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Vom Goldstandard zum Euro

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Vom Goldstandard zum Euro


Referatskonzept




Seminar: Theorie und Politik des Geldes
WS 2000/2001 - 16. Januar 2001
Maren Weißhuhn – Katrin Richter – Antje Kohlrusch - Andrea Fritzsch

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Vom Goldstandard zum Euro




Inhaltsverzeichnis




1. Einleitung                                       3
2. Geld als Kommunikationsmedium                    4
3. Die Geschichte des Geldes vor dem Goldstandard   7
4. Der Goldstandard                                 13
5. Die Instabilität der Zwischenkriegszeit          18
6. Das System von Bretton Woods                     25
7. Vom Floating zur Währungseinheit                 30
8. Heißlaufen                                       34
9. Literatur                                        35




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1. Einleitung


Der Arbeitstitel des heutigen Referates lautet:              „Zur Geschichte des Geldes: Vom
Goldstandard zum EURO“.
Genaugenommen                 werden   wir   im   Referat     die   Geschichte     des   internationalen
Währungssystems betrachten. Das System, so Barry Eichengreen, der Autor einer unserer
Quellen, sei der „Kitt, der die einzelnen Volkswirtschaften untereinander zusammenhält“1. Ein
verbindendes Element also, das für Ordnung und Stabilität in Devisenmärkten, für die
Beseitigung          von     Zahlungsschwierigkeiten   und    für   den   Zugang    zu   internationalen
Kreditquellen stehen soll.
Die Darstellung des internationalen Währungssystems ist eng an die Darstellung der
Entwicklung internationaler Kapitalmärkte gebunden. Eichengreen beschreibt in vier Kapiteln
seines Buches „Vom Goldstandard zum Euro: Die Geschichte des internationalen
Währungssystems“ jeweils eine Phase dieser Entwicklung. Wir werden im Anschluss an die
Einführung die einzelnen Phasen dieses historischen Prozesses näher erläutern. Unsere
Zeitreise wird in der Mitte des 19. Jahrhundert starten, und uns zu den Anfängen des
Goldstandards führen, wir werden weiter die instabile Zeit zwischen den beiden Weltkriegen
beschreiben, 1944 im amerikanischen Kurort Bretton Woods verweilen und schließlich bei der
Europäischen Währungsunion wieder landen.
Wir wollen darauf verweisen, dass Geld zu allen Zeiten seiner Erscheinungsformen eng an
Macht und Macht an Geld geknüpft und dass die Politik des Geldes so Machtpolitik im
doppelten Sinne ist.
Zuerst einmal werden wir einen Versuch anbieten, Geld in seinem medientheoretischen
Zusammenhang als Kommunikationsmedium zu erklären. Zum Zweiten stellen wir dem
Rückblick auf die vergangenen 150 Jahre einen Rückblick auf die an Raum und Zeit
gebundene Entstehungsgeschichte des Geldes voran und betrachten so die Geschichte des
Geldes von seinen Anfängen bis hin zum Goldstandard.




1
    Barry Eichengreen, 2000, S. 14


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2. Geld als Kommunikationsmedium


Georg Simmel sieht in seiner „Philosophie des Geldes“ die Mehrzahl der Beziehungen von
Menschen untereinander als Tausch, er schreibt: „der                          Tausch        selbst      ist    eine      der
Funktionen, die aus dem bloßen Nebeneinander der Individuen eine innerliche Verknüpfung,
die Gesellschaft, zustande bringen“2.
Niklas Luhmann begreift in seiner Systemtheorie die Gesellschaft als Ganzes, einzelne
Teilsysteme differenzieren sich aus. Das Wirtschaftssystem ist Teilsystem der Gesellschaft,
Geld ist ein Code für die wirtschaftlichen Prozesse.
Luhmann kommt zur Erkenntnis, dass alles, was Kommunikation ist, Gesellschaft ist und dass
es außerhalb des Kommunikationssystems Gesellschaft überhaupt keine Kommunikation gibt.
Aber ohne Kommunikation eben auch keine Gesellschaft.
Um den Kommunikationsbegriff an dieser Stelle noch einmal zu klären:
Der Kommunikationsakt selber ist ein dreistelliger Selektionsprozess, der die Auswahl der
Information aus einem Repertoire von Möglichkeiten, die Auswahl der Mitteilung und die
Unterscheidung der Mitteilung von der Information, also Verstehen, umfasst. Wurde
verstanden, gibt es eine vierte Wahl, nämlich das Kommunikationsangebot anzunehmen oder
eben nicht.
Luhmann geht davon aus, dass Kommunikation überhaupt erst einmal unwahrscheinlich ist.
Diese Unwahrscheinlichkeit beruht auf dem Erreichen von Adressaten, auf Verstehen und der
Annahme des Angebots, also des Erfolgs. Es bedarf also bestimmter Medien, die das
Unwahrscheinliche in Wahrscheinliches transformieren. Verstehen und das Erreichen von
Adressaten werden über die Sprache und Verbreitungsmedien, wie die Schrift, gewährleistet
Für die erfolgreiche Annahme des Kommunikationsangebots benennt Luhmann symbolisch
generalisierte Kommunikationsmedien. Solche Medien also, die – um den Begriff einfach zu
übersetzen – vereinfachte Techniken sind, die Beziehungen allgemein erfahrbar und
verständlich machen. Sie entlasten damit den, ich zitiere Luhmann, „zeitraubenden,
schwerfälligen, durch Sprache grobfühligen“3 Kommunikationsprozess. Solche Medien sind
beispielsweise Wahrheit, Liebe, Moral, Macht oder Geld. Wir reden über Dinge, finden diese
moralisch oder unmoralisch, ohne lange klären zu müssen, was Moral nun eigentlich sei. Man
geht davon aus, dass darüber weitgehender Konsens herrscht.


2
  Zitat aus Rolf Kramer, Ethik des Geldes. Eine theologische und ökonomische Verhältnisbestimmung“, Sozialwissenschaftliche
Schriften, Heft 31, Berlin: Duncker und Humboldt GmbH, S. 108, Kramer entnimmt das Zitat aus Georg Simmel, Die Philosophie
des Geldes, Berlin, 1977
3
  Luhmann, 1975 (Macht)


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Welche Kriterien lassen es nun uns zu, Geld als Medium zu betrachten? Wir argumentieren
mit Talcott Parsons, der das Konzept der Systemtheorie in die Soziologie übernommen und
so die Gesellschaft beschrieben hat
Für ihn war Geld das Modell, von dem er bei seinen Überlegungen zur Medientheorie
ausging. Die drei bekannten entscheidenden Funktionen des Geldes sind:
1.)    Geld als Tauschmittel, das einen Tauschwert, aber keinen Gebrauchswert hat,
2.)    Geld als Wertmaßstab, weil es Güter, Dienstleistungen und Produktionsfaktoren durch
       den Bezug auf die ökonomische Größe Nutzen vergleichbar macht und
3.)    Geld als Wertaufbewahrungsmittel im Austausch gegen bestimmte Güter.
Der Versuch, das Theoriemodell Geld auf andere Medien zu übertragen, erforderte Kriterien
oder Eigenschaften von Medien aufzustellen. Als erstes Kriterium benennt Parsons den
Symbolcharakter, der sich beim Geld in seinem Tauschwert äußert. Daraus haben sich 4
weitere Eigenschaften von Medien ergeben, die sich natürlich auch auf Geld anwenden
lassen.
      Ø Medien lassen sich durch einen bestimmten Grad der Institutionalisierung
          charakterisieren, Geld im Bezug auf Eigentum, es ist als gesetzliches Zahlungsmittel
          durch staatliche Autorität abgesichert. Eine weitere Eigenschaft ist in der
      Ø Spezifischen Sinnbedeutung zu sehen. Der Sinn des Geldes liegt in der Vermittlung
          von ökonomischen Tauschvorgängen, jeder weiß es und macht es...
      Ø Die dritte Eigenschaft von Medien findet Parsons in der Zirkulationsfähigkeit, also
          Übertragungen zu ermöglichen. Geld und Güter gehen von Hand zu Hand
      Ø Eine vierte Eigenschaft sieht Parsons in der fehlenden Nullsummeneigenschaft, und
          verweist beim Geld auf das Phänomen der Kreditschöpfung Er geht dabei auch auf
          den Begriff der Macht ein, den er in sein Konzept der Medien aufnimmt.4
Luhmann         schreibt,       dass       ein     Gesellschaftssystem,             das      unterschiedliche        Medien
ausdifferenziert, mit wirksamen Sperren dafür sorgen muss, dass diese nicht beliebig
ineinander überführt werden können, beispielsweise Geld in politische Macht.5 Die, sich von
der systemtheoretischen Betrachtung loslösende, Realität ist eine andere. Luhmann hat
natürlich auch für die Unterwanderung der Sperren eine Erklärung6, die wir hier nicht weiter
verfolgen werden. Fest steht, dass die Wirtschaft benutzt werden kann, um bestimmte
Organisationssysteme mit Attraktivität auszustatten. „Die (...)Organisationen definieren dann




4
  vgl. dazu Talcott Parsons, Sozialstruktur und die symbolischen Tauschmedien, in: Kursbuch Medienkultur, S. 34 ff
5
  Luhmann, Macht, S. 102
6
  Luhmann, Macht, S. 103 f.


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Bedingungen des Eintritts und des Austritts und der Unterwerfung unter Weisungsgewalt und
konstituieren so autonome Macht.“7
Das kann an Organisationen des internationalen Währungssystems gut beobachtet werden.
Hiermit leiten wir über zur Geschichte des Geldes vor dem Goldstandard.




7
    Luhmann, Macht, S. 103


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3. Die Geschichte des Geldes vor dem Goldstandard


Unser heutiges Wort Geld leitet sich vom althochdeutschen gelt ab, was „Zahlung, Lohn oder
Vergeltung“ bedeutete. Ursprünglich wurde „Geld“ demnach als „kultische oder rechtliche
Einrichtung bzw. Abgabe“ verstanden und im religiösen-rechtlichen Bereich gebraucht. In
Begriffen wie Brautgeld ist diese Bedeutung noch erhalten. Erst im 14. Jahrhundert wandelt
sich die Bedeutung zu unserem heutigen Verständnis als „geprägtes Zahlungsmittel“.
Die Geschichte des Geldes reicht bis zu den frühesten überlieferten Schriften über
menschliches Tun zurück.
Zeitzeuge: Geld bringt religiöse, zeremonielle und politische Funktionen zum Ausdruck
Aus allen Kulturkreisen sind verschiedene Geldformen bekannt. Geld hatte in vorhistorischer
Zeit viele Gesichter: Schmuckschnecken, Werkzeuge wie Hacken und Beile, Nahrungsmittel
wie Salz oder Getreide, Stoffe, Perlen und Pelze um nur einige zu nennen.
Tendenz vom konkreten Warengeld zu immer abstrakteren Formen der Bezahlung
feststellbar. Dennoch kann nicht von einer evolutionären Höherentwicklung vom „primitiven“
Geld hin zum modernen Geld der Warengesellschaft ausgegangen werden. Das sichtbarste
Element der zeitgeschichtlichen Geldentwicklung ist der Aufstieg immaterieller Geldarten.
Im Laufe der Zeit ging man von den Sach-Geldformen zu Metallgeld über. Das
Metallgeldzeitalter reicht in seiner kultivierten (Münz-) Form vom 7. Jahrhundert v.Chr. bis
weit in die Neuzeit hinein. Verglichen mit der Papiergeldära des 20.Jh., die bereits wieder am
Verschwinden ist, eine lange Periode.


