Depression und Körpersprache

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Depression und Körpersprache Powered By Docstoc
					Depression – Auswirkungen
auf den Interaktionsprozess


    Hausarbeit im Fach Psychopathologie
 zur Psychologie-Diplom-Nebenfachprüfung




                vorgelegt von:
             Stephanie Evertz




               Köln, März 1998
Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung ......................................................................................................... 3
2 Die Depression ................................................................................................ 3
   2.1 Allgemeine Einordnung
   3
   2.2 Spezielle Klassifikation
   3
   2.3 Diagnostische Kriterien der Major Depression nach DSM-IV
   4
   2.4 Auftreten und Verlauf
   5
   2.5 Ursachen der Depression
   5
      2.5.1 Psychologische Ansätze ......................................................................................... 6
        2.5.1.1 Psychoanalytische Ansätze ................................................................................. 6
        2.5.1.2 Kognitive Ansätze ............................................................................................... 6
        2.5.1.3 Verhaltenstheoretische Ansätze .......................................................................... 7
        2.5.1.4 Ansätze mit besonderer Akzentuierung interpersoneller Faktoren ..................... 7
        2.5.1.5 Ursache-Wirkungs-Zusammenhang.................................................................... 8
      2.5.2 Nicht-psychologische Ansätze ............................................................................... 8
        2.5.2.1 Neurochemische Ansätze .................................................................................... 8
        2.5.2.2 Biologische Ansätze ............................................................................................ 8
3 Die soziale Interaktion ..................................................................................... 9
   3.1 Das Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun
   9
   3.2 Sozialpsychologische Erkenntnisse zum Interaktionsprozess
   10
   3.3 Die Wirkung nonverbalen Verhaltens im Interaktionsprozess
   11
4 Auswirkungen der Depression auf die soziale Interaktion............................ 11
   4.1   Äußeres Erscheinungsbild und Auftreten
   11
   4.2   Mangelnde Sozialkompetenz
   12
   4.3   Beziehung zur sozialen Umwelt
   12
   4.4   Die Reaktion der Sozialpartner/innen
   12
5 Therapieansätze der Depression .................................................................... 14
   5.1 Psychologische Interventionen
   14
      5.1.1 Psychoanalytisch-psychodynamische Depressionstherapie ................................. 14
      5.1.2 Kognitiv-therapeutische Ansätze der Depressionstherapie .................................. 14
      5.1.3 Verhaltenstherapeutische Ansätze der Depressionstherapie ................................ 15
      5.1.4 Depressionstherapie mit besonderer Akzentuierung interpersoneller Faktoren... 15
   5.2 Das Training von Interaktionskompetenzen im Rahmen psychologischer
   Therapieformen
                   16

                                                                                                                                 2
   5.3 Nicht-psychologische Interventionen
   17
      5.3.1 Elektrokrampftherapie .......................................................................................... 17
      5.3.2 Wachtherapie ........................................................................................................ 17
      5.3.3 Lichttherapie ......................................................................................................... 17
      5.3.4 Pharmakotherapie ................................................................................................. 17
   5.4 Integration psychologischer und nicht-pschologischer Therapieformen
   18
6 Zusammenfassung ......................................................................................... 18
7 Ausblick ......................................................................................................... 18
8 Literaturverzeichnis ....................................................................................... 20




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1    Einleitung
Die vorliegende Hausarbeit behandelt das psychopathologische Störungsbild der Depression
unter spezieller Berücksichtigung der Auswirkungen der Erkrankung auf die Interaktion
betroffener Personen mit ihren Mitmenschen.
Zunächst wird das Krankheitsbild beschrieben und klassifiziert. Damit befindet sich diese
Arbeit im Bereich der Speziellen Psychopathologie, deren Schwerpunkt auf der Beschreibung
und Betrachtung von Phänomenen und Merkmalen im Rahmen von Klassifizierungen und
Diagnosen liegt.
Nach der Skizzierung von Erklärungsmodellen der Depression folgen Ausführungen zum
theoretisch-empierischen Hintergrund der sozialen Interaktion. Zum Verständnis der
Auswirkungen der Depression im Interaktionsprozess tragen das Kommunikationsmodell
nach Schulz von Thun und Erkenntnisse der Sozialpsychologie bei. Schließlich wird der
Frage nachgegangen, welche Bedeutung nonverbales Verhalten für die Unterhaltung von
Sozialkontakten hat. Diese Ausführungen sind eher dem Bereich der Allgemeinen
Psychopathologie zuzuordnen, der sich mit diagnoseunabhängigen Betrachtungsweisen von
Phänomenen beschäftigt.
Abschließend werden Therapieansätze vorgestellt. Dabei wird zum einen der Stellenwert des
Trainings von Interaktionskompetenzen herausgearbeitet und zum anderen die Idee der
Integration verschiedener Therapieansätze beleuchtet.

2 Die Depression
2.1 Allgemeine Einordnung
Hautzinger (1979) beschreibt Depression als ein Spektrum von langandauernden Stimmungen
und Verhaltensweisen, die von Enttäuschung, Traurigkeit, Gleichgültigkeit und Pessimismus,
von Schlafstörungen, Appetitverlust und Sexualstörungen bis hin zu völligem Rückzug,
Apathie, Selbstaufgabe und bizarr anmutenden Selbstmordhandlugen reichen.
Zu unterscheiden ist diese Störung von kurzfristigen Zuständen der Traurigkeit und
Niedergeschlagenheit – so wie sie auch gesunde Personen gelegentlich erleben – sowie von
sekundären depressiven Befindlichkeiten als Folge von äußeren Auslösern, wie z. B.
körperliche Einschränkung durch Krankheit oder Unfall.


2.2 Spezielle Klassifikation
Im Rahmen von diagnostischen Klassifikationssystemen wird die Gruppe der Affektiven
Störungen unterteilt in Depressive Störungen (Monopolare Depression), Bipolare Störungen,
und ätiologie-orientierte Störungen (medizinischer Krankheitsfaktor, Substanzinduziert).

Zu den Depressiven Störungen zählen die ‚Major Depression‘, die ‚Dysthyme Störung‘ und
die ‚Nicht Näher Bezeichnete Depressive Störung‘.

In der vorliegenden Arbeit wird das Hauptaugenmerk auf die Mayor Depression (bei
Erwachsenen) gelegt. Dazu gibt zum einen der hohe Verbreitungsgrad dieser Störung Anlass,
zum anderen aber auch ihre weitreichenden Auswirkungen auf die Interaktionsprozesse im
sozialen Umfeld von Betroffenen. Ungeachtet dieser Eingrenzung auf die Major Depression
sind die Ausführungen im allgemeinpsychopathologischen Teil dieser Arbeit jedoch
prinzipiell auch auf andere affektive Störungen übertragbar.




