Exkursionsbericht nach Auschwitz by pengxiuhui

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									    Studierende der Friedrich-Schiller-Universität Jena fahren nach Oświęcim/Auschwitz
                Bericht über die Exkursion vom 20. bis zum 22. Februar 2010
                                     von Jenny Dübner




Drei Tage Auschwitz, drei Tage voller Unfassbarkeit und Diskussionen, Aufarbeitung und
Redebedarf: Besichtigung der Stadt, Gespräch mit der Leiterin der pädagogischen Abteilung
in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte (IJBS), Besuch im Stammlager Auschwitz und
im Außenlager Auschwitz-Birkenau und ein Zeitzeugengespräch mit dem ehemaligen
Häftling und Photographen Wilhelm Brasse. So lässt sich unsere dreitägige Exkursion
zusammenfassen, die auf studentische Initiative hin am Ende des Wintersemesters 2009/10
zustande gekommen ist.
       Wir hatten in der Begegnungsstätte die Möglichkeit, uns mit der Thematik
auseinanderzusetzen, innerhalb der Gruppe über Themen zu diskutieren, unsere Eindrücke
auszutauschen und uns dem Thema zu stellen. Dabei wurden wir betreut, pädagogisch
unterstützt sowie mit Informationen und Material versorgt. Die Gespräche waren offen und
anregend, da sich alle Exkursionsteilnehmer einbrachten und sehr interessiert waren.

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Beeindruckend war vor allem die Aufmerksamkeit, die Wilhelm Brasse während seines
Berichtes entgegengebracht wurde. Seine Geschichte hat uns alle tief berührt, nachdenklich
gestimmt und war ein Thema der kommenden Tage. Die Mitarbeiter der Begegnungsstätte
waren hilfsbereit und immer zur Stelle, wenn Fragen auftauchten. Die Betreuung vor Ort war
klasse, weil wir immer einen Ansprechpartner hatten. Wir wurden beim Stadtrundgang, bei
den Führungen in den ehemaligen Lagern und bei Veranstaltungen betreut. Es wurden nicht
nur Informationen weitergegeben, sondern pädagogisch aufbereitet, vermittelt und
nachbereitet. Wer nach dem Besuch des einstigen Stammlagers das Bedürfnis hatte, über
seine Eindrücke zu reden, bekam Gelegenheit, dies im Kreis der Gruppenteilnehmer zu tun.
       Insgesamt verbrachten wir eine informative, emotionale und aufschlussreiche Zeit in
Auschwitz, in der wir nicht nur einen Einblick in die Arbeit und Ziele der IJBS bekamen,
sondern auch „die Orte des Unbeschreiblichen“ begehen und an der Geschichte eines
Überlebenden teilhaben durften. Die Exkursion trug neben der Vertiefung von fachlichem
Vorwissen besonders zur emotionalen Auseinandersetzung und Verarbeitung des
Vernichtungssystems der Nationalsozialisten bei. Vor allem Letzteres hat jeden Teilnehmer
auf ganz individuelle Art und Weise geprägt und bereichert.




Samstag, 20. Februar 2010
Abfahrt und Ankunft
Die Exkursion begann am frühen Morgen des 20. Februar auf dem Hortenplatz in Jena. Alle
34 Teilnehmer – Studierende am Historischen unserer Universität, aber auch
Kommilitoninnen und Kommilitonen aus anderen Fächern – waren pünktlich und stiegen
noch sehr müde in den Bus ein, der uns nach guten neun Stunden Fahrt, inklusive vieler
ausgiebiger Pausen, zur IJBS Auschwitz brachte. Dort wurden wir von unserem Betreuer,
Mike Lehner, begrüßt und von ihm mit dem weiteren Exkursionsablauf vertraut gemacht. Es
folgte eine Stadtführung, in der uns Mike die Geschichte von Auschwitz näher brachte.


