Statements von Dr. Joachim Schneider Vorsitzender des ZVEI

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Dr. Joachim Schneider
Vorsitzender des ZVEI-Fachverbands Energietechnik,
Vorstand der ABB AG


Ralf Christian
Stellvertretender Vorsitzender des Fachverbands Energietechnik,
Siemens Energy Sector




anlässlich der Pressekonferenz
des Fachverbands Energietechnik
auf der Hannover Messe

21. April 2009




- Es gilt das gesprochene Wort -




ZVEI - Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. • Lyoner Straße 9 • 60528 Frankfurt am Main
Abteilung Verbandskommunikation
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Dr. Joachim Schneider

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Dieses Jahr ist ein besonderes Jahr, weil der Industrie mehr denn je der „Puls
gefühlt“   wird     hinsichtlich       der    wirtschaftlichen   Lage    sowie     der
Konjunkturaussichten. Und die Hannover Messe übernimmt noch stärker als in
den letzten Jahren die Funktion eines Konjunkturbarometers. Für die
Energietechnikbranche gilt im Jahr 2009, dass sie deutlich besser da steht als
viele andere Branchen, deren Geschäft stärker konsumorientiert ist.

Ich will hier aber auch festhalten, dass die Energietechnikbranche weitaus
stärker als Stütze in einer konjunkturellen Schwächeperiode wirken könnte.
Dazu müssten die bereits in der Planung befindlichen Investitionsvorhaben der
Energieversorger in Deutschland schneller realisiert werden können.

Notwendige Investitionen in den Ausbau und die Modernisierung der deutschen
Stromnetze scheitern aktuell nicht an der Finanzierung oder der Verfügbarkeit
innovativer Energietechnik, sondern weiterhin an der gesellschaftlichen
Akzeptanz der baulichen Großprojekte wie Kraftwerken und Stromtrassen.
Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Energiewirtschaft sowie die
Anreizregulierung    haben      laut    dem    Bundesverband     der    Energie-   und
Wasserwirtschaft (BDEW) dazu beigetragen, dass rund 30 Prozent der
geplanten Investitionen in die Stromnetze im Jahr 2007 nicht realisiert wurden.
Für die Jahre 2008 und 2009 haben die Netzbetreiber entsprechend den
BDEW-Zahlen die geplanten Investitionen bereits um 16 Prozent von 7,7
Milliarden Euro auf 6,5 Milliarden Euro gekürzt.

Das sind in einer konjunkturellen Krisensituation schädliche und vermeidbare
Entwicklungen, da die Kürzung der Investitionen ja nicht aus einer wirtschaftlich
bedingten Investitionszurückhaltung resultiert.

Durch die von der Bundesnetzagentur (BNetzA) Anfang April veröffentlichte
Erhöhung der Erlösobergrenze um bis zu 30 Prozent für die Netzbetreiber
gehen wir allerdings davon aus, dass ein wichtiger Hinderungsgrund für
Investitionen besonders in das Netz zur Stromübertragung nun entfallen ist.
Dies bestätigt unsere Einschätzung im ZVEI, dass der durch Windenergie und
wachsenden Stromhandel notwendig gewordene Ausbau der Stromnetze nicht
zum Nulltarif zu haben ist. Gleichzeitig verbinden wir damit die Erwartung, dass
nun auch insbesondere im Stromübertragungsnetz in „zukunftsfeste“ innovative
Technologien investiert wird.

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Hier spielt die BNetzA nach wie vor eine zentrale Rolle. Sie muss einerseits die
laut BDEW bereits vorliegenden Investitionsanträge über konventionelle
Technik für das Strom- und Gasnetz mit einem Gesamtvolumen von rund 9
Milliarden Euro zügig genehmigen. Andererseits sollte sie die Investitionen der
Versorger in innovative, verfügbare Technik wie Leistungselektronik zur
effizienten Übertragung von Strom fördern und nicht bremsen durch eine
negative Einschätzung der Potenziale moderner Technik.

