Docstoc

PDF - Kinderbetreuung Gesundheit

Document Sample
PDF - Kinderbetreuung Gesundheit Powered By Docstoc
					                                                                       Winter 2005
                                                                       Deutsches Jugendinstitut e.V.




         Zwölfter Kinder- und Jugendbericht:
         Bildung, Betreuung und Erziehung
         vor und neben der Schule


         Kinderbetreuung
         Gesundheit
         Ethnische Zugehörigkeit
         Übergang von Schule – Beruf
         Beteiligung der Jugend
         Bildungsorte und Lernwelten
         Schule & Partner
         Kommunale Bildungslandschaften

DJI Bulletin PLUS

         Lernen: informell



                                     DJI Bulletin 73 Winter 2005   1
Seite 3    Interview                                                           Das Deutsche Jugendinstitut e. V. ist ein außer-
                                                                               universitäres sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut.
           Interview mit Prof. Dr. Thomas Rauschenbach
                                                                               Seine Aufgaben sind anwendungsbezogene Grundla-
           Bildung – das Architekturbüro für die eigene Lebensplanung          genforschung über die Lebensverhältnisse von Kindern,
                                                                               Jugendlichen und Familien, Initiierung und wissenschaft-
Seite 8    Kommentar                                                           liche Begleitung von Modellprojekten der Jugend- und
           »Bericht schließt sozial- und bildungspolitische Diskurslücke«      Familienhilfe sowie sozialwissenschaftliche Dienstleistun-
                                                                               gen. Das Spektrum der Aufgaben liegt im Spannungs-
Seite 9    Bericht                                                             feld von Politik, Praxis, Wissenschaft und Öffentlichkeit.
           Betreuungskrise? – Ein Blick in den Alltag von Familien             Das DJI hat dabei eine doppelte Funktion: Wissenstrans-
                                                                               fer in die soziale Praxis und Politikberatung einerseits,
           Wer betreut Deutschlands Kinder?
                                                                               Rückkopplung von Praxiserfahrungen in den For-
                                                                               schungsprozess andererseits. Träger des 1963 gegrün-
Seite 12   Bericht
                                                                               deten Instituts ist ein gemeinnütziger Verein mit Mitglie-
           Das Thema Gesundheit im Elften und Zwölften Kinder- und             dern aus Institutionen und Verbänden der Jugendhilfe,
           Jugendbericht                                                       der Politik und der Wissenschaft. Dem Kuratorium des
           Die Gesundheit der Kinder lässt zu wünschen übrig                   DJI gehören Vertreter des Bundes, der Länder, des
                                                                               Trägervereins und der wissenschaftlichen Mitarbeiter-
Seite 14   Bericht                                                             schaft des DJI an.
                                                                                   Das DJI hat z. Zt. folgende Forschungsabteilungen:
           Informelle Bildung von Kindern in Familie und Freizeit –
                                                                               Kinder und Kinderbetreuung, Jugend und Jugendhilfe,
           ein interethnischer Vergleich                                       Familie und Familienpolitik, Geschlechterforschung und
           »Ich muss mehr lernen als andere«                                   Frauenpolitik, Zentrum für Dauerbeobachtung und Me-
                                                                               thoden sowie den Forschungsschwerpunkt »Übergänge
Seite 16   Dossier                                                             in Arbeit« und eine Außenstelle in Halle.
           Längsschnittstudie zum Übergang Schule – Beruf
           Hauptschülerinnen und                                               Impressum
                                                                               Herausgeber und Erscheinungsort:
           Hauptschüler –                                                      Deutsches Jugendinstitut e. V. Nockherstraße 2,
                                                                               81541 München, Deutschland
           engagiert, motiviert, flexibel?                                     Presserechtlich verantwortlich:
                                                                               Prof. Dr. Thomas Rauschenbach
           DJI Bulletin PLUS                                                   Redaktion: Dr. Jürgen Barthelmes
           Lernen: informell                                                   Telefon: 089 6 23 06-180, Fax: -265,
                                                                               E-Mail: barthelmes@dji.de
Seite 20   Dossier                                                             Stephanie Vontz
                                                                               Telefon: 089 6 23 06-311, Fax: -265,
           Zwölfter Kinder- und Jugendbericht: Bildungsorte und Lernwelten
                                                                               E-Mail: vontz@dji.de
           Laufen, Sprechen, Lesen …                                           Vertrieb: Stephanie Vontz
           und Reisen – das Entdecken der                                      Telefon: 089 6 23 06-311, E-Mail: vontz@dji.de
                                                                               Satz, Gestaltung: Anja Rohde, Hamburg
           Welt als Weg zur Bildung
                                                                               Druck und Versand: grafik + druck GmbH, München

Seite 24   Bericht                                                             Bildnachweis:
                                                                               Titel, S. 28,29: aus dem Film »Flussfahrt mit Huhn« von
           Schule & Partner – Schulische Kooperationspraxis auf einen Klick
                                                                               Arend Agthe; S. 4, 5: aus dem Film »Bibi Blocksberg und
           Ohne Partner geht es nicht …                                        das Geheimnis der blauen Eulen« von Franziska Buch;
                                                                               S. 14: aus dem Film »Ich, Cesar« von Richard Berry; S. 20:
Seite 26   Bericht                                                             aus dem Film »Nirgendwo in Afrika« von Caroline Link;
           Die Beteiligung der Jugend an Gesellschaft und Politik –            alle: Kinderfilm-Archiv München (Hans Strobel). S. 16,
                                                                               18: Jörg Koopmann, Peter Neusser (München)
           Ergebnisse aus dem DJI-Jugendsurvey
           Engagement ja – Politik nein?                                       ISSN 0930-7842
                                                                               Das DJI-Bulletin erscheint viermal im Jahr.
Seite 28   Bericht                                                             Außerdem gibt es jährlich eine Sonderausgabe in
                                                                               Englisch. Alle Hefte sind kostenlos.
           »Lokale Bildungslandschaften« – ein neuer Weg,
                                                                               Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Mei-
           Benachteiligung entgegenzuwirken                                    nung der Autorinnen und Autoren wieder.
           Bildung als kommunale Aufgabe                                       Der kostenlose Bezug erfolgt auf schriftliche Anforde-
                                                                               rung an die Redaktion. Geben Sie bei einer Adressen-
Seite 30   Kurz informiert                                                     änderung bitte auch Ihre alte Anschrift an. Die Adressen
                                                                               der Abonnenten sind in einer Adressdatei gespeichert
                                                                               und werden zu Zwecken der Öffentlichkeitsarbeit des DJI
Seite 31   Tagungen                                                            verwendet.
                                                                               Nachdruck nur nach Rücksprache mit der Redaktion
Seite 31   Publikationen                                                       sowie unter Quellenangabe und gegen Belegexemplar
                                                                               gestattet.

           Vorschau: DJI Bulletin 74                                           Download (pdf) und HTML-Version unter
           Themenheft                                                          www.dji.de/bulletins
           Siebter Familienbericht


                                           2     DJI Bulletin 73 Winter 2005
Editorial                                   Interview



                                            Bildung – das Architekturbüro
                                            für die eigene Lebensplanung

Liebe Leserin, lieber Leser,                Interview mit Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des DJI
                                            Vorsitzender der Kommission des Zwölften Kinder- und Jugendberichts
das vorliegende Heft hat den Zwölften
Kinder- und Jugendbericht zum Thema.          Im Zwölften Kinder- und Jugend-           Architekturbüro ihrer eigenen Lebens-
Weitere Hefte werden sich dann dem            bericht der Bundesregierung steht         planung zu werden. Um die dafür not-
Siebten Familienbericht sowie dem             das Thema Bildung im Vordergrund.         wendigen Anregungen und Impulse zu
Ersten Datenreport zur Gleichstellung von     Allerdings wird der Begriff »Bildung«     liefern, ist mehr denn je das Zusammen-
Frauen und Männern in der Bundes-             mittlerweile inflationär verwendet.       spiel von privater und öffentlicher Erzie-
republik Deutschland widmen. Diese            Leben wir mittlerweile in einer           hung notwendig. Die traditionelle Tren-
drei Berichte sind in unmittelbarer           Bildungsgesellschaft?                     nung, derzufolge die Familie für Erzie-
Zusammenarbeit mit dem Deutschen            Behauptet wird eher, dass wir in einer      hung, die Schule für Bildung und der
Jugendinstitut entstanden, zum einen        Wissensgesellschaft leben, einer Gesell-    Kindergarten für Betreuung zuständig
durch die jeweiligen Geschäftsfüh-          schaft, die nicht mehr von Handarbeit       ist, erweist sich zunehmend als dysfunk-
rungen bzw. Arbeitsgruppen, die den         und körperlicher Arbeit lebt, sondern       tional und wird den aktuellen Heraus-
Kommissionen zugeordnet waren,              von Information und deren Verarbeitung.     forderungen nicht mehr gerecht. Die
zum anderen durch die vielfältigen          Dem Wissen wird dabei eine zentrale         Institutionen und Akteure müssen sich
Zuarbeiten von Seiten der verschiede-       Rolle zugeschrieben. Im Unterschied         schrittweise aufeinander zu bewegen.
nen Projekte des DJI.                       dazu ist jedoch Bildung anderes und         Erforderlich ist eine Art neuer ideeller
   Die Beiträge in diesem Heft grei-        mehr zugleich. Wissen ist ein Produkt,      und auch praktischer Partnerschaft einer
fen inhaltliche Aspekte des Zwölften        ist Ware, ist eine virtuelle, wenn man so   Gesamterziehung.
Kinder- und Jugendberichtes auf und ver-    will, eine gasförmige Materie, Bildung
tiefen sie aus Sicht der jeweiligen Pro-    hingegen vielleicht so etwas wie ange-        Familie ist die erste Bildungswelt für
jekte: Kinderbetreuung, Gesundheit          eignete, einverleibte, verflüssigte Mate-     Kinder. Wie können Eltern für diese
von Kindern, ethnische Zugehörigkeit        rie. Bildung heißt, Menschen umfassend        Tatsache und ihre Bedeutung stärker
und Bildung, Übergang von Schule in         zu befähigen, sich in der Gesellschaft        sensibilisiert werden?
Ausbildung und Erwerbsarbeit, ge-           kompetent bewegen zu können. Dies           Wir brauchen ein allgemeines Bewusst-
sellschaftliche und politische Beteili-     wird jedoch in einer komplexer werden-      sein dafür, dass man sich auf Elternschaft
gung der Jugend, Bildungsorte und           den Welt immer weniger auf dem »natür-      gedanklich und praktisch vorbereiten
Lernwelten, Kooperation von Schule          lichen Weg« realisierbar. Das heißt, wir    muss. Man kann sich nicht allein auf den
mit außerschulischen Akteuren sowie         müssen das Projekt »Aufwachsen von          legendären Satz Konrad Adenauers ver-
Aufbau kommunaler Bildungsland-             Kindern und Jugendlichen« sehr viel         lassen »Kinder kriegen die Leute sowie-
schaften.                                   stärker öffentlich und gesellschaftlich     so«. Und der einmalige Geburtsvorbe-
   Das DJI Bulletin 73 PLUS hat das         mit gestalten und unterstützen, als dies    reitungskurs kann in Sachen Elternschaft
Informelle Lernen zum Inhalt; dieser        noch vor zwei, drei Generationen der
Aspekt des Lernens spielt im Zwölften       Fall war. Das wäre aus meiner Sicht das
Kinder- und Jugendbericht eine wichtige     gesellschaftliche Projekt, das man mit
Rolle für die »Bildung, Betreuung und       dem Begriff der Bildungsgesellschaft in
Erziehung vor und neben der Schule«.        Verbindung bringen kann.

Mit besten Grüßen und Wünschen                Wie lautet die Kernbotschaft des
Jürgen Barthelmes                             Zwölften Kinder- und Jugend-
Stephanie Vontz                               berichts?
                                            Der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht
                                            geht vor diesem Hintergrund von einer
                                            zentralen Stellung der Bildung im
                                            Prozess des Aufwachsens aus, allerdings
                                            von einem erweiterten, nicht-schulischen
                                            Bildungsbegriff. Bildungsprozesse sind
                                            dabei die Bausteine, die Menschen nach
                                            und nach befähigen, ihr Leben selbst-
                                            ständig zu regulieren, gleichsam zum


                                                    DJI Bulletin 73 Winter 2005    3
Interview




nicht das höchste der Gefühle sein. Auf          Eltern haben nach unserer Verfassung     Bericht hat deshalb weitergehende Vor-
diese neue Lebensphase muss man sich          ein verbrieftes Recht, aber auch die        schläge unterbreitet.
umfassender vorbereiten können. Ich           Pflicht, ihre Kinder zu erziehen. Nir-
glaube, wir verschenken in dieser Hin-        gendwo steht allerdings geschrieben,          Die soziale Herkunft ist nach wie vor
sicht ein erhebliches Potenzial an ver-       dass sie dies auch können, dass sie dazu      entscheidend für die Bildungsbiogra-
besserter Förderung von Partnerschaft         befähigt werden müssen. Deshalb ist die       fie und den Bildungserfolg von Kin-
und Elternschaft. Wir müssen hier nach        Stärkung der elterlichen Erziehungs-          dern. Was muss getan werden, um
Möglichkeiten suchen und Wege finden,         kompetenz ein Thema, das der Bericht          die Chancengleichheit beim Zugang
um Elternschaft zu einem Thema zu ma-         ebenso aufgreift wie die bislang völlig       zu Bildungsorten und Lernwelten zu
chen, mit dem man sich genauso selbst-        vernachlässigten Bildungsprozesse in der      erhöhen?
verständlich lernend auseinandersetzen        Familie.                                    Wer nicht nur gleiche Startchancen für
kann wie mit Mathematik oder einer                                                        alle Kinder fordert, sondern diese tat-
Fremdsprache.                                     Wie beurteilen Sie die geplante         sächlich auch will, der muss Eltern mög-
   Junge Familien müssen durch ent-               Einführung des Elterngeldes?            lichst früh unterstützen und Kinder kon-
sprechende Angebote selbstverständ-           Das Elterngeld ist entsprechend den Vor-    kret fördern, um die ungleiche Ausstat-
licher unterstützt und ihre tendenzielle      schlägen des Kinder- und Jugendberichts     tung der Familien bei der Geburt nicht
Isolation als eine mit sich selbst beschäf-   dann sinnvoll, wenn es – erstens – in ein   gleich zur alles entscheidenden Weiche
tigte Kleinfamilie muss überwunden            Gesamtkonzept der verstärkten öffentli-     für die Zukunft der Kinder werden zu
werden. Dazu benötigen Familien Orte,         chen Unterstützung der Familie einge-       lassen. Dazu muss man einerseits öffent-
an denen sie sich treffen und austau-         bunden ist, in dem zugleich auch der        liche Angebote in ausreichender Zahl
schen können, wie dies zum Beispiel in        bedarfsdeckende Ausbau der Kinderbe-        und Qualität zur Verfügung stellen und
den vom DJI schon vor 20 Jahren mit           treuung für die Jahre nach dem Eltern-      darf diese Betreuungsangebote anderer-
aufgebauten Mütterzentren der Fall ist,       geld sichergestellt ist. Konsequenter-      seits auch nicht länger als zweit- oder
und wie das heutzutage unter Begriffen        weise fordert der Zwölfte Kinder- und       drittbeste Lösung betrachten, die es
wie Familienzentren, Eltern-Kind-Zen-         Jugendbericht deshalb ab 2010 auch ei-      möglichst lange zu meiden gilt. Solange
tren oder Mehr-Generationenhäuser neu         nen uneingeschränkten Rechtsanspruch        wir das alleinige Aufwachsen in der Fa-
diskutiert wird. Diese Angebotsformen         für alle Kinder bis zur Einschulung. Zu-    milie weiterhin für die bessere Lösung
gehen über die herkömmliche Familien-         gleich muss man – zweitens – darauf         halten, werden wir diese Problematik im
bildung hinaus, deren Aktivitäten viel-       achten, dass durch das Elterngeld als       Kern nicht in den Griff bekommen.
fach nur die bildungswilligen und bil-        nicht-intendierte Nebenwirkung nicht        Wenn jedoch Eltern sich – ähnlich wie
dungskompetenten Familien erreichen.          soziale Schieflagen verstärkt werden.       bei der Schule – darauf verlassen kön-
                                              Eltern mit einem hohen Haushaltsein-        nen, dass Kinder in öffentlichen Tages-
  Wann und wo sollte die Vorbereitung         kommen soll in diesem ersten Jahr des       einrichtungen gut aufgehoben sind, ge-
  zur Elternschaft stattfinden?               Kindes ein höheres Elterngeld gewährt       zielt gefördert werden und viele Dinge
Ich sehe hier mindestens drei Aufgaben:       werden. Eltern hingegen, die zu diesem      des alltäglichen Lebens spielerisch ler-
Erstens muss die »Vorbereitung zur El-        Zeitpunkt arbeitslos sind oder während      nen, wäre schon viel gewonnen.
ternschaft« bereits im Jugendalter zum        des Studiums ein Kind bekommen, er-            Aus diesem Grunde ist der uneinge-
Thema gemacht werden und mit weit             halten voraussichtlich nur den Mindest-     schränkte Rechtsanspruch auf einen
größerer Selbstverständlichkeit in eine       satz. Das kann ebenso zu Verwerfungen       Betreuungsplatz für alle unter Sechsjäh-
Art »Gesamtlernpaket« für Kinder und          wie zu Missbrauch führen; das sollte        rigen die konsequente und möglichst
Jugendliche einfließen, ohne diese The-       man im Auge behalten.                       rasch umzusetzende Antwort. Denn im
matik gleich in ein Unterrichtsfach zu           Insgesamt muss man mithin bei einer      Horizont einer Erziehungspartnerschaft
transformieren. Dies erfordert eine brei-     konsequenten Unterstützung der Eltern       mit Eltern sind öffentliche Einrichtun-
tere Angebotsstruktur als bisher. Zwei-       ansetzen, also bei der schon genannten      gen eine alternativlose Chance, mög-
tens sind zugleich auch mehr und erwei-       Stärkung der Elternkompetenz, aber          lichst allen Kindern frühzeitig Angebote
terte ambulante Angebote für junge El-        auch bei einem wirklich bedarfsdecken-      zur Verfügung zu stellen, die normaler-
tern notwendig. Das heißt, man muss           den Ausbau des öffentlichen Angebots.       weise eben nicht in jeder Familie in aus-
auf junge Familien zugehen, sie vor Ort       Wenn wir Eltern keine überzeugende          reichendem Maße anzutreffen sind: etwa
aufsuchen, und nicht nur darauf hoffen,       Antwort auf die Frage geben, wie sie die    motorische, musische, ästhetische,
dass sie von alleine kommen, wenn man         Balance von Familie und Beruf praktisch     sprachfördernde oder ökologische Ange-
irgendwo ein einladendes Plakat auf-          lösen sollen – und das auch nach dem        bote, aber auch Angebote des gezielten
hängt. Und drittens müssen schließlich        ersten Lebensjahr des Kindes und der        Umgangs mit Gleichaltrigen. Kinder er-
auch jene Orte sehr viel gezielter in die     Zeit eines eventuellen Elterngeldes –,      halten dort an einem gestalteten Lernort
»Familienbildung« eingebunden werden,         werden wir in Deutschland keinen ent-       und in einem Setting von Profis eine
die Familien ohnehin aufsuchen, an de-        scheidenden Schritt vorankommen. Das        Vielzahl und Vielfalt von gezielten An-
nen eine Kontaktaufnahme möglich ist,         Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG) ist       regungen, die sie zu Hause so meist
an denen sie sich mit anderen treffen.        nach Einschätzung der Kommission ein        nicht und schon gar nicht in der gleichen
Das trifft für Kindergärten genauso zu        notwendiger, aber leider noch kein hin-     zeitlichen Intensität vorfinden.
wie beispielsweise für Kinderarztpraxen.      reichender Schritt in diese Richtung. Der


                                              4      DJI Bulletin 73 Winter 2005
                                                                                       gerade mal aus einer vierwöchigen Schu-
                                                                                       lung; das halte ich für ein absolutes
                                                                                       Minimum. Natürlich muss nicht jeder
                                                                                       Babysitter gleich ein Diplom vorweisen.
                                                                                       Aber es muss dennoch eine Debatte da-
                                                                                       rüber geführt werden, ab wann uns das
                                                                                       Aufwachsen und die Förderung von Kin-
                                                                                       dern eine angemessene Vorbereitung
                                                                                       und Qualifikation wert ist. Diese Frage
                                                                                       wurde bisher völlig ausgeblendet. Des-
                                                                                       halb wird die Tagespflege unter dem
                                                                                       Strich auf Dauer auch nicht wesentlich
                                                                                       billiger als die institutionelle Betreuung
                                                                                       und darf auch nicht mit einer »Betreuung
                                                                                       light« verwechselt werden.

                                                                                         Wie muss sich die öffentliche Schule
                                                                                         verändern, um ihren Bildungsauftrag
                                                                                         besser wahrnehmen zu können?
                                                                                       Der erweiterte Bildungsbegriff des Kin-
                                                                                       der- und Jugendberichts zielt nicht nur
                                                                                       auf das kognitive Lernen und die Ver-
                                                                                       mittlung kultureller Kompetenzen. Ge-
                                                                                       nauso wichtig sind für die Kommission
                                                                                       soziale, personale und instrumentelle
                                                                                       Kompetenzen. Diese Kompetenzen sind
  Viele setzen alternativ oder er-          einem Aufschrei. Das überrascht aber       gleichermaßen notwendig, um sich in
  gänzend zu den herkömmlichen              nicht, so lange wir diese Form der Kin-    einer modernen Gesellschaft und einem
  Betreuungsangeboten auf die so            derbetreuung so bewerten, als bestelle     sozialen Gemeinwesen angemessen be-
  genannten »Tagesmütter«. Was ist          man sich – wie bei einem Gärtner – mal     wegen, soziale Verantwortung überneh-
  notwendig, um diese Form der Tages-       eben irgendeine beliebige haushaltsnahe    men sowie mit anderen Menschen um-
  betreuung von Kindern quantitativ         Dienstleistung. Wenn man jedoch wie        gehen zu können. Dabei darf auch die
  und qualitativ zu verbessern?             der Kinder- und Jugendbericht das          personale Seite nicht außer Acht gelas-
Die Hauptleistung von Tagesmüttern          Kindeswohl im Auge hat, dann geht es       sen werden, also, wenn man so will, die
wurde bislang vor allem darin gesehen,      bei der Tagespflege nicht mehr um eine     Fähigkeit, mit sich selbst klar zu kom-
auf kleine Kinder aufzupassen; darin        Form der Nachbarschaftshilfe im            men, mit seinen Gefühlen, seinen Be-
kann sie sich jedoch in Zukunft nicht       herkömmlichen Stil, bei der eine Mutter    dürfnissen, seiner Expressivität, seinem
mehr erschöpfen. Tagesmütter, die diese     einfach mal so – neben dem eigenen –       eigenen Körper und seiner eigenen Emo-
Tätigkeit regelmäßig und in zeitlich er-    auf ein anderes Kind aufpasst, sondern     tionalität.
heblichem Umfang – unter Umständen          um eine organisierte Form der Fremd-          Das Kind und der Jugendliche sind ja
mit mehreren Kindern – gegen Entgelt        betreuung wie im Kindergarten. Man         nicht nur Schülerin oder Schüler, son-
ausüben, müssen mittelfristig ähnlich       muss deshalb darüber nachdenken, unter     dern auch in der Schule immer ein ein-
qualifiziert sein wie beispielsweise Kin-   welchen fachlichen Regeln und organisa-    zelnes Subjekt mit einer eigenen Persön-
derpflegerinnen. Außerdem müssen Ta-        torischen Rahmenbedingungen eine sol-      lichkeit. Die Lehrkräfte müssen lernen,
gesmütter für diese Tätigkeit eine ange-    che Betreuung im Interesse der Kinder in   zu jedem dieser einzelnen Kinder eine
messene Entlohnung erhalten, damit sie      Zukunft stattfinden soll.                  persönliche Beziehung aufzubauen. Für
eine reelle Chance haben, bei gleichzei-                                               Kinder oder Jugendliche ist es oft ent-
tiger Betreuung von drei oder vier Kin-       Nach Frau von der Leyen muss Er-         mutigend, wenn die Lehrerin oder der
dern wenigstens eine untere Gehalts-          ziehung als etwas »Hochwertiges«         Lehrer am Schuljahresende nichts von
gruppe zu erreichen. Erst dann wird es in     angesehen werden …                       einem als Person wissen, sondern bes-
Deutschland eine ernsthafte Chance ge-      Zu Recht. Unser DJI-Gutachten zur          tenfalls eine Vorstellung davon haben,
ben, diese Form der Tagesbetreuung so       Tagespflege hat in diesem Zusammen-        wie gut oder schlecht man in einem be-
auszubauen, dass sie – vor allem in den     hang den richtigen Stein ins Wasser ge-    stimmten Fach ist.
ersten Lebensjahren – zu einer ernsthaf-    worfen. Kritik kommt, wenn überhaupt,
ten Alternative zur institutionellen Be-    diesbezüglich allein aufgrund der Kos-       Das heißt: Schule muss Bildung, Be-
treuung wird.                               ten – etwa mit Blick auf den unseres Er-     treuung und Erziehung in einen neu-
   Politisch führen derartige Überle-       achtens notwendigen Qualifizierungs-         en Zusammenhang stellen?
gungen – vor allem wegen der leidigen       bedarf. Dabei besteht das DJI-Curricu-     Genau. Im Schulalter ist Erziehung nicht
Finanzen – im Moment bei einigen zu         lum zur Qualifizierung der Tagespflege     nur Sache des Elternhauses, und Betreu-


                                                    DJI Bulletin 73 Winter 2005    5
Interview




ung nicht nur Aufgabe der außerschuli-         sehr viel mehr auf die gesamte Entwick-     die Gefahr eines etwas künstlichen Im-
schen Akteure, also der Jugendarbeit, der      lung der Kinder achten und diese vielsei-   plantats, wenn eine Schule vor Ort durch
Schulsozialarbeit oder des Horts. Schule       tig fördern. Wenn öffentliche Schulen       ein irgendwo sitzendes Kultusministe-
kann sich nicht allein auf die kognitive       sich im Rahmen der Ganztagsschule in        rium geplant und geregelt wird.
Bildung, auf die Rolle der Wissensver-         dieser Hinsicht regelhaft erweitern,           Diese Ausrichtung am lokalen Raum
mittlung zurückziehen. Deshalb genügt          könnten Privatschulen ihren Akzeptanz-      darf aber nicht heißen, die Kommunen
es auch nicht, im Rahmen der Ganztags-         vorsprung bei Eltern rasch einbüßen.        nun auch finanziell zu den entscheiden-
schule »Schule« so zu belassen, wie sie ist,                                               den oder gar alleinigen Akteuren zu ma-
um dann am Nachmittag ein bisschen                 Welche Konsequenzen hat es, wenn        chen. Arme Kommunen wären dann von
Jugendhilfe dranzuhängen. Schule muss              der Bund seine Kompetenzen in Sa-       vorneherein die Verlierer dieses Systems.
die individuelle Gesamtförderung des               chen Bildung zunehmend an die Län-      Wir brauchen auch in Zukunft einen in-
einzelnen Kindes viel stärker in den Mit-          der abgibt?                             terkommunalen Finanzausgleich, und
telpunkt rücken und diese Idee zum Be-         Grundsätzlich darf schon mal die Frage      der kann nur über Bund und Länder
zugspunkt der gesamten Arbeit machen.          gestellt werden, ob wir in Deutschland      funktionieren. Im Rahmen des Finanz-
In dieser Hinsicht kann die staatliche         in Sachen Bildung wirklich 16 einzel-       ausgleichs müssen die finanziell schwa-
Regelschule einiges von der Jugendarbeit       verantwortliche Gestaltungseinheiten        chen Kommunen oder die Kommunen,
oder auch vom Kindergarten lernen, in          brauchen, ob darin wirklich noch ein        die eine Kumulation an Problemen wie
dem die Beteiligung und Einbindung             Wettbewerbsvorteil liegt. Zugleich          Arbeitslosigkeit, Überalterung etc.
der Kinder sehr viel stärker beachtet wird.    drängt sich aber die Frage auf, ob wir      haben, stärker unterstützt werden.
   Strukturell gesehen bin ich optimis-        zwischen Bund, Ländern und Gemein-
tisch, dass sich mit der Ganztagsschule        den nicht ein anderes Beziehungsgefüge        Aber kocht dann nicht jede Kommune
einiges ändern könnte, wenn die Schule         benötigen. Bislang gibt es beispielsweise     unkontrolliert ihr eigenes Süppchen?
sich öffnet und es die außerschulischen        keine direkte Verbindung zwischen Bund      Die Gefahr besteht. Deswegen brauchen
Partner zugleich verstehen, bei einer Ko-      und Kommunen, so dass eine unmittel-        wir über den Finanzausgleich hinaus
operation mit der Schule diese Elemente        bare Förderung der Gemeinden durch          auch eine übergreifende Festlegung der
ergänzend zur bisherigen Unterrichts-          den Bund nicht möglich ist; dieser Weg      fachlichen Standards. Kommunalisie-
schule einzubringen. Daraus könnte ein         geht nur über die Länder – und die nega-    rung würde ansonsten bedeuten, dass
konstruktiver Dialog entstehen, in dem         tiven Folgen können wir an dem IZBB-        z. B. der Gemeinderat vor Ort festlegt,
die Schule nicht nur zum Buhmann               Bundesprogramm zu den Ganztagsschu-         ob es einen Bedarf an Kindertagesein-
wird, in dem aber auch die Schule ihre         len beobachten. Fragen der Bildung,         richtungen oder an Fächern und Inhalten
eigene Erweiterung durch außerschuli-          Betreuung und Erziehung sind aber im        in der Schule gibt. »Kommunalisierung«
sche Elemente zu schätzen lernt.               Kern Vor-Ort-Angelegenheiten, sind          darf nicht dazu führen, dass die Verant-
                                               Aufgaben des lokalen Raums. Dort müs-       wortlichen vor Ort unter Absehung jeg-
   Was machen Privatschulen anders als         sen sie gestaltet werden. Und in dieser     licher fachlicher Erfordernisse darüber
   öffentliche Schulen? Brauchen wir           Hinsicht bringt uns die aktuelle Födera-    frei entscheiden können, ob sie lieber
   mehr oder weniger Staat beim Schul-         lismusreform nicht weiter.                  eine Festhalle, einen Kindergarten oder
   system?                                        Ich halte es insoweit vom Ansatz her     eine Schule bauen möchten – und allein
Nach allem, was man weiß, erfreuen sich        für eine positive Entwicklung, dass das     schon deshalb »hoch gefährdet« sind,
die knapp sieben Prozent Privatschulen,        Bundesministerium für Familie, Senio-       festzustellen, dass es aktuell keinen Be-
die wir in Deutschland haben, einer an-        ren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im          darf an Schulen und Kindertagesstätten
haltenden Beliebtheit bei Eltern. Dies         Rahmen seiner Möglichkeiten in jünge-       gibt. Um solche Dilemmata und struktu-
mag damit zusammenhängen, dass mit             rer Zeit – wie zuletzt bei den »Lokalen     rellen Überforderungen vor Ort zu ver-
Privatschulen eine indirekte Form der          Bündnissen für Familien« – direkt den       meiden, brauchen wir überregionale
»positiven« Auswahl in Verbindung ge-          lokalen Raum zu erreichen und dort et-      Standards. Oder anders formuliert: Trotz
bracht wird, sprich: dass sich eben nur        was zu bewegen versucht. Vor diesem         eindeutiger lokaler Zuständigkeit muss
bestimmte Milieus und Personengrup-            Hintergrund fordert der Kinder- und         die öffentliche Bildung, Betreuung und
pen dafür interessieren. Gleichwohl            Jugendbericht auch den Aufbau und           Erziehung eine ideelle Gesamtaufgabe
muss man im Auge behalten, dass Pri-           Ausbau »kommunaler Bildungsland-            sämtlicher Ebenen des Föderalismus
vatschulen mehrheitlich konfessionelle         schaften«.                                  sowie eine Angelegenheit des allgemei-
Schulen sind. Dort findet sich ein weit-                                                   nen öffentlichen Lebens sein. Deswegen
aus stärkerer weltanschaulicher Bezug als          Warum?                                  halte ich das Ansinnen, Bildung zur aus-
in öffentlichen Schulen, und viele Eltern      Die Menschen leben vor Ort, und vor         schließlichen Sache einer einzigen föde-
bringen damit auch eine andere Form an         Ort organisiert sich ihr Leben. Eine        ralen Ebene zu machen, nicht für den
Verbindlichkeit, Disziplin und Wert-           Schule gehört genau so zu den örtlichen     richtigen Weg. Bildung muss eine
orientierung in Verbindung. Daneben            Aufgaben des Gemeinwesens wie ein           gesamtstaatliche Aufgabe bleiben.
legen viele Privatschulen auch deutlich        Kindergarten, eine Jugendfreizeitstätte
mehr Wert auf nicht-unterrichtliche, etwa      oder ein Bürgerhaus. Themen dieser Art        Bildung wird in unserer Gesellschaft
musische, sportliche oder kulturelle Ak-       müssen ein ureigenes kommunales An-           vor allem unter dem Aspekt der öko-
tivitäten, ähnlich wie Internate, die oft      liegen sein. Ansonsten besteht immer          nomischen Verwertbarkeit gesehen.


