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Name und Macht

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									           Christliche und heidnische Namen im mittealterlichen Skandinavien
                                      Fjodor Uspenskij
                                           Moscow


       Die Zeit, die unmittelbar auf die Christianisierung folgt, ist eine der markantesten und
bedeutendsten für die skandinavische Kultur. Christentum und heidnische Elemente bestanden
noch lange nebeneinander und lebten in verhältnismäßig friedlicher Koexistenz. So wurden die
Kinder nach der Christianisierung Skandinaviens weiterhin nach ihren heidnischen Vorfahren
benannt und erhielten auf diese Weise noch als Christen die althergebrachten,
heidnischen Namen .
       Die heidnischen Sippennamen waren außerordentlich beständig, und die Namenswahl
für ein Kind war bestimmten Regeln unterworfen. Diese Regeln waren natürlich nicht völlig
starr und unwiderruflich, jedoch musste das Kind, um der Welt seiner Sippe anzugehören, den
Sippennamen erhalten. Der Brauch, einen Nachkommen nach einem verstorbenen
Verwandten zu benennen, überlebte den Glauben an die Seelenwanderung um mehrere
Jahrhunderte und bleibt ein eigentümliches Relikt solcher archaischen Vorstellungen.
       Eine besonders bedeutsame Angelegenheit war die Namenswahl in Adelsfamilien, vor
allem in der Königsfamilie. In der christlichen Epoche gilt der Name weiterhin in vielerlei
Hinsicht als Instrument der Schicksalsbeeinflussung. Das Schicksal eines Sprösslings des
Königsgeschlechts, seine Aussichten auf den Thron, hingen wesentlich davon ab, ob er den
„richtigen“ Namen erhalten hatte.
       Der zukünftige Herrscher sollte von den Adligen, dem Thing und dem Kriegsgefolge
anerkannt werden — denn der skandinavische König war in dieser Epoche nicht einfach nur
Regent des Staates, sondern in erster Linie Feldherr und Heerführer. Vereinfacht gesagt wurde
König derjenige, der zum Königsgeschlecht gehörte, durch das Thing gewählt und vom Volk
anerkannt wurde. Ein herrschender König bemühte sich offenbar immer, die Zukunft und das
dynastische Schicksal seiner Kinder zu bestimmen, wenn er ihren Namen auswählte. Er wandte
sich an das Thing, an alle seine Untertanen und sprach in einer eigenen „Sprache der Namen“,
einer Sprache, die dem Auditorium verständlich war.
       In der Macht des Königs lag es außerdem, ein neugeborenes Kind als seinen Sohn
anzuerkennen oder nicht. Noch lange nach der Christianisierung genossen in Skandinavien
uneheliche Kinder, unter der Voraussetzung, dass diese von ihren Vätern anerkannt



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wurden, Rechte, die sich nur wenig von denen der ehelich geborenen Kinder
unterschieden.
       Der ehelich geborene Thronerbe erhielt fast immer den dynastischen Namen, der noch
aus heidnischen Zeiten stammte. Christliche Namen kamen äußerst langsam in Umlauf,
wenn es um die ehelichen Sprösslinge der Königsfamilie ging. Die unehelichen Kinder des
Herrschers jedoch konnten bei der Geburt sowohl christliche als auch heidnisch-dynastische
Namen erhalten. Christliche Namen wurden nach der Annahme des Christentums in
Skandinavien noch lange als fremdländisch angesehen.
       Der traditionelle Namensbestand war bis dahin nie mit einem so massiven Ansturm von
Namen aus fremden Kulturen konfrontiert worden, wobei die christliche Namengebung
einerseits von der Kirche propagiert wurde, andererseits aber keinerlei Beziehungen zur
Sippengeschichte hatte. Bei unehelichen Söhnen erforderte die Namensgebung keine so feste
Verwurzelung in den Traditionen der Sippe, sie konnte daher als eine Art Versuchsfeld dienen,
auf dem allerlei Neuerungen erprobt wurden. Gerade über die unehelichen Kinder dringen die
christlichen Namen offenbar allmählich in die Königsfamilie ein — wobei zu bedenken ist,
dass die Kinder auch die christlichen Namen überlegt gewählt.
       Ich versuche, einige Prinzipien in diesem schwierigen Namensspiel, der heidnischen
und christlichen, der eigenen und fremden, der Stammesnamen und der dynastischen Namen
aufzuzeigen und zu beobachten. Ich versuche zu rekonstruieren, wovon sich derjenige, der den
Namen für das Kind königlichen Blutes auswählte, leiten ließ, und wie die Entscheidung von
seinen Zeitgenossen und Nachfahren aufgenommen wurde. Die Geschichte der Namen in
dieser Epoche ist die Geschichte des Kampfes um die Macht, die Geschichte von Bündnissen
und Oppositionen, die Geschichte von Trennungen und Vereinigungen, in gewissem Sinne die
Geschichte ganz Skandinaviens.




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