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Beteiligung von Kindern - Seite

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									        Beteiligung von Kindern –
        Schlüssel zur Bildung und Demokratie


     Evelyne Höhme-Serke                               dafür entscheiden, ihre pädagogische Praxis
                                                       im Hinblick auf eine stärkere Beteiligung der
     Die Beteiligung von Kindern erfordert von         Kinder zu verändern, brauchen sie die Mög-
     Erzieherinnen eine Veränderung der pädago-        lichkeit der Reflexion ihrer pädagogischen
     gischen Praxis. Denn es ist keinesfalls selbst-   Praxis und des fachlichen Austauschs.
     verständlich, dass Kinder sich an der Gestal-     Denn im Arbeitsalltag, der von ständig wech-
     tung des täglichen Zusammenlebens beteili-        selnden Anforderungen bestimmt ist, ist es
     gen und ihre eigenen Bildungsprozesse mit-        notwendig, ab und zu innezuhalten und darü-
     bestimmen.                                        ber nachzudenken: Wo stehen wir? Was läuft
     Mit dem Projekt „Demokratie leben in Kinder-      gut? Wo sehen wir Veränderungsbedarf? An
     garten und Schule“ 1 in Eberswalde sind die       welchen Stellen wollen wir uns weiterent-
     Erzieherinnen von drei Kindertagesstätten         wickeln? Die Erzieherinnen müssen in einen
     seit zweieinhalb Jahren dabei, ihre pädagogi-     fachlichen Diskurs miteinander gehen, sich
     sche Praxis auf den Prüfstand zu stellen und      mit neuen Erkenntnissen in der Pädagogik
     sich zu fragen: Wie und wo erfahren Kinder        beschäftigen, sich mit ihrem Bild vom Kind
     Demokratie im Alltag unserer Kita? Welche         auseinander setzen und sich über pädagogi-
     Pädagogik brauchen wir, damit die Kinder          sche Ziele verständigen. Im Projekt „Demo-
     demokratische Prinzipien erfahren?                kratie leben“ tun wir dies in Teambesprechun-
     Wir gehen davon aus, dass die Kita ein Mikro-     gen und Workshops. Obwohl es (manchmal
     kosmos der Gesellschaft ist; das heißt, die       zusätzlich) Zeit und Energie kostet, empfin-
     gesellschaftlichen Verhältnisse spiegeln sich     den die Erzieherinnen diese Möglichkeit als
     in jeder Kita wider. Eine zentrale Frage in       wohltuend und Gewinn bringend.
     unserem Projekt ist: Welche Erfahrungen           Um dies alles zu bewerkstelligen, brauchen
     müssen Kinder machen, um zu Bürgerinnen           Pädagoginnen externe Begleitung, eine Per-
     und Bürgern heranzuwachsen, die das demo-         son, die sie in ihrem Auseinandersetzungs-
     kratische Zusammenleben in dieser Gesell-         prozess unterstützt. Nach unseren Erfahrun-
     schaft als besonders wertvoll schätzen und es     gen ist es wichtig, dass eine außenstehende
     für sich und andere nutzen können?                Person den Gedankenaustausch im Team
                                                       moderiert. Diese Person sieht außerdem aus
     Ausgehend von den Erfahrungen des Pro-            der Distanz heraus Dinge, die man selbst
     jekts möchte ich aufzeigen, welche Heraus-        noch nicht oder nicht mehr wahrgenommen
     forderungen es für Erzieherinnen bedeutet,        hat. Wie alle Berufsgruppen brauchen die
     Kinder zu beteiligen, und was die Erzieherin-     Erzieherinnen auch Anregungen von außen,
     nen dazu brauchen. Wenn Erzieherinnen sich        jemanden, die/der mit Fragen zu neuen Fra-



36      BETEILIGUNG VON KINDERN –
gen anregt und neue fachliche Impulse ein-        die Verschiedenheit der einzelnen Betei-
bringt.                                           ligten, die verschiedenen Kompetenzen,
                                                  die unterschiedlichen Erfahrungen und
Diese Begleitung muss selbstverständlich          Kenntnisse sichtbar zu machen und aus-
partizipativ arbeiten. Denn um Kinder zu          zuhandeln, stehen wir in einem fort-
beteiligen, brauchen Pädagoginnen selbst          währenden Dialog miteinander. Unter-
eigene Erfahrungen mit Partizipation.             schiede betrachten wir nicht als Hürde,
                                                  sondern als eine Bereicherung. Je größer
Wir haben im Projekt einmal zusammengetra-        die Perspektivenvielfalt, umso größer ist
gen, was Demokratie im Erleben der Kinder in      die Chance, Sachverhalte und Situationen
der Kindertagesstätte bedeutet. Kinder erfah-     umfassend zu verstehen und zu verän-
ren:                                              dern.
