Ratschläge an meine jungen Geschwister Mustafa Islamoglu

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Ratschläge an meine jungen Geschwister MUSTAFA ISLAMOĞLU MUSLIMISCHE JUGEND IN DEUTSCHLAND GREEN PALACE Übersetzt von: Rüştü Aslandur Alle Rechte vorbehalten ©200 5 ISBN 3-937321-O2-O Typographie und Umschlaggestaltuüg: MOSAICdesign, Köln www.mosaicdesign.de Druck: Druckerei Dogan Nürnberg Green Palace Gitschiner Str. 16 10969 Berlin Tel: (030) 695 072 73 Fax: (030) 695 072 74 Inhaltsverzeichnis Vorwort des Herausgebers Vorwort des Übersetzers Vorwort des Autors ' ILM (Lernen und Praktizieren) Lesen und Verstehen Qur'an-Lesen TAUHÎD FIQH (Islamisches Recht) Gesundheit und Sauberkeit AKHLAQ ÂDÂB 8 10 12 16 19 25 30 38 41 44 50 Zwischenmenschliche Beziehungen Gerechtigkeit Der Muslim und das Umfeld Persönlichkeit ÂSABIYYA 54 64 67 70 77 81 84 86 90 94 INFÂQ Ausgewogenheit Lebensunterhalt Der MU'MIN und Zeit HAQQ (Rechte und Gerechtigkeit) MU'ASCHARÂT (Soziales Verhalten oder Umgang) 101 Liebe und Güte Tod und SCHAHÂDA (Bezeugen) Sich Allah Nähern DHIKR (Gedenken Allahs) SALAH ( Das Gebet) 104 105 108 111 114 Vorwort des Herausgebers Mit dem Namen Allahs Die Muslimische Jugend in Deutschland e.V. und ihr Buchverlag & -vertrieb Green Palace freuen sich, ein weiteres Buch in der Reihe „Islam: Wissen und Leben" veröffentlichen zu dürfen. Unsere Veröffentlichungen haben das Ziel, islamische Literatur in deutscher Sprache zur Verfügung zu stellen, die zum Ziel hat, vor allem muslimische Jugendliche auf dem Weg zu Allahs Wohlgefallen zu unterstützen und den Islam in seiner Ganzheitlichkeit darzustellen. So Allah will, ist dieses Buch ein weiterer Schritt, um diesem Ziel näher zu kommen. In dieser Reihe stellen wir islamische Literatur vor, die für das Verständnis und die Praxis des Islam gerade für junge Muslime sehr wertvoll sein kann. Vor allem zeitgenössische Autoren sollen hier zu Wort kommen. An dieser Stelle bitten wir Allah um reichliche Belohnung für die Geschwister, die das Erscheinen des Buches in deutscher Sprache ermöglicht haben; besonders sind zu nennen: Bruder Mustafa İslamoğlu als Autor, Bruder Rüştü Aslandur als Übersetzer, Korrektor und treibende Kraft in Personalunion, Bruder Ibrahim Jimoh als Layouter und Designer, die Schwestern Iman Reimann, Esma Bilekkaya, Elif Koc und Mareike Dasenbrook als Korrektorinnen, die Brüder Nadim Gharieb und Chaban Salih als Korrektoren. Möge Allah dieses Buch einen Beitrag zum besseren Verständnis des Islam und zur Stärkung unserer islamischen Praxis werden lassen. Der Herausgeber 29. Dhul Qa' dah 1425 9. Januar 2005 Vorwort des Übersetzers Mustafa İslamoğlu ist eine der wenigen neuzeitlichen muslimischen Autoren, bei denen die Inhalte „universal" sind. Sie beziehen sich nicht hauptsächlich auf die örtlichen Gegebenheiten und können deshalb ohne Abstriche Nach vollbrachter Arbeit ist es für jeden, der sich bemühte, eine Freude, die Frucht und das Ergebnis der Anstrengung in Händen zu halten. Und als Muslime wissen wir, dass es stets die Gnade Allahs ist, durch die Er selbst kleinen Bemühungen zum Erfolg verhilft. Wie jedes Buch hat auch diese Schrift eine Geschichte. Zunächst war es die Idee eines Bruders, die mich dazu brachte, die Übersetzung dieser als Ratschläge verfassten Zeilen anzugehen. Er schlug vor, sie als Freitagspredigten aufzubereiten. Allah wird ihm inscha Allah seinen Anteil an der Belohnung geben. So wurde nach und nach das ganze Buch übersetzt. in eine andere Sprache übersetzt werden. Dass seine Bücher manche von ihnen in der 20. Auflage - in der Türkei zu Bestsellern geworden sind, spricht für sich. Mittlerweile ist der junge Gelehrte Mustafa İslamoğlu bei vielen jungen türkischsprachigen Muslimen selbst zu einer „Denk- und Verständnisschule" geworden. Sein Hauptmerkmal ist es, dass er es schafft, selbst komplexe Angelegenheiten geistreich und rational zu erläutern. Und gerade das zieht auch den jungen westlich-gebildeten Menschen an. Es ist mir eine Freude, dass wir mit diesem Buch einen Anfang machen, diesen wertvollen Autor dem deutschsprachigen Leser bekannt zu machen. Als eine freudige Pflicht betrachte ich es, all jenen jungen Brüdern und Schwestern, die sich an diesem Projekt auf unterschiedliche Weise beteiligt haben, zu danken und ein „vergelt's Gott" auszusprechen. Zuletzt möchte ich die bescheidene Bitte äußern, dass der Leser für mich und die anderen Geschwister ein kleines Bittgebet spricht, dass Allah diese kleine Anstrengung von uns annehmen möge. Rüştü Aslandur Karlsruhe, 18. Juni 2003 10 11 Vorwort des Autors Bu risale, aslında bir masa başı eseri değildir. O yazılmadan çok önce muhtelif seminerlerde tabir caizse bir "hap", bir "nektar" gibi muhataplarına sunulmuştu. Daha sonra yayımlandığında, bir çok insan onu bir "cep kitabı" gibi onu ORIGINAL: Herşeyin bir "öz"ü olduğu gibi, bir de "sözün özü" vardır. Tavsiyeler I, sözün özünden oluşan bir "konsantre kitap'tır. İnsanlığın değişmez değerlerinin öbür adı olan İslam'ın insanlıkla yaşıt olan vahyinin zirvesi olan Kur'an, bu kitabı oluşturan tavsiyelerin kaynağını teşkil eder. okudu, okuttu, nişan ve düğün şekeri yerine dağıttı. Gönüllü bir ekip Almanya'dan beni arayarak "Kitaplarınızı almanca'ya kazandırmak istiyoruz, hangilerinden başlamamızı istersiniz?" diye sorduğunda, verdiğim listenin başlarında Tavsiyeler'in yer alması, işte bu eserin yukarıda dile getirdiğim nitelikleri yüzündendi. Tavsiyeler benim Alman dilinde yayımlanan ilk kitabım. Kitaplarımın Son Peygambere naat yazmış bir şair olan R. M. Rilke'nin ve yine Peygamber hayranı olan Goethe'nin konuşup yazdığı dile çevrilmesi, benim için ayrı bir anlam taşıyor. Başta Tavsiyeler'in gönüllü mütercimi sevgili Rüştü Aslandur olmak üzere, bu kitabın Almanca baskısına emeği geçen tüm dostlara teşekkür ediyorum. İmaj bozucu-imaj oluşturucu bir disiplin olan Oryantalizrn in bilinçler üzerinde yol açtığı tahribatı önlemek için, öteden beri ısrarla bir Occidentalizm oluşturulması gerektiği tezini ısrarla savunmuşumdur. İşte bu çerçevede, bu tür telif ve tercüme faaliyetlerini de, tahrip olmuş bilinçlerin yeniden inşası projesine bir katkı olarak görüyorum. Bu mütevazı, demir çalışma, İslam'ın hedefi olan insanla, insanın değişmez değerlerini temsil eden İslam arasına örülen demir perdenin yıkılmasına katkıda bulunduğu oranda amacına ulaşmış sayılacaktır. Çaba bizden, başarı yalnızca Allah'tandır. Mustafa İslamoğlu 12 Temmuz 2003 ÜBERSETZUNG: Sowie jede Angelegenheit einen Kern besitzt, so gibt es auch eine „Essenz" des Wortes. Dieses vorliegende Buch ist das Konzentrat der Worte. Die Quelle dieses Buches ist der Koran, der den Höhepunkt der Offenbarung Gottes darstellt. Und die Offenbarung ist ebenso alt wie der Islam selbst, der nur ein anderer 12 Name für die unveränderlichen Werte der Menschheit ist. Diese Schrift ist kein Buch, das am Schreibtisch verfasst wurde. Diese Zeilen wurden vor ihrer Niederschrift den Adressaten in verschiedenen Seminaren als eine Medizin und ein Nektar dargeboten. Als sie später veröffentlicht wurden, haben viele Menschen sie wie ein Taschenbuch gelesen, lesen lassen und bei Verlobungen und Hochzeiten anstatt Süßigkeiten verteilt. Als eine Gruppe von Freiwilligen mich fragte: „Wir wollen Ihre Bücher auf deutsch übersetzen, welche empfehlen Sie uns als Erste?", tauchte dieses vorliegende Buch als eines der ersten auf der ihnen überreichten Liste auf. Dies aufgrund der Eigenschaften dieser Schrift, die ich oben ausgeführt habe. Das vorliegende Buch ist das erste meiner Bücher, das auf Deutsch veröffentlicht wird. Dass meine Bücher in die Sprache übersetzt werden, in der R. M. Rilke, der eine Lobeshymne an den letzten Gesandten geschrieben und in der Goethe, der ebenfalls ein Bewunderer des Propheten gewesen war, gesprochen und geschrieben hat, besitzt eine weitere Bedeutung für mich. Die Anstrengungen obliegen uns, aber der Erfolg ist nur von Allah. Diese bescheidene Arbeit wird in dem Maße ihrem Zweck gerecht werden, wie sie behilflich ist, den Vorhang aus Eisen, der zwischen dem Islam, der die unveränderlichen Werte der Menschheit repräsentiert, und dem Menschen, der das Ziel des Islams ist, niederzureißen. Zuerst möchte ich dem Übersetzer, meinem geschätzten Bruder Rüştü Aslandur, und all den Freunden, die sich für diese deutsche Ausgabe von „Tavsiyeler I" - wie es im Original heißt - eingesetzt haben, herzlich danken. Seit jeher habe ich nachdrücklich die These vertreten, dass ein Okzidentalismus geschaffen werden sollte. Dies um die Zerstörung des Bewusstseins durch den Orientalismus als eine Disziplin, welche Vorstellungen entstellt und andere errichtet, zu verhindern. In diesem Rahmen sehe ich die Bemühungen, Bücher zu verfassen und zu übersetzen als einen Beitrag zur Rekonstruktion des zerstörten Bewusstseins der Menschen. Mustafa İslamoğlu 12 Juli 2003 ' ILM (Lernen und Praktizieren) der Schöpfung seid. Der Mensch ist sowohl Weg als auch Wegbeschreiter. Wenn der Wegbeschreiter den Weg kennen lernen will, muss er sich zunächst selbst kennen lernen: 1. Irrt nicht ziellos umher! Ohne Ziel zu sein bedeutet, niemandem nutzen zu können. Macht euch Gedanken darüber, warum und zu welchem Zweck ihr erschaffen wurdet. Denkt über die Aufgabe und die Verantwortung des Menschen im Universum nach, betrachtet die Umma (Gesamtgemeinschaft der Muslime), der ihr angehört innerhalb der Menschheit, und bewertet eure eigene Persönlichkeit innerhalb dieser Umma. Ihr werdet die Rolle, die euch in ihr zugewiesen wurde, erst richtig übernehmen können, wenn ihr wisst, welche diese überhaupt ist. 2. Lernt euch selbst kennen! Alles beginnt bei euch selbst. Vergesst nicht, dass ihr der Dreh- und Angelpunkt seine Talente, seine Stärken und Schwächen, seine Verantwortung, seine Rechte und Pflichten. 