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Das Originaldokument knen Sie h

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									            W.Jürgen Ackermann, Herderstr. 18, 42853 Remscheid  02191/81 00 8




              Bericht über die 4. Bosnien-Reise vom 24. bis 29. März 2002

     1. Teilnehmer:          Irena Matic, Caritas-Verband Remscheid
                             Werner Fußwinkel, Leiter Caritas-Verband Remscheid
                             Paul Langensteiner, Diakonisches Werk Remscheid
                             W. Jürgen Ackermann, Arbeitskreis ASYL Remscheid

     2. Zweck der Reise:

                         -   Verteilung der Medikamente und Bälle in Bosanski Petrovac
                         -   Übergabe der Buchübersetzung an Frau Dautovic
                         -   Hilfe bei eventuell neuen Projekten in Bosanski Petrovac
                         -   Was ist aus unseren bisherigen Hilfen und Aktivitäten geworden?
                         -   Pflege des Kontakts zu unseren Freunden in Bosanski Petrovac

     3. Vorbemerkungen:

Im Frühjahr 2002 beschloss der Arbeitskreis Asyl Remscheid (AK Asyl RS), seine vierte Reise
nach Bosnien zu unternehmen. Im Zuge der Vorbereitungen erklärte sich die Caritas bereit, ein
Fahrzeug bereitzustellen und auch die Treibstoffkosten zu zahlen. Die Diakonie übernahm die
Verpflegungskosten unterwegs, so daß für den Asylkreis und auch für die Mitreisenden keine
zusätzlichen Kosten entstanden. Als wir uns in Bosanski Petrovac ankündigten, erhielten wir von
dort eine Bitte um Medikamente für einige unserer Bekannten bzw. deren Familienmitglieder; vor
allem wurden wir um Insulin gebeten, das schon hier recht teuer ist. Darüber hinaus erhielten wir
von der Firma Sport-Erhard aus Rothenburg eine Spende in Form von Fuß- und Basketbällen, die
wir natürlich gern mitnahmen.
Auf Grund eines Vorberichts in der Presse nahm ein türkischer Mitbürger Kontakt mit P.
Langensteiner auf und spendete einige Insulin Spritzen.
Es war uns außerdem gelungen, das Buch von Frau Dautovic über den Verlust ihrer beiden Kinder
im bosnischen Krieg übersetzen zu lassen; diese Übersetzung wollten wir Frau Dautovic
überreichen.
Die Kosten für die Medikamente, für die Übersetzung des Buches und für die eventuelle
Unterstützung neuer Projekte in Bosanski Petrovac konnten wir durch Spenden von Privatpersonen
und vom Lions Club RS bestreiten.

Sonntag, 24. März: Bei gutem Wetter startete der Ford Transit Diesel der Caritas um 8 Uhr in
Remscheid.

Montag, 25.März 2002: Um 9.30 Abfahrt von Jalkovec, kalter Wind, Straßen frei, bei Karlovac sind
immer noch viele Häuser vom Krieg gezeichnet, aber auch vieles ist seit unserem letzten Besuch im
August 2000 repariert. Hinter einer Müllhalde lasen wir diesen Satz: „Die Natur ist der Spiegel der
Menschen.“

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An der kroatisch-bosnischen Grenze warf der Zöllner nur einen kurzen Blick auf das Schaukelpferd,
das wir gut sichtbar vor der hinteren Sitzreihe postiert hatten; wir wollten es dem Flüchtlingslager
zur Verfügung stellen. Auf der nur 54 km langen Stecke zwischen Bihac und Bosanski Petrovac
überraschte uns zum zweite Mal auf unserer Reise der Schnee, und zwar ziemlich heftig. In
Bosanski Petrovac standen die Obstbäume alle in voller Blüte, allerdings ganz mit Schnee bedeckt.
Um 15 Uhr kamen wir endlich im Hause von Midho Druzic in Bosanski Petrovac an und wurden
herzlich empfangen. Das vor 2 Jahren begonnene Haus war inzwischen fertig gestellt und
Hauptwohnsitz der Familie. Wir durften im Nebenhaus schlafen, allerdings war es dort wirklich
eiskalt, da es monatelang nicht genutzt worden war und wir aus Vorsicht den angebotenen
Heizstrahler nachts nicht anlassen wollten.
Zum Abendessen kam auch Fadila Porcic, die mit großer Freude das Insulin entgegennahm. Die
Spritzen sind für ihre Nichte Selma Messic, geboren am 23.8.1982, bestimmt, die mit ihrer in Ripac
bei Bihac lebt. Auf Grund von schrecklichen Kriegserlebnissen ist Selma 1994 plötzlich in ein
Koma gefallen, und nur per Zufall wurde festgestellt, daß ein Zuckerschock der Auslöser dafür war.
Seither muß sie in steigenden Dosen Insulin spritzen. Zunächst hat die staatliche Hilfe diese
Medikamente bezahlt, dann wurden die Zuschüsse reduziert, bis diese Hilfe dann ganz auslief. Jetzt
wird Selma vor allem durch Spenden von Fadilas Bruder und der 2. Schwester, die beide in
Osnabrück leben, unterstützt. Selma hat mit einer Ausbildung zur Krankenschwester begonnen.
Am Nachmittag trafen wir noch den Leiter der lokalen Fußballmannschaft. Er bedankte sich sehr
für die Fußbälle, die wir seiner Mannschaft zur Verfügung stellten.

