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  • pg 1
									                                        „weiter ...
                                 oder ‘ne Pause?“




Freiwilligenagenturen
und der Wandel des
Sozialstaats

9. Jahrestagung der Bundesarbeitsgemein-
schaft der Freiwilligenagenturen e.V. in
Kooperation mit der Stiftung MITARBEIT



29. September – 01. Oktober 2004


im Katholisch-Sozialen Institut,
Bad Honnef am Rhein




bagfa – Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen e.V.
    Inhalt


    Vorwort                                                                                               3

    Auftaktreferat: „Vision einer ´Gemeinwohl-Ökonomie`“                                                  4
            Joachim Sikora, Katholisch-Soziales Institut der Erzdiözese Köln, Bad Honnef

    „Qualität. Auf den Punkt gebracht“                                                                   12
    Qualitätsmanagementsystem (QMS) der bagfa

    D i e     d r e i   F o r e n

    Forum 1 „Pflege und freiwilliges Engagement“
          Moderation: Julia Sipreck, Büro Aktiv – Freiwilligenagentur Frankfurt a.M.

            Pflege und bürgerschaftliches Engagement                                                     15
            Referat von Gabriele Langerhans, Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung

            Projektvorstellung: „beziehungsweise“                                                        19
            Lysan Escher, Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis

            Projektvorstellung: „Von Mensch zu Mensch“                                                   22
            Nicole Lau, Freiwilligenagentur Münster

    Forum 2 „Familienfreundliche Infrastrukturen und bürgerschaftliches Engagement“
          Moderation: Dr. Ralf Vandamme, Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Frankfurt a.M.

            Vorstellung der Initiative „Lokale Bündnisse für Familie“                                    27
            Anja Obermann, Servicebüro Lokale Bündnisse für Familie

    Forum 3 „Wechselwirkungen und Transfermöglichkeiten zwischen Erwerbslosigkeit
          und freiwilligem Engagement“
          Moderation: Lydia Müller, FreiwilligenAgentur Kaiserslautern

            Referat: „Die Rolle bürgerschaftlichen Engagements in der Krise der Arbeitsgesellschaft“     29
            Dr. Ulrike Schumacher, Technische Universität Berlin

            Projektvorstellung: „3. Chance“                                                              36
            Katharina Koch, Freiwilligenagentur Nordharzregion



    Vorstellung der bundesweiten Internetplattform für Freiwilligenagenturen „Bürgernetz“                40
             Dr. Gerd Placke, Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen

    Abschlussreferat: „vrijwilligerswerk heeft veel te bieden“                                           43
           Carl Beentjes, activa, Enschede / NL

    Impressum                                                                                            46



2
Vor wort


Die neunte Jahrestagung der Bundesarbeitsgemein-         jekt „Dritte Chance“ bietet Menschen, die über 55
schaft der Freiwilligenagenturen (bagfa e.V.) hat        und arbeitslos sind, die Möglichkeit gegen ein gerin-
erfolgreich den Versuch unternommen, sich mit            ges Entgelt für 14 Stunden pro Woche freiwillig aktiv
aktuellen Themen der gegenwärtigen Engagement-           zu werden.
Debatte auseinander zu setzen.
Im Forum „Pflege und freiwilliges Engagement“ stan-      Eingerahmt wurden diese Foren durch zwei zentrale
den Projekte aus Halle und Münster im Mittelpunkt,       Referate: Joachim Sikora vom Katholisch Sozialen Insti-
die sich den neuen Anforderungen der Unterstützung       tut vertrat in seinem Auftaktimpuls die These, dass
von Menschen innerhalb und außerhalb von Pflege-         zukunftsfähige Gesellschaften sich mehr an „Struktu-
einrichtungen widmen. Gemeinsam ist beiden Projek-       ren der Gerechtigkeit“ zu orientieren hätten, wollen
ten, dass sie sich auf eine intensive Fortbildung und    sie zukunftsfähig bleiben. Carl Beentjes aus Ensche-
Unterstützung von Freiwilligen und auf stadtteilorien-   de/NL stellte zum Abschluss der Tagung die Arbeit von
tierte Ansprache und Öffentlichkeitsarbeit konzentrie-   „Activa“ vor. Hier werden Menschen durch Integra-
ren. Im Beitrag des Bundesministeriums für Gesund-       tionsangebote unterstützt, die dem Arbeitsmarkt sehr
heit und Soziale Sicherung wurden zukünftige Chan-       fern stehen.
cen und die mögliche Rolle von Freiwilligenagenturen
für die Weiterentwicklung der Pflegeversicherung her-    In dieser Dokumentation ist ebenfalls das zur Jahresta-
vorgehoben.                                              gung vorgestellte und diskutierte Qualitätsmanage-
                                                         mentsystem für Freiwilligenagenturen zu finden sowie
Im zweiten Arbeitszusammenhang debattierten die          eine Präsentation über ein Internet-Projekt, mit dem
Teilnehmerinnen und Teilnehmer über „familien-           Freiwilligenagenturen Bürgerinnen und Bürgern die
freundliche Infrastrukturen und bürgerschaftliches       exakte Recherche nach einem Engagement im lokalen
Engagement“. Vorgestellt wurden hier die vom             Umfeld ermöglichen wollen.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend beförderten „Lokalen Bündnisse für Familien“.     Die Verleihung des Innovationspreises für Freiwillige-
Diese Bündnisse sind vielfach nicht vorstellbar ohne     nagenturen ist besonders zu erwähnen. Im Rahmen
das freiwillige und ehrenamtliche Engagement von         dieser Tagung wurde er erstmalig an solche Agenturen
Familien, Eltern und anderen Akteuren auf der einen      verliehen, die sich im Rahmen zukunftsfähiger und
und allgemein gesellschaftlich Verantwortlichen auf      innovativer Projekte besonders auszeichneten. Die
der anderen Seite. Der gedankliche Austausch wurde       Darstellung der prämierten Projekte aus Chemnitz,
über mögliche Schnittstellen zwischen bürgerschaftli-    Kassel, Kaiserslautern und Münster sowie alle anderen
chem Engagement und diesen Bündnissen geführt.           Preis-Bewerber sind gesondert von der bagfa doku-
Die spezifischen Kompetenzen von Freiwilligenagen-       mentiert worden.
turen standen dabei im Mittelpunkt.
                                                         Abschließend sei allen herzlich gedankt, die zum
Im dritten Forum schließlich ging es um die „Wech-       Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben: den
selwirkungen und Transfermöglichkeiten zwischen          Förderern, Kooperationspartner/innen, Moderator/in-
Erwerbslosigkeit und freiwilligem Engagement“. Das       nen und Referent/innen.
Eingangsreferat behandelte aus der Perspektive der       Unser besonderer Dank gilt Dr. Ralf Vandamme (Insti-
individuell wahrgenommenen Funktionen die Rolle          tut für Sozialarbeit & Sozialpädagogik Frankfurt) für
bürgerschaftlichen Engagements in der Krise der          eine engagierte Moderation.
Arbeitsgesellschaft und betonte dabei, dass – wenn-
gleich bürgerschaftliches Engagement keine Zauber-       Berlin, im Oktober 2004
formel zur Lösung der gegenwärtigen Probleme sei –
so doch deren Beiträge zu einer wandlungsfähigen         Kerstin Brandhorst, Dr. Gerd Placke
Arbeitsgesellschaft nicht zu unterschätzen sind. Ver-
deutlicht wurde dies durch einen Projektbericht aus
der Freiwilligenagentur Halberstadt. Das dortige Pro-

                                                                                                                   3
    Vision einer
    „Gemeinwohl-Ökonomie“
                                                                           1




         AUFTAKTREFERAT VON JOACHIM SIKORA, KATHOLISCH-SOZIALES
                     INSTITUT DER ERZDIÖZESE KÖLN IN BAD HONNEF


    Soziale Marktwirtschaft                                der Wirtschaftswissenschaft und der Politik der
    Über viele Jahrzehnte haben wir in der Bundesre-       Regierung unter Helmut Kohl seit 1982 an Bedeu-
    publik Deutschland mit dem System der „Sozialen        tung.
    Marktwirtschaft“ hervorragende Erfahrungen ge-
    macht. Alfred Müller-Armack über Walter Eucken         Der „Monetarismus“ führte zu einer Wiederbele-
    und Wilhem Röpke bis zu Ludwig Erhard haben            bung des wirtschaftlichen Liberalismus als „Neoli-
    diese Vision seit der Wirtschafts- und Währungsre-     beralismus“, mit dem Ziel, den in den letzten Jahr-
    form 1948 theoretisch begründet und wirtschafts-       zehnten gewachsenen Einfluss des Staates auf Wirt-
    politisch-pragmatisch realisiert. Diese Wirtschafts-   schaft und Gesellschaft zurückzudrängen. Privatka-
    ordnung ist durch die charakteristischen Merkmale      pitalismus pur war wieder angesagt, nicht einmal
    Privateigentum, Leistungswettbewerb, freie Preis-      gebändigt durch eine Wettbewerbsordnung, wie
    bildung und grundsätzlich volle Freizügigkeit von      sie den Ordo-Liberalen in den 50er Jahren noch
    Arbeit, Kapital und Dienstleistungen bestimmt. Mit     vorschwebte, die damit die Konzentration wirt-
    ihr verbindet sich eine Sozialordnung, die durch       schaftlicher Macht unterbinden wollten. Was der
    eine entsprechende Arbeitsmarktordnung und ein         Neoliberalismus propagiert, ist die grenzenlose
    auf den Prinzipien der Leistungsgerechtigkeit und      Freiheit des Kapitals, die angeblich die beste
    des sozialen Ausgleichs beruhenden umfassenden         Gewähr    für       eine   „optimale   Allokation   der
    Systems der sozialen Sicherung geprägt wird. Nach      Ressourcen“ bietet.
    der Bestimmung von Müller-Armack liegt der Sinn
    der Sozialen Marktwirtschaft darin, „das Prinzip der   Eine weitere Entwicklung kam hinzu: die Konzep-
    Freiheit des Marktes mit dem des sozialen Aus-         tion des „Shareholder Value“. In der zweiten Aufla-
    gleichs zu verbinden“.  2
                                                           ge seines gleich lautenden Buches begründet
                                                           Alfred Rappaport die Maximierung der Eigentüm-
    Neoliberale Marktwirtschaft                            errendite wie folgt: „In einer Marktwirtschaft, die
    Mit der ökonomischen Schule der „Chicago-Boys“         die Rechte des Privateigentums hochhält, besteht
    um Milton Friedman entwickelten sich in den 60er
                        3
                                                           die e i n z i g e (Sperrung durch den Verfasser)
    Jahren die Grundlagen des „Monetarismus“. In den       soziale Verantwortung des Wirtschaftens darin,
    70er Jahren gewann die monetaristische Sichtweise      Shareholder Value zu schaffen ...“.4
    in den Wirtschaftswissenschaften vor allem in den      Welch ungeheure Verflachung stellt diese Quintes-
    USA immer mehr Anhänger. Mit Beginn der 80er           senz des „Monetarismus“ bzw. „Neoliberalismus“
    Jahre begann sie unter der Präsidentschaft von         und des „Shareholder-Value-Konzeptes“ gegenü-
    Ronald Reagan dann auch wesentlichen Einfluss auf      ber dem System der Sozialen Marktwirtschaft und
    die amerikanische Wirtschafts- und Gesellschafts-      den Erkenntnissen dar, die – trotz der verschiede-
    politik zu nehmen, in Großbritannien setzte sie sich   nen blinden Flecken der Ökonomie5 – in der
    unter Margaret Thatcher durch. Auch in der             Geschichte der Wirtschaftswissenschaften schon
    Bundesrepublik gewann sie – wenn auch mit eini-        einmal gewonnen wurden, zum Beispiel über
    ger Verzögerung und in abgeschwächter Form – in

4
❚ die Natur als letztendliche Quelle der                     deren Empfänger immer jünger werden, stei-
   Produktivität,                                            gende private Verschuldung) und
❚ die menschliche Arbeitskraft als Quelle der             ❚ die Krisen in der Wirtschaft (steigende Arbeitslo-
   Wertschöpfung,                                            sigkeit, steigende Anzahl der Insolvenzen, stei-
❚ den Vorrang der Arbeit vor dem Kapital,                    gende Wirtschaftsvermachtung und Konzentra-
❚ die Problematik des Zinssystems,                           tion) nehmen weiter zu.
❚ die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus,
❚ die Problematik des privaten Bodeneigentums,            Soziale Gerechtigkeit
❚ die Problematik von Marktvermachtung.                   Der Begriff der „Sozialen Gerechtigkeit“ besagt,
                                                          dass es angesichts real unterschiedlicher Ausgangs-
Durch die Politik des Monetarismus, Neolibera-            voraussetzungen ein Gebot der Gerechtigkeit ist,
lismus und des „Shareholder Values“ geraten die           bestehende Diskriminierungen aufgrund von
Unternehmen unter Druck, ihre Kosten zu senken,           Ungleichheiten abzubauen und allen Mitgliedern
wenn sie überleben wollen. Das Zauberwort in die-         der Gesellschaft gleiche Chancen und gleichwerti-
sem Zusammenhang heißt „Rationalisierung“, d.             ge Lebensbedingungen zu ermöglichen.
h. die Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch
Maschinen. Ein weiterer Trend besonders großer            Im „Gemeinsamen Wort“6 der Kirchen zur wirt-
Unternehmen und Konzerne sind Unternehmens-               schaftlichen und sozialen Lage in Deutschland von
zusammenschlüsse. Die zunehmende „Vermach-                1997 heißt es dazu in den Abschnitten 112 bis 114:
tung“ der Wirtschaft und Gesellschaft ist dabei ein       „In dem Begriff der sozialen Gerechtigkeit drückt
höchst problematischer Aspekt, vor allem aber die         sich aus, dass soziale Ordnungen wandelbar und in
damit verbundenen Entlassungswellen. Die weite-           die gemeinsame moralische Verantwortung der
ren Zauberworte sind: Flexibilisierung, Senkung           Menschen gelegt sind. Zur Verwirklichung von
der Unternehmenssteuern und der Lohnnebenko-              Gerechtigkeit gehört es daher, dass alle Glieder der
sten, Deregulierung und Privatisierung. In diesem         Gesellschaft an der Gestaltung von gerechten
Sinne wurde in den letzten drei Jahrzehnten ratio-        Beziehungen und Verhältnissen teilhaben und in
nalisiert, dereguliert und privatisiert (bis hin zu den   der Lage sind, ihren eigenen Gemeinwohl-Beitrag
problematischen      „Cross-Border-Leasing-Verträ-        zu leisten. ‚Suche nach Gerechtigkeit ist eine Bewe-
gen“).                                                    gung zu denjenigen, die als Arme und Machtlose
                                                          am Rande des sozialen und wirtschaftlichen Lebens
Der „Erfolg“:                                             existieren und ihre Teilhabe und Teilnahme an der
❚ Die Krisen im Staat (steigende Verschuldung der         Gesellschaft nicht aus eigener Kraft verbessern kön-
   öffentlichen Hände, verbunden mit einem ent-           nen. Soziale Gerechtigkeit hat insofern völlig zu
   sprechenden Anwachsen der Zinslasten; Finanz-          Recht den Charakter der Parteinahme für alle, die
   kollaps in vielen Gemeinden und möglicher-             auf Unterstützung und Beistand angewiesen sind ...
   weise der sozialen Sicherungssysteme, ständige         Sie erschöpft sich nicht in der persönlichen Fürsor-
   Absenkung der Transferzahlungen).                      ge für Benachteiligte, sondern zielt auf den Abbau
❚ Die Krisen in der Gesellschaft (schleichende            der strukturellen Ursachen für den Mangel an Teil-
   Umverteilung von unten nach oben; steigender           habe und Teilnahme an gesellschaftlichen und
   Zinsanteil an allen Gütern und Dienstleistungen,       wirtschaftlichen Prozessen’.7
   wachsende Armut, Anstieg der Sozialhilfe –

