des
Zytoskeletts mit Auflösung des marginalen Mikrotubulibündels und Bildung von
Aktinfilamenten, die an Myosin binden. Die Ausstülpung (Evagination) des surface connected
system führt zur Vermehrung des verfügbaren Membranmaterials und ermöglicht die
Pseudopodienbildung. Dadurch werden auch zusätzliche Rezeptormoleküle externalisiert. Es
bildet sich ein stabiler Thrombozytenlayer auf dem endothelialen Defekt aus.

Sekretion
Die zunehmende Ca++-Mobilisierung aus dem dense tubular system führt dann zur
Freisetzungsreaktion. Dabei werden die Inhaltsstoffe der -Granula und dense bodies
sezerniert. Dieser Vorgang aktiviert einerseits weitere Rezeptoren wie den ADP-Rezeptor
oder den Serotoninrezeptor, andererseits werden Substanzen (wie PF-4, PAI-1) sezerniert,
die antikoagulatorische Stoffe (Heparin, Plasminogenaktivator) hemmen und andere, die die
sekundäre Hämostase direkt fördern (wie Faktor V, Faktor XI, HMW-Kininogen) und zur
Thrombinbildung beitragen, das seinerseits zu den stärksten Plättchenagonisten gehört.

Aggregation:
Die verschiedenen Agonisten bewirken durch Bindung an ihre Rezeptoren eine intrazelluläre
Signaltransduktion, die über second messenger zu einer Konformationsänderung von GP
IIb/IIIa führt. GP IIb/IIIa-Rezeptoren auf verschiedenen Plättchen binden Fibrinogen und
erlauben dadurch eine Brückenbildung, die zur Aggregation führt. Durch die Anbindung
aggregierter Thrombozyten an die an das Subendothel adhärierten und ausgebreiteten
Plättchen kommt es zur Bildung eines stabilen primären Plättchenprofes, der Leukozyten
einfangen kann und durch die Aktion der enthaltenen kontraktilen Proteine später schrumpft,
so daß es nicht zur Verlegung, sondern nur zur Abdichtung des verletzten Gefäßes kommt.

prokoagulatorische Aktivität
Im Rahmen der Aktivierungsvorgänge werden Membranteile als Vesikeln (Mikropartikel,
Mikrovesikel) abgeschnürt, die in der Membran Phospholipide (sog. PF 3) als
prokoagulatorische Aktivität für die sekundäre Hämostase zur Verfügung stellen.
Bindungsstellen für aktivierten Faktor V, Faktor VIII und FX wurden ebenfalls auf diesen
Mikropartikeln nachgewiesen. Dadurch wird die Fibrinbildung sowohl beschleunigt als auch
lokalisiert.

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2. Labormethoden zur Erfassung von primären Hämostasestörungen

Globaltest: Blutungszeit nach Mielke (=template bleeding time)
PFA-100 (in vitro platelet function analyzer)
Thrombozytenzahl, -morphologie, Elektronenmikroskopie
Aggregometrie (turbidimetrisches Verfahren nach Born)
Durchflusszytometrie
ATP-Bestimmung während der Aggregation
Bestimmung von -Granula-Inhaltsstoffen (PF-4, -TG, TSP)
Bestimmung von Plättchen-spezifischen Eicosanoid-Metaboliten


Der Globaltest der primären Hämostase ist die Blutungszeit. Es sind zahlreiche
Modifikationen des Testes im Laufe der Jahre beschrieben worden; einigermaßen
reproduzierbare Ergebnisse sind bei der Anwendung der von Mielke beschriebenen
Modifikation der Blutungszeit nach Ivy zu erwarten (=Template bleeding time):
Nach Anlegen einer Blutdruckmanschette mit einem Manschettendruck von 40 mm Hg wird
lateral auf der Volarseite des Unterarmes (ca. 5 cm unterhalb der Ellenbeuge) eine definierte
Schnittverletzung gesetzt (z.B. Surgicutt: 5mm lang, 1mm tief). Mit einer Stoppuhr wird die
Zeit bis zum Sistieren der Blutung gemessen, wobei alle 30 Sekunden das austretende Blut
mit einem Filterpapier abgesaugt wird, ohne die Wunde zu berühren. Bei Plättchenzahlen
unterhalb von 100.000/µl verlängert sich die Blutungszeit nahezu linear. Eine Ausnahme
bilden die Autoimmunthrombozytopenien, bei denen das MTV deutlich erhöht ist; hier ist die
Blutungszeit - entsprechend der Klinik - kürzer als für die Thrombozytenzahl zu erwarten.



