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Einleitung Gregorianik

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Einleitung Gregorianik Powered By Docstoc
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SWR2 Leben - Manuskriptdienst

Der Meister der Geschichten
Erickson und die Hypnotherapie
Reihe: Therapien für die Seele (8)

Autor: Jochen Paulus
Redaktion: Petra Mallwitz
Regie: Petra Meunier-Götz
Sendung: Mittwoch 28.03.2007, 10.05 Uhr, SWR 2
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Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
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Mitschnitte von allen Sendungen der Redaktion Leben (Montag bis Freitag 10.05 bis
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MANUSKRIPT



Deutsche Stimme von Erickson
Meine Stimme begleitet Sie überallhin, sie verwandelt sich in die Stimme Ihrer Eltern,
Ihrer Lehrer, Ihrer Spielgefährten und in die Stimmen des Windes und des Regens.

Sprecher:
Mit diesen poetischen Worten geleitete der wohl berühmteste moderne Hypnotiseur
einmal eine Frau durch ihre Trance. Der Name dieses legendären Therapeuten war
Milton Erickson. Er starb im Jahr 1980 im Alter von 78 Jahren in der Wüstenstadt
Phoenix im amerikanischen Bundesstaat Arizona. Sein Haus dort hatte sich längst zu
einem Wallfahrtsort entwickelt – nicht nur für Patienten. Es kamen auch Therapeuten
aus aller Welt, die seine Techniken lernen wollten. Erickson hatte Psychologie und
Medizin studiert, war zeitweise Professor und Chefpsychiater einer Klinik. Aber zum
Mythos wurde er als einfacher niedergelassener Psychiater in einer Wüstenstadt. Er
saß im Rollstuhl, denn er litt unter den Folgen einer Kinderlähmung. Auch seine
Zunge und seine Lippen funktionierten nicht richtig, so dass er nicht gut artikulieren
konnte und nur schwer zu verstehen war. Trotzdem wurde er berühmt für das, was er
mit seiner Stimme erreichte. Sein Schüler Jeffrey Zeig, der die Biographie Ericksons
geschrieben hat und Präsident der amerikanischen Erickson-Stiftung ist, erinnert
sich.

O-Ton 1
It is like watching Picasso paint Guernica in front of your eyes. You just know that
you’re seeing a master at work. And I think that the richness of Erickson’s discoveries
has only been superficially mined.
Voice over (Deutsche Stimme von Zeig):
Es ist, als ob Picasso vor deinen Augen „Guernica“ malt. Dir ist sofort klar, dass du
einen Meister am Werk siehst. Und ich glaube, dass der Reichtum von Ericksons
Entdeckungen nur oberflächlich erfasst ist.

Sprecher:
Eine dieser Entdeckungen war der therapeutische Nutzen von Metaphern und
Geschichten. Wie wohl kein anderer Therapeut vertraute Erickson darauf, Anekdoten
zu erzählen. Sie handelten von seiner Kindheit, seinen Patienten oder etwas
anderem, oft sehr alltäglichem. Doch sie enthielten subtile Botschaften. So wie die
folgende Geschichte, die davon erzählt, wie ein einziger Satz genügen kann, um
einen Menschen völlig zu verändern.

O-Ton 2 Erickson
Joe at the age of 12 had been expelled by every possible country school. … The
teachers all gave up on him. Joe had a cat and a dog soaked with kerosene and set
them afire. And Joe tried to burn down his father’s barn house. And at the age of 12
his parents despairing of any handling of their son took him to court and had him
committed to boys’ industrial school.
Voice over (Deutsche Stimme von Erickson):
Joe war schon mit 12 aus jeder Schule des Landkreises geflogen. Die Lehrer gaben
ihn auf. Joe hatte eine Katze und einen Hund mit Petroleum übergossen und


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angezündet. Er hatte versucht, die Scheune seines Vaters niederzubrennen. Und als
er 12 war, gaben die Eltern die Erziehung ihres Sohnes verzweifelt auf und
schleppten ihn vor Gericht, um ihn in eine Spezialschule einweisen zu lassen.

Sprecher:
So erzählte Erickson noch lange weiter von Joes Sündenregister. Doch schließlich
wandelt Joe sich zum Wohltäter der Gegend. Die Veränderung beginnt bei der
Begegnung des scheinbaren Verlorenen mit einer schönen Farmerstochter.

