Gregory Bateson Ökologie des Geistes by mwv14394

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									                                    Bateson,Gregory: Ökologie des Geistes



  Gregory Bateson: Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische,
  biologische und epistemologische Perspektiven. Frankfurt am Main: suhrkamp 1985.


                     Metalog: Wieviel weißt du ? (S. 53-59)

Tochter: Pappi, wieviel weißt du?
Vater: Ich? Hmmm - ich habe so etwa ein Pfund Wissen.
T: Sei nicht albern. Ist es ein Pfund Sterling oder ein Pfund Gewicht? Ich meine, wieviel
   weißt du wirklich?
V: Also gut, mein Gehirn wiegt etwa zwei Pfund, und ich nehme an, ich benutze etwa
   ein Viertel davon - oder nutze es effektiv zu einem Viertel aus. Also sagen wir, ein
   halbes Pfund.
T: Aber weißt du mehr als Johnnys Vater? Weißt du mehr als ich?
V: Hmmm - ich kannte mal einen kleinen Jungen in England, der seinen Vater fragte:
   »Wissen Väter immer mehr als Söhne?«, und der Vater sagte: »Ja«. Die nächste
   Frage war: »Pappi, wer hat die Dampfmaschine erfunden?«, und der Vater sagte:
   »James Watt«. Darauf der Sohn: »-aber warum hat sie dann nicht James Watts
   Vater erfunden?«
T: Ich weiß. Ich weiß mehr als dieser Junge, weil ich nämlich weiß, warum es nicht
   James Watts Vater war. Weil erst mal ein anderer was anderes denken mußte, bevor
   irgendwer eine Dampfmaschine bauen konnte. Ich meine, so was wie -ich weiß nicht
   - aber es mußte eben irgendwer Öl entdecken, bevor irgend jemand eine Maschine
   bauen konnte.
V: Ja - da besteht schon ein Unterschied. Ich meine, es bedeutet, daß alles Wissen
   irgendwie miteinander verstrickt ist oder verwoben, wie Stoff, und jedes Stück
   Wissen hat nur Sinn und Nutzen durch die anderen Stücke – und ...
T: Meinst du, wir sollten es mit dem Metermaß messen?
V: Nein, das nicht.
T: Aber genau so kaufen wir doch Stoff. /54/
V: Ja. Aber ich habe nicht gemeint, daß es Stoff ist. Nur so ähnlich - und sicher wäre es
   nicht so flach wie Stoff - sondern hätte drei Dimensionen - vielleicht vier.
T: Was meinst du, Pappi?
V: Ich weiß es doch selbst nicht, mein Schatz. Ich habe nur versucht, darüber
   nachzudenken.
V: Ich glaube, wir sind heute morgen nicht so gut in Form. Vielleicht versuchen wir es
   mal mit einem anderen Weg. Worüber wir nachdenken müssen ist, wie die
   Wissensstücke miteinander verwoben sind. Wie sie einander helfen.
T: Wie tun sie das?
V: Na ja - es ist, als würden manchmal zwei Tatsachen zusammengefügt, und alles,
   was man hat, sind eben nur zwei Tatsachen. Aber manchmal fügen sie sich nicht
   einfach zusammen, sondern multiplizieren sich - und man hat vier.
T: Man kann doch nicht ein mal eins nehmen und dann vier rauskriegen. Du weißt, daß
   das nicht geht.
V: Oh.
V: Ich glaube, es geht doch. Wenn die multiplizierten Dinge Wissensstücke, Tatsachen
   oder so was sind. Denn jedes von ihnen ist ein doppeltes Etwas.

