Referat-Mediation

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Seminar: Trennungs – und Scheidungsfamilie                                        11.07.02
Dozent: Rainer Balloff
Referentinnen: Ilka Glatz, Damaris Dieck


Thema: Familienmediation


I. Einleitung


Bei unserem Referat wird es überwiegend um Konflikte und Konfliktlösungen in der
Mediation gehen. Deshalb möchten wir Erklärungsversuche von Freud, Paul und Willi zu
Beginn zum Besten geben. Denn sie gehen davon aus, dass im Laufe der kindlichen
Entwicklung Frustrationen entstehen, die abgespalten werden müssen, weil sie sonst nur
schwer zu ertragen wären. Diese Anteile bleiben abgewehrt und abgespalten, wenn sie im
Laufe des Erwachsenenwerdens nicht wieder ins Ich integriert werden. Für diese frühen
abgespaltenen Erfahrungen suchen wir uns eine Fläche, z. B. beim Partner, bei
Familienangehörigen, bei Freunden, oder bei anderen Beziehungen. Hier können sie dann im
Konfliktfall als „Enttäuschung“ bekämpft werden. Die Chancen, sie als eigene Anteile bei
uns zu integrieren, können dadurch nicht genutzt werden. So bleiben wir im Konflikt mit
unserem Partner gefangen, eine Trennung wird nicht möglich und damit bleiben auch die
notwendigen Veränderungsschritte aus.
       Diese unbewussten Anteile können besonders in Familienstreitigkeiten auf die Kinder
verlagert werden. In den Kindern bekämpfen wir nun nicht mehr unser eigenes Erbe, sondern
das des anderen Elternteils. Dies könnte eine Erklärung dafür sein, mit welcher Heftigkeit
Eltern sich in Familienmediationen gegenseitig Vorwürfe machen, den anderen in Frage
stellen und die Kinder vor ihm schützen wollen.
       Gelingt es nicht, die eigenen Anteile zu sich zu holen, bleiben die Beteiligten in den
Beziehungen und Ambivalenzen gefangen, was auch fatal für die Kinder ist. Denn die
psychischen Mechanismen werden evtl. in die nächste Generation verlagert und die Kinder
werden nicht frei, ihre eigenen Wege zu gehen, sich zu lösen und sich weiterzuentwickeln.
       Eine Veränderung des ehelichen und elterlichen Projektionssystems würde dann
letztlich erst dadurch möglich, dass jeder Partner die Aufmerksamkeit vom anderen weg auf
die eigene Person, also den eigenen Anteil verlagert.
       In der Familienmediation geschieht das, wenn jeder seine eigenen Themen, seine
Interessen und Bedürfnisse, seine Ideen, seine Gerechtigkeitsmasstäbe und seine
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Verhandlungsangebote nennen darf. Die konsequente methodische Arbeit mit der Autonomie
und Selbstbehauptung in der gesamten Familienmediation soll genau die Wirkung haben, den
Blick auf den eigenen Anteil werfen zu können.




1. Grundprinzipien der Familienmediation


1.1 Prinzip der Freiwilligkeit
   (wobei u. U. gerichtliche Auflagen oder Anweisungen dieses Prinzip einschränken oder
   sogar außer Kraft setzen können)


1.2 Prinzip der Neutralität des Vermittlers (Mediators)
   (keine Ratschläge, Zustimmungsenthaltung)


1.3 Prinzip der Eigenverantwortlichkeit
   (z. B. keine Entscheidung ohne Zustimmung des Konfliktpartners)


1.4 Prinzip der Offenheit und Informiertheit
   (z. B. in Geld – und Wohnungsangelegenheiten)


1.5 Prinzip der Vertraulichkeit und Verschwiegenheit


1.6 Prinzip der Wechsel – und Rückbezüglichkeit
   (sämtliche Interaktionen jedes Familienmitglieds haben Auswirkungen auf alle anderen
   Familienmitglieder, und sogar noch weiter)


1.7 Prinzip der Achtung und des Respekts (für die Interessen und Bedürfnisse des anderen)



2. Der systemische Ansatz in der Familienmediation


Für die Mediationsarbeit mit Familien braucht man ein theoretisches Grundgerüst, mit dem
man arbeiten kann. Von J. M. Haynes stammen drei Thesen für die Mediationsarbeit mit
Familien:
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   1. Das systemische Denken hilft uns zu verstehen, dass Familien sich ihre Wirklichkeit
       und ihre Konflikte selbst konstruieren.
   2. Familien haben die Fähigkeit, sowohl ihre Kontinuität zu wahren als auch bei
       Veränderung oder Anpassungs-Notwendigkeiten neue Strukturen konstruieren zu
       können, wenn sie flexibel sind.
   3. Wenn Familien auf Konflikte und Veränderungsnotwendigkeiten mit Starrheit
       reagieren, können mit systemischen Techniken Veränderungen angestoßen werden, so
       dass neue Ausrichtungen und Strukturen bewirkt werden.




3. Der Erstkontakt in der Mediation


Beim ersten Kontakt, meistens am Telefon, entscheidet sich, ob überhaupt eine Mediation
zustande kommt. Deshalb wird diese Phase genauso sorgfältig vorbereitet wie jede
Mediationssitzung. Aber, wer anruft oder sonst Kontakt aufnimmt, ist schon interessiert und
halb gewonnen. Der Anrufer wird in die Mediation kommen, wenn der Mediator gute und
präzise Antworten auf die Fragen hat und neutral bleibt. Je klarer die Antworten sind, desto
mehr Vertrauen erwecken sie. Die folgenden Fragen werden am häufigsten gestellt: Was ist
Mediation?, Was kostet die Mediation?, Wie lange dauert sie?, Was kommt dabei heraus?, Ist
die Vereinbarung verbindlich?, Hat sie rechtlich Bestand?, Welche Ausbildung haben sie als
Mediator?, Welche Erfahrungen mit Familienmediation?, Wie arbeiten Sie? – allein oder im
Team? Wie schnell bekomme ich einen Termin?, Wie kann ich andere Familienmitglieder für
die Mediation gewinnen?
Neben den Antworten auf diese Fragen gibt es auch die Möglichkeit, eine kostenlose
Probesitzung oder ein kostenloses Informationsgespräch anzubieten. Die Neutralität zu
bewahren, heisst keine Ratschläge zu geben, sich jeder Zustimmung zu enthalten und beim
Zuhören gleich die abwesenden Familienmitglieder hinzuzudenken.




4. Honorare


Die interessanteste Frage für die Medianden ist natürlich die Frage nach den Kosten. Deshalb
sollte die Antwort über die Gestaltung der Honorare klar, präzise und transparent sein.
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       MediatorInnen in freier Praxis berechnen meist je nach Sitzung. Die Honorare liegen
zwischen 80 und 260 € pro Stunde. Einige Mediatoren verlangen immer den selben Preis,
andere knüpfen an individuelle Merkmale an, z. B. das gemeinsame Familieneinkommen, das
vorhandene Vermögen, die Zahl der Kinder oder anderen Besonderheiten des Settings wie die
Zahl der beteiligten Personen, die Thematik oder der Schwierigkeitsgrad. Für die Abfassung
der Abschlussvereinbarung schliessen die juristischen MediatorInnnen zumeist eine
gesonderte Vereinbarung.
       Dagegen ist die Mediation in den Jugendämtern aber auch in einigen Beratungsstellen
kostenfrei, andere verlangen Spenden auf freiwilliger Basis oder einen Unkostenbeitrag. Die
Anbieter kostenloser Mediationen verweisen Interessenten, die über Vermögen verfügen auch
einmal an freie Mediatoren. Gleichzeitig wird deutlich, dass Familienmediation in größerem
Umfang nur möglich sein wird, wenn staatliche Mittel zur Verfügung gestellt werden. Das
würde die Gerichte entlasten und die staatlichen Ausgaben für familiäre Konflikte und deren
Folgen voraussichtlich senken (das muss man über mehrere Generationen betrachten!).
Vereinzelt wird Mediation auch im Rahmen von Prozesskostenhilfe (langwierige Sorge oder
Umgangsrechtverfahren) oder als Maßnahme der Kinder und Jugendhilfe im Rahmen des §
28 KJHG bewilligt. Man kann nur hoffen, dass sich die Gesetzgeber in Kürze entschließen.
Die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um Familienmediation allen
Bevölkerungssschichten zu ermöglichen.




5. Berufsbild uns Ausbildung


Nach knapp 15 Jahren mit Familienmediation in Europa stellt sich zu nehmend die Frage, ob
es ein eigenes Berufsbild gibt. Bisher gibt es aber kein festes Berufsbild des
Familienmediators, geschweige denn einen gesetzlichen Schutz dieses Titels. Aus der
Mitgliedschaft der BAFM ist zu erkennen, dass die MediatorInnen die Ausbildung an einem
von dieser nach deren Richtlinien anerkannten Ausbildungsinstitute absolviert hat und damit
über eine gute Qualifikation verfügt. Ein eigenes Berufsbild der FamilienmediatorInnen
würde eine gesetzliche Anerkennung und Verankerung ermöglichen, z. B. auch ein
Zeugnisverweigerungsrecht für alle in diesem Beruf. Gleichzeitig würden damit auch die
Voraussetzungen für eine staatliche Förderung geschaffen werden. Bei den Ausbildungsteams
ist wichtig, dass es aus Männern und Frauen besteht, möglichst auch aus verschiedenen
Generationen und mit möglichst viel eigener Lebenserfahrung oder Zugang zu den
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Erfahrungen anderer: mit Kindern, mit Zusammenleben, mit Trennung, verschiedenen
Lebensformen und vieles mehr.




II. Die 5 Stufen der Mediation


Wir wollen versuchen, den Ablauf der Mediation mit ihren 5 verschiedenen Prozesstufen
darzustellen
Wie werden uns auf den Bereich der Trennungs- und Scheidungsmediation konzentrieren
Die 5 Stufen sind:
           1. Einführung – und Mediationskontrakt
           2. Themensammlung
           3. Interessen – und Bedürfnisse – Konfliktbearbeitung- Optionenentwicklung
           4. Verhandeln- Entscheiden- Vereinbaren
           5. Inkraftttreten der Vereinbarungen




Zu 1. – Einführung und Mediationskontrakt


In dieser Phase wird das gesamte Feld der Mediation schon abgesteckt
Es werden Informationen über die Grundbedingungen und über den Unterschied zur
rechtlichen oder psychosozialen Beratung, bzw. zur Therapie gegeben. Ausserdem wird über
die Rolle des Mediators in der Mediation informiert und darüber, wie diese die
Kommunikation und den Prozess der Konfliktlösung unterstützt werden. Z.B. hat sich
herausgestellt, dass die Inhalte der Mediation, also auch die Regeln über den Umgang mit
Redezeiten, den Umgang mit Gefühlen und der Vergangenheit, und der Umgang mit Kosten
für die Sitzungen von jedem Teilnehmer akzeptiert werden muss und am besten gemeinsam
mediiert werden, anstatt von oben herab bestimmt zu werden. Weiterhin ist wichtig, dass die
Mediatoren sich ein Bild machen über den Stand der Medianden im Trennungsprozess und ob
beide die Trennung akzeptieren. Unter Umständen könnte das zu einer
Ambivalenzmediation führen, also eine mit zwei verschiedenen Vereinbarungen. Auch
müssen die juristisch relevanten Fakten geklärt werden, wie z. B. die Offenlegung von Daten
und Fakten, die Rolle der Beratungsanwälte und bereits vorhandene Verträge und
Vereinbarungen. Die Sicherheitsbedürfnisse der Klienten, ihre eigene Schweigepflicht und
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gegebenenfalls Zeugnisverweigerung vor Gericht, Übergangsregelungen für die Versorgung
der Kinder und Finanzen und deren Konsequenzen, etc. werden auch besprochen. Und
natürlich wird auch die Möglichkeit eines Abbruchs der Mediation erwähnt und darüber
informiert, was in einem solchen Fall passiert. Ggf. wird zum Schluss schon der
Mediationskontrakt als Vorbereitung für die nächste Sitzung verteilt.
       Die Kinder und Jugendlichen werden in dieser ersten Phase noch nicht direkt
einbezogen, (es sei denn es wird ausdrücklich von den Eltern gewünscht), aber die
Einbeziehung muss bereits mediiert werden. Denn erst, wenn für alle klar ist, an welchen
Stellen das wozu gut sein soll, und dies auch alle Beteiligten wollen, können sie wirklich
einbezogen werden.