Dienstag, 26. März 2002: Nach einer wirklich kalten Nacht und einem guten Frühstück besuchten
wir zunächst die Grundschule von Bosanski Petrovac. Der Direktor empfing uns freundlich und
bedankte sich für die Basketbälle. Er berichtete auf unsere Fragen hin, daß im Hauptgebäude jetzt
10 serbische Kinder am Unterricht teilnehmen, in den Schulniederlassungen am Stadtrand sind es
allerdings schon 120 serbische Kinder, von den insgesamt 700 Kindern in allen Schulen in Bosanski
Petrovac. In den Außenstellen der Schule sind überwiegend serbische Lehrer eingestellt worden,
demgegenüber seien in der Repub. Srebska nur ganz wenige muslimischer Lehrer neu eingestellt
worden, berichtete der Direktor.
Anschließend besuchten wir Frau Mejra und Uzeir Dautovic, die seit ihrer Flucht aus Prijedor in
einem serbischen Haus in Bosanski Petrovac wohnen, ständig in der Angst, auch dieses Haus
kurzfristig wieder verlassen zu müssen. Mejra Dautovic freute sich sehr, als wir ihr die erste
deutsche Übersetzung ihres Buchs überreichten, in dem sie den Verlust ihrer beiden Kinder
beschreibt. Sie ist unverändert mit diesem Thema stark beschäftigt und übergab uns ihr zweites
Buch in kroatischer Sprache. Hierin berichtet Mejra Dautovic, wie sie die Gräber ihrer Kinder
gefunden hat und ihre Beerdigung in Bihac. Wir werden uns bemühen, auch ihr zweites Buch zu
übersetzen. Sie hat im übrigen keinerlei Kontakt zu einem deutschen Verlag, so daß wir uns auch
um das Verlegen kümmern können. Es empfiehlt sich vielleicht, beide Bücher zusammenzufassen,
so daß ihre Lebensgeschichte in einem geschlossenen Werk erscheinen kann. Mejra Dautovic
berichtete dann, daß sie im März 2001 an einer internationalen Konferenz in Kapstadt
teilgenommen hat: „World Court of Woman against War, for Peace“. Dieser internationale
Gerichtshof der Frauen hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, neue Visionen für den Frieden
weltweit zu entwickeln. Mejra Dautovic wird möglicherweise noch in diesem Jahr in den Haag vor
dem internationalen Kriegsverbrechergericht als Zeugin aussagen.
Fadila berichte uns auch ausführlich über die verschiedenen Projekte, die wir bei unserem Besuch
im August 2000 finanziell mit unterstützt hatten.
Die Computer-Schulung: hier sind zahlreiche Frauen geschult worden bis die Leiterin an Krebs
erkrankte und die Ausbildung niederlegen mußte. Eine Nachfolgerin war nicht zu bekommen.
Außerdem sind zahlreiche jüngere muslimische Frauen, die an dieser Ausbildung besonders
interessiert waren, in andere Orte umgezogen, da sie die Wohnungen nachrückenden serbischen
Familien übergeben mußten.
Danach besuchten wir das Flüchtlingslager einige Kilometer außerhalb der Stadt. Hier leben immer
noch 460 Flüchtlinge, davon sind 220 Jugendliche unter 18 Jahren. Es sind nach wie vor

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überwiegend Roma, die 1999 aus dem Kosovo geflohen sind. Es werden aber auch Flüchtlinge aus
China, Sri Lanka und anderen Staaten durchgeschleust. Da die Anzahl der Flüchtlinge von
ursprünglich rund 1 100 auf jetzt 460 zurückgegangen ist, werden die Armee-Zelte
erfreulicherweise nicht mehr benutzt. Seit Anfang 2002 werden alle neu hinzukommenden
Flüchtlinge als Asylbewerber bezeichnet. Davon hat das Lager z. Zt. 31 aufgenommen. Alle diese
Menschen werden vom UNHCR versorgt.

Mittwoch, 27. März 2002: Die Rückfahrt nach Jalkovec führte uns zunächst an den Plitvicer Seen
vorbei.