O-Ton 3 Erickson
And Joe always said: Can I take you to dance Friday night? And Edye very cooly
said: You can if you are a gentleman.
Voice over (Deutsche Stimme von Erickson):
Und Joe sagte immer: Kann ich dich Freitagabend zum Tanz ausführen? Und Edye
sagte sehr kühl: Du kannst, wenn du ein Gentleman bist.

Sprecher:
Die beiden tanzen den ganzen Freitagabend miteinander. Am nächsten Morgen
finden drei Ladenbesitzer die Waren wieder, die ihnen gestohlen worden waren. Joe
wird Knecht bei Edyes Vater, einem reichen Farmer, und arbeitet sehr hart. Eines
Tages heiratet er Edye und wird zum angesehenen Mitglied der Gemeinde.

O-Ton 4 Erickson
All the psychotherapy that Joe received was: “You can if you are a gentleman”. And
that was all to end 29 years of antisocial life.
Voice over (Deutsche Stimme von Erickson):
Die ganze Psychotherapie, die Joe erhielt, war: “Du kannst, wenn du ein Gentleman
bist.” Und das war genug, um 29 Jahre eines rücksichtslosen Leben zu beenden.

Sprecher:
Erickson behauptete nicht, dass ein einziger Satz immer ausreichen würde, um einen
Menschen zu ändern. Er gab auch zu, dass ein Therapeut manchmal mit sehr
bescheidenen Fortschritten zufrieden sein muss und gelegentlich gar nichts
erreichen kann. Doch immerhin waren die Erfolge, die er gerade auch mit solchen
Geschichten erzielte, so groß, dass heute Therapeuten in aller Welt versuchen, es
ihm nachzutun. Er gilt als „Gründervater der modernen Hypnose“, wurde „größter
Kommunikator der Welt“ genannt und „ein Therapeut ohne seinesgleichen“. Vor über
zwanzig Jahren behauptete ein Skeptiker, der Kult um Erickson werde sich bald
legen. Doch das Gegenteil trat ein. In Deutschland ist die „Milton Erickson
Gesellschaft für Klinische Hypnose“, die größte Vereinigung von
Hypnosetherapeuten
Die meisten arbeiten nicht nur mit Hypnose und die Hypnose sieht auch anders als
die Patienten erwarten. Eine Beamtin, die wir hier Sabine Ritzert nennen, begab sich
in Therapie, weil sie schon über zehn Jahre lang unter extremer
Geräuschempfindlichkeit litt. Sie brauchte nur einen Motor zu hören, der mehrere
Kilometer entfernt aufheulte, schon schien ihr Kopf zu vibrieren.

O-Ton 5 Ritzert
Das war schon so schlimm, ich will jetzt nicht sagen, dass ich mir das Leben nehmen
wollte, aber es hat sich so verstärkt und egal wo ich war, wenn Leute bei mir zu


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Hause waren, ich hatte Besuch und wir haben schön gegessen, dann war ich mit
einem Ohr immer auf dieser Straße. Ich habe also immer gelauscht, ob ein Autor
kommt. Das war also schon – wie nennt man das – neurotisch oder?

Sprecher:
Ihre Empfindlichkeit steigerte sich immer weiter. Sabine Ritzert konnte nicht mehr so
gut arbeiten und schlief schlecht. Häufig sorgten Autogeräusche bei ihr für
Herzklopfen und Schweißausbrüche. Sie hatte keine Freude mehr am Leben. So
ging sie zu der Diplom-Psychologin Anne Lang, die in Köln die Regionalstelle der
Milton Erickson Gesellschaft leitet und die Methoden Ericksons anwendet.

O-Ton 6 Ritzert
Dann habe ich alles Mögliche ausprobiert. Dann bin ich letztendlich dann zu Frau
Lang gekommen und hab’ gedacht, so, das ist mein letzter Ausweg. Die wird mich
jetzt hypnotisieren und mir einreden: So, sie sind jetzt ganz ruhig, sie hören das nicht
mehr und damit ist das weg. So hatte ich es gehofft. So hatte ich mir das vorgestellt.

