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Vorlesung_6_Theorie_der_Praxis_II

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									            Theorien Sozialer Arbeit

                          Vorlesung 6

                 Theorie der Praxis II




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Prof. Dr. Heiko Kleve: Theorien Sozialer Arbeit, Vorlesung 6           1
     Überblick
     1. Was haben wir bisher gelernt? Eine kurze Wiederholung.
     2. Ausgangsfrage und Ausgangsthese
     3. Sozialarbeiterische Arbeitsformen und Arbeitsfelder –
        die phänomenale Ebene
     4. Exkurs I: Vergleich Psychotherapie und sozial(arbeiterisch)e
        Beratung
     5. Exkurs II: Dimensionen sozial(arbeitersch)er Beratung
     6. Eine vierte Theoriesystematik
     7. Der doppelte Generalismus der Sozialarbeitspraxis
        – die kausale Ebene
     8. Gründe und Auswirkungen des doppelten Generalismus
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Prof. Dr. Heiko Kleve: Theorien Sozialer Arbeit, Vorlesung 6           2
     1. Was haben wir bisher gelernt?

      Eine erste Systematisierung zur Analyse von
      Theorien:
      - die phänomenale Ebene (Beschreibungswissen)
      - die kausale Ebene (Erklärungswissen)
      - die aktionale Ebene (Handlungswissen)

      Eine zweite Systematisierung zur Analyse von
      Theorien:
      - am Individuum orientierte Theorien
      - am Sozialsystem orientierte Theorien
      - beide Perspektiven vereinende Theorien
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Prof. Dr. Heiko Kleve: Theorien Sozialer Arbeit, Vorlesung 6           3
     1. Was haben wir bisher gelernt?

     Theorien bilden nicht die Wirklichkeit ab; sie
      sind vielmehr Konstruktionen, Modelle, Speise-
      karten, Landkarten, kurz: Reduktionen von
      Komplexität.


    Wissenschaft ist ein Prozess, in dem systematisch
     Theorien konstruiert sowie anhand der Empirie
     bzw. Praxis kritisch geprüft werden (Falsifikation).



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Prof. Dr. Heiko Kleve: Theorien Sozialer Arbeit, Vorlesung 6           4
  1. Was haben wir bisher gelernt?
      Eine dritte Systematik von Theorien in der Sozialen Arbeit:
        Biologisches                   Psychisches                      Soziales

        Körperliche                    Psychische                      Soziale
        Bedürfnisse                    Bedürfnisse                   Bedürfnisse

    ... und alle damit zusammen    ... und alle damit zusammen   ... und alle damit zusammen
        hängenden Fragen der           hängenden Fragen der          hängenden Fragen der
        körperlichen (gesund-     psychischen und emotionalen      sozialen Entwicklung und
       heitlichen) Entwicklung              Entwicklung              Einbindung (Inklusion,
                                                                          Integration)
          Medizin,                    Psychologie,                    Soziologie,
       Gesundheitswis-            Pädagogik, Psychiatrie             Jurisprudenz,
         senschaften                      etc.                       Ökonomie etc.

    Transdisziplinarität der Sozialarbeitswissenschaft
    ... Verknüpfung des Spezialwissens aus den Bezugswissenschaften
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     2. Ausgangsfrage und Ausgangsthese
       Ausgangsfrage:
       Wie lässt sich die praktische Soziale Arbeit
       beschreiben (phänomenale Ebene) und erklären
       (kausale Ebene)?

       Ausgangsthese:
       Genauso wie das Studium ist die Praxis der
       Sozialen Arbeit: vielfältig, von unterschied-
       lichsten Bereichen gekennzeichnet, kurz:
       nicht auf einen Nenner zu bringen.