                                                                                                                 5
    Es müssen also Strukturen geschaffen werden, wel-       soviel Arbeitsplätze wie möglich schaffen, soviel
    che dem Einzelnen die verantwortliche Teilnahme         neue Unternehmen kreieren, was immer der Markt
    am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben        ermöglicht. Aber wenn sie es – trotz aller Verspre-
    erlauben. Dazu gehört neben den politischen             chen und inzwischen erfolgten Zugeständnisse –
    Beteiligungsrechten der Zugang zu Arbeits- und          nicht „packt“ – und daran sind nach über 30-jähri-
    Beschäftigungsmöglichkeiten, die ein menschen-          gen Bemühungen berechtigte Zweifel gestattet –,
    würdiges, mit der Bevölkerungsmehrheit vergleich-       dann muss es auch Alternativen geben, neue Sicht-
    bares Leben und eine effektive Mitarbeit am             und Zugangsweisen.
    Gemeinwohl ermöglichen. Um sich beteiligen zu
    können und die Möglichkeit zu haben, in der             Neben der dominanten neoliberalen Theorie und
    öffentlichen Meinungsbildung gehört und verstan-        Praxis müssen auch andere konzeptionelle Zugän-
    den zu werden, ist außerdem ein Bildungssystem          ge, veränderte Strategien und erfahrbare Praxis-
    notwendig, das neben beruflichen Fähigkeiten            modelle zur Diskussion gestellt und auf ihre Wir-
    politisches Urteilsvermögen und die Fähigkeit zum       kung hin überprüft werden. Es gibt diese Alternati-
    politischen Engagement vermittelt.                      ven. Sie finden sich unter einer breiten themati-
                                                            schen Begrifflichkeit: Sozialökonomie, Gemeinwe-
    Bei der Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit           sen-Ökonomie, Moralökonomie, Humanökono-
    kommt dem biblischen Ethos eine befreiende und          mie, Solidarökonomie, Alternative Ökonomie, sozi-
    eine stimulierende Funktion zu. Das biblische Ethos     ale Ökonomie, Non-Profit-Ökonomie, Not-for-
    erschöpft sich nämlich nicht in der Forderung nach      Pivate-Profit-Ökonomie. Es existieren in Europa
    Gerechtigkeit. Das der menschlichen Person              und weltweit eine Vielzahl unterschiedlicher Initia-
    Zukommende und Gebührende ist mehr als                  tiven und Projekte. Nachfolgend sollen die Ansätze
    Gerechtigkeit, nämlich persönliche Zuwendung,           und Überlegungen für eine „Gemeinwohl-Ökono-
    Liebe und Barmherzigkeit. So ist die Barmherzigkeit     mie“ beschrieben werden.
    eine Erfüllung der Gerechtigkeit, die diese zugleich
    überbietet. Eben deshalb hebt die Barmherzigkeit        Vision einer „Gemeinwohl-
    die Forderung nach Gerechtigkeit nicht auf. Die         Ökonomie“ – konkret
    christliche Barmherzigkeit setzt die Gerechtigkeit      Die „Gemeinwohl-Ökonomie“ baut auf sechs ver-
    vielmehr voraus, und sie muss ihre Authentizität in     änderten Denkansätzen auf:
    der Motivation und in der Entschlossenheit zur          ❚ die Erwerbsarbeits-Ökonomie wird zur Tätig-
    Gerechtigkeit gegen jedermann, im Kampf gegen             keits-Ökonomie erweitert,
    ungerechte Strukturen und im Einsatz für den Auf-       ❚ der Geld-Ökonomie wird die Ökonomie der
    bau einer gerechteren Gesellschaft erweisen“.             komplementären Geldsysteme – des „Regio“ –
                                                              gegenübergestellt,
    Strukturen der Gerechtigkeit -                          ❚ auf das Zins- und Zinseszins-System wird mit der
    neues Wirtschaftskonzept                                  „Parkgebühr“ für gehortetes Geld geantwortet,
    Nachfolgend sollen sechs neue Sichtweisen vorge-        ❚ auf die Forcierung der globalen Player wird mit
    stellt werden. Es geht dabei nicht um ein Entweder-       der Entwicklung lokaler Wirtschaftskreisläufe rea-
    oder, sondern um ein Sowohl-als-auch. Die neoli-          giert,
    beral dominierte Ökonomie soll leisten, was immer       ❚ die monetarisierte Ökonomie wird mit der Zeit-
    sie zu leisten vorgibt, in der Lage zu sein. Sie soll     Ökonomie kontrastiert,


6
❚ der ökologischen Raubbau-Ökonomie steht die           In einer makroökonomischen Simulation der Wir-
  zirkuläre Ökonomie gegenüber.                         kungen eines zusätzlichen Erziehungseinkommens
                                                        wurde dies für das Jahr 1995 und auf der Basis von
Tätigkeits-Gesellschaft                                 (damals) DM 3.800.- getan. Dabei ist man zu dem
In den Abschnitten 151 ff. des „Gemeinsamen             Ergebnis gekommen, dass die Arbeitslosigkeit um
Wortes“8 heißt es zutreffend:                           1,9 Mill. abnahm, denn das Bruttoinlandsprodukt
(151) „Auch in Zukunft wird die Gesellschaft            war um 627 Mrd. DM angestiegen. Die Einnahmen
dadurch geprägt sein, dass die Erwerbsarbeit für        aus Steuern und Sozialabgaben waren um 317
die meisten Menschen den bei weitem wichtigsten         Mrd. DM gestiegen. Die Wirkungen des Projektes
Zugang zu eigener Lebensvorsorge und zur Teilha-        in beschäftigungspolitischer Hinsicht waren so ver-
be am gesellschaftlichen Leben schafft.“ Im fol-        blüffend positiv, das man schnell an die Grenzen
genden Abschnitt (152) wird betont: „Menschliche        der Vollbeschäftigung stieß.10 Eine der „Killerphra-
Arbeit ist nicht notwendigerweise Erwerbsarbeit.        sen“ für dieses Projekt – die auch sonst immer zum
Unter dem Einfluss der Industrialisierung hat sich      Einsatz kommt – lautet: dafür haben wir kein Geld.
das Leitbild von Arbeit allerdings auf Erwerbsarbeit
verengt. Je mehr jedoch die mit dem technischen         Komplementäre Geldsysteme:
Fortschritt einhergehende Steigerung der Arbeits-       der „Regio“
produktivität ein Wirtschaftswachstum bei gleich-       Margrit Kennedy und Bernard A. Lietaer untersu-
zeitiger Verringerung der Arbeitsplätze ermöglicht,     chen in ihrem neuesten Buch „Regionalwährun-
desto fragwürdiger wird die Verengung des               gen“11 die Chancen und Umsetzungsmöglichkeiten
Arbeitsbegriffs auf Erwerbsarbeit.“ Schließlich heißt   von regionalen Komplementärwährungen – ein
es im Abschnitt 176: „Bei der Lösung der Beschäf-       Thema, das in Deutschland bislang kaum bekannt
tigungskrise kommt es schließlich darauf an, die        ist und trotzdem schon an über dreißig Orten
‚Dominanz der Erwerbsarbeit’ zu überwinden und          experimentiert wird.
die verschiedenen Formen von Tätigkeiten gesell-         „Eine Komplementärwährung beruht auf dem
schaftlich anzuerkennen und zu unterstützen.“ Da        Abkommen zwischen einer Gruppe von Menschen
wären beispielsweise zu nennen: die Kulturtätigkei-     und/oder Unternehmen, eine neue Währung als
ten, die Bildungstätigkeiten, die Gemeinwohl- und       Tauschmittel zu akzeptieren. Die Bezeichnung
Bürgertätigkeiten, die Nachbarschafts- und Selbst-      ‚Komplementär-Währung’ stammt daher, dass es
hilfetätigkeiten, die Familientätigkeiten.
                                         9
                                                        nicht darum geht, die herkömmlichen Landeswäh-
                                                        rungen zu ersetzen. Komplementär-Währungen
Wenn man sich einmal für einen Moment vorstellt,        sollen vielmehr solche sozialen Funktionen erfüllen,
wir würden jedem privaten Familienhaushalt in           die für das offizielle Währungssystem nicht vorge-
Deutschland mit mindestens einem zu versorgen-          sehen sind“12.
den Kind unter 15 Jahren ein monatliches Durch-         Die Kombination von konventioneller Währungs-
schnittseinkommen von 1.900 Euro brutto zahlen,         wirtschaft und einer „Gemeinwohl-Wirtschaft“ auf
wenn dieser Haushalt in seinem Bereich einen            der Grundlage von Komplementär-Währungen
Arbeitsplatz für eine Person im erwerbsfähigen          könnten gemeinsam und gleichzeitig jene Wirt-
Alter einrichtet. 7,9 Mill. Haushalte könnten von       schaftsform bilden, die Lietaer als „integrierte Wirt-
diesem Angebot Gebrauch machen.                         schaft“ bezeichnet. Die „integrierte Wirtschaft“
                                                        umfasst die traditionellen Wirtschaftsformen und


                                                                                                                 7
    zugleich die vielfältigen Formen der „Gemeinwohl-     produziert und auf den lokalen Markt gebracht
    Ökonomie“. Schon heute existieren weltweit etwa       wird. Douthwaite und Diefenbacher formulieren
    1.900 Komplementär-Währungssysteme, die in            dies so radikal, weil nach ihrer Ansicht Marktpreise
    den verschiedenen lokalen Ökonomien diverser          derzeit nicht als Ausdruck für den Wert eines Gutes
    Länder zum praktischen Einsatz kommen; in             oder einer Dienstleistung unter Einschluss der öko-
    Deutschland entstehen zurzeit verschiedene Regio-     logischen und sozialen Aspekte angesehen werden
    nal-Geld-Konzepte, wie beispielsweise der „Chiem-     können.
    gauer“, der „Allgäuer“, der „Roland“ in Bremen,
    der „Haveltaler“ in Brandenburg ... und seit über     3. Prinzip: Ohne importierte Inputs – soweit wie mög-
    100 Jahren existiert das „Bethel-Geld“. Ihnen allen   lich – produzieren
    geht es um die Stärkung der regionalen Wirt-          Wer an der Entwicklung einer Gemeinwohl-Ökono-
    schaftskreisläufe, die Schaffung von Arbeitsplätzen   mie interessiert ist, der sollte die folgenden vier
    in der Region, die Verhinderung von Geldspekula-      grundlegenden Schritte beachten:
    tionen, die Erhöhung der Umsätze, demokratische       ✦ Aufbau einer unabhängigen lokalen Währung
    Gestaltung der Spielregeln und die Kooperation          oder Verrechnungseinheit, so dass in einer
    mit Unternehmen, Vereinen, Banken.                      Gemeinde oder Region der Austausch von
    Der Aufbau der regionalen Komplementärwährung           Gütern und Dienstleistungen unabhängig von
    erfolgt in drei Schritten: ein kostengünstiges und      der Landeswährung oder von Devisen der Welt-
    technisch einfaches Gutscheinsystem (1.Schritt).        finanzmärkte funktionieren kann.
    Im zweiten Schritt erfolgt der Ausbau durch ein       ✦ Aufbau eines lokal unabhängigen Banken- und
    elektronisches Zahlungssystem. Im dritten Schritt       Kreditwesens, so dass Ersparnisse der Region
    geht es um die Emanzipation des neuen Geldwe-           auch Projekten der Region zugute kommen -
    sens vom tradierten Geldsystem.                         und zwar zu Kreditbedingungen, die diese Pro-
                                                            jekte durchführbar machen.
    Lokale Wirtschaftskreisläufe                          ✦ Produktion von Energieleistungen aus lokal
    Richard Douthwaite und Hans Diefenbacher nen-
                                                13
                                                            erneuerbaren Energieträgern, z. B. Sonnenener-
    nen drei Prinzipien, die beachtet werden müssen,        gie, die die Anforderungen der Region so weit
    wenn eine allmähliche Koexistenz beider Systeme         wie möglich befriedigen.
    erreicht werden soll:                                 ✦ Produktion von naturbelassenen Nahrungsmit-
                                                            teln und von Kleidung – möglichst ohne Inputs
    Prinzip: Lokale Ressourcen nutzen                       aus dem Weltmarkt –, mit dem die Bedürfnisse
    Es soll damit begonnen werden, lokal verfügbare         der Region so weit wie möglich befriedigt wer-
    Ressourcen zu nutzen, um so weit wie möglich die        den können.
    Bedürfnisse der Menschen am jeweiligen Ort zu
    befriedigen, anstatt für weit entfernte Märkte zu     Zeit-Ökonomie
    produzieren.                                          Wir sind es gewohnt, Geld als Gegenwert für eine
                                                          Ware oder Leistung zu zahlen bzw. zu erhalten.
    Prinzip: Preise regional bestimmen                    Wobei das, was Geld nun genau ist, in der wirt-
    Die in der Shareholder-Ökonomie gültigen Markt-       schaftwissenschaftlichen Literatur keinesfalls klar
    preise und Gewinnspannen sollten nicht ausschlag-     ist. Versucht man es von seinen Aufgaben und
    gebend dafür sein, was in den einzelnen Regionen      Funktionen her zu definieren, so kann man es
                                                          bezeichnen als:
8
❚ Tauschmittel,                                       nimmt die gleichen Funktionen wahr wie Geld:
❚ Recheneinheit, Maßstab und Vergleichsinstru-        ❚ Zeit dient als Tauschmittel,
   ment,                                              ❚ Zeit dient als Recheneinheit und
❚ Wertaufbewahrungs- und Wertübertragungs-            ❚ Zeit dient als Wertaufbewahrungs- und Wert-
   mittel.                                               übertragungsmittel.