– Meine Gefühle und meine Meinungen sind        • Selbstbestimmung. Wir gehen davon
   wichtig.                                       aus, dass die Interessen und die Bereit-
– Ich werde beachtet und geachtet.                schaft der aktiven Beteiligung am Projekt
– Auf mich kommt es an.                           sehr unterschiedlich ausgeprägt sind.
– Ich gehöre dazu. Ich bin nicht allein.          Jede Beteiligte bestimmt für sich selbst, in
– Ich bestimme mit. Ich habe Einfluss auf         welcher Weise und Intensität sie sich ein-
   das, was um mich herum passiert.               bringt.
– Ich trage Verantwortung gegenüber ande-       • Verantwortung. Gleichzeitig ist uns
   ren.                                           bewusst, dass alles, was wir tun und las-
– Ich werde nicht beschämt.                       sen, sich auf das gesamte Gefüge aus-
– Ich werde geschützt.                            wirkt. Selbstbestimmung ist nicht ohne
                                                  Verantwortung für das ganze System zu
Eine Voraussetzung dafür, Kindern diese           denken. Alle Beteiligten tragen bei ihren
Erfahrungen zu vermitteln, ist selbst zu          Entscheidungen und Handlungen dafür
spüren, „wie es sich anfühlt“, ernst genom-       Sorge, dass andere sie nachvollziehen
men zu werden und Einfluss auf die Entwick-       und überprüfen können. Auch hierfür ist es
lungen zu haben. Man kann immer am besten         wichtig, in einem fortwährenden Dialog
weiter vermitteln, was man selbst erfahren        miteinander zu stehen.
hat.                                            • Kompetenzorientierung. Üblicherweise
Die folgenden Prinzipien unserer Projektar-       sind wir es gewohnt, uns an den Defiziten
beit machen deutlich, was Demokratie im           zu orientieren, in erster Linie wahrzuneh-
Umgang miteinander bedeutet:                      men, was fehlt, wo etwas nicht gut läuft,
• Gleichberechtigung und Vielfalt. Alle           wer etwas nicht besonders gut kann usw.
    Beteiligten haben das Recht, mit ihren        Dies ist in der Regel destruktiv, weil das
    Sichtweisen und Entscheidungen die Ent-       Selbstvertrauen und in der Folge die Krea-
    wicklung des Projekts mitzugestalten. Um      tivität darunter leiden. Im Projekt greifen



                                                           BETEILIGUNG VON KINDERN –             37
       wir deshalb zuerst das auf, was schon vor-     unbändigen Willen zum Lernen ausgestattet
       handen ist, was es schon an guter Praxis       sind. Bildung ist ein aktiver Prozess der
       gibt. Wir richten unsere Aufmerksamkeit        Aneignung von Welt. In dem Sinne können
       auf die Stärken und besonderen Fähigkei-       Kinder nicht gebildet werden, sondern sie bil-
       ten, die die Erzieherinnen einbringen. Auf     den sich selbst. Für die Erzieherin haben
       diese Weise haben wir schon wertvolle          diese Erkenntnisse Folgen für ihr berufliches
       Schätze gehoben, die uns sonst verbor-         Selbstverständnis. Sie stehen in engem
       gen geblieben wären. Eine Orientierung         Zusammenhang mit ihrer pädagogischen Hal-
       an den Kompetenzen ist eine Form der           tung und erfordern spezifische Kompetenzen.
