Vortrag - Die sowjetischen Lager

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Vortrag - Die sowjetischen Lager Powered By Docstoc
					                                REDE
Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.




POTSDAM
HUBERTUS KNABE


August 2006                     Die sowjetischen Lager in
                                Deutschland – Deutungen und
www.kas.de/potsdam
www.kas.de                      Fehldeutungen
                                VORTRAG VON HUBERTUS KNABE, DIREKTOR DER GEDENKSTÄTTE BERLIN-
                                HOHENSCHÖNHAUSEN, ZUR VERANSTALTUNG „ZUKUNFT BRAUCHT ERINNERUNG
                                - SYSTEM UND WIRKLICHKEIT DER SPEZIALLAGER IN DER SBZ/DDR 1945 –
                                1950“


                                Sehr geehrte Frau Ministerin, ehr geehrter    Inzwischen hat die Koalitionsregierung ihren
                                Herr Minister, eine sehr geehrten Damen       Frieden wiedergefunden. Wenn ich dennoch
                                und Herren, er ehemalige Generalsekretär      auf den Vorgang zurückkomme, dann des-
                                des Internationalen achsenhausenkomi-         halb, weil er durchaus typisch für die Deu-
                                tees, Hans Rentmeister, hat im April die-     tung der sowjetischen Lager in Deutschland
                                ses Jahres einen politischen Eklat vom        ist. Die Vorstellung, im Lager Sachsenhau-
                                Zaun gebrochen. Bei der Gedenkveran-          sen hätten nach dessen Wiederinbetrieb-
                                staltung zum 61. Jahrestag der Befreiung      nahme im August 1945 Nazi-Verbrecher ih-
                                des KZs Sachsenhausen, bei der Sie, Herr      re gerechte Strafe abgesessen, ist nicht nur
                                Minister, daran erinnert haben, dass das      von Herrn Rentmeister in Umlauf gebracht
                                Lager nur wenig später erneut mit Gefan-      worden. Auch in der demokratischen Öffent-
                                genen belegt wurde, behauptete er, dass       lichkeit findet sich diese Deutung vielfach
                                viele   von diesen „Folterer und Mörder       wieder – meist allerdings mit dem Zusatz,
                                aus dem KZ“ gewesen seien. Er machte          dass auch viele Unschuldige darin inhaftiert
                                Ihnen deshalb den Vorwurf, „der Mörder,       gewesen seien. Ich meine deshalb, dass es
                                Peiniger und Quäler unserer Kameraden“        wichtig ist, sich näher damit auseinander zu
                                gedenken zu wollen. In Brandenburg            setzen.
                                führte dies fast zu einer Koalitionskrise.
                                Auch die Bundesvorsitzende der Grünen,        In vielen Veröffentlichungen werden die La-
                                Claudia Roth, bezeichnete es als „Schan-      ger als eine, wenn auch pervertierte Form
                                de“, dass der hiesige Innenminister           der Entnazifizierung dargestellt. Oft kann
                                „ehemalige Häftlinge des KZs Sachsen-         man lesen, dass sie auf die Beschlüsse der
                                hausen mit einer unerträglichen Gleich-       Potsdamer Konferenz im August 1945 zu-
                                stellung von Tätern und Opfern“ provozie-     rückgingen. Das hatten in der Vergangen-
                                re.                                           heit bereits die SED und die Sowjetunion
                                                                              behauptet. Noch 1990 erklärte das Moskau-
                                Herr Rentmeister ist nicht mehr im Amt,       er Innenministerium, als es der ersten frei
                                weil sich herausgestellt hat, dass er nicht   gewählten DDR-Regierung – mit 40jähriger
                                nur kein KZ-Häftling, sondern jahrelang       Verspätung! – erstmals mitteilte, wie viele
                                hauptamtlicher Mitarbeiter des DDR-           Deutsche in den Lagern der SBZ gestorben
                                Staatssicherheitsdienstes war. Als Angehö-    seien: „Die Einrichtung von Lagern war ei-
                                riger der Kreisdienststelle Lichtenberg war   nes der Glieder in dem System der radika-
                                er unter anderem mitverantwortlich für die    len Maßnahmen, die für die Ausrottung des
                                Verhaftung mehrerer Jugendlicher im Janu-     Faschismus und Militarismus notwendig wa-
                                ar 1962.                                      ren, damit Deutschland, wie es im Potsda-
                                                                              mer Abkommen heißt, ‚niemals wieder seine
                                                                                                                                 2




Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.   Nachbarn oder die Erhaltung des Friedens in      Von einer Bestrafung von Nazi-Verbrechern
                                 der ganzen Welt bedrohen kann’.“                 war in den Befehlen jedenfalls nicht die Re-
                                                                                  de.