                                                                                        4
Hinsichtlich der häufigsten Symptome und Merkmale der Major Depression herrscht
Übereinstimmung zwischen den Klassifikaionssystemen ICD-10 und DSM-IV. Die folgenden
Ausführungen wurden dem DSM-IV entnommen:


2.3 Diagnostische Kriterien der Major Depression nach DSM-IV
Kriterium A: Vorhandensein einer einzelnen Episode einer Major Depression.
Diese ist gekennzeichnet durch mindestens fünf der folgenden Symptome über zwei Wochen,
wobei eines davon die depressive Verstimmung oder der Verlust an Interesse und Freude sein
muss:

a. 1. Depressive Verstimmung (traurig, hoffnungslos, entmutigt oder niedergeschlagen) an
       fast allen Tagen
   2. Deutlich vermindertes Interesse oder Freude an allen oder fast allen Aktivitäten an fast
       allen Tagen
   3. Deutlicher Gewichtsverlust ohne Diät oder Gewichtszunahme oder verminderter oder
       gesteigerter Appetit an fast allen Tagen
   4. Schlaflosigkeit oder vermehrter Schlaf an fast allen Tagen
   5. Psychomotorische Unruhe, Verlangsamung (z. B. durch andere beobachtbare
       Verlangsamung der Sprache, des Denkens, der Bewegung, verlängerte Antwortlatenz,
       leise und monotone Sprache, verringerter Sprachumfang und –ausdruck) an fast allen
       Tagen
   6. Müdigkeit oder Energieverlust an fast allen Tagen
   7. Gefühl von Wertlosigkeit oder übermäßige oder unangemessene Schuldgefühle (nicht
       nur wegen des Krankseins) an fast allen Tagen (die sich in unrealistisch negativer
       Selbsteinschätzung, in Selbstvorwürfen und Grübeln äußern)
   8. Verminderte Fähigkeiten zu denken oder sich zu konzentrieren oder verringerte
       Entscheidungsfähigkeit an fast allen Tagen
   9. Wiederkehrende Gedanken an den Tod, wiederkehrende Suizidvorstellungen oder
       Suizidversuch
b. Die Symptome erfüllen nicht die Kriterien einer Gemischten Episode
c. Die Symptome verursachen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigung
   in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen
d. Die Symptome gehen nicht auf die direkte körperliche Wirkung einer Substanz oder eines
   medizinischen Krankheitsfaktors zurück
e. Die Symptome können nicht besser durch einfache Trauer erklärt werden, d. h. nach
   Verlust einer geliebten Person dauern die Symptome länger als zwei Monate an oder sie
   sind         durch        deutliche         Funktionsbeeinträchtigungen,        krankhafte
   Wertlosigkeitsvorstellungen,       Suizidgedanken,    psychotische     Symptome       oder
   psychomotorische Verlangsamung charakterisiert

Kriterium B: Die Episode einer Major Depression kann nicht durch eine Schizoaffektive
Störung besser erklärt werden und überlagert nicht eine Schizophrenie, Schizophreniforme
Störung, Wahnhafte Störung oder Psychotische Störung

Kriterium C: In der Anamnese gab es niemals eine Manische Episode, eine Gemischte
Episode oder eine Hypomane Episode

Zusatzcodierungen der Klassifikationssysteme ermöglichen die Beschreibung der aktuellen
bzw. letzten Episode einer Mayor Depression bzgl. folgender Kriterien: Intensität;


                                                                                            5
Chronifizierung; Vorhandensein katatoner, melancholischer oder atypischer Merkmale;
postpartaler Beginn, Verlaufsmuster und saisonales Muster.

Differentialdiagnostisch sind folgende Störungen von der Major Depression zu unterscheiden:
 Manische, Gemischte oder Hypomane Episode: Das Vorliegen einer dieser Störungen
    schließt die Diagnose der Major Depression aus
 Affektive Störung aufgrund eines medizinischen Krankheitsfaktors: Eine sekundäre
    Begleiterscheinung und eben nicht eine Primäre Affektive Störung
 Substanzinduzierte Affektive Störung: Substanzen wie z. B. Drogen, Medikamente oder
    Toxine sind Ursache der Störung
 Dysthyme Störung: Die depressive Verstimmung besteht zu mehr als der Hälfte der Zeit
    über mindestens zwei Jahre hinweg
 Schizoaffektive Störung: Vorhandensein von Wahnphänomenen oder Halluzinationen
    über mindestens zwei Wochen, ohne dass gleichzeitig deutliche affektive Symptome
    vorhanden sind
 Demenz: kognitive Symptome wie Desorientiertheit, Apathie, Konzentrationsstörungen
    und Gedächtnisverlust sind oft bei älteren Menschen schwer von Symptomen der
    Depression zu unterscheiden. Ein prämorbider normaler Leistungsstand spricht eher für
    eine Depressionsdiagnose


2.4 Auftreten und Verlauf
Prävalenz: Das Lebenszeitrisiko wird in Normalpopulationen für Frauen zwischen 10 und
25% und für Männer zwischen 5-12% angegeben.

Ersterkrankungsrate: Sie ist in der Gruppe der 25-44jährigen Männer und Frauen am
höchsten.

Verlauf: Das durchschnittliche Ersterkrankungsalter liegt bei Mitte 20 Jahren. Für die
Wahrscheinlichkeit einer weiteren Episode ist die Anzahl der früheren Episoden ein
Prädikator. Ca. zwei Drittel der Episoden einer Mayor Depression remittieren vollständig, ein
Drittel remittiert teilweise oder gar nicht. Der Schweregrad der ersten Episode kann ein
Prädikator für die Dauer der Störung sein. Ein Jahr nach Diagnosestellung sind die
Symptomkriterien für eine voll ausgeprägte Episode bei 40% der Betroffenen weiterhin
erfüllt, bei knapp 20% bestehen noch Teilsymptome und 40% zeigen keine affektive Störung
mehr. Depressionen verlaufen interindividuell sehr unterschiedlich – auch in Abhängigkeit
von der Art und dem Umfang der Interventionsmaßnahmen.

Mortalitätsrate: Bis zu 15% der Betroffenen mit einer schweren Major Depression sterben
durch Suizid.


2.5 Ursachen der Depression
Die Modelle zur Erklärung depressiver Erkrankungen sind vielfältig. Aufgrund der
Heterogenität der Syndrome ist einer monokausalen Ursachenzuschreibung die Annahme
eines multimodalen Zustandekommens der Depression1 vorzuziehen.



1
 Der Kürze halber wird im weiteren Textverlauf z. T. auf die Ausschreibung des vollständigen Begriffs ‚Major
Depression‘ verzichtet und statt dessen nur die Bezeichnung ‚Depression‘ verwendet.

                                                                                                               6
2.5.1 Psychologische Ansätze

2.5.1.1 Psychoanalytische Ansätze
Depression wird als gegen die eigene Person gerichteter Zorn aufgefasst: Nach Freud werden
die Grundlagen für eine spätere Depression in frühester Kindheit gelegt. Mangelnde
Bedürfnisbefriedigung in der oralen Phase führt zu einer übermäßigen Abhängigkeit von
anderen Menschen zur Aufrechterhaltung des eigenen Selbstwertgefühls. Der tatsächliche
oder symbolische Verlust eines Menschen verursacht Trauer, bei der auch unbewußte
Prozesse ablaufen: Je nach Intensität der Abhängigkeit von dem verlorenen Menschen kann
ein andauernder Prozess der Selbstverachtung und des Schuldgefühls über das wirkliche oder
eingebildete Böse, das man ihm entgegengebracht hat, in Gang kommen. Davison und Neal
(1996) halten fest, dass sich die psychoanalytische Sichtweise in den von ihnen gesichteten
Untersuchungen 2 nicht bestätigt hat. Eine große Zahl von Forschungsergebnissen habe
lediglich darauf hingewiesen, dass die Depression von belastenden (Verlust-)Ereignissen –
wie z. B. Scheidung oder Berufsaufgabe – ausgelöst werden kann.