Die Stadtführung durch Oświęcim
Mike erzählte uns, dass Auschwitz nur der deutsche Name der Stadt sei, auf Polnisch heißt sie
Oświęcim. Der Ort liegt an zwei Flüssen, der Weichsel und der Soła. Mike machte uns
unterwegs darauf aufmerksam, dass die Geschichte von Oświęcim nicht erst mit dem
Einmarsch der Nationalsozialisten beginnt, sondern bis zur ersten urkundlichen Erwähnung
im Jahr 1179 zurückreicht. Durch den Zusammenfluss von Soła und Weichsel wurde die Stadt

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zu einem Handelszentrum. Auch heute noch ist das Fürstenschloss zu bewundern. Viele
verbinden mit der Stadt Auschwitz nur den Ort des größten Konzentrationslagers im Zweiten
Weltkrieg. Dass hier heute 55.000 Einwohner leben und Oświęcim zudem eine Industriestadt
ist, wissen die wenigsten. Ebenfalls bemerkenswert ist die Tatsache, dass der Anteil der
jüdischen Einwohner einst bei 60% lag. Von Mike erfuhren wir, dass heute nur noch ein
einziger Bürger jüdischen Glaubens hier wohnt. An die jüdische Kultur erinnern nur noch
vereinzelte Orte, wie der jüdische Friedhof, der erhalten geblieben ist. Es war für uns schwer
vorstellbar, dass vor dem Zweiten Weltkrieg über die Hälfte der mindestens 12.000
Einwohner Juden gewesen sein sollen.


Zwei oder drei Dinge, die ich von ihm weiß
Zurück in der IJBS fanden wir uns in einem der Seminarräume ein, wo Organisatorisches
besprochen wurde und wir die Möglichkeit bekamen, den Dokumentarfilm: „Zwei oder drei
Dinge, die ich von ihm weiß“ zu sehen. Die Handlung: „Die Familie eines Nazitäters, 60
Jahre nach Kriegsende. Längst ist die Wahrheit über die Vergangenheit des Vaters
aktenkundig, aber unter seinen Verwandten wird sie beschönigt, geleugnet und verdrängt –
mit all der Leidenschaft, zu der nur Familienbande fähig sind.“ (Weitere Infos zum Film
unter: http://www.2oder3dinge.de) . Eine intensive Diskussion entbrannte aufgrund des
Filmes – und das trotz der späten Uhrzeit und des insgesamt anstrengenden Tages. Im
Mittelpunkt standen die Fragen: Wie bewerten wir den Film hinsichtlich der
Auseinandersetzung der Folgegeneration auf den Tätern? Was ist uns aufgefallen? Wie gehen
wir mit dem Vergangenen um? Der Film und die Diskussion beschäftigten die Teilnehmer
noch eine ganze Weile, so dass die Inhalte sogar diejenigen erreichten, die den Film nicht
gesehen hatten. In kleinen Grüppchen wurde noch bis tief in die Nacht hinein anregt diskutiert
und wir fielen erst spät erschöpft in unsere Betten.


Sonntag, 21. Februar 2010
Gespräch mit der Pädagogin Anna Meier
Nach einer kurzen Nachtruhe und einem guten Frühstück trafen wir 8:30 Uhr in unserem
Seminarraum auf die Pädagogin Anna, die uns von ihrer Arbeit in der IJBS berichtete und uns
mit dem Konzept und den Zielen der IJBS vertraut machte. Die Idee, eine Begegnungsstätte
zu errichten, ging Ende der siebziger Jahre von Volker von Törne aus, einem deutschen
Dichter, der damals Geschäftsführer der Aktion Sühnezeichen war. Der Weg von der Idee bis
zur Umsetzung des Projekts war kein geradliniger, und es dauerte einige Jahre, bis das