Die Realisierung innovativer Technik führt zu einer kaum spürbaren Erhöhung
der jährlichen Stromrechnung eines durchschnittlichen Haushalts. So hatten wir
bereits im letzten Jahr auf Basis einer Studie mit der RWTH Aachen dargestellt,
dass der Einsatz von Hochspannungsgleichstromübertragung (HGÜ) zum
Transport großer Leistungen auf einer ausgewählten Stromtrasse nur zur
minimalen Erhöhung von rund einem halben Euro pro Jahr führt. Da nur 3
Prozent des Strompreises insgesamt aus den Kosten für das Übertragungsnetz
resultieren,   wären    die   unverzügliche   Realisierung     bereits   geplanter
Investitionen gesamtwirtschaftlich verträglich und gleichzeitig eine Stützung der
Konjunktur in Deutschland, ohne den Staatshaushalt zu belasten.

Ein weiteres zentrales Problem in Deutschland sind die langwierigen
Planfeststellungs-     und    Genehmigungsverfahren      für    Investitionen   in
Stromtrassen. Zur Beschleunigung dieser Prozesse ist das noch im politischen
Abstimmungsprozess befindliche Energieleitungsausbaugesetz (EnLAG) aus
unserer Sicht ein Schritt in die richtige Richtung. Es bezieht bisher aber nicht
die Anwendung von HGÜ im Rahmen der Erdkabel-Pilotprojekte bei der
Errichtung von Stromtrassen mit ein. Damit nutzt es nicht alle Möglichkeiten zur
Erhöhung technischer Systemvorteile beim Ausbau des Übertragungsnetzes.

Meine Damen und Herren,

die Nutzung von Strom wird weltweit und in Deutschland steigen, da auch bei
Energieeinsparungen die Stromanwendungen zunehmen. Das Szenario
„Steigende Stromnachfrage“ mit einer jährlichen Wachstumsrate von 0,4
Prozent bis zum Jahr 2020, das für den Energiegipfel 2007 erstellt wurde (ewi /
Prognos) ist nach unserer Überzeugung daher auch als realistische
Herausforderung für eine sichere, wirtschaftliche und umweltverträgliche
Stromversorgung einzustufen.

Der Grund liegt in der Vielzahl neuer Anwendungen, die sowohl den Einsatz
von Primärenergie reduzieren oder den Einsatz regenerativer Energie


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unterstützen, z.B. von Elektroautos, deren Batterien mit Windstrom aufgeladen
werden. Auch die Nutzung von Kommunikations-, Regelungs-, und Leittechnik
in modernen Gebäuden wird sich verstärken. Die EU-Kommission geht z.B.
davon aus, dass durch den konsequenten Einsatz solcher Systeme der
Energieverbrauch von Gebäuden in der EU um bis zu 17 Prozent gesenkt
werden kann. Der Energieverbrauch in privaten Haushalten ist z.B. heute noch
zu über 85 Prozent dominiert durch Heizung und Warmwasseraufbereitung, die
zunehmend durch elektrische Anwendungen unterstützt oder substituiert
werden. Das heißt: es findet eine Verschiebung von Primärenergieträgern zur
Elektrizität statt.

Dass sich die Stromnetzbetreiber in Europa dringend auf die neuen
Anforderungen wie den steigenden Anteil von Ökostrom und räumliche
Verschiebungen der Erzeugungskapazitäten einstellen müssen, macht der
erste Transmission Development Plan der UCTE (Union for the Co-ordination of
Transmission of Electricity) deutlich. Die UCTE erkennt über die nächsten fünf
Jahre einen Investitionsbedarf von rund 17 Milliarden Euro für das
Stromverbundnetz in Europa. Insgesamt sieht sich die Energietechnikbranche
also im Bereich der Übertragungsnetzinfrastruktur in einem hoffnungsvoll
stimmenden Marktumfeld.

Aber auch in den Verteilnetzen wird es in den nächsten zehn Jahren große
Chancen für die deutsche Elektro- und Elektronikindustrie geben. Die bereits
heute in weiten Teilen realisierbare Vision des „Smart Bulding im Smart Grid“
kann sich zu einem nationalen deutschen Vorzeigeprojekt mit Breitenwirkung in
die wichtigen Exportregionen zu entwickeln.