3. Die, die sich daran gemacht haben, den Menschen kennen zu lernen, werden bemerken, dass es eigentlich die Fähigkeit zum Lernen und Begreifen ist, die den Menschen zum wahren Menschen macht. Ihr werdet erstaunt feststellen, dass alle Tugenden des Menschen mit Wissen und Bewusstsein ('Ilm) verbunden sind. 4. Flieht vor der Unwissenheit, als würdet ihr vor der Pest fliehen! 'Ilm (Wissen) ist eine wahre Tugend. Sogar der Iman (Glaubensüberzeugung) beginnt mit Wissen: Ma'rifatullah (Das Wissen über Allah). Sucht nach den Quellen, die euch zur Kenntnis führen und euch die Wahrheit erblicken lassen. Diese Entdeckung ist machbar mit „Lesen" im weitesten Sinne. Der Befehl Lies ist ein Wunderwerk: Es ist das erste Wort der zuerst herabgesandten Âyah des Qur'an. Und nicht nur das Auge liest. Das Ohr, die Nase, die Zunge, der Verstand, das Herz, die Seele, sie alle sind Werkzeuge, die „lesen". Nur die Arten des Lesens unterscheiden sich. 5. Der Besitz von Wissen ist das Beste, was jemand sich von den weltlichen Dingen aneignen kann, denn Wissen ist wahre Tugend. 6. Beim Wissenserwerb solltet ihr den dringenden und notwendigen Dingen Vorrang geben. Bevor man mit dem Lesen beginnt, ist es erforderlich, sich die folgende Frage zu stellen: Ist dieses Wissen für mich ein Muss7. 7. Nach unserer Ansicht ist es nicht richtig, das Wissen in religiöses und weltliches Wissen zu unterteilen. Das Weltliche eines Gläubigen ist nicht getrennt von dem Religiösen, und das Religiöse ist nicht abgeschnitten von dem Weltlichen. Das Wissen über euren Beruf ist so gesehen euer İlmihâl1 . Es ist genauso notwendig und nützlich wie euer Wissen über das Jenseits. 1 Leitfaden für die religiöse Praxis im Alltag 16 17 8. Flieht vor der Last des Wissens wie vor der Unwissenheit selbst! Vergesst nicht, dass der Gesandte Allahs (s) vor unnützem Wissen bei Allah Zuflucht gesucht hat! Unwichtiges Wissen ist wie ein Nierenstein des Verstandes -er muss ausgeschieden werden. Die „Verstandessteine" sind oft sehr viel gefährlicher, und ihre Behandlung ist weitaus schwieriger als die von Nierensteinen. Obwohl es dank neuester Technologie möglich ist, die Nierensteine mit Laserstrahlen zu zerteilen, ist es fast unmöglich, die Last des Verstandes zu zerbröckeln. Wenn jemand Besserwisserei und 'Ilm miteinander verwechselt oder einen Besserwisser mit einem Gelehrten, dann hat dieser nicht begriffen, wer ein 'Âlim (Gelehrter) und was 'Ilm ist. Wissen und Gelehrsamkeit werdet ihr erst verstehen können, wenn ihr dieses Phänomen aus der Sicht der Âyah ...Es fürchten Allah von Seinen Knechten die Wissenden,... (35:28) betrachtet. sind Zeichen, also Âyât von Allah und kommen als Gegenstand des Lesens vorrangig in Betracht. 10. Lasst eure Gedanken nicht zugrunde gehen, indem sie Hunger leiden. Das Lesen ist - da ihr ja keine Offenbarung erhaltet - der einzige Weg, euren Hunger diesbezüglich zu stillen. Ein Mensch, der nicht liest, ist wie eine Pflanze ohne Wasser - sie wird eines Tages eingehen. Es mag sein, dass Lesen und Verstehen man nicht nur durch Lesen Wissen erwerben kann, aber es ist immer noch die sicherste Methode. 11. Lest mit der angebrachten und aufrechten Absicht! Steht hinter eurer Absicht. Erlangt euer Wissen mit einer reinen Absicht (Niyya). Vergesst dabei nicht, dass das 9. Macht euch das Lesen zu eigen! Und vergesst nicht, dass das Lesen immer noch die beste Art des Wissenserwerbs ist. Aber beachtet, dass der Gegenstand des Lesens nicht nur das Buch ist. Ein Buch ist nur ein Gegenstand, in dem man lesen kann. Die Geschehnisse, die Dinge, das Universum und der Mensch sind auch eine Art Buch. Sie wahre Wissen (Haqq) bei Allah ist. Es hängt von eurer Aufrichtigkeit (Ikhlâs) ab, ob und welchen Anteil ihr von diesem wahren Wissen erhaltet. Merke: Wissen ohne Aufrichtigkeit kann sich zu einer Belastung für seinen Besitzer entwickeln. 18 12. Lest richtig! Die Garantie für das richtige Lesen ist die korrekte Sichtweise. Diejenigen, die das Buch, die Geschehnisse, die Dinge, das Universum und den Menschen falsch wahrnehmen, werden niemals das Geheimnis der Weisheit erlangen. Das richtige Lesen hat auch etwas mit ausgewogenem und gesundem Menschenverstand zu tun. Ein Verstand, der kränkelt, wird die Dinge eintrüben, die er gelesen hat. Er wird das Rechte (Haqq) mit dem Falschen (Bâtıl) durcheinander bringen. 13. Wie schon erwähnt, ist der Gegenstand des Lesens nicht nur das Buch. Denn jedes bewusste Sehen ist ein Lesen. Um richtig lesen zu können, muss man in der Lage sein, wahrhaftig sehen zu können. Menschen, die „schielen, werden niemals tatsächlich sehen können. eines Menschen. Diese werden auf die Frage „Was ist der Mensch?" die Antwort „Gedärme!" geben. Solche Leute sind wie jene, die, wenn sie ein halbvolles Glas sehen, es als halbleer bezeichnen oder eine Wohnung mit Wohnzimmer, Schlafzimmer und Gästezimmer als einen Ort mit Toilette beschreiben. 15. Wenn ihr mit den Ohren lest, - das ist das Zuhören - dann tut das nicht nur mit den Hörorganen. Hört dem, was gesagt wurde, vollständig zu! Wendet nicht gleich etwas gegen das Gesagte ein, bevor ihr euch nicht vergewissert habt, ob ihr das Ausgesprochene überhaupt richtig verstanden habt! 16. Ganz gleich mit welchen Organen - den Augen, den 14. Die Unebenheit solltet ihr nicht in den Dingen, die ihr seht, sondern in euren eigenen Blicken suchen. Manche, die schief schauen, werden auf den ersten Blick nicht den Iman, den Verstand, das Herz, den Mut, die Tugend, die Schönheiten sehen, sondern stattdessen nur die Gedärme Ohren, dem Verstand - ihr lest, reinigt sie auf jeden Fall mit dem Filter eures Herzens. Setzt das so erlangte Wissen nicht ein, bevor ihr diesbezüglich die Erlaubnis eures Imans eingeholt habt. 17. Lest das Richtige. Das bedeutet aber nicht: Macht euch nicht über das „Falsche" kundig. Aber die Wahl, die ihr für das Lesen getroffen habt, muss eine richtige Wahl sein. Auch hier zeigt sich die Eigenschaft des Buches, das zuverlässigste Mittel für den Wissenserwerb zu sein. Ein Buch, das falsch ausgewählt wurde, ist nicht nur aus einer Sicht, sondern aus vielen Blickwinkeln Verschwendung (Isrâf). Es ist Energie-, Zeit- und Geldverschwendung, unnötige geistige Tätigkeit usw.. Um der Verschwendung Einhalt zu gebieten, ist deshalb eine bewusste Auswahl notwendig. Es zeugt nicht von Vernunft, wenn man hundert Kilogramm Zuckerrohr verzehrt, um hundert Gramm Zucker zu sich zu nehmen. 18.Vergesst nicht, dass alle Bücher - außer der Offenbarung - mit einem Fragezeichen beginnen und mit einem Fragezeichen enden! Manchmal werden sie sogar als Frage geschrieben. 21 20 19- Brecht nicht die Herzen der Bücher. Ja - sie besitzen Herzen! Behandelt sie also nicht respektlos. Wenn man das Buch als etwas betrachtet, worauf man tritt, um die nächste Stufe des weltlichen Ansehens zu erklimmen, dann bedeutet dieses Vorgehen, die Ehre des Buches mit Füßen zu treten. 20. Kein Buch, außer dem Buche Allahs (Kitâbullah), ist: la rayba fih (ohne Zweifel). (2:2) In diesem Sinne gleichen die Bücher, die menschliche Produkte sind, Wassermelonen: Schält die Schale und esst das Innere. Es zeugt nicht von Reife, wenn man die Schalen mitisst, weil das Innere so gut schmeckt, oder die ganze Wassermelone wegwirft, weil die Schale unbekömmlich ist. Es wird berichtet, das Imam Asch-Schafi'i, als er einem seiner Schüler sein berühmtes Werk al-Umm diktierte, sagte: „Lies einmal vor, mein Sohn" und der Schüler las das Diktierte vor. Der Imam sagte „streiche Dieses durch und schreibe es so und verbessere Dieses hier, usw." und er korrigierte das Buch von Anfang bis Ende. Beim zweiten Mal meinte der Imam: „Nun, so ist es gut" und er ließ es sich vorlesen. Aber wie beim ersten Mal ordnete er an vielen Stellen an, das Diktierte durchzustreichen, zu verbessern, andere Dinge hinzuzufügen. Jetzt meinte er: "So, nun bin ich fertig. Als er das Buch zum dritten Mal bearbeitete, stellte sich heraus, dass immer noch viele Stellen zu verbessern waren, und er gab sich selbst das Versprechen: "Von nun an werde ich kein Buch, außer dem Buche Allahs, als vollendet betrachten. Vergesst deswegen nicht, dass kein Buch, außer dem einen, von vorne bis hinten richtig und auf der anderen Seite auch keins von Anfang bis zum Schluss vollständig falsch sein kann. 21. Die richtige Auswahl der Bücher ist zunächst die richtige Auswahl der Autoren. Denn besonders die Werke, die einen Standpunkt vertreten, können nicht unabhängig vom Autor betrachtet werden. Die eventuellen Schwächen und Fehler des Autors werden sich im Werk widerspiegeln. Deswegen solltet ihr kein Werk eines Menschen lesen, so wie ihr das Werk Allahs lest, selbst wenn es ein geschätzter Autor ist. Wie könnte ein Mensch, der unvollkommen ist, ein Werk hervorbringen, das vollkommen ist? Nur Allah ist vollkommen und zweifellos einzig und allein Sein Buch, der Qur'an. 22. Unter diesem Aspekt sind die Werke, die sich mit Allahs kosmischen Âyât (d.h. der Sunnatullah = Gesetzmäßigkeiten Allahs) und Seiner Schöpfung beschäftigen, also die naturwissenschaftlichen Werke, vertrauenswürdiger und zuverlässiger. 23. Ordnet die Bücher in drei Kategorien: I. Notwendige Werke II. Nachschlagewerke III. Allgemeine Werke Die notwendigen Werke sind die, welche man nicht nur einmal, sondern immer wieder liest. Diese sind wenige an der Zahl. Sie sind wie Nahrung; wenn man sie nicht 22 aufnimmt, wird man an Mangelerscheinungen leiden. In dieser Kategorie kommt an erster Stelle der Qur'an. Wessen Geist mit dem Qur'an genährt wird, der wird dadurch gestärkt. Nachschlagewerke sind: Wörterbücher, Bücher über Begriffserläuterungen und Lexika usw.. Bei der Auswahl allgemeiner Werke muss man sehr behutsam vorgehen. 