                                               6      DJI Bulletin 73 Winter 2005
                                            gut auf ihren Beruf vorbereitet waren,       könnte. In einer Multioptionsgesell-
                                            persönlich und sozial aber in dramati-       schaft kommt es wesentlich darauf an, so
                                            scher Weise unfähig waren, ihr Leben in      etwas wie eine individuelle Entschei-
                                            den Griff zu bekommen. Wir können            dungskompetenz zu entwickeln, um sich
                                            uns nicht allein auf die Hoffnung verlas-    nicht nur auf Institutionen, Medien,
                                            sen, die Kinder werden schon irgendwie       mediale Vorbilder oder die normativen
                                            durch die Familie eine gewisse Lebens-       Muster der Gleichaltrigen-Gruppen ver-
                                            tüchtigkeit erreichen.                       lassen zu müssen. Wie leicht können
                                               Von diesem erweiterten Ansatz ausge-      Menschen dabei von Fremdsteuerung
                                            hend und um die einseitige Spezialisie-      und von scheinbar mächtigen Führern
                                            rung des Menschen zu vermeiden, plä-         abhängig werden. Selbststeuerung und
                                            diert der Zwölfte Kinder- und Jugend-        Eigenverantwortlichkeit sind heute eine
                                            bericht für ein Zusammenspiel der ver-       große Herausforderung an die einzelne
                                            schiedenen Bildungsorte und Lernwel-         Person – und damit an die Bildungs-
                                            ten. Auch die Industrie verlangt elemen-     institutionen. Keine Institution aber
Das mag sein. Ein erweiterter Bildungs-     tare Schlüsselqualifikationen, die in die-   schultert das Aufwachsen und die damit
begriff geht allerdings im Unterschied      se Richtung weisen. Denn, es ist schon       einhergehenden Anforderungen von Bil-
dazu von einer anderen Prämisse aus. Da     lange klar: Es genügt nicht, nur ein guter   dung, Betreuung und Erziehung alleine,
steht nicht die »Zurichtung« für den Ar-    Ingenieur zu sein; eine solche Person        weder die Familie, noch die Schule,
beitsmarkt oder die ökonomische Ver-        muss auch einen Betrieb führen und           noch beide zusammen.
wertbarkeit einer Person im Vordergrund,    Mitarbeiter motivieren können.
sondern es geht sehr viel weitreichender                                                    Herr Rauschenbach, wir danken
um den Erwerb einer umfassenderen             Kann Schule das leisten?                      Ihnen für das Gespräch.
Kompetenz zur autonomen Lebensfüh-          Theoretisch schon. Aber wir haben der-
rung. Das heißt, es geht darum, den         zeit eine Schule mit den Inhalten der        Interview: Jürgen Barthelmes, Andrea Macion
Menschen in die Lage zu versetzen, das      Industriegesellschaft des 19. und 20.
Leben auch vor, neben und nach der          Jahrhunderts. Wir haben noch keine           Deutscher Bundestag (2005): Bericht über die
Erwerbsarbeit, also jenseits von Beruf      Schule mit dem Horizont einer Wissens-       Lebenssituation junger Menschen und die
und ökonomischer Verwertbarkeit zu          gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Wich-     Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in
meistern.                                   tige Themen des Lebens wie Ökonomie,         Deutschland – Zwölfter Kinder- und Jugend-
   Ein Teil der eigenen Biografie sowie     Recht, Gesundheit oder Erziehung kom-        bericht – und Stellungnahme der Bundesregie-
                                                                                         rung. Berlin, BT-Drs. 15/6014
deren Gelingen und Scheitern hat we-        men in der Schule nicht vor, gehören je-     Der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht zum
sentlich damit zu tun, welche Kompe-        doch zum Grundbestand elementarer            Thema »Bildung, Betreuung und Erziehung vor
tenzen man entwickelt hat, um z. B. in      Kompetenzen, die durch die »zufällig«        und neben der Schule« kann unter
einer Partnerschaft oder mit Kindern zu-    vermittelten Bildungsprozesse in der         www.bmfsfj.de/doku/kjb eingesehen werden
sammen zu leben oder eine lange Nach-       Familie keineswegs sichergestellt sind.      oder beim Bundesministerium für Familie,
                                                                                         Senioren, Frauen und Jugend unter
erwerbsphase im Alter inhaltlich sinn-      Moderne Gesellschaften erzeugen auf          www.bmfsfj.de/kategorien/publikationen.html
voll auszufüllen. Dies sind entscheiden-    diese Weise eine immer stärkere Kluft        angefordert werden.
de Herausforderungen an eine moderne        zwischen dem, was man eigentlich als
Lebensführung. Sie gehen weit über das      Rüstzeug für das eigene Leben bräuchte
Anliegen hinaus, in einem einzigen ge-      und dem, was durch Familie und Schule
sellschaftlichen Bereich, nämlich dem       durchschnittlich vermittelt wird.
Beruf, seinen Mann oder seine Frau zu
stehen. Ganz abgesehen davon, gilt es zu      Zum Beispiel Entscheidungs-
beachten, dass wir inzwischen den weit-       kompetenz?
aus größeren Teil unseres Lebens bzw.       Ja, zum Beispiel. Wir stehen in einer sich
unserer Lebenszeit außerhalb des Beru-      rasch wandelnden Wissensgesellschaft
fes verbringen.                             tagtäglich vor einer Fülle von optionalen
                                            Entscheidungen, so dass wir oft gar nicht
  Wie steht der Zwölfte Kinder- und         mehr wissen, an was wir uns orientieren
  Jugendbericht dazu?                       und für was wir uns entscheiden sollen.
Der Bildungsbegriff des Kinder- und         Wo lernen Kinder heutzutage Entschei-
Jugendberichts ist genau auf diese allge-   dungen zu treffen, wo erlernen sie so
meine Kompetenz der Lebensführung           etwas wie individuelle Folgenabschät-
ausgerichtet. Dazu gehört der Beruf, aber   zung, wo erwerben sie moralische Ur-
auch die gesamte Lebensorganisation         teilskraft?
bzw. Lebenssituation. Es lassen sich vie-       Dies macht für mich einen Teil dessen
le Biografien nachzeichnen, in denen        aus, was man heute unter einem moder-
Menschen kognitiv und instrumentell         nen Begriff der Erziehung verstehen


                                                    DJI Bulletin 73 Winter 2005     7
 Gastkommentar



»Bericht schließt sozial- und bildungs-
 politische Diskurslücke«

 Endlich ist es gelungen, die längst über-   es nicht wollte) und schließlich für den    überlieferten Einrichtungen, aber auch
 fällige Thematisierung des Zusammen-        Bereich der Bildungsprozesse von Kin-       zu Praktiken der Verzerrung, Verengung,
 hangs von Erziehung, Betreuung und          dern und Jugendlichen selber, deren         Vernachlässigung von Bildung anmahnt.
 Bildung auf eine fachlich tragfähige und    Selbsttätigkeit von früh auf als die ent-   Ein solches Vorgehen bietet gute Kriteri-
 sozialpolitisch ideen- und perspektiven-    scheidende Grundlage dafür anzuerken-       en für Verständigungsmöglichkeiten im
 reiche Grundlage zu stellen. Denn mit       nen ist, ob sie tatsächlich als Bildungs-   öffentlichen Diskurs darüber an, wo und
 dem Zwölften Kinder- und Jugend-            subjekte oder lediglich als Lernende, die   wie Bildungsprozesse stattfinden,
 bericht geraten Kernaufgaben der deut-      auf Wissensaneignung und Bewälti-           welche Chancen sie haben und welche
 schen Gesellschaft in den Blick, deren      gungsfähigkeit beschränkt bleiben, auf-     Grenzen ihnen gesetzt sind.
 Bearbeitung im nationalen sowie inter-      gefasst werden. Dies ist nicht unerheb-        Ob und wie diese interessante Span-
 nationalen Maßstab wenn nicht als ver-      lich für die Antwort auf die Frage, was     nung zwischen Bildungstheorie, Kompe-
 nachlässigt, so doch als stark verbesse-    denn eine Wissensgesellschaft von einer     tenzbegriffen und Bildungsprozessen
 rungsfähig bezeichnet werden kann.          Bildungsgesellschaft unterscheidet.         von den Akteuren der Fachöffentlichkeit
                                                Dass die bildungstheoretische Rah-       und der Politik als tatsächlich produktive
   Verengte Auffassung von Bildung           mung des Ganzen den Anschluss an die        Herausforderung begriffen wird, dürfte
   überwinden                                Kompetenzdebatte sucht, indem kultu-        davon abhängen, in welcher Weise der
 In der Kontinuität der Kinder- und          relle, instrumentelle, soziale und perso-   Gestaltungsdruck ausgeprägt ist, der
 Jugendberichte zu den Themen »Kultur        nale Kompetenzen unterschieden wer-         durch die gegenwärtigen und zukünfti-
 des Aufwachsens« und »Erziehung und         den, mag ebenso Einsprüche hervorrufen      gen Reformprojekte – Ausbau der Kin-
 Bildung in öffentlicher Verantwortung«      wie gewisse Engführungen in der             dertagesstätten, Ganztagsschule u. a. –
 stehend, schließt die Expertenkommis-       Beschreibung von Qualitätssicherung.        erzeugt wird.
 sion nun einen beträchtlichen Teil einer
 sozial- und bildungspolitischen Diskurs-        Verbindung von Theorie und Praxis         Neue Kooperationen
 lücke. Sie entstand durch eine jahrzehn-    Gleichwohl sollte nicht übersehen wer-      Er wird dazu führen, dass sich Koopera-
 telang dominierende und einseitig auf       den, dass ein Kinder- und Jugendbericht,    tionen z. B. zwischen Familien und Er-
 Schule verengte Auffassung von Bildung      soll er denn den Differenzierungen von      zieherinnen, zwischen der Lehrerschaft
 und durch eine auf Familie verengte         Lern- und Bildungsorten, von professio-     und den Fachkräften der Jugendhilfe ent-
 Auffassung von Betreuung und Erzie-         nellen und ehrenamtlichen Leistungen,       wickeln, die Bildung und Hilfe in ein
 hung. So ist es nichts weniger als eine     von Bildungs- und Ausbildungsstruktu-       neues Verhältnis zueinander setzen.
 sehr kluge Feststellung, wenn die Kom-      ren, von Organisationen und Institutio-        Dabei wird mit einem durchaus selek-
 mission ihre Kritik daran zu dem Fazit      nen und nicht zuletzt von Lebenslagen       tiven Interesse an den Ergebnissen des
 verdichtet, »dass am Ende beides            der Adressaten einigermaßen gerecht         Zwölften Kinder- und Jugendberichts zu
 stimmt: ›Bildung ist mehr als Schule‹       werden, die Verbindung von Bildungs-        rechnen sein. Gerade wenn Kooperatio-
 und ›Schule ist mehr als Bildung‹«.         theorie und heterogener Praxis geradezu     nen zwischen Schule und Jugendhilfe
                                             suchen muss.                                angestrebt werden, wäre es dem Bericht
   Alle Bildungsräume neu gestalten             Anders als reine Bildungstheorie,        zu wünschen, dass außer der sozialpä-
 Damit wird eine wichtige Voraussetzung      die an ihrem äußersten Ende sogar den       dagogischen Fachöffentlichkeit vor al-
 für die Neugestaltung jener Bildungs-       perspektivischen Fluchtpunkt blanker        lem Lehrerinnen und Lehrer sich mit
 räume vor und neben der Schule geschaf-     Utopie beheimatet, vielleicht auch das      dem erweiterten Bildungsverständnis
 fen, die bislang in mehrfacher Weise aus    Bildungskapital von Eliten zu sichern       vertraut machen. Denn dieses ist, neben
 dem teils fachlichen, teils gesellschaft-   trachtet, wird ein solcher Bericht nicht    der Neugestaltung von Bildung, Betreu-
 lichen Diskurs darüber, wo denn Bildung     die glatte Passung zur Bildungstheorie,     ung und Erziehung, gleichsam der zwei-
 stattfindet und wo nicht, fast ausgeblen-   auch nicht zur Pragmatik selbst referen-    te »Nachholbedarf« im Lande.
 det worden ist: für den Bereich der Kin-    zieller Institutionen und auch nicht nur
 dertagesstätten, dessen – jedenfalls im     zu Kindern und Jugendlichen sowie ih-
 Westen – lange Jahre herrschende Ge-        ren Familien anstreben.
 ringschätzung sich in Statuszuweisung                                                            Prof. Dr. Rainer Treptow
 und Ausbildungsformen von Erzieherin-           Produktive Spannung                              lehrt Erziehungswissenschaft mit
                                                                                                  dem Schwerpunkt Sozialpädagogik
 nen widerspiegelt, für den Bereich der      Vielmehr wird er auf einer Spannung                  an der Eberhard-Karls-Universität
 Jugendarbeit, die sich selbst kaum noch     beharren, die das kritische Korrektiv des            Tübingen. Kontakt:
 als Bildungsort verstehen konnte (oder      Bildungsbegriffs im Verhältnis zu den                rainer.treptow@uni-tuebingen.de



                                             8      DJI Bulletin 73 Winter 2005
Berichte



Betreuungskrise? – Ein Blick in den Alltag von Familien


Wer betreut Deutschlands Kinder?

Wie organisieren Familien ihren Alltag mit Kindern? Wie bringen sie Beruf und                 ausbaugesetzes (TAG). Die Studie soll
Betreuung in Einklang? Welche Angebote nutzen sie? Auf wen können sie sich                    wiederholt werden und kann damit
stützen? Welche Kinder bleiben außen vor? Was heißt Betreuung für das Auf-                    Aufschluss über Veränderungen und
wachsen heutiger Kinder?                                                                      Erfolge des TAG geben.
   Trotz hoher Aufmerksamkeit für die Kinderbetreuung gibt es zu diesen Fra-
gen wenig fundiertes Wissen. Eines indes scheint sicher zu sein: Auch bei der Kin-               Säulen der Betreuung: Eltern und
derbetreuung nimmt die Vielfalt zu. Es herrscht ein komplizierter »Betreuungs-                   Kindertageseinrichtungen
mix« vor an elterlicher Fürsorge und Kindertagesstätten sowie an Betreuung                    Betreuungsinstanz Nummer eins sind
durch Verwandte, Freunde sowie bezahlte Helferinnen und Helfer.                               die Eltern, auch wenn sich viele von
   Die Kinderbetreuungsstudie des DJI hat 8.000 Mütter und Väter von 0- bis 7-                ihnen auf einen Mix aus familialen, öf-
Jährigen zu ihrem Betreuungsalltag telefonisch befragt. Diese Studie liefert erst-            fentlichen und informellen Betreuungs-
mals eine breite und repräsentative empirische Grundlage für die aktuellen De-                formen stützen. Feste Größe in diesem
batten zum Ausbau der Angebote, zum Kindergartenpflichtjahr sowie zur Ent-                    Mix sind die Kindertageseinrichtungen.
lastung von Familien.                                                                         Kinder werden heute häufiger in Kinder-
   Der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht hat erste Ergebnisse der Kinderbe-                   tageseinrichtungen betreut als durch an-
treuungsstudie aufgegriffen.                                                                  dere Familienmitglieder oder informelle
                                                                                              Netzwerke (Freunde, Nachbarn). Groß-
  Kinderbetreuung: eine vordringliche         (Bos u. a. 2003). Erreicht aber der Kin-        eltern spielen zwar eine wichtige Rolle,
  Aufgabe der Familienpolitik                 dergarten überhaupt jene Kinder, die am         engagieren sich aber oft nur in einem
Die vielfältigen Bedürfnisse nach Be-         meisten von ihm profitieren könnten?            relativ geringen zeitlichen Umfang.
treuung spiegeln die pluralisierte und                                                            Die Bedeutung von Kindertagesein-
veränderte Gesellschaft wider. Kinderbe-        Die Kinderbetreuungsstudie am DJI             richtungen steigt mit dem Alter der Kin-
treuung muss heute in unterschiedlichen       Ziel dieser Studie ist es, vertiefende In-      der. In Ostdeutschland setzt die Inan-
Familienformen bewältigt werden, vor          formationen bereitzustellen. Dabei wer-         spruchnahme öffentlicher Betreuung frü-
allem in den stark zunehmenden Famili-        den zahlreiche Aspekte des Betreuungs-          her ein und erreicht ein höheres Niveau
en Alleinerziehender. Sie erfordert inno-     alltags in den Blick genommen, wie die          als in Westdeutschland, besonders bei
vative Lösungen, denn immer mehr              Nutzung von öffentlichen Angeboten              den 1- bis unter 3-Jährigen (s. Abb.).
Mütter sind berufstätig, und die Er-          der Kinderbetreuung, der private Betreu-            Der Bedarf an öffentlicher Betreuung
werbsarbeit verliert ihre klaren Grenzen.     ungsmix aus Großeltern, Freundinnen,            ist vor allem im Westen weit höher als
Je flexibler und unplanbarer die Arbeits-     Nachbarn, Tagesmüttern und Babysit-             das Angebot. 27 % der Eltern in West-
zeiten, desto größer die Herausforde-         tern, die Familienfreundlichkeit der Be-        deutschland wünschen sich eine Betreu-
rung, eine adäquate Betreuung zu orga-        triebe sowie die individuellen Notfall-         ung für das zweite Lebensjahr und 55 %
nisieren. Die öffentlichen Angebote sind      arrangements. Ferner wird nach der sub-         für das dritte Lebensjahr ihres Kindes.
ein Teil der Lösung, manchmal jedoch          jektiven Zufriedenheit der Eltern mit           Erwerbstätige Mütter äußern diesen
selbst das Problem: Vor allem im We-          den Angeboten der Betreuung sowie               Wunsch zwar etwas häufiger, aber auch
sten Deutschlands fehlen Betreuungsan-        nach ihren Wünschen gefragt.                    viele nicht erwerbstätige Mütter melden
gebote, und die vorhandenen sind zeit-           Die Interviews wurden im Winter              Betreuungsbedarf an. Die DJI-Studie
lich oft nicht bedarfsgerecht – zu unflexi-   2004/2005 durchgeführt; so liefert die          zeigt dabei die Notwendigkeit einer
bel, zu kurz geöffnet oder zu falschen        Studie zugleich eine Momentaufnahme             gezielten Bedarfsplanung auf: Je klein-
Zeiten verfügbar. Wie aber meistern El-       der Angebotssituation und Bedarfslage           räumiger die Analyse, umso stärker
tern dennoch das Leben mit Kleinkin-          bei Inkrafttreten des Tagesbetreuungs-          unterscheiden sich die Erwartungen der
dern? Wo brauchen sie dringend Unter-
stützung?
    Auch die Bildungsdebatte macht die
Betreuung der Jüngsten zum Thema.                                   Alter                     Ost                        West
Eine frühe öffentliche Förderung soll                               1- bis 2-Jährige          31 %                       4%
helfen, den fatalen Zusammenhang von
                                                                    2- bis 3-Jährige          77 %                       17 %
sozialer Herkunft und Bildungserfolg in
Deutschland aufzubrechen. Wer länger                                Abbildung: Der Besuch von Kindertageseinrichtungen
als ein Jahr in den Kindergarten geht,                              Quelle: DJI-Kinderbetreuungsstudie 2005
erbringt bessere Leistungen in der Schule                           (1 bis unter 2 Jahre: N = 743, 2 bis unter 3 Jahre: N = 772)



                                                      DJI Bulletin 73 Winter 2005        9
Berichte




Eltern – die Frage der Kinderbetreuung          sogar 53 %. Für die älteren Kinder stellt     geschenkt, die dann gefragt ist, wenn die
wird demnach mehr und mehr zu einer             die Betreuung durch Tagesmütter mei-          Tagesmutter verhindert ist, das Kind
Frage heterogener Lebensstile.                  stens eine Ergänzung zum Kindergarten         krank wird oder eine Dienstreise anfällt.
                                                dar. Reicht die institutionelle Betreuung     Fast immer ist es die Familie selbst, die
   Kindergartenbesuch als Normalfall –          nicht aus, müssen Arrangements getrof-        einspringt. Für fast jedes fünfte Kind un-
   wer aber bleibt draußen?                     fen werden, um Zeitbrücken zu schaffen        ter sieben Jahren gibt es jedoch in derlei
Bei den über 3-Jährigen ist der Kinder-         – wenn beispielsweise der Kindergarten        Fällen keine Betreuungslösung. Auch
gartenbesuch der Normalfall. Im Jahr vor        über Mittag seine Pforten schließt. Auf-      wenn der Notfall die Ausnahme ist, so
der Einschulung besuchen aber im Wes-           grund ihrer Flexibilität erleichtert die      macht die Studie deutlich, wie sehr die
ten Deutschlands immerhin 10 % der              Tagespflege vielfach die Vereinbarkeit        Zufriedenheit der Eltern mit ihrer Be-
Kinder nicht den Kindergarten. In Fami-         von Beruf und Familie. Allerdings ist sie     treuungssituation davon abhängt, ob ein
lien mit den geringsten Einkommen               ein Privileg der besser gestellten Eltern     solches Sicherheitsnetz vorhanden ist.
bleibt jedes siebente Kind zu Hause, in         und wird insbesondere von einkom-             Hierbei spielen auch die Betriebe eine
Familien mit erwerbslosen Eltern sogar          mensstarken Familien sowie berufstäti-        wichtige Rolle. Kommen Betriebe den
jedes fünfte. Je kinderreicher die Familie,     gen Müttern mit langen Arbeitszeiten in       Eltern an diesem Punkt entgegen, wirkt
desto eher verzichten Eltern auf eine           Anspruch genommen.                            sich alleine das Angebot als solches
außerhäusliche Betreuung. In vielen                                                           schon entlastend aus, auch wenn Eltern
Fällen kumulieren diese Benachteiligun-              Der Familien- und Freundeskreis –        es im Ernstfall gar nicht nutzen.
gen; so besuchen gerade Kinder mit                   unentbehrlich für Betreuung
Migrationshintergrund den Kindergarten          Unabhängig von den öffentlichen Ange-         Birgit Riedel
deutlich seltener. Ein kostenfreier Zu-         boten wird die Hälfte der unter 7-Jähri-
gang und qualitative Veränderungen              gen neben den Eltern regelmäßig von
könnten die Attraktivität von Kindergär-        mindestens einer weiteren Person be-          Literatur
ten für diese Familien erhöhen, z. B. An-       treut, sei es durch Familie, Nachbar-
                                                                                              Bos, Wilfried u. a. (Hrsg.) (2003): Erste Ergebnis-
gebote, die die kulturelle, religiöse und       schaft, Freundeskreis oder bezahlte Hel-      se aus IGLU. Schülerleistungen am Ende der
ethnische Vielfalt widerspiegeln und die        fer. Die Eltern setzen diese Ressourcen       vierten Jahrgangsstufe im internationalen Ver-
auch den Eltern etwas zu bieten haben –         unterschiedlich ein. Erwartungsgemäß          gleich. Münster
im Sinne von Wertschätzung, Zugehörig-          spielen auf dem Land Verwandte eine
keit, Qualifizierung oder Jobgelegen-           größere Rolle, in der Stadt Freunde und       Skinner, Christine (2003): Running around in
                                                                                              circles. Coordinating childcare, education and
heiten.                                         bezahlte Helfer. Im Westen wird mehr          work. Bristol: Policy Press
                                                »gemixt« als im Osten – sicherlich eine
   Tagespflege – häufig eine Zeitbrücke         Reaktion auf das unzureichende öffent-
Ein in jüngerer Zeit wieder verstärkt dis-      liche Angebot. Besonders oft findet sich
kutiertes Angebot stellt die Tagespflege dar.   ein Betreuungsmix, wenn die Mutter er-
Sie wird in öffentlicher und privater           werbstätig ist. Mütter mit hohem Bil-                      Projekt: DJI-Kinderbetreuungs-
Form besonders für die 1- bis 3-Jährigen        dungsabschluss und mit nur einem Kind                      studie 2005
                                                                                                           Laufzeit: 01.07.2004–30.06.2005
genutzt. In Westdeutschland hat sie für         nehmen dabei eher auch bezahlte Helfer                     Auftraggeber: Bundesministerium
diese Altersgruppe ein ähnliches Ge-            in Anspruch. Anders die Alleinerziehen-                    für Familie, Senioren, Frauen und
wicht wie die institutionelle Betreuung.        den: Sie erhalten vor allem Unterstüt-                     Jugend (BMFSFJ)
Angesichts der gängigen Annahme, dass           zung durch die Großeltern.                                 Methoden: Bundesweite Telefon-
Tagesmütter vor allem fehlende Plätze                                                                      befragung von etwa 8.000
                                                                                                           Müttern und Vätern mit 13.700
in Kindertagesstätten kompensieren,                  Die Eltern als Manager der                            Kindern unter 7 Jahren
wartet die DJI-Studie jedoch mit einer               Kinderbetreuung                                       Durchführung: Deutsches
Überraschung auf: Im Osten werden Ta-           Für die Eltern stellen die oft komplexen                   Jugendinstitut in Kooperation mit
gesmütter für unter 3-Jährige fast ebenso       Arrangements eine organisatorische und                     der Dortmunder Arbeitsstelle
häufig in Anspruch genommen wie im              logistische Herausforderung dar. Tages-                    Kinder- und Jugendhilfestatistik
                                                                                                           (Universität Dortmund); Feldarbeit:
Westen, trotz des erheblich höheren An-         mutter, Oma, Nachbarin und Babysitter                      INFAS Bonn. Mitwirkende: Walter
gebots an Krippenplätzen. Während je-           müssen unter einen Hut gebracht, ferner                    Bien, Christian Alt, Sandra
doch die Tagespflege im Osten überwie-          Wege überwunden sowie genaue Abspra-                       Fendrich, Horst Hackauf, Andreas
gend öffentlich organisiert ist, besorgen       chen getroffen werden, damit der Alltag                    Lange, Jens Pothmann, Gerald
sich im Westen die Eltern ihre Tages-           funktioniert. »Running around in circles«                  Prein, Fredericus van Santen,
                                                                                                           Markus Teubner, Angelika Traub
mütter vor allem privat auf dem grauen          – so charakterisiert der Titel eines eng-                  Kontakt: Walter Bien, Tel.: 089
Markt.                                          lischen Buches die Situation, die vielen                   623 06-234, E-Mail: bien@dji.de
   Wenig bekannt war bisher der oft rela-       Eltern vertraut ist (Skinner 2003).                        Internet: www.dji.de//9_dasdji/
tiv geringe zeitliche Umfang der Betreu-            Wenn nur eine Person in dem Betreu-                    welcomeseite_dateien/news_
ung in Tagespflege. Bei den unter 3-Jäh-        ungspuzzle ausfällt, stellt dies Eltern vor                0508_1_kinderbetreuungsstudie_
                                                                                                           ergebnisse.pdf
rigen weisen 35 % eine wöchentliche             ein besonderes Problem. Aufmerksam-                        Publikationen: Wer betreut
Betreuungszeit von höchstens zehn               keit wurde in der Kinderbetreuungs-                        Deutschlands Kinder? (erscheint
Stunden auf, bei den 3- bis 6-Jährigen          studie daher auch der Notfallbetreuung                     2006)



                                                10      DJI Bulletin 73 Winter 2005
Postskriptum zur Kinderbetreuung


Ausbauszenario 2010 West:
Kinderbetreuung uneingeschränkt
Mit Beginn des zweiten Lebensjahres                   tagesbetreuung auf Kinder unter drei Jahren            von der Geburt bis zum Schulalter ge-
werden für ein Kind andere Kinder glei-               zu erweitern. Um dies im Rahmen knap-                  währleistet ist.«
chen Alters von Belang. Die Kontakte zu               per öffentlicher Mittel umsetzen zu kön-                  (Deutscher Bundestag [2005]: Bericht
den Gleichaltrigen erweitern den Rah-                 nen, wird ein zweistufiges Vorgehen                    über die Lebenssituation junger Men-
men der Familie und sind unentbehrlich                empfohlen:                                             schen und die Leistungen der Kinder-
für die Prozesse der Entwicklung und                     »Bis zum Jahr 2008 sollten alle zwei-               und Jugendhilfe in Deutschland. Zwölf-
Bildung. Daraus ergibt sich die öffentli-             jährigen Kinder in den erweiterten                     ter Kinder- und Jugendbericht. Berlin,
che Aufgabe, für Kinder ein quantitativ               Rechtsanspruch einbezogen werden; bis                  BT 15/6014, S. 349).
ausreichendes und qualitativ angemesse-               spätestens 2010 sollte der Rechtsan-                      Die Möglichkeit eines uneinge-
nes Angebot bereitzustellen.                          spruch für alle unter dreijährigen Kinder              schränkten Angebotes an Kinderbetreu-
   Der Zwölfte Kinder- und Jugend-                    gelten, so dass ab diesem Zeitpunkt ein                ung wird anhand der folgenden Abbil-
bericht empfiehlt, den Rechtsanspruch                 erweiterter Rechtsanspruch auf eine öf-                dung aufgezeigt.
für eine öffentlich geförderte Kinder-                fentlich geförderte Kindertagesbetreuung




Abbildung: Renate Bauereiss



Mehrausgaben für zusätzliches Platzangebot ab 2010                  Jährliche Minderausgaben und Einsparpotenziale ab 2010

0–1 Jahre                        0,17 Mrd. c                        a) Abnahme von Kindergartenplätzen

1–2 Jahre                        1,68 Mrd. c                          – aufgrund sinkender Kinderzahlen                    -0,92 Mrd. c

2–3 Jahre                        2,02 Mrd. c                          – aufgrund der Absenkung des Schuleintrittsalters    -0,84 Mrd. c

3–4 Jahre                        0,28 Mrd. c                        b) Minderausgaben beim Kindergeld

4 Jahre bis Schuleintritt        0,32 Mrd. c                          – aufgrund sinkender Kinderzahlen                    -1,90 Mrd. c

Summe Mehrausgaben               4,45 Mrd. c                        Jährliche Einsparpotenziale                           -3,66 Mrd. c


Quelle: Matthias Schilling, Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik: Berechnungen im Auftrag des Zwölften Kinder- und Jugendberichtes