       Wertschätzung und Ermutigung und
       gleichzeitig der Vergewisserung der eige-      Veränderung des Bildes vom Kind
       nen Professionalität. Auf dieser Basis fällt   Noch immer dominiert das Bild vom Kind, das
       es nicht so schwer zu sehen, was fehlt         als leere Tafel auf die Welt kommt und erst
       und was noch verändert werden muss.            durch Erziehung zum vollwertigen Menschen
     • Fehlerfreundlichkeit. Fehler sind nicht        wird. Als die Erzieherinnen im Projekt „Demo-
       nur menschlich, sondern auch für jeden         kratisch leben“ anfingen, den Kindern mehr
       Lernprozess unerlässlich. Fehler zeigen        Freiräume zu gewähren, und ihnen mehr
       lediglich an, dass eben noch etwas fehlt.      zutrauten, veränderte sich dieses Bild und sie
     • Alle Beteiligten sind Lernende und             stellten fest, dass Kinder zwar weniger Erfah-
       Lehrende zugleich. Wir gehen davon             rungen als Erwachsene haben, jedoch durch-
       aus, dass alle in irgendeiner Weise Exper-     aus über Kompetenzen verfügen und den
       ten sind. Jeder Mensch hat besondere           Erwachsenen oft sogar einiges voraushaben.
       Fähigkeiten und Kenntnisse, die er nicht       Zum Beispiel kommen Kinder in Konflikten oft
       mit anderen teilt, und es gibt niemanden,      erstaunlich schnell zu kreativen und einver-
       der alles weiß.                                nehmlichen Lösungen, auf die Erwachsene
                                                      nie gekommen wären. Ich rate jeder Pädago-
     Diese Prinzipien gelten selbstverständlich für   gin sich vorzunehmen, einmal auf die Fähig-
     alle Beteiligten, also auch für die Kinder und   keiten der Kinder ihrer Gruppe zu achten. Sie
     ihre Eltern.                                     wird sich auf eine lange Liste einstellen müs-
                                                      sen.
     Welchen Herausforderungen stellen sich
     die Erzieherinnen, die die Kinder an             Veränderung der Erzieherinnen-Rolle
     der Bildungsarbeit beteiligen?                   Die Erzieherin als Begleiterin der Kinder
     Die Hirnforschung und die neuere Entwick-        bei ihren Aneignungsprozessen
     lungspsychologie machen ja deutlich, dass        Mit diesem Bildungsverständnis und Kindbild
     Beteiligung in der Bildungsarbeit eine dem       geht es nicht mehr darum, dass die Erziehe-
     Menschen sehr angemessene Form ist. Wir          rin den Kindern etwas beibringt, sondern dass
     wissen, dass Kinder von Geburt an mit einem      sie die Selbstbildungsprozesse der Mädchen



38      BETEILIGUNG VON KINDERN –
und Jungen anregt. Die Erzieherin hat nun-        unsere Einsicht gegeben, dass die Kinder am
mehr die Aufgabe, die Lernbereitschaft und        besten sprechen lernen, wenn sie etwas zu
die Potenziale der Kinder aufzugreifen, zu        sagen haben.
unterstützen und zu begleiten. Sie begreift       Motivierende Sprachanlässe sollten das Mit-
sich nicht mehr als die Leiterin der Kinder-      tel sein, sich sprachlich auszudrücken, The-
gruppe und macht seltener Angebote für die        men, über die die Kinder gern reden. In eini-
gesamte Gruppe, bei denen alle dasselbe zur       gen Kindergartengruppen stellten die Erzie-
gleichen Zeit tun. Sondern sie versteht sich      herinnen fest, dass gerade für die kleineren
als Begleiterin der Kinder, die die Bildungsak-   Kinder die Familie ein wichtiges Thema dar-
tivitäten der Kinder organisiert und moderiert.   stellte. Also nahmen die Erzieherinnen sich
Auch kommuniziert sie häufiger mit einzelnen      vor, an den Familien der Kinder anzusetzen.