Sprecher:
Doch eine Therapie funktioniert nicht so einfach wie die angeblichen Sofortheilungen,
die manche Hypnotiseure in ihren Bühnenshows vorführen. Schon die Einführung in
den für Hypnose typischen Trance-Zustand ist anders. Sie ähnelt bei Erickson und
seinen Nachfolgern oft viel mehr einem normalen Gespräch. Die Therapeutin Anne
Lang:

O-Ton 7 Lang
Es gibt die Konversationstrance, das ist eine sehr starke Ausrichtung des Gesprächs
auf Ressourcen, auf Zukunft, auf Ziele, und da gibt es in einem Gespräch sehr viele
Stellen, wo der Therapeut indirekte Angebote machen kann und den Klienten
praktisch in eine Stimmung hineinbringen kann, in andere Gedanken hineinbringen
kann und das unterbrechen kann, was er normalerweise macht in einer
Problemsituation, nämlich Hilflosigkeit immer wieder verstärken, oder Nichtstun
verstärken, das ist ganz normal, das geht uns auch so, wenn wir in einer
Problemsituation sind.

Sprecher:
Sabine Ritzert lernte in Trance, die lärmende Umwelt nicht an sich heranzulassen
und stattdessen Ruhe zu finden. Zusammen mit Anne Lang erprobte sie dafür
passende Bilder.

O-Ton 8 Ritzert
Irgendetwas schönes, irgendetwas vorgestellt, was ich für mich als schön finde. Und
dann haben wir so Verschiedenes getestet, also auf einer Wiese mit Blumen oder mir
vorgestellt, ich wäre ein Vogel und ich könnte wegfliegen, von diesen Geräuschen
wegfliegen. Ich glaube, einmal hatten wir auch ein Tonstudio mit Kopfhörern, also
dass ich von außen quasi abschalten kann, abdichten meine Ohren, dass von außen
also keine Geräusche mehr an mich ran treten können.

Sprecher:
Auch andere Therapeuten arbeiten mit Bildern wie der Vorstellung von einer
Blumenwiese. Die Vorstellung eines Tonstudios dagegen würde etwa beim


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katathymen Bilderleben kaum vorkommen. Die Nachfolger Erickson nutzen jedoch
gerne solche sehr individuellen Bilder. Sie sollen genau für den Patienten passen,
der gerade da ist.

O-Ton 9 Lang
Man macht in der Trance therapeutische Angebote, hat aber nicht die Vorstellung,
man weiß für den anderen ganz genau, was richtig ist. Gerade Erickson hat zwar
seine Erfahrung genutzt und jeder Hypnotherapeut hat auch viel Erfahrung von
anderen Fällen: Was könnte nutzen? Aber letztendlich geht es darum, dass jeder
Mensch wirklich seine eigene Therapie braucht, seine eigene innere Welt auch hat.
Man macht therapeutische Angebote, die vieldeutig sind, so dass der Klient sie zu
seinen eigenen machen kann. Und ein Bild oder eine Metapher ist natürlich eine
Sache, die von sich aus schon vieldeutig ist.

Sprecher:
Wie Erickson erzählt auch Anne Lang oft Geschichten. Eine davon war ursprünglich
ein afghanisches Märchen, das der Rottweiler Hypnotherapeut Bernhard Trenkle
bearbeitet hat. Anne Lang erzählt die Geschichte wiederum in ihrer eigenen weiter
entwickelten Version. Und sie verändert sie je nach Patient. Bei einem Mann handelt
sie von einem Löwen, bei einer Frau von einer Löwin. Dieses Tier hatte immer in
seiner vertrauten Heimat gelebt.

O-Ton 10 Lang
Und er hat, oder sie hat ihren Platz verlassen und tritt dann aus diesem Wald heraus.
Also diese Passage würde man zum Beispiel bei jemandem, der so
Aufbruchssituationen hat, besonders ausschmücken. Dann geht es weiter, also zum
Beispiel bei Leuten, die psychosomatische Symptome haben, würde man besonders
ausschmücken: Diese Löwin läuft jetzt in der Steppe und dann würde man vor allem
auf die körperlichen Begleiterscheinungen dann zu sprechen kommen, wie sie den
Körper spürt, wie sie die Atmung spürt in dieser neuen ungewohnten Art und Weise.

Sprecher:
Der Patient oder die Patientin identifiziert sich mit dem Tier und findet sich selbst in
der Geschichte wieder. Irgendwann kommt das Tier an ein Wasserloch, wo es
trinken will und erschrickt. In dem Märchen erschrickt es vor seinem eigenen
Spiegelbild, aber die therapeutische Version bleibt bewusst vieldeutig. Denn die
Person, die die Geschichte erzählt bekommt, soll ihr eigenes Problem darin sehen
können und ihre eigene Lösung finden.