Zu diesem Themenkomplex wird Herr Christian noch weitere Erläuterungen
geben. Ich wende mich jetzt der wirtschaftlichen Lage unserer Branche im
Detail zu.

Wirtschaftliche Lage und Marktentwicklung im Detail

Das Energietechnikgeschäft wird bestimmt von der Nachfrage in den Bereichen
Industrie und Gewerbe, öffentlicher Infrastruktur wie etwa Flug- und Seehäfen
sowie der Energiewirtschaft. Die infrastrukturellen Vorhaben sind geprägt von
einer    Langfristperspektive    insbesondere     der   Energiewirtschaft.     Diese
Langfristperspektive sorgt für eine stabile Nachfrage ohne kurzfristige starke
Schwankungen.         Die   Finanzierung   auch   von    Großprojekten       für   die
Energieversorgungsinfrastruktur ist im Inland weitgehend garantiert, so dass die


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heute in der Industrie häufiger anzutreffende Finanzierungsproblematik für
Investitionsvorhaben sich nicht massiv negativ auswirkt.

Dagegen     verzeichnen   wir   in   der   Industrie   starke   Einbrüche   beim
Auftragseingang im In- und Ausland. Neu und Modernisierungsinvestitionen in
Produktionseinrichtungen und Gebäudetechnik bleiben als Folge des teilweise
massiven Nachfrageeinbruchs aus oder werden verschoben.

In Regionen wie den Golf-Staaten, die in den letzten Jahren im großen Stile in
die Infrastruktur der Länder investiert haben, ist ein erheblicher Rückgang der
Investitionstätigkeit festzustellen. Dabei geht es hier nach unserem Eindruck um
die Verlangsamung der Aufbautätigkeit und nicht um einen kompletten Stopp.
Ähnliches gilt für Russland, dessen Investitionsdynamik beim Aufbau von
Energieversorgungsinfrastruktur ebenfalls unter den aktuell gefallenen Erlösen
für Energielieferungen leidet. Kern-Europa zeigt eine weiterhin relativ stabile
Geschäftsentwicklung, wohingegen Ost-Europa im Zeichen der Finanzkrise zu
einem Krisenmarkt für Energietechnik geworden ist.

Konkret zu den Branchenzahlen des Jahres 2008 und der Entwicklung dahin:

Nach der Investitionsdelle, die ab dem Jahr 2000 durch die Auswirkungen der
Liberalisierung    der    Energiemärkte       deutlich     wurde,     hat    die
Energietechnikbranche seit 2005 von einer langsam ansteigenden, aber
durchaus nachhaltigen Belebung des Geschäfts profitiert.

Für die Jahre 2006 und 2007 konnten wir einen zweistelligen Anstieg der
Auftragseingänge verbuchen, der beim Umsatz im Jahr 2008 noch stark
nachgewirkt hat. Allerdings wird beim Auftragseingang für das Jahr 2008
deutlich, dass auch unsere Branche von Projektverschiebungen und –
stornierungen insbesondere im letzten Quartal des Jahres relativ stark betroffen
war. Mit einem Plus von 0,9 Prozent zeigt der Auftragseingang für das gesamte
Jahr zwar noch einen leichten Anstieg, ist damit aber deutlich niedriger
gegenüber dem Zuwachs von 14,9 Prozent im Vorjahr.

Im Inland verringerte sich das Wachstum des Auftragseingangs von 8,3 Prozent
im Vorjahr auf 3,2 Prozent in 2008. Grund für diese moderate Veränderung
waren die Auftragseingänge aus der Energiewirtschaft. Im Ausland schrumpfte
der Auftragseingang auf minus 1,7 Prozent gegenüber einem Wachstum von
23,5 Prozent im Vorjahr. Hier machte sich die Wirtschaftskrise im letzten
Quartal 2008 deutlich bemerkbar.


