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Auch Kinder haben Rechte - Fachtagung des ADFC

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Auch Kinder haben Rechte - Fachtagung des ADFC Powered By Docstoc
					                         Auch Kinder haben Rechte -
                    Ökologische Kinderrechte und Agenda 21
Lassen wir vorab Kinder und Jugendliche zu Wort kommen:

„Warum haben wir kein Recht, auf einer unvergifteten Erde zu leben?“ Gerhard, 10 Jahre

„Resignation ist einfach, aber unsere Welt ist viel zu schön, um sie kampflos aufzugeben!“ Antje,
20 Jahre

"Immerhin leben wir auch hier und viele Dinge, die passieren, gehen auch uns etwas an!" Eva,
11 Jahre

Aussprüche, die im Rahmen einer bundesweiten Zukunftswerkstatt zum Thema „Kinder-Rechte auf
eine gesunde Umwelt“ von Kindern und Jugendlichen fielen und die Ernsthaftigkeit zeigen, mit der
Kinder und Jugendliche sich mit ihrer Umwelt auseinander setzen. Kinder und Jugendliche sind die
Erwachsenen von morgen. Weltweit gesehen, sind ein Drittel der Menschen auf unserem Erdball
Kinder und Jugendliche. Sie leben in der Welt, die wir Erwachsene ihnen hinterlassen und sie haben
dazu ihre eigenen Vorstellungen, Wünsche und Visionen. Soziale, ökonomische, kulturelle und
ökologische Rahmenbedingungen prägen unsere Umwelt. Nicht nur Erwachsene sondern auch
Kinder und Jugendliche haben ihre eigenen Bedürfnisse und Rechte. Und um die geht es und zwar
um die Ökologischen Kinderrechte und ihre Umsetzung.

Zunächst zeigen wir auf, was Ökologische Kinderrechte sind, wie sie sich rechtlich ableiten und
welche Forderungen daraus resultieren. Dann gehen wir auf den Zusammenhang zwischen
Ökologischen Kinderrechten und der Agenda 21 ein und was daraus für ihre Umsetzung folgt. Die
Agenda 21 hat einen hohen Bildungsanspruch, der sich in Bezug auf die Teilhabe von Kindern und
Jugendlichen am öffentlichen und politischen Leben der Kommune bewähren muss. An Beispielen
zur Partizipation von Kindern wird deutlich, wie Kinder in die aktive Gestaltung ihrer
Lebensumwelt einbezogen werden können. Zum Abschluss nennen wir weitergehende Forderungen
und Visionen, Ökologische Kinderrechte und Agenda 21 vor Ort umzusetzen.

1.     Was sind Ökologische Kinderrechte?

1.1    Definition der Ökologischen Kinderrechte

Ökologische Kinderrechte, wie sie die National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechte
in Deutschland definiert, stehen für das Recht eines jeden Kindes und Jugendlichen auf dieser
Welt, in einer intakten Umwelt aufzuwachsen, ein gesundes Leben zu führen und positive
Zukunftsperspektiven zu entwickeln (1).

Ökologische Kinderrechte verstehen sich als Querschnittsaufgabe und haben einen sehr
umfassenden Anspruch. Sie stehen für eine Bewegung, in der verschiedene Ansätze interdisziplinär
gebündelt werden, mit dem Ziel, den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen zu sichern und
lebenswerte, positive Lebensstile in einer zukunftsfähigen Gesellschaft zu entwerfen. Sie sind noch
nicht rechtlich verbindlich und werden in vielen Ländern ignoriert und massiv verletzt. Ihre
rechtliche Umsetzung wäre mit erheblichen positiven Konsequenzen für das gesundheitliche Wohl
der Menschen und den Schutz der Umwelt verbunden.

In der Bundesrepublik sorgt die National Coalition für die Umsetzung der Kinderrechte dafür, dass
die Forderungen der Ökologischen Kinderrechte in die Bundespolitik Eingang finden. In der

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National Coalition, die es seit 1995 gibt, sind über 100 Organisationen zusammengeschlossen. Ihr
Ziel ist es, Verantwortungsträgern in allen politischen Bereichen von Bund, Ländern und
Gemeinden sowie auf EU-Ebene immer wieder deutlich zu machen, welche Verpflichtungen aus
der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen folgen und welche politischen Anstrengungen
unternommen werden müssen, um die Rechte der Kinder zu verwirklichen. Kinder meint in diesem
Zusammenhang Kinder und Jugendliche von 0 bis 18 Jahren (2).

Medizinische und psychologische Studien (Petri 1992; Gebhard 1994; Bilger 2000) belegen eine
Zunahme kindlicher Belastungen durch Umweltzerstörungen und Umweltgifte, sowohl physisch als
auch psychisch: Aufgrund ihres sensibleren Organismus leiden Kinder und Jugendliche unter der
wachsenden Vielzahl von Schadstoffen in höherem Maß als Erwachsene. Kinder und Jugendliche
erkennen den bedrohlichen Zustand, in dem sich die Erde befindet. Umwelt- und Zukunftsängste
steigen, was fatale Folgen für die psychische Entwicklung junger Menschen hat. Andererseits
äußern sie auch Sehnsüchte nach intakter Natur und einem Leben in Einklang mit der Natur.

Unsere Lebens- und Wirtschaftsweise hat Auswirkungen auf die Lebensbedingungen von Kindern
hier und in der Einen Welt. Die Umsetzung der Ökologischen Kinderrechte trägt deshalb zu sozialer
Gerechtigkeit und zu einer Verbesserung der Entwicklungschancen von Kindern bei und wendet
sich gegen die fortschreitende Umweltzerstörung. Dies stellt eine Herausforderung zu einem
ganzheitlichen, interdisziplinären Vorgehen von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und
Fachdisziplinen dar wie sie in der Medizin, Psychologie, Pädagogik, in Recht und Politik zu finden
sind. Ökologische Kinderrechte münden in Forderungen nach einer wirksamen Umweltpolitik und
einer Gesundheitspolitik, die im Interesse von Kindern und Jugendlichen handeln. Sie fordern
außerdem die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an der gesellschaftlichen und politischen
Gestaltung ihrer Zukunft.