Zu 2. – Themensammlung


      Sammlung der Regelungs – und Konfliktpunkte
      Gewichtung
      Erarbeitung einer gemeinsamen Rangliste
      Evtl. Unterteilung großer Streitpunkte in kleinere Einheiten
      Offenlegung aller Daten und Fakten
In dieser Phase werden alle zur Regelung anstehenden Themen und Streitpunkte, sogar schon
geklärte Punkte in verschiedenen Spalten aufgeführt. Damit soll verdeutlicht werden, dass in
der Mediation auch weiterhin alles veränderbar und verhandelbar bleibt. Die geschriebene
und gesprochene Sprache ist dabei sehr wichtig, damit die „Kampfsprache“ der
Konfliktpartner positiv verändert werden kann. Die Reihenfolge der Nennungen sollte auch
mediiert werden, z. B. nach Wertigkeit (Kinder, Geld, Haus). Auch nicht mediierbare Punkte,
wie z. B Aufarbeitung der Ehekränkungen, sollen in die Liste aufgenommen werden.
       An dieser Stelle ist bereits die direkte Einbeziehung der Kinder und Jugendlichen
sinnvoll, da für ihre Anliegen oft sonst kein Raum und keine Zeit bleibt. Wichtig bei ihrer
Themensammlung ist, dass die gewählten Formulierungen (und ihre Bilder) nicht
umformuliert werden.
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Zu 3. – Konfliktbearbeitung – Interessen und Bedürfnisse - Optionenentwicklung


      Entwickeln und Herausarbeiten eigener Interessen und Bedürfnisse jedes einzelnen
       Konfliktpartners
      Evtl. Vertiefung des Verstehensprozesses
      Herausarbeiten der Gegenseitigkeit und der Gemeinsamkeit
      Erweiterung der Entscheidungsräume durch Optionenentwicklung
      Entwicklung von Alternativen und Wahlmöglichkeiten
      Evtl. bereits Beginn von Verhandlungen
      Versuchs- und Trainingsphasen (besonders für Betreuungs- und Budget-Pläne)
In der dritten Stufe soll eine vertiefte Sicht auf die eigenen Interessen und Bedürfnisse und
die der anderen Seite stattfinden. Es soll hier viel mit Selbstbehauptung und Wechselseitigkeit
sowie mit der Erweiterung von Entscheidungsräumen gearbeitet werden. Es geht also darum,
Verantwortung für die eigenen Dinge und Gegenseitigkeit, Respekt bzw. Achtung für die
Dinge des Anderen zu übernehmen. Und letzteres sind auch die grundlegenden Prinzipien der
Mediation. Und diese Grundprinzipien sind z. B. bei der Entwicklung von Betreuungs – und
Budgetplänen notwendig. Denn die müssen bereits verhandelt und vorläufig entschieden
werden, damit Versuchs – und Trainingsphasen eingerichtet werden können. Hier geht es
konkret darum, die Enge des Entscheidungsraumes und die der angeblichen Sachzwänge
aufzulösen: Das passiert durch Entwicklung von neuen Möglichkeiten und Alternativen.
Hinter diesen Plänen steht der Gedanke, dass durch die Arbeit am „Wie“ (Betreuung und
Finanzierung der Kinder) die große Entscheidung über das „Was“ (Sorgerecht bzw. Unterhalt
leichter wird).
       Die Kinder und Jugendlichen werden bei der Arbeit an der Selbstbehauptung und
Wechselseitigkeit nicht mit einbezogen, und zwar weil es sie eher belasten würde. Aber beim
Entwickeln von Optionen und Wahlmöglichkeiten bietet sich ihnen ein großes
Betätigungsfeld. Sie haben hier meist die besten Ideen, weil sie noch träumen und
phantasieren können und sich daraus oft neue Lösungen entwickeln lassen.




Zu 4. – Verhandeln – Entscheiden – Vereinbaren


Dazu zählen:
      Entwickeln und Mediieren von Maßstäben für Fairness und Gerechtigkeit
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       Rolle des Rechts für diese Mediation
       Überprüfen der Alternativen
       Evtl. juristische Überprüfung von Entscheidungen und aufgegebener Rechtspositionen
       Einbeziehung von Beratungsanwälten
       Einbeziehung anderer Fachleute (Steuerberater, Bankfachleute, Wohnungsamt,
        Allgemeiner Sozialer Dienst, andere Dienste, Rentenberater, pädagogische Fachleute
        etc.)
       Evtl Veränderung von Entscheidungen
       Mediieren von Verhandlungsmodellen
       Verhandeln
       Formulierung von Vereinbarungen bzw. Memoranden
       Entscheidungen über rechtliche Vorgehensweisen – Laufzeiten –
        Überprüfungsmöglickeiten etc.
       Endgültige Erarbeitung der Vereinbarung
Diese 4. Stufe betrifft die Erwachsenen, was das eigentliche Verhandeln, Entscheiden,
Einbeziehen anderer Fachleute, die Rolle des Rechts und endgültige Formulierungen der
Vereinbarungen betrifft. Es ist sinnvoll, nach der Entwicklung von Alternativen und
Wahlmöglichkeiten und vor dem eigentlichen Verhandeln über die Gerechtigkeits – und
Fairnessvorstellungen der Familie zu sprechen (oder sie ggf. erst zu erarbeiten). Danach
verändern sich häufig noch einmal die Entscheidungen und die Art, wie miteinander
verhandelt wird. Diese Arbeit an Fairness und Gerechtigkeit ist sehr wertvoll für die
Einhaltung sämtlicher Vereinbarungen im gesamten Prozess!
        Die Kinder und Jugendlichen können hier direkt oder indirekt einbezogen werden. Sie
haben im Allgemeinen einen sehr ausgeprägten Sinn für das, was in ihrer Familie fair und
gerecht ist.
Hier, also bei der Überprüfung der vorläufig getroffenen Entscheidungen durch
Rechtsanwälte, über rechtliche Vorgehensweisen und über endgültige Vereinbarungen sollte
die Rolle des Rechts in der Mediation geklärt werden. Jetzt ist ganz besonders „Optionales
Denken“ erforderlich, weil vielleicht unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit
existieren. Manchmal mag die Rolle des Rechts auch bedrohlich wirken, weil es für die
Medianden auf konkrete Vereinbarungen zugeht (und das kann Angst machen). Kinder und
Jugendliche werden bei diesem Verhandeln nicht einbezogen, ausser sie haben aufgrund des
Alters bereits Rechtsansprüche.
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Die Praxiserfahrung zeigt, dass das Abfragen der Informationen anderer Fachleute (z. B.
Steuer-, Vermögens-, Bankberater, Makler, Sachverständige, Schuldnerberater etc.) wichtig
ist für die Haltbarkeit und Realisierbarkeit der Vereinbarungen. Kinder und Jugendliche
werden hier auch meist nicht einbezogen.
Verhandeln ist keine eigene Stufe sondern zieht sich durch die gesamte Mediation. Aber die
Art und Weise, wie verhandelt werden soll, muss mediiert werden. Oft braucht man auch
verschiedene Verhandlungsmodelle für verschiedene Konfliktpunkte. Und man muss bei den
Medianden immer wieder prüfen, ob die bisher gültigen Modelle für sie noch stimmen.
       Oft treten bei den Entscheidungen und Vereinbarungen überraschend auch noch
einmal Zweifel schlechthin an der Trennung auf, so dass hier manchmal mehr Zeit als geplant
notwendig wird. Wenn die Widerstände und die damit verbundene Traurigkeit zu groß
werden, sollten die Medianden möglicherweise (zu einem therapeutischen Exkurs) angeregt
werden, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Kinder und Jugendliche werden hier im
Allgemeinen nicht einbezogen.




Zu 5. – Inkrafttreten der Vereinbarung


      Verbindliche, evtl. rechtsgültige Fassung der Vereinbarung
      Evtl. rechtliche Schritte (Notar, Einreichen der Scheidung etc.)
      Evtl. Mediieren von Übergangs- bzw. Abschiedsritualen
      Durchführung und Realisierung „Leben der Vereinbarungen“
      Nach Laufzeit- Vereinbarung (evt. Überprüfungen und Veränderungen)
In dieser Stufe werden die Protokolle und Memoranden, also die gesamten Ergebnisse in die
endgültige Form gebracht. Dies geschieht derzeitig durch einen Beratungsanwalt, einen
Notar, durch die Parteien selbst oder ggf. durch den Mediator mit Zusatzausbildung. Das
ganze wird mediiert, verhandelt und vereinbart. Auch die juristischen Inhalte sollten in den
Mediationsvereinbarungen in mediativer Alltagssprache formuliert werden. Ebenfalls die
Inhalte zum Alltag der Familien, zu pädagogischen, psychologischen und finanziellen Fragen
erfordern, dass die Medianden ihre eigenen Vereinbarungen auch leicht verstehen können.
Günstig ist es, die von der Familie selbst entwickelten Maßstäbe für Fairness und
Gerechtigkeit einleitend voranzustellen.
       Kinder und Jugendliche werden auch hier nicht einbezogen, es sei denn, sie haben
eigene Rechtspositionen, die sie unterschreiben müssten. Und nicht selten erinnern die Kinder
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ihre Eltern im neuerlichen Konfliktfall an getroffene Vereinbarungen und fordern diese dann
mit Nachdruck ein.
Mit dem Ende des Mediationsprozesses beginnt für die Familienmitglieder ein neuer
Lebensabschnitt, weshalb manchmal die Frage nach einem „Abschied“ oder einem „Ritual“
auftaucht. Einerseits geht es dann um die Beendigung und Würdigung der geleisteten Arbeit
und andererseits um das Ende der Partnerschaft und um den Übergang in die getrennte
Familie.
       Hier ist es wichtig, die Kinder mit einzubeziehen, weil sie den Übergang dann besser
bewältigen können. Es gibt ihnen Sicherheit und Vertrauen für ihr weiteres Leben mit beiden,
aber getrennten Eltern.