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     3. Sozialarbeiterische Arbeitsformen und Arbeitsfelder

                              eher verhältnis-
                                 orientiert

                  Soziale Arbeit mit/in Gemeinwesen –
                          Gemeinwesenarbeit
                (Community Development/Organization)


              Soziale Arbeit          Soziale Arbeit
              mit Einzelnen           mit Gruppen –
              und Familien –          Gruppenarbeit
              Einzelfallarbei          (Group Work)
              t (Case Work) verhaltens-
                           eher
                               orientiert

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     3. Sozialarbeiterische Arbeitsformen und Arbeitsfelder
         Zielgruppen/Adressaten:
     -    Soziale Arbeit mit Kindern
     -    Soziale Arbeit mit Jugendlichen (Jugendarbeit und
          Jugendkulturarbeit; Jugendsozialarbeit; Jugend- und
          Erziehungshilfe; Jugendhilfe für suchtgefährdete und sucht-
          kranke Jugendliche)
     -    Soziale Arbeit mit Frauen
     -    Soziale Arbeit mit Familien
     -    Soziale Arbeit mit alten Menschen
     -    Soziale Arbeit mit sterbenden Menschen (Hospiz)
     -    Soziale Arbeit mit sozial und wirtschaftlich benachteiligten
          Menschen
     -    Soziale Arbeit mit Randgruppen (z.B. Arbeits- oder Wohnungs-
          lose; Straffällige; Prostituierte)
     -    Soziale Arbeit mit kranken und behinderten Menschen
     -    Soziale Arbeit mit psychisch kranken Menschen
     -    Internationale und interkulturelle Soziale Arbeit
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     3. Sozialarbeiterische Arbeitsformen und Arbeitsfelder

       Handlungsorte:

     - öffentliche/staatliche Träger, z.B. Behörden/Ämter
     - freie Träger
     - die Lebenswelten der Menschen (Wohnungen,
       Strassen etc.)
     - Wirtschaftsbetriebe
     - Krankenhäuser
     - Pflegeeinrichtungen
     - Gefängnisse
     - Bildungseinrichtungen (z.B. Schulen)


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                         4. Exkurs I:
    Vergleich Psychotherapie sozial(arbeiterisch)e Beratung

   Sozial(arbeiterisch)e Beratung             Psychotherapie
                          Veränderungsarbeit
              ... ausgehend von der Differenz: Ist und Soll.
           Doppelmandat                    Eindeutiges Mandat
           Hilfe/Kontrolle                    Hilfe/Heilung
     räumlich polykontextuell        räumlich monokontextuell
                                     hinsichtlich der zu bearbeitenden
   hinsichtlich der zu bearbeitenden Probleme eher eingegrenzt auf
      Probleme potentiell offen      gesundheitliche Probleme mit
                                     Krankheitswert (DSM, ICD)


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                           5. Exkurs II:
             Dimensionen sozial(arbeiterisch)er Beratung
                         Auftrag/Funktion
    Erweiterung der Denk-/Handlungsmöglichkeiten der KlientInnen
   Sozio-ökonomische Dimension           psycho-soziale Dimension

   Sach- bzw. informationsorientiert    beziehungs-/emotionsorientiert
       Erweiterung des Wissens             Erweiterung der sozialen,
                                          emotionalen und kognitiven
                                                Kompetenzen
     Professionelle Kompetenzen der      Professionelle Kompetenzen der
           SozialarbeiterInnen:                SozialarbeiterInnen:
         u.a. Rechtskompetenz          u.a. Gesprächsführungskompetenz
      Verwaltungs-/Management-               Adressatenkompetenz
       /Organisationskompetenz                 Kontextkompetenz
      sozialpolitische Kompetenz                Konfliktfähigkeit
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     6. Eine vierte Theoriesystematik


     - Soziale Arbeit vollzieht sich in Interaktionen
       zwischen Klienten und Sozialarbeitern

    - Soziale Arbeit vollzieht sich in Organisationen

    - Soziale Arbeit vollzieht sich in der Gesellschaft


     Die Soziale Arbeit benötigt Theorien für alle
     drei sozialen Ebenen.