                                            Thrombo-
                                            pathien




                        ITP




Mod. nach Ref. 10

Erfasst werden auch alle anderen Störungen der primären Hämostase wie:

Vasopathien
Thrombozytenfunktionsdefekte bei Thrombozytopathien
Von-Willebrand-Syndrom
Medikamenteneffekte von Thrombozytenfunktionshemmern

                                             5
Werte oberhalb von 8 Minuten sind pathologisch. Im Bereich von 5-8 Minuten gibt es Labor
bedingte Unterschiede; Ergebnisse unterhalb von 5 Minuten sind unkritisch. Als
präoperativer Screeningtest ist die Blutungszeit der Anamnese eindeutig unterlegen; als
Globaltest bei V.a. primäre Hämostasestörung hat sie jedoch durchaus ihren Stellenwert.

‘‘In-Vitro-Blutungszeit‘‘, PFA-100 (=Platelet function analyzer, Dade Diagnostika
GmbH)

Das Gerät untersucht die Bildung des primären hämostatischen Thrombus aus Citrat-
antikoaguliertem Vollblut. Die verletzte Gefäßwand wird simuliert durch eine mit Kollagen
(2 µg Typ I Kollagen aus Pferdesehnen) und ADP (50µg Adenosin-5‘-Diphosphat) oder
Kollagen und Adrenalin (10 µg Adrenalin Bitartrat) beschichtete Nitrozellulose-
filtrationsmembran, in die eine Öffnung von ca. 0,45 µm gestanzt wurde. Die Membran sitzt
am Ende einer Stahlkapillare, durch die die Probe aus einem Reservoir über einen
konstanten Unterdruck angesaugt wird. Gemessen wird die Verschlusszeit. Vor Beginn der
Untersuchung wird die Membran mit isotonischer Starterlösung benetzt, um das getrocknete
Adrenalin bzw. ADP in Lösung zu bringen.
Die vom Hersteller derzeit angegebenen Referenzbereiche der Verschlusszeiten liegen bei:

OT/EPI: 85-165 s
OT/ADP: 71-118 s

Referenzbereiche aus anderen Literaturstellen belegen, dass es unbedingt erforderlich ist,
einen eigenen Referenzbereich zu erstellen (Ref. 7-9). Wir haben nach Untersuchung von 60
gesunden Blutspendern (30 Frauen + 30 Männer) unseren Referenzbereich auf die
folgenden Werte festgelegt:

OT/EPI: 90-193 s
OT/ADP: 71-118 s

ASS-Einnahme soll spezifisch durch die EPI - Messzelle erfasst werden. Die Verschlusszeit
der ADP-Messzelle soll normal bleiben, was aber nur in ca. 80% der Fälle zutrifft. Es
kommen sowohl normale Werte für beide Teste bei ASS-Einnahme vor als auch
pathologische Resultate für beide Teste.

Wichtig ist: Blutentnahme in 3,8% (=0,129 mmol/l) gepufferte Citratlösung
             Nur eine Sorte Blutentnahmesystem benutzen: Monovetten oder Vacutainer
             (OT mit Vacutainer-Blut länger)
             Probenlagerung bei RT (30-240 Minuten)
             Nie zwei Messzellen gleichzeitig mit Blut beschicken (wegen Hintereinander-
             Messung steht die eine Probe zu lange, Hämatokrit - Effekte)
             Neugeborene haben kürzere OT, Kleinkinder längere als Erwachsene

Aggregometrie (turbidimetrisches Verfahren nach Born)

