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Harry und Fritz

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					Harry und Gabi – Fritz
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Harry und Fritz

Harry hatte einen guten Freund, den Fritz. Nein, nicht den alten Fritz, also den großen
Kurfürsten. Es war bloß sein Atze, also sein Kumpel, vom großen Kurfürstendamm. Der
betrieb dort eine Currywurstbude. Und die war dufte, also so richtig knorke, wie die Berliner
zu sagen pflegten.

Fritz war seines Zeichens eine typische Berliner Promenadenmischung. Also so ein richtiger
Straßenköter, der gerne mal hier und dort hin streunte. Na ja, ihr kennt das vielleicht von
euren Besuchen in Berlin. Die vielen Hunde und ihre in sie vernarrten Besitzer. Und die
machen natürlich an jeden Straßenbaum, also die Hunde, nicht die Besitzer. Und deswegen
sind sie auch so wenig beliebt, natürlich die Hunde, nicht die Besitzer.

Harry war richtig vernarrt in Currywürste, wenn auch mehr in den Curry als in die Würste.
Die Würste aß er dann auch, aber vor allem wegen des Currys. Puren Curry liebte er für sein
Leben gern – wie man so sagt –, aber Curry verursachte bei ihm Magenreißen. Und deswegen
konnte er ihn nicht pur essen.

Und Harry liebte auch den typisch Berlinerischen Ketchup, der schmeckte so herrlich süß, so
wie die Berliner auch sind: so richtig süß. Den hätte er am liebsten pur gegessen, also den
Ketchup, nicht die Berliner. Einfach so auf eine Berline r Schrippe, wie er es schon als Kind
getan hatte. Da hatte er als Junge an der nächsten Imbissbude für 10 Pfennig so eine Schrippe
bestellt und sofort aufgefuttert, wie man das in Berlin nennt.

Der Fritz jedenfalls freute sich immer riesig, wenn Harry in der Stadt war und ihn besuchte.
Und das machte Harry auch regelmäßig, mindestens zu Ostern und zu Weihnachten. Seitdem
Knut zu den Hauptattraktionen des Berliner Zoos gehörte, tat er es sogar alle zwei Monate,
und das will schon was heißen.

Da nahm er immer seinen Sohn Pandy mit. Und dann ging es erst zum Fritze, wie er von
seinen Kunden liebevoll genannt wurde und dann zum Knut. Der war ja nun schon etwas
gewachsen, also größer geworden, und sah ganz genauso aus, wie jeder andere Eisbär auch.
Aber die Berliner liebten ihren Knut trotzdem, auch wenn er nicht mehr so verspielt und
knuffig aussah, sondern groß und gefährlich. Knut war eben Knut und Berlin Berlin.

Der gute Fritze war eine Seele von Mensch, äh, Tier, so sagt man jede nfalls in Berlin. Für
jeden hatte er ein gutes Ohr und das richtige Wort auf den Lippen. Dabei litt er schwer an
seinem Hängebauch. Als typische Promenadenmischung war sein Vater ein Dackel und seine
Mutter ein Foxterrier. Na, das war ein echter Fall der Berliner Liebe. Wo die Liebe eben
hinfällt, sagen die Berliner, und, so muss man ergänzen, wächst kein Gras mehr oder hängt
der Bauch eben tief und schwer – das reimt sich sogar.

Denn der typische Hängebauch eines typischen Dackels verträgt sich durchaus nicht mit den
kurzen Beinen eines typischen Foxterriers. Mit einem Wort: Der Bauch des armen Fritz hing
immer durch. Man könnte jetzt sagen: Das ist ja nicht so schlimm. Der Bauch eines typischen
Berliners hängt auch durch, vom vielen Bier eben. Aber bei Fritz war das etwas a nders.

Der Bauch hing nicht nur durch. Er hing auf dem Weg, nämlich über dem dort, wo Fritz
gerade stand oder ging. Nun wäre das eigentlich nicht so schlimm gewesen. So wäre Fritz
eben ein ehrenamtlich tätiger, wenn auch unfreiwilliger Straßenreiniger; auch der gute Harry
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verdiente sich Lob und Ehre als so genannter ‚Kehrbürger’ in Hirschhausen. Gut, das Fell
nahm den Schmutz gut auf, es war auch anständig strapazierfähig.

Nein, die Schwierigkeit lag woanders. Der Bauch hing durch und dadurch sche uerte das Fell
auf. Und das tat ihm weh, dem armen Fritz. Es war so, als würdet ihr mit durchgescheuerten
und dadurch wunden Füßen den ganzen Tag gehen müssen. Nein, ihr habt mich falsch
verstanden. Fritz ging nicht mit den Füßen, aber er scheuerte sich wund, den ga nzen Tag.

So musste er eine Gehhilfe benutzen. Ein Rollator war zu groß. Er träumte davon, sich e inen
fliegenden Teppich zu leihen, von Armin, dem Ägypter. Armin, der Ägypter, war seines
Zeichens ein Stammkunde von Fritz. Eigentlich liebte Armin als Ägypter Falafeln am
allerliebsten. Das waren so leicht essbare Hackfleischk ugeln mit Salat und Soße und
Fladenbrot drum herum. Aber finde mal in Berlin ein Falafelstand. Ja, natürlich, den gibt es
schon. Aber zum einen nicht mit original Lammfleischbällchen, sondern nur mit solchen mit
Hühnerfleisch. Und zum anderen: Armin war ein stark gehbehindertes Krokodil – und zwar
vom Nil.