       Frühe Geldformen


Ursprünge des Geldes liegen im Warentausch und in dem Bedürfnis nach einem
Wertmaßstab, der es gestattet eine quantitative Bedeutung zu messen und zu vergleichen.
Der Warentausch entwickelte sich überall auf ähnliche Weise: Verfügbarer Überschuss wurde
gegen Benötigtes eingetauscht. Der unmittelbare Austausch von Gütern ist die älteste Form
des Handelns; als Recheneinheit kann theoretische jedes beliebige Gut benutzt werden,
praktisch sind jedoch leicht bewegliche Tauschmittel; Voraussetzung für diese Geldwirtschaft
ist das Vertrauen der Wirtschaftssubjekte in die allgemeine Akzeptanz der Güter.
Diese Recheneinheiten im Warentausch waren beispielsweise Getreide, Kühe und Käse, bald
schon suchte man nach haltbareren Gegenständen und handlicheren Zahlungsmitteln: Perlen




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und Pelze, Muscheln und Metall, aber auch Salz, Frauen und Sklaven - also als wertvoll
erachtete Gegenstände.
Annahme: das uralte China hatte lange vor der westlichen Welt das Geld erfunden und
benutzt. In China waren seit 4000 v.Chr. neben Kaurimuscheln, Schildkrötenschalen, Perlen
und Jade auch „Gerätegelder“ (Glocken und Klangplatten,) verbreitet. Einige der ältesten in
schriftlichen Quellen erwähnten Zahlungsmittel sind pu „Spatengeld“ und tao „Messergeld“,
aus   Erfahrungen     des   Tauschhandels,   da    landwirtschaftliche   Geräte   begehrteste
Tauschobjekte, später ging man zu verkleinerten Formen über.
1800 v.Chr. Sumerer und Babylonier: Gewichtssilbergeld, Hammurapi-Gesetzeskodex
überliefert, dass Dienstleistungen einen speziellen Wert in Gewichtssilbergeld, in Schekel“
hatten.
Recheneinheit Rinder und Schafe bei frühen Hirten- und Bauernvölkern (Persern, Hethitern,
Juden); „pekuniär“.


          Aufkommen von Metallgeld


Der Wechsel von den primitiven Sach-Geldformen zum Metallgeld war ein Prozess von
Jahrtausenden. Langsam aber sicher verdrängten die Metalle Gold, Silber, Kupfer und die
Legierungen alle anderen Metallformen. Metall hatte offensichtlich viele Vorteile in der sich
immer      mehr   differenzierenden   Wirtschaft   mit   zunehmender     Arbeitsteilung   und
anwachsendem Tauschverkehr. Metalle sind zum einen viel haltbarer als andere Geldarten.
Metallgeld ist auch besser vergleichbar, da es aus gleichartigem Stoff besteht. Weiterhin ist
Metall reproduzierbar- und in der Form veränderbar und es kommt auf allen Erdteilen vor.
Der metallische Glanz macht dieses Material so begehrenswert. Metall ist selten genug, um
als Wertäquivalent akzeptiert zu werden, und zugleich häufig genug, um allgemeines
Tauschmittel zu sein.
Die frühesten bislang bekannten Edelmetall-Münzen stammen aus dem kleinasiatischen
Lyderreich. abgewogene ovale Stücke aus Elektron, einer Legierung aus 3 bis 4 Teilen Gold
und einem Teil Silber (Weißgold). Zur Bestätigung ihres Gewichts und ihres Zahlungswertes
wurden ihnen kleine Bilder aufgeprägt
Die Idee des Münzgeldes ging von Kleinasien auf die ganze griechische Welt über.




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        Das antike Griechenland


Die ältesten Münzen der Griechen aus dem 7.Jh. v.Chr. waren zunächst dicke, einer
abgeplatteten Kugel gleichende oder tropfenartige Stücke.
Ihre erste kunstmäßige Ausprägung hat die Münzherstellung jedoch in den ionischen Städten
Griechenlands erfahren (Phokäa, Klazomenä, Chios, Samos, Milet und Ägina).
Die Bezeichnungen griechischer Silbermünzen (um 620 v.Chr.) weisen noch auf ihre
Entstehung aus Gewichten hin: Talent bedeutet Waage oder Last, Drachme bedeutet
Handvoll und Obolos bedeutet Metallstab. Drachme bezeichnete demnach eine Handvoll
Spieße. Im frühen Griechenland galt nämlich der Bratspieß („obolos“) als Tausch- und
Zahlungsmittel.
Die Münzen wurden beidseitig geprägt und zwar mit Stempeln zwischen Hammer und
Amboss.
Kommen wir nun zum Münzwert und Nominalen. Münzen zirkulieren entweder als Kurant,
d.h. ihr Nominalwert entspricht dem Metallwert oder als sogenannte Scheidemünze, d.h.
stellvertretend für die Geldware. Metalle, Form und Aussehen der Münze wird vom Träger
der Münzhoheit bestimmt. Die Masse des Edelmetalls in den Münzen wird als Korn, die
Gesamtmasse als Schrot bezeichnet. Ihr Verhältnis zueinander nennt man Münzfuß oder
Feingehalt.
In    Griechenland    waren    Grundlagen    der     verschiedenen    Münzfüße     die   üblichen
Gewichtssysteme, die man auf Münzen übertrug. Vergleichbar den aus der Neuzeit
bekannten Währungsblöcken, beispielsweise dem Dollar-, Franc- und Sterlingblock, gab es
auch in der Antike eine Reihe führender Münzfüße, unter denen der äginetische, der attische,
der lydische oder persische und der korinthische ein große Rolle spielten. Je nach dem
Münzfuß hatte die Hauptsilbermünze ein anderes Gewicht. Dieses Grundgewicht wurde für
niedrige Nominale unterteilt, für höhere vervielfacht. In der Regel tragen altgriechische
Münzen keinerlei Wertangaben. Dadurch wurden Geschäfte ungemein kompliziert, da man
die Münzen für jede Transaktion auswiegen musste.
Mit Beginn der klassischen Epoche griechischer Geschichte wird das Finanz- und Geldwesen
weiterentwickelt. Es entstehen private Banken (ein Dutzend alleine in Athen), ein
funktionierendes Kreditsystem entwickelt sich. Die Münzprägungen werden staatlich gelenkt.
Das    Geldwesen     wird   unter   Gesetzesschutz    gestellt,   rechtlich   normiert   und   ein
Vorschriftenkatalog für die Geldwirtschaft aufgelistet.




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Mit Alexander dem Großen kam es zu einer großen Revision des Münz- und Geldwesens. In
seinem neu zusammengeschmiedeten Weltreich führte er eine einheitliche Währung ein, der
er den athenischen Münzfuß zugrunde legte. Alexanders Münzen wurden in bis dahin
beispielslosen Mengen geprägt, eine einheitliche Währung mit festen Wechselkursen war
geschaffen.


   Römisches Reich


Es dauerte lange bis in Rom Münzgeld eingeführt wurde. In römischen Landen spielte Vieh
beim Tauschhandel die Hauptrolle. Der nächste Schritt zur Entwicklung eines praktischen
Zahlungsmittelwesens war die Einführung von Bronzeklumpen, die nach Gewicht
eingetauscht wurden; dies war das sogenannte aes rude (Rohbronze). Danach ging man
dazu über die Bronze in regelmäßiger geformte Barren zu gießen. Meist waren sie
ziegelförmig und trugen auf beiden Seiten verschiedene Tierdarstellungen. Erst dann kamen
die Römer auf die Idee nach griechischem Vorbild, dieses unhandlich Zahlungsmittel durch
ein gegossenes Bronzegeld zu ersetzen, das zwar immer noch schwere, aber leichter zu
handhabende aes grave (schwere Bronze). Die as wogen ein Pfund; ein Pfund entspracht
zwölf unicae (davon leitet sich unser Wort „Unze“ her). Das lateinische Wort pondus
(eigentlich „Gewicht“) hat sich in unserem „Pfund“ erhalten.
Anders als die Griechen waren die Römer darauf bedacht, ihre Münzen als eines der
wichtigsten   Mittel   zur   Beeinflussung   der   öffentlichen   Meinung   einzusetzen.   Die
weitestverbreitete Silbermünze der republikanischen Zeit war der Denar. Ihm fiel schon bald
nach seiner Einführung die Aufgabe zu, der Öffentlichkeit über bedeutsame Ereignisse zu
berichten. So wurde diese Münze schließlich zu einer regelrechten, in Metall eingeprägten
Chronik. (Bauwerke, Kriege, z.B. zwischen Rom und Karthago)
Mit Caesar rückte die Funktion des Geldes als Machtmittel stärker ins öffentliche Bewusstsein
als je zuvor. Zum ersten Mal wurde ein lebender Römer auf einer Münze verewigt. Die
römische Tradition, auf Münzen Staatspropaganda zu betreiben und historische Ereignisse
anzubilden - ganz anders als die Gottesverehrung der Griechen - entwickelte Caesar zum
Personenkult weiter. Caesar ließ die größte Menge an Goldmünzen herstellen, die Rom je
gesehen hat. Caesars Talent, über ungeheure Schuldsummer seinen politischen Aufstieg zu
finanzieren, zeigt überdies, dass das Kreditwesen des römischen Reiches einen Höhepunkt
erreicht hatte. Der Kredit erhielt damit schlagartig eine Hauptrolle auf der Bühne der
Weltgeschichte.



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Titus Flavius Vespasianus setzte dagegen eine rigorose Haushaltssanierung und Sparpolitik
durch. Dabei führte er unter anderem Steuern auf öffentliche Latrinen ein. Politischen
Vorwürfen seiner Gegner, er beziehe damit Gelder aus übelriechenden Quellen, entgegnete
Vespasianis: „Non olet“ - Geld stinkt nicht, was heute eine Auffassung bezeichnet, die
Gelderwerb als solchen nicht zu verachten ansieht, gleichgültig, wodurch immer ein solcher
Erwerb zustande komme.
Mit dem Zerfall des weströmischen Reiches ging auch dessen Münzwesen zugrunde.