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T: Verstehe ich nicht.
V: Gut - zumindest ein doppeltes Etwas.
T: Pappi!
V: Nimm das Spiel «zwanzig Fragen«. Du denkst an irgendwas. Nehmen wir an, du
   denkst an «morgen«. Gut. Dann frage ich, «Ist es abstrakt?«, und du sagst: «Ja«. Mit
   deinem «Ja« erhalte ich nun eine doppelte Information. Ich weiß, daß es abstrakt
   und daß es nicht konkret ist. Oder sagen wir so: durch dein «Ja« kann ich die Zahl
   der Möglichkeiten dessen, was das Ding sein kann, halbieren. Und das heißt, mit
   eins über zwei multiplizieren.
T: Ist das nicht eine Division?
V: Doch - das ist dasselbe. Ich meine - also gut - es ist eine /55/ Multiplikation mit .5.
   Aber es ist eben nicht nur eine Subtraktion oder Addition.
T: Woher weißt du das so genau?
V: Woher ich das weiß? - Na ja, nimm an, ich stelle eine weitere Frage, die die
   Möglichkeiten unter den Abstraktionen halbiert. Und dann noch eine. Dann gibt es
   nur noch ein Achtel der Möglichkeiten, die am Anfang bestanden. Und zwei mal zwei
   mal zwei gibt acht.
T: Und zwei und zwei und zwei macht nur sechs.
V: Genau.
T: Aber Pappi, ich verstehe noch nicht - was passiert denn bei zwanzig Fragen?
V: Das Wichtigste ist, wenn ich meine Fragen richtig wähle, kann ich zwischen zwei mal
   zwei mal zwei mal zwei zwanzig mal über Dinge entscheiden -220 Dinge. Das macht
   über eine Million Dinge, die du dir gedacht haben kannst. Eine Frage reicht, um
   zwischen zwei Dingen zu entscheiden; und zwei Fragen entscheiden zwischen vier
   Dingen - und so weiter.
T: Ich mag Arithmetik nicht, Pappi.
V: Ja, ich weiß. Das Ausrechnen ist langweilig; aber einige der Ideen darin sind
   amüsant. Und du wolltest doch wissen, wie man Wissen mißt, und wenn man
   anfängt, irgendwas zu messen, dann kommt man immer zur Arithmetik.
T: Bisher haben wir überhaupt noch kein Wissen gemessen.
V: Nein. Ich weiß. Aber wir haben einen oder zwei Schritte gemacht, um
   herauszufinden, wie man Wissen mißt, wenn man das will. Und das heißt, wir wissen
   jetzt ein bißchen mehr darüber, was Wissen ist.
T: Das wäre ja eine komische Art Wissen, Pappi. Ich meine, etwas über das Wissen zu
   wissen - würden wir denn diese Art Wissen auf dieselbe Weise messen?
V: Warte mal - ich weiß nicht - das ist wirklich die Hundert-Mark-Frage zu diesem
   Thema. Weil - na ja, laß uns nochmal zu dem Spiel mit den «zwanzig Fragen«
   zurückkehren. Was wir noch gar nicht erwähnt haben ist, daß diese Fragen eine /56/
   bestimmte Reihenfolge haben müssen. Zuerst die weite, allgemeine Frage und dann
   die speziellen. Und ich kann nur aufgrund der Antworten auf die allgemeinen Fragen
   wissen, welche speziellen ich stellen muß. Aber wir haben sie alle gleichberechtigt
   gezählt. Ich weiß nicht. Und jetzt fragst du mich, ob das Wissen über Wissen in
   derselben Weise zu messen wäre wie das übrige Wissen. Und die Antwort muß ganz
   sicher nein lauten. Siehst du, wenn mir die ersten Fragen in dem Spiel verraten,
   welche Fragen ich danach zu stellen habe, dann müssen es zum Teil auch Fragen
   über das Wissen sein. Sie erforschen nämlich das Geschäft des Wissens.
T: Pappi, hat jemals irgendwer gemessen, wieviel jemand weiß?

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V: Oh, ja. Oft. Aber ich weiß nicht so genau, was die Antworten bedeuten. Man macht
   das mit Untersuchungen und Tests und Fragebögen, aber es ist so, als wollte man
   die Größe eines Stücks Papier dadurch herausfinden, daß man mit Steinen danach
   wirft.
T: Wie meist du das?
V: Ich meine - wenn man mit Steinen aus der gleichen Entfernung nach zwei Stücken
   Papier wirft und herausfindet, daß man das eine öfter trifft als das andere, dann wird
   wahrscheinlich das, welches man am häufigsten getroffen hat, größer sein als das
   andere. Auf dieselbe Weise wirft man bei einer Untersuchung eine Menge Fragen auf
   die Studenten, und wenn man herausfindet, daß man bei dem einen Studenten auf
   mehr Wissensstücke trifft als bei den anderen, dann meint man, dieser Student muß
   mehr wissen. Das ist die Idee dabei.
T: Aber könnte man denn auf die Weise auch ein Stück Papier messen?
V: Natürlich könnte man das. Es könnte sogar ein ganz guter Weg sein, es zu tun. Wir
   messen eine ganze Menge Sachen auf diese Weise. Zum Beispiel beurteilen wir, wie
   stark eine Tasse Kaffee ist, indem wir schauen, wie schwarz er aussieht -das heißt,
   wir achten darauf, wieviel Licht er schluckt. /57/ Anstatt Steine werfen wir Lichtwellen
   darauf, es ist dieselbe Idee.
T: Oh.
T: Aber wenn das so ist - warum messen wir dann das Wissen nicht auch so?
V: Wie? Mit Fragebögen? Nein - Gott bewahre. Das Problem ist, daß diese Art der
   Messung nichts zu deiner Frage hergibt - daß es verschiedene Arten von Wissen gibt
   - und daß es auch Wissen über Wissen gibt. Und sollte man dem Studenten, der die
   umfassendsten Fragen beantworten kann, bessere Noten geben? Oder vielleicht
   sollte es verschiedene Arten von Noten für jede besondere Art von Fragen geben.
T: Also gut. Machen wir das und zählen dann die Noten zusammen und dann...
V: Nein - wir könnten sie nicht zusammenzählen. Wir könnten höchstens eine Art Noten
   mit einer anderen multiplizieren oder sie dividieren, aber addieren geht nicht.
T: Warum nicht, Pappi?