III. Basis-Methoden


Arbeit mit der Selbstbehauptung


Diese Arbeit ist einer der wichtigsten Punkte in der Familienmediation. Bei tiefliegenden
Konflikten und Krisen – und das ist ja eine Scheidung sind Autonomie und Selbstbehauptung
meistens gestört und müssen wieder neu aufgebaut werden, ohne (!), dass dies in der
Mediation zu einer therapeutischen Arbeit führt. (Besonders in solchen Krisen definieren sich
die einzelnen Mitglieder einer Familie oft mit ihren Interessen und Bedürfnissen über den
Partner, die Eltern oder sogar über die Kinder. Erst wenn die Konfliktpartner von diesen
Projektionen und Definitionen über den anderen wegkommen und Regelungen für ihre
eigenen Bedürfnisse finden, haben sie eine Chance von solchen Positionen zu ihren eigenen
Interessen zu gelangen. Um Selbstbehauptung leben und in Lösungen umsetzen zu können,
die der eigenen Autonomie entsprechen, bedarf es an viel Zeit und positiver Wertschätzung in
der Mediation.
       Die Arbeit an der Selbstbehauptung beginnt schon im Erstgespräch und ist weiter
wichtig bei der Themensammlung, bei den Optionen, bei Fairness und Gerechtigkeit und
beim Verhandeln und Vereinbaren.
       Es ist wichtig, nicht in die Vergangenheit oder nach Gefühlen und auch nicht nach
Ängsten und Befürchtungen zu fragen, sondern das eher zukunfts-und ressourcenorientiert
zu tun ! Das heisst, es wird eher nach Wünschen, Bedeutungen, Zusammenhängen und
Unterschieden gefragt als nach Ursachen, Positionen und Lösungen. Es wird sehr viel mit
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Würdigung und Wertschätzung in Verbindung mit Hypothesenbildung und Überprüfung
gearbeitet, um den Weg zur Autonomie zu erleichtern. Reflektiertes Fragen, Fokussieren,
Zusammenfassen, positives Umformulieren und Zukunfts- statt Vergangenheitsorientierung
sind hier hilfreich.
        Kinder und Jugendliche brauchen besondere Unterstützung in ihrer Selbstbehauptung,
damit sie nach der Konfliktsituation wieder gesund weiterleben können. Das gilt besonders ab
der frühen Pubertät mit 10 bis 11 Jahren, weil die Entwicklung der eigenen Autonomie eine
bekanntlich wichtige Entwicklungsstufe ist.




IV. Arbeit mit der Wechselseitigkeit und der Gemeinsamkeit


Der zweite wichtige Baustein in der Mediationsarbeit ist die Unterstützung des gegenseitigen
Verstehens. Nur darüber wird eine Aufweichung der Positionen hin zu den Interessen und
Bedürfnissen möglich und nur so können die Vereinbarungen für alle fair und gerecht
werden. Verhandeln im Sinne von „Gewinnern auf allen Seiten“ geht nur über diesen
Interessenaustausch. Manchmal stellt sich dazu auch noch die Frage des wechselseitigen
Nutzens und die Frage nach den Gemeinsamkeiten. Es werden für die jeweiligen
Konfliktseiten öffentliche und gut sichtbare Spalten angelegt, damit die Konfliktpartner sich
in Ruhe die Positionen, Interessen, Optionen, Maßstäbe für Gerechtigkeit,
Verhandlungsmodelle etc. anschauen können. Die Punkte, die den Partnern auf der anderen
Seite gefallen, kennzeichnet man deutlich und benutzt sie als Grundlage für die Entscheidung,
welche Themen zuerst besprochen werden (d. h. auf keinen Fall, dass auf irgendeiner Seite
etwas gestrichen wird).
       Bei Fragen nach der Wechselseitigkeit wird darauf geachtet, dass nicht gleich nach
Lösungen gefragt wird, sondern erstmal allgemeiner. Außerdem sollten diese Fragen immer
(!) an beide Partner gleich lautend formuliert werden. Es wird besonders mit zirkulären und
reflektiven Fragen gearbeitet, und viel mit Hypothesenbildung und Überprüfung (zirk. Fragen
= ref. Fragen = ).
       Die Arbeit mit der Wechselseitigkeit ist weniger geeignet für kleinere (!) Kinder, aber:
besonders beim Einbeziehen von Geschwistern oder Pflegefamilien kann die Arbeit mit der
Wechselseitigkeit und Gemeinsamkeit wichtig sein, z. B. bei der Unterstützung des
Geschwister- oder Kinder- Subsystems (verschiedene Interessen in unterschiedlichen
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Altersgruppen). Es soll aber mehr die Selbstbehauptung der einzelnen Kinder unterstützt
werden als die Gemeinsamkeit der Geschwister.




V. Die Arbeit mit Hypothesen


Eine der wichtigsten Arbeitsweisen ist die Arbeit mit Hypothesen und deren ständiger
Überprüfung. Besonders bei der Mediation mit Familien sind für jedes Familienmitglied und
für das ganze Familiensystem ständig Hintergrund- Hypothesen und Arbeitshypothesen zu
bilden und zu überprüfen. Und erst nachdem sie modifiziert und verifiziert wurden, sollte
weitergearbeitet werden. Besonders brauchen wir Hypothesen für Übergänge von einer Stufe
in die nächste und daneben noch Hintergrundhypothesen, also solche, mit denen nicht direkt
gearbeitet wird (juristische, psychologische, pädagogische und ökonomische). Auch hierbei
gilt, möglichst ressourcen- statt problemorientiert zu gucken. Das sieht ungefähr so aus: man
bildet sich für beide getrennt Hypothesen, überprüft sie und testet sie aus, modifiziert sie ggf.,
überprüft die modifizierten Hypothesen und arbeitet erst weiter, wenn beide Konfliktpartner
zustimmen, dass die Sicht des Mediators stimmt. Man arbeitet sozusagen immer an zwei oder
mehreren Strängen gleichzeitig, was natürlich sehr viel Neutralität und Balance vom
Mediator erfordert.
       Bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist die Fähigkeit zur Hypothesenbildung
besonders gefragt, aber es bedarf dafür an Grundkenntnissen der Familiendynamik und an
Basiswissen über die Entwicklung von Kindern in den verschiedenen Altersstufen.




VI. Die Arbeit mit Mehrparteien


Unter Familienmediation wird meist eine Zweiparteienmediation verstanden. Es handelt sich
aber tatsächlich häufig um mehr als zwei Parteien, vor allem wenn Kinder und Jugendliche
im Spiel sind (aber auch bei Zweit – und Pflegefamilien und bei Erb– Mediationen sind es
Mehrparteienmediationen). Bei der Arbeit mit Mehrparteien gilt ebenfalls, dass jedes
Mitglied in einem Familiensystem Teil eines oder mehrerer Systeme oder Subsysteme ist, und
dass jedes dieser Systeme die Fähigkeit zur Autonomie und zur Selbstregulation hat.
       Die methodische Arbeit geht dabei genau wie die Beschäftigung mit zwei
Konfliktparteien. Es müssen mit jeder Partei und mit jedem System Verträge über Dauer,
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Kosten, Protokolle, Formen der Vereinbarungen, Informationen, Setting, die Rolle des Rechts
und Regeln über Kommunikation, Gefühle, Schweigepflicht etc. gemacht werden. Das kostet
zwar viel Zeit, dient aber der Klarheit und der lösungsorientierten Strukturierung.
       Bei den verschiedenen Konfliktpartnern der verschiedenen Familiensysteme müssen
wiederum gleiche Sätze und gleiche Fragen gestellt werden, und es empfiehlt sich bei der
Sitzordnung Eltern und Kinder nicht durcheinander zu setzen, sondern z. B. gegenüber.




VII. Mehrwege – Mediation


Im Allgemeinen geht man bei der Zieldefinition davon aus, dass auf eine Lösung und
Vereinbarung hin gearbeitet wird. Aber natürlich können auch zwei oder mehr Wege mediiert
werden. Zweck dieser verschiedenen Wege ist, sich nicht weiter zu bekämpfen, sondern zu
akzeptieren, dass viele Wege offen sind und eindeutige Lösungen nicht erreichbar sind. Diese
Ambivalenz muss von allen Beteiligten verstanden werden. Gerade in der Trennungs – und
Scheidungsmediation taucht diese Notwendigkeit und Chance zur Ambivalenzmediation auf,
wenn über lange Strecken nicht klar ist, ob es eine Trennung geben wird, die Ehe
weitergeführt werden soll oder sogar eine andere neue Form des halb getrennten
Zusammenlebens erarbeitet werden kann. Das kann unter Umständen bedeuten, immer zwei
Betreuungspläne, zwei Haushaltspläne, zwei Vermögenspläne zu erstellen, damit beide Eltern
sich in ihrer Ambivalenz ernst genommen fühlen. Manchmal werden auf diese Weise zwei
oder mehr Mediationen gewissermaßen nebeneinander durchführt, was meistens eine sehr
langgezogene Langzeitmediation mit vielen Intervallen bedeutet. Deshalb brauchen
Mediatoren ein ganz großes Maß an Geduld und Durchhaltevermögen und eine positive Sicht
auf Ambivalenz.




VIII. Methodische Bausteine


1. Entwickeln und Mediieren von Regeln


Zu den unumstrittenen Methoden der Familienmediation gehört das Entwickeln von Regeln
(Z. B. gleiche Redezeiten für alle und keine Beschimpfungen). Das kann auch ein Modell sein
für die Familien, wie sie selbst gemeinsam für ihr Zusammenleben zu Hause Regeln
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entwickeln können, die nicht von jemandem gesetzt, sondern von allen als fair empfunden
werden. Die Inhalte der Regeln könnten sein:
       Umgang mit jeweiligen Redezeiten
       Umgang mit Gefühlen
       Umgang mit Absagen oder Veränderungen der Mediations-Sitzungen
       Reihenfolge von Redebeiträgen
       Umgang mit der Vertraulichkeit der Sitzungen
       Mitteilungen an die Kinder
       Einbeziehung der Kinder und Jugendlichen
       Regeln für die Sitzungen mit Kindern und Jugendlichen (besonders wichtig!)
       U.U. Regeln für die Einbeziehung anderer Leute ( Dolmetscher, Beistände,
        pädagogischer oder psychologische Paten, Beratungsstelle etc.)
       Art und Weise der Offenlegung der Daten und Fakten
       Umgang mit den Anwälten und dem juristischen Prozess
       Erstellung der Protokolle von den Sitzungen
       Bezahlung der Sitzungen


Wichtig ist, die entwickelten Regeln in irgendeiner Form festzuhalten. Auch das muss
mediiert werden, damit die Verbindlichkeit und Veränderbarkeit deutlich wird. Besonders
wichtig ist die Vorbereitung einer Sitzung mit Kindern. Die Mediatoren müssen versuchen,
den Eltern mehr Sicherheit für eine solche Sitzung zu geben und ihnen die Angst zu nehmen,
sie würden noch mehr von ihrer Kompetenz verlieren. Hierbei könnten Inhalte von Regeln
sein:
       Dauer der Sitzung
       Eingreifendürfen des Mediators bei Streit auf der Paarebene
       Umgang mit Gefühlen bei Eltern bzw. bei den Kindern
       Umgang mit den kleinsten der Kinder
       Offenlegung der bereits getroffenen Vereinbarungen durch die Eltern
       Art der Einladung an die Kinder
       Umgang mit Abbruch eines der Kinder
       Umgang der Eltern damit, dass in dieser Sitzung vor allem mit den Kindern und
        Jugendlichen gearbeitet wird
                                                                                               15

Der wichtigste Schritt für die Kinder und Jugendlichen in gemeinsamen Sitzungen ist die
Information über die verabredeten Regeln und die Möglichkeit, dass sie ihre Bitten um
Veränderungen auch noch formulieren können !!! Das Entwickeln von Regeln gibt Eltern und
Kindern (und den Mediatoren) mehr Sicherheit und weniger Angst.




