Politisches Alltagswissen und die Konstruktion politischer

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Werner J. Patzelt




            Politisches Alltagswissen und die Konstruktion politischer Wirklichkeit.
                        Ethnomethodologische Forschungsperspektiven.

                                      Erweitertes Vortragsmanuskript


Erschienen in: Helmuth Berking / Ronald Hitzler / Sighard Neckel, Hrsg., Politisches Wissen,
= Dokumentation Nr. 2 des Arbeitskreises 'Soziologie politischen Handelns', Berlin (Universi-
                                tätsdruck) 1992, S. 16-47.


Wie können analytische Kategorien aus dem Bereich der Ethnomethodologie dazu verhelfen, die
Rolle politischen Alltagswissens bei der Konstruktion politischer Wirklichkeit zu verstehen und in die
Reichweite kumulativer, empirischer Untersuchungen zu rücken? - Einige Beobachtungen sollen als
Ausgangspunkt der Antwort auf diese Frage dienen.
Jahrelang war in der DDR klar: Man kann die politischen Strukturen nicht ändern; es ist gefährlich,
sich zu exponieren; man vermeidet am besten Konflikte mit der Staatsmacht. Doch dann begannen
immer mehr Leute auf die Straße zu gehen und stellten fest: 'Die uns umfangenden Strukturen lassen
sich nun wegschieben und umstürzen!' Ein Jahr später existierte die DDR nicht mehr, und schon jetzt,
obwohl kaum vergangen, fängt ihre doch jahrzehntelang alltäglich erlebte Wirklichkeit in der Erinne-
rung an, irgendwie 'sonderbar' und 'nicht mehr recht nachvollziehbar' zu wirken.
Schon intuitiv wird hier klar, daß politische Wirklichkeit etwas Hervorgebrachtes, Konstruiertes und
kontinuierlicher Rekonstruktion Bedürfendes ist, und daß alltagspraktisch benutztes Wissen ein wich-
tiger Faktor solcher (Re-)Konstruktionsprozesse sein dürfte. Offen bleibt indessen, wie sich dieser
intuitive Eindruck präzisieren läßt und wie ihm entspringende Beschreibungen wirk-
lichkeitskonstruktiver Prozesse empirisch prüfbar zu machen sind.
Die erste Frage verlangt nach der Entwicklung bzw. Vorstellung einer Theorie. Als diese wird die
vom Verfasser entwickelte 'allgemeine ethnomethodologische Theorie'1 eingeführt. Die zweite Frage
verlangt Skizzen von Forschungsdesigns. Zuvor sind allerdings die Zentralbegriffe 'politische Wirk-
lichkeit' und 'politisches Alltagswissen' in einer für den Argumentationszweck ausreichenden Weise
zu klären.




1
   Siehe Patzelt, Werner J.: Grundlagen der Ethnomethodologie. Theorie, Empirie und politikwissenschaftlicher
Nutzen einer Soziologie des Alltags. München 1987, sowie ders.: Grundriß einer allgemeinen ethnomethodologi-
schen Theorie, in: Archives Européennes de Sociologie 27, 1986, S. 162-194. Eine auf den hier verfolgten Zweck
verknappte Darstellung findet sich in ders., Alltagssoziologische Antworten auf offene Fragen der Erforschung
politischer Kultur, in: Archives Européennes de Sociologie 30, 1989, S. 224-348. In diesen Arbeiten wird umfäng-
lich auf die einschlägige ethnomethodologische Literatur verwiesen, so daß dies im folgenden unterbleiben kann.
A. Grundlagen der Argumentation


I. 'Wirklichkeit'


(Operations-)Wirklichkeit soll heißen die 'außen' bestehende Wirklichkeit, die so beschaffen ist, wie
sie eben ist, und zwar unabhängig davon, wie wir sie wahrnehmen bzw. beschreiben ('Perzeptions-
wirklichkeit', 'Wirklichkeitsbeschreibung'). Der Erdkern hat beispielsweise (derzeit) eine bestimmte
Beschaffenheit, die ganz unabhängig davon ist, ob unsere Vermutungen über diese Beschaffenheit
stimmen oder nicht stimmen. Operations- und Perzeptionswirklichkeit, 'außen' bestehende und geisti-
ge repräsentierte bzw. beschriebene Wirklichkeit, sind darum zu trennen. Perzeptionswirklichkeiten
müssen nicht rein idiosynkratisch sein, können sie doch auch zum selbstverständlichen Gemeinbesitz
von Kollektiven werden. Zumal wenn kollektive Wirklichkeitsvorstellungen gänzlich fraglos in Gel-
tung sind, wirkt die Unterscheidung zwischen Operations- und Perzeptionswirklichkeit, zwischen
'außen' bestehender und (bloß) beschriebener Wirklichkeit für jene Personen gekünstelt, deren Per-
zeptionswirklichkeiten bzw. Wirklichkeitsbeschreibungen man zum Untersuchungsgegenstand macht.
Perzeptionswirklichkeiten und (kollektiv akzeptable) Wirklichkeitsbeschreibungen sind zweifellos
soziale Konstruktionen. Doch auch die Operationswirklichkeit ist nicht einfach da, sondern ist - zu-
mindest in ihrem jeweiligen Zustand - 'bewirkt', geworden, konstruiert. Wenige Beispiele genügen als
Beleg: Die Moränenlandschaft des Voralpenlandes verdankt sich der letzten Eiszeit, die 'Natur' um
Deutschlands Städte jahrhundertelanger Landwirtschaft, der Zustand der Ostsee der Umweltver-
schmutzung der Anrainerstaaten, unsere Lebensweise der Erfindung gesellschaftlicher Arbeitsteilung,
die Industrialisierung Bayerns der Politik bayerischer Staatsregierungen, das atomare Patt politischen
Entschlüssen zum Atomwaffenbau, die Spaltung wie Neuvereinigung Deutschlands politischen Ent-
scheidungen, jeweils genau dies zu tun.
Je nach betrachtetem Wirklichkeitsausschnitt - Natur und Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft, Ge-
sellschaft und Politik - kann man in beliebig feiner Differenzierung ineinander eingebettete, miteinan-
der vernetzte und aufeinander einwirkende Teilwirklichkeiten unterscheiden, z.B. Natur- und Kultur-
wirklichkeit oder gesellschaftliche (soziale) und politische Wirklichkeit.
'Gesellschaftliche' bzw. 'soziale Wirklichkeit' soll im Zusammenhang der folgenden Argumentation
heißen die Gesamtheit aller Rollen und Rollengefüge (Organisationen, Institutionen) sowie des diese
Rollen produzierenden und reproduzierenden sozialen Handelns und der dabei benutzten Wissensbe-
stände und Informationsverarbeitungspraktiken. Wohlgemerkt meint 'soziale Wirklichkeit' nicht die
geistige Repräsentation der 'außen' bestehenden Sozialstrukturen und Institutionengefüge, sondern
die Operationswirklichkeit der Gesellschaft. Diese soziale Operationswirklichkeit ist ebensowenig
wie die Perzeptionswirklichkeit etwas 'Naturwüchsiges', sondern ein 'bewirkter Bestand' an Elemen-
ten aller drei Popperschen Welten ('Dinge', 'Psychisches', 'symbolisch codierte Sachverhalte aller
Art').2 Sie bedarf der Hervorbringung und Rekonstruktion; ihr Bestehen ist höchst störanfällig.
Politische Wirklichkeit ist eine Teilmenge der sozialen Wirklichkeit. Unter ihrem Begriff soll verstan-
den werden jener Ausschnitt sozialer Wirklichkeit (also jener Rollen, Organisationen, Institutionen),
in der jenes Handeln stattfindet, das auf die Herstellung allgemeiner Verbindlichkeit - allgemein ver-
bindlicher Entscheidungen - in und zwischen Gruppen von Menschen abzielt.

2
    Zum Konzept des 'bewirkten Bestandes' siehe Patzelt, Grundlagen, a.a.O., S. 98-100.
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Der Übergang von 'politikfrei-gesellschaftlicher' Wirklichkeit zu politischer Wirklichkeit ist fließend.
Ronald Hitzlers Konzept des 'protopolitischen Handelns' markiert die erste Stufe des Übergangspro-
zesses: in den Bannkreis des Politischen fängt Egos Handeln dann zu geraten an, wenn es auf eine
Funktionalisierung Alters zum Zweck der Durchsetzung gegenüber Tertius abzielt. In diesem Sinn ist
Politik (potentiell) ubiquitär. Die zweite Stufe des Übergangsprozesses wird dann erreicht, wenn der
Anspruch, allgemeine Verbindlichkeit hervorzubringen, den Kreis der bisherigen Adressaten proto-
politischen Handelns übersteigt und auf allgemeine Verbindlichkeit in einer nächstgrößeren Gruppe
abzielt.
Wohlgemerkt wird unter 'politischer Wirklichkeit' hier wiederum die politische Operations-
wirklichkeit verstanden, nicht ihre - als politische Perzeptionswirklichkeit zu bezeichnende - geistige
Repräsentation im wirklichkeitskonstruktiv benutzten Wissen ihrer Produzenten. Die Differenzierung
zwischen Operations- und Perzeptionswirklichkeit aufzugeben und politische Wirklichkeit allein als
mentales Konstrukt aufzufassen, führt schlimmstenfalls in eine solipsistische Position und verbaut im
besten (!) Fall die Möglichkeit, die Rolle politischer Perzeptionswirklichkeiten bei der Konstruktion
oder Destruktion politischer Operationswirklichkeit in einer einheitlichen Theorie zu beschreiben.
Eben dies ist aber das Ziel des hier vertretenen ethnomethodologischen Ansatzes: die alltägliche
Konstruktion bzw. Dekonstruktion, Reproduktion bzw. Destruktion politischer Wirklichkeit soll un-
tersucht, und die Ergebnisse sollen in Aussagen möglichst hohen empirischen Wahrheitsgehalts gefaßt
werden. Im einzelnen ist aufzuklären, in welchen - im alltäglichen Handeln von Menschen auf den
verschiedensten gesellschaftlichen und politischen Positionen bewerkstelligten - Prozessen politische
Wirklichkeit hervorgebracht, aufrechterhalten, verändert oder zerstört wird.


II. Politisches Wissen


Der Begriff des Alltagswissens bezeichnet alle Wissensbestände und Deutungsroutinen einer Person,
die ihr als Durchführungsmittel ihrer Alltagspraxis dienen. Das Alltagswissen selbst ist das Ergebnis
jener biographisch spezifischen Erfahrungen, über die eine Person zu einem gegebenen Zeitpunkt
verfügt. 'Alltagswissen' bezeichnet individuell besessene und benutzte Wissensbestände, während
der Begriff der Ethnotheorie(n) intersubjektiv besessene oder geteilte alltägliche Wissensbestände
bzw. Deutungsroutinen erfaßt, über welche eine Einzelperson in der Regel in ihrem Alltagswissen nur
unvollständig verfügt und die insgesamt in der Regel bloß als Rekonstruktionen eines Analytikers
sichtbar werden. Wessen wirklichkeitskonstruktiv benutzte Wissensbestände zu denen eines anderen
passen, soll als dessen 'kultureller Kollege' bezeichnet werden.
Auf folgende Merkmale von Alltagswissen sei ausdrücklich hingewiesen:3
-      Es ist historisch überkommen und wird sozial vermittelt.
-      Es wird - für alle praktischen Zwecke - als sicher und der Kontrolle nicht bedürfend angesehen.
-      Es ist inhaltlich durch die pragmatischen Motive der Welterfahrung seines Besitzers geprägt.
-      Es ist sozial verteilt.
-      Ihm kann Strukturwissen über die Gliederung und Verteilung von Alltagswissen beigesellt sein.


3
    Siehe zum folgenden Patzelt, Grundlagen der Ethnomethodologie, a.a.O., S. 45-48.
-   Es enthält stets auch Informationen über folgenden Sachverhalt: Jeder kompetente Erwachsene
    weiß, daß es charakteristische Diskrepanzen gibt zwischen dem, was er selbst von sich weiß,
    was andere von ihm wissen, und was andere meinen, was er von sich selbst wohl wisse; und
    zudem wird im Alltagsdenken routinemäßig angenommen, Veränderungen dieser Disparitäten
    könnten vom Einzelnen durch seine Verhaltens- und Äußerungsweisen weitgehend kontrolliert
    werden.
-   Ein beträchtlicher Teil des Alltagswissens ist sprachlich gefaßt. Die Eigenschaften der dieses
    Wissen fassenden Sprache, ihre grammatische Struktur, die in ihr verfügbaren Klassifikationen
    und Gegenüberstellungen ('Ethnocodes') bestimmen die Form, in welcher Inhalte bewußt ge-
    macht und kommuniziert werden können. Damit prägt und stabilisiert die Alltagssprache vielfäl-
    tig das Alltagsdenken und die von ihm angeleiteten Handlungen. Analog funktionieren sprachli-
    che, parasprachliche oder nicht-sprachliche Verweisungs- bzw. Verdichtungssymbole, die - a-
    nalog zur Sprache - als besondere Codes zu analysieren sind.
-   Alle Begriffe, Elemente von Taxonomien, Typifikationen, Symbole, Faustregeln usw. des All-
    tagsdenkens besitzen einen 'offenen Bedeutungshorizont': sie sind vieldeutig, können mannigfa-
    chen Sinn transportieren und werden nur im konkreten Gebrauch in konkreten Situationen klar.
-   Das Alltagswissen darf nicht als klar und logisch gegliederte Gesamtheit von Informationen,
    Klassifikationen und Typifikationen aufgefaßt werden.
Es sollte unterschieden werden das Alltagswissen, das bei der Interaktion mit jedermann benutzt
wird, sowie eine Vielzahl von (alltäglich benutzten) Sonderwissensbeständen, die man zusam-
menfassend als Fachmannswissen (für bestimmte Handlungsvollzüge) bezeichnen kann. Anhand von
Jedermanns- oder Fachmannswissen wird jene Kommunikation und Interaktion durchgeführt, in de-
ren Verlauf gesellschaftliche Wirklichkeit (re-)produziert wird. Das Alltagswissen erweist sich somit
als zentraler Faktor der Wirklichkeitskonstruktion. Betrachtet man ihn als Aggregat individueller
Wissensbestände, also als Gefüge von Ethnotheorien, so kann undifferenziert vom 'gesellschaftlichen
Wissen' kultureller Kollegen gesprochen werden.
Politisches Wissen ist - analog zum Verhältnis zwischen gesellschaftlicher und sozialer Wirklichkeit -
eine Teilmenge des gesellschaftlichen Wissens: unter seinen Begriff fällt jenes Wissen, das bei den
(Re-)Konstruktionsprozessen politischer Wirklichkeit benutzt wird. Es ist nicht grundsätzlich ein
Sonderwissen, das von anderen Wissensbeständen einfach absetzbar wäre. Es kann im Prinzip viel-
mehr alle gesellschaftlichen Wissensbestände umfassen, sofern sie bei Prozessen der Herstellung
allgemeiner Verbindlichkeit benutzt werden. Hinsichtlich von Möglichkeiten, es zu gliedern, sei auf
Ronald Hitzlers Beitrag über 'Politisches Alltagswissen' verwiesen, welcher, sofern er in Überein-
klang mit den folgenden Argumentationen interpretiert werden kann, den hier gebrauchten Begriff
'Politisches Alltagswissen' vorzüglich konkretisiert.
Für die folgende Argumentation seien darüberhinaus die folgenden Begriffe eingeführt:
-   '(Proto-)Politisches Wissen' meint natürlich jene Wissensbestände, mit denen die Akteure po-
    litischen Handelns (z.B. Ortsvereinsvorsitzende von Parteien, Mitglieder von Bürgerinitiativen,
    Bürgermeister, Abgeordnete usw.) bei ihrem (proto-)politischen Handeln umgehen. Dieses Wis-
    sen kann präzise als 'Fachmannswissen von Akteuren' bezeichnet werden.
-   '(Proto-)Politisches Wissen' meint auch jene Wissensbestände, mit denen professionelle Beob-
    achter (proto-)politischen Handelns umgehen, z.B. Journalisten oder Sozialwissenschaftler.
    Diese Wissensbestände sollen als 'Fachmannswissen von Beobachtern' bezeichnet werden. Sie
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    werden in manchen Bereichen mit dem Fachmannswissen von Akteuren übereinstimmen, oft
    speziellen Insider-Wissens entbehren und möglicherweise eine größeres Maß an Strukturwissen
    über die Eigenschaften und nützlichen Gliederungen politischen Wissens beinhalten.
-   '(Proto-)Politisches Wissen' meint schließlich jenes Wissen über (Proto-)Politik, das in einer
    Gesellschaft mit Kommunikationsfreiheit anhand mehrstufiger Kommunikationsprozesse letztlich
    von jedermann in mehr oder minder großem Umfang erworben werden kann. Es läßt sich prä-
    zise als '(proto-)politisches Laienwissen' bezeichnen. Auch Bestände des Fachmannswissen von
    Akteuren und von Beobachtern sind typischerweise umgeben von Beständen politischen Laien-
    wissens.
Alle drei Arten politischen Wissens sind auf ihre Struktur und wirklichkeitskonstruktive Verwendung
zu untersuchen.


