Langsames, aber stet igesWachstum
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Precision Farming
Langsames, aber
stetigesWachstum
Beobachtungen zur Akzeptanz von
Precision Farming in Deutschland
Während der Agritechnica 2005 in Hannover wurde eine Befragung
durchgeführt, um Akzeptanz, Hemmnisse und das zukünftige Potenzial
von Precision Farming zu untersuchen. Die Ergebnisse von 2005
werden mit denen identischer Befragungen während der Agritech-
nica 2001 und 2003 verglichen, um Trends bzw. Veränderungen
aufzuspüren.
PROF. DR. CARSTEN JÜRGENS, Ruhr-Universität Bochum, stellt
Ergebnisse der von ihm geleiteten Untersuchung vor.
Über 2.000
P
recision Farming ist eine tech- die jeweils dort vorgesehene Messebesu-
nikintensive Alternative zur kon- Düngermenge an der richti- cher gaben
ventionellen Landwirtschaft. Ba- gen Stelle ausbringen. Dies den intervie-
sierend auf der modernen Navi- gilt ebenso für andere Arbeits- wenden Stu-
denten Auskunft
gationstechnik des Global Positioning gänge. über ihr Wissen
Systems (GPS) ist es seit einigen Jahren Der Einsatz von Precision Far- und ihr Nutzungs-
möglich, die Position von Landmaschinen ming Techniken erscheint insbeson- verhalten bei Precision
während ihres Einsatzes auf den Feldern dere für Standorte mit sehr heterogenen Farming. Die Befragungen
exakt zu bestimmen. Böden sinnvoll. Durch gezielte Dosierung fanden alle mit Hilfe eines digitalen
Mit der Kenntnis der genauen Eigenposi- von Düngemitteln, Pflanzenschutzmitteln Fragebogens auf Palm PDA statt. Fotos: Autor
tion ist es möglich, auf vorhandene Stand- und Saatgut erfolgt ggf. eine finanzielle
ortunterschiede innerhalb eines Schlages Entlastung, gekoppelt mit der Vermeidung
zu reagieren. Eine teilschlagspezifische von Überdosierungen und deren negativen In allen Jahren wurde eine repräsentative
Bewirtschaftung wird damit möglich, die Umweltfolgen. Neben derartigen Einspa- 1 %-Stichprobe der deutschen Messebe-
die kleinräumige Heterogenität eines rungen kann es durch standortangepasste sucher untersucht. Insgesamt stehen aus
Ackers berücksichtigt. Dosierungen auch zu Mehrerträgen kom- dem Jahr 2001 1.693, von 2003 2.596 und
Mit Hilfe der Positionsbestimmung wer- men. von 2005 2.118 auswertbare Interviews
den zunächst Daten gesammelt. Die Bo- Für die zusätzlich anzuschaffende Tech- zur Verfügung.
denbeprobung kann beispielsweise GPS- nik ebenso wie für die Datenauswertung Die Befragten wurden für die Auswertung
gestützt erfolgen, ebenso die Ertragskar- sind neben finanziellen Mitteln auch neue verschiedenen Gruppen zugewiesen. Ne-
tierung im Mähdrescher. Die erhobenen Qualifikationen erforderlich. Beides könn- ben Landwirten, die Precision Farming
Daten müssen dann unter Berücksich- ten Hindernisse für die Einführung der anwenden, wurden potenzielle Nutzer (die
tigung der jeweiligen Lagekoordinaten neuen Technik im Betrieb darstellen. in den kommenden drei Jahren damit be-
ausgewertet werden, um auf die klein- ginnen wollen) sowie beginnende Nutzer
räumigen Standortunterschiede angepasst Ausführliche Befragung (bisher nur GPS-Flächenvermessung nut-
reagieren zu können. Zur Datenaus- auf der Agritechnica zend) ausgewiesen.
wertung werden Geographische Infor- Neben diesen Gruppen gibt es auch zahl-
mations-Systeme (GIS) eingesetzt, die Im Rahmen des BMBF-Verbundprojektes reiche Landwirte, die nicht wissen, was
räumliche Analysen ermöglichen. Die Er- preagro wurde während der Agritechnica Precision Farming ist (Uninformierte),
kenntnisse der Datenanalyse helfen dann 2005 in Hannover eine Befragung durch- oder solche, die angeben, dass sie wissen,
bei der Erstellung von Applikationskar- geführt, um Akzeptanz, Hemmnisse, aber was Precision Farming ist, es aber aus
ten, die – per Chipkarte auf den Bord- auch die Potenziale von Precision Farming unterschiedlichen Gründen nicht nutzen
computer übertragen – anschließend die zu untersuchen. Die Befragung 2005 wird (informierte Nichtnutzer).