1.2    Rechtliche Grundlagen der Ökologischen Kinderrechte

Die Ökologischen Kinderrechte leiten sich ab aus den UN-Kinderrechten, dem Grundgesetz der
Bundesrepublik Deutschland (GG) und dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG).

In der 1989 von den Vereinten Nationen verabschiedeten und 1992 auch von Deutschland
ratifizierten UN-Kinderrechtskonvention werden Kinder als Personen mit eigenständigen
Menschenrechten und der Fähigkeit, diese selbst auszuüben anerkannt. Gefordert sind Schutz und
Versorgung von Kindern ebenso wie deren gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft und die
Beteiligung von Kindern am politischen Prozess.

Insgesamt sind es 54 Artikel, die sich in drei große inhaltliche Säulen aufteilen lassen: in Schutz,
Förderung und Beteiligung. Als Basis fungieren die Artikel, die die Länder zur Umsetzung
verpflichten und das Dach darüber bilden die Artikel zum Kindeswohl allgemein.

Artikel 3 der UN-Kinderrechtskonvention besagt, dass bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen,
das Wohl des Kindes vorrangig zu berücksichtigen ist. Artikel 6 legt das Recht eines jeden Kindes
auf Überleben und Entwicklung fest und in Artikel 24 erkennen die Vertragsstaaten das Recht des
Kindes auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit an. In Artikel 12 ist das Recht der Kinder auf
freie Meinungsäußerung und Beteiligung festgeschrieben.

Mit Ratifizierung dieser Konvention hat sich die Bundesrepublik verpflichtet, nationale Gesetze den
Vorschriften der Konvention anzugleichen und eine entsprechende Politik zu betreiben. Das
bedeutet, die Konvention ist nicht direkt einklagbar, daher ist Lobbyarbeit und Druck durch
öffentliche Meinung ein wesentlicher Motor zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention. Und


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auf dieser Ebene sind PolitkerInnen, VerbandsvertreterInnen, LehrerInnen, MitarbeiterInnen der
Kinder- und Jugendarbeit, Eltern als Lobbyisten für Kinder und Jugendliche gefordert.

Nach Artikel 20a des Grundgesetzes ist der Staat verpflichtet, in Verantwortung für die künftigen
Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen.

Das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) fordert in §1, Abs. 3, Nr. 4: „Die Jugendhilfe soll
dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine
kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen." In § 8, Abs.1 heißt es:
"Kinder und Jugendliche sind entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden
Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe zu beteiligen." Die Jugendhilfe hat die Aufgabe, aktiv
die Rahmenbedingungen für eine menschenwürdige Kindheit zu gestalten.

Was sagen Kinder selbst zu ihren Rechten?
Bei der 1999 bundesweit vom Deutschen Kinderschutzbund und vom Deutschen Kinderhilfswerk
durchgeführten Kinderrechtewahl, an der sich ca. einhunderttausend Kinder in der Bundesrepublik
beteiligten, gingen als wichtigste Kinderrechte in Deutschland hervor:
1. das Recht auf Gleichheit
2. das Recht auf gewaltfreie Erziehung
3. das Recht auf freie Meinungsäußerung
1998 war das Recht auf gewaltfreie Erziehung an erster Stelle.

1.3    Forderungen zur Umsetzung von Ökologischen Kinderrechten

Aus den gesetzlichen Grundlagen ergeben sich Forderungen zur Umsetzung von Ökologischen
Kinderrechten. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf Kinder als Menschen in einem besonderen
Lebensabschnitt, mit eigenen Bedürfnissen aber auch eigenen Interessen und Rechten. Das erfordert
eine Gesellschaftspolitik, die die Bedürfnisse und Interessen der Kinder und Jugendlichen in den
Mittelpunkt stellt. Vier Hauptforderungen ergeben sich für die Umsetzung der Ökologischen
Kinderrechte:

1. Maßnahmen gegen Umweltzerstörung ergreifen!
Aus medizinisch-gesundheitlicher Sicht sind Maßnahmen zu ergreifen, um die zunehmende
Umweltverschmutzung und die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen aufzuhalten.

2. Gesundheitspolitik im Interesse der Kinder fördern!
Die Gesundheitsfürsorge soll sich an dem ganzheitlichen Gesundheitsbegriff der WHO orientieren,
der insbesondere die Mensch-Umwelt-Beziehungen berücksichtigt und eine optimale
Gesundheitsvorsorge in den Vordergrund stellt. Gesundheitspolitik soll sich an einem neuen
kindzentrierten Paradigma der gesundheitlichen Risikoabschätzung orientieren.

3. Kinderinteressen stärker strukturell verankern!
Partizipation und Beteiligung von Kindern ist auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu fördern.
Kindgemäße Beteiligungsformen für ihre Rechte auf aktive Teilhabe an einer lebenswerten Zukunft
sind angemessen zu berücksichtigen und im gesellschaftlichen und politischen Leben der
Kommunen strukturell zu verankern.

4. Rechtliche Grundlagen ausschöpfen!
Die rechtlichen Grundlagen zur Verwirklichung Ökologischer Kinderrechte müssen erweitert
werden, z.B. durch die Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz oder in die europäische
Grundrechte-Charta. Die bestehenden gesetzlichen Grundlagen müssen mit Leben gefüllt und im
Sinne des Kindeswohls umgesetzt werden.