Kindern oder in kleinen Gruppen.                  Mit einer Familienwand wollten sie die Famili-
Zu den Veränderungen der Erzieherinnen-           en der Kinder stärker in die Kita hereinholen.
Rolle gehört auch, dass die Erzieherin zum        Hier wird deutlich, dass Sprachförderung nur
Beispiel in der Raumgestaltung und Material-      einen Teil der Ziele für die Arbeit mit der Fami-
ausstattung für Möglichkeiten sorgt, dass die     lienwand ausmachte. Das Sichtbarmachen
Kinder in Eigeninitiative lernen können. In       der Familien der Kinder in der Gruppe bedeu-
einigen Gruppen der Projekt-Kitas wurden          tete auch gleichzeitig, die Identitätsentwick-
Lese- und Schreibecken eingerichtet. Indem        lung der Kinder zu unterstützen, zur Stärkung
die Kinder sich stärker selbstbestimmt bilden,    des Selbstwertgefühls der Kinder beizutragen
haben sie mehr Möglichkeiten, auch vonei-         und die Beziehungen untereinander in der
nander zu lernen.                                 Gruppe zu fördern.
                                                  Die Eltern der Kinder wurden gebeten, ihren
Als die Erzieherinnen im Projekt „Demokratie      Kindern Fotos von den Familienmitgliedern
leben“ beschlossen hatten, die sprachlichen       zur Verfügung zu stellen. Aus diesen erstell-
Kompetenzen der Kinder zu fördern, kamen          ten die Kinder selbst eine Collage von ihrer
wir überein, dass keine Sprachlerntrainings       Familie. Während des Entstehungsprozesses
durchgeführt werden sollten. Denn Ergebnis-       hatten die Kinder vielfache Möglichkeiten, mit
se aus der Hirnforschung belegen, dass aus        den anderen Kindern über ihre Familien zu
dem Zusammenhang losgelöste Übungen               sprechen.
von Einzelfunktionen wenig Lernerfolg brin-       Für die Erzieherinnen war das Projekt in
gen. Wir wollten an der Lebenswirklichkeit der    mehrfacher Hinsicht ein Lernprozess.
Kinder ansetzen, an dem, was sie beschäftigt      Sie mussten die Eltern jedes einzelnen Kin-
und interessiert. Da es auch beim Sprechen-       des ansprechen und ihr Vorhaben und ihre
lernen immer um die ganze Persönlichkeit          Ziele transparent machen. Besonders Eltern
geht, war es uns wichtig, dass die Kinder         in das Vorhaben einzubeziehen, zu denen
zugleich Lust am Sprechen haben. Und der          kein guter Kontakt bestand, war für die Erzie-
Zusammenhang zu Demokratie war durch              herinnen nicht einfach. Für manche Erziehe-



                                                              BETEILIGUNG VON KINDERN –               39
     rin war das Projekt eine Chance, die Kommu-       verstehen und Lösungen für Fragen und
     nikation zu den Eltern zu verbessern. Eine        Probleme zu finden. Das heißt für Pädago-
     weitere Herausforderung war, den Kindern          gen, sich und auch die Kinder als Forschende
     die Freiheit zu gewähren, ihre Familienbilder     zu verstehen.
     wirklich selbst zu gestalten. Es war nicht ein-
     fach, sich mit den eigenen Vorstellungen von      Welche Kompetenzen brauchen
     Ästhetik zurückzuhalten, die Farbauswahl          Erzieherinnen?