2. Vorbereitung der Eltern für die Einbeziehung ihrer Kinder in die Mediation


Bei Familienmediationen ist es sinnvoll, dass die Themen und Ideen der Kinder und
Jugendlichen direkt in der Mediation vertreten sind. Wenn die Eltern zu keiner direkten
Einbeziehung bereit sind, können die Mediatoren die Kinder und Jugendlichen auch indirekt
einbeziehen, indem sie die Eltern dann immer „zirkulär“ fantasieren lassen, was die Kinder
und Jugendlichen dazu beitragen würden. Denn die Zwangseinbeziehung von Kindern und
Jugendlichen würde dem Grundsatz der Freiwilligkeit widersprechen. Grundsätzlich gilt aber,
dass die Eltern die Themen der Kinder nicht kommentieren sollen und die Kinder aber auch
nicht die Themen der Eltern. Außerdem muss mediiert werden, was bei Gefühlsausbrüchen
der Kinder passiert, welche Pausen die Kinder oder die Eltern brauchen und was den Kindern
über ihre Einbeziehung in die Mediation gesagt wird, wer das wie macht, etc. Abschließend
muss nochmals erwähnt werden, dass die Mediatoren nicht etwa „bessere Mütter und Väter“
sein wollen als die Eltern selbst. Je gründlicher die Vorbereitung der Eltern erfolgt, desto
sicherer sind sie selbst und desto sicherer werden die Kinder auch mitkommen.




3. Arbeit an den Interessen und Bedürfnissen hinter den Positionen


Das können z. B. sein: Wünsche, Ängste, Hoffnungen, Bedrohungen (auch für die Kinder),
Sicherheit, wirtschaftliches Auskommen und Möglichkeit zur Berufsausübung. Über den
Ausgleich dieser Interessen wird Mediation überhaupt erst möglich und Lösungen nur, wenn
die Bedürfnisse gegenseitig anerkannt werden. Erst wenn jeder beim Anderen auch etwas
findet, was er oder sie verstehen kann, wird Verhandeln möglich. Die Techniken hierfür sind:
Zusammenfassen, Fokussieren, wertschätzendes Feedback, reflektive und zirkuläre Fragen,
Stehenlassen von negativen Interessen, und diese nicht positiv umformulieren („Was steckt
eigentlich hinter Ihrem Wunsch, das Haus zu bekommen?“,“ Könnten Sie ausdrücken, um
was es Ihnen wirklich geht?“).
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       Diese Arbeit an Interessen und Bedürfnissen kommt oft zu nah an Gefühle und
Emotionen, so dass man sich streng vor Augen halten muss, keinen therapeutischen Auftrag
zu haben.




4. Streit – und Konfliktlösestrategien


Es gibt keine allgemein gültigen Aussagen über die Einstellung von MediatorInnen zu
Konflikten. Aber die Haltung dazu, bestimmt sich meistens durch die eigenen gelernten
Familienbotschaften über Konflikte (produktiv wäre das: Streit und Konflikt gehören zum
Zusammenleben in einer Familie. Unproduktiv würde lauten: Streit führt zu nichts.)
Nicht selten gibt es noch mal heftigen Streit kurz vor dem Verhandeln, wahrscheinlich weil es
jetzt ernst wird und die Eltern sich entscheiden müssen. Mediatoren dürfen hier nur
mediieren, nicht therapieren. Jeder Konfliktpartner muss in seiner Unterschiedlichkeit und in
seiner Selbstbehauptung unterstützt werden. Hier ist die Hypothesenbildung und Überprüfung
sehr wichtig, um klar die Ressourcen sehen zu können. Manchmal muss an alte Regeln
erinnert werden, um von der Gefühlsebene zurück zur Sachebene zu kommen. Nicht selten
finden die Medianden allein einen neuen Weg. Falls die Mediatoren aber helfen müssen,
bedienen sie sich beispielsweise der Techniken: Zusammenfassen, Fokussieren,
Paraphrasieren, positives Umformulieren, Zukunftsorientieren, Partialisieren, Verlangsamen
(Pausen), Trennung von Gefühls – und Sachebene, Arbeit mit reflektiven und zirkulären (und
eben nicht harmonisierenden) Fragen, Würdigen des Streits, Schweigen und Zuhören.
Für die Mediatoren erscheint die Wahrnehmung und Überprüfung der eigenen Haltung und
Einstellung zu Konflikten am wichtigsten zu sein, damit sie nicht beim Mediieren aus der
Balance geraten. Auch sollte Erfahrung vorhanden sein, eigene Konflikte mit Dritten zu
regeln und nicht nur anderen beim Lösen ihrer Probleme zu helfen.




5. Arbeit mit Metaphern und Konfliktspielbildern


Mediation kann auch als ein schöpferischer Prozess beschrieben werden, in dem
symbolisches Denken, kreative Planung und konstruktive Bilder eine wichtige Rolle spielen,
um zu neuen Lösungen zu kommen. Die Grundlage für die Arbeit mit der
Konfliktinszenierung ist der Gedanke, dass auch Konflikte zu den von jedem Menschen selbst
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konstruierten Wirklichkeiten gehören und dass über die Veränderung dieser Inszenierung
auch die Lösung der Konflikte erreicht werden kann.
Einige brauchbare Bilder könnten sein:
      Ein tiefer Graben – drüben gehen zwei Wege weiter – wie kommt man hinüber?
      Zwei Wege, auf denen der eine mit dem Auto fährt, der andere mit dem Fahrrad.
      Eine Baustelle, auf der mit ganz verschiedenen Werkzeugen gearbeitet wird, aber
       nichts vorwärts geht.
      Ein großer Garten, in dem verschiedene Beete bepflanzt werden sollen.
Auf jeden Fall muss erklärt werden, warum mit Bildern oder Bildersprache gearbeitet werden
soll. Gute Bilder erleichtern gerade bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen das schnelle
Verstehen und eine neue humorvolle Kommunikation. Der besonders geeignete Ort mit
Konfliktspielbildern ist während der eigentlichen Arbeit an den Konflikten, und manchmal
schon bei den Themensammlungen. Wenn die Konflikte sich festgefahren haben und vor
lauter Streit sich nichts mehr bewegt und auch selbst gesetzte Regeln nicht mehr helfen,
bringt ein Bild von diesem Streit oft eine neue Dimension und Entspannung. Diese Bilder
dürfen auch nicht rückwärts gewandt und problemorientiert sein, sondern sollen
zukunftsweisend und ressourcenorientiert sein. Ein solches Bild muss für alle stimmen, also
mediiert werden. Von der praktischen Arbeit ist bekannt, wie stark Kinder in so genannten
offenen Systemen leben, die von Bildern, Träumen und Spielen geprägt sind und wie schwer
sie sich tun, sich in den geschlossenen Erwachsenensystemen zu bewegen. Wenn Metaphern
und Bilder bei der Arbeit mit Kindern verwendet werden, muss man darauf achten, dass sie
die gleichen Vorstellungen damit verbinden wie die Eltern, damit beim Interpretieren jeder
weiss, was womit wohl gemeint ist. Oft reden Kinder oder Eltern selbst in diesen Bildern,
weil das ungefährlicher erscheint, als die Dinge direkt auszusprechen („Das große Netz, dass
schon wieder Löcher hat, und wie die Löcher wieder geflickt werden sollen.“, „Was müsst ihr
noch an den Häusern verändern, damit die Kinder in beide gerne gehen?“).




6. Optionen entwickeln


In der Familienmediation sind Optionen neben den Interessen und Bedürfnissen ein so
genanntes Herzstück.. Es handelt sich um die Entwicklung von neuen Möglichkeiten und
Ideen, wenn es darum geht, mit der Kreativität der Familie, neue Lebensplanungen (oder neue
Entwürfe für die neuen Familiensysteme) zu entwerfen. Wichtig ist, immer die (Haltung der)
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Optionalität, d. h. die Freiheit, möglichst alle Bereiche zu erweitern und nicht beim Entweder/
Oder stehen zu bleiben.
(Schon im Erstgespräch lassen sich Optionen entwickeln (Mediationsbezahlung,
Kindereinbezug), aber die eigentliche Optionenentwicklung geschieht in der dritten Stufe und
wird vom Verhandeln deutlich abgetrennt. Die verschiedenen Optionen werden durch kurze
Notizen (Hausverkauf) in verschiedene Spalten für alle Beteiligten notiert, und es wird
versucht, möglichst viele Optionen auf jeder Seite zu entwickeln und erst danach ähnliche
oder gemeinsame zu suchen. Die Optionen mit Gemeinsamkeiten werden den Eltern mit nach
Hause gegeben, damit sie sie mit Freunden, Fachleuten oder Anwälten durchsprechen
können.
Die Arbeit an den Optionen scheint die kreativste Seite in der Mediation zu sein und bewahrt
davor, professionelle oder persönliche „Scheren“ im Kopf zu haben („das geht ja doch
nicht.“, „dafür ist kein Geld da“, „das ist doch nicht gut für die Kinder“).




7. Entwickeln von Maßstäben für Fairness und Gerechtigkeit


Jede Familie hat eigene Fairness – und Gerechtigkeitsvorstellungen, die sich mit dem
Maßstab „Recht“ oft gar nicht decken. Es geht in der Mediation darum, die anderen Kriterien,
die für diese Familie Gültigkeit haben, herauszufinden. Wenn sie nicht erarbeitet werden,
besteht die Gefahr, dass die unausgesprochenen und gleichzeitig verschiedenen Maßstäbe die
zukünftigen Vereinbarungen wieder zum Kippen bringen. Außerdem wird für jedes Mitglied
ein Raster erarbeitet, woran es überprüfen kann, ob es die endgültige Vereinbarung
unterschreiben kann oder nicht.
Folgende Maßstäbe könnten hier gelten:
         Beziehung der einzelnen Familienmitglieder untereinander
         Interessen und Bedürfnisse der einzelnen
         Machbarkeit und praktische, wirtschaftliche Realität
         Frühere Vereinbarungen
         Wohl der Kinder
         Erhalt der gemeinsamen Elternschaft etc.
Die Fragen zu den Fairnesskriterien werden wieder an alle gerichtet und für alle getrennt
aufgeschrieben (hier muss auf die Unterstützung der Selbstbehauptung geachtet werden).
Diese Art von Fairnesskontrolle wird deutlich abgekoppelt vom Verhandeln und von der
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Entwicklung von Lösungen. Es geht bei diesem Schritt nicht um Lösungen, sondern um
Maßstäbe, an denen die Lösungen dann später gemessen werden können.(„Welche
Gerechtigkeit müsste es geben für Ihre Vereinbarungen, damit Sie das Gefühl haben
könnten, das kann ich unterschreiben.“)
       Ob es sinnvoll ist, Kinder und Jugendliche hier einzubeziehen, kann nicht generell
beantwortet werden, weil Verhandeln und Fairnesskontrolle Sache der Eltern ist. Die
Autoren betonen an dieser Stelle, dass diese Arbeit nicht nur möglich ist mit so genannten
„Intellektuellen“, sondern mit allen Medianden. Besonders Armutsfamilien sollen oft sehr
gut ausdrücken, welche Fairnessvorstellungen sie haben.