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Der Umsatz im In- und Ausland hat im letzten Jahr mit über 13,5 Milliarden Euro
ein erfreuliches Volumen erreicht. Gleichzeitig kann er im Jahr 2008 mit einem
Wachstum von 7,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr die Dynamik der Jahre
2006 und 2007 mit zweistelligen Steigerungsraten nicht erreichen. Die regionale
Differenzierung für das letzte Jahr macht deutlich, dass wie in den Vorjahren
der Wachstumsimpuls im Wesentlichen aus dem Ausland kam mit einem
Anstieg der Umsätze um 11,4 Prozent. Dagegen ist der Anstieg der Umsätze im
Inland mit 4,3 Prozent bescheidener, aber dafür mit Blick auf die
Auftragseingänge nachhaltiger.

Die   Entwicklung       der     Beschäftigtenzahlen      spiegelt   die   Dynamik    der
konjunkturellen     Entwicklung        wider:    War     die    Beschäftigtenzahl    der
Energietechnikbranche          in    2007    durch   einen     ausgesprochen      starken
Nachfrageschub aus dem In- und Ausland insbesondere für Transformatoren
noch um 8 Prozent gestiegen, so verlangsamte sich das Wachstum in 2008 auf
3,3   Prozent.      Mit       fast   68.000     direkt   Beschäftigten     gehört     die
Energietechnikbranche zu den Kernindustrien in Deutschland, die mit
innovativen Produkten und Lösungen weltweit weiterhin an der Spitze liegt. Und
eines sei hier auch deutlich gemacht: die Branche ist weiterhin an qualifizierten
Bewerbern insbesondere der Ingenieurberufe interessiert. 85 Prozent der ZVEI-
Unternehmen beabsichtigen Neueinstellungen von Hochschulabsolventen der
Ingenieurberufe.

Nun werden sie sicher wissen wollen, wie das Jahr 2009 aussehen wird. Selten
war das folgende Zitat so zutreffend wie heute „ Prognosen sind schwierig,
besonders wenn sie die Zukunft betreffen“.

Wir können feststellen: Unsere Branche ist bisher erheblich weniger von der
weltweiten Krise betroffen als andere. Wir haben Bereiche wie die
Hochspannungstechnik, die auch in diesem Jahr mit Wachstum rechnen und
andere, die starke Auftragseinbrüche zu verzeichnen haben. Da das Bild sehr
uneinheitlich und volatil ist, kann eine Vorhersage für 2009 nicht gemacht
werden.

Vorhersehbar und auch schon festzustellen ist dagegen die stark wachsende
Komplexität unserer zukünftigen Versorgungsstrukturen. Die Ursache liegt in
der       verstärkten         Einbeziehung       dezentraler        Erzeugungs-      und
Speichermöglichkeiten sowie der angestrebten effizienten Steuerung des
Verbrauchs z.B. im Smart Building. Es geht um die Wechselwirkungen
zwischen „Smart Building und Smart Grid“.

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Ralf Christian

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

bereits kurzfristig kann in Europa dafür gesorgt werden, dass der private
Energieverbrauch um bis zu 10 Prozent gesenkt wird. Das erwartet die EU-
Kommission von der Einführung intelligenter Haushaltszähler. In Deutschland
hat die E-Energy-Studie aufgezeigt, dass der jährliche Stromverbrauch in
Haushalten um 6,5 Prozent oder 9,5 Milliarden kWh reduziert werden könnte.
Dies ist ein substantieller Beitrag zur Verbesserung der Energieeffizienz,
dessen verzögerte Nutzung wir uns nicht leisten können. Und das aus zwei
verschiedenen Gründen: erstens wegen der Klimaschutzeffekte und zweitens
wegen der konjunkturellen Effekte, die aus der schnellen und flächendeckenden
Einführung einer völlig neuen Generation von technischen Systemen in rund 40
Millionen Haushalten resultiert. Die technische Innovation ermöglicht wiederum
Dienstleistungen für das „Smart Building“ wie auch für das „Smart Grid“, auf die
ich im Folgenden näher eingehen werde. Die technische Innovation „Smart
Metering“ ist durch mehr als 60 aktuell laufende Pilotprojekte in eine breite
Diskussion gekommen. Sie schafft eine Vielzahl neuer Möglichkeiten. Deren
„Intelligenz“ besteht


Erstens:
aus einer quasi Echtzeit-Verfügbarkeit von Verbrauchs- und Tarifinformationen
sowohl beim EVU, als auch beim Endverbraucher.