     des Untergrundes, die Auswahl der Fotos den       Um die Potenziale, Interessen und Bedürfnis-
     Kindern zu überlassen und die Kinder nicht        se der Kinder wahrzunehmen, braucht die
     mit Vorschlägen in eine Richtung zu drängen.      Erzieherin Beobachtungskompetenzen. Hier
     Denn wenn die Kinder in der Zeit des perma-       gibt es einen Zusammenhang mit der Rolle
     nenten gesellschaftlichen Wandels etwas für       der Erzieherin. Um beobachten zu können,
     die Zukunft lernen sollen, dann mit den Fra-      muss sie davon überzeugt sein, dass die Kin-
     gen für sich herauszufinden: Was will ich und     der in allen Situationen lernen, und sie muss
     was brauche ich? Solche Situationen sind          sich im Hintergrund halten können. Beobach-
     kleine Mosaiksteine in der Erfahrungswelt der     tung gehört im professionellen Selbstver-
     Kinder.                                           ständnis einer Erzieherin noch längst nicht
     Neu war für die Erzieherinnen ebenfalls, dem      zum anerkannten Arbeitsmittel. Eine Erziehe-
     Prozess eine eigene Wertschätzung zu              rin drückte ihre Zweifel so aus: „Obwohl ich
     geben und die Vorhaben nicht nach einem           weiß, wie sinnvoll Beobachtung ist, bekomme
     wünschenswerten Produkt auszurichten.             ich immer, wenn ich die Kinder beobachte, ein
     Denn im Prozess des Entstehens befanden           schlechtes Gewissen, weil ich dann das
     sich die wertvollen Bildungssituationen.          Gefühl habe, nicht zu arbeiten. Ich ertappe
                                                       mich dabei, dass ich denke: Hoffentlich
     Entwicklung einer fragenden Haltung               kommt jetzt nicht eine Mutter herein!“ Wir sind
     Die Erzieherinnen stehen häufig unter dem         gerade in einer Arbeitsgruppe von Erzieherin-
     Druck, alles wissen zu müssen. Das gehört         nen dabei, die Erfahrungen bei der Beobach-
     zur Berufsrolle einer jeden Pädagogin und         tung auszuwerten und eine Checkliste zu
     eines jeden Pädagogen. Dabei gewöhnen sie         erstellen für gute Bedingungen für Beobach-
     sich ab, selbst Fragen zu stellen. Doch selbst    tungen. Auch passen wir die vorhandenen
     Pädagoginnen sind ganz gewöhnliche Men-           Beobachtungsbogen den eigenen Erforder-
     schen. Sie können nicht alles wissen und          nissen und Bedingungen an. Ein Thema, mit
     brauchen es auch nicht. Kinder wissen             dem wir uns in diesem Zusammenhang län-
     manchmal besser Bescheid.                         ger beschäftigten, war das Auseinanderhalten
     In Bildungsprozessen geht es nicht in erster      von Beobachtetem und dessen Interpretation.
     Linie darum, sich Wissen anzueignen, das
     andere schon vorgedacht haben. Sondern es
     geht darum, Phänomene und Situationen zu



40      BETEILIGUNG VON KINDERN –
Beteiligungskompetenzen                             Kinder aus dem Kindergarten beteiligen konn-
Nach den Beobachtungen gehen die Erziehe-           ten.
rinnen in den Dialog mit den Kindern. Um
wirklich zu den Themen der Kinder zu kom-           Zu den Beteiligungskompetenzen gehört
men, können sie sich nicht allein auf ihre          ebenso die Fähigkeit, einen echten Dialog
eigene Perspektive verlassen, sondern sie           zu führen. Das heißt, davon auszugehen,
müssen die (Be)Deutungen der Situationen            dass bei aller Unterschiedlichkeit und
für die Kinder herausfinden.                        Ungleichheit – bezogen auf das Alter, speziel-
In zwei Hortgruppen wollten die Erzieherin-         le Erfahrungen, Kenntnisse, Ansichten usw. -
nen die Kinder in ihrer sprachlichen Aus-           die Dialogpartner gleichwertig sind. Ein echter
drucksfähigkeit fördern. Durch Beobachtung          Dialog beruht auf einer wechselseitigen Aner-
fanden sie heraus, dass die meisten Kinder          kennung. Von den Gesprächspartnern erfor-
sich ständig mit den „Yu-Gi-Oh!“-Karten             dert er die Fähigkeit des Zuhörens, Abwar-
beschäftigten. (Es handelt sich hierbei um ein      tens, Fragens und Antwortens, also das Ein-
strategisches Spiel, mit dem Monsterduelle          gehen auf ihr/sein Gegenüber. Einen Dialog
ausgetragen werden. Die Karten sind auch            zeichnet aus, dass Gedanken, Ideen und Fra-
ein beliebter Gegenstand von Handels- und           gen entwickelt werden, um gemeinsam etwas
Tauschaktionen der Kinder.) Die Beobachtun-         Neues zu kreieren.