B. Zur ethnomethodologischen Erfassung von Prozessen der Konstruktion (politischer)
    Wirklichkeit


I. Vorbemerkung


'Die' Ethnomethodologie gibt es wohl nicht, sondern vielmehr 'Ethnomethodologen', welche 'irgend-
wie' vom gemeinsamen Interesse an der Analyse der Konstruktionsprozesse von Wirklichkeit zu-
sammengehalten werden. Ethnomethodologen sind in der Regel geprägt von einzelnen Autoren oder
Arbeiten, die als 'vorbildlich' für ethnomethodologisches Arbeiten gelten. Sie verwenden zwar eine
Reihe von gemeinsamen Konzepten, tun dies aber selten mit dem Verständnis, sich der Konzepte
einer gemeinsamen Theorie zu bedienen.
So gut wie immer sind Ethnomethodologen an Konstruktionsprozessen 'lokaler' Wirklichkeit interes-
siert, etwa an der Hervorbringung der in Telefongesprächen 'benutzten' Wirklichkeit oder an der
Wirklichkeitskonstruktion, die in Kliniken bei der Aufnahme und Etikettierung von Patienten oder
beim Streifengang eines Polizisten im Revier erfolgt. Eine ethnomethodologische Gilde mit besonde-
rer 'corporate identity' sind die Konversationsanalytiker, welche die in Gesprächen gleich welcher
Art vollzogene Wirklichkeitskonstruktion untersuchen.
Die hier vertretene ethnomethodologische Position hebt sich vom Gros der Vertreter dieses For-
schungsansatzes in zweifacher Hinsicht ab und gilt darum als atypisch oder 'un-ethnomethodologisch'.
Erstens benutzt sie eine explizit ausgearbeitete Theorie, welche alle jene Konzepte umfaßt, z.T. um-
arbeitet und vernetzt, mit denen 'die' Ethnomethodologen - wenn auch nicht jeder mit allen - arbeiten.
Kontrafaktisch wird von den meisten Ethnomethodologen hingegen behauptet, eine solche, überdies
noch Operationalisierbarkeit und Überprüfbarkeit durch empirische Forschung im Rahmen 'konven-
tioneller' Soziologie beanspruchende Theorie lasse sich nicht formulieren bzw. nicht bei konkreter
ethnomethodologischer Forschung verwenden. Zweitens steht zwar auch im hier vertretenen Ansatz
die 'lokale' Konstruktion' politischer Wirklichkeit im Zentrum des Interesses. Doch von vornherein
werden die angestrebten Forschungsergebnisse bezogen auf eine Rahmentheorie alltagspraktischer
Konstruktion der mikrostrukturellen Fundamente gesellschaftlicher und politischer Makrostrukturen.
Daß eine solche Vernetzung von Ergebnissen der Analyse 'lokaler' Wirklichkeitskonstruktion möglich
sei, wird indessen von der Mehrzahl der Ethnomethodologen vehement bestritten.
II. Zur ethnomethodologischen Gesamttheorie der Konstruktion (politischer) Wirklichkeit


Zur Einschätzung des Stellenwerts der unterbreiteten Vorschläge ist es wichtig, sie im Gesamt-
zusammenhang der allgemeinen ethnomethodologischen Theorie und der vom Verfasser vorge-
schlagenen Anwendung der Ethnomethodologie auf die Politikwissenschaft zu verorten.4 Diese
Theorie zu beschreiben, ist an dieser Stelle weder möglich noch nötig, kann doch auf die in Anm. **
angegebene Literatur verwiesen werden. Die folgenden Bemerkungen beschränken sich anhand des
im Anhang beigefügten Schaubildes darum auf eine grobe Orientierung.
Forschungsgegenstand ethnomethodologische Studien sind alltäglichen Praktiken ('Ethnomethoden')
der Wirklichkeitskonstruktion, die sich gliedern lassen in konkrete Handlungspraktiken ('szenische
Praktiken'), in Darstellungstechniken ('Accounts') und in Interpretationsverfahren. Während die for-
malen Merkmale von Darstellungstechniken und Interpretationsverfahren sich allgemein herausarbei-
ten lassen, müssen die Handlungspraktiken in ihrer Verwendung bei der 'lokalen Wirklichkeitskon-
struktion' aufgeklärt werden, wobei sich die Untersuchungsergebnisse vermutlich für Klassen kon-
kreter Handlungsszenen ('Wie telefoniert man mit einem Unbekannten?', 'Wie leitet man eine Podi-
umsdiskussion?', 'Wie spielt man Streichquartett?' usw.) verallgemeinern lassen.
Grundlage und 'Arbeitsmaterial' der wirklichkeitskonstruktiv eingesetzten Ethnomethoden sind indivi-
duell besessene Bestände an Alltagswissen bzw. kulturell ('innerhalb einer Ethnie') geteilte Ethnotheo-
rien. Verfügbar werden sie durch Enkulturations- und Sozialisationsprozesse, verfestigt durch eine
Reihe von Methoden der 'Wirklichkeitsfixierung', die innerhalb der Ethnomethodologie als 'politics of
reality' bezeichnet werden. Innerhalb von Ethnotheorien und alltäglichen Wissensbeständen lassen
sich anhand formaler Merkmale ethniespezifische Normalitätsvorstellungen herausarbeiten: perzipier-
te Wirklichkeit, die den formalen Normalitätsmerkmalen entspricht, wird als selbstverständlich er-
achtet, weiterer Kommunikation und Interaktion als fragloses Fundament zugrunde gelegt und derge-
stalt - qua durch Alltagswissen angeleitetes Handeln - reproduziert, sofern keine Störungen der
Wirklichkeitskonstruktion auftreten. Anhand von Normalitätsvorstellungen bzw. -erwartungen ('Hin-
tergrunderwartungen') operieren Darstellungstechniken, Interpretationsverfahren und szenische Prak-
tiken. Normalitätsvorstellungen bzw. Hintergrunderwartungen absichtlich oder unabsichtlich zu verlet-
zen bzw. gar zu diskreditieren, unterbricht den Prozeß der Wirklichkeitskonstruktion. Kontinuierlich
und routinemäßig ungestört anhand bestimmter Normalitätsvorstellungen ablaufende wirklichkeits-
konstruktive Prozesse (re-)produzieren jene Rollen, Rollengefüge, Organisationen und Institutionen,
als welche gesellschaftliche bzw. politische Operationswirklichkeit jedem Menschen entgegentritt.
Dreierlei sei ergänzt:
-      Als 'Ethnie' werden zusammenfassend jene Personen angesprochen, die anhand weitgehend
       gemeinsamer Wissensbestände die Produktion gemeinsamer Wirklichkeit betreiben. Dergestalt
       löst sich hier der Begriff der Ethnie von seinem völkerkundlichen Kontext, ist doch im hier ge-
       meinten Sinn die Zuhörerschaft eines Konzertes ebenso eine Ethnie wie eine Parlamentsfraktion
       oder die Insassen eines Gefängnisses.
-      Der Kreislauf der Wirklichkeitskonstruktion wird als ein doppelter vorgestellt: die von der
       Ethnomethodologie thematisierte gesellschaftliche Konstruktion u.a. der sozialen bzw. po-

4
    Zu letzterem siehe Patzelt, Grundlagen der Ethnomethodologie, a.a.O., S. 251-281.
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    litischen Operationswirklichkeit ist eingebettet in Prozesse der Onto- und Phylogenese. Letztere
    hat die tiefenstrukturellen Fundamente jedweder Wirklichkeitskonstruktion hervorgebracht,
    kann aber durch den oberflächenstrukturellen Kreislauf beeinflußt oder abgebrochen werden.
    Drastisches Beispiel wäre eine Serie von durch Schlamperei des Bedienungspersonals erzeugten
    Reaktorkatastrophen, bei denen so viel Radioaktivität freigesetzt wird, daß sich die genetischen
    Grundlagen künftiger Generationen verändern.
-   Auf diese Kreislaufprozesse blickt der Ethnomethodologe in der Haltung ethnomethodologi-
    scher Indifferenz: allein das 'Wie-es-gemacht-wird' interessiert ihn, nicht aber das Motiv oder
    Telos von Prozessen der Wirklichkeitskonstruktion. Er gleicht dem Fernsehtechniker, den nicht
    die auf dem Bildschirm erscheinende Sendung interessiert, sondern allein jener Prozeß, als des-
    sen Resultat überhaupt erst eine Sendung zu sehen ist. Weil bei der Betrachtung politischer
    Wirklichkeit eine ausschließlich am 'Wie' ihrer Konstruktion bzw. Destruktion interessierte For-
    schungshaltung schwer einzunehmen oder durchzuhalten ist, dürfte es ein zunächst wenig chan-
    cenreich anmutendes Unterfangen sein, gerade die ethnomethodologische Betrachtungsweise
    der politischen Soziologie bzw. Politikwissenschaft nahezubringen. Was schon bei der um ver-
    gleichsweise einfache methodologische Fragen kreisenden 'Werturteilsdebatte' nicht plausibel zu
    machen war, wird hier auf noch viel größere Akzeptanzprobleme stoßen.
Solche Vermittlungsschwierigkeiten ändern aber nichts am vermutlich hohen Erkenntnisgewinn
ethnomethodologischer Analysen der Konstruktion politischer Wirklichkeit. In der Tat scheint näm-
lich die Ethnomethodologie über die hier thematisierte Rolle politischen Alltagswissens hinaus auch
einen tragfähigen Ansatz für eine allgemeine Soziologie (proto-)politischen Handelns verfügbar zu
machen. Zu diesem Zweck wären - zum vorliegenden Beitrag parallel - theoretische Grundlagen und
Forschungsdesigns zum Studium jener szenischen Praktiken auszuarbeiten, mittels welcher in der
politischen Operationswirklichkeit agiert wird.


III. Ausgewählte ethnomethodologische Konzepte und ihr Nutzen für eine Analyse der wirklich-
     keitskonstruktiven Funktion politischen Wissens


In zweifacher Hinsicht ist politisches Wissen und seine Rolle bei der Wirklichkeitskonstruktion ethno-
methodologisch zu analysieren: erstens in seiner Struktur, und zweitens in seiner Verwendung. Der
Strukturanalyse dienen die in den ersten beiden Punkten umrissenen Forschungsaufgaben: die taxo-
nomische Struktur politischer Wissensbestände sowie die in ihnen wirkenden Normalitätsvorstellun-
gen sind herauszuarbeiten. Der Verwendungsanalyse dienen die beiden folgenden Punkte: es geht um
die Verwendung politischen Wissens bei der Benutzung von Interpretationsverfahren und Darstel-
lungstechniken sowie bei der Wirklichkeitsfixierung durch die 'politics of reality'. Einstweilen be-
schränkt sich die Darlegung auf die Beschreibung forschungsleitender Konzepte; der Datenerhebung
dienende Forschungsdesigns werden im nächsten Abschnitt vorgestellt.


1. Analyse der taxonomischen Struktur des benutzten politischen Wissens


Auf derartige Studien hat die Ethnomethodologie kein Monopol; vielmehr offenbaren sich hier ihre
phänomenologischen und kulturanthropologischen Wurzeln. Indessen stellen Antworten auf die fol-
gende Frage das Fundament des beschriebenen Forschungsansatzes dar: Wie sind jene Bestände
an politischem Alltagswissen bzw. jene politischen Ethnotheorien aufgebaut und strukturiert, welche
bei der 'lokalen' Konstruktion des jeweils untersuchten Ausschnitts politischer Wirklichkeit verwen-
det werden? Konkretisierende Unterfragen wären die folgenden: Mit welchen Begriffen wird die
Wahrnehmungs- und Deutungsperspektive fixiert und ggf. immunisiert? Was ist die taxonomische
Struktur dieser Begriffe? In welchen Codes sind sie organisiert? Wie verhalten sich sprachliche und
parasprachliche Codes bzw. Symbolisierungen? - Von selbst versteht sich, daß derlei Analysen je
nach dem Handlungsfeld durchzuführen sind, auf welchem jeweils wirklichkeitskonstruktiv mit den zu
untersuchenden Wissensbeständen umgegangen wird. Allerdings ist dafür Sorge zu tragen, daß sich
die Befunde vieler Einzelstudien später so aufeinander beziehen lassen, daß es gelingen mag, die wis-
sensmäßigen Bestandteile jener politischen 'Sozialkultur' bzw. 'Deutungskultur' herauszuarbeiten, aus
denen - neben Handlungsmustern - politische Kultur besteht.5




5
    Hierzu siehe ausführlich Patzelt, Alltagssoziologische Antworten, a.a.0.
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2. Analyse der im politischen Wissen wirkenden Normalitätsvorstellungen