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2.     Agenda 21 und Ökologische Kinderrechte

2.1    Zusammenhang zwischen der Agenda 21 und den Ökologischen Kinderrechten

Die Ansätze, die in den Ökologischen Kinderrechten formuliert sind, werden unter anderem auch in
der Agenda 21 gefordert.

Die Agenda 21 ist das Handlungsprogramm für das 21. Jahrhundert. 1992, vor fast 10 Jahren,
unterzeichneten ca. 180 Staaten der Welt auf der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt
und Entwicklung in Rio de Janeiro die Agenda 21. Sie ist ein weltweiter Konsens, die anstehenden
ökologischen, ökonomischen und sozialen Probleme gemeinsam zu lösen. Ökologische
Tragfähigkeit, soziale Gerechtigkeit, wirtschaftliche Effizienz und kulturelle Vielfalt sind
gleichberechtigte und auf Grund ihrer gegenseitigen Abhängigkeit nur gemeinsam zu erreichende
Ziele einer nachhaltigen zukunftsfähigen Entwicklung der Menschheit. Das Einmalige der Agenda
21 ist, dass erstmals in der neueren Geschichte der Menschheit ein weltweiter Konsens darüber
besteht, in einer globalen Partnerschaft die anstehenden Probleme zu lösen. Die Agenda 21 ist eine
neue Vision und zugleich ein Handlungsprogramm, um einen Prozess zu initiieren, der sich erst
langsam konkretisieren und durchsetzen muss.

Alle jetzigen und zukünftigen Generationen haben das gleiche Recht auf Gesundheit,
Lebensqualität und eine lebenswerte Zukunft. "Sustainable development", d.h. nachhaltige,
zukunftsfähige Entwicklung, ist die Leitidee und damit die globale wie lokale Herausforderung, der
sich die Staaten wie auch die Kommunen stellen sollen. Soziale Gerechtigkeit kann nur realisiert
werden, wenn jeder seine Bedürfnisse so befriedigt, dass die vorhandenen Ressourcen auf
nachhaltige Weise sorgsam und verantwortungsbewusst genutzt werden. Der Natur darf dabei nur
so viel entnommen werden, wie sie wieder regenerieren kann oder nur soviel an Schadstoffen
zugeführt werden, wie sie verarbeiten kann. Politik und Wirtschaft sind aufgefordert, in diesem
Sinne neue Strategien und Konzepte zu entwickeln. Im Kapitel 25 „Kinder und Jugendliche und
nachhaltige Entwicklung“ werden Maßnahmen zur Verbesserung der lokalen Umweltsituation für
Kinder und Jugendliche und ihr Einbeziehen in alle sie betreffen den Angelegenheiten betont. So
fungiert die Agenda 21, die in lokalen Agenden bundesweit umsetzt werden soll, als Motor der
Ökologischen Kinderrechte.

1994 wurde die Nachhaltigkeit als Staatsziel im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland
verankert. Ein richtiger Schritt in Richtung Umsetzung der Agenda 21 sowie der Ökologischen
Kinderrechte. Nachhaltige Entwicklung ist eine Leitidee, die jede Gemeinschaft individuell
konkretisieren muss. Die Entwicklung hin zu einer verbesserten Lebensqualität soll jeder Staat und
jede Kommune für sich in Hinblick auf die Belastungen der lebenserhaltenden Systeme der Erde
neu definieren. Das heißt konkret, Maßnahmen und Konzepte im Dialog von Politik, Wirtschaft,
Bürgerinnen und Bürgern zu entwickeln, um anstehende Fragen des Gemeinwohls neu zu
erarbeiten, z.B. Mobilität neu zu definieren, den Ausstoß von CO2 zu reduzieren und damit einen
Schritt in Richtung Schaffung einer umweltverträglichen Umwelt zu tun.

Aufgabe der PädagogInnen in Kindergarten, Schule, Erziehungseinrichtungen und in der
außerschulischen Bildung ist es, sich in diese Prozesse einzuklinken. Eltern sind hier ebenfalls
gefragt. Ausgehend von der Erfahrungswelt und den Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen sind
konkrete, erlebbare Verbesserungen und Veränderungen in deren direktem Lebensumfeld
anzustreben. Die Agenda 21 fordert damit einen neuen Partizipationsprozess zwischen allen
gesellschaftlichen Gruppen auch unter Einbeziehung der Kinder und Jugendlichen. Alle Menschen
sind aufgefordert sich an der Entscheidungsfindung zu beteiligen.


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2.2.   Kapitel 25 der Agenda 21: Kinder und Jugendliche und ihre Rechte

Die Forderung der Ökologischen Kinderrechte, Kinderinteressen stärker strukturell zu verankern
und kindgemäße Beteiligungsformen zu ermöglichen, werden durch das Kapitel 25 der Agenda 21
noch verstärkt. Dort heißt es: „Es ist zwingend erforderlich, dass Jugendliche aus allen Teilen der
Welt auf allen für sie relevanten Ebenen aktiv an den Entscheidungsprozessen beteiligt werden,
weil dies ihr künftiges Leben beeinflusst und Auswirkungen auf ihre Zukunft hat.“ (Agenda 21,
Kapitel 25, 25.2, erster Satz) (3). Und weiter steht dort, „im Einklang mit der von ihnen verfolgten
Politik sollen die Regierungen der einzelnen Länder Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass
die Interessen der Kinder im Rahmen des partizipativen Prozesses für eine nachhaltige Entwicklung
und Verbesserung der Umweltbedingungen voll und ganz berücksichtigt werden.“ (Agenda 21,
Kapitel 25, 25.13 b) (3). Die Agenda nennt somit das kreative Potential von Kindern und
Jugendlichen, und betont besonders ihre Partizipation, d.h. ihre Beteiligung, auf allen für sie
relevanten Ebenen, damit ihre Interessen langfristig Berücksichtigung finden.