                                                                 DJI Bulletin 73 Winter 2005          11
Berichte




Das Thema Gesundheit im Elften und Zwölften Kinder- und Jugendbericht


Die Gesundheit der Kinder                                                             Zwölften Kinder- und Jugendbericht vor-
                                                                                      genommene Einbettung des Themas in
                                                                                      jene Kapitel, die den Lebensabschnitt
lässt zu wünschen übrig                                                               von 0 bis 6 Jahren unter verschiedenen
                                                                                      Gesichtspunkten behandeln, zeigt auf,
                                                                                      dass Gesundheit im Sinne umfassenden
                                                                                      Wohlbefindens eine wesentliche Res-
Das Thema Gesundheit hat in den letzten Jahren an gesellschaftlicher Relevanz         source gelingender Entwicklungs- und
gewonnen. Die Aufgabe, das körperliche, seelische und soziale Wohlbefinden            Bildungsprozesse ist.
junger Menschen zu fördern sowie Risiken der Entwicklung und Gesundheit früh-            Forschungsergebnisse belegen, dass
zeitig zu erkennen und zu vermeiden, wird als eine gesundheits-, jugend- und          die Chancen zu einer gesunden Entwick-
jugendhilfepolitische Herausforderung wahrgenommen. Der Elfte Kinder- und             lung und positiven Lebensbewältigung
Jugendbericht mag dabei insofern eine gewisse Rolle gespielt haben, als dass er       von Kindern maßgeblich von den psy-
als erster dieser Berichte dem Thema Gesundheit ein eigenes Kapitel widmete           chosozialen, sozioökonomischen und
und dadurch einen Beitrag zu einer breiteren Diskussion in der Jugendhilfeszene       kulturellen Ressourcen der Eltern abhän-
leistete. Auch der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht greift den Aspekt der            gen. Sozialstatus und Bildungsstand der
Gesundheit wiederum auf.                                                              Eltern nehmen Einfluss auf die Gesund-
                                                                                      heit, auf das Gesundheitsverhalten so-
  Gesundheit ist mehr als die Abwe-        auf gesellschaftliche Teilhabe zu ver-     wie auf die Ernährungsgewohnheiten
  senheit von Krankheit – das Thema        größern.                                   sowohl der Eltern als auch ihrer Kinder.
  Gesundheit im Elften Kinder- und                                                    Veränderte zivilisatorische, ökologische
  Jugendbericht                                 Gesundheit als Ressource für Ent-     und soziale Lebensbedingungen tragen
Im Elften Kinder- und Jugendbericht             wicklung und Bildung – das Thema      dazu bei, dass neue Kinderkrankheiten
(BMFSFJ 2002) kam ein weit gefasstes            Gesundheit im Zwölften Kinder- und    und gesundheitliche Risiken entstehen,
Verständnis von Gesundheit zum Tra-             Jugendbericht                         die das Wohlergehen der Kinder und
gen. In Anlehnung an die frühe Definiti-   Der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht      Jugendlichen beeinträchtigen und ihre
on der WHO (1946) wurde Gesundheit         (BMFSFJ 2005) ergänzt das ebenfalls        Entwicklungschancen verringern.
als Zustand eines vollkommenen körper-     zugrunde gelegte Gesundheitsverständ-
lichen, geistigen und sozialen Wohlbe-     nis der WHO durch eine Sichtweise,           Ressource Gesundheit – konzeptionelle
findens (bzw. Wohlseins, vgl. Bergmann     nach der Gesundheit die gelingende           und praxisbezogene Anmerkungen
u. a. 2001) und nicht mehr nur als Abwe-   Auseinandersetzung des Menschen mit        Im Zwölften Kinder- und Jugendbericht
senheit von Krankheit und Gebrechen        der inneren Realität von körperlichen      wird Gesundheit als eine wichtige Res-
verstanden. Die Kommission entschied       und psychischen Impulsen sowie der äu-     source für gelingende Bildungs- und
sich für diese Umschreibung von Ge-        ßeren Realität von sozialen und physi-     Entwicklungsprozesse insbesondere im
sundheit, weil sie in Bezug auf das dem    schen (Umwelt-)Impulsen zur Vorausset-     frühen Kindesalter betrachtet. Das hier-
Bericht zugrunde liegende Lebenslagen-     zung hat (Hurrelmann 2004, 2000). Die      bei zugrunde gelegte Verständnis von
konzept am besten geeignet erschien, auf   Entwicklung der Persönlichkeit ist ein     Ressource ist in der Kinder- und Jugend-
den Zusammenhang zwischen gesund-          lebenslang anhaltender Prozess der Ver-    hilfe jedoch eher ungebräuchlich. Ins-
heitlicher Lage und Lebensbedingungen      arbeitung von bzw. der Auseinanderset-     besondere in Folge des Achten Jugend-
aufmerksam zu machen.                      zung mit diesen beiden Realitäten, der     berichts (BMJFFG 1990) hat sich ein
    Anhand von Forschungsergebnissen       einen ausgewogenen Balancezustand          Ressourcenbegriff etabliert, der mit der
aus unterschiedlichen Fachdisziplinen      (Gesundheit) mal mehr und mal weniger      programmatischen Absage an den tradi-
wurde belegt, dass die Gesundheit von      zulässt (Stadien relativer Gesundheit      tionell vorherrschenden Defizit-Blick-
Kindern und Jugendlichen in vielerlei      und relativer Krankheit; Hurrelmann        winkel einhergeht; dieser steht in dem
Hinsicht eingeschränkt ist. Weitgehend     2000). Besonders im Kindesalter stehen     Ruf, zu einer »Buchhaltung von Lebens-
stehen diese Einschränkungen mit dem       die Entwicklungs- und Bildungsprozesse     schwächen« zu führen, ohne die Bewälti-
System sozialer Ungleichheit in Bezie-     des Kindes – als Prozesse der Aneignung    gungskompetenzen von Menschen ange-
hung (BMFSFJ 2002; Seifert 2002). Im       von Welt – mit Gesundheit in einem         messen zu berücksichtigen (Herriger
Einklang mit dem Motto des Berichtes       folgenreichen Zusammenhang. In der         2002). Eine solche Ressourcenperspek-
»Aufwachsen in öffentlicher Verantwor-     Lebensphase der frühen Kindheit wird       tive rückt die noch anknüpfungsfähigen
tung« wurde ein Appell an die Kinder-      die kognitive, psychische und soziale      Potenziale des Individuums ins Blick-
und Jugendhilfe gerichtet, die durch so-   Entwicklung des Kindes durch einge-        feld und macht sie zum Ausgangspunkt
ziale Unterschiede geprägte gesundheit-    schränkte bzw. gestörte Gesundheit         für Strategien des Empowerments.
liche Situation von Kindern und Jugend-    nachteilig beeinflusst – oftmals mit ne-      Gesundheit als Ressource bedeutet
lichen durch gezielte Gesundheitsförde-    gativen Konsequenzen für den weiteren      demgegenüber, Gesundheit verstärkt als
rung zu verbessern, um deren Chancen       Bildungs- und Lebensweg. Die im            wesentlichen Baustein gelingender Bil-


                                           12      DJI Bulletin 73 Winter 2005
dungs- und Entwicklungsprozesse im          Gesundheitsförderung als                     und soziales Umfeld – stellt deutlich
Kindesalter wahrzunehmen. Diese Sicht-      Querschnittsaufgabe                          höhere Anforderungen an die Qualifika-
weise hat in den unterschiedlichen Auf-     Gesundheitsförderung sollte in Zukunft       tion von Erzieherinnen und Erziehern.
gabenfeldern der Kinder- und Jugend-        stärker als eine im normalen Alltag der      Demnach ist es mittelfristig notwendig,
hilfe – von der Kindertagesbetreuung bis    Kindertagesbetreuung verankerte Orien-       mehr Gewicht darauf zu legen, die Aus-
zu den Hilfen zur Erziehung –, insbe-       tierung zum Ausdruck kommen und darf         bildung von Erzieherinnen und Erzie-
sondere aber im Bereich frühkindlicher      sich nicht in sporadisch eingeflochtenen     hern zu verbessern und für sie den Be-
Bildung und Betreuung vielfach noch         oder beiläufigen Aktivitäten erschöpfen.     such von Fortbildungsveranstaltungen
nicht systematisch Eingang gefunden.        Wesentliche Voraussetzung hierfür sind       verbindlich zu machen, um der Bedeu-
Kinder in der Altersphase der frühen        eine größere gesellschaftliche Anerken-      tung von Gesundheit in der frühkind-
Kindheit sind einerseits zu großen und      nung der pädagogischen Arbeit von Er-        lichen Entwicklung und Bildung ange-
rasch aufeinander folgenden Fortschrit-     zieherinnen und Erziehern sowie eine         messen zu entsprechen.
ten der Entwicklung, Erfahrung und des      gesundheitsförderliche Gestaltung ihrer
Lernens fähig, sie sind andererseits aber   Arbeitsbedingungen.                          Brigitte Seifert
auch besonders verletzlich. Die Förde-
rung der Gesundheit von Kindern müss-       Förderung der Gesundheit von Kindern
                                                                                         Literatur
te eine unverzichtbare Zielgröße der So-    mit erschwerten Lebensbedingungen
                                                                                         Bergmann, K. E. / Thefeld, W. / Kurth, B.-M.
zialpädagogik werden, damit Kinder die      Sozial benachteiligte und behinderte         (2001): Zur gesundheitlichen Lage von Kindern
bestmögliche Chance auf gelingende          Kinder sowie Kinder mit Migrations-          und Jugendlichen. In: Frühe Kindheit, 4, 3,
Entwicklung und Bildung erhalten. Da-       hintergrund bedürfen der gezielten           S. 20–23
bei geht es nicht um eine Funktionalisie-   Förderung, da ihre Gesundheit einge-         BMFSFJ – Bundesministerium für Familie, Senio-
                                                                                         ren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2002): Elfter
rung der Gesundheit für Zwecke ihrer        schränkter und ihre Chancen auf Bil-         Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die
Bildung und Entwicklung, sondern um         dung und gesellschaftliche Teilhabe ge-      Lebenssituation junger Menschen und die Leis-
die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse     ringer sind als die der Kinder in privile-   tungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutsch-
und die Sicherung ihres Aufwachsens im      gierten Lebenslagen.                         land. Bundestagsdrucksache 14/8181. Berlin
Wohlergehen bzw. die Sicherung des                                                       BMFSFJ – Bundesministerium für Familie, Senio-
                                                                                         ren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2005): Zwölf-
Kindeswohls als eine wesentliche Aufga-     Verstärkte Beteiligung von Müttern
                                                                                         ter Kinder- und Jugendbericht. Bildung, Betreu-
be der Kinder- und Jugendhilfe.             und Vätern                                   ung und Erziehung vor und neben der Schule.
   Soll dieses Ressourcenverständnis im     Die gesundheitliche wie auch die körper-     Bundestagsdrucksache 15/6014. Verfügbar
sozialpädagogischen Handeln beispiels-      liche, geistige und soziale Entwicklung      über: www.bmfsfj.de
weise von Erzieherinnen und Erziehern       der Kinder ist vor allem von der Lebens-     BMJFFG – Bundesministerium für Jugend, Fami-
                                                                                         lie, Frauen und Gesundheit (Hrsg.) (1990): Ach-
in der Kindertagesbetreuung systema-        welt abhängig, in der sie aufwachsen.        ter Jugendbericht. Bericht über die Bestrebun-
tisch Gewicht bekommen, bedarf es vor       Ohne die intensive Einbeziehung der          gen und Leistungen der Jugendhilfe. Bundes-
allem folgender Aufgaben und Entwick-       primären Bezugspersonen der Kinder in        tagsdrucksache 11/6576. Bonn
lungsschritte, die sich auf Ausbildung,     die Gesundheitsförderung können weder        Herriger, N. (2002): Empowerment – Brücken-
Fortbildung und Praxis beziehen:            gesundheitliche Beeinträchtigungen           schlag zur Gesundheitsförderung. In: Bundes-
                                                                                         vereinigung für Gesundheit (Hrsg.): Gesund-
                                            effektiv beeinflusst noch gesundheits-       heit: Strukturen und Handlungsfelder.
Erwerb von Kompetenzen der Beob-            relevante Verhaltensänderungen mit           Neuwied. Loseblattausgabe V 1.5
achtung und Einordnung (Dokumenta-          langfristig stabiler Wirkung bei Kindern     Hurrelmann, K. (2000): Gesundheitssoziologie.
tion) bei Erzieherinnen und Erziehern       erzielt werden.                              Eine Einführung in sozialwissenschaftliche
Erzieherinnen und Erzieher sollten über                                                  Theorien von Krankheitsprävention und
                                                                                         Gesundheitsförderung. 4. vollst. überarb. Aufl.
ein erweitertes Fachwissen hinsichtlich     Einbeziehung des sozialen Umfeldes
                                                                                         von »Sozialisation und Gesundheit«. Weinheim,
der Grundbedürfnisse, Entwicklungser-       Kooperation zwischen Kindertagesein-         München
fordernisse, Entwicklungsstörungen und      richtungen und lokalen Einrichtungen         Hurrelmann, K. (2004): Gesundheit – Krankheit
Bildungsvoraussetzungen von Kindern         des Gesundheits-, Sozial- und Bildungs-      – Lebenswelt. Psycho-, sozio- und ökosomati-
im frühen Kindesalter verfügen. Im          sektors müssen als ein wichtiges Hand-       sche Gesundheitsstörungen bei Kindern. In:
                                                                                         Frühe Kindheit, 7, 6, S. 8–13
Dienste dieser Aufgabe wäre der »Defi-      lungsfeld der Gesundheitsförderung er-       Richter, A. / Altgeld, Th. (2004): Gesund in allen
zit-Blick« keine lediglich zu überwin-      kannt werden. Aus der Vernetzung erge-       Lebenslagen. Bd. I. Handlungskonzept zur
dende, sondern eine zu professionalisie-    ben sich vielfältige Informationen und       Gesundheitsförderung sozial benachteiligter
rende Perspektive in dem Sinne, dass        Anstöße für Erzieherinnen und Erzieher.      Kinder im Elementarbereich. Bundesverband
Verletzungen der Grundbedürfnisse von       Sozial benachteiligte Eltern und Kinder      der Betriebskrankenkassen (Hrsg.): Gesund-
                                                                                         heitsförderung und Selbsthilfe, Bd. 4. Bremer-
Kindern, Mangelsituationen in der           profitieren, indem sie leichteren Zugang     haven
Pflege, Betreuung und Ernährung sowie       zu den Einrichtungen und Angeboten           Seifert, B. (2002): Gesundheit und Wohlbefin-
körperliche Auffälligkeiten als entwick-    finden, die für sie üblicherweise zu         den von Kindern und Jugendlichen und Auswir-
lungs- und bildungsrelevante Risiken        hochschwellig sind.                          kungen sozialer Benachteiligung. In: Sachver-
stärker wahrgenommen, ferner Wege der          Eine Gesundheitsförderung, die auf        ständigenkommission Elfter Kinder- und Jugend-
                                                                                         bericht (Hrsg.): Gesundheit und Behinderung im
Risikominderung und Förderung der           alle Akteure im »Setting Kindertagesein-     Leben von Kindern und Jugendlichen. Materia-
Kinder noch aktiver und kompetenter         richtung« (Richter/Altgeld 2004) ausge-      lien zum 11. Kinder- und Jugendbericht, Bd. 4.
gesucht werden als bisher.                  richtet ist – auf Personal, Kinder, Eltern   München, S. 87–173



                                                     DJI Bulletin 73 Winter 2005    13
Berichte




Informelle Bildung von Kindern in Familie und Freizeit – ein interethnischer Vergleich


»Ich muss mehr lernen als andere«

Die ethnische Zugehörigkeit von Kindern entscheidet in erheblichem Maße über                 ten Kapitalausstattung. Alle folgenden
Bildungsbeteiligung, Bildungsabschlüsse, Lebensführung sowie Chancen der Teil-               interethnischen Vergleiche beziehen sich
habe. Schulische Auslese ist eine Auslese nach Leistung, sie ist jedoch auch soziale         auf dieses Milieu. Der Zusammenhang
Auslese. Welche Mechanismen aber bedingen den Zusammenhang zwischen                          von Bildung und sozialer sowie ethni-
sozialer bzw. ethnischer Herkunft von Schülerinnen und Schülern sowie schuli-                scher Herkunft zeigt sich durchgehend
schem Bildungserfolg? Inwiefern zeigen sich herkunftsspezifische Muster in den               als bedeutsam.
außerschulischen Bildungsprozessen sowie im Erwerb informeller Kompetenzen                      Beim Stellenwert von Schule erweisen
innerhalb von Familie und Freizeit? – Das DJI-Kinderpanel gibt dazu Antworten.               sich mit Blick auf die soziale Herkunft
                                                                                             keine Unterschiede: Die Bedeutung von
                                                                                             Schule ist für Kinder und Familien allge-
                                                                                             mein sehr hoch. Auch finden sich keine
                                                                                             interethnischen Unterschiede: Schule
                                                                                             hat für alle Kinder und Familien mit
                                                                                             oder ohne Migrationshintergrund eine
                                                                                             hohe Bedeutung. Die türkisch- und
                                                                                             russischstämmigen Kinder werden je-
                                                                                             doch auffallend weniger bei den Haus-
                                                                                             aufgaben unterstützt. In den besser ge-
                                                                                             stellten Familien ist die direkte Unter-
                                                                                             stützung der Kinder bei den Hausauf-
                                                                                             gaben deutlich häufiger.

                                                                                               Freizeitaktivitäten als Ausdruck von
                                                                                               kulturellem und sozialem Kapital
                                                                                             Organisierte, vereinsnahe Aktivitäten
                                                                                             sowie außerschulische Unterrichtsstun-
                                                                                             den finden sich vor allem bei den Kin-
                                                                                             dern aus besser gestellten Familien. Frei-
   Zum Gewinn der Daten                         katoren für das ökonomische Kapital          zeit als »freie Zeit« von der Schule oder
Der Erwerb von Kompetenzen wird auf             (Haushaltseinkommen) und das akku-           als Spielen auf dem Spielplatz zeigt sich
die formale Bildung in der Schule be-           mulierte kulturelle Kapital des Eltern-      insbesondere bei Kindern aus schlechter
grenzt. Außerschulische Anteile an              hauses (Schul- und Ausbildungsniveau)        gestellten Familien. Bezüglich der ethni-
Bildung werden meist ausgeblendet.              sind, bildet die soziale Herkunft der Kin-   schen Herkunft gibt es weitere Differen-
Schulerfolg wird in der Regel auf das Er-       der ab (Bourdieu 1992). Nach Maßgabe         zen. Russische und türkische Migranten-
gebnis individueller Anstrengung sowie          einer geringen bis hohen Kapitalausstat-     kinder spielen häufiger auf dem Spiel-
auf die Leistung der Einzelperson ver-          tung lassen sich die befragten Kinder des    platz und gehen seltener ins Kino oder
kürzt (Edelstein 1999).                         Kinderpanels in vier Milieugruppen ein-      Theater als Kinder ohne Migrationshin-
   Das DJI-Kinderpanel hat mit Blick            teilen.                                      tergrund, ferner ist auch die Vereinszuge-
auf außerschulische Bildungsprozesse sowie         Die verwendeten Daten beziehen sich       hörigkeit der Migrantenkinder seltener.
auf den Erwerb informeller Kompetenzen          auf die Erste Welle des DJI-Kinderpanels     Was die Schulnoten betrifft, so haben
(BMBF 2004) nach den Vereins- und               sowie auf die »Migrantenzusatzstich-         die Kinder aus besser gestellten Fami-
Freizeitaktivitäten der Kinder, der PC-         probe« (N = 1.363 Kinder im Alter von        lien insgesamt bessere Noten (vor allem
Nutzung in der Freizeit sowie außer-            8 bis 9 Jahren und ihre Eltern, davon:       beim Rechnen, Lesen und im Fach Mu-
schulischen Unterrichtsstunden (Musik,          N = 291 mit russischem, N = 256 mit          sik); hierbei zeigen sich jedoch keine
Sport etc.) gefragt. Die schulische Bildungs-   türkischem sowie N = 816 Kinder ohne         interethnischen Unterschiede.
orientierung der Familie wird über den          Migrationshintergrund).
Stellenwert von Schule aus dem Blick-                                                          Das Bild von Schule aus Sicht der Kin-
winkel von Kindern und ihren Familien                Soziale und ethnische Herkunft der        der – positiv, anstrengend, belastend
erfasst, die schulischen Kompetenzen                 Kinder sind eng verwoben                Mit Blick auf die soziale Herkunft gibt
über die Schulnoten der Kinder. Ein             Kinder mit türkischer Herkunft befinden      es wenig Unterschiede. Die positive
Milieuindex, dessen Eckpfeiler Indi-            sich zu 80 % im Milieu mit der gerings-      Sicht überwiegt. Das schulische Wohlbe-


                                                14      DJI Bulletin 73 Winter 2005
finden bei Kindern aus Familien mit           eine größere Nähe zwischen schulischen       Literatur
geringerer Kapitalausstattung ist jedoch      Erfahrungen und Anforderungen sowie          Bundesministerium für Bildung und Forschung
                                                                                           (BMBF) (2004): Konzeptionelle Grundlagen für
niedriger, zudem wird von ihnen die           dem Kompetenzerwerb in Familie und           einen nationalen Bildungsbericht. Non-formale
Schule stärker als anstrengend und belas-     Freizeit, andererseits die größere Distanz   und informelle Bildung im Kindes- und Jugend-
tend erlebt. Neben dem Milieueffekt           bei russisch- und türkischstämmigen          alter. Berlin
zeigt sich hier ein deutlicher Effekt der     Kindern.                                     Bourdieu, P. (1992): Die verborgenen Mecha-
Migration. Kinder aus Migrantenfami-             In Migrantenfamilien wird die Person      nismen der Macht. Hamburg
                                                                                           Edelstein, W. (1999): Soziale Selektion, Soziali-
lien empfinden die Schule häufiger als        der Lehrerin/des Lehrers häufiger als Ex-    sation und individuelle Entwicklung. In: Grund-
subjektive Belastung und Anstrengung,         pertin/Experte gesehen als in Familien       mann, M. (Hrsg.): Konstruktivistische Sozialisa-
sie berichten vermehrt von Angst in der       ohne Migrationshintergrund (Leenen /         tionsforschung. Frankfurt a. M., S. 35–52
Schule als Kinder ohne Migrationshin-         Grosch / Kreidt 1990). Die Folge ist, die    Fölling-Albers, M. (2000): Entscholarisierung
tergrund (s. Abb.).                           Eltern halten sich gezielt aus schulischen   von Schule und Scholarisierung von Freizeit? In:
                                                                                           Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und
                                              Dingen heraus, was von Seiten der Schu-      Sozialisation, 20, 2, S. 118–131
                                              le bzw. des Lehrpersonals aber häufig als    Helsper, W. / Hummrich, M. (2005): Erfolg und
                                              Desinteresse (miss)interpretiert wird.       Scheitern in der Schulkarriere. In: Sachverstän-
                                              Die Lehrerschaft nimmt weniger Kontakt       digenkommission Zwölfter Kinder- und Jugend-
                                              zu den Eltern auf, die nicht von sich aus    bericht (Hrsg.): Kompetenzerwerb von Kindern
                                                                                           und Jugendlichen im Schulalter. Materialien
                                              bzw. nach Aufforderung im Sinne von          zum Zwölften Kinder- und Jugendbericht, Band
                                              Elternabenden u. a. in die Schule kom-       3. München, S. 95–173
                                              men (Helsper / Hummrich 2005).               Joos, M. (2006): Strukturelle Betreuungsver-
                                                 Mit Blick auf die soziale Herkunft        hältnisse von deutschen, russischen und türki-
                                              fallen ethnische Differenzen geringer aus    schen Kindern. In: Alt, Chr. (Hrsg.): Sprache,
                                                                                           Sozialisation, Integration. Wiesbaden
                                              als oftmals erwartet (Kristen/Granato        Kristen, C. / Granato, N. (2004): Bildungsinves-
                                              2004). Allgemein gilt, dass Kinder, de-      titionen in Migrantenfamilien. In: Bade, K.J. /
                                              ren Freizeitaktivitäten, familiale Prakti-   Bommes, M. / Münz, R. (Hrsg.): IMIS-Beiträge,
                                              ken sowie Bildungsorientierungen am          23, S. 123–141 (Osnabrück)
                                              wenigsten mit schulischen Anforderun-        Leenen, W.-R. / Grosch, H. / Kreidt, U. (1990):
Schule als subjektive Belastung und
                                                                                           Bildungsverständnis, Platzierungsverhalten und
Anstrengung (N = 1.363; Angaben in Prozent)   gen konform gehen, unabhängig vom            Generationenkonflikt in türkischen Migranten-
                                              Migrationshintergrund die schlechtesten      familien. In: Zeitschrift für Pädagogik, 36, 5,
                                              Noten haben. Sie sind in besonderem          S. 753–771
   Die Bedeutung sozialer und eth-            Maße auf Schule als Bildungsinstitution
   nischer Herkunft für die Bildungs-         angewiesen (Fölling-Albers 2000). Kin-
   prozesse                                   der mit Migrationshintergrund berichten
                                                                                           Projekt: Dissertation »Die soziale Strukturie-
Kinder aus besser gestellten Familien neh-    bereits im Grundschulalter häufiger von
                                                                                           rung von Bildungs- und Sozialisationsprozessen
men vermehrt zahlreiche und unter-            subjektiv erlebten Belastungen und Äng-      – Theoretische und empirische Analysen zum
schiedliche Angebote des außerschuli-         sten sowie von Anspannung und gerin-         Aufwachsen von Kindern in (Migranten-)
schen Bereichs wahr (z. B. schulnahe, or-     gerem Wohlbefinden in der Schule. An-        Milieus auf Basis des DJI-Kinderpanel«
ganisierte Freizeitaktivitäten oder häufi-    hand der Daten des Kinderpanels finden       Laufzeit: Juli 2003–Juli 2006
                                                                                           Methoden: (Sekundär-)Analysen der 1. und
gere PC-Nutzung). Der hohe Stellenwert        sich darüber hinaus auch Hinweise für
                                                                                           2. Welle des Kinderpanels, inkl. Migrantenzu-
formaler Bildung im Elternhaus und das        »objektive« Belastungsfaktoren, z. B. häu-   satzstichprobe
damit einhergehende Engagement ha-            figere Klassenwiederholungen und Zu-         Durchführung: Dipl.-Psych. Tanja Betz
ben Einfluss auf den Schulerfolg der          rückstellungen bei Migrantenkindern          Kontakt: Tanja Betz, Tel.: 0651 201-2390,
Kinder sowie deren Sicht von Schule           (Joos 2006).                                 E-Mail: betz@uni-trier.de
                                                                                           Publikationen: Betz, T. (2005): Schulerfolg =
und Lernen. Im außerschulischen Be-              Der Zwölfte Kinder- und Jugendbe-
                                                                                           Bildungserfolg? Zur Analyse außerschulischer
reich finden sich zahlreiche Anknüp-          richt mahnt weitere Studien sowie eine       Bildungsbeteiligung bei Kindern mit Migra-
fungspunkte im Hinblick auf schulische        breitere Datenbasis für interethnische       tionshintergrund. In: Alt, Chr. (Hrsg.): Kinder-
Anforderungen und Erwartungen.                Vergleiche an. Auf dieser Grundlage          leben – Aufwachsen zwischen Familie, Freun-
    Im Gegensatz dazu sind die schuli-        kann vertiefend untersucht werden, wie       den und Institutionen. Band 2: Aufwachsen
                                                                                           zwischen Freunden und Institutionen. Wiesba-
schen und außerschulischen Erfahrungs-        Milieueffekt und Migrationseffekt Hand in
                                                                                           den, S. 257–284
welten für Kinder aus Milieus mit geringe-    Hand sich gegenseitig verstärken. Nur        Betz, T. (2006): Ungleiche Kindheit – Ein (erzie-
rer Kapitalausstattung stärker voneinander    durch eine auf Dauer gestellte Bericht-      hungswissenschaftlicher) Blick auf die Ver-
getrennt, was sich in der geringeren Un-      erstattung wird es möglich, die Entwick-     schränkung von Herkunft und Bildung. In:
terstützung durch die Eltern in schuli-       lung des Zusammenhangs zwischen              Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und
                                                                                           Sozialisation, 26, 1, S. 52–68
schen Dingen ausdrückt, ferner im Bild        Migration und Bildung sowie ihre Aus-
                                                                                           Betz, T. (2006): Milieuspezifisch und inter-
von Schule, Lernen und nachgefragten          wirkungen für die sozialen Teilhabe-         ethnisch variierende Sozialisationsbedingun-
Kompetenzen. Dies schlägt sich auch in        chancen von Kindern aufmerksam ver-          gen und Bildungsprozesse von Kindern. In: Alt,
schlechteren Noten dieser Kinder nieder.      folgen zu können.                            Chr. (Hrsg.): Sprache, Sozialisation, Integration.
    Der interethnische Vergleich belegt bei                                                Wiesbaden
Kindern ohne Migrationshintergrund            Tanja Betz (Stipendiatin am DJI)             Siehe auch das Dossier in Bulletin 67



                                                      DJI Bulletin 73 Winter 2005    15
Dossier



                                                Irene Hofmann-Lun, Nora Gaupp, Tilly Lex, Birgit Reißig
                                                Längsschnittstudie zum Übergang Schule – Beruf




                 Hauptschülerinnen
                 und Hauptschüler –
                 engagiert, motiviert, flexibel?
                                                                  Wie wird der Übergang in die Ausbildung bewältigt?
                                                               Das DJI-Übergangspanel sucht Antworten vor allem auf
                                                               folgende Fragen:
                                                                  Wie bereiten die Hauptschülerinnen und Hauptschüler sich
                                                               auf den bevorstehenden Wechsel in Ausbildung und Erwerbs-
                                                               arbeit vor? Zeigen sie eine Null-Bock-Haltung, oder sind sie
                                                               trotz ihrer schlechten Startbedingungen motiviert? Resignieren
                                                               sie angesichts drohender Schwierigkeiten beim Übergang, oder
                                                               treten sie dieser Entwicklungsaufgabe mit Engagement und
                                                               Aktivität entgegen? Welche Pläne haben sie für die Zeit nach
                                                               der Schule, und wie realistisch sind diese Pläne? Beharren sie
                                                               auf ihren Wunschberufen und Wunschorten, oder sind sie flexi-
                                                               bel und bereit, eine Ausbildung auch in einem anderen als
                                                               dem zunächst angestrebten Beruf bzw. in einem anderen Ort
                                                               als dem Heimatort zu beginnen?
Rund 10 % eines Schulentlassjahrgangs verlassen die Schule
ohne Abschluss. Bei 20 % bis 25 % eines Altersjahrgangs ist       Gestiegene Anforderungen an Schulen sowie an
nach PISA die berufliche Integration durch das (geringe)          Schülerinnen und Schüler
erreichte Kompetenzniveau gefährdet. Etwa 20 % eines           Erstes Ergebnis des Übergangspanels: Hauptschulen können
Altersjahrgangs gelten als »bildungsarm«. Viele Schulab-       einen Teil ihrer Absolventinnen und Absolventen nicht aus-
gänger finden aus Sicht der Wirtschaftsverbände keinen         reichend auf die Anforderungen einer Berufsausbildung vor-
Ausbildungsplatz, weil sie nicht ausbildungsreif sind. Die     bereiten. In der Vergangenheit wurde diese unzureichende Vor-
Hauptschulen stehen in der Kritik, und es stellen sich bil-    bereitung in der betrieblichen Ausbildung kompensiert. Doch
dungspolitisch harte Fragen: Wird der Übergang von Schule      die Rahmenbedingungen der betrieblichen Ausbildung haben
in Ausbildung und Erwerbsarbeit immer schwieriger? Führt       sich durchgreifend verändert: Der Einsatz komplexer Technik
der »Restschulcharakter« von Hauptschulen zu einer Schü-       auch in Klein- und Mittelbetrieben erhöht die geforderten
lerschaft, von der nichts Besseres zu erwarten ist? Oder       fachlichen Voraussetzungen. Veränderungen der Arbeitsorgani-
gibt es doch Potenziale, die aber nicht gesehen und genutzt    sation führen zu erhöhten Anforderungen an die sozialen und
werden?                                                        kommunikativen Kompetenzen der Auszubildenden. Die
   Das »DJI-Übergangspanel« behandelt diese Fragen. In         Konkurrenzsituation der Betriebe und Kundenerwartungen
dieser Längsschnittuntersuchung werden Absolventinnen          lassen wenig Zeit und Raum für eine behutsame Einführung in
und Absolventen von Hauptschulen über ihre Herkunft,           den Ernst des Arbeitslebens. Die Jugendlichen müssen »mehr
Lebensumstände, Ziele sowie über ihre weiteren Bildungs-       mitbringen« , wenn sie den Anforderungen der Betriebe ge-
und Ausbildungswege befragt. Damit liefert das DJI-Über-       recht werden sollen. Somit ist die Schule gefragt. Haben aber
gangspanel Erfahrungen und Ergebnisse zu der im Zwölften       die Hauptschülerinnen und Hauptschüler überhaupt die dafür
Kinder- und Jugendbericht angesprochenen Problematik der       notwendigen Potenziale?
sozialen Selektion sowie der ungleichen Chancen für den
Besuch weiterführender Bildungsgänge insbesondere bei             Hauptschule = Restschule? Hauptschüler = Restschüler?
bildungsfernen und sozial schwachen Familien sowie bei         Die Verteilung der Schülerinnen und Schüler auf die unter-
Familien mit Migrationshintergrund.                            schiedlichen Schulformen hat sich in den vergangenen fünf