8. Mediieren der Rolle des Rechts


Das Recht ist ein wichtiger Bezugspunkt in der Mediation. Für manche Medianden ist es
sogar der Einzige, wie sie nur das wollen, „was gerecht ist und ihnen zusteht“. Manche
wollen sich dadurch lediglich nicht von den Normen der Gesellschaft entfernen, und andere
wollen es nur als Druckmittel benutzen.
Das Recht
      dient als Schutz für die Schwächeren
      bietet eine verlässliche Alternative, falls die Mediation misslingt
      gibt vielfältige Anregungen, wie vergleichbare Konflikte gelöst werden können etc.
In allen fünf Stufen der Mediation spielt das Recht eine unterschiedliche Rolle.
       In der ersten Stufe (Einführung und Arbeitskontrakt) kann bereits die Rolle des
Rechts mediiert werden. Z. B. eine erste Absprache, mit welcher Verbindlichkeit vorläufige
Vereinbarungen geschlossen werden sollen. Außerdem können noch die allgemeinen
Rechtsinformationen, z. B. durch den Mediator selbst (oder auf Merkblättern) erteilt werden
(Sorge - , Prozess -, Erbrecht, Unterhalt). Und auch die Klärung gehört dazu, welche Schritte
notwendig sind, um bestimmte Rechte nicht zu verlieren.
       In der zweiten Stufe (Themensammlung) treten oft Themen auf, wie z. B. Sorge – und
Umgangsrecht, Unterhalt, Zugewinnausgleich und Scheidungsantrag stellen. Hilfreich kann
sein, eine Umformulierung der juristischen Begriffe anzubieten: statt Sorgerecht
„Lebensmittelpunkt der Kinder“, statt Unterhalt „zukünftige Finanzierung der
Familienmitglieder“, etc.
                                                                                              20

       In der dritten Stufe (Optionen) spielt das Recht eher eine untergeordnete Rolle.
Dennoch es interessant zu sehen, welche Möglichkeiten für die Lösungen das Recht bietet,
wenn sich die Konfliktpartner mit ihrem Fall überfordert fühlen. Wichtig ist, dass die
MediatorInnen nicht darauf festgelegt sind, was die rechtliche Lösung wäre, denn es
verhindert die Einfälle für andere Möglichkeiten.
       In der vierten Stufe (Verhandeln und Entscheiden) hat das Recht viel Bedeutung. Es
werden kreative Beratungsanwälte gebraucht, die bereit sind, möglichst viele Alternativen
durchzurechnen und den Medianden sie mit allen rechtlichen Konsequenzen aufzuzeigen und
sie auch parteilich zu beraten. Spätestens hier ist es für die Konfliktpartner wichtig, die
eigenen Rechtspositionen genau zu kennen, bevor sie irgendeine Vereinbarung
unterschreiben. In dieser Stufe wird die Einbeziehung anderer Fachleute auch wichtig, z. B.
Steuer-, Renten-, Schuldnerberatung, Sozial- und Wohnungsämter. Erst nach den
entsprechenden Beratungen dort kann mediiert werden, wie die rechtsgültige Erarbeitung der
getroffenen Vereinbarung erfolgen soll. Am Ende stehen dann die Verhandlungsergebnisse,
die in einem Protokoll festgehalten werden müssen.
       In der fünften Stufe (?) wird geklärt, welche Rechtsform oder Verbindlichkeit für die
Vereinbarungen gewählt wird (Was heisst das genau?). Vielfach sind die Medianden in der
Gestaltung der Rechtsform frei, manchmal sind aber doch Formvorschriften zu beachten
(Übertragung von Grundstücken und Versorgungsausgleich). Das Recht kann ferner eine
Rolle spielen, wenn es um Abänderungsmöglichkeiten, Inkraftttreten oder Laufzeit der
Vereinbarung geht.
Methodisch wird oft folgendes Schema erarbeitet:
         Welche Bedeutung hat das Recht für jeden Medianden?
         Welche Relevanz soll es für jeden in dieser Mediation haben?
         Welche genauen Rechtsinformationen haben die Medianden zu ihren Fragen?
         Wie wollen die Medianden dieses Wissen mit ihren eigenen
          Gerechtigkeitsvorstellungen verbinden?
         Was heißt das für den konkreten Punkt, der gerade verhandelt wird?
      Wenn Kinder oder Jugendliche bei der Mediation einbezogen werden, klären wir mit
ihnen, was sie tun können, um ihre Rechte zu erfahren. Manchmal brauchen sie einen eigenen
Beratungsanwalt, z. B. bei Unterhalts- oder Ausbildungsansprüchen, das Recht auf einen
eigenen Wohnsitz oder die Teilhabe am künftigen Erbe.
                                                                                            21

IX. Einbeziehung von Beratungsanwälten und psychosozialen Fachleuten


A. Einbeziehung von Beratungsanwälten


Ist der Mediator nach dem Rechtsberatungsgesetz nicht selbst zur Rechtsberatung befugt, so
hat die Beratung durch die Anwälte der Parteien rechtzeitig zu erfolgen. Die Vereinbarung
erlangt erst nach parteilicher Rechtsberatung an Verbindlichkeit.
       In vielen Familienmediationen geht es leider um Rechtspositionen, die eingeklagt
werden können, auf die aber auch genauso gut verzichtet werden kann. Deshalb ist es wichtig,
die eigenen Rechte zu kennen, denn ohne diese kann eine selbst verantwortete Entscheidung
nicht getroffene werden. So gehört es zum Selbstverständnis, dass jede Konfliktpartei
verpflichtet wird, mind. einmal eine parteiliche Rechtsberatung einzuholen.
Die Beratungsanwälte können in verschiedenen Phasen der Mediation aufgesucht werden.
          Vor der Mediation: hier besteht die Gefahr, dass man zu sehr auf rechtliche
           Lösungen festgelegt wird.
          Nach dem Erstgespräch: Dieser Weg empfiehlt sich, wenn eine der Parteien völlig
           unrealistische Vorstellungen über ihre Rechtspositionen hat.
          Während des Mediationsprozesses: Zum Testen und Überprüfen, welche
           Optionen in die Vereinbarungen eingehen sollen und welche gerichtlich
           durchsetzbar wären.
          Während der Verhandlungen oder im Anschluss daran: Hier ist zu klären, welche
           Konsequenzen eine Vereinbarung haben kann und welche Vorschriften beachtet
           werden müssen.
Zu allem kann ein Fragenkatalog erarbeitet werden.
          Was sind meine genauen Rechte? Was steht mir zu?
          Welche Ansprüche habe ich?
          Wie kann ich meine Ansprüche durchsetzen?
          Welche Chancen hätte ich mit meiner Position bei Gericht?
          Welches Risiko habe ich, wenn es zu einem Gerichtsprozess kommt?
          Welche juristischen Alternativen gibt es? Wie sehen die genau aus?
Die parteiliche Rechtsberatung erfolgt in der Regel durch externe Beratungsanwälte, die die
Konfliktparteien jeweils getrennt aufsuchen. Als Mediator ist es günstig, mit einem Kreis von
Beratungsanwälten zusammenzuarbeiten. Diese sind meist auch Mediatorinnen oder
sympathisieren mit einvernehmlichen Regelungen. Wichtig ist, die Beratungsanwälte mit dem
                                                                                            22

Mediationsverfahren und den Bedürfnissen der Medianden vertraut zu machen. Denn die
Medianden brauchen die Bereitschaft des Anwalts, die entwickelten Optionen
durchzurechnen und über die jeweiligen Vor – und Nachteile zu beraten. Das setzt die
Bereitschaft voraus, mitunter die ausgetretenen juristischen Pfade zu verlassen.
Die Medianden müssen die Kosten für die Rechtsberatung selbst tragen. Das kostet für eine
Erstberatung inkl. MwSt. ca. 200 € . Bislang gibt es keine Prozesskosten - und
Beratungshilfe, auch die meisten Rechtsschutzversicherungen lehnen die Übernahme der
Kosten ab. (Laut der Autoren gibt es angeblich! politische Bemühungen, diesen Zustand bald
zu ändern.)




B. Einbeziehung von psychosozialen Fachleuten


Nach Erfahrungen in der Praxis ist es sinnvoll, für bestimmte psychologische, pädagogische
und sozialarbeiterische Sachverhalte entsprechende Fachleute mit zu den Mediatoren
einzubeziehen. Schon im Erstgespräch können die Ambivalenzen eines Paares auftauchen. In
dieser Phase kann es sinnvoll sein, die Fragestellungen und Dynamiken im Rahmen von
Paarberatungen oder Ehetherapie zu klären. Der Mediator sollte auf entsprechende
beraterische oder therapeutische Hilfen verweisen.
           Gleiches gilt auch für die Arbeit mit bestimmten psychischen Störungen, die bei den
Betroffenen durch Trennung oder Scheidung ausgelöst werden können. Es können dann
bestimmte Störungsbilder auftreten, für die ein diagnostisches und psychotherapeutisches
Fachwissen notwendig wird. Der Mediator muss entscheiden, ob ein Mediand in der Lage ist,
sich selbst zu behaupten und vertreten zu können, überhaupt weitreichende Entscheidungen
treffen kann, oder ob er besser bei Therapeuten und Abwälten geschützt ist.
           Ausserdem sollte der Mediator in Fragen von Sucht, Abhängigkeit und Co-
Abhängigkeit auf fachliche Hilfe hinweisen. Und er sollte darauf hinwirken, dass bei
zusätzlichen ökonomischen, betreuerischen Belastungen über Leistungsangebote der
Jugendhilfe und Sozialhilfe unterrichtet wird. Diese Fachleute können dann auf drei
verschiedene Arten mit einbezogen werden. Der Mediator kann
             die Medianden zum psychosozialen Fachmann mit bestimmten Fragestellungen
              schicken.
             Fachleute zur Information direkt in die Mediationssitzungen einbeziehen.
                                                                                           23


           Rücksprache mit diesen Fachleuten halten, um neue Hintergrundhypothesen
            sammeln zu können.
Mögliche Fragestellungen können dabei sein:
           Kann die Ambivalenz eher im Rahmen einer Therapie aufgelöst und geklärt
            werden?
           Wie sind die Symptome der Kinder einzuschätzen?
           Auf welche fachlichen, finanziellen betreuerischen Leistungen besteht ein
            gesetzlicher Anspruch? Wer kann diese Leistungen erbringen?
Für diese Fragestellungen kommen folgende Fachleute in Betracht: Psychotherapeuten,
Psychiater, Paar – und Familientherapeuten, Kinder – und Jugendlichenpsychotherapeuten,
Kinderpsychiater, Kinderärzte, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Erzieher und Pädagogen.
Adressenlisten mit Beratungsstellen, Praxen und Ämtern sind beim Suchen hilfreich.




X. Verhandlungsmodelle und Verhandeln


In vielen Familien gibt es meist Verhandlungsmodelle, die auch in der Vergangenheit
funktioniert haben. Aber oft sind ihnen ihre funktionierenden Erfahrungen und Modelle in
den Konflikten verloren gegangen. Aufgabe als Mediator ist zu mediieren, wie sie ihre
Ergebnisse verhandeln wollen. Das Mediieren der Verhandlungsmodelle und das eigentliche
Verhandeln wird vom Vereinbaren abgekoppelt. Es muss auch immer klar sein, dass über die
eigentlichen Verhandlungszwischenergebnisse noch weiter verhandelt werden kann und dass
sie immer wieder verändert werden können. Das bedeutet, dass zwischen Verhandeln und
Vereinbaren immer Zeit zur Überprüfung liegen muss, auch wenn alle noch so sehr drängen.
Beim Verhandeln geht die Frage an jeden der Konfliktpartner, was er oder sie denn
anzubieten hätten. Nicht über jedes Angebot muss diskutiert werden, sondern alle Angebote
werden gesammelt und zurückgegeben mit der Frage, was sie denn damit machen wollen
(„Was hat in der Vergangenheit in Ihrer Familie als Verhandlungsmodell gut funktioniert, mit
welcher Art zu verhandeln kämen Sie auch jetzt und in Zukunft gut zurecht?“, „Wie würde
jeder von Ihnen gern verhandeln?“).
           Die Frage der Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen ist nicht leicht zu
beantworten. Einerseits wäre es gut, wenn sie die Entwicklung von tauglichen
Verhandlungsmodellen und von mediativem Verhandeln mitbekämen – auch für eigenen
Konflikte in der Zukunft. Andererseits ist das eigentliche Verhandeln Sache der
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Erwachsenen, denn es kann nicht gut sein, dass die Kinder die immer wieder auftauchenden
Verletzungen der Erwachsenenebene mitbekommen („Ich will einen Ersatz für die miserable
Sexualität in unserer Ehe“). In weniger konfliktträchtigen Fällen ist es aber sinnvoll zu
mediieren, ob die Einbeziehung der Kinder nicht doch gewollt ist.




