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					Kindererziehung im Islam
Kindererziehung im Islam

Ruhsar Koca

Erziehung gehört zu den Grundrechten des Kindes. Sie ist für die Eltern eine Verpflichtung und erfolgt in erster Linie durch ihr gelebtes Vorbild. Treuepflicht und die Einhaltung von Versprechen gehören zu den gottgegebenen Veranlagungen des Menschen. Ursachen des Lügens und Aufrichtigkeit als islamisches Erziehungsziel.

Das Urheberecht liegt beim Autor. Hrsg.: Informationszentrale D&acircr-us-Salâm Redaktion: Tilmann Schaible ISBN 3-932129-72-5 Dieser Vortrag wurde erstmals gehalten am 1. Dezember 2001 im Rahmen der Ramadan-Vorträge des Islamischen Vereins Tübingen. Treuepflicht und Aufrichtigkeit Treuepflicht "... und haltet die Verpflichtung ein, denn über die Verpflichtung muss Rechenschaft abgelegt werden." (Sure 17:35) Eine jener Eigenschaften des Menschen, die in seiner gottgegebenen Veranlagung (Fitra) wurzeln, ist die Einhaltung von Versprechen. Ein Kind, das einmal die Bedeutung von Versprechen verstanden hat, wird ihre Einhaltung instinktiv wahrnehmen. Es ist Aufgabe der Eltern und der Erzieher, sich diese gottgegebene Veranlagung bewusst zu machen und sie von früh an im Kind zu fördern. Das Kind soll die Einhaltung von Versprechen als wahre Verpflichtung empfinden und den Bruch von Versprechen als hässliche Untat erkennen. Die Einhaltung von Versprechen ist ein Zeichen des wahrhaft Gläubigen. Die Grundlagen dazu müssen schon in der Kindheit gelegt werden.

Der Islam hat einen großen Teil der Versorgung der Kinder dem Vater zugeteilt. Er ist dafür verantwortlich, ihnen Unterkunft, Kleidung und Nahrung bereitzustellen. Er trägt die Verantwortung dafür, dass die Kinder ein würdevolles Leben führen. Dem Propheten lag sehr daran, dass die Selbstachtung und Würde des Menschen gewahrt wurde. Folgende Begebenheit wird von ihm überliefert: Einer von den Helfern aus Medina (Ansar) starb. Das wenige Geld, das er besaß, hatte er kurz vor seinem Tod für gute Zwecke ausgegeben. Die Halbwaisen, die er nun hinterließ, mussten sich ihren Unterhalt erbetteln. Als der Prophet Muhammad (s) davon erfuhr, wurde er sehr zornig und sagte: "Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihm keine Grabstätte auf dem Friedhof der Muslime gewährt. Er ist schuld am Bettlerdasein seiner Kinder." Nun obliegt den Eltern nicht nur die Verantwortung für das materielle Wohlergehen der Kinder, sondern auch für ihre seelische und religiöse Erziehung. Ali (r) pflegte über jene Verantwortung zu sagen: "Nichts Besseres kann ein Elternteil seinem Kinde geben, als die Tugend des guten Benehmens." Der Urenkel des Propheten, Ali Zainul-Abidin, sagte zum Recht des Kindes seinen Eltern gegenüber: "Das Recht deines Kindes dir gegenüber ist, dass seine Existenz durch dich zu Stande gekommen ist und dass alles Gute und Schlechte an ihm auf dieser Welt mit dir in Verbindung steht, dass du für seine Fürsorge und Erziehung Rede und Antwort stehen musst, dass du die Pflicht hast, deinem Kind gottgefällige Charaktereigenschaften anzuerziehen und es im Gehorsam seinem Schöpfer gegenüber unterstützt, dass du dir in deinem Verhalten deinem Kind gegenüber immer bewusst bist, dass dich für deine Güte zu deinem Kind bei deinem Schöpfer eine Belohnung erwartet und eine Strafe, wenn du dich ihm gegenüber nachlässig verhältst!" Jeder Mensch spürt instinktiv, dass er ein einmal eingegangenes Versprechen einzuhalten hat. Andernfalls verspürt er Gefühle der Scham und Reue. Er weiß, dass er sich nicht richtig verhalten hat, denn er erwartet ja auch von anderen, dass sie sich ihm gegenüber korrekt verhalten. Wenn ihm gegenüber jemand sein Wort bricht, dann reagiert er selbst enttäuscht und betroffen. Auch das kleine Kind, das wissenschaftlich logische Zusammenhänge noch nicht erfassen kann, spürt innerlich diese Notwendigkeit. Wenn sein Vater ihm bei seiner Abreise ein kleines Spielzeug versprochen hat, dann erwartet das kleine Kind sehnsüchtig das ihm versprochene Geschenk. Es glaubt instinktiv daran, dass der Vater damit nach Hause kommen wird. In freudiger Erwartung springt es ihm nach dessen Eintreffen in die Arme. Hat der Vater nun sein Versprechen nicht eingehalten, dann fühlt das Kind, dass sich etwas wider Erwarten ereignet hat. Es ist etwas gegen sein natürliches Empfinden passiert. Die Propheten und andere Erzieher der Menschheit haben sich nun im Laufe der Geschichte darum bemüht, die Menschen auf diese gottgegebene Veranlagung der Treuepflicht und Erfüllung von Versprechen aufmerksam zu machen und sie aufgerufen, sich dieser Veranlagung bewusst zu werden. Im Islam gehört die Einhaltung von Versprechen und von auf privater und gesellschaftlicher Ebene eingegangenen Verpflichtungen zu den unbedingt zu erfüllenden Geboten. Dazu gibt es viele Hinweise im Qur'an: "Wahrlich, erfolgreich sind die Gläubigen. Und diejenigen, die das ihnen anvertraute Gut und ihre Verpflichtung hüten." (Sure 23:1 und 8). Nach einer Überlieferung bei al-Bukhari sagte der Prophet Muhammad (s): "Wer immer aufrichtig spricht, sein Vertrauenspfand sorgfältigst hütet und zu den Menschen am herzlichsten ist, der steht mir am Tag des