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anfangs sehr umstrittene Haus 1986 als Bildungseinrichtung Anerkennung fand. Seine
Bekanntheit verdankt es nun vor allem dem Film „Am Ende kommen Touristen“, der von
Robert Thalheim, einem ehemaligen Zivildienstleistenden an der IJBS gedreht wurde und
2007 in die deutschen Kinos kam. Die Organisation der IJBS beruht auf Freiwilligenarbeit
und Spendengeldern. Sie wird von einer Stiftung getragen, die sich aus der Aktion
Sühnezeichen / Friedensdienste und der Stadt Oświęcim zusammensetzt. Die IJBS sieht sich
als Vermittlerin zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem, was auch der Grund dafür ist,
dass sie sich zwischen dem Stadtzentrum und dem ehemaligen Stammlager befindet. Hier
treffen sich Jugendliche aus aller Welt, um gemeinsam die Geschichte von Auschwitz
aufzuarbeiten und Versöhnungsarbeit zu leisten. Der Großteil, ca. 80 Prozent der Gruppen,
kommt aus Deutschland. In der IJBS haben Jungendliche die Möglichkeit an Workshops
teilzunehmen und die Bibliothek sowie andere Räumlichkeiten zu nutzen. Zudem verfügt das
Zentrum über Erholungs- und Sportmöglichkeiten, damit zwischen den angebotenen
Workshops und Seminaren Energie aufgeladen werden kann. Die IJBS folgt vor allem drei
Direktiven:
• Auschwitz    war eine zu schmerzliche Lektion für die Menschheit, als dass man sie vergessen
könnte;
• Aus   der Geschichte lassen sich für die Gestaltung unserer Zukunft Lehren ziehen;
• Durch   gegenseitiges Kennenlernen und die Beschäftigung mit der Geschichte können
Ängste, Vorurteile und Feindseligkeiten abgebaut werden.
         Nach der Vorstellung der Arbeit der IJBS bewegten uns unter anderem die Fragen,
warum das Haus keine staatliche Unterstützung aus Deutschland und Polen erfährt und von
welchem deutschen Staat seinerzeit die Initiative zu seiner Realisierung ausging. Die
Hintergründe sind kompliziert und liegen teilweise im Dunkeln, klar ist aber, dass sich die
Bundesrepublik damals um die Errichtung des Hauses bemühte.


Besuch im ehemaligen Stammlager (Auschwitz I)
An der Rezeption der IJBS wartete um 9 Uhr bereits Mike, und wir machten uns zu Fuß auf
den Weg ins ehemalige Stammlager (Auschwitz I). Der Weg dorthin dauerte ungefähr
20 Minuten. Als wir ankamen, wurden wir von unserem Guide, Herrn Lech begrüßt. Mit
Kopfhörern und Mikrophon ausgestattet begannen wie die Führung vor den ehemaligen
Werkstätten. Herr Lech zeigte uns anhand einer Karte den Aufbau des Lagers und die
Gebäude, die wir später noch genauer sehen sollten. Unser Weg führte uns durch das Tor in
den Lagerbereich. Die Aufschrift „Arbeit macht frei!“ war uns allen bereits bekannt –