„Geht man von der Rechtslage bzw. Dokumenta-          Das Zeit-System hätte jedoch eine Reihe sehr
tionsseite aus, dann ist Geld                         wesentlicher Vorteile:
❚ eine öffentliche Einrichtung zum Nutzen der         ❚ Es wäre gerechter, denn jedem Menschen steht
   Bürger,                                               pro Tag die gleiche Zeitmenge zur Verfügung,
❚ eine anonyme Leistungsbestätigung unter             ❚ jeder Mensch verfügt über Zeit – insbesondere
   Annahmepflicht,                                       Arbeitslose -, nicht aber über ausreichend Geld,
❚ ein weitergebbares Anspruchsdokument an das         ❚ Zeit ist wertstabil, sie verliert nicht und gewinnt
   Sozialprodukt,                                        nicht hinzu,
❚ einziges gesetzliches Zahlungsmittel. ...“14
                                                      ❚ Zeit wird nicht verzinst und
Lietaer beschäftigt sich in dem ersten Teil seines    ❚ viele Tätigkeiten ließen sich mit Zeit finanzieren,
Buches (siehe oben) mit der Grundsatzfrage „Was          gerade wenn für sie kein Geld mobilisiert wer-
ist Geld?“ Und bietet zunächst eine Arbeitsdefini-       den kann.
tion an, die wie folgt lautet: „Geld ist eine Über-
einkunft innerhalb einer Gemeinschaft, etwas als      Der Slogan „Zeit ist Geld“ sollte auch in der Realität
Tauschmittel zu verwenden“(S.119). Darunter           seine Entsprechung finden, indem zwei gleichwer-
befindet sich zur Illustration ein Bild von Bewoh-    tige Systeme nebeneinander aufgebaut werden.
nern der Insel Yap mit etwa ein Meter hohen           Und in der Tat entwickeln sich seit Jahren solche
„Geldsteinen“, wobei die hier präsentierten „Mün-     alternativen Zeit-Systeme in Form von Tauschrin-
zen“ eher als „Kleingeld“ eingestuft werden kön-      gen, Talentbörsen und Senioren-Genossenschaf-
nen, denn einzelne Steine können einen Durch-         ten. Gegenwärtig existieren über 300 Tauschringe
messer von vier Metern erreichen.                     in Deutschland, die Zahl der Senioren-Genossen-
Unser gegenwärtiges Geld weist vier Schlüssel-        schaften dürfte an die 200 reichen. In diesen Pro-
merkmale auf:                                         jekten wird Zeit als Geld verrechnet. Es entsteht
❚ Es ist mit einem Nationalstaat verbunden.           Einkommen und damit Kaufkraft, und zugleich
❚ Es ist „FIAT“- oder „ungedecktes“ Geld, das         werden Tätigkeiten zusätzlich finanziert, die sonst
   heißt                                              ungenutzt blieben.
❚ es wird aus dem Nichts geschaffen durch Bank-
   darlehen,                                          Zirkuläre Ökonomie
❚ gegen die Zahlung von Zinsen.                       Es geht um die Korrektur der Ziele und Mittel
                                                      gesellschaftlicher Entwicklung: Soll die moderne
Warum nun sollten wir nicht neben der Geldwäh-        Zivilisation Zukunft haben, muss sie der Sicherung
rung und dem Geldsystem auch eine Zeitwährung         der natürlichen Lebensgrundlagen einen ebenso
und ein komplementäres Zeitsystem einführen. Es       wichtigen Rang einräumen, wie dem Streben nach
werden entsprechende Zeitkonten geführt und           wirtschaftlichem Wohlstand und nach sozialer
Güter bzw. Dienstleistungen entweder mit dem          Gerechtigkeit.
Geld- oder mit dem Zeitguthaben beglichen. Zeit
                                                                                                               9
     Eine wirtschaftliche Operationalisierung der Forde-     Zusammenfassung der Vision einer
     rung nach Erhalt des Naturkapitals stellt das Kon-      Gemeinwohl-Ökonomie
     zept der „zirkularen Ökonomie“ dar. Es umfasst fol-     In der Pastoralkonstitution des 2. Vatikanischen
     gende Regeln:                                           Konzils über die Kirche in der Welt von heute „Gau-
     1. Der Natur dürfen nur so viele nachwachsende          dium et spes“ (1965)18 heißt es im Abschnitt 74:
        Rohstoffe entnommen werden, wie sie regene-          „Die politische Gemeinschaft besteht also um die-
        rieren kann.                                         ses G e m e i n w o h l s willen; in ihm hat sie ihre
     2. Es dürfen nur so viele Schadstoffe ausgestoßen       letztgültige Rechtfertigung und ihren Sinn, aus ihr
        werden, wie die ökologischen Systeme assimilie-      leitet sie ihr ursprüngliches Eigenrecht ab. Das G e-
        ren können.                                          m e i n w o h l aber begreift in sich die Summe aller
     3. Der    Verbrauch        nicht   nachwachsender       jener Bedingungen gesellschaftlichen Lebens, die
        Ressourcen ist durch die Schaffung entspre-          den einzelnen, den Familien und gesellschaftlichen
        chender Substitute zu kompensieren, die nach-        Gruppen ihre eigene Vervollkommnung voller und
        folgenden Generationen gleiche Wohlstands-           ungehinderter zu erreichen gestatten“.
        chancen ermöglichen.
     4. Das Zeitmaß der menschlichen Eingriffe muss in       Unter einer Gemeinwohl-Ökonomie19 wird ein
        einem ausgewogenen Verhältnis zum Zeitmaß            System verstanden,
        der natürlichen Prozesse stehen. 15
                                                             ❚ in welchem neben der Erwerbsarbeit eine Viel-
     Eine weitere wichtige Ergänzung hinsichtlich der            zahl neuer, für das Gemeinwohl wichtiger Tätig-
     grundsätzlichen Risikoproblematik von Stoff- und            keiten anerkannt und finanziert werden,
     Energieströmen formuliert die vom BUND und              ❚ in deren Einkommen sowohl in herkömmlicher
     Misereor in Auftrag gegebene Studie „Zukunftsfä-            Geld- sowie in komplementärer Regio- und/
     higes Deutschland“ : Die Umsätze von Energie
                          16
                                                                 oder Zeit-Währung durch ein eigenes Finanzie-
     und Stoffen müssen auf ein risikoarmes Niveau               rungs- und Banksystem gesichert wird,
     abgesenkt werden.                                       ❚ aus dem auch Steuern und Abgaben in das sozi-
     Friedrich Schmidt-Bleek hat ein ökologisches Maß
                               17
                                                                 ale Sicherungssystem geleistet werden,
     entwickelt, dessen Basis der Stoffverbrauch ist. Die-   ❚ in welchem eine „Parkgebühr“ auf gehortetes
     ses Maß – Materialintensität pro Serviceeinheit             Geld erhoben wird,
     (MIPS) – ermöglicht es, die Umweltbelastungsin-         ❚ in dem die Region als Wirtschaftsraum einen
     tensität von Prozessen, Produkten und Dienstlei-            neuen Stellenwert erhält
     stungen zu ermitteln und miteinander zu verglei-        ❚ sowie eine solidarische Wirtschaftsordnung be-
     chen.                                                       steht, die mit dem System einer zirkulären Öko-
     Insgesamt lassen sich die Regeln der zirkularen             nomie verbunden ist.
     Ökonomie zusammenfassen als Forderung nach
     einer den ökologischen Stoffkreisläufen und Zeit-
     rhythmen angemessenen Vernetzung des ökono-
     mischen und des ökologischen „Haushalts“.               Fußnoten
                                                             1   Sikora, Joachim, Hoffmann, Günter, Vision einer
                                                                 Gemeinwohl-Ökonomie auf der Grundlage einer kom-
                                                                 plementären Zeit-Währung, Katholisch-Soziales Institut
                                                                 der Erzdiözese Köln, Bad Honnef 2001
                                                             2   Quaas, Friedrun, Soziale Marktwirtschaft, Einführung, in:
                                                                 Lexikon Soziale Marktwirtschaft, Rolf H. Hasse u.a. (Hg.),
10
    Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn, 2002, S. 361            19 Sikora, Joachim, Vision einer Gemeinwohl-Ökonomie –
3   Friedman, Milton, Kapitalismus und Freiheit, Eichborn-            Auf der Grundlage einer Komplementär-Währung“,
    Verlag, Frankfurt a.M., 2002                                      Katholisch-Soziales Institut der Erzdiözese Köln, Bad
4   Rappaport, Alfred, Shareholder Value – Ein Handbuch               Honnef, 2001
    für Manager und Investoren, 2. Auflage, Schäffer-Poe-
    schel Verlag, Stutttgart, 1999. S. 6
5   Senf, Bernd, Die blinden Flecken der Ökonomie – Wirt-
    schaftstheorien in der Krise, 2. Auflage, Deutscher
    Taschenbuch Verlag, München 2002
6   Gemeinsame Texte Nr. 9, Für eine Zukunft in Solidarität
    und Gerechtigkeit – Wort des Rates der Evangelischen
    Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskon-
    ferenz, Herausgegeben vom Kirchenamt der Evangeli-
    schen Kirche in Deutschland und Sekretariat der Deut-
    schen Bischofskonferenz, Bonn und Hannover, 1997,
    S.46 f.
7   Gemeinwohl und Eigennutz, Eine Denkschrift der Evan-
    gelischen Kirche in Deutschland, 1991, Ziff. 155
8   Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland
    und Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.),
    a.a.O., Bonn und Hannover, 1997, S.62 ff.
9   Sikora, Joachim, Vision einer Tätigkeitsgesellschaft,
    Katholisch-Soziales Institut der Erzdiözese Köln, 2. Aufla-
    ge, Eigenverlag, 2002
10 Jünemann, Elisabeth und Ludwig, Hans, Vollbeschäfti-
    gung ist möglich, Merziger Druckerei und Verlag, Mer-
    zig, 2002
11 Kennedy, Margrit uns Lietaer, Bernard A., Regionalwäh-
    rungen – Neue Wege zu nachhaltigem Wohlstand, 1.
    Auflage Riemann-Verlag, München 2004
12 Lietaer, Bernard A., Das Geld der Zukunft, 2. Auflage,
    Rieman-Verlag, München S. 55
13 Douthwaite, Richard und Diefenbacher, Hans, Jenseits
    der Globalisierung Handbuch für lokales Wirtschaften,
    Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz, 1998, S. 55 ff.
14 Creutz, Helmut, Das Geld-Syndrom Wege zu einer kri-
    senfreien Marktwirtschaft, Ullstein-Verlag, Berlin, 4. Aufl.
    1997, S. 28
15 Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages,
    Schutz des Menschen und der Umwelt, 1994, S.32
16 Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und
    Bischöfliches   Hilfswerk    Misereor,    Zukunftsfähiges
    Deutschland, Birkhäuser-Verlag, Basel, 1996, S.31
17 Schmidt-Bleek, Friedrich, Wieviel Umwelt braucht der
    Mensch, Birkhäuser-Verlag, Berlin 1994
18 Texte zur katholischen Soziallehre, Hrsg.: Bundesverband
    der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung Deutsch-
    lands, 8. Erweiterte Auflage, Bornheim 1992, S. 366
                                                                                                                              11
     Qualität.
     Auf den Punkt gebracht

                   Das Qualitätsmanagementsystem
                                                                (QMS) der bagfa

     Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligena-       ❚ Freiwilligen-Zentrum Mönchengladbach,
     genturen e.V. näherte sich in den zurückliegenden      ❚ Treffpunkt Hilfsbereitschaft Berlin.
     Jahren dem Thema „Qualitätsentwicklung in Frei-        Die Mitgliederversammlung der bagfa hat am
     willigenagenturen“ durch Veranstaltungen und           1.Oktober 2004 beschlossen, das Qualitätsmanage-
     Workshops, in Diskussionen auf der Bundesebene         mentsystem ab Januar 2005 in interessierten Frei-
     oder in Auswertung von Erfahrungen einzelner           willigenagenturen zu erproben. Das von der o. g.
     Mitgliedsorganisationen. In den zurückliegenden        Arbeitsgruppe erstellte Qualitätshandbuch für Frei-
     zwei Jahren hat sich die bagfa zielgenau und syste-    willigenagenturen ist die Grundlage dafür.
     matisch mit dem Thema Qualität auseinanderge-
     setzt. Mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung     Wa s s i n d d i e Z i e l e d e r b a g f a ?
     und des Bundesministeriums für Familie, Senioren,      Das Qualitätsmanagementsystem der bagfa will
     Frauen und Jugend führte die bagfa von März            nicht nur der Selbstvergewisserung von Freiwillige-
     2003 bis September 2004 ein Modellprojekt zur          nagenturen dienen, sondern verfolgt mehrere
     Qualitätsentwicklung für Freiwilligenagenturen         Ziele. Es will:
     durch.                                                 ❚ die Ziele der jeweiligen Freiwilligenagentur deut-
     Den Unterstützern dieses Vorhabens wie natürlich         lich machen.
     auch den Akteuren, den Mitarbeiter/innen der           ❚ die Arbeit innerhalb der Freiwilligenagentur ver-
     beteiligten     Freiwilligenagenturen,       unserer     lässlich organisieren.
     Geschäftsstelle und dem Beratungsunternehmen           ❚ die bereits vorhandenen Bemühungen um Qua-
     pragma GmbH sei an dieser Stelle ausdrücklich            lität unterstützen.
     gedankt.                                               ❚ durch die Vergabe eines Qualitätssiegels Transpa-
                                                              renz und Vergleichbarkeit schaffen.
     Mitglieder der bagfa konnten sich im vergangenen       ❚ die Vergabe von Preis- oder Fördergeldern mit
     Jahr für eine Teilnahme an diesem Projekt bewer-         Qualitätsanforderungen verbinden und
     ben. Zu den 12 teilnehmenden Freiwilligenagentu-       ❚ zugleich anspruchsvoll und alltagspraktisch sein.
     ren gehörten:
     ❚ BüroAktiv - Freiwilligenagentur Frankfurt a.M.,
     ❚ Centrum für bürgerschaftliches Engagement e.V.       Wo r i n l i e g t d e r R e i z z u r
       Mülheim,                                             Te i l n a h m e ?
     ❚ Freiwilligenagentur Cottbus,                         Wir sind sicher, dass der Prozess der Qualitätsent-
     ❚ FreiwilligenAgentur Jena-Saale-Holzland,             wicklung mittelfristig zu einer Entlastung unserer
     ❚ Freiwilligen-Agentur Leipzig e.V.,                   Einrichtungen führen wird. Die Wirkung des Quali-
     ❚ Freiwilligenagentur Münster,                         tätsmanagementsystems wird sich folgendermaßen
     ❚ FreiwilligenBörse Heidelberg,                        zeigen:
     ❚ Freiwilligen-Zentrum Hamburg,
     ❚ Freiwilligenzentrum Hannover e.V.,                   ❚ Interne Arbeitsabläufe werden transparenter.
     ❚ Freiwilligen-Zentrum BONUS e.V. Hildesheim,          ❚ Neue Mitarbeiter/innen arbeiten sich leichter ein.
12
❚ Schwachstellen werden aufgezeigt und Verbes-           Auditoren, die gleichzeitig in der Freiwilligenar-
  serungsmaßnahmen angeregt.                             beit beruflich oder freiwillig tätig sind)
❚ Professionalität, Effektivität und Wirksamkeit der
  gesamten Leistungen stehen im Mittelpunkt.           Über die Durchführung externer Audits wird im
❚ Das Bewertungssystem, welches umfassend die          Jahr 2008 entschieden.
  Aufgaben und Arbeitsabläufe einer Freiwilligena-
  gentur in acht Kernprozessen beschreibt, ist         Zu einer vollständigen Bewertung – Selbstbewer-
  transparent für die Qualität.                        tung und Audit – gehören:
❚ Merkmale mitsamt Nachweismöglichkeiten zei-          ❚ die Einbeziehung aller freiwilligen und beruf-
  gen, wie sich der Qualitätsanspruch in der Praxis      lichen Mitarbeiter/innen.
  einer Freiwilligenagentur konkretisieren lässt.      ❚ die Dokumentation und Nachvollziehbarkeit der
❚ Der      Mehrwert   ist   dann   greifbar,   wenn      vorgenommenen Bewertungen.
  Bürger/innen,       Gemeinwohlorganisationen,        ❚ die Verständigung über konkrete Verbesserungs-
  Kommunen und Profitunternehmen merken,                 maßnahmen für das folgende Jahr und deren
  dass die Sicherstellung und Verbesserung der           Überprüfung.
  Qualität ein ernsthaftes Anliegen ist.
❚ Ziele werden nicht zufällig oder aufgrund von        Wa s b e i n h a l t e t d a s H a n d b u c h ?
  Mutmaßungen aufgestellt, sondern fundiert            Wesentliche Inhalte des Handbuches sind:
  ermittelt.                                           ❚ die Arbeitsbereiche von Freiwilligenagenturen,
❚ Für die teilnehmenden Agenturen werden Fort-           gegliedert in Kernprozesse, Merkmale und ent-
  bildungsangebote (jährliche Workshops) ermög-          sprechende Standards für die Qualitätsbewer-
  licht.                                                 tung,
❚ Instrumentenpaket / Dokumentationsmateria-           ❚ Hilfsmittel und Dokumentationsformen für die
  lien und die aktualisierte Ausgabe des Handbu-         Arbeit mit dem Handbuch,
  ches werden zur Verfügung gestellt.                  ❚ Vorstellungen der bagfa zur Einführung des
❚ Beteiligte Agenturen erhalten Zugang zu den            Qualitätsmanagementsystem,
  zentralen Auswertungen sowie Hinweise auf Ver-       ❚ Aussagen zur Vergabe des Qualitätssiegels.
  besserungsmöglichkeiten bzw. Schwachstellen.
❚ Die Beteiligung am QMS der bagfa wird nach           Wa s s i n d K e r n p r o z e s s e v o n F r e i -
  außen dargestellt durch ein Qualitätssiegel (bei     willigenagenturen?
  Erreichen einer Mindestpunktzahl). Dies wird         Die wesentlichen Aufgaben- und Arbeitsbereiche
  zunehmend für Zuschussgeber relevant.                einer Freiwilligenagentur haben wir in Kernprozes-
❚ Die Gesamtauswertungen sollen öffentlichkeits-       sen beschrieben. Das Herzstück dieses QMS sind
  wirksam seitens der bagfa eingesetzt werden.         acht Prozesse, für die wir Merkmale und Standards
                                                       erarbeitet haben. Dabei unterscheiden wir „Pflicht-
Wie wird die Qualität festgestellt?                    aufgaben einer Freiwilligenagentur“ und „weitere
Die Feststellung der Qualität der Arbeit von Frei-     Prozesse“. Bei den Pflichtaufgaben gehen wir
willigenagenturen erfolgt zunächst auf zwei ver-       davon aus, dass diese für die Arbeit einer Freiwilli-
schiedene Weisen:                                      genagentur unerlässlich sind. Die „weiteren Pro-
                                                       zesse“ sind ebenfalls sinnvoll und wichtig, werden
❚ Selbstbewertung oder                                 vermutlich aber nicht in allen Freiwilligenagentu-
❚ Interne Audits (durch von der bagfa geschulte        ren zu finden sein. An dieser Stelle ein Überblick
                                                                                                               13
          Pflichtaufgaben einer Freiwilligenagentur

          Kernprozess 1 (1KP)                   Information und Beratung von Freiwilligen

          Kernprozess 2 (2KP)                   Information und Beratung von Organisationen

          Kernprozess 3 (3KP)                   Personal- und Kompetenzentwicklung freiwilliger und beruflicher
                                                Mitarbeiter/innen der Freiwilligenagentur

          Kernprozess 4 (4KP)                   Arbeitsstrukturen der Freiwilligenagentur

          Kernprozess 5 (5KP)                   Öffentlichkeitsarbeit

          We i t e r e P r o z e s s e

          Prozess 10 (10P)                      Zusammenarbeit mit Unternehmen

          Prozess 11 (11P)                      Qualifizierung für freiwillige und berufliche Mitarbeiter/innen
                                                gemeinnütziger Organisationen

          Prozess 12 (12P)                      Entwicklung neuer Leistungen und Produkte




     über alle Kernprozesse:                                            Ist die Beteiligung kostenpflichtig?
     Alle acht Prozesse haben wir nach dem gleichen                     Die Beteiligung am QMS der bagfa ist kosten-
     Muster bearbeitet und dargestellt. Jedem Prozess                   pflichtig. Nähere Informationen dazu erhalten sie
     sind Leitsätze vorangestellt, die unsere Idee, Aus-                in der Geschäftsstelle der bagfa.
     richtung und Philosophie beschreiben.                              Die Teilnehmenden erhalten als Leistungen u.a. das
                                                                        Handbuch und dessen Aktualisierungen, die Mög-
     Wa n n e r h a l t e n F r e i w i l l i g e n -                   lichkeit des Erfahrungsaustausches in Workshops,
     agenturen das Qualitätssiegel?                                     den Zugang zu den zentralen Auswertungen und
     Die Beteiligung am QMS der bagfa wird nach                         bei Erreichen einer Mindestpunktzahl auch das
     außen durch ein Qualitätssiegel dargestellt. Die                   Qualitätssiegel sowie Rückmeldungen zu ihrer
     Vergabe dieses Siegels ist an die Erreichung einer                 Arbeit.
     Gesamtpunktzahl von bewerteten Merkmalen
     geknüpft. (Selbstbewertung oder interne Audits)
     Das Siegel wird drei Jahre Gültigkeit haben.


     Die konkreten Ergebnisse der Bewertungen fließen
     in zusammenfassende Auswertungen und entspre-
     chende Darstellungen der bagfa ein: im Sinne der
     Imagebildung und Öffentlichkeitswirksamkeit.


14
                                                                         „Pflege und freiwilliges Engagement“
                                     Moderation: Julia Sipreck, Büro Aktiv – Freiwilligenagentur Frankfurt a.M.