gen selbst unterschieden sich in den beiden
Gruppen nicht wesentlich voneinander. In den        Schließlich braucht die Erzieherin, die die Kin-
Gesprächen mit den Kindern wurde jedoch             der beteiligt, Moderationskompetenzen. Ein
deutlich, dass das, was die Kinder an dem           Gruppengespräch zu moderieren und dabei
Spiel interessierte, in den beiden verschiede-      den eigenen Senf herauszuhalten, will gelernt
nen Hortgruppen sehr unterschiedlich war. In        sein – das weiß jede Fortbildnerin. Sie muss
einer Gruppe waren es die Figuren selbst, die       sich auch Beteiligungsverfahren aneignen,
eine Faszination auf die Kinder ausübten. In        die dem Entwicklungsstand der Kinder ange-
der anderen Gruppe stand der Tauschhandel           messen sind.
mit den Karten im Vordergrund des Interes-
ses. Hätten die Erzieherinnen bei dem Bei-          Beteiligung braucht Zeit und Geduld. Aus-
spiel der „Yu-Gi-Oh!“-Karten ihre Beobach-          handlungsprozesse sind manchmal mühselig
tungen selbst interpretiert, hätten sie nie wirk-   und kompliziert. Die Versuchung, sie dem
lich herausgefunden, was die Kinder daran           Wunsch nach effektiven Lösungen zu opfern,
faszinierte. In der ersten Gruppe schloss sich      ist oft groß. Doch lohnt sich dieser Lernpro-
ein langer Prozess an, der zum Bau eines            zess, denn Menschen – Kinder sowie Er-
Monsters führte.2 In der zweiten Gruppe orga-       wachsene –, die sich einmischen und mitbe-
nisierten die Kinder eine Tauschbörse von           stimmen können, übernehmen auch Verant-
Spielsachen und anderen attraktiven Gegen-          wortung. Über kurz oder lang führt das sogar
ständen, bei der sich später auch kleinere          zu einer Entlastung.



                                                                BETEILIGUNG VON KINDERN –              41
     Nicht zuletzt erfordert Beteiligung Mut, sich     Wir kamen überein, dass keine Sprachlern-
     auf Neues und Unvorhergesehenes einzulas-         trainings durchgeführt werden sollten. Ein
     sen und die Unsicherheit auszuhalten, die         Grund dafür war unser Wissen über die
     eine offene Planung bedeutet. Die partizipati-    Ergebnisse aus der Hirnforschung, die bele-
     ve Haltung, die sich auch darin ausdrückt:        gen, dass aus dem Zusammenhang losgelös-
     „Alles ist veränderbar und kann jederzeit neu     te Übungen von Einzelfunktionen wenig Lern-
     verhandelt werden.“, ist vielleicht manchmal      erfolg bringen. Bei jedem Lernprozess geht
     verunsichernd. Aber sie ist auch befreiend,       es um die ganze Persönlichkeit. Daher woll-
     weil sie immer neue Handlungsmöglichkeiten        ten wir daran ansetzen, was direkt mit dem
     offen lässt.                                      Leben der Kinder zu tun hat, und gleichzeitig
                                                       die Lust am Sprechen fördern.