26. Notiert euch auf jeden Fall die Dinge, die ihr beim Zuhören für wichtig erachtet. Haltet stets einen Notizblock bereit. Beachtet die Empfehlung des Dichters, der sagte: Der Schreibstift ist Gold, das Wort eine Perle, steck es ein, steck es ein. Wiege und verkauf es nicht, nur bei Gelegenheit gib 24. Es gibt viele Lesetechniken. Drei von ihnen sind besonders bekannt: I. Unterstreichen und Markieren II. Aufzeichnen III. Katalogisieren Das Ziel des Lesens ist der Wissenserwerb. Das Gedächtnis kann einen täuschen: Falls ihr beim Lesen auf Stellen stoßt, die ihr immer wieder brauchen werdet, müsst ihr sie irgendwie speichern. Und dies könnt ihr mit den genannten Techniken durchführen. 25. Falls ihr das Wissen anderen weitergeben müsst, dann solltet ihr für das, was ihr wahrscheinlich noch einmal benutzen werdet, eine kleine Datenbank zusammenstellen. 27. Richtet es so ein, dass der Qur'an sich in eurem Lebensmittelpunkt befindet. Denn ein Leben ohne Qur'an ist ein Leben ohne Allah. Wenn ihr euch selbst erforschen wollt und Allah kennen lernen möchtet, dann müsst ihr den Qur'an lesen. Dem Lesen folgt das Begreifen und dann das Leben nach dem Qur'an. Wenn ihr den Gesandten Allahs (s) kennen lernen möchtet, so müsst ihr den Qur'an lesen. Wenn ihr erfahren möchtet, wie das Verhältnis zwischen dem Schöpfer und Seinem Geschöpf sein sollte, und wie es aus.2 2 Kalem altun, Kelam inci hemen derceyle derceyle Teraziye koyup satma, yeri geldikçe harceyele Qur'an-Lesen ihr eine Beziehung zu Allah aufbauen könnt, wie sie zwischen Allah und Seinem Gesandten (s) existierte, so lest den Qur'an. 28. Bevor ihr ein Leben nach dem Qur'an beginnt, prüft nach, ob euer Verstand und euer Herz für die Rezitation des Qur'ans aufnahmebereit sind, also ob euer Verstand Seelenruhe besitzt und euer Herz beruhigt und empfänglich ist. Falls die Gemächer eurer Sinne und eures Verstandes nicht bereit sind, die königlichen Worte zu empfangen, d. h. solange ihr im Inneren nicht aufgeräumt habt und euer Verstand und euer Herz durchwühlt sind, müsst ihr die Ruhe in euch herrichten und die Gemächer für den Qur'an vorbereiten. 29. Wenn ihr euch vor dem Qur'an niederkniet, dann stellt euch vor, ihr würdet symbolisch vor Allah in die Knie fallen und erlebt dieses Gefühl. Erlebt dieses Gefühl so, als ob euer Herr zu euch sprechen würde und ihr keinen Buchstaben dieser Anrede verpassen wolltet. 30. Lest den Qur'an so, als ob er euch offenbart werden würde! Bezieht jede Anrede in ihm auf euch und projiziert jeden Propheten in den qur'anischen Geschichten auf euch selbst. 31. Wenn ihr den Qur'an lest, achtet darauf, dass die Qibla (Gebetsrichtung) eures Herzens in Richtung Allah zeigt und sprecht das folgende Bittgebet: O Allah, öffne ihn mir und öffne mich ihm. 33. Es gibt zwei Bedingungen, die man erfüllen muss, wenn man sich den Mutaschabihât (den mehrdeutigen Âyât) zuwendet: Iman und eine tiefgründige Kenntnis der Muhkamât. Nur wenn ihr die genannten Bedingungen erfüllt habt, solltet ihr euch mit dem Mutaschabihât (mehrdeutigen Âyât) beschäftigen, aber beharrt nicht darauf, dass das Ergebnis, zu dem ihr gelangt seid oder zu den andere gekommen sind, eine Angelegenheit des Imans ist. Vergesst 32.Lest zunächst die Muhkamat (eindeutigen Âyât) des Qur'ans. Denn sie sind die Mutter des Buches. Die mehrdeutigen Verse sollen für euch keine Priorität besitzen. nicht, dass die Mutaschabihât die dynamischen und flexiblen Verse des Qur'ans sind. Die Texte der Mutaschabihât werden einmal, aber ihre Bedeutungen tausendfach offenbart. Die betreffenden Âyât eröffnen den Gläubigen, die darüber nachdenken und die tiefgründendes Wissen besitzen, nochmals ihre Geheimnisse, und offenbaren sich sozusagen durch Inspiration erneut. 34. Wenn ihr den Qur'an lest und des Arabischen nicht mächtig seid, dann lernt die Bedeutungen der Suren, die ihr täglich im Gebet vortragt. Dann wird die Bedeutung der Sure, die ihr im Gebet lest, in euren Verstand übergehen. Stellt es euch vor wie Spielfilme mit Untertiteln, wo euch der Ton und die Schrift gewissermaßen begleiten. 35. Falls es jemanden in eurer Umgebung gibt, der den Qur'an auswendig lesen kann, also einen „lebendigen Qur'an" bzw. einen Qur'an auf zwei Beinen (Hâfiz), dann lasst euch den Qur'an von diesem Menschen beibringen. Dies ist die prophetisch überlieferte Methode des Qur'anunterrichts. Der Qur'anlehrer des Gesandten Allahs (s) war der Engel Dschibriel (a.s.). Vergesst nicht, dass der Qur'anlesung das richtige Begreifen und das Überlegen und diesem wiederum die Handlung gemäß dem Qur'an folgen muss. 36. Versucht nicht, den Qur'an mit euren individuellen Meinungen auszulegen! Trübt nicht den klaren und reinen Wasserlauf des Qur'ans mit dem kulturellen Denken, das ein Produkt der fehlbaren Menschen ist. Um eine Âyah richtig zu verstehen, solltet ihr auf die folgenden Prinzipien achten: I. Gibt es eine andere Âyah im Qur'an, die diese erläutert oder ergänzt? 26 II. Wie hat der Prophet (s) diese Âyah erläutert, verstanden und gelebt? II. Wie haben die Fuqahâ (Rechtsgelehrten) der Sahâba (Gefährten des Propheten Muhammad (s)) diese Âyah verstanden und gelebt? Gedanken vergiftet werden, ist das Ergebnis schrecklicher 37. Macht euch voll bewusst, dass der Qur'an wie ein Weg ist, dessen zurückgelegte Strecke einer Waffe gleicht. Mit seinen eigenen Worten vermehrt er den Iman des Gläubigen und das Verderben des Unterdrückers und Glaubensverweigerers, (s. z.B. 9:124-125; 8:2 u.a.) als eine Lebensmittelvergiftung. 39. Lest euren Kindern die Prophetengeschichten des Qur'ans vor anstatt Märchen: Erzählt ihnen die Geschichte von Ibrahim (a.s.), Ismail (a.s.), Musa (a.s.), Yusuf (a.s.) oder Isa (a.s.). Bevor ihr in ihre Vorstellungswelt mit modernen Kulturgötzen, falschen Fussballgöttern und 38. Ihr solltet, wenn ihr eine Familie habt, es euch zur Regel machen, jeden Tag einen Abschnitt des Qur'ans gemeinsam mit Verständnis zu lesen. Macht eure Familienmitglieder mit der Offenbarung vertraut. Solch eine Art von Lesung soll für euch zur festen Regel werden. So wie ihr von niemandem aufgefordert werdet, zu essen, so solltet ihr von niemandem eine Aufforderung erwarten, die Qur'anlesung durchzuführen. Begreift, dass das Verlangen des Herzens und des Verstandes viel schlimmere Folgen nach sich zieht als der Hunger des Magens. Die Nahrung des Verstandes ist authentisches Wissen, die Nahrung des Geistes ist es hingegen, dass dieses sichere Wissen zu Iman umgewandelt wird. Die einzige Wissensquelle, die in ihrer Gesamtheit in Iman umwandelbar ist, ist der Qur'an. Nichtauthentisches Wissen in Iman umzusetzen gleicht der Aufnahme giftiger Nahrung. Wenn die Gefühle und Popmegastars eindringt, macht sie mit den Helden des Qur'ans bekannt. 40. Wenn ihr den Qur'an und die Menschen, welche die Adressaten der Offenbarung waren, ihre Situation und ihre Gesellschaft, sowie den bedeutsamen Empfänger der Offenbarung - den Propheten (s) - kennen lernen wollt, dann lest die authentischen Ahâdîth (Überlieferungen vom Propheten Muhammad (s)), die Sîra- und Maghâzibücher (Lebensbiographien über den Propheten Muhammad (s)) und die Werke, die über das Leben der Sahâba berichten. Vergesst nicht, dass die Bekanntschaft des Qur'ans auf diesem Wege erfolgt. Ihr könnt den Geist der Offenbarung und seinen Kern nur auf diese Art begreifen. 41. Gebt eurem Gedächtnis sein Recht! Lernt aus dem Qur'an und den authentischen Ahâdîth Passagen auswen- dig. Das erweitert euer Wissen und eure Allgemeinbildung. Zudem werdet ihr nicht verurteilt, euer ganzes Leben lang mit einigen wenigen Qur'anabschnitten zu leben. Denn dies bedeutet, bedürftig zu sein. Lernt wenigstens aus den 28 Suren, die die verschiedenen Himmelsrichtungen der qur'anischen Geographie ausmachen, kleinere Abschnitte auswendig. Ihr werdet sehen, dass ihr eure Gebete mit Freude verrichten werdet. 29 TAUHÎD Grenzen der Aqida Wache haltet, werden die sichtbaren und unsichtbaren Feinde eure Aqida in völlige Unordnung bringen. Sie werden die Grenzen der Aqida verwischen und unkenntlich machen. 42. Festigt eure 'Aqida (Glaubensbund). Lernt den Tauhîd (Eingottglauben) und Schirk (Mitgötterei) gut kennen. Denn die Aqida ist eure Grundlage. Baut euer Islamverständnis nicht auf Sand auf. Lasst ab von einem Glauben, wie ihr ihn vielleicht von euren Eltern übernommen habt und entwickelt einen Iman so wie Allah es will. Richtet euch bei der Abgrenzung der 'Aqida nach dem Maß: Iman an Allah und Ablehnung des Taghuts (falsche Gottheit). Denn dies ist ein qur'anischer Maßstab. 43. Macht die Angelegenheiten, die nicht den Iman betreffen, nicht zu Themen des Imans. Das führt nur dazu, dass die Aqida verwässert wird. Wenn ihr nicht ständig an den 44. Verinnerlicht den Tauhîd, so dass ihr Muwahhidun (Personen, die den Eingottglauben angenommen haben) werdet. Der Tauhîd ist sowohl der Grund als auch das Ziel unserer Existenz. Jede Sache ist von Allah, und alles wird zu Ihm zurückkehren. Seht in der Mehrheit das Eine und in der Vielfalt die Einheit. La ilaha illallah bringt den universalen Tauhîd am Besten auf den Punkt. Betrachtet das Universum unter der Perspektive des Tauhîd. 45. Tauhîd ist eure Aqida. Der Iman an Allah wird durch die Ablehnung der falschen Götter komplett. Baut euren Iman nicht auf den Überresten des Schirks auf. 47. Begreift, dass Schirk nicht die absolute Falschheit ist, sondern eine Falschheit, die auch Wahrheit beinhaltet. Der Schirk kann keine Rechtfertigung genießen, nur weil ein Schimmer von Wahrheit in ihm steckt. Wenn ein großes Gefäß Honig mit einer Tasse Dreck verschmutzt wird, wirft man es weg, ohne darauf zu achten, welchen Anteil von Schmutz es besaß. bestraft wird: Einmal wird die Furcht selbst eine Strafe für sie, zum zweiten trifft das ein, was sie befürchtet hat. Die Empfindung von Furcht, Liebe und Hoffnung gegenüber einer Person neben Allah ist gleichbedeutend mit der Beigesellung dieses Wesens zu Allah. Und dies ist nichts anderes als Schirk. 