   Frühes Mittelalter


In Geld- und Währungsangelegenheiten war Westeuropa im Frühmittelalter rückständig. Die
Führungsrolle im Finanzwesen hatte Byzanz übernommen. Im 7. Jahrhundert dominierten
byzantinische und auch arabische Münzen den Fernhandel.
Bis zum Ende des hohen MA war der von Karl dem Großen geschaffene Denar die
Hauptmünze; legte auch Wert des Pfundes und Schillings fest.


   Mittelalter


Mit dem päpstlichen Aufruf 1096 begann das Kreuzzugzeitalter à Das Geldsystem in
Mitteleuropa wird in Bewegung gebracht.
Erblühende Städtekultur begünstigte die Entwicklung des Geldwesens: Die Städte
entwickelten als Gegenmaßnahme zu der seit dem 11.Jh. üblichen Münzverrufung
(Einziehung der abgewerteten Münzen, für die nur ein Bruchteil des Nominalwertes in guten
Neuen Münzen erstattet wurde) durch die Prägeherren den wertbeständigen „Ewigen
Pfennig“ ( 1295 in Konstanz) und prägten schließlich auch größere Silbermünzen à von nun
an tauchten überregionale Zahlungsmittel auf, der wichtigste unter ihnen der Heller.
Geldgeschäfte galten im Mittelalter als verwerflich, die Zinsnahme wurde von der Kirche
vielfach untersagt.
Im MA gab es keine Bank-Safes oder Tresore, also wurden Münzschätze in großen Krügen
und Truhen vergraben auch: Handel und Geldgeschäfte waren noch eng verzahnt, sie
fanden im Kaufmannsgewölbe nebeneinander statt, noch keine Institution Bank - der Name
„Bank“ kommt vom Tisch des Geldwechslers „banco“, der zu den unverwechselbaren
Utensilien der Berufsgruppe zählte: Die Bankiers wechselten Währungen und verliehen Geld
gegen Zins. Für Europa zeigte sich in den aufkommenden Geldgeschäften ein Ansatz



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frühbürgerlicher Emanzipation mit Hilfe des Geldes, denn die Vergeldlichung der
wirtschaftlichen Sphäre begann feudale Besitzstrukturen aufzuweichen. In den Händen der
Medicis oder Fugger wurde Geld zu Kapital.
1409 entstand die erste Börse Europas in Brügge. Der Name „Börse“ ist abgeleitet von der
Brügger Kaufmannsfamilie „van der Burse“ (das wiederum von dem ndl. Beurs „Geldbörse“
stammt.
Die unzähligen Münzsorten in Europa führten dazu, dass überall professionelle Geldwechsler
ihre Dienste anboten. Das Geldgeschäft wurde zuweilen auch an Straßenbuden getätigt.


   Neuzeit


im 16.Jh begann durch die Eroberungen Spaniens und Portugals Unmengen von Reichtum,
Gold und Silber nach Europa zu fließen, aber der große Edelmetallzufluss beschleunigte in
der Alten Welt die große Inflation des 16.Jh. Am Endes des 16.Jh. hatten die Niederlande
den oberitalienischen Städten den Rang abgelaufen. Die Holländer galten als die
spielsüchtigsten Spekulanten (sie wetten auf die Ankunft von Schiffen, Ernteergebnissen
oder Fischfangergebnisse).
als Währungsmetall standen im nachmittelalterlichen Europa Gold uns Silber lange Zeit
gleichberechtigt nebeneinander um die Wende des 18.Jh ging dann zuerst England zur
Goldwährung über, die im Laufe des 19.Jh. als Goldumlaufswährung zur international
anerkannten Währungsform der dominierenden Industrieländer wurde.




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4. Der Goldstandard


Der Goldstandart ist ein internationales Währungssystem, bei dem die Austauschverhältnisse
zwischen den verschiedenen Währungen in Gold fixiert sind und der Bargeldumlauf an die
Goldreserven gebunden ist.
Zwischen 1870 und 1914 spielte der Goldstandard eine dominierende Rolle in der
internationalen Währungsordnung und die Konvertibilität ihrer Währungen hatte für die
Länder absolute Priorität.


    Geschichtlicher Ursprung


Die Geschichte des internationalen Währungssystems hat auch heute noch großen Einfluss
auf dessen Wirkungsweise, Entwicklung und Zukunft.
Im Laufe der Zeit wurde ständig versucht, die Wechselkurse zu steuern und
Ungleichgewichte in den nationalen Zahlungsbilanzen auszugleichen.
Dazu wurde in der Geschichte international oft über das Zustandekommen von
Währungsordnungen verhandelt, Konferenzen wurden abgehalten, um Arrangements zu
treffen für eine Einigung -> ein internationales System fester Wechselkurse.
Der Goldstandard hingegen ist ein Entwicklung, die fast zwangsläufig wie beim
Schneeballprinzip durch historische, politische und wirtschaftliche Entwicklungen ihren Lauf
nahm und als Basis für eine internationale Währungsangelegenheit entstand.
Münzen aus Edelmetall dienten schon in der Antike als Zahlungsmittel, wobei Silber bis in die
Neuzeit und auch während des gesamten Mittelalters das vorherrschende Zahlungsmittel
darstellte.
Das ist darin begründet, dass andere Metalle zu schwer (Kupfer) oder auch zu leicht für den
Münzgebrauch waren.
Im Mittelalter kamen in Westeuropa auch Goldmünzen in Gebrauch und im vierzehnten Jhd.
wurde Gold überall in Europa bei großen Summen als Zahlungsmittel genutzt.
Grundlage internationaler Vereinbarungen war eine Mischung aus Gold-, Silber- und
Kupfermünzen, die als Zahlungsmittel dienten.
Die umlaufende Geldmenge erhöhte sich bei Im- und Export im Überschussland und
schrumpfte im Defizitland, so dass irgendwann das Defizit verschwand.
Seinen Ursprung hat der GS in Großbritannien, wo bereits seit dem 18. Jhd. die Goldwährung
bestand, während andere Länder noch eine Silber- oder Doppelwährung hatten.


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Ende des 17.Jhd. war Gold an der englischen Münze überbewertet, so dass brasilianisches
Gold dorthin verschifft wurde, um zu Münzen geschlagen zu werden.
Die englische Regierung entschloss sich, den Goldpreis zu senken ->Isaak Newton setzte als
Münzmeister 1717 einen zu niedrigen Goldpreis für Silber fest, so dass fast alles Silber aus
dem Geldumlauf verschwand -> eine eher unbeabsichtigte Folge.
Da die anhaltende Goldförderung in Brasilien das Silber an der englischen Münze aber auch
weiter unterbewertet ließ, ging England damit praktisch zu einer Goldwährung über.
In anderen Ländern bestand noch im 19. Jhd. ein sogenannter Bimetallismus (Doppel- oder
bimetallische Währung), denn die Währungsbestimmungen erlaubten die gleichzeitige
Prägung und Zirkulation von Gold- und Silbermünzen -> diese Länder bildeten das Bindeglied
zwischen dem Gold- und dem Silberblock, der aus den deutschen Staaten, Österreich-
Ungarn, Skandinavien Russland und den Ländern in Fernost bestand.
Das Preisverhältnis beider Metalle in Münzform betrug 15,5:1 und mit beiden konnte man
Steuern und andere Verbindlichkeiten bezahlen.
Das entsprach ungefähr dem Marktpreis für beide Metalle (15,5 Unzen Silber kosteten etwa
soviel wie eine Unze Gold).
Allerdings hatte damit selbst die kleinste für den Gebrauch von Hand zu Hand geeignete
Goldmünze für alltägliche Transaktionen einen zu hohen Wert und war damit für die sozial
niedrigeren Schichten kaum zweckmäßig.
Wenn aber der Goldpreis auf dem Weltmarkt schneller als der Silberpreis stieg (vor allem im
letzten Drittel des 19.Jhd.) vermehrten sich die Arbitragegeschäfte (Preisdifferenzgeschäfte)
-> d.h. nur wenn der Goldpreis im Verhältnis zum Silberpreis auf dem Markt dem
Preisverhältnis der beiden Metalle in Münzform weitgehend entsprach, konnten beide auch
als Münzen im Geldumlauf bleiben.
Vor der Beherrschung neuer Münztechniken (dampfbetriebene Prägwerke) wurde der
Gebrauch von Scheidemünzen (Metallwert der Münze ist niedriger als ihr Nennwert) von den
Regierungen nicht gerade gefördert, weil die Prägungen oft unterschiedlich ausfielen und
Fälschungen schlecht nachweisbar waren.
Goldfunde in Kalifornien und Australien zwischen 1848 und 1851 führten zu einem
zunehmenden Verfall des Marktpreises von Gold, so dass das damit unterbewertete Silber
aus den westeuropäischen Staaten nach Fernost abfloss, wo eine Silberwährung
vorherrschte.
Die Entdeckung neuer Silbererzlager in Nevada und neue Verfahren zur Extraktion von Silber
aus ärmeren Erzen bewirkten wiederum das Gegenteil. Durch diese starken Schwankungen,
durch die zunehmende Ausbreitung der industriellen Revolution und der internationalen

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Rivalität stieg die Unzufriedenheit mit der Doppelwährung und dessen Beibehaltung wurde
immer schwieriger – z.B. Frankreich, Vereinigte Staaten.


   Einführung des internationalen Goldstandards


Portugal beschloss 1854 den englischen Goldstandard zu übernehmen, weil es enge
Handelsbeziehungen mit England unterhielt, das mittlerweile weltweit führende Industrie-
und Handelsmacht war.
Mit der Ausdehnung internationaler Transaktionen und durch verschiedene Ereignisse
(Deutsch-Französischer   Krieg)   gerieten   die   anderen   europäischen   Länder   in   eine
gegenseitige Abhängigkeit.
Die Silberwährung bot in Osteuropa keinen Vorteil mehr und Deutschland nutze die in Gold
gezahlten Reparationen von Frankreich als Grundlage für seine neue Goldwährung.
Damit war der erste Schritt zur Schaffung eines internationalen Goldstandard geschaffen,
denn nun bestand für die übrigen Länder, die mit den beiden führenden Wirtschaftsmächten
England und Deutschland Handels- und Finanzbeziehungen unterhielten, der Anreiz, deren
Währungssystem zu übernehmen.
Um den Goldzufluss zu fördern und den Abfluss zu stoppen, erweiterten die Notenbanken
ihre zinsfreien Kredite für Goldimporteure und ließen ihre Banknoten nur bei der Zentralbank
gegen Gold einlösen (wobei sie den An- und Verkaufspreis für Goldbarren erhöhen konnten).
Banken mit mehreren Filialen konnten dadurch begünstigt, Gold im Ausland kaufen, was für
die Verkäufer wiederum eine Zeit- und Transportkosteneinsparung bedeutete.
Das umlaufende Geld nahm größtenteils die Form von Papiergeld, Silber- und
Scheidemünzen an, wobei die Regierungen bereit waren, das umlaufende Geld auf Wunsch
zu einem festgelegten Preis in Gold zu konvertieren (dazu wurde von den Zentral- oder
Staatsbanken immer ein fester Bestand an Goldreserven unterhalten).
Attraktiv für die Länder waren auch zinsbringende Devisenreserven in anderen Ländern, vor
allem in England (das Pfund Sterling war die wichtigste Reservewährung mit 40% aller
Devisenreserven vor dem ersten Weltkrieg).
Erst gegen Ende des 19. Jhd. breitete sich der Goldstandard auch in den anderen Teilen der
Welt aus (z.B. Lateinamerika und die romanischen Länder in Südeuropa).