                                         16    DJI Bulletin 73 Winter 2005
Abbildung 1: Schulformen und Schulbesuch im historischen Vergleich,     Abbildung 2: Einstellungen der Jugendlichen zur Schule, in Prozent
in Prozent                                                              (N = 2.951)
(Quelle: für 1955 Zenke 2003, S. 82; für 2002; BMBF 2004, S. 74–75)     Quelle: DJI Übergangspanel 2005


Jahrzehnten dramatisch gewandelt. Stellt man die Siebent-               lienmitglied ist nicht in Deutschland geboren.
klässler von 1955 (der alten Bundesrepublik Deutschland) der                Den befragten Hauptschülerinnen und Hauptschülern sind
7. Jahrgangsstufe der allgemein bildenden Schulen im Jahr               schulische Probleme nicht unbekannt: Knapp die Hälfte von
2002 (für ganz Deutschland) gegenüber, wird eine deutliche              ihnen hat eine oder mehrere Klassen wiederholt, bei gut ei-
Veränderung erkennbar (s. Abb. 1).                                      nem Viertel liegt der Notendurchschnitt für die Fächer Mathe-
    Die Hauptschule hat den Status einer »Volksschule« verlo-           matik und Deutsch bei Vier oder darunter.
ren und ist vor allem in den Ballungsräumen jene Schulform,                 Trotz dieser leistungsbezogenen Schwierigkeiten bestehen
die von einer Minderheit besucht wird, der ein Einstieg in              überwiegend positive Einstellungen zu Lerninhalten sowie positive
»weiter führende« Schulen nicht gelingt.                                Erfahrungen, was die Beziehung zu den Lehrkräften, Mitschülerinnen
                                                                        und Mitschülern betrifft, ferner eine relativ hohe Schulzufriedenheit
   Hauptschule: Schule der Benachteiligten?                             (s. Abb. 2).
In den Hauptschulen sind heute Jugendliche aus sozial- und                  Zwei Drittel der Jugendlichen interessieren sich für viele
bildungsbenachteiligten Familien sowie Jugendliche aus Zu-              Fächer, 82 % fühlen sich von ihren Lehrkräften ernst genom-
wandererfamilien überproportional vertreten, da für die Zu-             men, 91 % verstehen sich gut mit ihren Mitschülerinnen und
ordnung der Jugendlichen zu den unterschiedlichen Formen                Mitschülern, zwei Drittel gehen gern zur Schule. Insgesamt
der Sekundarschule im dreigliedrigen Schulsystem die soziale            überwiegt eine positive Grundhaltung zur Schule.
Herkunft faktisch ein Kriterium ist (Prenzel u. a. 2005). Ent-
sprechend skeptisch fallen häufig die Einschätzungen zu den                In der Freizeit aktiv
Lernvoraussetzungen der Hauptschülerinnen und Hauptschü-                Die Bedeutung des Lernens über die Schule hinaus zeigt sich
ler aus:                                                                auch in vielfältigen Freizeitaktivitäten der Schülerinnen und
– Die Jugendlichen stammten häufig aus instabilen sozialen              Schüler. Neben dem Lernen in der Schule nehmen die Jugend-
   Verhältnissen, so dass es in ihrem sozialen Umfeld weniger           lichen zahlreiche Möglichkeiten des (formellen und informel-
   Erwachsene gibt, die sich um sie kümmern, sich für sie in-           len) Lernens wahr:
   teressieren, an ihnen und mit ihnen Erziehungsarbeit leisten.        – Gut ein Viertel nutzt Hausaufgabenhilfen außerhalb der
– In überdurchschnittlichem Ausmaß seien dort Phänomene                    Schule, die Mädchen deutlich häufiger als die Jungen.
   sozialer Verwahrlosung zu beobachten.                                – 27 % der Schülerinnen und Schüler gehen in ihrem letzten
– Durch ihre Herkunft aus Zuwandererfamilien verfügten sie                 Schuljahr einem bezahlten Job nach. Gut ein Drittel der
   häufig über unzureichende sprachliche Kompetenzen                       Jugendlichen betrachtet diese Arbeitserfahrung als eine
   (Duncker 2003).                                                         Entscheidungshilfe für die berufliche Zukunft.
Sind die Hauptschülerinnen und Hauptschüler also »Rest-                 – Die Hälfte der Befragten ist in der Freizeit in einem Verein
schüler« , die durch Lebensumstände, Orientierungen und                    oder in einer organisierten Jugendgruppe aktiv: am häufigsten
Kompetenzen zwangsläufig vom Bildungs- und Ausbildungs-                    in Sportvereinen (33 %), die Mädchen deutlich seltener als
system abgekoppelt sind?                                                   die Jungen (21 % zu 42 %), ferner in religiösen oder kirch-
                                                                           lichen Jugendgruppen (8 %). In Musikvereinen engagieren
   Hauptschülerinnen und Hauptschüler im letzten Schul-                    sich 5 %, ebenso viele sind bei der Feuerwehrjugend, dem
   besuchsjahr – es überwiegt die positive Sicht auf Schule                Roten Kreuz oder dem Technischen Hilfswerk.
Die im Frühjahr 2004 vom DJI befragten 3.000 Hauptschüle-
rinnen und Hauptschüler befanden sich zu diesem Zeitpunkt                  Bildung und Qualifizierung stehen im Mittelpunkt der
in der Abschlussklasse der Hauptschule und waren durch-                    Zukunftsziele
schnittlich knapp 16 Jahre alt. 58 % sind Jungen und 42 %               Welche Pläne haben die von uns befragten Jugendlichen für
Mädchen. Über die Hälfte stammt aus Zuwandererfamilien,                 die Zeit nach der Schule?
d. h. die Jugendlichen haben entweder (auch) eine andere als               Die Hälfte der Schülerinnen und Schüler orientiert sich im
die deutsche Staatsangehörigkeit oder mindestens ein Fami-              März des letzten Schulbesuchsjahres am »klassischen« Verlauf


                                                          DJI Bulletin 73 Winter 2005     17
Dossier




Schule – Ausbildung – Arbeit und plant, nach der Schule eine            nen, die sich beworben haben, platzierten knapp die Hälfte
betriebliche oder schulische Ausbildung zu beginnen. Jeder/r            bis zu fünf Bewerbungen. Zwischen sechs und 20 Bewer-
Vierte hat vor, weiter zur Schule zu gehen. Bereits für jede/n          bungen haben rund 40 % verschickt, mehr als 20 Bewerbun-
Achte/n ist klar, dass sich an die Schule zunächst eine Berufs-         gen gut jede/r Zehnte.
vorbereitung (in der Berufsschule oder in einer Maßnahme der         Ein zweiter Baustein in der beruflichen Orientierung ist die
Bundesagentur für Arbeit) als Zwischenstation anschließen            Nutzung kompetenter Ansprechpersonen für die individuelle Pla-
wird. Nur zwei Prozent wollen gleich nach der Schule arbeiten,       nung, wie es nach der Schule weitergehen kann, insbesondere
ohne eine Ausbildung zu absolvieren. Fast jede/r Zehnte ist          mit Blick auf die eigenen Leistungen, Fähigkeiten und Interes-
noch unentschlossen oder hat noch keine konkrete Vorstellung         sen sowie auf die reale Situation am Ausbildungs- und Ar-
über den weiteren Ausbildungsweg. Dabei planen eher Jungen           beitsmarkt.
und Jugendliche deutscher Herkunft eine berufliche Ausbil-           – Bei 60 % der Befragten fanden solche Gespräche häufiger
dung, während umgekehrt mehr Mädchen und Jugendliche mit                und über einen längeren Zeitraum hinweg statt.
Migrationshintergrund weiter zur Schule gehen wollen.                – Am häufigsten wurden diese Gespräche mit Familienmit-
                                                                        gliedern (87 %) und Freunden (71 %) geführt.
  Gründe für die Wahl eines Berufes                                  – Lehrkräfte wurden von 65 % der Jugendlichen dafür in An-
Die Bildungs- und Ausbildungsziele deuten auf eine realisti-            spruch genommen, Berufsberater von knapp der Hälfte, So-
sche Einschätzung der Wichtigkeit des Erwerbs von Qualifika-            zialpädagogen von etwa einem Viertel der Jugendlichen.
tionen für das Gelingen des Übergangs von der Schule ins Ar-         Ein dritter, zentraler Baustein der Vorbereitung auf den Über-
beitsleben und auf das Streben nach einem möglichst »norma-          gang ins Arbeitsleben ist für nahezu alle Jugendlichen der
len« Verlauf dieses Übergangs. »Total normal« sind auch die          Erwerb von Arbeits- und Praxiserfahrungen über schulbegleitende
Kriterien, die die Jugendlichen als handlungsleitend bei der         Praktika in Betrieben:
Suche nach einem zukünftigen Beruf nennen.                           – 97 % der Jugendlichen haben im Laufe ihrer Schulzeit min-
   An erster Stelle steht das Streben nach einem sicheren Ar-           destens ein Praktikum absolviert. 68 % haben zwei bis vier
beitsplatz (95 %). Dicht dahinter folgt die Aussicht, in diesem         Praktika abgeleistet, 11 % sogar fünf oder mehr.
Beruf tatsächlich einen Ausbildungsplatz zu bekommen                 – Etwa drei Viertel der Jugendlichen waren mit ihren Praktika
(91 %). Wichtig ist den Jugendlichen auch das im Beruf zu er-           zufrieden und bewerteten sie als wichtige Entscheidungs-
zielende Erwerbseinkommen (87 %). Überraschenderweise                   hilfe für die berufliche Zukunft.
finden Mädchen und Jungen es gleichermaßen wichtig (Mäd-             Diese Ergebnisse geben einen Hinweis darauf, dass die Ju-
chen 80 %, Jungen 79 %), dass der Beruf genug Zeit für die Fa-       gendlichen dieses Angebot für ihre eigene Berufsorientierung
milie lässt.                                                         gezielt zu nutzen suchen. Tatsächlich haben sechs von zehn
   Die Gründe für die Wahl eines Berufes stehen bei diesen           Jugendlichen, die nach der Schule eine betriebliche Ausbil-
Jugendlichen nicht im luftleeren Raum, denn 85 % der Jugend-         dung begannen, im Ausbildungsbetrieb zuvor ein Praktikum
lichen wissen bereits, welchen Beruf sie lernen möchten (52 %        absolviert. Bei den Auszubildenden ohne Schulabschluss hat-
ziemlich sicher, 33 % noch unsicher). 95 % der Schülerinnen          ten sogar fast 90 % zuvor im selben Betrieb als Praktikanten
und Schüler haben sich bereits über diesen Beruf informiert:         gearbeitet.
51 % wissen sehr gut und 44 % eher gut über ihren Wunsch-
beruf Bescheid.

  Vielfältige Aktivitäten zur Vorbereitung auf den
  Übergang
Die Frage »Was kommt nach der Schule?« beschäftigt die
Hauptschülerinnen und Hauptschüler stark, und durch vielfäl-
tige Aktivitäten bereiten sie sich auf den Eintritt in die Ausbil-
dung oder Arbeit vor. Ein erster Baustein ist dabei die Vorbe-
reitung auf kommende Bewerbungssituationen:
– Jeweils gut zwei Drittel der Jugendlichen haben in der Schu-
   le geübt, wie man Bewerbungsunterlagen erstellt (70 %) und
   sich in Bewerbungsgesprächen verhält (66 %).
– Mit ihren Eltern übten 29 % das Erstellen von Bewerbungs-
   unterlagen und 18 % das Auftreten in Bewerbungsge-
   sprächen.
– Der Anteil der Befragten, die sich bereits beworben haben,         Abbildung 3: Pläne und tatsächliche Situation nach der Schule,
   ist mit 63 % höher als der Anteil derjenigen, die nach der        in Prozent (N = 1.881)
   Schule eine Ausbildung beginnen wollen (47 %). Von de-            Quelle: DJI Übergangspanel 2005



                                              18    DJI Bulletin 73 Winter 2005
Lernen:
                                           Woher stammen die Begriffe »Infor-
informell                                  melles Lernen«, »Informelle Bildung«?
                                           Die beiden Begriffe stammen aus der
                                           US-amerikanischen Bildungsdebatte zu
                                           Beginn des 20. Jahrhunderts; sie wurden
                                           dort in den 1950er-Jahren insbesondere
                                           für die Erwachsenenbildung verwendet
                                           und für eine wichtige Lernform gehalten.
                                           – Nach John Dewey ist »informal
                                              education« die Grundlage für formale
                                              Bildung. Die Zunahme an Komplexi-
                                              tät von Erfahrungen und Situationen
Bildung wird traditionell als formali-        führt dann zu einem Bedarf an forma-
sierter Prozess gedacht. In eigens dafür      ler Bildung (Dewey 1997).
eingerichteten Institutionen findet das    – Durch den strukturellen Wandel der
Lernen nach vorgegebenen Regeln und           Arbeitswelt waren die notwendigen
vorgefertigten Plänen statt. Das schuli-      Kompetenzen nicht mehr allein in
sche Lernen ist der Inbegriff für diese       formalen Settings zu erwerben. Diese
Form des Lernens. Dennoch: in und um          Entwicklung machte das informelle
die Schule herum ergeben sich stets           Lernen bzw. die informelle Bildung
auch informelle Lernsituationen (Schul-       bedeutsam und verlieh ihr Aufmerk-
pausen, Treffen auf Schulhof und              samkeit.
Schulweg, Nachmittag in der Schule,        – Das auf die (Erwerbs-)Arbeit bezoge-
Umgang der Gleichaltrigen).                   ne Lernen stand im Mittelpunkt der               »Informelles Lernen« umfasst 70 %
   »Informelles Lernen«, »informelle          Klärung von »Bildung« und »Lernen«.              aller menschlichen Lernprozesse
Bildungsprozesse« d. h. das »Lernen in        Bei dieser Diskussion setzten sich ge-           Im Jahre 1972 publiziert die Faure-Kom-
informellen Prozessen, Situationen und        genüber dem Begriff »education« die              mission der UNESCO dieses (eher ge-
Kontexten« wurden lange Zeit in               unterschiedlichen Formen der Orga-               schätzte als empirisch belegte) Ergebnis.
Theorie und Praxis vernachlässigt; doch       nisation des Lernens durch: »formal              Dabei werden vor allem die Prozesse der
seit einigen Jahren steigt die Aufmerk-       learning«, »nonformal learning«,                 Bildung und Erziehung außerhalb orga-
samkeit für diese »andere Seite der           »informal learning«.                             nisierter Zusammenhänge gesehen, also
Bildung«.                                  Im englischsprachigen Raum gibt es eine             das unmittelbare Erfahrungslernen der
   Der Zwölfte Kinder- und Jugend-         Vielzahl an empirischen Untersuchun-                Menschen in den verschiedenen bio-
bericht betont den Stellenwert des         gen zum informellen Lernen. Die Mehr-               grafischen Phasen (Kindheit, Jugend,
»Informellen« für die Bildungsprozesse     zahl der wissenschaftlichen Arbeiten be-            Erwachsenenalter, d. h. lebenslanges
im Kindes- und Jugendalter; er geht        zieht sich vor allem auf das informelle             Lernen) sowie in den unterschiedlichen
dabei von einem erweiterten Bildungs-      Lernen im Arbeitskontext, in sozialen               Lebensbereichen. In Anlehnung an die
Verständnis aus und skizziert den Stel-    Beziehungen sowie in Gemeinden.                     Faure-Kommission betont die Delors-
lenwert informeller Bildungsprozesse                                                           Kommission eine Abkehr vom rein am
für die Bildungsbiografie der Heran-       Dewey, J. (1997): Democracy and Education.          Wissen orientierten Lernen sowie eine
wachsenden.                                New York                                            Wende hin zum Kompetenz entwickeln-
                                           Vergleiche auch zur »Geschichte des Begriffs«
Der schillernde Begriff des »Informel-                                                         den Lernen (Delors 1996).
                                           sowie zu »Definitionen des Informellen Ler-
len« in all seinen Varianten bedarf ei-    nens«: Overwien, B. (2005): Stichwort: Infor-
ner (Er-)Klärung. »Lernen: informell«      melles Lernen. In: Zeitschrift für Erziehungswis-   Faure, E. (1972): Learning to Be: The World of
versucht eine Sortierung im Dschungel      senschaft, 8, 3, S. 229–355                         Education Today and Tomorrow. Paris
der Bezeichnungen: »Informelles            Overwien, B. (2006): Informelles Lernen –           Faure, E.: (1973): Wie wir leben lernen. Der
                                           zum Stand der internationalen Diskussion. In:       UNESCO-Bericht über Ziele und Zukunft unse-
Lernen«, »informelle Bildung«, »infor-
                                           Rauschenbach, Th. / Düx, W. / Sass, E. (Hrsg.):     rer Erziehungsprogramme. Reinbek bei Ham-
melle Bildungsprozesse«, »Lernen in        Informelles Lernen im Jugendalter. Vernachläs-      burg
informellen Prozessen, Situationen,        sigte Dimensionen der Bildungsdebatte. Wein-        Delors, J. (1996): Learning: The Treasure
Kontexten«.                                heim, München 2006                                  Within. Paris



                                               DJI Bulletin 73 PLUS Winter 2005
                                                     DJI Bulletin 73                      1
DJI Bulletin PLUS
                                                Der allgemeine Gebrauch des Begriffes
                                                »Informelles Lernen«
                                                Der Begriff »Informelles Lernen« wird oft
                                                benutzt, um das Lernen außerhalb von
                                                formal organisierten Bildungsinstitutio-
                                                nen zu beschreiben (beispielsweise
                                                außerhalb von Schule) (Kirchhöfer 2000;
                                                Livingstone 1999; Dohmen 2001;
                                                Overwien 2003).                                    Der Stellenwert des »non-formalen«
                                                   Die Abstufung »formal«, »non-for-               und »informellen Lernens« für die
                                                mal« und »informell« hat sich weitge-              Kinder- und Jugendhilfe
                                                hend durchgesetzt, um Prozesse, Struktu-           Die Vorschläge der EU-Kommission,
                                                ren und Kontexte des Lernens zu bestim-            non-formales und informelles Lernen
                                                men. Dabei ist die Unterscheidung                  zukünftig mehr als bisher gesellschaft-
                                                zwischen formalen und informellen                  lich anzuerkennen, wertzuschätzen so-
                                                Lernprozessen relativ unstrittig, während          wie zu erforschen, werden in Deutsch-
                                                die Bezeichnung »non-formal«, mit der              land innerhalb der Debatte um »Jugend-
                                                beispielsweise Lernprozesse in den Ein-            hilfe und Bildung« aufgegriffen. Die
                                                richtungen der Weiterbildung bezeichnet            Streitschrift des Bundesjugendkurato-
                                                werden, von einigen Autoren als zu                 rium »Zukunftsfähigkeit sichern – Für
Die Dreiteilung des Begriffes »Lernen«          missverständlich abgelehnt wird                    ein neues Verhältnis von Bildung und
(EU-Kommission)                                 (Dohmen 2001).                                     Jugendhilfe« versteht unter nicht-formel-
Im Rahmen der EU-Debatte um Lebens-                »Informelles Lernen« erscheint in die-          ler Bildung jede Form organisierter Bil-
langes Lernen setzte sich in der interna-       sen Diskussionen häufig als Restkatego-            dung und Erziehung, »die generell frei-
tionalen Diskussion gegenüber dem Be-           rie und dient als Bezeichnung für jeg-             williger Natur ist und Angebotscharakter
griff »Bildung« der Begriff des »Lernens«       liches Lernen außerhalb formaler oder              hat«. Unter informeller Bildung werden
durch: »formales Lernen«, »nicht forma-         non-formaler Kontexte, wobei die Be-               »ungeplante und nicht-intendierte Bil-
les Lernen«, »informelles Lernen«. Bei          zeichnungen variieren können. Sie rei-             dungsprozesse verstanden, die sich im
den folgenden Definitionen der EU wird          chen vom ungeplanten, beiläufigen, im-             Alltag von Familie, Nachbarschaft, Ar-
dabei nicht nur die Organisationsform           pliziten, offenen, auf Situationen, Fälle          beit und Freizeit ergeben, aber auch feh-
des Lernens berücksichtigt, sondern auch        und Anforderungen bezogenen oder                   len können. Sie sind zugleich unver-
der Grad an Intention des Lernens aus           auch unbewussten Lernen über selbst                zichtbare Voraussetzung und Grundton,
Sicht der Lernenden:                            organisiertes Lernen bis zur Gleichset-            auf dem formelle und nicht formelle
»Formales Lernen                                zung des informellen mit dem non-for-              Bildungsprozesse aufbauen«.
Lernen, das üblicherweise in einer              malen Lernen (Dohmen 2000;
Bildungs- und Ausbildungseinrichtung            Overwien 2002).                                    Münchmeier, R. / Otto, H.-U. / Rabe-Kleberg, U.
                                                                                                   (2002): Bildung und Lebenskompetenz. Kinder-
stattfindet, (in Bezug auf Lernziele, Lern-                                                        und Jugendhilfe vor neuen Aufgaben. Hrsg. im
                                                Dohmen, G. (2000): Das informelle Lernen und
zeit oder Lernförderung) strukturiert ist       seine Unterstützung durch kulturelle Initiativen   Auftrag des Bundesjugendkuratoriums. Opla-
und zur Zertifizierung führt. Formales          und Bildungszentren. Expertise. Bonn               den 2002, S. 169
Lernen ist aus der Sicht des Lernenden          Dohmen, G. (2001): Das informelle Lernen. Die      Bundesjugendkuratorium (BJK) / Sachverständi-
zielgerichtet.                                  internationale Erschließung einer bisher ver-      genkommission für den Elften Kinder- und
                                                nachlässigten Grundform menschlichen Ler-          Jugendbericht / Arbeitsgemeinschaft für
Nicht formales Lernen
                                                nens für das lebenslange Lernen aller. Bonn        Jugendhilfe (AGJ) (2002): Bildung ist mehr als
Lernen, das nicht in Bildungs- oder             Kirchhöfer, D. (2000): Informelles Lernen in       Schule. Leipziger Thesen zur aktuellen bil-
Berufsbildungseinrichtungen stattfindet         alltäglichen Lebensführungen. Chance für           dungspolitischen Debatte. Bonn, Berlin, Leipzig
und üblicherweise nicht zur Zertifizie-         berufliche Kompetenzentwicklung. QUEM-
rung führt. Gleichwohl ist es systema-          Report, H. 66. Berlin                              Das Zusammenspiel dieser drei Formen
                                                Livingstone, D. W. (1999): Informelles Lernen in
tisch (in Bezug auf Lernziele, Lerndauer                                                           des Lernens bzw. der Bildungsprozesse
                                                der Wissensgesellschaft. Erste kanadische Er-
und Lernmittel). Aus Sicht der Lernen-          hebung über informelles Lernverhalten. In: Ar-     ergibt Bildung im umfassenden Sinn. In
den ist es zielgerichtet.                       beitsgemeinschaft Betriebliche Weiterbildungs-     diesem Zusammenhang wird die Bedeu-
Informelles Lernen                              forschung e. V. (Hrsg.): Kompetenz für Europa.     tung anderer Bildungsorte und Bildungs-
Lernen, das im Alltag, am Arbeitsplatz,         Wandel durch Lernen – Lernen im Wandel.            zeiten betont, die vor und neben der
                                                QUEM-Report, H. 60. Berlin, S. 65–91
im Familienkreis oder in der Freizeit                                                              Schule sowie außerhalb der Schulzeiten
                                                Overwien, B. (2002): Informelles Lernen, eine
stattfindet. Es ist (in Bezug auf Lernzie-      Herausforderung an die internationale              stattfinden. Die Kinder- und Jugendhilfe
le, Lernzeit und Lernförderung) nicht           Bildungsforschung. www.tu-berlin,de/fb2            stellt dafür ein breites Spektrum an An-
strukturiert und führt üblicherweise nicht      Overwien, B. (2003): Informelles Lernen: Zum       geboten zur Verfügung. Nicht formelle
zur Zertifizierung. Informelles Lernen          Stand der englischsprachigen Diskussion            sowie informelle Lernprozesse der Kin-
                                                Unveröffentlichte Expertise. Berlin
kann zielgerichtet sein, ist jedoch in den                                                         der und Jugendlichen sollten demnach
                                                Straka, G. A. (2000): Lernen unter informellen
meisten Fällen nichtintentional (oder           Bedingungen (informelles Lernen). Begriffsbe-      bewertet und anerkannt sowie mit einem
inzidentell/beiläufig)«                         stimmung, Diskussion in Deutschland, Evaluati-     Zertifikat versehen werden.
                                                on und Desiderata. In: ABWF e.V. / QUEM
Europäische Kommission (2001): Mitteilung der   (Hrsg.): Kompetenzentwicklung 2000: Lernen         Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe (AGJ)
Kommission: Einen europäischen Raum des         im Wandel – Wandel durch Lernen. Münster,          (2003): Jugendhilfe und Bildung – Kooperation
Lebenslangen Lernens schaffen. Brüssel          S. 15–70                                           Schule und Jugendhilfe. Berlin, S. 53



                                                2                       Winter 2005
                                                       DJI Bulletin 73 PLUS Winter 2005
                                                                                                »Non-formale und informelle Bildung
                                                                                                im Kindes- und Jugendalter« –
                                                                                                Konzeptionelle Grundlagen für einen
                                                                                                Nationalen Bildungsbericht
                                                                                                In der Konzeption für eine umfassende
                                                                                                Berichterstattung über Bildung stehen
Lernen als individueller Prozess –                                                              die individuellen Bildungsprozesse. Da-
Einwände gegen den Begriff                                                                      bei wird ein umfassender Begriff von
»informelles Lernen«                                                                            Bildung gebraucht, der die Angebote
Aus Sicht der jüngeren lernpsycholo-                                                            und Leistungen der Kinder- und Jugend-
gischen und neurobiologischen For-           gebnissen, sondern kann bei den Indivi-            hilfe sowie informelle Orte von Bildung
schung (Edelmann 2000; Singer 2002;          duen völlig andere Resultate hervorbrin-           einbezieht. Dabei wird nicht mehr von
Spitzer 2002) geschieht Lernen im akti-      gen. So führen die Formulierung von                »formalem, nicht formalen und infor-
ven Austausch mit der Umwelt und ist         Lerninhalten und Lernzielen und deren              mellem Lernen« gesprochen, sondern
ein Prozess der Aneignung und Verände-       didaktische Umsetzung im Unterricht,               vom Unterschied zwischen »formalen«,
rung des Individuums, für den es zu-         wie sie z. B. das formale System Schule            »non-formalen« und »informellen« Orten
nächst unerheblich ist, ob er in formalen,   vorsieht, nicht automatisch dazu, dass             und Modalitäten des Lernens ausgegangen:
non-formalen oder informellen Lern-          diese auch gelernt werden.                         – Schule als Ort formaler Bildung von
kontexten stattfindet. Der physiologi-          Die Qualität von Lernprozessen ist                 Kindern und Jugendlichen,
sche Prozess des Lernens verläuft immer      somit nicht vom Grad der Formalisie-               – Kinder- und Jugendhilfe mit ihren Ange-
gleich und kann nicht gestoppt werden.       rung der Lernkontexte abhängig, sondern               boten, Maßnahmen und Einrichtun-
   Lernen ist ein »konstruktiver Prozess«    in erster Linie vom Grad der Aufmerk-                 gen als ein Ort non-formaler Bildung,
(Schmidt 2003; Dohmen 2001), in des-         samkeit, der Motivation und der emotio-            – Familie, Gleichaltrigen-Gruppen und
sen Verlauf sich das Gehirn in seiner        nalen Beteiligung der Lernenden (Edel-                Medien als typische Orte und Gele-
materiellen Substanz verändert (Spitzer      mann 2000, S. 240ff; Spitzer 2002, S.                 genheiten informeller Bildung im
2002, S. 41f). Diese Veränderungen des       146ff) sowie dem Lebensweltbezug der                  Kindes- und Jugendalter.
Gehirns sind heute mit den modernen          Lerninhalte, d. h. der Anschlussfähigkeit          Dieser Bericht zeigt insbesondere die
Methoden und Techniken der Hirn-             an bereits vorhandenes Wissen.                     non-formale Bildung in der Kinder- und
forschung (Magnetresonanztomogra-                                                               Jugendhilfe auf: zum einen als Bildung
phie) sichtbar zu machen (ebd., S. 37ff.)    Dohmen, G. (2001): Das informelle Lernen. Die      in Kindertageseinrichtungen, zum ande-
und beruhen im Wesentlichen auf der          internationale Erschließung einer bisher ver-      ren als Bildung in der Jugendarbeit und
Veränderung von Zahl und Stärke der          nachlässigten Grundform menschlichen Ler-          Jugendsozialarbeit (Verbandliche und
Verbindungen (Synapsen) zwischen den         nens für das lebenslange Lernen aller. Bonn        Offene Jugendarbeit, Jugendkulturarbeit,
                                             Düx, W. / Sass, E. (2005): Lernen in informellen
Hirnzellen.                                                                                     Jugendarbeit im Sport, Jugendsozial-
                                             Kontexten. Lernpotenziale in Settings des frei-
   So betrachtet, ist der Begriff »infor-    willigen Engagements. In: Zeitschrift für Erzie-   arbeit). Ferner wird die Bedeutung infor-
melles Lernen« irreführend. »Informell«,     hungswissenschaft, 8, 3, S. 394–411                meller Lernprozesse von Kindern und
»non-formal« oder »formal« können al-        Edelmann, W. (2000): Lernpsychologie.              Jugendlichen außerhalb des formalisier-
lenfalls die Kontexte und Situationen        Kempten                                            ten Lernens in der Schule (vor und neben
                                             Schmidt, S. J. (2003): Was wir vom Lernen zu
sein, in denen das Lernen stattfindet.                                                          der Schule) dargelegt (Familie, Gleich-
                                             wissen glauben. In: Was kann ich wissen?
Dabei muss zusätzlich berücksichtigt         Theorie und Geschichte von Lernkultur und          altrigen-Gruppen, Medienwelten).
werden, dass auch in sehr formalisierten     Kompetenzentwicklung. QUEM-Report, H. 82.
Kontexten beiläufig gelernt wird. Der        Berlin, S. 12–25                                   Rauschenbach, Th. u. a. (2004): Non-formale
individuelle Aneignungsprozess ent-          Singer, W. (2002): Der Beobachter im Gehirn.       und informelle Bildung im Kindes- und Jugend-
                                             Essays zur Hirnforschung. Frankfurt am Main        alter. Konzeptionelle Grundlagen für einen
spricht nicht notwendigerweise den for-                                                         Nationalen Bildungsbericht. BMBF Bildungsre-
                                             Spitzer, M. (2002): Lernen. Gehirnforschung
mal vorgegebenen und erwünschten Er-         und die Schule des Lebens. Heidelberg, Berlin      form Band 6. Berlin



                                                 DJI Bulletin 73 PLUS Winter 2005
                                                       DJI Bulletin 73                     3
DJI Bulletin PLUS