Natürlich hatte niemand in Berlin etwas gegen Armins Gehbehinderung. Aber wohl etwas
gegen sein Furcht erregendes Maul. Mäulchen kann man wohl schlecht sagen. Am liebsten
hätte er es verkleinert, sein Maul, denn die Leute – und auch die Tiere – nahmen Reißaus,
wenn sie ihn sahen, wenn auch nur von weitem. Da half es nicht, wenn er sich wohlriechend
parfümierte, denn die Angststarre saß den anderen im Genick, wenn Arnim auftauchte.

Als Ägypter kannte er sich damit aus. Dort gibt es am Nil viele von seinesgle ichen. Wie es
nun dazu kam, dass er in europäische Gefilde verschlagen worden ist, ist eine andere
Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll. Jedenfalls kam er auf eine Idee. Er
charterte einfach einen fliegenden Teppich.

Franziskus, der fliegende Teppichhändler, lieh ihm erst Tatterich, den etwas bejahrten und
dadurch etwas ausgefransten Teppich aus Mesopotamien, das liegt gleich bei Ägypten. Aber
der geiferte ihm zu viel, war er doch zahnlos. So verfiel er auf Tootsie, den Teppich, der nicht
nur fliegen, sondern auch sprechen konnte.

Und Tootsie konnte noch viel mehr. Tootsie konnte nämlich erahnen, was Arnim dachte. So
kam es, dass Arnim gerade an ein Eis dachte – und schwups landeten sie bei McDoof und
genehmigten sich einen Eisbecher. Ja, ihr habt recht gehört: Auch Tootsie genehmigte sich
einen, nicht ungewöhnlich für einen fliegenden Teppich.

Dieses Gedankenlesen hatte auch Nachteile. Wenn Arnim aus Versehen rülpste, wollte
Tootsie schnurstracks zum Arzt mit ihm fliegen. Oder wenn er gähnte, klappte Tootsie sein
Bett auf, er war nämlich ein fliegender Teppich mit eingebautem Komfortbett. Am
schlimmsten war es immer dann, wenn Arnim ein N ickerchen machte, da flog ihn Tootsie
sogleich zum nächsten Schlaflabor – Arnim schnarchte nämlich ausgiebig und inbrünstig.

Ihr seht, dass das Ganze auch mit Komplikationen verbunden ist, wenn einem der andere
immer alle Wünsche erfüllen will oder glaubt zu wissen, wie sie erfüllt werden können.
Leider konnte man die Gabe des Gedankenlesens bei Tootsie nicht ausschalten. Er war
nämlich nicht so ein stinknormaler mechanischer fliegender Teppich – ihr wisst schon, diese
ollen Dinger aus China –, sondern Tootsie hatte Gefühl und Intuition. Ja, es war nicht so
einfach, Tootsie vom Wunscherfüllen abzuhalten.
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Arnim musste dem guten Tootsie Regeln auferlegen. Sonst wäre Tootsie ihm fast jede
Sekunde auf den Wecker gefallen, äh, auf die Nerven gega ngen. Überlegt einmal selbst, wie
viele Wünsche ihr pro Minute habt. Na, mindestens einen, oder? Wenn dann ein netter
Mensch oder ein nettes Tier oder ein netter fliegender Teppich auf der Matte steht, um euch
zu fragen, ob ihr dieses oder jenes auch wirklich haben wollt, dann seid ihr sicher erst einmal
so richtig begeistert. Am Anfang ist es ein ganz lustiges Spiel: „Der Herr oder die Dame
haben einen Wunsch auf der Lippe? Wird sofort erfüllt!“ Aber mit der Zeit wird das ganz
dicke dolle auf den Keks gehen. Denn nicht jeder unserer Wünsche muss erfüllt werden. Und
nicht jeder unserer Wünsche ist überhaupt wichtig. Manchmal löst sich alles auch so in
Wohlgefallen auf, ohne dass wir etwas unternehmen müssen.

Überlegt einmal: Hat jeder Mensch, äh, jedes Tier pro Minute einen Wunsch, dann ist das in
sechzig Minuten… Richtig, es sind sechzig Wünsche. Und über die alle zu reden und zu
entscheiden, ist Arbeit, so richtig anstrengende Arbeit. Denn woher weiß ich, was alles ric htig
oder falsch ist? Ein Wunsch ist ja nicht deshalb richtig, bloß weil wir ihn haben.

Man muss ja nicht gleich schlafen gehen, nur weil man gähnt. Manchmal fehlt einfach etwas
Sauerstoff in der Luft oder es ist etwas ganz Wichtiges zu tun. Auch muss man nicht gleich
etwas trinken, nur weil man durstig ist. Zum Beispiel sollte man nicht zuviel trinken, wenn
man gleich losrennen will. Na, ihr kennt das ja sicher auch aus eurem eigenen Leben.

So viele Entscheidungen zu treffen in so kurzer Zeit ist wirklich Stress, ja, richt iger Stress.
Und so lautete die erste Regel: Nur wenn Arnim Tootsie ansah, durfte Tootsie nach vorne
kommen, um ihn zu fragen, ob er seinen Wunsch erfüllt bekommen wolle. Das führte dazu,
dass Tootsie ständig vor Arnim auftauchte, und zwar – ihr ahnt es schon – jede Minute, denn
Arnim hatte ja jede Minute einen anderen Wunsch.

Das führte zu Regel Nr.2: Nur wenn Arnim nach Tootsie ausdrücklich gerufen hatte, durfte
dieser auch zu ihm kommen. Leider fiel gerade das Tootsie am a llerschwersten. Geduld war
nicht gerade eine seiner Stärken. Er litt wie ein Hund darunter, Entschuldigung, wie ein
getretener Teppich, Entschuldigung, wie ein Teppich, der zu Unrecht getreten worden ist.
Natürlich ist es normal für einen Teppich getreten zu werden, aber das darf niemals zu
Unrecht geschehen, wie es schon die Kairoer Teppich-Tret-Verordnung (KTTV) vorsieht.