Dieses Verfahren arbeitet mit Plättchen-reichem-Plasma (PRP), das durch langsame
Zentrifugation (110-150 g, 10 Minuten) aus Citratblut gewonnen wird. Die Plättchenzahl kann
auf 200.000-250.000/µl eingestellt werden oder auch nicht. Es wurde beobachtet, dass die
erzielten Aggregationsergebnisse bei Einstellen der Plättchenzahl mit Plättchen-armem
Plasma (PPP) schlechter ausfallen, als wenn das PRP des Patienten mit der nach
Zentrifugation erhaltenen Thrombozytenzahl verwendet wird. Je nach Gerätetyp werden 450-
500 µl PRP im Aggregometer in einer Küvette in den Strahlengang gebracht (600 nm) und
die Lichtdurchlässigkeit (Transmission) auf 0% eingestellt. Als 100% Transmission Referenz
dient das Plättchen-arme Plasma (PPP) des gleichen Patienten. Gemessen wird die
Zunahme der Transmission nach Zugabe von verschiedenen Aggregation-auslösenden
Substanzen wie ADP, Kollagen, Adrenalin, Thrombin (oder TRAP = Thrombin receptor

                                            6
activating peptide), Arachidonsäure, Ristocetin. Unter dem Einfluss der Agonisten tritt eine
Aggregation ein, die zur Abnahme der Partikelzahl und dadurch zur Zunahme der
Lichtdurchlässigkeit der Probe in Richtung auf das PPP führt. Beurteilt wird das Ausmaß der
maximalen Aggregation sowie die maximale Aggregation pro Minute (Anstiegssteilheit) Mit
verschiedenen Agonisten werden z.T. spezifisch unterschiedliche Kurvenverläufe
aufgezeichnet.



Durchflusszytometrie

Mit durchflusszytometrischen Verfahren können die verschiedenen Rezeptoren an der
Plättchenoberfläche mit fluoreszenz-markierten Antikörpern als Antigene bestimmt werden.
Ein Mangel kann auf diese Weise entdeckt oder ausgeschlossen werden.

Citratblut wird 1:10 mit PBS verdünnt und danach mit dem jeweiligen markierten Antikörper
inkubiert. Im Durchflusszytometer werden die Plättchen durch eine hydrodynamische
Fokussierung einzeln in den Laserstrahlengang gebracht. Streulicht (vorwärts und seitwärts)
und Fluoreszenzintensität können so erfasst werden. Autofluoreszenz und unspezifische
Antikörperbindung soll durch eine Negativkontrolle erfasst werden. Meist wird dazu ein
Maus-Antikörper, der nicht gegen ein spezifisches Plättchenantigen gerichtet ist benutzt.
Inzwischen sind eine Fülle von Antikörpern sowohl gegen Plättchen-spezifische als auch
gegen Epitope, die auch auf anderen Zellen nachweisbar sind, kommerziell erhältlich. Die
Namensgebung der Epitope erfolgt hier nach der CD-Klassifikation, so dass für das gleiche
Antigen mehrere Namen aus den verschiedenen Nomenklatursystemen in Benutzung sind je
nach Labor: Blutbank, Gerinnungslabor oder Durchflusszytometrie. (s. Tabelle 2)
Beispiel:
Wenn die Blutbank eine HPA-2-Bestimmung durchführt, spricht das Gerinnungslabor vom
gleichen Antigen, nämlich dem wichtigsten initialen Adhäsionsrezeptor, als GP Ib des GP Ib-
V-IX-Komplexes, dessen Mangel sich in der Durchflusszytometrie als Fehlen des CD 42b
äußert.




