KONGO _ ZAIRE _

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KONGO (ZAIRE)
»Ich habe das Elend
meines Volkes …gesehen« (Ex 3,7)
Friedensbotschaft des Bischofs von Butembo-Beni
und des Vorstehers der Baptistengemeinde Zentralafrikas




Der Bischof von Butembo-Beni (Nord-Kivu, im Osten der Demokratischen Re-
publik Kongo), Melchisedec Sikuli Paluku, und der Vorsteher der Baptistenge-
meinde Zentralafrikas, Mauka Mathe Bulao, haben sich zum Jahreswechsel in
einer gemeinsamen Friedensbotschaft an die Christen der Region gewandt.
Die beiden Kirchenführer beschreiben die verzweifelte Situation der Bevölke-
rung im besetzten Gebiet und solidarisieren sich mit ihrem Leid. Sie verlangen
den Rückzug der Besatzungstruppen und die Beachtung des Waffenstill-
standsabkommens. Der folgende Text ist ein Spiegel der desolaten Lage im
Osten des ehemaligen Zaire.


Butembo, im besetzten Gebiet:                    Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht
                                                 mehr für den Krieg« (Jes 2,4).
Friedensbotschaft zum Neuen Jahr 2001
vom katholischen Bischof                         In dem Augenblick, da die Völker sich an-
und vom Vertreter der Baptisten                  schicken, ins dritte Jahrtausend zu gehen, in
                                                 einem Geist der Kreativität, des Aufbaus und
Der Friede und die Gnade unseres Erlösers        der Unternehmungslust, der gegenseitigen
sei mit euch allen.                              Hilfe und Solidarität, der Brüderlichkeit und
                                                 des Kampfes für die Menschenwürde, stür-
Als Oberhirten und Verantwortliche der Kir-
                                                 zen uns negative einheimische und fremde
chen und angesichts der dramatischen Not-
                                                 Kräfte in ein namenloses Elend.
lage, in der sich unsere gläubigen Christen
und das ganze Volk gerade befinden, dürfen       Unsere Entwicklungsinitiativen sind ge-
wir nicht schweigen. Denn »man muss Gott         lähmt, unsere Ressourcen verschleudert
mehr gehorchen als den Menschen« (Apg            und geplündert; es herrscht allgemeine Un-
5,29).                                           sicherheit; der Handel ist aus dem Gleichge-
                                                 wicht geraten, Terrorismus, Gewalt, Hass
In der Weihnachtsfreude nehmen wir das           und Kriminalität werden geschürt, Anarchie
große Licht auf, das die Herzen in der Fin-      und Willkür haben ein unerträgliches Aus-
sternis erhellt, den Herrn, »den wunderbaren     maß erreicht; ganze Dörfer sind zerstört und
Ratgeber, den starken Gott, den Vater in         Unschuldige niedergemetzelt worden;
Ewigkeit, den Fürst des Friedens« (Jes 9,1-6).   Mädchen und Frauen werden straflos verge-
Lassen wir uns leiten vom Geist der Wahrheit     waltigt; ganze Völker werden von ihren Terri-
und der Liebe, der Gerechtigkeit und des         torien verjagt und werden zu Flüchtlingen
Friedens, der Weisheit und der Frömmigkeit,      auf ihrem heimatlichen Boden.
der Erkenntnis und der Kraft. In unserem
vom Krieg zerrissenen Land wünscht sich          Wir leben in einem Klima der Zerrüttung von
das Volk sehnlichst den Frieden. Es denkt        Familien, der Verantwortungslosigkeit und
unablässig nach über das Wort des Prophe-        der öffentlichen Unmoral, der Aussetzung
ten: »Dann schmieden sie Pflugscharen aus        des Schulbesuchs, der Militarisierung und
ihren Schwertern und Winzermesser aus            Kriminalisierung von Kindern, des Verfalls
ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das           von Krankenhäusern, die keine Medikamen-
260 WELTKIRCHE 10/1999                                                                                           KONGO (ZAIRE)