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spätestens seit dem Diebstahl des Schildes einige Wochen zuvor, welcher in den Nachrichten
und Zeitungen thematisiert wurde. Wir sahen deshalb auch nur eine Kopie, das Original
befindet sich zum Glück nicht mehr beim Dieb und „leidenschaftlichen Sammler“ aus
Schweden. Die Worte „Arbeit macht frei“ muten aufgrund des nationalsozialistischen
Programms zur Vernichtung durch Arbeit besonders zynisch an.
       Mit dem Schritt durch das Tor befanden wir uns mitten im Lager, links und rechts von
uns Häuser aus rotem Ziegelstein. Wir konnten uns nur schwer vorstellen, was in den Bauten
einst vor sich gegangen war. Das tolle Wetter und die Häuser erweckten bei uns eher den
Eindruck eines idyllischen Vorortes als den eines Vernichtungslagers. In einigen der Häuser
befinden sich heute Ausstellungen. Wir haben nicht das gesamte Lager besichtigt, sondern nur
einen Teil. Herr Lech führte uns in ein Gebäude, in dem in Vitrinen Massen von Haaren,
Prothesen, Brillen, Koffern und Schuhen ausgestellt sind. Viele von uns haben vor allem die
kleinen Kinderschuhe berührt. Die Tatsache, dass das NS-Regime selbst aus den Haaren noch
Profit schlug, machte uns wütend. Wir konnten die Geisteshaltung, die hinter solchen
Verfahren stand, nicht nachvollziehen. Die Unmengen an Koffern ließen uns nur erahnen, mit
welchen Hoffnungen die Menschen hier im Lager ankamen. Erzählte man ihnen doch, dass es
ihnen nun besser gehen würde und um Panik zu vermeiden, entschuldigte man sich bei der
Ankunft der Deportierten scheinheilig für die menschenunwürdigen Zustände, die sie
während ihrer Fahrt ins Lager hatten ertragen müssen. Zu der Skrupellosigkeit der SS-Männer
fiel uns nichts mehr ein. Wir schauten uns, während wir den Worten von Herrn Lech folgten,
nur sprach- und fassungslos an. Still und nachdenklich hörten wir seinen Ausführungen zu;
Fragen beantwortete er uns kompetent und freundlich.
       In einem der Ausstellungsräume hängt ein großes Bild, das die Deportation
griechischer Juden zeigt. Uns wurde dazu berichtet, dass Deportierte ihre Fahrkarte ins Lager
kaufen, also dafür bezahlen mussten. Wir waren entrüstet. Das ging weit über unser
Verständnis hinaus ... Am Eingang eines weiteren Hauses hängt eine große schwarze Tafel,
auf der in weißer Schrift ein Zitat von George Santayna steht: „The one who does not
remember history is bound to live through it again“. Diese Worte bilden den Auftakt der
Ausstellung. Wir alle konnten dem amerikanischen Philosophen und Schriftsteller George
Santayna nur zustimmen.
       Neben etlichen Bildern der Deportationen, Selektionen und des Alltags im Lager ist
auch eine Reihe von Dokumenten ausgestellt. Wir konnten auf Listen die Namen von
Menschen lesen, die im Lager inhaftiert waren, und verfolgen, aus welchen Ländern sie
stammten. Briefe, in denen SS-Leute Anweisungen erhielten oder weitergaben, waren auf

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Deutsch verfasst. Wir als deutsche Touristen hatten den Vorteil diese Briefe lesen zu können,
wodurch uns bewusst wurde, wie eng wir mit der Geschichte des Konzentrationslagers
verbunden sind, auch als dritte Generation nach dem Holocaust.
       In einem Gang hängen zahlreiche Porträts von Häftlingen, unter diesen stehen jeweils
Name, Ankunftsdatum im Lager und Sterbedatum. Es war sehr schockierend für uns zu lesen,
dass die meisten Häftlinge bereits nach wenigen Tagen verstorben waren. Ein weiterer Raum
zeigt Bilder, auf denen Inhaftierte abgebildet sind, die nur noch aus Haut und Knochen
bestanden, darunter auch viele Kinder, die für Experimente (z.B. von Josef Mengele)
missbraucht worden waren. Lech informierte uns über die Auswirkungen der
Mangelernährung und über die unmenschlichen Lebensbedingungen. Krankheiten wie
Fleckfieber waren die Folge – und die Regel im Lager. Die Häftlinge schliefen
zusammengepfercht in dreistöckigen Gestellen aus Holz. Sie hatten weder eine Matratze noch
ausreichend Decken. Andere hatten noch nicht einmal ein solches „Bett“, sondern mussten
auf dem Boden schlafen, mit Heu oder Stroh als Unterlage; um die Ausstattung mit sanitären
Anlagen stand es ähnlich katastrophal. Viele fürchteten einen Aufenthalt im Lazarett, den
kaum jemand überlebte. Die SS-Ärzte führten an den Inhaftierten Experimente durch, die
tödlich endeten.