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Liste der Abkürzungen:


ABP-280                  Actin binding protein 280
BltZ                     Blutungszeit
BSS                      Bernard-Soulier-Syndrom
CBA                      Collagen binding activity
CM                       Zellmembran (3-Schichtige unit membrane)
DDAVP                    1-Des-Amino-8-D-Argininvasopressin
DTS                      dense tubular system
EC                       exterior coat (äußere Hülle)
ECGF                     Endothelial cell growth factor
EDRF                     endothelium derived relaxing factor
EGF                      Epidermal growth factor
EPI                      Epinephrine = Adrenalin
GZ                       Golgi zone
G+T                      α-Granula mit Tubuli (ähnlich den Mikrotubuli (MT))
HLA                      Human Leucocyte Antigen
HPA                      Human platelet antigen
ITP                      Idiopathische thrombopenische Purpura
KG                       Körpergewicht
LAMP-1                   Lysosome-associated-membrane protein-1
LIA                      Latex Immuno Assay
MTV                      MIttleres Thrombozytenvolumen
NO = EDRF                Stickstoffmonoxid
OCS                      open canalicular system (=SCS)
OT                       Occlusion time = Verschlusszeit
PAF                      Platelet activating factor
PAI-1                    Plasminogen Aktivator Inhibitor-1
PDGF                     Platelet derived growth factor
PFA-100                 Platelet function analyzer-100
PF-4                     Plättchenfaktor 4
PGI2                     Prostaglandin I2, =Prostacyclin
PPP                      Platelet poor plasma = Plättchen-armes Plasma
PRP                      Plättchen-reiches Plasma
RIPA                     Ristocetin-induzierte Plättchenaggregation
RCOF                     Ristocetin Kofaktor
RES                      Retikulo-endotheliales System
SCS                      surface connected system (=OCS)
SMC                      submembraneous cytoskeleton
SMF                      specialized membrane filaments
TGF-                    Transforming growth factor 
TRAP                     Thrombin receptor activating peptide
TSP                      Thrombospondin
-TG                     -Thromboglobulin
VWE                      Von-Willebrand-Erkrankung
VWF                      Von-Willebrand-Faktor
VWS                      Von-Willebrand-Syndrom




                                   8
Literatur:

1. Wessels P, Heyns AD, Pieters H et al.
An improved method for the quantification of the in vitro kinetics of a representative
population of 111indium-labeled human platelets.
Eur J Nucl Med 1985; 10: 522-527.

2. Thompson CB, Love DG, Quinn PG et al.
Platelet size does not correlate with platelet age.
Blood 1983; 62: 487-494.

3. Harker LA and Slichter, SJ.
The bleeding time as a screening test for evaluation of platelet function.
NEJM 1972; 287: 155-159.

4. Loscalzo J and Schafer AI (eds.)
Thrombosis and Hemorrhage
2nd edition 1998, Williams &Wilkins

5. Gawaz M
Das Blutplättchen
Georg Thieme Verlag 1999

6. Kundu SK, Heilmann EJ, Reynaldo Sio MS et al.
Description of an in vitro platelet function analyzer – PFA-100.
Semin Thromb Hemost 1995; 21, Suppl. 2: 106-112.

7. Mammen EF, Alshameeri RS and Comp PC
Preliminary data from a field trial of the PFA-100 System.
Semin Thromb Hemost 1995; 21, Suppl. 2: 113-121.

8. Fressinaud E et al.
High sensitivity of the platelet function analyzer (PFA-100) for the screening of patients with
von Willebrand disease: a study of twenty-six cases.
Haemophilia 1996; 2, (Supplement 1):96 (Abstract)

9. Hezard N et al.
Use of the PFA-100 to assess platelet function in patients undergoing PTCA during and
after Infusion of c7E3 Fab in the presence of other antiplatelet agents.
Thromb Haemost 2000; 83:540-544.

10. Harker LA and Slichter, SJ.
The bleeding time as a screening test for evaluation of platelet function.
NEJM 1972; 287: 155-159.

11. Mielke CJ
Measurement of the bleeding time.
Thromb Haemost 1984; 52:210-211.

12. Michelson Alan D. (editor)
Platelets, Lippincott Williams & Wilkins 2006.
Kapitel 3: White, JG Morphology and ultrastructure of platelets pp41 – 69.