                                             15
Vom Goldstandard zum Euro

       Der Goldautomatismus (nach David Hume)


Die Mobilität von Gütern, Kapital und Gold ermöglichte einen Automatismus, der die
Wechselkurse gegeneinander stabil hielt und dies aufgrund der Arbitragebewegungen des
Marktes.
Erläuterung: Bei Warenexport erhält der Exporteur eine Zahlung in Gold, dass er dann zu
Münzen prägen ließ. Bei Warenimport musste der Importeur im Ausland Zahlungen in Gold
leisten. Bei Ländern mit einem Handelsdefizit wurde mehr Gold für Waren exportiert als
importiert. Durch den Abfluss an Gold war auch weniger Geld im Umlauf, die Zinsen stiegen
und die Preise fielen. Im Ausland hingegen erhöhte sich der Goldumlauf, so dass hier die
Preise stiegen. So kauft das Ausland wieder im Defizitland, wo die Preise niedriger waren.
Dadurch stiegen wieder die Exporte jenes Landes, bis das Ungleichgewicht in der
Handelsbilanz beseitigt war.     à Anpassungsmechanismus, bei dem die Geldmenge nicht
unter der Kontrolle der Zentralbank steht.
Hinzu kamen aber die internationalen Kapitalströme und das Ausbleiben internationaler
Goldtransporte, die den Wert der Handelsdefizite und –überschüsse ausgleichen konnten.
Banknoten übernahmen den Prozess des Geldumlaufs, so dass sich das Gold nicht mehr aus
dem Umlauf des Landes bewegte sondern von einer zur anderen Zentralbank.
Die Zentralbanken wirkten gezielt auf den Zahlungsmittelumlauf ein und begünstigten die
externen Anpassungsprozesse auch ohne nennenswerte Goldströme.
Ihre wichtigste Aufgabe bestand darin, ihre Goldreserven in einer Höhe zu halten, die die
Bindung der Währung an den Goldstandard gewährleistete (stärkte auch die Glaubwürdigkeit
der jeweiligen Regierung, die diesem Ziel zu jenem Zeitpunkt alle anderen wirtschaftlichen
Ziele unterordnete) à absolute Priorität hatte die Konvertibilität der Währung.
Alles in allem waren die Stabilität der Wechselkurse und mechanische währungspolitische
Maßnahmen eher die Ausnahme als die Regel.
Der Goldstandard funktionierte auch deshalb, weil eine Zusammenarbeit zwischen den
einzelnen Zentralbanken und Regierungen funktionierte (man half sich in Krisen und
finanziellen Missständen mit Krediten und Gold).
Die Stabilität des Systems stand und fiel mit der Beteiligung der Engländer, so konnten diese
bei einer finanziellen Instabilität andere Länder anstecken, deshalb mit der Unterstützung der
anderen Zentralbanken rechnen und gegenseitig kooperieren. Englands herausragende
Position in der Weltwirtschaft schützte seine Zahlungsbilanz vor Erschütterungen und
ermöglichte es dem Pfund Sterling, das internationale System abzustützen (Verknüpfung



                                             16
Vom Goldstandard zum Euro

zwischen britischen Krediten ans Ausland und der Export von Kapitalgütern sorgte für eine
weitgehend ausgeglichene Zahlungsbilanz).


   Das Modell läuft aus


Als um die Jahrhundertwende mit dem immer schnelleren wirtschaftlichen Wachstum und
finanziellen Entwicklung die Führungsrolle Englands in Frage gestellt wurde, ging auch der
Anteil an Auslandskrediten und Kapitelexporten zurück.
Die weltweite Produktion wuchs aber schneller als die Goldvorräte. Damit konnten die
globalen   Goldbestände   nicht   mehr   lange   den   Erfordernissen   der   expandierenden
Weltwirtschaft gerecht werden und es entstand ein Preisverfall à Deflation.
Die zunehmenden wirtschaftlichen und militärischen Spannungen zwischen Deutschland ,
England und Frankreich verminderten die gegenseitige Solidarität, auf der die bisherige
Kooperation beruhte.
Der erste Weltkrieg aber stoppte jede weitere Entwicklung.




                                            17
Vom Goldstandard zum Euro


5. Die Instabilität der Zwischenkriegszeit


Wie stellt man etwas besser dar, dass eine bestimmte Zeit charakterisiert, ein bestimmtes
Zeitgefühl vielleicht auch, als mit einem Bild, besser mit einer Folge von Bildern? Aber das ist
es nicht allein, wie wir gleich hören werden.
Gisèle Freund, außerordentlich bekannte französische Fotografin der dreißiger und vierziger
Jahre, eine Zeitzeugin im wahrsten Sinne, da sie nahezu die ganze Haut Couture der
Philosophie und Literatur abgebildet hat, schreibt über diese, ihre Fotoserie:
„In den dreißiger Jahren verbrachte ich meine Zeit hauptsächlich in der Bibliothéque
Nationale, um meine Doktorarbeit zu beenden. Oft hörte ich die lauten Rufe, die von der
Börse herübertönten, die nicht weit von der rue de Richelieu entfernt ist. Ich bin also
hingegangen. Kauf und Verkauf fanden damals im Freien, unter den Arkaden statt. Ich
beobachtete insbesondere einen Börsenmakler, der – bald lächelnd, bald besorgt – die
Käufer mit großen Gesten aufmunterte. Er wurde die Zielscheibe meiner Kamera; dann
schickte ich diese kleine Reportage mit dem harmlosen Titel `Schnappschüsse von der
Pariser Börse` an verschiedene Illustrierte. Einige Zeit später bekam ich Zeitungsausschnitte
eines belgischen Blatts und entdeckte, baß erstaunt, meine Photos mit folgender Überschrift
`Hausse an der Pariser Börse, Aktien erlangen sagenhafte Preise`. Mit listigen Untertitel
ausgestattet, illustrierte meine unschuldige kleine Reportage auf einmal ein Börsenereignis.
Dann verschlug es mir fast den Atem, als ich einige Tage später dieselben Photos in einer
deutschen Illustrierten unter folgendem Titel fand `Panik an der Pariser Börse, ganze
Vermögen stürzen zusammen, Millionen von Menschen sind ruiniert`. Die deutsche
Publikation hatte meinen Photos genau den entgegengesetzten Sinn gegeben: Meine
Aufnahmen zeigten hier eindeutig die Verzweiflung des Käufers und die Verwirrung des
Spekulanten, der gerade ein Vermögen verloren hat.“8




Die Äußerungen Gisèle Freunds zeigen nicht nur die unterschiedlichen Perspektiven der
Berichterstattung, die mit dem Kontext des jeweiligen Landes verbunden sind, sondern sie
verdeutlichen zweierlei: es gibt Unsicherheit und es gibt den Versuch, diese Unsicherheit zu
forcieren.
Wie kommt es nun zu den verschiedenen Mimiken und Gestikulationen vor einer mit weißer
Schrift bekritzelten Tafel?


8
    Gisèle Freund: Photographie und Erinnerungen/ Gisèle Freund. – München: Schirmer- Mosel, 1998,S. 205ff.


                                                               18
Vom Goldstandard zum Euro

Verfolgen wir dazu die chronikalischen Ausführungen Barry Eichengreens.
Welche Schwerpunkte benennt er, die für den Zeitraum von 1914 bis 1936 symptomatisch
sind?
Beginnen wir zunächst bei der veränderten Situation des Krieges. Wie gehen die
Regierungen damit um?
Sie versuchen, die Ressourcen im Land zu halten: Um den Krieg zu finanzieren, um Güter im
Ausland zu kaufen, braucht man Gold. Gold ist die wichtige Ressource. Die Konsequenz also:
Gesetze, Vorschriften werden erlassen, die alle Goldexporte verbieten; verschärfte Kontrollen
werden eingeführt, um die Transaktionen in fremde Währung zu untersagen.9 Des weiteren
müssen       die    Ressourcen         im   Land      mobilisiert     werden:       durch      neue     Steuern      und
                    10
Staatsanleihen.          Auch ist es wichtig, bestehende, ineffiziente Bestimmungen zu lockern: um
z.B. Soldaten zu bezahlen, wird „Papiergeld ohne Deckung“ ausgegeben, was starke
Schwankungen der Wechselkurse zur Folge hat.11
Aus diesen Zwängen wird die Notwendigkeit ersichtlich, die nach dem ersten Weltkrieg
gezogen wird: ein neues Währungssystem muss aufgebaut werden.
Wie kann das geschehen, da allein der Dollar nach dem Krieg seine Konvertibilität behielt,
also das „Recht, diese Währung unbeschränkt zum festgelegten Goldpreis gegen Gold
einzutauschen“ ?12           Die einzelnen Regierungen gehen verschiedene Wege, um dieses
Erfordernis in den Griff zu bekommen.
Beispiel Frankreich: Da Frankreich nur eine mäßige Inflation erlebt, bedarf es deshalb keiner
Währungsreform.13 Die Regierung entscheidet sich dafür, dass der Franc, der über Jahre
hinweg im Vergleich zum Dollar abgewertet wurde (vier Fünftel), dass der Franc auf dem
gerade bestehenden Niveau stabilisiert und damit auch die Wirtschaft nicht zu stark belastet
        14
wird.
Anders       Deutschland:        die    deutsche       Regierung        lässt    während        des     Krieges,      um
Haushaltsdefizite zu finanzieren, Papiergeld drucken, was zur Überschwemmung führt: zur
Inflation, zur Hyperinflation. Die Wende tritt ein, als die Regierung neue Zahlungsmittel
ausgibt, deren Rahmenbedingungen sich an denen des Goldstandards orientiert. Der
Völkerbund gewährt der Zentralbank Kredite. Bedingung dafür ist, dass die Zentralbank




9
  Barry Eichengreen: Vom Goldstandard zum Euro, Die Geschichte des internationalen Währungssystems. – Berlin: Wagenbach,
2000, S.70f.
10
   ebd., S. 71
11
   ebd., S.71
12
   ebd., S. 284
13
   ebd.,. S.72
14
   ebd., S.72