O-Ton 11 Lang
Die Entwicklungssituation besteht darin, dass sie eben nicht mehr zurückweicht,
sondern einfach etwas tut. Einfach in die Quelle mit dem Maul einstößt und dann
einfach trinkt und in dem Moment verschwindet das Befürchtete. Also es ist so eine
Lehre: Tu was, dann verändert sich die Situation. Aber das wäre jetzt zu direkt, Man
würde also nie diese Direktheit drin haben, weil Leute an der Stelle natürlich auch
ganz viel mit Vieldeutigkeit anfangen können. Ich hatte zum Beispiel mal ne Frau, die
hat an der Stelle gar nicht so Richtung Spiegelbild gedacht, sondern die sah die
Affäre ihres Mannes im Wasser und musste sich damit auseinandersetzen.




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Sprecher:
Hier kommt wieder die Trance ins Spiel. Anders als viele Menschen glauben und
Showhypnotiseure glauben machen wollen, ist Trance kein Zustand, in dem die
Hypnotisierten einfach alles machen, was der Hypnotiseur sagt. Dafür macht sie
besonders empfänglich für die Bildsprache von solchen Geschichten.

O-Ton 12 Lang
In diesem Trancezustand geht man anders damit um. Man sagt, man hat ein
primärhaftes Reagieren. Das heißt, nimmt alles sehr wörtlich. Man reagiert auf Bilder
und man fängt was anderes in Trance mit diesen Geschichten an.

Sprecher:
In Trance lässt die Muskelspannung nach, das Herz schlägt langsamer, das Denken
erfolgt assoziativ, ohne sich um Logik zu kümmern, innere Bilder treten lebendiger
vor Augen. Vieles scheint in Trance wie von selbst zu gehen. Sie konzentriert die
Aufmerksamkeit auf das Wesentliche, während anderes unwichtig wird. Deshalb
lässt Hypnose sich erfolgreich gegen Schmerzen einsetzen, denn sie lässt sie in den
Hintergrund treten. Der traditionelle Weg in die Trance erfolgt über die Lenkung der
Aufmerksamkeit auf einen Punkt, beispielsweise auf einen Stift, den der Therapeut
etwa zwanzig Zentimeter vor die Augen des Patienten hält. Oft richtet der Therapeut
auch die Aufmerksamkeit ganz auf den Arm des Patienten. An bestimmten Trance-
Phänomenen merkt er dann, dass jemand hypnotisiert ist. Auch Sabine Ritzert hat
sie am eigenen Leib erfahren.

O-Ton 13 Ritzert
Man sitzt ja da ziemlich entspannt und dann sagt die Frau Lang, jetzt sollte ich mich
auf eine Hand konzentrieren. Und die Hand, ganz langsam könnte die nach oben
gehen. Und ich mich so auf die Hand konzentriert und gedacht, ne, nach oben
gehen, wie soll die nach oben gehen? Und plötzlich merkte ich, wie, als wenn einer
die Hand hochhebt, ohne dass ich das wollte. Und dann war die Hand schon ziemlich
weit oben. Einfach so, in einem Zustand, das kann ich mir jetzt auch nicht erklären,
wie das passiert ist, aber diese Hand war plötzlich oben.

Sprecher:
Bald war Sabine Ritzert nicht mehr auf die Hilfe der Therapeutin angewiesen. Sie
lernte, selbst in Trance zu gehen und die lärmenden Autos auszublenden.

O-Ton 14 Ritzert
Also, es kommt eigentlich selten vor, dass die Autos mir noch lästig werden. Aber
wenn, dann versuche ich das einfach, indem ich mich hinsetze, die Augen schließe,
und dann eben diesen Punkt wieder erreiche, wo ich sage, so, jetzt bin ich
entspannt, jetzt hör’ ich einfach nicht mehr dahin und dieses Geräusch, das stört
mich nicht mehr und das klappt eigentlich ganz gut.

