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					Die Nacht der Bestimmung
Die Nacht der Bestimmung Harun Behr Informationszentrale Dâr-us-Salâm 1996 Das Urheberecht liegt beim Autor. Hrsg.: Informationszentrale D&acircr-us-Salâm Redaktion: Tilmann Schaible ISBN 3-932129-70-9 Dieser Vortrag wurde erstmals gehalten am 10. Februar 1996 auf dem regionalen Treffen deutschsprachiger Muslime in München

Die Nacht der Bestimmung: Die Nacht Lailatul-Qadr im Qur'an Was ist eigentlich Qadr? Wann ist Lailatul-Qadr? Was bekomme ich in ihr? Wie verhalten wir uns richtig?

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LAILATUL-QADR Die Nacht

Im Islam hat es mit der Nacht allgemein ja eine besondere Bewandtnis. Sie ist die beste Zeit der Hinwendung zu Allah. Grundsätzlich gilt, dass Allah die Nacht zum Ruhen und den Tag zum Arbeiten geschaffen hat. "Er ist es, Der die Nacht für euch geschaffen hat, damit ihr in ihr ruht, und den Tag zum Sehen (mubsiran). Hierin sind Zeichen für die, die hören." (10:67) Am Tage sind die Dinge sichtbar, was uns hilft, unseren Arbeiten nachzugehen. In der Nacht sind die Dinge entrückt, die optischen Eindrücke vage, der Blick nach außen kehrt zu uns selbst zurück. Dadurch lenkt uns die Welt der Materie nicht so vom Blick nach innen ab wie am Tage. Da wir in der Nacht des Schlafes bedürfen, können wir nicht die ganze Nacht mit diesem Blick nach innen verbringen. Wir müssen also ein Maß zwischen Schlaf und Gebet finden, das unserem Körper sein Recht nicht vorenthält. Deshalb sagt Allah im Qur'an dazu: "Und verrichte das Gebet an den beiden Enden des Tages und in der Nacht, wenn sie dem Tag näher ist. Wahrlich, die guten Werke vertreiben die bösen. Dies ist eine Erinnerung an die, die sich erinnern." (11:114) Wenn alle Menschen schlafen - vor allem im letzten Drittel der Nacht, wenn sie am tiefsten schlafen -, haben wir die Ruhe, unbelastet vom Tagwerk vor Allah zu treten und Zwiesprache mit Ihm zu halten. Die Nacht umgibt uns wie ein Mantel, sie ist ein Schutz. Dazu im Qur'an: "Und Er ist es, Der euch die Nacht zu einem Gewand (libâs) und den Schlaf zur Ruhe, und Der euch den Tag zum Wachsein gemacht hat." (25:47) Wenn wir uns nun gleich über die Nacht der Bestimmung im Ramadan unterhalten, dann lasst uns auch darüber nachdenken, wie vielleicht das Regelmäßige vom Einmaligen profitieren könnte, wie wir also unser Bemühen, im Ramadan unsere gottesdienstlichen Handlungen ('Ibâda) zu verbessern, in die Zeit nach dem Ramadan hinübertragen können. Denn Allah zieht das Regelmäßige dem Einmaligen vor! Lailatul-Qadr im Qur'an

Nun geht es um jene ganz besondere Nacht, und zwar in zweierlei Hinsicht: Erstens sprechen wir von einer bestimmten Nacht, die in jedem Ramadan wiederkehrt, zweitens von jener Nacht im Jahre 610 n.Chr., in welcher sich der Prophet Muhammad (s) seiner Gewohnheit gemäß in die kleine Felsennische, die man Hira nennt und die auf dem "Berg des Lichts" (Dschabal an-Nûr) bei Mekka liegt, von der Geschäftigkeit des Lebens in der Stadt zurückgezogen hatte. Das tat er (s) ja nicht nur für eine Nacht, sondern für eine gewisse Zeit, so dass er z.B. Proviant mitnehmen musste. Das Sich-Zurückziehen (I'tikâf) wird uns am Schluss noch einmal kurz beschäftigen. Nun kam aber jene Nacht über ihn (s), in der der Engel Gabriel (Dschibrîl) auf Geheiß Allahs, seines Herrn, den Propheten (s) aufsuchte und ihm die erste Offenbarung brachte. Ihr kennt die Geschichte. Von da an nahm der