An einem Beispiel aus der Praxis soll dies verdeutlicht werden.

Uns stinkt’s! Für das Recht der Kinder draußen zu spielen.
Unter dem Motto „Uns stinkt’s! Für das Recht der Kinder draußen zu spielen!“ fand in München
1997 ein Aktionstag gegen Sommersmog statt, an dem sich ganz unterschiedliche Gruppen, Schulen
und Einrichtungen der außerschulischen Bildung beteiligten. Zielsetzung war durch ein
ungewöhnliches Aktionsbündnis auf das aktuelle Problem Sommersmog aufmerksam zu machen, um
eine größere Öffentlichkeit zu erreichen und größeren Druck auf die Politik auszuüben, etwas
dagegen zu tun. Aktueller Anlass war der Aufruf der Stadtverwaltung, Kinder wegen der stark
erhöhten Ozonbelastung nicht draußen spielen zu lassen aber gleichzeitig die Weigerung den
Verkehr einzuschränken und dadurch die Hauptverursachung zu vermindern. Es geht um das Recht
der Kinder, sich frei zu entfalten und draußen spielen zu dürfen. Das Aktionsbündnis aus
Kindertagesstätten, Spielhäusern, Einrichtungen der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit,
Schulen, Umweltverbänden und anderen Organisationen verband mit dem sehr bunten,
phantasievollen Aktionstag auf dem Münchner Marienplatz mehrere Intentionen: Die Bevölkerung
vor Ort wurde informiert, z. B. von Jugendlichen, die in einer „speaker’s corner“ ihre Meinung
dazu sagten, sowie über Infostände vom Umweltinstitut, über Ergebnisse von Luftuntersuchungen
aus dem Greenpeace-Bus. Kinder stellten ihre abgasfreien „Utomobile“ vor, die sie in
Spielaktionen gebastelt hatten, und die öffentlich prämiert wurden. Sie wollten mit diesen
Fahrzeugen exemplarisch Anregungen für schadstoffarme Fahrzeuge der Zukunft geben.
Forderungen an die PolitikerInnen wurden öffentlich gemacht, BürgerInnen über Maßnahmen und
Handlungsmöglichkeiten aufgeklärt und die Medien als Verbündete gewonnen. (4)

Das Beispiel zeigt, wie ein über die Einrichtung hinaus gehendes Anliegen im Sinne der Agenda 21
und der Ökologischen Kinderrechte angepackt werden kann. Durch interdisziplinäres Vorgehens
werden sowohl institutions- als auch fachübergreifend unterschiedliche Seiten des Problems
„Sommersmog“ beleuchtet und mit Hilfe vieler im Sinne von Lobbyarbeit für Kinder und ihre
Rechte öffentlich gemacht. Das neue an diesem Ansatz war die Suche nach Verbündeten und das
Einbeziehen der Kinder entsprechend ihrer Möglichkeiten. Dazu zählten z.B. Angstabbau vor
Sommersmog durch die positive Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Bastelaktion der
„Utomobile“ ermöglichte den Kindern auch Ideenfindung und die Entwicklung positiver Ansätze
für die Zukunft. In einer Postkartenaktion an den Windschutzscheiben parkender Autos baten die
Kinder die AutofahrerInnen bei Sommersmog auf die Benützung ihrer Fahrzeuge zu verzichten.
Das Aufzeigen von altersadäquaten Handlungsmöglichkeiten ist dabei ganz entscheidend.

Öffentlich machen bedeutet immer auch das Einbeziehen der Presse und der Politik. Die Aktion
muss auf die politische Ebene gebracht werden. PolitikerInnen sollen sich den Problemen vor Ort

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persönlich stellen, nur dann wächst auch die Bereitschaft, etwas zu ändern. Zum Beispiel die
pressewirksame Übergabe eines          Forderungskatalogs    durch   Jugendliche an den
Umweltschutzreferenten am Aktionstag.

Kindern macht die Aktion in erster Linie Spaß. Sie finden es aufregend, sich am nächsten Tag in
der Zeitung wiederzufinden. Aber auch sie haben sich mit den Inhalten auseinandergesetzt, wissen
um Gefahren und Möglichkeiten mit ihnen umzugehen. Sie lernen so, dass es Sinn macht, sich
einzumischen, am politischen Leben zu partizipieren. Ein wichtiger Schritt im Sinne einer Bildung
für nachhaltige Entwicklung.

2.3    Bildung für nachhaltige Entwicklung als Herausforderung für das 21.
       Jahrhundert
Die Agenda 21 betont die Rolle der nichtstaatlichen Organisationen bei der Umsetzung ihrer Ziele.
In Kapitel 27 heißt es: „Nichtstaatliche Organisationen spielen eine entscheidende Rolle bei der
Ausformulierung und Umsetzung einer teilhabenden Demokratie. ... Die unabhängige Rolle, die den
nichtstaatlichen Organisationen innerhalb der Gesellschaft zukommt, verlangt nach einer echten
Mitwirkung“(3). Es ist die Aufgabe der Nichtregierungsorganisationen (NGO’s) und der Verbände,
an diesem Prozess teilzunehmen. Betroffen sind davon die politische Ebene, die Ebene der
Politikberatung und die Ebene der Konkretisierung und Verbreitung des Leitbildes einer
nachhaltigen Entwicklung. Fragen: Welche Mobilität wollen wir heute? Welche Bedeutung messen
wir kindlichen Spielräumen zu? Welche neuen Konzepte gibt es für unterschiedliche Gruppen und
Bedürfnisse? Was folgt daraus für eine nachhaltige Stadtgestaltung? Fragen der Zukunft, die längst
begonnen hat und die wir nur im Dialog der unterschiedlichen Interessensgruppen lösen werden.
Lösen unter der Prämisse der Nachhaltigkeit. Deshalb wird in der Agenda 21 so viel Wert gelegt
auf einen neuen umfassenden Bildungsansatz, auf die Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Im Sinnen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung sind heute bestimmte Fähigkeiten wie
Denken in Zusammenhängen, Fähigkeit zur Reflexion, Antizipation, Partizipation und
Kommunikation gefragt und Fähigkeiten, um sich aktiv gestaltend in einer zunehmend komplexer
werdenden Welt zurecht zu finden. Für uns Erwachsene heißt das auch, auf neue Prämissen des
Lernens einzugehen, dazu zählen:
 lebenslanges Lernen
 Freiwilligkeit der Beteiligten
 nachhaltige Umgestaltung des eigenen Alltags
 Beteiligung an lokalen/regionalen Konzepten der Nachhaltigkeit.