2.5.1.2 Kognitive Ansätze
Es gibt mehrere kognitive Theorien über die Ursachen der Depression. Ihnen ist die Annahme
gemeinsam, dass emotionales Verhalten entscheidend durch kognitive Prozesse beeinflusst
bzw. verursacht wird. Als zentral für die Entstehung depressiver Zustandsbilder werden
Störungen im Bereich der Wahrnehmungs- und Denkvorgänge gesehen (Blöschl, 1991).
Exemplarisch sei hier die Theorie von Beck und die Theorie von Seligmann geschildert:

Beck (1986) sieht die Depression in Zusammenhang mit drei, miteinander verknüpften
kognitiven Aspekten:
a) Die kognitive Triade, damit sind bestimmte kognitive Grundmuster gemeint, die sich in
    der negativen Einstellung der depressiven Person zu sich selbst, zu ihrer Umwelt und zu
    ihrer Zukunft manifestieren
b) Die strukturelle Organisation des depressiven Denkens, die dazu führt, dass Patient/innen
    trotz objektiver Belege für positive Faktoren in ihrem Leben schmerzverursachende und
    selbstverletzende Haltungen beibehalten
c) Die kognitiven Fehler, die den Glauben an die Gültigkeit der negativen Gedanken aufrecht
    halten. Dazu zählen willkürliche Schlussfolgerungen, selektive Verallgemeinerungen,
    Übergeneralisation,    Maximierung       und    Minimierung,     Personalisierung    und
    verabsolutierendes, dichotomes Denken
Die kognitive Triade hat ihren Ursprung in frühen ungünstigen Umwelterfahrungen und kann
in analogen Situationen ausgelöst bzw. reaktiviert werden. Sie führt zu einer Struktur des
Denkens der Betroffenen, die Verzerrungen ihrer Gedanken und Sichtweisen hervorruft und
zur Entwicklung und Manifestierung kognitiver Fehler beiträgt. Reaktionen aus dem sozialen
Umfeld können einen Teufelskreis in Gang setzen, der in der Festigung der negativen
Kognitionen und in zunehmender Isolation der kranken Personen mündet. (o. c., S. 48).

Ein weiteres Konzept ist das der gelernten Hilflosigkeit nach Seligmann. Es besagt, dass sich
durch die Erfahrung von wiederholten Misserfolgserlebnissen – hauptsächlich bezogen auf
die Unfähigkeit, aversive Situationen zu bewältigen – eine besondere Einstellung entwickelt:
Die generalisierte Erwartung der Unkontrollierbarkeit von Alltagssituationen, d. h., wichtige
Umweltereignisse können scheinbar mit dem eigenen Handeln nicht beeinflusst werden. Dies
bildet die Basis für emotionale, motivationale und behaviorale Depressionssymptome. In der

2
    Traumanalysen und Projektive Tests, in denen unbweusste Prozesse zum Ausdruck kommen können

                                                                                                  7
Erweiterung dieses Erklärungsansatzes kommt die Art und Weise der Ursachenzuschreibung
der Betroffenen hinzu: Sie attribuieren den erlebten Kontrollverlust global, stabil und intern,
d. h. sie machen generell und langandauernd sich selbst dafür verantwortlich (Blöschl, 1991).


2.5.1.3 Verhaltenstheoretische Ansätze
Auch dieser Orientierung sind mehrere Konzepte zuzuordnen. Gemeinsam ist ihnen
Gedankengut der experimentellen Lernforschung mit verstärkungspsychologischen
Annahmen. Zur Anschauung seien im folgenden die Ansätze von Lewinsohn und Wolpe
beschrieben:

Lewinsohn macht eine Verringerung oder einen Wegfall an reaktionskontingenter positiver
Verstärkung von der sozialen Umwelt für die ausgeprägte Verhaltensreduktion von
depressiven Personen verantwortlich. Die Depression ist demnach als Reaktion auf
mangelnde positive Verstärkung zu verstehen. Lewinsohn und Arconad, (1981, zit. nach
Petermann, 1996) diskutieren drei Ursachen für diesen Verstärkungsmangel:
 Die Person verfügt nicht über angemessene Fertigkeiten, um Verstärker zu erlangen oder
    aversive Situationen zu bewältigen
 In der Umwelt gibt es einen Mangel an positiven Verstärkern oder einen Überschuss an
    aversiven Reizen
 Die Fähigkeit, positive Erfahrungen zu genießen, ist reduziert bzw. die Empfindsamkeit
    negativen Ereignissen gegenüber hat zugenommen

Im Ansatz von Wolpe steht ausdrücklich die Rolle emotionaler Konditionierungsvorgänge im
Mittelpunkt. Auf der Basis von massiven und langandauernden Ängsten (vor allem im
sozialen Bereich) entwickeln sich bestimmte (neurotische) Formen depressiver Störungen.
Diese Annahme stützt sich auf den empirisch vielfach nachgewiesenen korrelativen
Zusammenhang zwischen Angst und Depression (Blöschl, 1991).


2.5.1.4 Ansätze mit besonderer Akzentuierung interpersoneller Faktoren
Neuere Depressionstheorien akzentuieren in besonderer Weise die grundsätzliche Rolle der
sozialen Unterstützung für die Gesundheit von Menschen. Für depressiv Erkrankte konnte
nachgewiesen werden, dass sie nur über dünne soziale Netzwerke verfügen und diese als
wenig unterstützend ansehen. Ihre Fähigkeit, negative Lebensereignisse zu bewältigen, ist
eingeschränkt. Die Ansätze von Klerman und Weissmann sowie McLean sind diesem
Hintergrund zuzuordnen:

Klerman und Weissmann greifen in ihrem Ansatz u. a. auf sozial- und
entwicklungspsychologische Konzepte zurück, wie z. B. auf die Attachment- und die
Netzwerkforschung. Für die Entwicklung einer Depression postulieren sie:
 In der Prävention depressiver Störungen kommt engen interpersonellen Beziehungen eine
   wichtige Funktion zu
 Verluste und Probleme im Kontext solcher Beziehungen sind für die Entstehung
   depressiver Störungen von grundlegender Bedeutung
Damit     stehen     interpersonelle    Schwierigkeiten,   soziale     Fähigkeiten und
Bewältigungsstrategien bei diesem Erklärungsmodell im Vordergrund.

Auch McLeans Ansatz kann der Ansicht der Referentin nach unter dem interpersonellen
Aspekt gesehen werden. Von besonderer Bedeutung für die Begründung der Depression sind
hierbei inadäquate bzw. ineffiziente Bewältigungsstrategien im Umgang mit vor allem

                                                                                             8
sozialen,    belastenden  Lebenssituationen  und     –ereignissen.  Hintergrund  des
Stressbewältigungskonzeptes McLeans sind behavioral-kognitive Annahmen sowie Befunde
aus der Stressforschung.


2.5.1.5 Ursache-Wirkungs-Zusammenhang
Die Literaturanalyse der Referentin hat gezeigt, dass in vielen psychologischen
Erklärungsansätzen der Depression Ursache und Wirkung z. T. nicht klar getrennt sind. Es
wird jeweils eher eine Art Spirale beschrieben, bei der sich auffällige Verhaltensweisen und
die Reaktionen der Menschen im Umfeld gegenseitig aufschaukeln und verstärken, bis hin zur
Entwicklung des psychopathologischen Zustandsbildes der Depression.
Wolpe (vgl. Abschn. 2.5.2.3) spricht dementsprechend von einem korrelativen (und nicht
kausalen) Zusammenhang von langandauernden sozialen Ängsten und depressiven
Symptomen.
Auch im Ansatz von Lewinsohn (vgl. Abschn. 2.5.2.3) wird eine Ursache der Depression
beschrieben - der Wegfall an positiven sozialen Verstärkern – die ebenfalls Auswirkung der
Depression ist.
Ein Beispiel für die erwähnte Spirale der Depression liefert die kognitive Theorie sensu Beck
(vgl. Abschn. 2.5.2.2). Die negativen Kognitionen depressiver Personen rufen Reaktionen des
sozialen Umfeldes auf das symptomatische Verhalten hervor, die wiederum zu einer
Festigung der negativen Kognitionen der Kranken beitragen.