XI. Mediationsvereinbarungen


Nach den Richtlinien der BAFM (Bundesarbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation) ist das
Ziel einer Familienmediation eine einvernehmliche bindende Regelung bis hin zu einer
umfassenden, auch formell gültigen Vereinbarung. Alle Mediationseinrichtungen haben in
irgendeiner Form die Vereinbarung in ihrem Prozessplan (schriftlich oder mündlich).
Unterschiede bestehen im Grad der Rechtsverbindlichkeit und darin, wer diese verfasst. Es
gibt keine allgemeingültigen Regeln, wie eine Mediationsvereinbarung zu gestalten ist. Als
mögliche Vereinbarungsformen kommen in Betracht:
            Mündliche Vereinbarung der Medianden
            Protokolle der Sitzungen und Abschlussprotokoll
            Mediationsvereinbarung als Privatvertrag ohne Titulierungen
            Notarielle Vereinbarungen
            Protokollierung im Rahmen einen gerichtlichen Verfahrens
Auf folgende Kriterien ist zu achten:
            Die Veränderbarkeit und Überprüfungsmöglichkeit der Vereinbarung
            Die sprachliche Verständlichkeit für alle
            Die ressourcen – und zukunftsorientierte Formulierung
            Eine Präambel, welche Gerechtigkeitsvorstellungen der Konfliktpartner hinter
             dieser Vereinbarung stehen
            Die dokumentierte Zustimmung aller Konfliktpartner zu dieser Vereinbarung
             durch Unterschrift
Letztlich ist der gesamte Mediationsprozess eine in sich fortgeschriebene Vereinbarung: Sie
beginnt mit dem Kontrakt, geht weiter mit der Liste der Themen und Konfliktpunkte, der
wechselseitigen Akzeptanz der verschiedenen Interessen und Bedürfnisse der Übereinkunft,
der Optionen und Maßsstäbe für Fairness und Gerechtigkeit, der Abstimmung über das Recht
und über die Form der Vereinbarung. Insofern zieht sich das Mediieren von Vereinbarungen
durch den gesamten Prozess, hat aber seinen besonderen Platz im Erstgespräch und vor der
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Abfassung der Vereinbarung. Zum Schluss müssen alle Konfliktpartner ein von allen
unterschriebenes Exemplar der Vereinbarungen bekommen. Im Allgemeinen nehmen Kinder
und Jugendliche nicht daran teil, es sei denn sie wollen aus besonderen Gründen beim
Unterschreiben dabei sein. Die Mediatoren müssen darauf achten, dass Laufzeiten und
Überprüfungs – und Veränderungsmöglichkeiten möglichst konkret eingearbeitet werden
oder auch die Klausel, was passieren soll, wenn nur einzelne Bedingungen der
Vereinbarungen sich verändern.




XII. Übergangs – und Abschiedsrituale


Mit dem Ende des Mediationsprozesses beginnt meist für alle Mitglieder ein neuer
Lebensabschnitt und dann taucht manchmal der Wunsch nach einem Abschied auf. Es geht
dann um das Ende einer Partnerschaft einerseits und um den Übergang in die getrennte
Familie andererseits. Weder der Staat noch die Kirchen bieten ein Ritual bei Trennung und
Scheidung an. Sofern dieser Wunsch auftaucht, aber das ist ziemlich selten, müssen die Ideen
dazu wieder mediiert werden. Z. B.:
             Gemeinsames festliches Essen
             Letzte Sitzung mit der ganzen Familie, die Vereinbarung wird vorgelesen,
              Untermalung mit einem Blumenstrauss
             Mitgehen zur Unterschrift beim Notar, anschließend gemeinsames Essen oder
              Trinken
             zwei Stammbuchexemplare anfertigen, in die jeweils die
              Mediationsvereinbarungen eingelegt werden


Besonders für kleinere Kinder können Rituale sehr wichtig sein, weil sie ihnen Sicherheit
geben für das unsichere Neue. Sie brauchen solche Zeichen mehr als Jugendliche und
Erwachsene, die diese Schritte verstandesmässig versuchen, zu bewältigen. Auf jeden Fall
gibt das Raum für Abschiedsgefühle.
         Beim Mediieren des Übergangs in den Neuen Lebensabschnitt sollten die Kinder
und Jugendlichen einbezogen werden. Sie sind die Kreativeren im Erfinden von Formen, die
für die Familie passen könnten.
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XIII. Techniken in der Familienmediation


Fasst alle Techniken, die in den Familienmediationen angewendet werden, stammen aus der
systemischen Therapie. Wie in dieser Therapie, geht es auch hier um zukunftorientierte
Lösungen für Konflikte in Systemen, unter besonderer Berücksichtigung der
Ressourcenorientierung, der Optionalität und der positiven Wertschätzung.


1. Zusammenfassen


Das Zusammenfassen wird am häufigsten in Sätzen und Fragen verwendet, weil das Gesagte
dadurch gespiegelt und nochmals verstanden wird. Es wird zu einem Modell für die
Medianden, nicht mehr von Vorurteilen auszugehen, sondern von genau überprüften
Annahmen. Das Zusammenfassen hilft auch, die Hypothesen zu überprüfen und zu verändern
(„Für Sie geht es also mehr um den Erhalt Ihrer Ehe und für Sie mehr um Trennung.“, „Ich
möchte mal zusammenfassen, was ich bisher von Ihnen, Frau P., und von Ihnen, Herrn P.,
verstanden habe.“) Das Zusammenfassen wird mit Kindern und Jugendlichen genauso häufig
verwendet, weil es sehr verständnis – und prozessfördernd ist. Es werden aber noch kürzere,
einfachere Sätze und Fragen benutzt und es wird noch mehr Zeit zum Nachdenken und
Abwägen gelassen. Die Mediatoren versuchen für die Kinder die „Elternbotschaften“
herauszufiltern, um den Kern der „Kinderbotschaften“ genau zu verstehen („Aus dem, was
Du alles gesagt hast, habe ich verstanden, dass Du auf jeden Fall auch weiter Kontakt zu
Deinem Vater behalten willst. Habe ich das richtig verstanden?“, „Deine Schwester kann sich
eher vorstellen, öfter zwischen den Eltern hin und herzufahren, und ich höre, Du hast da
andere Vorstellungen. Habe ich das richtig verstanden?“).




2. Fokussieren


Das ist eine Art der Zusammenfassung mit einer Verschärfung auf einen bestimmten
Konfliktpunkt hin; und zwar, um diesen zu überprüfen und ihn für den Fortgang des
Prozesses fruchtbar zumachen. Das Fokussieren wird in der Mediation nicht (!) zur
Intensivierung der Gefühle oder Beziehungen in der Familie benutzt. („Ihnen, Frau P., geht es
also eher um die Regeln für die Kinder, und Ihnen, Herr P., eher um die genauen Zeiten mit
                                                                                              27

den Kindern- sehe ich das richtig?“) Bei den Kindern und Jugendlichen wird ganz bewusst
mehr Zeit zum Hören, Verstehen, Nachdenken und Abändern gelassen („Meinst Du damit so
eine Art Tafel, auf der Ihr alle Eure Wünsche aufschreiben könnt.“).




3. Normalisieren


Diese Technik wird verwendet, wenn Familien und Paare sich einigeln in ihre Problematik
und keine Öffnung und keine Lösungen sehen können, nur sich selbst als einzige in dieser
Not. Das Normalisieren kann viel von der Scham einer Familie dämpfen und ihr
Selbstwertgefühl wieder stärken („Vielen Elternpaaren fällt es erst schwer, sich vorzustellen,
ihre Kinder mit in die Mediation einzubeziehen.“, „Viele Familien in Ihrer Situation haben
diese Probleme und finden dafür Lösungen.“)
         Bei Kindern und Jugendlichen verwendet man diese Technik noch vorsichtiger, aber
es tut ihnen gut zu sehen, dass sie nicht die einzigen sind, die diese Art von Problemen haben.
Jugendliche sind besonders dankbar, wenn sie aus der merkwürdigen Haltung
herauskommen, mit der viele Mitmenschen sie betrachten und anreden: „Arme
Scheidungskinder!“ oder „Arme Kinder mit vielen Stiefgeschwistern.“(„Hier bei mir in der
Mediation sind viele Familien mit den gleichen Problemen, wie Ihr sie jetzt habt. Willst Du
von mir wissen, was die sich so alles ausgedacht haben.“)




4. Paraphrasieren (= positives Umformulieren oder Reframen)


Diese Technik kann man am besten als „Übersetzen“ bezeichnen, weil es am sachlichsten die
verschiedenen Aspekte ausdrückt, die damit praktiziert werden. Es geht zum Einen um die
Verstehensebene zwischen den Konfliktpartnern untereinander und zum Anderen zwischen
den MediatorInnen und den Medianden. Es geht hier nicht um Gefühle und
Beziehungsblockaden und deren Auflösung, sondern um eigenes und gegenseitiges Verstehen
der Interessen hinter (!) den Konflikten. Deshalb wird diese Technik als
„Übersetzungstechnik“ verwendet. Mit dem Paraphrasieren werden emotional oder negativ
beladene Aussagen gewissermassen umschrieben und eine für alle gültige neutrale Aussage
herausgefiltert, die den weiteren Verhandlungsprozess möglich macht. Diese
Übersetzungstechnik brauchen wir auch für Kinder und Jugendliche, um neutrale Aussagen
                                                                                               28

und zukunftsorientierte Neuformulierungen, aber auch direkte positive Umformulierungen zu
finden. Kinder und Jugendliche selbst brauchen eigentlich wenig Übersetzungen, denn es geht
überwiegend um die Elternaussagen: Sie sind für den Streit ihrer Eltern taub geworden und
sind froh, wenn sie die Kernaussagen ihrer Eltern in neutralen Formulierungen hören. Bsp.
(„Eure Eltern haben hier schon viele Punkte erarbeitet, die Euch das weitere Leben in einer
getrennten Familie erleichtern werden.“, „Mit Umgangsrecht und Unterhalt auf ihren Listen
meinen Deine Eltern, dass sie beide auch weiterhin mit Zeit und Geld für Dich sorgen wollen.
Ich glaube, dass steckt hinter dem Streit, den Du immer hörst.“)




5. Partialisieren


Das ist ebenfalls eine lösungsorientierte Technik und keine, die auf Beziehungen und Gefühle
abgestellt ist. Insofern kann man damit die Gefühls- und Sachebene trennen. Genau gemeint
ist der Versuch, die großen Konfliktpakete in kleinere, besser verhandelbare zu unterteilen.
(Bsp. „Viele große Konfliktpunkte können später leichter verhandelt werden, wenn man
versucht, in kleinere Punkte zu unterteilen. Wie würden Sie das beim großen Punkt
Sorgerecht versuchen?“)
          Kinder und Jugendliche mögen diese Technik, weil sie ihrem Denken und Handeln
im Alltag entgegenkommt. Es hilft ihnen erstmal für kleine Schritte und Entscheidungen
wieder Vertrauen zu lernen, das sie durch die Trennung in die Verlässlichkeit ihrer Eltern oft
verloren haben. (Bsp. „Du siehst, der Punkt Taschengeld ist für Dich jetzt noch nicht zu
klären. Gibt es etwas, was mit Geld zu tun hat und jetzt für die nächsten drei Wochen
entschieden werden muss, bis wir uns wieder treffen?“)




6. Zukunftsorientieren


In fast allen Familienmediationen kann man beobachten, dass alte Regelungsmuster, alte
Konfliktlösungsmuster, alte Verhandlungsmodelle nicht mehr taugen. Daraus entsteht oft eine
scheinbare Aussichtslosigkeit der Konflikte, und zwar besonders, wenn die Parteien weiter
zusammen leben müssen. (Bsp. “Wenn Sie mal drei Jahre weiterdenken, wie möchten Sie
dann leben?“, Welche Arten von Verhandeln würden Ihnen auch in Zukunft besser
gefallen?“)
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         Diese Technik ist mit Kindern nicht so wesentlich, eher schon mit Jugendlichen,
weil sie Vorstellungen von Zukunft haben. Für sie ist es wichtig, dass positive Visionen für
die Zukunft entwickelt werden und dass es eine Sicherheit von Regelungen durch die Eltern
dafür gibt. Für Kinder läuft diese Technik eher auf der Ebene von Wünschen und
Hoffnungen. Von MediatorInnen wird die Technik hier eher vorsichtig verwendet, um keine
falschen Hoffnungen zu wecken. (Bsp. “Deine Eltern sind hier, um sich für Dich Gedanken
zu machen, dass es dir auch morgen, nächste Woche, an Deinen Geburtstagen, in den Ferien
und auch zu Weihnachten gut gehen soll.“).