                                                                                                              Forum
   Pflege und freiwilliges
   Engagement




                                                                                                              1
               GABRIELE LANGERHANS, BUNDESMINISTERIUM                                   FÜR

               GESUNDHEIT UND SOZIALE SICHERUNG


Ausgangsfragen                                          These 4
➡ Was ist auf Bundesebene, das heißt konkret im         ➡ Das SGB XI beinhaltet vielgestaltige individuelle
  BMGS, bereits getan worden bzw. ggf. noch zu            und institutionelle Elemente, die günstige Rah-
  tun, damit Freiwilligen-Agenturen in ihrer              menbedingungen für die Entwicklung bürger-
  Rolle/Funktion quasi als „Entwicklungshelfer von        schaftlichen Engagements schaffen.
  bürgerschaftlichem Engagement“ in einer Zivil-          ◆ Annahme:
  gesellschaft die richtigen Rahmenbedingungen             Wer sich freiwillig und unentgeltlich engagiert,
  vorfinden?                                               sucht einen eigenen Gestaltungsspielraum
                                                           er/sie erwartet dafür Anerkennung,
➡ Wie können Freiwilligen-Agenturen aus Sicht des          er/sie erwartet ggf. Versicherungsschutz/Auf-
  BMGS zukünftig noch besser dazu beitragen,               wandsentschädigung,
  das im bürgerschaftlichen Engagement liegende            er/sie erwartet ggf. Beratung und Fortbildung,
  Hilfepotenzial, konkret im Bereich der Versor-           er/sie sucht den Erfahrungsaustausch mit ande-
  gung und Betreuung von pflegebedürftigen                 ren,
  Menschen und ihren Angehörigen zu wecken                 er/sie muss erwarten können, dass Vereine, Ver-
  und zu verwirklichen?                                    bände, Einrichtungsträger sich „öffnen“, dass
                                                           sie konkrete Initiativen und Projekte konzeptio-
These 1                                                    nell gestalten und „Freiwillige“ sachgerecht
➡ Bürgerschaftliches Engagement trägt aus Sicht            einbinden;
  des BMGS zum Zusammenhalt der Gesellschaft
  bei, seine Förderung ist aber ein komplexer Pro-      Individuelle Engagementpolitik des
  zess.                                                 BMGS (Beispiele)


These 2                                                 ➡ Gesetzliche Unfallversicherung
➡ Freiwilligen-Agenturen können – neben oder mit          ◆ § 2 Abs. 1 Nr. 9 SGB VII
  Selbsthilfegruppen, kommunalen Seniorenbü-              ◆ künftiges Recht
  ros, usw. - ein weiteres „Instrument“ sein, bür-
  gerschaftliches Engagement von Freiwilligen           ➡ Pflegepersonen im Sinne von § 19 SGB XI
  zielgerichtet für die pflegerische Versorgung zu        ◆ in Verbindung mit § 2 Abs. 1 Nr. 17 SGB VII
  bündeln.
                                                        ➡ Leistungen zur sozialen Absicherung für Pflege-
These 3                                                   personen nach § 44 SGB XI
➡ Freiwilligen-Agenturen können sich einbringen,          ◆ in Verbindung mit §§ 3, 141, 166, 170 SGB VI
  um bürgerschaftlich Engagierte als kompetente
  Partner in die Versorgung Pflegebeürftiger einzu-     ➡ Pflegepersonen im Sinne des § 19 des Elften
  binden/zu vermitteln.                                   Buches Sozialgesetzbuch (SGB XI) sind Perso-
                                                                                                              15
       nen, die nicht erwerbsmäßig einen
       Pflegebedürftigen im Sinne des § 14
       des SGB XI in seiner häuslichen
       Umgebung pflegen.          Leistungen
       zur sozialen Sicherung nach § 44
       erhält eine Pflegeperson nur dann,
       wenn sie eine pflegebedürftige Per-
       son    wenigstens     14     Stunden
       wöchentlich pflegt;


     ➡ die versicherte Tätigkeit umfasst
       Pflegetätigkeiten im Bereich der Kör-
       perpflege und - soweit diese Tätig-
       keit überwiegend Pflegebedürftigen
       zugute kommt - Pflegetätigkeiten in
       den Bereichen der Ernährung, der
       Mobilität sowie der hauswirtschaft-
       lichen Versorgung (vgl. § 14 Abs. 4
       SGB XI);


     ➡ die Hilfe kann der Unterstützung, in
       der teilweisen oder vollständigen
       Übernahme der Verrichtungen im
       Ablauf des täglichen Lebens oder in
       der Beaufsichtigung oder Anleitung
       mit dem Ziel der eigenständigen
       Übernahme dieser Verrichtungen
       bestehen (vgl. § 14 Abs. 3 SGB XI).




16
We i t e r e n t w i c k l u n g
der Pflegeversicherung
(1) Ausgangslage
◆ Die derzeitige Finanzsituation der
   sozialen Pflegeversicherung ist durch
   eine konjunkturell bedingte Einnah-
   meschwäche gekennzeichnet. Sie
   lässt es zu, zum jetzigen Zeitpunkt
   eine umfassende Pflegereform mit
   Leistungsverbesserungen für Pflege-
   bedürftige auf den Weg zu bringen.
   Dies wäre mit einer seriös finanzier-
   ten Sozialpolitik nicht vereinbar.


◆ Daher soll in diesem Jahr nur das
   Urteil des Bundesverfassungsgerichts
   zur Berücksichtigung der Kinderer-
   ziehung im Beitragsrecht der sozia-
   len Pflegeversicherung umgesetzt
   und die Kindererziehung im Bei-
   tragsrecht berücksichtigt werden.


(2) Handlungsbedarf in der Pflege


◆ Die mit der demographischen Ent-
   wicklung verbundene Alterung der
   Gesellschaft bedeutet für alle Sozial-
   versicherungszweige, insbesondere
   auch für die Pflege, eine erhebliche
   Herausforderung.


➡ Notwendig erscheinen vor allem:
  ◆ weitere Maßnahmen zur Stärkung
    der häuslichen Pflege:
   ◆ die Entwicklung neuer Wohnfor-
    men für Pflegebedürftige, aber
    auch insgesamt für alte Menschen;
   ◆ Maßnahmen zur Personalgewin-
    nung im Pflegebereich (z.B. Image-
    werbung“);



                                            17
     (2) weitere Ansatzpunkte                               (4) Runder Tisch Pflege
                                                            Angesichts des Problemdrucks wollten die zustän-
     ➡ notwendig erscheinen weiterhin:                      digen Bundesministerien den Akteuren in der Pfle-
      ◆ eine bessere Berücksichtigung des besonderen        ge eine geeignete Diskussionsplattform bieten:
        Hilfebedarfs demenziell erkrankter Menschen.        ➡ Gemeinsam haben daher die Bundesministerin-
        (Neben den rein pflegerischen Leistungen wer-         nen Renate Schmidt und Ulla Schmidt einen
        den ergänzende Dienste wie hauswirtschaftli-          „Runden Tisch zur pflegerischen Versorgung“
        che Unterstützung, Alltagsbegleitung eine             bereits am 14.10.2003 einberufen; mit der
        zunehmende Bedeutung gewinnen);                       Geschäftsführung wurde das Deutsche Zentrum
      ◆ eine Vernetzung der Hilfeangebote; (es müssen         für Altersfragen (DZA), Berlin, beauftragt.
        durchlässige Versorgungsketten geschaffen           ➡ Zielsetzung und Aufgabe dieser Plattform ist es,
        werden);                                              konkrete Anstöße für notwendige Schritte zur
      ◆ Aufhebung der Trennung von ambulanter und             Verbesserung der pflegerischen Versorgung zu
        stationärer Betreuung. Ziel ist eine Anglei-          entwickeln und für deren Verbreitung zu sorgen.
        chung der Leistungsbeträge;                         ➡ Die breite Zusammensetzung gewährleistet,
       ◆ in Aus-, Fort- und Weiterbildung müssen die          dass alle Verantwortlichen (Politik, Länder,
        Pflegekräfte auf die besonderen Anforderungen         Kostenträger, Pflegeberufe, Einrichtungsträger
        der zunehmenden Zahl demenziell Erkrankter            und Betroffene) im Plenum und in den Arbeits-
        sowie der Migranten vorbereitet werden;               gruppen repräsentiert sind. Dabei werden auch
       ◆ konzertierte Startegien zur Einbeziehung bür-        Fachexperten und Vertreter der Wissenschaft
        gerschaftlichen Engagements in der Pflege; sie        einbezogen.
        sind keine „Lückenbüßer“, sondern dynami-
        scher Bestandteil einer neuen Pflegekultur.


     (3) vor „Reform“ erst gesamtgesellschaftli-
     che Diskussion


     ➡ Der weitreichende Handlungsbedraf in der Pfle-
       geversicherung erfordert erhebliche Reforman-
       strengungen, vor allem aber auch die Antwort
       auf die Frage, ob und in welchem Umfang die
       Gesellschaft bereit ist, für die Pflege künftig
       mehr Finanzmittel zur Verfügung zu stellen.


     ➡ Dafür ist eine breite gesellschaftliche Diskussion
       erforderlich, um eine Ausgewogenheit herbeizu-
       führen zwischen notwendigen und wünschens-
       werten Leistungsverbesserungen einerseits und
       der damit verbundenen Belastung der Beitrags-
       zahler andererseits.



18
                                                                                                                 F o r u m
   Projektvorstellung:
   „beziehungsweise“




                                                                                                                 1
            LYSAN ESCHER, FREIWILLIGEN-AGENTUR HALLE-SAALKREIS


Das Projekt „beziehungsweise“ besteht seit Anfang        Ansprechpartner für die Ehrenamtlichen (Freiwilli-
2004. Es ist ein Bundesmodellprojekt, das nach §8        gen-Koordinator) da ist sowie ein Budget für Versi-
Abs. 3 SGB XI vom Verband der Angestelltenkran-          cherung und Gratifikationsleistungen zur Verfü-
kenkassen (vdak) finanziert und von der Freiwilli-       gung steht. Nach diesem „Filter“ blieben noch 15
gen-Agentur Halle-Saalkreis e.V. in Kooperation mit      der etwa 40 interessierten Einrichtungen übrig.
der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
durchgeführt wird.                                       3. Mitte Mai wurde eine eintägige Schulung für die
                                                         Freiwilligen-Koordinatoren durchgeführt. Für viele
Ziele:                                                   war das Thema ganz neu. Grundlegende Fragen
■ Der Vereinsamung älterer Menschen entgegen             waren: Warum überhaupt Freiwillige? Welche
   wirken durch Einrichtung eines ehrenamtlichen         Chancen, welche Probleme birgt die Zusammen-
   Besuchsdienstes. Dabei geht es nicht um pflege-       arbeit mit Freiwilligen? Welche Motive haben Frei-
   rische oder hauswirtschaftliche Tätigkeiten, son-     willige? Wie kann es gelingen, dass Haupt- und
   dern um die soziale Begleitung: reden, spazieren      Ehrenamtliche ein funktionierendes Team bilden?
   gehen, spielen, vorlesen etc.                         usw. Alle Themen des Freiwilligen-Managements
■ Die Einsatzmöglichkeiten für Ehrenamtliche im          wurden behandelt. Für die Pflegeeinrichtungen,
   Bereich Besuchsdienste sollen ausgebaut und           die erstmals mit Freiwilligen zusammen arbeiten,
   verbessert werden (durch Schulung der Einrich-        war dieses Angebot nicht ausreichend.
   tungen im Freiwilligen-Management)
■ Aufbau einer Vernetzungsstruktur zwischen Pfle-        Hier gab es typische Schwierigkeiten: Das Team ist
   geeinrichtungen und Freiwilligen-Agentur              nicht vorbereitet auf die Freiwilligen, die Betreuten
■ Wissenschaftliche Evaluation des Projekts, um          auch nicht; Freiwillige werden nicht gut eingear-
   fundierte Daten zu Aufbau, Problemen und Wir-         beitet, es entstehen Irritationen; Verabredungen
   kung des Projekts zu erhalten                         werden nicht eingehalten u.ä.
                                                         Hierauf reagieren wir, indem wir mit den Einrich-
Die Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V. über-      tungen sprechen und Arbeitstreffen mit allen Frei-
nimmt dabei die Funktion einer Koordinierungs-           willigen-Koordinatoren durchführen, die dem
stelle.                                                  Erfahrungsaustausch und der Diskussion solcher
                                                         Schwierigkeiten dienen (zweimal jährlich geplant).
Vo r g e h e n : P f l e g e e i n r i c h t u n g e n
1. Sämtliche Pflegeeinrichtungen in Halle – ambu-        Zu den Freiwilligen:
lante wie stationäre, Pflegeeinrichtungen in             Die Werbung der Freiwilligen erfolgt über folgen-
gemeinnütziger sowie in privater Trägerschaft –          de Wege: Plakate, Flyer, aber v.a. Zeitungsartikel
wurden angesprochen und das Projekt vorgestellt.         haben ein gutes Echo. Wir hatten sehr schnell etwa
                                                         20 Freiwillige für das Projekt gewonnen. Auffällig
2. Die Einrichtungen, die Interesse an der Teilnah-      ist, dass die meisten Freiwilligen persönliche Erfah-
me hatten, bekamen nähere Projektinformationen,          rungen mit dem Thema Pflege haben, z.B. die Pfle-
auch welche Leistungen von ihrer Seite notwendig         ge der eigenen Mutter. Es handelt sich vorwiegend
werden: Voraussetzung ist immer, dass ein                um Frauen, nur etwa 15% sind           Männer. Die
                                                                                                                     19
     Altersspanne der Ehrenamtlichen liegt zwischen 30       Die weitere Begleitung der Freiwil-
     und 60 Jahren mit deutlichem Schwerpunkt in den         ligen
     50ern.                                                  Nach dem Ende des Kurses werden die Freiwilligen
                                                             weiter begleitet. Es finden monatliche Treffen zum
     Die Freiwilligen-Fortbildung                            Austausch untereinander statt. Bei Bedarf können
     Die Freiwilligen bekommen eine kostenlose Schu-         hier auch bestimmte Themen vertieft werden, für
     lung angeboten. Hier werden Grundlagen für den          die Referent/innen eingeladen werden.
     Umgang mit älteren Menschen vermittelt:
                                                             Wissenschaftliche Begleitung
     ❚ Kommunikation und Konfliktbewältigung                 Die wissenschaftliche Evaluation dient der Expertise
     ❚ Kreative Beschäftigungsmöglichkeiten                  bei künftiger Projektgestaltung und der ökonomi-
     ❚ Typische Einschränkungen und Erkrankungen             schen Evaluation: Wer steckt wie viel Zeit in das
        im Alter                                             Projekt, damit es funktioniert; welche Auswirkun-
     ❚ Unterstützungssysteme für Hilfe und Pflege im         gen haben die Besuche auf die älteren Menschen,
        Alter                                                welche Einstellung haben die Pflegekräfte zu den
     ❚ Grenzen freiwilligen Engagements in der Alten-        Freiwilligen, welche typischen Probleme treten auf,
        arbeit                                               wie kann damit umgegangen werden?
     ❚ Notfallhilfe für ältere Menschen                      Das bedeutet Zeiterfassungsbögen für alle Beteilig-
     ❚ Demenz - Bedeutung für Betroffene und die             ten bis auf die Betreuten (Ehrenamtliche, Freiwilli-
        Umgebung                                             gen-Koordinatoren, Freiwilligen-Agentur) und
     ❚ Tod und Trauerbegleitung                              Interviews mit zufällig ausgewählten Ehrenamt-
                                                             lichen, Freiwilligen-Koordinatoren und Betreuten.
     Natürlich können die Themen in jeweils zwei Stun-       Durchgeführt wird die wissenschaftliche Begleitung
     den nur angerissen werden, aber sie sind wichtig        von einer Mitarbeiterin des Instituts für Pflegewis-
     für den Einstieg. Einige Freiwillige informieren sich   senschaften der MLU Halle.
     auf dieser Basis selbst weiter.
     Während des ersten Kurses zeigte sich, dass ein         Schwierigkeiten der
     wichtiger Effekt für die Freiwilligen die Kontakte      Umsetzung
     untereinander sind. Viele von ihnen befinden sich       Der Umgang mit Freiwilligen ist nicht bei allen
     in einer vergleichbaren Situation: sie sind arbeits-    Partnern zufrieden stellend. Hier gibt es im
     los, von den Auswirkungen von Hartz IV betroffen        Umgang mit Einrichtungen dicke Bretter zu boh-
     (das machte sich im Laufe des Kurses an Spontan-        ren. Es treten z.B. folgende Schwierigkeiten auf:
     diskussionen des öfteren bemerkbar!),       manche      Die Freiwilligen werden nicht informiert, wenn ein
     sind allein lebend, so dass auch neue Bekannt-          Termin nicht klappt oder sich etwas verändert hat;
     schaften geschlossen werden konnten.                    es ist schon vorgekommen, dass die Betreuten
     Für uns war außerdem positiv, dass wir durch den        nicht auf die ehrenamtlichen Besucher vorbereitet
     Kurs in der ersten Zeit eine intensive Rückkopplung     wurden; die Vermittlung erfolgt nicht sorgfältig
     zu den Freiwilligen hatten, so über eventuelle          genug, so dass Ehrenamtliche gleich zu Beginn mit
     Schwierigkeiten informiert waren und schnell rea-       sehr schwierigen „Fällen“ konfrontiert werden.
     gieren konnten.                                         Verschärft werden die Schwierigkeiten durch den
                                                             Zeitmangel in einigen Pflegeeinrichtungen und bei
                                                             einigen Freiwilligen-Koordinatoren.
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Hier sind wir bemüht, in Gesprächen mit den Ein-          satzstellen kann auch die Betreuung der Freiwilli-
richtungen bei der Bewältigung der Probleme zu            gen vor Ort weitgehend positiv bewertet werden.
helfen oder im ungünstigsten Fall ein neues Ein-          Erste Ergebnisse der wissenschaftlichen Evaluation
satzfeld für die Freiwilligen zu finden.                  werden etwa Mitte 2005 vorliegen.
Eine weitere Schwierigkeit liegt in der konzeptio-
nellen Beschränkung auf Pflegeeinrichtungen als
Träger der Freiwilligenarbeit. Die Pflegekassen           Kontakt:
haben verständlicherweise ein vorrangiges Interes-
se an den Pflegebedürftigen. Mit Bekannt werden           Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V.
des Projekts melden sich bei uns aber immer mehr          Nicole Marcus
ältere Menschen selbst, die besucht werden möch-          Mittelstr. 14
ten, deren Pflegedienst sich aber nicht am Projekt        06108 Halle
beteiligen möchte oder wo gar kein Pflegedienst           Tel.: 0345 - 200 28 10
involviert ist. Letzteres würde eine Vermittlung an       Email: halle@freiwilligen-agentur.de
Privatpersonen bedeuten, die so nicht vorgesehen          www.freiwilligen-agentur.de
ist und die wir als Freiwilligen-Agentur generell für
problematisch halten, da bestimmte Regelungen
wie Versicherungsschutz fehlen und auch kein
Ansprechpartner da ist. Hier sind wir auf der Suche
nach anderen Trägern wie Begegnungszentren im
Stadtteil, damit eine organisatorische Anbindung
der Freiwilligen gewährleistet ist.


Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aktuell durch
die Möglichkeit, Arbeitslose mit Mehraufwand-
spauschale zu beschäftigen („Ein-Euro-Jobs“). Eini-
ge Träger beschäftigen in größerem Stil Arbeits-
kräfte auf dieser Basis und sind zur Zeit nicht an
Ehrenamtlichen interessiert, so dass die Einsatz-
möglichkeiten schrumpfen. Wir stehen in Diskus-
sion mit unseren Projektpartnern und sind bemüht,
die unterschiedlichen Qualitäten von Ehrenamt-
lichkeit und Ein-Euro-Jobs deutlich zu machen. Wir
gehen davon aus, dass diese Träger sich in einigen
Monaten wieder für Ehrenamtlichkeit öffnen.


Fazit
Insgesamt kann das Projekt nach neun Monaten als
erfolgreich eingeschätzt werden. Der Zulauf an
interessierten Freiwilligen ist groß (ca. 50 Freiwilli-
ge seit Beginn der Einsätze im Mai diesen Jahres),
und durch die kontinuierliche Begleitung der Ein-
                                                                                                               21
Forum

                                                                     Projektvorstellung
                                                    „ Vo n M e n s c h z u M e n s c h “
1




          NICOLE LAU, FREIWILLIGENAGENTUR MÜNSTER


        W e r s i n d d i e Tr ä g e r ?                             Gievenbeck, Gremmendorf, Handorf/Sudmühle/
        Die Stiftung Magdalenenhospital und die Stadt                Mariendorf, Hiltrup, Innenstadt, Kinderhaus,
        Münster                                                      Kreuzviertel, Mauritz, Mecklenbeck, Nienberge,
                                                                     Roxel, Rumphorst, Schlossviertel, Sentrup, Sprakel,
        We l c h e Z i e l g r u p p e n h a t d a s                 Südviertel, Uppenberg, Wolbeck.
        Projekt?
        Alte, kranke oder behinderte Menschen, d.h. alle,            Zusammenfassung der Projektziele
        die Hilfe in ihrem häuslichen Alltag brauchen.               Die Angebote und Einrichtungen, die es bereits in
        Angehörige oder Nachbarn, die sich um hilfebe-               den einzelnen Stadtteilen gibt, werden bekannt
        dürftige Menschen kümmern und die Entlastung                 gemacht.
        und Unterstützung benötigen.                                 Die städtischen Dienste und Einrichtungen für
                                                                     Information und Beratung bieten Kooperation für
        We l c h e Z i e l e v e r f o l g t d a s P r o j e k t ?   die Stadtteile an.
        Es gibt bereits viele Angebote unterschiedlichster           Die neuen Stadtteil-Initiativen informieren die
        Art für Senioren. (z.B. Seniorennachmittage, Veran-          Menschen in ihren Stadtteilen über vorhandene
        staltungen der Kirchengemeinden, Nachbar-                    Angebote und bieten bei Bedarf ehrenamtliche Hil-
        schaftshilfen, Betreuungsgruppen für Demenzkran-             fen zur Begleitung und für Hausbesuche an.
        ke, Gesprächskreise für Angehörige, Freizeit-, Kul-
        tur- und Reiseangebote, Frühstückstreffen , ambu-            We r g e h ö r t z u e i n e r s o l c h e n
        lante Dienste, Einrichtungen für Tages- und Kurz-            Stadtteil-Initiative?
        zeitpflege). Diese vorhandenen Angebote sollen               Die Stadtteil-Initiativen bestehen aus Ehrenamt-
        bekannter gemacht und in einer Broschüre aufgeli-            lichen und einer oder mehreren Fachkräften.
        stet werden. So kann jeder Interessierte erfahren,           Die Ehrenamtlichen sollten möglichst im Stadtteil
        welche Hilfs-, Unterstützungs, Freizeit- und Kultur-         leben, um keine weiten Anfahrtswege zu haben.
        angebote es im eigenen Viertel gibt.                         Vielleicht sind sie auch für einige Hilfesuchende
                                                                     schon bekannt , dann kann es leichter sein, Kontakt
        Die Zusammenarbeit mit Dienstleistern der Stadt              aufzunehmen.
        Münster (z.B. Gerontopsychiatrische Beratungsstel-           Die Fachkräfte sollen eine pflegerische, soziale oder
        le, Informationsbüro Pflege, Sozialamt, Kommuna-             seelsorgerische Ausbildung haben, um qualifizierte
        ler Sozialer Dienst, Freiwilligenagentur, Hospizbe-          Hilfen für die Ehrenamtlichen anbieten zu können.
        wegung) wird durch die Stadtteilarbeit verstärkt.            Die Fachkräfte können Privatpersonen sein (z.B.
                                                                     pensionierte Sozialarbeiter/innen, Altenpfleger/in-
        In 26 verschiedenen Stadtteilen Münsters werden              nen, Krankenschwestern etc.) oder im Alten-,
        Angebote zur Information und häuslichen Betreu-              Behinderten-     oder Beratungsbereich berufstätig
        ung (keine Pflege!) älterer und hilfebedürftiger             sein (Pflegedienst, Kirchengemeinde, Wohlfahrts-
        Menschen gefördert. Diese Aufgaben übernehmen                verband, Verein, Sozialbüro etc.)
        die neuen Stadtteil-Initiativen. Die 26 Stadtteile
        sind: Aaseestadt, Albachten, Amelsbüren, Angel-
        modde, Bahnhof, Berg-Fidel, Coerde, Geistviertel,
   22
Wo f i n d e t m a n e i n e S t a d t t e i l -         ❚ Bei Bedarf kann der Telefondienst Hilfe suchen-
Initiative?                                                 den Menschen auch einen Hausbesuch anbie-
Die Stadtteil-Initiativen suchen sich einen geeigne-        ten, wenn die Anfrage telefonisch nicht zu
ten Raum, z.B. in einem Pfarrzentrum, einem Sozi-           regeln ist.
albüro, einer Begegnungsstätte, einem Verein, in         Die Ehrenamtlichen bieten einen Besuchs- und
dem sie sich treffen und organisieren können, in         Begleitdienst an. Sie können auch kleine Einkäufe
dem sie Informationsschriften, Flyer, Broschüren         oder Reparaturdienste erledigen. Beispiele:
etc. aufbewahren können und in dem ein Telefon           ❚ Frau C. aus Gievenbeck kann nicht mehr alleine
vorhanden ist.                                              aus dem Haus gehen. Sie sucht jemanden, der
                                                            zweimal in der Woche mit ihr für eine halbe
Die Ehrenamtlichen                                          Stunde spazieren geht.
We l c h e A u f g a b e n h a b e n d i e E h r e n -   ❚ Frau D. aus Berg Fidel hat keine Angehörigen
amtlichen?                                                  oder Nachbarn, die sich um sie kümmern. Sie
Die Ehrenamtlichen können in ihrer Stadtteil-Initia-        braucht jemanden, der sie regelmäßig besucht.
tive folgende Aufgaben übernehmen:                       ❚ Herr N. aus Kinderhaus möchte gerne einmal in
Telefondienst, Besuchsdienst und Begleitdienst.             der Woche zur Seniorengymnastik gehen, er
Der Telefondienst findet zu regelmäßigen, im                braucht aber Hilfe für den Hin- und Rückweg.
Stadtteil bekannten Zeiten statt, mindestens ein-
mal wöchentlich für zwei Stunden.                        Wa s g e h ö r t a u f k e i n e n F a l l z u d e n
❚ Der Telefondienst kann über die vorhandenen            Aufgaben der Ehrenamtlichen?
   Angebote informieren.                                 Die Ehrenamtlichen übernehmen keine pflegeri-
   Beispiel: Frau S. aus Roxel möchte wissen, ob es      schen Tätigkeiten. Das ist die Aufgabe der Pflege-
   in Roxel einen Gesprächskreis für pflegende           dienste. Die Ehrenamtlichen sind keine kostenlosen
   Angehörige von Demenzkranken gibt.                    Haushalts- und Putzhilfen. Die Ehrenamtlichen
                                                         übernehmen keine Beratungsaufgaben, die von
❚ Der Telefondienst kann an andere Hilfsmöglich-         professionellen Diensten durchgeführt werden.
   keiten der Stadt vermitteln.
   Beispiel: Herr L. aus Albachten hat Probleme mit      We l c h e n G e w i n n k a n n e i n E h r e n -
   der Einstufung in der Pflegeversicherung. Der         amtlicher davon haben, wenn er
   Telefondienst teilt ihm mit, wer beim Sozialamt       sich in einer Stadtteil-Initiative
   dafür zuständig ist. Er kann auch bei Bedarf          engagiert?
   selbst dort anrufen und einen Termin mit dem          Die Ehrenamtlichen lernen etwas für ihr eigenes
   Sachbearbeiter und Herrn L. vereinbaren.              Leben, für ihr eigenes Alter. Sie gewinnen wertvol-
                                                         le Erfahrungen mit anderen Menschen, sowohl in
❚ Der Telefondienst kann Anfragen nach ehren-            der Gruppe der Ehrenamtlichen als auch mit den
   amtlicher Unterstützung annehmen.                     Hilfebedürftigen. In der Gruppe von Gleichgesinn-
   Beispiel: Frau Z. aus Angelmodde braucht              ten gibt es gemeinsame Themen, Fortbildungen,
   jemanden, der sie einmal in der Woche zu              Möglichkeiten zu Freizeitbeschäftigung, Ausflügen,
   einem Arzttermin begleitet. Der Telefondienst         Veranstaltungen.
   gibt diese Anfrage an die Gruppe der Ehren-
   amtlichen weiter, die einen Begleitdienst über-       Die Ehrenamtlichen tragen einen Teil dazu bei, dass
   nehmen möchten.                                       in ihrem Stadtteil eine soziale Kultur gefördert wird,
                                                                                                                  23
     die es Hilfe suchenden Menschen erleichtert, so            Die Veranstaltungen sind kostenlos. Sie können je
     lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung              nach Anmeldezahl und Interesse von Teilnehmern
     zu leben. Angehörige können bei ihrer anstrengen-          eines Stadtteils oder von Teilnehmern z.B. benach-
     den Rund-um-die-Uhr-Betreuung wenigstens stun-             barter Stadtteile besucht werden.
     denweise entlastet werden.
     Diejenigen, die jetzt Verantwortung für das soziale        Die Fachkräfte
     Klima in ihrem Stadtteil mit übernehmen, können            We l c h e A u f g a b e n h a b e n d i e F a c h -
     letztendlich selbst im Alter einen Nutzen aus diesen       kräfte?
     neuen Strukturen ziehen.                                   Die Fachkräfte stehen für die Ehrenamtlichen im
                                                                Hintergrund zur Verfügung.
     Wie sind die Ehrenamtlichen
     versichert?                                                Beispiele:
     Die Stadtteil-Initiativen müssen selbst für die Versi-     ❚ Ein Ehrenamtlicher stellt bei seinen regelmäßi-
     cherung ihrer Ehrenamtlichen sorgen.                          gen Besuchen bei Frau D. in Berg Fidel fest, dass
     Falls ein gemeinnütziger Verein oder ein Wohl-                sie mit ihrer häuslichen Wohnsituation nicht
     fahrtsverband Träger der Initiative ist, sind die             mehr zurechtkommt. Er kann mit der Fachkraft
     Ehrenamtlichen darüber mitversichert. Wenn eine               zusammen überlegen, wie Frau D. geholfen
     Privatinitiative der Träger ist, kann sie sich als eige-      werden könnte.
     ne Gruppe bei der Gemeindeunfallversicherung
     anmelden. Auch Haftpflichtversicherungen müssen            ❚ Ein Ehrenamtlicher stößt immer wieder auf das
     durch die Initiative übernommen werden.                       Thema: Wie kann ich mich gegen die Forderun-
                                                                   gen von Frau C. aus Gievenbeck abgrenzen?“.
     Wie können sich die Ehrenamt-                                 Er hat in der Fachkraft einen Ansprechpartner
     lichen für ihren Einsatz qualifizie-                          für seine Probleme.
     ren?
     Es gibt vom Projekt „Von Mensch zu Mensch“ ein             ❚ Die Organisation der Telefon-, Besuchs-,
     Programm zur Weiterbildung und Information für                Begleit- und anderen Unterstützungsdienste
     Ehrenamtliche. Hier werden Informationsveranstal-             wird durch die Ehrenamtlichen selbst vorge-
     tungen und Schulungen zu den Leistungsangebo-                 nommen. Bei Schwierigkeiten kann die Fach-
     ten verschiedener Institutionen aufgeführt.                   kraft hier helfen.
     Themenbeispiele: was bedeutet Ehrenamt, wie rea-
     giere ich bei einem Notfall, Gesprächsführung, wo          Die Fachkraft kann durch regelmäßige Teambe-
     erfahre ich etwas über Tages- oder Kurzzeitpflege-         sprechungen mit den Ehrenamtlichen dazu beitra-
     plätze, Psychische Erkrankungen im Alter, wie              gen,
     arbeitet der Kommunale Soziale Dienst, wie gehe            ❚ dass die Qualität der Arbeit gewährleistet bleibt,
     ich mit sterbenden Menschen um usw.                        ❚ dass die Ehrenamtlichen nicht überfordert wer-
                                                                   den,
     Diese Veranstaltungen werden von der Freiwilli-            ❚ dass Konflikte geklärt werden,
     genagentur, dem Informationsbüro Pflege, der               ❚ dass die Ehrenamtlichen sich zu Fortbildungs-
     Gerontopsychiatrischen        Beratungsstelle,    dem         veranstaltungen anmelden usw.
     Kommunalen Sozialen Dienst, dem Sozialamt und
     der Hospizbewegung durchgeführt.
24
We l c h e n G e w i n n k ö n n e n F a c h k r ä f t e   Wie können sich die Fachkräfte
davon haben, wenn sie sich in einer                        qualifizieren für ihre Beteiligung
Stadtteil-Initiative für                                   bei einer Stadtteil-Initiative?
die Begleitung Ehrenamtlicher                              Auch für die Fachkräfte gibt es ein Schulungs- und
entschieden haben?                                         Informationsangebot.
Eine Fachkraft, die immer wieder im Rahmen ihrer           Themenbeispiele: Ehrenamt, Gruppendynamik,
eigenen beruflichen Tätigkeit mit den zeitlichen           Psychische Erkrankungen im Alter, Demenz. Veran-
Grenzen konfrontiert wird und zu dem Ergebnis              stalter: siehe bei den Ehrenamtlichen.
kommt, „eigentlich müsste ich mich jetzt länger            Hier werden ebenfalls je nach Wunsch, Bedarf oder
um Frau B. kümmern, aber ich habe keine Zeit               Notwendigkeit die Termine stadtteilübergreifend
dafür“, kann diese Aufgaben an Ehrenamtliche               stattfinden.
weitergeben. Durch gute Kooperation können
ergänzende Hilfen von qualifizierten Ehrenamt-             Häufige Fragen:
lichen auch die professionelle Arbeit erleichtern. An
dieser Stelle soll aber betont werden, dass ehren-         We l c h e n Vo r t e i l h a b e n d i e S t a d t -
amtliche Mitarbeit in keiner Weise professionelle          teile von einer Beteiligung am
Arbeit ersetzen darf und kann.                             Projekt?
                                                           Die Stadtteile bekommen für ihr Engagement pro
Die Fachkraft kann viele ihrer Kenntnisse und              Förderjahr 4500 Euro. Dieses Geld können die Initi-
Erfahrungen an die Ehrenamtlichen weitergeben.             ativen z.B. für folgende Zwecke einsetzen:
Sie kann mit dazu beitragen, dass in einem Stadt-          ❚ für die zusätzlichen Arbeitsstunden der Fachkräf-
teil eine Öffnung von Institutionen und Organisa-             te,
tionen stattfindet, dass die Arbeit transparenter          ❚ für Werbe- und Öffentlichkeitsarbeit,
gemacht wird und nicht jeder „nur in seinem eige-          ❚ für Veranstaltungen, Vorträge,
nen Topf rührt“.                                           ❚ für Fortbildungen anderer Anbieter,
In stadtteilübergreifenden Arbeitskreisen der Fach-        ❚ für Telefonkosten,
kräfte können sie sich gemeinsam über den jewei-           ❚ für Versicherung.
ligen Stand austauschen. So kann ein Beitrag eben-
falls zur Öffnung und Vernetzung der Stadtteile            Wa s p a s s i e r t m i t d e m G e l d ?
erreicht werden.                                           Am Ende eines Förderjahres muss ein detaillierter
                                                           Bericht mit Originalbelegen über die Verwendung
Wa s i s t , w e n n e i n e F a c h k r a f t f e s t -   der Fördermittel abgegeben werden. In diesem
stellt, dass sie mit dem Aufbau                            Bericht muss auch eine inhaltliche Auswertung
und der Begleitung einer Stadtteil-                        erfolgen.
Initiative überlastet ist?
Es ist durchaus möglich, – vielleicht auch empfeh-         We r k a n n s i c h a m P r o j e k t „ Vo n
lenswert –, eine Initiative zu zweit oder zu dritt zu      Mensch zu Mensch“ beteiligen?
begleiten, damit sich die Verantwortung und die            Jeder Stadtteil aus der o.g. Auflistung kann einen
zeitliche Belastung besser aufteilen lassen.               Antrag stellen. Einen Antrag kann ein Verein, ein
                                                           Vertreter eines Wohlfahrtsverbandes, einer Kirchen-
                                                           gemeinde oder eine Privatperson mit fachlichem
                                                           Hintergrund stellen.
                                                                                                                   25
     W a s i s t , w e n n d e r Ve r s u c h , e i n e      Dann kann der Antrag auf Förderung gestellt wer-
     Initiative aufzubauen, scheitert?                       den. In dem Antrag werden Fragen gestellt nach
     Die Fördergelder müssen nicht zurückgezahlt wer-        der Qualifikation der Fachkraft, nach den geplan-
     den. Es ist sinnvoll, sich zusammenzusetzen und zu      ten Aktivitäten der Initiative (es gibt z.B. Stadttei-
     analysieren, worin die Ursachen für das Scheitern zu    le, die sich überwiegend auf Demenzerkrankte
     sehen sind.                                             oder auf jüngere Behinderte spezialisieren möch-
                                                             ten), nach Wünschen für Fortbildungen und nach
     Wie kann eine Initiative Ehrenamt-                      voraussichtlichem Verwendungszweck für die
     liche gewinnen?                                         4500 Euro.
     Sie kann durch eigene Öffentlichkeitsarbeit Ehren-
     amtliche werben (Faltblätter, Zeitungsartikel, Rund-    Wird der Antrag bewilligt und das Geld überwie-
     schreiben, Aushänge, Ankündigungen in Veranstal-        sen, gibt es je nach Stadtteil und Interesse folgen-
     tungen etc.). Sie kann sich auch an die Freiwilligen-   de bisherige Vorgehensweisen:
     agentur wenden. Dort bekommt sie qualifizierte          Umfrage nach dem Bedarf, Suche nach geeigne-
     Beratung und Unterstützung.                             tem Raum für den Telefondienst, Runder Tisch mit
                                                             anderen Organisationen aus dem Stadtteil, Wer-
     Können in einem Stadtteil auch                          bung für Ehrenamtliche....
     zwei Initiativen gefördert werden?
     Grundsätzlich bekommt jeder Stadtteil pro Förder-
     jahr nur einmal 4500 Euro zur Verfügung gestellt. Es    Kontakt:
     gibt aber auch Ausnahmen:                               Freiwilligenagentur Münster
     Wenn zwei verschiedene Träger je eine Initiative auf-   Projekt: „Von Mensch zu Mensch“
     bauen wollen in einem Stadtteil, kann das Geld          Ulrike Henrich
     geteilt werden. Z.B. bietet ein Träger die Telefon-     Gasselstiege 13
     dienste an, der andere die Besuchs- und Begleit-        48159 Münster
     dienste.
     Ist ein Stadtteil besonders groß oder weist eine        Tel.: 0251 - 49 25 901
     besondere Problematik auf, können auch zweimal          Email: freiwilligenagentur@stadt-muenster.de
     4500 Euro bewilligt werden.                             www.muenster.de/stadt/freiwilligenagentur
     Wollen mehrere Interessenten in einem Stadtteil
     eine Initiative aufbauen und es gibt keine Koopera-
     tion, kann im Einzelfall nach einer Lösung gesucht
     werden.