POTSDAM                          Solche Rechtfertigungen sind für die Betrof-
HUBERTUS KNABE                   fenen, von denen wir nachher einige hören        Angehörige der SS und das Personal von
                                 werden, äußerst schmerzhaft. Zu dem Un-          Gestapo, Sicherheitsdienst, Gefängnissen
August 2006                      recht, das an ihnen verübt wurde, wird ein       und
                                 zweites gesetzt, indem der Eindruck vermit-
www.kas.de/potsdam               telt wird, sie seien mehr oder weniger zu        Konzentrationslagern sollten ausdrücklich
www.kas.de                       Recht inhaftiert worden. Nicht einmal im         nicht in die Lager eingeliefert, sondern wie
                                 Nachhinein erfahren sie das, was Opfer poli-
                                 tischer Gewalt vor allem brauchen: Ver-          normale Wehrmachtssoldaten als Kriegsge-
                                 ständnis, Fürsorge und Anerkennung ihres         fangene behandelt werden.
                                 Leidens.
                                                                                  Seit Juli 1945 waren auch neu entstandene
                                 Diese Rechtfertigung ist aber auch histo-        „feindliche“ Gruppierungen zu verhaften, die
                                 risch falsch. Wenn man in die Befehle            mit
                                 schaut, nach denen die Einweisungen er-
                                 folgten, stellt man fest, dass die Einrichtung   der NS-Zeit überhaupt nichts mehr zu tun
                                 der Lager mit Entnazifizierung, wie sie die      hatten. Fortan wurden immer mehr Men-
                                 Alliierten nach dem Krieg beschlossen hat-       schen
                                 ten, weder zeitlich noch inhaltlich etwas zu
                                 tun hatten. Sie stammen vom Januar bzw.          festgenommen, weil sie sich der Gleich-
                                 April 1945, als der Krieg noch tobte, die        schaltungspolitik der Sowjets widersetzten.
                                 Potsdamer Konferenz noch in weiter Ferne         Der
                                 lag und es in der Sowjetunion noch keinerlei
                                 Überlegungen zum Umgang mit NS-                  Einfachheit halber wurden freilich auch sie
                                 Verbrechern gab. Tatsächlich dienten die         in den Kategorien der Säuberungsbefehle
                                 vom sowjetischen Innenminister Berija be-
                                 fohlenen Massenverhaftungen einem ganz           registriert – wie etwa der Landrat des Krei-
                                 anderen Zweck: der, so wörtlich, „Säube-         ses Beeskow, ein alter Sozialdemokrat, der
                                 rung des Hinterlandes der kämpfenden             im
                                 Truppen der Roten Armee von feindlichen
                                 Elementen“. Dazu wurden – wie in allen           Februar 1946 als sog. „Propagandist“ ver-
                                 sowjetisch besetzten Staaten – bestimmte         haftet wurde, weil er sich gegen die gewalt-
                                 Personengruppen pauschal in Haft genom-          same
                                 men. Für Deutschland reichte die Liste von
                                 angeblichen Spionen bis zu sämtlichen örtli-     sowjetische Bodenreform gestellt hatte.
                                 chen Verwaltungschefs und Zeitungsredak-
                                 teuren.                                          Auf die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz
                                                                                  im August 1945 und die Kontrollratsdirekti-
                                 In der ersten Zeit kam neben dem Säube-          ve
                                 rungszweck noch ein zweites Motiv hinzu:
                                 Man wollte die Gefangenen als Zwangsar-          38 vom Oktober 1946 lassen sich die Lager
                                 beiter einsetzen, so wie es Stalin bereits mit   keinesfalls zurückführen. Als die Sieger-
                                 den Deportierten vieler anderer Länder ge-       mächte in
                                 tan hatte,. Erst als sich herausstellte, dass
                                 die inhaftierten Zivilisten vielfach gar nicht   Potsdam auf Initiative der USA beschlossen,
                                 arbeitsfähig waren und deutsche Kriegsge-        „Nazi-Führer“ und „einflussreiche Nazi-
                                 fangene ungleich besser geeignet waren für
                                 den GULag, wurden die Deportationen im           Anhänger“ festzunehmen, saßen bereits
                                 April 1945                                       mehr als 300.000 deutsche Zivilisten in
                                                                                  sowjetischer
                                 eingestellt.