Islam seinen Lauf, und es schadet nicht, wenn wir uns einmal vergegenwärtigen, dass wir ohne jene Nacht und ihre Ereignisse heute abend gar nicht hier in der Moschee sitzen würden. So nah ist uns diese Nacht in Wirklichkeit - lasst euch nicht durch die Jahre täuschen, die zwischen ihr und uns liegen. Zeit nach unseren Vorstellungen spielt bei diesem Thema eine eher untergeordnete Rolle. Die Gegenwart der Bedeutung der Offenbarung Allahs steht über ihrer Geschichtlichkeit und rückt uns in besondere Nähe zum Propheten (s) und in unmittelbare Nähe zu Allah, ganz besonders eben in Nächten wie der Lailatul-Qadr. Die erste Offenbarung steht heute im Qur'an am Anfang der 96. Sure: "Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf. Er erschuf den Menschen aus einem "Gerinnsel" ('alaq). Lies! Und dein Herr ist der Edelste, der durch die Feder lehrte. Er lehrte den Menschen, was er nicht weiß." (96:1-5) Danach kommt die 97. Sure. Sie heißt "Al-Qadr". Was das eigentlich ist, darüber handelt das nächste Kapitel. Jetzt aber schauen wir uns erst die Sure 97 an, in der es um diese besondere Nacht geht: "Wahrlich, Wir ließen ihn in der Nacht der Bestimmung (qadr) hinabkommen." (97:1) Mit "ihn" ist der Qur'an gemeint. Es geht um jenes erste Offenbarungsereignis, von dem wir gerade gehört haben. (Und übrigens auch um spätere, denn Gabriel kam fortan in jedem Ramadan zu Muhammad (s), um den bis dahin offenbarten Qur'an in die Form zu bringen, in der er uns heute vorliegt. Das ist auch der Grund dafür, warum jene erste Offenbarung nicht am Anfang der ersten, sondern in einer der letzten Suren liegt.) "Und was erklärt dir, was die Nacht der Bestimmung ist?" (97:2) Hier wird angekündigt, was wir zuerst wissen müssen, wie an vielen anderen Stellen des Qur'ans auch, an denen man sich vielleicht fragt, was dieses oder jenes wohl bedeuten mag, bis man an die Stelle kommt, in der es erklärt wird (dazu ein schönes Beispiel in Sure 101). "Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monde." (97:3) Damit ist gemeint: tausend Monate. "Schahara" bedeutet "etwas bekannt geben, die Neuigkeit verbreiten", womit man den neugeborenen Mond meint, mit dem ein neuer Monat nach der islamischen Zeitrechnung beginnt. Damit haben wir ja, wie ihr wisst, so unsere Probleme, denn "schahara" meint natürlich, das Richtige bekannt zu geben, und nicht etwa irgend ein Gerücht herauszuposaunen. Es gibt zwar Muslime, die zu unterschiedlichen Terminen mit dem Ramadan beginnen. Aber der Fastenmonat ist nun einmal der eine, der richtige Monat. Der Ramadan heißt ja im Qur'an auch genauer "schahru ramadân", z.B. in der 2. Sure, Vers 185, der so beginnt: "Der Monat Ramadan, in dem der Qur'an herabgesandt wurde, Rechtleitung für die Menschen..." (2:185) Aber zurück zu unserer Sure. Ich mag mich hier nicht hinstellen und spekulieren, warum Allah das Gleichnis mit den "tausend Monaten" geprägt hat. Natürlich können wir erahnen, welch unermesslicher Wert dieser Nacht durch diesen Maßstab - das Wort "Tausend" kann ja auch etwas schier Grenzenloses bezeichnen zukommt.