»Formelle« und »informelle Bildungs-
prozesse« als Säulen für die Bildung im
Lebenslauf – Zwölfter Kinder- und              Medienwelten, Angebote von Vereinen
Jugendbericht »Bildung, Betreuung und          (Bewegung, Sport, Kultur), kulturelle
Erziehung vor und neben der Schule«            Angebote (Ausstellungen, Kinderkinos,
Der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht          Kindertheater, Zirkus), Flohmärkte,
geht von einem erweiterten Bildungs-           Straßenfeste, Internetcafés, Kneipen,
begriff aus. Ausgangspunkt ist dabei           Clubs, Kaufhäuser, Schwimmbäder,                     Fazit
nicht das Gefüge der Institutionen von         Erlebnisparks, jugendkulturelle Szenen,              Für das Lernen an sich sind Kennzeich-
Bildung, sondern das Bildungsgeschehen         Nebenschulen (Nachhilfe, Sprachschu-                 nungen unerheblich, denn nicht das Ler-
im Lebenslauf von Kindern und Jugend-          len, Sprachreisen, Computerkurse,                    nen ist »formal«, »non formal« oder »in-
lichen (Bildungsbiografie). Bildungs-          medienpädagogische Werkstätten),                     formell«, sondern der Kontext, in dem es
prozesse können unbegrenzt zu jeder            Schülerjobs, Ferienarbeit, ehrenamtli-               stattfindet.
Zeit, an allen Orten und bei jeder Gele-       ches Engagement. Diese Lernwelten ha-                   Die Diskussion um den Begriff »infor-
genheit zustande kommen. Bildungs-             ben keinen Bildungsauftrag, sind weni-               melles Lernen« basiert auf unterschiedli-
prozesse sind in die Lebenszusammen-           ger standardisiert und organisiert, die              chen Traditionen. »Informelles Lernen«
hänge und Lebenswelten der Heran-              Bildungsprozesse entstehen eher neben-               lässt sich methodisch schwer fassen, und
wachsenden eingewoben. Bildungs-               her und beiläufig, und das Lernen findet             so ist es nicht möglich, ein einheitliches
prozesse von Kindern und Jugendlichen          in informellen Situationen und Kontex-               Konzept zu entwerfen. Das Thema »Ler-
finden an unterschiedlichen Bildungs-          ten statt.                                           nen: informell« bleibt somit ein offener
und Lernorten statt, denn Bildungs-               Der Stellenwert von Bildung beim                  Diskurs mit unterschiedlichen Vorstel-
prozesse kennen keine institutionellen         Aufwachsen von Kindern und Jugend-                   lungen sowie vielfältigen Definitionen.
Grenzen und lassen sich zeitlich, räum-        lichen ist nur dann umfassend zu begrei-             Entscheidend ist jedoch, an welchen Or-
lich sowie sozial nicht eingrenzen. Ent-       fen, wenn das Zusammenspiel der unter-               ten, in welchen Situationen und Kontex-
scheidend ist dabei die Frage, ob der          schiedlichen Bildungsorte und Lernwel-               ten sowie bei welchen Gelegenheiten
Bildungsprozess erfolgreich ausgelöst          ten sowie der dabei verlaufenden forma-              die Prozesse des Lernens und Erfahrens
wurde. Etwas zufällig, nebenher und            len und informellen Bildungsprozesse                 stattfinden.
ohne Absicht zu lernen, kann genauso           verstärkt in den Blick genommen wird.                   Der »lernende Mensch« kann (trotz
erfolgreich sein wie ein geplantes Semi-                                                            Aufmerksamkeit, Motivation und emo-
nar oder ein gut vorbereiteter Unterricht.     Deutscher Bundestag (2005): Bericht über die         tionaler Beteiligung) erst im Nachhinein
Nicht Absicht und Ziel (Soll-Wert) sind        Lebenssituation junger Menschen und die
                                               Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in
                                                                                                    festmachen, was er wo und wie gelernt
für das Lernen bzw. den Bildungsprozess                                                             hat. In der Bildungsbiografie eines Kin-
                                               Deutschland – Zwölfter Kinder- und Jugend-
bedeutsam, sondern die tatsächlich er-         bericht – und Stellungnahme der Bundesregie-         des, Jugendlichen oder Erwachsenen
zielten Leistungen und Effekte (Ist-Werte).    rung. Berlin. BT-Drs. 15/6014                        werden dann die Prozesse und Erträge
   Der Zwölfte Kinder- und Jugend-             Sachverständigenkommission Zwölfter Kinder-          des Lernens offenbar. Das Lernen an sich
bericht stellt eine Vielzahl von bedeut-       und Jugendbericht (Hrsg.) (2005): Kompetenz-
                                               erwerb von Kindern und Jugendlichen im
                                                                                                    aber hat keinen Anfang, kann jederzeit
samen Bildungsorten und Lernwelten                                                                  und überall stattfinden und dauert ein
                                               Schulalter. Materialien zum Zwölften Kinder-
vor und zeigt deren Bedeutung für die          und Jugendbericht, Band 3. München (mit Auf-         Leben lang.
Bildungsbiografie sowie für den Erwerb         sätzen von Cathleen Grunert, Werner Helsper,
entsprechender Kompetenzen auf.                Merle Hummrich, Helga Theunert und Ingrid            Jürgen Barthelmes, Wiebken Düx, Erich Sass
   Neben den formellen sind die infor-         Gogolin)
mellen Bildungsprozesse für das Heran-
wachsen unabdingbar.
   Formale Bildungsorte sind in erster Li-     Neue Literatur zum Thema »Lernen: informell«
nie die Schule sowie die Einrichtungen         Informelles Lernen. (2005) Themenheft der            Tully, C. J. (Hrsg.):
der Kinder- und Jugendhilfe, deren Grad        Zeitschrift für Erziehungswissenschaft (ZfE), 8, 3   Lernen in flexibilisierten Welten. Wie sich
der Formalisierung weitaus geringer ist        Müller, B. / Schmidt, S. / Schulz, M.:               das Lernen der Jugend verändert
als der von Schule. Diese Orte haben           Wahrnehmen können. Jugendarbeit und                  Weinheim, München 2006
einen mehr oder weniger ausdrücklichen         informelle Bildung                                   Tully, C. J.:
                                               Freiburg im Breisgau 2005                            Informelles Lernen: eine Folge
Bildungsauftrag, sind lokalisierbar, stel-                                                          dynamisierter sozialer Differenzierung
                                               Otto, H.-U. / Rauschenbach, Th. (Hrsg.):
len bestimmte Angebote zu bestimmten           Die andere Seite der Bildung. Zum                    In: Otto, H.-U. / Oelkers, J. (Hrsg.): Zeitgemäße
Zeiten bereit, und das Lernen findet in        Verhältnis von formellen und informellen             Bildung. Herausforderung für Erziehungswis-
eher formalisierten Situationen und            Bildungsprozessen                                    senschaft und Bildungspolitik. 2006
Kontexten statt.                               Wiesbaden 2004
                                                                                                    Siehe auch: »Lernen: informell. Projekte und
   Neben der Familie begegnen die He-          Rauschenbach, Th. / Düx, W. / Sass, E. (Hrsg.):
                                               Informelles Lernen im Jugendalter.                   Publikationen des DJI zu den Themenbereichen
ranwachsenden in ihrer Bildungsbiografie                                                            ›informelles Lernen‹ sowie ›Lernen in informel-
                                               Vernachlässigte Dimensionen der
einer Vielfalt von (informellen) Lernwelten:   Bildungsdebatte. Beiträge zur Kinder-
                                                                                                    len Prozessen, Situationen und Kontexten‹«
Kinderfreundschaften, Gleichaltrigen-          und Jugendhilfeforschung                             In: DJI Bulletin 73, S. 34/35
Gruppen, Umgang mit Medien bzw.                Weinheim, München 2005



                                               4                       Winter 2005
                                                      DJI Bulletin 73 PLUS Winter 2005
   Flexibel und mobilitätsbereit                                      Studie keine Anhaltspunkte. Deren Zielvorstellungen sowie
Betrachtet man die Entwicklung der Bildungs- und Ausbil-              Orientierung und Engagement legen es der Hauptschule als
dungspläne der Jugendlichen im letzten Halbjahr des Schul-            Bildungsinstitution vielmehr nahe, den Berufsbezug bzw. das
besuchs und vergleicht sie mit den tatsächlich realisierten An-       Lernen im Arbeitsprozess zu einem didaktischen Prinzip des
schlüssen, so fällt die Anpassung der Planungen und schließlich       Unterrichts zu machen. Berufsbezug bedeutet dann, Praxiser-
auch der Bildungs- und Ausbildungsentscheidungen als Folge der        fahrungen nicht als Alternative zu theoretischem Lernen zu
schwierigen Lage auf dem Ausbildungsmarkt ins Auge                    sehen, sondern praktisches und theoretisches Lernen zu verbin-
(s. Abb. 3).                                                          den. Dabei könnten die Möglichkeiten des ganztägigen Ler-
    Zwischen März und Juni des Schuljahres geht der Anteil            nens genutzt werden, um ausreichend Raum für Praxiserfah-
derjenigen, die hoffen, in eine Berufsausbildung einzumün-            rungen in Betrieben, im schulischen Unterricht sowie für eine
den, um sieben Prozentpunkte zurück (von 47 % auf 40 %).              ergänzende Förderung in kleinen Lerngruppen zu gewinnen.
Parallel steigt der Anteil derjenigen stark an, die eine Fortset-        Das Ziel wäre, alle Jugendlichen mindestens zu einem
zung des Schulbesuchs ins Auge fassen (von 25 % auf 37 %).            Kompetenzniveau zu bringen, das eine Basis für eine Berufs-
Der Vergleich der Pläne im März mit den tatsächlichen Ein-            ausbildung bildet. Die Motivation, die Flexibilität sowie die
mündungen zeigt: Diejenigen, die eine Ausbildung anstreben,           Kompetenzen auf Seiten der Hauptschülerinnen und Haupt-
können dies nur gut zur Hälfte auch verwirklichen. Weiter zur         schüler müssten dies möglich machen.
Schule zu gehen, um bessere Abschlüsse zu erwerben und so
die Ausgangschancen zu verbessern, ist für erfolglose Lehr-
stellenbewerber eine bevorzugte Alternative.                          Literatur
    Von den Jugendlichen, die weiter zur Schule gehen, wollen
                                                                      Allmendinger, J. / Dietrich, H. (2004): PISA und die soziologische Bildungs-
6 % durch ein weiteres Schuljahr den (in diesem Schuljahr             forschung. In: Lenzen, D. u. a. (Hrsg.): PISA und die Konsequenzen für
nicht erreichten) Schulabschluss nachholen. Immerhin gut ein          die erziehungswissenschaftliche Forschung. In: 3. Beiheft der Zeitschrift
Viertel beginnt eine Berufsvorbereitung, wie die Zahlen zei-          für Erziehungswissenschaft, 2004. Wiesbaden, S. 201–210
gen, häufig aus Mangel an Alternativen. 3 % arbeiten, um              Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (2004): Grund-
Geld zu verdienen, ohne Arbeit sind 8 %, eine andere Beschäf-         und Strukturdaten 2003/2004. Bonn/Berlin
                                                                      Duncker, L. (2003): Die relative Eigenständigkeit der Hauptschulbildung.
tigung (z. B. ein Freiwilliges Soziales Jahr) haben 5 %.              In: Duncker, L. (Hrsg.): Konzept für die Hauptschule. Ein Bildungsgang
    Zur Flexibilität hinsichtlich der beschrittenen Bildungs- und     zwischen Konstruktion und Kritik. Bad Heilbrunn, S. 15–34
Qualifizierungswege kommt schließlich auch eine hohe räum-            Prenzel, M. u. a. (2005): Pisa 2003. Ergebnisse des zweiten Länder-
liche Mobilitätsbereitschaft der Jugendlichen. Ein Viertel wäre be-   vergleichs. Zusammenfassung. Münster
reit, für eine Stelle bundesweit in eine andere Stadt zu ziehen.      Zenke, K. G. (2003): Hauptschule als Eingangsstufe beruflicher Bildungs-
                                                                      prozesse - Überlegungen für einen neuen Zuschnitt. In: Duncker, L.
Die Hälfte der Jugendlichen schränkt ihre Mobilität insofern          (Hrsg.): Konzept für die Hauptschule. Ein Bildungsgang zwischen Kon-
ein, als sie nur bereit wären, innerhalb der näheren Umgebung         struktion und Kritik. Bad Heilbrunn, S. 81–95
umzuziehen. Lediglich das verbleibende Viertel schließt einen
Umzug für eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle aus.

   Hauptschülerinnen und Hauptschüler – total normal
Bezüglich Motivation, Engagement und Kompetenzen sind
die befragten Hauptschülerinnen und Hauptschüler ent-
sprechend der DJI-Studie heterogen, was ihren Status als ver-
meintliche »Restschüler« nicht ohne Weiteres vermuten lässt.                          Projekte: Übergangspanel (2003–2006)
                                                                                      Wissenschaftliche Begleitung der Kompetenzagenturen
Im Gegenteil:
                                                                                      (2002–2006)
– Sie haben ein eher positives Verhältnis zur Schule und zum                          Netzwerk Prävention von Schulmüdigkeit und
   Lernen.                                                                            Schulverweigerung (2002–2006)
– Die Bedeutung des Lernens über die Schule hinaus zeigt                              Methode: Klassenzimmerbefragung (N = 4.000) als Basis-
   sich auch in vielfältigen Freizeitaktivitäten der Schülerin-                       erhebung einer quantitativen Längsschnittstudie; CATI-
                                                                                      Interviews
   nen und Schüler. Neben dem Lernen in der Schule nehmen
                                                                                      Durchführung: Dr. Nora Gaupp, Irene Hofmann-Lun,
   die Jugendlichen zahlreiche Möglichkeiten des (formellen                           Dr. Tilly Lex, Hartmut Mittag, Birgit Reißig
   und informellen) Lernens wahr.                                                     Kontakt: Dr. Nora Gaupp, Tel.: 089 623 06-324, E-Mail:
– Sie nutzen Praktika in Betrieben zur Orientierung und zur                           gaupp@dji.de, Irene Hofmann-Lun, Tel.: 089 623 06-236,
   Verbesserung ihrer Zugangschancen zur betrieblichen Be-                            E-Mail: hofmann@dji.de
                                                                                      Internet: www.dji.de/uebergang
   rufsausbildung.
                                                                                      Publikationen: Braun, F. / Gaupp, N. / Hofmann-Lun, I.
– Weitere Bildung und Qualifizierung im Anschluss an die                              (2005): Und sie bewegen sich doch, aber wohin? Strategi-
   Hauptschule haben für sie höchste Priorität.                                       en von Hauptschulen zur Prävention von Ausbildungslosig-
– Sie planen ihre berufliche Zukunft realistisch und flexibel                         keit. In: »Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit: Neue
   unter Einbeziehung ihrer Chancen auf dem Ausbildungs-                              Strategien und Instrumente für benachteiligte Gruppen«,
                                                                                      Dokumentation der Tagung der IG Metall am 13.7.05
   markt.
                                                                                      Gaupp, N. / Hofmann-Lun, I. / Lex, T. / Mittag, H. / Reißig, B.
– Bei entsprechender Unterstützung entwickeln sie realisti-                           (2004): Schule – und dann? Erste Ergebnisse einer bun-
   sche Berufspläne, informieren sich über Berufsfelder und                           desweiten Erhebung von Hauptschülerinnen und Haupt-
   entwickeln Orientierungs- sowie Bewerbungsaktivitäten.                             schülern in Abschlussklassen. Reihe: Wissenschaft für alle.
                                                                                      DJI. München
                                                                                      Hofmann-Lun, I. / Gaupp, N. / Lex, T. / Mittag, H. / Reißig, B.
   Keine »Null Bock-Haltung«
                                                                                      (2004). Schule – und dann? Förderangebote zur Präventi-
Für eine generelle oder verbreitete »Null Bock-Haltung« unter                         on von Schulabbruch und Ausbildungslosigkeit. Reihe: Wis-
den Hauptschülerinnen und Hauptschülern gibt es in der DJI-                           senschaft für alle. DJI. München



                                                        DJI Bulletin 73 Winter 2005       19
Dossier



                            Jürgen Barthelmes
                            Zwölfter Kinder- und Jugendbericht:
                            Bildungsorte und Lernwelten




                            Laufen, Sprechen, Lesen …
                            und Reisen – das Entdecken
                            der Welt als Weg zur Bildung
Ein Kind schreit. Die genervte Mutter kommt
schnell aus der Küche, um zu sehen, was denn
jetzt schon wieder los ist. Das Kind im Alter von
einem Jahr sitzt am Boden und schreit vor Ver-
gnügen, es hat ein Buch im Regal entdeckt und
kaut und schmatzt herzhaft an ihm herum. Der
Einband aus Plastik scheint zu schmecken.
   Bildung von Anfang an bedeutet, dass Kinder
von sich aus die Welt entdecken. Erfahrung be-
ginnt über Greifen und Schmecken. Das chine-
sisch-japanische Schriftzeichen für »Kind« besteht
aus zwei Händen und einem Kopf mit großem
Mund. Das gleiche Zeichen heißt aber auch
»Meister« (tse) wie die Nachsilbe bei den Philoso-
phen Kunfutse oder Laotse, und bedeutet, selbst
als Erwachsener immer wie ein Kind zu sein: neu-
gierig, wissbegierig, lernfreudig, nachdenklich,
träumend.
   Mit der Fähigkeit zum Laufen, Sprechen und
Lesen erweitert sich für Kinder und Jugendliche
jeweils die Möglichkeit, immer mehr Bildungsorte
und Lernwelten aufzusuchen. Das Reisen stellt
dann eine weitere Fähigkeit dar, die Welt zu ent-
decken, sei es als »innere« Reise des Bewusst-
werdens der eigenen Person durch die Begeg-
nung mit anderen Menschen, sei es durch das Ein-
tauchen in die Medienwelten, sei es als Reise von       Was ist Bildung?
zu Hause weg hinaus in die Welt.                     Bildung ist ein Prozess von Dauer, bei dem eine Person sich mit ihrer Um-
   Der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht hat der     welt sowie mit sich selbst auseinandersetzt. Bildung heißt grundsätzlich:
bildungsbiografischen Entwicklung viel Aufmerk-      stetige Veränderung der Person und dies im Hinblick auf Wissen, Können
samkeit geschenkt. Im Folgenden wird der Frage       und Verhalten. Betreuung versteht sich als Sorge, Hilfe, Unterstützung
nachgegangen, welchen Bildungsorten und              (»care«). Erziehung entwickelt aufgrund von Werten und Mustern der Ori-
Lernwelten die Heranwachsenden begegnen              entierung die Fähigkeit, selbstständig entscheiden und handeln zu kön-
und welchen Gewinn sie daraus für ihre Bildung       nen. Bildung, Betreuung und Erziehung passieren von Anfang an in
ziehen können.                                       einem Nebeneinander (und nicht in einem Nacheinander von Betreuung,
                                                     Erziehung und Bildung).
                                                        Bildung hat für den Einzelnen das Ziel, ein sinnvolles Leben aufzu-
                                                     bauen. Bildung sichert ferner den Fortbestand der Gesellschaft, entwickelt
                                                     das kulturelle Erbe weiter, gewährleistet die gesellschaftliche Ordnung
                                                     und stellt soziale Integration her. Bildung bestärkt einen aber auch darin,
                                                     sich Zumutungen und Ansprüchen der Gesellschaft zu widersetzen, die
                                                     individueller Entfaltung und Würde entgegenstehen.


                                          20    DJI Bulletin 73 Winter 2005
  Die Welt als Struktur                                                 Die Familie als Basislager
Bildung als Aneignung von Welt bezieht sich auf vier Bereiche:       Die Familie selbst ist ein Ort mannigfaltiger Lernwelten. In
– die materiell-dingliche Welt (Welt der Natur, gesellschaft-        der Familie eignen sich die Kinder sowohl die Sprache an (als
   liche Produktion)                                                 Voraussetzung, die Welt entdecken, verstehen und deuten zu
– die soziale Welt (soziale Ordnung der Gesellschaft, Teil-          können), ferner Verhaltensweisen sowie Einstellungen und
   habe, Teilnahme)                                                  Denkmuster. Die Prozesse der Bildung, Betreuung und Erzie-
– die kulturelle Welt (kulturelle Produktion, Symbole, Sprache)      hung in den Familien formen Wertorientierung, Tugenden so-
– die subjektive Welt (eigene Person, Innenwelten, Körper-           wie den Sozialcharakter. Die Kinder beobachten, ahmen nach,
   welten).                                                          übernehmen die Haltungen der Eltern, trainieren, lernen, ver-
Mit diesen vier Weltbezügen ist der jeweilige Erwerb von in-         ändern, verbessern sich oder setzen sich ab. Die Eltern zeigen,
strumentellen, sozialen, kulturellen und personellen Kompe-          wo und wie es langgeht. Das fängt beim Umgang mit Men-
tenzen verbunden. In globalisierten Zeiten ist Wissen der            schen, Dingen und Geld an, geht über Fragen der Ernährung,
wichtigste Rohstoff, aber nicht im Sinne eines angesammelten         Gesundheit, Kleidung, Wohnung, Medien bis hin zu politi-
»Wissens von …« (»A, B, C oder D« wie bei »Wer wird Millio-          schen Einstellungen, Wertorientierungen oder Bildungsvor-
när«), sondern als ein »Wissen um …«, indem (Fach-)Wissen            stellungen (Schulwahl, Schullaufbahn).
und Kompetenzen sich zu modellierendem und analytischem
Denken verbinden.                                                       Nicht alle Kinder und Jugendlichen haben die gleichen
                                                                        Zugänge
  Wo wird Bildung erworben?                                          Die Familie ist auch die Basis für die Voraussetzung, dass Kin-
Bildung wird überall da erworben, wo die Heranwachsenden             der Angebote der Bildung, Betreuung und Erziehung wahrneh-
etwas lernen oder erfahren können – in der Familie und Nach-         men können. Nicht alle Kinder und Jugendlichen verfügen
barschaft, in Kindergarten und Schule, in den Gleichaltrigen-        über die gleichen Zugänge und Möglichkeiten für Bildung,
Gruppen, in der Kinder- und Jugendhilfe, in Vereinen und             nicht alle haben die gleichen Chancen, ihr Leben und ihre Zu-
Erlebnisparks, in der Freizeit, in den Medienwelten, auf Reisen.     kunft auf Erfolg hin zu planen und umzusetzen. Teilnahme
    Die Orte der Bildung und die Welten des Lernens selbst           und Teilhabe an Bildung und Lernen unterscheiden sich vor
haben sich erweitert. In einer Welt, die durch Globalisierung        allem durch soziale und ethnische Herkunft sowie durch Ge-
und Internationalisierung geprägt ist, schafft es eine Institution   schlecht und Region. Diese Faktoren entscheiden über schu-
nicht mehr allein, die Vielfalt an Wissen und Können zu ver-         lisches Weiterkommen und Bildungskarrieren. Kinder aus
mitteln. Der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht geht dabei            bildungsfernen bzw. ökonomisch benachteiligten Familien
von einem erweiterten Bildungsverständnis aus, denn Bildung          haben es schwerer mit dem Sprung in gelingende Bildungs-
ist mehr als nur Schule. Die vielfältigen Bildungsorte und           biografien. Eine benachteiligte Herkunft darf jedoch nicht län-
Lernwelten unterscheiden sich nach Ort, Raum, Zeit, Auftrag,         ger eine benachteiligte Bildungslaufbahn nach sich ziehen.
Inhalt und Gelegenheit (s. Abb. S. 24).                              Ungleiche Ausgangsbedingungen sind von Staat und Gesell-
                                                                     schaft auszugleichen.
  Bildung von Anfang an – Bindung, Beziehung und Bildung
  gehören zusammen                                                      Das Kind wird Schülerin und Schüler
Die Familie ist für Kinder die erste Bildungswelt. Die Familie       Mit sechs Jahren gehen die Kinder in die Schule. Status und
legt bei den Kindern die Bereitschaft und Fähigkeit zu lebens-       Rolle verändern sich: das Mädchen wird »Schülerin«, der Junge
langem Lernen an. Der Bildungshintergrund der Eltern sowie           wird »Schüler«. Mit dem Schuleintritt und der damit verbunde-
die Lebensbedingungen der Familie entscheiden letztendlich           nen Schulpflicht müssen die Familien den Alltag neu organi-
darüber, welche Chancen, Zugänge und Gelegenheiten die               sieren. Die Kinder kommen in der Regel mit hohen Erwartun-
Kinder für Bildung wahrnehmen können. Eltern und andere              gen in die Schule, mit Neugier auf die Lehrerinnen und Lehrer
Bezugspersonen vermögen den Heranwachsenden jedoch nur               sowie auf die anderen Kinder. Sie möchten sich den schulischen
das weiterzugeben, was sie selbst kennen, können sowie erfah-        Anforderungen stellen. Lesen, Schreiben, Rechnen erweitern
ren haben:                                                           das Spektrum der Möglichkeiten, Bildung in und außerhalb
   Was stellen sie den Kindern bereit? Was lesen sie ihnen vor?      der Schule wahrzunehmen. Schule macht jedoch einem Teil
Auf was machen sie die Kinder aufmerksam und neugierig, auf          der Kinder und Jugendlichen erhebliche Schwierigkeiten.
was weisen sie hin? Was schenken sie ihnen an Büchern, In-           Misserfolge und schlechte Noten schaffen ein Potenzial für
strumenten, Geräten, CDs, DVDs? Sehen sie mit ihnen ge-              Angst und Enttäuschung, für Schulunlust und Schulverweige-
meinsam fern? Wohin schicken sie die Kinder, wohin begleiten         rung. Schulschwierigkeiten haben erfahrungsgemäß insbeson-
sie diese? Welche Zugänge können sie ihnen aufgrund der              dere Kinder aus bildungsfernen Familien sowie aus Familien
finanziellen Verhältnisse eröffnen?                                  mit Migrationshintergrund oder ökonomischer Benachteiligung.
   Bildung wächst durch vielfältige Anregungen. Ab dem zwei-            Schule ist für die Schülerinnen und Schüler jedoch nicht nur
ten Lebensjahr haben Kinder ein starkes Bedürfnis nach Kon-          ein Bildungsort und damit vorrangig systematisches bzw. for-
takt zu Gleichaltrigen sowie nach Erfahrungen außerhalb der          malisiertes Lernen, sondern auch ein Ort des informellen Ler-
Familie. Die Anregungen von außen erweitern den Bildungs-            nens (s. Bulletin 73 PLUS). Informelle Prozesse der Bildung
horizont der Kinder beträchtlich und ergänzen die bisherigen         finden im Klassenzimmer, in den Pausen, auf dem Schulhof
Erfahrungen in der Familie. Bildung wächst bei Kindern durch         sowie auf den Schulwegen statt. Freundschaftsbeziehungen
Bindung und Beziehung. Verlässliche Beziehungen sowie eine           und Gleichaltrigen-Gruppen machen Schule für Kinder und
anregungsreiche Umwelt sind Voraussetzungen für gelingende           Jugendliche zu einem zentralen Treffpunkt. Ferner ist für sie
Bildungsprozesse. Jedes Kind bringt aber auch seine individu-        das Spektrum außerunterrichtlicher Freizeitangebote in der
ellen Besonderheiten mit ein (z. B. Temperament, Vorlieben,          Schule von hohem Wert (wie Schulfeste, Klassenfahrten, sport-
Verhaltensstile).                                                    liche oder kulturelle Angebote, kreatives Gestalten).


                                                       DJI Bulletin 73 Winter 2005   21
Dossier                                                                        gebote für schulverweigernde Kinder und Jugendliche.
                                                                                  Nachhilfeunterricht bedeutet, dass Eltern zusätzliche und
   Bildung ist mehr als Schule                                                 schulergänzende Ausbildungsmodule finanzieren, doch nicht
Entscheidende Aufgabe der Schule ist, eine Grundbildung zu                     alle Familien können sich diesen finanziellen Aufwand leis-
vermitteln, ferner systematisches Wissen sowie elementare                      ten. Ungleichheit im Bildungssystem muss über die Grenzen
Kompetenzen in der sprachlichen, mathematisch-naturwissen-                     der schulischen Bildung hinaus gedacht werden.
schaftlichen, historisch-politischen und ästhetisch-expressiven                   Das Wahrnehmen institutionell organisierter Lernangebote
Bildung. Schule ist aber nach wie vor meist nur pädagogisch                    in Form von Musikschulen sowie Computercamps und Fremdspra-
simulierte Erfahrung, denn sie öffnet sich immer noch zu we-                   chenkursen dient einem zusätzlichen Vorsprung beim Wettbe-
nig gegenüber den Lebenswelten der Heranwachsenden. Die                        werb um schulische Bildungskarrieren. Insbesondere die Heran-
Alltagswelt, die Arbeitswelt sowie die Medienwelten bleiben                    wachsenden aus Elternhäusern der oberen Mittelschicht nut-
häufig draußen vor der Tür. Kinder und Jugendliche vermissen                   zen diese Lernangebote, davon die Mädchen um das Doppelte
in der Schule die Ernsthaftigkeit, denn sie fühlen sich mit                    häufiger als die Jungen.
Blick auf ihre Entwicklungsthemen und Lebenserfahrungen                           Eine Erweiterung des Wissens erfahren auch jene Kinder
von der Schule nicht ernst genommen. Die Hälfte der Schüle-                    und Jugendlichen, die regelmäßig die 220 Freizeit- und Erlebnis-
rinnen und Schüler nimmt deshalb Gelegenheiten des Lernens                     parks besuchen: Tierparks, Museen, Science Centers, Safari-
an Bildungsorten und in Lernwelten außerhalb der Schule                        parks, Shopping Centers, Autostadt und Automuseum.
wahr (s. Abb.). Bei den Heranwachsenden gewinnt die Bildung                       Die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Schulverweige-
neben der Schule mit zunehmendem Alter an Bedeutung. Die                       rung und Schulabwesenheit ist gewachsen. Eine breite Palette
Bildungsangebote der Jugendarbeit sowie von Vereinen, Ver-                     von Angeboten will Prozessen der Abkehr von Schule präven-
bänden und kulturellen Einrichtungen fördern dabei im Be-                      tiv begegnen. Solche »Ersatzschulen« können innovative Schul-
sonderen soziale und personale Kompetenzen, deren Erwerb                       konzepte sein, ferner Projekte in Kooperation von Jugendhilfe
in der Schule zu kurz kommt.                                                   und Schule sowie Initiativen von Eltern und Jugendlichen.

