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Die Bedeutung des Sprechens bei

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                                                                          Management and Technology




                   Die Bedeutung des Sprechens
                    bei erfinderischen Prozessen


                                            Hans Dietmar Bürgel
                                               Steffen Hess



                           Vortrag auf der 4. Fachtagung der Kommission
                            Technologie- und Innovationsmanagement
                                  am 26. Oktober 2002 in Stuttgart



Prof. Dr. H. D. Bürgel/ Dipl.-Kfm. (techn.) S. Hess                                                       1/ 21
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                                                            Management and Technology




          Gliederung des Vortrags


          1. Wie entsteht Neues?
          2. Die These von der Sprachlosigkeit
          3. Abläufe im Gehirn bei Sprechen, Denken und Fühlen
          4. Formen des Sprechens
          5. Möglichkeiten zur Überwindung der Sprachlosigkeit
          6. Empirischer Fall
          7. Ausblick




Prof. Dr. H. D. Bürgel/ Dipl.-Kfm. (techn.) S. Hess                                         2/ 21
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 Wie entsteht Neues?                         (1)                                                Management and Technology




                                         Technologieentwicklung


                          Grundlagen-      Angewandte                               Serien-
         Theorien                                             Vorentwicklung                          Kompetenzen
                           Forschung        Forschung                             Entwicklung




                          Bekanntes                                  Neues                                        Methoden
                                                                                         Induktion
  Deduktion              Reproduktion
                    (Information & Wissen)
                                                     +             Produktion
                                                                  (Erkenntnis)           Abduktion
                                                                                                                 Instrumente
                                                                                                                  Verfahren

                                                                                            „Kreativität“

    (Produkt-)       Funktions-     Einführung in          Markt-          Markt-         Nutzung              Entsorgung
     Invention        muster        die Produktion       einführung      penetration      Gebrauch             Rezyklierung


                                             Innovationsprozess



Prof. Dr. H. D. Bürgel/ Dipl.-Kfm. (techn.) S. Hess                                                                             3/ 21
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Wie entsteht Neues?                       (2)                 Management and Technology




      Eine Fragestellung sowohl von Erkenntnistheorie
      (im Allgemeinen) als auch von Theorien zum
      Innovationsmanagement (im Besonderen) lautet:


                Wie entsteht so genannte Emergenz?
                Was sind die Bedingungen für Kreativität?
                Wie sehen die in und zwischen Personen ablaufenden
                 erfinderischen Prozesse aus?
                Wie können diese Vorgänge gegebenenfalls instrumentell
                 gefördert und unterstützt werden?




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Die These von der Sprachlosigkeit                              (1)                 Management and Technology




      Kognitiv-emotionale Anforderungen bei einer typischen
      Entwicklungsaufgabe:
         (Systemimmanente)




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             Komplexität




                                                System 2


                                System 1


                                                                              regelbasiert

                                        Entwicklungsstufe

      Quelle: Brüggen, G., Simultaneous Engineering (SE), Concurrent Engineering (CE),
      in: Arbeitspapier 364004 der Robert Bosch GmbH vom 20.10.1994 (unveröffentlicht)



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Die These von der Sprachlosigkeit                     (2)          Management and Technology



      Beobachtung:

                   Der überwiegende Anteil der Systemkomplexität ist
                    nicht geplant, sondern entsteht durch das Zusammen-
                    spiel zunehmend komplexerer Komponenten.
                   Systemkomplexität steigt über die Entwicklungsstufen
                    hinweg betrachtet deutlich an.

      Ausgangslage:

                   Anforderungen an Problemrepräsentation und
                    Problemlösung steigen.
                   Kommunikation über Funktionalzusammenhänge ist
                    erfolgskritisch.
                   Defizite in der Beschreibungsfähigkeit blockieren die
                    Kreativität und die arbeitsteilige Problemlösung.