Ich will auch nicht 99 Qur'an-Kommentare auseinandernehmen, nur um euch eine hundertste Schlussfolgerung zu liefern. Aber einen persönlichen Gedanken will ich euch doch nicht vorenthalten. Mir ist aufgefallen, dass tausend Monate der islamischen Zeitrechnung zirka ein erfülltes Menschenleben sind. Ich verstehe den Vers deshalb so: Diese Nacht ist besser als alles, was wir in der uns zubemessenen Lebensspanne an Gutem aufhäufen könnten. Nun weiter mit den nächsten Versen: "In ihr steigen die Engel herab und der Geist (rûh) mit Erlaubnis ihres Herrn. Von allem, was sein könnte, ist Frieden. Sie währt bis zum Anbruch der Morgenröte." (97:4-5) Ich tue mich mit der Übersetzung gegen Ende recht schwer, wie ihr bemerkt. Aber damit stehe ich nicht alleine. Man schaue in die vorhandenen Übersetzungen, welche Anstrengungen dort unternommen werden. Selbst Kommentatoren wie Ibn Kathir müssen interpretieren. Mudschahid zum Beispiel meint, dass mit dieser Nacht eine Nacht beschrieben wird, deren Frieden vor allem Übel schützt (weshalb er liest: min kulli amrin salâm - die Interpunktion des Qur'an-Textes weist ja auf beide Lesarten hin). Über "den Geist" (Rûh) will ich hier nichts weiter sagen, das ist ein anderes Thema. Wenn man annimmt, dass damit der Engel Gabriel gemeint ist, liegt man wohl ganz richtig. Was ist eigentlich Qadr?

In jener Nacht des Ramadans kam also der Engel Gabriel zu Muhammad (s). Allah wusste, dass das so geschehen würde, Er weiß alles im Voraus, Er hat es so geplant, Er hat Muhammad (s) berufen. Muhammad (s) wusste das vorher nicht, es überraschte ihn und flößte ihm sogar Furcht ein. Dass Allah alles im Voraus weiß, was wir nicht wissen, bis es bei uns eintrifft und wir uns damit auseinandersetzen müssen, das nennt man Qadr. Auf Qadr haben wir keinen Einfluss. Die Dinge des Qadr - oft als "Schicksal" übersetzt - sind festgeschrieben. Ich selbst möchte den Begriff "Bestimmung" dem des "Schicksals" vorziehen. Dies vor allem deswegen, weil manche Dinge, die uns treffen, nichts mit der Bestimmung durch Allah zu tun haben, sondern "auf unser eigenes Konto" gehen. Denn zum Begriff des Qadr gehört der des Qadâ'. Mit Qadâ' ist gemeint, was wir aus unserem Qadr, aus unserer Bestimmung machen. Lasst mich das an einem Beispiel deutlich machen: Stellt euch einen Münchner vor. Er soll von mir aus "Abdulkadir Sepp Islamhuber" heißen und er sei gerade Muslim geworden. Wie jeder Münchner, pflegte auch Sepp an heißen Sommertagen den Biergarten aufzusuchen, bis er eben Muslim wurde. Aus war's mit dem kühlen, alkoholischen Gebräu, dessen Genuss ja bekanntlich harâm, also von Allah verboten ist und im Jenseits bestraft wird. Das Qadr unseres Abdulkadir Sepp beinhaltet nun, dass er eines heißen Sommertages auf dem Gang zur Post am Eingang des Hirschgartens vorbeikommt, aus dem traulich die Gläser klimpern und die Steckerlfische brutzeln. Prompt kommt der Teufel herbei und flüstert dem Islamhuber ein, er könne ja mal eben nach rechts