In dieser, also in der KTTV, war das Treten eines Teppichs auf das Sorgfältigste ger egelt. Ein
eigenes Kapitel behandelte auch fliegende Teppiche. Allerdings handelte es sich bei Tootsie
um einen Sonderfall: Ein sprechender fliegender Teppich kam darin gar nicht vor. Zudem ist
das Treten eines fliegenden Teppichs kaum möglich. Zu einem kann dieser entfle uchen, bevor
er getreten wird, er kann ja fliegen. Zum anderen: Wenn er fliegt, ich meine in seiner
Eigenschaft als fliegender Teppich – nicht bei einem Hinauswurf –, wenn er also fliegt, ist das
Treten, weil es ein Stehen beinhaltet, kaum möglich. Insofern ist, weil der Fall des Tretens nur
beim Be- und Abtreten eintrifft, der Normalfall bei Teppichen, getreten zu werden, bei
Tootsie der Sonderfall.

Bei einem fliegenden Teppich war das Rufen etwas schwer, zumal, wenn Arnim gerade von
diesem transportiert wurde. So ein fliegender Teppich ist ja nur dann seinem Besitzer
nützlich, wenn er fliegt, ansonsten liegt er in der Ecke und erholt sich. Oder, schlimmer noch,
er verstaubt auf irgendeinem Dachstuhl, während sich die Motten – verbotenerweise, wie man
sich denken kann, denn da ist die KTTV sehr strickt, aber wenig e rfolgreich – an ihm laben.
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Weil fliegende Teppiche fliegen können, sind sie allerdings auch anderweitig vielseitig
verwendbar. So kann man sie auch als Sonnenschutz einsetzen, wenn einen die Sonne sticht,
nicht der Hafer. Als Schlafgelegenheit sind sie nicht zu empfehlen, dafür sind sie einfach zu
flatterhaft. Ein Missbrauch liegt allerdings vor, wenn man sie – aufgrund mangelnder Wände
– als Sichtschutz einsetzt und sie dauerhaft horizontal fliegen lässt; das ermüdet sie und
schnell fransen sie aus.

Auch regelt die KTTV die Ruhezeiten eines fliegenden Teppichs. Bei einem Gebrauch von
mehr als zehn Stunden ist eine halbe Minute Erholung zwingend vorgeschrieben, bei
zwanzigstündigem Dauereinsatz betätigt sich der Not-Aus-Schalter von selbst und der
Passagier wird in den Orbit geschossen, selbstredend mit Fallschirm. Natürlich kann der Not-
Aus-Schalter auch außer Betrieb gesetzt werden. Muss er auch, wenn z.B. ein Überlandflug
von Kairo nach Kapstadt ansteht oder von Hirschhausen nach New York; ansonsten würde
der arme Besitzer ja unfreiwillig irgendwo in der Wüste oder im Ozean landen, das wäre
unpassend – und gegen die KTTV, wie ich hier kurz anmerken darf. Besonders für die F ische,
die sich ob so eines ungewöhnlichen Gastes allzu sehr erschrecken würden…

Ja, das Leben mit Tootsie war nicht so einfach. Immer wenn Arnim seinen Tootsie rief und
dieser ihn gerade durch die Welt transportierte, blieb er unvermittelt in der Luft stehen und
sagte: „Ja, hier bin ich; mein Gebieter wünscht?“ Das hatte man ihm nämlich so auf der
Schule für fliegende Teppiche beigebracht. Tootsie war nämlich nicht irgendein daher
fliegender Fliegender Teppich, sondern ein staatlich geprüfter, mit Fachabitur.

Und wenn er seinem Lehrer nicht ordnungsgemäß mit ‚Ja, hier bin ich; mein Le hrer
wünscht?’ antwortete, gab es einen Malus, also einen Punktabzug. Ihr könnt euch denken:
Alle staatlich geprüften fliegenden Tepp iche der Welt beherrschten diese Meldung fehlerfrei
und selbstredend auch im Schlaf. Ja, ihr habt recht gehört, fliegende Teppiche schlafen. Ja,
manche schnarchen dabei sogar. Dazu rollen sie sich ganz kuschelig ein und hören Händel,
also den Georg Friedrich. Natürlich tun sie das um zu schlafen, nicht um zu schnarchen.

Also das mit der Bereitschaftsmeldung – so nennt man ‚Ja, hier bin ich; mein Gebieter
wünscht?’ – war ganz schön nervig. Die Meldung selbst nicht, aber das stehen bleiben in der
Luft. Stellt euch vor: Mit doppelter Schallgeschwindigkeit flogen sie los – und plötzlich bleibt
der Teppich in der Luft stehen… Da fliegt einem nicht nur das Gebiss aus dem Mund und die
Tasse Tee kippt über… Das ist einfach anstrengend, ganz anstrengend.

Regel Nr.3, ihr ahnt es bereits, lautet also: Rede niemals mit einem fliegenden Teppich
während seines Fluges. Und das war noch nicht das einzige, was zu gewissen
Reibungsmöglichkeiten zwischen Arnim und Tootsie führte. Denn: Auch fliegende Teppiche
können Schluckauf haben. Ja, ihr habt richtig gehört: Schluckauf.

Das ist wirklich für alle Zuschauer lustig: Ein fliegender Teppich, der wie ein Pferd oder ein
Bulle beim Rodeoreiten hin und her springt – und dabei den Passagier hin und her wirft.
Natürlich ist dem Passagier durchaus nicht lustig zu Mute. Meistens wird ihm dabei speiübel.
Und das ist noch das allergeringste, was ihm geschehen kann.

