Referat vom 17. November 2001 - by wuyunyi

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Dr. Walter Kindermann , Wiesbaden




25 Jahre Sucht- und Drogenarbeit – Eine Standortbestimmung



Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,



zunächst lassen Sie mich herzlichen Dank sagen für die Einladung, an Ihrem Fest

teilnehmen zu dürfen. Sie haben mir die Aufgabe gestellt, einen historischen Rückblick

über die letzten 25 Jahre Sucht- und Drogenarbeit zu versuchen. Sucht und Drogen und

das über ein Vierteljahrhundert – Sie werden wohl nicht allzu böse sein, wenn ich mich

auf den Teil Drogen konzentriere. Sonst rede ich heute abend immer noch und verderbe
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Ihnen damit Ihr Fest. Nun: In den letzten Jahren wurden landauf, landab 25-jährige

Jubiläen von Einrichtungen der Drogenhilfe gefeiert. Gelegentlich wurde ich gefragt, ob

ich nicht zu einem solchen Anlaß einen festlichen Vortrag halten könne. Wenn ich mich

dann etwas ziere, weil ich ja jetzt anderes zu tun habe, erinnern die nachfragenden

Kolleginnen und Kollegen dann meist daran, dass ich ja ziemlich viel aus dieser Zeit

miterlebt und manches mitgestaltet habe. In der Tat trifft das ein bißchen zu, auch ich

habe vor mehr als 25 Jahren mit Drogenhilfe angefangen und – ich glaube – es ist jetzt

auch schon fast 20 Jahre her, dass ich das erste Mal in Vorarlberg, im Schloss Hofen, auf

Einladung von Reinhard Haller, einen Vortrag zum Thema hielt. Sie sehen: Ich komme

gern nach Vorarlberg. Dennoch stellen sich bei mir anläßlich solcher Jubiläen nicht nur
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festliche Gefühle ein. Meine Gefühle sind eher gemischt. Sicherlich mag dabei eine Rolle

spielen, dass solche Jubiläen immer auch an das eigene fortschreitende Alter erinnern.



Es hängt aber auch damit zusammen, dass mich meine Beteiligung an der Drogenhilfe wä

hrend dieser Zeitspanne nicht nur mit Befriedigung erfüllt. Denn Beteiligung heißt

immer: Beteiligung an Erfolgen und an Fehlern, auch wenn das letztere leicht dem

selektiven Erinnern zum Opfer fällt. Trotzdem will ich die Herausforderung annehmen

und auch aus meiner persönlichen Sicht berichten. Dies nicht, weil ich so wichtig wäre,

mein Anteil in diesem Feld ist sehr bescheiden, sondern eher als eine Art Zeitzeuge, als

jemand, in dessen Erfahrungen sich etwas widerspiegelt, das eine ganze Generation von

"Drogenarbeitern" betrifft. Wenn ich also im folgenden gelegentlich von "ich" rede, so
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verstehen Sie das bitte nicht allzusehr als Narzißmus, sondern als einfachere Art der

Darstellung und als Hinweis darauf, dass meine Aussagen nicht unbedingt die Auffassung

der Hessischen Landesregierung abbilden müssen. Ich bin heute hier privat. Denn ich bin

auch nicht mehr, wie es die Förderer des Krankenhauses Stiftung Maria Ebene so

freundlich geschrieben haben, "Hessischer Landesbeauftragter für Sucht und Sekten".

Nichts dergleichen. Übrigens: Das Buch von mir, das Sie freundlicherweise empfohlen

haben, ist vergriffen. Allerdings ist soeben beim Lambertus-Verlag eine Neubearbeitung

unter dem Titel "Drogengeschichten" herausgekommen. Ansonsten bin ich schon eine

Weile ziemlich suchtabstinent, ich durfte in den letzten Jahren Gesundheitspolitik

mitgestalten und leite jetzt seit zwei Jahrendie Abteilung „Integration“. Diese versucht die
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Integration zugewanderter Mitbürger in Hessen zu fördern, ist für den Flüchtlings- und

Asylbereich zuständig und noch für eine ganze Reihe weiterer Dinge...