Die beiden - nicht allein durch ethnomethodologische Studien - gut begründeten Ausgangsannahmen
dieser zweiten Gruppe von Studien lassen sich so formulieren:
-    Durch die Unterstellung von Annahmen über (politische) 'Normalität' entlasten Personen ihre
     wirklichkeitskonstruktive Kommunikation und Interaktion.
-    Bei kompatiblen Normalitätsvorstellungen bzw. bei kompatiblen, auf das Vorliegen politischer
     Normalität gerichteten Hintergrunderwartungen vollziehen sich relativ reibungslose Prozesse der
     Reproduktion politischer Wirklichkeit, während bei inkompatiblen Normalitätsvorstellungen o-
     der Hintergrunderwartungen Kommunikation und Interaktion nachhaltig gestört sind.
Folglich muß es eine Hauptaufgabe einer an Wirklichkeitskonstruktion interessierten Analyse politi-
schen Wissens sein, derartige Normalitätsvorstellungen zu identifizieren sowie festzustellen, ob die bei
'lokaler' Wirklichkeitsproduktion benutzten Normalitätsvorstellungen zueinander passen oder nicht.
Nötig ist für solche Untersuchungen ein präzises Konzept von Normalität. Ein solches wurde inner-
halb der Ethnomethodologie erarbeitet. Sieben formale Merkmale von Normalität ließen sich identifi-
zieren, anhand welcher an ganz beliebigen Wissensbeständen festzustellen ist, was sie als normal
bzw. von der Normalität abweichend klassifizieren:


a.   Typikalität:
     Innerhalb ihrer Wissensbestände nehmen Personen Wirklichkeitsmerkmale in der Regel nicht als
     einzigartig, sondern als Vertreter von Klassen oder Typen von Wirklichkeitsmerkmalen wahr.
     Wirklichkeitsmerkmale und Ereignisse, die sich nicht unter (ethnotheoretisch geläufige) Typen
     subsumieren lassen, werden als nicht normal erfahren.
b.   Wahrscheinlichkeit:
     Aufgrund ihrer Wissensbestände messen Personen der Beschaffenheit und dem Auftreten von
     Wirklichkeitsmerkmalen und Ereignissen eine bestimmte Wahrscheinlichkeit zu. Die Beschaffen-
     heit und das Auftreten von Wirklichkeitsmerkmalen und Ereignissen, die solche Wahrscheinlich-
     keitszumessungen diskreditieren, werden als nicht normal, erfahren.
c.    Vergleichbarkeit:
     Dieses Merkmal verknüpft die beiden Operationen, die mit der Normalitätserfahrung anhand
     der obigen Kriterien verbunden sind: was hinsichtlich von Typikalität und/oder Wahr-
     scheinlichkeit mit bereits Bekanntem vergleichend in Beziehung gesetzt werden kann, ist als
     normal wahrzunehmen; Wirklichkeitsmerkmale indessen, die sich nicht mit Typischem oder
     Wahrscheinlichem vergleichen lassen, werden als nicht normal erfahren.
d.   Kausale Eingebundenheit:
     Aufgrund ihrer Wissensbestände sind Personen in der Lage, Bedingungen für das Auftreten von
     Erscheinungen ausfindig zu machen. Gemäß dem Grad, in dem Personen die Angabe ursächli-
     cher Bedingungen für das Auftreten und die Beschaffenheit von Wirklichkeitsmerkmalen oder
     Ereignissen leicht oder schwer fällt, erfahren sie ihre Umwelt als normal oder nicht normal.
e.   Instrumentelle Effizienz:
     Aufgrund ihrer Wissensbestände sind Personen in der Lage, Handlungen und Zusammenhänge
     in Hinsicht auf in ihnen realisierte Ziel-Mittel-Beziehungen zu deuten. Je nach dem Ausmaß, in
     dem für Personen an Wirklichkeitsmerkmalen oder Ereignissen ein derartiges Ziel-Mittel-
     Verhältnis erkennbar ist, erfahren sie diese als normal oder nicht normal.
f.   Notwendigkeit gemäß einer natürlichen oder moralischen Ordnung:
     Aufgrund ihrer Wissensbestände erwarten Personen, daß Wirklichkeitsmerkmale bzw. Er-
     eignisse bestimmter Typen vorzuliegen, zu geschehen oder zu unterbleiben haben, ohne daß die-
     se Notwendigkeit von ihren eigenen Wünschen abhinge. Es kann sich hier um physikalische o-
     der biologische Zusammenhänge einerseits oder andererseits um ethische Sachverhalte handeln,
     über deren Beschaffenheit jeweils die kulturspezifischen Ethnotheorien informieren. Im Ausmaß,
     in dem Wirklichkeitsmerkmale oder Ereignisse vom solchermaßen als notwendig oder gesollt
     Angesehenen abweichen, werden sie als nicht normal erfahren. Durch dieses Merkmal wird von
     vornherein die sittliche, normative Dimension der Normalitätserfahrung erfaßt, ohne daß gleich-
     wohl ethnozentrisch ein bestimmter inhaltlicher Maßstab vorgegeben würde.
g.   Substantielle Kongruenz:
     Aufgrund ihrer Wissensbestände sind Personen in der Lage, Urteile über die Richtigkeit der
     Wirklichkeitswahrnehmung anderer zu fällen und deren Kongruenz zur eigenen Wirklichkeits-
     wahrnehmung zu überprüfen. Im Ausmaß, in dem Unterschiede zwischen der eigenen Wirklich-
     keitswahrnehmung und den Wirklichkeitswahrnehmungen anderer auftreten, wird die soziale
     Umwelt als 'nicht normal' erfahren.
Das Konzept der Normalität wird ethnomethodologisch als (additiver?) Index konstruiert: die von
den sieben Indikatoren erfaßten Merkmale werden zur einzigen Dimension 'Normalität der erfahre-
nen Wirklichkeit und der in ihr benutzbaren Durchführungsmittel des Denkens und Handelns' ver-
dichtet. Es lassen sich nur die Extremwerte - 'völlig normal', und 'völlig abnormal' - klar identifizieren;
dazwischen sind alle Übergänge fließend und können sich aus ganz verschiedenen Kombinationen
von Indikatorwerten ergeben.
Offenbar können Wissensbestände, die sich auf die politische Operationswirklichkeit beziehen, an-
hand dieser Kategorien so aufbereitet werden, daß die dem individuellen Sinndeuten und Handeln
zugrunde gelegten Normalitätsvorstellungen sichtbar werden. Anhand einer - repräsentativen - An-
zahl von Einzelstudien lassen sich dann die für eine politische (Teil-)Kultur kennzeichnenden Norma-
litätsvorstellungen ebenso herausarbeiten wie Diskongruenzen und Brüche zwischen koexistierenden
Normalitätsvorstellungen. An Inkompatibilitäten, an den 'Bruchstellen' zwischen verschiedenen Nor-
malitätsvorstellungen, werden sodann (wissensbedingte) Störungen wirklichkeitskonstruktiver Pro-
zesse entstehen.


3.   Analyse der Benutzung von politischem Alltagswissen bei der Verwendung von Inter-
     pretationsverfahren und Darstellungstechniken


Egos Standardaufgabe beim Alltagshandeln besteht darin, seine Sinndeutungen und Handlungen auf
jene von Alter und/oder Tertius abzustimmen. Zu diesem Zweck muß Ego die in seiner Handlungssi-
tuation auftretenden Merkmale - zu denen auch Alter und Tertius sowie der deren Tun und Lassen
gehören - interpretieren und die erzielte Interpretation seinem eigenen Handeln zugrunde legen. In der
Regel wird dieser Prozeß recht unbemerkt ablaufen: sind für eine Situation und die in ihr auftretenden
Merkmale Kategorisierungsmöglichkeiten und Hintergrunderwartungen verfügbar und werden die
                                                                                                              11

letzteren nicht diskreditiert, so wird die Situation als normal erlebt und in aller Selbstverständlichkeit
bewältigt.
Das 'Wie-es-gemacht-wird' dieses Bewältigens läßt sich in Form einer Gruppe von 'Interpretations-
verfahren' beschreiben. Als formale Verfahren operieren sie anhand der situativ jeweils einschlägigen
Wissensbestände. Wirklichkeitskonstruktion gelingt, wenn die bei ihrem lokalen 'reality work' be-
trachteten Wirklichkeitskonstrukteure anhand kompatibler Wissensbestände die anschließend vorzu-
stellenden Interpretationsverfahren in fragloser Selbstverständlichkeit anwenden. Verweigert Ego die
Verwendung eines 'eigentlich benötigten' Interpretationsverfahrens oder benutzt er ein Verfahren in-
kompetent, so gerät sein mit Alter geleistetes 'reality work' ins Stocken. Im Extremfall kann man
durch überlegtes und taktisch eingesetztes Verweigern kompetenten Interpretierens die
(Re-)Produktion situativ verfügbarer Wirklichkeit unterbinden. Umgekehrt kann Ego dem Alter es
erleichtern, das jeweils nötige Interpretationsverfahren zielsicher aufzufinden: zu diesem Zweck wird
er sein eigenes (Sprech-)Handeln so anlegen, daß die zum Verständnis benötigte Interpretationslei-
stung nachgerade abgefordert wird. Solche Praktiken heißen 'Darstellungstechniken' ('Accounts').
Da sie analog zu den Interpretationsverfahren zu gliedern sind und faktisch deren Komplement dar-
stellen, werden sie nicht gesondert besprochen.
Aus Platzgründen wird - wie schon bei der Präsentation des ethnomethodologischen Normalitäts-
konzepts - auf eine explizite Schilderung der Anwendung von Interpretationsverfahren und Darstel-
lungstechniken beim Umgang mit politischen Wissen verzichtet, sind doch die Möglichkeiten und
praktischen Wege einer gegenstandsspezifischen Interpretation der allgemein vorgestellten Konzepte
offensichtlich. Ausdrücklich verwiesen sei aber darauf, daß bei (proto-)politischer Kommunikation
der kompetente Umgang mit den vorzustellenden Interpretationsverfahren oftmals verweigert wird,
wie jeder anhand der folgenden Konzepte vorgenommene Blick auf die Praxis politischen Debattie-
rens rasch belegt.
Es lassen sich vier große Gruppen von Interpretationsverfahren unterscheiden, die in sich weiter auf-
gegliedert werden können. Die einzelnen Interpretationsverfahren bauen oft aufeinander auf und wer-
den meist in Verfahrenskombinationen benutzt. Einige der Interpretationsverfahren - die Verwendung
der Schütz'schen Idealisierungen und die Benutzung von Normalitätshypothese - scheinen zur Grund-
ausstattung menschlicher Deutungskompetenz zu gehören;6 sie markieren den Modus, in dem grund-
sätzlich von kompetenten Erwachsenen die Alltagswelt wahrgenommen wird. Vom Grad der Kom-
petenz bei der Verwendung der anderen Interpretationsverfahren hängt ab, in welchem Ausmaß eine
Person Prozesse 'lokaler' Konstruktion von Wirklichkeit aufrechtzuerhalten vermag.




6
  Zu den 'tiefenstrukturellen Grundlagen' dieser Interpretationsverfahren, welche anhand von Befunden der evo-
lutionären Erkenntnistheorie erhellt werden können, siehe Patzelt, Werner J.: Über Grundlagen sozialen Handelns:
zur Formalpragmatik und Biologie alltagspraktischer Hermeneutik. Manuskript, Passau 1988.
a. Verwendung der Schützschen Idealisierungen


a1) Unterstellung der Vertauschbarkeit der Standpunkte


Gelangen Ego und Alter zu unterschiedlichen Wahrnehmungen und Einschätzungen ihrer Alltagswirk-
lichkeit und Alltagswelt, so interpretieren sie diese Alltagswelt gleichwohl als gemeinsam und subjek-
tiv. Zu diesem Zweck schreiben sie ihre Deutungsunterschiede der Tatsache unterschiedlicher Stand-
orte zu, nehmen an, daß diese Standorte prinzipiell vertauschbar wären, und daß bei Vertauschung
der Standorte Ego zu Alters Sicht und Alter zu Egos Sicht gelangen könnte. Damit ist die Tatsache
des Dissenses entproblematisiert.


a2) Unterstellung der Kongruenz der Relevanzstrukturen


Akzeptieren Ego und Alter einander als kompetente kulturelle Kollegen, so unterstellen sie, daß in-
dividuelle, biographisch bedingte Unterschiede in der Wirklichkeitswahrnehmung und Sinndeutung für
alle praktischen Zwecke gemeinsamen Handelns irrelevant sind. Sie gehen bis auf weiteres davon
aus, daß sie ungeachtet aller persönlichen Unterschiede die praktisch wichtigen Situationsmerkmale
in gleicher Weise bemerken, deuten und behandeln.


a3) Etikettierung von Außenseitern


Ego und Alter unterstellen, daß Denk- und Handlungsweisen von Tertius, die nicht anhand der bis-
lang angesprochenen Interpretationsverfahren zu verstehen sind, nicht auf das Fehlen einer mit Tertius
gemeinsamen Alltagswelt zurückzufahren sind, sondern daß ihnen Defekte von Tertius zugrunde lie-
gen. Ist Tertius ein Erwachsener, so wird er als 'kindisch', 'unfair', 'böse', 'ignorant', 'ideologisch bor-
niert' und im Grenzfall als geisteskrank angesehen und solchermaßen als Außenseiter etikettiert. Die
Alltagswelt ist dann wieder problemlos als gemeinsame interpretierbar. Interagieren nur Ego und
Tertius, so läßt sich Konsens über eine wechselseitige Etikettierung offenkundig nicht herstellen. Ego
kann sich hier nicht mit Alter gegen Tertius, Tertius nicht mit Alter gegen Ego verbünden und derge-
stalt gemeinsame soziale Wirklichkeit sichern. In dyadischen Beziehungen führt der Versuch der
Verwendung dieses Interpretationsverfahrens darum entweder zum Kommunikationsabbruch oder zu
physischer Gewaltanwendung.


b. Herstellung von Indexikalitätstoleranz


Mittels dieser Gruppe von Interpretationsverfahren wird der problematische Sachverhalt bewältigt,
daß alle Elemente sozialer Wirklichkeit prinzipiell vieldeutig ('indexikal') sind und situativ immer wie-
der aufs neue angemessen gedeutet werden müssen. Dies setzt bei Ego und Alter die Bereitschaft
voraus, solche Vieldeutigkeit ('Indexikalität') grundsätzlich zu tolerieren und in Kauf zu nehmen, daß
sie höchstens in für alle praktischen Zwecke ausreichender Weise und, wenn überhaupt, keineswegs
                                                                                                      13

zu jedem beliebigen Zeitpunkt zu beseitigen ist. Ego und Alter müssen darum in der Lage und willens
sein, bestimmte formale Methoden der Kontextbildung zu verwenden, um substantiell Indexikalität
und Ambiguität tolerieren zu können. Gewissermaßen müssen sie jedes indexikale Zeichen in einer 'et
cetera - Erwartung' aufnehmen und darauf vertrauen, daß die für praktische Zwecke noch fehlenden
Kontexte schon noch nachgeschoben, würden. Folgende Einzelverfahren lassen sich dabei hervorhe-
ben:


b1) 'Let it pass' - Verfahren


Ego läßt unklare, vage und sogar unmittelbar sinnlos erscheinende Äußerungen und Gesten Alters
oder sonstige ihm unverständliche Situationsmerkmale einstweilen unbeanstandet, um überhaupt jene
Kommunikation und Interaktion zu ermöglichen, in deren Verlauf sie geklärt werden könnten.


b2) 'Filling in' - Verfahren


Ego unterstellt, daß er bei Alters Äußerungen grundsätzlich die jedem kulturellen Kollegen bekannten
Kontexte der gemeinsamen Alltagswelt voraussetzen darf. Erscheinen ihm Äußerungen oder son-
stige indexikale Zeichen als unverständlich, so geht er davon aus, er habe den indizierten Kontext nur
noch nicht identifiziert; er unterstellt aber, es sei von Alter tatsächlich ein verfügbarer Kontext indi-
ziert. Darum versucht er, wenigstens hypothetisch und ad hoc durch eine Reihe ihm geeignet erschei-
nender Kontexte die von ihm erfahrenen Bedeutungslücken zu schließen. Passende Kontexte ad hoc
aufzufüllen, ist geradezu die Voraussetzung für erfolgreiches 'let it pass'. Mit Garfinkel kann dieses
Verfahren darum auch als Befolgung der Regel 'do ad-hocing', bezeichnet werden. Dieses Verfahren
wird etwa angewendet, wenn bei Argumentationen Ego sich auf Alters Aussage einläßt, 'mutatis mu-
tandis' gelte Z nicht nur im Fall A, sondern auch im Fall B. Ebenso dient die Floskel 'im Großen und
Ganzen' dazu, dem Partner anzuzeigen, er solle dieses Interpretationsverfahren anwenden.