Denn wenn er unvermutet und plötzlich in die Luft geworfen wird, kann das auch zu dessen
Absturz führen. Wenn nämlich der fliegende Teppich so sehr mit seinem Schluckauf
beschäftigt ist, dass er seinen Passagier vergisst, dann droht der jähe Absturz. Stellt euch vor:
Erst neulich hatte Tootsie Arnim über den Pariser Eifelturm geflogen und dabei seine Mucken
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bekommen – und die nicht wieder in den Griff. Na, was sollte Arnim dann machen? Richtig,
da half nur ein Fallschirm.

Nun gehört Tootsie aber zu den besten fliegenden Teppichen der Welt und will seinen
Auftrag unbedingt erfüllen. Was macht er also? Er versucht den freien Fall von Arnim zu
stoppen. Dessen Fallschirm hatte sich aber gerade geöffnet. Da fängt Tootsie also Arnim
wieder auf.

Aber – ihr ahnt es bereits – der Schluckauf geht weiter. Also fällt Arnim wieder vom Teppich
– und in die Tiefe. Und wieder sieht Tootsie die Herausforderung und versucht sich
zusammenzureißen, was bei einem Teppich besonders schwerwiegende Folgen hat: Die Nähte
beginnen zu reißen, der Teppich löst sich auf.

Und dann war der Schlammassel groß: Es gab nicht mehr einen einzigen Tootsie, sondern
mehrere, denn Tootsie war dabei, sich von einem fliegenden Teppich zu vielen fliegenden
Schurgarnfäden zu entwickeln. Das war auch so einem erfahrenen Flieger wie Arnim etwas
zu viel des Absonderlichen. Auf was sollte er sich buchstäblich setzen? Auf einen Faden oder
zwei oder drei?

In buchstäblich letzter Sekunde konnte Arnim zwei Zentimeter vor dem Aufschlag auf dem
Trottoir von Montmarte, einem Viertel von Paris, gerettet werden. Er hing – wieder
buchstäblich – am seidenen Faden. In mühevoller Arbeit wurde Tootsie geflickt und seine
Flugfähigkeit wiederhergestellt. Allerdings war das Vertrauensverhältnis etwas angeknackst.
Verständlich, denn wer will schon vom Leben zum Tode befördert werden, nur weil er die
Strecke von Kairo nach Berlin über Paris auf einem fliegenden Teppich zurücklegt? Eben.

Tootsie musste infolgedessen immer Medikamente vor jedem Flug einnehmen, die sein
Schluckauf unter Kontrolle bringen sollten. Das taten sie denn auch, aber nur mit
Nebenwirkungen, die seine Schläfrigkeit erhöhten. Das wiederum führte zu Komplikationen,
die ein anderes Mal erzählt werden sollen.

Regel Nr.4 lautete also: Vergewissere dich, wenn du einen flie genden Teppich betrittst, das er
erstens kein Schluckauf hat und zweitens die rechten Heilmittel dazu verwendet. Ihr seht, dass
das Fliegen eines fliegenden Teppichs gar nicht so einfach ist. Dabei muss man aber
bedenken: Es gibt nichts Treuherzigeres als so ein erfahrenes, im Alter gereiftes Möbelstück;
denn zum Möbiliar gehört ein Teppich, auch ein fliegender, allzumal.

Ja, so kam es, dass Arnim zum Fritze sprach: „Ey, Alter, darf ich dir mal meinen Tootsie
leihen?“ Fritz schaute Arnim lange an. Er war zu gutmütig, um ihm zu sagen: „Ey, Alter, wer
um Himmels willen ist ‚Tootsie’?“ Und deswegen sprach er: „Na klar darfst du. Aber wer um
Himmels willen ist ‚Tootsie’?“

Nun war Arnim fast beleidigt und erst recht Tootsie. Schmollend rollte er sich in die näc hste
Ecke und fing fast an zu weinen, was bei einem sensiblen fliegenden Teppich schon einmal
vorkommen kann. „Na Tootsie ist doch mein fliegender Teppich, der mich schon seit zehn
Jahren in meinem Leben begleitet“, stieß Arnim stockend hervor; ja, tatsächlich war Tootsie
schon etwas abgewetzt, besonders an Arnims Lieblingsschlafecke, dort, wo er sich immer
einhuschelte, wie er zusagen pflegte; genau genommen war genau diese Ecke so
fadenscheinig, dass man hindurch sehen konnte…
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Jetzt gingen bei Fritz alle Laternen an: „Ach so, dein fliegender Teppich. Oh, das ist aber
schön, ihn auch einmal persönlich kennen lernen zu dürfen. Hey, Tootsie, wie geht’s denn
so?“

Ja, Fritz hatte den Bogen heraus, wie man erst in ein Fettnäpfchen treten konnte, um dann
wieder alles glatt zu bügeln. Nicht umsonst arbeitete er jahrzehntelang in einem Callcenter –
da lernt man recht schnell, wie man mit den Leuten gut auskommen kann. Dabei meinte er es
immer ernst, wenn er mit den Leuten sprach. Er war eben ein unverwechselbares Original.

„Gut, geht es mir“, schniefte Tootsie aus der Ecke, in die er sich eingerollt hatte, „gut“,
bekräftigte er nochmals; damit wollte er sein Schniefen übertönen und se ine Gefühle wieder
in den Griff bekommen, denn er war etwas sensibel und nahm die Dinge ziemlich ernst…

Das war ja auch der Grund, warum ihn Armin so in sein Herz geschlossen hatte. Auch Arnim
hatte nah am Wasser gebaut, wie man so zusagen pflegt. Ja, das war schon eine innige
Gemeinschaft zwischen den beiden – ‚ein Herz und eine Seele’, könnte man sagen, wenn man
nicht besser ‚ein Krokodil und ein Teppich’ sagen müsste. Und deswegen beteten sie auch
jeden Abend miteinander, erst getrennt die Fürbitte und dann zusammen das Vaterunser.

