Macht und Herrschaft 12.01.2010 by pengxiuhui

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									       Propädeutikum Soziologie:
      Soziologische Grundbegriffe


          Macht und Herrschaft

    Professorin Dr. Birgit Blättel-Mink




1                                 Prof. Dr. Birgit Blättel-Mink
Macht und Herrschaft
Macht: „... bedeutet jede Chance innerhalb
einer sozialen Beziehung den eigenen
Willen auch gegen Widerstreben
durchzusetzen, gleichviel worauf diese
Chance beruht.“ (Max Weber)

Exkurs: Soziale Beziehung
Chance, dass sinnhaft aufeinander
bezogen gehandelt wird (Weber)

Herrschaft: „... soll heißen die Chance, für
einen Befehl bestimmten Inhalts bei
angebbaren Personen Gehorsam zu finden;
...“ (Max Weber)
Macht und Herrschaft

Worauf beruht die Chance der Machtausübung?

Heinrich Popitz         Max Weber

Konsensus               Legitimität
Autorität               Charisma/Persönlichkeit
Überlegene Gewalt       Physische Macht
Macht und Herrschaft

Beispiele für Prozesse der Machtbildung:

Passagiere auf einem Schiff, Gefangenenlager,
Erziehungsanstalt

Gemeinsamkeiten:
„Kasernierte Vergesellschaftungen“ bzw. „Totale
Organisationen“ – Es gibt kein Entrinnen!
Loslösung aller Beteiligten aus bisherigen, üblichen
Bindungen
Eine übergeordnete Ordnung existiert bereits!

Exkurs: Subkulturbildung
Macht und Herrschaft

Prozesse der Machtbildung – Passagiere auf einem
  Schiff
  Knappes Gut: Liegestühle an Deck

  „Nach der Durchsetzung exklusiver Verfügungsgewalten einer
  Teilgruppe über ein allgemein begehrtes Gebrauchsgut bekam das
  Sammelsurium der Passagiere Struktur.“ (Heinrich Popitz: 7)

  Exkurs: Struktur - Verknüpfung der Teile und Regelmäßigkeiten
  Okkupation der Liegestühle / Negative Privilegierung
  Zwei Klassen: Besitzende – Nicht-Besitzende / Positiv und Negativ
  Privilegierte
  Vermietung der Liegestühle – Herausbildung einer neuen
  „Dienstleistungsklasse“ / Wächter
  Andauernde Akzeptanz der negativen Privilegierung durch die
  „Besitzlosen“
Macht und Herrschaft
 „Vergleicht man beide Gruppen (Besitzende und Nicht-
 Besitzende), so zeigt sich ein Unterschied, ...: die Privilegierten
 haben die größere Chance, sich schnell und wirkungsvoll zu
 organisieren. Ihr gemeinsames Interesse ist nicht notwendig
 intensiver, aber organisationsfähiger.“ (Popitz: 9)

 Voraussetzung: Kooperation
 Die Nicht-Besitzer: Wie organisiert man etwas, was jeder will, in
 etwas, was alle wollen?
 „Nothing appears more surprising to those who consider human
 affairs with a philosophic eye than the easiness with which the
 many are governed by the few.“ (David Hume; in Popitz: 5)

 Antwort: Die Wenigen sind die Besitzenden und der Besitz (die
 Verteidigung des Besitzes, das gelöste Problem der Verteilung und
 damit der Ordnungsconsensus) vermittelt eine überlegene
 Organisationsfähigkeit
Macht und Herrschaft

 „Sie herrschen nicht zuletzt, weil sie in dieser Weise überlegen
 sind, und weil sie herrschen können sie diese Überlegenheit
 ständig reproduzieren und eventuell weiter ausbauen.“ (Popitz: 13)

 „Die neue Gruppe besaß zunächst nichts als die augenblickliche
 de-facto-Verfügung über ein allgemeines Gebrauchsgut und stellte
 den Anspruch auf exklusive und dauerhafte Verfügungsgewalt:
 dieser scheinbar hauchdünne Vorsprung reichte zur Bildung einer
 überlegenen Organisationsfähigkeit aus, - und damit zum Beginn
 eines Akkumulationsprozesses der Macht gegen die Interessen
 der Mehrheit.“ (Popitz: 14)

 Exkurs: Soziale Ungleichheit als Ergebnis von Besitzansprüchen
 (Jean Jacques Rousseau)
Macht und Herrschaft

Worauf beruht die Chance der Machtausübung?