49. Zeigt die größte Liebe zu Allah. Dies ist nämlich der 48. Bewegt euch stets zwischen Furcht und Hoffnung. Weicht in der Furcht, der Liebe und der Hoffnung niemals vom Tauhîd ab. Vergesst nicht, dass die Person, die sich vor anderen Dingen als vor Allah fürchtet, zweimal Tauhîd in der Liebe. Liebt nichts anderes, also „abgöttisch", so wie ihr Allah liebt, sonst habt ihr Schirk in der Liebe begangen. Dies führt nicht nur dazu, dass euer Iman dadurch geschädigt wird, sondern es wird euch auch noch das weggenommen, was ihr liebtet. Denn Allah ist ghayyûr (Er akzeptiert es nicht, dass Seine Verbote angetastet werden). Allah wird nicht damit zufrieden sein, dass die Liebe, die Ihm zusteht, anderen zugesprochen wird. 50. Stützt euch auf Allah und erwartet nur Hilfe von Ihm. Die Parole asbunallâhu wa n'ima-l-wakil: Allah ist uns genüge. Was für ein trefflicher Verwalter ist Er. (3:173) soll eure Losung sein. Dies ist der Tauhîd in der Hoffnung. Von Allah alles zu erwarten und zu hoffen ist für sich selbst schon ein Dua (Bittgebet). Diejenigen, die sich aber auf Menschen stützen, werden schnell zu Fall kommen. 51. Vergesst nicht einen Augenblick, dass der wahre Eigentümer des Eigentums Allah ist. Dies ist der Tauhîd im Eigentum. Das Recht der Menschen auf Eigentum ist nur symbolisch. Denn der wahre Eigentümer von allem und jedem ist Allah. Er hat die Dinge den Menschen anvertraut. Die, die das Anvertraute nicht richtig behandeln, erhalten von Allah die Strafe von Verrätern. 52. Weist die Macht (Herrschaft) nur Allah zu. Das ist der Tauhîd in der Herrschaft. Die Herrschaft gebührt bedingungslos Allah. Er ist der Besitzer der absoluten Herrschaft. Diejenigen, die nicht annehmen, dass Er derjenige ist, der absolute Herrschaft (Urteil) zuteilt, haben Ihn quasi verleugnet. Er setzt Seine Herrschaft mit der Menschheit um, mit der Menschheit, die Er als Stellvertreter (Khalifah) bestimmt hat. Seine Herrschaft ist im Himmel und auf Erden gültig. Diejenigen, die nicht richten nach dem, was Er herabgesandt hat, sind die Frevler, Unterdrücker und Gottesleugner.3 53. Der Tod und das Leben liegen in Seiner Hand. Er ist es, der Leben gibt und nimmt. Dies ist auch ein Teil des Tauhîds. Dieser Iman befreit die Menschen von der Todesangst und gibt ihnen das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. 3 54. Der Erfolg ist von Allah {at taufiqu minallah). Es ist ein Zeichen von Äqia-Schwäche, den Erfolg der Menschenanzahl, der wirtschaftlichen Macht o.ä. zuzuschreiben, ohne dabei Allah in die Rechnung mit einzubeziehen. Andererseits bedeutet es, Allah nicht genügend zu kennen, wenn man Erfolg erwartet, ohne die Sunnatullah, die Allah für positive Ergebnisse festgelegt hat, zu beachten. Er verleiht jedem Erfolg, der sich an die universalen Regeln hält, die Er für den Erfolg festgesetzt hat. 55. Die Versorgung (Rizq) ist von Allah. Allah hat die Erwerbstätigkeit zur Versorgung einer Regel (Sunna) unterworfen. Die Furcht, arm zu werden, ist tausendmal schlimmer als die Armut selbst. Jeder erhält die Gegenleistung für seine Arbeit, wenn er sich an die universalen Regeln, die von Allah festgesetzten Sunnatullah, hält. Bei dem Lohn wird nicht auf den Iman geschaut, sondern darauf, ob jemand ihn verdient hat oder nicht. Ein Glaube, der Anmerkung des Übersetzers: siehe Koran 5:44-47. 33 einem sagt, dass der Besitz durch das Ausgeben auf dem Wege Allahs weniger wird, zeigt das Fehlen des Tauhîd in der Versorgung (Rizq) an. 56. „Eure Umma ist EINE Umma. Haltet euch von jeglichen Haltungen und Handlungen fern, die die Einheit dieser Umma zerstören. Zwietracht zu verbreiten ist die Förderung des Schirk in der Gemeinschaft. Die Erscheinung der Tauhîd-Dimension in der Gesellschaft nennt man Einheit (Wahdah). Die Einheit können nur jene Muslime bilden, denen die Eigenschaft des Muwahhid-Seins zuteil geworden ist. 57. Richtet das Gleichgewicht zwischen Gefühl, Verstand und Aktivität, welche die drei grundlegenden Dimensionen des Menschen sind, auf gebührende Weise ein. Die Haltung des Muslims sollte auf eine Lebensweise des Gleichgewichts abzielen. Das Gleichgewicht zwischen Furcht und Hoffnung, Diesseits und Jenseits, Offenem und Verborgenem (Zâhir-Bâtin), Lokalem und Globalem, Verstand und Iman, zwischen Wissenschaft und Religion, Individuum und Gesellschaft, Liebe und Abneigung, sind nur einige Beispiele. 58. Der Qur'an beschreibt diese Umma als ausgewogen (wasat). Wie können die Muslime, die das Gleichgewicht in Verstand, Aqida, Akhlaq (Charakter), und Aktivitäten nicht einmal auf der persönlichen Ebene eingerichtet haben, das Gleichgewicht oder, anders ausgedrückt, den „Islam" anderen Menschen weitergeben? 59. Der Muwahhid ist der Muslim, der la ilaha illalah sagt und bereit ist, die Gegenleistung dafür zu erbringen. 60. Der Muwahhid ist ein Muslim, der die Freunde Allahs liebt und ein Paradiesgarten für sie wird und er ist jemand, der die Feinde Allahs verabscheut und für sie zu einem Vorhof des Feuers wird. 61. Der Muwahhid ist ein Muslim, der sich in jeder Sekunde bewusst ist, dass er sich nicht selbst genüge i s t , der außerdem aus Überzeugung als Herrn nur Allah annimmt und Seine Eigenschaften keinem anderen Wesen zuschreibt. 62. Der Muwahhid ist ein Muslim, der ohne wenn und aber sich Dem Einen ergibt und spricht: ich habe mich dem Herrn der Welten ergeben4. 63. Der Muwahhid ist ein Muslim, der sich von jeder Art des Schirks im Herzen und Verstand, in Wort und Tat, bei der Leitung und Führung und im Akhlâq fernhält. 64. Der Muwahhid ist ein Muslim, der von der Zelle bis die Macht, die Einheit, die Gerechtigkeit und Weisheit des Einen Einzigen erkennt. 4 zum Weltall, vom Korn bis zum Stamm, vom Atom bis zum Universum, ganz gleich wo er hinschaut, in jedem Bezieht sich auf 40:66 34 35 65. Lasst die Herrschaft des Imans in eurem Herzen obsiegen, denn es ist die Metropole und Zentrale eures „Wesenstaates." Macht euer Innerstes zum Dâr-ul-Islam (Gebiet des Islam). Vergesst nicht, dass diejenigen, die ihre Herzen nicht zum Dâr-ul-Islam umwandeln, niemals ihr Zuhause und ihre Heimat zum Dâr-ul-Islam umgestalten können. 66. In einem Herzen, wo der Iman nicht die Herrschaft übernimmt, wird der Schaitân (Satan) einen Putsch machen und die Macht an sich reißen. Aber Körperteile, wie Hände und Füße, Augen und Ohren, Zunge und Mund sind die Wegbereiter für solch eine Herrschaft. Diese erzeugen aus den Sünden Munition und geben dem Schaitân so logistische Unterstützung bei dem Kampf um die Herrschaft. Falls diese Körperorgane für die Herrschaft des Imans arbeiten, wird in dem Herrschaftskampf in der Zentrale des Herzens der Iman obsiegen. 67. Dieser „innerliche Kampf" wird bis zum Tode weitergehen. Geht ja nicht auf eine „Feuerpause" mit dem Schaitân ein! Der Schaitân ist euch ein offenkundiger Feind (7:22). Versucht euch bzw. euer Ego nicht freizusprechen. Wahrlich euer Ego (Nafs) gebietet euch das Schlechte. (12:53) Gebt in dem ewigen Kampf mit dem Schaitân im „Staat des Herzens" eurem Iman logistische Unterstützung durch Amal as-sâlih (gute Tat). Vergesst aber nicht, dass das Paradies mit Dingen umgeben ist, die das Ego des Menschen verabscheut. 68. Überprüft diejenige Angelegenheit gründlich, über die ihr sagt „ich mag/will das". Kontrolliert, ob das euer Nafs (Ego) will oder euer Iman. Seid dem Iman eine Stütze, um ihm im Herzen, der Hauptstadt des „Wesenstaates, zur Macht zu verhelfen. Wenn die Hauptstadt des Wesens und Körpers - das Herz - die Macht verliert, geraten die „Landstriche", also die Hände und Füße, Augen und Ohren, Zunge und Mund unter eine andere Herrschaft. Ihr werdet dann keinen Einfluss mehr auf sie haben. 69. Euer Herz soll nicht das Grab, sondern der Palast eures Imans sein. Beraubt den Iman also nicht der Macht. Denn was für einen Nutzen hat ein Iman für euch, der eingesperrt ist und machtlos wird? 37 FIQH (Islamisches Recht) 71. Führt ein Leben mit Fiqh. Ein Leben mit Fiqh zu führen bedeutet, in einem Rechtssystem zu leben. Sich nicht an den Fiqh zu halten bedeutet, keine Rechtsgrundlage 70. Fiqh bedeutet nicht, über Fiqh zu lesen und zu lernen, sondern durch Nachdenken und Überlegen ein tiefes Verständnis zu erhalten. Lest also den Fiqh, um so das Überlegen und Nachdenken zu lernen. Am besten könnt ihr durch den Fiqh lernen, wie intensiv sich diejenigen vor euch mit religiösen Texten auseinandergesetzt haben und sich in diesem Bereich angestrengt haben. zu besitzen, was auf kurz oder lang zu Anarchie führt. Im Leben einer Person, die sich der größten Ordnung verschrieben hat, darf es keine Ordnungslosigkeit oder Unordnung geben. 72. Macht es euch zum Grundsatz, jeden Teil eurer Angelegenheit, mit dem ihr euch befasst oder zu tun habt, in der Scharia1 ausfindig zu machen. Dies soll einen unerlässlichen Teil eures Muslimseins ausmachen. Ihr seid nämlich keine Anhänger einer schriftlosen Religion, sondern ihr richtet euch nach einem Buch. So lasst euer Leben nicht zu einem „buchlosen Geschehen" werden. nicht. Denn auf diese Art wird man Muqallid (Nachahmer) im eigentlichen Sinne des Wortes. 