                                                           19
Vom Goldstandard zum Euro

unabhängig von der Regierung agiert. Mit diesen Schritten soll die Währung stabilisiert
werden.15 (Beispielende)
Aber reicht das aus? Was scheinbar fehlt sind Gedankenkonzepte und deren Umsetzungen.
Verfolgen wir den Prozess weiter.
Nach dem Krieg setzt zunächst die Freigabe der Wechselkurse ein. Es bilden sich flexible
Wechselkurse: das „freie Floaten“. Das freie Floaten beinhaltet schon im Namen eine
Schwäche: es ist frei; und damit unberechenbar, da es auf spekulative Käufe und Verkäufe
ungeachtet der wirtschaftlichen Gegebenheiten reagiert.16
Aus diesem Grund gibt es, wie sollte es anders sein, Kritiker, die davon ausgehen, dass erst
die Freigabe der Wechselkurse jene Destabilisierung der Wirtschaft ausgelöst habe.17 Diese
sehnen sich nostalgisch nach einem Mittel zurück: dem Goldstandard. Eine „gesunde
Währung“, sagen sie, wird mit Goldkonvertibilität gleichgesetzt.18
Ein entscheidender Einschnitt stellt – 1925 - die Rückkehr Englands zur Goldkonvertibilität
des Pfunds dar. England senkt seine Preise, um die erreichte Vorkriegsparität halten zu
können. Gleichzeitig werden aber auch Zinsen erhöht, damit das Pfund gegenüber dem
Dollar nicht an Wert verliert. Folge: die Konjunktur (industrielles Wachstum) wird gedämpft:
die Arbeitslosenquote steigt von 2,0 auf über 11 Prozent an. Der Wechsel ist zu abrupt
vollzogen worden – lautet die einhellige Antwort auf diese Krisenerscheinungen.19 Vielfältige
Maßnahmen werden anberaumt, um die Währung dem Dollar anzugleichen. Das ist aber
erneut mit Schwierigkeiten verbunden.
Bis 1926 kehren 39 Länder zu einer Goldwährung zurück, damit ist nach dem freien Floaten
eine neue Stufe erreicht. Diese Stufe kann von 1926 bis 1931 markiert werden. Gemeint ist
der Neubeginn des Goldstandards: besser die Golddevisenwährung.20 Wie gestaltet sich
dieses „globale System“ innerhalb eines spärlichen Zeitraumes von nur fünf Jahren?
Goldmünzen      waren      während   des    ersten   Weltkrieges     fast   völlig   aus   dem
Zahlungsmittelumlauf verschwunden;         Ausnahme stellt die USA dar mit immerhin acht
Prozent. Die Nachkriegsregierungen versuchen nun, die Goldreserven zu strecken, in dem sie
sie in die Tresore der Zentralbanken einlagern. Wiederum werden Vorschriften etc. erlassen,
um sicherzustellen, dass Gold nicht in den Geldumlauf gerät. Des weiteren werden neben
dem Gold auch Devisen als Reserven gehalten.21 Das impliziert aber eine neue Angst:
nämlich die weltweite Goldknappheit eintreten könnte. Damit steigen Befürchtungen, dass

15
   ebd., S.72
16
   ebd., S.77
17
   ebd., S.87
18
   ebd., S.87
19
   ebd., S.87
20
   ebd., S.90


                                              20
Vom Goldstandard zum Euro

der Geldumlauf abgebremst wird, was sich wiederum auf die wirtschaftliche Wachstumsrate
negativ auswirken kann.22 Es müssen demzufolge internationale Vereinbarungen getroffen
werden, um Interessen zu bündeln und zu koordinieren.
Diese Misserfolge wirken sich aus, wenn nicht gleich, so denn später.
Erst mal scheint alles handhabbar. Ab ca. 1924 sind die Währungen wieder in Gold zu festen
Inlandspreisen            konvertierbar,    und   bestimmte            Hemmnisse,     wie     Beschränkungen
                                                       23
internationaler Transaktionen aufgehoben.
Auch sind die Jahre von 1924-1929 eine Zeit des wirtschaftlichen Wachstums und einer
starken Nachfrage nach Geld und Kredit. Das führt zu einem neuen Problem. Die
expandierende Weltwirtschaft verursacht eine zusätzliche Liquidität. Dieses Flüssigsein muss
durch eine Erhöhung der Bestände an internationalen Reserven abgedeckt werden.
Aber: und jetzt kommt der Bumerang: das Gold reicht tatsächlich nicht aus; die gesamten
Weltbestände an Währungsgold, die während des ersten Weltkriegs und der Jahre bis 1925
in Tresoren der Zentralbanken eingelagert wurden, sind nur langsam gewachsen. Und: der
Anteil gegenüber Noten und Sichteinlagen ging zurück (zwischen 1913 und 1927 von 48
Prozent auf 40 Prozent.)24
Schauen wir nach Frankreich, hier ist der entgegengesetzte Fall der Fall.
Die Goldreserven der Bank von Frankreich steigen immens an: zwischen 1926 und 1929 auf
mehr als das Doppelte; bis 1931 haben sich die Bestände gar vervierfacht. Frankreich liegt
nun, was die Goldreserven anbelangt an zweiter Stelle, nach der USA. Warum? Die Bank von
Frankreich legt den Kurs des Franc so fest, dass eine Stabilisierung erreicht wird. Dieser Kurs
bewirkt gleichzeitig einen generellen Vorteil: die einheimische Wirtschaft kann billiger
produzieren,           billiger   Waren    verkaufen,       und   im    Gegenzug     Gold     aufkaufen.   Die
Unterbewertung des Franc verstärkt aber den Druck für die anderen Zentralbanken. In der
Folge kommt es zu vielschichtigen Problemen, z.B. als 1927 der Direktor der Bank von
Frankreich, Emile Moreau, 20 Prozent der im letzten halben Jahr eingenommenen Devisen
der Bank von England zur Konvertierung in Gold vorlegt, was die Bank von England
gesprengt hätte.
Dieser          Plan    wird      nicht   umgesetzt;        verdeutlicht   aber     die     Spannungen     und
Unausgewogenheiten in diesem Zeitraum. Im Gegenzug erhöhen die anderen Zentralbanken
die Zinsen und verringern das Kreditvolumen, um ihre Reserven zu verteidigen.25


21
   ebd., S.91
22
   ebd., S.92
23
   ebd., S.95
24
   ebd., S.95
25
   ebd., S.95


                                                            21
Vom Goldstandard zum Euro

Fazit:     der     internationale   Goldstandard   funktioniert   nicht   wie   gedacht;   es   gibt
Anpassungsschwierigkeiten. Das Ergebnis besteht nicht generell in Überschüssen, sondern
auch in Defiziten der Zahlungsbilanzen. Frankreich verweist auf Überschüsse, England auf
Defizite. Aber ist das alles? - Vor allem steht dem Goldstandard eine veränderte
Wirtschaftaufteilung gegenüber, die auf Macht basiert. So haben sich z.B. die Verkaufs- und
Vertriebsnetze bedingt durch den ersten Weltkrieg verändert; seien es die Handelsexporte
nach Lateinamerika, die ehemals als ein festes europäisches Standbein galten und nun durch
amerikanische Produzenten ersetzt sind, die nach dem Krieg nicht von ihrer Position
wegrücken, sondern den Markt in ihrem Interesse ausbauen.26 Auch die zu zahlenden
Reparationsleistungen wirken sich hemmend für eine Stabilität in Europa aus; in den USA
hingegen führt dieser Prozess zu einem Anstieg des gesamten Wirtschaftswachstums, da z.B.
die im Krieg ausgegebenen Kredite nun zurückbezahlt der einheimischen Wirtschaft zugute
kommen. Die eigentliche Folge wäre nun ein Anstieg der Preise und Kosten in den USA
gewesen. Allerdings geben die USA, die sich zunehmend von einem Schuldner- in das
führende Gläubigerland outet,27 wiederum Kredite nach Europa aus. Das führt zu einem
ständigen Weiterverschulden für europäische Unternehmen. Und: die Kapitalknappheit,
durch den Krieg bedingt, führt zu hohen Zinsen, die Europa für amerikanische Investoren
attraktiv macht. Das bedeutet verschärfter Konkurrenzkampf. Das bleibt nicht ohne Folgen.
Eine davon ist die Weltwirtschaftskrise.
Wie sehen nun die Reaktionen auf die Weltwirtschaftskrise von 1929 aus?
Der Goldstandard hängt mit gleichzeitigen Erschütterungen der Kapital- und Gütermärkte
zusammen. Besonders spüren das die Entwicklungsländer (Argentinien, Australien, Brasilien,
Kanada), deren Devisenreserven nur über minimale Spielräume verfügen. Sie müssen sich
entscheiden, ob sie ihre Deviseneinkünfte nutzen, um entweder die „Kredite abzahlen, damit
aber die Wirtschaft instabil halten“ oder „ihre Währung stärken, was mit einem möglichen
Kreditstop verbunden ist“. Dieses Entweder Oder ist Sprengstoff. Entscheidung: Sie setzen
die Konvertibilität ihrer Währung aus und lassen eine Abwertung zu.
Was bedeutet diese scheinbare Randerscheinung für das gesamte Wirtschaftssystem, vor
allem für das Zentrum? Die Stabilität im Zentrum wird in Mitleidenschaft gezogen. Ein Körper
blutet auch nicht nur bis zum Bauchnabel aus.
Ein zweites Problem kommt hinzu: der Zusammenbruch der industriellen Produktion.28
Möglichkeiten der Regierungen, wie Kreditspritzen oder die Senkung von Kreditzinsen helfen


26
   ebd., S.101f.
27
   ebd., S.102
28
   ebd., S.106


                                                   22
Vom Goldstandard zum Euro

nicht aus, da es erneut den Kreislauf antörnt, in dem letztlich die Reserven schmelzen. Fazit:
Kapitalflucht.
Die Spekulanten reagieren, aus Angst vor Verlusten, stark auf diese administrativen
Veränderungen, und es setzen Kapitalbewegungen mit unberuhigenden Ausmaßen ein.
Stabile Währungen werden interessant: die Leitwährungen Pfund Sterling und der Dollar.29
Aber damit auch das Risiko - sofern man sie als Devisen hält, wenn diese beiden Währungen
abgewertet werden. Also: Gold wird gegen die Fremdwährung getauscht, was den Goldpreis
in die Höhe treibt. Also wieder die Spirale.
Wie ist nun der weitere Weg? Es folgen Krisen, die das Festhalten am Goldstandard
zunehmend zu einem Hemmnis stilisieren, gar unmöglich machen. die Bankenkrise, die
Sterlingkrise, die Dollarkrise.
Zuerst die Bankenkrise: sie betrifft Länder mit einem schwachen Bankensystem. Die
Weltwirtschaftskrise hat ihre Spuren hinterlassen, Schuldner können nicht zahlen, Banken
geben Kredite erschwert aus, das Problem verlagert sich auf profitable Unternehmen, die
abgewertet werden; die Zentralbank interveniert nicht aufgrund der Wahrung der Priorität
des Goldstandards; zudem gelten neue unbekannte Gesetzmäßigkeiten, mit denen man, so
man sie gekannt hätte, die Bankenkrisen hätten bewältigen können. Auch ist ein Manko die
nicht vorhandene internationale Zusammenarbeit.
Damit scheint der Zusammenbruch des internationalen Goldstandards unausweichlich. Der
erste Aussteiger ist Österreich: seine Auslandskredite betragen 150 Millionen Dollar, nicht zu
bewältigen im Vergleich zu seiner wirtschaftlichen Rentabilität. Zudem kommen geheime
Gespräche mit den Deutschen hinzu, die gegen den Versailler Vertrag verstoßen. Das
bedeutet: keine Hilfe von Außen (z.B. Frankreich). Nicht einmal mit der 1930 gegründeten
Bank für Internationalen Zahlungsausgleich kann Abhilfe geschaffen werden.30 Das Geld
fließt ab. In letzter Konsequenz entscheidet sich Österreich für die Rettung seines
Bankensystems und gegen die Goldwährung. Ungarn und Deutschland sind die Nächsten.
Erwähnt werden muss noch, dass die österreichischen und deutschen Banken stark in der
Industrie engagiert sind, und mit jeder Wirtschaftskrise eine Schwächung der Banken
einhergeht.
Auch wenn die britischen Banken keine engen Kontakte zur Industrie halten, kommen sie
aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Situation in Bedrängnis. Aufgrund eines ganzen
Strudels von Zinserhöhungen, Kapitalflüchten und Zinserhöhungen kristallisiert sich die
Sterling-Krise heraus. Innerhalb von drei Monaten verlor der Sterling ein Drittel seines