Aber auch für Verbände und Bildungsträger hat eine Bildung für nachhaltige Entwicklung neue
Herausforderungen, die mehr Kooperationen und Austausch fordern. Auf der institutionellen Ebene
zählen dazu:
 Innovationen in Bezug auf konkrete Maßnahmen und Rahmen
   Die Einrichtung des Münchner Kinder- und Jugendforums z.B. ist eine innovative Maßnahme
   im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung, um neue Zielgruppen mit neuen Methoden
   zu erreichen.

 Organisation von Netzwerken, Nutzung von Tagungen und neuen Medien etc.
  Die Spielraumkommission der LH München arbeitet referats- und institutionenübergreifend, um
  neue Impulse in der kindgerechten Stadtplanung zu setzen und den fachlichen Diskurs stadt-,
  landes- und bundesweit voranzubringen.

 Transfer durch „models if good practice“, Modellvorhaben, Medien, etc.
  Die Projekte mit Kindern zum Thema Agenda 21 in Münchner Spielhäusern und Freizeittreffs,
  durchgeführt in Kooperationen mit Stadtteileinrichtungen und Schulen, sind solche Modelle, die

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      anderen Orts gerne aufgegriffen werden, weil sie nachhaltige Lebensstile in der Kinder- und
      Jugendarbeit greifbar werden lassen.

Bildung für nachhaltige Entwicklung ist ein neuer Ansatz, an dem sich die unterschiedlichsten
Gruppen beteiligen und der eine breite Beteiligung verschiedener Bildungsträger voraussetzt. „Die
Agenda 21 sieht Bildung als unabdingbare Voraussetzung für ‚die Herbeiführung des nötigen
Bewusstseinswandels‘ und ‚für die Schaffung eines ökologischen und ethischen Bewusstseins
sowie von Werten und Einstellungen, Fähigkeiten und Verhaltensweisen, die mit einer nachhaltigen
Entwicklung vereinbar sind‘, sowie für eine ‚wirksame Beteiligung der Öffentlichkeit an der
Entscheidungsfindung‘“(5). Nur durch das Eingehen bisher ungewohnter, neuer Kooperationen,
durch das Einbeziehen und ernst nehmen neuer Gruppen, so z.B. auch der Kinder, nur durch den
Blick über den Tellerrand werden wir die Ziele der Agenda 21 und der Ökologischen Kinderrechte
Schritt für Schritt verwirklichen.

Nachhaltige Entwicklung kann nicht nur als top-down, sondern muss auch als bottom-up Prozess
erfolgen. Da setzt auch die Aufgabe der (Umwelt)Bildung, der Verbände, der Schulen und der
PädagogInnen, nicht zuletzt der Eltern, an, die Menschen zu befähigen, an diesem Prozess
selbstbestimmt mitzuwirken. Dafür gibt es keine festen Verhaltensregeln, was zu tun und was zu
lassen ist. Gefragt sind deshalb Schlüsselqualifikationen, die den Einzelnen befähigen, kompetent,
selbständig, sach- und wertorientiert Entscheidungen zu treffen. Dazu gehört in erster Linie
Gestaltungskompetenz und Partizipation. Gestaltungskompetenz bedeutet mit Blick auf etwas
Neues und aus gestalterischem Willen heraus im ökologischen, ökonomischen und sozialen
Handlungsfeld in der Verbindung globaler und lokaler Dimensionen der Gestaltung aktiv tätig zu
sein. Das klingt vielleicht kompliziert, aber es geht um unseren gelebten Alltag, um Lebensstile,
Spielräume, Mobilität und Konsum. Gefragt sind Kompetenzen, die es dem Einzelnen durch
Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissen ermöglichen, in Kooperation mit anderen seine Zukunft zu
gestalten. (6)

3.       Umsetzung der Ökologischen Kinderrechte

3.1      Partizipation von Kindern und Jugendlichen

Wir brauchen vielfältige Ansätze, Kinder und Jugendliche am gesellschaftlichen und politischen
Leben teilhaben zu lassen. München hat diesbezüglich schon eine lange und gute Tradition, die
fortzuschreiben unsere Aufgabe ist. Partizipation braucht immer zwei Säulen, die sich ergänzen
müssen: die Politik mit und von Kindern und die Politik für Kinder, die Lobbyarbeit.

Auf Bundes-, Landes und kommunaler Ebene gibt es dafür verschiedene Formen z.B. durch die
Einrichtung der Kinderkommission auf Bundesebene, durch die Etablierung von
Kinderbeauftragten, Kinderparlamenten, Kinderforen und Kindersprechstunden auf kommunaler
Ebene. „Kinderfreundlichkeit“ soll als Querschnittsaufgabe von der gesamtem Politik verstanden
und in Konzepten festgeschrieben werden.