74. Versucht nicht Leute des Taqlid (Nachahmen), sondern des Tahqiq (Nachforschung) zu werden. Taqlid kommt von der Wortwurzel qilada, was auf Arabisch „Kamelhalfter" 1 islamisches Wertesystem, das die Gebote und Verbote festlegt 73. So wie es notwendig ist, Fiqh-ul-Ibadât zu kennen (also über die Regeln der gottesdienstlichen Handlungen bescheid zu wissen), so müsst ihr euch auch in dem Fiqh eures Berufs und eurer Arbeit auskennen. Jeder soll die Fiqh-Vorschriften seines Berufs kennen. Dies ist für jeden ein Fard 'ayn (verpflichtend für den Einzelnen) - für die Dinge, mit denen er täglich zu tun hat. Vollführt die Gottesdienste nicht so, wie ihr es von euren Vorfahren mil bekommenhabt, sondern wie der Prophet Muhammad (s) sie durchgeführt hat. Lernt deswegen Fiqh-ul Ibadât gut kennen! Falls ihr in der Lage seid, die Belege in der Scharia für diese Gottesdienste zu lernen, dann vernachlässigt dies bedeutet. Natürlich ist nicht jeder Taqlid das Tragen eines Halfters. Denn eine andere Bedeutung des Wortes qilada ist Halskette. 75. Anstatt eine Sache nachzuahmen und ihr blind zu folgen {Taqlid), studiert sie bzw. befolgt sie bewusst {Tahqiq). Hört auf, Schatten zu sein und werdet zu Persönlichkeiten. Natürlich ist dies nicht ohne weiteres für die große Masse möglich. Falls ihr unbedingt etwas nachahmen wollt, dann ahmt das Beste nach. Ahmt den nach, den Allah euch als Vorbild gezeigt hat. Wenn jemand das Seil einem falschen Führer in die Hand gibt, dann wird sein Ausgang ungewiss 39 sein. Wir dürfen nicht vergessen, dass nur die sündenlosen Gesandten, die sich mit dem „Charakter Allahs" versehen haben, und folglich ihr letzter und vollkommener Vertreter Muhammad (s) uneingeschränkt nachgeahmt werden können. Gesundheit des Verstandes und des Geistes. Achtet mit äußerster Sorgfalt auf die Gesundheit dieser beiden. Auch der Verstand und das Herz werden von Krankheiten befal- Gesundheit und Sauberkeit len. Natürlich gibt es auch für sie besondere Wege zur Heilung und Medizin zur Gesundung. Negatives und unnützes Wissen ist ein Virus für den Verstand, und jede Art von 76. Achtet auf eure Gesundheit und schützt euren Körper, der eine Âmâna (anvertrautes Gut) und eine Âyah (Zeichen) von Allah ist. 77. Euer Körper ist euer Reittier, benutzt ihn nicht überheblich und unachtsam, auf dass ihr nicht auf dem Wege der Dienerschaft für Allah auf der Strecke bleibt. Vergesst nicht, dass der Ausgangspunkt aller Dinge die Gesundheit ist. Wenn von Gesundheit die Rede ist, sollte einem nicht nur die Unversehrtheit des Körpers in den Sinn kommen. Mindestens so wichtig, vielleicht sogar wichtiger, ist die Sünde und verbotenen Emotionen sind Krankheitserreger des Herzens. Die Nahrung des Verstandes ist Wissen und Nachdenken, die des Herzens Iman und Läuterung. 78. Achtet auf Sauberkeit und Ordnung. Vergesst nicht, dass Sauberkeit aus Iman entspringt. Schaut auf die Sauberkeit eurer Wohnung, eures Arbeitplatzes, eures Körpers, eures Verstandes, eures Herzens, eures Mundes und auf die Reinheit der Nahrung, die ihr zu euch nehmt, damit die Menschen vor euch keine Abscheu empfinden. 40 79. Sauberkeit ist der unentbehrliche Teil der Schönheit. Der Muslim ist der Vertreter aller Arten von Schönheit und Gutem unter den Menschen. 80. Beschränkt die Sauberkeit und Reinheit nicht nur auf den Bereich des traditionellen Fiqh. Betrachtet es auch als Tahâra (Reinigung) von der Nadschâsah (Schmutz), wenn ihr euch von Gerüchen und Düften befreit, die un- angenehm sind und die die Menschen stören, Geht sogar einen Schritt weiter und reinigt euch von den Verstandesund Gefühlsverunreinigungen. Wenn eine Kleidung und euer Gebetsteppich zwar sauber sind, İ h r aber immer noch nicht das Gefühl habt, ein Gebet mil Kuschu' ( Demut) zu verrichten, dann sucht die Gründe dafür in der fehlenden Säuberung eurer Gedanken und Gefühle. 81.Inder Islamischen Literatur wird die Reinigung in der äußeren Dimension Tahara und der inneren 82. So wie bei der industriellen Entwicklung einer Gesellschaft der Stromverbrauch ein Maß ist, so ist für die gesellschaftliche Sauberkeit in gewisser Weise der Gebrauch von Wasser ein wichtiges Maß. So hat es der Gesandte Allahs (s) geschafft, sein Volk, das am wenigsten Wasser benutzte, zu einer Gemeinschaft zu machen, die bis heute für ihre Sauberkeit am meisten Wasser benutzt. 83. Wudu ist die Waffe des Gläubigen. Geht deswegen nicht ohne diese Waffe aus dem Haus, wo ihr doch genau wisst, dass es einen „offenkundigen Feind" gibt, der euch auf Schritt und Tritt verfolgt, nämlich den Schaitân. Ihr werdet stets die positive und entspannende Wirkung der Gebetswaschung auf euren Geist bemerken. Ihr werdet Zeuge sein, wie dieser Zustand euch von unnötigen Sorgen, unbegründeten Ängsten, von Melancholie, von der Alltagshektik und dem täglichen Stress fernhält. 84. Wasser und Erde sind Urstoffe des Menschen. Die natürliche Religion, wie sie nur der Islam verkörpert, stellt mit ihren Vorschriften sicher, dass der Mensch der Erde, dem Wasser, kurz gesagt, der Natur ständig begegnet. In diesen Vorschriften des Islam liegen noch viele Geheim- Dimension Tazkiya bezeichnet. Diejenigen, die die Reinheit nur eindimensional, d.h. nur in ihrer äußeren oder inneren Dimension betrachten, werden nicht zur eigentlichen Reinigung im islamischen Sinne gelangen. Istindscha' ( Reinigung nach dem Stuhlgang), Istibra' (Reinigung nach dem Urinieren), Wudu (Gebetswaschung), (Ghusl (Ganzkörperwaschung), der Gebrauch von Miswâk (Zahnreinigungshölzchen), Parfüm, Haarpflege, Nägelschneiden, Khitâm(Beschneidung), das Händewaschen vor dem Essen etc. sind Mittel zur Reinigung, um die Reinheit zu erlangen, die der Fitrah (natürlichen Veranlagung) entspricht. Aus diesem Grunde wurde ihnen ein „religiöser Charakter" verliehen. nisse verborgen, wobei wir heutzutage noch nicht in der Lage sind, diese vollständig zu erfassen. 43 AKHLAQ noch auf eine ungeeignete Art, dann hast du der Wahrheit Unrecht getan. 86. Seid mutig und ausdauernd! Aber euer Mut soll nicht aus euren Gefühlen und eurer Unwissenheit entspringen, sondern aus eurem Wissen und eurem Iman. Seid wie 85. Seid in euren Worten und in eurem Kern aufrichtig! Gewöhnt euch nicht an die Lüge. Wenn ihr sprecht, sollen die Menschen ohne zu Zögern über euch sagen können: „Dieser spricht die Wahrheit". Das ist das, was mit Amîn-Sein ausgedrückt wird. Vergesst nicht, dass wir die Umma eines Gesandten sind, der, bevor er Rasûl wurde, als Amîn bekannt war. Derjenige, dessen Vertrauens- und Glaubwürdigkeit Schaden genommen hat, der wird auch bald Schaden an seinem Iman erleiden. Jemand, vor dem man nicht sicher ist, kann kein Mu'min (Gläubiger) werden. Ein Mu'min ist jemand, vor dem man in Sicherheit ist und von dem Frieden ausgeht. Natürlich muss alles, was du sagst, wahr sein. Wenn du aber das Richtige nicht am rechten Ort und zur rechten Zeit sagst und dies auch 88. Seid nicht teilnahmslos und ängstlich. Seid euch der Gesellschaft, der Umwelt und der Welt insgesamt, in der ihr lebt, bewusst - so wird sicherlich auch die Gesellschaft sich euch bewusst werden. Wenn ihr den Wahrheiten kein Interesse und keine Aufmerksamkeit schenken könnt, so der Paradiesgarten für die Freunde Allahs und wie das Höllenfeuer für Seine Feinde. Wisst, dass die wichtigste Voraussetzung des Liebens um Allahs Willen das Verabscheuen um Allahs Willen ist. 87. Mut ohne Ausdauer ist Disharmonie. Nur die wahrhaft Mutigen können ausdauernd sein. Der, der seinen Mut nicht aus seinem Wissen und Iman schöpft, kann nicht ausdauernd sein. wie andere dies mit den Lügen und Unwahrheiten tun, dann bedeutet das, dass ihr mit der Bakterie des Wahhn befallen seid, so wie es der Gesandte ausdrückte. Wahhn ist die Teilnahmslosigkeit und Ängstlichkeit. 89. Bewahrt die Geheimnisse! Jedes Geheimnis, das ihr tragt, ist ein anvertrautes Gut - eine Âmâna. Derjenige, der ein Geheimnis offenlegt, ist ein Verräter. Ihr verratet das, was euch anvertraut wurde. Gebt euer Leben her, aber verratet kein Geheimnis. Nur dann werdet ihr zum Mu'min im wahren Sinne werden. 90. So wie es eine charakterliche Verantwortung ist, Geheimnisse zu wahren, so ist es eine Pflicht des Charakters, nicht den Geheimnissen anderer nachzuspionieren. Dies ist ein Punkt, wo Neugierde in Verbrechen übergeht. Versucht nicht, eine Information zu erfahren, die euch jemand nicht mitteilen will. Wenn dieses Wissen für euch nicht notwendig ist, ist es unnützes Wissen. Und vor unnötigem Wissen hat der Gesandte Allahs (s) bei Allah Zuflucht gesucht. 45 44 91. Schämt euch nicht davor, einen Fehler zuzugeben oder euch für einen Fehler zu entschuldigen. Schämen sollte sich jemand, der auf seinen Fehlern beharrt und sich bei den Menschen nicht für sie entschuldigt. Wenn es eine Schuld mit sich bringt, Fehler zu begehen, dann ist es eine tausendfache Schuld, wenn jemand auf den Fehlern beharrt. Man sagt auch, dass es keine größere Weisheit gibt, als dass jemand seine Fehler kennt und zugibt. Und euer wahrer Freund ist derjenige, der euch mit Barmherzigkeit auf eure Fehler aufmerksam macht. Wenn es jemanden gibt, der den Fehltritt verurteilt, dann sollte es zuerst derjenige sein, der den Fehler begangen hat. 92. Die bitterste und absurdeste Situation ist die, wenn jemand seine eigenen Fehler verteidigt oder sie sogar als Wahrheit darzustellen versucht. Wenn jemand das ohne Absicht tut, dann ist dies zu entschuldigen. Wenn dies aber jemand in vollem Bewusstsein und absichtlich tut, sollte man die Beziehung zu solch einer Person abbrechen. Denn charakterliche Schwächen sind ansteckend und die Beziehung verliert dadurch ihren Nutzen. 