Gerichts am nächsten. Damit ein Muslim erst nicht in den Ruf des Vertrauensbruchs gerät, sollte er vor jedem Versprechen seine Möglichkeiten der Einhaltung bzw. Nichteinhaltung abwägen und erst dann sein Wort geben. In der Erziehung ist dieser Aspekt der realen Abschätzung der eigenen Möglichkeiten ein wesentlicher Beitrag der ihm in seinem späteren Leben viele Unannehmlichkeiten erspart. Von dem Propheten Muhammad (s) stammt der Ausspruch: "Drei Dinge sind es, die der Gläubige unbedingt einzuhalten hat: 1. Das Einhalten von Versprechen, möge nun der Partner Muslim oder Nichtmuslim sein. 2. Güte den Eltern gegenüber, mögen sie nun Muslime sein oder nicht. 3. Und das ihm anvertraute Gut zu hüten, möge es sich nun um Muslime handeln oder nicht."

Nun ist der Mensch oft in erster Linie zu sehr eigensüchtig und auf eigenen Nutzen bedacht, als dass er da nicht das Einhalten seines Versprechens allzu gern von der gegebenen Situation, seinem Eigeninteresse und seinen Launen abhängig machen würde. Der Vers 31 der 13. Sure endet mit den Worten: "Wahrlich, Allah verfehlt den Termin nicht." Allah hält, was er verspricht, ein Mensch, der seine Verpflichtungen stets einhält, hat einen der göttlichen Werte in sich verwirklicht und das ist selbst ein Zeichen seiner Annäherung an das Absolute. Wenn Eltern eigene Versprechen einhalten, dann haben sie das Bewusstsein des Kindes gefördert und den Weg zu dessen Entfaltung bereitet. Das am guten Beispiel der Eltern orientierte Kind wird im späteren Leben seine Verpflichtungen ernst nehmen. Es wird den Grundstein für die Schaffung gesunder zwischenmenschlicher Beziehungen legen. Umgekehrt, wenn Eltern den Kindern zu schlechten Vorbildern werden, dann halten sie sie zu Pflichtvernachlässigung und Wortbruch an.

Aufrichtigkeit "Wenn die Heuchler zu dir kommen, sagen sie: 'Wir bezeugen, dass du in Wahrheit der Gesandte Allahs bist.' Und Allah weiß, dass du wahrhaftig Sein Gesandter bist. Doch Allah bezeugt, dass die Heuchler Lügner sind. Sie haben ihre Eide als Schutzbehauptung vorgebracht, so wenden sie sich vom Wege Allahs ab. Schlimm ist wahrlich das, was sie zu tun pflegen." (Sure 63:1-2) Instinktiv ist jeder Mensch geneigt, die Wahrheit zu sagen und alles, was er von anderen hört, für wahr zu halten. Schlägt ein Kind beim Spielen eine Fensterscheibe ein und braucht es keinerlei Bestrafung zu fürchten, dann wird es auf die Frage, wer sie kaputt gemacht hat, in aller Ruhe erzählen, wie es zu dem Vorfall gekommen ist. Aber wo Angst im Spiel ist, wird es versuchen, seine Unschuld durch eine Lüge vorzutäuschen. Das ungewohnte Verhalten und seine abgehackte Sprache sind Indiz genug dafür, dass es lügt und dass diese Tat im Widerspruch zu seiner gottgegebenen Veranlagung (Fitra) steht. Die Gesandten Gottes, deren bedeutendster Teil ihrer Botschaft die Wiederbelebung der gottgegebenen Veranlagungen war, haben die