                              te mehr haben und deshalb von den Kranken            und zerstörerische Präsenz auf unseren Ter-
                              verlassen wurden, der Zerstörung von Infra-          ritorien zu protestieren. Diese müssen in al-
                              strukturen, die den verheerenden Folgen              ler Ehrlichkeit zugeben, dass ihr Einsatz im
                              des »Mobutismus« entgangen sind. Die                 Kongo ein Misserfolg ist. Trotz ihrer Präsenz:
                              Rechte auf Leben, Sicherheit der Person, auf
                              Privatleben und auf Freiheit (Freiheit des           • ist der Süden des Gebietes von Lubero
                              Denkens und der Meinungsäußerung, des                  von den Interahamve verwüstet; man
                              Gewissens, der Bewegung, des Zusammen-                 zählt heute mehr als 100.000 Vertriebene;
                              schlusses ...) werden verhöhnt.
                                                                                   • herrscht an der Grenze zwischen unseren
                              Traurig stellen wir fest: Folter wird praktiziert;     beiden Ländern ständige Unsicherheit
                              es gibt grausame, unmenschliche und ent-               von Kasindi bis Beni via Mulwanga (hier
                              würdigende Misshandlungen, willkürliche                gibt es mehr als 10.000 Vertriebene, nicht
                              Verhaftungen, die Ungerechtigkeit des                  gezählt die Toten und Kriegsverletzten);
                              Schnellverfahrens, politischen Opportunis-
                              mus, Leichtfertigkeit und Verantwortungslo-          • ist die Straße zwischen Beni und Butembo
                              sigkeit der Führungskreise .                           völlig unsicher und täglichen Akten von
                                                                                     Plünderung, Einschüchterung, Barbarei
                              An die Autoritäten der Kongolesischen Ver-             und Massakern ausgesetzt (in Maboya
                              sammlung für die Demokratie/Befreiungs-                wurden am 1. November 2000 sechs Per-
                              bewegung1, die anscheinend völlig durch-               sonen lebendig verbrannt, 42 Häuser mit
                              einander sind, richten wir einen aufrütteln-           allem, was sich in ihnen befand, in Brand
                              den Appell: Sie mögen sich wieder fassen               gesteckt und ein Radfahrer und ein Ehe-
                              und sich unverzüglich an denselben Tisch               paar erschlagen ...);
                              setzen zu einer Gewissenserforschung ohne
                              Selbstgefälligkeit. Ihre Verantwortung bei           • beobachten wir in den großen Ballungs-
                              dem Martyrium des Volkes in unserer Re-                räumen (Beni, Butembo, Lubero, Kirum-
                              gion, insbesondere in den Gebieten von                 ba, Kayna, Kanyabayonga, Oicha, Mangi-
                              Lubero und Beni, für die wir die kirchliche            na, Mulwanga ...) Mord, bewaffneten
                              Verantwortung haben, wiegt schwer ange-                Raub und tägliche Unterdrückung und
                              sichts der Bruderkriege, die sie sich bei ihren        Demütigung von Menschen (siehe die
                              Führungsstreitigkeiten liefern.                        traurigen Vorfälle in Lubero und in Butem-
                                                                                     bo im Oktober 2000);
                              Das Volk wird als Geisel genommen und lebt
                              paradoxerweise in einem politischen und              • erfährt die Strecke Bunyuka – Vuhovi –
                              rechtlichen Vakuum und weiß nicht mehr,                Kyondo – Loutu dasselbe Schicksal;
                              wer was macht, wer regiert, wer verwaltet. Es
                              ist sich selbst überlassen, Abenteurern und          • liegt die Strecke Butuh - Kurondo, Mangu-
                              Räubern aller Arten ausgeliefert. Es herrscht          redjipo in Feuer und Blut, einem Krieg oh-
                              eher eine Tendenz zu zerstören als eine Dis-           ne Ziel zwischen den Besatzungsmäch-
                              position aufzubauen. Der Begriff »Befrei-              ten und ihren Verbündeten einerseits und
                              ung«, laut und vernehmlich von den Kriegs-             den »Mai-Mai«-Milizen andererseits preis-
                              herren hinausgeschrieen, hat all seinen Sinn           gegeben (siehe unter anderem die allge-
                              verloren.                                              meine Trauer in Butuhe vom 8. bis 10. No-
                                                                                     vember 2000). Im Hinblick auf den Wort-
                              So hat uns Msgr. Emmanuel Kataliko (seli-              laut des Abkommens von Lusaka zwi-
                              gen Angedenkens) daran erinnert: »Das                  schen allen Kriegführenden, die von den
                              Evangelium drängt uns, den Weg der Waffen              egoistischen Interessen soweit gebracht
                              und der Gewalt abzulehnen, um sich von                 wurden, ihr eigenes Volk zu opfern, gibt es
   1 Rassemblement Con-       Konflikten freizumachen. Um den Preis un-
                                                                                     Anlass, sich zu fragen, welche die positi-
  golais pour la Démocra-     serer Leiden und unserer Gebete werden wir
                              den Kampf um die Freiheit führen, werden               ven und welche die negativen Kräfte sind.
tie/Mouvement de Libéra-
                     tion.    wir auch unsere Unterdrücker zur Vernunft              Wir erleben ein wahres Drama der Ver-
                              und zu ihrer eigenen inneren Freiheit brin-            zweiflung und der massiven Verelendung
  2 Weihnachtsbotschaft                                                              ganzer Bevölkerungsteile.
                              gen«2.
     1999 von Emmanuel
Kataliko ?, Erzbischof von    Das ugandische Volk fordern wir auf, bei sei-        Alle Landsleute bitten wir, hinzuwirken auf
Bukavu; Text siehe WELT-
 KIRCHE 10/99, S. 282ff,      nen politischen und militärischen Führern            die Förderung einer Kultur des Friedens,
               hier S. 284.   mit allem Nachdruck gegen ihre unheilvolle           auf das Zustandekommen einer Waffenru-
KONGO (ZAIRE)                                                                                  WELTKIRCHE 10/2000        261