Sollte ich also suchtpolitischen Unsinn reden, machen Sie dafür bitte nicht meine

Ministerin verantwortlich. Apropos Unsinn: Noch bei einem weiteren Aspekt ist mir eine

Warnung wichtig: Es ist ja immer gefährlich, bei einer Feierstunde über Fachliches zu

reden. Allzu leicht gleitet man in Kitsch und Sentimentalitäten ab. Vielleicht hat

Montaigne daran gedacht, als er darauf hinwies: „Jeder redet Unsinn. Es ist nur ein

Unglück, wenn man es feierlich tut.“ Also bitte, seien Sie gnädig mit mir, falls ich aus

Ihrer Sicht Unsinn reden sollte und verstehen Sie dann diesen Unsinn bitte nicht als

sakrosankt, nur weil das hier eine Jubiläumsveranstaltung ist.
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Ich möchte meinen Beitrag in fünf Abschnitte gliedern:

1. Welche Erfahrungen begründeten die Konzepte der Drogenhilfe?

2. Welchen Wandel haben die Konzepte durchlaufen?

3. Was ist ein Paradigmenwechsel?

4. Welches war das Leitparadigma der Drogenhilfe der letzten 25 Jahre?.

5. Welche Perspektiven könnte das Arbeitsfeld haben?
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1. Welche Erfahrungen begründeten die Konzepte der Drogenhilfe?1



Die ersten Drogenhelfer waren peers der Drogenkonsumenten, fühlten sich diesen nahe.

68er Generation, Wohngemeinschaften.

Beginn Therapiekonzepte stationär. Beispiel die Bierregel.

Assoziationen erste Klienten im Gefängnis: Autogenes Training, teure Hemden, Taxi.

Mensch, reiß Dich doch mal zusammen!

1977 (Tagung in Berlin): Schlupflöcher stopfen.




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 Die Teile 1. Und 2. des Vortrages wurden frei erzählt. Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung sind hier wenigstens die wichtigsten
Stichworte notiert.
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2. Welchen Wandel haben die Konzepte durchlaufen?



a) in der stationären Therapie

Anfangs „Motivationsprüfungen“, Aufnahmerituale, Unterwerfungsforderungen,

Lätzchen, Schnuller, Treppe mit der Zahnbürste, Schild um den Hals, detaillierte lange

Listen - „Sanktionskataloge“.

Beispiel von Wolfsmünster zu Eppenhain: Rechte der Älteren auf Privilegien bis hin zum

Zugriff auf neue Klientinnen, Arbeit, Hierarchien, Probleme nach Entlassung: Underdog

z.B. am Arbeitsplatz. Beispiel andere Wege

in Eppenhain, Raucherlaubnis,

Wandel am Beispiel der Entwicklungsaufgaben.
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Therapie anfangs nur auf peers gerichtet, Sexualität verboten, Eltern ausgegrenzt,

Beschäftigungstherapie statt Berufsperspektive, geprägt durch meine agnostische

Generation keine Werte

heute Integration dieser Aspekte in die Behandlung mit bewußt auch auf das Individuum

bezogenen Anteilen

b) in der ambulanten Betreuung: (Einschränkung: Natürlich nur meine Berliner

Erfahrungen. In Vorarlberg war das sicher alles anders!) Nur Verschiebebahnhof zur

stationären Therapie. Und bist du nicht pünktlich. Ambulante Therapie ist

Suchtverlängerung, ohne clean-Anspruch geht nix.

Heute individuell, differenziert, niedrigschwellig, ambulante Therapie, Methadon
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3. Was ist ein Paradigmenwechsel?



In den zurückliegenden 25 Jahren habe ich nicht nur lernen dürfen, dass die

Drogenabhängigen in den Medien jedes Jahr jünger wurden – wenn ich die jeweiligen

Schlagzeilen alle zusammen rechne, müssten die jungen Leute inzwischen so ungefähr

sieben Jahre vor ihrer Zeugung mit dem Kiffen anfangen. Nein: Auch fachlich hatten wir

unseren Spass. Auch die Drogenhilfe wurde ständig verjüngt. So ungefähr bei jeder

zweiten Tagung gab es einen „Paradigmenwechsel der Suchthilfe“ zu diskutieren.