7. Positives Feedback


Das ist eher eine Haltung als eine Technik und heisst für MediatorInnen, sich immer wieder
der Schwierigkeit bewusst zu werden, Veränderungen und neue Spieleregeln für Konflikte zu
lernen. Und es gilt auch zu beachten, wieviel positive Unterstützung jeder Mediand selbst für
die kleinsten Ansätze braucht und auch, dass für jeden ein kleines Maß an Lob nötig ist. Die
MediatorInnen versuchen auch hier auf der Sachebene zu bleiben und nicht in die
Beziehungsebene zu gehen, denn sie sollen Vermittler bleiben und alle Schritte würdigen, die
die Konfliktpartner selber machen. Bsp. („Mit wem können sie Ihre Lösungen durchsprechen,
damit sie merken können, wie gut sie sind?“, „Sie haben jetzt schon neun Alternativen für Ihr
zukünftiges Wohnen gefunden – ganz schön viel.“)
         Für Kinder und Jugendliche ist diese Art der Haltung notwendig, weil sie leider
häufig große Versagens- und Schuldgefühle haben und Unterstützung darin brauchen, in ihrer
Familie wieder etwas gut finden zu können. Damit die gefundenen Regelungen auch gut
funktionieren können, brauchen sie die Anerkennung für die Arbeit ihrer Eltern oder auch für
ihre eigene Arbeit.




8. Arbeiten mit der Variablen Zeit


Es geht hier um die verschiedenen Möglichkeiten, mit Zeit umzugehen: Zeit für die
Entwicklung einer Familie, Zeit für die verschiedenen Stufen der Mediation; schnelles oder
verlangsamtes Tempo für spezielle Teile im Prozess. In manchen Fällen reicht eine
Kurzmediation, in anderen braucht man Langzeitmediationen. Für bestimmte Entwicklungen
                                                                                             30

braucht man Pausen und Unterbrechungen und andere Etappen könnten vielleicht
übersprungen werden. Auch die Veränderbarkeit von Vereinbarungen gehört letztlich zum
Zeitmanagement. Besonders in der Trennungs – und Scheidungsmediation spielt der
Zeitfaktor eine große Rolle. Wenn in einer Familie z. B. lange Zeit nach der Scheidung die
Trauerprozesse immer noch nicht abgeschlossen sind, macht es keinen Sinn, neue Unterhalts-
und Umgangsregelungen zu mediieren, denn sie werden nicht halten. Hier müssen vorläufige
oder Übergangsregelungen geschaffen werden. (Bsp. „Wann und wie soll diese Vereinbarung
noch einmal oder wieder überprüft werden?“, „Was schätzen Sie, wie lange Sie brauchen
werden für das Ausprobieren Ihrer Übergangslösungen?“). Das letzte Beispiel zeigt, dass
manche Stufen mehr Verlangsamung brauchen, andere eher ein Beschleunigen. Wenn es
Blokaden oder Widerstände gibt, kann man Etappen überspringen und gleich zu den
Fairnesskriterien gehen. Auf die Einschätzung richtiger Zeitpunkte kommt es hier an. Der
Faktor Zeit muss mediiert werden, damit sich alle auf eine bestimmte Anzahl von Sitzungen
einstellen und ein inhaltliches Zeitmanagement darauf ausgerichtet werden kann.
         Kinder und Jugendliche reagieren unbarmherzig auf zu schnelle oder zu langsame
Prozesse. Haben die MediatorInnen kein gutes eigenes Gefühl für angemessenes
Zeitmanagement, können die Kinder mit Blockaden reagieren. Deshalb sollte man sich vorher
einen Zeitplan erstellen und zwischendurch immer wieder fragen, ob es zu schnell oder zu
langsam geht oder eine Pause gebraucht wird.




9. Differenziertes Fragen


Das methodische Fragen ist das wichtigste Handwerkszeug in der Mediation. Wenn bewusst
und methodisch gefragt wird, ist das eine Intervention, die zu tieferem Verständnis der
eigenen Bedürfnisse oder zu den der anderen führen kann. Hilfe kann man sich holen im
Fragenmodell von K. Tomm. Tomm geht von einem verschieden wirkenden Bewegungskreis
von Fragen aus, die er spezifiziert in linear-strategisch-zirkulär-reflektiv.
Lineare Fragen:
(Beispiele : „Was wollen Sie hier klären?“, „Wer tat was, wann, wo?“, „Wer von Ihnen ist
ausgezogen?“. Das sind Orientierungsfragen, untersuchende Fragen, Fragen zum Sammeln
von Daten, Fakten und Sachverhalten. Es sind auch Informationsfragen mit
Orientierungsabsicht. Sie sind notwendig für die Datensammlung.
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Die meisten Fachleute sind bemüht , die eigentlichen Wünsche der Kinder und Jugendlichen
herauszufinden, um gute Entscheidungen treffen zu können. Es hat sich aber gezeigt, dass
diese direkten Befragungen bei ihnen keineswegs befriedigende Ergebnisse bringen,
besonders nicht bei kleinen Kindern. Sie können auf direkte und lineare Fragen fast nie direkt
antworten. Die Autoren halten die linearen Fragen für Fragen, die die Kinder und
Jugendlichen nicht in ihrem Konflikt schützen, sondern eher noch tiefer in ihre
Loyalitätskonflikte bringen. Sie raten deshalb, von dieser Form des Fragens in der Mediation
ab.
Strategische Fragen:
(Beispiele: „Wäre es Ihnen nicht lieber, dass Ihr Mann die Scheidung einreicht?“, „Wann
endlich wollen Sie die Verantwortung für Ihre eigenen Verdienstmöglichkeiten
übernehmen.“). Strategische Fragen sind eher richtungweisend und konfrontierend, auch
lenkend und korrigierend. Man kann damit beeinflussen und kontrollieren und sogar
manipulieren. Solche Fragen sind wegen ihrer Autonomie einschränkenden Wirkung
unbrauchbar und erzeugen Widerstand. Medianden fühlen sich dadurch oft angegriffen,
entwickeln Ängste und Anpassungstendenzen statt eigener Ideen und Antworten. Jugendliche
wehren sich fast immer dagegen, Kinder sind ihnen hilflos ausgeliefert. Deshalb werden sie
besser nicht angewendet.
Zirkuläre Fragen:
(Bsp.: „Wer ist sonst noch von Ihrer Scheidung betroffen?“, „Wenn Ihre Tochter hier wäre –
welche Ideen hätte sie noch dazu?“).
Neben der akzeptierenden und befreienden Wirkung dieser Fragen werden Muster und
Zusammenhänge, wiederkehrende Modelle offen gelegt und Unterschiede klar gemacht.
Zirkuläre Fragen können für Kinder und Jugendliche verwendet werden, weil sie schützend
sind. Man soll dabei nicht zu viel in eine Frage oder Rede packen. Man darf auch auf keine
antwort bestehen, wenn keine kommt. Denn manchmal kommen die Antworten dann an ganz
anderen Stellen. Auch hier soll man optional denken und Kindern die Wahl lassen (Bsp.
„Was könntest Du Dir noch vorstellen – ... und noch etwas?“, „Kannst Du Dir vorstellen, was
Dein kleiner Bruder braucht, damit er nicht das Gefühl hat, er verliert seinen Vater?“)
Reflektives Fragen ( = reflexives Fragen:)
(Bsp.: „Angenommen, es gäbe Ihre Finanzprobleme nicht, wie sähen dann Ihre
Entscheidungen aus?“, „Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich für Ihre
Zukunft wünschen?“).
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Diese Art zu fragen ist am förderlichsten und kreativsten. Diese Fragen lösen leichter
produktive Veränderungen und Autonomieprozesse aus. Selbstheilungskräfte werden
mobilisiert und Möglichkeiten für die Neuorganisation aktiviert. Es lässt sich eine positivere
neue Sicht und Bewertung der Situation fördern (zukunftsorientiert). Durch das Fragen nach
Unterschieden können völlig neue, nie gedachte und gesehene Perspektiven aufgezeigt
werden. Es sind ebenfalls schützende Fragen und eignen sich für Kinder und Jugendliche. Sie
kommen dem Denken und den Vorstellungen von ihnen besonders nahe. Die Antworten,
Bilder und Vorstellungen der Kinder setzen bei den Erwachsenen evtl. etwas in Gang, was sie
sich vielleicht nicht zu denken oder zu wünschen getraut haben. Bsp.(„Angenommen, Deine
beste Lösung für Dich geht nicht, was wäre dann Deine zweitbeste, welche Deine drittbeste
?“, „Wenn Du einen Zauberstab hättest, was würdest Du jetzt zaubern für Dich und Deine
Familie ?“). Trotzdem müssen sich MediatorInnen immer wieder klar machen, dass sie
lediglich den Auftrag haben, Mediation zu machen und nicht eine therapeutische Sitzung zu
leiten, wobei dann schmerzliche Gefühle vertieft oder Trauerprozesse eingeleitet werden
würden.




10. Visualisierungstechniken


Für alle Visualisierungsmöglichkeiten gelten folgende Prinzipien:
         Alle Daten, Fakten, Vorgänge, Entscheidungen sollten für alle Beteiligten
          veröffentlicht und visualisiert werden.
         Nichts sollte verloren gehen.
         Die Ressourcen sollten immer sichtbar sein.
         Die Sach – und Regelungsebene sollte für alle sichtbar und verstehbar sein.
         Die Visualisierung sollte so sein, dass Veränderbarkeit nicht ausgeschlossen wird.
Wir brauchen also viel freie Wandfläche, um all die erarbeiteten Papiere aufhängen zu
können. Mit knappen Abkürzungen und guter, schneller Schrift wird die Mediation am
Laufen gehalten. Die Frage des Datenschutzes für diese Blätter muss gut geklärt werden. Für
Kinder und Jugendliche ist diese Art zu arbeiten ein vertrautes Medium, z. B. aus den
Schulen und vom Computer her. Die Verwendung von verschiedenen Farben und Symbolen
und Farben ist empfehlenswert.


Mutter               Vater                Kind 1           Kind2              Kind3
                                                                                            33




Diese Grafik brauchen wir in fast allen Stufen und sie sind gleichzeitig auch immer Protokoll.