b3) Unless - Annahme


Ego unterstellt, die von Alter vorgenommenen (Sprech-)Handlungen seien in für alle praktischen
Zwecke ausreichender Weise ohnehin klar - auch wenn dies im tolerablen Umfang noch gar nicht der
Fall sein sollte - und hätten alles situativ Notwendige bereits mitgeteilt. Ego geht also davon aus, daß
nähere Explikationen, wenn sie auch nicht schadeten, einstweilen durchaus (noch) verzichtbar sind.
Erst wenn die Unterstellung, es lasse sich die Kommunikation und Interaktion auch ohne weiterge-
hende Sinnklärung stimmig fortsetzen, aufgrund eben von Störungen im situativen 'reality work' auf-
gegeben werden muß, verlangt Ego detailliertere Explikationen. Durch Verzicht auf sie, solange es
irgendwie angeht, vereinfacht Ego seine Kommunikation Interaktion mit Alter und Tertius erheblich.


b4) Retrospektiv-prospektive Interpretation
Ego unterstellt, daß ihm viele (Sprech-)Handlungen zwar nicht auf Anhieb, wohl aber im weiteren
Verlauf der Interaktion klar würden. Zugleich geht er davon aus, daß er bislang Verstandenes durch-
aus im Licht künftiger Ereignisse werde umzuinterpretieren habe. Darum ist er bereit, sowohl von der
'Unless'-Annahme auszugehen als auch 'let it pass' und 'filling in' zu praktizieren. Indem hier sowohl
Gegenwärtiges hinsichtlich der Zukunft interpretativ offengehalten als auch Vergangenes durch Ge-
genwärtiges interpretativ verändert wird, sichert dieses Verfahren alltäglicher Kommunikation und
Interaktion die Kontinuität ihres Sinns. Es ist bei festem Vertrauen in die erfolgreiche Verwendbar-
keit dieses Verfahrens sogar möglich, selbst Ungewißheit als normal und nicht weiter problematisch
zu ertragen.


c. Verwendung der Normalitätshypothese


Ausgangspunkt dieses Interpretationsverfahrens ist die gut bestätigte Tatsache, daß - vermutlich
dank tiefenstruktureller Fixierung7 - im Alltagsdenken die Alltagswelt zunächst als normal erfahren
wird. Da - wie oben dargelegt - Normalität ein Indexwert ist, können Varianten dieses Verfahren
danach unterschieden werden, ob bei der Interpretation mehr auf Vergleichbarkeit, Typikalität,
Wahrscheinlichkeit, Einschätzung der Notwendigkeit gemäß einer moralischen oder natürlichen Ord-
nung oder auf andere Indikatoren für Normalität abgehoben wird. Anhand der dem Alltagsdenken
stets zugrunde liegenden Hypothese über das situativ Normale, also über seine (ethniespezifische)
Normalform, kann Ego abschätzen, welche Kontexte er mit den (Sprech-)Handlungen Alters wohl
nicht verbinden muß. Die Verwendung dieser Hypothese wirkt darum unmittelbar kontextselektiv
und folglich sinndeutend. Konkret wird dieses Verfahren wie folgt angewendet:
Ego und Alter gehen davon aus, daß der jeweils 'andere verständliche Äußerungen macht' - solche
nämlich, die anhand ethniespezifischer substantieller Normalitätskriterien gedeutet werden können,
und zwar unabhängig von sonstigen Diskrepanzen, die einer der beiden Sprecher feststellt. Sie un-
terstellen wechselseitig, (Normalform-)Repertoires für das zu haben, was in ihrer Kultur eine Nor-
malerscheinung darstellt, und daß sie bei ihrer Kommunikation diese Repertoires auch tatsächlich
benutzen. Ferner unterstellen sie, daß sie sich auf die Verfügbarkeit dieser Normalformen in der
Weise verlassen können, daß sie nur jeweils angedeutet oder symbolisiert werden müssen, um ver-
wendbar zu sein. Einen kompetenten kulturellen Kollegen erkennt man dann daran, daß er regelmä-
ßig und selbstverständlich derartige Normalformen anzeigt und deutend benutzt, ohne je die einschlä-
gigen Annahmen über Vergleichbarkeit, Wahrscheinlichkeit usw. in Frage zu stellen.




7
    Siehe Anmerkung **
                                                                                                   15

d. Deutung von Normalitätsabweichungen als Information


Die Benutzung dieses Interpretationsverfahrens baut auf der fraglosen Verwendung der Normalitäts-
hypothese auf. Da nämlich auch Normalformen - unbeschadet ihrer für alle praktischen Zwecke
ausreichenden entindexikalisierenden Potenz - indexikal sind, kann auch ihre Indizierungsfähigkeit zur
Sinnkommunikationen dienen. Verweist nämlich Alter auf Normalformen, um seine Äußerungen oder
Handlungen für Ego klar zu machen, so kann er zugleich eine mögliche Differenz zwischen der heran-
gezogenen Normalform und der zu entindexikalisierenden Äußerung oder Handlung anzeigen. Über-
haupt muß Alter sowohl akzeptieren, daß Ego ihn anhand von Normalformen interpretiert, als auch in
Rechnung stellen, nur in Differenz zur Normalform als unverwechselbares Individuum sichtbar wer-
den zu können. Eben dies nutzt Alter gegebenenfalls aus, um seine Besonderheit vor der Folie all-
tagsweltlicher Normalität darzustellen und zur Grundlage der Interaktion mit Ego zu machen. Er kann
versuchen, gängige Normalformen möglichst klar zu indizieren, um dann in hinreichend auffälliger
Weise von ihnen gerade soweit abzuweichen, daß sie zwar als Interpretationskontext zweifelsfrei
erhalten bleiben, ihm aber persönliche Profilierung erlauben. Beherrscht auch Ego die Verwendung
dieses Verfahrens, so wird er Alters Zeichen, welche die Normalform als Kontext aufweisen, als
indexikale Ausdrücke in Hinsicht auf Alters Individualität deuten und, wobei er soweit wie nötig die
Verfahren der Indexikalitätstoleranz verwendet, sie im Licht von Alters Individuierungsbemühungen
zu verstehen versuchen. Dabei werden jene für das Alltagswissen charakteristischen Disparitäten
ausgenutzt, die zwischen dem bestehen, was Alter von sich weiß, was Alter meint, daß Ego von ihm
wisse, und was Alter meint, daß Ego von diesen Vermutungen Alters weiß. Offenkundig ist dieses
Interpretationsverfahren höchst komplex und störanfällig. Es setzt hochgradig kompetente kulturelle
Kollegen voraus, die kenntnisreich, erfahren, sensibel und vor allem guten Willens sind. Dafür ist es
aber genau dieses Interpretationsverfahren, das persönliche Begegnung und tiefere Beziehungen er-
möglicht. Während die Verwendung der Schützschen Idealisierungen nur die Grundlage konzertier-
ter Sinndeutungen und Handlungen schafft, die bloße Verwendung der Normalitätshypothese diese
lediglich szenisch konkretisiert und die Verfahren zur Herstellung von Indexikalitätstoleranz nur den
Fortgang von Kommunikation und Interaktion zu sichern vermögen, kann anhand dieses Verfahrens
sich Alter mit Ego in jeder Komplexität und Tiefe austauschen, deren beide nur fähig sind.
Offensichtlich kann sowohl der interpretative als auch der demonstrative Umgang mit politischem
Wissen, der mit politischem Handeln ja eng verflochten ist, anhand dieses Katalogs von Interpretati-
onsverfahren präzise beschrieben werden. Damit gelangt die Analyse der wirklichkeitskonstruktiven
Funktion politischen Wissens einen entscheidenden Schritt über die bislang beschriebene Struktur-
analyse hinaus: hier wird betrachtet, wie politisches Wissen zum Zweck politischen Handelns ein-
gesetzt wird.
4.   Analyse des Umgangs mit politischem Wissen bei der 'Wirklichkeitsfixierung' ('politics
     of reality')


Unter dem Begriff 'politics of reality' werden jene Praktiken zusammengefaßt, mit denen man eine
bestehende Wirklichkeit gegen ihre Veränderung oder Zersetzung schützt und ihre Reproduktion
sichert. Anders ausgedrückt: es geht um jene Aktivitäten, mittels welcher eine bestimmte Wirklich-
keitsbeschreibung als Grundlage weiterer Orientierung und Handlung in Geltung gehalten und dank
welcher eine solche Wirklichkeitsbeschreibung in aller Selbstverständlichkeit benutzt wird - und zwar
gerade angesichts der Erkenntnis, daß mit dieser einen Wirklichkeitsbeschreibung andere Wirklich-
keitsbeschreibungen konkurrieren. Etliche dieser Praktiken, die zur 'Fixierung' zunächst von Perzep-
tionswirklichkeiten, dann aber auch der auf deren Grundlage konstruierten Operationswirklichkeiten
dienen, arbeiten v.a. anhand des Managements von Wissensbeständen und von Möglichkeiten, Wis-
senbestände zu kommunizieren. 'Wie wird durch 'Management' politischen Wissens die Konstruktion
politischer Wirklichkeit betrieben?' - dies ist die Frage, welche die hier vorzustellende Gruppe
ethnomethodologischer Studien zu beantworten hat. Drei Gruppen von Methoden der Wirklichkeits-
fixierung sind zu unterscheiden, wobei alle Einzelmethoden auch in zweckdienlichen Kombinationen
verwendet werden können.


a. Vorfeldmethoden


Die erste Gruppe von Methoden der 'politics of reality' bleibt in der natürlichen Einstellung meist un-
bemerkt, da sie gewissermaßen 'im Vorfeld' aller bewußten Wirklichkeitsfixierung einsetzen. Unter
ihnen sei auf acht Einzelmethoden verwiesen:


a1) Routinemäßige Nicht-Herstellung von Transparenz bezüglich der Zusammenhänge zwi-
    schen einzelnen Wirklichkeitsmerkmalen:
    Man gibt sich damit zufrieden, Einzelmerkmale sozialer Wirklichkeit als selbstverständlich zu ak-
    zeptieren, verzichtet aber darauf, sie in ihren Zusammenhängen zu durchschauen. Dann können
    strukturelle und inhaltliche Widersprüche im System des als selbstverstündlich Akzeptierten nicht
    erkannt werden; konkret auffallende Inkonsistenzen hingegen lassen sich leicht als 'Einzelfälle'
    entproblematisieren. Diese Methode liegt beispielsweise vor, wenn man sich (oder andere) sys-
    tematischen Erörterungen der Zusammenhänge zwischen staatlichem Gewaltmonopol und per-
    sönlicher Sicherheit wie Freiheit entzieht.
a2) Routinemäßiger Verzicht auf vom Ethnie-Standard abweichende Interpretationen:
    Obwohl es prinzipiell möglich wäre, ein Wirklichkeitsmerkmal auch 'anders aufzufassen' als üb-
    lich und somit den Bezirk akzeptierter Selbstverständlichkeiten zu verlassen, entwickelt man da-
    für kein Interesse oder schreckt gar bewußt vor diesem Schritt zurück. Ein Beispiel liegt vor,
    wenn man Repräsentativorgane nur als 'Krücken' der 'eigentlich anzustrebenden direkten De-
    mokratie' wahrnimmt, anspricht und darstellt.
a3) Verwendung von 'normalisierenden intervenierenden Variablen' beim Auftreten von Inter-
    pretationsproblemen:
    Gerät eine unter 'kulturellen Kollegen' unbezweifelbar korrekte Wahrnehmung in Widerspruch
                                                                                                    17

    zu als selbstverständlich akzeptierten Annahmen, so verzichtet man darauf, diese nun doch als
    problematisch erwiesenen Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen; vielmehr sucht und po-
    stuliert man einen Sachverhalt, der im vorliegenden Fall 'dazu führen mußte', daß ein die Hinter-
    grunderwartungen diskreditierendes Ereignis auftrat. 'Eigentlich' sind diese Hintergrunder-
    wartungen dann natürlich nicht diskreditiert. Ein Anwendungsbeispiel dieser Methode liegt vor,
    wenn das Mißlingen des Aufbaus attraktiver realsozialistischer Systeme mit der Sabotage impe-
    rialistischer Agenten erklärt wird.
a4) Routinemäßige Verwendung normalisierender Kontexte als zwingend erfordertes Kennzei-
    chen von Kompetenz:
    Gerade Widersprüche zum als selbstverständlich Akzeptierten werden nicht als Anomalien be-
    trachtet, sondern bieten einen Anlaß, Kompetenz in der korrekten, d.h. die Widersprüche weg-
    interpretierenden Erklärung von Wirklichkeitsmerkmalen vorzuweisen. Genau diese 'normali-
    sierenden' (Um-)Interpretationen werden als Ausweis besonderen Realitäts- und Scharfsinns
    geschätzt und zum Kriterium kultureller Kompetenz gemacht. Diese Methode liegt z.B. dort vor,
    wo ausschließlich eine in den Begriffen der marxistischen politischen Ökonomie geleistete Ana-
    lyse der realsozialistischen 'Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik' als kompetent gilt, nicht
    aber eine Untersuchung, welche überhaupt schon die analyseleitenden Konzepte dieses Sprach-
    spiels in Frage stellt.
a5) Routinemäßige Interpretation von Wahrnehmungen ausschließlich anhand der Hypothese,
    die eigene Wirklichkeitsbeschreibung sei korrekt.
    Dies ist eine Ethnomethode Alters, die Ego nicht selten sogar schon im Alltagsleben bemerkt -
    doch meist nur, wenn Alter, nicht aber, wenn Ego selbst sie verwendet.
a6) Routinemäßige Beseitigung von Falsifikationschancen:
    Man verzichtet darauf, sich in Situationen zu bringen, in denen die Methoden c) bis e) in die Ge-
    fahr des Scheiterns geraten könnten. Typische Anwendungen dieser Methode bestehen in der
    Geringschätzung bzw. Ablehnung empirischer Untersuchungen, so daß keine zur Falsifikation
    geeigneten Informationen wissenschaftlichen Anspruchs vorliegen, oder - viel raffinierter - in der
    Praxis, das für richtig Gehaltene nur in vagen und zugleich einprägsamen, positiv wertbesetzten
    Begriffen zu formulieren.
a7) Routinemäßige Interpretation von Wirklichkeitsmerkmalen aller Art nur im Einklang mit
    den eigenen Interessen:
    Man motiviert sich auf diese Weise dazu, die akzeptierten Selbstverständlichkeiten stets als vor-
    teilhaft für sich selbst einzuschätzen oder einer entsprechenden Interpretation zuzuführen, so daß
    'unangenehme Konfrontationen' mit dem eigenen Credo, welche die Verwendung der anderen
    Methoden diskreditieren könnten, weitestgehend vermieden werden. Dann findet sich nämlich
    auch kein Motiv, die eigene Weltsicht, die eigenen Wissensbestände und das sie bergende
    Sprachspiel zu überprüfen.
a8) Routinemäßiger Verzicht auf neuartige Sprechweisen:
    Man verhindert, daß überhaupt Duchführungsmittel einer die Methoden a) bis d) gefährdenden
    Kommunikation benutzbar werden.