Donnerstag, 28. März 2002: Wir hatten den Winter und den Schnee in Bosnien gelassen und fuhren
mit Sonne und etwa 13 Grad nach Varazdin. Die Stadt macht wirklich einen guten Eindruck und ist
sehr ansprechend restauriert worden. Auf dem lokalen Markt, der uns alle beeindruckte, kauften wir
Lebensmittel. Nach einem Mittagessen besuchten wir am Nachmittag in Ivanec ein Altenheim. Hier
hatte die Caritas vor 2 Jahren einen Hilfstransport hingebracht, und W. Fußwinkel wollte gern mal
sehen, was daraus geworden war. Wir waren alle sehr überrascht: die Leiterin führte uns durch ein
wirklich sehr gepflegtes Heim. Von den rund 50 Pflegeplätzen sind nur 38 zur Zeit belegt, da es
schwierig ist, die monatlichen Kosten von den alten Leuten aufzubringen. Im Zweibettzimmer
kostet es pro Monat und Person rund DM 1 000, ein Betrag, den kaum jemand ohne staatliche Hilfe
aufbringen kann. Eine normale Rente dürfte bei etwa DM 300-400 liegen.
Karfreitag, 29. März 2002: Von unserem Rückreisetag gibt es nicht mehr viel zu berichten.

Anmerkungen zur wirtschaftlichen Lage:
Schon die vielen herumstehenden Männer auf dem Trödelmarkt bestätigten, dass noch keinerlei
Anzeichen für eine wirtschaftliche Erholung in Bosanski Petrovac zu erkennen sind.
Schätzungsweise 6 000 arbeitsfähige Männer und Frauen, davon sind in einem regulären
Beschäftigungsverhältnis nur rund 800 gibt es in Bosanski Petrovac. Damit ergibt sich für den Ort
eine Arbeitslosigkeit von ca. 87 %.
Daneben gibt „ungewöhnliche Arbeitsverhältnisse“: dies wird an folgendem Beispiel deutlich: eine
große holzverarbeitende Firma in Bosanski Petrovac hatte vor dem Krieg rund 2 500 Beschäftigte,
jetzt noch knapp 170. Diese gehen morgens gegen 9 Uhr zur „Arbeit“, haben aber kaum etwas zu
tun und kehren gegen 11 Uhr wieder nach Hause zurück. Lohn gibt es seit Jahren nicht mehr;
allerdings erhalten diese 170 Arbeiter gelegentlich ein sogenanntes „Essensgeld“, das die Firma
nicht versteuern muß. Auch Sozialbeiträge werden nicht abgeführt. Die Holzfabrik ist inzwischen
privatisiert, aber es gibt noch keine Anzeichen auf eine Trendwende.
Das Gleiche gilt auch für den kunststoffverarbeitenden Betrieb, der jetzt einem privaten Investor
gehört. Lediglich die Trikotagen-Fabrik arbeitet regelmäßig, aber das ist für einen Ort mit jetzt über
10 000 Einwohnern viel zu wenig.

Anmerkungen zur ethnischen Situation:
Es wurde uns berichtete, daß seit unserem letzten Besuch im Sommer 2000 deutlich mehr Serben
nach Bosanski Petrovac zurückgekehrt seien als vorher. Aktuell leben über 5 500 Serben in
Bosanski Petrovac von rund 10 000. Das bedeutet aber auch, daß über 3 000 Muslime in andere
Ortschaften umgesiedelt sind. Der Grund liegt einmal darin, daß die Muslime, die den Serben
gehörenden Wohnungen und Häuser freimachen müssen, wenn die Serben zurückkehren, zum
anderen zwingt die schlechte Arbeitsmarktlage in Bosanski Petrovac junge Muslime, die Stadt zu
verlassen. Die Serben sind laut Fadila zu über 80% alte Leute; das stellt für die Stadt ein
erhebliches finanzielles Problem dar, da die Renten oft minimal sind. Um die Jugend in der Stadt zu
halten, gibt es seitens der Stadt einige Projekte: so will man das alte Schwimmbad neu herrichten,
man denkt auch an ein Jugend-Zentrum in der Nähe des Bads. Hier sollen auch Sportmöglichkeiten
geschaffen werden. Erfreulich war die Information, dass die SFOR-Truppe diese Projekte
unterstützen möchte.


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Neubau von Wohnungen für bedürftige Familien:
Ein besonderes Problem für die Verwaltung der Stadt sind die Familien mit vielen Kindern und
ohne Arbeitseinkommen. Hier muß die Stadt für die Miete aufkommen, die schon für kleine
Wohnungen um DM 150 liegen kann. Fadila stellte uns eine Aktion der Stadt in Zusammenarbeit
mit dem Invaliden-Verein vor: die Stadt Bosanski Petrovac hat 17 baureife Grundstücke am
Stadtrand kostenlos zur Verfügung gestellt. Hier sollen kleinere Häuser in Eigenleistung gebaut
werden, der Invaliden-Verein finanziert zum großen Teil die Baumaterialien. Die Bauarbeiten
sollen von den Familien, die dort mal einziehen werden, selbst geleistet werden. Die gesamten
Baukosten belaufen sich auf knapp DM 30 000.

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         Gez. W. Jürgen Ackermann




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