einschwenken, und schon sei er im Biergarten und könne einen heben. Sepp hält abrupt an - geradeaus geht es zur Post, nach rechts geht es in den Hirschgarten. Sein erster Gedanke bezeichnet die Wirkung der bösen Einflüsterung des "waswâsil-khannâs": Heiß ist's, und die Post hat schließlich nachher auch noch auf. Ob er will oder nicht - er ist in diese Prüfung Allahs hineingeraten, und er muss sich entscheiden. Soweit zur Bestimmung und ihrem unausweichlichen Eintreffen. Nun kommt es darauf an: Wird der Sepp in ihm der Versuchung erliegen, sieht es übel für ihn aus. Das nennen wir Scharrul-Qadâ', also die Entscheidung zum Schlechten. Dafür - nicht für sein Qadr - wird er von Allah zur Verantwortung gezogen. Wird der Abdulkadir in ihm siegen, so wird er sich zusammenreißen, geradeaus weitergehen und das Saufen sein lassen. Das nennen wir Khairul-Qadâ', also die Entscheidung zum Guten. Dafür wird Abdulkadir Sepp von Allah belohnt - so Allah will. Zusammengefasst kann man sagen: Qadr ist in der Hand Allahs, Qadâ' aber ist in unserer Hand. Insofern sind wir gemeinsam mit Allah unseres Schicksals Schmied. Die Vorstellung, Qadr sei das Schicksal in seiner endgültigen Erscheinungsform, halte ich für falsch. Denkbar, dass ihr nach alledem den Glaubenssatz "âmantu... bil qadri wal-qadâ'i khairihi wa scharrihi" etwas besser versteht. Leicht zu verstehen ist das sicher nicht. Auch ist der Fall Islamhuber stark vereinfacht - klar - und wir wissen natürlich, dass in der Lebenswirklichkeit die Grenzen zwischen Qadr und Qadâ' vor allem aus der Perspektive der Betroffenen durchaus verwischen können. Ich will euch darum einen Bericht vom Propheten Muhammad (s) in Erinnerung bringen, der sehr schön widerspiegelt, wie sich die Muslime von Anfang an mit der Frage der sogenannten Vorherbestimmung (man nennt das auch Prädestination) beschäftigt haben: "Ali berichtet: Wir saßen mit dem Propheten (s) beisammen. Er hielt einen kleinen Stock in der Hand, mit dem er in der Erde herumkratzte. Dann senkte er (s) seinen Kopf und sagte: 'Keiner von euch, dem nicht sein Platz im Paradies oder in der Hölle schon zugeteilt (kutiba) ist.' Da fragte ein Mann unter den Anwesenden: 'Sollten wir uns nicht allein darauf verlassen?' Der Prophet (s) antwortete: 'Nein, macht was ihr macht, denn jedem wird ohnehin das zu tun leicht fallen, das ihn seiner Bestimmung zuführt.' Dann rezitierte er aus dem Qur'an: 'Jener aber, der gibt und Allah fürchtet und das Beste wahr macht, dem werden Wir es leicht machen. Jener aber, der geizt und unachtsam ist, ihm werden Wir den Weg zur Drangsal leicht machen...' (92:5-10)." (Bukhâri Nr. 602, Bd.8)

Um es Abdulkadir Sepp Islamhuber ein wenig leichter zu machen, sollten wir ihm sagen, dass der Prophet (s) ihm eine Handhabe mitgab, die ihn vor der Entscheidung zum Schlechten schützt. Hier will ich als erstes die beiden Schutzsuren am Ende des Qur'ans nennen, die man in solchen Prüfungssituationen aufsagen muss. Abu Huraira, dieser geliebte und wegen seines Schmusekätzchens wohlbekannte Gefährte Muhammads (s), fragte

den Propheten (s) nach der Art der Zuflucht, die man nehmen soll. Darauf antwortete er (s) (vergleicht diesen Hadith mit dem Ende der Sure al-Baqara!): "Nimm Zuflucht bei Allah vor den schweren Heimsuchungen, vor dem schlechten Ausgang der Dinge, vor den teuflischen Entscheidungen (sau'il-qadâ') und vor der triumphierenden Schadenfreude deiner Feinde." (Bukhâri Nr. 613, Bd.8)