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     7. Der doppelte Generalismus der Sozialarbeitspraxis

     1. Soziale Arbeit kommt inzwischen überall in
        der Gesellschaft vor (universeller Generalismus)
         uneindeutige Konturen
    „Ein Erschwernis für die Ausbildung eindeutiger Konturen
    ergibt sich aus der Vielfalt der Arbeitsfelder. In der Regel
    sind berufliche Identitäten dadurch geprägt, daß umschriebene
    Arbeitsbereiche speziellen Berufsgruppen eindeutig zuge-
    ordnet werden können. Sozialarbeiter/Sozialpädagogen
    arbeiten aber in sehr unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern
    und Institutionen“.
    Wilhelm Klüsche (1995): Befähigung zur Konfliktbewältigung – ein identitätsstiftendes Merkmal
    Für SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen, in: ders. (Hrsg.): Professionelle Identitäten in der
    Sozialarbeit/Sozialpädagogik. Aachen: Kersting, S. 76.
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     7. Der doppelte Generalismus der Sozialarbeitspraxis

  2. Soziale Arbeit bezieht sich dort, wo sie in der
     Gesellschaft vorkommt, dreidimensional auf
     die Probleme: bio-psycho-sozial (spezialisierter
     Generalismus).

    „Aber nicht nur die Einsatzfelder sind ungemein weit-
    gefächert auch die Tätigkeiten, die dort erbracht werden,
    sind komplex und unscharf“.
    Wilhelm Klüsche (1995): Befähigung zur Konfliktbewältigung – ein identitätsstiftendes Merkmal
    Für SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen, in: ders. (Hrsg.): Professionelle Identitäten in der
    Sozialarbeit/Sozialpädagogik. Aachen: Kersting, S. 77.



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      7. Der doppelte Generalismus der Sozialarbeitspraxis

                    Soziale Arbeit (Soz.arb./Soz.päd.) als ...
           ... gesellschaftliches                        ... organisatorisches und
              Funktionssystem                       interaktionalles Handlungssystem
   Universeller Generalismus:                       Spezialisierter Generalismus:
        Heterogenität des                                 Heterogenität des
      Gesellschaftsbezugs                                     Fallbezugs
   z.B. Prävention, Intervention,                         z.B. Einzelfallarbeit,
            Postvention                                     Gruppenarbeit,
                                                          Gemeinwesenarbeit
      Sozialhilfe, Kinder- und Jugendhilfe,               Gleichzeitiger Bezug auf
 Familienhilfe, Behindertenhilfe, Migrantenhilfe,
   Obdachlosenhilfe, Suchthilfe, Krankenhilfe,      biologische/körperliche, psychische,
   Schuldnerhilfe, Rechtshilfe, Altenhilfe etc.       soziale Bedürfnisse und Systeme
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     8. Gründe und Auswirkungen des doppelten
        Generalismus
       Gründe:

       Die Soziale Arbeit wird immer dann tätig, wenn andere
       Profession nicht, noch nicht oder nicht mehr tätig werden
       (können).

       Die Soziale Arbeit ist eine Profession, die die Probleme
       bearbeitet, die daraus entstehen, dass die moderne Gesel-
       lschaft eine differenzierte Spezialistengesellschaft ist.




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     8. Gründe und Auswirkungen des doppelten
        Generalismus
       Auswirkungen:

       Die Soziale Arbeit ist von vielfältigen Widersprüchen,
       Ambivalenzen bzw. Paradoxien gekennzeichnet.

       Der Sozialen Arbeit fällt es schwer, die Prinzipien zu
       erfüllen, die von modernen Professionen und Disziplinen
       erwartet werden: z.B. Spezialisierung, Eindeutigkeit,
       Identität.




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  Vexierbild 1:
  Junge und alte Frau




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4                                      Prof. Dr. Heiko Kleve
Vexierbild 2:
Kaninchen und Ente




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5                                      Prof. Dr. Heiko Kleve
Vexierbild 3:
Indianer und Eskimo




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6                                      Prof. Dr. Heiko Kleve
Vexierbild 4:
Profile und Kelch




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7                                      Prof. Dr. Heiko Kleve
     8. Gründe und Auswirkungen des doppelten
        Generalismus
       Die Soziale Arbeit ist von vielfältigen Widersprüchen,
       Ambivalenzen bzw. Paradoxien gekennzeichnet.

                                      u.a.

                           • Hilfe und Kontrolle
                          • Hilfe und Nicht-Hilfe
                          • Problem und Lösung
             • Lebensweltorientierung und Ökonomisierung
       • Individuelle Eigenverantwortung und soziale Bedingtheit
                               der Probleme


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