V: Weil - weil das nicht geht. Kein Wunder, daß du Arithmetik nicht magst, wenn sie dir
   solche Sachen in der Schule nicht erklären - was sagen sie dir denn eigentlich?
   Himmel - ich möchte wissen, was sich die Lehrer unter Arithmetik vorstellen.
T: Was ist es denn?
V: Nein. Laß uns bei der Frage bleiben, wie man Wissen mißt -Arithmetik besteht aus
   einer Reihe von Tricks, klar zu denken, und das einzige, was daran Spaß macht, ist
   eben die Klarheit. Und das Wichtigste bei der Klarheit ist, daß man nicht Ideen
   vermischt, die in Wirklichkeit voneinander getrennt sind. Die Idee von zwei Orangen
   ist tatsächlich etwas anderes als die Idee von zwei Meilen. Wenn du sie nämlich
   zusammenzählst, hast du nur noch Nebel im Kopf.
T: Aber Pappi, ich kann Ideen nicht getrennt halten. Müßte ich das denn tun?
V: Nein - nein - natürlich nicht. Verbinde sie. Aber zähle sie /58/ nicht zusammen. Das
   ist alles. Ich meine - wenn die Ideen Zahlen sind, und du willst zwei verschiedene
   Arten verbinden, dann mußt du sie miteinander multiplizieren. Oder sie
   durcheinander dividieren. Und dann wirst du eine neue Art Idee erhalten, eine neue
   Art Quantität. Hast du Meilen im Kopf und daneben Stunden, und du dividierst die
   Mejlen durch die Stunden, dann kriegst du »Meilen pro Stunde« -das ist eine
   Geschwindigkeit.

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T: Ja, Pappi. Und was würde ich bekommen, wenn ich sie multiplizierte?
V: Oh - hm - ich nehme an, das wären Meilen-Stunden. Ja. Ich weiß, was das ist. Ich
   meine, was eine Meilen-Stunde ist. Es ist das, was man dem Taxifahrer bezahlt. Sein
   Taxometer mißt Meilen, und er hat eine Uhr, die Stunden mißt, und der Taxometer
   und die Uhr arbeiten zusammen und multiplizieren die Stunden mit den Meilen, und
   dann multipliziert er die Meilen-Stunden mit etwas anderem, das aus Meilen-Stunden
   Dollars macht.
T: Ich habe mal ein Experiment gemacht.
V: Ja?
T: Ich wollte rausfinden, ob ich zwei Gedanken gleichzeitig denken kann. Also dachte
   ich »Es ist Sommer«, und ich dachte »Es ist Winter«. Und dann versuchte ich, die
   beiden Gedanken gleichzeitig zu denken.
V: Und?
T: Aber ich merkte, daß ich nicht zwei Gedanken hatte. Ich hatte nur einen Gedanken
   darüber, zwei Gedanken zu haben.
V: Genau, das ist es. Du kannst Gedanken nicht vermischen, du kannst sie nur
   verbinden. Und letzten Endes bedeutet das, daß man sie nicht zählen kann. Denn
   Zählen ist nichts anderes, als Dinge zu addieren. Und das geht meistens nicht.
T: Haben wir dann in Wirklichkeit nur einen großen Gedanken, der aus vielen kleinen
   Verzweigungen besteht - vielen, vielen Verzweigungen?
V: Ja, ich glaube, aber ich weiß es nicht. Jedenfalls halte ich das /59/ für eine klarere
   Ausdrucksweise. Ich meine, es ist klarer, als über Wissensstücke zu reden und den
   Versuch zu machen, sie zu zählen.

T: Pappi, warum benutzt du die übrigen drei Viertel deines Gehirns nicht?
V: Oh, ja - das - weißt du, das Problem ist, daß ich auch Lehrer in der Schule hatte. Und
   die haben etwa ein Viertel meines Gehirns mit Nebel gefüllt. Und dann habe ich
   Zeitungen gelesen und auf das gehört, was andere Leute sagten, und da war ein
   weiteres Viertel vernebelt.
T: Und das andere Viertel, Pappi?
V: Oh - das ist der Nebel, den ich selbst erzeugt habe, als ich versuchte nachzudenken.




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