                                                9
Schematische Darstellung der subzellulären Plättchenstrukturen auf S. 3 dieses
Skripts in Übersicht BSS: Klinik, Labor, Therapie

Bernard-Soulier-Syndrom (=Megathrombozytäre Thrombozytopenie)

Erstbeschreibung 1948 durch J. Bernard / J. P. Soulier

Erbgang: autosomal rezessiv
Prävalenz: 1:1.000.000

Blutungstyp:
Schleimhautblutungen
Purpura
Menorrhagien

Labor:
Blutungszeit 
Thrombozytopenie, Riesenthrombozyten
Verminderung des GP Ib-V-IX-Komplexes
Ristocetin-induzierte Plättchenaggregation: vermindert oder aufgehoben

Therapie:
leichte Blutungen: DDAVP; 0,4 µg/kg KG
Antifibrinolytika lokal
schwere Blutungen: Thrombozytenhochkonzentrate, HLA-kompatibel
Cave: Immunisierung




                                         10
Übersicht Thrombasthenie Glanzmann: Klinik, Labor, Therapie

Erstbeschreibung 1918 durch E. Glanzmann

Erbgang: autosomal rezessiv
Prävalenz: extrem selten, Konsanguinität?

Blutungstyp:
Schleimhautblutungen
Petechien
Menorrhagien

Labor:
Blutungszeit: 
Verminderung (oder Fehlen) des GP IIb/IIIa-Komplexes
Plättchenaggregation: vermindert oder aufgehoben (RIPA normal)

Therapie:
Thrombozytenhochkonzentrate, HLA-kompatibel
Cave: Immunisierung
Antifibrinolytika lokal




                                            11
Dichte Granula                          -Granula                                  Lysosomen

ADP                                     Gerinnunsfaktoren und –inhibitoren         Aryl-Sulfatase
ATP                                     HMWK, Faktor XI, Faktor V, Fibrinogen      -Galactosidase
Ca2+                                    Plasminogen, PAI-1                         -Glucuronidase
Serotonin                               Protein S                                  Kathepsin
Guaninnukleotide                        1-Antitrypsin                             N-Acetyl-Glucosaminosidase
Pyrophosphat                            2-Makroglobulin                           Membranproteine
Membranproteine                         2-Antiplasmin                             CD 63
P-Selektin                              C1-Esterase-Inhibitor                      LAMP-1
Granulophysin (=CD 63)                  Plättchenfaktor 4                          LAMP-2
LAMP-2                                  Adhäsionsproteine
                                        Fibrinogen, von-Willebrand-Faktor
                                        Fibronektin, Vitronektin, Thrombospondin
                                        Wachstumsfaktoren
                                        Platelet derived growth factor (PDGF)
                                        Transforming growth factor  (TGF-)
                                        Epidermal growth factor (EGF)
                                        Endothelial cell growth factor (ECGF)
                                        Membranproteine
                                        P-Selektin, GP IIb/IIIa, GMP-33
                                        (GP Ib-V-IX)
                                        Andere
                                        Mg2+, -Lysin, -Thromboglobulin
                                        Albumin
Tabelle 1: Inhaltsstoffe der Plättchengranula


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Tabelle 2: Thrombozytenspezifische Antigene


                                          Übersicht der Nomenklatursysteme

     Gen(ort)         Allele/       Polymorphismus         Häufigkeit       Elektroph.       Integrin      CD-Klass.
                     Antigene                                               Bezeichn.
      HPA-1           HPA-1a            Leu/Pro 33           97,6 %           GP IIIa           3           CD61
                      HPA-1b                                 26,8 %
      HPA-2           HPA-2a           Thr/Met 145           99,4 %           GP Ib       Non-Integrin      CD42b
                      HPA-2b                                 14,3 %
      HPA-3           HPA-3a            Ile/Ser 843          87,7 %           GP IIb           IIb          CD41
                      HPA-3b                                 60,3 %
      HPA-4           HPA-4a           Arg/Gln 143           99,9 %           GP IIIa           3           nur bei
                      HPA-4b                                 1,7 %                                          Japanern
      HPA-5           HPA-5a           Lys/Glu 505           99,2 %            GP Ia            2           CD49b
                      HPA-5b                                 20,6 %



Häufigkeiten nach P.L. Mollison/ C.P Engelfriet/ M. Contreras: Blood Transfusion in Clinical Medicine, 9. Aufl. Blackwell
Scientific Publications, Oxford 1993; Seite 615/616.




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