                                                                                                                                 3




Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.   Haft, davon 70.000 in der SBZ. Den – mit        gen. Erst nach der Schließung der Lager im
                                 Vorsicht zu genießenden – sowjetischen An-      Januar 1950 stellte man etwa 3.400 Häftlin-
                                 gaben zufolge handelte es sich überwiegend      ge – das sind rund 3 Prozent – bei den be-
POTSDAM                          um niedere NSDAP- und HJ-Funktionäre,           rüchtigten Waldheimer Schnellprozessen vor
HUBERTUS KNABE                   deren Verhaftung weder das Potsdamer Ab-        Gericht, um den Lagern wenigstens nach-
                                 kommen noch die Direktive 38 vorsah.            träglich einen Hauch an Legitimation zu ver-
August 2006                                                                      leihen.
                                 Dass es sich bei der überwiegenden Mehr-
www.kas.de/potsdam               heit der Lagerinsassen nicht um NS-             Zur Tragik der Vorgänge gehört dabei, dass
www.kas.de                       Verbrecher handelte, kann man auch den          es nicht einmal einen dezidierten Willen
                                 sowjetischen Unterlagen entnehmen. Von          gab, die Inhaftierten jahrelang in den La-
                                 138.000 Inhaftierten in den deutschen Ost-      gern leiden zu lassen. Man ließ die Opfer
                                 gebieten waren 124.000 lediglich Mitglieder     der Säuberungen vielmehr regelrecht ver-
                                 nationalsozialistischer Massenorganisationen    schmoren – und verhungern –, weil nie-
                                 wie der deutschen Arbeitsfront gewesen –        mand in Moskau eine Entscheidung treffen
                                 was im Westen nicht einmal zur Einstufung       wollte, was mit ihnen geschehen sollte.
                                 als Mitläufer führte. Auch in der SBZ hatte
                                 man ziemlich willkürlich vor allem Block-       Der Anfang 1947 verhängte Stopp der ad-
                                 und Zellenleiter der NSDAP verhaftet, wäh-      ministrativen Lagereinweisungen führte lei-
                                 rend die westlichen Alliierten Internierungen   der nicht dazu, dass der Zustrom an Häft-
                                 überhaupt erst ab der Ebene von Ortsgrup-       lingen abriss. Jetzt wurden die Lager viel-
                                 penleitern vornahmen. Ende 1946 schlugen        mehr als eine Art Strafvollzugsanstalt für
                                 deshalb sogar die sowjetischen Verantwort-      die von sowjetischen Militärtribunalen Ver-
                                 lichen in Deutschland vor, 35.000 Lagerin-      urteilten benutzt. Auch diese Verfahren hat-
                                 sassen zu entlassen, weil gegen sie keinerlei   ten freilich mit einer Entnazifizierung im
                                 Belastungsmaterial vorlag.                      Sinne individueller Schuldfeststellung nichts
                                                                                 zu tun. Der größte Teil der Häftlinge – mehr
                                 Während der fünfjährigen Existenz der La-       als 11.000 von knapp 16.000, die im No-
                                 ger gab es nicht die geringsten Bemühun-        vember 1949 noch am Leben waren –, wa-
                                 gen, aus der Masse der Inhaftierten mögli-      ren nach Artikel 58 des russischen Strafge-
                                 cherweise tatsächlich belastete Nazi-           setzbuches verurteilt worden, der so ge-
                                 Verbrecher herauszufiltern und vor Gericht      nannte „konterrevolutionäre Verbrechen“
                                 zu stellen. Den Anweisungen zufolge sollten     unter Strafe stellte. Unter den Verurteilten
                                 die Gefangenen ausdrücklich nicht wegen         befanden sich zudem Tausende Jugendliche,
                                 irgendwelcher Taten angeklagt, sondern nur      die beschuldigt wurden, dem so genannten
                                 auf unbestimmte Zeit „von der Gesellschaft      Werwolf angehört zu haben, und die schon
                                 isoliert“ werden. Durch das Verschwinden in     aufgrund ihres Alters in der NS-Zeit keine
                                 den von der Außenwelt abgeschnittenen La-       besondere Rolle gespielt haben konnten.