93. Vor allen Dingen bedeutet ein Verteidigen der eigenen Fehler das Verteidigen des Nafs (Egos) und seiner Hawa (Lust und Laune). Dies ist die Bedeutung dessen, was mit „das Ego zum Gott erheben" gemeint ist. 94. Seid genügsam, und euer Herz soll befriedigt und genügsam sein. Hunger ist etwas Normales. Aber ungewöhnlich ist es, Angst zu haben, dass man Hunger bekommen wird, obwohl man satt ist. Diejenigen, die an Hunger leiden, werden nur einmal betrübt sein. Aber diejenigen, die mit dem Fluch der Krankheit befallen sind, die man als die „Angst zu hungern" bezeichnen kann, werden sich ihr ganzes Leben lang quälen. Dies wird auch der Fall sein, wenn ihr Besitz ihre ganze Sippschaft bis zu den Leuten des siebten Verwandtschaftsgrades versorgen könnte. Aus diesem Grund ist die Angst zu hungern tausendmal schlimmer als der Hunger an sich. Wenn ihr den Personen, die von dieser Krankheit befallen sind, die ganze Welt darbieten würdet - sie wären damit immer noch nicht zufrieden. Der Drang, Besitz anzuhäufen und zu vermehren, entspringt aus diesem Phänomen. 95. Diejenigen, die genügsam und satt sind, deren Augen und Bäuche werden stets auch satt sein. Aber die, die nicht zufrieden sind und deren Herzen immer mehr verlangen, deren Mögen werden nie satt werden und deren geistige Augen werden nie zufrieden gestellt sein. 96. Seid Besitzer der Welt und der weltlichen Dinge, aber lasst es nicht zu, dass sie euch besitzen! Die Gegenstände sollen euch dienen, also werdet nicht die Knechte der Objekte. Sonst werdet ihr eure Ehre durch eure eigenen Hände verlieren. Das Ergebnis wird sein, dass ihr eines der entehrten Geschöpfe werdet, anstatt eines der „geehrten Geschöpfe". 97. Allah hat die Dunya (Welt) auf dem Weg zu Ihm für euch zu einem Reittier gemacht. Verdreht dies nicht: Macht 46 47 euch selbst nicht zum Reittier für das Diesseits. In einer Gesellschaft, in der die Stellungen von Lat, Manât und 'Uzza5 das Haus, das Auto und das Geld übernommen haben, müsst ihr mit eurer Lebensweise belegen, dass diese nicht die Herren der Menschen sein können. 98. Lasst ab von Ghieba (übler Nachrede) und Verleumdung. Dies ist eine soziale Krankheit. Diese Krankheit befällt besonders die Menschen, die unzufrieden und unstetig sind. Wenn jemand sein Leben mit der üblen Nachrede anderer vergeudet, bedeutet dies eine Art von Flucht und zwar die Flucht vor sich selbst. 99. Der Mensch, der sich nicht mit sich selbst befassen will, wird sich nur mit anderen beschäftigen. So etwas kann aber nur bedauert werden. Die Mu'minun sollen vor „eurer Hand und eurer Zunge" sicher sein. Hütet euch vor dem Mord, der nicht durch Waffen, sondern mit Zungen verwirklicht wird. Vergesst nicht, dass „einem Mu'min das Blut, der Besitz und die Verleumdung eines anderen Mu'min harâm (verwehrt)"6 ist. 100. Vergesst nicht, dass Ghieba eine Verletzung der huquq-ul 'ibâd (Rechte der Menschen einem anderen Menschen gegenüber) ist. Diejenigen jedoch, die am Fleisch der Gläubigen kauen, machen sich nicht weniger schuldig als die Kannibalen, die Menschen fressen. Die Menschen, die der Krankheit der üblen Nachrede und Verleumdung verfallen sind, führen dies zur Erlangung einer Art geistiger Befriedigung aus. Falls ihr aber mit solchen Leuten zusammen kommen müsst, erlaubt ihnen nicht, euch das Fleisch der Muslime als Mahlzeit darzubieten. 5 Götzen, die von den heidnischen Arabern zur Zeit des Propheten Muhammad (s) angebetet wurden. 6 Überliefert bei Muslim 48 49 ÂDÂB schlecht, mardûd (abzulehnen) - maqbul (anzunehmen), wunderbar - abscheulich bewertet werden. Vielleicht ist nicht jede Respektlosigkeit und Grobheit unbedingt harâm oder strafbar, aber sie ist schlecht, scheußlich und abzuleh- 101. Âdâb - Anstand und gutes Benehmen: Das, was viele Muslime früher besaßen und was wir heute bei fast jedem Muslim, besonders bei den jungen Muslimen, vermissen. Der Âdâb ist die Verzierung des Islam. Wer den Âdâb verliert, hat den Schmuck und Glanz seines Imans verloren. 102. Diejenigen, die die Ansicht vertreten, dass sie gering geschätzt werden würden, falls sie anderen mit Achtung und Respekt begegnen, sind krankhafte Typen voller Komplexe. Eine selbstbewusste Persönlichkeit wird in den zwischenmenschlichen Beziehungen Respekt und Zuneigung als Basis nehmen. Der weise Mensch weiß genau, dass derjenige, der keine Achtung gegenüber anderen besitzt, selbst seine Selbstachtung verlieren wird. Und er wird nicht vergessen, dass derjenige, der anderen Respekt zollt, Hochachtung als Gegenleistung zurück erhält. nen. Erinnern wir uns daran, dass der Prophet Muhammad (s) denen, die meinten, dass ihre Handlungen nur durch harâm und halâl festgelegt werden, folgendes gesagt hat: Wenn du dich nicht schämst, mach was du willst.7 104. Âdâb und Respekt sind keine Sache des Lehrens, sondern der Erziehung, d. h. der Tarbiya. Im Allgemeinen kann man Menschen ohne Respekt und Âdâb unter denjenigen ausmachen, die zwar gelehrt, aber nicht erzogen wurden, also nur Ta'lim erhielten, aber keine Tarbiya genossen haben. Zweifellos kann man auch von solchen Leuten etwas lernen. So hat einmal jemand einen gefragt: „Von wem hast du den Âdâb gelernt? Er antwortete: „Von den Personen, denen er fehlt! 105. Seid zurückhaltend und voller Âdâb! Der Âdâb ist ein 103. Manche Handlungen müssen nicht in den Kategorien erlaubt - verboten, halâl - harâm, entsprechend der Scharia - gegen die Scharia; sondern in den Kategorien gut - weiteres Schmuckstück des Iman, schmückt euch mit ihm. So wie es eine Zurückhaltung gegenüber den Menschen gibt, so ist sie auch gegenüber Allah geboten. Vergesst nicht den Ausspruch: 'al-insân abidul ihsan (der Mensch ist der Diener der Güte). Wiederum darf man nicht übersehen, dass eine Unwahrheit, die mit Respekt und Wohlerzogenheit vermittelt wird, viel mehr Zuhörer findet, als eine Wahrheit, die mit Respektlosigkeit und Unanständigkeit vorgebracht wurde. 7 106. Meidet das Lachen mit lauter Stimme, unangemessene Kleidung, unnötige Bemerkungen und übertriebene, unangebrachte Späße! Bukhari 107- Falls es möglich ist: Vergießt viele Tränen. Es scheint so, dass diejenigen, die oft Tränen vergießen, den Gesandten Allahs (s) besser verstehen können. Manchmal können Tränen größere Wirkungen erzielen als Bleikugeln. Ein Mensch, der keine Tränen kennt, hat den Weg von seinem Herzen zu seinen Augen versperrt. Solch eine Person wird aber kaum in der Lage sein, mit dem Blick - der Farâsah (Scharfsinn) und Basîrah (Weitblick) - des Imans zu schauen und Zeuge zu sein. Dieser Mensch wird zudem kaum imstande sein, die Ereignisse richtig zu deuten. 108. Versucht stets, ernsthaft zu bleiben und Würde zu bewahren. Würde ist das Schmuckstück des Imans. Ober- flächliche Personen werden unter den Menschen kaum Achtung hervorrufen können. Aber verwechselt Würde nicht mit Stolz und Angeberei. Falls euer Stand nicht eurem Wert entspricht, dann verkörpert ihr anstelle von „Würde" Arroganz und Zweigesichtigkeit. Euer Wert soll entsprechend eurem Ruf sein. Falls jedoch euer Ruf besser ist als euer Wert, so könntet ihr den Versuch wagen, diese Lücke mit Riya (Augendienerei), Intrigen, Ränken und anderen Dingen zu verbergen. Dann wird sich der Ruf und das Wissen in eine Plage verwandeln. 109. Eure Ernsthaftigkeit soll angenehm sein und euch nicht davon abhalten, einmal einen Scherz zu machen, d. h. euch nicht zur Eigensinnigkeit bringen. Zwischen Gries- grämigkeit und Ernsthaftigkeit liegen Welten. Schaut nicht mürrisch aus dem Gesicht und schreckt nicht die Leute ab, nur weil ihr versucht, ernst zu wirken. Wisst genau, dass man auch ein ernster Mensch sein kann, wenn man ein Lächeln im Gesicht trägt. 110. Der Unterschied zwischen einem Lachen mit Gebrüll und einem Lächeln, zwischen einem wehklagenden Weinen und dem Vergießen leiser Tränen, zwischen vor Glückseligkeit sterben und Zufriedenheit empfinden, vor Freude in Ohnmacht fallen und sich erfreuen, zwischen bis über beide Ohren verliebt sein und lieben, zwischen einen groben Witz reißen und einen Scherz machen, zwischen sich mit Essen vollstopfen und essen, zwischen herumstolzieren und laufen, zwischen schwafeln und reden, zwischen mürrisch sein und schweigen, zwischen herumhängen und zugegen sein ist genauso so ein großer Unterscheid wie zwischen ohne Âdâb und mit Âdâb sein. Verliert das nicht aus den Augen! 53 Zwischenmenschliche Beziehungen denen jemand Trauer oder Freude empfindet, nicht alltägliche Gelegenheiten sind, in denen die große Möglichkeit besteht, die Herzen eurer Freunde zu gewinnen. 111. Seid eifrig und aufnahmebereit, wenn es darum geht, gute und schöne Dinge aufzunehmen oder herzugeben. Nur schlechte Dinge und eigene Verfehlungen dürft ihr nicht anderen weitergeben, sie sollen isoliert werden. Nehmt an der Freude und Trauer eurer Freunde teil. Versucht, die Herzen für euch zu gewinnen. Vergesst nicht, dass die Zeiten, in 112. Passt euch einer Gesellschaft und eurer Umgebung nicht an, falls sie unislamisch ist. Ändert die Umgebung und die Gesellschaft entsprechend euren Glaubensgrundsätzen. Bringt euren Lebensraum und euer Milieu mit, wenn ihr eure gewohnte Umgebung verlasst. Falls ihr nicht in der Lage seid, eine Umgebung nach euren Wertvorstellungen zu schaffen, dann könnt ihr gewiss sein, dass andere euren Lebensraum gestalten werden. Dieser wird aber euren Wertvorstellungen nicht entsprechen. 113. Seid bescheiden, aber nicht ohne Persönlichkeit! Bescheidenheit bedeutet nicht, sich zu erniedrigen, im Gegenteil - es ist ein Erhöhen des Ranges. Allah sagt, wenn Er die Gläubigen beschreibt: ... den Glaubensverweigerern gegenüber hart, zueinander aber barmherzig. (48:29) Man darf eines nicht vergessen: Wer seinen Brüdern gegenüber mit Arroganz auftritt, wird sich dafür vor den Glaubensverweigerern, verneigen müssen. 114. Diejenigen Personen, die glauben, dass ihre Wertschätzung sinken wird, wenn sie gegenüber ihren Brüdern bescheiden auftreten, sind im Grunde Charaktere ohne Persönlichkeit - krank und mit Komplexen behaftet. Diese V sollten sich ein Beispiel am Wasser nehmen: Es fließt immer in den Tiefen und Tälern, aber dies führt bei ihm nicht zum Verlust seines Wertes. Dann steigt das Wasser von den Wurzeln in die Spitzen der Bäume, wird zu Schnee, fällt auf die Spitzen der Berge, wird zu Dampf und steigt in die Höhe empor. 