       Im Lager gab es einen Block, den berüchtigten Block 11 – Herr Lech beschrieb ihn als
„Gefängnis innerhalb des Gefängnisses“ – mit mehreren Zellen für verschiedene „Anlässe“.
Zum Beispiel gab es eine Dunkelzelle, in der nur ein winziges Loch existierte und mehrere
Häftlinge eingesperrt wurden. Sie starben durch Ersticken. Weiterhin sahen wir mehrere
Einzelzellen, die meist für Häftlinge vorgesehen waren, die sich aktiv am Widerstand beteiligt
hatten, und eine Stehzelle, in der die eingesperrte Person auf einem kleinen Fleck mehrere
Tage zu stehen hatte.
       Zwischen den Baracken befand sich ein Appellplatz. Generell war die
Häftlingskleidung mit dem sogenannten Winkel, einem Dreieck, ausgestattet, der den
„Haftgrund“ angab: grün für Kriminelle, rot für politische Gefangene, schwarz für
„Asoziale“, lila für Bibelforscher (so hießen die Zeugen Jehowas), rosa für Homosexuelle,
blau für Emigranten und gelb für Juden. Zudem war die Häftlingskleidung, neben dem
Winkel und der Häftlingsnummer, mit Markierungen ausgestattet, die das Herkunftsland
anzeigen sollten: B für Belgier, N für Niederländer, F für Franzosen, I für Italiener, S für
Spanier, U für Ungarn, T für Tschechen und P für Polen. Die Häftlingsnummer wurde
tätowiert. Gerade diese wurde bei den Appellen zweimal täglich kontrolliert. Gelang einem

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Inhaftierten die Flucht, so hatten andere aus reiner Schikane mehrere Stunden zu stehen. Viele
überlebten diesen „Strafappell2 nicht, da sie sich vor Schwäche kaum auf den Beinen halten
konnten.
       Rudolf Höß, der erste Lagerkommandant von Auschwitz, wurde 1947 nach dem Urteil
des Obersten Volksgerichtshofs in Warschau direkt neben dem Gelände des ehemaligen
Stammlagers gehängt, nicht weit entfernt stand die „Hößvilla“, wo er einst gewohnt hatte.
Neben dem Galgen blickten wir auf eine Gaskammer. Schweigend betraten wir den Ort, an
dem unzählige Menschen den Tod fanden. Die Besichtigung der Gaskammer bildete den
Abschluss der dreistündigen Führung. Zurück zur IJBS: Dort tauschten wir bei einem
gemeinsamen Mittagessen unsere gesammelten Eindrücke aus. Danach hatten wir noch einige
Stunden Zeit, die Besichtigung auf uns wirken zu lassen, die Bibliothek oder die
Sportangebote zu nutzen oder ein Nickerchen zu halten, bevor wir Wilhelm Brasse in
unserem Seminarraum begrüßten.


Das Gespräch mit dem Überlebenden Herrn Brasse
Keiner von uns hätte Brasse auf 92 Jahre geschätzt, aber so alt ist er tatsächlich. Während er
seine Geschichte erzählte, hätte man eine Stecknadel fallen lassen hören, so bewegt waren wir
von seinen Erinnerungen. In seinen klaren, ruhigen Worten lag weder Verbitterung noch
Hass. Im Gegenteil, Brasse berichtete sogar über Lichtblicke im Lager. Es fiel uns auf, dass
er vor allem diese betonte. Daher ging sein Bericht nicht ausschließlich in eine Richtung,
sondern seine Erfahrungen im Lager hatten viele Facetten.
Wir waren alle tief beeindruckt und berührt von seiner Geschichte. In unseren Blicken lagen
Anerkennung und Bewunderung für ihn, der so freundlich über das schreckliche Geschehen
berichtete. Er redete uns mit „meine Freunde“ an, auch das hat uns sehr berührt. Sind wir
doch Nachfolger der Generation der Täter, auch wenn wir für das Geschehene nicht
verantwortlich sind. Wir dankten ihm dafür, dass wir an seiner Geschichte teilnehmen durften,
die uns noch den gesamten Abend sehr beschäftigte.
       Herr Brasse begann damit, von seinen Jugendjahren zu erzählen. Er hatte eine Lehre
als Photograph gemacht und Arbeit in Katowice (Oberschlesien) gefunden, wo er die
glücklichste Zeit seines Lebens verbracht hatte, wie er uns berichtete. Ende März 1940 hatte
er nach Ungarn fliehen wollen, was aber missglückt war. Er geriet nun für vier Monate in
deutsche Gefangenschaft. Später wurde er nach Tarnow überführt, wo er einen Monat bleiben
musste. Er hatte die Wahl, weiterhin in Gefangenschaft zu bleiben oder zur Wehrmacht zu
gehen und somit „frei“ zu sein. Brasse entschied sich gegen den Eintritt in die deutsche