                                 gern wurde eine Aufklärung von Verbrechen       Bereits im August 1947 hatte die sowjeti-
                                 sogar geradezu vereitelt – wie der Leiter der   sche Militäradministration darüber hinaus
                                 sowjetischen Militäradministration in Sach-     die Bestrafung von NS-Verbrechern an die
                                 sen-Anhalt seinen Vorgesetzten in einem         deutschen Gerichte übertragen, und mehr
                                 Brief vom Juli 1947 eindringlich schilderte:    als die Hälfte aller Verurteilungen wurde
                                 „Sie sind aus dem Blickfeld der demokrati-      erst danach ausgesprochen. Die NS-
                                 schen Öffentlichkeit verschwunden, die Zeit     Vergangenheit wurde vielfach auch nur vor-
                                 vergeht, Fakten werden vergessen, Zeugen        geschoben, um demokratischen Widerstand
                                 werden weniger, das Sammeln von Bewei-          gegen die Besatzungsmacht zu bestrafen.
                                 sen wird schwieriger.“
                                                                                 Die Verfahren selbst sprachen jeder Rechts-
                                 Anders als in den Kriegsgefangenenlagern in     staatlichkeit Hohn und beruhten in der Re-
                                 der Sowjetunion fand in den deutschen La-       gel nicht auf eigenen Ermittlungen, sondern
                                 gern auch keinerlei politische Umerziehung      auf Denunziationen und Geständnissen, die
                                 statt. Ebenso wenig wurden die Inhaftierten     vielfach unter schwerer Folter erpresst wor-
                                 zu Wiedergutmachungsarbeiten herangezo-         den waren. So hat die stalinistische Terror-
                                                                                                                                  4




Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.   justiz nicht nur dafür gesorgt, dass tatsäch-   In vielen Veröffentlichungen ist nicht nur die
                                 liche NS-Verbrecher eher zufällig mitverur-     Zahl der Lager und der Gefangenen, son-
                                 teilt wurden. Sie wurden dadurch vielmehr       dern auch die der Toten deutlich zu niedrig
POTSDAM                          selbst zu Opfern eines Unrechtssystems,         angeben. Viele Autoren setzen die mittler-
HUBERTUS KNABE                   deren wahre Verantwortung heute vielfach        weile zugänglichen sowjetischen Gefange-
                                 nicht mehr zu klären ist.                       nenstatistiken kurzerhand an die Stelle frü-
August 2006                                                                      herer Schätzungen von Zeitzeugen, die weit
                                 Die Vorstellung, dass die sowjetischen Lager    höher lagen. Doch jeder, der die Arbeitswei-
www.kas.de/potsdam               in Deutschland eine zumindest teilweise be-     se der sowjetischen Geheimpolizei kennt,
www.kas.de                       rechtigte Reaktion auf das verbrecherische      weiß, dass die scheinbare Präzision ihrer
                                 Nazi-Regime waren, hat maßgeblich dazu          Zahlenkolonnen eine Fiktion war. Bis Mitte
                                 beigetragen, dass es bis heute nicht zu ei-     Mai 1945 gab es überhaupt keine ordentli-
                                 ner angemessenen Würdigung der Opfer            che Buchführung.