b. Entproblematisierungsmethoden
Die zweite Gruppe der von wirklichkeitsfixierenden Methoden wird dann benutzt, wenn innerhalb ei-
ner dank erfolgreicher Verwendung der Vorfeldmethoden stabil hervorgebrachten sozialen Wirklich-
keit 'Störungen' und 'Probleme' folgender Art auftreten: Tertius beginnt aus irgendwelchen Gründen
zu bezweifeln, jene Perzeptionswirklichkeit, die Ego und Alter mit ihm teilen, sei die einzige korrekte
Wirklichkeitsbeschreibung, und nur an ihr habe er seine Sinndeutungen und Handlungen zu ori-
entieren. Dann taucht in Egos und Alters Interaktion mit Tertius das Problem auf, welche Wirklich-
keitsbeschreibungen denn wohl dem gemeinsamen 'reality work' zugrunde zu legen seien. Dieses
Problem wird dann akut, wenn an Handlungen und Sinndeutungen sich praktisch wichtige Folgen
knüpfen, auf deren faktisches Eintreten man nur dann seine Erwartungen richten kann, falls die Wirk-
lichkeitsbeschreibung korrekt ist, auf die sich eben die Erwartung jener Folgen stützt. Da aber oft
vor der Durchführung von Handlungen eine Berücksichtigung ihrer Folgen erwünscht ist, hängt von
der Lösung dieses Problems ab, ob in diesen Fälen überhaupt zu konzertierten Handlungen gelangt
werden kann. Weil jedoch nicht selten auch in solchen Problemfällen nicht auf gemeinsames oder
wenigstens gemeinsam verbindliches Handeln verzichtet werden kann, sind die hier einzusetzenden
Entproblematisierungsmethoden von größter praktischer Bedeutung. Sie sind dann zu verwenden,
wenn sich das zu bewältigende Problem nicht etwa durch Belehrung, Überzeugung oder gemeinsame
Forschung doch noch lösen läßt. Drei Methoden sind zu unterscheiden:


b1) Festigung des Glaubens an eine gemeinsame Operationswirklichkeit


Die erste Methode zielt darauf ab, überhaupt erst wieder Einvernehmen darüber zu gewinnen, daß
tatsächlich eine allen Mitgliedern gemeinsame Wirklichkeit besteht, innerhalb welcher dem eigenen
Handeln bestimmte Rahmenbedingungen gesetzt sind, welche durchaus eigene Wünsche konterkarie-
ren und solche Folgen zeitigen können, die von einer anderen Wirklichkeitsbeschreibung nicht vor-
gesehen waren. Verschiedene, einander widerstreitende Wirklichkeitsbeschreibungen können nun
zunächst dadurch um ihren exklusiven Anspruch auf Übereinstimmung mit den Tatsachen gebracht
werden, daß man sie - im Konsens über die Zulässigkeit dieses Verfahrens - wechselseitig als ledig-
lich perspektivische und selektive Wirklichkeitsbeschreibungen einander gegenüberstellt. Vier Haupt-
varianten dieser Methode ließen sich feststellen:
-   Man rekurriert auf konkrete Unterschiede in den Möglichkeiten verschiedener Personen, die zu
    beschreibende Wirklichkeit überhaupt wahrnehmen und intellektuell verarbeiten zu können, so
    daß von vornherein nicht angenommen werden kann, identische Beschreibungen seien möglich.
-   Man unterscheidet zwischen Operations- und Perzeptionswirklichkeit und einigt sich darauf, daß
    verschiedene Sichtweisen nicht nur möglich und geradezu unvermeidlich seien, sondern daß ü-
    berdies Fehler und Mißverständnisse bei der 'Übersetzung' auch gleicher Wirklichkeitserfah-
    rungen in die gemeinsame Alltagssprache nicht ausgeschlossen werden können.
-   Man stellt in Rechnung, daß 'Laien', 'Außenstehende' usw. oft zu anderen Sichtweisen gelangen
    als 'Profis', 'Insider' usw., womit die Vermutung einer 'größeren Richtigkeit' der professionellen
    Wirklichkeitsbeschreibung zugleich zur Stiftung von Konsens darüber verwendet werden kann,
    was wohl eine 'richtige' Beschreibung des fraglichen Sachverhalts (im Gegensatz zu einer 'fal-
    schen') wäre.
-   Man 'findet heraus', daß nur 'spezielle Gründe' wie Voreingenommenheit oder blickverstellende
    Werturteile zu einer falschen Wirklichkeitswahrnehmung geführt hätten. Die Eleganz dieser Me-
                                                                                                       19

     thode besteht darin, daß genau der Kern der abweichenden Wirklichkeitsbeschreibung zur Be-
     seitigung von ihrer Überzeugungskraft verwendet wird.
Durch die Benutzung dieser Methoden wird eine Reihe einander widersprechender Wirklichkeitsbe-
schreibungen verfügbar gemacht, von denen mittels ethniespezifischer Normalitätsvorstellungen die
eine gegen die andere ausgespielt werden kann. Im Einzelfall läßt sich das ganze Verfahren auch
durch Rekurs auf die Kategorie des 'Unsinns', mit der eine bestimmte Wirklichkeitsbeschreibung eti-
kettiert wird, für den praktischen Zweck einfach abbrechen. Insgesamt wird bei diesem Verfahren in
der Regel Konsens darüber erzielt, daß zwar eine gemeinsame und 'eigentlich' den Sinndeutungen
und Handlungen gemeinschaftlich zugrunde zu legende Operationswirklichkeit besteht, daß ihre Be-
schaffenheit aber nur prinzipiell, doch eben nicht zur Zeit, in für alle Mitglieder akzeptabler Weise be-
schrieben werden kann. Ist erst einmal dieser Konsens erreicht, so lassen sich gemeinsame Handlun-
gen auf nun ihrerseits durch Kompromiß erarbeitete 'hypothetische' Wirklichkeitsbeschreibungen
gründen. So geht man zwar ein Handlungsrisiko ein, gelangt aber immerhin zu gemeinsamem 'reality
work'. Übersteigt dieses Risiko irgendwann den Rahmen, in dem man es einzugehen bereit ist, so
können immer noch die Ausgrenzungsmethoden benutzt werden, um sich jener Personen zu entledi-
gen, die man wegen ihrer 'Naivität', 'ideologischen Verblendung' oder 'intellektuellen Unzu-
länglichkeit' jetzt nicht länger als kulturelle Kollegen akzeptieren und nicht länger an der Konstruktion
und Reproduktion der eigenen Wirklichkeit beteiligen will. Statt durch Entproblematisierung wird die
'Störung' dann durch Ausgrenzung ihrer Erzeuger beseitigt.


b2) 'Aufschub des Wirklichkeitstests'


Die Verwendung dieser ersten Methode setzt offenkundig ein hohes Maß an Pluralitäts- und Ambi-
guitätstoleranz sowie die Bereitschaft zu risikoreichem, schnell zu korrigierenden Handeln voraus:
nicht kurzerhand zur Etikettierung und Ausgrenzung von Außenseitern zu greifen, verlangt eine er-
hebliche kulturelle und sozialisatorische Vorleistung als Grundlage des 'reality work'. Will man die
Tragfähigkeit einer solchen Basis lieber nicht testen, andere Personen aber noch nicht als in-
kompetent ausgrenzen, so bietet sich eine zweite Methode an, die freilich nur kurzfristigen Pro-
blemaufschub zu leisten vermag: Man führt Konsens darüber herbei, daß sich die konkurrierenden
Wirklichkeitsbeschreibungen einfach auf verschiedene Sachverhalte beziehen, daß also gar kein Pro-
blem verschiedener Wirklichkeitssichten vorliegt. Dann kann jedem Mitglied immer noch kulturelle
Kompetenz bescheinigt und zugleich die Tatsache aufgetretenen Dissenses als 'ganz normal' interpre-
tiert werden, ohne daß diese Deutung mit einer Ambiguitätstoleranz erfordernden Investition erkauft
werden muß. Doch zweifellos wird durch diese Methode nur eine scheinbare Lösung des Problems
erzielt: gemeinsames Handeln, das gemeinsame Wirklichkeitsbeschreibungen voraussetzt, muß nun
entweder unterlassen werden, um nämlich die 'Problemlösung' nicht zu gefährden, oder es entbrennt
der Streit um eine korrekte Beschreibung der gemeinsam vorauszusetzenden Wirklichkeitsmerkma-
le sofort aufs neue. Durch diese Methode können Auseinandersetzungen dieser Art also nur vertagt
werden, was freilich nicht selten einen nützlichen Beitrag zur Sicherung einer bestimmten Wirklich-
keitskonstruktion darstellt.


b3) Konversion
Es ist noch eine dritte Methode denkbar, mit der das von Tertius erzeugte Problem bewältigt wer-
den kann: die Konversion von Tertius. Angesichts der Vorläufigkeit von nach der zweiten Methode
erzielten Kompromissen, aufgrund mangelnder Fähigkeit, den Kompetenzanforderungen der ersten
Methode gerecht zu werden, und zugleich aus Fucht, als Außenseiter etikettiert und ausgegrenzt zu
werden, mag sich Tertius dazu bequemen oder kann er dazu gedrängt werden, überhaupt seine
Wirklichkeitswahrnehmung zu verändern und, nach diesem Akt der Konversion, ihn vor solchen
Problemen ohnehin bewahrende Wissensbestände als Durchführungsmittel seines Alltagsdenkens und
Alltagshandelns zu benutzen. Natürlich stellt dies eine tiefgreifende Veränderung der Identität von
Tertius dar, und offensichtlich liegt hier jener Vorgang vor, der aus religiösen oder politischen Bio-
graphien wohlbekannt ist und in diesem Jahrhundert besonders gut an Zuwendungen zum Kom-
munismus und an Abwendungen von ihm in seiner persönlichen wie wirklichkeitskonstruktiven Dra-
matik studiert werden kann. Hat jemand kraft Konversion die hier anstehenden Probleme der Wirk-
lichkeitsfixierung 'für sich' und 'auf eigene Kosten' gelöst, so ist er in einer neuen Ethnie kultureller
Kollege geworden. Indessen befreit gerade die Verwendung dieser Methode Tertius nicht grundsätz-
lich von seinen Problemen. Denn einerseits muß er sich nun erklären, warum es für ihn überhaupt je
möglich war, die Wirklichkeit so falsch einzuschätzen, wie er es vor seiner Konversion tat. In der
Regel gerät Tertius dabei in erhebliche Identitätsprobleme, die gemeinhin durch Rigorismus bei der
Verwendung der neu angeeigneten Wissensbestände ausagiert werden. Andererseits dürfte genau
diese Tatsache dazu führen, daß er eine Verwendung der beiden anderen Entproblematisie-
rungsmethoden kaum mehr toleriert und so neue Probleme des 'reality work' hervorruft.




c. Ausgrenzungsmethoden


Das letzte Mittel, eine bestimmte soziale Wirklichkeit zu sichern, besteht grundsätzlich in der Aus-
grenzung jener Personen, die deren Selbstverständlichkeiten gefährden. Ausgrenzung beginnt mit der
Bekundung offenen Zweifels, Alter könne noch als kompetentes Mitglied gelten, und endet mit der
physischen Vernichtung Alters. Zwar ist die Liquidierung von 'Feinden' ein meist recht zuverlässiges
Mittel, bestehende soziale Wirklichkeit abzusichern; doch es nimmt der Nutzen dieser Methode mit
steigender Komplexität sozialer Wirklichkeit ab, da sie die Grundlagen komplexer Wirklichkeits-
konstruktion gefährdet und dann eher kontraproduktiv wirkt. Bleibt diese Methode also auch die
'ultima ratio', so sind ihr andere Methoden, vor allem in ausdifferenzierten sozialen Strukturen, weit
überlegen. Am effizientesten sind jene, welche über die Nutzung alltäglicher Wissensbestände und
Kommunikation ihre Wirkung entfalten.


c1) Kommunikative Deprivation


Ego führt vor Dritten die Konversation mit Alter so, daß zwar Ego seine Alter herabsetzenden oder
ausgrenzenden Wirklichkeitsbeschreibungen kommunizieren kann, es Alter hingegen vermehrt wird,
auch seinerseits Kontexte zu diesen Wirklichkeitsbeschreibungen Egos einzubringen und so Egos
Absichten möglicherweise zu vereiteln. Typische Szenen der Verwendung dieser Methode sind: der
Lehrer, der einen Schüler 'fertigmacht'; der Zeuge oder Angeklagte vor Gericht, der 'in die Ecke ge-
                                                                                                     21

trieben wird'; der Politiker, gegen den eine Medienkampagne läuft. Gelingt Ego sein Vorhaben, so
kann er rein kommunikativ solche soziale Wirklichkeit aufbauen, in der Alter als 'unfähig', 'verlogen',
'gemein' usw., jedenfalls als Außenseiter 'vorzuführen' ist. Die weiteren Ausgrenzungsmethoden bau-
en in der Regel auf solcher kommunikativer Deprivation auf.


c2) Strategische Kontextbildung


Zum Zweck von Alters Ausgrenzung beschreibt man vor dessen kulturellen Kollegen Alters Denken
und Handeln, wobei man sich nach Möglichkeit als 'Freund' Alters oder wenigstens als jemand dar-
stellt, der Alter zu verstehen sucht. Dadurch verschafft man sich bei den Adressaten seiner Anstren-
gungen erhöhte Glaubwürdigkeit für seine Aussagen über Alter. Nun zeige man, daß Alter in einer
Weise denkt und handelt, die den innerhalb der Ethnie vorauszusetzenden Normalitätsvorstellungen
nicht entspricht. Dabei weise man nach, daß jene Differenz zwischen ethniespezifischen Normalfor-
men und Alters Verhalten sowohl für Alters Persönlichkeit konstitutiv als auch für das gemeinsame
'reality work' bedrohlich ist. Diesen Nachweis führe man in der Weise, daß man die Beschreibung
von Alters Denken und Handeln mit dazu in gezielter Weise kontrastierenden Beschreibungen des
Normalen ('Kontraststrukturen') koppelt. In genau diesem Interpretations- und Darstellungs-
Kunststück besteht die 'strategische Kontextbildung'. Anschließend an sie versuche man, die Sinn-
deutungen und Handlungen von Alters kulturellen Kollegen aufgrund dieses strategisch eingesetzten
Nachweises so zu konzertieren und gegen Alter zu richten, daß dieser in aller Selbstverständlichkeit
als Außenseiter etikettiert und als solcher behandelt werden kann. Ist dies erreicht, so gibt es gute
Chancen dafür, Alter auch zum tatsächlichen Einnehmen der Außenseiterrolle zu veranlassen.