Sprecher:
Offenbar haben die therapeutischen Techniken geholfen, die der Meisterhypnotiseur
entwickelt hat. Um Verhaltensmuster zu durchbrechen, hatte Erickson oft
verblüffende Ideen. Einem Patienten, der völlig abgekaute Nägel hatte, gab er
beispielsweise den Tipp, doch den Nagel mal wachsen zu lassen, um dann den


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Genuss zu haben, ein größeres Stück Nagel auf einmal abzubeißen. So konnte er
nicht nur das Muster des ständigen Nagelkauens unterbrechen, sondern brauchte
den Patienten dazu, den Beißvorgang bewusst wahrzunehmen und dadurch als
absurd zu erleben. Erickson legte großen Wert darauf, seine Patienten genau zu
beobachten, um eine genau auf diesen Patienten abgestimmte Vorgehensweise zu
finden. Seine Beobachtungsgabe war legendär. Mit ihr verblüffte Erickson seine
Kollegen schon, als er seine Patienten noch im Krankenhaus empfing. Jeff Zeig:

O-Ton 15 Zeig
A man walked in, abruptly knocked the chair, said down and Erickson looked up at
him and said: Tell me, have you been in prison before and were you charged with
murder? And the man started to talk about his prison history. The resident was
amazed: How would Erickson know to ask that question? And Erickson said: Well
you have seen thousands of people sit down in a chair but you have never seen
anyone kick a chair like that, before he sat down.
Voice over (Deutsche Stimme von Zeig):
Ein Mann kam herein, trat abrupt gegen den Stuhl, setzte sich hin. Erickson sah ihn
an und sagte: Sagen Sie, waren Sie wegen Mordes im Gefängnis? Und der Mann
begann, seine Haftkarriere zu erzählen. Der dabei sitzende Arzt im Praktikum war
sprachlos: Wie kam Erickson auf diese Frage? Und Erickson sagte: Sie haben
Tausende von Menschen gesehen, die sich auf einen Stuhl setzen. Aber Sie haben
nie jemand vorher so einen Stuhl treten sehen.

Sprecher:
Erickson erkannte daran, welche Aggressivität in dem Mann steckte. Wenn wirklich
nötig, dann hier sprechen: Einmal kam zum Beispiel eine hübsche junge Frau... Ein
anderes Mal kam eine hübsche junge Frau in seine Praxis, die herausfinden wollte,
ob er der richtige Psychiater für sie wäre. Keiner der vielen Kollegen, die sie
aufgesucht hatte, sei der richtige Psychiater für sie gewesen. Erickson notierte ein
paar Daten und sagte: „Gnädige Frau, ich bin der richtige Psychiater für Sie." Er bot
ihr an, dies durch eine einzige Frage zu beweisen. Diese Frage würde ihr allerdings
nicht gefallen. Sie wollte sie trotzdem hören...„Wie lange tragen Sie schon
Frauenkleider?", erkundigte sich Erickson. Und tatsächlich war die Frau ein Mann.
Erickson hatte gesehen, dass sie einen Fussel vom Ärmel zupfte wie es nur Männer
tun – mit einer direkten Bewegung, ohne die Rücksicht, die Frauen dabei auf ihre
Brust nehmen.
Es gab einen Grund dafür, dass Erickson so perfekt beobachten konnte: Er hatte ein
ganzes Jahr lang nichts anderes getan.

O-Ton 16 Zeig
And Erickson besides having natural perceptiveness had a tragedy happen, when he
was 17. He developed polio. He was a highschool athlete, a champion athlete. And
he was paralyzed. Completely. For one year. All he could use was his eyes. So he
really developed his perceptiveness. He probably had a natural perceptiveness but
then also developed it. And then further challenged himself during his career to
develop his perceptiveness.
Voice over (Deutsche Stimme von Zeig):
Erickson erlebte eine Tragödie, als er 17 war. Er erkrankte an Kinderlähmung. Er war
ein Spitzensportler gewesen, nun war er gelähmt. Vollkommen. Für ein ganzes Jahr.
Nur seine Augen konnte er benutzen. So entwickelte er seine


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Wahrnehmungsfähigkeit. Wahrscheinlich hatte er von Natur aus eine besondere
Begabung, aber er entwickelte sie: Und er stellte sich während seiner Laufbahn
immer wieder Aufgaben, um sie zu fördern.

Sprecher:
Erickson beobachtete seine Krankenschwester, seine Eltern und seine acht
Geschwister. So lernte er, auf kleinste Details zu achten. Später trieb er gelegentlich
einen enormen Aufwand, um sich ganz auf einen Patienten einzustellen und ihn so in
seiner Art zu denken, zu sprechen und Beziehungen zu gestalten zu erreichen. In
einer Klinik traf er auf einen Patienten, über dessen Vergangenheit niemand etwas
wusste, obwohl er schon Jahre da war. Denn niemand bekam mehr als Wortsalat
aus ihm heraus. Der Mann sagte etwa: Die Wand ist blau und Kartoffeln.