                                 gekommen ist. Niemand will sich vorwerfen
                                 lassen, die „Mörder, Peiniger und Quäler“       Erschöpfte oder flüchtende Gefangene wur-
                                 von KZ-Insassen zu ehren. Vergessen wird        den bei den Transporten häufig erschossen
                                 dabei, dass die Lager als solche Unrecht        und vielfach durch Passanten ersetzt, damit
                                 darstellten – unabhängig von der Vorge-         die Zahl am Ende stimmte. Über 400.000
                                 schichte der Inhaftierten. Auch die so ge-      Deutsche gelten nach Angaben des Deut-
                                 nannten Berufsverbrecher in den Konzent-        schen Roten Kreuzes bis heute als verschol-
                                 rationslagern der Nazi-Zeit sind Opfer eines    len. Auch sprachlich werden die sowjeti-
                                 Unrechtsregimes.                                schen Lager in Deutschland weich gezeich-
                                                                                 net. In zahlreichen Veröffentlichungen wer-
                                 Im Geschichtsbild der Deutschen spielen die     den sie als „Internierungslager“ bezeichnet,
                                 sowjetischen Lager deshalb bis heute nur        die es so nur in den Westzonen gab und die
                                 eine unbedeutende Rolle – wenn sie denn         dort den Alliierten dazu dienten, vorwiegend
                                 überhaupt bekannt sind. Erwähnt man in          höhere NS-Funktionäre und Angehörige des
                                 Deutschland etwa Buchenwald, denken die         nationalsozialistischen Terrorapparates vo-
                                 meisten bis heute nur an das Nazi-KZ, ob-       rübergehend festzusetzen, um ihr Verhalten
                                 wohl die Überlebenschancen in dem Lager         während des Nationalsozialismus zu unter-
                                 unter sowjetischer Verwaltung noch gerin-       suchen. Im Gegensatz zu den sowjetischen
                                 ger waren als davor.                            Lagern wurden sie dabei so gut versorgt,
                                                                                 dass die Sterblichkeit im Lager meist niedri-
                                 Auf subtile Weise hat die gebremste Empa-       ger als außerhalb war.
                                 thie mit den Opfern auch bei der wissen-
                                 schaftlichen Aufarbeitung der Lagerge-          Selbst der Begriff „Speziallager“, der sich in
                                 schichte ihre Spuren hinterlassen. In vielen    den meisten neueren Publikationen wieder-
                                 Veröffentlichungen ist z.B. davon die Rede,     findet, bringt eine unmerkliche Bedeutungs-
                                 dass es in Deutschland insgesamt zehn           verschiebung mit sich. Er erinnert eher an
                                 sowjetische Lager mit gut 120.000 Häftlin-      ein Lager für Spezialisten oder an eine ge-
                                 gen gegeben habe. In Wahrheit waren es          hobene Unterbringung als an ein Gefange-
                                 mindestens 36 Lager, die sich vielfach öst-     nenlager, in dem ein Drittel der Insassen
                                 lich von Oder und Neiße befanden. Die           starb. Tatsächlich hießen die Lager im Jar-
                                 furchtbaren Haftorte in Schneidemühl,           gon der sowjetischen Geheimpolizei „Spez-
                                 Schwiebus, Landsberg und weiteren Orten,        lag“ – eine Kurzform für den Begriff „Son-
                                 in denen allein fast 240.000 Deutsche ein-      derlager“, die es auch in der Sowjetunion
                                 saßen, werden aus Unbedachtheit oder Ge-        für vermeintlich besonders gefährliche Fein-
                                 schichtslosigkeit kurzerhand ausgeblendet.      de gab.
                                 Erst Recht vergessen sind jene Häftlinge,
                                 die aus Deutschland in die Sowjetunion ver-     Andere Begriffe werden dagegen tabuisiert.
                                 schleppt wurden. Nach sowjetischen Zäh-         So lehnen es viele Historiker ab, von „Kon-
                                 lungen waren dies allein mindestens             zentrationslagern“ zu sprechen, obwohl der
                                 175.000 Menschen, von denen ein Viertel         Begriff in der Sowjetunion bereits unter Le-
                                 starb.                                          nin benutzt wurde und die Häftlinge zum
                                                                                                                                5




Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.   Teil in denselben Baracken lebten wie die      Vergleich zwischen den Lagern des zwan-
                                 KZ-Häftlinge der Nationalsozialisten. Hörte    zigsten Jahrhunderts besteht nicht nur die
                                 Buchenwald auf, ein Konzentrationslager zu     Gefahr, die Verbrechen des Nationalsozia-
POTSDAM                          sein, weil es nicht mehr von der SS, son-      lismus zu relativieren, sondern auch die, die
HUBERTUS KNABE                   dern von der sowjetischen Geheimpolizei        Untaten des Sowjetkommunismus zu ver-
                                 verwaltet wurde?                               harmlosen. Viele Opfer teilen jedenfalls die
August 2006                                                                     Sichtweise Alexander Solschenizyns, der
                                 Auf noch größere Ablehnung stößt der von       einmal bitter von den „kalten Auschwitzen
www.kas.de/potsdam               nicht wenigen Überlebenden benutzte Beg-       des Nordens“ sprach. Das GULag-Regime,
www.kas.de                       riff „Vernichtungslager“ – obwohl rund ein     so stellte der Friedensforscher Egbert Jahn
                                 Drittel der Inhaftierten das Lager nicht       einmal nüchtern fest, hatte den unschätzba-
                                 überlebt hat. Historiker haben dem entge-      ren Vorteil, dass die Verantwortung für den
                                 gen gehalten, dass es in den Lagern keine      Tod anonymisiert wurde und Hunger, Durst
                                 Vernichtungsabsicht gegeben habe, sondern      und Kälte den Tätern die Arbeit abnahmen.