29
     ebd., S.108
30
     ebd., S.115


                                               23
Vom Goldstandard zum Euro

Wertes. Wir befinden uns jetzt im Jahre 1931. Der Goldstandard gehört als „globales
System“ der Vergangenheit an.
Zwei Jahre später, 1933 wird auch die zweite Leitwährung, der Dollar, abgewertet. Rückgang
der Produktion und steigende Arbeitslosenzahlen folgen. Nach dem Wahlsieg Roosevelts
springt auch die USA vom Zug.
Der Weg geht zurück in die Zukunft: zu den flexiblen Wechselkursen. Diese gestalten sich
etwas anders als jene, die direkt nach dem Krieg installiert waren. Freie Wechselkurse
werden kontrolliert; heißen „kontrolliertes Floaten“.31 Die Zentralbank kann damit in den
Devisenmarkt          intervenieren.    Mit   diesem     System    verfügen    Regierungen     und   die
Zentralbanken über einen größeren wirtschaftlichen Handlungsspielraum als zu Zeiten des
Goldstandards. Dennoch: es gibt kein koordiniertes Programm einer makroökonomischen
Reflation (finanzpolitische Maßnahme zur Erhöhung der im Umlauf befindlichen Geldmenge),
das durch Zinssenkung und Ausdehnung des Zahlungsmittelumlaufs die Volkswirtschaften
gestärkt hätte; auch wenn Ende September 1936 ein Dreierabkommen zwischen Frankreich,
Großbritannien und den USA geschlossen wird.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass für die Instabilität zwischen den Weltkriegen drei
ineinander verstrickte Komponente                  entscheidend sind: erstens: die zunehmenden
Spannungen zwischen wirtschaftspolitischen Zielen (Goldstandart, Währungsstabilität);
zweitens          ändert   sich   der   Charakter     der   internationalen    Kapitalströme   (Handel,
Auslandsinvestitionen),           und   drittens    verlagert   sich   das    Gravitationszentrum    von
Großbritannien in die Vereinigten Staaten.
Und: diese genannten Dissonanzen bewirken Untertitel wie jene über die Mimiken und
Gestikulationen vor einer mit weißer Schrift bekritzelten Tafel.




31
     ebd., S.78


                                                       24
Vom Goldstandard zum Euro


6. Das System von Bretton Woods


Wir werden nun versuchen, das System von Bretton Woods und seinen drei Organisationen
zu erklären und damit die zeit von 1944 bis etwa 1973 beleuchten. Der Versuch kann aber
nur einen groben Überblick über das komplexe System darstellen. Die angegebenen
Literaturquellen sollten bei mehr Interesse verfolgt werden.
Noch während des 2. Weltkrieg hat es Planungen einer neuen Wirtschafts- und
Währungsordnung der Welt gegeben. Im Juli 1944 einigten sich im amerikanischen Kurort
Bretton Woods Vertreter von 44 Staaten auf eine neue Weltwährungsordnung. Das
Charakteristische waren feste Wechselkurse, die aber flexibler sein sollten als der
Goldstandard.32 Es wurden drei verschiedene Organisationen gegründet, um die weltweite
wirtschaftliche Zusammenarbeit auf eine neue Grundlage zu stellen. Das Ziel war, den
Wiederaufbau, Wohlstand und Wachstum zu fördern33. Dabei handelte es sich um den
Internationalen Währungsfond, die Weltbank – oder Internationale Bank für Wiederaufbau
und Entwicklung – und als dritte das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen GATT.
Doch zunächst zum System von Bretton Woods: Die Mitgliedsländer hatten die Verpflichtung,
ihre Währungen in einem bestimmten Preisverhältnis zum Dollar zu halten. Dieser stand in
einem festen Verhältnis zum Goldpreis, 1Unze Gold entsprach 35 US-Dollar. Damit wurde
faktisch ein Dollar- /Goldstandard geschaffen34 Der Marktkurs der Währungen sollte
innerhalb der Schwankung von plus/minus 1% gehalten werden. Einer Wechselkursänderung
über 10% musste vom IWF zugestimmt werden. Die Mitgliedsländer hatten so die
Möglichkeit,       den      Wechselkurs         ihrer     Währung         wirtschaftlichen        Veränderungen      der
Nachkriegszeit anzupassen. Bis 1969 hat es insgesamt 70 Wechselkurveränderungen
gegeben.35 Ein weiteres wichtiges Kriterium war, dass die Währungen der Mitgliedsländer
untereinander konvertibel zu sein hatten, das heißt, die Zentralbanken mussten automatisch
heimische in ausländische Währung tauschen. Das Ziel von Bretton Woods war die
„Wiederherstellung der uneingeschränkten Konvertibilität der Währung zugunsten eines
ungehinderten Waren- und Kapitalverkehrs.“36. Die Wirtschaft sollte angekurbelt und die
Inflation bekämpft werden.37


32
   Enzyklopädisches Lexikon des Geld-, Bank- und Börsenwesens, hrsg. von der Red. der "Zeitschrift für das gesamte
Kreditwesen" und Jörg E. Cramer, Frankfurt am Main : Knapp, 1999, S. 755
33
   ebenda, S. 995
34
   ebenda, S. 403
35
   ebenda, S. 403
36
   Enzyklopädisches Lexikon des Geld-, Bank- und Börsenwesens, hrsg. von der Red. der "Zeitschrift für das gesamte
Kreditwesen" und Jörg E. Cramer, Frankfurt am Main : Knapp, 1999, S. 755
37
   ebenda, S. 755


                                                              25
Vom Goldstandard zum Euro

Die Situation in Deutschland nach dem Krieg war folgende: Der Schuldenberg betrug ca. 400
Mrd. Reichsmark und es gab einen riesigen Geldüberhang, das heißt ein Missverhältnis
zwischen Geldmenge und Güterangebot. 1948 hat es eine Währungsreform gegeben. So war
es der Nachkriegszeit geschuldet, dass ein fester Wechselkurs erst 1959 wirklich in Kraft trat
und man sich erst einmal in eine Übergangszeit begab. Den europäischen Ländern fehlte es
an Gold und Devisen. Im Dezember 1958 verkündeten Belgien, Luxemburg, Frankreich, die
BRD, Italien, Niederlande, Großbritannien und Irland die Konvertibilität ihrer Währungen. Der
Versuch GB, bereits 1947 die Konvertibilität zu erreichen, scheiterte mit hohen Verlusten und
einer Krise des Pfunds. In der Zwischenzeit hat es für Europa finanzielle Hilfe aus dem
Marschall-Plan (13 Mia. Dollar)38 gegeben. Weiterhin wurde als Übergangslösung 1950 die
Europäische Zahlungsunion (EZU) gegründet, die sich Handels- und Zahlungsproblemen
Europas annehmen sollte. Ab 1958 stabilisierte sich die Lage, die Wirtschaft und damit der
Welthandel hatte einen Aufschwung erfahren, die Wechselkurse waren konstant und der
Goldpreis hielt sich bei 35 Dollar pro Unze.
Das Währungssystem von Bretton Woods funktionierte von dieser Zeit an trotzdem weniger
als 10 Jahre und brach in den 70er Jahren zusammen. Dafür sind im wesentlichen zwei
Konstruktionsfehler zu nennen39. Erstens das Redundanzproblem, oder auch das Problem des
n-ten Landes genannt. Es gibt n Währungen und nur                                   n–1 voneinander unabhängige
Wechselkurse und Zahlungsbilanzen. Diese n–1 Länder verteidigen die vorgesehenen
Paritäten, also die Austauschverhältnisse ihrer Währungen untereinander, und geben auf
diese Weise ihre geldpolitische Souveränität auf. Das n-te Land, also das Leitwährungsland,
in unserem Fall die USA, ist bei der Wahl seiner Geldpolitik von außenwirtschaftlichen
Restriktionen befreit. Seine Politik hat aber gravierende Rückwirkungen auf alle anderen
Länder, es bestimmt dadurch nämlich die Entwicklung der Inflationsraten der anderen
Länder. Die nominelle Verankerung des Gesamtsystems durch die Gold-Dollar Parität
funktionierte nur sehr begrenzt. Die USA verfolgten gegen Ende der 60er Jahre – u. a.
bedingt durch den Vietnam Krieg – eine inflationäre Politik (Grund: öffentliche
Haushaltsdefizite,            expansive       Geldpolitik),       und      waren       nur     sehr     beschränkt   zur
Goldkonvertibilität des US Dollar bereit. Die anderen Länder aber waren umgekehrt nicht
mehr bereit, die so entstandene Inflationsrate der USA zu akzeptieren, wozu das
Festkurssystem sie gezwungen hätte. Eine Lehre aus Bretton Woods lautet für Eichengreen,
dass die Zusammenarbeit zur Unterstützung eines Systems fester Wechselkurse nur dann
erfolgreich sein kann, wenn sie „Teil eines Netzes aus politischen und wirtschaftlichen

38
     Eichengreen, 2000, S. 139
39
     http://www.gabler-online.de/wilex/daten/070.htm , www Seite des Gabler-Wirtschaftsverlags, (14.01.2000)