   Nebenschulen                                                                     Kinder- und Jugendhilfe
Nachhilfeunterricht, kulturelle Fachkurse, Musikschulen,                       Die Kinder- und Jugendhilfe ist ein Bildungsort und stellt mit
Computercamps, Fremdsprachenkurse oder Science Centers                         ihren zahlreichen Angeboten mannigfaltige Lernwelten zur
in Erlebnisparks sind (meist kommerziell organisierte) Ange-                   Verfügung.
bote der Wissensvermittlung sowie des Zuwachses an Kompe-                         Die Jugendarbeit hat eine gesetzlich verankerte Bildungsauf-
tenzen; sie werden als »Nebenschulen« bezeichnet. Dazu ge-                     gabe (§ 11 KJHG). Sie geht auf die Lebenswelt von Kindern
hören auch die nicht-kommerziellen sozialpädagogischen An-                     ein, bezieht sich auf den Sozialraum, fördert vor allem die


MERKMALE                               KINDHEIT                                             SCHULALTER

BILDUNGSWELT                           Familie (als »Basislager«)                           Familie (als »Basislager«)

BILDUNGSORTE
Bildungsauftrag (explizit, implizit)   Tagespflege                                          Schule
lokalisierbar                          Kinder- und Jugendhilfe                              Kinder- und Jugendhilfe:
bestimmte Angebote zu                  Kindertageseinrichtungen                             Hort, Jugendarbeit (Sport, Politik, Kultur), Schulbezogene
bestimmten Zeiten                                                                           Jugendsozialarbeit, Hilfe zur Erziehung, Kinder- und Jugend-
                                                                                            beratung, Kinder- und Jugendinformation, Jugendberufshilfe /
eher Lernen in formalisierten
                                                                                            Berufsbezogene Jugendsozialarbeit
Situationen, Kontexten

LERNWELTEN
kein Bildungsauftrag                   Kontakte mit der Nachbarschaft                       Gleichaltrigen-Gruppen
zufällig zustande gekommen             Netzwerke: Verwandte, Bekannte                       Freundeskreis: Freundinnen, Freunde
weniger standardisiert/organisiert     Angebote auf dem freien Markt:                       Treffpunkte: Internetcafés, Kneipen, Clubs, Kaufhäuser
                                       Eltern-Kind-Programme, Frühschwimmen, Musi-          (»Shopping«), Straßen, Plätze, Parks, Schwimmbäder
Bildungsprozesse entstehen eher
nebenher/beiläufig                     kalische Früherziehung, Bewegung (Ballett) und       Umgang mit Medien / Medienwelten
                                       Sport, Malen und Basteln                             »Nebenschulen«-Lernangebote: Nachhilfe, Sprachschulen /
eher Lernen in informellen
Situationen, Kontexten                 Gleichaltrigen-Gruppen, Kinder-Freundschaften        Sprachreisen, Computercamps, medienpädagogische Werkstätten
                                       Umgang mit Medien / Medienwelten                     Schülerjobs / Ferienarbeit
                                       Angebote von Vereinen: Bewegung, Sport, Kultur,      Angebote im Freizeitbereich: kommerzielle Sportanbieter, jugend-
                                       Kreatives Gestalten                                  kulturelle Szenen (Streetball, Mitternachtsbasketball, Musik-
                                       Besuch von Museen, Ausstellungen, Kinderkinos,       szene), Kinos, Theater, Museen, Konzerte, Vereine (Sport, Kultur,
                                       Zirkus, Tiergärten, Erlebnisparks                    Kreatives Gestalten), Erlebnisparks

                                       Teilnahme bei kulturellen Mitmachgruppen,            Ehrenamtliches Engagement (soziale, politische, ökologische,
                                       Flohmärkten, Straßenfesten                           kulturelle Organisationen / Initiativen)

                                       Angebote religiöser bzw. weltanschaulicher           Angebote religiöser und weltanschaulicher Gruppen und
                                       Gruppen und Gemeinschaften                           Gemeinschaften
                                                                                            Reisen (Auslandsaufenthalte, Jugendreisen)

Abbildung: Bildungsorte und Lernwelten in der Kindheit sowie im Schulalter



                                                     22       DJI Bulletin 73 Winter 2005
Selbstorganisation der Heranwachsenden sowie den Abbau             die Auswahl von Medien. Dabei kommt es zu zahlreichen Ge-
von Ungleichheit.                                                  legenheiten von beiläufigem und absichtsvollem Lernen; die
   Die schulbezogene Jugendsozialarbeit (§ 13 KJHG) stellt kom-    Heranwachsenden erwerben kulturelles Wissen sowie Orien-
pensatorische Leistungen für schulpflichtige Kinder und Ju-        tierung, denn Medien bieten symbolische Inhalte an, sind
gendliche zur Verfügung, bietet Unterstützung bei Lern- und        Fundus für Konzepte des eigenen Lebens und für die eigene
Schulschwierigkeiten, stärkt ferner den erfolgreichen Übergang     Persönlichkeit, dienen als Quellen des Wissens und der Infor-
von Schule in Ausbildung und Arbeit.                               mation, stellen eine Plattform für soziale Fähigkeiten her. Der
   Der Hort (§ 22 KJHG) stellt ein erweitertes Bildungsange-       Umgang mit neuen Informationstechnologien (Handy, Com-
bot bereit. Er kompensiert schulische Defizite, begünstigt das     puter, Internet) findet vornehmlich in den Gleichaltrigen-
soziale Lernen und fördert die Aktivität der Kinder.               Gruppen statt. Der Austausch von Wissen über Hard- und
                                                                   Software sowie die gegenseitige Hilfe beim Computer-
  Kulturbezogene Bildungsorte                                      Umgang sind zum Standard der Kommunikation unter den
Die musischen Fächer werden an Schulen eher vernachlässigt.        Heranwachsenden geworden.
Pädagogik und Neurobiologie weisen jedoch mit gleicher
Stimme darauf hin, dass sowohl bei Aktivitäten wie Tanzen,            Gleichaltrigen-Gruppen
Gestalten, Zeichnen, Malen, Musizieren als auch bei der Re-        In diesen Gruppen schicken die Heranwachsenden ihre Per-
zeption kultureller Angebote (Buch, Film, Theater, Bild) nicht     sönlichkeit in die Arena der Auseinandersetzung. Die eigene
nur die kommunikativen Fähigkeiten sowie die soziale Kreati-       Sprache sowie die eigenen Vorstellungen und Gefühle werden
vität geschult würden, sondern auch die Fähigkeit zur Konzen-      hier der Konfrontation ausgesetzt. Reflektieren und Klären
tration. Kinder nehmen insbesondere im Grundschulalter eine        stehen im Mittelpunkt der Freundschaftsbeziehungen bzw.
Vielfalt kultureller Angebote wahr (Kinos, Theater, Museen, Kon-   Cliquen. Mit zunehmendem Alter orientieren sich die Jugend-
zerte, Bibliotheken, Zirkus, Musik- und Ballettschulen, Mal-       lichen von der Schule weg. Im außerschulischen Raum des Er-
schulen). Für die Heranwachsenden vervielfältigen sich solche      fahrens und Lernens wird eine Bandbreite von sozial-kommu-
Angebote durch den freien (kommerziellen und nicht-kom-            nikativen und sprachlich-kulturellen Kompetenzen erworben,
merziellen) Markt mit speziellen Angeboten, ferner durch An-       insbesondere für die Identitätsbildung, Selbstvergewisserung,
gebote der organisierten und institutionalisierten Kinder- und     Fähigkeit zur Kooperation und Kritik, Aneignung sozialer und
Jugendkulturarbeit (mit einem bundesweiten Netzwerk) sowie         kultureller Orientierungen, Geschlechtsrollensozialisation,
durch Angebote von Vereinen (beispielsweise mit Blick auf          Freizeitgestaltung, Lebensgestaltung, Lebensbewältigung. Die
eine aktive Beteiligung an Chören, Blaskapellen, Orchestern,       Kontakte sind geprägt von den sozialen Beziehungen der An-
Folkloregruppen und Bands). Doch nur eine kleine Gruppe            erkennung und erfordern Selbstorganisation (Arrangieren von
junger Menschen nimmt diese kulturellen Angebote wahr.             Terminen, Koordinieren von Aktivitäten, Rücksicht auf andere).
Hierbei spielt das Elternhaus durch Anregung, Beispiel bzw.
Vorbild eine entscheidende Rolle. Fest steht: Kulturell interes-      Die Guten in der Schule sind die Aktiven in der Freizeit
sierte Kinder und Jugendliche sind aktiver und haben klare         Zwischen schulischen Leistungen und außerschulischen Akti-
Vorstellungen über ihre Wünsche.                                   vitäten besteht ein Zusammenhang: Diejenigen, die in der
                                                                   Schule gut sind, nehmen auch in der Freizeit viele Aktivitäten
  Gelegenheitsarbeiten und Schülerjobs                             wahr. Diejenigen aber, die in der Schule Schwierigkeiten haben,
Immer mehr Schülerinnen und Schüler gehen neben der Schu-          verhalten sich in der Freizeit eher passiv und nehmen weniger
le einem Job nach (37 % der 15-Jährigen), angefangen von Ar-       (wenn überhaupt) außerschulische Bildungsangebote wahr.
beiten in Betrieben (Lieferdienst, Einzelhandel, elterlicher Be-      Laufen – Sprechen – Lesen und Reisen, das sind die ent-
trieb) und Austragen von Prospekten und Zeitschriften, über        scheidenden Fähigkeiten für die allmähliche Entdeckung der
Hilfstätigkeiten in Haus und Garten sowie in Kneipen, Cafés        Welt. Damit verbunden ist der Weg, sich zunehmend Bildung
und Restaurants, ferner bei der Autopflege (Waschen, Reparie-      anzueignen, wobei sich für die Heranwachsenden das Spek-
ren) bis hin zum Babysitten, Ausführen von Hunden, Besor-          trum an Bildungsorten und Lernwelten stetig vergrößert. Die
gungen sowie Nachhilfeunterricht. Die Jugendlichen möchten         Reise allein in ein anderes Land ist dann ein erster Höhepunkt
vor allem eigenes Geld verdienen, ferner etwas lernen, was         auf dem Weg zur allumfassenden Bildung.
man später braucht, etwas Sinnvolles tun, sich auf das zukünf-     Literatur
tige Leben vorbereiten sowie mit der Arbeitswelt in Kontakt        Deutscher Bundestag (2005): Bericht über die Lebenssituation junger
kommen. Gelegenheitsarbeiten und Schülerjobs vermitteln            Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutsch-
wichtige und vielfältige Kompetenzen, und die Effekte blei-        land – Zwölfter Kinder- und Jugendbericht – und Stellungnahme der
ben nicht aus: Die Kommunikation mit anderen wird verbes-          Bundesregierung. Berlin. BT-Drs. 15/6014
                                                                   Sachverständigenkommission Zwölfter Kinder- und Jugendbericht (Hrsg.)
sert, der Umgang mit Geld wird gelernt, die Zeit sowie die         (2005): Kompetenzerwerb von Kindern und Jugendlichen im Schulalter.
eigenen Kräfte und Fähigkeiten werden besser eingeschätzt.         Materialien zum Zwölften Kinder- und Jugendbericht, Band 3. München
Jobbende Schülerinnen und Schüler sind insgesamt aktivere          (mit Aufsätzen von Cathleen Grunert, Werner Helsper, Merle Hummrich,
Jugendliche.                                                       Helga Theunert und Ingrid Gogolin)

                                                                                   Arbeitsgruppe Zwölfter Kinder- und Jugendbericht
  Medienwelten                                                                     Laufzeit: 15.04.2003–31.12.2005
Bei den häuslichen Aktivitäten stehen obenauf das Fernsehen,                       Auftraggeber: Bundesministerium für Familie, Senioren,
Musikhören sowie das Reden mit Freundinnen und Freunden.                           Frauen und Jugend (BMFSFJ)
Die Medien bzw. Medienwelten sind für Kinder und Jugendli-                         Durchführung: Dr. Jürgen Barthelmes, Kirsten Bruhns
                                                                                   (Geschäftsführung), Anne Eisfeld (Sachbearbeitung),
che eine bedeutsame Lernwelt mit Chancen und Risiken. Die
                                                                                   Dr. Brigitte Seifert, Anne Zehnbauer
jeweiligen Entwicklungsthemen sowie die Geschmackskultu-                           Kontakt: Anne Eisfeld, Tel.: 089 623 06-107,
ren der Familien bestimmen den Umgang mit Medien sowie                             E-Mail: eisfeld@dji.de



                                                     DJI Bulletin 73 Winter 2005       23
Berichte




Schule & Partner – Schulische Kooperationspraxis auf einen Klick


Ohne Partner geht es nicht …

Keine Institution schafft Bildung, Erziehung und Betreuung allein – so eine Bot-         ungsangebote (Mittagstisch/Hausauf-
schaft des Zwölften Kinder- und Jugendberichtes. Die Kommission empfiehlt des-           gaben/Freizeitgestaltung), regionale
halb, schulische und nicht-schulische Angebote besser aufeinander abzustimmen,           Netzwerkarbeit.
die unterschiedlichen Bildungsorte und Lernwelten miteinander zu verknüpfen                 Neben den traditionellen Kooperati-
und deren Zusammenspiel sozialräumlich auszugestalten. Langfristiges Ziel ist            onspartnern (wie Betriebe, Unterneh-
der Aufbau und Ausbau kommunaler Bildungslandschaften.                                   men, Einrichtungen der Jugendhilfe)
   Um dies einzulösen, bedarf es erster und kleiner Schritte, die aber große Wir-        können die Schulen auf weitere Akteure
kung haben können. Am Deutschen Jugendinstitut wird derzeit im Kontext des               (Institutionen/Personen) zurückgreifen,
Investitionsprogramms des Bundes »Zukunft Bildung und Betreuung« (IZBB) ein              um spezifische Angebote für die pädago-
Forschungsprojekt durchgeführt, das einen Beitrag zur Weiterentwicklung der              gische Gestaltung in Anspruch zu neh-
Zusammenarbeit von Schule mit externen Partnern leistet. Das Projekt »Koope-             men. Im Folgenden werden Beispiele
ration von Schule mit außerschulischen Akteuren« umfasst den Aufbau der                  skizziert, die Aspekte von Bildung auf-
Datenbank »Schule & Partner – schulische Kooperationspraxis auf einen Klick«             greifen, wie sie auch im Zwölften Kin-
sowie eine parallel laufende qualitative Studie. Bei der Datenbank geht es um            der- und Jugendbericht erwähnt werden:
die Dokumentation von Erfahrungen der Kooperation anhand einschlägiger Bei-
spiele einer »guten Praxis«.                                                             »Lesemütter« und »Computerväter«
                                                                                         Eltern betätigen sich ehrenamtlich als
  Was heißt »gute Praxis«?                  teiligten Partner (Institutionen/Berufs-     »Lesemütter« (Lesetrainings in Klein-
Wer bestimmt, was »best practice« ist?      gruppen), die Zielgruppen und Finanzie-      gruppen) und »Computerväter« (Vermitt-
»Gute Praxis« kann nicht von oben ver-      rungsmodelle, sondern auch die Erfah-        lung von Medienkompetenzen), was zur
ordnet werden, weder durch Experten-        rungen bei der praktischen Umsetzung,        Verbesserung der schulischen Leistungen
teams noch durch politische Instanzen.      ferner die erzielten Effekte sowie die Be-   durch eine stärkere individuelle Förde-
Sie entwickelt sich in der Schule durch     dingungen für das gelingende Gestalten       rung führt.
Anregung und Austausch sowie durch          von Kooperation.
Erfahrungen des Gelingens oder Miss-            Die in der Datenbank veröffentlichten    »Mein Körper gehört mir«
lingens. »Gute Praxis« entsteht vor dem     Angaben wurden von den Schulleitun-          Theatergruppen und Kulturwerkstätten
Hintergrund                                 gen in der vorliegenden Fassung autori-      greifen durch ihre Projekte in spieleri-
– unterschiedlicher Voraussetzungen         siert. Der Aufbau der Datenbank ist der-     scher kindgerechter Form Entwicklungs-
   und Gegebenheiten (u. a. Schulprofil,    zeit noch nicht abgeschlossen; sie wird      themen der Kinder auf und stärken da-
   Zielgruppen, Herkunft der Schüler-       durch die sukzessive Aufbereitung der        durch deren Selbstwertgefühl, beispiels-
   schaft),                                 Datenbankeinträge in ihrem Umfang            weise beim Thema »Mein Körper gehört
– regionaler Besonderheiten,                noch erweitert. Die Datenbank ist unter      mir«. Sie unterstützen die Schule bei der
– zur Verfügung stehender Kooperati-        www.dji.de/schule-und-partner zu fin-        Enttabuisierung sexueller Themen.
   onspartner,                              den. Ziel ist, in systematischer Form        Durch das Üben verbaler und genereller
– personeller und materieller Ressourcen.   dem interessierten Nutzerkreis eine brei-    Abwehr bei unerwünschten Handlungen
Eine solche Praxis zu entwickeln und zu     te Informationsgrundlage als Anregungs-      werden Formen des Missbrauchs be-
gestalten, braucht Zeit, ferner stabile     potenzial für die Gestaltung ähnlicher       wusst gemacht, Selbstvertrauen gefördert
Rahmenbedingungen für ihre langfristi-      Kooperationsvorhaben zu bieten.              sowie Einfühlungsvermögen entwickelt.
ge Erprobung.
                                                 Schulische Gestaltungsfelder der        »Alt und Jung«
  »Gute Praxis« aus Sicht der Schulen            Kooperation                             Träger von Alten- und Pflegeheimen be-
In einer mündlichen Befragung (an 200       Je nach Interesse kann der Nutzer ein        ziehen Schulklassen in eine Generatio-
Schulen) erhielten die Schulleitungen       Spektrum thematischer Schwerpunkte           nen übergreifende »Senioren-Schüler-
Gelegenheit, jene Beispiele auszuwäh-       anwählen, z. B. Schulsozialarbeit            Kooperation« ein, die auf vielfältige
len und zu thematisieren, die für die       (Jugendhilfe), Berufsvorbereitung,           Weise Chancen für soziales Lernen er-
Kooperationspraxis ihrer Schule bedeut-     Umweltbildung/Umwelterziehung,               möglicht: Besuche von Schülerinnen
sam sind, aber auch für andere Schulen      Gesundheitserziehung, Sexualerziehung,       und Schülern; Austausch von Lebenser-
von Interesse sein könnten. Im Mittel-      soziales Lernen, sprachliche Förderung       innerungen und authentischen Lebens-
punkt standen dabei nicht nur Informa-      (Lesekompetenz), musisch-kulturelle          geschichten sowie deren Einbindung in
tionen über die inhaltlich-konzeptionel-    Bildung, Sport/Bewegung, Mediener-           die Unterrichtsarbeit; Milieugestaltung
le Ausrichtung der Kooperation, die be-     ziehung/Medienkompetenz, Betreu-             (Einrichtung von Aufenthaltsräumen,


                                            24      DJI Bulletin 73 Winter 2005
                                           ment zuverlässsiger, professionell arbei-   Erfahrungen, was der Zwölfte Kinder-
                                           tender Kooperationspartner.                 und Jugendbericht der Schule vorhält.
                                              Wichtig ist ferner die Offenheit der
                                           außerschulischen Partner für die Belange       Wenn Schule sich öffnet …
                                           und Ziele der Schule sowie das Interesse,   Die Öffnung der Schule insgesamt
                                           im Sinne der ihnen anvertrauten Kinder      bringt eine kreative Unruhe mit sich, die
                                           und Jugendlichen gemeinsam tätig zu         von allen erst einmal gemeistert werden
                                           werden.                                     muss, beispielsweise vorhandene Berüh-
Wanddekorationen); Besuche und Vor-           Das Spektrum der Qualifikation auf       rungsängste in der Zusammenarbeit un-
führungen des Schulchores; Gestaltung      Seiten der Kooperationspartner muss         terschiedlicher Professionen zu überwin-
von Gymnastik- und Internetkursen für      sich sowohl auf fachliche als auch auf      den. Die Öffnung der Schule erhöht ei-
Senioren.                                  pädagogische Kompetenzen beziehen.          nerseits die Motivation für alle Beteilig-
                                           Die räumliche Nähe ist eine weitere         ten, sich auf neue Erfahrungen einzulas-
»Gesund und munter«                        Voraussetzung für das Gelingen einer        sen und aktiv neue Wege zu gehen, ande-
Krankenkassen und Gesundheits-Initia-      Partnerschaft.                              rerseits findet sie aber auch ihre Grenzen
tiven unterstützen die Schule bei ihren       Die Angebote müssen für die Schüle-      in der damit verbundenen Mehrbelas-
immer wichtiger werdenden Aktivitäten      rinnen und Schüler interessant sein.        tung von Kollegien und Schulleitungen.
zum Themenbereich »Gesundheit, Be-         Traut die Schule ihnen Verantwortung        Doch insgesamt profilieren sich Schulen
wegung, Ernährung«. Die Kinder erleben     zu, dann werden die Heranwachsenden         durch Öffnung und Zusammenarbeit
dabei Schule auch als einen Ort zum        von ihrer Seite aus auch Engagement         mit ihren Kooperationspartnern, was das
Wohlfühlen, der sie und ihre Eltern beim   zeigen.                                     Prestige bzw. den Ruf sowie die Attrakti-
Umgang mit ihrer Gesundheit (u. a. als                                                 vität der jeweiligen Schule in der Öffent-
eine wichtige Voraussetzung für erfolg-      Mit Partnern ist es zu schaffen           lichkeit steigern kann.
reiches Lernen) unterstützt.               Die Zusammenarbeit der Schule mit
                                           außerschulischen Partnern bekommt           Christine Preiß
»Jugend forscht«                           immer mehr Gewicht, und Ganztags-
Universitäten, Hochschulen und Fort-       schulen müssen ein umfassendes Ange-                    Projekt: Kooperation von Schule
bildungsakademien unterstützen die         bot an Bildung und Betreuung zuwege                     mit außerschulischen Akteuren.
Schule in Sachen Umwelt, Natur und         bringen, denn die Schule steht heute vor                Dokumentationsstrang (Daten-
Technik. Anhand eines Projektes zum        der Anforderung, ein breites Spektrum                   bank): Schule & Partner – Schuli-
Thema »Lebensraum Fluss« werden Ver-       an Kompetenzen zu vermitteln. Dafür                     sche Kooperationspraxis auf einen
                                                                                                   Klick (www.dji.de/schule-und-
änderungen am Ökosystem Fluss er-          aber muss Schule sich mehr öffnen.                      partner)
forscht und systematisch erfasst (Güte-    Ohne externe Partner kann sie diesem                    Forschungsstrang: Qualitative
daten des Wassers, Biologie und Chemie     Anspruch nicht nachkommen, insbeson-                    Analyse der Angebotsentwicklung
des Flusses, Fischfauna), ferner werden    dere wenn es darum geht, sozial gefähr-                 im Kontext der Kooperation mit
neben ökologischen auch ökonomische        dete sowie bildungsferne Kinder und                     außerschulischen Partnern und
                                                                                                   deren Wirkung auf beteiligte Per-
Aspekte untersucht wie Trinkwasser-        Jugendliche zu unterstützen bzw. zu                     sonen und Institutionen
gewinnung, Abwasserklärung, Nutzung        fördern.                                                Laufzeit: 01.03.2004–31.12.2006
der Wasserkraft sowie die Möglichkeiten       Die Öffnung der Schule birgt natür-                  Auftraggeber: Bundesministerium
der Freizeitgestaltung am Fluss.           lich Vor- und Nachteile. Schulleitung                   für Bildung und Forschung (BMBF)
                                           und Lehrkräfte müssen grundsätzlich die                 Methoden:
                                                                                                   Dokumentationsstrang (Daten-
Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus    Schultüren öffnen und außerschulischen                  bank): Schriftliche Erhebung an
dem Spektrum gegenwärtiger Koope-          Partnern Einblick gewähren. Schule wird                 1.000 Schulen; Befragung von
rationspraxis von Schulen. Die angeführ-   zwar dadurch automatisch einer sozialen                 Schulleitungen (bundesweit 200
ten Beispiele belegen, dass durch die      Kontrolle unterworfen, doch sie selbst                  Schulen), teilstandardisierte,
Zusammenarbeit mit außerschulischen        sowie die Schülerinnen und Schüler kön-                 leitfadengestützte Interviews
                                                                                                   Forschungsstrang: qualitative
Partnern innovative Gestaltungspoten-      nen dabei nur gewinnen, denn die Kom-                   Studie (19 Schulen); leitfadenge-
ziale erschlossen werden, die den Erwerb   plexität der Außenwelt findet somit                     stützte Interviews (Schulleiter,
von Kompetenzen bei den Schülerinnen       frühzeitig Eingang in den schulischen                   Lehrkräfte, Kooperationspartner,
und Schülern fördern.                      Raum. Kooperationspartner bringen                       Schülerinnen und Schüler)
                                           neue Ideen und Anregungen mit, ferner                   Durchführung:
                                                                                                   Datenbank: Andrea Behr-Heintze,
  Was Schulen brauchen                     neue Konzepte und Inhalte sowie neue                    Christine Preiß, Forschungsstrang:
Unerlässliche Bedingungen für das Ge-      Lernwelten und Lernmethoden, was die                    Dr. Jens Lipski, Nadine Pautz, Dr.
lingen sind (neben einer dauerhaften       pädagogische Qualität der Schule stei-                  Peter Wahler, Projektbetreuung:
finanziellen Absicherung) einerseits das   gern sowie die Leistungen der Schülerin-                Maren Isermann
Engagement von Schulleitung und Lehr-      nen und Schüler fördern kann. Schule                    Kontakt: Andrea Behr-Heintze,
                                                                                                   Tel. 089 623 06-207, E-Mail:
kräften sowie deren generelle Bereit-      verliert dadurch das Kennzeichen einer                  behr@dji.de (Datenbank); Dr. Jens
schaft zur Kooperation mit außerschuli-    vorrangig simulierten Lernwelt sowie                    Lipski, 089 623 06-230, E-Mail:
schen Partnern, andererseits das Engage-   eines Mangels an Ernstcharakter sozialer                lipski@dji.de (Forschungsstrang)



                                                   DJI Bulletin 73 Winter 2005   25
Berichte




Die Beteiligung der Jugend an Gesellschaft und Politik –
Ergebnisse aus dem DJI-Jugendsurvey


Engagement ja – Politik nein?

Der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht befasst sich mit den Bildungsprozessen                      verbunden sind Lernprozesse, die sich
außerhalb von Schule. Dazu gehört auch die Beteiligung der Jugend an Gesell-                      wiederum auf die Beteiligung an demo-
schaft und Politik. Ist aber die heutige Jugend nicht politikmüde geworden? Sind                  kratischen Strukturen und sozialen Net-
Mädchen und junge Frauen eher politikabstinent? Wie steht es mit dem Engage-                      zen auswirken. Jungen und junge Män-
ment in den Lernwelten der Vereine, Organisationen sowie beim ehrenamtlichen                      ner sind dabei stärker einbezogen als
Engagement? Erweitern unkonventionelle Beteiligungsformen die Bandbreite                          Mädchen und junge Frauen. Die gesell-
an Tätigkeiten gesellschaftlicher Teilnahme? Lassen die Aktivitäten in konven-                    schaftlichen Strukturen stützen nach wie
tionellen Organisationen nach und werden durch ein Engagement in neuen infor-                     vor Prozesse einer Trennung der Ge-
mellen Gruppierungen ersetzt? Lässt sich Benachteiligung durch zivilgesellschaft-                 schlechter. Ferner verbindet sich höhere
liche Integration kompensieren?                                                                   Bildung und Teilnahme am Erwerbsle-
   Der Jugendsurvey des DJI ist solchen Fragen nachgegangen, und der Zwölfte                      ben mit stärkerer Einbindung in die so-
Kinder- und Jugendbericht hat daraus Ergebnisse aufgegriffen.                                     zialen Netze der Vereine und Verbände.
                                                                                                  Der Ost-West-Vergleich verdeutlicht den
Die Mitgliedschaft und Mitarbeit in         solchen Organisationen beteiligt. Nur                 schwächeren Stellenwert dieser Organi-
traditionellen Organisationen, Vereinen     bei Gewerkschaften und Parteien ist ein               sationen in den neuen Bundesländern:
und Verbänden bieten für Jugendliche        Verlust von Mitgliedern festzustellen. Im             Die Gelegenheiten zu sozialer Teilhabe
und junge Erwachsene Möglichkeiten          Osten ist die Mitgliedschaftsquote im-                sind hier weniger vorhanden und werden
der Umsetzung ihrer Interessen sowie        mer noch deutlich niedriger als im Wes-               auch in geringerem Umfang genutzt als
der Kommunikation, der Vernetzung           ten. Befürchtungen einer generellen Ab-               in den alten Bundesländern.
und der Identitätsentwicklung. Nicht nur    wendung der jungen Generation von den
für die Heranwachsenden ist die Teil-       Vereinen und Verbänden finden jedoch                     Vielfältige Bereitschaft zu politischer
nahme an diesen Lernwelten unter dem        keine empirische Bestätigung.                            Aktivität
Aspekt sozialer Integration von Bedeu-                                                            Politik als Lebensbereich ist zwar für
tung, sondern auch für die Stabilität und        Bildungskapital und soziales Kapital             Jugendliche und junge Erwachsene deut-
Funktionsfähigkeit einer modernen                sind meist verkoppelt                            lich weniger wichtig als Freundeskreise,
Gesellschaft.                               Je höher das Bildungsniveau ist, desto                Familie, Schul- und Berufsausbildung
                                            stärker ist die Beteiligung in Vereinen,              sowie Arbeit und Beruf. Aber von nahe-
  Wer nimmt an außerschulischen             Verbänden und Organisationen. Damit                   zu allen jungen Menschen wird das
  Lernwelten teil?
Die Sportvereine führen eindeutig die
Skala an: Gut ein Drittel der Jugendli-     Politische Partizipation – Bereitschaft und Aktivitäten von 16- bis 29-Jährigen (in %)*
chen und jungen Erwachsenen sind hier
                                            Partizipation                                            Bereitschaft            bereits gemacht
Mitglieder – während bei Heimat- und
Bürgervereinen, Gewerkschaften, kirch-      konventionelle Partizipation
lichen Vereinen, Jugend- und Studenten-           Beteiligung an Wahlen**                                 95                        85
verbänden sowie bei sonstigen geselli-            Briefe an Politiker                                     31                         8
gen und kulturellen Vereinen jeweils              Spenden für politische Zwecke                           23                         7
                                                  (Leser-)Briefe zu polit. Themen an Medien               31                         7
maximal ein Zehntel der 16- bis 29-Jäh-
rigen Mitglied ist. Auch wenn die einzel-   unkonventionelle Partizipation
nen Vereine zumeist nur kleine Anteile            Beteiligung an Unterschriftensammlung                   80                        60
der jungen Bevölkerung ansprechen, er-            Teilnahme an genehmigter Demonstration                  60                        32
reichen sie doch insgesamt gesehen gut            Teilnahme an gewerkschaftlichem Streik                  41                         5
                                                  Teilnahme an nicht genehmigter Demonstr.                21                         7
die Hälfte der jungen Menschen als Mit-
glieder, von denen sich auch fast alle im   Quelle: DJI-Jugendsurvey 2003; Basis: 6.956 Befragte; gefördert vom BMFSFJ
verbandlichen Rahmen aktiv betätigen.
    Das Engagement in traditionellen        * Die Frage zur Bereitschaft lautete: »Angenommen, Sie möchten politisch in einer Sache, die Ihnen wich-
gesellschaftlichen Organisationen, Verei-      tig ist, Einfluss nehmen bzw. Ihren Standpunkt zur Geltung bringen. Welche der Möglichkeiten auf die-
                                               ser Liste kommen für Sie in Frage, und welche nicht?«
nen und Verbänden ist seit Beginn der          Die Frage zu Aktivitäten lautete: »Bitte gehen Sie alle Möglichkeiten nochmals durch. Was davon haben
1990er-Jahre relativ stabil: Nach wie vor      Sie schon gemacht, was davon haben Sie noch nicht gemacht?« Basis: alle Befragten 2003
ist etwa jeder zweite junge Mensch an       ** Für dieses Item wurden nur die 18- bis 29-Jährigen Deutschen berücksichtigt.