jeweilige Landmaschine, z.B. bei der Do- mit identischen Befragungen während der
sierung von Dünger, steuern. Auch hier ist Agritechnica 2001 und 2003 verglichen, NL-Leser liegen vorn!
die Positionsbestimmung die entschei- um Trends bzw. Veränderungen aufzuspü-
dende Schlüsseltechnologie. Nur wenn ren. Der Prozentsatz der „Uninformierten“ ist
die Landmaschine ihre Eigenposition Die Befragungen der Messebesucher fan- von 2003 (50,5 %) bis 2005 (43,9 %) ge-
exakt kennt, kann sie durch Abgleich mit den alle mit Hilfe eines digitalen Frage- sunken. Dementsprechend ist der Anteil
den Koordinaten der Applikationskarte bogens auf Palm PDA statt. der informierten Landwirte von 2003
Neue Landwirtschaft 1 · 2006 45
NL Precision Farming
(49,5 %) bis 2005 (56,0 %) gestiegen Die GPS-Flächen-
(während der Messe befragte Neue Land- vermessung ist
wirtschaft-Leser: 78,7 %!). Insgesamt be- die am häufigsten
wegen sich die Zahlen von 2005 auf dem angewandte Methode
des Precision Farming.
gleichen Niveau wie 2001 (44,6 % „Un- Foto: Möbius
informierte“ bzw. 55,4 % „Informierte“).
Die Gruppe der beginnenden Nutzer so-
wie die der Nutzer sind von Jahr zu Jahr,
wenn auch nur geringfügig, gewachsen:
● Beginnende Nutzer: 3,5 % (2001),
4,0 % (2003) und 4,1 % (2005),
● Nutzer: 7,3 % (2001), 7,7 % (2003)
und 7,9 % (2005).
Der Anteil potenzieller Nutzer bewegt sich bewogen haben, mit Precision Farming zu ● hoher Zeitaufwand für die Einarbei-
mit 9,2 % im Jahre 2005 auf dem Niveau beginnen, vor allem an, dass „genauere tung,
von 2001. Absolut betrachtet ist die Gruppe Kenntnisse des Schlages“ und „verein- ● Unzuverlässigkeit der EDV-Ausrüs-
der Landwirte, die in den kommenden drei fachte Dokumentation der durchgeführten tung und
Jahren mit Precision Farming beginnen Maßnahmen“ auch wesentliche Gründe für ● mangelnde Kompatibilität der Technik.
möchte, größer als die Gruppe der heuti- die Nutzung von Precision Farming sind.
gen Nutzer. Hier ist ein zukünftiges Po- Interessant ist die Tatsache, dass die „ver- Fragt man die Nutzer danach, ob die Ein-
tenzial zu erkennen. einfachte Dokumentation der durchge- führung von Precision Farming finanzielle
führten Maßnahmen“ ständig an Bedeu- Vor- oder Nachteile nach sich zieht, also
Welche Möglichkeiten tung gewonnen hat: So nennen im Jahr indirekt nach dem Erfolg des Einsatzes, so
werden genutzt? 2001 14,1 %, im Jahr 2003 17,0 % und im bestätigen zu allen Zeitpunkten mehr als
Jahr 2005 23,5 % der Landwirte diesen die Hälfte (2005: 59,3 %), dass sie finan-
Die hauptsächlich eingesetzten Precision Aspekt. Dies verdeutlicht, dass agrarpoli- zielle Vorteile haben. Die Nutzer sind ins-
Farming-Methoden sind die GPS-Flächen- tische Vorgaben durchaus zum selektiven gesamt sehr zufrieden mit den Ergeb-
vermessung, die GPS-Bodenbeprobung Einsatz von dokumentierenden Precision nissen dieser Technik. Über 80 % der
und die GPS-Ertragskartierung (Abbil- Farming-Methoden führen können. befragten Nutzer (2005: 83,3 %) würden
dung 1). Dieses Bild ist im Wesentlichen Aus den Angaben der Nutzer ist auch her- ihren Berufskollegen die Anwendung der
seit 2001 stabil. Auffallend ist, wie auch auszulesen, dass der Einsatz von Precision neuen GPS-gestützten Methoden empfeh-
in den vergangenen Jahren, dass der An- Farming seit etwa 1999/2000 zunimmt. len. Hieraus lässt sich unschwer folgern,
teil Informationen sammelnder Landwirte Ablesbar ist dies aus den „Einstiegszeit- dass die Techniken erfolgreich eingesetzt
größer ist als der Anteil derer, die diese In- punkten“ in die jeweils genutzten Metho- wurden, nachdem die Anfangsprobleme
formationen auch umsetzen. So wird den. Ab dem Jahr 2000 nutzten mehr überwunden wurden. Die anfänglichen
keine der umsetzenden Methoden (diffe- Landwirte immer mehr der zur Verfügung Erwartungen wurden offenbar bei der
renzierte Aussaat, differenzierte Grund- stehenden Methoden. überwiegenden Menge der befragten Nut-
düngung, differenzierter Pflanzenschutz, zer erfüllt.