                                                               26
Vom Goldstandard zum Euro

Abmachungen ist“40. Die Grenzen waren spätestens 1973 erreicht. Dazu muss man
erwähnen, dass besonders in den Jahren nach dem Krieg die Regierungen erheblich in die
Wirtschafts- und Finanzsysteme ihrer Länder eingriffen und versuchten, Kredite in strategisch
erwünschte Wirtschaftsbereiche zu lenken.41 Zudem ermöglichten die Währungskontrollen
den Politikern, bestimmte innerpolitische Ziele zu verfolgen, ohne dabei den Wechselkurs zu
destabilisieren. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und der Liberalisierung der Märkte
wurden die Kontrollen untergraben, bei steigender Kapitalmobilität konnten feste
Wechselkurse nicht aufrechterhalten werden. Ein zweites Problem war die zögerliche
Anpassung der Paritäten, auf Veränderungen fundamentaler wirtschaftlicher Einflussfaktoren
in den einzelnen Ländern (u. a. Goldunter- bzw. Dollarüberdeckung), die dem System keine
Glaubwürdigkeit verleihen konnten. Als Resultat entstanden destabilisierende Spekulationen,
und nach einigen Versuchen, das System mit Veränderungen der Paritäten und erweiterten
Bandbreiten zu retten, kam Anfang der 70er Jahre der Zusammenbruch des Bretton Woods
Systems. Die Währungen wurden ab März 1973 in ihrer Kursentwicklung freigegeben. Das
bedeutete zwar das Ende des Abkommen von Bretton Woods, aber nicht das Ende seiner
Organisationen, die bis heute Bestand haben
Der IWF – Internationaler Währungsfond – wurde als sogenanntes „Stabilisierungs-
element“42 geschaffen, dessen Aufgabe die „kooperative Regulierung von Währungsfragen
und Unterstützung der Anpassungsfinanzierung sein sollte“43. Weiterhin sollte er die
Wirtschaftspolitik der Mitgliedstaaten überwachen, ihm fehlte allerdings die Macht,
tatsächlich Einfluss auf die nationale Politik zu nehmen.                     Das IWF-Abkommen wurde im
Dezember 1945 von 29 Mitgliedern unterzeichnet, die Bundesrepublik trat 1952 bei, 1998
hatte die Organisation 181 Mitgliedsstaaten.44 Hier trafen der amerikanische White-Plan
(nach Henry Dexter White) und der britische Keynes-Plan ( nach John Maynard Keynes)
aufeinander45. Hauptziel des IWF-Abkommens (nach Artikel 1 des Abkommens) war, die:
„Ausweitung und ein ausgewogenes Wachstum des Welthandels zu erleichtern und dadurch
zur Förderung und Aufrechterhaltung eines hohen Beschäftigungsgrades und Einkommens
sowie zur Entwicklung des Produktionspotentials aller Mitglieder ... beizutragen.“




40
   Eichengreen, 2000, S. 182
41
   Eichengreen, 2000, S. 13
42
   Enzyklopädisches Lexikon des Geld-, Bank- und Börsenwesens, hrsg. von der Red. der "Zeitschrift für das gesamte
Kreditwesen" und Jörg E. Cramer, Frankfurt am Main : Knapp, 1999, S. 755
43
   http://www.uni-muenster.de/GeschichtePhilosophie/Geschichte/hist-sem/SW-G/Scripte/Weltwirt2/S08BrettonWoods.htm
44
   Stephen Zarlenga, Der Mythos vom Geld – die Geschichte der Macht, Zürich: Conzett Verlag, 1999
45
   Enzyklopädisches Lexikon des Geld-, Bank- und Börsenwesens, hrsg. von der Red. der "Zeitschrift für das gesamte
Kreditwesen" und Jörg E. Cramer, Frankfurt am Main : Knapp, 1999, S. 995


                                                          27
Vom Goldstandard zum Euro

Weitere Ziele waren die Förderung der Stabilität der Währungen und Währungsabwertungen
aus Konkurrenzgründen zu vermeiden.46 Der IWF nahm 1946 seine Arbeit auf. Die
Umsetzung des Abkommens in die Praxis sah folgendermaßen aus: Jeder Mitgliedsstaat
zahlte nach einer bestimmten, seiner Wirtschaftskraft entsprechenden Quote Gold, Dollars
und eigene Währung ein, die insgesamt die IWF-Reserven ergaben. Insgesamt wurden 8,8
Milliarden Dollar eingezahlt, davon kamen allein von der USA etwa 2,5 Mia., was auf ihre
wirtschaftliche Vormachtstellung verweist. Ende des 2. Weltkrieges befanden sich fast 60%
des monetären Goldes des Westens in New York.47 Großbritannien zahlte 1,2 Mia. ein, die
restlichen ca. fünf Mia. kamen von den 27 anderen Mitgliedstaaten. Zur Überbrückung
kurzfristiger Zahlungs- und Anpassungsprobleme konnten die Mitglieder ihre eingezahlte
Quote abrufen. Unter bestimmten Auflagen auch ein Mehrfaches davon abrufen.
Die WELTBANK (Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung) wurde mit der Rolle
als internationaler Kreditgeber bedacht. Einmal zum Zweck des Wiederaufbaus nach dem II.
Weltkrieg in den Industrieländern und zur Förderung des Prozesses der wirtschaftlichen
Entwicklung in den Entwicklungsländern. Hier insbesondere für Infrastruktur- und
Energieprojekte.         Weiterhin       war     ursprünglich    die   Gründung    einer    internationalen
Handelsorganisation geplant, allerdings wurde, wegen des Widerstandes der USA lediglich
das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen GATT48 realisiert, jetzt WTO.




         Kritische Stimmen49
         Von der Strukturanpassung zum wirtschaftlichen Völkermord


„Es gibt wenig Grund zum Jubeln, wenn sich die internationale Gemeinschaft des 50.
Jahrestages der Bretton-Woods-Konferenz erinnert (...) Das Zauberwort »Struktur-
anpassungsprogramme«, das die Bretton-Woods-Institutionen aufgebracht haben, hat
weltweit in den Ländern der südlichen Halbkugel zu Hunger und brutaler Verarmung und
zudem zu einer »Thirdworldisation« in den Ländern des früheren Ostblocks geführt.“ (...)




46
   ebenda, S. 996
47
   Zarlenga, 1999, S. 473
48
   General Agreement of Tarifs and Trade
49
   Quelle: http://www.glasnost.de/oeko/19940929ggalt.html
(CONTRASTE Nr. 123. CONTRASTE ist eine Monatszeitschrift fuer Selbstverwaltung und bringt staendig Artikel zum
Themenspektrum Alternative Oekonomie, Oekologie)




                                                            28
Vom Goldstandard zum Euro

„Im Grunde genommen völlig konträr zum ursprünglichen Geist des Bretton-Woods-
Abkommens, das dem »wirtschaftlichen Wiederaufbau« und der Stabilität von Leitwährungen
galt, hat das Konzept der »Strukturanpassungsprogramme« zu großen Teilen dazu
beigetragen, nationale Wirtschaftssysteme zu destabilisieren, die Umwelt zu zerstören und
Gesellschaftsgefüge zu zerstören. In diesem Zusammenhang sind die Bretton-Woods-
Institutionen auch dafür verantwortlich, die Ursachen von Wirtschaftskrisen verdreht und
soziale und wirtschaftliche Indikatoren verfälscht zu haben.„ (...)

„Für immer mehr Menschen auf der ganzen Welt müssen soziale, kulturelle und ökologische
Aspekte wieder die Oberhand über die wirtschaftlichen Aspekte gewinnen. Für sie sind die
Bretton-Woods-Institutionen - und ihre Partnerorganisation, GATT / WTO - gänzlich veraltet.
Die innere Struktur von Weltbank und IWF, in denen das Gewicht der Mitsprachemöglichkeit
proportional zum Finanzbeitrag jedes Mitgliedslandes verteilt ist, steht sinnbildhaft für die
kapitalistische Ideologie, für die die wirtschaftlichen Faktoren Priorität gegenüber den
menschlichen, sozialen und ökologischen Werten besitzen. Die Konsequenzen ihrer
Interventionen lassen sich leicht an der ökologischen, sozialen und politischen Krisensituation
ablesen, die in vielen Teilen der Welt vorherrscht. Diese Krise ist durch wachsende
Ungleichgewichtung und Armut gekennzeichnet. Nichts anderes kann von so gestalteten
bürokratischen   Systemen     erwartet   werden,    die   keinerlei   demokratischer   Kontrolle
unterliegen.“ (...) „Es ist nun an der Zeit, der Existenz solcherart Institutionen ein für alle
Male ein Ende zu setzen. Das einzige, was jetzt noch diskutiert werden muss, ist der Zeitplan
und die Möglichkeit sozialer Kontrolle bei der Auflösung der Bretton-Woods-Institutionen.“




                                              29
Vom Goldstandard zum Euro


7. Vom Floating zur Währungseinheit


Eine Folge der zunehmenden Mobilität des internationalen Kapitals war das freie Floaten der
Wechselkurse, ohne das eine destabilisierende Welle internationaler Kapitelbewegungen zu
befürchten war.
Es kam in den sechziger Jahren endlich zu einer Erholung der internationalen Finanzmärkte
und –transaktionen von den Auswirkungen der Depression und des Krieges
Wiederherstellung der Konvertibilität im Rahmen der Leistungsbilanz.
Für große Länder wie z.B. die USA oder Japan waren die Unsicherheiten eines frei floatenden
Wechselkurses zwar nicht angenehm aber tragbar.
Andere Länder wiederum versuchten lieber, einen festen Wechselkurs zu halten oder führten
strenge Kapitalkontrollen.


       Freies Floaten in den Siebzigern und Achtzigern


Mit den Fortschritten in der Telekommunikation und den neuen EDV-Technologien
verstärkten sich die internationalen Kapitalbewegungen und es wurde immer schwieriger,
den Wechselkurs zu fixieren und veranlasste damit mehr und mehr Länder zum Floating.
In Europa versuchte man, die Wechselkursschwankungen durch die Schaffung des
Europäischen Währungssystems (EWS) einzuschränken, (Länder mit starker Währung
unterstützten ihre Partner mit schwacher Währung), was aber mit der Abschaffung der
Devisenbewirtschaftung Ende der achtziger Jahre immer schwieriger wurde.
Um den Wechselkurs zu festigten, einigten sich die EG-Länder 1991 auf den Plan, eine
Europäische Zentralbank zu gründen, die die in Zukunft die Währungspolitik überwachen, die
Wechselkurse nachhaltig stützen und das nationale Geld durch eine einheitliche europäische
Währung ersetzen sollte.
Die Länder wurden durch das wichtigste Forum, die G-5 (ein Interimsausschuss des IWF, das
sich aus den Finanzministern der USA, Japans, Frankreichs, Dt., GB und geladenen Gästen
zusammensetzte) verpflichtet, für geordnete Wirtschaftsbedingungen zu sorgen und
ermächtigte die Fonds, die Politik seiner Mitglieder zu überwachen.
Eine Konzession (Formel eines „stabilen Systems“ von Wechselkursen legalisierte das Floaten
und schaffte die Sonderrolle des Goldes ab.