     Mit welchen Schritten geht eine
     neue Initiative am sinnvollsten vor?
     Eine Initiative muss zunächst genau wissen, wer der
     oder die Fachkräfte sind, die sich verantwortlich
     erklären als Ansprechpartner, sowohl für die Ehren-
     amtlichen als auch für die Stiftung Magdalenenho-
     spital und die Stadt Münster als Verteiler der För-
     dergelder.
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                                      „Familienfreundliche Infrastrukturen und bürgerschaftliches Engagement“
                   Moderation: Dr. Ralf Vandamme, Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Frankfurt a.M.




                                                                                                                 Forum
      Vo r s t e l l u n g d e r I n i t i a t i v e
      „Lokale Bündnisse für Familie“




                                                                                                                 2
ANJA OBERMANN, SERVICEBÜRO LOKALE BÜNDNISSE                                          FÜR        FAMILIE



Ziele der Bündnisinitiative                                We r s t e c k t d a h i n t e r ?
■ Familienfreundlichkeit vor Ort erhöhen                   Träger:
■ Förderung familienfreundlicher Initiativen vor           ❚ JSB GmbH, in Kooperation mit:
  Ort                                                      ❚ WeberShandwick
■ Individuelle Unterstützung lokaler Aktivitäten
                                                           Kooperation mit:
Familienfreundlichkeit lohnt sich                          ❚ DJI
■ Familienfreundlichkeit ist ein Standortfaktor für        ❚ Bertelsmann-Stiftung
  Kommunen                                                 ❚ Hertie-Stiftung
■ Familienfreundlichkeit rechnet sich für Unter-
  nehmen                                                   Lokale Bündnisse für Familie
(Quellen: Prognos-Studie 2003/2004, DIW-Gutachten 2003)    ❚ sind Arbeitsbündnisse lokaler Akteure, die Fami-
                                                              lienpolitik vor Ort gemeinsam gestalten:
Leistungen des Servicebüros                                ❚ z.B. Kommunen, Unternehmen, freie Träger, Ver-
■ Erstinformation                                             eine, Initiativen, Kammern, Gewerkschaften, Kir-
  ❚ Überblick über alle Beratungsmodule                       chengemeinden,
  ❚ Informationsmaterialien und -veranstaltungen           ❚ fördern Familienfreundlichkeit vor Ort,
  ❚ Dokumentvorlagen und Musterbriefe                      ❚ müssen nicht den Namen „Bündnis für Familie“
■ Beratung und Unterstützung                                  tragen
  ❚ Unterstützung bei der Zielfindung und Arbeits-
  planung                                                  Aufgabe/ Funktionen von Lokalen
  ❚ Hilfe bei der Prozessgestaltung und Projektpla-        Bündnissen – Nutzen von Bündnis-
  nung                                                     sen – Chancen in den Handlungs-
  ❚ Unterstützung bei der Organisation eines               feldern
  Bündnisses
  ❚ Standortbestimmung bestehender Initiativen             Regionales Netzwerk
■ Beziehungsaufbau zur Öffentlichkeit                      K i n d e r b e t r e u u n g Ta u n u s
  ❚ PR-Beratung und Unterstützung vor Ort                  Ziel:
  ❚ Bundesweite Beratungs- und PR-Hotline                  ❚ Förderung und Ausbau qualifizierter Kinderbe-
  ❚ Informationsmaterialien und -veranstaltungen              treuung für berufstätige Eltern
■ Vernetzung der Bündnisse                                 Maßnahmen:
  ❚ Bundesweite Vernetzung der Bündnisinitiativen          ❚ Internet-Kinderbetreuungsbörse von 4 Kommu-
  ❚ Schaffung von Netzwerkknoten                              nen
  ❚ Know-how- und Kontaktplattform für die                 ❚ Qualifizierung von Tageseltern durch ev. und
  Bündnisse                                                   kath. Kircheneinrichtungen
  ❚ Nationale und lokale Fachveranstaltungen               ❚ Internetzugänge in öffentlichen Einrichtungen
                                                                                                                 27
       und im Intranet der beteiligten Unternehmen          gen) erarbeitet gemeinsames Erziehungskonzept
       www.net-e-v.de                                       für Herten und trägt regelmäßig zusammen, wo
     Besonderheiten:                                        in Herten Handlungsbedarf ist
     ❚ Von Unternehmen entwickelt und finanziert          ❚ Unter anderem wurden Stadtteilkonferenzen
                                                            (Übergang      Kindertagesstätten-Grundschule)
     R i e d s t a d t : „ Ta u s e n d h e l f e n d e     initiiert; Einbindung von Migranteneltern in
     Hände                                                  Sprachkurse für Kinder, Erarbeitung von Erzieh-
     Ziel:                                                  ungsverträgen
     ❚ Aufbau eines Netzwerkes ehrenamtlicher Nach-       ❚ gesamtstädtisches Konzept zur Förderung der
       barschaftshilfe                                      Sprachkompetenz
     Maßnahmen:
     ❚ Organisation einer Ehrenamtsbörse: Einkaufshil-    Familien in Aschaffenburg
       fe, Besuchsdienste bei Senioren, Fahrdienste,      Ziel:
       Unterstützung bei Behördengängen,                  ❚ die Familienfreundlichkeit von Aschaffenburg
     ❚ Schulung Ehrenamtlicher für den Umgang mit           stärken,    Bündelung der vielfältigen Angebote
       Demenzkranken und gleichzeitig Kontaktaufbau         für Familien vor Ort
       zu betroffenen Familien                            Maßnahmen:
     ❚ Alle 14 Tage wird 2-stündige Betreuung für         ❚ Einwirkung auf die familienorientierte Gestal-
       Demenzkranke angeboten                               tung der Wohnräume, der Wohnumfelder und
                                                            der Infrastruktur z.B. durch die Beteiligung an
     Bündnis für Familie, Geiselbach                        der Planung von Neubaugebieten
     Ziel:                                                ❚ umfassender Familienwegweiser mit Informatio-
     ❚ Ehrenamtliche Angebote für Jung und Alt anbie-       nen zu den Themen Freizeit, Beratung und
       ten und koordinieren                                 Unterstützung, Bildung, Betreuung, Wohnen
     ❚ Bürgerschaftliches Selbsthilfepotenzial fördern      und Gesundheit (geplant bis Anfang 2005)
       und ausschöpfen
     Maßnahmen:                                           Bündnis für Augsburg
     ❚ Einrichtung einer ehrenamtlichen Helferbörse       Ziele:
     ❚ Öffentlichkeitsarbeit                              ❚ Ausbau des bürgerschaftlichen Engagements
     ❚ Erarbeitung eines „Wegweisers für Familien jung    ❚ Vernetzung der ehrenamtlichen Tätigkeiten in
       und alt“                                             der Stadt
     Besonderheiten:                                      Maßnahmen:
     ❚ Zu allen Veranstaltungen (6 Wochen Rhythmus)       ❚ Projekt „Familienpaten“: Ehrenamtliche unter-
       wird über die Multiplikatoren eingeladen, jede/r     stützen Familien in schwierigen Lebenssituatio-
       Interessierte kann mitarbeiten                       nen
                                                          ❚ Projekt „Change in“: Vermittlung von Schülern
     Hertener Bündnis für Erziehung                         in konkrete Projektarbeit in sozialen, kulturellen
     Ziel:                                                  und gesellschaftlichen Bereichen
     ❚ Stärkung der Erziehungskompetenz für Eltern        ❚ Kindergartensanierung mit Elternbeteiligung
     Maßnahmen:
     ❚ Regelmäßiges Elternforum (Eltern, Erzieherin-
       nen, Lehrer, Verwaltung und Tageseinrichtun-
28
         „Wechselwirkungen und Transfermöglichkeiten zwischen Erwerbslosigkeit und freiwilligem Engagement“
                                                      Moderation: Lydia Müller, Freiwilligen-Agentur Kaiserslautern




                                                                                                                   F o r u m
Die Rolle bürgerschaftlichen Engagements
in der Krise der Arbeitsgesellschaft