Menschheit stets zur Aufrichtigkeit gemahnt. Unaufrichtigkeit zerstört den Glauben und daher gehört die Lüge zu den größten Sünden. Es gehört zu den Aufgaben der Eltern, ihre Kinder zur Aufrichtigkeit anzuhalten und Lüge als Abirrung vom geraden Weg aufzuzeigen. Wenn Kinder lügen dann hat das meist tiefere Ursachen, die es zu untersuchen gilt, bevor wirksame Gegenmaßnahmen getroffen werden können. Angst, Minderwertigkeitsgefühle, Geltungssucht und vieles andere können das Kind dazu verleiten. Lügen ist eine Folgeerscheinung von Unterdrückung, eine Reaktion innerer Ohnmacht. Wer anderen Unrecht tut, sich an Hab und Gut anderer vergreift und Unschuldige tötet, der ist sich seiner selbst unsicher und hat gegen seine Ohnmacht anzukämpfen. Lügen ist eine Krankheit, die oft unterschätzt wird. Einer normalen Erkältung wird oft größere Beachtung geschenkt. Manche Eltern durchschauen die Gefahren der Lüge, geben sich aber wenig Mühe, ihr entgegenzuwirken. Der Prophet Muhammad (s) sagte einst: "Gott segnet den, der seinem Kind hilft, gut zu sein und Gutes zu tun." Er wurde gefragt: "Wie kann man seinem Kind dabei helfen?" Darauf gab er vier Ratschläge: "1. Nehmt an, was in der Macht des Kindes steht und was immer es im Rahmen seiner Möglichkeiten ausgeführt hat! 2. Was zu schwer und unerreichbar für das Kind ist, verlangt erst gar nicht von ihm! 3. Haltet es nicht zu sündhaften Handlungen an! 4. Lügt es nicht an und begeht ihm gegenüber keine törichten Handlungen!" Eine Ursache des Lügens sind zu schwere Aufgaben, die dem Kind zugemutet werden. Das Gebot der goldenen Mitte im Islam bezieht sich auch auf gottesdienstliche Handlungen. Manche übereifrige Eltern meinen, ihre Kinder dadurch zu Frömmigkeit und Gottesfurcht erziehen zu können, dass sie von ihnen eine große Menge gottesdienstlicher Handlungen abverlangen. Sie übersehen dabei, dass sie das Kind vom eigentlichen Ziel entfernen und vom Glauben abbringen. Sie treiben das Kind in eine psychische Sackgasse, aus der es sich nur durch Lügen heraushelfen kann. Auf der einen Seite kann das Kind die aufgebürdeten Pflichten nicht erfüllen, auf der anderen Seite will es seine geliebten Eltern nicht enttäuschen oder gar ihren Zorn auf sich lenken. Notgedrungen greift es zur Lüge. Der Prophet Muhammad (s) mahnt uns: "Verlangt vom Kind nicht zu viel, sonst macht ihr es zum Lügner und schreckt es ab von Gott." Kindern, denen nur wenig Beachtung geschenkt wird, die von anderen Familienmitgliedern nicht ernst genommen werden, oft ausgelacht oder hintergangen werden, wird der Boden zum Lügen Sagen geebnet. Das Kind wird sich jede Gelegenheit zu Nutze machen, die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu lenken. Wenn Eltern Gäste bewirten, können wir häufig erleben, wie Kinder Dinge tun, die sie sonst nie tun, das Zimmer auf den Kopf stellen, Gläser umkippen, laut schreien. Denn alle Aufmerksamkeit ihrer Eltern ist nun deren Gästen gewidmet. Also Grund genug für das Kind, seinem natürlichen Drang, sich Anerkennung zu verschaffen, nachzugehen. Wird dem Kind nun grundsätzlich die ihm gebührende Aufmerksamkeit verwehrt, dann wird sich das Kind oft der Lüge bedienen, um auf sich aufmerksam zu machen. In diesem Sinne ist auch der Ausspruch des Propheten Muhammad (s) zu verstehen: "Gebt den Kindern Persönlichkeit und achtet sie!" Der Urenkel des Propheten legte seinen eigenen Kindern folgenden Ratschlag

ans Herz: "Meidet große und kleine Lügen, ernst gemeinte oder aus Spaß ausgesprochene. Denn wenn jemand eine kleine Lüge sagt, dann mutet er sich bald eine große zu." Wenn ein Mann oder eine Frau lügt, dann haben sie eine große Sünde begangen, aber wenn sie als Vater oder Mutter lügen, d.h. im Anblick unschuldiger Kinder, dann haben sie eine weitere große Sünde begangen: Sie haben die Kinder zur Lüge verleitet und ihre Umwelt mit Lügen vergiftet, indem sie ihre Kinder vom geraden Weg ihrer gottgegebenen Veranlagung weggeführt haben. Kinder sind uns ein von Gott anvertrautes Gut: Vor ihnen zu lügen, bedeutet, das Vertrauenspfand Gottes zu missachten, was einer großen Sünde gleichkommt. Die Lüge verdirbt Charakter, Gesetz und Gesellschaft. Lügen schafft Misstrauen, verfeindet die Menschen untereinander und verzehrt die Wurzel der Tugend und Menschlichkeit. Und so sprach der Prophet Muhammad (s): "Meidet die Lüge, wenn ihr glaubt eure Rettung liegt in der Lüge, dann wisset, dass ihr im Irrtum seid und dass nur eure Verderbnis darin liegt."


				
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