c3) Degradierung


Oft sollen über das Mittel der strategischen Kontextbildung hinaus Alter ausgrenzende Reflexivi-
tätsprozesse hervorgerufen werden. Dann kann - kommunikative Deprivation und strategische Kon-
textbildung nutzend - mittels einer gut inszenierten 'Anklage' versucht werden, Alter zu degradieren
und um den Status eines kulturellen Kollegen zu bringen. Zunächst muß zu diesem Zweck innerhalb
der ethniespezifischen Vorstellungen vom 'gemäß einer natürlichen oder moralischen Ordnung Not-
wendigen' moralische Entrüstung über Alter mobilisiert werden, welche Alters kulturelle Kollegen in
bezug auf bestimmte Elemente ihres bewirkten Bestands gegen Alter solidarisiert. Vor diesem Hin-
tergrund muß Alter seiner Personalität entkleidet und als lediglich personifizierter Typ, behandelt
werden; seine problematischen Verhaltensweisen dürfen nicht als (verzeihliche) Regelverstöße eines
einzelnen begriffen, sondern müssen als die Allgemeinheit bedrohende Vergehen eines gefährlichen
'Typs' dargestellt werden. Nicht gegen einen konkreten Menschen und sein Tun, sondern auf ein
'allgemeines Wirklichkeitsmerkmal', das nur eine (widerliche ) menschliche Gestalt 'angenommen' hat,
richtet sich dann die Anklage.
Ihr Fundament wird so gelegt: der angeklagte (negative) 'Typ' wird als ausschließlich im Vergleich mit
seinem (positiven) Gegenbild zu bewerten ausgegeben. Ein Mörder muß mit einem fürsorglichen Fa-
milienvater, ein politischer Gegner mit einem hingebungsvollen Patrioten kontrastiert werden. Das Ziel
dieser Kontextbildung besteht darin, daß mit Anspruch auf Selbstverständlichkeit nur noch im Sinn
der Anklage argumentiert werden kann. Dabei muß der Ankläger als Vertreter der gesamten Ethnie,
als Anwalt und Verteidiger ihrer höchsten Werte auftreten und deutlich machen, daß sich die Ankla-
ge genau auf die Verletzung dieser höchsten Werte beziehe. Ferner muß er unerbittlich auf jene Kluft
hinweisen, die ihn und jedes normale, 'anständige' Mitglied der Ethnie vom Angeklagten trennt und
auch künftig trennen muß.
Solche Anklagen sind unbedingt vor Institutionen zu erheben, deren Stellungnahme zur Anklage und
zum Angeklagten etwa in Form von Gerichtsurteilen oder massenmedialer Berichterstattung solche
wirklichkeitskonstruktiven Folgen zeitigt, gegen die sich Alter nicht erfolgreich zur Wehr setzen kann.
Wird die Anklage zurückgewiesen, so gilt in vielen Fällen gleichwohl: 'Semper aliquid haeret'. Ob-
siegt die Anklage, so ist Alter degradiert und um seinen Status als kompetentes und akzeptiertes
Mitglied seiner Ethnie gebracht worden. Wie sehr sich sein wirklichkeitskonstruktiver Status dabei
verringert hat, hängt von der Reichweite der Anklage und den gegen ihn verhängten Sanktionen ab.
Im Grenzfall wird Alter völlig ausgegrenzt und den Liquidierungsmethoden überantwortet.


c4) Liquidierung


Wer an der Hervorbringung der sozialen bzw. politischen Wirklichkeit einer Ethnie nicht mehr mit-
wirken kann, ist als Wirklichkeitskonstrukteur liquidiert. In halbwegs stabilen sozialen bzw. poli-
tischen Wirklichkeiten setzt Liquidierung meist formelle Degradierung voraus. Diese Liquidierung
wird sich vielleicht nur auf die wirkichkeitskonstruktive Rolle Alters, ggf. aber auch auf seine Persön-
lichkeit insgesamt beziehen. Im ersten Fall genügt es, Alter kommunikativ kaltzustellen, ihn einzusper-
ren oder zu exilieren; im zweiten Fall wird Alter für unvernünftig und unmündig erklärt, in psychiatri-
sche Anstalten verbracht und gegebenenfalls dort so behandelt, daß er wirklich geisteskrank wird.
Die Liquidierung kann ferner befristet oder endgültig sein, wobei im äußersten Fall nach Alters physi-
scher Vernichtung auch noch die Spuren seiner Existenz getilgt werden können.


Es scheint, daß die faszinierende Schnelligkeit, mit welcher die lange Zeit als so ungeheuer wider-
standsfähig geltenden realsozialistischen Staaten zusammenbrachen, gut erklärt werden kann, wenn
man den Zerfallsprozeß ihrer Strukturen anhand des eben vorgelegten Analysewerkzeugs betrachtet.
Es scheint nämlich so gewesen zu sein,
-    daß die Vorfeld- und Entproblematisierungsmethoden der Wirklichkeitsfixierung längst über-
     lastet waren und nur noch mit 'offiziellen' Wissensbeständen bzw. Normalitätsvorstellungen ope-
     rieren konnten, die mit den alltagspraktisch benutzten Wissensbeständen bloß schütter verknüpft
     waren;
-    daß die im Frühherbst 1989 angewandten Ausgrenzungsmethoden der kommunikativen Depri-
     vation, strategischen Kontextbildung und Degradierung nicht mehr richtig funktionierten, da die
     Selbstverständlichkeit erodiert war, bei (proto-)politischem Handeln müsse man unbedingt die
     'offiziellen' Wissensbestände und Normalitätsvorstellungen heranziehen;
-    und daß darüberhinaus die Hintergrunderwartung diskreditiert wurde, die Staatsmacht werde
     durch effiziente Liquidierung ihrer Herausforderer dafür sorgen, daß letztlich doch nur solches
     politisches Handeln ohne Gefahr für Leib und Leben sei, welchem die 'offiziellen' Wissensbe-
     stände und Normalitätsvorstellungen zugrunde lägen.
                                                                                                   23

Unabhängig davon, ob diese Hypothesen stimmen, machen sie jedenfalls klar, ein wie griffiges
Werkzeug zur Analyse wirklichkeitskonstruktiven Umgangs mit (politischen) Wissensbeständen auch
der Katalog der 'politics of reality' liefert.


C. Forschungsdesigns


I. Klarstellungen


Die bislang vollzogene Darlegung, mit welchen ethnomethodologischen Konzepten die wirklich-
keitskonstruktive Funktion politischen Wissens analysiert werden kann, präsentierte die for-
schungsleitende Theorie der vorgeschlagenen Untersuchungen. Nun ist zu zeigen, durch welche
Forschungsdesigns diese Theorie in konkrete empirische Forschung umgesetzt werden kann. He-
rausgefunden soll schließlich werden, wie die Konstruktion politischer Wirklichkeit tatsächlich funk-
tioniert - und nicht nur, welche Beschreibungen vermuteter Konstruktionsprozesse möglich bzw.
plausibel sind. Die in diesem Abschnitt zu beantwortende Frage lautet darum: Wie lassen sich die
vorgetragenen Überlegungen und Illustrationen in systematischer empirischer Forschung so einlösen,
-   daß man den formulierten Behauptungen über das 'Wie' der Konstruktion politischer Wirk-
    lichkeit empirischen Wahrheitsgehalt zuschreiben kann,
-   und daß man von den auf der Mikroebene konkreten politischen Alltagshandelns untersuchten
    Ausschnitten 'lokaler' Wirklichkeitskonstruktion auf die Prozesse der Konstruktion politischer
    Wirklichkeit schlechthin verallgemeinern kann?
Ethnomethodologen behaupten meist, die ihrem Ansatz eigentümliche Forschungspraxis lasse sich
durchaus nicht mit dem geläufigen wissenschaftstheoretischem Modell beschreiben, wonach - ggf.
unreflektierte und unbemerkte - theoretische Konzepte zunächst die Datenerhebung und sodann die
Datenanalyse und Dateninterpretation steuerten, im Anschluß woran sie im Licht der gewonnenen
Ergebnisse zu verbessern wären. Allerdings stimmt diese Behauptung nicht, und tatsächlich werden
die folgenden Ausführungen zeigen, daß sich, angeleitet von ethnomethodologischer Theorie, sehr
wohl Forschung gemäß den üblichen sozialwissenschaftlichen Standards betreiben läßt.
Außerdem streiten Ethnomethodologen in der Regel ab, sie müßten sich mit der Frage der Ver-
allgemeinerbarkeit ihrer Befunde anhand stichprobentheoretischer Überlegungen auseinandersetzen.
Neben der schon erwähnten Einlassung, die Ethnomethodologie habe mit der 'konventionellen Sozi-
alforschung' nichts gemein, wird vor allem folgendes Argument vorgebracht: bei ethnome-
thodologischen Analysen gehe es ja nur um die Analyse 'lokaler' Wirklichkeitskonstruktion. Doch
natürlich ist die Frage nicht untersagt, was man denn anhand der jeweils untersuchten Wirklichkeits-
ausschnitte über die Konstruktion der (noch) nicht untersuchten Wirklichkeitsausschnitte lerne, und
zweifellos erbringen ethnomethodologische Untersuchungen ihren größtmöglichen Nutzen dann, wenn
sich ihre Ergebnisse entweder in eine verallgemeinerbare Theorie der Konstruktion spezieller Wirk-
lichkeitsausschnitte oder in eine empirisch zutreffende allgemeine Theorie wirklichkeitskonstruktiver
Prozesse einbringen lassen. In beiden Fällen stellen stellen sich aber stichprobentheoretische Fragen:
Wie wählt man das tatsächlich analysierte 'reality work', das konkret untersuchte politische Wissen
so aus, daß vom Untersuchungsgut ausgehend auf entweder die allgemeinen Praktiken der Wirklich-
keitskonstruktion oder auf die (Re-)Produktion spezifischer Wirklichkeitsbereiche geschlossen wer-
den kann? Wie stellt man sicher, daß von den untersuchten individuellen Beständen an politischem
Wissen auf die Beschaffenheit von Ethnotheorien geschlossen werden kann? Die Darstellung der
Forschungsdesigns wird zeigen, daß solche Fragen nach Auswahlplänen, die Repräsentativität er-
möglichen, im Prinzip keine anderen Überlegungen erfordern, als sie bei den jeweils herangezogenen
Methoden empirischer Sozialforschung ohnehin üblich sind.
Ausdrücklich sei klargestellt, daß die Nutzbarkeit von Auswahlplänen, die Repräsentativität der zu
erhebenden Daten gewährleisten, keineswegs davon abhängt, auf welchem Meßniveau diese Daten
erhoben werden: selbstverständlich kann auch die Auswahl qualitativer Daten (also von nominal- und
ordinalskalierten Daten) in einer Weise angestrebt werden, die Verallgemeinerungen erlaubt. Die
Forderung, ethnomethodologische Analysen der Konstruktion politischer Wirklichkeit müßten stich-
probentheoretischen Kriterien genügen, impliziert also keineswegs die Annahme, es gehe darum,
Wirklichkeitskonstruktion 'meßbar' und 'exakt quantifizierbar' zu machen.8
Der Grundgedanke der nun - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - vorzustellenden Forschungs-
designs lautet so: Es gilt, die Beschaffenheit und wirklichkeitskonstruktive Benutzung von politischem
Wissen in den verschiedensten Anwendungssituationen politischen Wissens zu studieren, und dabei
hängt es allein von der im Einzelfall verfolgten Fragestellung ab, ob man sich mehr für die Struktur der
Wissensbestände, für (inkompatible) Normalitätsvorstellungen, für die Nutzung politischen Wissens
beim Gebrauch von Interpretationsverfahren bzw. Darstellungstechniken oder für dessen Verwen-
dung beim Einsatz wirklichkeitsfixierender Methoden der 'politics of reality' interessieren muß.


II. Skizzen von Forschungsdesigns


Einfacher Darstellung wegen werden die vorzustellenden Designs nach der Art der zu erhebenden
Daten gegliedert, also nicht nach den für die Datenerhebung anzuwendenden Methoden oder nach
den theoretischen Überlegungen, die durch ein spezielles Forschungsdesign empirisch zu überprüfen
sind.


1. Analyse politischer Fernseh- oder Hörfunkdiskussionen


Das Ziel besteht darin,
-     sich einen Überblick über jene politischen Wissensbestände sowie ihre Struktur und Normali-
     tätsannahmen zu verschaffen, mittels welcher ein bestimmtes aktuelles politisches Problem defi-
     niert und erörtert wird;
-    bzw. die methodischen Praktiken des wirklichkeitskonstruktiven Umgangs mit solchen Wis-
     sensbeständen zu erkunden.
Aktuelle politische Probleme werden unter den heutigen Medien- und Kommunikationsbedingungen
regelmäßig in Fernseh- und Hörfunkdiskussionen erörtert. Bei diesen Diskussionen werden die Ge-

8
  Eine ganz andere Frage ist natürlich, ob für die - anhand von Repräsentativität ermöglichenden Auswahlplänen
- erhobenen Daten dann auch ihrem Meßniveau angemessene inferenzstatistische Modelle zur Verfügung stehen,
welche - sofern für die benutzten theoretischen Konzepte erforderlich - die Berechnung von Irrtumswahr-
scheinlichkeiten, Erwartungswerten oder Mutungsintervallen erlauben.
                                                                                                             25

sprächspartner in der Regel so ausgewählt, daß in den von ihnen vertretenen Positionen eine große
Spannweite jenes politischen Alltags- und Fachmannswissens aufscheint, das bei der Wirklichkeits-
konstruktion verwendet wird. Derlei in Fernseh- und Hörfunkdiskussionen benutzte Bestände vor
allem an Fachmannswissen von Akteuren und Beobachtern der Politik sowie die in solchen Diskus-
sionen beobachtbaren Züge der Nutzung solchen Wissens wirken über ihre Aufnahme durch die
Zuschauer bzw. Zuhörer auf das verfügbare politische Laienwissen zurück und werden dergestalt 'auf
einem weiteren Kanal' zum Faktor alltagspraktischer Konstruktion politischer Wirklichkeit. Folglich
stellen Fernseh- und Hörfunkdiskussionen eine üppig sprudelnde und leicht nutzbare Quelle valider
Daten hinsichtlich der Rolle politischen Alltagswissens bei der Konstruktion politischer Wirklichkeit
dar.9 Nicht ganz leicht werden sich allerdings die stichprobentheoretischen Probleme lösen lassen.10
Die Datenerfassung erfolgt durch Aufzeichnung der gesendeten Diskussionen auf Audio- bzw. Vi-
deokassette11 und anschließende vollständige oder partielle Verschriftung mittels eines Textver-
arbeitungssystem, so daß die Datenanalyse sich auf Dateien stützen kann, die - in der Regel über das
ASCII-Format - auch mittels der verschiedensten inhaltsanalytischen Programme bearbeitet werden
können.
Kommt es bei der Datenanalyse auf eine Strukturanalyse der untersuchten Wissensbestände an, so
ist eine kategoriale Inhaltsanalyse durchzuführen, bei welcher das derzeit noch in der Testphase be-
findliche Programm ATLAS/ti beste Dienste leisten kann. Geht es um eine Analyse der wirklich-
keitskonstruktiven Nutzung dieses Wissens kraft Verwendung (oder gezielte Verweigerung) von
Interpretationsverfahren, Darstellungstechniken und wirklichkeitsfixierenden Methoden, so kann wie
folgt verfahren werden:
-    Es wird eine Hardcopy der verschrifteten Diskussion erstellt und einer kategorialen Inhalts-
     analyse unterzogen, welche im Text die Benutzung der interessierenden Ethnomethoden zu iden-
     tifizieren versucht.
-    Sodann werden die entdeckten empirischen Referenten der forschungsleitend benutzten ethno-
     methodologischen Konzepte (z.B. der Einsatz oder die Verweigerung bestimmter In-
     terpretationsverfahren; das Beharren auf oder die Diskreditierung von bestimmten Normalitäts-
     vorstellungen; die Etikettierung und Degradierung von Außenseitern ...) im Text markiert.
-    Um die Interpretation des untersuchten 'reality work' zu erleichtern, werden schließlich Siglen
     der Referenten der benutzten Konzepte entweder partiturhaft unter die jeweiligen Textzeilen ge-
     schrieben, um so eine 'Partitur der Wirklichkeitskonstruktion' zu erhalten, oder sie werden in
     Randspalten festgehalten, um dergestalt die wirklichkeitskonstruktive Substruktion der fraglichen