O-Ton 17 Erickson
I tried regularly for weeks to get something from him, said good morning and got only
a word salad. Finally I my send secretary out to interview him and ask him questions.
And she wrote down in short hand everything that he said. And then she transcribed
it.
Voice over (Deutsche Stimme von Erickson):
Wochenlang versuchte ich regelmäßig, etwas aus ihm herauszubekommen. Ich
sagte guten Morgen und erhielt nur Wortsalat. Schließlich schickte ich meine
Sekretärin, um mit ihm zu reden und ihm Fragen zu stellen. Alles was er sagte,
schrieb sie in Kurzschrift nieder und transkribierte es.

Sprecher:
Erickson studierte die Niederschrift und übte, selbst ähnlichen Wortsalat zu
produzieren. Er setzte sich nun täglich neben den Patienten auf eine Bank. Tagelang
sagte er erst einmal gar nichts. Dann begann er eine Konversation. Als der Patient
mit wütendem Wortsalat reagierte, antwortete Erickson dem verblüfften Patienten in
höflichem Ton mit ähnlichem Wortsalat. So ging es lange hin und her.

O-Ton 18 Erickson
And we kept that conversation in word salad till noon. And he finally said why don’t
you talk sense Dr. Erickson. I said, I like to. I like to get history. Then he was giving
me his history. He lapsed into word salad so did I. And before the day was over I had
a long history on him.
Voice over (Deutsche Stimme von Erickson):
Und wir haben dieses Gespräch aus Wortsalat bis zum Mittag fortgesetzt. Schließlich
sagte er: Warum reden Sie nicht vernünftig, Dr. Erickson? Und ich sagte, gerne. Ich
würde gerne Ihre Krankengeschichte aufnehmen. Er erzählte sie mir. Wenn er in
Wortsalat verfiel, tat ich das auch. Bevor der Tag vorbei war, hatte ich eine lange
Krankengeschichte von ihm.

Sprecher:
Ein anderes Mal wurde Erickson gebeten, einem todkranken Krebspatienten zu
helfen. Der litt an starken Schmerzen, obwohl er große Mengen von Medikamenten
erhielt. Vorab erfuhr Erickson noch, dass der Mann von Hypnose gar nichts hielt.
Erickson erwähnte nichts von Hypnose. Er redete über Tomaten. Denn der Kranke
war Gärtner gewesen und liebte Pflanzen. In seinen Monolog streute Erickson



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hypnotische Suggestionen ein, die er ein bisschen anders intonierte als seine
restlichen Ausführungen.
Erickson sprach über den Tomatensamen, den man pflanzt und hofft, dass er
wachsen und mit seinen Früchten Zufriedenheit bringen wird. Der Samen saugt
Wasser auf, ohne große Mühe wegen des Regens, der Friede und Behaglichkeit
bringt. So redete Erickson lange. Zwischendurch kam die Frau des Patienten mit
einem Zettel, auf dem die Frage stand, wann die Hypnose endlich anfangen würde.
Doch der Patient war längst in einer tiefen Trance. Hinterher fühlte er sich viel besser
und seine Schmerzen waren längst nicht mehr so schlimm. Einige Tage später
wiederholte Erickson die Hypnose noch einmal mit ähnlichen Suggestionen. Der
frühere Gärtner lebte noch deutlich länger als die Ärzte prophezeit hatten und starb
friedlich.
Auch Jeffrey Zeig erlebte am Ende seiner Lehrzeit bei Erickson, wie raffiniert der
Meister Suggestionen in scheinbar nicht besonders sinnvolle Geschichten einstreuen
konnte. Erickson brauchte dazu keine regelrechte Trance-Einleitung. Er konnte
hypnotische Phänome in einem äußerlich ganz normalen Gespräch erzeugen. Zeig
hatte damals eine Angewohnheit, die Erickson missfiel.