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Armee. Das hatte zur Folge, dass er nach Auschwitz deportiert wurde. Der Transport dorthin
erfolgte in einem Viehwagen. Als er ankam, wurde er unter „Schlägerei“ und „Schreierei“,
wie er sich erinnert, hinaus bugsiert und erhielt einen Streifenanzug und seine
Häftlingsnummer. Ab sofort war er nicht mehr Wilhelm Brasse, sondern die Nr. 3445. Er
erzählte uns, dass SS-Lagerführer Karl Fritzsch vor den Neuankömmlingen eine Rede hielt, in
der er ihnen klar machte, dass Auschwitz kein Sanatorium sei, sondern ein
Konzentrationslager. Er gab ihnen auch gleich zu verstehen, was sie hier erwarten würde: Die
Überlebensdauer vom Juden liege bei zwei Wochen, ein gewöhnlicher Häftling lebe drei
Monate und die „Pfaffen“ lebten noch höchstens drei Wochen. Brasse schilderte, dass der
Lagerführer Recht behielt und alles genau so eintrat. Viele Juden wurden innerhalb von fünf
Tagen totgeschlagen. Die Geistlichen mussten schwere körperliche Arbeit leisten und wurden
dabei mit Peitschen geschlagen. Wir erfuhren, dass jeder Häftling Zwangsarbeit leisten
musste. Brasse wurde zum Straßenbau eingeteilt, vom Aufseher beschimpft, angeschrien und
geschlagen. Nach zwölf Tagen gelang ihm die Flucht aus dem Arbeitskommando; aus dem
Leichenträgerkommando, wo er nun arbeitete, floh er ebenfalls. Flucht innerhalb des Lagers
war anfangs noch möglich. Nach mehreren Wechseln der Arbeitskommandos gelangte er in
das Planierungskommando. Der Aufseher dort hieß Markus, er hat weder geschrien noch
geschlagen. Da Brasse Polnisch und Deutsch beherrscht, wurde er Dolmetscher im
Kommando. Unter Markus, mit dem ihn schließlich ein freundschaftliches Verhältnis
verband, ging es ihm besser als zuvor. Später kam er in die Häftlingsküche, genauer: zur
Kartoffelschälerei. Dort fühlte er sich wie im „Paradies“. Bei guter, nicht schwerer Arbeit
bekam er zusätzlich Essen. In der Küche war es außerdem schön warm. Bis 15. Februar 1941
arbeitete er dort, dann wurde er an jedem Tag zur Politischen Abteilung gerufen. Mit sieben
weiteren Häftlingen wurde er über seine photographischen Kenntnisse geprüft. Er bestand die
Prüfung und erhielt nun den Auftrag, Porträts von Lagerinsassen anzufertigen. Brasse teilte
uns mit, dass er von Block 3 in Block 25 umzog, zum Baden musste und neue Kleidung
bekam. Seine neue Tätigkeit verrichtete er seit jenem Tag in der Politischen Abteilung beim
Erkennungsdienst. Dort fand er viel bessere hygienische Bedingungen vor. Brasse hatte die
Häftlinge meist von vorne, hinten und im Profil zu photographieren. Bei guter Arbeit erhielt
er gelegentlich ein ganzes Stück Butter und einen Laib Brot, welchen er mit seinen Kollegen
teilte. Es kam auch vor, dass SS-Leute mit privaten Aufträgen an ihn herantraten und er für
seine Arbeit ebenfalls zusätzliches Essen bekam. Mit der Eröffnung des Außenlagers
Auschwitz-Birkenau im Juni 1942, wo zunächst vor allem Frauen und sogenannte Zigeuner
untergebracht waren, photographierte er jüdische Frauen – nackt und einzeln – insgesamt hat