9
   Hinsichtlich einer Analyse speziell der dabei benutzten politischen Sprache vgl. die Überlegungen in Patzelt,
Werner J.: Methoden politischen Sprechens: Die ethnomethodologische Perspektive, in: Forum für interdisziplinä-
re Forschung 2, 1989, S. 58-68, und ders.: Methoden politischen Sprechens: Das Analysepotential des ethno-
methodologischen Ansatzes, in: Erich Latniak / Manfred Opp de Hipt, Hrsg., Sprache und Politik, Opladen 1991,
S. 156-186.
10
   Ferner ist zu erwägen, ob und in welchem Umfang auch Fernseh-, Hörfunk- und Pressekommentare als analoge
Datenquelle benutzt werden können. Bei ihnen unterscheidet sich die Verfertigungssituation erheblich von jener,
in denen die in Diskussionen vorgebrachten Äußerungen entstehen, und es ist zu bedenken, ob spontane Aus-
sagen besser oder schlechter als überlegt verfaßte Texte die interessierenden Daten bergen.
11
   Bei Bandaufnahmen ist es vorteilhaft, mit Diktiergeräten zu arbeiten, weil dies erhebliche Vorteile für die
Verschriftung bringt.
     Anwendung politischen Wissens zu veranschaulichen, sie intersubjektiv überprüfbar und ggf.
     auch quantitativ beschreibbar zu machen.12
Eine Sonderform dieses Designs stellt die Untersuchung der stenographischen Aufzeichnungen von
parlamentarischen Plenardebatten dar.13 Bei ihnen lassen sich ebenfalls gezielt jene Wissensbestände
fassen, die der Bearbeitung eines bestimmten politischen Problems (auch) zugrunde gelegt werden,
und wie Hörfunk- oder Fernsehdiskussionen wendet man sich bei ihnen an ein Publikum und nicht
nur an die Diskussionsteilnehmer. Im Unterschied zur bislang erörterten Datenquelle setzen die De-
battenteilnehmer hier aber ziemlich viel unausgesprochenes Insider-Wissen voraus und neigen
zugleich dazu, bei den Redebeiträgen den scheinbaren Adressaten - die Anwesenden im Plenarsaal -
letztlich gar nicht anzusprechen, sondern das Wort 'zum Fenster hinaus' an das massenmedial er-
reichbare Publikum zu adressieren. Folglich liegt keine Diskussionssituation wie im Fall der eingangs
beschriebenen Designvariante vor, was bei der Datenanalyse und -interpretation zu berücksichtigen
ist. Außerdem können die stenographischen Berichte vor ihrer Publikation von den Abgeordneten
sprachlich redigiert werden, so daß der verfügbare Text nicht wörtlich mit dem übereinstimmt, was
tatsächlich gesprochen wurde. Auch dies muß bei der Analyse berücksichtigt werden.


2. Analyse alltagspraktischer politischer Diskussionen


Bei diesem Design wird der soeben skizzierte Forschungsansatz einfach auf alltägliches politisches
Diskutieren bzw. Politisieren übertragen. Während bei Fernseh- und Hörfunkdiskussionen v.a. politi-
sches Fachmannswissen von Akteuren und Beobachtern der Politik auf seine Struktur oder wirklich-
keitskonstruktive Verwendung zu analysieren ist, geht es hier um das politische Laienwissen, wie es
am Arbeitsplatz, beim Gespräch über den Zaun oder in der Eisenbahn benutzt wird. Da politische
Wirklichkeit aus alltäglichem Reden, sich Ereifern, Streiten, Überzeugen etc. sowie aus den durch
solche Kommunikation geprägten Handlungen konstruiert wird, ist gerade auch die Struktur und
Benutzung der dabei herangezogenen Wissensbestände von analytischem Interesse.
Eben die Alltäglichkeit bzw. die im Alltag ziemlich leichte Herbeiführbarkeit von Gesprächen über
Politik erlaubt relativ einfache Forschungsdesigns. Man kann - wie bei qualitativer Sozialforschung -
sich einfach in Situationen begeben, in denen erfahrungsgemäß politisiert wird; oder man führt in da-
für geeigneten Situationen eben politische Gespräche herbei, z.B. an der Bushaltestelle, in der Eisen-
bahn, bei der Pause am Arbeitsplatz, bei einer Party ... . Da politische Diskussionen mittlerweile eine
sehr geläufige Veranstaltungsform sind, ist auch daran zu denken, sie zum Zweck der gezielten Erhe-
bung von politischen Wissensbeständen eigens zu organisieren bzw. ohnehin terminierte Diskussions-
runden 'parasitär zu nutzen'. In allen diesen Fällen stellen sich natürlich nicht ganz leicht bewältigbare
stichprobentheoretische Probleme.
Die Datenerfassung kann entweder verdeckt durch den Einsatz von Diktiergeräten mit leistungs-
fähigen 'Krawatten-Mikrophonen' vorgenommen werden oder offen durch die Aufstellung von Mik-
rophonen. Bei Diskussionsveranstaltungen bietet sich die zweite, bei 'parasitär genutztem' oder
scheinbar zufällig herbeigeführtem alltäglichen Politisieren die erste Möglichkeit an. Nebengeräusche

12
   Als Beispiel siehe Patzelt, Werner J.: Ethnomethodological analysis of political conversation. Paper presented
at the 13th Annual Meeting of the International Society of Political Psychology, July 1990, Washington, D.C.
13
   Als Beispiel siehe Patzelt, Werner J.: Sprengsatz Sprache. Die 'Nachrüstungsdebatte' des Bundestags als Bei-
spiel, in: Politiche Studien 41, 1990, Heft 309, S. 53-73.
                                                                                                  27

- Hintergrundgeräusche oder eigene Körperbewegungen beim Krawatten-Mikrophon - können die
Aufnahmequalität und die Möglichkeiten einfacher Verschriftung erheblich beeinträchtigen, was bei
der Durchführung einer solchen Datenerhebung zu berücksichtigen ist.
Grundsätzlich ist zu erwägen, ob und in welchem Umfang es zu forschungsethischen Problemen führt,
politische Gespräche verdeckt aufzuzeichnen und anschließend auszuwerten. Eine taugliche Maxime
mag die folgende sein: Verdeckte Aufzeichnung 'parasitär genutzter' oder absichtlich herbeigeführter
politischer Gespräche ist dann vertretbar, wenn die aufgezeichneten Daten allein zu Forschungszwe-
cken und nicht zum Schaden der Gesprächspartner benutzt werden.
3. Analyse gezielt abgerufenen Fachmannswissens von politischen Akteuren


Es kann wünschenswert sein, gezielter auf politische Wissensbestände zuzugreifen, als dies bei der
Analyse aufgezeichneter Diskussionen möglich ist. Hierzu wird man fokussierte Interviews mit Exper-
ten jenes 'reality work' durchführen, das man zu untersuchen wünscht. Um beispielsweise jenes Wis-
sen zu erforschen, anhand dessen der Tatbestand der Fraktionssolidarität bzw. Fraktionsdisziplin
hervorgebracht wird, sind etwa Interviews zumal mit parlamentarischen Geschäftsführern sinnvoll.
Analog sind die Wissensgrundlagen der in einer Bürgerinitiative oder Behörde geleisteten Wirklich-
keitskonstruktion dadurch aufzuklären, daß man Intensivinterviews mit Aktivisten bzw. Mitarbeitern
führt. Stichprobentheoretische Probleme stellen sich dergestalt, daß gewährleistet werden muß, die
tatsächlich wirklichkeitskonstruktiven Wissensbestände bzw. Ethnotheorien ausfindig zu machen.
So gut wie immer lassen sich diese Interviews offen aufzeichnen und anschließend ganz bzw. in den
für den Analysezweck einschlägigen Passagen verschriften. In der Regel wird man anschließend in
der oben beschriebenen Weise eine kategoriale Inhaltsanalyse durchführen, in deren Verlauf sich
auch die benutzten Normalitätsvorstellungen herausarbeiten lassen.


4. Analyse 'verborgener' Wissensbestände


Üblicherweise kontrolliert man seine Äußerungen und richtet sie aus nach dem Adressatenkreis und
der Sprechsituation. Dies gilt zumal für politisches Sprechen. Als 'soziale Haut' besitzen die meisten
ein Empfinden dafür, in welchem Meinungsklima sie sprechen, für welche Positionen sie eher Zu-
stimmung oder Kritik erhalten werden und welche Wissensbestände dem eigenen Argument zugrun-
de zu legen 'schicklich' oder verpönt ist. Beispielsweise werden es die meisten vermeiden, bei einer
vor linksliberalem Publikum geführten Argumentation zugunsten einer Beschneidung des Zuzugs von
Asylbewerbern die eigene Position auf Argumente oder Fakten zu gründen, die leicht als rassistisch
gedeutet werden könnten. Dergestalt entfernt sich das konkret faßbare, da geäußerte Wissen, Dar-
stellen und Interpretieren von jenen Wissensbeständen und Ethnomethoden, die dem eigenen 'reality
work' tatsächlich zugrundeliegen. Will man falsche bzw. oberflächliche Ergebnisse vermeiden, muß
darum ein Weg gefunden werden, auch diese Schicht wissensbasierter Wirklichkeitskonstruktion
freizulegen.
Der Grundgedanke, dies zu erreichen, läßt sich so formulieren: Es muß jene Selbstkontrolle außer
Kraft gesetzt werden, welche die wirklichkeitskonstruktiv benutzten Wissensbestände durch Vor-
blendung sozial akzeptable(re)n Wissens verbirgt. Dies rückt in greifbare Nähe, wenn man politische
Diskussionen experimentell entgleisen läßt, dergestalt die untersuchten Gesprächspartner bis zum
Verlust ihrer Selbstbeherrschung reizt und sie so zu den als Untersuchungsgut angestrebten Äu-
ßerungen hinreißt.
Konkretisiert wird dieser Grundgedanke durch das folgende Forschungsdesign, welches die in-
nerhalb der Ethnomethodologie wohlbekannten 'Krisenexperimente'14 für den hier verfolgten For-
schungszweck abwandelt:



14
     Zu ihnen siehe Patzelt, Grundlagen, a.a.O., S. 110-115 und S. 185-194.
                                                                                                             29

-    Es wird zu einem politischen Sachverhalt, dessen wissensbasierte gesellschaftliche Konstruktion
     es aufzuklären gilt, eine Gruppendiskussion organisiert. Da politische Diskussionen übliche Ver-
     anstaltungen sind, dürfte es meist nicht allzu schwer fallen, solche Personen zur Teilnahme zu
     gewinnen, von denen man vermutet, ihre (verborgenen) Wissensbestände würden die interessie-
     renden Daten beinhalten. Selbstverständlich stellen sich wiederum erhebliche stichpro-
     bentheoretische Probleme.
-    Die Diskussion wird von einem Leiter, i.d.R. dem Forscher, so gesteuert, daß in einer für alle
     Aspekte des Problems sensibilisierenden Weise zunächst einmal alle jene Themen angeschnitten
     werden, über deren wissensbasierte Konstruktion Erkenntnisse gewonnen werden sollen. Das
     verborgene Ziel dieses Diskussionsteils besteht darin, die Anzahl der 'Schweiger' zu minimieren,
     die Gesprächsteilnehmer 'aufzuwärmen' und sie zur - immer noch selbstkontrollierten - Darle-
     gung der für den Forschungszweck wichtigen Wissensbestände und Normalitätsvorstellungen
     anzuhalten. Im Idealfall wird zugleich deutlich, welche Selbstverständlichkeiten die Diskussions-
     teilnehmer ihrer Argumentation zugrunde legen und auch vom Gesprächspartner als dessen
     grundlegende Selbstverständlichkeiten erwarten.
-    Unter den Diskussionsteilnehmern muß sich, als solcher nicht erkennbar, ein Mitarbeiter des
     Forschers befinden. Dieser hat die Aufgabe, nach der eben beschriebenen 'ersten Runde' als
     provozierender Diskussionsteilnehmer aufzutreten und gezielt einzelnen Diskussionsteilnehmern
     die kompetente Interpretation ihrer Äußerungen zu verweigern, ihre Normalitätsvorstellungen
     anzugreifen und die von ihnen hinsichtlich gemeinsamer Selbstverständlichkeiten gehegten Hin-
     tergrundannahmen zu diskreditieren. Dergestalt wird es mit großer Erfolgsaussicht gelingen, ein-
     zelne Diskussionsteilnehmer um ihre Selbstbeherrschung und Fassung zu bringen, so daß sie sich
     erregen und in ihren Äußerungen auch solche Wissensbestände, Darstellungstechniken und In-
     terpretationsverfahren sichtbar machen, welche ansonsten durch Selbstkontrolle verborgen
     werden. 15 Bilden Forscher und Mitarbeiter ein gut eingespieltes Team, so läßt sich dieses expe-
     rimentell herbeigeführte 'Entgleisen' situativ nachsteuern: verschiedene Diskussionsteilnehmer
     können 'der Reihe nach' zum Explodieren gebracht werden, und der Forscher als Diskussions-
     leiter kann durch - verabredete - Zurechtweisung des provozierenden Mitarbeiters die Wogen
     nach Erreichung des Forschungszwecks glätten bzw. solche Situationen entschärfen, in denen
     die im Rahmen des Forschungsdesigns erstrebte 'Krise' außer Kontrolle zu geraten droht.
-    Wie im Fall von Rundfunk- oder Alltagsdiskussionen wird die Diskussion offen oder verdeckt
     aufgezeichnet und die - vollständige oder partielle - Verschriftung den oben beschriebenen In-
     haltsanalysen unterzogen.
Mutatis mutandis kann dieses Design auch auf die Analyse des Fachmannswissens von politischen
Akteuren übertragen werden: Nachdem in einer ersten Gesprächsphase ein professioneller Rapport
aufgebaut und die interessierenden Wissensbestände auf konventionelle Art erhoben wurden, läßt
sich der Rapport durch provozierendes Fragen oder Widerreden belasten, um dergestalt den Ge-
sprächspartner aus der Reserve zu locken und auch an dessen qua Selbstkontrolle bislang vorenthal-
tene Wissensbestände heranzukommen. Am besten arbeitet man bei dieser Interviewvariante mit
zwei Interviewern, deren einer die vom 'provozierenden Kollegen' ins Wanken gebrachte Normalität
einer Gesprächssituation immer wieder 'reparieren' kann.