Fritz war hell und überlegte schnell. Eigentlich hatte er an so einem durchgeknallten,
mimosenhaften und deutlich durchgewetzten Teppich mit Schluckauf kein Interesse. Aber
zum einen wollte er seinen besten Stammkunden nicht vergrätzen, wie man so zu sagen
pflegt, zum zweiten wollte er niemals ein Ansinnen einfach abbügeln und zum dritten war die
Idee ziemlich gut.

Er hatte ja auch schon so einiges ausprobiert. Ein Rollator kam für einen Hund natürlich nicht
in Frage, er konnte ja auch nicht aufrecht gehen. Ein Rollschuh war zu schmal und dann
schwabbelte sein Bauch zu sehr nach rechts und nach links. Und Inline-Skating kam auch
nicht in Frage – das sah einfach zu blöde aus.

Und deshalb sprach er: „Mensch, Arnim, mit dem fliegenden Teppich – das ist eine gute Idee.
Aber ich kann dir ja den Tootsie nicht einfach klauen. Hast du vielleicht noch einen zweiten
Ersatzteppich?“ Bei den Worten ‚Ersatzteppich’ fing Tootsie wieder sofort an zu weinen. Es
galt als die größte Schmach für einen fliegenden Teppich, wenn sein Besitzer einen solchen
Ersatz hätte, der womöglich auch noch auf ihm transportiert werden würde. Das ist genau so,
als ob ein Auto auf einem Anhänger sein Ersatzauto gleich mit nimmt.

Mit einem Wort: Der arme Fritz war wieder einmal in ein Fettnäpfchen getreten, natürlich
unbeabsichtigt. Das merkte er auch sogleich, schon alleine wegen der Tränen von Tootsie.
„Aber Tootsie“, sprach Fritz mit tiefer Stimme, was diesen beschwichtigen sollte, aber ihn zu
noch größerem Heulen veranlasste, weil er diesen Tonfall von Fritz nicht gewohnt war.

„Aber Tootsie“, setzte dieser noch mal an, „wird doch alles wieder gut, gelle?“ Immer wenn
Fritz ‚gelle’ sagte, musste Tootsie automatisch lachen, das lag wohl an einem von seinen
vielen Webfehlern. Sein Schluckauf bekam er nämlich auch immer genau dann, wenn Arnim
aus Versehen zweimal das Wort ‚und’ hintereinander aussprach; das sollte natürlich
normalerweise ziemlich selten sein – wer spricht schon zweimal ‚undund’ hintereinander aus?
–, aber Arnim kam manchmal ins Stottern und dann kann das schon einmal geschehen.

Nun kam der arme Fritze langsam aus dem Gleichgewicht. Eigentlich war er ein sehr
geruhsamer Zeitgenosse, den so schnell nichts anficht. Aber ständig einen fliegenden Teppich
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beruhigen, der wohl eine veritable Heulsuse ist, ist auch nicht jedermanns Sache. Wer weiß:
Vielleicht haben alle fliegenden Teppiche so einen Knall oder einen Webfehler, wie man das
auch nennen kann?

Schon wollte er seinem Ärger Luft machen, als Gustav, sein Gewissen, ihn milde stimmte:
„Oach, Fritze, denk doch mal an dich selbst: Hast du keinen Webfehler oder Knall, wie man
so zu sagen pflegt?“ Da ging Fritz in sich, also, nicht dass er sich selbst verließ und quasi nur
noch seine Haut übrig blieb, während er auf Wanderschaft zu seinem Herzen ging, nein, so
war es nicht. Er erinnerte sich nur an seine eigenen Schwächen und entdeckte, dass er
Verständnis für die der anderen haben sollte: ‚Einer trage des anderen Last’, sagte schon der
Apostel Paulus. Das steht in der Bibel.

„Danke, Justav, dit war echt knorke von dia, det de mich uff den Pfad der Tugend
zurückjeholt hast“, schleimte er Gustav so voll, bis der vor Lob geradezu triefte. Eigentlich
hätte Gustav als sein Leib-und-Magen-Gewissen nun schweigen sollen, denn er hatte ja
erreicht, was er wollte, aber er war hartnäckig, ein echtes Premium- Gewissen eben.

„Fritze, das war nur der erste Schritt“, hielt Gustav inne, um einen Protest von Fritz sogleich
einzufangen, denn was heißt schon ‚nur’, wenn ein Mensch, äh, Tier erkennt, dass es nicht
besser ist als das andere… „Der Zweite“, ließ Gustav den Fritz nicht lange im Unklaren, „der
zweite ist die Reue: Wie kam es, dass du so ärgerlich geworden bist?“ Und das war eine
wirklich gute Frage. Ja, so ein Gewissen wie Gustav ist schon eine nützliche Einrichtung
Gottes. Das soll man immer wieder reden lassen, auch wenn es auf den ersten Blick hinderlich
ist.