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er ca. 250 Aufnahmen im Auftrag von Mengele angefertigt. Ihm war die Arbeit unangenehm,
da die Frauen sich vor ihm schämten und sehr schreckhaft waren. Eine Frau, die er
photographierte und die er als sehr hübsch beschrieb, sah er später auf einem Leichenhaufen
wieder. Wir waren erschüttert, das zu hören. Solche oder ähnliche Episoden erzählte uns
Brasse noch öfter. Es gab auch eine Hochzeit im Lager, bei der er photographieren musste.
Nur aus „dienstlichen“ Gründen hielt er sich im Lager Birkenau (Auschwitz II) auf. Er
schilderte uns eindrücklich die dortigen katastrophalen Zustände. In den Baracken gab es kein
Wasser und keine Toiletten. Nach Ausbruch einer Fleckfieberepidemie starben 1200 infizierte
Häftlinge. Im Lager Birkenau herrschten in Bezug auf Lebensbedingungen und hierarchische
Strukturen starke Unterschiede. Es existierte ein Bereich, den man im Lagerjargon „Mexico“
nannte. Ein anderer hieß „Kanada“, das sogenannte Effektenlager, hier wurde das Hab und
Gut der Häftlinge gehortet, das unter Regie des SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamts sortiert
und verwertet wurde.
       Am 21. Januar 1945, wenige Tage vor der Befreiung des Lagers durch die Rote
Armee, verließ Brasse das Lager und ging in die Tschechoslowakei. Am 10. Juli kam er
zurück nach Katowice, dort lernte er seine zukünftige Frau kennen, die er ein Jahr später
heiratete. Stolz berichtete er uns, dass er mit ihr 62 Jahre lang verheiratet gewesen war.
Seinen Beruf als Photograph konnte er nach Kriegsende aufgrund psychischer Belastungen
und häufig wiederkehrender schlimmer Erinnerungen nicht mehr ausüben. Heute lebt er in
einem kleinen Ort in der Nähe von Oświęcim und wird oftmals in die IJBS eingeladen, wo er
seine Lebensgeschichte erzählt. So hatten auch wir die Gelegenheit, seinen Erinnerungen zu
folgen und an seinem Schicksal teilzuhaben. Wir alle waren von seinem Bericht tief
erschüttert und gerührt. Wilhelm Brasse brachte uns trotz seiner traumatisierenden Erlebnisse
mit witzigen Bemerkungen zum Lachen und er uns schenkte uns überdies viele Male sein
Lächeln. Er wird uns im Gedächtnis bleiben.


Das ehemalige Außenlager Auschwitz-Birkenau (Auschwitz II)
An unserem dritten und letzten Exkursionstag versammelten wir uns kurz nach 9 Uhr an der
Rezeption, gaben unsere Schlüssel ab und fanden uns vor der IJBS zu einem Gruppenphoto
mit Mike und unserem Busfahrer Gerd für das Exkursionsalbum ein. Danach traten wir
unseren Besuch im einstigen Außenlager Auschwitz-Birkenau (Auschwitz II) an. Erneut
begleitete uns Herr Lech. Die Führung begann im Aussichtsturm des Einfahrtsgebäudes, von
dem aus wir einen ersten Überblick über die Größe des Lagers bekamen. Rechts von uns
sahen wir mehrere Holzbaracken, direkt vor uns blickten wir auf die Schienen und einen