O-Ton 19 Zeig
I’m a pipe smoker. He sees me out in the backyard smoking a pipe. And then I go in
for my turn to have a consultation. And he tells me a story about a friend of his. And
this friend of his was a pipe smoker. So this got my attention. And the friend was
awkward. Because the friend didn’t know where in his mouth to put the pipe. Should
he put the pipe in the center of his mouth? Should it be one centimeter to the left?
One centimeter to the right? In the corner of the mouth? In the left corner, in the right
corner? He was awkward.
Voice over (Deutsche Stimme von Zeig):
Also, ich bin Pfeifenraucher. Er sieht mich im Hinterhof eine Pfeife rauchen. Dann
gehe ich zur Konsultation bei ihm hinein. Und er erzählt mir eine Geschichte über
einen seiner Freunde. Dieser Freund war Pfeifenraucher. Und das war dem Freund
unangenehm. Denn er wusste nicht, wo er die Pfeife im Mund hin tun sollte. Sollte er
sie in die Mitte des Mundes tun? Einen Zentimeter weiter links? Einen Zentimeter
weiter rechts? In die linke Ecke? In die rechte Ecke? Es war ihm unangenehm.

Sprecher:
Außerdem war es dem Freund unangenehm, dass er nicht wusste, wie er den Rauch
ausblasen sollte. Mit welcher Hand er die Pfeife halten sollte.

O-Ton 20 Zeig
I am thinking: Why is he telling me this story? I’m not awkward. I have been smoking
the pipe for years.
Voice over (Deutsche Stimme von Zeig):
Und ich denke: Warum erzählt er mir diese Geschichte. Mir ist nichts unangenehm,
ich rauche seit Jahren Pfeife.

Sprecher:
Erickson erzählte weiter. Dem Freund war es unangenehm, dass er nicht wusste, wie
er seine Pfeife absetzen sollte. In der Hand halten? Auf den Tisch legen? Und es war
ihm unangenehm, dass er nicht wusste, wie er sie füllen sollte. Mit dem Daumen? Mit
einem Bleistift?


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O-Ton 21 Zeig
I swear to you this story went on for one hour. I never knew that there were so many
ways of being awkward. … I drove back to San Francisco a few days later. Halfway
between Phoenix and San Francisco, about 500 kilometers away, I looked up and I
said to myself: I will never smoke the pipe again. And I promised myself I would
never smoke a pipe again. And I didn’t want to smoke a pipe. And there was no
withdrawal. No conscious deliberation. I didn’t have to think this may be bad for me. It
would give me lip cancer. Tongue cancer. Lung cancer. I just didn’t want to smoke.
Voice over (Deutsche Stimme von Zeig):
Ich schwöre, diese Geschichte ging eine Stunde lang so weiter. Ich hätte nie geahnt,
dass es so viele Möglichkeiten gibt, sich unangenehm zu fühlen. Ein paar Tage
später bin ich zurück nach San Francisco gefahren. Mitten zwischen Phoenix und
San Francisco habe ich aufgesehen und zu mir gesagt: Ich werde nie wieder Pfeife
rauchen. Und ich habe es mir versprochen. Es gab keine Entzugserscheinungen. Ich
musste mir nicht sagen, das ist schlecht für mich und ich könnte Krebs bekommen.
Ich wollte einfach nicht mehr rauchen.

Sprecher:
Ein modernes Ethik-Komitee würde eine solche Behandlung ohne vorherige
Einwilligung des Klienten wohl ziemlich kritisch sehen. Jeff Zeig ist anderer Meinung.

O-Ton 22 Zeig
All he was doing was telling me a story. And if that is manipulation I’m for it. … When
we speak to another human being we manipulate them. So manipulation happens.
It’s just a facet of human existence. So you might as well learn to do it in the most
non-exploitive human way possible. And Erickson mastered that. He didn’t say to me:
Jeff, I’m worried about you. You should be careful about your health. He just told me
a story. It was up to me to decide whether or not I wanted to do anything with it. It
was more kind than any manipulation.
Voice over (Deutsche Stimme von Zeig):
Er hat nichts anderes getan, als mir eine Geschichte zu erzählen. Wenn das
Manipulation ist, bin ich dafür. Wenn wir zu einem anderen Menschen sprechen,
manipulieren wir ihn. Manipulation ist einfach eine Facette der menschlichen
Existenz. Also sollte man gleich lernen, so human wie möglich zu manipulieren. Und
das schaffte Erickson. Er sagte nicht: Jeff, ich sorge mich um dich, du solltest mehr
auf deine Gesundheit achten. Er erzählte mir eine Geschichte. Und ich konnte
entscheiden, was ich damit machen wollte.