Leise sprach der Fritz zu Gustav: „Ja, du hast schon Recht. Ich bin einfach ein bisschen müde
und wollte meine Ruhe haben. Du kennst das ja. Mir fehlt eben die Geduld.“ Und da hatte
Gustav den Nerv getroffen. Geduld ist bitter nötig, immer im Leben sowie im Sterben. „Ja, du
hast Recht. Ich werde Gott heute Abend im Gebet darum bitten, mir morgen eine Extraportion
zu spendieren, ich meine von der Geduld, versprochen?“ „Hm“, meinte Gustav und zog seine
Stirn in Falten, „besser wäre es, wenn du die schon vorhandene Geduld besser einsetzen
würdest, dann bräuchtest du auch nicht so viel zu beten!“

Schon wieder hatte Gustav das Treffende gesagt. Der kannte eben seinen Pappe nheimer.
„Okay, meine Schuld, ich werde es heute Abend Gott sagen! Danke!“, sagte Fritze fröhlich.
Und das zeigte Gustav, dass Fritz auf dem richtigen Wege war, dem Weg der inneren
Sammlung und Umkehr. Dieses kurze Zwiegespräch zwischen Fritz und seinem Gewissen
Gustav fand natürlich unbemerkt statt, ein so eingespieltes Team waren sie.

Und schon fiel Fritz das richtige Wort für Tootsie ein: „Mensch, Tootsie, tut mir herzlich leid.
Habe ich schon wieder etwas Falsches gesagt? Nein, ich will nur einen fliegenden Teppich für
meinen Bauch. Du siehst ja, dass er etwas durchhängt.“ Dabei lächelte er sein breitestes
Straßenköterlächeln – und das überzeugte Tootsie. Nun war seine Welt wieder in Ordnung.
Und das zeigte er, indem er mit seinen Fransen eine La-Ola-Welle nach der anderen
hervorzauberte. Wie gut, dass Arnim gerade nicht auf ihm flog, denn die Wellen hätten zu
Turbulenzen geführt…

Arnim schaute Fritz ernst an. Schon die ganze Zeit eigentlich schaute er recht mürrisch drein.
Fritz bemerkte es erst gar nicht. Nun sollte er sc hon wieder ein Fettnäpfchen aus dem Weg
räumen? Langsam ging ihm die Puste aus. Wenn alles so schwierig wäre wie das Verhältnis
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zu Arnim und Tootsie, denn hätte er gar keine Kraft mehr für die anderen Kunden, die auf
seine weltbekannten ‚Heißen Hunde’, genannt ‚hot dogs’ und Bouletten schwörten.

„Wat’s looos, meen Jung? Wat guckst du sooo schief?“, versuchte Fritz, den Stier, also
Arnim, bei den Hörnern zu packen. Arnim schaute ihn we iterhin ernst an: „Ach, Fritze, wenn
du wüsstest. Du weißt doch, ich bin Ägypter und bei uns ist die Gastfreundschaft heilig. Na,
und ich habe dir meinen Leib-und-Magen-Teppich angeboten. Den hast du leider
zurückgewiesen. Na, und jetzt muss ich zu meinem Wort stehen und dir einen anderen
besorgen. Na, und das ist schwer, sehr, sehr schwer.“

Arnim seufzte lang anhaltend. Er allein wusste, was es bedeutete, einen fremdländischen
Teppich nach Deutschland gebracht zu haben. Das war nämlich gar nicht so einfach. Die
Teppiche sind da nämlich ganz eigen, die fliegenden allzumal. Die können zunächst nur ihre
eigene Sprache sprechen, aber nicht ‚Teppisch’, sondern die Sprache desjenigen Landes, in
dem sie geboren, äh, geknüpft worden sind.

Und bring du mal einem Teppich eine andere Sprache bei. Teppiche kö nnen ja nicht schreiben
und lesen, denn sie haben ja weder Augen noch Hände. Und dann sind sie so eigen, sie haben
nämlich gar kein Gedächtnis. Ständig fragen sie dich: „Was hast du gerade gesagt?“ Und das,
obwohl du erst vor zwei Minuten etwas ganz Wichtiges in die Welt gesetzt hast.

Bei Tootsie war es nicht ganz so schwer, denn sie paukten monatelang deutsche Vokabeln auf
ihren Flügen rund um die Welt. Da wusste Arnim schon, dass er einmal nach Deutschland
gehen würde.

Und nun sollte er einen anderen Teppich nach Deutschland einführen? Einen, den er noch nie
in seinem Leben gesehen hatte? Und das bei der sprichwörtlichen Eifersucht von Tootsie?
Wenn Tootsie dabei anwesend wäre, würde dieser den neuen Teppich wohl buchstäblich
zerreißen oder verbrennen oder Wer-weiß-was damit tun. Und wenn er Tootsie nicht dabei
hätte, würde dieser wahrscheinlich vor lauter Einsamkeit kaputt gehen. Dann würde er nach
Monaten keinen Tootsie mehr vorfinden, sondern ein Nervenbündel mit Teppichfransen…

Ja und deshalb seufzte Arnim so sehr, als ginge es ihm um das Leben. Und dann müsste er
auch noch seine zweite Heimat, Deutschland, verlassen. Oh je, oh je, ohjemine. Fritz war
sensibel und so sah er, dass Arnim todunglücklich quasi am Boden lag, ein Häuflein Elend.
Schon wieder hatte er wohl ein Fettnäpfchen übersehen. Nur fiel es ihm langsam schwer und
immer schwerer, überhaupt noch einen Schritt zu tun – aus lauter Angst, etwas schmierig
auszugleiten.

Fritz begriff: Mit fliegenden Teppichen soll man sich weder anlegen noch sie sich zulegen,
alles andere ist sonst zu abgelegen und kommt niemals gelegen. Aber musste es ein fliegender
Teppich sein? Es ging ja nur darum, seinen Bauch nicht auf den Boden herunterhängen zu
lassen. Seine vier Pfoten konnten den Bauch nicht nach oben drücken, denn die brauchte er
für das Laufen. Zweipfötig laufen konnte er nicht, also benötigte er deren vier.