Eine weitere Form der Visualisierung ist die Arbeit mit Plänen und Listen. Die Muster für
Betreuungs – und Haushaltspläne werden oft schon im Erstgespräch mitgegeben mit der
Bitte, darüber nachzudenken und diese schon auszufüllen. Mit den Haushaltsplänen kann man
schon in der zweiten Sitzung beginnen, falls die Fragen von Unterhalt und Finanzierung sehr
drängen.
           Die Kinder und Jugendlichen werden bei dieser Visualisierung auch hier nicht
einbezogen, weil häufig nochmals heftiger Streit auftaucht.
           Die Betreuungspläne lassen die Mediatoren als so genannte Wunschpläne ausfüllen.
In gemeinsamen Sitzungen versuchen die Eltern dann, daraus einen gemeinsamen Elternplan
zu bauen. Solche Betreuungspläne kann man auch Zuständigkeitspläne nennen. Sie bringen
häufig hohe Versachlichung in die hitzige Debatte um das Sorgerecht. Die Zeiten anderer
Betreuungspersonen außer der Eltern, die genauen Übergabezeiten und die Kontakte mit
eventuellen neuen Partnern müssen mediiert werden. Nicht zu vergessen sind dabei, die
Regelungen für Fest – und Feiertage, für Ferien, Urlaubszeiten etc. Sehr selten müssen diese
Beteuungspläne schon im Erstgespräch bearbeitet werden, nämlich, wenn eine Notlösung
erforderlich ist. Auf der anderen Seite muss im Laufe einer Mediation auch zwei oder
mehrmals an einem Betreuungsplan gearbeitet werden, weil sich Wohnsituation, Bedürfnisse
oder andere Bedingungen verändern.
           Auch in die Arbeit mit diesen Plänen beziehen wir Kinder und Jugendliche im
Allgemeinen nicht ein, es sei denn sie machen völlig selbständige Zeitplanungen schon für
sich. Generell werden sie in diese Sitzungen erst einbezogen, wenn die Pläne schon fertig
sind. Die Praxis der Mediatoren zeigt, dass die Arbeit mit Haushalts – und Betreuungsplänen
eine ziemlich anstrengende, aber lohnende Arbeit ist und zwar weil man sich in das gesamte
Haushalts – und Wertesystem einer Familie begeben muss und weil die Familie selbst ein
Modell an die Hand bekommt mit dem sie Ähnliches in der Zukunft selbst regeln kann.
           Beim Arbeiten mit ökonomischen Bildern ist es sinnvoll mit einer übersichtlichen,
nicht juristischen Zusammenstellung und Übersicht über die Gelder und „Schätze“ einer
Familie zu arbeiten, also mit den Werten und Lebensgrundlagen der Familie. So ein
Gesamtbild ist wichtig, weil bei der Erarbeitung der Haushaltsbudgets oft nur jeder seine
                                                                                            34

eigene Seite im Auge hat. Das bedeutet aber, dass alle derzeitigen Einkommensmöglichkeiten
offen gelegt sein müssen, sowie vorhandene Gelder auf allen Konten und sonst wo. Der Sinn
ist, die finanziellen und anderen Ressourcen aufzuzeigen. Danach sind manche Familien ganz
überrascht, dass sie gar nicht so arm sind wie sie dachten.
         Das ökonomische Bild selbst wird von den Mediatoren erstellt. Z. B. durch farbige
Kleeblätter, die im Verlauf der Mediation beschriftet, verändert und anders zugeordnet
werden können. Bei der Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen muss auch deren
ökonomische Situation mit aufgezeichnet werden. Häufig verfügen sie nämlich über
beträchtliche Einnahmen und Ausgaben, die mit einzuordnen sind. Zunächst ist die
Erarbeitung des Bildes Elternsache und die Konfrontation der Kinder damit, muss mediiert
werden. Beispielsweise beim Erbe, bei den Ausbildungskosten, Taschengeldern und dem
Kinderkonto.
         Eine weitere Visualisierungsmöglichkeit ist die Arbeit mit Sozio- bzw.
Genogrammen. D. h., dass wir bei besonders komplizierten Familiensystemen, wie
Pflegefamilien, neu zusammengesetzten Familien oder Adoptivfamilien mit zusätzlichen
eigenen leiblichen Kindern eine Grafik von dieser komplexen Gestalt einer oder mehrerer
Familien zeichnen. Man kann dann sehen, zwischen wie vielen verschiedenen Systemen
Kinder wechseln müssen und für welche Systeme Regeln entwickelt werden müssen.
Besonders bei Pflegekindern und Halbgeschwistern sollte man die Kontakt – und
Umgangsmöglichkeiten auf Ressourcen und Machbarkeit abklopfen. Denn manchmal haben
selbst Eltern oder die anderen Bezugspersonen kein genaues Bild von dieser Komplexität, mit
der die Kinder leben und umgehen müssen. Bei der grafischen Gestaltung müssen die
sozialen Bezüge und die Möglichkeiten für die Mediationsvereinbarungen sichtbar werden
         Die Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen geschieht erst, wenn das
Soziogramm mit den Eltern erstellt worden ist.




XIV. Indikationen und Kontraindikationen


Die Frage nach der Indikation und den Grenzen der Familienmediation ist in Forschung und
Literatur bisher nicht hinreichend beantwortet worden. Eindeutige Kriterien, für welche
Familien die Mediation ein geeignetes Mittel ist und für welche nicht gibt es bisher kaum
(Bastine, Link, Lörch, 1992, S.379 ff.). Die grundsätzlichen Klärungsfragen sind, ob das Paar
für die Mediation geeignet ist, ob es sich vorstellen kann, mit diesen speziellen
                                                                                             35

MediatorInnen X/Y zu arbeiten, und ob die MediatorInnen mit diesem Paar arbeiten wollen –
oder können.
         Wenn Kinder und Jugendliche einbezogen werden sollen, wird gefragt, ob die Eltern
für diese Kinder gemeinsam verantwortlich bleiben, ob sie mit der Einbeziehung der Kinder
tatsächlich einverstanden sind und ob die MediatorInnen mit diesen Kindern arbeiten können.
         Bei positiver Indikation wird davon ausgegangen, dass sämtliche
Familienmitglieder bereit und in der Lage sind, am Mediationsprozess teilzunehmen und zu
einer Vereinbarung kommen werden. Das ist die Grundannahme! Im Erstgespräch und in
weiteren Sitzungen wird geprüft, ob die Teilnehmer ihre Interessen ausreichend vertreten
können und auch willens sind, die Interessen der anderen bei ihren Entscheidungen
einzubeziehen, also Wechselseitigkeit und Gemeinsamkeit haben. Das sind die
grundsätzlichen Ansätze für Verhandlungsbereitschaft.
         Bei eingeschränkter Indikation wird sorgfältig darauf geachtet, ob andere
Konfliktlösungsmodelle (z. B. das juristische) oder andere Angebote (z. B. Therapie und
Beratung die bessere Alternative für die Beteiligten wäre. Für solche Fälle gibt es einige
Beispiele, wie die Tatsache, dass keine Einigung darüber besteht, ob die Partner sich trennen
sich wollen (zuerst kann hier eine Mehrwegemediation versucht werden). Aber auch sich
bekriegende Partei - Anwälte und schier unvereinbare Gerechtigkeitsvorstellungen können
Mediationen scheitern lassen.
         Auch wenn eine oder mehrere Parteinen keine Zahlen oder Fakten offen legen, muss
ggf. auf das juristische System gewechselt werden.
         Oder wenn die Konfliktpartner nicht miteinander reden wollen oder können, geht
Mediation nicht.
         Auch bei Abbruchdrohungen oder bei hohem Konfliktpotential und körperlichen
Attacken ist Mediation nur eingeschränkt möglich.
         Kontra - Indikation besteht z.. B. bei Sucht – und Abhängigkeitskrankheiten falls
es keine Zeiten der Klarheit gibt, in denen selbst Vertretung möglich ist.
         Aber auch bei anderen schweren psychischen Krankheiten, insbesondere bei
Psychosen oder schweren Depressionen, die die Selbtbehauptung beeinträchtigen, und auch
bei Gewalt in der Familie und sexuellem Missbrauch kann Mediation ausgeschlossen sein.
         Bei den Indikationskriterien ist aber auf der Seite der Mediatoren zu beachten, dass
sie leider oft selbst das grösste Hindernis in der Mediation sind. Deshalb gehört die
Supervision zwingend zu ihrer Arbeit. Auf einer Fachtagung schätzte über die Hälfte der
Teilnehmer (47) ihre eigene Betroffenheit mit Problemen der Kinder in der Mediation als
                                                                                             36

Gefahr für ihre Arbeitsfähigkeit ein. Weitere 35 Teilnehmer äusserten ihre Betroffenheit
durch eigene Probleme mit Geld, Reichtum, Armut, Eigentum, Schulden etc. und andere
hatten Probleme durch eigene Einstellung zu Ehe und Trennung. D. h. für Mediatoren, dass
sie ihre biografischen und beruflichen Fallen erforschen müssen, damit sie nicht unbearbeitet
hochkommen und zu Kontraindikatoren werden. Wenn in so einem Fall auch Supervision und
Co –Mediatoren keine Klärung zur Arbeitsfähigkeit bringen, sollte die Mediation abgegeben
werden. Bei eingeschränkter oder Kontra – Indikation lehnen viele MediatorInnen ab, mit
einer Familie zu arbeiten, damit die Kinder unbeteiligt und geschützt bleiben. Aber die
Weigerung der Eltern, ihre Kinder direkt einzubeziehen ist für uns generell keine Kontra –
Indikation.
          Wenn von den Medianden die Beratungsanwälte verweigert werden, sollte unter
dem Aspekt der eigenen Haftung der Mediatoren die Indikationsfrage genauestens geprüft
werden.




XV. Abschliessende Fragestellungen


1. Bei 10000 Scheidungen pro Jahr, wovon 5000 mit Kindern dabei sind gibt es eine
   Beratungsstelle für Mediation in Berlin. Es fragt sich, ob es nur Ausbilder und die
   Ausbildung zu MediatorInnen gibt und ob diese auch genügend Anfragen haben? Wenn
   ja, warum gibt es nicht mehr Beratungsstellen?


2. Wie bekannt ist Mediation in der Bevölkerung? Weiss inzwischen wirklich jeder, was das
   ist? Könnte man bei den Personen, die behaupten von Mediation immer noch nichts
   gehört zu haben, sagen, dass sie sich der Realität sperren? Denn immerhin gab ja
   ausführliche Informationsartikel in einschlägigen seriösen Zeitschriften. Das Thema
   existiert in Deutschland seit 1989!


3. Grundsätzlich kann man sich fragen, warum betroffene Personen z. B. nicht vermehrt in
   Paar – und Systemtherapien oder in Mediationen gehen?


4. In Mediationen geht es möglichst um Gewinner – Gewinner – Lösungen. Aber unsere
   Gesellschaftsform fördert nun einmal Konkurrenz – und Leistungsdenken. Liegt es da
                                                                                        37

   nicht viel näher, Gewinner – Verlierer – Lösungen anzustreben, um z. B. erlebte
   Kränkungen wieder auszugleichen.


5. Kann es eigentlich Zufriedenheit durch Mediation geben, oder schafft Mediation einfach
   nur Lösungen?


6. Kann Mediation in einem patriarchalischen System eigentlich wirklich gerecht sein? Oder
   ist diese Gerechtigkeit nur ein Ideal?


7. Ist Familienmediation mit sämtlichen Bevölkerungsschichten durchführbar oder doch nur
   für Intellektuelle geeignet?




Literatur:
Diez, Krabbe, Thomsen (2002). Familienmediation und Kinder. Grundlagen – Methodik –
Techniken, Bundesanzeiger Verlagsges. mbH, Köln.
Montada, Kals (2001). Mediation. Lehrbuch für Psychologen und Juristen,
Psychologieverlagsunion, Weinheim.
Schilling (Hrsg.). (1996). Wege aus dem Konflikt. Von Therapie bis Mediation:
Professionelle Unterstützung von Kindern und Eltern bei Trennung und Scheidung. Matthias-
Grünewald-Verlag, Mainz.
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