                                            26      DJI Bulletin 73 Winter 2005
Wählen als die wichtigste und selbst-        informellen Gruppierungen hängt mit           politischen Einflussnahme und ihren
verständlichste Form demokratischer          stärkerem Engagement in öffentlich-           politischen Rechten und Freiheiten nicht
Beteiligung angesehen: Bei der Bereit-       keitswirksamen Aktionen, z. B. Demon-         zufrieden. Fast die Hälfte von ihnen
schaft zur politischen Aktivität steht die   strationen, zusammen. Aber auch dieje-        bringt große Unzufriedenheit zum Aus-
Beteiligung an Wahlen mit Abstand an         nigen, die nicht aktiv sind, enthalten sich   druck. Von daher besteht im Verhältnis
erster Stelle. Die Mehrheit sieht außer-     nicht gänzlich ihrer Stimme, sondern          von Jugend und Politik sehr wohl ein
dem für sich weitere Möglichkeiten der       nehmen Formen der politischen Partizi-        Bedarf an Veränderung.
politischen Meinungsbekundung im             pation wahr, die jedoch weniger zeitauf-
öffentlichen Raum insbesondere durch         wendig sind, beispielsweise die Beteili-      Wolfgang Gaiser, Martina Gille,
Unterschriftensammlungen oder De-            gung an einer Unterschriftensammlung.         Johann de Rijke, Sabine Sardei-Biermann
monstrationen. Um politisch Einfluss zu          Die Beteiligung von Jugendlichen
nehmen, würde ein Drittel auch Briefe        und jungen Erwachsenen hängt auch von
oder Mails direkt an politisch Verant-       den sozialen Einbindungen ab: Ein poli-
wortliche, an Zeitungen, Hörfunk oder        tisch orientierter Freundeskreis sowie
Fernsehredaktionen schreiben. Eine           generell soziale Netzwerke gehen mit
aktive Mitarbeit in einer Partei oder die    einer stärkeren Beteiligung in eher tradi-
Übernahme eines politischen Amtes            tionellen Vereinen und Organisationen
können sich jedoch nur wenige junge          einher. Beteiligung hängt aber auch von
Menschen vorstellen. Parteiarbeit und        Einstellungen ab und hier spielt das po-
politische Ämter sind eher »Männer-          litische Interesse eine hervorgehobene
sache«; bei anderen gängigen Formen          Rolle sowohl bei politischer als auch bei
politischer Artikulation spielen dagegen     gesellschaftlicher Beteiligung, postmate-
Geschlechtsunterschiede keine Rolle.         rialistische Orientierungen dagegen nur
Politische Aktivitäten, mit denen die        bei politischer Beteiligung.                             Projekt: DJI-Jugendsurvey:
Grenzen der Legalität überschritten wer-                                                              Lebensverhältnisse, Wertorien-
den könnten, kommen selten vor und             Keine Verweigerung von jungen                          tierungen und gesellschaftliche
                                                                                                      und politische Beteiligung
werden eher von männlichen als von             Menschen, sich politisch und gesell-                   Laufzeit der dritten Welle:
weiblichen Jugendlichen bzw. jungen            schaftlich zu beteiligen                               Januar 2001 bis September 2006
Erwachsenen in Betracht gezogen              Eine generell zunehmende Verweigerung                    Auftraggeber: Bundesministerium
(s. Abb.)                                    der Beteiligung zeichnet sich nicht ab.                  für Familie, Senioren, Frauen und
                                             Politik im engeren Sinne wird von den                    Jugend (BMFSFJ)
                                                                                                      Methoden: Repräsentative Um-
  Engagement in informellen                  Heranwachsenden jedoch nicht als ein                     fragen in den Jahren 1992 und
  Gruppierungen                              zentrales Betätigungsfeld gesehen. Die                   1997 mit jeweils 7.000 deutschen
Informelle politische Gruppierungen,         gesellschaftliche und politische Beteili-                16- bis 29-Jährigen, 2003 mit ca.
die gesellschaftliche und ökologische        gung in der Lebensphase Jugend ist viel-                 7.000 16- bis 29-jährigen sowie mit
Probleme thematisieren und dabei Mit-        fältig. Die aktive Betätigung in traditio-               2.000 12- bis 15-jährigen deutschen
                                                                                                      und nicht-deutschen Befragten
tel öffentlichen Protests anwenden, ha-      nellen gesellschaftlichen Organisationen                 Durchführung: Dr. Wolfgang
ben bei den Heranwachsenden hohe             geht zwar partiell zurück (Gewerkschaf-                  Gaiser, Martina Gille (Projekt-
Anziehungskraft, insbesondere Umwelt-        ten, Parteien), steigt andererseits aber                 leitung), Johann de Rijke,
schutzinitiativen, Menschenrechtsgrup-       auch an (Sport, Lokales). Die Beteiligung                Dr. Sabine Sardei-Biermann
pen, Friedensinitiativen, Tierschutz-        in informellen Gruppierungen (Umwelt,                    Kontakt: Martina Gille, Tel.: 089
                                                                                                      623 06-127, E-Mail: gille@dji.de
initiativen, Stadtteilinitiativen. Dabei     Menschenrechte, Frieden, Tierschutz,                     Publikationen: Gaiser, W. / Gille,
sind die Mädchen und jungen Frauen in        Stadtteil) hat mittlerweile ein konstan-                 M. / de Rijke, J. / Sardei-Biermann,
diesen Gruppierungen zumindest eben-         tes Niveau erreicht und zeugt von der                    S. (2005): Zur Entwicklung der
so stark engagiert wie die Jungen und        Sympathie der jungen Menschen für                        Politischen Kultur bei deutschen
jungen Männer. Im Ost-West-Vergleich         unkonventionelle, flexible und selbst-                   Jugendlichen in West- und Ost-
                                                                                                      deutschland. Ergebnisse des DJI-
finden sich keine Unterschiede, denn es      bestimmte Formen der Aktivität, denn                     Jugendsurvey von 1992 bis 2003.
herrschen nahezu die gleichen Einstel-       die freieren Formen des Engagements                      In: Merkens, H. / Zinnecker, J.
lungs- und Aktivitätsmuster vor. Die         erweitern das Spektrum der Aktivitäten                   (Hrsg.): Jahrbuch Jugendforschung
Vielfalt der Themen und Beteiligungs-        und Möglichkeiten. Diese unkonventio-                    5. Ausgabe 2005. Opladen,
formen ermöglicht es, je nach Alter, Le-     nelle Beteiligung geht dabei nicht auf                   S. 161–198
                                                                                                      Gille, M. / Sardei-Biermann, S. /
bensphase und Lebenslage spezifische         Kosten ihres Engagements in eher kon-                    Gaiser, W. de Rijke, J. (2006): Ju-
Gelegenheiten der Teilnahme zu nutzen.       ventionellen Formen der Beteiligung.                     gendliche und junge Erwachsene
Allerdings bringt Arbeitslosigkeit eine         Anhand der Ergebnisse des DJI-                        in Deutschland. Lebensverhältnis-
geringere Beteiligung mit sich.              Jugendsurvey finden sich keine Anzei-                    se, Werte und gesellschaftliche
                                             chen für einen Rückzug der jungen Men-                   Beteiligung. DJI-Jugendsurvey 3.
                                                                                                      Wiesbaden
  Wechselseitige Zusammenhänge               schen aus zivilgesellschaftlichen Zusam-
  von Beteiligungsformen                     menhängen. Dennoch sind die jungen                       Siehe auch die Homepage
Die Aktivität in politisch orientierten      Menschen mit ihren Möglichkeiten zur                     www.dji.de/jugendsurvey



                                                     DJI Bulletin 73 Winter 2005      27
Berichte




»Lokale Bildungslandschaften« – ein neuer Weg, Benachteiligung entgegenzuwirken


Bildung als kommunale Aufgabe

Der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht fordert ein besseres Zusammenspiel von
Jugendhilfe und Schule. Die Angebote und Leistungen sollen aufeinander abge-
stimmt und miteinander verzahnt werden, um allen Kindern und Jugendlichen
eine umfassende und ertragreiche Bildung zu ermöglichen sowie Heranwachsen-
de in benachteiligten Verhältnissen und schwierigen Lebenssituationen optimal
zu fördern. Das Zusammenspiel von Jugendhilfe und Schule kann von der Kom-
mune organisiert und gesteuert werden.
   Das DJI-Projekt »Lokale Bildungslandschaften« sucht nach Möglichkeiten der
Gestaltung sowie nach modellhaften Ansätzen und Beispielen der Kooperation
von Jugendhilfe und Schule auf kommunaler Ebene.

  Ausgangspunkt: Die Bildungsbio-           unterschiedlicher sozialer Gruppen so-
  grafie von Kindern und Jugendlichen       wie in unterschiedlichen Stadtteilen und
Bildungsprozesse von Kindern und Ju-        Quartieren. Ziel ist es, die Angebote und
gendlichen verlaufen in einem stetigen      Leistungen von Schule und Jugendhilfe
Wechsel zwischen vielfältigen Bildungs-     im kommunalen Raum zu einem Ge-
orten und Lernwelten. Dabei werden          samtkonzept für Bildung und Soziale
Unterschiede in Bezug auf Geschlecht,       Arbeit zusammenzuführen. Hierbei bie-
soziale Lage und kulturelle Herkunft        tet es sich an, »lokale Bildungsland-
sichtbar.                                   schaften« in die Wege zu leiten und zu
– Welche Bildungsangebote nutzen            gestalten. Eine Kooperation von Jugend-
   Kinder und Jugendliche auf welche        hilfe, Schule und anderen Akteuren vor
   Weise?                                   Ort (durch die Kommune initiiert und
– Welche Qualität haben die von ihnen       gesteuert) bricht dann den engen Zusam-
   genutzten Angebote?                      menhang von sozialer Lage und Bil-
– Welche Gruppen werden von nutz-           dungserfolg auf.
   bringenden und anregenden Ange-
   boten ausgeschlossen?                         Ein neuer Weg für die Kommunen?
– Was leisten Schule und Jugendhilfe        Viele Kommunen gehen bereits neue
   (gemeinsam), um soziale Benachteili-     Wege, Jugendhilfe und Schule mehr auf-      – Ämter und politische Gremien wer-
   gung zu vermeiden?                       einander zu beziehen und sie als ge-           den zusammengelegt;
Eine vorhandene Bildungsungleichheit        meinsame Bestandteile einer öffentli-       – Ansätze und Formen einer integrier-
wird verstärkt, wenn Kinder und             chen Infrastruktur für Kinder und Ju-          ten Schulentwicklungs- und Jugend-
Jugendliche                                 gendliche zu fassen. Damit weitet sich         hilfeplanung werden entworfen und
– Angebote nicht erreichen können,          der Blick von einer (nur) bilateralen Ko-      umgesetzt.
– in ihrem Stadtteil keine entsprechen-     operation zwischen Jugendhilfe und          Das derzeit laufende Projekt »Lokale
   den Angebote vorfinden,                  Schule zu einem Zusammenspiel von           Bildungslandschaften« nimmt aktuelle
– bestehende Angebote nicht sinnvoll        vielfältigen Einrichtungen und Trägern      Entwicklungen in den Blick und ver-
   nutzen (können),                         der Bildung sowie der Sozialen Arbeit       sucht, unterschiedliche Strategien sicht-
– keine Zugänge von Seiten ihrer            im kommunalen Raum.                         bar zu machen sowie modellhafte Ansät-
   Familien bekommen.                          Wie aber kann kommunale Politik          ze und Beispiele zu dokumentieren.
Schulversagen und Schulabbrüche sind        und Verwaltung lokale Bildungs-
nicht selten drastische Folgen von prekä-   landschaften entwickeln und steuern?          Bildung in der Stadt
ren Bildungsverläufen sowie von fehlen-     Für die Kommunen kommen dabei un-           Mit dem Aufbau und der Gestaltung von
den institutionellen Unterstützungslei-     terschiedliche Ansätze und Wege in Be-      lokalen Bildungslandschaften reagieren
stungen und Hilfen. Kommunale Bil-          tracht:                                     Kommunen auf fachliche Entwicklungen
dungs- und Sozialpolitik kann diesem        – Kommunale Schulverwaltungs- und           und politische Herausforderungen:
Problem entgegenwirken und gezielte            Jugendämter sowie Schul- und             – Das Reformprojekt Ganztagsschule
Maßnahmen entwickeln. Grundlage dafür          Jugendhilfeausschüsse arbeiten zu-          basiert zu großen Teilen auf der Ko-
sind empirische Daten zur Bildungs-            sammen;                                     operation von Jugendhilfe und Schu-
situation von Kindern und Jugendlichen                                                     le. Ganztagsschulen bzw. ganztägige


                                            28      DJI Bulletin 73 Winter 2005
                                             Konzept erfolgreich sein, müssen sich
                                             auch Schulen vermehrt an stadtteil-
                                             bezogenen Formen der Kooperation
                                             von Institutionen der Bildung und der
                                             Sozialen Arbeit beteiligen.
                                          – Kinder und Jugendliche brauchen
                                             kinder- und jugendfreundliche Städte,
                                             die auch ihrem Eigensinn und ihren
                                             Interessen gerecht werden. Sollen
                                             Städte förderliche Bedingungen für
  Bildungsangebote für Kinder und Ju-        das Aufwachsen schaffen sowie
  gendliche werden in den meisten Bun-       Bildungsräume für Kinder und Ju-          Projekt: Lokale Bildungs-
  desländern durch eine Kooperation          gendliche anbieten, dann müssen           landschaften
                                                                                       Laufzeit: April 2005–Juni 2006
  von Jugendhilfe und Schule gestaltet.      Kommunen Bildungsplanung auch
                                                                                       Auftraggeber: Bundesministerium
  Wie finden Schulen geeignete Ange-         als einen Teil von Stadtentwicklung       für Familie, Senioren, Frauen und
  bote der Jugendhilfe? Wie erfahren         begreifen. Jugendhilfe und Schule         Jugend (BMFSFJ)
  Einrichtungen und Träger der Jugend-       können dabei mitwirken, kinder- und       Methoden: Interviews;
  hilfe, welche Schulen ihr Angebot gut      jugendfreundliche Städte entstehen        Dokumentenrecherche
                                                                                       Durchführung: Anna Harder,
  gebrauchen könnten? Neue Koordina-         zu lassen, wenn sie ihre Angebote
                                                                                       Judith Kelö, Dr. Wolfgang Mack,
  tionsanforderungen entstehen, dabei        und Leistungen als einen Beitrag für      Katharina Wach
  sind Schulentwicklungsplanung und          den Bildungsraum Stadt gestalten.         Kontakt: Dr. Wolfgang Mack,
  Jugendhilfeplanung in neuer Weise       Eine Verbindung der Angebote von             Tel.: 089 623 06-108, E-Mail:
  aufeinander abzustimmen.                Jugendhilfe und Schule im kommunalen         mack@dji.de
                                                                                       Publikationen: Mack, W. /
– In der Kinder- und Jugendhilfe hat      Raum stellt für Kinder, Jugendliche und
                                                                                       Schroeder, J.: Schule und lokale
  das Konzept der Sozialraumorientie-     deren Eltern eine tragfähige und fördern-    Bildungspolitik. In: Kessl, F. /
  rung den Blick für die Bedingungen      de Infrastruktur für Bildung, Freizeit und   Reutlinger, Ch. / Maurer, S. / Frey,
  des Aufwachsens von Kindern und         soziale Dienstleistung her. Dabei kön-       O. (Hrsg.) Handbuch Sozialraum.
  Jugendlichen geschärft. Mit diesem      nen Kommunen wichtige bildungs- und          Wiesbaden 2005. Mack, W.:
                                                                                       Formen und Orte der Bildung. In:
  Konzept wird eine stärker am Sozial-    sozialpolitische Impulse setzen. Der Ver-
                                                                                       Liebich, H. / Marx, J. / Zacharias, W.
  raum orientierte Kooperation und        such lohnt sich.                             (Hrsg): Bildung in der Stadt –
  Vernetzung der Angebote und Ein-                                                     Kooperativ Kreativ Kommunal.
  richtungen angestrebt. Soll dieses      Wolfgang Mack                                München 2005, S. 116–121



                                                  DJI Bulletin 73 Winter 2005    29
Kurz informiert



Aktuelles

DJI-Online-Thema des Monats Januar 2006:           konnte sich der DISKURS 15 Jahre lang – mit           Oswald begutachtet. Der wissenschaftliche
Der 12. Kinder- und Jugendbericht                  insgesamt 35 Ausgaben – bei seinen Leserinnen         Vortrag hatte das Thema »Soziale Dimensio-
Der Bericht analysiert die Bedürfnisse von Kin-    und Lesern behaupten. Das DJI kann aber die           nen des Ethnischen in interethnischen Bezie-
dern und Jugendlichen im Bereich Bildung, Be-      erheblichen Personal- und Sachkosten für              hungen«. Die venia legendi lautet Soziologie.
treuung und Erziehung und betrachtet vor           Redaktion, Druck und Vertrieb künftig nicht
diesem Hintergrund alle daran beteiligten In-      mehr tragen.                                          Susanne Stempinski
stanzen. Er betont, dass es eine gesamtgesell-         An dieser Stelle sei den internen und exter-      wurde vom Kallmeyer Verlag in den Redak-
schaftliche Verantwortung für das Aufwach-         nen Herausgeberinnen und Herausgebern so-             tionsbeirat der Tagespflege-Fachzeitschrift
sen von Kindern gibt. Diese muss gemeinsam         wie den in- und ausländischen Autorinnen und          »ZeT« berufen.
von Eltern, von der Politik sowie den Handeln-     Autoren für ihr professionelles Engagement
den in den Institutionen der Betreuung, Erzie-     herzlich gedankt und – last but not least – den       Dr. Franziska Wächter
hung und Bildung wahrgenommen werden.              Abonnentinnen und Abonnenten sowie den                hat seit 01.01.2006 die Professur für Soziologie
www.dji.de/thema/0601                              vielen Leserinnen und Lesern für ihr anhalten-        an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingol-
                                                   des Interesse und ihre Loyalität.                     stadt / Fachbereich Soziale Arbeit (zur halben
DJI-Online-Thema des Monats Februar                    Erfreulicherweise gibt es jedoch bereits ein      Stelle) inne.
2006: Informelles Lernen                           realistisches Revival: Der DISKURS wird ab März
Die traditionellen Institutionen der Wissensver-   2006 in Trägerschaft und Regie des Verlegers          PD Dr. Klaus Wahl
mittlung sind durch die Ergebnisse der PISA-       Edmund Budrich (Leverkusen) in neuer Gestalt          wurde am 20. Februar 2006 von der Ludwig-
Studie in die Diskussion geraten. Bildungsplaner   und Namensgebung sowie unter einem ver-               Maximilians-Universität München der Titel
nehmen immer mehr außerschulische, infor-          jüngten inter-disziplinären Herausgeberkreis als      »außerplanmäßiger Professor« verliehen.
melle Lernorte in den Blick, denn auch vor,        »Diskurs Kindheits- und Jugendforschung«
neben und nach der Schule erwerben junge           wieder aufleben. Im Auftrag des DJI gestalten
Menschen unterschiedliche Fähigkeiten und          derzeit PD Dr. Sibylle Hübner-Funk und PD Dr.         Internationales
Fertigkeiten, die sie für ein selbstbestimmtes     Klaus Wahl den »Brückenschlag« zur Zukunft
und sozial verantwortliches Leben brauchen.        dieser Zeitschrift, die viermal pro Jahr erschei-
www.dji.de/thema/0602                              nen wird. Nähere Informationen erhalten Sie           »Sozial-politische Partizipation junger
                                                   unter www.budrich-verlag.de und                       Menschen am demokratischen Prozess«
DJI-Online-Thema des Monats März 2006:             www.barbara-budrich.net.                              Fachseminar des DJI zusammen mit dem
Kindesvernachlässigung – früh erkennen,                                                                  »Ivan Hadjiyski« Institute of Social Values
früh helfen                                                                                              and Structures (ISWS) und mit Unterstüt-
Kindesvernachlässigung stellt in Deutschland                                                             zung der Friedrich-Ebert-Stiftung,
die Mehrzahl der Fälle von Gefährdung dar. Im      Personelles                                           Sofia/Bulgarien, 17.–20.11.2005
Vergleich zu körperlichen Kindesmisshandlun-                                                             Auf diesem Seminar referierten folgende Kol-
gen zeichnet sich Vernachlässigung insgesamt                                                             leginnen und Kollegen aus dem DJI: Dr. Franzis-
häufiger durch einen schleichenden Verlauf         Dr. Jürgen Barthelmes                                 ka Wächter (»Jugendliche Partizipation auf EU-
aus, bei dem sich Beeinträchtigungen der kind-     wurde in die Jury des Deutschen Jugendhilfe-          Ebene«), Dr. Wolfgang Gaiser (»Politische Parti-
lichen Entwicklung erst allmählich zeigen. Poli-   preises 2006 / Hermine-Albers-Preis berufen.          zipation Jugendlicher«), Claudia Zinser (»Ge-
tik, Wissenschaft und Praxis sprechen sich des-                                                          schlechtsspezifische und innovative Formen der
halb dafür aus, Frühwarnsysteme einzurichten       Prof. Dr. Karl Martin Bolte                           Partizipation«) und Dr. René Bendit (»Soziale
sowie präventive Maßnahmen aufzubauen,             feierte am 29.11.2005 seinen 80. Geburtstag,          und politische Partizipation jugendlicher Mig-
um schwerwiegende Beeinträchtigungen und           zu dem ihm die Redaktion des Bulletins im Na-         rantInnen im vereinten Deutschland«). Das
Todesfälle gefährdeter Kinder zu vermeiden.        men der Kolleginnen und Kollegen des DJI herz-        Seminar wurde von Dr. René Bendit (DJI) und
www.dji.de/thema/0603                              lich gratulieren möchte. Über viele Jahre hin-        Prof. Petar-Emil Mitev (ISWS) moderiert sowie
                                                   weg war Herr Bolte Mitglied des Vereins und           von Atanas Matev (ISWS), Dr. Pentscho
Das DJI stellt den DISKURS ein                     des Kuratoriums. Er hat in den »Kindheits- und        Hubtschev (Friedrich-Ebert Stiftung) sowie Dr.
Angesichts der knappen öffentlichen Kassen ist     Jugendjahren des DJI« (1970er- und 1980er-            René Bendit organisiert und koordiniert.
auch das DJI gezwungen, in erheblichem Maße        Jahre) die Geschicke des Institutes mit viel En-
Kosten einzusparen. Aus diesem Grund musste        gagement und Sachverstand mitgestaltet.               COST A19 »Children’s Welfare«,
Ende 2005 der DISKURS eingestellt werden.          Dafür sei ihm nochmals Dank gesagt. Durch die         Freising, 18.–20.11.2005
Sein letztes Heft, das im November 2005 er-        unmittelbare Zusammenarbeit zwischen dem              Dr. Karin Jurczyk als Mitglied der deutschen
schien, zeigt unter dem Titel »Perspektiven-       Sonderforschungsbereich der Universität Mün-          Expertengruppe (neben Dr. Helga Zeiher und
wechsel international« neue Ansätze der Fami-      chen, dessen Sprecher Herr Bolte war, und             Prof. Dr. Thomas Olk) war die lokal Verantwort-
lien-, Kindheits- und Jugendforschung auf. In      dem DJI flossen vielfältige Anregungen in die         liche für das zweite Jahrestreffen von Forsche-
den 15 Jahren hat der DISKURS erfolgreich          inhaltlich-thematische Arbeit des Institutes ein.     rinnen und Forschern aus 15 EU-Ländern des
ausgewählte Resultate sozialwissenschaftlicher                                                           Forschungsnetzwerks COST A19 zum Thema
Forschung zu aktuellen Fragen der Kindheit,        PD Dr. Andreas Lange                                  »Childhood Policy in Europe«. Aufgrund dieser
Jugend und Familie in Deutschland (und gele-       wurde in den Forschungsbeirat des Österreichi-        Schwerpunktsetzung referierten zudem als
gentlich auch Europa) informativ und illustriert   schen Instituts für Jugendforschung berufen.          geladene Gäste hochrangige Personen an der
d. h. leserfreundlich präsentiert. Nacheinander                                                          Schnittstelle von Politik, Praxis und Wissenschaft:
haben PD Dr. Klaus Wahl als Gründer des            Dr. Peter Rieker                                      Tess Noonan (Euronet), Peter Fisch (CORDIS/EU),
DISKURS sowie Dr. Wolfgang Gaiser, Richard         hat sich am 16. Dezember 2005 am Fachbe-              Prof. Dr. Lothar Krappmann (Unicef committee)
Rathgeber und Hans Lösch als hauptamtliche         reich Erziehungs- und Sozialwissenschaften der        und Mona Sandbaek (Council of Europe). Von
Redakteure, sowie Stephanie Vontz als Lekto-       Universität Hildesheim habilitiert. Die Habilitati-   Seiten des DJI begrüßte PD Dr. Klaus Wahl die
rin, den DISKURS auf hohem Niveau gestaltet.       onsschrift trägt den Titel »Abweichung und            Gäste; Dr. Christian Alt und PD Dr. Andreas Lange
Die redaktionell und ästhetisch ansprechende       Aushandlung – Kindliche Auffälligkeit im Kon-         gaben einen Überblick über die Kindheitsfor-
Machart dieser Fachzeitschrift fand viel Aner-     text ihrer familialen Bearbeitung« und wurde          schung am DJI, Dr. Karin Jurczyk disputierte
kennung von Wissenschaft, Praxis und Politik.      von Frau Prof. Dr. Christel Hopf, Herrn Prof. Dr.     über das fragwürdige Konstrukt der »Quali-
Allen Unkenrufen von Verlegern zum Trotz           Thomas Ohlemacher und Herrn Prof. Dr. Hans            tätszeit« als Zeitretter für Kinder und Eltern.



                                                   30     DJI Bulletin 73 Winter 2005
Tagungen                                                                                              Publikationen



Rückblick

Zweiter Ganztagsschulkongress des                    »Bildung, Betreuung und Erziehung vor
Bundesministeriums für Bildung und For-              und neben der Schule«
schung (BMBF) und der Deutschen Kinder-              AGJ-Fachtagung zum 12. Kinder- und
und Jugendstiftung, Berlin, 02./03.09.2005           Jugendbericht, Berlin, 17./18.11.2005
Der Zweite Ganztagsschulkongress war dem             Bei dieser Fachtagung wurden wichtige Ergeb-
Thema »Individuelle Förderung« gewidmet. Die         nisse des Zwölften Kinder- und Jugendberich-
Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten die            tes vorgestellt. Der Vorsitzende der Sachver-
Möglichkeit, sich in Arbeits- und Regionalforen      ständigenkommission, Prof. Dr. Thomas
mit nationalen sowie internationalen Experten        Rauschenbach, sowie weitere Mitglieder (Ilsa
und Expertinnen aus Theorie und Praxis über          Diller-Murschall, Martina Liebe) erläuterten
ihre Erfahrungen im Aufbau und in der Umset-         Kernpunkte und Aussagen sowie daraus resul-
zung von Ganztagsschule auszutauschen.               tierende aktuelle Fragestellungen einer künf-
    Das DJI-Projekt »Kooperation von Schule          tigen Gesamtkonzeption von Angeboten der
mit außerschulischen Akteuren« war mit fol-          Bildung, Betreuung und Erziehung. Dr. Peter
genden Aktivitäten vertreten: Im Rahmenpro-          Fricke erläuterte die Stellungnahme der
                                                                                                      DISKURS 3/04
gramm des Kongresses präsentierten Andrea            Bundesregierung zum Zwölften Kinder- und
Behr-Heintze und Christine Preiß zum ersten          Jugendbericht. In zwei Plenen und in acht Ar-
Mal der Öffentlichkeit die Datenbank »Schule         beitsgruppen fand ein fachpolitischer Diskurs    Thema: Perspektivenwechsel international
& Partner – schulische Kooperationspraxis auf        statt. Von Seiten des DJI bzw. Forschungsver-    – Neue Ansätze der Familien-, Kindheits-
einen Klick«. Nadine Pautz stellte erste Ergeb-      bunds DJI und Universität Dortmund waren an      und Jugendforschung
nisse der qualitativen Studie vor. Am Beispiel       der Durchführung dieser Fachtagung als Refe-
von drei Schul-Typen wurde die Spannweite            rentinnen und Referenten bzw. als Modera-        Familie
individueller Förderangebote aufgezeigt (ins-        torinnen und Moderatoren tätig: Dr. Jürgen       Kerry Daly
besondere der Unterrichtsbezug, Lebenswelt-          Barthelmes, Dr. Hans Rudolf Leu, Dr. Wolfgang    »Negative spaces« in family theory. Using
bezug sowie der Stellenwert der Zusammenar-          Mack, Dr. Matthias Schilling, Dr. Heinz-Jürgen   culture as a lens
beit mit außerschulischen Akteuren).                 Stolz, Kornelia Schneider und Anne Zehnbauer.
                                                                                                      Martina Beham, Lieselotte Wilk, Ulrike Zartler,
»Wirkungsorientierte Evaluation –                    Arbeitsmarktintegration PLUS – Vernet-           Renate Kränzl-Nagl
ein neues Wundermittel?«                             zung von Hilfen. Kommunale Strategien            Wenn Eltern sich trennen. Bewältigungs-
Tagung des DJI und des Instituts für Sozial-         zur Förderung von Alleinerziehenden              strategien aus Kinder- und Partnersicht
arbeit und Sozialpädagogik (ISS) in Koope-           Abschlusstagung des Kooperationspro-             Julia Brannen
ration mit dem Arbeitskreis Soziale Dienstleis-      jekts »Armutsprävention bei Alleinerzie-         Familienleben aus kindlicher Perspektive.
tungen der Deutschen Gesellschaft für Eva-           henden« des Deutschen Jugendinstitutes           Ein britisches Projekt zur Verbreitung von
luation (DeGEval), Göttingen, 14./15.11.2005         und der Stadt Nürnberg, Bündnis für Fami-        Forschungsergebnissen durch Video
Im Zentrum dieser Tagung standen folgende            lie, Nürnberg, Haus Eckstein 28.11.2005
Fragen: Was ist im Feld der Kinder- und Jugend-      Im Mittelpunkt dieser Tagung standen Bilanz      Kindheit
hilfe unter Wirkungen zu verstehen? Welche           und Perspektiven des praxisorientierten For-
Antworten kann Evaluation bieten? Wie wer-           schungsprojektes sowie die Diskussion über das   Margaret Carr
den Wirkungsevaluationen mit Steuerungs-             erarbeitete Handlungskonzept zur Förderung       Wechsel des Blickwinkels. Ein soziokulturelles
prozessen verknüpft? Welchen Nutzen haben            der Arbeitsmarktintegration Alleinerziehender.   Curriculum und die Erforschung der frühen
Wirkungsevaluationen aus Sicht der Auftrag-          Prof. Dr. Thomas Rauschenbach skizzierte den     Kindheit in Neuseeland
geber und Beteiligten? In Zeiten knapper Kas-        Beitrag von Sozialberichterstattung zur Ent-     Elly Singer, Dorian de Haan
sen werden Aussagen zu Wirksamkeit und Ef-           wicklung politischer Handlungskonzepte. Wolf-    »Zusammen machen«: Gemeinsamkeit her-
fektivität zu wichtigen Argumenten. Wolfgang         gang Erler und Dorit Sterzing vom DJI gaben      stellen und Konflikte lösen. Beobachtungen aus
Beywl und Dr. Christian Lüders beleuchteten          einen Überblick zu den vier zentralen Hand-      der niederländischen Kleinkindbetreuung
die damit verbundenen Herausforderungen an           lungsfeldern, die sich zu einem integrierten
Evaluationen aus demokratietheoretischer und         Handlungskonzept zusammenfügen lassen, um        Tom Erik Arnkil
fachlicher Sicht. Unterschiedliche Konzepte zur      die hohen Hürden überwindbar zu machen:          Institutionelle Barrieren inter-subjektiv über-
Beobachtung von Wirkungen in Evaluationen            Arbeitsberatung und Arbeitsvermittlung, Quali-   winden. Sorgenbezogene dialogische Verfah-
wurden vorgestellt von Michael Macsenaere            fizierungswege, flexible Kinderbetreuung und     ren in der Frühintervention Finnlands
(quasi-experimentelles Design), Jan Hense            niedrigschwellige Angebote in Stadtteilen. Die
(theoriebasierte Evaluation), Karin Haubrich         Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Praxis,       Jugend
(Cluster-Evaluation) und Willy Klawe (ethnogra-      Politik und Wissenschaft hatten Gelegenheit,     Katharine D. Kelly, Tullio C. Caputo
phische Evaluation). Jürgen Boeckh nahm die          Erfahrungen und Ergebnisse aus dem Bereich       »Straßenjugend« als Risikogruppe. Ein Über-
»Risiken und Nebenwirkungen« des »Wunder-            der Qualifizierung im Rahmen von Teilzeitaus-    blick zu den Forschungen im englischsprachigen
mittels« Wirkungsevaluation in den Blick. Über       bildung (Frau Anny Hachmann vom RE/init e. V.    Kanada
Erfahrungen mit unterschiedlichen Zugängen           Recklinghausen) sowie des EQUAL-Projekts
zur Beobachtung von Wirkungen im Kontext             Sprungbrett, Teilprojekt »Beratung für Bera-     René Bendit, Kerstin Hein, Andy Biggart
von Planung und Steuerung berichteten Michael        tende« (Frau Friederike Hohloch) kennen zu       Delayed and negotiated autonomy. Domestic
Macsenaere (EVAS), Michael Köhler und Carsten        lernen sowie Perspektiven der eigenen Arbeit     emancipation of young Europeans
Bückner (Controlling und Evaluation im Jugend-       im Bereich der Arbeitsmarktintegration Allein-   Torild Hammer, Helen Russell
amt) sowie Ulrich Deinet (Wirksamkeitsdialog         erziehender auszutauschen.                       What are unemployed young Europeans up to?
NRW). Weitere Informationen zu den Vorträgen:                                                         A comparative analysis of gender-specific
www.dji.de/evaluation unter »Tagungen« bzw.                                                           differences in employment commitment
www.iss-ffm.de. Eine Internet-Publikation zum
Thema Wirkungsevaluation des Projektes                                                                (Siehe auch unter »Kurz informiert«:
»Strategien und Konzepte externer Evaluation                                                          Das DJI stellt den DISKURS ein)
in der Kinder- und Jugendhilfe (eXe)« ist geplant.