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Deportationswagen. Das Areal war in der NS-Zeit umzäunt und von mehreren Wachtürmen
eingerahmt. Herr Lech zeigte uns zuerst die Baracken, in denen die Häftlinge untergebracht
wurden, bevor wir zur sogenannten Rampe gelangten. Die Gebäude, die wir uns ansahen,
gehörten zum Quarantänelager. Die Bedingungen in den Baracken, in denen die Häftlinge
schlafen mussten, waren katastrophal, besonders die hygienischen Verhältnisse.
Erkrankungen und Epidemien waren die Folge. Das Hauptinteresse des NS-Regimes bestand
darin, so viele Gefangene wie möglich zu töten. Das geschah meist gleich nach der Ankunft
im Lager. Nicht weit vom Frauenlager entfernt, erblickten wir die Schienen, auf denen
mitunter mehrere Deportationswaggons am Tag im Lager ankamen. Die Selektionen auf der
„Rampe“ fanden innerhalb von Sekunden statt. Zur einen Seite wurden Alte, Schwache und
Kranke geschickt, sie gelangten in die Gaskammern, auf der anderen Seite fanden sich
diejenigen wieder, die im Lager aufgenommen wurden, die „Arbeitstauglichen“. Es konnte
auch vorkommen, dass ein ganzer Transport sofort in die Gaskammern weitergeleitet wurde.
Später betraten wir die Zentrale Sauna, ein Gebäude, in das die Häftlinge überführt wurden,
die die Selektion überlebt hatten. Hier wurden sie aufgenommen, geduscht, geschoren,
erhielten Nummer und Lagerkleidung. Schwangere und Kranke, die bei der Selektion nicht
aufgefallen waren, wurden hier ausgesondert. Ihre Kleidung kam in die Desinfektions- und
Entwesungsanlagen.
       Wer ins Lager aufgenommen worden war, musste Zwangsarbeit verrichten, unter
anderem in den Industriebetrieben, die sich in der Nähe des Lagers angesiedelt hatten.
Lebens- und Ernährungsbedingungen in Auschwitz-Birkenau waren menschenunwürdig.
Viele Häftlinge verhungerten, erfroren, wurden misshandelt, für Experimente missbraucht
oder fanden den Tod in den Gaskammern. Wir erfuhren, dass sich in Birkenau vier
Krematorien mit je einer Gaskammer befanden. Häftlinge des sogenannten
Sonderkommandos mussten dort arbeiten und dafür sorgen, dass die Mordaktionen
reibungslos abliefen. Sie mussten die Leichen hinaustragen und wurden von der SS besonders
kontrolliert. Da sie über alle Vorgänge unterrichtet waren und daher eine Gefahrenquelle für
das NS-Regime darstellten, dauerte ihr Einsatz höchstens drei bis vier Monate, danach
wurden auch sie ermordet. Das Schicksal der Häftlinge im Sonderkommando traf uns alle
sehr. Herr Lech berichtete uns vom Aufstand des Sonderkommandos im Oktober 1944, der
von der SS jedoch niedergeschlagen wurde. Keiner der Fliehenden überlebte, sie wurden alle
gefasst und ermordet.
       Die SS zerstörte die Krematorien im Zuge ihres Abzugs aus Auschwitz Ende 1944 und
Anfang 1945, um vom systematischen Mord keine Spuren zu hinterlassen. Heute erinnern

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Ruinen, Gedenktafeln und Grabsteine an den Ort des grausamen Geschehens. Das Ausmaß
der Massenvernichtung war für uns trotz des ausführlichen Berichts von Herrn Lech
unvorstellbar. Beängstigend wirkte das riesige Lager mit seinen vielen Wachtürmen, den
Trümmern der Gaskammern und dem Stacheldrahtzaun auf uns. Die Geschichten, die wir
gehört hatten, konnten wir weder nachvollziehen noch verstehen. Nach der langen, sehr
interessanten Besichtigung verließen wir die Gedenkstätte; mindestens 1,1 Millionen
Menschen waren in Auschwitz-Birkenau umgebracht worden. Nachdem wir uns bei Herrn
Lech bedankt und uns von ihm verabschiedet hatten, stiegen wir in den Bus. Letzte Blicke
warfen wir auf das ehemalige Lager, während wir die Rückreise nach Jena antraten. Unsere
Exkursion war zu Ende. Die Gedanken und Gefühle, die wir damit verbinden, aber bleiben …




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