So ist das mit Qadr. Ich weiß, dass ich mich damit ein bisschen vom Thema "Lailatul-Qadr" wegbewegt habe, aber ich wollte den guten Anlass nützen, einmal die Sache mit der Vorherbestimmung aufzugreifen. Darum auch zum Abschluss dieses Kapitels noch ein paar ausgewählte Stellen aus dem Qur'an, die uns hinsichtlich der Bestimmung und ihrer Natur unterrichten. In einem der gerade gelesenen Hadithe kam das Wort kutiba, "aufgeschrieben", vor. So ähnlich steht das auch im Qur'an, thematisch anknüpfend an die erste Offenbarung mit ihrem Hinweis auf die Erschaffung des Menschen: "Und Allah hat euch aus staubiger Erde geschaffen, danach aus einem Tröpfchen, dann machte Er euch zu Gatten (azwâdschan). Und keine Frau empfängt und gebiert ohne Sein Wissen. Und keiner, dem das Leben lang gemacht wird, sieht es verlängert, noch wird es verkürzt, ohne dass das in einer Schrift (kitâbin) stünde. Das ist für Allah leicht." (35:11) Da wir mit Leben und Sterben zwangsläufig eines der Kernthemen im Zusammenhang mit Qadr streifen, sei jene Stelle im Qur'an, in der Allah nach der Glaubenstreue der Muslime fragt, wenn denn der Prophet (s) stirbt oder getötet wird, nicht unerwähnt: "Das gibt es nicht, dass einer stirbt außer mit Erlaubnis Allahs - das ist ein niedergeschriebener Beschluss mit festgesetzter Frist (kitâban mu'addschalan). Und wer den Lohn dieser Welt will, dem geben Wir davon. Und wer den Lohn des Jenseits will, dem geben Wir davon. Und Wir werden den Dankbaren recht vergelten." (3:145) Nun noch einmal zurück zu jener Nacht des Jahres 610 n.Chr. Muhammad (s) wusste wie gesagt nicht, was da auf ihn zukam. Das, was damals geschah, war seine Bestimmung, sein Qadr. Was aber wissen wir über seinen Entscheidungsspielraum, sein Qadâ' in jenem Augenblick? Bestand die Gefahr der Fehlentscheidung? Streng logisch betrachtet, ja. Wir finden darüber sogar etwas im Qur'an - Allah spricht zu Seinem Gesandten (s) und warnt ihn: "Also haben Wir ihn hinabgesandt, eine Weisung auf Arabisch. Und wenn du ihren bösen Neigungen folgst nach dem, was dir an Wissen zugekommen ist, so sollst du in Allah weder beschützenden Freund noch Beistand haben." (13:37) Die Stärke und der herausragende Charakter des Gesandten (s) bestand eben darin, sich für Allah, gegen die vorherrschende Meinung der Mächtigen von Mekka und für die Überbringung der Botschaft zu entscheiden. Erinnern wir uns, dass es ja einst auch einen Gesandten gegeben hat, der zuerst einmal schlicht abgehauen ist, nachdem Allah ihn berufen hatte. Allerdings wurde er darauf von einem riesigen Fisch verschlungen...

Qadr besagt, dass Allah alles mit Seinem Wissen umfasst und dass dabei Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft keine Rolle spielen. In der Tat kann man sich dem mysteriösen Zusammenspiel zwischen Vorherbestimmung und freiem Willen leichter dadurch nähern, dass man Qadr mit dem allumfassenden und unbegrenzten Wissen Allahs, und Qadâ' mit dem Handeln des Menschen, dessen Wissen begrenzt ist, in Verbindung bringt. Zu diesem Aspekt jetzt das letzte Qur'an-Zitat in diesem Kapitel, wozu dann auch noch ein Hadith gehört: "Allah weiß, was jede Frau (in ihrer Schwangerschaft) im Leib trägt, und was ihren Schoß größer und kleiner werden lässt. Und bei Ihm hat jedes Ding sein Maß. Der Kenner des Verborgenen und des Offenbaren, der Große, der Erhabenste." (13:8-9) "Ibn Umar berichtet, er habe Allahs Gesandten (s) zu diesem Vers sagen hören: 'Die Schlüssel zum Verborgenen, die keiner kennt außer Allah, sind fünf: Niemand außer Allah weiß, was morgen passieren wird, niemand außer Allah hat Kenntnis darüber, was im Schoß der Mutter heranwächst, niemand außer Allah weiß, wann es regnen wird, kein Mensch - nur Allah - weiß, wo er sterben wird, und niemand außer Allah weiß, wann die Stunde kommt.'" (Bukhâri Nr. 219, Bd. 6)

Wan ist Lailatul-Qadr?

Spätestens hier können wir nachempfinden, warum diese Nacht Lailatul-Qadr heißt, denn in welcher Nacht sie genau liegt, wissen wir nicht. Ob wir sie erreichen und unseren Lohn bekommen, hängt davon ab, was Allah für uns vorgesehen hat, es hängt auch ab von unserem Bemühen - welches zu investieren sich indes lohnt, denn ein bisschen was wissen wir schon. Und beinahe würden wir es noch etwas genauer wissen, wären da nicht jene beiden unglückseligen Streithansel gewesen ... aber hört selbst: "Ubâda ibn as-Sâmit berichtete Folgendes: Der Prophet (s) kam heraus, um uns über (den Zeitpunkt für die) Lailatul-Qadr zu unterrichten. Aber zwei Muslime waren gerade dabei, sich laut zu streiten. Da sagte der Prophet (s): 'Ich bin eigentlich herausgekommen, um euch über Lailatul-Qadr zu unterrichten. Aber der und der unter euch stritten sich gerade. So wurde das Wissen wieder emporgehoben (zu Allah, wo es nun bleibt; rufi'at). Das ist vielleicht besser so für euch. Sucht nach ihr am 29., 27. und 25. Ramadan.'" (Bukhâri Nr. 240, Bd.3)