Sprecher:
Bedenklich wird der Einsatz der Techniken Ericksons spätestens dann, wenn sie
etwa für Verkaufsgespräche missbraucht werden, was manche Verkaufstrainer
empfehlen. Die Bonner Psychologin Anne Lang hält es mit der bekannten
Familientherapeutin Virginia Satir, die Erickson gut kannte.

O-Ton 23 Lang
Einerseits ist es jemand, der die Manipulation, die Kommunikation hat, sehr wohl
erkennt, aber er ist irgendwo für mich auch ein sehr gutmütiger, väterlicher Typ,
vielleicht auch durch seine Behinderung, die das auch unterstreicht. Auch die Virginia
Satir hat mal über den Erickson gesagt, er ist ein wahnsinniger Manipulator und man
könnte froh sein, dass er so ein guter Mensch war, der das gut einsetzen konnte.


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Sprecher:
Andere sind nicht so edel. Aber sie haben wahrscheinlich auch nicht die Magie, die
Erickson zu besitzen schien. Etliche Schüler Ericksons haben versucht, seine
Techniken zu systematisieren und für jeden erlernbar zu machen. Unter ihnen waren
zum Beispiel die Erfinder des ebenso verbreiteten wie umstrittenen NLP, des
Neurolinguistischen Programmierens. Doch ein zweiter Erickson zu werden ist
wahrscheinlich unmöglich. Der im Jahr 2005 verstorbene Hypnoseforscher André
Weitzenhoffer war mit Erickson befreundet und hat ihn bei der Arbeit beobachtet.

O-Ton 24 Weitzenhoffer
Some of the techniques Erickson used can be taught. ... But of course there is the art
of doing a thing at the right time. And you can’t teach a person when to do it because
that depends on the patient that depends on the situation; it depends on a lot of
things. So there are limits. There are principles that you can teach and a way of
doing things but then it’s up to the person to use it at the right time and do it the right
way. So you can teach some of it and some of it you cannot teach. You just have to
be Erickson.
Voice over (Deutsche Stimme von Weitzenhoffer):
Einige von Ericksons Techniken kann man lehren. Aber es bleibt eine Kunst, das
Richtige im richtigen Moment zu tun. Und das kann man nicht lehren, denn es hängt
vom Patienten ab, von der Situation und von vielem anderen. Es gibt also Grenzen.
Es gibt Grundprinzipien, die man lehren kann, aber dann hängt es am Einzelnen, es
in der richtigen Weise zur richtigen Zeit anzuwenden. Also, manches kann man
lehren und manches kann man niemanden beibringen. Dazu muss man Erickson
sein

Sprecher:
Vielleicht verdankte Erickson sein Charisma und sein Einfühlungsvermögen nicht
zuletzt seinen extremen Erfahrungen. Er hatte als Folge seiner Kinderlähmung mehr
erlitten und überwunden als die meisten seiner Patienten.

O-Ton 25 Zeig
He almost died so many times that he just seemed to develop this intensity, this élan
vital, this joy of moment to moment being alive, this feeling just perfused the
atmosphere. As he was eliciting your joy of being alive he was incredibly glad to be
alive at the same time. So there was no incongruence. And he was suffering from
terrible constant pain. And he used to say: I don’t mind the pain. I don’t like the
alternative.
Voice over (Deutsche Stimme von Zeig):
Er ist so oft beinahe gestorben, dass er diese Intensität entwickelte, diesen
Lebenswillen, diese Freude, im nächsten Moment noch am Leben zu sein. Dieses
Gefühl erfüllte die Atmosphäre. Und er konnte diese Freude in dir wecken, weil er
selbst so unglaublich froh war zu leben. Dabei litt er unter dauernden Schmerzen.
Aber er sagte: Ich habe nichts gegen den Schmerz. Mir gefällt die Alternative nicht.
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Hinweis auf den Psychotherapie-Informations-Dienst (PID):
Unter der Telefon-Nr 030-209166330 erstellen Diplom-PsychologInnen anhand
gewünschter Kriterien eine Liste von Therapieangeboten einer Region.

Zusätzlich gibt es die Möglichkeit unter www.psychotherapiesuche.de selbst nach
Adressen von Therapeuten im Internet zu suchen.



Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose
http://www.meg-hypnose.de/

Milton H. Erickson Foundation
http://www.erickson-foundation.org/index.htm




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