     Anhang                                            Außerdem war uns wichtig: In allem, was die
     Der Bau eines Monsters –                          Kinder lernen, sollen sie gleichzeitig erfahren,
     ein Sprachprojekt im Hort                         dass
     Die Erzieherinnen einer Hortgruppe hatten         • jede und jeder von ihnen wichtig sind und
     die Absicht, die sprachlichen Kompetenzen             mit ihren Eigenarten geachtet werden,
     der Kinder gezielter zu fördern. Sie hatten       • sie Einfluss haben, mitentscheiden und
     nämlich festgestellt, dass die meisten Kinder         mitbestimmen können und,
     sich nicht ihrem Alter gemäß sprachlich aus-      • sie Verantwortung tragen dürfen und sol-
     drückten, dass sie wortkarg waren und einsil-         len.
     bige Antworten gaben. Sie bevorzugten Akti-       Grundlage für entsprechende Aktivitäten soll-
     vitäten, bei denen sie nicht sprachlich kom-      ten die Themen sein, die die Kinder am meis-
     munizieren mussten, zum Beispiel spielten         ten beschäftigten. Für die Erzieherinnen war
     sie gern Spiele allein. In Beobachtungen          dies ein mehrfacher Lernprozess. Zunächst
     durch das Projektteam stellten wir jedoch fest,   ging es darum, die Themen der Kinder, ihre
     dass die Erzieherinnen selbst den Kindern         Interessen, Bedürfnisse und Absichten he-
     wenig Raum zur sprachlichen Entfaltung            rauszubekommen. Die Erzieherinnen muss-
     gaben. Ihre Kommunikation mit den Kindern         ten dazu die Kinder systematisch beobachten
     war meist einseitig und beschränkte sich          und zudem herausfinden, welche Bedeutung
     meist auf Anordnungen. In Situationen, bei        die beobachteten Situationen für die Kinder
     denen die Kinder keiner gezielten Beschäfti-      haben. Dazu war es nötig, in die Perspektive
     gung nachgingen, wie zum Beispiel beim            der Kinder zu gehen und Dialoge mit den Kin-
     Essen, wurden sie angehalten zu schweigen.        dern zu führen, die von einer offenen, fragen-
     In Reflexionsgesprächen mit den Erzieherin-       den Grundhaltung der Erzieherinnen geprägt
     nen wurde deutlich, dass ebenfalls ihr            waren. Die Beobachtungen und eine erste
     Sprachverhalten sich verändern musste.            Kinderbesprechung ergaben, dass die Be-
     Denn Kinder lernen am besten sprechen,            schäftigung mit „Yu-Gi-Oh!“-Karten im Mittel-
     wenn sie etwas zu sagen haben.                    punkt des Interesses der meisten Kinder



42      BETEILIGUNG VON KINDERN –
stand. Es handelte sich hierbei um ein strate-    benötigten. Sie lernten, in Telefongesprächen
gisches Spiel, mit dem Monsterduelle ausge-       vom Baumarkt Informationen einzuholen,
tragen wurden. Die Karten waren auch ein          einschließlich auf den Anrufbeantworter einen
beliebter Gegenstand von Handels- und             sinnvollen Text zu sprechen. Sie organisierten
Tauschaktionen der Kinder. Dies war die           den Einkauf in Eigenregie. Aus dem Ver-
nächste Herausforderung für die Erzieherin-       wandtenkreis schafften sie die notwendigen
nen. Denn sie waren nicht sehr glücklich über     Werkzeuge heran. Voraussetzung dafür war,
die Idee, die „Yu-Gi-Oh!“-Karten ins Zentrum      dass sie die Familie über ihre Aktivitäten infor-
der Aktivitäten zu stellen. Außerdem verstan-     mieren und sie zur Herausgabe der Werkzeu-
den sie weder den Grund für das leiden-           ge überzeugen mussten. Beim Bauen der
schaftliche Engagement noch die Spielregeln.      Figur arbeiteten die Kinder immer wieder
Außerdem verabscheuten sie die dahinter           neue Ideen ein, auf die sie sich in der Gruppe
stehenden kommerziellen Interessen der Her-       einigen mussten.