2.5.2 Nicht-psychologische Ansätze

2.5.2.1 Neurochemische Ansätze
Die Forschung bringt seit langem verschiedene Neurotransmitter mit Affektiven Störungen in
Verbindung. Die Noradrenalin-Theorie macht einen niedrigen Noradrenalinspiegel für die
Entstehung einer Depression verantwortlich. Nach der Serotonin-Theorie ist ein niedriges
Niveau an Serotonin die Ursache. Beiden Theorien liegen Kenntnisse über die Wirkungsweise
von Medikamenten zugrunde 3 (Davison und Neal, 1996). Es gibt jedoch auch neuere
Forschungsbefunde, nach denen die Antidepressiva Mianserin und Zimeldin sehr erfolgreich
wirken, ohne jedoch den Noradrenalin- oder Serotonin-Spiegel zu erhöhen (Cole, 1986, o. c.).
Andererseits sind diesbezügliche Forschungsergebnisse zur Rezeptorenveränderlichkeit durch
diese Medikamente selbst noch widersprüchlich, so dass eine genaue Ursachenklärung der
Depression auf diesem Wege derzeit nicht möglich ist. In diesem Zusammenhang ist es
interessant, dass einige Vertreter/innen neurochemischer Ansätze auf die Bedeutung
nicht-neuronaler Faktoren bei allen psychiatrischen und psychologischen Störungen
hinweisen (Bierbaumer und Schmidt, 1991).


2.5.2.2 Biologische Ansätze
Genetische Erklärungsmodelle beruhen auf Familienstudien, Zwillingsstudien und
Adoptionsstudien. Die Tatsache, dass sowohl in Zwillingsstudien als auch in
Adoptionsstudien erhöhte Konkordanzraten mit der Nähe der biologischen Verwandschaft
auftraten, bekräftigt die Hypothese der genetischen Verankerung des Risikos, an Depression
zu erkranken (Birbaumer und Schmidt, 1991). Bisher gibt es allerdings unter den
Wissenschaftler/innen noch keine Einigkeit darüber, wie die mögliche genetische Grundlage


3
    vgl. Abschn. 6.1

                                                                                           9
depressiver Störungen weitergegeben wird. So sind Fragen zur Ortung der Störung auf einem
Genabschnitt oder zur Art und Weise des Erbganges noch offen.

3 Die soziale Interaktion
Mit sozialer Interaktion werden wechselseitige Verhaltenssequenzen von Menschen
bezeichnet.

Abbildung 3-1: Soziale Interaktion



                                        Verbale und nonverbale
                                          Verhaltensweisen
                 Interaktions-                                          Interaktions-
                                     ------------------------------     Partner/in
          Partner/in




Diese Definition sozialer Interaktion umfasst den Austausch von sowohl verbalen 4 als auch
nonverbalen 5 Handlungen. In der Fachliteratur wird der Begriff ‚Kommunikation‘ häufig
synonym mit dem Wort ‚Interaktion‘ verwendet, obwohl er im Alltagsgebrauch eher für den
rein sprachlichen Austausch steht. In seinem Kommunikationsmodell stellt Schulz von Thun
(1997) heraus, dass im Kommunikationsprozess tatsächlich mehr als nur die Übermittlung
sprachlichen Inhaltes stattfindet.


3.1 Das Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun
Nach dem Modell der Kommunikation Schulz von Thuns hat eine verbale Mitteilung vier
Seiten, was die Komplexität des Kommunikationsprozesses deutlich macht:

     Sachinhalt einer Nachricht, der verbale Informationen über die mitzuteilenden Dinge
      enthält
     Beziehungshinweis, durch den der Sender einer Nachricht zu erkennen gibt, wie er zum
      Empfänger steht, was er von ihm hält und wie er die Beziehung zwischen sich und dem
      Empfänger definiert
     Selbstkundgabe des Senders, er sagt etwas über seine Persönlichkeit bzw. über seine
      aktuelle Befindlichkeit aus
     Appell an den Empfänger, der Versuch des Senders, sein Handeln, Fühlen oder Denken in
      bestimmter Weise zu beeinflussen

Mit der Annahme dieser vier Seiten einer Nachricht und der weiteren Annahme, dass die De-
und Entkodierung von Nachrichten dementsprechend kompliziert ist, werden zahlreiche
Quellen für Missverständnisse vorstellbar. Hinzu kommt, dass die kognitiven und
emotionalen nonverbalen Botschaften ‚zwischen den Zeilen‘ bedeutungsvoller sind als der
gesendete Sachinhalt einer Mitteilung, z. T. jedoch nicht bewusst kontrolliert werden. So


4
    sprachlich
5
    nicht-sprachlich

                                                                                        10
kommt es nach Schulz von Thun dazu, dass die ‚vier Ohren‘ des Empfängers die Bedeutung
einer Nachricht ganz anders interpretieren können, als der Sender sie intendiert hat.




                                                                                   11
Abbildung 3-2: Die vier Seiten einer Nachricht


                                                                Sachinhalt




                     Beziehung                   Nachricht
                                                              Selbstkundgabe




                                                                   Appell


Von der zentralen Rolle der nonverbalen Kommunikation im menschlichen Sozialverhalten
geht auch Argyle (1992) aus. So kann das Fehlen einer nonverbalen Handlung – etwa ein vom
Kommunikationspartner erwartetes Händeschütteln – eine wichtige Bedeutung haben. Wird
diese fehlende Handlung als bewusste Regelverletzung interpretiert, so wirkt sich das störend
auf die zwischenmenschliche Beziehung aus. Mit den Worten Schulz von Thuns würde man
sagen, das Beziehungsohr des ‚Empfängers‘ einer Nachricht entscheidet in diesem Fall mit,
dass die Interaktion eine negative Ausrichtung bekommt. Dabei ist in keiner Weise geklärt,
wie das unterlassene Händeschütteln vom ‚Sender‘ der Mitteilung gemeint war.


3.2 Sozialpsychologische Erkenntnisse zum Interaktionsprozess
Der Forschungszweig der Sozialpsychologie beschreibt weitere Wirkungsmechanismen der
sozialen Interaktion (Herkner, 1990):
 Wechselseitige         Beeinflussung:   Zahlreich    durchgeführte      Analysen     von
    Interaktionsprozessen haben gezeigt, dass sich die Beteiligten bei wechselseitigem
    interaktionellem Austausch gegenseitig beeinflussen. Jede verbale und nonverbale
    Verhaltensweise des einen Interaktionspartners beeinflusst die folgende Reaktion des
    anderen, welche wiederum die nächste Reaktion des ersten mitbedingt. Die Einflussnahme
    ist also bidirektional.
 Die Austausch-Theorie: Verhaltensweisen in Interaktionen haben positiven bzw.
    negativen Wert für die Beteiligten. Thibaut und Kelley (1959, o. c.) beschreiben
    Interaktion als sozialen Tauschprozess, wobei Menschen sich vermehrt den Personen
    zuwenden, bei denen ‚unter dem Strich‘ für sie selbst mehr positive Erlebnisse
    herauskommen. Beziehungen, die im Vergleich schlechter da stehen, werden nicht
    fortgesetzt.
 Die Ähnlichkeits-Theorie: Die Hypothese, dass Menschen unter austauschtheoretischen
    Gesichtspunkten eher Beziehungen zu solchen Personen pflegen, die ihnen (vom
    Wertesystem her) ähnlich sind, konnte nachgewiesen werden.
 Die Sympathie-Theorie: Sympathische Menschen rufen mehr Annäherungsverhalten und
    weniger Vermeidungsverhalten hervor als unsympathische. Der Blickkontakt in
    Gesprächen mit ihnen ist langandauernder, man bevorzugt ihnen gegenüber eine geringere


                                                                                          12
   räumliche Distanz und man spricht mit ihnen mehr und häufiger als mit unsympathisch
   empfundenen Personen.