1. Horizontales Einverständnis (zwischen den
   „Machtvollen“) - Legitimation

2. Vertikales Einverständnis (zwischen „Machtvollen“ und
   “Machtlosen“) - Legitimation
Macht und Herrschaft
Prozesse der Machtbildung – Beispiel: Gefangenenlager
  Gruppenbildung basierend auf individuellen Vertrauens- und
  Solidaritätsakten (Helfen und Teilen) – Alle Fähigkeiten und
  Besitztümer zusammenwerfen, um sich das Leben im Lager
  einfacher zu gestalten („Vertrauenssprung“)

  Arbeitsteilung – Spezialisierung – Kooperation – schafft Zeit für
  Sondertätigkeiten – Einen Herd bauen

  Überlegenheitsgefühl gegenüber den Anderen – Vorbereitung
  superiorer Handlungen

  Zunehmende Abhängigkeit Außenstehender: Herdnutzung gegen
  Naturalien- oder Dienstleistungstausch

  Durchsetzung des Produktionsmonopols – Kein weiterer Herd
  wurde gebaut
Macht und Herrschaft
 „Die produktive Überlegenheit war ein Resultat ihrer höheren
 Organisationsfähigkeit, die höhere Organisationsfähigkeit ein ‚strategisch
 plausibles‘ Ergebnis ihrer ungewöhnlichen Solidarität.“ (Popitz: 23)

 Aber: Es genügt nicht, dem wirtschaftlichen Vorteil auszubauen und
 einzelne Abhängigkeiten herzustellen.

 Worauf beruht die Chance der Machtausübung? Autorität

 Verhinderung der Bildung von Gegenkoalitionen. Durch eine „Politik des
 Teilens“ die Außenstehenden in ihrer Beziehung zum Machtzentrum zu
 differenzieren – Höchstmass an sozialer Distanz zwischen den einzelnen
 Gruppen:

 Der Stab, Delegation von Macht
 Staffel der Neutralen, Zuschauer, Nichtbetroffene
 Gruppe der „Paria“, der Unterprivilegierten; Personen, die durch
 abweichende Merkmale (Fremde, Neu-Hinzugekommene) dazu
 prädestiniert waren, unterdrückt zu werden
Macht und Herrschaft

 „Die Ausdehnung und Steigerung des Abhängig-
 keitsverhältnisses beruhte also letztlich darauf, dass die
 Akkumulation von Gütern umgesetzt werden konnte in
 Machtausübung über Menschen (Abgaben,
 Dienstleistungen, Widerstandsverzicht,
 Folgebereitschaft) und diese Machtausübung wiederum
 in eine Akkumulation von Gütern.“ (Popitz: 28)
Macht und Herrschaft

Jugendliche in einer Erziehungsanstalt
  Chance der Machtausübung durch Anwendung physischer Gewalt
  und Differenzierung: Helfershelfer und Unterdrückte/Ausgebeutete
  Entstehung einer (neuen) Ordnung!

  Ausgebeutete werden enteignet und müssen niedrige Tätigkeiten
  leisten. Hilfstruppe sorgt dafür, dass die Ausgebeuteten
  entsprechend funktionieren und begibt sich in direkte Abhängigkeit
  vom Zentrum / der Machtgruppe

  Warum wehren sich die Ausgebeuteten nicht?
  Angst vor Sanktionen
  Anerkennung der Ordnung – Sicherheit / System von Rechten und
  Pflichten – „Ordnungswert“
Macht und Herrschaft

Paradoxien

Anerkennung von Macht („gegen den eigenen Willen“)

Ausbleiben von Widerstand in einer frühen Phase der
  Entstehung von Macht (Ursprung: Gleichheit)

Absurdität von Machtnahme – Nicht vorhersagbar, nicht
  rational!
Macht und Herrschaft

Motive der Fügsamkeit: (Max Weber)

  Herrschaft: „... soll heißen die Chance, für einen Befehl
  bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen
  Gehorsam zu finden; ...“ (Max Weber)

  Interessenlage / Zweckrationalität
  Sitte, dumpfe Gewöhnung
  Affektuell, bloße persönliche Neigung des Beherrschten
  Legitimität – Glaube an Rechtmäßigkeit von
  Herrschaft (Legale Herrschaft, Traditionale Herrschaft,
  Charismatische Herrschaft)
Macht und Herrschaft

„Drei reine Typen legitimer Herrschaft“

Jede Herrschaftsform ist - als Idealtypus – mit einer
grundverschiedenen sozialen Struktur des Verwaltungsstabes und
der Verwaltungsmittel verknüpft