Mitbestimmung als Basis für gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit
Die - oft noch zu zaghaften - Versuche politischer Mitbestimmung werden durch eine zunehmende
Mitbestimmungskultur im Sinne von Alltagsdemokratie ergänzt. In Familie, Schule und Freizeit
mitbestimmen zu können, kann zur zentralen Erfahrung in der Kindheit werden. Durch die
Auseinandersetzung mit den eigenen Interessen und mit Gemeinschaftsinteressen wächst
Verantwortungsbewusstsein für die Gesellschaft. Die Erfahrung der eigenen Einflussmöglichkeiten
stärkt das Vertrauen in demokratische Strukturen. Politik und Gesellschaft werden durchschaubar
und beeinflussbar. (7) Partizipation und Mitbestimmung haben derzeit in der Fachpraxis der
Pädagogik Hochkonjunktur. Das ist auch eine Folge der Auseinandersetzung mit den Zielen der

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Agenda 21, die durch Bund-Länder-Modellversuche in der schulischen und außerschulischen
Bildung gefördert wird.

Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an kommunalen Planungsprozessen ist eine
Möglichkeit der konkreten Partizipation, zum Beispiel an der Gestaltung von Spielplätzen, Wegen,
Wohnanlagen, Schulen. Von ihnen selbst mitgeplante und mitgestaltete Räume werden anders
wahrgenommen und behandelt und Kinder eignen sich öffentliche Räume wieder an, mit positiven
gesundheitlichen Folgen für ihre Motorik, Sensorik und ihre Lebensstile. Diese Formen der
politischen Mitbestimmung sollten kommunal verankert werden.

Aber Kinder und Jugendliche sind nicht nur dann zu berücksichtigen, wenn es gerade passt, oder
dürfen in Konzepten nicht als bloße Bedarfsermittler für die Verwaltung gesehen werden. Ihre
Vorstellungen und ihre Mitgestaltungswünsche müssen auch dann berücksichtigt werden, wenn
dadurch die Erwachsenenordnung in Gefahr gerät, verändert zu werden. Das ist eine wichtige
Aufgabe der Verbände, der Lobbygruppen wie auch der Eltern und PädagogInnen im Sinne der
Ökologischen Kinderrechte.

Partizipation konkret, ein Beispiel
Ferdinand (14) beschwert sich auf dem Münchner Kinder- und Jugendforum im November 1999,
dass während des Auf- und Abbaus der Auer Dult der zur Schule führende Fahrradweg gesperrt
wird, was regelmäßig eine für die Kinder gefährliche Verkehrssituation herbeiführt. Das zuständige
Referat verspricht daraufhin, den Geh- und Radweg entlang der Schule künftig freizuhalten.
In München gibt es für Kinder und Jugendliche viele Möglichkeiten, ihre Interessen vor Ort
umzusetzen. In den einzelnen Stadtteilen und zweimal im Jahr zentral im Münchner Rathaus finden
Kinder- und Jugendforen statt. Dort können Kinder ihre Anliegen, Wünsche und Forderungen
PolitkerInnen und Verwaltungsfachleuten vortragen und dazu Anträge stellen. Einem
Stadtratsbeschluss aus dem Jahre 1993 zufolge müssen diese bearbeitet werden. Durch eine „Politik
der kurzen Wege“, das fallbezogene Zusammenbringen von Kinderinteressen, Politik und
Verwaltung, werden sehr viele Anträge von Kindern und Jugendlichen realisiert, so z.B. Anträge
von Kindern auf Streetballkörbe, Fußballtore und spezielle Spielplatzgestaltung, Sicherung von
Verkehrswegen durch zusätzliche Ampeln, kürzere Schaltzeiten, Schülerlotsen etc.. So erfahren
Kinder, welche Rechte sie haben, werden ernst genommen und motiviert, sich für ihre Interessen
und Rechte weiterhin einzusetzen. (8)

Die Praxis der Münchner Kinder- und Jugendforen zeigt: Kinder und Jugendliche haben etwas zu
sagen, sie haben Ideen, Kritik, Wünsche, Bedürfnisse und Anregungen für Veränderungen, sie
haben Gestaltungskompetenz. Ihre Vorschläge sind konkret, auf ihr Lebens- und Wohnumfeld
bezogen. Die Themen Spiel, Umwelt und Verkehr spielen dabei immer eine große Rolle. Kinder
wissen, was ihnen stinkt, was sie vermissen, was sie verändern würden, wo sie am liebsten spielen,
was sie in ihrem Wohnumfeld brauchen. Ergebnisse sind:
 Erhaltung von Freiräumen, unverbauten, unverplanten Flächen und Ecken im Stadtteil
 Wunsch nach Verkehrssicherheit: Kinder brauchen eigene, sichere Wege, um an ihre Spiel- und
   Lernorte zu gelangen
 Wunsch nach konkreter Mitplanung und Mitgestaltung von Einzelvorhaben, z.B. beim Bau von
   Skateranlagen und Unterständen und der Erweiterung und Umgestaltung von Spielplätzen und
   Freiflächen

Die Einbindungen der Kinder und Jugendlichen in die politische Ebene müssen die Erwachsenen
mit kindgemäßen Aktionsformen gewährleisten. Unsere Sache, die Sache der Erwachsenen bleibt es
auch, die oft kreativen, phantasievollen Ideen der Kinder und Jugendlichen aufzugreifen und in die
Stadtgestaltung einzubeziehen. Sie müssen Verbindlichkeit durch Kooperation mit Verwaltung und
Politik herstellen, um die Umsetzung von Anträgen der Kinder und Jugendlichen zu gewährleisten.
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Die Erfolge aber auch die Misserfolge müssen an die Beteiligten zeitnah rückgekoppelt werden.
Und das in einer für Kinder nachvollziehbaren Zeit, was z.B. bei Verkehrsplanungen sehr schwierig
ist.