                                                                                                                   3
    DR. ULRIKE SCHUMACHER, TECHNISCHE UNIVERSITÄT BERLIN




„Wenn Existenzängste im Vordergrund stehen, ist           und private Nutzen aus dem Engagement gezogen
es müßig, zu fordern, macht Ehrenamt. Da glaube           wird. Schließlich werden aus der konkreten Alltags-
ich, dass wenige Menschen die Kraft aufbringen,           praxis heraus Schlussfolgerungen für die Gestaltung
dann zu sagen, na gut, ich komme mit `ner Brot-           von Rahmenbedingungen abgeleitet: Es werden
rinde aus, und meine Kinder mit `nem Tropfen              gesellschaftliche Handlungsfelder benannt, die auf
Wasser, und ich wird mich jetzt in die Allgemeinar-       der Annahme beruhen, dass das Engagement keine
beit stürzen, die Nerven hat dann kaum jemand“.           Zauberformel zur Lösung der gegenwärtigen Pro-
(Barbara Hesse, Umweltschützerin, 58 Jahre)               bleme ist. Dennoch ist der Beitrag nicht zu unter-
                                                          schätzen, den es für den Wandel zu einer zukunfts-
Bürgerschaftliches Engagement in                          fähigen Arbeitsgesellschaft leisten kann.
der Krise der Arbeitsgesellschaft
Die gegenwärtige Diskussion um den Abbau der              Kombinationen von Erwerbsarbeit
Arbeitslosigkeit erschöpft sich nahezu ausschließ-        und bürgerschaftlichem
lich in der Frage der Vermittlung und Wiederein-          Engagement
gliederung in den ersten Arbeitsmarkt und in              Die Untersuchung in vier Berliner Umweltorganisa-
angeblich vorhandene Arbeitsplätze. Die Denk-             tionen, in die Menschen in unterschiedlichen
weise, dass unter dem Gesichtspunkt der Teilhabe          Lebenssituationen und Erwerbsphasen einbezogen
und der Chancen „selbst schlecht bezahlte und             waren, zeigt ein facettenreiches Bild individueller
unbequeme Erwerbsarbeit besser als transferge-            Kombinationen von Erwerbsarbeit und freiwilligem
stützte Nichtarbeit“ sei (ehemaliger SPD-General-         Engagement.        Gleichwohl   kristallisieren   sich
sekretär O. Scholz), verstellt jedoch den Blick auf       bestimmte Strukturmuster bzw. Typen heraus, die
andere Welten und spiegelt eine Fixierung auf das         mit den Begriffen Verstärkung, Ergänzung, Über-
althergebrachte Vollbeschäftigungsideal wider. Im         brückung, Ausgleich und alternative Aufgabe
folgenden Beitrag wird vom freiwilligen, bürger-          gefasst werden (Schumacher 2003).
schaftlichen Engagement in Vereinen und Initiati-
ven und von seiner Einbettung in das alltägliche          Ve r s t ä r k u n g
Leben berichtet. Hierzu werden Ergebnisse aus             Der Typ Verstärkung ist durch starke Wechselwir-
einer qualitativen Untersuchung in vier Berliner          kungen zwischen mehreren berufsbezogenen
Umweltorganisationen und -initiativen vorgestellt.        Tätigkeitsbereichen gekennzeichnet. Ein intensiv
                                                          ausgeübtes Engagement geht mit einer starken
Die Studie ging der Frage nach, welche Rolle frei-        Orientierung an den beruflichen Inhalten und
williges Engagement für die Einzelnen spielt, in          einem hohen Einsatz in der Erwerbsarbeit oder im
welchem Verhältnis es zur Erwerbstätigkeit steht,         Studium einher. In beiden Fällen werden Fähigkei-
welche Wechselwirkungen zwischen verschiedenen            ten und Erfahrungen in das Engagement übertra-
Arbeitsformen stattfinden und welcher berufliche          gen, wirken aber auch aus diesem in andere
                                                                                                                   29
     Lebensbereiche zurück. Die Handlungslogik ist in       angeeignete Wissen in einem späteren Beschäfti-
     hohem Maße auf die öffentliche Sphäre bezogen          gungsverhältnis oder einer Selbständigkeit prak-
     und der Wunsch nach politischer Mitwirkung und         tisch anwenden und vermitteln zu können. Inwie-
     Gestaltung stark ausgeprägt.                           weit ein solcher Wiedereinstieg gelingt, ist zum
                                                            gegenwärtigen Zeitpunkt offen.
     Ergänzung
     Beim Typ Ergänzung erhält das Engagement neben         Ausgleich
     anderen subjektiv bedeutsamen und zeitintensiven       Der Typ Ausgleich findet sich bei Berufstätigen, bei
     Tätigkeitsbereichen den Charakter einer sinnvollen     denen das gegenwärtige Beschäftigungsverhältnis
     Freizeitbeschäftigung und ist zeitlich weniger         nicht den individuellen Ansprüchen entspricht.
     umfangreich. Die berufliche Situation ist durch eine   Ursachen für die Unzufriedenheit können geringe
     relative Zufriedenheit gekennzeichnet. Als ein Ele-    Gestaltungsspielräume, ein schlechtes Arbeitskli-
     ment im Gefüge der individuellen Tätigkeiten wird      ma, mangelnde Zeitsouveränität oder eine hierar-
     das Engagement stärker nach den Vorgaben ande-         chische Arbeitsorganisation sein. Die Unzufrieden-
     rer Lebensbereiche gestaltet und spielt aus ver-       heit drückt sich in erster Linie in einer Offenheit
     schiedenen Gründen nicht die Hauptrolle: Entwe-        bezüglich der weiteren beruflichen Entwicklung
     der wird es aufgrund äußerer Zwänge einge-             und im Wunsch nach beruflicher Neuorientierung
     schränkt oder die Begrenzung beruht auf einer          aus. Das Engagement soll etwas anderes, eigenes
     bewussten Prioritätensetzung zugunsten anderer         darstellen. In einem selbst bestimmten Bereich
     Aufgaben und Interessen. Probleme bei der Verein-      neben der Erwerbstätigkeit aktiv zu sein, wird als
     barkeit, Zeitmangel und Ermüdung werden bei            ein wichtiges Element von Lebensqualität angese-
     diesem Typ am deutlichsten thematisiert. Bei einer     hen. Mit inhaltlichen Weiterbildungen über das
     zu großen Belastung wird das Engagement redu-          berufliche Arbeitsgebiet hinaus werden andere the-
     ziert oder beendet.                                    matische Akzente gesetzt. Das Engagement bietet
                                                            die Möglichkeit, an aktuellen gesellschaftlichen
     Überbrückung                                           Debatten teilzuhaben und sich „auf dem Laufen-
     Beim dritten Typ Überbrückung wird das Engage-         den zu halten“. Als eine Art Freizeitbeschäftigung
     ment in Phasen von Erwerbslosigkeit oder, allge-       ist es in der Regel mit weniger Zeitdruck als dem im
     meiner, in diskontinuierlichen Erwerbsbiographien      Berufsalltag üblichen verbunden.
     ausgeübt. Es beruht auf dem Wunsch, im gesell-
     schaftlichen Umfeld mitzuwirken und einen sozia-       Alternative Aufgabe
     len und inhaltlichen Ausgleich für das fehlende        In bestimmten Lebensabschnitten, z.B. im Ruhe-
     berufliche Umfeld zu finden. Ferner wird es als Rah-   stand oder in der ‚Empty-Nest-Phase’, erhält das
     men genutzt, um sich beruflich neu zu orientieren      Engagement den Charakter einer alternativen Auf-
     und neu erworbene Kenntnisse zu erproben.              gabe. Kennzeichnend ist, dass die Erwerbstätigkeit
     Weiterbildungsaktivitäten, die zum Teil vom Enga-      keine zentrale Rolle (mehr) hinsichtlich der mate-
     gement nicht klar zu trennen sind, spielen deshalb     riellen Sicherung spielt oder diese anderweitig gesi-
     eine große Rolle. Das Engagement wird als eine         chert ist. Die Vertreter/-innen dieses Typs praktizie-
     Möglichkeit angesehen, um aktiv zu bleiben und         ren weiterhin eine Kombination von verschiedenen
     beruflich wieder Fuß zu fassen. Die Personen sehen     Tätigkeiten: Dies ist im Ruhestand die Verbindung
     das Engagement nicht als Endstation ihrer beruf-       mit weiteren Ehrenämtern, häuslichen Aufgaben
     lichen Entwicklung, sondern wünschen sich, das         und sonstigen Freizeitaktivitäten. Das Engagement
30
bietet eine Alternative zur ehemals bedeutsamen         Aus der Berufstätigkeit oder dem Studium können
Berufstätigkeit.                                        fachliche Kenntnisse, Arbeitsmethoden und generell
                                                        die Herangehensweise an Problemstellungen über-
Eine alternative Aufgabe kann das Engagement            tragen werden. Berufliches Handeln findet somit in
auch nach der Familienphase sein. Wenn ein (Wie-        bezahlten und unbezahlten Zusammenhängen
der)einstieg in den Arbeitsmarkt nicht gewünscht        statt. Die Qualifizierung wird zum Teil durch Ange-
wird und der zeitliche Aufwand für Hausarbeit und       bote und die Infrastruktur der Organisation unter-
Kindererziehung abnimmt, ergeben sich neue zeit-        stützt, sie findet jedoch auch in nicht formalisierten
liche Freiräume. Verschiedene freiwillige Aktivitäten   Initiativen mittels autodidaktischem Lernens und
werden mit familiären Aufgaben und anderen              themenbezogener Vernetzung statt.
Interessengebieten abgestimmt. Mit dem Engage-
ment ist es möglich, persönliche Fähigkeiten einzu-     Schlussfolgerungen für die Gestal-
bringen, an öffentlichen Belangen teilzuhaben und       tung von Rahmenbedingungen
die Einbindung in das soziale Umfeld zu vertiefen.      Die Typen beleuchteten unterschiedliche Alltags-
                                                        praktiken und Vereinbarungsstrategien. Die bewus-
Lernprozesse                                            ste Gestaltung der freiwilligen Tätigkeit stößt jedoch
Wichtige Funktionen des Engagements bestehen            an Grenzen, die durch äußere Bedingungen gesetzt
darin, dass es Partizipation ermöglicht und eine als    sind und die die Anforderungen an die politische
sinnvoll erachtete Tätigkeit darstellt. Ferner kommt    Gestaltung deutlich machen. Der Handlungsbedarf
es im Verlauf des Engagements zu persönlichen,          zeigt sich besonders an den Reibungspunkten, die
inhaltlichen und politischen Lernprozessen, die         im Rahmen des Engagements selbst, aber auch in
ineinander greifen und die sich in der Regel weni-      seiner Verbindung mit anderen Tätigkeiten beste-
ger über gezielte Strategien, sondern mit dem und       hen. Es gilt deshalb, rechtliche, sozialpolitische, kul-
durch das Tun selbst vollziehen. Das Engagement         turelle und ökonomische Rahmenbedingungen zu
dient der Persönlichkeitsentwicklung, indem es          diskutieren und einzurichten, die die Verbindung
menschliche Begegnungen mit sich bringt und             und Ausübung verschiedener Arbeitsformen nicht
eigene Fähigkeiten neu entdeckt, angewandt und          allein zur Privatsache machen (vgl. Jurczyk/Voß
vertieft werden können. Auf der politischen Ebene       2000: 199). Die Ansatzpunkte zur Gestaltung lassen
finden Lernprozesse hinsichtlich Verfahrensregeln,      sich zu den Handlungsfeldern Materielle Sicherung,
Partizipationsstrukturen, Meinungsbildungsprozes-       Zeit, Beteiligungsrechte, Infrastruktur und Koopera-
sen und politischer Entscheidungsabläufe statt.         tion, Anerkennungskultur und Leitbilddiskussion
Schließlich kommt es zu Qualifizierungen hinsicht-      bündeln.
lich ‚harter’ und ‚weicher’ Faktoren: Neben der
Aneignung von fachlichem Know-how werden                Materielle Sicherung
Kompetenzen in den Bereichen Rhetorik, Modera-          Die materielle Sicherung ist die zentrale Vorausset-
tion, Öffentlichkeitsarbeit, Verhandlungsführung,       zung, um freiwillig tätig werden zu können. Einer-
Interessenvertretung, Koordination und Koopera-         seits nimmt die Erwerbsarbeit auch nach wie vor
tion entwickelt. Erfahrungen im Rahmen des Enga-        eine Schlüsselstellung hinsichtlich sozialer Siche-
gements führen mitunter zu einem stärkeren              rung, materiellen Wohlstands, persönlicher Identi-
Selbstbewusstsein im Job oder zu veränderten            tätsbildung und gesellschaftlicher Anerkennung ein.
Gewohnheiten in der privaten alltäglichen Lebens-       Gleichzeitig hat sie faktisch an integrativer Reich-
führung.                                                weite verloren. Dass diese Wirklichkeit anzuerken-
                                                                                                                   31
     nen sei und soziale Anspruchsrechte und Sicherun-      ler Teilhabe eröffnet. Doch würde gleichzeitig die
     gen an bereits bestehende Formen der sozialen          Kombination verschiedener Einkommensarten,
     Partizipation anzupassen sind, wurde bereits gegen     bspw. von Löhnen mit öffentlichen Transferzahlun-
     Ende der 1980er Jahre formuliert (Evers et al.         gen, Produkten der Selbstversorgung und des Tau-
     1989). Angesichts sozialer Ausgrenzungsprozesse        sches oder Einkommen aus Unternehmertätigkeit
     und einer zunehmenden Verarmung von am                 eine größere Rolle spielen. Das Konzept der ‚Misch-
     Arbeitsmarkt benachteiligten Bevölkerungsgrup-         arbeit’ geht von einer notwendigen Kombination
     pen ist diese Forderung nach wie vor aktuell. Es       von Erwerbs-, Versorgungs-, Eigen- und Gemein-
     wird die Notwendigkeit bekräftigt, eine Grundsi-       schaftsarbeit aus, woraus sich demzufolge auch
     cherung zu schaffen, welche von Existenzangst          Mischqualifikationen und Mischeinkommen erge-
     befreie und damit demokratisches Verhalten erst        ben (Verbundprojekt Arbeit und Ökologie 2000:
     ermögliche (Grottian et al. 2003). Unterschiedliche    198). Übergänge zwischen verschiedenen Tätig-
     Varianten, wie eine allgemeine Grundsicherung          keitsformen sind in Form von Übergangsarbeits-
     (ebd.) oder eine Grundsicherung für soziale Grup-      märkten institutionell zu gewährleisten und mate-
     pen in besonders unsicheren Situationen werden         riell abzusichern, um die individuelle Wahlmöglich-
     gefordert (Klein 2004). Unter Umständen stellt die     keit zu erleichtern und Unsicherheiten einzugren-
     freiwillige Mitarbeit eine zwangsläufige Alternative   zen (ebd.: 566; Schmid 1997).
     dar, da eine Überbrückung in ein Beschäftigungs-
     verhältnis angesichts fehlender Arbeitsplätze nur      Zeit
     vereinzelt gelingen kann (Forschungsverbund            Zeitknappheit und Probleme der zeitlichen Verein-
     Gemeinschaftsnutzung 2003). Warum nicht, ange-         barkeit stellen einen wichtigen Hinderungsgrund
     sichts der Unterschiede zwischen strukturstarken       für freiwilliges Engagement dar (Klenner et al.
     und strukturschwachen Räumen, sich für Experi-         2001). Die politische und unternehmerische
     mente öffnen und z.B. über die (zunächst) regional     Gestaltung der Arbeitszeiten ist deshalb ein Ansatz-
     begrenzte Einführung einer Grundsicherung nach-        punkt, um Zeitflexibilität bei den Beschäftigten zu
     denken? Die Gesellschaft ist aufgefordert, Abwei-      ermöglichen. Hierzu zählen Freistellungs-, kurz-
     chungen von der ‚Normalität’ wahrzunehmen und          und langfristige Aus- und Wiedereinstiegsmöglich-
     den Umgang mit ihnen zu erlernen (vgl. Engler          keiten und eine Strategie der Arbeitszeitverkür-
     2002).                                                 zung. In welcher Form diese erfolgen kann - ob im
                                                            Rahmen tariflicher Arbeitszeitverkürzungen, einer
     Die Aufgabe besteht ferner darin, positiv definierte   Teilzeitoffensive oder in Form von Lebensarbeits-
     Plätze in der Gesellschaft und identitätsstiftende     zeitmodellen - obliegt der gesellschaftlichen Aus-
     Alternativrollen zu entwickeln und zu unterstützen     einandersetzung. Angesichts des gegenwärtig
     (Kronauer 1994: 35). Es ist Aufgeschlossenheit für     herrschenden Tons in der öffentlichen Debatte, der
     Lebens- und Arbeitskonzepte nötig, in denen selbst     einer Arbeitszeitverkürzung entgegensteht, wären
     bestimmte Tätigkeiten ausgeübt werden und in           neuartige Mobilisierungsstrategien erforderlich.
     denen die Erwerbsarbeit nicht den einzigen Sinn-       Der Durchsetzungskraft herkömmlicher kollektiver
     geber darstellt. Demzufolge ist die soziale Siche-     Interessenvertretung steht jedoch die Vielfalt von
     rung an veränderte Erwerbsverläufe und Lebensla-       Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen gegenü-
     gen anzupassen, und es sind Einkommensmixe             ber. Möglicherweise könnten die Wünsche der
     (Vobruba 1999) zu entwickeln, in denen die             Menschen an ein gelingendes Leben zum neuen
     Erwerbsarbeit einen zentralen Zugang zu materiel-      Mittelpunkt gemeinsamer Interessen werden, bei
32
dem das Verhältnis von Arbeit und Leben zum                tierung am lokalen/regionalen Wirtschafts- und
Thema gemacht wird (Döhl et al. 2000: 16).                 Sozialraum zu fördern.
Öffentlich zur Sprache gebracht werden sollte der
zwiespältige Charakter der Erwerbsarbeit: das Lei-         Anerkennungskultur und erweiter-
den unter ihrem Fehlen, aber auch das Leiden an            te Sichtweisen
ihr; das in der kapitalistischen Logik enthaltene          Die öffentliche Diskussion über die Bedeutung des
‚Überflüssigwerden’ der Einen und das ‚Überhitzen’         freiwilligen, bürgerschaftlichen Engagements ist
vieler anderer in ihrer Beschäftigungssituation.           ein Schritt auf dem Weg zu einer neuen Anerken-
                                                           nungskultur. Nicht nur Rituale der Dankbarkeit,
Beteiligungsrechte                                         sondern auch die Einführung einer steuerfreien
Viele der Engagierten üben Kritik an unzureichen-          jährlichen Aufwandspauschale (Kortmann et al.
den oder nur scheinbaren Beteiligungsmöglichkei-           2002) stellen angemessene Wege dar, um die
ten. Ähnliches wird in der Debatte zur Stärkung der        gesellschaftliche Wertschätzung des Engagements
Bürgergesellschaft kritisiert: Den Forderungen nach        auszudrücken.
bürgerschaftlichem Handeln steht keine entspre-
chend ausgeprägte politische Kultur bzw. institutio-       Der politische Wille, um eine Vielfalt von Tätigkei-
nelle Infrastruktur gegenüber (Münkler 2000: 30).          ten zu ermöglichen, muss auf einem erweiterten
Vielmehr wird ein beteiligungsunfreundliches Ver-          Verständnis von Arbeit, Bildung, Reichtum und
halten von Organisationen und Institutionen fest-          Sicherheit beruhen: Zu den produktiven Tätigkei-
gestellt und kritisiert, dass die offizielle Politik die   ten, die für die Gesellschaft wertvoll sind, zählen
Engagementbereitschaft der Bürger/-innen nicht in          bezahlte und unbezahlte Arbeiten. Ein erweitertes
Anspruch nehme. Gelegenheiten zur Verantwor-               Verständnis von Bildung geht davon aus, dass sich
tungsübernahme sind daher zu verbessern.                   Lernprozesse und Kompetenzentwicklung an vie-
                                                           len Lernorten des täglichen Lebens, z.B. in Verei-
Infrastruktur und Kooperation                              nen und Initiativen und durch das Engagement
Eine sozial produktive Gesellschaft benötigt eine          vollziehen. Ein erweiterter Begriff von Reichtum
soziale Infrastruktur, die – vergleichbar der wirt-        umfasst äußeren und inneren menschlichen
schaftlichen Infrastruktur – als eine öffentliche Auf-     Reichtum. Er bezieht sich nicht nur auf Zählbares,
gabe erstellt und bezahlt werden sollte (Dettling          Materielles, sondern fasst als Reichtum all das, was
2000: 12). Die Infrastruktur ist in materieller, perso-    zur Bereicherung des Lebens beiträgt: Hierzu zäh-
neller, rechtlicher und prozeduraler Hinsicht zu           len Freunde und Familie, der Aufbau sozialer Netz-
gestalten. Eine unterstützende Umgebung kann               werke, persönliche Erfahrungsräume und Heraus-
auch durch ein neu bestimmtes Verwaltungshan-              forderungen, die Möglichkeit des Lernens sowie
deln und stärkere lokale Kooperationen erreicht            Zeit für Lebensgenuss. Eng damit verbunden ist
werden. Eine wichtige Aufgabe der Verwaltung               ein erweitertes Verständnis von Sicherheit, die
besteht darin‚ Vereine, Gruppen und Initiativen bei        nicht nur in materieller Absicherung und Daseins-
ihren Projekten zu unterstützen, Koordinations-            vorsorge, sondern auch in sozialer Einbindung,
und Fortbildungshilfen anzubieten, Konflikte als           lokalen wirtschaftlichen Beziehungen und funktio-
Moderatoren zu überwinden und engagierte Bür-              nierenden Netzwerken besteht. Das Lernen von
ger/-innen an interessante Projekte anzukoppeln            anderen Kulturen kann dazu beitragen, bisherige
(Beck 2000: 21). Hierzu sind unterschiedliche Res-         westlich-industriegesellschaftliche Engführungen
sorts zu vernetzen und ist eine ganzheitliche Orien-       auszudehnen.
                                                                                                                  33
     Diskussion gesellschaftlicher                            lungskonzepten. Dass in den so genannten „Hartz-
     Leitbilder                                               Gesetzen“ nur Erwerbstätigkeit und abhängiger
     Die   perspektivischen    Erweiterungen      bringen     Beschäftigung eine prägende Funktion beigemes-
     zwangsläufig neue Leitbilder gesellschaftlicher Ent-     sen wird, zeugt, gerade angesichts der Situation in
     wicklung hervor. Das derzeit dominante Erklä-            vielen ostdeutschen Regionen, von einer begrenz-
     rungsmuster für politisches Handeln beruft sich auf      ten Vorstellungskraft und von einer Wirklichkeitsfer-
     den Wettlauf der Nationen in einer globalisierten        ne der politisch Verantwortlichen. Reformen, die
     Ökonomie und überhöht damit einseitig die globa-         auf die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft und die
     le Ebene. Das dadurch vermittelte Leitbild ist nicht     Handlungsmacht der Einzelnen abzielen, müssen
     in der Lage, Orientierung zu geben für die Gestal-       zuallererst die Freiheit von Existenzangst anstreben
     tung der Lebensbedingungen vor Ort. Um Ziele             sowie Räume zur kreativen Entfaltung und Zeit für
     aus der Gesellschaft heraus zu formulieren, ist eine     Balance bieten.
     breite Diskussion darüber notwendig, was gutes
     Leben heißt, wie das Zusammenleben beschaffen
     sein soll, wie gut Menschen in einer Gesellschaft
     leben können und ob sie die Wahl haben, verschie-
     denen Tätigkeiten und Interessen nachzugehen.
     Für den Umbau der Arbeitsgesellschaft sind keine
                                                              Literatur
     zentralistischen Einheitslösungen in Sicht. Vielmehr     Beck, Kurt 2000: Bürgerschaftliches Engagement zwischen
     sind politische Ressorts übergreifende, institutionel-      Tradition und Aufbruch. In: Forschungsjournal Neue Sozi-
     le Neuerungen anzugehen und soziale Innovatio-              ale Bewegungen, Heft 2, 15- 21.
     nen zu ermöglichen und zu unterstützen.                  Dettling, Warnfried 2000: Die Bürgergesellschaft als Reform-
                                                                 perspektive. Neue Chancen für das Ehrenamt. In: For-
                                                                 schungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Heft 2, 8-14.
     Die dargestellten Ergebnisse veranschaulichen
                                                              Döhl, Volker/Kratzer, N./Sauer, D. 2000: Krise der NormalAr-
     prägnante Grundformen der Kombination und zei-
                                                                 beit(s)Politik. Entgrenzung von Arbeit – neue Anforderun-
     gen, dass es nicht das Engagement an sich gibt.             gen an Arbeitspolitik. In: WSI-Mitteilungen Heft 1, 5-17.
     Die Tragweite der Typen Verstärkung, Ergänzung,          Engler, Wolfgang 2002: Die Ostdeutschen als Avantgarde.
     Überbrückung, Ausgleich und Alternative Aufgabe             Berlin.
     für andere Bevölkerungsgruppen oder abweichen-           Evers, Adalbert/Ostner, I./Wiesenthal, H. 1989: Arbeit und