115. Menschen, deren Ehre und Wert nicht aus ihrer Persönlichkeit entspringen, fürchten sich davor, Bescheidenheit in ihrem Leben zu zeigen, sich schlicht zu kleiden, einfach zu speisen und beim Gehen nicht zu stolzieren. Personen, die Minderwertigkeitskomplexe besitzen, können keine Bescheidenheit in ihren Worten, ihren Handlungen und in ihrer Lebensweise zeigen. 116. Das Maß der Bescheidenheit zu verlieren und die Ehre des Glaubens mit Füßen zu treten, ist keine Kunst, sondern eine Schwäche in der Persönlichkeit. Bescheidenheit gegenüber einem Glaubensverweigerer, einem Heuchler oder Übertreter aufgrund eines zu erwartenden Vorteils hingegen ist nichts anderes als Entehrung und Ehrlosigkeit. Heuchlern und Übertretern 54 55 Der Gläubige hat die Aufgabe, die Ehre der Religion, der er angehört, höher zu achten und ihr größere Priorität einzuräumen als seiner eigenen Ehre. 117. Seid keine würdelosen Schmeichler. Falls ihr Speichelleckerei betreibt, werdet ihr an Persönlichkeit verlieren und euer Gegenüber wird betrogen werden. Man darf nicht vergessen, dass die Schmeichelei und die Worte, durch die man Vorteile erlangen möchte, die erwartete Entehrung nicht begleichen. Ihr könntet diese Vorteile über andere Wege erhalten, aber die Persönlichkeit, die ihr verloren habt, werdet ihr nicht zurückbekommen, auch wenn ihr die ganzen Schätze dieser Welt dafür aufwenden würdet. 118. Wenn Schmeichelei zu einem Berufsstand wird, nennt man das Kriecherei oder Speichelleckerei. Die größte Gefahr, die die muslimischen Führungspersönlichkeiten erwartet, ist, dass sie genau von solchen Leuten umgeben werden. Weder ihr sollt euch für diesen Beruf hergeben, noch sollt ihr es jemandem erlauben, sich mit dieser Art von Benehmen euch anzunähern. Falls jemand vor hat, euch in der Öffentlichkeit zu loben, dann schaut, ob ihr ihm etwas Gutes angetan habt oder nicht. Falls es von jemandem kommt, dem durch Euch etwas Gutes widerfuhr, dann nehmt diese Ehrerbietung und den Lob an. Falls ihr dem Betreffenden keine Güte gezeigt habt und er lobt euch, dann befolgt den Rat unseres geliebten Propheten (s), der sagte: „Werft dem Schmeichler Sand ins Gesicht" und lehnt dieses Lob und diese Schmeichelei somit ab. Dies ist das Maß, dass der Gesandte Allahs (s) vorgegeben hat. 119. Verwechselt die Schmeichelei und die Kriecherei nicht mit der Tatsache, dass die Menschen gemäß ihrer Stellung und Situation behandelt werden sollen. Es ist keine Schmeichelei und Tabasbus (Kriecherei), sich mit den Menschen gut zu vertragen und sie entsprechend ihrer unterschiedlichen Natur und ihrer Beschaffenheit zu behandeln. Im Gegenteil, dies zeugt von Vernunft und Milde. Das Schicksal der Menschen, die diese Eigenschaft nicht besitzen, ist, dass sie das Los der Einsamkeit auf sich nehmen. 120. Gebt euch Mühe, eure Freunde auf die geeignete Weise, aber dennoch direkt mit ihren Fehlern zu konfrontieren und ihnen ihre guten und schönen Seiten nicht ins Gesicht zu sagen. Wer das Gegenteil macht, tut seinen Freunden nichts Gutes an. Wenn es aber zum Zwecke des Ansporns und der Anerkennung ist, dann kann man das Gute, zusammen mit dem Wunsch, dass Allah dem Na/5 des Freundes keine Überheblichkeit verleihen möge, auch direkt sagen. 121. Wenn ihr Gläubige kritisiert, dann tut dies auf eine gerechte und ausgewogene Weise. Vergesst nicht, dass sie auch gute Seiten besitzen. Konzentriert eure Kritik nicht auf die Personen, sondern auf die gemachten Fehler. Wenn ihr aber sicher seid, dass andere Menschen durch die Person, die ihr kritisiert, Schaden erleiden werden, dann soll es euch auch nichts ausmachen, wenn ihr den Namen der betreffenden Person erwähnt. Denn es ist auch eine der Verpflichtungen der Brüderlichkeit, dafür zu sorgen, dass 57 kein Gläubiger einem anderen Gläubigen materiell oder geistig Schaden zufügt. 122. Es gehört zum Anstand, wenn man einen Bruder offen kritisiert, für ihn in seiner Abwesenheit Duz. zu machen und für ihn um Vergebung zu bitten. Wenn ihr dazu in der Lage seid, dann besitzt ihr auch das Recht, ihn zu kritisieren. Diese Vorgehensweise wird auch den Eindruck eurer Worte bei ihm verstärken. Das Wort sprechen wir, die Wirkung ist von Allah. 123. Zeigt Toleranz in den Angelegenheiten, die das Diesseits und euer Nafs betreffen, aber nicht in etwas, was eure Religion angeht. So wie unser geliebter Prophet (s) es auch gesagt hat: Zeigt Toleranz und Milde, so dass euch 124. Es ziemt sich für einen Gläubigen nicht, dass er eine Rolle übernimmt, die noch vernichtender und beherrschender ist als die Eigenschaft „Qahhar" (Unterwerfer) die nur Allah zusteht. Genauso ist es unangebracht, noch größere Barmherzigkeit (Rahîm) an den Tag legen zu wollen, als Allah es selbst tut. Ein Diener Allahs sollte die Vergebung von Seinem Schöpfer lernen und so, wie es der Gesandte treffend ausdrückte „sich mit dem Charakter Allahs versehen." 125. Aber ihr besitzt kein Recht, den Beleidigungen und Angriffen gegen eure Religion mit Toleranz zu begegnen! Milde und Toleranz entgegengebracht werden. Seid nicht wie diejenigen, die jemanden aufgrund eines Fehlers gleich aufknüpfen wollen. Der Mensch darf nur gegen die Angriffe, die gegen ihn persönlich gerichtet sind, milde und tolerant sein. Nachsicht gegenüber den Angriffen zu üben, die gegen Allah und die Religion Allahs gerichtet sind, bedeutet die Grenzen überschreiten zu wollen. 126. Die Werte, an die ihr glaubt, sind die unveränderlichen Werte der Menschheit. Wenn ihr seht, dass sie mit Füßen getreten werden, dann protestiert mit der äußersten Kraft, zu der ihr imstande seid. Der Mensch, der die Beleidigungen gegen die Werte, an die er glaubt, über sich ergehen lässt, ist jemand, dem jegliches Ehrgefühl fehlt und der jeder Würde beraubt ist. 127. Seid mutig und beherzt. Der größte Mangel unseres Zeitalters ist das Fehlen von Zivilcourage. Wenn das Wissen mit Mut gekrönt wird, dann wird es zur Tugendhaftigkeit. Diejenigen, die nicht in der Lage sind, so wie Sokrates aus dem Schierlingsbecher zu trinken, wenn es nötig wird, haben die Ehre ihres Wissens und Glaubens aufgegeben. 128. Seid umgänglich! Seid keine Menschen, mit denen man sich nicht vertragen kann. Die Menschen, mit denen ihr zusammen seid, sollten eine stetige Annehmlichkeit und Wärme spüren, wenn sie mit euch zusammen sind. Ruft deswegen keine Abscheu bei euren Mitmenschen hervor. Diejenigen, die mit euch eine Weile verbringen, sollen diese Augenblicke später gut in Erinnerung behalten und 59 als angenehme Zeiten erwähnen können. Diejenigen, die Menschen in ihrer Umgebung nicht achten und ihnen Unannehmlichkeiten bereiten, sind dazu verurteilt, ihr ganzes Leben lang ohne Freunde auszukommen. 129. Beim Umgang mit den Menschen sollt ihr euch nicht hart und unbarmherzig, sondern sanft und gutmütig verhalten. Ertragt den Kummer anderer, damit man eure Bürde erträgt. Jemand, der nicht in der Lage ist, bestimmten Kummer zu ertragen, sollte nicht in dieser Welt leben. Mumin zu sein bedeutet nicht, „keinen Kummer ertragen zu können", sondern Anwärter für Kummer und Schmerzen zu sein. Noch wichtiger als jemanden nicht zu kränken ist es, selbst nicht gekränkt zu sein. Dies werden aber nur diejenigen Menschen sein, die einen sehr edlen Charakter haben. 130. Seid voller Aufopferung und treu. Die Gläubigen sind verpflichtet und verurteilt, zusammen zu leben. Die notwendige Bedingung des Zusammenlebens ist die Bereitschaft zum Opfer. Es gibt nichts ohne Gegenwert. Schon gar nicht, wenn ihr einen Freund gewinnen wollt. Wenn man seinem Bruder vor sich selbst den Vorzug gibt, so wird das îthâr genannt. Mit der Eigenschaft des îthârs versehen zu sein ist eine der höchsten Tugenden. 131. Seid selbstlos und nicht egoistisch! Wenn die Menschen glauben, dass sie eine Welt, an die sie glauben, aufbauen können, ohne dass sie irgendetwas von ihrer Bequemlichkeit, ihrem Besitz, Luxus und von ihrem Leben opfern müssen, dann sollten sie die Geschichte der Menschheit betrachten. Sie wird sie Lügen strafen. Es macht keinen Sinn, über Erfolg zu sprechen, wenn die Opferbereitschaft derer, die für Recht und Wahrheit kämpfen, nicht genau so groß ist wie die der Leute, die sich für Unrecht und Falschheit einsetzen. Denn das unveränderliche Prinzip des Lebens ist: „Der Mensch erhält nur das, was er erarbeitet." (53:39) Diese Aussage macht der Qur'an. Es gibt keinen Grund für einen Menschen, passiv zu sein. Er wird nicht gewinnen, nur weil er die Wahrheit kennt. Gewinnen werden diejenigen, die den Einsatz bringen. 132. Spioniert anderen nicht nach! Allah verbietet die Bestrebungen, die Fehler der Muslime zu suchen, ihre Mängel offen zu legen und sie solcherart zu erniedrigen. Der Mumin ist nicht jemand, der die Fehler seines Bruders aufdeckt und ihn auf diese Weise bloss stellt, sondern jemand, der seine Fehler korrigiert und ihn derart erhöht. Vergesst nicht, dass einer der schönsten Namen Allahs As-Sattâr ist: Derjenige, Der bedeckt und verbirgt. Die Menschen, die Lust dabei empfinden, die Fehler anderer zu erfahren, sind krank. Diese Gestalten ergehen sich förmlich darin, die Fehler anderer aufzudecken: Sie wollen damit beweisen, dass andere noch mehr Fehler besitzen als sie selbst und so ihre eigenen Schwächen vertuschen. Seid aber nicht wie diese und schließt auch keine Freundschaften mit derartigen Menschen. Es muss euch auf jeden Fall klar sein, dass die Fehler und Defizite anderer niemals eure eigenen Talente und richtigen Handlungsweisen sein können. 