3.3 Die Wirkung nonverbalen Verhaltens im Interaktionsprozess
Der Begriff ‚nonverbal‘ ist insofern irritierend, als dass er sich zum einen auf Aspekte der
verbalen Sprache bezieht: Sprechgeschwindigkeit, Lautstärke und Tonfall der Stimme. Zum
anderen fallen darunter alle Aspekte der Körpersprache: Körperhaltung, Gestik,
Gesichtsausdruck, Blickkontakt, räumliche Nähe, etc. Im folgenden seien wichtige
Forschungserkenntnisse zu diesen körpersprachlichen Aspekten betrachtet:

a) Körpersprachliches Ausdrucksverhalten ist ein sehr komplexes, individuelles Geschehen
   (Schober, 1991).
b) Körpersprache ist nicht nur Ausdruck von Emotionen, sondern auch sozial bedingt. Das
   »Instrument zur Regulierung der zwischenmenschlichen Beziehung … reguliert die
   Atmosphäre der sozialen Interaktion und prägt unser Bild vom anderen« (Frey, 1984, zit.
   nach o. c.).
c) Körpersprache ist ebenso beredet wie Wortsprache und ist dieser in ihrer Wirkung auf
   Kommunikationspartner/innen weit überlegen. In zahlreichen Experimenten konnte der
   überragende Beitrag der Mimik zur Bildung eines Gesamteindrucks über eine Person
   nachgewiesen werden. In einer Gleichung halten Mehrabian und Ferris (1979, zit. nach
   Herkner 1991) fest: Gesamteindruck = 0,07 Inhalt + 0,38 Tonfall + 0,55 Mimik.
d) Es findet immer eine Interpretation des Gesamteindrucks statt, eine Diskrepanz zwischen
   verbalem      und    nonverbalem        Verhalten    führt     zu     Irritationen  der
   Kommunikationspartner/innen (Schober, 1991).
e) Durch körpersprachliche Signale können Sperren zwischen Kommunikationspartnern
   aufgebaut oder vermieden werden. Exemplarisch seien hier die gekreuzte Armhaltung –
   Ablehnung ausdrückend - und der fehlende Blickkontakt – Desinteresse ausdrückend –
   genannt (Argyle, 1992).
f) Vokalisierungen und Körperbewegungen der Empfänger/innen von Mitteilungen haben
   eine wichtige Verstärkerwirkung auf die Sender/innen: Nicken, lächeln, anschauen und
   sich vorwärts lehnen sind nonverbale Signale, die die Häufigkeit und Länge, aber auch
   den Inhalt der Redeäußerungen beeinflussen (o. c.).

4 Auswirkungen                  der      Depression            auf       die      soziale
  Interaktion
Im folgenden Abschnitt werden die Auswirkungen der Depression auf Sozialkontakte
beschrieben. Die Ausführungen betreffen zum einen die Seite der erkrankten Personen, zum
anderen die ihrer Gesprächspartner/innen. Letztlich sollen – unter Bezugnahme der oben
beschriebenen Erkenntnisse zur sozialen Interaktion – Begründungen für die Reduzierung von
Sozialkontakten und damit für den Verlust positiver Verstärkungsmöglichkeiten
vorgeschlagen werden (vgl. Abschn. 2.5.1.3).


4.1 Äußeres Erscheinungsbild und Auftreten
Lehmann (1959, zit. nach Hautzinger, 1979) meint, man könne die depressive Erkrankung
durch den Anblick der betroffenen Personen erkennen und beschreibt: »…Die Körperhaltung
ist gebeugt, kraftlos und spannungsleer, der Gesichtsausdruck ist traurig und weinerlich. Die
Mundwinkel sind nach untern gerichtet, die Falten des Gesichts erscheinen vertieft, die
Augenbrauen zusammengezogen. Das Gesicht scheint zur Maske geworden. Die Mimik ist

                                                                                          13
erstarrt, der sprachliche Ausdruck verlangsamt. Die gesamte Erscheinung ist abweisend,
feindselig, unzugänglich, dabei aber unglücklich und niedergeschlagen 6 «. In ihren
Bewegungsabläufen sind depressive Menschen verlangsamt und motorisch gehemmt, ihre
Gestik ist verarmt. Hautzinger (1979) spricht von der Möglichkeit des Stupors, der eine
völlige Bewegungseinschränkung darstellt.
Auswirkung auf die Interaktion: Über kurz oder lang Reduzierung der Sozialkontakte.


4.2 Mangelnde Sozialkompetenz
Das Defizit an aktivem, reziprokem Verhalten führt der Ansicht Fersters (1973, 1974, zit.
nach Hautzinger 1979) zur negativen Veränderung des Interaktionsverhaltens, was eine
Reduzierung der Sozialkontakte und damit der positiven Verstärker mit sich bringt. Damit ist
ein Teufelskreis beschrieben, den auch Lewinsohn in seinem Modell aufnimmt7. Darin wird
geringe positivverstärkend wirkende Aktivität – opperationalisiert beispielsweise in
Lewinsohns ‚plesant event schedule‘ – als Begründung für zunehmende Verringerung des
Sozialverhaltens gesehen. Dies wiederum kann zum Löschen bzw. Vergessen von positiven
Sozialverhaltensweisen führen. Soziale Fertigkeiten werden regelrecht verlernt. Hinzu
kommt, dass Passivität und Depressivität von der Umwelt durch anfängliche Anteilnahme und
Hilfsangebote kurzfristig positiv verstärkt werden.
Auswirkung auf die Interaktion: Neben der Einschränkung des Verhaltensrepertoirs kommt es
zur Einschränkung der Sozialkontakte, langfristig verlieren die Betroffenen die Beziehung zu
Personen ihrer Umgebung.


4.3 Beziehung zur sozialen Umwelt
Das emotionale Befinden depressiver Personen verändert sich in Richtung niedergedrückter
Stimmungen und depressiver Verhaltensweisen. Deprimiertheit und negative Gefühle gegen
sich selbst gehen einher mit der Abnahme des Interesses an der sozialen Umwelt und des
Sich-Angesprochen-Fühlens (Hautzinger, 1979). Die Betroffenen haben den Eindruck, als
vergrößere sich die Distanz zwischen ihnen und ihren Mitmenschen. Die negativen
Kognitionen 8 führen, gepaart mit der verkümmerten motivationalen Lage 9 letztlich zu
Passivität und Rückzugsverhalten.
Auswirkung auf die Interaktion: Die Häufigkeit und Intensität von Sozialkontakten sowie die
Anzahl von Sozialpartner/innen nimmt ab.


4.4 Die Reaktion der Sozialpartner/innen
Hautzinger (1989) beschreibt seine Erfahrungen mit der Reaktion der Sozialpartner/innen von
Menschen mit depressiven Störungen wie folgt: Sie stufen Menschen mit depressiven
Störungen häufig als sozial ungeschickt ein und lehnen sie u. U. ab. Langfristig kommt es
nicht selten zu einer Abwendung von den kranken Personen und damit zu einer Reduzierung
von Sozialkontakten, wie unter Punkt 4.1 – 4.3 angenommen.
Die in Kapitel 3 dargestellten Erkenntnisse zum Interaktionsprozess sollen nun zu Erklärung
dieser Reaktionen der Sozialpartner/innen herangezogen werden:


6
  Davon zu unterscheiden die äußere Erscheinung von Personen mit ‚smiling depression (Verstecken hinter einer
Fassade) und Personen mit larvierter Depression (Verstecken hinter vegetativen Beschwerden)
7
  vgl. Abschn. 2.5.1.3
8
  negative Einstellungen zu sich selbst und der Umwelt
9
  Brachliegen von Wünschen, Zielen und Interessen

                                                                                                          14
Die Fähigkeit, Nachrichten zu ver- und entschlüsseln, ist interindividuell unterschiedlich stark
ausgeprägt. Schizophrene Menschen sind besonders unfähig, nonverbale Signale zu
verstehen. Bei neurotischen Menschen ist die extreme Empfindlichkeit auf Signale bekannt,
die eine Ablehnung enthalten könnten (Argyle, 1992). Für depressive Menschenen ist
anzunehmen, dass sie aufgrund ihrer besonderen kognitiven und emotionalen Symptome und
bei der im Kommunikationsmodell Schulz von Thuns beschriebenen Komplexität der sozialen
Interaktion um so mehr Schwierigkeiten haben, sich in Interaktionen sowohl eindeutig
mitzuteilen als auch Botschaften der beabsichtigten Bedeutung entsprechend zu interpretieren
(vgl. Abschn. 3.1). In der Tat beschreibt Hautzinger (1989) die unzureichende Fähigkeit
depressiver Menschen, Signale anderer Personen, auf die reagiert werden müsste,
wahrzunehmen und positive Verstärker zu erkennen bzw. anderen zu vermitteln.