Da fiel es ihm wie Schuppen aus den Augen: Ja, richtig, so dachte er. Warum bin ich nicht
eher darauf gekommen? Er hatte ja noch einen Schwanz, also genauer gesagt zwei davo n.
Aber von dem einen wollen wir schweigen und mit dem anderen konnte er ganz hübsch
wedeln. Er könnte ja, so dachte er, den Bauch auch anderweitig heben.
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Natürlich wäre ein fliegender Teppich sehr praktisch, wenn er den Bauch trägt.
Wahrscheinlich würde er aber nicht nur den Bauch tragen, sondern gleich den ganzen Hund:
Dann würde er mit den Pfoten in der Luft wedeln und wäre lahm gelegt. Dann würde der
fliegende Teppich bestimmen, wo es lang geht.

Also das mit dem fliegenden Teppich klang besser als es dann doch wäre, dachte sich Fritz.
Aber andererseits: Mit seinem eigenen Schwanz konnte er seinen Bauch nicht heben, dafür
war dieser zu schwach. Vielleicht konnte es ein anderes Tier, das mit ihm mitlaufen würde?
Dann hätte er im wahrsten Sinne einen Mitläufer an seiner Seite, eine eigentümliche
Vorstellung.

Aber wer sollte es sein? Eigentlich war Fritz ein eher zurückhaltender Mittvierziger. Ihr habt
recht gehört: Der Straßenköter namens Fritz zählte schon vierzig Lenze, für einen Hund recht
viel. Wer sollte an seine Seite? Da gab es eigentlich nur eine einzige Auswahl: Sylvana.

Sylvana war seine Nachbarin. Eigentlich hieß sie Sylvana Katja von und zu Radetzky,
genannt Sylvie. Sie hatte eine russische Mutter und einen polnischen Vater. Ursprünglich
waren sie auf einer Kolchose namens ‚Hüpfender Traktor’ beheimatet, deshalb hüpfend, weil
ein Verarbeitungsfehler gewisse Verbrennungsvorgänge nicht vollständig vonstatten gehen
ließ.

Im Zuge des fortschreitenden Kommunismus wurden nicht nur adelige Menschen verfolgt,
sondern auch adelige Tiere. So wurde dem verarmten Landadel ihr ‚von und zu’ zum
Verhängnis und sie flohen in eine unwirtliche Gegend Norddeutschlands, in der bisher nur
wenige Storchfamilien ansässig waren.

Sylvie hatte schon lange einen Blick auf ihn geworfen. Das fiel ihr auch nicht schwer, denn
sie war ihres Zeichens eine Storchin und konnte nicht anders, als auf Fritz im wahrsten Sinne
des Wortes herabzuschauen. Sie begleitete ihn immer auf seinem mittäglichen Weg zu seiner
Imbissbude. ‚Eigentlich war sie ganz nett’, dachte er: ‚Aber mal ehrlich: eine Storchin und ein
Straßenköter – passt das zusammen?’

Fritz war sehr praktisch veranlagt. Im Geiste nahm er Maß an ihr und überlegte: Sie müsste
ein Tuch um seinen Bauch wickeln und mit ihrem Schnabel festhalten – und über ihm
hergehen. Selbstverständlich könnte sie dann nicht mehr pla udernd neben ihm hergehen,
sondern müsste regelrecht den Schnabel halten. Ob sie das wollte? Immerhin war sie eine
weibliche Person, äh, ein weibliches Tier… Und ob sie überhaupt die Kraft dazu hätte, nicht
nur den Schnabel zu halten, das schon, aber es im Schnabel zu behalten, ich meine das Tuch?
Fragen über Fragen…

Aber auf einen Versuch ließ er es gerne ankommen. Vielleicht kamen sie sich so näher.
Vielleicht aber hatte sie einen besseren Einfall. Überhaupt machte sie auf ihn einen recht
patenten Eindruck. Und so sprach er: „Freunde, ich habe eine gute Idee. Vielleicht seht ihr
morgen Mittag schon, wie mir geholfen werden kann.“

Viel sagend schaute er auf Arnim und Tootsie, die seinen Blick erwiderten, natürlich freudig
erregt. Sie ahnten, dass er nur an Sylvie dabei denken konnte. Damit hätte die
Fettnäpfentreterei ihr Ende, so dachten sie und lächelten strahlend. Auch die Vorstellung,
Fritzens Bäuchlein würde von einer Storchin getragen werden, die neben ihm nebenher stakte,
behagte ihnen sichtlich. Nun war er buchstäblich in guten Händen, äh, in einem guten
Harry und Gabi – Fritz
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Schnabel. Besonders Sylvies auffallend langen Beine taten es den beiden an. ‚Wow, war das
ein Feger’, dachten sie sich.

Fritz machte es ihnen nach, er tat desgleichen, nämlich nachdenken, und zwar intensiv. Sylvie
war eine angenehme Erscheinung, besonders ihre langen Beine waren faszinierend, wenn
auch nicht unverfänglich, jedenfalls nicht für einen Straßenköter, der dreimal kleiner war als
sie. Er konnte ihr nicht nur vor die Beine laufen, sondern auch unten durch. Und das auch
selbst als Doppelstock-Köter – es passten ja drei Köter übereinander unter sie…

Das waren ja Aussichten. ‚Meine Fresse’, dachte er sich, was bei einem Hund eine nicht ganz
falsche Umschreibung ist, ‚meine Fresse, da bringt mir der Storch, äh, die Storchin gleich
noch Kinder ins Haus.’ Nicht auszumalen, was für Folgen ein beiläufiges Zusammengehen
haben würde…

Nun kam auf ihn die größte Mutprobe seines Lebens zu. Mit Weibspersonen hatte er es bisher
nicht so. Bei ihrem Geschlecht neigte er zu einem vermehrten Aufs uchen von Fettnäpfchen.
Das hatte bisher immer geklappt, also die Sache mit den Fettnäpfchen. Entweder entblä tterte
sich ein riesiger Blumenstrauß, den er seiner Liebsten reichen wollte, just in dem Augenblick
der Übergabe, weil er gerade neben einem U-Bahnschacht stand. Oder er musste, weil er so
klein war, mitten durch eine Pfütze robben, so dass seine Angebetete ihn vor Dreck starrend
gar nicht mehr wieder erkannte. Oder er bekam sein berüchtigtes Stottern und dann keine
Silbe mehr heraus.