„Paradigmenwechsel“ ist ja auch ein sehr schöner Begriff, wenn man das eigene Gefühl

des Wandels der Zeiten ausdrücken möchte. Aber was bedeutet er eigentlich?

"Paradigmenwechsel": Ich erinnere mich an eine Zeit, in der allein schon der Gebrauch
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dieses Begriffes geeignet war, einen eindeutig als Intellektuellen auszuweisen - selbst

wenn man ihn nicht so genau verstand oder jedenfalls nicht so gut erklären konnte. Die

anderen verstanden ihn ja auch nicht so genau.

Wobei das Problem, den Begriff Paradigmenwechsel zu gebrauchen, aber nicht richtig

erklären zu können, übrigens keine gar so schlimme Schande sein muß: Thomas Kuhn,

der den Begriff 1962 mit seinem Buch "The Structure of Scientific Revolutions" in die

wissenschaftstheoretische Debatte einführte, bemerkte 1969 in seinem Postskriptum zur

zweiten Auflage des Buches, ein wohlwollender Leser habe ihm mitgeteilt, der Ausdruck

"Paradigma" werde "auf wenigstens zweiundzwanzig verschiedene Arten gebraucht"2,

wohlgemerkt bei Kuhn selbst! Inzwischen ist der Begriff modisch und die
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Gebrauchsformen sind eher noch mannigfaltiger geworden, obwohl die

wissenschaftstheoretischen Präzisierungen mittlerweile vorliegen. Erinnern wir uns

deshalb noch einmal an seine Bedeutung: Paradigmenwechsel kennzeichnen

grundlegende Veränderungen in der Bezugnahme auf gewissermaßen axiomatische

Grundauffassungen. Irgendeine mehr oder weniger belangvolle Veränderung ist noch

lange kein Paradigmenwechsel. Das zeigt auch schon der Titel von Kuhns Buch: "Die

Struktur wissenschaftlicher Revolutionen." Kuhn sagt und das Zirkuläre der folgenden

Definition ist ihm wohl bewußt: "Ein Paradigma ist das, was den Mitgliedern einer

wissenschaftlichen Gemeinschaft gemeinsam ist, und umgekehrt besteht eine



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 Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt am Main 1993,S.193.
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wissenschaftliche Gemeinschaft aus Menschen, die ein Paradigma teilen."3 W. Richard

Scott zur Definition des Paradigmas: "Ein Paradigma gibt einen Rahmen aus Hypothesen

und Axiomen vor, in dem die >normale Wissenschaft< prozedieren kann. ... Ein

Paradigma wird weniger widerlegt als verdrängt oder ersetzt durch ein anderes

Paradigma, das eine neue Gebietskarte (des wissenschaftlichen Terrains) bereithält - und

zwar nicht nur eine neue Karte, sondern auch neue Richtlinien zur Erstellung solcher

Karten."4

Also die Veränderung vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild, das war ein

Paradigmenwechsel. Die Relativitätstheorie, das war die wissenschaftliche Vorbereitung

für einen Paradigmenwechsel.

3
 Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt am Main 1993,S.187.
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4
 Scott, W. Richard: Grundlagen der Organisationstheorie,S.174, Frankfurt/New York,1986.
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4. Welches war das Leitparadigma der Drogenhilfe der letzten 25 Jahre?



Der prägnanteste Ausdruck der Philosophie unserer Drogenproblem-Lösungsversuche

sind die einschlägigen Paragraphen des Betäubungsmittelgesetzes / Suchtgiftgesetzes. Im

Kern atmet das Betäubungsmittelgesetz immer noch die Drogenbekämpfungsphilosophie

der siebziger Jahre. Damals wollte man den Drogenabhängigen "die Schlupflöcher

stopfen", um jeden Preis "Suchtverlängerung" vermeiden. Wenn denn schon diese

Krankheit so wenig Leidensdruck aus sich selbst heraus bildete, so mußte er eben external

erzeugt werden. Den Eltern Abhängiger sagte man, dass sie ihre Kinder vor die Tür zu

setzen hätten, den Bewährungshelfern, dass sie von Junkies ohnehin nur "gelinkt"

würden. Therapie war nur stationär in einem streng reglementierenden Rahmen möglich,
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setzte nach gängiger Auffassung zwingend Motivationsprüfungsrituale voraus, die - wie

manche Bestandteile der Behandlung selbst auch - eher an die Praktiken sektenartiger

Zusammenschlüsse als an eine wissenschaftlich begründete Therapie erinnerten.