Das Verständniss des Interaktionsprozess als wechselseitigem Austausch von verbalem und
nonverbalem Verhalten mit gegenseitiger Einflussnahme führt dazu, das Rückzugsverhalten
eines Interaktionspartners als zweiseitiges Geschehen aufzufassen (vgl. Abschn. 3.2). Beide
im Gespräch Befindlichen sind daran beteiligt, jeder das Rückzugs- bzw.
Vermeidungsverhalten des anderen hervorrufend und verstärkend.

Im Sinne der Austausch-Theorie (vgl. Abschn. 3.2) kann für Interaktionen mit an Depression
erkrankten Menschen festgehalten werden, dass sie vom Austauschwert her eher einseitig und
für ‚gesunde‘ Beteiligte eher negativ verlaufen. Sofern diese Möglichkeiten zu Kontakten mit
ausgeglichenerem oder besserem Austauschniveau haben10, wenden sie sich ab und pflegen
diese für sie vorteilhafteren Kontakte.

Auch der Ähnlichkeits-Theorie zufolge kommt es zum Rückzugsverhalten von gesunden
Menschen in der Interaktion mit depressiv Erkrankten, da mit Aufkommen der Krankheit das
Ähnlichkeitsniveau zwischen den Beteiligten sinkt (vgl. Abschn. 3.2).

Schließlich können die Annahmen der Sympathie-Theorie (vgl. Abschn. 3.2) zur Erklärung
der Reduzierung der Kontakte zwischen ‚gesunden‘ und Menschen mit depressiven
Verhaltensweisen beitragen. Die mangelnde Sozialkompetenz und die z. T. abweisenden
Verhaltensweisen führen zur Bildung eines eher unsympatischen Gesamteindruckes über die
kranken Gesprächspartner/innen und damit zur Vermeidung des Kontaktes mit ihnen.

In Abschn. 3.3 ist die Bedeutung nonverbaler Verhaltensweisen für die Interaktion dargestellt
worden. Sie tragen zum Aufbau oder zur Vermeidung von Sperren zwischen
Kommunikationspartner/innen bei. Als wichtiges körpersprachliches Signal wurde der
Blickkontakt identifiziert, der wesentlicher Gestaltungsfaktor der interpersonellen Beziehung
ist. So kann fehlender Blickkontakt als Desinteresse interpretiert werden. Rutter und
Stephenson (1972, zit. nach Argyle 1992) stellten in einer Untersuchung fest, dass depressive
Personen im Vergleich zu gesunden weniger (27%) und kürzeren Blickkontakt haben. Damit
ist eine wichtige Möglichkeit zur ‚Beziehungspflege‘ in der Interaktion eingeschränkt, was
zur Entfernung der Beteiligten voneinander führen kann.

Ergänzend zu diesen Überlegungen sind natürlich auch andere Reaktionen des sozialen
Umfeldes von depressiven Menschen vorstellbar. So ist z. B. auch die Entwicklung einer
stützenden und hilfreichen Beziehung zu einander denkbar.




10
     was hier unterstellt wird

                                                                                             15
5 Therapieansätze der Depression
Tölle (1994) betont, dass es nicht ‚die eine Depression‘ gibt und somit eine genaue
diagnostische Differenzierung für die Durchführung einer zielgerichteten Therapie
erforderlich ist. Der gleichen Ansicht ist Blöschl (1991) und stellt fest »Der
multidimensionalen Natur depressiver Zustandsbilder entsprechend haben in der Therapie
depressiver Störungen sowohl somatische als auch psychologische Behandlungsverfahren
ihren Platz« (o. c., S. 280). Im folgenden werden daher sowohl psychologische als auch
nicht-psychologische Interventionsmaßnahmen aufgeführt. Abschließend soll auf die
besondere Bedeutung des Trainings von Interaktionskompetenzen – als Konsequenzen der
dargestellten Erkenntnisse über die Auswirkungen der Depression auf die soziale Interaktion
– eingegangen werden:


5.1 Psychologische Interventionen
Für leichte bis mittelschwere Depressionen wird die Dauer der Therapien i. d. R. mit einigen
Monaten bei ein bis zwei Sitzungen pro Woche angegeben 11. Für die teilweise in Einzel-,
teilweise in Gruppenform durchgeführten Behandlungen wird die Wichtigkeit der positiven
und kooperativen Beziehung zwischen den Therapeut/innen und den Patient/innen bei allen
im folgenden dargestellten Ansätzen unterstrichen.


5.1.1 Psychoanalytisch-psychodynamische Depressionstherapie
Angestrebt ist hierbei die Veränderung von basalen Merkmalen der Persönlichkeitsstruktur.
Dazu werden mit den Methoden der Psychoanalyse, wie z. B. der Traumdeutung oder der
freien Assoziation, frühkindliche Konflikte aufgedeckt und bearbeitet.
Damit ist der wesentliche Unterschied zu den im folgenden beschriebenen Konzepten
benannt, bei denen die Lösung aktueller und habitueller Probleme in der Auseinandersetzung
des Individuums mit seiner Umwelt im Vordergrund steht.


5.1.2 Kognitiv-therapeutische Ansätze der Depressionstherapie
Die kognitive Therapie nach Beck (1986) ist eine aktive, direktive, zeitlich begrenzte,
strukturierte Methode zur Behandlung einer Vielfalt psychiatrischer Störungen. Gestörte
Konzeptbildungen (Art und Weise, die Welt zu sehen) werden identifiziert, überprüft und
korrigiert. Hierbei kommen kognitive Techniken zum Einsatz: Kontrolle von negativen
Gedanken, Erkennen von Zusammenhängen zwischen Denken, Fühlen und Handeln, Prüfung
des Pro und Contra von Gedanken, Bezugnahme einseitiger Kognitionen stärker auf die
Realität, Erlernen der Fähigkeit, verzerrende Überzeugungen zu erkennen und zu ändern, etc.
Zusätzlich werden u. a. folgende verhaltensbezogene Techniken von den Betroffenen
durchgeführt: Führen eines wöchentlichen Aktivitätsplanes, Bewertung der Aktivitäten auf
einer Bewältigungs- und Zufriedenheitsskala, Erledigung gestufter Aufgaben, die die
Patient/innen an ein für sie scheinbar unerreichbares Ziel heran führen,
Selbstbehauptungstraining und Rollenspiel.

Verschiedene therapeutische Einzelstrategien setzen an den Annahmen der gelernten
Hilflosigkeit sensu Seligmann im Zusammenhang mit der Depression an. Wesentlich ist eine
Veränderung der verzerrten Attributionstendenzen in bezug auf Situationen des
Kontrollverlustes. Das bedeutet, dass die depressiven Patient/innen lernen,

11
     beträchtliche Schwankungen möglich

                                                                                         16
Misserfolgserlebnisse eben nicht mehr ausschließlich und dauerhaft auf sich selbst zurück zu
führen (Blöschl, 1991).


5.1.3 Verhaltenstherapeutische Ansätze der Depressionstherapie
Auf dem Hintergrund des verstärkungspsychologischen Konzeptes nach Lewinsohn, dass die
Verhaltensreduktion depressiver Menschen mit dem Wegfall positiver Rückmeldungen
seitens der sozialen Umwelt in Zusammenhang bringt, wird an den depressiven
Verhaltensmustern angesetzt. Dies geschieht über die Veränderung inadäquater
Verstärkungsbedingungen: Zum einen Modifikation ungünstiger Umweltgegebenheiten, zum
anderen Modifikation bestimmter Verhaltensweisen der Patient/innen, die eine Nutzung
potentiell vorhandener Verstärker verhindern. Nach einer eingehenden diagnostischen Phase
wird in der Interventionsphase vor allem an drei Punkten angesetzt:
a) Interaktionsverhalten – Veränderung ungünstiger Verstärkungsbedingungen durch
    Training von Interaktionskompetenzen
b) Soziale Fertigkeiten – generelles Training, so dass die Patient/innen in der Lage sind,
    potentielle Verstärker in ihrer Umgebung für sich wirksam zu nutzen
c) Aktivität – Ausbau positiv verstärkender Aktivitäten z. B. im Leistungs- und
    Freizeitbereich
Ergänzung finden diese Strategien durch Methoden zur Bewältigung von Belastungen. Diese
können beispielsweise Entspannungsübungen oder kognitives Training zur positiven
Beeinflussung internaler Verarbeitung von Umweltreizen sein (Blöschl, 1991).