Da stehen wir nun. Interessant, dass Muhammad (s) noch sagte: "Das ist vielleicht besser so für euch" (an yakûna khairun lakum). Warum das? Ich denke so: Bei Kenntnis des genauen Termins würde manch einer ohne innere Anteilnahme in der betreffenden Nacht seine Gebete ableisten, sein sonstiges Verhalten im Islam ließe vielleicht sehr zu wünschen übrig - so wie das bei den beiden Streithanseln gewesen sein mag. Danach würde er den Anspruch auf den unermesslichen Lohn dieser Nacht erheben. Für Eintagsfliegen ist im Islam jedoch kein Platz. Al-hamdu-lillâh, dass wir Muslime sind!

Das Gute der Ungewissheit, von der der Prophet (s) sprach, liegt demzufolge im Grad der Bemühung über einen längeren Zeitraum hinweg. Dazu aber bringt nur der wahrhaft Gläubige und Gottesfürchtige die Kraft und Geduld auf, ganz so wie Allah uns im Qur'an lehrt: "Und sucht Hilfe und Geduld im Gebet - das ist wahrlich eine große und schwere Sache, nur nicht für die Demütigen." (2:45) Kreisen wir das Zielgebiet auf die letzten drei ungeraden Nächte des Ramadans ein. Vergessen wir dabei nicht, dass der islamische Tag mit dem Sonnenuntergang beginnt und endet. Gemeint sind also die Nächte vom 24. auf den 25., vom 26. auf den 27. und vom 28. auf den 29. Ramadan, inschâ Allah. Wohlbekannt, da außerordentlich zahlreich belegt, ist die folgende Aussage A'ischas (r): "Sucht Lailatul-Qadr in den ungeraden der letzten zehn Nächte des Ramadans!" (Bukhâri Nr. 234, Bd.3)

Damit wären wir bei folgenden fünf Nächten: zum 21., 23., 25., 27. und zum 29. Ramadan, inschâ 'Allah. In diesen Zusammenhang passt ein sehr interessanter Bericht vom Propheten (s): "Abu Salam berichtet: Ich fragte meinen Freund Abu Sa'id nach Lailatul-Qadr. Er erzählte: Wir befanden uns gemeinsam mit dem Propheten (s) im I'tikâf im mittleren Drittel des Ramadans (10. bis 20.). Am Morgen des 20. kam der Prophet (s) zu uns und sprach uns an: 'Ich erhielt Wissen über das genaue Datum der Lailatul-Qadr, aber (Allah) ließ es mich wieder vergessen. Sucht nach ihr in den ungeraden der letzten zehn Nächte des Ramadans. In meinem Traum sah ich ein Zeichen: wie ich mich in Schlamm und Wasser (im Gebet) niederwarf. Wer bis jetzt mit mir im I'tikâf war und gegangen ist, soll wieder zurückkommen.' Wir begaben uns also wieder in den I'tikâf (in die Moschee des Propheten (s)). Nicht lange danach - bis dahin hatte es nicht das geringste Anzeichen von Bewölkung gegeben - schob sich eine Wolke über den Himmel, und es regnete, bis das Wasser durch das Dach der Moschee tropfte, das aus Palmzweigen bestand. Es wurde zum Gebet gerufen, und da sah ich, wie der Prophet (s) in Schlamm und Wasser seine Niederwerfung vollzog, und ich konnte Spuren des Schlamms auf seiner Stirn erkennen." (Bukhâri Nr. 233, Bd.3)