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 Die These von der Sprachlosigkeit                            (3)    Management and Technology




      Bekannt sind zwei Klassen von Kreativitätstechniken:

                   Intuitive Kreativitätstechniken (IKT)
                   Systematische Kreativitätstechniken (SKT)



                                             Beschreibbare
                                                                        IKT
                                               Probleme
                                                                        SKT
                                                                    „kommunikations-
                                            Nicht-Beschreibbare
                                                                        basierte“
                                                 Probleme
                                                                       Techniken




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Abläufe im Gehirn bei Sprechen, Denken und Fühlen (1)                                  Management and Technology




      Zusammenhang zwischen Denken und Sprechen:

      Traditioneller Ansatz (Piaget)
      Sprechen ist ein (passives) Medium des Denkens; es übt
      selbst keinen Einfluss auf kognitive Vorgänge aus.

      Neuerer Ansatz (Dörner)
      Denken und Sprechen sind zwei verschiedene, sich
      wechselseitig beeinflussende psychisch-kognitive Fähigkeiten

                             „Die Fähigkeit zum Sprechen bedeutet, ... ein
                              Werkzeug zur eigenständigen Umwandlung
                              seiner Gedächtnisstrukturen zu gewinnen und
                              diese weiter entwickeln zu können.“
                              Quelle: Dörner, D., Bauplan für eine Seele, Reinbek, 1999, S. 695


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Abläufe im Gehirn bei Sprechen, Denken und Fühlen (2)       Management and Technology




       Mit der Anerkennung der neueren kognitionswissenschaftlichen
        Auffassung wird der Akt des Sprechens als Stimulanz für
        kognitive, mithin kreative Vorgänge dargestellt.

       Sprachliche Vorgänge können demnach nach Adressat und
        Form der Artikulation unterschieden werden in:
              intrasubjektives Sprechen („inneres Sprechen“)
              intersubjektives Sprechen („äußeres Sprechen“)

       Zwischen diesen Typisierungen menschlichen Sprechens
              gibt es kognitive Wechselwirkungen
              finden emotionale Impulse Eingang („innere Stimme“)
              erfolgt die Assoziation an verschiedene Bewusstheits-
                 ebenen (Intuition)


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Abläufe im Gehirn bei Sprechen, Denken und Fühlen (3)              Management and Technology




       Linke Gehirnhälfte                                         Rechte Gehirnhälfte
       Evolutionsgeschichtlich                                    Evolutionsgeschichtlich
                    sekundär                                      primär

      Wissen über Tatsachen,                                      Information im Kontext von
          Konzepte, Regeln,                                       Ereignissen und Relationen
       Bedeutungen; Geistige                                      (Episoden); Intuition und
            Verarbeitung von                                      Gefühl; Kreativität und
        Wahrnehmungen und                                         Spontaneität; Neugierde,
          sensu-motorischer                                       Spiel- und Risikoneigung
              Informationen;
               kontrolliertes,                                    akausales Denken;
      sequenzielles Vorgehen                                      Mustererkennung

       Logik von Ursache und                                      Synthese, Überblick (keine
         Wirkung, Deduktion;                                      Vollständigkeit),

               Analyse, Detail,                                   Zusammenhänge;
                 Einzelheiten                                     entwirft Konzepte

                Zeitempfinden                                     Raumempfinden
                                              Interhemisphären-
        Sprachliche Region                      kommunikation     Nichtsprachliche Region


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Abläufe im Gehirn bei Sprechen, Denken und Fühlen (4)             Management and Technology




   Systematische                                                      Intuitive
    Kreativitäts-                                                   Kreativitäts-
     Techniken                                                       Techniken
       (SKT)                                                            (IKT)


                                       „kommunikationsbasierte“
                                         Kreativitätstechniken

       Hemisphärentheorie von Roger Sperry (Nobelpreis für Medizin 1981)
                 Wichtigster Kommunikationskanal: Corpus Callosum.
                 Einseitige Überbetonung erschwert/verhindert den Zugang
                  zur jeweils anderen Gehirnhemisphäre.
                 Die kognitive Gesamtkapazität steigt.