                                 die hohe Zahl der Toten auf Desorganisati-
                                 on, Verantwortungslosigkeit und allgemeine     Abgesehen davon, dass es für die Betroffe-
                                 Versorgungsprobleme zurückzuführen sei.        nen keinen Unterschied machte, ob man sie
                                 Insbesondere die Gedenkstätten mit einer       mit oder ohne Absicht umbrachte, steht au-
                                 „doppelten“ Vergangenheit sind bemüht,         ßer Zweifel, dass in den sowjetischen La-
                                 das Grauen der nationalsozialistischen La-     gern der Tod der Gefangenen von der politi-
                                 gerphase nicht durch das der sowjetischen      schen Führung stets billigend in Kauf ge-
                                 zu überdecken.                                 nommen wurde.


                                 Auch Alexander von Plato, Herausgeber ei-      Die Insassen der sowjetischen Lager in
                                 ner umfangreichen Studie über die Lager,       Deutschland haben das Unglück, in einen
                                 kommt zu dem Schluss, »dass die Zustände       furchtbaren Wettbewerb gestellt zu werden:
                                 und Konsequenzen in den sowjetischen           Welches Regime hat die schrecklicheren
                                 Speziallagern auf deutschem Boden keine        Verbrechen hervorgebracht – Nationalsozia-
                                 Gleichsetzung mit den nationalsozialisti-      lismus oder Kommunismus? Todeszahlen
                                 schen Vernichtungs-KZs zulassen. Auch bei      werden gegeneinandergehalten, Tötungs-
                                 der drastischen Kalorienabsenkung im No-       formen hierarchisiert. In Deutschland, dem
                                 vember 1946 könne keine Vernichtungsab-        Ausgangspunkt der nationalsozialistischen
                                 sicht nachgewiesen werden, wohl aber ein       Massenverbrechen, erscheinen die Opfer
                                 Wust von bürokratischen Parallel- und Fehl-    sowjetischer Verfolgung bei einer solchen
                                 entscheidungen.                                Betrachtungsweise fast zwangsläufig als Op-
                                                                                fer zweiter Klasse. Doch eine solche Sicht
                                 Auf die Überlebenden wirken derartige Un-      auf die Geschichte ist nicht nur moralisch
                                 terscheidungen, so begründet sie auch sein     zweifelhaft und zynisch, sondern auch sach-
                                 mögen, wie ein Versuch, die Unmenschlich-      lich falsch. Denn ein Verbrechen wird durch
                                 keit der sowjetischen Nachkriegspolitik auf    ein zweites nicht weniger schlimm, sondern
                                 feinsinnige Weise zu relativieren. Wenn die    das Leid verdoppelt sich. Jedes Opfer hat
                                 Vernichtung keine Absicht war, dann kann       deshalb ein Anrecht auf gleiche menschliche
                                 sie nur unbeabsichtigt, also aus Versehen      Anteilnahme.
                                 erfolgt sein, so dass niemandem ein politi-
                                 scher Vorwurf zu machen ist. Dass man          Literatur-Tipp
                                 Zehntausende in Lagern sterben ließ, war
                                 demnach kein Mord, sondern bestenfalls         Hubertus Knabe, Tag der Befreiung? Das
                                 fahrlässige Tötung.                            Kriegsende in Ostdeutschland, Propyläen
                                                                                Verlag, Berlin 2005
                                 Natürlich macht es einen Unterschied, ob
                                 ein Regime Menschen gezielt vernichten
                                 lässt oder ob es lediglich ihre Lebensbedin-
                                 gungen so gestaltet, dass sich ihre Überle-
                                 benschancen stark verringern. Doch beim