3.2    Kriterien für Kinderfreundlichkeit
Partizipation muss aber auch in der Verwaltung verankert werden. In München gibt es die
„Spielraumkommission“ als Gremium für Querschnittsaufgaben im Sinne der Planung für und mit
Kindern und Jugendlichen, das bei der 2. Bürgermeisterin angesiedelt ist. In der Verbindung von
Politik, Verwaltung (Planungsreferat, Baureferat, Schulreferat, Stadtjugendamt) und Freien Träger
der Kinder- und Jugendarbeit werden Planungsvorhaben auf ihre Kinderfreundlichkeit hin
besprochen und Formen der Beteiligung von Kindern an konkreten Planungen unterstützt, z.B. bei
der Mitgestaltung von Kindern und Jugendlichen bei Freiraumgestaltungen im neu gebauten
Stadtteil Neu-Riem oder die Beteiligung von Kindern an den anstehenden Planungen für das alte
Messegelände.

Im Rahmen der Erarbeitung des Konzepts „Spielen in München“, das die Spielraumkommission
herausgegeben hat, wurde ein Kriterienkatalog „Kinder- und jugendfreundliches Planen“ erarbeitet
und in das Konzept integriert. Ein erster Anstoß für die Umsetzung ökologischer Kinderrechte in
der Verwaltung. An sieben Kriterien für Kinderfreundlichkeit orientieren sich Leitfragen für Stadt-
und LandschaftsplanerInnen auf den Ebenen Stadtentwicklungsplan, Flächennutzungs- und
Landschaftsplan, Bebauungsplan und Grünordnung, Freiflächengestaltung, öffentlicher Raum,
Nutzung und Anwendung.

Die sieben Kriterien lauten: (10)
Kinder haben Rechte
       Kinder, deren Interessen, Kompetenzen und besondere Situation sollen ernst genommen
       werden und gleichberechtigt neben anderen stehen.
Sicherheit und Gesundheit
       Die Gesundheit der Kinder und ihre Sicherheit haben einen wichtigen Stellenwert. Das darf
       nicht dazu führen, dass Regelungen/Normen langfristig zum Nachteil für die Kinder werden.
Gebrauchsfähigkeit herstellen
       Kinder und Jugendliche haben andere Verhaltensmuster als Erwachsene, nutzen ihr Umfeld
       anders, haben andere Gruppenbildungen. Sie brauchen Ganzheitlichkeit und Verbindungen
       statt Verinselungen.
Veränderbarkeit zulassen
       Planung des Unplanbaren, weiße Flächen auf der Karte des Architekten - so müsste die
       Forderung nach permanenter Veränderung des Stadtraumes, des Wohnumfeldes
       umschrieben werden, denn kinderfreundliches Planen und Bauen muss Möglichkeiten der
       individuellen Aneignung eröffnen.
Partizipation
       Beteiligung der Kinder von Anfang an und an der praktischen Umsetzung - dafür sind
       notwendige Mittel und Räume zur Verfügung zu stellen und AnsprechpartnerInnen für
       beteiligte Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu schaffen.
Erlebnisbezug und Vielfalt
       Erlebnisdrang bestimmen kindliches Handeln, das Suchen von Herausforderungen
       kennzeichnen die Jugendlichen. Vielfältige Anregungen zur Ausprägung von Freiheit und
       Verantwortung, Initiative, Eigentätigkeit und Mündigkeit sollten dies fördern.
Bündnispartner und Konfliktbewältigung
       Kinderinteressen stoßen sich oft mit den Interessen Erwachsener. Konflikte sollen offen
       benannt werden. Bündnispartner können bei der Konfliktlösung helfen. Der Charakter eines
       Kriterienkatalogs Kinderfreundlichkeit ist kooperativ und kommunikativ kann aber auch
       durchaus diskursiv sein.

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Derzeit sind diese Kriterien nur Empfehlungen, die zu befolgen der Freiwilligkeit der Verwaltung
anheim gestellt ist. Zur Verbindlichkeit fehlen noch strukturelle Schritte.

4.     Visionen

Robert Jungk: „Die Welt von morgen braucht die Phantasie der Menschen von heute“

Was wir brauchen, um Ökologische Kinderrechte und Agenda 21 umzusetzen, sind Visionen einer
besseren Welt, Visionen anderer Lebensstile, Visionen neuer Partizipations- und Politikformen.
Visionen, Ideen, Träume und Phantasie sind die ersten Schritte in eine neue oder weiter gestaltete
Wirklichkeit. Neue Perspektiven müssen entwickelt, kreative Lösungen ausprobiert werden. Wir
müssen auch lieb gewordene Gewohnheiten aufgeben, um neue Strukturen zu schaffen.

Die Wünsche und Bedürfnisse von Kindern und ihr Ideenreichtum sind eine kreative Quelle, die in
gesellschaftliche Entscheidungsprozesse einfließen sollte. Neue Leitbilder für ein „gutes“ Leben
jenseits von "weiter - schneller - mehr" sind gefragt und neue Horizonte eröffnen sich in
Wendeszenarien, wie sie zum Beispiel in der Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" oder in von
Weizsäckers „Faktor 10“ angeregt wurden. Visionen ermutigen auch im kleinen Rahmen der
Projektarbeit zu positiven Zukunfts- und Handlungsentwürfen. Wir müssen uns im Alltag unserer
Arbeit und im Zusammenleben mit Kindern und Jugendlichen daran gewöhnen, selbst Visionen zu
entwickeln. Wir sollten uns dafür Zeit nehmen. Denn sie müssen zunächst einmal gedacht,
formuliert und gespielt werden, bevor sie in erreichbare Nähe gelangen. Die positive Kraft von
Wünschen und ihr Ausprobieren in kreativen Aktionen kann uns Mut machen und das nötige
Durchhaltevermögen geben für die oft mühsamen Schritte zur Realisierung. Schließen möchten wir
mit einem Satz von Antoine de Saint-Exupéry:

                                Wenn du ein Schiff bauen willst,
                            so trommle nicht die Leute zusammen,
                                   um Holz zu beschaffen,
                                   sondern lehre die Leute
                            die Sehnsucht nach dem weiten Meer.