Argumentationen, die damals davor warnten, therapeutische und strafrechtliche Ziele zu

vermischen und das Strafrecht auf die fremdschädigenden Anteile der Kriminalität

begrenzt sehen wollten, statt Sucht mit Strafe zu belegen und damit wiederum Therapie

zu erzwingen, hatten keine Chance gegen den mainstream, der sich die "Lösung des

Drogenproblems" vorgenommen hatte, nach dem Motto "und bist du nicht willig..."

Die griffige Formel für das Konzept des Schlupflöcherverstopfens lautete: "Therapie statt

Strafe". Machen wir uns nichts vor. Gemeint war, praktiziert wurde: Therapie, sonst

Strafe. Und wenn ein Gericht der Auffassung war, dass die Therapie nicht genug Strafe
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sein würde, dann konnte die letztere auch schon mal vor oder zusätzlich zur ersteren

kommen.

Unsere leistungs-, arbeits- und gesundheitsorientierte Gesellschaft sah sich jungen

Menschen gegenüber, die die radikale Umsetzung des Lustprinzips um jeden Preis, auch

den der Selbstzerstörung, vorexerzierten und damit eine merkwürdige Reaktion

hervorriefen, die Mitleid und Wut in variierenden Mengenanteilen enthielt. Mitleid

gegenüber dem Elend, Wut gegenüber der Leistungsverweigerung und der

schrankenlosen Lustorientierung.

Auch wenn nicht alles, was hinkt, ein Vergleich ist, sei das Bild gewagt: In einen

Schwimmsportverein hatten sich einige Leute eingeschlichen, die eigentlich nichts vom

Schwimmen halten. Das Wasser sei zu kalt, Schwimmen ohnehin zu anstrengend. Am
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Verein interessierten sie eigentlich nur die schöne Liegewiese im Sommer, Sauna,

Solarium und Whirlpool im Winter und im übrigen, da sie ja am Schwimmtraining selbst

nicht teilnähmen, bräuchten sie ja wohl auch keinen Beitrag zu bezahlen. Spontane

Reaktion des Trainers: Entweder, ihr springt rein ins kalte Wasser oder ihr bekommt eine

über die Rübe. Ergebnis: Ein Teil sprang in der Tat ins Wasser, ein Teil davon wiederum

lernte auch schwimmen und etliche darunter fanden auch Spaß daran. Der größte Teil

aber ließ sich auch durch wiederholte Schläge über die Rübe sowie in deren Folge

drastische Kopf- und Gesichtsverletzungen nicht vom Sonnenbaden abhalten.

Theoretisch hätte die Methode des Trainers ja funktionieren können. Aber zu seinem

Leidwesen erlitt er einen enormen Autoritätsverlust, als sich herausstellte, dass ein

erheblicher Teil anderer Vereinsmitglieder ebenfalls das Sonnenbaden bevorzugte - wenn
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auch diskreter, hinter Büschen, im Schutz geselliger Vereinsrituale oder offiziell durch

den Vereinsmasseur verordnet - und außerdem dadurch, dass seine rabiaten Methoden zu

heftigen Diskussionen Anlaß gaben.

So auch beim Drogenproblem: Angesichts einiger Millionen Süchtiger ist es schwer

plausibel zu machen, warum ausgerechnet auf einen kleinen Teil davon so hart reagiert

werden muß. Und das Konzept des Schlupflöcherverstopfens funktioniert auch nur, wenn

es sehr konsequent durchgehalten wird. Das war in den letzten 25 Jahren (bei aller

Repression im Ergebnis) in den Diskussionen nie der Fall, und eben auch nicht

durchgängig in der Praxis.

Wir differenzierten also im Laufe der achtziger Jahre die stationäre Therapie, verzichteten

auf Motivationsprüfungen, entrümpelten die Regel- und Sanktionskataloge,
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flexibilisierten die Therapiezeit, entwickelten teilstationäre Therapiekonzepte,

enttabuisierten die vorher als Suchtverlängerung verteufelte ambulante Therapie, ja wir

dachten sogar an Suchtbegleitungskonzepte.