     de Themenfelder ist in weiteren Untersuchungen              Engagement im intermediären Bereich. Zum Verhältnis
                                                                 von Beschäftigung und Selbstorganisation in der lokalen
     zu prüfen. Gleichwohl ist zu vermuten, dass es sich
                                                                 Sozialpolitik. Augsburg.
     im Prinzip um grundlegende Muster handelt. So
                                                              Forschungsverbund Gemeinschaftsnutzung 2003: Gemein-
     können die Typen als strukturierende Bilder dazu            sam nutzen, lokal gestalten. Entwicklungspotenziale von
     dienen, sich über Ausprägungen der sozialen Wirk-           Gemeinschaftsnutzungseinrichtungen. Dokumentation
     lichkeit zu verständigen und gestalterische Maß-            des Workshops am 19. November 2002 in Potsdam. Ber-
     nahmen stärker als bisher regionalen Unterschie-            lin, Potsdam.

     den, den jeweiligen Bedürfnisstrukturen und              Grottian, Peter/W.-D. Narr/R. Roth 2003: Sich selbst eine
                                                                 Arbeit geben. Alternativen zur „Repressagenda 2010“:
     Potenzialen anzupassen.
                                                                 Umverteilung und Aufwertung der Kommunen. In:
                                                                 http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_
     Angesichts der ökologischen Grenzen des Wachs-              politik/dokumentation/?cnt=348195
     tums führt der Weg, entgegen quantitativer               Jurczyk, Karin/Voß, G. 2000: Entgrenzte Arbeitszeit – Reflexive
     Wachstumsannahmen, hin zu qualitativen Entwick-             Alltagszeit. Die Zeiten des Arbeitskraftunternehmers. In:
34
    Hildebrandt, Eckart (Hg.): Reflexive Lebensführung. Zu
    den sozialökologischen Folgen flexibler Arbeit. Berlin, 151-
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Klein, Dieter: Zukunft statt Reformen: Arbeit für alle. Ein reali-
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Klenner, Christina/Pfahl, S./Seifert, H. 2001: Ehrenamt und
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Kortmann, Karin/Evers, A./Olk, T./Roth, R. 2002: Engage-
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    mation 13.06.2002: http://www.zivilgesellschaft.de/
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Kronauer, Martin 1997: „Soziale Ausgrenzung“ und „Under-
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Kuppe, Johannes L. 1995: Das scheinbar Banale ist wichtig
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Münkler, Herfried 2000: Ehre, Amt und Engagement. Wie
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Schmid, Günther 1997: Neue institutionelle Arrangements
    von Erwerbsarbeit. Übergangsarbeitsmärkte als neues
    Konzept    der    Vollbeschäftigung.     In:   Grenzdörffer,
    Klaus/Biesecker, A./Vocke, C. (Hg.): Neue institutionelle
    Arrangements für eine zeitgemäße Wohlfahrt. Pfaffenwei-
    ler, 90-108.
Schumacher, Ulrike 2003: Lohn und Sinn. Individuelle Kombi-
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    Opladen.
Verbundprojekt Arbeit und Ökologie 2000: Abschlussbericht.
    Hans-Böckler-Stiftung (Hg.). Berlin/Wuppertal.
Vobruba, Georg 1999: Income Mixes – Die neue Normalität
    nach der Vollbeschäftigung. In: Fricke, W. (Hg.): Jahrbuch
    Arbeit und Technik 1999/2000. Bonn, 103-113.




                                                                     35
3
                    Projektvorstellung: „3. Chance“
F o r u m



            KATHARINA KOCH, FREIWILLIGENAGENTUR NORDHARZREGION




  36
37
38
39
     Das Online-Netz für
     Bürgerengagement in Deutschland

                                  DR. GERD PLACKE, BUNDESARBEITSGEMEINSCHAFT
                                                   DER FREIWILLIGENAGENTUREN




     Das Bürgernetz ist ein Internet-Projekt zur Förde-   des Bürgerengagements: Mit den „Engagement-
     rung und Vernetzung bürgerschaftlichen Engage-       Fenstern“ werden die Berichte und Unterstüt-
     ments in Deutschland. Träger soll das Bundesnetz-    zungsgesuche engagierter Gruppen von zahlrei-
     werk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) wer-        chen Knotenpunkten des deutschsprachigen Inter-
     den, Betreiber sind das Netzwerk Spendenportal       nets aus erreichbar.
     e.V. und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Frei-
     willigenagenturen (bagfa).                           Das Bürgernetz soll strukturbildende Bedeutung
                                                          bekommen – als ein zentraler Beitrag zur künftigen
     Das Bürgernetz verknüpft                             Infrastruktur zur Suche nach einer freiwilligen
     ❚ die Online-Geldspendenservices des Spen-           Tätigkeit und zur Information über bürgerschaftli-
        denportals,                                       ches Engagement in Deutschland.
     ❚ die Internet-Zeitspendenbörse der Freiwilli-
        genagenturen,                                     Die Zeitspendenbörse
     ❚ die Nachrichten- und Veröffentlichungs-            Das Angebot soll der Zersplitterung der gemein-
        angebote der Social Times.                        nützigen Internet-Angebote in Deutschland ent-
                                                          gegenwirken. Im deutschsprachigen Internet gibt
     Dieser dreifache Nutzen ist die Voraussetzung der    es zahlreiche Datenbanken für bürgerschaftliches
     selbst bestimmten Mitwirkung gemeinnütziger          Engagement. Teils dienen sie der Vermittlung von
     Initiativen, Vereine und Verbände aus ganz           Informationen, teils der von Spenden, teils der von
     Deutschland: In der interaktiven Datenbank           freiwilligen Tätigkeiten. Diese Zersplitterung ist
     des Bürgernetzes präsentieren sie eigenverant-       einer der wesentlichen Gründe dafür, dass der Drit-
     wortlich ihre Arbeit und Projekte; in den Zeit-      te Sektor hier – anders als etwa in den USA oder
     spendenportalen können sie ihren Bedarf an           Großbritannien – die Chancen des neuen Mediums
     aktiver Mitarbeit konkret beschreiben. Damit         bisher kaum nutzen konnte.
     ermöglichen die Unterstützungsangebote der
     Plattform die Vernetzung von Organisationen quer     Die vereinbarte kooperative Lösung zielt auf den
     durch alle Themen, Milieus und Regionen der Bür-     Aufbau und die Verbreitung eines gemeinsamen
     gergesellschaft.                                     Datenbank-Netzes. Statt isolierter Nutzungsange-
                                                          bote wird eine Verknüpfung von Informationen,
     Das Bürgernetz ist nicht als „Portal“, sondern als   Geld- und Zeitspenden angeboten: Denn bürger-
     Netz mit vielen dezentralen Zugangsmöglichkei-       schaftliches Engagement, ob über Geld- oder Zeit-
     ten konzipiert. Die Engagement-Fenster lassen        spenden, setzt immer an einem konkreten Anlie-
     sich ohne besonderes technisches Know-how in         gen an.
     beliebige Homepages einfügen. Damit bietet das
     Projekt nicht nur gemeinnützigen Organisationen,     Den Mittelpunkt des gemeinsamen Datenbank-
     sondern auch Unternehmen, Fernsehsendern,            Netzes bilden deshalb die Kurzportraits gemein-
     Tageszeitungen, Bundesländern und Kommunen           nütziger Projekte, die potentiellen Freiwilligen vor-
     eine zeitgemäße Möglichkeit zur Unterstützung        gestellt werden, und die dazugehörigen Beschrei-
40
bungen von Tätigkeitsprofilen. Die Bundesarbeits-       Seinen sichtbaren Ausdruck findet dieses Daten-
gemeinschaft der Freiwilligenagenturen (bagfa)          bank-Netz in den Zeitspenden-Fenstern: Jede loka-
trägt dabei die Konzeption und laufende Beglei-         le Freiwilligenagentur - aber auch jede örtliche
tung dieser Zeitspendenbörse und ihre Verbrei-          Tageszeitung,      Stadtverwaltung, Sparkasse oder
tung unter den lokalen Engagement-Anlaufstellen         andere Institution - kann ein solches „Fenster“ in
– zunächst in den bundesdeutschen Freiwilligena-        die eigene Homepage einfügen. Dafür genügen
genturen, später auch anderen Anlaufstellen bür-        wenige Mausklicks, ein Kosten- oder Personalauf-
gerschaftlichen Engagements.                            wand entsteht nicht. Die „Fenster“ können ganz
                                                        nach individuellem Gestaltungsbedarf eingefügt
Die gemeinnützigen Organisationen können die            werden; sie stehen der eigenen Markenbildung
Projekt-Portraits eigenständig erstellen und laufend    und Online-Aktivität der Einrichtungen nicht im
in Zusammenarbeit mit den lokalen Freiwilligena-        Weg, sondern unterstützen diese.
genturen aktualisieren. Alle diese Berichte sind,
zusammen mit den darauf bezogenen journalisti-
schen Angeboten, nach der gleichen örtlichen und
thematischen Sortierung sowie per Stichwortsuche
auffindbar.


Den lokalen Freiwilligenagenturen kommt in die-
sem Konzept eine herausragende Rolle zu: Sie bil-
den die örtlichen „Geschäftsstellen“ und Admini-
stratoren des Projekts. Freiwilligenagenturen sind
seit Mitte der 90er Jahre an ca. 180 Standorten in
Deutschland entstanden. Inzwischen konzentriert
sich ein Großteil dieser Einrichtungen nicht mehr       Tr ä g e r ( a n g e f r a g t )
allein auf die Beratung von engagementbereiten          Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement
Bürgerinnen und Bürgern, sie werden immer mehr          (BBE): Das BBE ist ein Zusammenschluss von
zu lokalen Drehscheiben und Projektentwicklungs-        Akteuren aus Bürgergesellschaft, Politik und Wirt-
instanzen für bürgerschaftliches Engagement. Ihre       schaft mit der gemeinsamen Aufgabe, in nachhal-
Verankerung im lokalen Raum, ihre Arbeitsweise in       tiger Weise bestmögliche rechtliche, institutionelle
Netzwerken und ihr selbstverständliches Bewegen         und organisatorische Rahmenbedingungen für das
in sehr unterschiedlichen Bezügen wollen sie durch      bürgerschaftliche Engagement zu schaffen. In den
eine Weiterentwicklung mittels des Mediums Inter-       über 160 Mitgliedsorganisationen des BBE sind
net nachhaltig voranbringen.                            viele Millionen Menschen organisiert: www.b-b-
                                                        e.de
Im neuen Online-Engagement-Netz sind die Agen-
turen als so genannte Administratoren der Daten-        Betreiber
bank tätig und verantwortlich für die Einstellung       Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagen-
der Daten durch Gemeinwohlorganisationen, die           turen (bagfa e.V.): Als fachbezogener Zusammen-
aktuelle Datenpflege und die Qualität der einge-        schluss von Freiwilligenagenturen hat sich die
stellten Tätigkeitsprofile (Stichwort: Abwehr unzivi-   bagfa im Jahr 1999 gegründet. Sie sieht ihre Auf-
len bürgerschaftlichen Engagements).                    gaben in der Beratung, Information, Qualifizie-
                                                                                                               41
                                                          gen der angeschlossenen Organisationen und För-
                                                          derbeträgen aus dem Spendenportal-Trägerkreis.
                                                          Das Spendenportal kooperiert bei der Internet-
                                                          Spendenvermittlung mit der Bank für Sozialwirt-
                                                          schaft (BFS): www.spendenportal.de




     rung, aber auch in der Themen bezogenen
     Zusammenarbeit und Qualitätsentwicklung der
     Agenturen. Die bagfa stützt sich dabei auf vorhan-
     dene Netzwerke der Akteure: auf die 11 Regional-
     gruppen bzw. Landesarbeitsgemeinschaften der
     Agenturen sowie auf thematische Zusammenhän-
     ge („Kinder, Jugend und Familie“, Corporate
     Volunteering, Qualitätsentwicklung, Qualifizie-
     rung). Die Kooperation mit dem Verbund Freiwilli-
     gen-Zentren im Deutschen Caritasverband, den
     Zusammenschlüssen von Selbsthilfe-Kontaktstel-
     len und Seniorenbüros gehören zur Arbeit der
     bagfa genauso wie ihr Engagement im Bundes-
     netzwerk     Bürgerschaftliches     Engagement:
     www.bagfa.de



     Spendenportal e.V: Der Verein Spendenportal
     trägt die Spenden- und Organisationsverwaltung
     des Spendenportals. Er ist im November 2001
     unter der Schirmherrschaft der Sozialpolitikerin
     Regine Hildebrandt gegründet worden. Er finan-
     ziert sich aus Sponsoring-Zuwendungen, Beiträ-

42
„ Vr i j w i l l i g e r s w e r k
heeft veel te bieden“

                       ABSCHLUSSREFERAT VON CARL BEENTJES,
                            ACTIVA, ENSCHEDE / NIEDERLANDE




                                                         43
44
45
     lmpressum
     Herausgeber:
            Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (bagfa e.V.)
            Torstraße 231
            10115 Berlin
            Tel.: 030 - 20 45 33 66
            bagfa@bagfa.de
            www.bagfa.de

     Redaktion:
            Kerstin Brandhorst, Carolin Link, Dr. Gerd Placke

     Layout:
               Karin Pütt


     Die Tagung wurde finanziell unterstützt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
     und von der Stiftung MITARBEIT.

46

								
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