Zweitens:
aus    der    Möglichkeit,   einzelne   Verbrauchergruppen       (zum   Beispiel
Elektroheizungen) zentral zu steuern, um so Verbrauchsspitzen zu glätten.

Drittens:
aus dem Gewinn wertvoller Informationen über den Zustand des Verteilnetzes,
um so auf dezentrale Stromerzeuger oder Lasten einwirken zu können. Dies
hilft, Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht zu halten und damit die Gefahr
von Netzzusammenbrüchen zu limitieren.

Dies alles schafft Transparenz. Diese Transparenz ist Grundvoraussetzung, um
den Endverbraucher verstärkt in unser zunehmend fragiler werdendes
Energieversorgungs-System      einzubinden.   Sie   ermöglicht    beispielsweise
dynamische beziehungsweise flexible Tarife und neue Tarifmodelle, welche die
teuer produzierte oder zu hohen Kosten im Ausland eingekaufte Spitzenenergie
reflektieren. Heute kostet der Strom für den privaten Endverbraucher zu jeder


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Zeit den gleichen Preis – unabhängig von der tatsächlichen Belastung des
Netzes, den effektiven Produktionskosten und der aktuellen Stromeinspeisung
von erneuerbaren Energien (Sonnen- und Windenergie).

Schließlich ermöglicht „Smart Metering“ die monatliche Abrechnung aufgrund
echter Verbrauchswerte und – ein Hauptziel der von der EU geforderten
Strommarktliberalisierung – erleichtert die freie Wahl des Energielieferanten.

Durch das „Gesetz zur Öffnung des Messwesens bei Strom und Gas“ vom
August 2008 und auch durch die Messzugangsverordnung vom Oktober 2008
ist aus Sicht der Elektroindustrie keine ausreichende Grundlage gelegt worden,
um die politisch gewollte, flächendeckende Einführung von intelligenten Zählern
innerhalb von 6 Jahren anzustoßen. Wir sehen weiterhin die Notwendigkeit für
eine      gesetzliche     Vorgabe   zur    zeitnahen,    mindestens    monatlichen
Energieverbrauchsinformation        an    den     Endkunden,   basierend   auf   der
europäischen Richtlinie zur Endenergieeffizienz und Energiedienstleistungen
(EDL 2006/32/EG siehe Artikel 13).

In der aktuellen konjunkturellen Schwächeperiode kann ein Effekt der schnellen
und flächendeckenden Einführung von intelligenten Haushaltszählern nicht
hoch genug eingeschätzt werden: die Stützung der Konjunktur, ganz ohne
weitere      staatliche    Fördermittel    bzw.     Konjunkturprogramme.     Dieser
konjunkturelle Effekt könnte kurzfristig ab dem Jahr 2010 eintreten, da die
Gesetzeslage bereits heute mit Beginn des Jahres 2010 für den begrenzten
Bereich der Neuinstallationen im Neubau und bei umfassenden Renovierungen
von Gebäuden den Einsatz von intelligenten Zählern verpflichtend vorsieht.
Allerdings ist bei einem Bestand von 40 Millionen Haushalten auf Basis einer
Neubauquote von rund 160.000 Einheiten pro Jahr in Deutschland ein
flächendeckender Roll-out des Smart Metering innerhalb von 6 Jahren nicht
vorstellbar. Folgerichtig treten wir für eine substantielle Beschleunigung des
Einführungsprozesses ein. Dafür haben wir aus konjunktureller Sicht gute
Argumente.


Nach unseren Berechnungen werden dem Elektrohandwerk und den Anbietern
von Smart Metering-Systemen Investitionen in Höhe von etwa 1,6 Milliarden
Euro pro Jahr über eine Laufzeit von 6 Jahren zugute kommen. Das gesamte
Investitionsvolumen von bis zu 10 Milliarden Euro generiert oder sichert etwa
16.000 Beschäftigungsverhältnisse gleichermaßen im nationalen Handwerk wie
auch bei den Herstellern.