Somit bewahrheitete sich die Inspiration, die der Prophet (s) in einem Traum über den Zeitraum des I'tikâf erhalten hatte, in welcher sich Lailatul-Qadr befinden würde. Ein anderer Hadith von Ibn Umar berichtet übrigens, dass nicht nur der Gesandte Allahs (s) so einen Traum erhalten hatte, sondern eine Vielzahl der Gefährten auch, wenn auch mit inhaltlichen Abweichungen. Als der Prophet (s) über diese Träume unterrichtet wurde, sagte er: "Es scheint, dass alle eure Träume in den letzten sieben Nächten übereinstimmen. Also sucht sie in den letzten sieben Nächten des Ramadans." Sehr bekannt ist übrigens auch der Bericht Ibn Ka'bs, der sagte: "Bei Allah, außer dem kein Gott da ist, sie ist im Ramadan, und bei Allah, ich weiß genau, welche Nacht sie ist! Sie ist die Nacht, in der der Gesandte Allahs (s) uns den Eifer in der Verrichtung unseres Gebets ans Herz gelegt hat. Sie ist die Nacht zum 27. Ramadan, und ihr Zeichen ist, dass die Sonne am Morgen nach dieser Nacht weiß und ohne Strahlen aufgeht." Ich bin sicher, dass Ibn Ka'b es gut meinte und uns nicht ärgern wollte. Sein Wissen ist größer als meines. Aber

ich bitte euch, es mit dem Bemühen und der Standhaftigkeit bei der Suche nach Lailatul-Qadr ernst zu nehmen und die Sache nicht auf eine bloße Frage nach dem möglichst genauen Termin zu reduzieren. Die Gesamtheit der Hadithe lässt für Ibn Ka'bs Sicherheit - möge Allah mit ihm zufrieden sein - nicht genügend Raum. Was bekomme ich in ihr?Nach oben

Dies ist nach allem, was ich bisher zu diesem Thema beigetragen habe, das wichtigste, zugleich das kürzeste Kapitel. Es geht also um die Frage, welchen Lohn von wir Allah in der Lailatul-Qadr erwarten dürfen. Das zu fragen hat überhaupt nichts Anrüchiges, es ist unser gutes Recht als Muslime und dokumentiert keineswegs die sogenannte "Bedingungsliebe" - das ist übrigens die Haltung der Psychologie gegenüber Glaubensformen, in denen du irgendwas für Gott tun musst, bevor er etwas für dich tut. - Nein, die Frage zeigt nichts weniger als den unverkrampften Zugang zu Allah, unserem Herrn, Der uns erschuf, Der uns begleitet und vor Dem wir einmal stehen werden, um Rechenschaft über unser Leben abzulegen. Wenn wir wirklich sehen könnten, welchen Lohn Allah für unser Bemühen im Islam bereithält, ich fürchte, wir würden womöglich noch auf allen Vieren zum Gebet robben. Was den Lohn der Lailatul-Qadr betrifft, berichtet Abu Huraira, jener hochgeschätzte Gefährte - Allah sei mit ihm zufrieden: "Ich hörte den Propheten (s) sagen: 'Wer im Ramadan mit wahrem Glauben und auf Allahs Lohn hoffend (ihtisâban - rechnend und in Erwägung ziehend; auch: mit Zufriedenheit) gefastet hat, dem werden seine vergangenen Sünden vergeben. Und wer die Nacht der Bestimmung (im Gebet) stand, mit wahrem Glauben und auf Allahs Lohn hoffend, dem werden seine vergangenen Sünden vergeben.'" (Bukhâri Nr. 231, Bd.3)

Wie verhalten wir uns richtig?

Denken wir daran - dies ist Lailatul-Qadr, und der Weg zu ihr geht zu allererst über Allah. Wir bitten Allah am Anfang des Ramadans und an jedem Tag des Ramadans, dass Er uns rechtleitet. Wir bitten Ihn um diese Nacht, dass Er sie uns gewähren möge. Wir sagen Ihm, dass wir sie brauchen, dass wir in ihr beten wollen. - Wir nehmen uns also die Begegnung mit Allah in dieser Nacht und das Einhalten des Betens in ihr bewusst vor und überlassen es nicht einfach dem Zufall. Wir fassen die Absicht dazu und bemühen uns aktiv darum. - Unser Motiv sei wahrer Glaube (Îmân) und Hoffnung auf Allahs Lohn (Ihtisâb). - Orientieren wir uns im Hinblick auf den richtigen Beginn des Ramadans an vernünftigen und nicht an spekulativen Richtlinien. Dann streichen wir die in Frage kommenden Nächte gleich rot im Kalender an und fahren alle anderen Aktivitäten in dieser Zeit des letzten Drittels im Ramadan herunter. Wir gehen nicht auf Reisen, sind im Betrieb mal nicht der fleißige Streber, schieben das Diesseits ein wenig beiseite und konzentrieren uns auf Lailatul-Qadr und auf unsere 'Ibâda überhaupt.