                                              30
Vom Goldstandard zum Euro

Die nominalen Kurse begannen zu schwanken, der Dollar und das Pfund Sterling waren mal
unter- und mal überbewertet aber pendelten sich in den siebziger Jahren jedoch immer
wieder ein durch zumeist Interventionen.
Von 1975 an wurde der Dollar infolge der inflationären Auswirkungen immer schwächer.
Durch innenpolitische Anpassungen und Devisenbewirtschaftung in Europa, Japan und den
USA konnte verhindert werden, dass die wichtigen Währungen noch weiter auseinander
liefen.
Die USA gingen in den achtziger Jahren zu einer Politik wohlwollender Nichtbeachtung des
Wechselkurses über und zeigten wenig Bereitschaft, ihre Politik so anzupassen, um den
Währungsverfall zu stoppen, so dass der Dollar im Gegensatz zu anderen Währungen
weiterhin unterbewertet war.


          Die Schlange


Die europäischen Staaten suchten weiterhin nach einem Weg, die Währungen stabil zu
halten und Wechselkursschwankungen zu vermeiden. Dennoch waren es schwierige Zeiten:
Die Erdölpreise vervierfachten sich, Bretton Woods brach zusammen und Europa erlebte die
stärkste Konjunkturschwankung der Nachkriegszeit.
1969 bekräftigt Europarat seine Absicht, eine Wirtschafts- und Währungsunion (WWU)
weiterzuentwickeln. Eine Expertenrunde wurde gegründet. Daraus entwickelte sich der
Werner- Plan als Antwort auf den Zusammenbruch des Bretton-Woods-System, der vorsah,
bis 1980 eine Währungsunion erreicht zu haben. Der Plan sah die Verschärfung der
Wechselkursverpflichtungen vor. Im Dezember 1971 entstand eine Abmachung unter den
Mitgliedsländern des EWG, „die Schlange“, die beinhaltete, die Schwankungen der bilateralen
Kurse auf 4,5 Prozent zu begrenzen. Der Europäische Fond für währungspolitische
Zusammenarbeit, dessen Verwaltungsrat sich aus den Präsidenten der nationalen
Zentralbanken bestand, wurde gegründet. Somit nahm der Fond die Rolle des IWF ein. Die
Schlange stieß auf erhebliche Schwierigkeiten mit dem Ergebnis, dass die Erwartungen
enttäuscht wurden, eine Währungsunion ließe sich mit festgeschriebenen Wechselkursen
erreichen. Die Gründe für den Mißerfolg lagen zum einen in äußeren Faktoren wie dem
Druck des Devisenmarkts durch Ölpreiskrise und zum anderen in inneren Problemen wie den
Uneinigkeiten der Mitgliedsländer in Fragen der Geld- und Kreditpolitik. Es waren keine
politischen und institutionellen Voraussetzungen geschaffen, um Geld- und Fiskalpolitik
harmonisieren zu können, und es gab keine Äquivalent zum Internationalen Währungsfond



                                            31
Vom Goldstandard zum Euro

auf nationaler Ebene, das die Harmonisierungen hätte koordinieren können. Nicht zuletzt lag
es an einem Verantwortungsdefizit unter den Ländern: Die DM wurde zur Leitwährung
Europas, zum Bollwerk gegen Inflation und somit war ausschließlich die Bundesbank
tonangebend.


       Das Europäische Währungssystem


Aus diesen Fehlern versuchte man zu lernen. Der Europäische Fond für währungspolitische
Zusammenarbeit wurde durch einen Europäischen Währungsfond ersetzt, der die
gemeinsamen Devisenreserven der Teilnehmerländer verwaltete, auf den Devisenmärkten
intervenierte und ECU-Reserven schuf. Das System sollte Länder mit starker Währung dazu
bringen, Ländern mit schwacher Währung durch kurzfristige Finanzierungsqualität, unter die
Arme zu greifen. Den Defizitländern wurde eine Abwertung und Neufestsetzung erlaubt. Die
Kurse der Länder des Wechselkursverbund sollten in einer Bandbreite von + 2,25 Prozent
schwanken dürfen. Weiterhin waren Kapitalkontrollen erlaubt, um begrenzte politische
Autonomie der Regierungen zu wahren und Spielraum für Neufestsetzungen zu geben. In
den ersten vier Jahren wurden die Leitkurse des Europäischen Währungssystem alle acht
Monate einmal angepasst. Die zweiten vier Jahre waren weniger turbulent: Die Häufigkeit
der Neufestsetzungen ging auf einmal jährlich zurück.




   Der Weg zur Währungseinheit


Wie kommt es nun erneut zu einem erneuten Versuch der Integration?
Explodierende Arbeitslosigkeit, der Missmut der Regierungen, den Wechselkurs zu stützen,
und dies kombiniert mit der Angst vor amerikanischer und japanischer Konkurrenz, lassen
zügiger in Richtung der europäischen Integration denken. Wettbewerbsfähig bleiben – dieses
Ziel hat weitreichende Folgen für die Entwicklung des Europäischen Währungssystems.
Der Delors-Plan und der Vertrag von Maastricht sind die Meilensteine auf dem Weg. Eine
Währungsunion, die von einer einzigen Zentralbank geleitet wird mit je einer Stimme für die
Mitgliedsstaaten versehen ist, scheint die Lösung. Neben den Größen- und Verbundvorteilen
eines integrierten europäischen Marktes, geht es auch – gerade Deutschland, um politische
Integration (Genscher).



                                            32
Vom Goldstandard zum Euro

1988/89 konzipiert der Delors-Ausschuss die Schaffung einer Währungsunion im Zeitraum
von einem Jahrzehnt; ohne festen Endtermin. Zudem sollen Kapitalkontrollen bereits am
Anfang abgeschafft werden. Entscheidend ist, dass der Delors-Ausschuss die vollständige
Zentralisierung der Währungsbehörde empfiehlt: die Europäische Zentralbank, die die
gemeinsame Geld- und Kreditpolitik betreiben und die einheitliche europäische Währung
ausgeben soll.50
Die nationalen Zentralbanken sind dann die stellen. Im Juni 1989 nimmt der Europarat den
Delors-Plan an.
Ihm folgt der Vertrag von Maastricht werden die Übergänge beschrieben: von der
Abschaffung der Kapitalkontrollen bis zur Festsetzung der Wechselkurse.51
Da Deutschland sich gegen Länder ausspricht, die nicht über eine Währungsstabilität
verfügen, werden vier Konvergenzkriterien verabschiedet.
Noch bei Vertragsabschluss im Dezember 1991 ist Zuversicht im Spiel. Doch der
Zusammenbruch des Handels mit der Sowjetunion trifft die europäischen Volkswirtschaften
empfindlich und führt zu einer Krise. EU-Mittel werden ebenfalls für die Stabilisierung der
Wirtschaften Osteuropas benötigt. Auch die deutsche Vereinigung hinterlässt Spuren, wie
innerhalb der Haushaltsdefizite etc. Zudem gerät der Kontinent in eine der schwersten
Rezessionen          der   Nachkriegszeit.   Länderspezifische   Turbulenzen,   wie   die   dänische
Volksabstimmung und die damit verbundene Legitimierung des Maastrichter Vertrages
kommen hinzu, so dass sich Spannungen und Druck verschärfen.
Eichengreen – unser Autor, sieht die Gründe für diese Krise vor allem in den
unzureichenden Harmonisierungen von Maßnahmen. Aber: was soll harmonisiert
werden? Ganz klar: Interessen. Und es scheint fraglich, ob das Interesse, König
zu sein, umgewichtet werden kann. Beginnen wir vielleicht an einer anderen
Stelle. Crise heißt nach dem Wörterbuch von Campe, 1801, soviel wie `eine
Entscheidung, zum Besseren oder Schlechteren, treffen`.




50
     ebd., S.223f.
51
     ebd., S.224


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Vom Goldstandard zum Euro


8. Heißlaufen


Die Uhr tickt. Die Entscheidung, die getroffen wurde - für die Eine zum Glück; für die
Anderen zum Verlust; für Einige verbunden mit Ohrenschmerzen.
Damit unsere Uhr – um es ziemlich kitschig zu sagen, nicht abläuft, und wir vielleicht noch
einen gemeinsamen Erfolg verzeichnen können, nutzen wir doch die verbleibende Zeit, um
ins Gespräch zu kommen. Mit dem Thema „Vom Goldstandard zum Euro“ haben wir uns
einer historischen Problematik angenährt, die uns spätestens heute durch eine Welt, nämlich
                                                                          52
der Welt des Handelsblatts einholt und weitertreibt.
Hans Eichel hat sich entschieden. Er begegnet der anfänglichen Krise des Euro jetzt offensiv:
mit einer Werbetour, momentan Asien, dann Südamerika, später der ganze baltische Raum.
Damit die Verkaufsveranstaltung nicht zu einer plumpen Kaffeefahrt auswächst, soll das
Vertrauen in das Produkt Euro gestärkt werden. Ein Schritt also in eine Richtung. Ob in die
richtige, dass wird die Zeit zeigen. Eichel bemerkt selbst, dass der „mächtigste Verbündete
des Euros die Zeit“ sei.
Ist das Problem nicht immer wieder das gleiche Problem?
Und gibt es darauf nicht immer wieder die gleiche Antwort?
Was ist das für ein System mit Euro? Wäre auch eines ohne Geld möglich? Ist das noch
denkbar? Wo liegen die Schwachstellen des Euro und wo die Starkstellen?
Und was ist mit den Institutionen? Welche Rolle spielen sie?
Aus der Denkbewegung wird eine Analyse. Mündet sie heute in einer Gesellschaftskritik?
Sind wir in einem Tohuwapohu?




52
     Andreas Rinke: Die Euro-Roadshow, in: Handelsblatt, 16.1.2000, S.8


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Vom Goldstandard zum Euro


Literatur


Eichengreen, Barry: Vom Goldstandard zum Euro. Die Geschichte des internationalen
Währungssystems. – Berlin: Wagenbach, 2000


Enzyklopädisches Lexikon des Geld-, Bank- und Börsenwesens, hrsg. von der Red. Der
"Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen" und Jörg E. Cramer, Frankfurt am Main:
Knapp,1999


Kramer, Rolf: Ethik des Geldes. Eine theologische und ökonomische Verhältnisbestimmung.
Sozialwissenschaftliche Schriften, Heft 31, Berlin: Duncker und Humboldt GmbH


Luhmann, Niklas: Macht. - Stuttgart: Enke,1988


Parsons, Talcott: Sozialstruktur und die symbolischen Tauschmedien, in: Kursbuch
Medienkultur/ hrsg. von C. Pias u.a. – Stuttgart: dva, 1999


Weimer, Wolfram: Geschichte des Geldes. – Frankfurt am Main:Suhrkamp, 1992


Zarlenga, Stephen: Der Mythos vom Geld - die Geschichte der Macht. - Zürich: Conzett
Verlag, 1999


http://www.glasnost.de/oeko/19940929ggalt.html
http://www.gabler-online.de/wilex/daten/070.htm




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