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 Formen des Sprechens                           (1)                                  Management and Technology


            Experiment: Computersimulation der Züchtung eines so gen.
             „Öko-Käfers“ durch 60 Versuchspersonen.
             (Quelle: hier und im folgenden nach Bartl, C., Dörner,D., Sprachlos beim Denken,
              in: Sprache und Kognition, 17, 1998, S. 224ff.)

            Zielsetzung: Käfer mit besonderen Eigenschaften für die
             biologische Schädlingsbekämpfung.
            Instrumente: 12 „Bestrahlungsarten“ für Augen, Fühler,
             Fresswerkzeug, Körperform, Körperfarbe, Fußform.
               Selbstaufforderung

               Aussagen

               Fragen
                                                            Logobenes

               Selbstaufforderung

               Aussagen

               Fragen                                       Logomales

Prof. Dr. H. D. Bürgel/ Dipl.-Kfm. (techn.) S. Hess                                                             12/ 21
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 Formen des Sprechens                           (2)                   Management and Technology


      Versuchspersonen mit guten Lösungen in kurzer Zeit:

                 stellen sich selbst Fragen und versuchen diese zu beantworten
                geben sich aktiv Handlungsaufforderungen
                äußern Aussagen erst gegen Ende einer Bearbeitungssequenz
                bemühen sich durch Schlussfolgerungen um vertieftes Denken
                benützen häufiger ‚wenn-dann-Aussagen‘
                arbeiten häufiger mit sequenziellen Handlungsabfolgen
                wiederholen sich mehrmals den Stand der Lösungssuche

       Laute Kommentierungen und Fragen stoßen nicht-sprachliche
        Vorstellungssequenzen sowie Informationssuch- und Konstruktions-
        prozesse im Gedächtnis an.

       Es erfolgt eine Neubeurteilung und ein Reassoziieren der problemrelevanten
        Sachverhalte.
Prof. Dr. H. D. Bürgel/ Dipl.-Kfm. (techn.) S. Hess                                              13/ 21
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 Formen des Sprechens                            (3)                    Management and Technology



     Fragen/ Selbstaufforderung                        Transfer- und Gedächtnisleistung
     Was ist...?
     Gespräche verbinden Menschen                                                    Erinnerung
     Woraus besteht...?                                               Es gibt leitungsgebundene
     Zum Aufbau einer                                                               und drahtlose
     Verbindung                                                                     Verbindungen
     gehören: Quelle –                                                         Analogietransfer
     Übermittlung - Senke                                                     (Analogieschlüsse)
                                                                             Leitungsgebundene
                                                                              sind mit drahtlosen
     Inkohärente Teilbilder                                                         Leitungen zu
                                                                                        verbinden
     Wo kommt vor...?
     Entstehen durch
     Integrationstechnik nicht
                                                                                Analogietransfer
     feste Verbindungen?
                                                                               (Analogieschlüsse)
                                                                   In der IT brauchen bewegliche
     Wann ereignet sich...?                                         Endgeräte immer gemeinsam
     Suchen Menschen nicht                                           zu benutzende Schnittstellen
     Informationsaustausch
     unabhängig von ihrem
     Aufenthaltsort?                                                       Komplexergänzung
                                                                    Standardisierte Schnittstellen
                                                                       vermeiden die Gefahr der
                                                                          gegenseitigen Störung

     Strukturiertes Gesamtbild
     Mobiler Funk unter Ausnutzung bestehender Netze

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 Formen des Sprechens                           (4)                                   Management and Technology




     Inter- und intrasubjektive Kommunikation benötigt Bilder und Requisiten,
     d.h. Heuristiken, zur Repräsentation von Problemen wie z.B.:
                     Skizzen
                     (Block-)Diagramme
                     Prinzipdarstellungen
                     Notizen
                     Impromptu-Modelle

     Damit erfolgen:
                           Redundanzaufbau
                           Komplexitätsreduktion
                           Subjektive Interpretation
                           Suchaktivitäten im Gedächtnis

     Quelle: hier und im folgenden nach Hacker, W., Konstruktives Entwickeln als Tätigkeit,
     in: Zeitschrift für Sprache und Kognition, 18, 1999, S. 88ff.