steller. Trotzdem waren sie bereit, sich darauf   Da die Erzieherinnen die Aktionen mit dem
einzulassen. Als nach weiteren Gesprächen         Fotoapparat dokumentierten, entstand die
mit den Kindern deutlich wurde, dass ein Teil     Idee, mit den Fotos ein Buch herzustellen.
der Faszination von den fantastischen Figu-
ren ausging, wurde beschlossen, ein Fanta-        Ein nicht unwichtiger „Nebeneffekt“ des Pro-
sielebewesen aus großen Kartons zu bauen.         jekts war, dass die Durchführung nicht ohne
Bald stellte sich heraus, dass auch das Ent-      die Kooperation mit der Schule, die die Kinder
wickeln von eigener Fantasie gelernt sein will.   besuchten, möglich war. Denn der Alltag im
Als die Kinder gebeten wurden, Skizzen zum        Hort wird stark durch die Hausaufgaben der
künftigen Aussehen des Wesens zu malen,           Kinder dominiert. Also musste das Vorhaben
zeichneten sie zunächst die Gestalten der         den Lehrerinnen der Kinder transparent
„Yu-Gi-Oh!“-Karten einfach ab. Erst in einem      gemacht werden. In einer Besprechung, an
zweiten Durchgang, bei dem die Kinder mit         der aus gegebenem thematischem Anlass
einer Knetmasse kleine Plastiken herstellten,     alle Lehrerinnen des Fachbereiches Deutsch
lösten sich die Kinder von den Vorlagen und       teilnahmen, stellten die Erzieherinnen das
kreierten eigene Ideen. Am Ende entstand ein      Sprachprojekt vor. Die Lehrerinnen der Kinder
mannshohes „Monster“ mit Lichteffekten, das       im Hort waren sehr interessiert an den neuen
auch begehbar war.                                Methoden und von der Nützlichkeit des Pro-
Der Prozess der Planung und Gestaltung war        jekts überzeugt. Mit dem Vorschlag der Erzie-
von vielfältigen sprachlichen Anforderungen       herinnen, den Kindern an einem Nachmittag
begleitet: Die Kinder mussten sich in Kinder-     keine Hausaufgaben zu geben, waren sie
besprechungen auf eine Vorgehensweise             sofort einverstanden.
einigen. Sie mussten planen (und berech-          Eine Lehrerin bot sich sogar an, an den
nen!), welches und wie viel Material, zum Bei-    „Sprachnachmittagen“ in den Hort zu kom-
spiel Leisten, Nägel, Leim, Farben usw., sie      men, um die Erzieherinnen zu entlasten und



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     gleichzeitig etwas über die Entwicklung des
     Projekts und der Kinder zu erfahren. Das im
     Hort entstandene Buch wurde im Unterricht
     eingesetzt und war die Grundlage für freie
     Texte, die die Kinder im Unterricht schrieben.




       Am 18./19. Februar 2004 findet die Abschlusstagung des Projekts „Demokratie leben in
       Kindergarten und Grundschule“ in Eberswalde statt.
       Weitere Informationen zur Tagung: http://www.ina-fu.org/ista/
          klicken auf „Nationale Projekte“ weiterklicken auf „Demokratie leben in Kindergarten und
       Schule“ oder Anforderung per Mail: demokratieleben@gmx.de
       Projektbüro Demokratie leben in Kindergarten und Grundschule, Havellandstraße 15,
       16227 Eberswalde, Tel. 03334/384470, Fax: 03334/384471.




     1 Die Träger des Projekts sind die INA gGmbH,
       Institut für den Situationsansatz (ISTA) und die
       RAA Berlin, Neue Länder. Gefördert wird das
       Projekt von der Bernard van Leer Stiftung und
       von der Lindenstiftung für vorschulische Erzie-
       hung.
     2 Eine ausführlichere Beschreibung dieses Pro-
       jekts siehe im Anhang


44       BETEILIGUNG VON KINDERN –

								
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