Kurz und gut: Fritz blieb Junggeselle auf immer, ewig und drei Tage. Ke ine Chance ihn zu
verkuppeln, erst neulich hatte es Arnim vergeblich versuchte. Fritz pflegte zu gut meinenden
Freunden zu sagen: „Mich will ja eh keine“, womit er, leider, nicht ganz Unrecht hatte. Sie
standen nicht gerade Schlange, um mit ihm anzubandeln. Und er musste zugeben, dass sein
dicker Hängebauch ihn nicht gerade gut aussehen ließ.

‚Ja’, so sagte er sich, ‚Fritze, die inneren Werte zählen heute nicht mehr, die J ugend ist nur für
Äußerlichkeiten zu haben’, und begann dann, den Tränen recht nah zu sein. Aber er besann
sich dann meist eines Besseren, schaute auf die Mutter Gottes, die er herzlich und innig
verehrte und wusste, dass es eines Tages schon klappen würde.

Und diese flehte er auch an: „Liebe Maria“, sprach er leise, aber vernehmlich, zu sich selbst,
„hilf mir. Sylvie mag mich und ich sie. Gib, dass es mit uns wird und sie mich nicht verlacht,
wenn ich ihr meinen Wunsch erzähle.“ Ja, und da stand sie mittenmang vor ihm. Nicht die
Mutter Gottes, nein, Sylvie.

Sie holte ihn doch immer ab und wartete auf ihn, wenn er seine Bude um punkt 20 Uhr
dreimal verriegelte. Vorher bekam sie immer eine Portion Pommes mit Frites und jede Menge
Ketchup, den süßen und guten, den selbst gemachten eben. Den schlürfte sie gleich Literweise
in sich hinein, denn sie war arm dran.

Nicht, dass ihr Arm ab wäre, nein, so dürft ihr mich doch nicht verstehen. Nein, sie hatte ja
noch niemals Arme gehabt und konnte infolgedessen auch keinen verlieren. Nein, sie gehörte
dem verarmten Landadel eines alten Storchengeschlec htes aus MeckPom an, das aus Polen
eingewandert, äh, eingeflogen war. Sie kam nicht von den Pommes her, nein, sondern aus
einem deutschen Landstrich namens Mecklenburg-Vorpommern, genannt MeckPom.
Harry und Gabi – Fritz
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Allein schon von dem Gedanken, sein Innerstes nach außen kehren zu müssen, bekam er
einen riesengroßen Pickel, natürlich mitten auf seiner Nase. Dabei hatte er sonst nie mit
Anormalitäten der Drüsen zu kämpfen. Zudem plagten ihn Schweißausbrüche, Sturzbäche
bildeten sich unter seinem Bauch – und verursachten einen etwas herben Geruch…

‚Na danke’, dachte sich Fritz, ‚das fängt ja gut an. Und wie soll es weiter gehen? Jetzt fehlt
nur noch, dass ich stottere.’ Und was geschah? Natürlich stotterte er. Und trat auch noch in
alle ihm sich darbietenden Pfützen, so dass er Sylvie mehr als einmal voll spritzte. Und dann
geschah es – sie sagte einfach ‚Ja’. Schon lange wollte sie ihm näher kommen, das hatte sie
sich genauestens überlegt.

Denn Sylvie liebte ihn, nicht nur seinen Schweißgeruch, den sie als männlich- herb empfand.
Auch sein Stottern mochte sie und machte ihn in ihren Augen sogar sehr sympathisch. Und
gegen Pickel hatte sie ein Wundermittel: Froschaugen. Einfach drauf legen, 10 Minuten
wirken lassen – fertig.

Was ihre technische Hilfestellung für seinen Schwabbelbauch anlangte: So richtig praktisch
war das Ganze nie. Zuerst probierten sie es mit einem Tuch, das sie um seinen Bauch
spannten und das Sylvie in ihrem Schnabel hoch zerrte. Das führte aber zu einem hochroten
Kopf ihrerseits, weil der Bauch schon nicht geringe Ausmaße und ein noch größeres Gewicht
hatte, so dass es Fritz reichlich peinlich war, mit einer roten Kugel auf zwei schönen langen
Beinen hinterher zu trotten.

Der zweite Versuch war ein Bollerwagen, also ein Wagen auf vier Rädern, mit dem man
Kinder und Anderes hinter sich her ziehen konnte. Aber der war noch unpraktischer. Letztlich
zog Sylvie ihren Geliebten dann hinter sich her, weil der Bollerwagen für den Bauch zu groß
war. Zwar zog sie gerne, aber auch das war ihm zu peinlich, denn er war ja kein Kind mehr.

Der Schwierigkeit Lösung war dann ein Skateboard, das sie am Wegesrand fanden. Das
klemmte er sich unter den Bauch – und ab ging die Post. Ja, genau das war das Geheimnis des
etwas ungleichen Paares: Sie hatten riesig viel Spaß miteinander und konnten miteinander
lachen, über sich selbst und all die Wechselfälle des Lebens. Nur eines nervte wirklich:
Immer wieder verfiel sie in militärischen Stechschritt und pfiff leise den Radetsky-Marsch vor
sich hin. Das aber, so sagte sie Fritz, sei genetisch ve ranlagt…

				
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