Entsprechend der Schwimmtrainer: Er temperierte das Wasser mehr und mehr

entsprechend den Wünschen der notorischen Nichtschwimmer bis hin zur

Badewannentemperatur, baute die Sprungbretter ab und ersetzte sie durch sanfte

Übergänge. Stück für Stück gelang es ihm auf diese Weise, doch immer mehr

Nichtschwimmer zu überreden, sich ins Wasser zu begeben. Nur leider - aus der Sicht

immer noch sehr vieler Betroffener - hielt er einen Mangel des Schwimmbadkonzeptes

hartnäckig aufrecht: Egal wie komfortabel er das Ambiente gestaltete - Ziel blieb immer

das Schwimmenlernen.
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Seit etwa 10 Jahren sind wir auch in diesem Punkt flexibler geworden. Wir werfen

Schwimmwesten ins Wasser und diskutieren auch schon mal über Luftmatratzen der

komfortableren Art. Also: Wir bieten Methadon an und diskutieren über Heroin.

Insgesamt könnte man die Veränderung der Hilfestrategien in den letzten 25 Jahren auch

in dem folgenden Satz zusammenfassen: Wir sind den Wünschen der Abhängigen, die

diese 1976 nicht wesentlich anders artikulierten als heute, von Jahr zu Jahr immer weiter

entgegengekommen.

Schön wäre wenigstens, wenn man dieses Entgegenkommen als Einsicht in die Realität,

als bessere Erkenntnis werten könnte. Aber ist das so oder weichen wir vielleicht nur

unter Druck zurück? Sind wir wirklich bereit, auf Repression zu verzichten? Hat der
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Trainer vielleicht zwar Luftmatratzen ins Wasser geworfen, den Knüppel aber immer

noch hinter dem Rücken versteckt?

Anfangs galt das "Therapie, sonst Strafe - Prinzip" praktisch nur für stationäre Therapie,

dann auch für teilstationäre, dann für ambulante, jetzt für methadongestützte ambulante

Behandlung und morgen - für kontrollierte Heroinabgabe unter psychotherapeutischer

Begleitung? Stellen wir uns vor: Ein Abhängiger wird infolge seiner Sucht nach Heroin

inhaftiert. Wir bieten ihm die Entlassung an, sofern er sich bereit erklärt, dieser Sucht in

den geordneten Bahnen eines Heroinverabreichungsprogramms nachzugehen. Weigert er

sich, bleibt er inhaftiert. Genau das ist der logisch nächste Schritt. Der klassische Biß in

den Schwanz.

Ist das schon ein Paradigmenwechsel?
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Wie sagte Scott? Für einen Paradigmenwechsel braucht man eine neue Gebietskarte des

wissenschaftlichen Terrains und neue Richtlinien zur Erstellung solcher Karten. Einmal

orientierungslos im Kreis herumzulaufen, dürfte wohl für einen Paradigmenwechsel nicht

ausreichen.




5. Welche Perspektiven könnte das Arbeitsfeld haben? Steht nun wirklich ein

Paradigmenwechsel an?



Der Wechsel zu einer neuen Gebietskarte des wissenschaftlichen Terrains und zu neuen

Richtlinien zur Erstellung solcher Karten setzt voraus, dass wir etwas Altes haben, von
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dem wir weg wechseln können, etwas, das überhaupt als Paradigma taugt. Als eine

Möglichkeit für ein Leitparadigma der letzten 25 Jahre hatte ich Ihnen den Dualismus

„Zwang und Freiwilligkeit / Therapie und Strafe“ angeboten. Offen gestanden bin ich

nicht ganz sicher, ob das geeignet ist. Wir müßten das diskutieren. Eine andere

Möglichkeit wäre das viel zitierte „Abstinenzparadigma“. Auch da bin ich mir nicht so

sicher.