differenzierte N-Düngung) von mehr als Probleme und Zufriedenheit
20 % der Precision Farming-Nutzer ein- der Nutzer Potenzielle Nutzer gut informiert
gesetzt.
Die informationserfassenden Methoden Wenn eine neue Technik eingeführt wird, Um herauszufinden, ob weitere Landwirte
werden 2005 von erheblich mehr Land- so ist mit Anfangsproblemen zu rechnen. Interesse am Einsatz von Precision Far-
wirten angewendet: Die Landwirte nannten seit 2001 durch- ming-Techniken haben, wurde gefragt,
● GPS-Flächenvermessung: 66,2 %, weg folgende Hauptschwierigkeiten bei welche Interviewten beabsichtigen, in den
● GPS-Bodenbeprobung: 50,3 %, der Einführung von Precision Farming: kommenden drei Jahren mit Precision Far-
● GPS-Ertragskartierung: 39,7 %.
Diese Diskrepanz könnte an Problemen % NL-Grafik, Quelle: Autor
mit der komplexen Datenauswertung lie-
70 –
gen. Um dies zu klären, sind weitere 60 – Landwirt 2001 n = 99
Untersuchungen notwendig, da nicht aus- 50 – Landwirt 2003 n = 171
zuschließen ist, dass zahlreiche Landwirte Landwirt 2005 n = 151
40 –
überfordert sind, geeignete Applikations- 30 –
karten aus den gewonnenen Bestandesin- 20 –
formationen zu erstellen. 10 –
Es könnte allerdings auch sein, dass die 0–
Diskrepanz zwischen Datenerfassung und GPS- GPS- EM 38 GPS- N- diffe- diffe- diffe- diffe-
Flächen- Boden- Ertrags- Sensor renzierte renzierte renzierte renzierter
Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse
ver- be- kartierung Aussaat Grund- N-dün- Pflanzen-
durch die Einstiegsmotivation erklärbar messung probung düngung gung schutz
wird. So geben die Befragten neben den ohne
üblichen ökonomischen Gründen (Ge- N-Sensor
winnsteigerung, Kostensenkung, höhere
Ernteerträge, Qualitätssicherung), die sie Abbildung 1: Eingesetzte Precision Farming-Methoden in den Betrieben der befragten Landwirte
46 Neue Landwirtschaft 1 · 2006
GPS-Bodenbeprobung
und GPS-Ertrags-
kartierung werden
ebenfalls recht häufig
eingesetzt.
Werkfotos
ming zu beginnen. Ungefähr jeder zehnte timistische Grundeinstellung und das Stre- Vor allem ab 1.000 ha Betriebsgröße wer-
Befragte hat entsprechende Pläne. Diese ben nach optimalen Betriebsergebnissen. den derartige Systeme von Precision Far-
potenziellen Nutzer sind generell gut in- ming-Nutzern eingesetzt (ca. 60 %).
formiert über die Technik und kennen Parallelfahrsysteme im Kommen Von allen anderen (nicht Precision Far-
auch die Anfangsprobleme. ming einsetzenden) Landwirten, die Pa-
Die gängige Meinung, dass nur Großbe- Seit relativ kurzer Zeit werden Parallel- rallelfahrsysteme nutzen, ist bekannt, dass
triebe in Precision Farming einsteigen, ist fahrsysteme auf der Grundlage der GPS- bereits Betriebe ab 21 ha diese Technik
tendenziell richtig, aber die potenziellen Positionierungstechnologie angeboten, nutzen. Deutlich verstärkt beginnt der
Nutzer weisen deutlich kleinere Betriebs- um die Applikationsgenauigkeit erneut zu Einsatz bei Betrieben über 100 ha. Sind
größen auf als die derzeitigen Nutzer. Die optimieren. Doppelapplikationen sollen Parallelfahrsysteme eventuell ein erster
Tabelle zeigt die durchschnittlichen Be- damit vermieden und somit Arbeits- und Schritt in den PA-Einstieg? Das werden
triebsgrößen für die Befragung der Jahre Fahrzeiten sowie Mittel- und Kraftstoff- künftige Untersuchungen noch belegen
2001, 2003 und 2005. einsatz reduziert werden. müssen.