Juli 2001
Marion Loewenfeld und Steffi Kreuzinger, Ökoprojekt – MobilSpiel e.V.




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5.     Literatur

5.1    Literaturhinweise im Text

(1) National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechte in Deutschland (Hrsg): Ökologische
Kinderrechte - Verpflichtungen aus der UN-Kinderrechtskonvention. Diskussionspapier. Bonn
1999.

(2) National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechte in Deutschland (Hrsg):
Kinderrechte sind Menschenrechte. Impulse für die zweite Dekade 1999-2009. Bonn 2000.

(3) Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Hrsg.): Konferenz der
Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeiro – Dokumente –
Agenda 21; o.J. Bonn

(4) Steffi Kreuzinger: „Uns stinkt’s! Das Recht der Kinder draußen zu spielen. Projektbericht ,
München 1997

(5) Ulrich Müller: Der Mensch im Mittelpunkt. Bildung für nachhaltige Entwicklung benötigt die
Klärung des Bildungsbegriffs. In: Schnittmenge Mensch. Bildung für nachhaltige Entwicklung als
neue Lernkultur; Politische Ökologie Sonderheft 12, März 2000, Ökom Verlag

(6) de Haan, Gerhard/Seitz, Klaus: Kriterien für die Umsetzung eines internationalen
Bildungsauftrages. Bildung für nachhaltige Entwicklung (Teil 1). In: 21 - das Leben gestalten
lernen; Heft 1, Januar 2001, Ökom Verlag.

(7) Steffi Kreuzinger: Ökologische Kinderrechte Teil 1-3, in: Contraste; Die Monatszeitung für
Selbstorganisation, 15. Jahrgang April, Mai, Juni 1998

(8) Arbeitskreis Kinder- und Jugendforen (Hrsg.): Kinderpolitik konkret. Das Münchner Kinder-
und Jugendforum, München o.J. (1998)

(9) jetzt oder nie!? Die Zeitschrift des Münchner Kinder- und Jugendforums, 11/1999.
AK Kinder- und Jugendforen (Hg.): Kinderpolitik konkret. Das Münchner Kinder- und
Jugendforum. München 1998. Bezug: Ökoprojekt – MobilSpiel, s.u.

(10) Spielraumkommission der LH München: Konzept Spielen in München, Juli 2000

5.2    Weitere Literatur

AK Kinder- und Jugendforen (Hg.): Kinderpolitik konkret. Das Münchner Kinder- und
Jugendforum. München 1999. Bezug: Ökoprojekt - MobilSpiel, s.u.

Bilger, Jürgen, Petersen Erik (Hrsg.): Kinder – Gesundheit – Umwelt – Krankheit, Frankfurt 2000

Borkenstein, Udo: Recht auf eine lebenswerte Zukunft. Die Diskussion um ökologische
Kinderrechte. In: 21 - das Leben gestalten lernen; Heft 1, Januar 2001, Ökom Verlag.

Eichholz, Reinald (Hrsg.): Die Rechte des Kindes. Sonderdruck des Bundesministeriums für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend zur Bekanntmachung des Übereinkommens über die Rechte
des Kindes (Un-Kinderrechtskonvention) für Kinder, Recklinghausen 1993


                                               11
Gebhard, Ulrich: Kind und Natur: Die Bedeutung der Natur für die psychische Entwicklung,
Opladen 1994

Giebeler/Kreuzinger/Loewenfeld/Winterer-Scheid (Hg.): Aufstand für eine lebenswerte Zukunft.
Ökologische Kinderrechte – Bestandsaufnahme, Ermutigung, Wege zum Handeln. München 1996.
Bezug: Ökoprojekt – MobilSpiel, s.u.

Kreuzinger, Steffi/Meister, Kathrin: Blauer Planet Erde: Kinder machen Zukunft. 40 Bausteine für
Spiel- und Kulturprojekte zur Agenda 21. München 2000

Münchner Kinder- und Jugendforum/Kultur&Spieltaum e.V./Ökoprojekt-MobilSpiel e.V. (Hrsg):
Der Kinder-Aktions-Koffer im Stadtteil Moosach. Dokumentation eines Modellprojektes, München
2000

National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechte in Deutschland (Hrsg): Ökologische
Kinderrechte. Das Recht des Kindes auf bestmögliche Entwicklung und Gesundheit. Band 4 der
Reihe: Die UN-Konvention umsetzen..., Bonn 1999.

Ökoprojekt – MobilSpiel/Münchner Kinder- und Jugendforum (Hg.): Agenda 21 – Kinderversion.
Bezug: Ökoprojekt – MobilSpiel, s.u.

Petri, Horst: Umweltzerstörung und die seelische Entwicklung unserer Kinder, Zürich 1992

SPD-Landtagsfraktion (Hrsg): Kinder haben Rechte. geben wir sie ihnen!. Dokumentation zum 1.
Kinderrechtstag in Bayern „Kinder in Not“, 26. Februar 2000 in München; München 2000.


Ökoprojekt - MobilSpiel e.V.
Weskerstraße 15, 81373 München
Tel. 089-769 60 25, Fax 089-769 36 51
oekoprojekt@mobilspiel.de
www.mobilspiel.de




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