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Durch die Kosteneinspareffekte beim Nutzer von Smart Metern machen sich
diese Investitionen mittel- und langfristig bezahlt, es handelt sich also nicht um
ein „Konsumstrohfeuer“. Quasi als ein Nebeneffekt können die beschleunigten
Investitionen in intelligente Haushaltszähler zur schnellen Einsparung von rund
10 Millionen t CO2 führen.

Meine Damen und Herren,

Smart Meter sind ein wichtiger, aber auch nur ein Baustein für Smart Grids. Der
Weg    zu   Smart     Grids   führt   über   eine    fundamentale   Änderung    der
Betriebsführung. Und zwar über das gesamte elektrische Energiesystem von
der Erzeugung, Übertragung, Verteilung und Anwendung von Strom.

Beim Stichwort Smart Grid möchte ich hier auch folgendes unterstreichen:
Unsere Bereitschaft und Fähigkeit, ein Smart Grid in Europa zu entwickeln und
aufzubauen, wird nach unserer Überzeugung darüber entscheiden, ob und wie
effizient der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien realisiert werden kann.
Wie bereits für die Offshore-Windenergie erkennbar, sind die Stromnetze eine
limitierende Größe für die Einspeisung gerade volatiler Erzeugung.

Für die Stromnetze wird die Notwendigkeit der Realisierung von Smart Grids
immer deutlicher. Das gilt nicht nur für die Übertragungsnetze, die bislang im
Fokus der Diskussion standen, sondern in zunehmendem Maße auch für die
Verteilnetze. Die deutschen regionalen Verteilnetzbetreiber stehen vor neuen
Anforderungen. Die weiter steigende Nachfrage wird die gut ausgebauten
Verteilnetze an die Grenze der Belastbarkeit bringen. Zwar sind die Netze im
zeitlichen Mittel noch aufnahmefähig, aber die heute tageszeitabhängigen
Spitzenlasten    bereiten     nicht   nur    den     Stromerzeugungsunternehmen
zunehmend Probleme. Der Ausgleich des Tageslastgangs kann somit helfen,
teure Investitionen zu vermeiden, die nur für wenige Stunden am Tag benötigt
werden.     Aufgabe     des     Verteilnetzbetreibers      wird   zunehmend     das
Lastmanagement auch für Privatkunden werden. Die benötigten Technologien
haben Einsatzreife erreicht. Für die Verteilnetzbetreiber ergibt sich ein
Paradigmenwechsel       von    der    festgefügten    Stromverteilung   zu    einem
intelligenten und flexiblen Stromnetz mit einer großen Zahl dezentraler
Einspeisungen.
Mit   dem    Projekt    „Energiemanagement“          hat   der    ZVEI-Fachverband
Energietechnik untersucht, welche technisch-wirtschaftlichen Optionen für das
optimierte Zusammenspiel von „intelligenten“ Stromnetzen und „intelligenten“



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Gebäuden bereits heute bestehen bzw. welche Entwicklungen wann zum
Tragen kommen können.


Untersuchungsinhalte waren einerseits die Frage, welche Einsparpotenziale
durch Vernetzung im Gebäude selbst zu erzielen sind und wie das vernetzte
Gebäude durch Lastverschiebung bzw. die Steuerung dezentraler Einspeiser
wie zum Beispiel Photovoltaik-Anlagen und Verbrauchern wie Hausgeräte und
Wärmepumpen         zu     einem    effizienten   Betrieb      der     Nieder-    und
Mittelspannungsnetze beitragen kann. Getragen und abgewickelt wurde das
Projekt Energiemanagement von Mitgliedsunternehmen des ZVEI und der
Energiewirtschaft unter Einbeziehung des Trend- und Marktforschungsinstituts
trend:research.