Mit Ausnahme der Nutzer ist eine (z.T. ge- Parallelfahrsysteme sind leicht handhab-
ringe) Zunahme der durchschnittlichen bar und auch ohne weitere Anwendung Fazit
Betriebsgrößen bei den Befragten festzu- von Precision Farming einsetzbar. Es
stellen. Die durchschnittliche Größe der stellte sich heraus, dass ca. jeder zwan- Precision Farming verbreitet sich in
Nutzerbetriebe sinkt dagegen. Dies zigste Befragte ein Parallelfahrsystem Deutschland langsam. Eine Stagnation ist
könnte ein Beleg dafür sein, dass technik- nutzt. Etwa jeder zehnte potenzielle Nut- allerdings nicht festzustellen, da der Ein-
freundliche Innovatoren mit sehr großen zer und sogar jeder vierte Precision Far- satz seit ca. 1999/2000 zunimmt. Auch
Betrieben nun zunehmend in den Hinter- ming-Nutzer haben bereits derartige Sys- trauen sich zunehmend die Bewirtschaf-
grund treten. Inzwischen trauen sich auch teme im Einsatz. ter kleinerer Betriebe an diese Technik
kleinere Betriebe an Precision Farming Bei den Lohnunternehmern nutzt insge- heran. Nach Anfangsschwierigkeiten, die
heran. Dies führt zu einer Annäherung der samt jeder zehnte die Parallelfahrsysteme bei der komplexen Materie als selbstver-
Betriebsgrößen von Nutzern und poten- und in dieser Gruppe sogar schon jeder ständlich angesehen werden dürften, wer-
ziellen Nutzern. zweite Nutzer! den von der überwiegenden Zahl der
In den kommenden drei Jahren wollen so- Betrachtet man die Betriebsgrößen dieser Nutzer eine hohe Zufriedenheit und fi-
wohl ca. 50 % der Nutzer als auch ca. 50 % Nutzer, so stellt man fest, dass Parallel- nanzielle Vorteile festgestellt.
der potenziellen Nutzer ihren Betrieb ver- fahrsysteme ab einer Betriebsgröße von Zahlreiche weitere interessierte Land-
größern. Dies zeigt eine wirtschaftlich op- 50 ha eingesetzt werden (Abbildung 2). wirte wollen mit Precision Farming be-
ginnen, auch wenn ihre Betriebe deutlich
kleiner sind als die der bisherigen Nutzer.
Tabelle: Durchschnittliche Betriebsgröße (ha) verschiedener Teilgruppen der Befragten
Parallelfahrsysteme setzen sich vor allem
Jahr Nutzer Potenzielle Nutzer Informierte Nichtnutzer Uninformierte bei Nutzern mit großen Betrieben durch,
2001 1.080,6 348,4 248,2 200,0 aber auch konventionelle Landwirte be-
2003 783,7 344,1 212,1 222,3 ginnen vorzugsweise auf Betrieben über
2005 904,2 535,4 266,7 226,6 100 ha mit derartigen Systemen. Viel-
leicht führt dieser erste Kontakt mit einem
GPS-System zu weiteren Entscheidungen
% NL-Grafik, Quelle Autor in Richtung Precision Farming? (mö) NL
35 –
30 – Landwirte ohne
Precision Farming-Nutzer Danksagung
25 –
Precision Farming-Nutzer
20 – Die Untersuchung ist Teil des BMBF-Ver-
ohne beginnende Nutzer
15 – bundprojekts preagro (Förderkennzeichen
10 – 0330659). Für die Förderung sei herzlich
5–
0–
gedankt.
0–20 21–50 51–100 101–300 301–500 501–1.000 1.001–2.000 über 2.000 Ebenso wird der DLG für die Genehmi-
Hektar gung der Befragungen auf den Agritech-
nica-Messen gedankt.
Abbildung 2: Einsatz von Parallelfahrsystemen im Vergleich zu Betriebsgrößenklassen
Neue Landwirtschaft 1 · 2006 47
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