                                                              DJI Bulletin 73 Winter 2005      31
Publikationen




Aufsätze von Autorinnen und Autoren des DJI

   Christian Alt, Markus Teubner, Ursula              Wolfgang Gaiser, Martina Gille, Johann de            Hans Rudolf Leu
Winklhofer                                         Rijke, Sabine Sardei-Biermann                        Bildungs- und Lerngeschichten –
Familie und Schule - Übungsfelder der De-          Politik und Jugend – eine reformbedürftige           ein Beitrag zur Arbeit im Verbund
mokratie                                           Beziehung                                            In: Eva Hammes-Di Bernardo, Sabine Heben-
In: APuZ – Aus Politik und Zeitgeschichte, 15,     In: Das Parlament, 55, 44/31.10.2005, S. 2           streit-Müller (Hrsg.): Innovationsprojekt Früh-
41/2005, S. 24–31                                  Zur Entwicklung der politischen Kultur bei           pädagogik. Hohengehren 2005, S. 44–56
                                                   deutschen Jugendlichen in West- und Ost-             Lerndispositionen als Gegenstand von
   Christian Alt, Angelika Traub                   deutschland                                          Beobachtung
Chancen und Risiken beim Aufwachsen                In: Hans Merkens, Jürgen Zinnecker (Hrsg.):          In: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Guck mal!
von Kindern. Erste Ergebnisse aus dem              Jahrbuch Jugendforschung (5. Ausg.). Wies-           Bildungsprozesse des Kindes beobachten und
Kinderpanel                                        baden 2005, S. 163–198                               dokumentieren. Gütersloh 2005, S. 66–78
In: Forum Jugendhilfe, 15, 2/2005, S. 65–69
                                                      Nora Gaupp, Tilly Lex, Hartmut Mittag,               Wolfgang Mack
   Jürgen Barthelmes                               Birgit Reißig                                        Wenn Bildung gelingen soll. Das Bildungs-
Bildung, Betreuung und Erziehung vor               Kompetenzagenturen der arbeitswelt-                  konzept des Zwölften Kinder- und Jugend-
und neben der Schule – Der 12. Kinder- und         bezogenen Jugendsozialarbeit                         berichts fordert ein neues Zusammenspiel
Jugendbericht                                      In: Bundesministerium für Bildung und Forschung      von Jugendhilfe und Schule
In: Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, 6/     (Hrsg.): Berufliche Qualifizierung Jugendlicher      In: Sozialextra, 30, 2/2006, S. 22–25
2005, S. 25–33                                     mit besonderem Förderbedarf – Benachteilig-
                                                   tenförderung. Berlin 2005, S. 250–254                   Wolfgang Mack, Joachim Schroeder
   Tanja Betz                                                                                           Schule und lokale Bildungspolitik
Ungleiche Kindheit. Ein (erziehungswis-               Cathleen Grunert, Ivo Züchner, Heinz-             In: F. Kessl, Ch. Reutlinger, S. Maurer, O. Frey
senschaftlicher) Blick auf die Verschrän-          Hermann Krüger, Thomas Rauschenbach                  (Hrsg.): Handbuch Sozialraum. Wiesbaden
kung von Herkunft und Bildung                      Der Preis des Erfolgs? Hauptfach-Pädago-             2005, S. 337–353
In: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und   gen und -Pädagoginnen im Beruf
Sozialisation (ZSE), 26, 1/2006, S. 52–68          In: Ulrich Teichler, Rudolf Tippelt (Hrsg.): Hoch-      Andrea Michel, Cortina Gentner
                                                   schullandschaft im Wandel, Zeitschrift für           Bildungsinfrastruktur oder: Wege die
   Dr. Walter Bien, Richard Rathgeber              Pädagogik, 50. Beiheft, Weinheim/Basel 2005,         Schule im Dorf zu lassen
Die Längsschnittforschung am Deutschen             S. 116–135                                           In: Kongress-Reader: Inter-aktion-zukunft:
Jugendinstitut                                                                                          Kultur Bildung Technik. Zukunftskongress
In: Gerd Grözinger, Wenzel Matiaske (Hrsg.):          Anita Heiliger                                    Magdeburg. Magdeburg 2005, S 40–45
Deutschland regional. Mering 2005                  Männliche Jugendliche mit Migrations-
                                                   hintergrund am Beispiel von Muslimen                    Thomas Rauschenbach
   Frank Braun                                     In: Deutsche Jugend, 16, 1/2006, S. 19–26            Ausbildung/Ausbildungen (S. 107–113)
Schulabsentismus, Delinquenz und Strate-           Täterprävention bei sexuellem Missbrauch             Praktikum (S. 659–660)
gien der Jugendsozialarbeit. Ein Überblick         und sexueller Gewalt unter Kindern und               Soziale Berufe (S. 801–806)
über Fachdiskussion und Forschungs-                Jugendlichen                                         In: Dieter Kreft, Ingrid Mielenz (Hrsg.): Wörter-
ergebnisse                                         In: Deutsche Jugend, 15, 9/2005, S. 381–390          buch Soziale Arbeit, Weinheim/München 2005
In: Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und                                                             Bildung, Erziehung und Betreuung in der
Jugendhilfe, 15, 2/2005, S. 130–136                   Karin Jurczyk                                     offenen Ganztagsschule. Schlussfolgerun-
                                                   Alltägliche Zeitkonflikte aus soziologischer         gen aus einem Jahr offene Ganztagsschule
   Frank Braun, Tilly Lex                          Sicht                                                In: Institut für soziale Arbeit (Hrsg.): ISA-Jahr-
Strategien zur beruflichen Integration             In: Ulrich Mückenberger, Siegfried Timpf             buch zur sozialen Arbeit 2005, Münster, S. 68–86
junger Menschen mit schlechten Start-              (Hrsg.): Bremen 2030, eine zeitgerechte Stadt.       Ehrenamt
chancen. Fragen und Einschätzungen aus             Bremen 2005, S. 84–88                                In: Hans-Uwe Otto, Hans Thiersch (Hrsg.):
der Perspektive der Jugendforschung                Familiäre Kindertagesbetreuung auf dem               Handbuch Sozialarbeit –Sozialpädagogik.
In: In um über Oberbayern, 1/2005, S. 3–5          Weg in die Zukunft. Anspruch und Wirk-               München/Basel 2005, S. 344–360
Schwierige Wege von der Schule in die              lichkeit                                             Erzieherinnen in neuer Höhenlage. Unbe-
Arbeitswelt                                        In: Landesvereinigung NRW für Kinderbetreu-          absichtigte Nebenwirkungen einer beab-
In: Megaphon, 2/2005, S. 1–5                       ung in Tagespflege, Meerbusch 2005, S. 9–20          sichtigten Ausbildungsreform
                                                   Familie – Arbeit – Entgrenzung                       In: Erziehungswissenschaft, 16, 31/2005,
   Kirsten Bruhns                                  In: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialfor-         S. 18–35
Bildung ist mehr als Aneignung von                 schung, 2, 2/2005, S. 90–99                          Freiwilligendienste – wer hat was vom FSJ?
Wissen. Der Zwölfte Kinder- und Jugend-                                                                 In: Hessisches Sozialministerium (Hrsg.): 40 Jah-
bericht der Bundesregierung                           Andreas Lange, Barbara Brandl                     re Freiwilliges Soziales Jahr in Hessen. Wiesba-
In: politik und kultur. Zeitung des Deutschen      Riskante und chancenreiche Jugend.                   den, S. 25–44
Kulturrats, 06/2005, S. 7                          Entgrenzungen des Sozialen und die Not-              Jugend – ein blinder Fleck der Politik? He-
Der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht:             wendigkeit einer »DiskursBildungsPolitik«            rausforderungen für ein Zukunftsprojekt
Bildung, Betreuung und Erziehung in der            In: Das Baugerüst, 57, 4/2005, S. 28–38              In: Internationaler Bund (Hrsg.): Chance zum
frühesten Kindheit                                                                                      Aufbruch. Frankfurt am Main 2005, S. 16–25
In: KiTa Kinder Tageseinrichtungen aktuell, 11/       Andreas Lange, Peggy Szymenderski                 Krisensemantik: Soziale Arbeit – die feh-
2005, S. 220–221                                   Ich konsumiere, also bin ich                         lende Seite der Bildung
                                                   In: Meike Baader u. a. (Hrsg.): Schüler 2005:        In: Neue Praxis, 35, 3/2005, S. 231–237
   Hans Gängler, Thomas Rauschenbach               Auf der Suche nach Sinn. Seelze 2005, S. 50–53
Professionalisierung der sozialen Arbeit
In: Deutscher Verein für öffentliche und private
Fürsorge (Hrsg.): Forum für Sozialreform. 125
Jahre Deutscher Verein für öffentliche und
private Fürsorge. Berlin 2005, S. 469–539

                                                   32     DJI Bulletin 73 Winter 2005
Schule und bürgerliches Engagement –                    Jutta Stich
zwei getrennte Welten? Anmerkungen zu                Annäherungen an sexuelle Beziehungen.
einer schwierigen Beziehung                          Empirische Befunde zu Erfahrungs- und
In: Bundes Netzwerk Bürgerschaftliches Enga-         Lernprozessen von Jungen
gement (BBE) (Hrsg.): Bürgerschaftliches Enga-       In: Vera King, Karin Flaake (Hrsg.): Männliche
gement als Bildungsziel (in) der Schule. Berlin      Adoleszenz – Sozialisation und Bildungs-
2005, S. 13–20                                       prozesse zwischen Kindheit und Erwachsen-
                                                     sein. Frankfurt/New York 2005, S. 163–181
   Thomas Rauschenbach, Ivo Züchner
Soziale Berufe                                          Gerlinde Struhkamp
In: Hans-Uwe Otto, Hans Thiersch (Hrsg.):            Evaluation in Germany: An Overview
Handbuch Sozialarbeit –Sozialpädagogik.              In: Journal of MultiDisciplinary Evaluation,
München/Basel 2005, S. 1649–1667                     3/2005, S. 180–194. Download möglich unter:
Ausbildungsstandards im Lichte des                   http://evaluation.wmich.edu/jmde/
Arbeitsmarkts – Anforderungen an die                 JMDE_Num003.html
                                                                                                        Neue DJI-Publikationen
Reform erziehungswissenschaftlicher
Studiengänge                                            Claus J. Tully                                  www.dji.de/veroeffentlichungen
In: Ingrid Gogolin u.a. (Hrsg.): Standards und       Außenansicht – Technik als Spielerei               Bezug nur über den Buchhandel!
Standardisierungen in der Erziehungswissen-          In: Süddeutsche Zeitung, 14.1.2006, S. 2
schaft. Wiesbaden 2005, S. 153–174                   Jugend und MOBILität                                 Claus J. Tully (Hrsg.)
                                                     In: Gerd Michelsen, Jasmin Godemann (Hrsg.):       Lernen in flexibilisierten Welten
   Thomas Rauschenbach, Rudolf Tippelt, Horst        Handbuch Nachhaltigkeitskommunikation –            Wie sich das Lernen der Jugend verändert
Weishaupt, Ivo Züchner                               Grundlagen und Praxis. München 2005,               Weinheim und München: Juventa Verlag 2006
Erziehungswissenschaft im Fächervergleich            S. 219–230                                         256 S., 22,– c
In: Ulrich Teichler, Rudolf Tippelt (Hrsg.): Hoch-   Lernen im Nebenjob                                 ISBN 3-7799-1743-2
schullandschaft im Wandel, 50. Beiheft der           In: Thomas Rauschenbach, Wiebken Düx, Erich
Zeitschrift für Pädagogik, Weinheim/Basel            Sass (Hrsg.): Informelles Lernen im Jugendalter.   Lernprozesse sind heute durch einen hohen
2005, S. 136–155                                     Weinheim/München 2005, S.155–172                   Grad der »Informalisierung« gekennzeichnet,
                                                                                                        nicht zuletzt durch die Mediatisierung und Fle-
   Birgit Reißig, Nora Gaupp, Tilly Lex                 Claus J. Tully, Claudia Zerle                   xibilisierung sozialer Bezüge. Dies ist für die
Hoffnungen und Ängste – Jugendliche aus              HANDY und jugendliche Alltagswelt                  Jugendforschung von Bedeutung, denn der
Zuwandererfamilien an der Schwelle zur               In: Medien und Erziehung, 15, 3/2005, S. 11–17     Jugendalltag kann insgesamt als lernintensiv
Arbeitswelt. Längsschnittstudie zum Über-                                                               bezeichnet werden. Die veränderten Lernan-
gang Schule-Beruf                                       Franziska Wächter                               forderungen beinhalten neue Herausforderun-
In: IG Metall Vorstand FB Sozialpolitik (Hrsg):      Schwierigkeiten mit der europäischen               gen. Die Forschung versucht, passende Be-
Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit: Neue          Identität                                          zeichnungen für einen Wandel der Lernkultur
Strategien und Instrumente für benachteiligte        In: Das Parlament, 55, 44/31.10.2005               zu finden (z. B. selbst gesteuertes, informelles
Gruppen. Frankfurt am Main 2005                                                                         oder lebenslanges Lernen), doch die Verbin-
                                                        Klaus Wahl                                      dung von Diagnose, Analyse und praktisch-
   Ekkehard Sander, Andreas Lange                    Gegenstrategien in der Jugendhilfe                 pädagogischer Umsetzung bleibt aus. Dieser
Der Medienbiographische Ansatz                       In: Stefan Wink, Georges Rotink (Hrsg.):           Band behandelt drei Themenbereiche: Die Dy-
In: Lothar Mikos, Claudia Wegener (Hrsg.):           Rechtsorientierte Jugendliche. Brauchen wir        namisierung der Gesellschaft als Auslöser von
Qualitative Medienforschung. Ein Handbuch.           (neue) Gegenstrategien? Institut für Sozial-       Informalisierung, die Lernwelten in und neben
Konstanz 2005, S. 115–140                            pädagogische Forschung Mainz (ism). Mainz          der Schule sowie die Grenzen und Probleme
                                                     2005, S. 112–120                                   des Lernens in einer flexibilisierten Gesellschaft.
   Kornelia Schneider                                                                                   Mit dem allgemeinen Trend zur Informalisie-
Frühe Bildung und Bildungsdokumenta-                                                                    rung geht ein wachsender Anteil von eigen-
tion: Voneinander lernen – internationale                                                               initiativem Lernen einher, also ein Lernen ne-
Erfahrungen und Ansätze in Deutschland                                                                  ben der Schule. Die Beiträge in diesem Buch
In: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Guck mal!                                                             greifen die neuen Formen des Lernens in und
Bildungsprozesse des Kindes beobachten und                                                              neben der Schule auf. Beispiele dafür liefern
dokumentieren. Gütersloh 2005, S. 50–65                                                                 die Bildungszugänge per Internetnutzung, die
                                                                                                        bezahlte Nachhilfe, das durch Interesse gesteu-
   Kornelia Schneider, Norbert Huhn                                                                     erte Lernen von Kindern, aber auch die partizi-
Guck mal – Wie wir Konflikte unter Kindern                                                              pativen Lernprozesse, die zum Teil in informel-
lesen können                                                                                            len Settings des freiwilligen Engagements an-
In: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Guck mal!                                                             gesiedelt sind.
Bildungsprozesse des Kindes beobachten und
dokumentieren. Gütersloh 2005, S. 116–122

   Susanne Stempinski
Mahlzeiten inbegriffen? Wie wird das Essens-
geld in der Tagespflege berücksichtigt?
In: Zeitschrift für Tagesmütter und -väter, 6/
2005, S.10–12




                                                               DJI Bulletin 73 Winter 2005        33
                                                               Lernen: informell
                                                               Projekte und Publikationen des DJI zu den Themenbereich



                                                                                     Jugendforschung / Kinder- und
                                                                                     Jugendhilfeforschung

                                                                                        Thomas Rauschenbach, Wiebken Düx,
                                                                                     Erich Sass (Hrsg.)
                                                                                     Informelles Lernen im Jugendalter.
                                                                                     Vernachlässigte Dimensionen der
                                                                                     Bildungsdebatte
                                                                                     Beiträge zur Kinder- und Jugendhilfeforschung.
   Thomas Rauschenbach, Wiebken Düx,                                                 Weinheim, München 2006
Erich Sass (Hrsg.)
Informelles Lernen im Jugendalter                                                      Claus J. Tully (Hrsg):
Vernachlässigte Dimensionen der Bildungs-                                            Lernen in flexibilisierten Welten. Wie sich
debatte                                                                              das Lernen der Jugend verändert.
Weinheim und München: Juventa Verlag 2006                                            Jugendforschung
272 S., 22,– c                                                                       Weinheim, München 2006
ISBN 3-7799-1115-9

Wie und wo erwerben junge Menschen Erfah-                                            Nationaler Bildungsbericht
rungen und Kompetenzen, die für ein selbst-
bestimmtes und sozial verantwortliches Leben                                           Thomas Rauschenbach, Hans Rudolf Leu,
notwendig sind? Diese Kernfrage ist richtung-                                        Sabine Lingenauber, Wolfgang Mack, Matthias
weisend für die Zukunftsfähigkeit einer Gesell-                                      Schilling, Kornelia Schneider, Ivo Züchner
schaft sowie für die Möglichkeiten der Lebens-                                       Non-formale und informelle Bildung im
gestaltung des Einzelnen. In Deutschland sind                                        Kindes- und Jugendalter. Konzeptionelle
auf Grund der Ergebnisse der PISA-Studie die                                         Grundlagen für einen Nationalen
bisherigen Lernformen und Lernleistungen der                                         Bildungsbericht
Schule mehr und mehr in die Kritik geraten.                                          BMBF Bildungsreform Band 6. Berlin 2004
Dadurch hat das Interesse an außerschulischen,
informellen Lernmöglichkeiten und Lernorten                                             Hans Rudolf Leu
deutlich zugenommen. So ist der Begriff »Infor-                                      Zur Konzipierung non-formaler und
melles Lernen« seit kurzer Zeit in aller Munde,                                      informeller Bildung in einem Nationalen
doch hierzu gibt es in Deutschland bisher nur                                        Bildungsbericht
wenig Forschung. Mit dem vorliegenden Sam-                                           In: Fitzner, Th. / Schlag, Th. / Lallinger, M.W.
melband wird der diffuse Begriff des informel-                                       (Hrsg.): Ganztagsschule, Ganztagsbildung. Poli-
len Lernens etwas deutlicher konturiert sowie                                        tik – Pädagogik – Kooperation. Bad Boll: edition
ein Überblick über den aktuellen Stand der                                           akademie 2005, S. 360–376
wissenschaftlichen Diskussion und Forschung
zum Thema gegeben. Des Weiteren werden
außerschulische Lernorte und Lernkontexte
                                                                                     Kinder
Jugendlicher wie Familie, Gleichaltrigen-Grup-
pen, Nebenjobs und Medien in den Blick ge-
                                                                                     Bildungs- und Lerngeschichten
nommen, ferner empirische Befunde zu infor-
mellen Lernprozessen Jugendlicher im freiwilli-
                                                                                        Hans Rudolf Leu
gen Engagement vorgestellt. Dabei zeichnet
                                                                                     Bildungs- und Lerngeschichten. Ein Weg
sich für die Zukunft eine neue pluralistische
                                                                                     zur Qualifizierung des Bildungsauftrags
Lern- und Bildungskultur ab, in der Schule ihr
                                                                                     im Elementarbereich
Bildungsmonopol verlieren könnte.
                                                                                     In: DISKURS 2/2002, S. 19–25

                                                                                        Hans Rudolf Leu
                                                                                     Bildungs- und Lerngeschichten –
                                                                                     ein Beitrag zur Arbeit im Verbund
                                                                                     In: Hammes di Bernardo, E. / Hebenstreit-
                                                                                     Müller, S. (Hrsg.): Innovationsprojekt Früh-
                                                                                     pädagogik. Professionalität im Verbund von
                                                                                     Praxis, Forschung, Aus- und Weiterbildung.
                                                                                     Hohengehren 2005, S. 44–56




                                                  34   DJI Bulletin 73 Winter 2005
en »Informelles Lernen« sowie »Lernen in informellen Prozessen, Situationen und Kontexten«



           Corina Wustmann, Regina Remsperger               Jugend                                                Claus J. Tully (Hrsg.)
        Bildungs- und Lerngeschichten – ein                                                                     Verändertes Lernen in modernen techni-
        Beobachtungs- und Dokumentations-                   Informelle Lernprozesse im Jugendalter in           sierten Welten. Organisierter und infor-
        verfahren in bundesweiter Erprobung                 Settings des freiwilligen Engagements               meller Kompetenzerwerb Jugendlicher
        In: KiTa aktuell MO, 15, 4 /2005, S. 85–90                                                              Wiesbaden 2004
                                                               Wiebken Düx
           Projektzeitung                                   »Aber so richtig für das Leben lernt man               Claus J. Tully, Claudia Zerle
        Bildungs- und Lerngeschichten. Wissen-              eher bei der freiwilligen Arbeit.« Zum              HANDY und jugendliche Alltagswelt
        schaft – Politik – Praxis                           Kompetenzgewinn Jugendlicher im frei-               In: Medien und Erziehung, 15, 3/2005, S. 11–17
        1, 2005. Deutsches Jugendinstitut München           willigen Engagement
                                                            In: Rauschenbach, Th. / Düx, W. / Sass, Erich         Peter Wahler, Claus J. Tully, Christine Preiß
        Lebenswelten als Lernwelten                         (Hrsg.): Informelles Lernen im Jugendalter. Ver-    Jugendliche in neuen Lernwelten. Selbst-
                                                            nachlässigte Dimensionen der Bildungsdebatte.       organisierte Bildung jenseits institutionel-
           Maria Furtner-Kallmünzer, Alfred Hössl,          Weinheim, München 2006, S. 205–240                  ler Qualifizierung
        Dirk Janke, Doris Kellermann, Jens Lipski                                                               Wiesbaden 2004
        In der Freizeit für das Leben lernen                   Wiebken Düx, Erich Sass
        Eine Studie zu den Interessen von Schul-            Lernen in informellen Kontexten.                    Jugendsurvey
        kindern. DJI Verlag München 2002                    Lernpotenziale in Settings des freiwilligen
                                                            Engagements                                           Martina Gille, Sabine Sardei-Biermann,
           Jens Lipski                                      In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 8, 3,   Wolfgang Gaiser, Johann de Rijke
        Für das Leben lernen – aber wo? Anmer-              2005, S. 394–411                                    Jugendliche und junge Erwachsene in
        kungen zum Verhältnis von informellem                                                                   Deutschland. Lebensverhältnisse, Werte
        und schulischem Lernen                                 Wiebken Düx, Erich Sass                          und gesellschaftliche Beteiligung
        In: »Projekt Lebenswelten als Lernwelten«           Macht Engagement schlau? Oder engagie-              DJI-Jugendsurvey 3
        (Hrsg.): Projektheft 2: Informelles Lernen in der   ren sich die Schlauen?                              Wiesbaden 2006
        Freizeit. Erste Ergebnisse des Projekts »Lebens-    In: Hessische Jugend 57, 4, 2005, S. 10–12
        welten als Lernwelten«, Deutsches Jugend-                                                               Junge Erwachsene
        institut, München 2000, S. 43–51                       Erich Sass                                       Kompetenznachweis Lernen im sozialen
                                                            »Schule ist ja mehr Theorie …« Lernen im            Umfeld
           Jens Lipski                                      freiwilligen Engagement und in der Schule           Ziel des Projektes ist, ein Instrument zu entwi-
        Für das Leben lernen: Was, wie und wo?              aus der Sicht freiwillig engagierter Jugend-        ckeln, das informell erworbene Kompetenzen
        Umrisse einer neuen Lernkultur                      licher                                              sichtbar, bewusst und für das Individuum nutz-
        In: Beatrice Hungerland, Bernd Overwien             In: Rauschenbach, Th. / Düx, W. / Sass, Erich       bar macht. Das entwickelte Instrument liegt ab
        (Hrsg.): Kompetenzentwicklung im Wandel.            (Hrsg.): Informelles Lernen im Jugendalter. Ver-    Juli 2006 in gedruckter sowie in einer elektroni-
        Auf dem Weg zu einer informellen Lernkultur?        nachlässigte Dimensionen der Bildungsdebatte,       schen Version vor.
        Wiesbaden 2004. S. 257–273                          Weinheim, München 2006, S. 241–270                  Informationen: gerzer@dji.de, reupold@dji.de

           Jens Lipski                                      Jugendliche in neuen Lernwelten                     Informal Competencies and their
        Wie kann Schule an das Freizeitlernen von                                                               Validation (ICOVET)
        Kindern und Jugendlichen anknüpfen?                   Claus J. Tully
        In: Schüler 2006 Jahresheft (Friedrich Verlag       Lernen in der Informationsgesellschaft.               Günther Schaub
        Seelze)                                             Informelle Bildung durch Computer und               Der Stellenwert des informellen Lernens
                                                            Medien                                              bei der berufsorientierten Kompetenzfest-
        Wie entdecken Kinder das Internet /                 Wiesbaden 1994                                      stellung für benachteiligte Jugendliche
        Lernen mit dem Internet                                                                                 DJI-Arbeitspapier. 2005
                                                               Claus J. Tully
          Christine Feil, Regina Decker, Christoph          Kompetenzerwerb durch informelle
        Gieger                                              Lernkultur                                          Geschlechterforschung und
        Wie entdecken Kinder das Internet. Beob-            In: Hungerland, B. / Overwien, B. (Hrsg.):          Frauenpolitik
        achtungen bei 5- bis 12-jährigen Kindern            Kompetenzentwicklung im Wandel. Wies-
        Wiesbaden 2004                                      baden 2004. S. 27–50                                Biografisch relevante Kompetenzgewinne
                                                                                                                durch Übernahme von Verantwortung in
                                                               Claus J. Tully                                   außerschulischen Erfahrungswelten
                                                            Jugend und MOBILität
                                                            In: Michelsen, G. / Godemann, J. (Hrsg.): Hand-        Waltraut Cornelißen, Karen Blanke
                                                            buch Nachhaltigkeitskommunikation – Grund-          Zeitverwendung von Jungen und
                                                            lagen und Praxis. München 2005, S. 219–230          Mädchen
                                                                                                                In: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Alltag in
                                                                                                                Deutschland. Analysen zur Zeitverwendung.
                                                                                                                Forum der Bundesstatistik, Bd. 43. Wiesbaden
                                                                                                                2004, S. 160–174



                                                                      DJI Bulletin 73 Winter 2005         35
Publikationen




Sachverständigenkommission Zwölfter Kinder-          Hans-Günther Roßbach                              Band 4
und Jugendbericht (Hrsg.)                            Effekte qualitativ guter Betreuung, Bildung       Kooperationen zwischen Jugendhilfe und
Materialien zum Zwölften Kinder- und                 und Erziehung im frühen Kindesalter auf Kin-      Schule
Jugendbericht                                        der und ihre Familien                             298 S., 25,– c
4 Bände                                              Ursula Neumann                                    ISBN: 3-87966-444-7
München: Verlag Deutsches Jugendinstitut             Kindertagesangebote für unter sechsjährige        Inhalt:
2005                                                 Kinder mit Migrationshintergrund                  Thomas Olk
Bezug: über den Buchhandel oder direkt beim          Joachim Heinrich, Berthold Koletzko               Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schule
VS Verlag für Sozialwissenschaften,                  Kinderkrippen und Kindergesundheit                Silvia-Iris Beutel
Fax: 0611 7878-420;                                                                                    Reformschulen als Ganztagsschulen
E-Mail: petra.schunath@gwv-fachverlage.de            Band 2                                            Konzepte, Erfahrungen, Perspektiven
                                                     Entwicklungspotenziale institutioneller           Joachim Merchel
Das Thema des Zwölften Kinder- und Jugend-           Angebote im Elementarbereich                      Strukturveränderungen in der Kinder- und
berichts – »Bildung, Betreuung und Erziehung         270 S., 22,– c                                    Jugendhilfe durch die Ausweitung von
vor und neben der Schule« – bestimmt auch die        ISBN: 3-87966-442-0                               Ganztagsangeboten für Schulkinder
Konzeption der vier von der Sachverständigen-        Inhalt:                                           Hans-Peter Füssel, Johannes Münder
kommission herausgegebenen Expertisenbän-            Peer Pasternack, Arne Schildberg                  Das Verhältnis von Jugendhilfe und Schule
de. So folgen die Texte (ausschließlich von ihren    Die finanziellen Auswirkungen einer Anhebung      unter rechtlicher Perspektive
Autorinnen und Autoren verantwortet) in ihren        der ErzieherInnen-Ausbildung
inhaltlichen Zuschnitten den Schwerpunktset-         Ursula Rabe-Kleberg
zungen, die die Kommission der Bearbeitung           Feminisierung der Erziehung von Kindern.
des Berichtsauftrags zugrunde gelegt hat: Ei-        Chancen oder Gefahren für die Bildungs-
nerseits werden Lern- und Aneignungspro-             prozesse von Mädchen und Jungen?
zesse von Kindern und Jugendlichen im früh-          Kathrin Bock-Famulla
kindlichen Alter sowie im Schulalter behandelt,      Finanzierungsansätze zur Steuerung vorschu-
andererseits die Angebote und Leistungen des         lischer Bildung, Erziehung und Betreuung in
Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungssystems         Kindertageseinrichtungen
für die Heranwachsenden sowie deren Famili-          Franziska Larrá                                    Aktuelle Informationen
en. Die Beiträge bieten einen Überblick zum          Ansätze zur Steuerung pädagogischer Qualität       zu KomDat Jugendhilfe
aktuellen Forschungsstand in unterschiedlichen       in vorschulischen Einrichtungen
Themenfeldern. Sie stellen darüber hinaus teil-                                                         Dem Bulletin 73 im Abonnement liegt eine
weise schwer zugängliche Daten sowie Infor-          Band 3                                             Ausgabe von KomDat Jugendhilfe (3/2005) bei.
mationen zusammen und bearbeiten Frage-              Kompetenzerwerb von Kindern und                    Mit diesem Informationsdienst verfolgt die
stellungen, die quer zu disziplinären Gliederun-     Jugendlichen im Schulalter                         Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik
gen und vorherrschenden fachlichen bzw. wis-         390 S., 25,– c                                     Dortmund (AKJStat) das Ziel, aktuell über Ent-
senschaftlichen Diskursen liegen. Dies gilt insbe-   ISBN: 3-87966-443-9                                wicklungen der Kinder- und Jugendhilfe so-
sondere für Forschungsergebnisse und Er-             Inhalt:                                            wie deren statistische bzw. empirische Erfas-
kenntnisse zur außerschulischen Bildung und          Cathleen Grunert                                   sung zu informieren.
ihre Einordnung in den Kontext der Kinder- und       Kompetenzerwerb von Kindern und Jugend-            Das im April 2006 erscheinende Heft (1/2006)
Jugendhilfe sowie für das Zusammendenken             lichen in außerunterrichtlichen Sozialisations-    analysiert u. a. die Beschäftigungssituation
von Bildung, Betreuung und Erziehung.                feldern                                            von Akademikerinnen und Akademikern in
                                                     Werner Helsper, Merle Hummrich                     Kindertageseinrichtungen, zieht eine Bilanz
Band 1                                               Erfolg und Scheitern in der Schulkarriere: Aus-    für die Vollzeitpflege als familienersetzende
Bildung, Betreuung und Erziehung von                 maß, Erklärungen, biografische Auswirkungen        Hilfe zur Erziehung nach 15 Jahren SGB VIII
Kindern unter sechs Jahren                           und Reformvorschläge                               und stellt die aktuellen Ergebnisse des
278 S., 22,– c                                       Helga Theunert                                     Wirksamkeitsdialogs zur Offenen Kinder- und
ISBN: 3-87966-441-2                                  Medien als Orte informellen Lernens im Prozess     Jugendarbeit in Nordrhein-Westfalen vor.
Inhalt:                                              des Heranwachsens                                  Die aktuelle sowie die folgenden Ausgaben
Lieselotte Ahnert                                    Ingrid Gogolin                                     von KomDat können kostenfrei als Druck-
Entwicklungspsychologische Erfordernisse bei         Kinder und Jugendliche mit Migrationshinter-       version oder PDF-Datei via E-Mail
der Gestaltung von Betreuungs- und Bildungs-         grund: Herausforderungen für Schule und au-        (komdat@fb12.uni-dortmund.de) oder
angeboten im Kleinkind- und Vorschulalter            ßerschulische Bildungsinstanzen                    Fax (02 31) 755-55 59 bestellt werden.



                                                     36     DJI Bulletin 73 Winter 2005

				
DOCUMENT INFO
Shared By:
Categories:
Tags:
Stats:
views:220
posted:7/2/2010
language:German
pages:40