Zwar sind tatsächlich Drogenhilfe und Drogenpolitik der letzten Jahrzehnte geprägt vom

„Ziel der Drogenfreiheit“. Aber nähmen wir dieses Ideal ernsthaft als Handlungsziel

wahr, müßten wir gestehen, dass nur eine kleine Minderheit in unserer Gesellschaft in der

Lage ist, es persönlich zu verwirklichen. Wir müßten außerdem einräumen, dass dieser

Zustand - nur eine kleine Minderheit lebt wirklich drogenfrei - schon einige tausend Jahre
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anhält und dass diese drogenabstinent lebenden Menschen mitnichten aufgrund der

Tatsache, dass sie dieses Ideal bereits erreicht haben, in unserer Gesellschaft besonders

verehrt werden. Im Gegenteil, man macht sich lustig über sie. Was tun wir also, um unser

Ziel der Drogenfreiheit, unser Ideal aufrechterhalten zu können? Wir wenden einen

billigen demagogischen Trick an, der direkt aus Orwells 1984 entnommen sein könnte:

Wir erklären einen Teil unserer Wirklichkeit, den größten Teil, für tabu. Sicherlich, mehr

als 100.000 Tote infolge des Tabakrauchens sind bedauerlich, auch auf gut 40.000

Alkoholtote würden wir gerne verzichten wie auch auf die tödlichen Verkehrsunfälle,

Vergewaltigungen, Körperverletzungen und rechtsextremistischen Exzesse, die etwas mit

Alkohol zu tun haben. Gewiß, gewiß. Darüber sind wir uns ja alle einig, darüber brauchen

wir doch nicht zu reden. Und mit Drogenpolitik hat das nichts zu tun! Drogenpolitik
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heißt, dass eine Mehrheit (wir) das Ziel der Drogenfreiheit definiert, das eine Minderheit

(die) gefälligst einzuhalten hat und zwar im Blick auf Drogen, an denen wir selbst nicht

interessiert sind. Auch in der Drogenhilfe selbst war das so genannte

„Abstinenzparadigma“ doch weniger eine Landkarte zur Erkundung wissenschaftlichen

Terrains als vielmehr eine schlichte Verhaltensaufforderung an die Abhängigen. Im

Grunde sagten wir ihnen damit doch nur: Wir wollen nicht, dass ihr die Symptome eurer

Störung zeigt.

Wo sollen wir also hin? Welche Landkarte brauchen wir?

Was wäre, wenn wir als Leitbild auf abstrakte, absolute, von außen gesetzte Werte, zu

dem die Betroffenen hin erzogen, gedrängt, behandelt werden müssen, verzichteten und

statt dessen ein jeweils individuell bzw. auf das jeweilige System zu beziehendes
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Gleichgewicht als Ziel wählten? Das gesetzte Optimum wäre nicht ein vom Einzelnen

bzw. System unabhängiger Wert, sondern wäre anhand der bestehenden Ressourcen zu

bestimmen.

Besinnen wir uns vielleicht einfach einmal auf die Ethik des Heilens zurück:

Behandlungsbe-dürftigkeit                                                Autonomie
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                     "1. Ethische Herausforderungen in der Medizin entstehen in der

                     anthropologischen Grundfigur von Not und Hilfe.

                     2. Die Behandlungspflicht folgt aus dem Behandlungsauftrag des

                     Patienten."



                     Die stets dem ärztlichen Handeln zugrunde liegende Maxime lautet:

                     " - das Wohl des Kranken voranstellen

                      - mehr nutzen als schaden"

                     Beachte: "Auch Nichtstun ist Handeln"
                               (Bockenheimer-Lucius,1994)
Fürsorge                                                                                 Heilungswille




1. Ethische Herausforderungen in der Heilkunde entstehen ... in der anthropologischen

Grundfigur von Not und Hilfe.

2. Die Behandlungspflicht folgt aus dem Behandlungsauftrag des Patienten.
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Die stets dem heilkundlichen Handeln zugrunde liegende Maxime lautet:

" - das Wohl des Kranken voranstellen

 - mehr nutzen als schaden“.

Insgesamt bestimmen Behandlungsbedürftigkeit und Heilungswille des Kranken das

heilkundliche Handeln. Dieses vollzieht sich in einem Spannungsverhältnis aus Fürsorge

für den und Autonomie des Patienten.