Legale Herrschaft - kraft Satzung. Der reinste Typus der legalen
Herrschaft ist die bürokratische Herrschaft (kontraktlich engagierte
und ernannte Beamte): in der Privatwirtschaft und im öffentlichen
Dienst
Wichtig: Alle Beteiligten (Herrschende und Beherrschte /
Vorgesetzte und Untergebene sind der legalen Herrschaft in
gleicher Weise unterworfen!
Der bürokratische Verwaltungsapparat dient der Aufrechterhaltung
der legalen Herrschaft (vgl. bürokratische Organisation: Ziel –
Struktur – Mitgliedschaftsregeln)
Macht und Herrschaft

Organisationen als formale Gebilde

Exkurs: Merkmale der „Bürokratie“ nach Max Weber

Beamtenstab
Vollbeschäftigung
Kein Besitz an Verwaltungsmitteln
Strikte Trennung von Privatheit und Erwerbsarbeit
Klare Aufgabenteilung
Kompetenzen
Über- und Unterordnung (Hierarchie)
Geregelter Aufstieg
Macht und Herrschaft

„Drei reine Typen legitimer Herrschaft“

Traditionale Herrschaft - kraft Glaubens an die Heiligkeit der von
jeher vorhandenen Ordnungen und Herrengewalten

Reinster Typus: A. Patriarchalische Herrschaft

„Gehorcht wird der Person kraft ihrer durch Herkommen
geheiligten Eigenwürde: aus Pietät“ (Max Weber: 154)
Herr (z.B. Bauer) und Beherrschte (Knecht und Mägde, Bäuerin
und Kinder)

Herrschaftsgebiet zerfällt in ein streng traditionsgebundenes
Gebiet (Billigkeitsgefühl, Würde des Menschen) und in ein solches
der freien Gnade und Willkür!
Macht und Herrschaft

„Drei reine Typen legitimer Herrschaft“

Traditionale Herrschaft - kraft Glaubens an die Heiligkeit der von
jeher vorhandenen Ordnungen und Herrengewalten

B. Ständische Struktur traditionaler Herrschaft: Gewaltenteilung
zwischen dem Herrn und dem appropriierten und privilegierten
Verwaltungsstab“
Macht und Herrschaft

„Drei reine Typen legitimer Herrschaft“

Charismatische Herrschaft – kraft affektueller Hingabe an die
Person des Herrn und ihre Gnadengaben (Charisma): magische
Fähigkeiten, Offenbarungen, Heldentum, Macht des Geistes und
der Rede

Reinste Typen sind die Herrschaft des Propheten, des
Kriegshelden, des großen Demagogen.
Der Herrscher als Führer.
Vergemeinschaftung qua Gefolgschaft
Macht und Herrschaft

„Drei reine Typen legitimer Herrschaft“

Charismatische Herrschaft ist spezifisch außeralltägliche
Herrschaft. Veralltäglichung heißt Übergang in traditionale oder
legale Herrschaft.

Charismatische Herrschaft besteht solange wie der Herrscher sich
bewährt, die Gefolgschaft an ihn glaubt, weil er seine
Außeralltäglichkeit beweist!
Es kann jedoch der Versuch unternommen werden, eine Art
Erbcharisma einzuführen
Macht und Herrschaft

Michel Foucault: Warum unterwerfen wir uns der Macht bzw.
der Herrschaft?

Machtausübung ist Alltag!
„Diese Form von Macht wird unmittelbar im Alltagsleben spürbar,
welches das Individuum in Kategorien einteilt, ihm seine
Individualität aufprägt, es an seine Identität fesselt, ihm ein Gesetz
der Wahrheit auferlegt, das es anerkennen muss und das andere
in ihm anerkennen müssen. Es ist eine Machtform, die aus
Individuen Subjekte macht. Das Wort Subjekt hat einen
zweifachen Sinn: vermittels Kontrolle und Abhängigkeit jemandem
unterworfen sein und durch Bewusstsein und Selbsterkenntnis
seiner eigenen Identität verhaftet sein. Beide Bedeutungen
unterstellen eine Form von Macht, die einen unterwirft und zu
jemandes Subjekt macht.“ (Foucault: 166)
Macht und Herrschaft

Fragen

  Bitte zeichnen Sie beispielhaft einen Prozess der
  Machtbildung nach - innerhalb totaler Organisationen

  Was heißt Herrschaft und was heißt legitime
  Herrschaft bei Max Weber und welche drei reinen
  Typen nennt er. Bitte skizzieren Sie einen
  Herrschaftstypus etwas genauer.

								
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