he und des interkongolesischen Dialogs,           Streitkräfte aus dem Territorium der Demo-
auf die nationale Versöhnung, auf die Er-         kratischen Republik Kongo abziehen,
richtung eines Rechtsstaates, auf eine kon-       gemäß dem Zeitplan, der im Waffen-
struktive Diplomatie, die die territoriale Sou-   stillstands-Abkommen und im Rückzugs-
veränität und Integrität garantiert, auf das      plan von Kampala am 8. April 2000 vor-
Engagement für eine ganzheitliche Ent-            gesehen war ( ...); jede weitere direkte oder
wicklung (jedes Menschen und des ganzen           indirekte militärische Präsenz und Aktivität
Menschen), auf den Kampf gegen die Dis-           auf dem Territorium der Demokratischen
kriminierung und gegen den Hunger, auf ei-        Republik Kongo soll nach den Anordnun-
ne tatkräftige Solidarität und auf den Wie-       gen des Waffenstillstands-Abkommens be-
deraufbau des Landes.                             endet werden.«

Wir begrüßen und unterstützen das Waffen-         Wir fordern die christlichen Gläubigen auf,
stillstands-Abkommen von Lusaka, das              standhaft zu bleiben im Glauben, in der
durch einige Änderungen und guten Willen          Hoffnung und in der Liebe. Die Krise soll uns
eine wichtige Etappe auf dem Weg zu einem         nicht in den Relativismus treiben, in die Ver-
dauerhaften Frieden in der Demokratischen         kehrung der Werte, in die Diskrepanz zwi-
Republik Kongo darstellt. Wir fordern von
                                                  schen dem Bekenntnis des Glaubens und
diesen Initiatoren und Unterzeichnern, dass
sie ihre Verpflichtungen respektieren, um         dem Alltagsleben. Stellen wir uns in den
diesem absurden und verheerenden Krieg            Dienst des Lebens und kämpfen wir in der
ein Ende zu machen. Wir bitten alle Men-          Einheit und kirchlichen Gemeinschaft ge-
schen guten Willens inständig, humanitäre         gen die Werke des Todes. In der Nachfolge
Nothilfe für die Bevölkerung, die Opfer des       Christi wollen wir keine Angst haben, unser
Krieges zu leisten.                               Kreuz zu tragen, zur Zeit und zur Unzeit die
                                                  Frohe Botschaft zu verkünden. In schwieri-
Wir wünschen, dass die internationale Ge-
                                                  gen Situationen muss man Großzügigkeit,
meinschaft mehr Mut, Entschlossenheit und
                                                  Solidarität, Kreativität und Opferbereit-
Großzügigkeit aufbringt bei der Durch-
                                                  schaft beweisen.
führung verschiedener Resolutionen, die oft
nur tote Buchstaben geblieben sind.               »Schließlich Brüder: Was immer wahrhaft,
                                                  edel, recht, was lauter, liebenswert, anspre-
Erinnern wir uns an die Verfügungen der Re-
solution 1304 des UNO-Sicherheitsrates            chend ist, was Tugend heißt und lobenswert
(16. Juni 2000), die von der Resolution 1332      ist, darauf seid bedacht. Was ihr gelernt und
                                                                                                   Quelle:
bestätigt wurde: »Uganda und Ruanda, die          angenommen, gehört und an mir gesehen            Agence de presse D.I.A.,
die territoriale Souveränität und Integrität      habt, das tut! Und der Gott des Friedens wird    Kinshasa, Bulletin d’infor-
                                                  mit euch sein« (Phil 4,8-9).                     mation, 5.1.2001.
der Demokratischen Republik Kongo ver-                                                             Übersetzung aus dem
letzt haben, sollen unverzüglich alle ihre        !                                                Französischen.

				
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