Wenn wir anhand solcher Kriterien aktuelle Streitfragen der Drogenpolitik überprüfen

(Nehmen wir ruhig die heftigste Streitfrage: die ärztliche Verabreichung von Drogen),

dann bleibt von dem, was wir ursprünglich als ethische Probleme "empfunden" haben,

praktisch nichts mehr übrig. Stück für Stück wird deutlich, dass die meisten von uns,

Befürworter der einen wie der anderen Richtung, unter Ethik sehr spontane, scheinbar
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gefühlsmäßige, aber in Wirklichkeit in hohem Maße von öffentlicher und veröffentlichter

Meinung abhängende Wertungen verstehen. Dagegen wird, der Medizinethik folgend, in

jedem einzelnen Fall, so eine Ärztin oder ein Arzt oder ein anderer Helfer irgendeine vom

Patienten gewollte Hilfehandlung leisten soll, schlicht zu prüfen sein, ob damit dem

Betreffenden mehr genützt oder mehr geschadet wird, ob das Handeln Ausdruck der

Fürsorge ist und ob die Autonomie des Patienten respektiert wird. Und umgekehrt: In

jedem einzelnen Fall, in dem der Arzt oder die Ärztin die Droge nicht vergibt, muß die

Frage gestellt werden, ob damit dem Betreffenden mehr geholfen oder mehr geschadet

wird, ob das Handeln Ausdruck der Fürsorge und ob die Autonomie des Patienten

respektiert ist.
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Mein Fazit: Um die Korrektur der Drogenhilfestrategien zu begründen, brauchen wir

keine so großen Begriffe zu bemühen. Vielleicht gestatten Sie mir diese schlichte

Sichtweise: Der Wandel in unseren Hilfestrategien, ja selbst der Weg hin zur ärztlichen

Abgabe von Heroin - das alles sind keine wissenschaftlichen Revolutionen, sind keine

Paradigmenwechsel, das ist nur die allmähliche Korrektur einer historischen

Verwechslung von Politik und Therapie, der vor dem Hintergrund der Vorerfahrungen

unserer wissenschaftlichen Gemeinschaft besonders törichten Idee, wir könnten eine

Krankheit qua Gesetz verbieten. Die heute sich abzeichnenden Korrekturen erscheinen

uns doch nur deshalb so ungeheuerlich, dass wir so hochtrabende Worte wie

"Paradigmenwechsel" brauchen um sie zu verkraften, weil wir selbst unsere törichte
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Vorstellung der strafrechtlichen Krankenbehandlung mit so viel Emotion und Pathos

unterlegt haben.

Hätten wir schlicht beherzigt, was wir an Psychotherapie gelernt haben, hätten wir uns

gar nicht erst mit dem Strafrecht in eine liaison dangereuse begeben. Hätten wir Balance

und Behutsamkeit auch in der Hilfe als Prinzip ernstgenommen, dann würden nicht wir

die Hilfeziele definieren, sondern sie im Diskurs mit dem jeweiligen Gegenüber wachsen

lassen. Hätten wir es wirklich gemeint, wenn wir sagten, dass der Mensch nicht vom Stoff

her definiert werden soll, dann hätten wir vielleicht –gar keine Drogenpolitik mehr.

Vielleicht wäre das dann – ein Paradigmenwechsel?

Vielleicht beschäftigen wir uns in Zukunft ein wenig mehr mit Hilfeethik, lassen

wenigstens das vielzitierte primum non nocere tief in unsere Gedanken dringen, damit wir
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künftig nicht mehr so viele Tabus wie in den vergangenen Jahrzehnten brauchen, die uns

gelegentlich daran hinderten, die akut notwendige Hilfe ohne viel Worte zu leisten.



Aber andererseits sind 25 Jahre eigentlich keine lange Zeit für die Entwicklung eines

neuen Aufgabengebietes. Mit 25 hat man sich - hoffentlich - gerade mal die Hörner

abgestoßen. Mit 25 - fängt das Leben erst an. Und „jedem Anfang“, sagt Hermann Hesse,

„wohnt ein Zauber inne.“ Und in diesem Sinne wünsche ich Ihnen alles Gute zum

Geburtstag und die nötige Energie für die nächsten -10, 20, 25, 50 Jahre. Vielleicht laden

Sie mich ja zum 50. Geburtstag wieder ein und vielleicht bin ich dann endlich reif genug,

um Ihnen einen wirklich würdigen Jubiläumsvortrag zu halten.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

								
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