Prof. Dr. H. D. Bürgel/ Dipl.-Kfm. (techn.) S. Hess                                                              15/ 21
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Möglichkeiten zur Überwindung der Sprachlosigkeit        (1)   Management and Technology




      Ist-Situation:

            Betonung und Förderung des analytischen Herangehens.

      Vermutete Handlungsblockaden:

             Begrenzte Bewusstheitskapazität wird ausgelastet mit der
              Überprüfung zahlreicher ‚Leerer Varianten‘ (Altschuller).
             Ungeprüfte Übernahme a priori vorhandener Lösungs-
              vorstellungen.
             Unzureichende Beschäftigung mit der Problemrepräsentation.
             Zu früher Einsatz rechnerischer Methoden.
             Verdrängung ‚hybrider‘ Problemlösungen durch extreme
              Spezialisierung.


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Möglichkeiten zur Überwindung der Sprachlosigkeit             (2)   Management and Technology




                  Strukturierte, nutzungsfreundliche informationale Basis.

                  Spielerisch-sprachliche Auseinandersetzung mit
                   dem Problem (Kommunikation).

                  Verknüpfen interner, mentaler Schritte mit externen,
                   psychomotorischen Schritten (Requisiten und Bilder).




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 Empirischer Fall                  (1)                                 Management and Technology




     Zur Ableitung von Hypothesen wurden 16 Tiefen-Interviews mit Verantwortlichen
     aus dem Entwicklungs- oder Vorentwicklungsbereich
     von 11 Unternehmen aus folgenden Branchen geführt:

                  Fahrzeugbau
                  Pharmazeutische Industrie
                  Chemische Industrie
                  Softwareindustrie
                  Telekommunikationsindustrie (Ausrüster, Dienstleister)


     Die interviewten Personen besaßen ausnahmslos ingenieurwissenschaftlichen
     oder naturwissenschaftlichen Hintergrund.




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 Empirischer Fall                  (2)                               Management and Technology




     Ist-Vorgehensweise:

                  Zerlegung des Problems in Teilprobleme,

                  Suche nach einer adäquaten theoretischen Beschreibung,

                  (Rechnerische) Modellierung auf Grund der selektierten Theorie.




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 Empirischer Fall                  (3)                                 Management and Technology


 Hypothesen zur Überwindung von Blockaden:
         Kommunikation
                    Schaffung einer effektiven & durchgängigen Informationsplattform
                    (Gezielter) Aufbau interdisziplinärer Kommunikationskanäle,
                    Unterstützung & Förderung kommunikativen Verhaltens,
                    Training ziel- und problemorientierter Kommunikationstechniken,
                    Schaffung von Teilbereichen mit niedrigem Konkurrenzdenken,
                    Honorierung bewussten Risikoverhaltens.
             Wissen und Erfahrung
             Bilder und Requisiten
                    Skizzen und Zeichnungen,
                    Aufzeichnungen/Notizen,
                    Diagramme,
                    Impromptu-Modelle, und
                    Formulierung von Textfragmenten.
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 Ausblick                                                                              Management and Technology




          Das Verhältnis zwischen Hirnrinde und dem Limbischen
          System spielt eine sehr große Rolle in bezug auf die Art und
          Weise, wie Menschen lernen, ihre Gefühle mit der Vernunft zu
          verbinden. [...] Im Zusammenspiel zwischen der Hirnrinde und
          dem Limbischen System entstehen auch Bedürfnisse als
          Spannungen zwischen einem erstrebten und einem Ist-
          Zustand.“
                                  (Quelle: Grossarth-Maticek, R., Systematische Epidemiologie und
                                  präventive Verhaltensmedizin, Berlin, New York, 1999, S.20)




          L‘idee vient en parlant.
                                   (Quelle: Heinrich von Kleist, Die allmähliche Verfertigung des
                                   Gedankens beim Reden, Brief an Rühle von Lilienstern (1805),
                                   in: Sämtliche Werke (Hrsg.: Sembdner, H.), 7. Aufl., München, 1984)


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