Ausgehend von der Entwicklung einer Depression aufgrund massiver sozialer Ängste nach
Wolpe wird darauf abgezielt, die sozialen Basisängste der depressiven Patient/innen zu
reduzieren. Dazu stehen Dekonditionierungsmethoden, wie die Systematische
Desensibilisierung und das Assertivitätstraining12 zur Verfügung (Blöschl, 1991).
Mit der Beseitigung sozialer Ängste und der Veränderung negativer emotionaler
Reaktionsmuster werden wesentliche Hindernisse gegen die Aufnahme und Nutzung positiv
verstärkender Kontakte ausgeräumt. So können Verstärkungsdefizite in der sozialen
Umgebung ausgeglichen werden.


5.1.4 Depressionstherapie mit besonderer Akzentuierung interpersoneller Faktoren
Auch dem Therapieansatz von Klerman und Weissman nach stehen Strategien zur
Bewältigung interpersoneller Schwierigkeiten im Vordergrund. Die Patient/innen werden
zunächst durch stützende Informationen hinsichtlich Art und Prognose ihrer Störung
symptomatisch entlastet. Nach der Identifizierung des interpersonellen Problemkreises, der
mit dem Beginn der depressiven Entwicklung im Zusammenhang steht, wird mit Methoden
des behavioralen und kognitiven Therapiebereiches vorgegangen: Identifizierung und
Bearbeitung problemrelevanter Kognitionen und Emotionen, Veränderung inadäquater
Kommunikationsmuster, Anleitung zur Aufnahme von positiven Kontakten und Aktivitäten,
etc.

Nach McLeans These der ineffizienten Stressbewältigungsstrategien als maßgebend für die
Entwicklung einer Depression steht in einem multimodalen Therapieprogramm die Behebung
von Defiziten in verschiedenen Bereichen im Vordergrund: Kommunikation,
Verhaltensproduktivität, soziale Interaktion, Selbstbehauptung, Entscheidungsfindung und
Problemlösung sowie kognitive Selbstkontrolle. Das Therapieprogramm enthält behaviorale

12
     Förderung der positiven Selbstbehauptung

                                                                                         17
und kognitive Behandlungsmethoden, strebt die Einbeziehung der Partnerin/des Partners an
und wird individuellen Problemen angepasst (Blöchl, 1991).


5.2 Das Training von Interaktionskompetenzen im Rahmen
    psychologischer Therapieformen
Scherer und Wallbott (1984, zit. nach Schober, 1991) sind der Auffassung, dass
Forschungsergebnisse zur sozialen Interaktion für die Psychotherapie wertvoll sind, da sie
wesentliche Grundlagen der wissenschaftlichen Basis von Trainingsmaßnahmen zur
Interaktions- und Sozialkompetenz bereitstellen. Beispielhaft sei hier das Trainingsziel
‚Wahrnehmung der eigenen und der Körpersprache der Kommunikationspartner/innen‘
genannt, welches eine wesentliche Bedeutung für das gegenseitige Verstehen von
Interaktionspartner/innen hat.

Wie die Darstellung der psychologischen Therapieformen in Abschn. 5.1.2-5.1.4 zeigt,
kommt der Förderung sozialer Fertigkeiten und Kommunikationskompetenzen in (fast) allen
psychologischen Therapieformen besondere Bedeutung zu. Die nachstehende Tabelle stellt
der Übersicht halber noch einmal wesentliche Therapieziele und –techniken zusammen:

Tabelle 5-1: Übersicht über wesentliche Therapieziele und –techniken


  Kognitiv-therapeutische           Verhaltenstherapeutische              Therapieansätze mit
     Therapieansätze                    Therapieansätze                besonderer Akzentuierung
                                                                       interpersoneller Faktoren


Identifizierung und Korrektur        Veränderung inadäquater             Multimodales
gestörter kognitiver Schemata           Verhaltensweisen           Therapieprogramm mit
                                                                 behavioralen und kognitiven
                                                                          Techniken
   Veränderung verzerrter          Ausbau positiv verstärkender Veränderung von inadäquaten
   Attributionstendenzen                   Aktivitäten          Problembewältigungsstrategie
                                                                    n, speziell im sozialen
                                                                           Bereich

    Verhaltensbezogene                   Modifikation von         Behebung von Defiziten im
Techniken wie z. B. Führen             Verhaltensweisen der       Bereich der Kommunikation,
   eines wöchentlichen                 Patient/innen, die eine    Verhaltensproduktivität und
Aktivitätsplanes, Bewertung             Nutzung potentiell           Selbstbehauptung, etc.
 der Aktivitäten auf einer            vorhandener Verstärker
    Bewältigungs- und                  verhindern durch das
    zufriedenheitsskala            Training sozialer Fertigkeiten

 Selbstbehauptungstraining,       Erlernen der Bewältigung von              Einbeziehung der
      Rollenspiel, etc.              Belastungen, z. B. durch           Partnerin/des Partners zur
                                   Entspannungsübungen oder            Förderung der Interaktionen
                                       kognitives Training                    mit wichtigen
                                                                             Bezugspersonen



                                                                                                 18
Das Training von zusammenfassend mit Sozialkompetenz bezeichnetem Verhalten ist
demnach bei vielen Formen der Depressionsbehandlung wesentliches Anliegen. Letztlich
liegt darin denn auch die Chance des Wiederaufbaues und Haltens von Kontakten und
Beziehungen in der sozialen Umgebung, die schon in zahlreichen Erklärungsansätzen der
Depression eine wesentliche Rolle spielen (vgl. Abschn. 2.5.1).


5.3 Nicht-psychologische Interventionen
Der Vollständigkeit halber seien auch einige nicht-psychologische Interventionsmaßnahmen
aufgeführt. Denn auch dieser Therapie-Orientierung kommt im Kampf gegen die Depression
große Bedeutung zu. Nicht zuletzt soll der Möglichkeit der Integration von
nicht-psychologischen und psychologischen Interventionsverfahren Rechnung getragen
werden.


5.3.1 Elektrokrampftherapie
Diese kontrovers diskutierte Behandlungsmethode besteht in der Auslösung eines
Krampfanfalles und einer vorübergehenden Bewusstlosigkeit durch einen durch das Gehirn
der Patient/innen geleiteten Strom. Zur Reduzierung unerwünschter Nebenwirkungen wie z.
B. Muskelzerrungen oder Knochenbrüchen liegen die Elektroden (heute) nur an einer Seite
des Kopfes und es werden Anästhetika und Mukelrelaxantien verabreicht. Die Art und Weise
der Wirkung ist noch unbekannt, doch »der Erfolg kann bei schweren Depressionen optimal
sein« (zit. nach Davison und Neal, 1991, S. 277).