61 60 133- Madschâlis (Versammlungen und Treffen) sind anvertraute Güter, begeht keinen Verrat an ihnen! Plaudert nicht die persönlichen Dinge, die in einer Versammlung gesprochen wurden, hier und da aus. Achtet auf den Âdâb der Versammlungen, der im Qur'an in der Sura An-Nur in der Âyah 62 beschrieben ist.8 Wenn ihr eine Versammlung betretet, dann setzt euch bescheiden an einem geeigneten Platz hin. Haltet euch von Handlungen fern, die den Fortgang der Versammlung stören könnten. Wenn es den Verlauf der Versammlung nicht stören sollte, dann bittet beim Eintreten um Erlaubnis. Falls man euch keinen bestimmten Platz zuweist, dann setzt euch bescheiden an einem geeigneten Platz hin. 134. Fallt in einer Versammlung nicht jemandem ins Wort, bevor ihr nicht das Thema im Ganzen verstanden habt. Macht Platz für diejenigen in der Versammlung, die Wissen und Weisheit besitzen und für die Älteren und Kranken. Dies drückt Selbstlosigkeit aus und ist somit eine Spende. Verlasst die Versammlung nicht, bevor ihr nicht um Erlaubnis gefragt habt. Achtet darauf, dass in einer Versammlung mit einer Sura und einem Dua begonnen wird und dass das Treffen mit einer Bitte um Vergebung bei Allah abgeschlossen wird. Wisset, dass der Gesandte Allahs (s) dies genauso getan hat. Diese Vorgehensweise Nur diejenigen sind Gläubige, die an Allah und an Seinen Gesandten glauben, und diejenigen, die, wenn sie in einer für alle wichtigen Angelegenheit bei ihm sind, nicht eher fortgehen, als sie ihn um Erlaubnis (dazu) gebeten haben... (24:62) wird die geistige Atmosphäre des Treffens beeinflussen und eine Sunna wird wiederbelebt werden. 135. Ihr sollt an den Leiden und der Trauer der Menschen teilhaben! Besucht die Kranken und tröstet sie. Vergesst nicht, dass euer Islam ein unzertrennlicher Teil eurer Menschlichkeit ist. 136. Versucht, die Herzen zu gewinnen. Menschen vergessen die guten Handlungen nicht, mit denen ihnen geholfen wurde, wenn sie eine schwere Zeit durchmachen. Achtet auf solche sensiblen Gelegenheiten und versucht, einen Platz in den Herzen der Menschen zu erobern. Achtet auf Waisen, Bedürftige, Witwen und schwache Menschen und kümmert euch um sie. Vergesst nicht, dass diese Leute in jeder Gesellschaft natürliche Verbündete des Islams sind. Und vergesst außerdem nicht, dass uns der Islam verpflichtet, die Schwachen in der Gesellschaft, in der wir leben, zu beschützen. 137. Seid Sprecher und aufmerksame Beobachter der Menschen, die in der Gesellschaft unterdrückt werden. Motiviert sie mit den unveränderlichen Werten der Religion. Habt teil an ihren Sorgen und teilt das Essen mit ihnen. Es wird von Allah verabscheut, wenn der Muslim Angehörigen angesehener Gesellschaftsschichten stets Achtung entgegenbringt, aber den Bedürftigen diese Achtung und diesen Respekt verweigert. Betrügt euch auch nicht selbst mit Ausreden wie „Dienst an den Menschen, Dawa" usw.. Dies zu tun, hieße die Fehler früherer Gesellschaften zu wiederholen. Haltet euch von diesem Verhalten fern. 62 63 Gerechtigkeit 139. Gerecht zu sein, bringt die Hikma (Weisheit) mit sich. Das Gegenteil ist Dsulm (Unterdrückung). Dsulm ist 138. Seid gerecht! Die Gerechtigkeit ist der Geist der Entscheidung und der Führung. Ganz gleich, ob ihr ein Urteil über euch selbst, einen Freund oder einen Feind abgebt, euer Motto dabei soll Gerechtigkeit sein. Wer die Eigenschaft, gerecht zu sein, verloren hat, der hat seine Vertrauens- und Glaubwürdigkeit eingebüßt. Und wer nicht mehr Vertrauens- und glaubwürdig ist, der ist nur dem Namen nach ein Mumin. das Entfernen einer Sache von seinem eigentlichen Platz. Hikma ist dagegen das Plazieren einer Sache an der richtigen Stelle. Die Menschen neigen dazu, Ungerechtigkeit eher denen anzutun, die sie sehr lieben oder denen, über die sie sehr verärgert sind. Wenn sie lieben, sehen sie die Fehler ihrer Freunde nicht, und können sie folglich auch nicht verbessern. Wenn sie zornig sind, sehen sie die guten Seiten desjenigen nicht, der sie verärgerte, und aus diesem Grunde können sie sich kein Beispiel an seinen guten Seiten nehmen. Beides sind Fälle von Ungerechtigkeit und Unausgeglichenheit. Eine Liebe oder eine Abscheu, die das Auge blind macht, bedeutet ein großes Unglück für den Besitzer. 140. Einem Unterdrückten - egal welcher Herkunft - zu helfen, sollte eine der unveränderlichen Losungen eurer Lebensweise sein. Die Gerechtigkeit sei eure Leidenschaft, die Ausgewogenheit euer Motto, die Wahrheit eure absolute Pflicht, die Unterdrückung euer Feind und der Unterdrücker euer Gegner. 141. Wenn ihr unumgänglich vor der Wahl steht, Unterdrücker oder Unterdrückter zu werden, wählt nicht die Alternative, Unterdrücker zu sein, sondern gebt euch dann lieber damit zufrieden, Unterdrückter zu sein. Verteidigt den Unterdrücker nicht mit Ausreden wie „er ist einer von uns," und befürwortet seine Taten selbst dann nicht, wenn er euer Bruder ist. Und verhaltet euch nicht gleichgültig gegenüber der Unterdrückung, indem ihr eine Begründung vorbringt wie beispielsweise: „der Unterdrückte ist sowieso keiner von uns", auch wenn es euer Gegner oder Feind sein mag. 142. Seid gerecht gegenüber denen, für die ihr die Verantwortung habt. Falls ihr Geschäftsführer seid, dann ist die Gerechtigkeit die Grundlage eures Geschäftes, falls ihr Besitzer seid, dann ist die Gerechtigkeit die Grundlage eures Besitzes, falls ihr Familienoberhaupt seid, dann ist die Gerechtigkeit die Grundlage eurer Familie, falls ihr Imam (Leiter der Gemeinschaft) seid, dann ist die Gerechtigkeit die Grundlage eurer Dscham'a (Gemeinschaft). 65 64 143- Hilf deinem Bruder, ganz gleich ob er Unterdrücker oder Unterdrückter ist. Die Hilfe für den Unterdrückten ist, die Unterdrückung ihm gegenüber zu verhindern. Wie könnt ihr eurem Bruder, der Unterdrücker ist, Hilfe leisten? Natürlich indem ihr seine Unterdrückung verhindert. Dies ist die Bruderpflicht. 9 Hadith, in dem die Worte "Allah sagt..." vorkommen. 144. Der Unterdrückung gegenüber nicht die Stimme zu erheben und Zuschauer zu sein bedeutet, mit den Worten des Propheten (s), Schaitân (Satan) zu sein, sogar stillschweigender Schaitân. Seid nicht damit zufrieden, ein stillschweigender Schaitân zu sein. Bedenkt, dass der Islam in Notsituationen die Erlaubnis für Alkoholtrinken und Schweinefleischessen - und so für die Überschreitung der Grenzen - gibt. Aber er erlaubt selbst in Notfällen nicht die Unterdrückung! Diejenigen, die der Unterdrückung für den „Erhalt des Staates" stattgeben, werden dem Zorn Allahs nicht entkommen. Allah sagt in einem Hadith Qudsi9: „Mir selbst gegenüber habe Ich Unrecht verwehrt". Der Muslim und das Umfeld 145. Hütet euch vor schlechter Umgebung, wie ihr euch vor einer giftigen Schlange hüten würdet! Vergesst nicht, dass die schlechte Umgebung einen viel schlimmer vergiftet als eine giftige Natter. 146. Das Leben des Menschen verläuft nicht immer ruhig. Manchmal schlägt es hohe Wellen. Schließt für solche Zeiten Freundschaften, die euch als ein schützender Hafen dienen können. Es sollen solche Freundschaften sein, die euch hochheben, wenn ihr gefallen seid, und wenn ihr stolpert, sollen euch eure Freunde festhalten, und selbst, wenn eure Knie versagen, sollen sie euch auf ihren Rücken tragen. 147. Ihr könnt, wenn ihr als Einzelner angegriffen werdet, euch individuell zur Wehr setzen. Aber gegen einen Angriff durch die Gesellschaft nützt keine individuelle Verteidigung. Um einen Angriff durch die Gesellschaft abwehren zu können, müsst ihr dem etwas Gleiches entgegensetzen: Eine eigene Gemeinschaft aufbauen. Um euch vom negativen Einfluss der Straßen, der Massen zu reinigen, schaut euch nach Herzen und Menschen um, bei denen ihr sozusagen ohne Visum und Reisepass eine Bleibe finden könnt. 148. Der Muslim ist jemand, der sich nicht der Umwelt, in der er sich befindet, anpasst, sondern er ist eine Persön- 66 lichkeit, die ihr Umfeld entsprechend ihrer Überzeugung verändert. In diesem Sinne ist er ein aktiver und effektiver Mensch. Effektivität für euch würde dann bedeuten, dass euer Iman die Herrschaft über euch erlangt hat. 149. Versucht das Üble nicht dadurch kennenzulernen, indem ihr es durchlebt. Dies würde dem Probieren des Todes gleichkommen. Es wäre fatal zu sagen: „Ich werde mal den Tod kosten, und wenn er mir nicht gefällt, dann werde ich eben nicht mehr sterben". Sünde wird nicht ausprobiert! Was für alle schlecht ist, ist auch für euch selbst schlecht. Wenn ihr festlegt, was das Gute und das Üble ist, so soll euer Vertrauen zu Allah uneingeschränkt sein. Besteht denn Iman nicht eigentlich aus diesem? 150. Achtet nicht nur peinlich auf euren menschlichen Umgang, sondern auch auf euer Umfeld in der Natur. Macht euch bewusst, dass ihr mit der Natur den gleichen Din teilt. Sie ist euer Bruder im Glauben nur ohne Bewusstsein. Ver- hindert nicht den Qiyam (das Stehen) eines Baumes, indem ihr ihn fällt, die Ruku (Verneigung) eines Tieres, indem ihr es zum Vergnügen tötet, die Sadschda (Niederwerfung) des Wassers, indem ihr es verschwendet. Die Natur ist euch von Allah anvertraut, so übt keinen Verrat an ihr. 151. Alle Ressourcen auf der Welt sind Rizq (Versorgung). Es ist halâl, euren Rizq zu erwerben, aber seine Verschwendung ist harâm. Die Weisheit einer Religion wie der des Islam, der vor 1400 Jahren in einer Welt mit gerade einmal 80 Millionen Menschen anriet, Wasser nicht einmal dann zu verschwenden, wenn man an einem Fluss die Gebetswaschung durchführt, zeigt sich erst in Bezug auf die heutige Zeit. Die Verschwendung eines Eimers Wasser durch einen Großstadtbewohner, auch wenn er dafür bezahlt hat, kann die Missachtung des Rechts einer anderen Familie sein. So wird auch die Weisheit des Verbots der Verschwendung in unserem Leben offenbar. 69 68

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