Dabei sind wir davon ausgegangen, dass durch den politisch gestützten Aufbau
großer Stromerzeugungskapazitäten gerade auch im Bereich der Photovoltaik
eine Umkehr der bisherigen Verhältnisse im Netz eintritt: Das Gebäude ist nicht
nur Verbraucher, sondern wird zur Erzeugungsinsel im Stromnetz, das
ursprünglich lediglich für die Versorgungsaufgabe konzipiert war. Diese neue
Konstellation wird inzwischen mit dem Begriff „Prosumer“ belegt.

Um diese neuen Belastungen für die Stromnetze langfristig sicher beherrschen
zu können, ist die heute nicht durchgängige Kommunikation im Stromnetz auf
die     neuen       Anforderungen         anzupassen.          Eine      umfängliche
Betriebsdatenerfassung      und    –auswertung    ist    aus   unserer    Sicht   eine
Voraussetzung zur Generierung von Preissignalen für den Verbraucher. Ab
dem Jahr 2011 sind die Versorger gesetzlich zur Einführung von variablen
Tarifen verpflichtet, womit automatisch das Smart Metering eine besondere
Bedeutung erhält als Schnittstelle zwischen Stromnetz und Verbraucher.

Die   Entwicklung    des    Zeitstrahls   zeigt   auf,    welche      Produkte    oder
Dienstleistungen und Geschäftsmodelle nach unseren Erkenntnissen auf der
Zeitachse bis zum Jahr 2015 realisierbar sein werden. Dabei haben wir nach
Erzeugungs- und Verbrauchsmanagement für Strom, dem Wärmemanagement
und dem Speichermanagement differenziert.

Besonders       hinweisen      möchte       ich     beim       Erzeugungs-        und
Verbrauchsmanagement auf das „Time-of-Use-Pricing“ ab dem Jahre 2010.
Das last- und zeitvariable Preissignal hat in ausländischen Pilotprojekten bereits
zur Absenkung von Spitzenlasten um 10 Prozent geführt. Zweiter wichtiger
Punkt in unserer Diskussion ist die intelligente Nutzung von PV-Strom, der

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heute fast zu 100 Prozent eingespeist wird, zukünftig aber durch die Erreichung
der Preisparität mit Netzstrom etwa im Jahr 2015 intelligenter genutzt werden
kann. Zum Beispiel durch Eigennutzung oder Kopplung mit Endgeräten wie
Wärmepumpen.

Die Gretchenfrage nach den erreichbaren Potenzialen ist Gegenstand der
Befragung von Experten gewesen. Die Stichprobe bei Energieversorgern hat
aufgezeigt, dass die Potenziale zur Lastverlagerung und zur Einsparung von
Energie von den EVU-Experten mit im Mittel 18 bzw. 25 Prozent als nicht
unerheblich eingeschätzt werden.

Gleiches gilt für die Befragungsergebnisse hinsichtlich der Absenkung der
Lastspitzen bzw. der möglichen finanziellen Einsparungen für die Netzbetreiber.
Gegenüber der freiwilligen Lastverlagerung durch variable Tarife wird allerdings
der direkte, regelnde und steuernde Zugriff auf Einrichtungen beim Verbraucher
mit größeren Potenzialen gesehen. Hier ist jedoch eine große Hemmschwelle
zu „knacken“: Die Akzeptanz beim Verbraucher ist gleich Null, wenn nicht
mindestens ein Preisvorteil von rund 20 Prozent den Autonomieverlust
kompensiert.

Als Zusammenfassung kann festgehalten werden: das Energiemanagement im
Gebäude ist nach unserer Auffassung in der Lage, gesamthaft einen
Kosteneinsparungseffekt von 25-35 Prozent zu erzielen. Hier ist die Kenntnis
der betrieblichen Verhältnisse und Optionen zur Verbesserung bereits weit
gediehen.

Das gilt nicht für die Stromnetze. Hier besteht noch erheblicher Nachholbedarf
bei Kommunikations- und leittechnischen Einrichtungen gerade im Nieder- und
Mittelspannungsnetz. Daher bezieht sich die Angabe 20 Prozent auch nur auf
die Einschätzung, ab welcher möglichen Kosteneinsparung die Versorger nach
eigener Einschätzung bereit sind, in moderne Lösungen zu investieren.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.




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