5.3.2 Wachtherapie
Partieller Schlafentzug wirkt bei depressiven Syndromen therapeutisch, es kommt zu einer
Symptomreduktion. Dabei ist das Wachbleiben in der ersten Nachthälfte weniger erfolgreich
als in der zweiten Nachthälfte. Der Schlafentzug nach Mitternacht hat zudem den Vorteil,
dass er den Patient/innen insofern entgegen kommt, als dass sie durch das Zubettgehen am
Abend ihren Depressionssymptomen entgehen können. Der folgende Tag sollte ganz normal
und ohne eine Schlafpause verbracht werden (Tölle, 1994).


5.3.3 Lichttherapie
Saisonabhängige Depressionen, bei denen es eine regelmäßige Beziehung zwischen einer
Episode und der winterlichen Jahreszeit gibt, können mit Lichttherapie behandelt werden.
Diese Behandlungsart ist in der Annahme begründet, dass die Ursache der Depression in der
verkürzten Tageslänge liegt. Die Patient/innen werden über einen längeren Zeitraum täglich
hellem, weißem Licht ausgesetzt (Blehar und Rosenthal, 1989, zit. nach Davison und Neal,
1996).


5.3.4 Pharmakotherapie
Psychopharmaka sind chemische Verbindungen, die zentralnervöse Regulationen
beeinflussen und auf diese Weise psychische Funktionen verändern. Eine Form dieser
Medikamente stellen Antidepressiva dar, die antriebssteigernd und angstlösend wirken. Sie
werden bei endogenen Depressionen, bei depressiven Syndromen von Schizophrenien sowie




                                                                                       19
bei schweren depressiven Angst- und Zwangsneurosen verschrieben (Tölle, 1994).
Beispielhaft seien zwei Gruppen antidepressiver Medikamente genannt13:
 Trizyklika – sie beeinflussen die Wiederaufnahme von Noradrenalin und Serotonin
 Monoaminooxidase-Hemmer – sie halten das Enzym Nonoaminooxidase davon ab,
    Neurotransmitter zu deaktivieren
Die Nebenwirkungen antidepressiver Medikamente sind zum Teil beträchtlich und bedürfen
der sorgfältigen Beobachtung.
Lithiumtherapie: Lithiumsalze werden zur Prophylaxe und Behandlung unipolarer
Depressionen verwendet. Sie können eine Alternative zur Pharmakotherapie bilden oder eine
Kombinationsmöglichkeit darstellen. Sorgfältig dosiertes Lithiumkarbonat kann depressiven
Phasen die Spitze nehmen.


5.4 Integration psychologischer und nicht-pschologischer Therapieformen
Zum Abschluss dieses Kapitels soll der Frage der Integration psychologischer und
nicht-pschologischer Therapieformen nachgegangen werden: Wie steht es z. B. mit der
Kombinierbarkeit einer Psychotherapie und einer Pharmakotherapie?
Beck (1986) vertritt die These, dass psychotherapeutische Unterstützung zu jeder
Depressionsbehandlung gehört und führt als Argumente u. a. die geringe Erfolgsstabilität der
Pharmakotherapie, die Suizidgefahr und das Gefühl des Alleingelassenwerdens mit dem
stigmatisierenden Erlebnis einer psychischen Krankheit an.
Der gleichen Ansicht ist auch Halama (1991), dessen Erfahrung nach sich besonders rasche
Behandlungserfolge erzielen lassen, wenn die Durchführung einer Psychotherapie und die
Einnahme von Antidepressiva kombiniert werden.
Bei der Vielzahl psychotherapeutischer Ansätze könnte man auf den ersten Blick meinen, bei
der Entscheidung für eine bestimmte Psychotherapie die ‚Qual der Wahl‘ zu haben. Doch sind
sich zahlreiche Autoren (Blöschl, 1991; Hautzinger et al., 1989; Beck, 1986) darüber einig,
dass sich (besonders die neueren) Ansätze im Laufe der letzten Jahre angenähert haben, hin zu
einer kombinierenden und mulitmodalen Betrachtungs- und Vorgehensweise. Unterschiede
sind dabei primär im Sinne einer Gewichtung und Prioritätensetzung aufzufassen.

6 Zusammenfassung
Die Depression als Störung im emotionalen –, kognitiven – und Verhaltensbereich hat
Auswirkungen im Interaktionsprozess, die u. a. in einen Rückzug von
Interaktionspart-ner/innen und damit in einer Reduzierung positiver Verstärkung des sozialen
Umfeldes bestehen.
Forschungserkenntnisse zur sozialen Interaktion beschreiben diese Auswirkungen als
wechselseitiges Geschehen, in dem sich sowohl die depressiven als auch die
nicht-depressiven Beteiligten gegenseitig beeinflussen. Nach dem Kommunikationsmodell
Schulz von Thuns hat eine Mitteilung vier Ebenen und damit gerade auch für psychisch
kranke Menschen einen komplizierten Charakter, der zu zahlreichen Missverständnissen im
Interaktionsprozess fürhen kann. Des weiteren liefern die sozialpsychologische Austausch–,
die Ähnlichkeits– und die Sympathietheorie sowie Erkenntnisse über die große Bedeutung
nonverbalen Verhaltens für die Unterhaltung von Sozialkontakten Erklärungsansätze für das
Rückzugsverhalten von Personen im Umfeld der Kranken.
Viele, z. T. integrierende Therapieansätze messen daher dem Training von
Interaktionskompetenzen einen besonderen Stellenwert bei der Behandlung der Depression
bei.

13
     vgl. Abschn. 2.5.1.1

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7 Ausblick
Hautzinger (1990) beschäftigt sich mit der Bewältigung von Belastungen und geht dabei von
zwei Grundannahmen aus:
 Viele psychische Störungen sind durch Belastungen verursacht
 Bewältugungsressourcen haben einen entscheidenden Einfluss auf die Anfälligkeit, den
    Verlauf und die Überwindung psychischer Störungen
Von besonderem Interesse ist die Frage, warum nur ein kleiner Teil der vergleichbaren
Belastungen ausgesetzten Personen emotional bzw. klinisch auffällig reagieren. Unterschiede
in der Reaktionsweise auf Belastungen kommen, so Hautzinger, deshalb zustande, »weil sie
(die Menschen, Anm. d. R.) sich darin unterscheiden, was sie in die Situation mit
hineinbringen – what they are – und was für Bewältigungsverhalten sie angesichts
Belastungen und Beeinträchtigungen zeigen – what they do« (o. c., S. 140). Die drei
folgenden Aspekte werden als besonders relevant herausgestellt:
 Instrumentelle Ressourcen ((antidepressives) Verhalten)
 Personelle Ressourcen (kognitive Muster und Persönlichkeitsmerkmale)
 Soziale Ressourcen (Kontakte und soziale Unterstützung)
An diesen drei Bewältigungsressourcen knüpfen, wie unter Punkt 5.1.2.-.5.2 beschrieben,
zahlreiche Behandlungskonzepte der Depression an. Ihnen allen ist die Förderung von
Sozialkontakten durch die Stärkung der Interaktionskompetenzen von Menschen mit
deperessiven Störungen als besonders relevant gemein.
Zukünftige Forschung wird sich nicht mehr mit der Frage beschäftigen müssen, ob
Bewältigungsressourcen Einfluss auf die Entwicklung einer Depression nehmen. Die Fragen
lauten eher: Wie sehen die Bewältigungsmechanismen aus14, welche Rolle und Gewichtung
kommt ihnen – z. B. den verschiedenen Aspekten der Interaktionskompetenzen – im
einzelnen zu und wie treten sie in der Entstehung, Aufrechterhaltung und der Bewältigung
von Depressionen in Wechselwirkung. Mit der Beantwortung solcher und ähnlicher Fragen
kann die Ableitung weiterer präventiver und therapeutischer Maßnahmen erfolgen.




14
   vgl. neuere Forschung zu ‚Bewältigung kritischer Lebensereignisse‘ und zu ‚soziale Schutz- und
Risikofaktoren‘

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