15
  Eine ausführlichere Darstellung dieses Forschungsdesigns findet sich in Patzelt, Alltagssoziologische Antwor-
ten, a.a.O.
Zwei grundsätzliche Probleme bringt dieser Forschungansatz mit sich. Das erste betrifft die Validität
der zu gewinnenden Daten:
-    Das Forschungsdesign ähnelt in gewisser Weise der Arbeit mit Teilchenbeschleunigern: obschon
     für kein einzelnes Teilchen mit großer Wahrscheinlichkeit zu behaupten ist, es werde mit einem
     anderen Teilchen kollidieren und dadurch die erstrebten Daten faßbar machen, kann mit großer
     Verläßlichkeit davon ausgegangen werden, sehr viele Kollisionsversuche führten im Lauf der
     Zeit zu aussagekräftigen Befunden. Auch bei experimentell entgleisenden Diskussionen ist die
     Wahrscheinlichkeit nicht groß, in jeweils einer einzigen Debatte ließen sich die benötigten Daten
     valide und in aussagekräftigem Umfang erheben. Vielmehr wird es auch hier einer Serie von Ex-
     perimenten bedürfen, was dieses Forschungsverfahren - nach einer rasch vorläufige Ergebnisse
     zeitigenden heuristisch-explorativen Phase - zu einem recht aufwendigen macht.
-    Da Forscher und Mitarbeiter als Diskussionsleiter und Provokateur auf die Erhebungssituation
     maßgeblichen Einfluß nehmen, sind signifikante Versuchsleitereffekte nie von vornherein auszu-
     schließen. Ein erster Effekt besteht wohl in der inhaltlichen Strukturierung der Diskussion: wor-
     über gesprochen und hinsichtlich welcher Themen ein Verlust an Selbstkontrolle herbeigeführt
     wird, bestimmt das Forscherteam. Folglich spiegeln die Ergebnisse ein Stück weit die Annah-
     men der Analytiker. Zweitens besagt zwar die dem Design zugrunde liegende Vermutung, bei
     Verlust der Selbstkontrolle würden tatsächlich benutzte, doch zunächst einmal vor anderen ver-
     borgene Wissensbestände freigelegt. Es kann aber im Einzelfall auch so sein, daß der Provozier-
     te sich situativ in Argumentationen hineinsteigert, die eine Karikatur seines eigentlichen Denkens
     darstellen. Über den Umfang und die Art der beiden zu befürchtenden Verzerrungen kann aller-
     dings nur anhand von Erfahrungen geurteilt werden, welche bei der Verwendung dieses Designs
     erzielt werden. Indessen scheinen diese Versuchsleitereffekte nicht notwendigerweise so groß zu
     sein, daß ein Einsatz solcher 'Krisenexperimente' von vornherein als wenig erfolgversprechend
     erschiene.
Das zweite grundlegende Problem dieses Ansatzes ist ein ethisches. Es wird durch folgende Frage
erschlossen: Darf man mit Menschen, die sich gutwillig und in Unkenntnis des geplanten Experiments
auf eine Diskussion einlassen, in der beschriebenen Weise verfahren, sie also mit Absicht ein Stück
weit aus der von ihnen angestrebten Rolle als friedfertige Mitbürger drängen und einen Etikettie-
rungsprozeß in Gang setzen, der jedes einzelnen Recht auf Selbstbestimmung seiner Außenwirkung
außer Kraft setzt? Grundsätzlich muß diese Frage verneint werden. Allerdings ist zu erwägen, ob
unter bestimmten Umständen Ausnahmen von dieser Regel vertretbar sind. Folgende Position sei zur
Diskussion gestellt: Politisches Debattieren in der beschriebenen Weise experimentell entgleisen zu
lassen, läßt sich rechtfertigen, weil derlei Prozesse des Kontrollverlustes beim alltäglichen Politisieren
typischerweise ohnehin auftreten, also etwas darstellen, was - wie ein jeder wissen kann - bei politi-
schen Diskussionen mit gewisser Wahrscheinlichkeit ohnehin vorkommt und folglich jedem widerfah-
ren kann, der sich auf ein politisches (Streit-)Gespräch einläßt. Da zwischen passivem Hinnehmen
und aktivem Herbeiführen nichtsdestoweniger ein großer Unterschied besteht, ist das Forscherteam
an vier Auflagen zu binden: den Diskussionsteilnehmern ist bei der Einladung zu sagen, daß 'es hoch
hergehen' kann; in der entgleisten Gesprächssituation sind Deeskalationsmaßnahmen immer dann
einzuleiten, wenn die persönliche Würde der gereizten Person oder anderer Debattenteilnehmer be-
einträchtigt zu werden droht; falls nach Diskussionsende Verstimmungen zurückbleiben, ist ein befrei-
endes Gespräch zu suchen, bei dem ggf. auch die experimentelle Funktion des Diskussionsverhaltens
offenzulegen ist; und im Affekt vorgebrachte Äußerungen dürfen zu niemandes Nachteil verwendet
werden.
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5. Laborexperimente


Schließlich lassen sich auch noch einige von Garfinkel durchgeführte bzw. inspirierte Laborex-
perimente zu den menschlichen Interpretationsverfahren für den hier verfolgten Forschungszweck
abwandeln.16 Bei ihnen ging es regelmäßig darum, die Probanden zu verwirren, um anschließend
'Wissensmanagement' und Heranziehen verschiedener Interpretationsverfahren zu studieren, mittels
dessen versucht wurde, die erlebte Situation gleichwohl als eine normale zurechtzudeuten, in der man
sich auch weiterhin anhand der besessenen Kompetenzen orientieren könne. Ein leicht ausbaufähiges
Design Garfinkels sah so aus:
-       Studenten wurden für ein Experiment geworben, bei dem angeblich ein neuartiges psychologi-
        sches Beratungsverfahren erprobt werden sollte. Dieses vorgebliche Verfahren bestand darin,
        daß der Proband ein persönliches Problem darstellen sollte, für welches der Rat suchte, und an-
        schließend sukzessive zehn mit 'Ja' oder 'Nein' beantwortbare Fragen zu formulieren hatte, die
        jeweils vom angeblichen Berater beantwortet würden.
-       Proband und 'Berater' sahen einander nicht, sondern hielten sich, miteinander durch eine Gegen-
        sprechanlage verbunden, in verschiedenen Räumen auf. Der Proband schilderte sein Problem,
        stellte dem fernmündlich erreichbaren Berater seine Frage, erhielt ein 'Ja' oder 'Nein' zur Ant-
        wort, kommentierte die Antwort, stellte dann die nächste Frage, worauf sich immer wieder der-
        selbe Ablauf aus Antwort und Kommentar vollzog. Nach der zehnten Antwort war der 'insge-
        samt erteilte Rat' zu kommentieren. Die stets auf Band gesprochenen Schilderungen und Kom-
        mentare der Probanden stellten das anschließend zu analysierende Datenmaterial dar.
-       Kern des Experiments war die Tatsache, daß die Antworten des 'Beraters' eben keine Ant-
        worten waren, sondern eine vorher durch Zufall festgelegte Sequenz von Ja- oder Nein-
        Aussagen. Ein Mitarbeiter Garfinkels modifizierte das Design später dahingehend, daß in ver-
        schiedenen Experimenten mit unterschiedlichen Quoten von Ja- bzw. Nein-Antworten gearbei-
        tet wurde. Dies steigerte die Wahrscheinlichkeit, daß Frage und 'Antwort' schlechterdings nicht
        zueinanderpaßten.
-       Gleichwohl gingen die Probanden so gut wie stets davon aus, daß faktisch sinnlose Antworten
        Sinn hätten. Eben ihr Bemühen, den 'zunächst verborgenen' Sinn ausfindig zu machen, spiegelt
        sich in den Kommentaren zu den Antworten. Ein gar nicht geringer Teil von Probanden kam gar
        zum Schluß, insgesamt einen weiterführenden Ratschlag erhalten zu haben! Abgesehen von Fäl-
        len, in den Frage und - vorher feststehende - Antwort rein zufällig zusammenpaßten, war diese
        vermeintliche 'Entdeckung' von Sinn natürlich eine Konstruktionsleistung der Probanden, in der
        sich eine hohe Kunst im sinn- und wirklichkeitskonstruktiven Management von Wissensbestän-
        den und in der entsprechenden Verwendung von Interpretationsverfahren zeigte.
Dieses Design läßt sich schon aus folgendem Grund schlüssig auf die Analyse der Interpretation poli-
tischer Sachverhalte übertragen: Die Komplexität gesellschaftlicher und politischer Wirklichkeit trifft
beim 'politischen Publikum' so gut wie immer auf geringe und hinsichtlich des jeweils anstehenden
Problems unzulängliche Wissensbestände. Was Garfinkel durch eine vom Fragenden unabhängige
Sequenz von Antworten künstlich an Erlebnissen unverständlicher Sachverhalte herbeiführte, ereig-

16
     Siehe hierzu Patzelt, Grundlagen der Ethnomethodologie, a.a.O., S. 168-177 und 182-185.
net sich bei der Betrachtung von Politik und beim Reden über sie ganz natürlich. Tatsächlich ist die
kognitiv entlastende Funktion noch so unzulänglicher politischer Dogmen und Ideologien wohlbe-
kannt. Weniger Aufmerksamheit hat bislang aber das ganz konkrete Wissensmanagement und me-
thodische Interpretieren gefunden, über welches Ideologien alltagspraktisch genutzt und so in Geltung
gehalten werden, daß die von ihnen angeleitete Wirklichkeitskonstruktion zu stabilen politischen O-
perationswirklichkeiten führt.
Genau diese Prozesse alltagspraktischer Ideologiebildung, -fixierung und -nutzung lassen sich anhand
von Abwandlungen des Garfinkelschen 'Beratungsexperiments' untersuchen. Zu übernehmen sind
folgende Elemente:
-   Die Probanden müssen unter irgendeinem Vorwand gewonnen werden, der sicherstellt, daß sich
    im Verlauf des Experiments tatsächlich das alltagspraktische politische Denken und Interpretie-
    ren beobachten läßt. Beispielsweise kann man den zu gewinnenden Probanden mitteilen, es ge-
    he um neuartige Methoden der Erfassung persönlicher politischer Meinungen.
-    Die Probanden müssen mit Sachverhalten konfrontiert werden, die sie verwirren und nur bei
    erheblichem Interpretationsaufwand 'normalisiert' werden können.
-   Die Probanden müssen ihre Interprationen auf Band sprechen und dadurch die zu analysieren-
    den Daten erzeugen.
Bei der Umsetzung dieser Grundelemente sind der Phantasie der Designer von konkreten Expe-
rimente kaum Grenzen gesetzt. Um solche Phantasie anzuregen, seien zwei Varianten skizziert:
-    persönliches 'Vorgespräch' führt. In dessen Verlauf erhebt man, analog zum Experteninterview,
    die über einen zu untersuchenden Wirklichkeitausschnitt besessenen Wissensbestände und ge-
    hegten Ansichten. Dabei wird regelmäßig auch klar, welche politischen Positionen abgelehnt
    werden. Anschließend beginnt - zumindest in den Augen des Probanden - das 'eigentliche' Ex-
    periment.
-   Im einen Fall konfrontiert man den Probanden analog zu Garfinkels Ja/Nein-Sequenzen mit fik-
    tiven Zeitungsmeldungen bzw. für den Untersuchungszweck produzierten 'Ausschnitten aus
    Fernsehsendungen'. Diese werden aus einem vorbereiteten Pool an Stimuli so ausgewählt, daß
    sie den zuvor erhobenen Wissensbeständen und Positionen des Probanden so stark wie möglich
    widerstreiten: große kognitive Dissonanz gilt es zu erzeugen. Jeweils nach der Konfrontation mit
    einer 'Zeitungsmeldung' oder einem 'Sendungsausschnitt' hält man den Probanden sodann an,
    den als 'echt' angesehenen Stimulus zu kommentieren, wobei die Kommentare offen aufgezeich-
    net, später verschriftet und in der eingangs beschriebenen Weise inhaltsanalysiert werden. Am
    Ende mehrerer 'Runden' bittet man den Probanden um eine erneute, dem 'Vorgespräch' analoge
    Einschätzung des 'erörterten' Ausschnitts politischer Wirklichkeit.
-   Im anderen Fall konfrontiert man den Probanden mit einer Reihe von vorbereiteten fiktiven Stel-
    lungnahmen von Persönlichkeiten, die innerhalb der im Vorgespräch erkundeten politischen Po-
    sition für den Probanden Autoritäten mit moralischem Kredit darstellen. Natürlich legt man die-
    sen Persönlichkeiten Aussagen in den Mund, welche die beim Probanden zu unterstellenden
    Erwartungen im Hinblick auf deren Position diskreditieren. Nach Vorlage jeweils einer Stellung-
    nahme wird der Proband wiederum zur Kommentierung angehalten, desgleichen nach Abschluß
    des auch hier aus mehreren Runden bestehenden Gesamtexperiments. Die Datenaufzeichnung
    und -analyse erfolgt wie bei der ersten Variante.
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Selbstverständlich wird sich der Forscher über die verbreiteten Ansichten und Positionen hinsichtlich
des untersuchten Wirklichkeitsausschnittes schon bei der Vorbereitung des Experiments sachkundig
machen, so daß Vorgespräch, 'Experimentalrunden' und 'Conclusio' unmittelbar aufeinander folgen.
Erneut sind die stichprobentheoretischen Probleme nicht leicht zu bewältigen. Erstens wird hier mit
selbstselektiven Samples gearbeitet, und zweitens führt der Verbalisierungszwang dazu, daß unter-
schiedliche Sprechkompetenzen einen kaum auszuschaltenden Störfaktor darstellen. Ferner gibt es
einen starken Versuchsleitereffekt: die Auswahl von 'Zeitungsberichten' oder 'Aussagen von Autori-
täten' enthält ein nicht einfach zu kontrollierendes subjektives Moment. Schließlich stellen sich ethi-
sche Fragen, wird doch auch hier mit Menschen experimentiert. Da die 'mit wissenschaftlicher Auto-
rität' im Experiment vorgelegten Falschinformationen das persönliche politische Denken beeinflussen
können, muß in jedem Fall nach Ablauf des Experiments der Proband über das, was tatsächlich ge-
schah, aufgeklärt werden, so daß er die empfangenen 'Informationen' nicht länger als zutreffend auf-
faßt.
D. Einladung zur Forschung


Keines der umrissenen Designs stellt einen 'Königsweg' dar; alle haben ihre Schwerpunkte und
Blindstellen, Vorzüge und Schwächen. Gemeinsam genutzt, sollten sie es indessen ermöglichen, in
der Tat jene Daten zu beschaffen, die man benötigt, um anhand ethnomethodologischer Konzepte
die wirklichkeitskonstruktive Funktion und Verwendung politischen Alltagswissens herauszufinden.
Einige der Designs sind wohlbekannt und werden lediglich mit einer anderen Theorie verkoppelt als
üblich; andere Designs bedürfen noch eingehender methodischer Reflexion und praktischer Erpro-
bung.
Durchaus wird nicht behauptet, allein anhand ethnomethodologischer Konzepte lasse sich die wirk-
lichkeitskonstruktive Funktion und Verwendung politischen Wissens untersuchen. Doch offenbar gibt
die allgemeine ethnomethodologische Theorie einen besonders leistungstüchtigen Rahmen ab, inner-
halb dessen die mittels der beschriebenen Designs erzielbaren Befunde im Hinblick auf das faszinie-
rende Thema 'Konstruktion politischer Wirklichkeit' systematisch und über den jeweils untersuchten
Ausschnitt hinaus aussagekräftig zu machen sind. Darum scheint es sich zu lohnen, den Wert dieses
ethnomethodologischen Unternehmens sowohl auf der konzeptionellen Ebene zu akzeptieren als -
vor allem - auch auf der empirischen Ebene auszuprobieren.
Konzeptuell ungelöst sind bislang vor allem die folgenden Probleme:
-   Wie lassen sich Analysen der politischen Wissensbestände der Inhaber unterschiedlicher politi-
    scher Rollen und Positionen so aufeinander beziehen, daß eine vernetzte Gesamtanalyse der
    Konstruktionsprozesse politischer Wirklichkeit möglich wird?
-   Wie lassen sich die verschiedenen Mikro-Analysen der Konstruktion politischer Wirklichkeit
    qua Benutzung politischen Wissens verschränken mit Makro-Analysen der Verbeitung politisch
    relevanter Wissensbestände über das Bildungs- und Mediensystem?
An konkretisierender und weitergehender theoretischer wie empirischer Arbeit fehlt es also nicht.
Sollte dieser Beitrag ihren Nutzen einsichtig gemacht und zu ihrer Erledigung eingeladen haben, hätte
er seinen Zweck erfüllt.

				
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