- Wir achten darauf, dass das Erlangen jener Nacht eingebettet sein muss in den Kontext einer ansonsten auch islamischen Lebensweise. - Wenn wir in einer der betreffenden Nächte im Gebet stehen, nehmen wir die richtige Haltung ein. Diese ist Demut (Khuschû') und Bewusstsein um die unmittelbare Gegenwart Allahs (Ihsân) und der Engel (tanazzalul malâ'ika). Wir unterlassen alle Dinge, die die Engel vertreiben (klatschen, schlechter Geruch, Lärm, lautes Lachen, Herumrennen in der Moschee). Wir lassen unser Handy mal zu Hause - mit wem lohnt es sich zu telefonieren, wenn Allah und die Engel gegenwärtig sind? - Wir beten freiwillige Gebete zu je zwei Rak'ât. Wir vergessen aber nicht, dass im Islam das Gebet nicht nur aus der Anbetung (Salâh), sondern auch aus dem freien Zwiegespräch mit Allah (Du'â) besteht. Wir halten zwischendurch inne, gehen in uns und legen vor uns selbst und vor Allah Rechenschaft ab (Muhâsaba). Dies ist die Nacht der umfassenden Vergebung. Es schadet nicht, sich dabei einmal zu fragen, was es da alles zu vergeben gibt. Nur so können wir die nötigen Schritte zu einer Veränderung unseres Lebens einleiten. - Wir sprechen folgendes Bittgebet aus der Sunna des Propheten (s), das uns A'ischa überliefert hat: "Ich fragte den Gesandten Allahs: 'Gesandter Allahs, angenommen ich wüsste, wann Lailatul-Qadr ist, was denkst du sollte ich in ihr sagen?' Er (s) antwortete: 'Sage: Oh Allah, Du bist der Vergebende. Du liebst die Vergebung. So vergib mir.'" (Mischkât; Ibn Mâdscha; Tirmidhi)

Dieses Bittgebet spreche ich jetzt vor, und ihr sprecht es nach - keiner verlasse diesen Raum, der es nicht gelernt hat! Allâhumma innaka 'afûw tuhibbul 'afwa fa'fu 'annî - Wer es einrichten kann, mache I'tikâf. Man zieht sich von den Alltagsgeschäften zurück. Das geht am besten in der Moschee (so wie es der Qur'an erwähnt, und zwar in Sure 2:187), aber auch in einem Zelt auf dem Berg, mit Proviant, Gaskocher und Gebetsteppich - egal, Hauptsache, man ist allein, oder nur in Gemeinschaft mit anderen, die auch I'tikâf machen. Wir haben darüber ja gerade in einem Hadith etwas gehört. Der Prophet (s) praktizierte das in den letzten zehn Nächten des Ramadans. I'tikâf lässt sich übrigens auch zu anderen Zeiten machen, und es müssen nicht zehn Tage sein. Fangt mal mit einem Tag oder mit einem Wochenende an! Lasst es aber in keinem Falle zu, dass ihr als Muslime über Jahre hinweg auf dieser Erde wandelt, ohne zwischendurch diese herausragende Sunna geübt zu haben, in deren Mittelpunkt die ungestörte Begegnung mit Allah steht! Damit bin ich am Ende angelangt, mich fragend, was ich selbst wohl von dem schaffen werde, was ich euch geraten habe. Ich hoffe, es hat euch den einen oder anderen Einblick verschafft, bedanke mich bei euch für eure Geduld - und bitte Allah um Nachsicht für meine Fehler. Subhânaka allahumma aschhadu an lâ ilâha illa ant. Astaghfiruka wa atûbu ilaik.


				
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